Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Im Norden.

Helgoland!

Steil aus dem Meer hebt sich die rote Klippe, Stürme und Wogen brechen sich an der Felsenmauer und bröckeln seit Jahrtausenden daran. Wenn der Helgoländer dem Helgoländer fern auf den Meeren oder dem Festland begegnet, fragt er nicht: »Wie geht's zu Hause?« sondern: »Wie viel Fuß in dem Jahr?«

Der Nordwest tobte in langen Stößen; wie bewegliche Berge und Schluchten, den weißen Gischt auf dem hohen Kamm, kamen die Wogen daher und die graugrüne Farbe schwoll in den tiefen Höhlungen zum tiefen Schwarz, dunkler als die Wolken, die der Sturm über den Himmel peitschte.

Es war in den letzten Tagen des April im Jahre 1842. Um die Häuser des Unterlands, bis zu denen die empörten Wogen ihren Schaum spritzten, und oben auf dem Plateau des Felsens, wo der Sturm mit aller Macht tobte, am Fuß des Leuchtturmes standen Gruppen von Menschen, die stämmigen, wettergewohnten Bewohner der Insel, Fischer und Lotsen in den hohen Wasserstiefeln, den weiten, kurzen Linnenhosen und der langen Friesjacke mit den Hornknöpfen, während unter dem regenschützenden Südwester die klaren blauen Augen aus den gebräunten, verwitterten oder mannesfrischen Gesichtern hervor aufmerksam nach der See lugten.

Frauen und Mädchen in ihrer kurzen roten Tracht, um den Kopf mit dem zierlichen bunten Tuch derbe Regentücher geschlungen oder die Zipfel der Helgoländer Hüte vom Sturm gepeitscht, standen neugierig zwischen den Männern und Knaben, einige Soldaten der kleinen Garnison in ihren roten Röcken Bekanntlich war Helgoland von 1814 bis 1890 englisches Besitztum. 1890 kam das alte deutsche Eiland wieder an Deutschland und wurde dem preußischen Staate einverleibt. D. H. lungerten unter der Menge – nur dort im Schutz der alten Bake, die noch über die Klippe hinausragt, stand eine Gruppe vornehm gekleideter Personen. Es waren zwei englische Offiziere, ein alter Kauffahrer-Kapitän, der hier auf dem Felseneiland im Wogengebraus sein Leben beschließen wollte, der junge Bade-Arzt und zwei oder drei Beamte oder Besitzer der Hotels genannten Logierhäuser. Unter der Gruppe befand sich noch ein Mann von einer gewissen Eleganz der Erscheinung, obschon die Fremden-Saison noch lange nicht begonnen, offenbar ein Fremder und doch wieder nach seinem Thun und Reden mit den Bewohnern wohl vertraut, gleich einem Sohn des roten Felsens. Es war eine schlanke elegante Gestalt in dem Waterproof, dem hellfarbigen Makintosh und dem Matrosenhut von schwarzem Wachstuch. Ein blasses feines Gesicht mit dunklen blitzenden Augen und dunklem Schnurrbart, noch jung, vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahre, die Bewegungen und Manieren aristokratisch.

»Der Bursche dort kämpft vergebens,« sagte er in englischer Sprache zu einem der Offiziere, »ich glaube, er thäte am besten, den Versuch aufzugeben, die Insel zu umsegeln!«

» By Jove! er ist kein Engländer, wenn er's thut!«

»Habt Ihr zu erkennen vermocht, Lotsenmeister, was das Fahrzeug für eine Flagge führt?«

Der Angeredete, ein großer vierschrötiger Mann von vielleicht sechzig Jahren in Helgoländer Tracht, der trotz des gewaltigen Sturmes aus dem Schutz des Turmes getreten war und breit und feststehend mit einem Fernrohr den Kampf des Fahrzeuges beobachtet hatte, das den Gegenstand der allgemeinen Neugier und Teilnahme bildete, stieß auf die laut zugerufene Frage das Glas zusammen und wandte sich nach der Gruppe.

»Dusend Düwel säll'n mi kielholen, Herr, wenn ick weet, wat ick ut dat Ding da maken sall! Dat hett'n utländischen Schick, äwest düwelmäßig schlicht timmert, un de Kapitän verdeent das Solt nich!«

»Von welcher Nation meint Ihr, daß es sei?«

Der Fragende mußte die Frage zweimal wiederholen, denn der Sturm heulte so wütend, daß er die Worte vom Munde zu schneiden schien.

Der alte Lotse schüttelte den Kopf. »Ick weet nich! kann nich rech klok d'rut warr'n, Herr! Dat is so trüw buten, man weet nich, wat Swart oder Witt is! He, Tom! Hoi – up! hol' an Dine Uhren!«

Der Ruf galt einem jungen Mann in dunkelblauer Matrosenkleidung, der, unbekümmert um Sturm und Wetter, am äußersten Ende des Plateaus, wo der Fels senkrecht jenseits des Turmes abfällt, auf einer Mauer saß, die eine Art von Bollwerk bildete und bald in den kochenden Schaum unter ihm, bald hinüber nach dem Schiff auf der tobenden See blickte, spottend und lachend der Angst eines jungen Mädchens in der Nationaltracht der Fischerinnen, die etwa zehn Schritt weiter rückwärts ihn vergebens durch Mienen und Geberden beschwor, sich nicht so unnütz und tollkühn der Gefahr auszusetzen.

Der junge Mann, ein Jüngling von etwa achtzehn oder neunzehn Jahren, mit offenem, von den Stürmen und der Sonne aller Zonen gebräuntem Gesicht, wandte sich auf den Ruf des Alten zurück, legte die Hände an den Mund und antwortete mit kräftiger Seemannslunge:

» Well! well! Was giebt's, Vater Jansen?«

»Hierher, Schipprott! Seehund Gau!«

Der Jungmatrose sprang von seinem gefährlichen Sitz herab, schnitt dem Mädchen im Vorbeigehen ein komisches Gesicht, indem er die Zunge in die Wange drückte, kniff sie in den Arm, den sie in die Schürze geschlagen hatte, und kam langsam, mit schlenkerndem Gang zu der Gruppe, bei der sich der Vater befand.

»Nun, Vater Jansen, was giebt's?«

»Sühst Du dat Schipp, Tom?«

Der Jungmatrose lachte. »Hab's seit einer Stunde gesehen! Gott verdamm'! für was anders lassen wir uns denn den Wind in die Zähne blasen?«

Der alte Lotse reichte ihm das Glas. »Kiek na em ut, Tom! Du heest jüngre Oogen as ick. De Herr'n müchen geern weeten, wat't för'n Schipp is. Kannst Du't raden?«

»Ich will gekielholt werden vom Boogspriet bis zur Steuerpinne, Vater, wenn ich dazu des Kikers bedarf. Ich hab's schon vor einer halben Stunde gesehen, der Kerl ist ein Spaniol aus der Havanna, so wahr ich Tom Jansen heiße!«

»Dat hew ick mi glick dacht! Woan sühst Du dat, min Jung?«

»'s ist eine Gallione mit breitem Bug – ich erkenn's, wenn die Wellen sie heben, und hab' ihrer hundert gesehen in Westindien. Überdies muß der Kerl ein Spaniol sein, weil er gar so schlumprich luvt. Da –« er hatte das Glas genommen und sah jetzt hindurch – »da zieht er die Notflagge auf – gelb und rot – zwei Querstreifen, und da öffnet er auch sein Maul, als ob wir's nicht längst gesehen hätten!«

Zwei Blitze zuckten von dem Bord des fernen Schiffes, über welches das Dunkel des hereinbrechenden Abends, vermehrt durch die schwere bleierne Farbe des Horizonts, jetzt rascher und rascher sich niedersenkte, und durch das Brausen des Sturmes und der Wogen klang auf der Schallleiter des Wassers herüber der schwache ferne Knall der Schüsse.

»Sie werden unmöglich die Klippen abwettern,« sagte der Fremde mit dem blassen Gesicht, »wenn sie nicht einen Lotsen haben. Wie ist's, Lotsenmeister Jansen, kann nichts geschehen, die Unglücklichen zu retten?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Rein unmöglich, Herr, bei diesem Sturm. Das beste Boot wär' in Gefahr, an den Felsen zu zerschellen!«

»Kein Lotse wird es wagen, bei diesem Sturm in See zu gehen,« sagte der anwesende Vogt, »ich könnte es keinem gebieten.«

»Gefahr ist noch keine Unmöglichkeit. Ich wollte, ich wär' ein Seemann, um den vielgerühmten Ruhm der Lotsen von Helgoland zu beschämen!«

Der Alte wandte sich kurz und scharf zu ihm um. »Das sind harte Worte, Herr, die wir auf unsrer Insel nicht gewohnt sind. Sie haben ein junges und schönes Weib und sind ein vornehmer Mann, der nicht dem Tode ins Auge zu sehen braucht um sein täglich Brot. Aber bedenken Sie, daß die armen Lotsen auch Weib und Kind haben!«

»Und dennoch kenn' ich einen, Vater Jansen, der sich hinauswagt,« sagte mit glühendem Gesicht der junge Matrose. »Hört Ihr die Glocke, Vater? Seht da hinunter – Bruder Hannes rüstet sein Boot, und der Deuwel soll mich holen, wenn ich ihn nicht begleite!«

In der That klang durch das Brausen des Sturmes und der Wogen hell der Ton einer Glocke vom Unterland herauf, und die Gruppe, die jetzt eilig dem Abhang sich näherte, sah unten auf dem bereits dunklen Strand Lichter und rege Menschengruppen zwischen den Häusern.

»Um Gottes willen, Tom,« flehte eine Mädchenstimme, während sich zwei Hände um den Arm des jungen Matrosen klammerten, »Du wirst nicht mit hinaus in dem Wetter. Du bist kein Lotse!«

»Aber ein Matrose von der Germania, Claire, und der Sohn und Bruder der Jansen! Laß mich, Kind, wo es Männerwerk gilt.« Dann schritt er hinüber zu der Gruppe der Offiziere und Beamten und stellte sich vor den Herrn im Makintosh.

»Ein Wort, Sir, wenn's You belieft!«

»Was wollt Ihr?«

»Sehen Sie den alten Mann dort, wie er seinen Hut fester bindet? Nun, Sir, er wird gehen und ich auch. Und wenn Sie am Mut der Helgoländer zweifeln und selbst welchen haben, so kommen Sie mit uns!«

»Dummheiten!« schalt der Amtsvogt. »Sei nicht naseweis, Bursche! Aber wie ist's, Jansen,« wandte er sich zu dem alten Mann, der allen voran der großen Treppe zuschritt, »wollt Ihr die Abfahrt der Lotsen beaufsichtigen?«

»Nein, Herr, ich werde selbst gehen!«

»Ihr werdet kein Thor sein! dazu sind die jüngeren Männer da. Ihr seht, daß sich bereits welche gefunden haben für den Dienst.«

»Dann werden sie mich um so eher brauchen, auch wenn mein eigen Blut nicht dabei wäre, Herr,« sagte einfach der Alte. »Ich wär' ein schlechter Lotsenmeister, Vogt, wenn ich sie bei dem Schwersten im Stiche ließe, sobald sich Hände finden, die willig sind, ein Boot zu führen. Das wißt Ihr so gut wie ich, Vogt.«

Der Beamte schwieg; er kannte den Charakter seiner Landsleute und ihren eisernen Sinn. Aber das junge Mädchen, das vorhin vergeblich den Matrosen zurückzuhalten versucht hatte, der trotz des Sturmes bereits drei Stufen auf einmal die Treppe hinab sprang, eilte an ihm vorüber und hing sich an den Alten. »Ihr werdet nicht leiden, Vater Jansen, daß der Tom mitgeht,« greinte sie. »Er hat nichts zu schaffen dabei, und es ist reiner Vorwitz von ihm!«

Der Lotsenmeister sah ihr freundlich ins Gesicht und hob ihr mit der rauhen Hand das Kinn. »Ängstige Dich nicht, Claire. Es ist seine Sache, ob er gehen will oder nicht, aber wehren kann ich's ihm nicht. Hab' ihn auch seit den drei Jahren, daß er mit dem Hamburger Schiff fort war in Amerika und bei den Langzöpfen, nicht geprüft, wie er in der Gefahr besteht, und möcht's wohl sehen! Geh' nach Haus, Kind, und sorg' für einen steifen Grog, wenn wir zurückkommen!«

Das Mädchen weinte still, hielt sich aber ohne weitere Widerrede zurück, indes die Männer ihren Weg fortsetzten. Den Schluß der Gruppe bildeten jetzt die beiden englischen Offiziere und der Herr im Makintosh, der schweigsam und gedankenvoll schien seit der spöttischen Anrede des jungen Matrosen.

» By Jove!« sagte der eine Offizier, »sie kommen nicht über die Dünen hinaus und kehren um, ehe sie zehn Minuten auf dem Wasser sind; ich wette zwanzig Pfund!«

»Es gilt, Kapitän Arlington; zeigen Sie Ihre Uhr!«

»Wollen Sie's wirklich am Strande abwarten, Sir?« fragte wegwerfend der Kapitän, indem er seine Uhr verglich. »Ich habe genug von dem Sturm und will meinen Thee in Ihrem Hotel nehmen. Bei einer Partie Whist am Kamin wird sich's behaglicher warten, als im Spritzwasser.«

Sie hatten das Unterland erreicht und gingen eben am Hotel Schwarz vorüber, vor dessen Eingang Laternen brannten und die Dienerschaft des Hauses schwatzte. In der Thür selbst stand eine noch stattliche Dame von mittleren Jahren, die Besitzerin des Hotels. Die Spuren ehemaliger Schönheit in ihrem Gesicht fanden ihre Bestätigung in dem reizenden Antlitz der jungen Frau, die im einfachen schwarzen Seidenkleide hinter ihr lehnte und über die Schulter der Mutter hinaus auf die Straße und das furchtbare Wetter schaute.

Anna Schwarz war eine der berühmtesten Schönheiten der roten Insel, und ihr Ruf durch die Badegäste, die alljährlich nach dem Felseneiland kommen, weit über dessen Grenzen hinaus verbreitet. Entgegen den einfachen Sitten der Helgoländer hatte ihre wohlhabende Mutter ihr in einem Hamburger Pensionat eine glänzende Erziehung geben lassen.

Das junge Mädchen war in der That reizend, lange blonde Locken vom sanftesten Cendré umgaben ein Gesicht, so kindlich schön und unschuldig, wie ein Madonnenbild. Die großen blauen Augen und der zarte Teint gaben dem Gesicht einen seltenen Liebreiz. Sie war die Älteste von mehreren Kindern, und der Mutter Abgott und Stolz.

Im Herbst des Jahres 1840, als schon die Saison fast zu Ende war, fand sich noch ein Fremder auf der Insel ein, der sich Baron von Rheinsberg nannte und im Hotel Schwarz Logis nahm. Elegante Tournüre, aristokratische Sicherheit und Gewohnheiten bezeugten die vornehme Herkunft, der überaus lebendige Geist und die interessante Unterhaltung ein reiches bewegtes Leben. Der bräunliche Teint einer südlichen Sonne, der bei seiner Ankunft noch sein Gesicht bedeckte, machte unter der nordischen Seeluft bald der natürlichen blassen Färbung Platz, zu der der feine dunkle Bart und das schwarze Auge vorteilhaft paßten.

Bald war der Fremde nicht mehr Gast, sondern Herr im Hause, so hatte er die Mutter und die Umgebung für sich einzunehmen gewußt. Frau Schwarz erfuhr im Vertrauen, daß ihr Gast nur ein Pseudo-Baron, in Wahrheit ein Graf Görtz und wegen eines Duells geflüchtet, augenblicklich mit seiner Familie zerfallen und im Prozeß um reiche Güter sei.

Er blieb den Winter über in Helgoland; sein Einfluß auf die Familie wuchs von Tag zu Tag, die tiefe Melancholie, die anfangs zuweilen ihre Schatten auf seine Seele geworfen, schien einem neuen mächtigeren Gefühl zu weichen, und als der Frühling kam, trat er offen als Bewerber um die Hand der schönen Anna auf.

Der aristokratische Freier fand an der Eitelkeit der Mutter eine mächtige Stütze, und das junge Mädchen mußte einwilligen. Die Heirat wurde nun eifrig betrieben, erlitt aber vielfache Verzögerungen. Die zur Trauung notwendigen Papiere des Grafen wollten aus der Heimat nicht anlangen, und der Geistliche der Insel weigerte sich, ohne sie die Trauung vorzunehmen, was eine ziemlich heftige Scene veranlaßte. Endlich ging das Paar nach Hamburg, wo es vom Pastor S. getraut wurde. Von hier aus machte es eine Fahrt nach London, auf der die junge Frau sich überzeugte, daß ihr Gemahl in der That eine Stellung in der aristokratischen Welt einnahm, denn er bewegte sich viel in vornehmen Kreisen, und auf dem Dampfschiff begrüßten ihn angesehene Reisende.

Dennoch umhüllte ein gewisser Schein des Geheimnisses auch in der Ehe fortdauernd seine Person und Herkunft, und sehr gewandt und sicher verstand er diesen Schleier festzuhalten. Aber wiewohl er die junge schöne Gattin aufrichtig und zärtlich liebte und bald ein Kind, eine Tochter, die Bande noch fester knüpfte, bemächtigte sich während des folgenden Winters doch eine gewisse Unruhe seines Wesens, und der einsame Aufenthalt auf der von den Eis- und Schneestürmen abgeschlossenen Insel der Nordsee schien ihm nicht mehr zu genügen.

Dies war der Mann, der jetzt mit den beiden Offizieren in den Eingang des Hotels trat.

»Ei, Herr Sohn! Gut, daß Sie da sind,« sagte die ältere Dame, den Offizieren Platz machend; »Anna hat sich schon des Todes um Ihr Ausbleiben in dem furchtbaren Wetter geängstigt!«

Der Baron nickte ihr bloß zu und reichte der schönen jungen Frau die Hand. »Meinen Amerikaner, Jean, und den Südwester! Schnell!« befahl er. Die Kellner flogen.

»Wie, Felix, Du wirst in dem Sturm doch nicht länger draußen bleiben?« bat die junge Frau, sich an ihn schmiegend. »Bitte, komm' herein. Du hast die Kleine noch nicht gesehen und mußt sie küssen, ehe sie wieder in ihr Bettchen geht!«

Er kämpfte einen Augenblick mit sich selbst, aber in diesem Moment sah er den Lotsenmeister und seinen jüngsten Sohn, Ruderstangen und Taue auf der Schulter, an dem Hotel vorübergehen, und ein spöttischer Seitenblick des jungen Matrosen schien herüber zu fliegen.

»Die Lotsen wollen den Versuch machen, dem Schiffe zu Hilfe zu kommen, das in Sicht ist,« sagte er, »und ich habe mit Arlington gewettet, ob es ihnen gelingen wird oder nicht. Ich will zum Strand und sehen, wie sie abfahren!«

Er warf den Makintosh ab und zog den amerikanischen Gummirock über seine elegante Kleidung, den der Kellner ihn brachte. Dann ordnete er sein Haar, stülpte den Südwester auf die schwarzen Locken und betrachtete sich lachend im Spiegel.

»Felix, ich bitte Dich, geh' nicht wieder fort – der Sturm ist so fürchterlich, und ich weiß nicht, welche Angst um Dich mir das Herz beengt!«

»Thorheit! seh' ich nicht aus, wie der beste Helgoländer Lotse? Eine frische Cigarre, William! Und nun Adieu, Kind, in einer halben Stunde bin ich zurück. Dir Nachricht zu bringen!«

Die Schwiegermutter war den Offizieren ins Gasthaus gefolgt, ihnen die Honneurs zu machen. Er küßte die junge Frau auf die Stirn und wandte sich zum Gehen. Aber schon auf der Schwelle – es war, als ob ihm die eben gesprochenen Worte eine unangenehme Erinnerung erweckten – kehrte er nochmals zurück, umarmte die junge Frau und küßte sie zärtlich. »Küsse die Kleine und – Gott sei mit Euch und mir!«

Er sprang die Stufen hinunter, die Frau rief ihm nach: »Felix! Felix!«, aber er hörte nicht und war schon die Straße hinab zum Strand.

An einer der Ausfahrten, wo der hinterliegende Felsenkoloß vor dem Sturm schützte und der Wellenschlag deshalb nicht so hoch ging, war eine Anzahl Fischer und Lotsen eifrig beschäftigt, im Schein von Pechfackeln das große Lotsenboot in Stand zu setzen, mit dem das Wagnis unternommen werden sollte. Ein rüstiger Mann in Teersacke und Sturmhut mit gebräunten, ehrlichen und kräftigen Zügen, etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, leitete die Anstalten. Die Ähnlichkeit mit dem alten Lotsenmeister und dem jungen Matrosen, der bereits rüstig half, war unverkennbar.

Der alte Mann selbst, der ruhig den Anstalten zusah, hielt an der Hand seine Enkelin, ein Mädchen von etwa drei Jahren, mit nichts bekleidet als dem kurzen Hemdchen, das der Sturm zugleich mit den hellen gelben Haaren flattern ließ. Ein stämmiger Knabe von Sieben oder Acht schleppte ein Tau aus dem benachbarten Häuschen der Lotsen-Familie herbei. Die Frau, mit dem jüngsten Kinde auf dem Arm, eine frische, kräftige Gestalt, stand unfern in einer Gruppe von Weibern und Mädchen und schaute der Thätigkeit der Männer mit Unruhe und Sorge im Auge, aber äußerlich gefaßt und ohne ein Gegenwart zu sprechen, zu.

Jetzt war alles bereit, und die Männer, die sich entschlossen hatten, die gefährliche Fahrt mitzumachen, außer dem Lotsen Jan Jansen und feinem Bruder, dem Matrosen, vier an der Zahl, saßen bereits teils in dem Kutter oder trafen ihre letzten Anstalten. Es waren sämtlich seegehärtete Männer von rüstigem Alter, die besten Ruderer der Insel, denn nur wenige hatten sich diesmal zu dem Lotsenrecht gedrängt.

Wenn sonst ein Schiff in Sicht ist und das Signal giebt, einen Lotsen an Bord zu schaffen, so eilt die ganze Schar, die den Tag über mit ihren Fernröhren von der Höhe des Felsens späht, zum Strande, und wer zuerst die Hand an das Lotsenboot legt, hat das Recht an die Fahrt, um die gelost wird.

Diesmal jedoch war es anders. Der Sturm wütete so grimmig, die See ging so hoch, daß selbst die Kühnsten nicht wagen wollten, den Versuch zu machen. Erst als die fernen Notschüsse von den Sturmesflügeln herüber getragen wurden, und es klar war, daß der Fremde das Fahrwasser durchaus nicht kannte und ohne Beistand das Nordkap nicht abwettern werde, hatte der wackere Sohn des Lotsenmeisters erklärt, daß er die Fahrt wagen wolle, damit es nicht heiße, die Helgoländer Lotsen hätten ein Schiff in Not gelassen, ohne einen Versuch zu machen, Gut und Menschenleben zu retten.

Der Lotse trat jetzt zu dem Alten.

»Nix för ungod, Vader Jansen, aewer seggt mi – is dat Jug Irnst, dat Ji de Fohrt mitmaken wullt? dat Water is stimm!«

Der Alte nahm die Pfeife aus dem Mund und zeigte mit der Spitze hinaus aus die See.

»Warum gehst Du, Sohn Hannes?«

»Wenn de gollne Sünnstrahln speln, Vader Jansen, is et licht, sine Plicht to dohn, aewers wenn de Stormwind hult, denn gelt et, de Lüd to wisen, dat ick den ollen Jansen sin Saehn bin!«

»Well! un ick bün de Vader un kenn mine Plicht!«

»Vater,« sagte der wackere Mann in seiner kräftigen Sprache, »es ist genug, wenn einer von uns geht. Was wollt Ihr und der Bruder Tom? wer soll für die da sorgen, wenn mir ein Unglück passiert?« Er wies auf Weib und Kind.

»Unse Herrgott in'n Hewen! Es ist noch kein Helgoländer Kind verhungert, dessen Vater seine Pflicht gethan! Vorwärts, mein Sohn! die draußen warten!«

Der Alte schritt zum Boot, als eine Hand sich auf seinen Arm legte. Es war der Baron, der bleich, aber entschlossen, neben ihm stand.

»Ich werde die Fahrt mit Euch machen, Lotsenmeister Jansen!«

Der alte Mann blickte ihn unwillig an. »Das ist keine Zeit zum Scherzen, Herr,« sagte er finster. »Das ist keine Lustfahrt, und da draußen, wo man allein ist mit Gott dem Herrn und seinem Odem, brauchen wir Männerhände und Herzen ohne Furcht!« Sein blaues Auge fiel mit einem gewissen Spott auf die hellen Glacehandschuhe, welche die feine Hand des Aristokraten bedeckten.

Der Baron errötete leicht. Er riß die Handschuhe herunter und warf sie in den Schmutz. »Das genügt! ich werde die Hände nicht schonen und habe Euch zu beweisen, daß es auch Männern andern Standes nicht an Mut fehlt! Keine Widerrede! – überdies – redet Ihr Spanisch?«

»Nein, Herr!«

»Nun, so braucht Ihr jemand, der Euch verständlich macht, und jenes Schiff ist, wie Euer Sohn behauptete, ein spanisches; ich aber bin der Sprache mächtig.«

Er sprang zum Erstaunen der Umstehenden und der Männer im Kutter von der Planke an Bord – Tom machte ihm sogleich mit einer gewissen Freundlichkeit und Achtung, die er früher eben nicht bewiesen, Platz und breitete einen Schiffsmantel über die Bank für ihn.

Als der Edelmann sich niedersetzte, fiel sein Blick auf die Gruppe zurück, wo der Lotse Hannes Jansen eben von den Seinen Abschied nahm, und wie ein Stich fuhr ihm der Gedanke durchs Herz, wie so verschieden die Scene war von dem eigenen Abschied, den er vor wenigen Minuten genommen!

Hier der brave niedere Mann, der im Gefühl seiner Pflicht für die Rettung fremder Menschen, die er nie im Leben gesehen, furchtlos hinaus wollte in Gefahr und Tod, wie er den kleinen zappelnden Säugling in den rauhen Händen emporhob und ihn herzlich küßte, des ältern Knaben Flachshaar streichelte, der sich an ihn schmiegte, und der treuen einfachen Gefährtin seines Lebens die Hand gab.

– Und er? weswegen zog er hinaus in Nacht und Sturm, als um dem Kitzel der Eitelkeit und ruhelosen Sinnes zu frönen, dem Drang übermütiger Aufregung? – dem Wesen, das er zu dem seinen gemacht, leichtfertig Schmerz verursachend und um das Leben spielend, ohne den Vaterkuß auf die Stirn des unschuldigen Kindes gedrückt zu haben, das er dort zurückließ!

Ihn überkam es, wie schon einmal auf der Schwelle des Hauses, als könne der leichte, kurze Abschied, ein Abschied fürs Leben sein! Er wollte aufspringen, zurück zu ihr –

»Halten Sie fest, Sir,« sagte Tom, »der Augenblick ist da!«

Der alte Lotsenmeister legte die Hand auf den Bord des Kutters. Von diesem Augenblick an führte er das Kommando.

»Fertig, Jungens?«

»Alles well!«

Er schwang sich in das Fahrzeug – Hannes, sein Ältester, stand bereits im Bug, den Lugmann zu machen. Der Lotsenmeister faßte das Steuer.

»Setzt die Riemen ein – ab!«

Zwanzig Hände lösten das Tau, welches das schwankende Fahrzeug hielt, und schoben es mit langen Stangen und Speichen vom Ufer ab. Im nächsten Moment trug es die rückschlagende Woge hinaus in die tosende See!

Ein hundertstimmiger Ruf: »Fahrt well! Gott behöd un bewahr Jug!« Durch das Toben der Wellen kam ein schwacher Gegengruß herüber – schon war auf der dunkel wogenden Flut nur der schwarze Umriß des Kutters und die schwankende Laterne an der Stange zu erkennen, die sie an der Stelle des Segelbaumes aufgesteckt.

In diesem Augenblick kam, unbekümmert um Sturm und Spritzwasser, eine Frau die Straße daher gerannt, ohne Tuch, ohne Mantel – weit hinterher flatterte das schwarze Seidenkleid, ihr schönes Gesicht war totenbleich. Männer eilten hinter ihr drein und eine ältere Dame!

»Um Gotteswillen – ist es wahr? – wo ist mein Mann? Felix! Felix!«

Es war die Baronin selbst.

Die erschrockene bleiche Frau faßte in Todesangst den Arm der Lotsenfrau. Als Kinder der roten Insel hatten sie jahrelang mit einander gespielt, bis sie eine Dame geworden war, und jene ein armes Seemannsweib.

»Barmherziger Heiland! Marie! sprich – wo ist mein Mann?«

»In Gott's Hand, Anne! Aewer lat uns beden, dat se ut Storm un See glücklich na Hus kam'n!«

Die Fischerfrau sank laut weinend auf die Knie und rang die Hände zum zürnenden Himmel empor; der starke Mut, der sie so lange aufrecht gehalten, brach vor der gewaltigen Angst.

Die Baronin lag in den Armen des englischen Kapitäns und ihrer Mutter.


Die Wogen hoben sich gleich Bergen und schossen mit jähem Sturz hinab in die dunklen Höhlungen, die wie unermeßliche Gräber gähnten. Nur wenn das Boot auf dem schäumenden Kamm hoch bis zu dem zur schwarzen Finsternis werdenden Nachthimmel sich hob, vermochten die kühnen Schiffer den noch dunklern Umriß der gewaltigen Felsenmasse zu erkennen, der sie den Rücken wandten, die flimmernden Lichter der Unterstadt und hoch oben, wie zwischen den Wolken, den ruhigen, gewaltigen Schein des Leuchtturmes.

Der Sturm brüllte draußen auf der offenen See so mächtig, daß ein Verständigen durch Worte nur mit der höchsten Anstrengung geschehen konnte. Jan Jansen, der Lotse im Bug, konnte also nur durch Zeichen das Herannahen der Wogen und die Richtung, die sie zu nehmen hatten, andeuten.

Je weiter das kleine Fahrzeug aus dem Schutz der Insel kam, desto gewaltiger wurde der Wogendrang, desto freier brauste der Sturm. Der Wind war der schreckliche Nordwest, den der Helgoländer so sehr fürchtet, weil er seit Jahrtausenden Zoll um Zoll seine geliebte Insel untergräbt und mit jeder Springflut die Felsengerippe immer mehr auswäscht.

Der erste Teil der Fahrt war offenbar, wenn auch nicht der anstrengendste, so doch der gefährlichste. Es galt, sich von der Insel abtreiben zu lassen, um die freie See zu gewinnen und dann die Richtung einzuschlagen, in der man zuletzt das Schiff erblickt hatte. Zu dem Zweck mußte man die langen Wellen in schiefer Richtung durchschneiden und dann geradezu gegen sie kämpfen. Gelang es, das Schiff noch zeitig genug zu erreichen, ehe es den die Insel hier umgebenden Riffen zu nahe gekommen, oder zu sehr vom Sturm nach Süden gedrängt worden, so konnte man das Nordkap des Eilands abwettern, und das Schiff war dann in den Händen eines guten Lotsen geborgen.

Die Lösung der ersten schwierigen Aufgabe lag in der Hand des Steuermannes, und jetzt offenbar in der Hand eines solchen, der gewohnt war, der furchtbaren Macht der beiden Naturkräfte die Spitze zu bieten.

Nicht ohne ein Gefühl der Ehrfurcht und Bewunderung schaute der Baron, der, ungewohnt des wahrhaft furchtbaren Auf- und Niederwogens des Bootes, sich mit aller Kraft auf seinem Sitz festhalten mußte, auf den alten Mann, der aufrecht am Steuer stand und es mit gewaltiger Kraft lenkte. Sein Auge war abwechselnd auf seinen Sohn im Bug und das immer mehr zur Seite zurückbleibende Feuer des Leuchtturmes gerichtet, das wie ein flammendes Meteor am Himmel stand. Der Sturm fing sich in seiner weiten Lotsenjacke und zauste die grauen Haare unter dem festgebundenen Südwester, aber seine eherne Gestalt wich und wankte nicht unter dem Anprall des Windes und dem schäumenden Gischt, der um ihn her wirbelte.

Die Begleiter der beiden Lotsen hatten die Ruder eingezogen, die vorläufig noch unnütz waren, und er half ihnen, das Wasser ausschöpfen, das von Minute zu Minute die überschlagenden Wellen sturzweise in das Boot gossen.

Sie waren auf diese Weise eine halbe Stunde hinausgesteuert, als der Lotse am Bugspriet des Kutters sich durch Zeichen mit seinem Vater verständigte.

»Schuut up, Jungens,« schrie der Alte. »Runner mit de Riemens! Sett't in!« – Zu gleicher Zeit drehte er mit gewaltigem Ruck das Steuer, und der Kutter schoß in die Höhlung einer mächtigen Woge, wurde von ihrem Kamm überschüttet und hob sich, von der Kraft der Ruder getrieben, im nächsten Augenblick auf ihrem Rücken hoch in die Nacht.

Dem Baron vergingen im ersten Augenblick von dem gewaltigen Sturz des Wassers die Sinne. Als er ihrer wieder Herr wurde und die Augen öffnen konnte, fühlte er, daß ihn der Matrose Tom festhielt. Ein Händedruck lohnte der rauen Freundlichkeit des jungen Mannes, dann suchte er mit Gewalt jedes Gefühl der Beängstigung zu unterdrücken und arbeitete angestrengt, mit Tom das Wasser auszuschöpfen, da die anderen Männer jetzt voll zu thun hatten, die Ruder zu regieren, die ihnen die gewaltige Kraft der Wellen mehr als einmal aus der Hand zu reißen drohte.

Jetzt erst hatte der wahre Kampf mit der furchtbaren Macht der Elemente begonnen. Der Sturm schien mit jedem Augenblick an Kraft zuzunehmen und trieb ihnen den entsetzlichen Wogenschwall gerade entgegen. Die Planken des kleinen Fahrzeugs erzitterten und bebten unter dem gewaltigen Druck, als wollten sie auseinander reißen, der Druck der Luft und die entsetzlichen Stöße des Sturms versetzten oft den Männern den Atem selbst durch die Tücher, die sie um den Mund gebunden. Wiederholt wurde der kleine Kutter, wie er so tapfer den Wogen entgegen kämpfte, von diesen fortgerissen, aber immer und immer wieder führte ihn die Geschicklichkeit des greisen Lenkers und die bis zum äußersten gespannte Kraft der Ruderer zurück auf seine Bahn und ließ ihn langsam vorwärts kommen.

In diesem furchtbaren Kampf überkam den stolzen und leichtsinnigen Aristokraten zum erstenmal das Gefühl der Ehrfurcht vor dem moralischen Mut und der Aufopferung dieser Männer aus dem Volke, die er bisher kaum der Beachtung wert gehalten, und er begann zu fühlen, welche erhabene Kraft im Volke wohnt, eine Kraft, die, zum Guten geleitet, das Höchste vollführt, in ihrem entfesselten Wahn aber gleich dem Lavastrom auf seinem Gang alles vernichten muß, was ihr begegnet. An diesen armen Männern erstarkte sein eigener Mut und veredelte sich der frevle Leichtsinn, mit dem er sich hochmütig in die Gefahr gestürzt.

Eine Stunde fast war verflossen, seit der Kutter die Insel verlassen und den Kampf mit Wogen und Wind begonnen hatte, und die Kraft selbst des Stärksten begann zu erlahmen. Wiederholt zogen die Männer die Ruder ein und verlangten mit einzelnen Worten die Rückkehr.

»Halt ut, Kinder,« schrie plötzlich der Lotse, »ick seh Licht! Ick seh dat Schipp! Backburd, Backburd, Vader Jansen, süß sünd tot verluren!«

Der plötzliche Erfolg im Augenblick, wo sie bereits jede Hoffnung aufgegeben, spannte alle Muskeln; aber der Ruf, den in diesem Moment mit einer Kraft, die selbst das Brausen des Sturmes überbot, der greise Lotsenmeister ausstieß, machte jede Wange bleich und ließ jede Fiber erbeben.

Auf dem Kamm der Wellen kam eine große dunkle Masse daher, ein gewaltiger Rumpf, Spieren und Takelwerk darüber hinaus ragend, flatternde, zerrissene Segelfetzen an den Raaen, schwankende, fliegende Lichter über dem Bord, ein Tod und Verderben drohender Leviathan.

In dem Augenblick, als sein ältester Sohn das Schiff entdeckte, und er selbst sogleich die Lichter und den nahenden Rumpf erkannte, ließ er das Auge um den Horizont gleiten, um ihre Stellung zur Insel zu beurteilen.

Ein furchtbarer Schreck durchfuhr wie ein elektrischer Schlag seine kräftige Gestalt.

»Dat Riff, Kinner, dat Riff! Rodert, rodert, üm dat Lewen!«

In der That war die Lage des Bootes furchtbar. Der rasche Blick des Alten hatte an dem hochschäumenden Gischt erkannt, daß sie sich auf der Wetterseite des großen Riffs befanden, das im Westen der Insel seine Zackenkuppel bis zur Oberfläche des Meeres hebt, einst Dünenland, wie im Osten, aber durch die Wellen jetzt ausgewaschen zu scharfem Fels, das Unheil aller Schiffe, die sich ihm ohne Kenntnis nahen, das Grab schon vieler Menschenleben. Nach dieser gefährlichen Stelle drängte der furchtbare Wogenschwall den Kutter. Aber noch gefährlicher wurde die Lage des Bootes durch das Schiff selbst, das gleich einem schnaubenden Ungetüm heran kam, ihm den Ausweg zum Luven zu versperren; auf der Klippe zerschmettert oder von dem Schiff übersegelt und in den Grund gebohrt zu werden, war das Schicksal, das ihnen in der nächsten Minute bevor zu stehen schien.

Selbst in diesem entsetzlichen Augenblick aber verlor der alte Lotsenmeister nicht die Geistesgegenwart und nicht das Gefühl seiner Pflicht.

Mit aller Gewalt preßte er das Steuer nieder und seine Stimme klang allen vernehmlich: »Rodert, Jungens, üm't Lewen!« Dann aber schwoll seine Stimme zu einer Kraft an, die selbst das Toben des Sturmes überbot und weithin über die Wellen dröhnte: »Hewwt Acht! dat Riff! 'rüm mit dat Stüer, oder wi sünd to nicht!«

Der dunkle Rumpf hing über ihnen – ein Moment noch – der schäumende Gischt der Wellen, die von dem Bug des dem Verderben geweihten Fahrzeuges geteilt wurden, flog über sie hin, jedes der tapferen Herzen glaubt? den letzten Schlag zu thun; dann ein gewaltiger Atemzug – ein letzter Schlag der Ruder und – weithin schleuderte der Wellendruck des Schiffes, unter dessen Bugspriet sie quer vorüber gekommen, den Kutter.

Im nächsten Augenblick, noch ehe die Lotsen recht die eigene Rettung begriffen: ein gewaltiger Krach, ein Aufschrei gen Himmel über Sturm und Wellen – das Knacken brechender Balken – das Jammergeschrei der Menschen, das Klatschen und Brüllen der Wellen gegen die Breitseite des strandenden Schiffes!

Der alte Lotsenmeister stand wie eine Steingestalt in dem Wogenschwall. »Torügg, Jungens, bet de Mast sollen is! – So! nu vorwärts! 's is de höchste Tid!«

Mit den Sehnen von Stahl warfen sich die Männer in die Ruder. In kurzem Bogen umkreiste der Kutter die wohlbekannte Klippe und näherte sich unterm Lee des Schiffes, das voll auf dem zackigen Felsen saß und dessen Bollwerk und Planken jede anstürmende Woge auseinander riß.

Der Anblick in dem masthoch schäumenden Gischt des Wassers war wahrhaft furchtbar. Das Verdeck war gefüllt mit der ziemlich zahlreichen Mannschaft des Schiffes, die sich an Masten, Taue und Holzwerk klammerte, und als sie jetzt das nahende Boot erblickte, in allen Tönen um Hilfe und Rettung flehte.

Aber jede neu anstürmende Welle riß Menschenleben hinweg und machte das Schiff in all seinen Fugen krachen, das, breit dem vollen Anprall ausgesetzt, auf der Klippe lag. Der Kapitän der Gallione schien ganz den Kopf und jede Gewalt verloren zu haben, denn statt den wenigen zu helfen, die versuchten, das Langboot an der Leeseite auszusetzen, hielt er sich an einem Tau fest und schlug ein Kreuz über das andere.

Der Kutter war jetzt in dem durch das Schiff und das Riff einigermaßen gebrochenen Wellenschlag so nahe gekommen, daß der Lotsenmeister den Versuch machte, sie in englischer Sprache anzurufen, aber ein verwirrtes Geschrei antwortete ihm, von dem er nichts verstand.

»Makt Ji den Versök, Herr,« sagte er zu dem Baron. »Noch is et Tid!«

Herr von Rheinsberg hatte sich bis zum Schnabel des Kutters vorgearbeitet, wo er neben dem Lotsen Hannes Jansen sich festhielt, und mit aller Kraft seiner Lungen den gedehnten Ton der (Seeleute nachahmend, schrie er:

» Que gente?«

Die Frage in der Muttersprache schien den Gefährdeten wie ein Wink des Himmels, denn sofort antwortete ihm das allgemeine Geschrei:

» Espagñoles! Bei der Mutter der Gnaden! zu Hilfe! zu Hilfe!«

Der Baron winkte dem Lotsenmeister, daß er sich verständigen könne.

»Dat Schipp kan sik unmaegli holl'n,« sagte der Lotsenmeister; »ropt: dat Boot, dat Boot!«

Tom vermittelte den Befehl von einem Ende des Kutters zum andern und der Baron wiederholte den Ruf. Jetzt sah man die spanischen Matrosen nach der Stelle stürzen, wo einige ihrer Kameraden sich bereits bemüht hatten, das große Boot auszusetzen, aber es entstand ein wildes Gedränge, ein Kampf um das Boot, so daß es ersichtlich war, was der Erfolg sein mußte.

In der That hatte das Langboot des spanischen Schiffes kaum das Wasser berührt, als sich die Menge blindlings hineinstürzte – ein Schrei, der Sturm und Wogen überdrang – dann hob eine Welle das überfüllte Fahrzeug bis zum Schiffsrand und stürzte es im nächsten Moment wieder in die Tiefe. Man hörte das Knirschen des Holzes auf den scharfen Felsenkanten, dann trieben die Trümmer vorbei, einzelne Köpfe und Arme hoben sich aus den Wellen – aber es war eine Unmöglichkeit, mit menschlichen Kräften zu helfen.

Die Woge, die das Boot zertrümmert, schien zugleich das Schicksal des Schiffes besiegelt zu haben. Der Lotsenmeister hatte kaum Zeit, den Befehl zu donnern, die Hakenstangen zu lösen, mit denen die Ruderer bis jetzt den Kutter an dem Riff festgehalten hatten, und diesen vor den Wellen treiben zu lassen, als ein gewaltiges Krachen zweimal hinter einander das Brechen der Maste bewies und der Vorder- und Mittelmast über Bord gingen.

Dann kam es heran wie ein schwarzer Berg von Westen her, ein Krachen, als würden tausend Gebeine unter gewaltigen Rädern zermalmt – Woge stürzend über Woge – Taue, Maste, Planken, Fässer – menschliche Gestalten, alles wild durcheinander auf den Kämmen der Wogen; wie eine wilde Jagd flutete es an den Augen des entsetzten Kavaliers Momente lang vorüber, und dann war wieder um ihn nichts als der weiße Gischt, und die bewegliche schwarze Tiefe der Wellen.

»Vörwarts, Kinner, gau! Treckt dat Roder! Gott de Herr hett uns holpen – wi möten seihn, wat to dohn is för de armen Lüd!«

Die Männer zogen die Riemen mit Anstrengung aller Kraft, und das wackere kleine Fahrzeug, das glücklich der Zerstörung durch die Masten und Schiffstrümmer entgangen war, kämpfte sich zurück durch den Wogenschwall zu der Stelle, wo es vorhin am Riff sich festgehalten.

Alle erwarteten, daß keine Spur mehr von dem gescheiterten Schiff zu sehen sein werde, und hatten den Versuch nur unternommen, um vielleicht aus den auf den Felsenkanten hängen gebliebenen Trümmern ein Menschenleben zu retten. Zu ihrem Erstaunen aber fanden sie jetzt, daß das Hinterteil des Schiffes, das von dem Wogenandrang mitten auseinander geborsten war, noch fest auf dem Riff saß und den Wellen Widerstand leistete.

Der matte Schein der Schiffslaterne, die noch immer auf dem Hinterdeck schwankte, zeigte um den Stumpf des gebrochenen Mastes eine Anzahl menschlicher Gestalten in allen Stellungen der Todesangst und Verzweiflung, und ihr gellendes Hilfegeschrei drang durch das Toben der rasenden Brandung herüber.

»Makt dat Boot fast, Lüd!« sagte der Lotsenmeister. »Bi Gott – dor is noch Leben an Burd un wi möten den Versök maken, se to redden! – Springt, Lüd! springt! wi war'n jug ruttrecken!«

Aber der laute Zuruf des Alten blieb unbeachtet, auch als der Baron ihn in spanischer Sprache wiederholte. Entweder hörten die Unglücklichen ihn nicht, oder sie hatten nicht Mut genug zu dem kühnen Wagnis. Sie begnügten sich, die Arme nach den wackern Rettern zu strecken, und ihr Hilfegeschrei und die Anrufung der Heiligen zu verdoppeln.

»Se sünd verbistert dor baben, so geit 't nich! – Hannes Jansen,« befahl er mit fester Stimme, »nimm dat Tau un swemm raewer!«

Der Baron erbebte und wollte gegen das verwegene Unternehmen Vorstellungen machen, aber schon hatte der Lotse im Bug das Ende eines bereit gehaltenen Taues durch den Ring am Bootsrand gezogen, warf seinen Südwester, die Lotsenjacke und die schweren Stiefeln ab, und stürzte sich, den Tauring um den linken Arm geschlungen, mit der rückflutenden Welle in das Wasser.

Er verschwand sogleich, denn die Dunkelheit war so groß, daß man ihn nur wenige Schritte verfolgen konnte, und die Schiffslaterne an Bord warf ihren flackernden Schein nur über die dunklen Gestalten am Maststumpf.

Mit banger Besorgnis erwarteten die Männer im Kutter den Erfolg.

»Dat Water! dat Water!«

Haushoch kam jenseits des Schiffes die Woge daher und stürzte über die dem Verderben geweihten Trümmer – gellendes Todesgeschrei! – kaum vermochten die Männer im Kutter ihn festzuhalten unter der Überschlagenden Flut. Als sie vom Spritzwasser die Augen öffneten und sie nach dem Schiff richteten, war die Laterne verschwunden, der Rumpf schien noch weiter hinaufgedrängt und die brandenden Wogen spritzten ihren Schaum hoch umher.

»Dat is ut mit em!« – Plötzlich schrie der alte Mann laut auf: »Haalt dat Tau in! Hannes, min Saehn! min Saehn! wo büst Du?«

Tom und der Baron rissen mit Hast das Tau zurück – es kam leicht heran, jeder Griff schien eine Stunde banger Erwartung, länger und länger rollte es sich – keine Spur von dem Träger – jetzt das Ende – – es war leer!

Der alte Mann bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit beiden Händen. Während dessen drang von dem Schiff wieder schwaches Geschrei herüber:

» Auxilio! Auxilio! Hilfe! Hilfe!«

»Laßt mich hinüber, Vater,« sagte der junge Matrose, indem er bereits das Tau um seinen Arm wickelte, »vielleicht ist der Bruder Hannes unter ihnen und hat nur das Tau verloren!«

Der Lotsenmeister legte die beiden Hände an den, Mund. Seine mächtige Stimme überdröhnte Sturm und See:

»Schipp a – hoi! Hannes an Burd?«

Es kam keine andere Antwort, als die Wiederholung des spanischen Hilferufs.

Der alte Mann nahm den Sturmhut von seinem weißen Haupte und faltete die Hände; die langen grauen Haare trieb der Wind um sein durchfurchtes Antlitz.

»Uns' Herrgott hett em gewen – de Herr hett em nahmen! Sin Nam wes lawt in Ewigkeit! – – Dor draaben sünd noch Lüd in Gefahr, un wi möten se redden! – Tom, min Saehn – nimm dat Tau un swemm to Schipp!«

Der Kavalier faßte seinen Arm. »Bedenkt, was Ihr thut, Lotsenmeister; wollt Ihr Euren letzten Sohn opfern? Schickt einen von den Leuten!«

Der Alte sah ihn finster an. »Keen Minsch, Herr,« sagte er streng, »sall von Pieter Jansen seggen, dat he andre Lüd in de Gefahr schickt het, wohen he sin egen Fleesch ur Blut nicht schicken mucht! Farri, Tom, und an Burd, min Jung!«

»Well, Vater!«

Der junge Mann stand am Rand des Bootes, die Leine um den Arm, bereit, sich mit der zurückprallenden Welle in den tosenden Schlund zu werfen.

»Dann, Tom,« sagte der Kavalier entschlossen, »geh' ich mit Ihnen. Einer von uns beiden wird ankommen, Gott entscheide, welcher!«

Er hatte Rock und Hut im Nu abgeworfen und ein zweites Tau ergriffen. Ehe der Lotsenmeister ihn zurückhalten konnte, kam hoch eine Welle heran und brach sich schäumend auf der Klippe. In die zurückflutende Woge tauchten zwei Gestalten nieder.

Im ersten Augenblick wirbelte es schwarz um des Barons Sinne, Gesicht und Gehör schien ihm zu vergehen und er fühlte sich hart aufstoßen. Er hatte die Vorsicht gebraucht, ein kurzes Stück Holz aus dem Boot in die linke Hand zu nehmen, damit den Aufstoß gegen Klippe oder Schiffsbord zu parieren. Da er ein trefflicher Schwimmer war, erlangte er bald die volle Geistesgegenwart und Herrschaft im Wasser wieder, und in vier bis fünf Stößen hatte er glücklich die gefährliche Passage überwunden und sah vor sich die dunkle Wand der Schiffstrümmer sich erheben. Zugleich fühlte er die Hand Toms, die bereits die halb zerrissenen Ketten des Schiffs erfaßt hatte und sich jetzt mühte, ihm empor zu helfen.

Unter seinem Beistand schwang der Baron sich an dem zerstörten Bollwerk empor, sich anklammernd an jeden Gegenstand, den die Hand erreichen konnte, denn das Schiff schwankte in dem Wogenschlag hin und her.

Endlich hatten beide mit Mühe auf dem Deck Fuß gefaßt und schauten umher.

»Wo seid Ihr? Wer lebt noch?« schrie der Kavalier in spanischer Sprache.

Schwache Stimmen antworteten ihm: »Hier! hier! zu Hilfe, wir sterben!«

Die Helfer griffen sich fort bis zur Stelle, wo der Mast stand. Drei Gestalten kauerten um den Stumpf, mit Tauen sich festhaltend. Zwei von ihnen stürzten auf die Männer zu, in Tönen der höchsten Verzweiflung sie um Rettung anflehend, die dritte blieb ruhig und stumm am Mast.

»Wo ist Hannes? wo ist mein Bruder? Hannes, wo bist Du?«

Der Angstschrei des jungen Matrosen fand keine Erwiderung, ebenso wenig die Frage, die der Baron in spanischer Sprache an die Schiffbrüchigen richtete. Beide aber überzeugten sich, daß von dem wackeren Lotsen keine Spur vorhanden, und sie ihn verloren geben mußten.

Die Wellen schlugen fortwährend über das Deck – jeder Augenblick steigerte die Gefahr. Tom verständigte ihn durch Zeichen, das Ende des Taues um den Stumpf des Mastes zu schlingen, was im Nu geschehen war, dann bedeutete ihn der junge Matrose, mit den drei Schiffbrüchigen sich auf den jetzt verhältnismäßig sicheren Rückweg zu begeben. Die beiden Spanier – zwei Matrosen des Schiffes – wurden von dem Baron angewiesen, sich an dem Tau fortzuhelfen, der dritte Mann aber blieb noch immer teilnahmlos am Mast hocken.

Der Kavalier rüttelte ihn empor.

»Rafft Euch auf, Mann! jeder Augenblick Zögerung ist Tod!«

Es war, als ob die Stimme des Kavaliers, obschon kaum verständlich im Wogengebraus und Sturmgeheul, wie ein elektrischer Strahl auf den Fremden wirkte, denn er schnellte empor aus seiner kauernden ohnmächtigen Stellung und packte rauh beide Arme des Helfers.

»Wer sind Sie, Señor? – Ihren Namen! Diese Stimme …«

»Fort jetzt – es ist keine Zeit zu fragen und mein Name gleichgültig!« Da er sah, daß der Fremde hin und her schwankte und sich kaum aufrecht erhalten konnte, umfaßte er ihn und schleppte ihn mehr als er ihn führte zur Stelle der Brüstung, wo das Tau hinüber nach dem Boot führte. Die beiden spanischen Matrosen suchten sich bereits mit dessen Hilfe durch die kochende Brandung zu arbeiten.

»Seid Ihr stark genug, Euch zu halten?«

»Dich – ja!« Die Hand des Schiffbrüchigen umklammerte ihn, krampfhaft, daß es seine freien Bewegungen hemmte. Indessen kam der Jungmatrose heran. »Der Mann hat den Verstand verloren vor Furcht – helft mir, ihn retten!« Der junge Mann hatte rasch um den Leib des Spaniers und das Tau eine laufende Schlinge befestigt; so ließen sie sich mit ihrer Last in das Wasser, denn das Krachen und Knacken der Planken und Balken unter ihren Füßen verkündete, daß das Wrack sich kaum einige Minuten lang noch halten könne.

»A – hoi! – gau! gau! torück. Jungens!« klang der gewaltige Ruf des Lotsenmeisters herüber, denn die Kraft der Männer reichte kaum noch aus, den Kutter festzuhalten, und jeder Ruck des Taues drohte ihn leck zu werfen an dem Riff.

Zerstoßen, zerschlagen, der Mann in ihrer Mitte besinnungslos und blutend aus einer Stirnwunde, so tauchten die kühnen Schwimmer auf aus der Brandung, begrüßt von einem jubelnden Zuruf der Mannschaft, die anfangs glaubte, der Gerettete, Ohnmächtige sei Hannes Jansen, der Lotse. Ein Blick jedoch genügte dem alten Mann, ihn zu überzeugen, daß seine Hoffnung falsch war. »Dien Broder, Tom?« Der Jungmatrose wies hinaus in die kochende See: »Verloren, Vater!« – und warf sich zum Tode erschöpft auf den Boden des Kutters neben die Geretteten.

»Los mit de Stangen!« Der Lotsenmeister ließ das Tau, das er bisher mit Riesenkraft festgehalten, los – hoch hinaus auf den Kamm der nächsten Welle flog der Kutter in die Sturmnacht, und hinter ihm drein barsten die letzten Trümmer des Wracks auseinander.

– – Drei Stunden nachher, als der heraufdämmernde Tag sein schwaches Licht über die noch immer wild bewegte Fläche goß, nahte das Boot unter dem jubelnden Zuruf der versammelten Schiffer und Lotsen von Osten her dem Landungsplatz. Die kühnen Schiffer hatten das Nordkap abgewettert und unterm Schutz der Leeseite des Felseneilands durch die dort sehr gefährlichen Untiefen sich glücklich herauf gearbeitet.

Unter dem Menschenhaufen standen zwei Frauen, von den rauhesten Seeleuten mit Achtung und Teilnahme angeblickt, denn beide hatten während der furchtbaren Nacht sich nicht von der Stelle gerührt, dem Toben des Wetters und der hoch ihr Spritzwasser heraufschlagenden See Trotz bietend, das Weib des Kavaliers und das Weib des armen Lotsen. Die Dame ließ ihr weißes Taschentuch, die Fischerfrau die alte Bootsflagge wehen, die sie zum Schutz gegen das Wetter um die Schultern geschlagen.

Noch konnte man der Bewegung des Meeres und der Dämmerung wegen die einzelnen Gestalten im Kahn nicht erkennen; dann sah man, wie sie Hüte und Ruder schwenkten – ein Tuch –

»Gnädiger Gott! ich danke Dir – er ist gerettet!« Die Baronin sank freudeschluchzend in die Kniee.

Die Augen der Fischerfrau wurden starrer und starrer – sie preßte den Knaben, der bereits wieder an ihrer Seite war, krampfhaft an sich; dann sprang sie mit einem gellenden Schrei nach dem Plankenbau, an dem der Kutter eben landete.

Der Baron flog in die Arme seiner Gattin. Der alte Lotsenmeister war der nächste, der nach ihm auf die Brücke sprang – sie faßte schreiend seine Schulter.

»Wo is Hannes, Vader, wo is min Mann?«

Er hob Auge und Hand zum Himmel: »Bi unsen Herrgott, Marie! He is storben in sin Plicht!«

Die Ärmste fiel wie vom Schlag getroffen zu seinen Füßen nieder. Die Frauen drängten sich um sie, während die Männer still und stumm, dem Beispiel des alten Mannes folgend, das Haupt entblößten und die schwielenbedeckten Hände zu einem kurzen Gebet falteten.

Wenige Schritte davon hielt der Aristokrat sein junges, schönes, liebendes Weib glücklich an seiner Brust.


Es war am vierten Morgen nach dem Sturm – hell und heiter lachte die Sonne über dem roten Felseneiland; spiegelnd und ruhig lag die prächtige Fläche des Meeres.

Das Dampfschiff hatte seine Fahrten begonnen und lag an der Landungsbrücke, bereit, in einer Stunde nach Hamburg zurückzukehren. Tom Jansen, der Jungmatrose, sollte mit ihm nach der großen Handelsstadt abgehen, da Ordre dazu von seinem Kapitän eingetroffen. Auch die drei Spanier, die der Baron an jenem Morgen in das Hotel seiner Schwiegermutter hatte bringen und mit jeder Freundlichkeit hatte pflegen und unterstützen lassen, wollten die Gelegenheit benutzen, nach Hamburg zu gehen, wohin ihr Schiff von Cuba mit einer reichen Tabakladung konsigniert gewesen.

Die beiden Matrosen waren ungebildete rohe Männer, die sich bei den Geschenken, welche sie durch das Mitleid der Inselbewohner erhielten, wenig aus dem Untergange des Schiffes machten. Anders aber war es mit ihrem Gefährten, gegen den sie eine besondere Achtung und Unterwürfigkeit zeigten, ohne jedoch auf die mehrfach von dem Baron an sie gerichteten Fragen über ihn nähere Auskunft zu geben.

Der Fremde, den Tom und der Baron gewissermaßen gegen seinen Willen gerettet, war ein Mann von kaum drei- bis vierunddreißig Jahren, doch gaben ihm die asketische Strenge und die Hagerkeit seines Gesichts, die tief geschnittenen Züge und die Falten der Abspannung oder des Leidens ein weit älteres Aussehen. Die Stirn war hoch und trotz seiner Jugend kahl, die Augen tiefliegend, lauernd und leidenschaftlich, gewöhnlich aber wie unter strenger Herrschaft des Geistes gesenkt. Seine Kleidung war bei der Rettung sehr unvollständig gewesen und hatte hauptsächlich aus einem langen Regenmantel bestanden, so daß auch daraus wenig auf seinen Stand zu schließen war. Das einzige, was er aus dem Schiffbruch gerettet, war eine lederne Tasche, die er um den Leib geschnallt trug.

Im übrigen war es offenbar ein Mann von Bildung, ja, von einer gewissen Gelehrsamkeit, der außer seiner Muttersprache Französisch, Italienisch und Deutsch sprach. Er gab, ohne seinen Stand bestimmt zu bezeichnen, an, daß er als Passagier aus der Havanna nach Hamburg sich auf dem Schiff befunden, daß er dort dringende Geschäfte habe und Freunde finde, um seine Legitimationen erneuern und seine Reise fortsetzen zu können. Sein Benehmen war sehr zurückhaltend und ruhig – nur zuweilen brach, wie ein Blitz durch die Wolke, ein Blick voll Feuer aus den tiefliegenden Augen, der dem Baron ebenso wie die Stimme des Fremden seltsam bekannt schien. Aber dieser wich geflissentlich allen Fragen aus, wandte stets die Rede von seiner Heimat auf die mutige That des Kavaliers und den Dank, den er ihm für seine Lebensrettung schuldig sei und erklärte seine Verwirrung bei dem ersten Anblick und Anruf des Barons auf dem Wrack für eine Sinnestäuschung, die ihm die Stimme und das Bild eines ihm nahestehenden Verwandten vorgespiegelt habe.

Dennoch konnte selbst der leichtsinnige Lebemann nicht übersehen, daß der Fremde sich sehr für seine Familienverhältnisse zu interessieren schien und sich damit vertraut machte.

Die Familie war in dem Salon des Hotels versammelt. Reichlich beschenkt und mit Wohlthaten überhäuft, harrten an der Thür die spanischen Matrosen des Aufbruchs zum Dampfschiff, dessen Glocke bereits zum erstenmale geläutet, während der Kapitän noch gemütlich bei dem englischen Frühstück an der Hoteltafel saß. Die englischen Offiziere, Dr. Heising, der Bade-Arzt, und mehrere der angesehenen Bewohner waren versammelt und besprachen die Neuigkeiten vom Kontinent, als Don Antonio, wie sich der gerettete Spanier nannte, zu dem Baron trat und ihn um eine kurze Unterredung allein ersuchte.

Der Kavalier glaubte, daß es sich um einen nochmaligen Dank, eine Bitte oder einen Auftrag an die wackeren Männer handelte, welche die kühne Rettungsfahrt unternommen, und führte seinen Schützling in ein Nebenzimmer.

»Nehmen Sie Platz, Señor,« sagte er mit freundlicher Ungezwungenheit, indem er sich selbst in einen der amerikanischen Schaukelstühle warf, »und sagen Sie mir offen, womit ich Ihnen noch dienen kann? Ich habe Ihnen bereits meine Börse angeboten, wir sind unter uns Männern, genieren Sie sich nicht!«

»Ich danke Ihnen, Señor« – die Unterhaltung war in spanischer Sprache begonnen worden – »ich habe mir bereits erlaubt. Ihnen zu sagen, daß ich nicht aller Mittel durch den Schiffbruch beraubt worden und in Hamburg Freunde finde. Ich habe Ihnen bloß für die Gefahr, in welche Sie sich unsertwegen gestürzt, und die heldenmütige Aufopferung zu unserer Rettung im Namen jener armen Männer und in meinem nochmals unsern Dank zu sagen!«

»Ich glaubte, Señor, Sie hätten eine besondere Ursache – –«

»Die habe ich auch – es ist die, Ihnen einen Gegendienst zu erweisen.«

»Mir? und in welcher Art?«

»Señor – Sie werden entschuldigen, wenn ich mich erst jetzt eines Auftrags entledige. Ich habe Ihnen einen Gruß von Ihrer Gemahlin abzustatten!«

»Von meiner Frau? – Sie scherzen! Wir haben sie ja erst vor zwei Minuten hier nebenan im Salon verlassen!«

Don Antonio, der bis jetzt bei der Unterredung die Augen zu Boden gesenkt, schlug die Lider jetzt langsam empor und heftete einen kalten, festen Blick auf den Baron.

»Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, zu scherzen, Señor,« sagte er langsam; »ich spreche nicht von Doña Anna, sondern von Ihrer rechtmäßigen Gemahlin!«

Ein dunkles Rot überflog das Gesicht des Barons, und er sprang empor aus seiner behaglichen Stellung. »Das geht zu weit, mein Herr, und grenzt an Unverschämtheit! – Wie kommen Sie zu solch' thörichten Worten?«

»Ich spreche von Doña Ximena de Nacena

Der junge Mann taumelte, wie von einem Schlage getroffen, zurück und mußte sich an dem Sessel festhalten. Sein Gesicht veränderte fliegend die Farbe, und er fuhr zweimal mit der Hand über die Stirn, als wolle er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen.

In diesem Augenblick hörte man die Glocke des Dampfschiffs zum zweitenmal läuten.

Der Baron hatte sich gefaßt. »Ich sehe, mein Herr,« sagte er, »daß Sie mich kennen, Verstellung wäre nutzlos. Woher und wie Sie mein Geheimnis erfahren, ist mir unbekannt, obgleich ich Ihr Gesicht schon gesehen, Ihre Stimme gehört haben muß, wahrscheinlich in Spanien. Der Name, den Sie so eben genannt, weckt eine alte Erinnerung in mir, die mich lange genug unglücklich machte. Wenn es jedoch wahr ist, daß Doña Ximena noch lebt, obschon meine sorgfältigsten Nachforschungen mir keine Kunde über ihr Schicksal verschaffen konnten, so bin ich glücklich darüber, denn sie bewahrt einen bleibenden Platz in meiner Erinnerung und meinem Herzen. Sie werden mir den besten Dank für den kleinen Dienst erweisen, den ich Ihnen zu leisten so glücklich war, wenn Sie mir recht viel von ihr mitteilen; nur muß ich Sie aus dem Irrtum reißen, daß Doña Ximena meine Gemahlin ist. Die Rechte einer solchen hat nur die Tochter dieses Hauses, die Mutter meines Kindes! Mit Doña Ximena fand nur eine ungültige Scheintrauung statt, als einziges Mittel, sie damals den Händen ihrer Feinde zu entreißen.«

Der Spanier hatte sich erhoben, seine Miene war so ruhig und kalt, wie zu Anfang der seltsamen Unterredung. »Ich glaube mein Prinz,« sagte er ruhig, »daß Sie sich selbst täuschen. Die Trauung war keine Scheintrauung, sondern ist von einem Priester in voller Form der katholischen Kirche vollzogen worden. Die vollständigen Beweise dafür bin ich imstande, in Ihre Hände zu legen, wenn Sie mich in Hamburg aufsuchen wollen. Doña Ximena lebt und ist Ihre rechtmäßige Gattin!«

»Und Anna – mein Weib …«

»Die Vornehmen der Erde erlauben sich oft, gegen Gottes Gebote zu handeln. Sie kann unmöglich einen anderen Namen als den Ihrer – Geliebten beanspruchen!«

Der Baron schritt aufgeregt im Zimmer umher. – »Mein Kind – meine unschuldige Tochter …«

»Ein Bastard!«

Er faßte ihn wild an den Arm. »Das darf nicht sein – das soll nicht sein! – Ich rettete Ihnen das Leben –«

»Und Sie werden mich dankbar finden. Die einzigen Beweise …«

»Ich muß sie haben, um jeden Preis!«

Es klopfte an die Thür – man hörte die süße Stimme der jungen Frau:

»Es ist die höchste Zeit, Felix, wenn unser Gast nicht das Schiff versäumen will!«

»Sie müssen bleiben – ich will Auskunft!«

»Am 5. erwarte ich Sie in Hamburg – im Hotel Streit!« Er öffnete rasch die Thür. »Nochmals, Herr Baron, unsern innigsten Dank für Ihre edle That, und Ihnen, gnädige Frau, für Ihre Wohlthaten und Ihre hochherzige Freundlichkeit gegen Unglückliche. Gott und seine Heiligen wollen Sie und die Ihren dafür segnen!«

Er küßte die Hand der beiden Damen und verließ das Hotel.

Der Dampfer gab eben das letzte Signal.



 << zurück weiter >>