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II. Band.
Minen und Zünder.


Auf nach Europa!

1. Die alte Garde.

Zwischen dem Rio Yi und den Zuflüssen des Lago Mirim, im Norden begrenzt von den Bergketten und Urwaldungen, die von der Südgrenze Brasiliens herüberstreifen, liegt eine weite Ebene, auf der die reichsten Estancieros und Saladeros Saladeros und Mataderos sind die großen Schlächtereien, in denen das Vieh der Pampas zu Tausenden zur Gewinnung des Fleisches, der Häute und Hörner, des Talges und der Tierkohle geschlachtet wird. – Estancia heißen die Landgüter der Viehzüchter im Innern. Montevideos ihre Besitzungen haben.

Eine der größten und reichsten war die Estancia del Carmen, dem Marquis Fourichon de Massaignac, einem Offizier der alten Kaisergarde und aus einem der edelsten Geschlechter Frankreichs stammend, gehörig.

Der Marquis, im Jahre 1788 geboren, war als Knabe, nachdem seine Familie teils ausgewandert teils unter dem Messer der Guillotine gefallen war, in den Händen eines alten Soldaten zurückgeblieben, der auf den Besitzungen seines Vaters geboren war und jetzt dessen Wohlthaten an dem Kinde vergalt, indem er ihm die nach seinem Begriff beste Erziehung gab, wie sie zu einem Soldaten und einem enthusiastischen Anhänger des aufgehenden Sternes des ersten Konsuls erforderlich war. Zehn Jahre alt, machte der Knabe bereits als Tambour den Feldzug nach Ägypten mit, wurde im achtzehnten nach der Schlacht von Austerlitz zum Leutnant in einem Husaren-Regiment ernannt und von der Hand des Kaisers selbst bei Eßlingen mit dem Kreuz der Ehrenlegion dekoriert.

Sein Pflegevater war bei Austerlitz gefallen, und seitdem hatte der junge Offizier den in der Revolutionszeit abgelegten Namen seiner Familie wieder angenommen. Es ist bekannt, daß Napoleon die Mitglieder des alten Adels auf alle Weise an sich zu fesseln suchte und protegierte. Dies war auch mit dem jungen Offizier der Fall, der fortan sein Schicksal unauflöslich mit dem Stern des Kaisers verbunden sah. Ein unglückliches Duell hinderte ihn, den Feldzug nach Rußland mitzumachen, und während er in den Bädern von Bagnères Heilung suchte und fand, machte er hier die Bekanntschaft eines reichen Estancieros von Montevideo und seiner schönen Tochter Carmen, die Frankreich bereisten.

Die Feldzüge von Achtzehnhundert dreizehn und vierzehn unterbrachen diese Beziehungen und führten den jungen Kapitän aufs neue auf die Schlachtfelder, wo er sich Ehren und Rang erwarb.

Als Major und Eskadronchef fand ihn die Restauration, die gern seinem alten Namen Rechnung getragen hätte, wenn er sich nicht bei jeder Gelegenheit als enragierter Bonapartist gezeigt hätte. So war denn auch kaum die Nachricht von der Landung des Kaisers erschollen, als er mit Ney und Labedoyère die Fahnen der Bourbonen verließ und zu den napoleonischen Adlern eilte.

Zum Obersten des zweiten Regiments der Garde-Husaren ernannt, unterstützte er bei Belle-Alliance den Angriff Lobaus gegen die von Ligny anrückenden Preußen und sank mit zerschmettertem Arm auf die Leichenhaufen der Seinen. Ein Zufall und die Menschenfreundlichkeit eines preußischen Offiziers rettete sein Leben, ermöglichte zuerst seine Heilung und schützte ihn später vor der Rache der Bourbonen, die alle diejenigen suchte, die zu dem »Usurpator« übergegangen waren. Oberst Massaignac entkam nach England und schiffte sich hier nach Süd-Amerika ein, wo schon damals der Kampf der Föderalisten und Unitarier den Abenteurern und Flüchtlingen aller Länder ein reiches Feld bot. Hier in Montevideo fand der siebenundzwanzigjährige Oberst seine Freunde aus den Bädern von Bagnères wieder, und ehe zwei Jahre vergangen, war er der glückliche Gatte der schönen Carmen und einer der reichsten Herdenbesitzer der Banda Oriental.

Zehn Jahre vor der Zeit unserer Geschichte war die Gattin des Obersten gestorben und hatte ihn mit den beiden jüngsten ihrer Kinder, einem Knaben und einem Mädchen, zurückgelassen, die damals zehn und acht Jahre zählten. Der Marquis hatte sich längst ganz an das freie kräftige Leben der Pampas gewöhnt. Obwohl ihm sein Reichtum und die Länge der Zeit die Rückkehr nach Frankreich erlaubt hätten, zog er es vor, auf der Estancia zu bleiben. Aber die Sympathieen für sein Vaterland, die Erinnerungen seines stolzen Namens und seiner eigenen Jugend verließen ihn nicht und bewogen ihn, seinen Kindern eine französische Erziehung zu geben, indem er seinen Sohn Amadé in die Armee von Algier eintreten ließ und seine Tochter, die nach ihrer schönen Mutter genannt wurde, in eine Pariser Erziehungsanstalt schickte, wo sie fünf Jahre blieb.

Der Takt des Marquis, mit dem er mit beiden kämpfenden Parteien verkehrte, ohne sich in den Streit zu mischen, die willigen Opfer, die er häufig Rosas und seinen Generalen gebracht, hatten ihm von diesem einen Schutzbrief verschafft, während ihn auf der andern Seite der europäische Einfluß, namentlich zur Zeit, als Graf Walewski französischer Geschäftsträger in Montevideo war, vor jeder Belästigung schützte, die ohnehin gewöhnlich mehr die am La Plata selbst oder unmittelbar an der Küste wohnenden Landbesitzer traf. Er war bekannt mit allen hervorragenden Führern beider Parteien, und alle hatten zu Zeiten Schutz oder freundliche Aufnahme in seiner Estancia gefunden. Indem man ihn noch immer mehr als Ausländer, denn als Montevideer betrachtete, erregte sein politisches Verhalten nicht jenen leidenschaftlichen Fanatismus, mit dem sich die Eingeborenen der La Plata-Staaten in diesem Bürgerkriege verfolgten.

Dies waren die ziemlich eigentümlichen, aber im ganzen Lande wohlbekannten Verhältnisse des reichen Estanciero, auf dessen Besitzung wir jetzt den Leser führen.

Es war am dritten Morgen nach der Trennung des Waldgängers Felsenherz vom Kapitän Peard, dem Menschenjäger, als auf den weiten Flächen, welche die Estancia del Carmen umgaben, ein überaus lebendiges und belebtes Bild sich entfaltete. An dem dunklen braunen Aussehen der Erde, der starren Gräser und der in üppiger waldartiger Fülle wuchernden Distelgebüsche, die von Strecke zu Strecke auf weite Flächen diesen sanft gewellten Boden bedecken, und die während des Frühjahrs und Sommers die Hauptnahrung für die hier im halb wilden Zustand umherstreifenden Vieh- und Pferdeherden bilden, sah man, daß der Spätherbst herrschte. Einzelne schwere Regengüsse und die Kälte der Nächte verkündeten den nahen Winter, der freilich unter diesen Breiten sich in anderer Weise als bei uns zeigt, aber doch auch gewisse Vorbereitungen erfordert.

Zu diesen gehört vor allem das Abbrennen der Ebenen, um den frischen Trieben des Frühjahrs neuen Platz zu machen. Zu diesem eigentümlichen und nicht gefahrlosen Schauspiel war der gegenwärtige Tag von den Estancieros der ganzen Fläche östlich des Yi gewählt.

Die Estancia des Marquis lag auf einem Hügel, unfern des Ufers eines kleinen Baches, der seine Richtung nach Süden nahm und sich in einen Nebenfluß des Rio Yi ergoß. Sie bestand noch, wie zu Zeiten seines Vorgängers, aus einem langen niedern Gebäude von Adobes, oder ungebrannten Lehmziegeln und Fachwerk, mit dem starken Schilf und Chlihue-Rohr bedeckt. Da der Oberst ein von Jugend auf an die Strapazen und Gefahren des Kriegerlebens gewöhnter Mann war, hatte er es anfangs aus Gleichgültigkeit, später aus Politik verschmäht, das rauhe und einfache Äußere seiner Behausung zu verändern, obschon er, der Besitzer von Millionen, selbst in dieser Einöde jeden Glanz und jede Eleganz hätte schaffen können. Das Haus war daher nur größer und ausgedehnter als gewöhnlich, und sein Inneres allein unterschied es zum Teil von ähnlichen Gebäuden.

Wie überall fand sich in der Mitte die geräumige Küche, wo die Peonas und die Vaqueanos Hirten. der Estancia aßen und schliefen, zur Rechten die große Stube für den Capataz oder Aufseher und zwei kleinere Gemächer für den Marquis selbst bestimmt und soldatisch eingerichtet.

Den zweiten Flügel nahmen drei oder vier Frauengemächer ein, in deren Ausstattung der reichste Luxus der Pariser und Londoner Magazine mit den einfachen Geräten der Pampas in seltsamer Weise sich mischte. Ein prächtiger Flügel stand an der getünchten Lehmwand und Brüsseler Teppiche bedeckten den gestampften Boden. Von den Balken der Decke hingen kostbare Krystallkronen und Fauteuils mit schwellenden Polstern wechselten mit plumpen Rohrstühlen, Pferdesätteln und chinesischen Koffern.

Das Gebäude war mit einem tiefen Graben umgeben, über den bewegliche Bretterbrücken zu einer Reihe von Hütten führten, die den verheirateten Peons oder den fremden Gauchos zum Aufenthalt dienten, die zu gewissen Zeiten des Jahres in den Dienst des Estancieros traten. Hier befand sich auch der Corral, ein von rohen Pallisaden umgebenes Gehege mit einem Ziehbrunnen, langen hölzernen Trögen und einem Dutzend starker Pfähle, um die Pferde anzubinden.

Drei ähnliche, nur größere runde Umzäunungen von tausend bis fünfzehnhundert Schritt im Durchmesser, gleichfalls mit einem Graben und starken Pallisaden umgeben und mit einem Thor von mehr als acht Ellen Breite, befanden sich in einer angemessenen Entfernung zur Aufnahme der Herden bei Gelegenheiten, wie die gegenwärtige, bestimmt.

In der Ebene selbst sah man auf verschiedenen höheren Punkten in meilenweiten Zwischenräumen die Rodios oder Sammelstangen aufgerichtet, um welche die Abteilungen der Herden in Mitte ihrer Apostaderos oder Weideplätze sich sammelten.

Der Kommodore Garibaldi war nach einem angestrengten Marsch vor zwei Tagen mit dem Rest der italienischen Legion auf der Villa del Carmen eingetroffen und die erste freudige Kunde, die ihm hier wurde, war die Nachricht von einem glücklichen Gefecht, das die Truppen des Präsidenten gegen Oribe in der Nähe von Montevideo bestanden hatten. Obschon durch diesen Erfolg die Wage der Unitarier wieder höher gestiegen, hatte er doch auf den Wunsch des ihm wohlbekannten Obersten seine kleine Schar unter Marochettis Befehl nach kurzer Rast weiter nach dem Süden marschieren lassen, und war mit François und etwa zwanzig Männern zurückgeblieben, um mit dem Estanciero um den nötigen Bedarf an Pferden für seine Leute zu unterhandeln und diese dann nachzuführen. Dies fiel glücklicher Weise mit der Zeit zusammen, in der alljährlich die ungeheuren Herden der Estancia kurz vor Anbruch des Winters zusammengebracht zu werden pflegen; das Hornvieh, um es vor dem Brand der Ebenen zu schützen und die Auswahl zum Verkauf an die Saladeros zu treffen, die Pferde, um die jungen Fohlen des Jahres auszuzeichnen und die alljährliche Schur der Mähnen und Schweife vorzunehmen, die, in Stränge geflochten, nach Montevideo und von dort nach Europa geschickt werden. Wenige, die in der alten Welt auf den schwellenden Polstern des Diwans oder der Matratze ihre Glieder dehnen, ahnen wohl, daß die elastische Füllung aus den unabsehbaren Ebenen des Parano, des Rio Negro oder La Plata stammt.

Bereits am Tage vorher waren die Rinderherden, wohl 30-40 000 Stück, durch ihre Peons, Paisanos Niedere Knechte. und gemieteten Gauchos aus ihren verschiedenen Puestos zusammengetrieben und, nachdem mit Hilfe der Señelos Die gezähmten Tiere, die zur Gewöhnung und zum Einfangen der wilden gebraucht werden. die zum Verkauf bestimmten Stiere, diesmal 2000 an der Zahl, abgesondert worden, in die große dazu bestimmte Umzäunung getrieben. Das ausgesuchte Schlachtvieh war den Reseros oder Viehtreibern übergeben worden, die mit ihren Knechten und gemieteten Indios manos die Herden jenseits der Wasserscheide auf den Weg zur Küste getrieben hatten, wo das Abbrennen der Ebene ihnen nicht mehr gefährlich werden konnte. An demselben Tage noch hatte man das Brennen und Auszeichnen des jungen Viehes vorgenommen, denn da die Herden der Estancieros frei über das oft dreißig bis vierzig Quadrat-Leguas Vier spanische Leguas = drei geographischen Meilen. große Gebiet der Estancia schweifen, ist jedes Tier mit dem Stempel seines Herrn gebrannt, um es von den Herden der Nachbarn zu unterscheiden.

Schon mit Sonnenaufgang hatte am gegenwärtigen Tage das Eintreiben der Pferde, das mehr einer Jagd gleicht, begonnen. Von ihren Sammelplätzen an den rodios aus wurden die einzelnen Manadas, die wilden unter einem Leithengst stehenden Herden, und die Tropillas, die kleineren Haufen junger Hengste mit ihrer Madrina, der glockengeschmückten Leitstute, nach den großen Corrals getrieben, wobei es die gefährliche Hauptaufgabe der Peons bleibt, die einzelnen Herden von einander zu halten, da sonst leicht ein erbitterter Kampf der Leithengste entsteht.

Aus diesem Grunde auch wurden die Tropillas in einen besonderen Corral, abgesondert von den Manadas, gebracht, während zwischen den letztern wohl fünfzig oder sechzig jener kühner Reiter umherjagten, mit Lasso und Bola die widerspenstigen Tiere bändigend.

Sie galoppierten auf den mutigen Hengsten umher, die Ringe des Lassos um den Arm, oder die Bola, die lederumnähten, durch geflochtene Riemen verbundenen drei Steinkugeln, in der nie fehlenden Hand. Dann flog Kugel oder Schlinge nach dem gewählten Opfer, und die Linke des Reiters riß zugleich den schweren Zaum zurück, so daß das Pferd im schärfsten Rennen, wie von einem Blitz getroffen, sich auf die Hinterschenkel warf.

Dann sprangen die Paisanos zu dem zu Boden gerissenen Tiere, und im Nu waren die Kamm- und Schwanzhaare abgeschnitten oder das glühende Eisen auf das zischende Fleisch des Schenkels gesetzt; das Tier wurde von der Schlinge befreit und flüchtete schnaubend unter die Herde seiner Gefährten.

Mit einer wunderbaren Gewandtheit entgingen die Reiter dabei häufig dem Schlagen und Beißen der wütenden Leithengste. Bald völlig auf die Kruppe zurückgebogen, bald auf die Seite geworfen, an Mähne und Bügel hängend, jagten sie dahin, um im nächsten Augenblick, wenn die Gefahr vorüber, sich aufs neue in den Sattel zu schwingen und den günstigen Augenblick zu benutzen, um den Verfolger unschädlich zu machen.

Auf einer Art hölzerner Plattform zwischen den beiden großen Corrals der Pferde und des Rindviehes, von der aus man das bunte belebte Schauspiel trefflich übersehen konnte, stand der Haciendero mit seiner Gesellschaft, von Zeit zu Zeit seinem Capataz eines oder das andere der Rosse bezeichnend, das ihm zum Hausdienst der Hacienda behagte oder das er zum Verkauf an seinen Gastfreund, den Kommodore, bestimmte. Mit nie fehlendem Blick verfolgten die Vaqueanos und Peons das Tier durch die wirbelnde Menge – die Schlinge fiel, der Gefangene wurde durch das Thor der Umzäunung nach dem kleinen Corral in der Nähe des Hauses gebracht und dort festgebunden.

Der Marquis war trotz seiner sechzig Jahre noch immer eine stattliche Gestalt, hoch und gerade gerichtet, den alten Soldaten kennzeichnend. Ein buschiger grauer Schnurrbart umschattete den Mund; aus dem von den Strapazen der Jugend und dem spätern halbwilden Leben im Freien mit der Farbe unverwüstlicher Gesundheit gebräunten Gesicht blitzten unter dem grauen Haar ein Paar dunkle Augen. Bei aller Kraft und soldatischer Derbheit aber prägte sich in der Gestalt wie in dem Gesicht doch unverkennbar ein gewisser Adel aus, und seine französische Beweglichkeit und Lebendigkeit hatte etwas von der spanischen Grandezza und ceremoniellen Höflichkeit seiner neuen Landsleute angenommen.

Der Haciendero trug ein halb militärisches, halb gauchomäßiges Kostüm: einen polnischen, uniformmäßig zugeknöpften kurzen Rock, auf dessen Brust das Kreuz der Ehrenlegion glänzte, kurze spanische Sammetbeinkleider und hohe Stiefeln mit schweren Reitersporen.

Der linke Ärmel seines Rockes war leer an der Brust befestigt, während an dem rechten Handgelenk eine schwere Peitsche von Leder hing.

Der Oberst war in eifrigem Gespräch mit dem Kommodore und einigen seiner Begleiter. Auf den Zügen des berühmten Condottieri lagerte die düstere Wolke der Trauer um sein verlorenes Weib und Kind. Bereits am Tage vorher hatte der Marquis zwei seiner gewandtesten Diener nach den Ufern des Uruguay abgesandt, um das Schicksal der Verlorenen zu erkunden. Der Kommodore, der längst jede Hoffnung auf das Versprechen und die schwachen Kräfte des indianischen Knaben aufgegeben, hatte einen der Diener mit einem Brief an Urquiza versehen, in dem er seinem grausamen Feinde die Auswechselung zweier früher gefangenen Milizoffiziere gegen die Freiheit seiner Gattin bot oder ihn zum Zweikampf forderte, wenn er es gewagt, ihr Leides zu thun.

Nahe der Gruppe des Wirtes und seiner tapferen Gäste stand eine zweite, anziehender, freundlicher durch Jugend und Schönheit; es war die junge Marquise mit ihrer französischen Kammerfrau und einigen kreolischen Dienerinnen nebst vier oder fünf Cabaleros, die ihr eifrig den Hof machten.

Offenbar einer der nicht am wenigsten Begünstigsten unter ihnen war François, der jugendliche Adjutant des Kommodore. Das Leben im Felde und die steten Anstrengungen des Steppenkampfes hatten ihm ein männliches Ansehen über seine Jahre hinaus gegeben, und das offene, kühne und leichte Wesen, was aus seiner Laufbahn als Seemann in die des Pampaskriegers übergegangen war, berechtigte ihn, trotz seiner mangelhaften gesellschaftlichen Bildung, mit seinem gewandtern Nebenbuhler in die Schranken zu treten.

Aber auch auf sein Wissen und seine Umgangsformen war die Nähe und der tägliche Umgang des Kommodore und seiner schönen Gattin nicht ohne veredelnden Einfluß geblieben. Wenn der junge Franzose bei seinem steten kriegerischen Leben im Felde auch keine Gelegenheit gehabt, sich viel Büchergelehrsamkeit zu erwerben, so hatten doch die Gespräche und das Beispiel des Führers, der eine besondere Vorliebe für ihn hegte, auf seine Sitten und seine Anschauungen vorteilhaft gewirkt. Es war daher nicht zu verwundern, daß die Augen der schönen Señorita nicht ungern auf ihm verweilten, und sie mit jener graziösen Koketterie, die den Frauen spanischen Stammes angeboren scheint, seine Huldigungen ermunterte.

Aber der Nebenbuhler, mit dem er in die Schranken trat, war in der That nicht zu verachten, um so mehr, als ein offizielles Recht ihm zur Seite stand, da er schon seit ihrer Kindheit der Verlobte der schönen Haciendera war.

Don Alvaro Guzman de Montijo war der Sprößling des alten spanischen Grafengeschlechts der Guzman, das bei den bürgerlichen Kriegen der Karlisten und Christinos auf Seite der letzteren gestanden, und dessen Mitglieder bei dem Siege der Partei zum Teil in hohe Würden gekommen. Don Alvaro hatte als Page im Dienst der Königin Christine gestanden und war bei ihrer Vertreibung mit einigen seiner Verwandten nach Frankreich gegangen, wo er sich später von ihnen trennte und nach der neuen Welt einschiffte. Denn da er sein Vermögen verloren hatte und jetzt ein bloßer Abenteurer war, gedachte er einer Verlobung, die seine verstorbene Mutter für ihn geschlossen. Diese war eine Verwandte und Freundin der Señora Carmen, der älteren, und die beiden Freundinnen hatten, nach der Sitte der spanischen vornehmen Familien, ihre beiden Kinder schon in der Jugend verlobt, der Oberst aber viel zu sehr seine Frau geliebt, um deren noch auf dem Totenbett wiederholten Wunsch zu widersprechen und ihr Gelöbnis zu brechen.

Don Alvaro war jetzt achtundzwanzig Jahre alt und besaß eine Menge glänzender Eigenschaften, die seiner Braut nicht gerade Ursache geben konnten, mit ihrem Schicksal unzufrieden zu sein, obschon er ihr sonst ziemlich gleichgültig war. In manchen Beziehungen aber ähnelten sich ihre Charaktere auffallend.

Der Spanier war von Mittelgröße, von hagerer, aber ebenmäßiger Statur. Die stechenden dunklen Augen hatten etwas Unheimliches, das jedoch von dem stereotypen höfischen Lächeln, das auf seinem Gesicht lag, gemildert wurde. Die schmalen Lippen des kleinen Mundes und der ironische Zug um die Nasenwinkel, den der Schnurrbart zum Teil verdeckte, verrieten das Talent der Intrigue und versteckten Ehrgeiz. Seine Manieren waren die des vollendeten Höflings, seine Bildung die des Weltmannes und seine Unterhaltung bestechend.

Diesen beiden Bewunderern gegenüber, denen sich noch zwei oder drei junge Stutzer aus Montevideo oder Söhne benachbarter Hacienderos anschlossen, benahm sich die schöne Tochter des Obersten bald wie eine Königin, bald wie die Manola, deren Koketterie auf der Alameda die Herzen der Männer fesseln will.

Das kreolische und französische Blut mischte sich in dem Äußern und den Eigenschaften der jungen Dame auf eigentümliche Weise mit einander. Das dunkle Inkarnat der vollen, üppig geworfenen Lippe und das glänzende Schwarz der Brauen und der Wimpern, unter denen sich tiefblaue Augen mit einem verführerisch schmachtenden Ausdruck rastlos bewegten, unterbrach die pikante Monotonie der zarten Hautfarbe. Die Stirn war leicht gewölbt, die Nase leicht gebogen. Wenn die volle, von einem leichten dunklen Flaum beschattete Oberlippe zurückzuckte, was häufig geschah, wurde eine glänzende Reihe kleiner spitzer Zähne sichtbar. Das Gesicht war von schwarzem Haar umgeben, auf dem der Sonnenschein rötliche Reflexe schimmern ließ. Das zurückgeschlagene mantillenartige Capuchon von Rosa-Atlas, mit kostbaren Valencienner Spitzen besetzt, ließ die Farben und Formen dieses Kopfes, dieses Halses und dieser Schultern desto eindrucksvoller hervortreten. Die Gestalt der achtzehnjährigen Dame war von mittlerer Größe und zeigte bereits die Anlage jener üppigen Wellenformen, die so aufregend für das Auge ist, ohne durch deutsche oder niederländische Fülle das Graziöse und Leichte einzubüßen. Jede ihrer Bewegungen, ihr Spiel mit dem schönen, mit Spitzen besetzten Pariser Sonnenschirm zeigte den eigentümlichen elastischen Zauber, der dem Gang wie den geringsten Bewegungen der spanischen Frauen eigen ist.

Die Señorita trug hier in der Einöde der Estancias eine reiche und geschmackvolle Pariser Toilette, als wolle sie damit von der halb wilden charakteristischen Umgebung desto koketter abstechen.

»Es ist wahrscheinlich, Monsieur le Commodore,« sagte der Marquis, »daß ich Sie binnen kurzem in Montevideo oder doch an den Ufern des La Plata wiedersehen werde, wenn Sie mir nicht das Vergnügen machen, Ihren Aufenthalt auf acht Tage auszudehnen, damit ich Sie begleiten kann; denn eine eigentümliche Angelegenheit fordert meine Anwesenheit in Montevideo oder Buenos-Ayres, und ich habe bereits an General Oribe geschrieben, um mir die nötigen Geleitspapiere zu verschaffen.«

»Ist es erlaubt, Euer Excellenz nach der Ursache zu fragen, und ob ich vielleicht so glücklich sein kann, Ihnen dabei zu dienen?«

»Es handelt sich um eine Testamentsklausel meines verstorbenen Schwiegervaters und um die Geschichte meiner eigenen Jugend. Sehen Sie jene Tropilla dort von schwarzen Hengsten mit der prächtigen isabellfarbenen Madrina an ihrer Spitze?«

»Ich bewundere Sie längst schon und wünschte, sie gehörte zu der Zahl der Pferde, die Euer Excellenz mir überlassen wollen.«

»Sie gehört dazu, und der Capataz giebt eben das Zeichen sie einzufangen. Aber Sie werden dafür nicht mein Schuldner sein, Monsieur, sondern der eines Fremden.«

Der Kommodore sah ihn fragend an.

»Es ist der letzte Rest der Cavallada des Puestos,« fuhr der Oberst lächelnd fort, »der meinen Arm oder vielmehr mein Leben bezahlen soll. Doch hören Sie den Zusammenhang. Sie wissen, daß ich den Arm bei Belle-Alliance verlor. Mein Regiment gehörte zur Reserve, als Grouchy uns verräterischer Weise die Preußen von St. Lambert her in die Flanke kommen ließ, während Soults Kolonnen auf dem Punkt waren, die britischen Eisenfronten zu werfen. Die Garde-Husaren waren unter den Truppen, die der Kaiser auf seinen letzten Wurf setzte! Ich seh ihn noch vor mir, das kalte graue Gesicht, wie er auf seinem Schimmel heransprengte und stumm nach den dunklen Linien des Feindes wies, wie er aus dem Walde debouchierte. ›Halten Sie ihn auf, Oberst,‹ sagte er, ›nur eine Stunde! Ihre Generals-Epauletten sind dort!‹ Fort ging's im donnernden Karriere – Blüchers Husaren schwärmten bereits über die Ebene, und seine leichte Artillerie donnerte todsprühend von den Höhen. Dreimal kam ich mit dem Regiment heran, die Batterie zu nehmen, und dreimal mußten wir zurück – die Kartätschen und das Feuer der Jäger, die zur Unterstützung der Batterie herangekommen, räumten die Sättel. Dann kamen die brandenburgischen Kürassiere heran wie eine weiße Wolke und warfen uns über den Haufen. In dem Augenblick, als mein linker Arm von einer Büchsenkugel zerschmettert wurde, spaltete der Pallaschhieb des Offiziers mit dem ich focht, meine Bärenmütze, und nur die eiserne Platte darin schützte meinen Schädel, aber der Hieb warf mich bewußtlos vom Pferde.«

»So gerieten Sie in die Gefangenschaft der Preußen?«

»Nicht so ganz! Als ich wieder zu mir kam, lag ich an einem Biwakfeuer und meine Wunden waren, so gut es ging, verbunden. Der preußische Offizier saß neben mir, und obschon mein Säbel ihm arg über die Stirn gefahren war, hatte er für mich gesorgt, als wäre ich sein Waffenkamerad. Durch seine Verwendung kam ich ins preußische Lazarett nach Valenciennes, wo mir der Arm amputiert wurde. Es war das Geringste, was der brave Feind für mich that. Die Spione Ludwigs waren wie die Harpyen hinter uns her, die wir bei der Rückkehr des Kaisers die weiße Fahne verlassen hatten und zu seinen Adlern geeilt waren, und ich war kaum genesen, als ich nach Paris gebracht wurde, um die Untersuchung gegen Ney und Labedoyère zu teilen. Ein Zufall führte mich bei der Ankunft in Paris mit dem Offizier zusammen, dem ich meine Rettung auf dem Schlachtfelde von Belle-Alliance verdankte, und er war es, der sich meiner annahm, meine Flucht vorbereitet und mich, als Courier nach Berlin gehend, in der Kleidung seines Burschen über die belgische Grenze brachte und mir die Mittel gab, nach England zu entkommen!«

»Ein braver Soldat und ein wackerer Mann! Hörten Sie nie wieder von ihm?«

»Er wies die Freundschaft des Bonapartisten zurück und wollte nur als Soldat gegen den Soldaten gehandelt haben,« fuhr der Oberst fort. »Sie wissen, daß ich von England alsbald nach den La Plata-Staaten ging, hier alte Freunde aus der Zeit meines Glückes und Glanzes und Ruhe und ein friedliches Leben an der Hand eines geliebten Weibes fand. Ich weiß nicht, ob mein braver Feind und Retter von damals noch lebt, aber ich hoffe, daß er eben so glücklich geworden ist, wie ich, denn wie ich mich erinnere, vertraute er mir damals, daß ihn in der Heimat ein geliebtes Mädchen seines Standes erwarte, um seine Gattin zu werden.«

»Doch ich begreife noch immer nicht, Herr Marquis, wie Ihre damalige Rettung mit der Tropilla jener prächtigen Rappen zusammenhängen sollte.«

»Mein Schwiegervater kannte meine Geschichte und meine Schuld. Ohne mein Wissen bestimmte er am Tage meiner Hochzeit eine neu von der Regierung an der Grenze seiner Estancia erkaufte Station zum Eigentum meines Retters im fernen Europa. Die Herden des Hornviehes und die Manadas, die auf diesem Puesto gezüchtet wurden, waren der wachsende Reichtum eines Europäers, der keine Ahnung von diesem Besitz in den fernen Steppen Amerikas hatte. Ich selbst erhielt erst Kunde davon beim Tode meines Schwiegervaters. Eine besondere Klausel seines Testaments setzte fest, daß die Herden der bestimmten Station dreißig Jahre lang vom Tage unserer Trauung zum Besten meines Retters verwaltet, und nach dieser Zeit der Ertrag derselben der Familie oder seinem ältesten Sohn überliefert werden sollte als ein Zeichen dankbarer Erinnerung. Gestern war der Tag meiner Hochzeit, die Stiere des Puestos sind verkauft und die Reseros bereits mit ihnen auf dem Weg, die Manadas sind für Sie ausgewählt, und mein Rechnungsführer hat das Konto geschlossen. Barbe de Dieu! – es liegen bei meinem Bankier in Montevideo hunderttausend Pistolen in Wechseln auf Lafitte in Paris bereit, und es handelt sich nur darum, sie dem rechten Eigentümer zu überliefern!«

»Mein Gott, das sind mehr als eine und eine halbe Million Lires!«

»Was wundert Sie dabei, Monsieur le Colonel? Das Vermögen Carmens wird davon nicht berührt und die Erbschaft wird beweisen, daß die Soldaten der alten Garde des Kaisers weder Freund noch Feind vergessen!«

»Aber jener Offizier kann längst gestorben sein. Wie wollen Sie ihn auffinden, wenn Sie seit dreißig Jahren nie wieder von ihm gehört?«

»Drum brauch' ich einen sichern Agenten, den richtigen Erben zu suchen, und darum war die Erbschaft nicht für ihn selbst, sondern seinem ältesten Kinde bestimmt.«

»Wie hieß der Brave?«

» Pardi! Diese deutschen Namen sind so verteufelt schwer auszusprechen! Ich bewahre das Blatt, worauf er ihn selbst geschrieben, in meinem Portefeuille.« Er öffnete die Brieftasche und zog ein kleines vergilbtes Papier hervor. »Lesen Sie selbst!«

Der Kommodore las neugierig die Adresse: » Frédéric de Reubel, lieutenant au service de Sa Majesté le roi de Prusse. Cuirassiers de Brandebourg.«

»Ein Wechsel, der mit Zinsen bezahlt wird,« sagte er lächelnd, indem er das Papier zurückreichte. »Ich wünsche, daß Sie eine zuverlässige Person finden mögen, der Sie den Auftrag anvertrauen können. Aber was geht dort vor?«

» Barbe de Dieu! Der tolle Bursche ist mitten im Corral und handhabt den Lasso, als wäre er in den Pampas geboren! Das Pferd soll das seine sein, wenn er es zu Boden bringt! Was wollen Sie, Señor Capataz?«

»Wir sehen nach Westen den Rauch steigen, Excellenza, und die Zeichen an den Rodios. Es ist Zeit, daß wir das Signal zum Anzünden der Fläche geben!«

»Einen Augenblick noch, Señor Capataz, lassen Sie uns sehen, was jener junge Franzose beginnt! Pardieu! was fällt dem Grafen ein? Sind die beiden Narren toll geworden?«

Die Aufmerksamkeit aller wandte sich der zweiten Truppe zu, wo die Koketterie der jungen Marquise einen ziemlich gefährlichen Wettstreit hervorgerufen hatte.

»Sie dürfen nicht glauben, Monsieur, daß ich in Paris ganz meine alten Geschicklichkeiten vergessen habe,« scherzte die Dame. » Monsieur le Marquis erzog mich zu einer Reiterin, und man hat mich in Chantilly mehr als einmal bewundert. Mein Bruder war vor zwei Jahren in Paris und führte mich zu den Rennen. Sie sind Kinderspiel gegen unsere Ritte in den Pampas! Auch verstehe ich die Bolas und den Lasso zu werfen!«

»Ich will mich an die Fockraa schnüren lassen, schöne Dame,« sagte galant der Adjutant, »wenn ich nicht überzeugt bin, daß die wildeste Manada vor diesen schönen Augen so fromm wird, wie ein Lamm. Ich möchte Sie wohl auf einem Ritt durch die Ebene begleiten.«

»Das Glück können Sie haben, wenn Sie sich bis morgen gedulden,« lachte die junge Marquise. »Annitta, mein Kind, beginnt morgen nicht meine spanische Woche?«

»Die Señora wissen es,« erwiderte die angeredete Dienerin. »Der Rebozo liegt bereit.«

»Es ist schade – es hätte einen Tag früher sein müssen, aber ich muß Ordnung halten, Messieurs! Sie müssen wissen, Señor Assistente, daß ich meine Wochen habe. Die eine bin ich Pariserin, in der andern gehöre ich Spanien. Alle meine Liebhabereien sind danach geregelt. Pa' hält selbst streng darauf, und ich weiß wirklich nicht, wie er mich lieber sieht. Fragen Sie Monsieur le Comte, ob ich nicht mit jedem Peon um die Wette reite.«

»Der Señor wird es morgen auf seine Kosten erkennen lernen. So viel ich gehört, ritt er noch vor einigen Jahren Segelstangen statt der wilden Pferde der Pampas.«

Der junge Franzose kehrte sich rasch zu dem Spötter. »Mein Dienst auf der ›Itaparika‹, Señor Conde, hat mich nicht gehindert, ein Soldat der Pampas zu werden. Ich glaube, daß der Dienst in der italienischen Legion eine bessere Schule für körperliche Übungen und Gefahren ist, als das Parkett der Salons von Paris und Madrid.«

»Ich muß Ihnen bemerken, Señor Assistente, daß der Name Alvaro de Guzman mehr als einmal unter den Toreadors der Arena von Madrid genannt wurde!«

»Keine Prahlereien, meine Herren,« lachte die schöne Carmen. »Für zwei Kavalliere wie Sie wird es an Gelegenheit nicht fehlen, hier Ihre Talente zu zeigen, und wer den Sieg davon trägt, soll die Ehre haben, heute eine Quadrille oder einen Fandango mit mir zu tanzen bei dem Fest, das der Oberst den Dienern der Hacienda am Abend giebt!«

»Die Aufgabe, Madame la Marquise, die Aufgabe!«

» Mon Dieu! wählen Sie selbst! Sie müssen wissen, was Sie im Sattel leisten können. Den Señores hier steht es natürlich frei, an der Bewerbung Teil zu nehmen!«

Es war offenbar, daß sie ihrem Verlobten einen Streich spielen wollte, da sie sehr wohl wußte, daß er es in den wilden Reiterkünsten der Eingeborenen mit diesen nicht aufnehmen konnte und mit der Handhabung des Lassos gar nicht vertraut war. Die Aufforderung der Dame rief ein Jubelgeschrei unter den jungen Kreolen hervor, denen die Rolle, die sie den Rivalen gegenüber bisher gespielt, schon längst ärgerlich war, und die sich gern unter die wilde, ihrer Erziehung mehr zusagende Beschäftigung der Reiter gemischt hätten. Der Ruf nach Pferden erscholl, und ehe fünf Minuten vergingen, waren die jungen Männer im Sattel und ordneten die Lassos, die ihnen von den Vaqueanos gereicht wurden, um den rechten Arm.

Die junge Marquise, die über der Teilnahme an dem aufregenden Schauspiel ganz vergessen zu haben schien, daß ihre »Pariser Woche« noch nicht zu Ende sei, wandte sich mit erkünsteltem Erstaunen zu ihrem Verlobten, der ruhig am Rand der Estrade stehen geblieben war, nachdem er einem Diener einige Worte gesagt hatte. Eine leichte Röte färbte seine Stirn, als seine Blicke den gewandteren Rivalen folgten, und seine schmalen Lippen waren scharf zusammengepreßt, sonst aber war keine Spur des Ärgers an ihm sichtbar, den er empfand.

»Wie, Señor Conde, Sie schließen sich aus von der Bewerbung um meine Hand zum Fandango?« sagte die junge Dame mit spöttischem Ton. »Das ist wenig galant von Ihnen, Don Alvaro, und verspricht nicht viel für Ihre Aufmerksamkeit als Gemahl!«

» Adelante! Adelante!« riefen die jungen Hacienderos und sprengten durch die geöffnete Pforte des Corrals.

» Cascaras!« rief das wilde Mädchen, »ich glaube, ich schicke die Pariserin zum Henker vor der Zeit. Sehen Sie, Don Alvaro, wie unser kleiner Assistente in den Corral setzt! Hombre! was für ein Mann! Er reitet, als wär' er ein geborner Gaucho!« Sie klatschte in die kleinen Hände und schwenkte ihren Sonnenschirm. »In den Sattel! in den Sattel, amigo mio! wie können Sie einen Augenblick zaudern? Arellanos hält Ihr Pferd!«

Die jungen Männer waren in den Corral gesprengt und hatten die Rolle der Peons übernommen, die sich vor den Herren bescheiden in die Einfriedigung zurückgezogen. Die Pferde rannten noch immer wild durcheinander, die Tropillas sich dicht zusammenhaltend und daher dem Wurf des Lasso schwerer zugänglich. Der junge Franzose hatte sich den kräftigsten der schwarzen Hengste ausersehen, die der isabellfarbenen Madrina folgten, und versuchte durch alle Reiterkünste, ihn von der Herde zu sondern.

Don Guzman warf einen eisig kalten Blick auf das aufregende Schauspiel, ohne Anstalt zu machen, das ihm vorgeführte Pferd zu besteigen.

»Der Señor Assistente braucht ein Pferd, um General Urquiza und seinen Gauchos zu entgehen,« sagte er mit Hohn. »Es ist in seinem Interesse, das schnellste zu wählen!«

»Pfui, Don Alvaro! Der Tapferste kann Unglück haben, und Pa' hegt große Achtung vor dem Señor Kommodore und seinen Kriegern.«

Der Graf zuckte die Achseln.

»Wer mir gefallen will, Señor Conde,« fuhr die Dame mit Stolz fort, »muß ein Mann von Mut und Kraft sein, kein Mann der Glacéhandschuhe und der Besorgnis vor Gefahr! Bravo! Bravo, Señor Assistente! die Schlinge war trefflich geworfen!«

Die durchbohrenden und doch so kalten Augen des Spaniers ruhten fest und hochmütig auf ihr. »Sie scheinen der Ansicht, Niña,« Donna. sagte er frostig, »daß ein Mann, der Glacéhandschuh trägt und nicht gerade den Stallknecht zu spielen versteht, deshalb keinen Mut haben soll?«

»Sie sprechen ganz meine Meinung aus, Señor,« erwiderte hochmütig und achtlos das Mädchen, mit ihrem Augenglas die Bewegung der Reiter verfolgend. »Sehen Sie den jungen Franzosen – er hat den Hengst gebändigt! Die Paisanos springen hinzu – er hat den Sieg über Sie davon getragen, Don Alvaro, und mich gewonnen!«

»Noch nicht, Señora, und er möge sich hüten, es zu versuchen« sagte der Spanier kalt. »Gieb!«

Der Diener, den der Graf abgeschickt, kam auf schäumendem Pferde von der Hacienda daher gejagt und warf sein Roß dicht vor der Estrade auf die Hinterfesseln, daß seine kräftigen Glieder erbebten.

Er trug in seiner Hand einen kurzen starken Degen; der blaugraue matte Stahl zeigte eine echte Toledoklinge.

Ein Jubelruf von dem Corral der Pferde her verkündete den Sieg des Franzosen über den wildesten der Hengste. Die Paisanos warfen sich auf die gebändigten Tiere, bliesen in ihre Nüstern und führten sie aus dem großen Corral.

Der spanische Graf nahm von den Schultern einer der eingeborenen Dienerinnen die flatternde Schärpe von roter Seide und breitete sie über die Reitgerte, die er trug. »Mit Erlaubnis, Kind, nimm diese Dublone dafür!«

Dann nahm er das Schwert aus der Hand des Reiters und stieg die Stufen der Estrade hinab.

»Was soll dies bedeuten? Wohin, Señor Conde, wenn ich fragen darf?«

»Señora, Sie erlaubten jedem von uns, seine Aufgabe nach eigenen Fähigkeiten zu wählen. Ich ziehe vor, Ihnen auf andere Weise, denn als Jockey, zu beweisen, daß es Ihrem künftigen Gemahl nicht an Mut oder Kraft gebricht.«

Er schritt ruhig weiter über den Raum, der die beiden Corrals trennte und näherte sich dem Zugang des für die wilden Rinderherden bestimmten.

Dies war der Augenblick, in dem der Ruf des Estanciero die allgemeine Aufmerksamkeit auf seinen künftigen Schwiegersohn lenkte.

Die junge Marquise zog ihre Mantille fester um sich und verfolgte mit festem Auge jede Bewegung des ihr bestimmten Gatten, den sie bisher mit großem Übermut zu behandeln gewohnt gewesen.

Don Alvaro hatte jetzt die kleinere, etwa fünfzig Schritt im Durchmesser haltende Umpfählung betreten, die vor dem Eingang des großen Corrals sich befand und dazu diente, die zum Verkauf oder zum Zeichnen ausgewählten Tiere von der Masse der Herde abzusondern. Der Schlagbaum des Eingangs war eben von den Wächtern gehoben, und zwei Vaqueanos trieben mit ihren Stachelstöcken einen kräftigen, zweijährigen Stier in den Raum; der Lasso flog um die Hörner des Tieres, ein zweiter um seine Hinterfüße, und mit wütendem Gebrüll stürzte der Bulle zu Boden. Im Augenblick sprangen die Paisanos hinzu und setzten das zischende Eisen auf seine Schenkel. Mit einem plötzlichen Ruck riß sich das wütende Tier los, schleuderte zwei der Knechte zur Seite und galoppierte schnaubend durch den Raum.

»Zurück Ihr Alle!« befahl die kräftige Stimme des Grafen. »Daß niemand wage, dem Tier zu nahen!«

Die Paisanos sprangen über die Schranken, die Vaqueanos flüchteten nach dem großen Corral, Don Alvaro stand allein in der Mitte des Platzes und schwang die Reitgerte mit dem roten Shawl dem Tier entgegen.

»Ein Stiergefecht, so wahr ich lebe! Das tolle Mädchen hat gewiß die Sache angestiftet! Kommen Sie heraus, Graf, und setzen Sie nicht unnütz Ihr Leben aufs Spiel!«

Der Spanier achtete nicht auf die Worte des Marquis. Das wütende Tier hatte bis dahin nichts von der kühnen Herausforderung gesehen, jetzt aber, einen Augenblick in seinem Rundlauf stillstehend, um zu verschnaufen, erblickte es die verhaßte Farbe, und den Kopf senkend, daß die dampfenden Nüstern fast den Boden berührten, stürzte es in wilden Sprüngen gerade auf den Grafen zu.

Ein Schrei der Angst erscholl von der Tribüne, aber der Spanier kannte zu wohl die Stimme seiner Verlobten, um sich über das Zeichen der Teilnahme an seiner Gefahr zu täuschen.

Im Augenblick, als der Stier dicht vor ihm war, und seine Hörner ihn fast schon berührten, sprang er mit graziöser Gewandtheit zur Seite und das wütende Tier schoß unter dem roten Tuch durch, bis es mit dem Kopf gegen die starke Verpfählung rannte. Als es sich umkehrte, schienen seine schwarzen Augen Feuer zu sprühen und dicker Schaum stand vor seinem Maul. Zweimal noch stürzte der Bulle gegen die seine Wut immer mehr reizenden Farben und beidemale gelang es dem neuen Matador, im Augenblick der höchsten Gefahr sich glücklich zur Seite zu werfen.

Als der Stier zum viertenmal herankam, erkannte man aus der festen Stellung, die der junge Mann annahm, daß es jetzt zur Entscheidung kommen mußte.

Die Vaqueanos und Paisanos in und um die Corrals hatten ihre Beschäftigung eingestellt, und mit der Teilnahme, die jedes kühne Thun bei den wilden, auf die Ausübung der körperlichen Kräfte mehr als der geistigen angewiesenen Völkern erregt, hing jedes Auge an dem improvisierten Kampf.

Auch François und die jungen Kreolen hielten, des eigenen Sieges vergessend, unbeweglich an der Umzäunung, bereit, ihrem Rivalen mit dem Lasso zu Hilfe zu kommen.

Der Stier schien zu wissen, daß die bisherige Art des Angriffs seinem Gegner den Vorteil über ihn gab, denn er kam jetzt heran galoppiert, den Schweif hoch in der Luft und die Nüstern erhoben. Erst als er kaum noch drei Schritte von seinem Feind entfernt war, hielt er plötzlich an, stemmte die Vorderbeine fest und senkte den Kopf zwischen sie, um im nächsten Augenblick auf seinen Gegner anzuspringen und ihn auf die Hörner zu spießen. Aber dieser Augenblick war verderblich für ihn selbst. Man sah die schlanke Gestalt des Spaniers sich leicht vorwärts bewegen, der rote Shawl flog über den Kopf des Tieres, und ehe es sich von den Falten befreite, verschwand der Degen des Grafen fast bis zur Hälfte der Klinge in dem Nacken des Stiers.

Der Stoß war so sicher und kräftig geführt, gerade in das Gelenk zwischen dem kurzen Hals und den breiten Schulterblättern, daß der Bulle, wie von einem Blitz getroffen, in die Kniee und dann schwerfällig zu Boden stürzte. Er zuckte noch einige Augenblicke mit den Beinen und streckte sich dann verendend.

Ein donnerndes Bravo- und Vivatgeschrei begleitete diesen Erfolg der Kühnheit und Gewandtheit. Selbst die junge Marquise konnte sich nicht enthalten, lebhaft in die Hände zu klatschen. François war enthusiastisch in seinem Beifall.

»Bravo! bravo! der Graf hat es vortrefflich gemacht; ich hätte ihm solche Kraft und Sicherheit nicht zugetraut, dem süßen Damenritter,« rief der Oberst. »Ich sah es nicht besser im Cirkus von Madrid, als König Joseph das große Stiergefecht gab, und die besten Matadore von Andalusien und Estremadura versammelt waren. Und jetzt, Señor Capataz, wenn es Ihnen gefällig ist, auf mit den Signalen; denn es ist Zeit, daß wir unser Morgenwerk beenden!«

Während der Oberst und der Kommodore dem von den jungen Männern im Triumph zurückgeführten Grafen entgegen gingen, flog an der hohen Stange des nächsten rodio ein Bündel angezündeter Pfirsichäste in die Höhe, und im Augenblick flammten an zehn Stellen entlang des Flusses die zerstreuten Rohr- und Disteldickichte im Feuer auf. Die Paisanos, die sie angezündet, jagten im rasenden Galopp zu der durch den umgebenden Graben gesicherten Hacienda oder dem Platz, auf dem sich die Gesellschaft befand, zurück.

Don Alvaro, begleitet von seinen Rivalen, dem Obersten, seinen Gästen und dem Haufen der Peons und Diener des Hacienderos, nahte sich der Estrade, auf der noch immer die Marquise stand, und schritt mit ruhiger Würde die wenigen Stufen hinauf. Oben angekommen, legte er den Degen, den er aus dem Körper des Stiers gezogen, und die von seinen Hörnern genommene, mit dem Blut des Tieres bespritzte Schärpe zu den Füßen des jungen Mädchens nieder.

»Señora,« sagte er mit stolzer Höflichkeit. »Ihr unwürdiger und gehorsamer Verlobter erlaubt sich, die Beweise zu Ihren Füßen niederzulegen, daß auch die Erziehung der Salons von Madrid nicht ganz alle körperlichen Übungen auszuschließen pflegt, die Sie so sehr an den edlen Caballeros dieses Landes bewundern. Da ich mich auf den Wurf des Lasso nicht verstehe, habe ich versucht, auf andre Weise mein Anrecht auf Ihre Hand für das Fest dieses Abends aufrecht zu erhalten.«

»Und Sie haben sie verdient, Señor Conde,« erwiderte kokett die Schöne. »Ich gestehe es zu, ich muß Sie, ohne diesen Caballeros zu nahe treten zu wollen, in dem Wettkampf der Gewandtheit und Geschicklichkeit als Sieger erkennen.«

»Ich hoffe, Señora, es immer zu bleiben!«

Der Blick, der dem ihrigen begegnete, war demütig, ehrerbietig, aber dennoch fühlte Carmen, daß ein versteckter Triumph, eine heimliche Drohung darin lag, und ihr schönes Gesicht überflog eine rasche dunkle Röte.

»Wir wollen sehen, Señor Don Alvaro!«

Dann, sich niederbeugend, nahm sie die blutbespritzte Schärpe und schlang sie um ihre Taille.

»Was machst Du, Kind? Du befleckst ja Dein Kleid!«

» Quien sabe! was thut es? Señor Don Alvaro hat mir einen so blutigen Beweis seiner Zuneigung gegeben, daß ich ihm beweisen muß, ich fürchte seine Art nicht. Aber sehen Sie, Señor Assistente, das prächtige Schauspiel. Ich habe es lange nicht gesehen und es erweckt in mir alle Erinnerungen der Kindheit!«

In der That war der Anblick, der sich entfaltete, ein eben so überraschender als großartiger.

Die Ebene war, wie wir bereits erwähnt, auf großen Strecken mit den jetzt vertrockneten mannshohen Distelbüschen bedeckt, die üppig auf den Pampas und den Weiden Südamerikas wuchern. Die angezündete Flamme verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit über das dürre hohe Riedgras, das die Zwischenräume bedeckte, lief an den Büschen empor und türmte gleichsam feurige Berge aus diesem knisternden Glutmeer, das sich weiter und weiter schlängelte.

Die Umgebung der großen Corrals, die überdies durch die um die Verzäunungen laufenden Gräben geschützt waren, konnte von den fliegenden Flammen nicht berührt werden, da hier, teils durch die Bemühung der Paisanos, teils durch die Hufe der Tausende von Tieren, jede Spur von Pflanzenwuchs vertilgt war, der dem Feuer hätte Nahrung geben können, so daß die Gesellschaft sich eben so sicher auf der Estrade befand, wie die Tiere in den Corrals. Dennoch erhoben dieselben bei dem Anblick des Feuers und dem Geruch des Rauchs ein Brüllen und Wiehern, das weit über die Ebene scholl, und rannten wie toll durcheinander.

In diesem Moment faßte der Kommodore den Arm des Haciendero und deutete nach Osten. Der Wind kam vom Süden her und der Rauch war an den meisten Stellen noch niedrig und in breiten Lücken über den Boden geballt, so daß man von dem höhern Standpunkt, den die Gesellschaft einnahm, darüber hinwegblicken und die noch freie Ebene weit übersehen konnte.

»Dort scheint sich einer Ihrer Reiter verspätet zu haben, Monsieur le Colonel, der Mann wird doch nicht gefährdet sein?«

» Caramba! – der Bursche verdient zu verbrennen, wenn er so fahrlässig gewesen ist. Wer fehlt von den Rodiomännern, Señor Capataz?«

»Niemand, Excellenza, so viel ich weiß. Heda, Bursche, sind die vier Feuerwächter von den Rodios zurück?«

»Hier sind wir, Señor Capataz!«

»Dann, Excellenza, ist jener Mann ein Fremder, und wenn er nicht die Gebräuche und Hilfsmittel der Pampas kennt, wird er in große Gefahr kommen.«

»Mir scheint, daß es ein Reisender ist, denn er kommt auf dem Wege von Corralva daher.«

Aller Augen waren auf den fernen Reiter gerichtet, der noch mehr als eine halbe Legua entfernt sein mochte, aber doch deutlich erkennbar war, wenn nicht der jetzt immer höher wirbelnde Rauch ihn von Zeit zu Zeit verbarg.

»Wenn er eine Ahnung hat, daß zu seiner Linken der Fluß ist, und er sich in dieser Richtung hält, wird er sich mit leichter Mühe schützen,« meinte der Capataz.

» Santa Virgem! Blicken Sie dort hin, Caballeros, dort ist die Gefahr weit schrecklicher! Himmel! die armen Leute sind verloren, wenn niemand ihnen beisteht!«

Aller Blicke wandten sich von dem fernen Reiter ab und der Richtung zu, nach der Carmen wies, die zufällig unter dem Eindruck, den die Gefahr des Fremden machte, den Horizont mit ihren Augen durchlaufen hatte.

» Barbe de Dieu! Ist denn heute der Teufel los mit solch unsinnigen Narren? Wo kommen die Thoren her, um sich selbst den Tod in dem Steppenfeuer zu geben?«

Zwei Gestalten sah man in der Richtung des fernen Waldsaumes nach Norden zu auf der Spitze einer leichten Erhöhung hervortreten, die bisher ihre Annäherung verborgen hatte. Sie waren ziemlich ebenso weit wie der Reiter im Osten entfernt, aber offenbar in größerer Gefahr, da dort die Dickichte der Disteln und Rohrniederungen weit größer und zahlreicher waren, und der Wind die wandernde Feuersbrunst gerade auf sie zutrieb.

Durch die weite Öffnung, die derselbe Luftstrom, der die Gefahr erhöhte, in die ballenden Rauchwirbel riß, konnte man die fernen Gestalten einige Minuten lang deutlich sehen. Es waren zwei Personen, die eine zu Pferde, die andere zu Fuß; beide hielten dicht zusammen auf der Spitze des Hügels und schienen zu beraten, wie sie der drohenden Gefahr entrinnen könnten. Im nächsten Moment schlossen die Rauchwolken wieder die Aussicht.

»Mein Gott, Señor Colonel, läßt sich denn gar nichts für die Unvorsichtigen thun?«

»Ich fürchte, es ist alles vergeblich, Kommodore! Señor Capataz, wissen Sie ein Mittel?«

»Hört! ein Schuß! Sie geben ein Signal, sie rufen um Hilfe! Heilige Margaritta! stehen Sie ihnen bei, Señores! Helfen Sie! retten Sie!«

»Señora, es ist vergeblich! der Boden, über den die Flamme gelaufen, ist für eine halbe Stunde ein glühender Rost, kein Fuß kann ihn betreten!«

Die junge Dame war in die Knie gesunken und barg schaudernd ihr Gesicht in die Hände.

Wieder öffnete ein Windstoß den Rauch; wieder sah man die Gruppe.

Die Person zu Pferde hielt noch unverändert auf derselben Stelle und schien mit einem Tuch zu winken, der Fußgänger schien gebückt auf dem Boden beschäftigt.

» Caramba! sie müssen mit den Sitten der Pampas vertraut sein. Aber es wird ihm nicht gelingen, Boden genug frei zu machen, ehe die Flamme sie erreicht, und in dem Rauch müssen sie ersticken, wenn sie dort bleiben. Warum giebt der Thor seinem Pferde nicht die Sporen und versucht wenigstens allein den Wald zu erreichen und sein Leben zu retten. Carájo! ich glaube wahrhaftig, es ist ein Weib dabei!«

»Ein Weib?!« Die Worte des erfahrenen Capataz riefen Schrecken hervor bei den Umstehenden.

»Ein Weib? Barmherziger Gott! wir müssen sie retten!«

»Hundert Piaster, Leute, dem, der den Ritt wagt!«

Aber das großmütige Gebot des Haciendero fand keine Antwort. Selbst die kühnsten Vaqueanos wußten, daß es unmöglich sei, in dem Rauch, der jetzt dichter und dichter alles umhüllte, den Weg zu finden, und daß der Fuß eines Pferdes so wenig wie der eines Menschen den brennenden Boden betreten könne.

»Halten Sie die Richtung fest, Señor Kommodore, in der Sie die Leute gesehen!« klang plötzlich eine frische und kräftige Stimme. »Heran, Männer, und haltet ein Pferd bereit, das stärkste und schnellste, das gesattelt ist!«

Die Marquise sah empor. Auch der Kommodore kannte die Stimme.

»Was willst Du thun, Francesco, mein Sohn? was hast Du?«

Der junge Offizier, der so rasch, als es seine Last erlaubte, von dem Corral der Rinder daher eilte, schleppte die Stierhaut hinter sich her, welche die Paisanos alsbald von dem durch die Hand des aristokratischen Matadors erlegten Bullen abgezogen hatten.

»Ein Pferd herbei! ein Pferd! Taucht einen Poncho in Wasser! Schnell einen Lasso in Riemen geschnitten!«

Einige der Peons kamen sogleich mit dem kräftigen Hengst herbei, den der junge Franzose vorhin geritten, andere weichten ihre Ponchos in den Rinnen von Rohr, die vom Brunnen der Hacienda nach den langen Holztrögen der Corrals führten.

Der Offizier hatte sich auf den Boden geworfen, sein scharfes langes Messer schnitt die frische, feuchte, von Fett und Blut noch triefende Haut in große viereckige Stücke.

»Haltet das Pferd fest – hinten und vorn! Hebt ihm den Huf auf!«

»Bei den heiligen Märtyrern! Der Señor hat das einzige Mittel gefunden, durch die Flammen zu kommen!« Der verständige, umsichtige Capataz hatte alsbald die Absicht des Jünglings begriffen und half ihm mit enthusiastischer Bewunderung. In zwei Minuten waren die Hufe und unteren Beine des Pferdes bis zum Knie mit den Stücken der Stierhaut, die feuchte, frische Seite nach außen, umwunden und diese festgeschnürt.

»O, Vater, er wird sie retten! ich wußte es wohl!« Das schöne Mädchen hielt die Hände freudig gegen den entschlossenen jungen Mann ausgestreckt.

Dieser hatte eine Kapsel hervorgezogen und geöffnet, die an einer Schnur um seinen Hals hing. Es war ein kleiner Kompaß, wie ihn Seeleute häufig tragen, und er verglich ihn hastig mit der Richtung, die ihm der Kommodore in der jetzt jedem Auge undurchdringlichen Rauchwand bezeichnete.

»Nord-Nord-Ost, zwei Striche zu Ost, – Jetzt, Señor Conde, hoffe ich Ihnen zu beweisen, daß man auch bei einem Ritt auf den Raaen manches lernen kann! Ich lasse Ihnen die leichtere Aufgabe – helfen Sie dem Fremden auf der Straße von Corralva, indes ich mein Heil versuche! Lassen Sie die Glocke der Hacienda läuten, Señor Coronel, damit wir einen Halt für den Rückzug haben, und nun die Ponchos her und Gott befohlen, schöne Dame!«

Er sprang in den Sattel, der Kommodore selbst hüllte ihn in den triefenden Poncho, ein zweiter wurde über das Pferd geworfen.

»Die heilige Jungfrau sei mit Ihnen, tapferer Caballero!«

Ein tiefer Spornstich in die Flanken des bäumenden Rosses, dann schoß es mit der Schnelligkeit des Pfeils in die wirbelnde Rauchwand, die im Nu jede Spur von ihm begrub. –

Reges Leben war jetzt auf dem Platz – die kühne That des jungen Franzosen hatte alles zur Thätigkeit erregt. Bald erklang die Glocke der Hacienda, die Peons hatten den Madrinas ihre Leitglocken abgenommen und setzten sie um die Corrals her in Bewegung. Reiter, den Capataz an der Spitze, versuchten, am Ufer des Baches entlang, wo bereits das Feuer erloschen war und nur dichter Rauch noch über den Boden ballte, in der Richtung des Weges vorzudringen, auf dem man den fremden Reisenden hatte herankommen sehen.

Diesen Reitern schloß sich Don Alvaro an.

Der Kommodore zeigte die größte Besorgnis, wiederholt verließ er die Estrade und versuchte über den Umkreis der Corrals in das Meer von knisternden Flammen und Rauch vorzudringen; aber die Glut war noch zu groß; das Feuer, wenn auch nicht mehr hoch auflodernd, knisterte fortwährend noch an den Resten der Gräser und Pflanzenkörper hin.

Alles lauschte jedem Laut, wenn auf Augenblicke die Glocke der Hacienda schwieg; die schöne Estanciera hatte nur Sinn und Aufmerksamkeit für die Seite, nach der der junge Franzose verschwunden war. Um das Schicksal ihres Verlobten bekümmerte sie sich nicht.

Eine Viertelstunde war vergangen; Minute auf Minute verstrich. Das Feuer in der Umgebung war bereits erloschen, der Luftstrom vom Wasser her trieb die dünnern und dünnern Rauchwolken vor sich her.

»Itaparika! Hoi! – hoh!«

Ein dunkler Körper spaltete die Wolken; auf schnaubendem Pferde, geschwärzt von Rauch, die Haare verbrannt, die Kleider versengt, eine in den Poncho verhüllte Gestalt an die Brust gedrückt, kam der Jüngling daher gesprengt. Das keuchende Roß, wie der Reiter die frischere Luft einsaugend, stieß ein pfeifendes Schnauben aus, als es dicht vor der Estrade in die Kniee stürzte – Männer sprangen herbei – Hände streckten sich zur Hilfe aus – dann schwang der junge Offizier die verhüllte Gestalt empor – sein keuchender Mund versuchte vergeblich zu sprechen – seine Hand riß den Poncho auseinander und zeigte eine ohnmächtige Frau – selbst im Bilde des Schlafes reizend und schön – und legte sie in die Arme des Kommodore.

»Barmherziger Himmel! Aniella! mein Weib!«

Der Retter sank ohnmächtig neben dem Glücklichen zu Boden. –

Der Rauch des Steppenbrandes war in meilenweite Ferne verzogen – nur am Horizont wälzten sich seine Säulen noch empor.

Über die hin und wieder noch glimmende Fläche schreitet den Corrals zu vorsichtig ein Mann, Zaum und Sattel auf den Schultern tragend. Seine rauhe lederne Kleidung ist von Blut und Rauch geschwärzt, vom Blut des armen Pferdes, mit dessen Tod er das eigene Leben erkauft, vom Rauch des Feuers, das ihm, im geöffneten Leibe des Grauen kauernd, nichts anzuhaben vermochte. An seiner Bewaffnung fehlt nur das Pulverhorn.

Es ist Felsenherz, der Waldgänger. Er kommt, zu sehen, ob der junge Soldat, der wie ein rettender Engel im Augenblick der höchsten Gefahr erschienen, die Frau glücklich in Sicherheit zu bringen vermocht, die er bis hierher geleitet. –

Sie war in Sicherheit! In den Armen des geliebten Gatten erwachte sie zu neuem Leben, noch ehe der junge Offizier, um den Carmen und ihre Dienerinnen eifrig beschäftigt waren, sich von der tiefen Betäubung erholt hatte.

Fragen kreuzten sich, kurze Worte der überstandenen Gefahren flogen von Mund zu Mund – nur der Gedanke an das Kind, in dem sich ihre Liebe vereint, trübte das Glück dieses Wiedersehens.

So traf sie der rauhe Kanadier; der Kommodore streckte ihm dankbar die Hand entgegen und reichte sie dann dem Jüngling, den er erzogen und der ihm heute so reich den Schutz gelohnt. Ihm lohnte ein strahlender Blick aus dunklen schönen Augen wieder die mutige und entschlossene That.

So trafen sie, den Kreis der Glücklichen und der teilnehmenden jubelnden Freunde, die Reiter, die, den fremden Reisenden in ihrer Mitte, unter Triumphgeschrei heransprengten. Sie hatten den Fremden in der Nähe des Wassers getroffen, wohin er sich, dem Instinkt des Pferdes sich überlassend, glücklich gerettet hatte.

Jetzt warf er sich von dem erschöpften Tier. »Briefe aus Europa, Signor Kommodore! Gott und diesen wackeren Männern sei Dank, daß ich sie Dir noch zu überbringen imstande bin!«

»Wie, Sacchi? Du hier? wo kommst Du her?«

»Direkt aus dem Lager der unseren, die mit Sehnsucht Deine Ankunft mit den Pferden erwarten. – Aber ich sehe, Dein Zurückbleiben hat Glück gebracht, und ich grüße Sie, Signora, im Namen aller, die aus jenem mörderischen Gefecht entkommen. Eine Last ist von meiner Brust, daß ich Sie wiedersehe.«

»Die Botschaft, Sacchi, die Botschaft!« Er hielt das treue Weib mit der Linken umschlungen, während er bereits wieder im Gefühl der Pflicht mahnend die Hand dem Freund und Waffengefährten entgegenstreckte.

Der Capitano nestelte eine Ledertasche aus seinem Brustlatz. »Der französische Konsul sandte sie durch einen Eilboten von Montevideo mit dem Auftrag, sie nur in Deine Hände zu geben. Marochetti wollte sie keinem andern vertrauen, und ich übernahm es, sie Dir zu überbringen, was mir beinahe schlecht genug bekommen wäre.« Er reichte ihm das sorgfältig verschlossene Schreiben. – »Auch für Sie, Signor Marchese, habe ich Zeitungen und Briefe!«

Der Kommodore hatte hastig das Couvert geöffnet; neben dem Schreiben des Konsuls, das die Mitteilung enthielt, daß am 5ten das Dampfschiff nach Lissabon und Southampton absegle, fiel ein dicht zusammengefalteter und sorgfältig verschlossener Brief heraus. Auf dem Siegel befanden sich eine Sphinx, darüber zwei gekreuzte Dolche.

Der Kommodore erbrach rasch das Blatt; es enthielt nur zwei Zeilen, die er abgewandt von den anderen las. Sie lauteten:

»Komm! es ist Zeit! Italien und ich erwarten Dich in Mailand.

Giuseppe Mazzini.«

»Was zum Teufel geht denn vor in der alten Welt, Monsieur le Commodore?« rief der Oberst. »Haben Sie gleiche Nachrichten aus Europa? Die Orleans sind verjagt – Frankreich hat die Republik erklärt – in Deutschland und Italien sind Revolutionen ausgebrochen und die alten Throne stürzen! Barbe de Dieu! es wird wieder Raum für einen alten Soldaten! Geschwind lassen Sie uns zur Hacienda, um aus den Zeitungen das Nähere zu erfahren!«

»Ich muß Ihrem gastlichen Hause schleunigst Lebewohl sagen, Señor Coronel. In sechs Tagen muß ich in Montevideo sein – meine Parole lautet: Auf nach Europa

»Bravo, Kommodore, und vielleicht sehen wir uns bald dort wieder. Aber ich begleite Sie nach Montevideo,« fuhr er leiser fort, »hier ist ein Brief aus London – vom Prinzen selbst! ein anderer von Walewski, große Dinge bereiten sich vor – man braucht mein Geld und – Gott gebe es! – vielleicht später noch meinen gesunden Arm! Er soll es haben, beides – denn er ist von seinem Blut! Die alte Garde ist bereit, und hat es nie vergessen, ihr: ›Vive l'Empereur!‹«

Der Condottieri, sein Weib am Arm, zog den alten Bonapartisten mit sich fort. Die Offiziere folgten ihnen.

»Um aller Narrheit und aller Tollheit willen, was hat das zu bedeuten, Monsieur le Comte? Sind sie denn alle närrisch geworden?«

»Das bedeutet, schöne Carmen,« sagte der Spanier galant, aber mit einem leichten Hohn, »daß ich Aussicht habe, diese reizende Hand baldigst nicht bloß zum Fandango zu erhalten. Erst die Hochzeit und dann – auch wir nach Europa!«


2. Der schwarze Diamant.

Am Strande von Montevideo herrscht buntes Leben. Der Hafen ist gefüllt mit kleineren Kauffahrtei- und Transportschiffen; draußen weit auf der Reede liegt die Andromède mit der Flagge des Contre-Admirals Leprédour; eine zweite französische Fregatte nebst dem Rest des Geschwaders und der englische Dampfer Centaur mit der Flagge des Contre-Admirals Henderson, denn der flach sich senkende Strand erlaubt es nicht, im Hafen selbst zu ankern. Dort auch steigt die Rauchsäule des »Wellington« empor, des großen Dampfers, der am Tage vorher von Buenos-Ayres gekommen und binnen wenigen Stunden seinen Rückweg über Rio-Janeiro, Bahia, Pernambuco und Lissabon antreten wird, den er in fünfunddreißig Tagen vollenden soll.

Die Ansicht des Landes von der Reede aus ist nicht schön. Die, bis auf den fünfhundert Fuß hohen Berg, welcher der Stadt den Namen gegeben, durchweg flachen Konturen des Bodens und das Fehlen aller Bäume und jeden Grüns geben der Küste etwas Ödes und Düsteres. Die Stadt selbst ist, wie alle spanisch-amerikanischen Städte, schmutzig und trist, und zeigt die Spuren der langen Belagerung. Die Straßen durchschneiden einander im rechten Winkel, die Häuser sind von Stein, groß, aber meist nur Erdgeschosse; die bis zum Boden reichenden Fenster im Parterre mit den grün gestrichenen Eisengittern verschlossen. Darüber hinaus hebt sich am plaza mayor die unschöne Kathedrale mit ihrer Kuppel und den zwei Türmen. Die sonst zierlichere Vorstadt außerhalb der halb verfallenen Befestigungslinien ist gänzlich zerstört.

Aber am Hafen selbst merkt man nur wenig von der Nähe des Feindes, hier ist Leben, Handel und Gedränge. Am Strande entlang läuft ein Platz von ziemlich unordentlichem, schmutzigem, aber bunt belebtem Aussehen. In dem flachen Wasser des Ufers bewegen sich eine Menge Badender, selbst Weiber aus den niederen Klassen, oft völlig nackt, ja sogar Damen machen am Strande ganz ungeniert ihre Toilette. Magere Hunde streifen umher, sich den Abfall aller Arten von Speisen zu suchen; Damen promenieren auf dem Trottoir, das allein es möglich macht, bei Regenwetter die jämmerlich gepflasterten Straßen zu passieren, zwischen den Negerweibern mit dem Kleiderbündel auf dem Kopf, der kurzen Pfeife oder dem Cigarrenstummel im Munde. Einem Paar europäischen Marine-Offizieren weicht der Soldat von der Landesmiliz in seiner plumpen Tracht höflich aus, Pferde stehen ganz lose, aber unbeweglich wie Bildsäulen, hier und dort vor den Häusern und Läden, ihre Reiter erwartend, während andere im kurzen Galopp die ihrigen über den Platz tragen. Kreolen, Savoyarden, Brasilianer, Franzosen, englische Kaufleute, Yankee-Matrosen und Neger, und die vielen, zwischen Schwarz, Weiß und der indianischen Farbe vorkommenden Mischungen bewegen sich durch einander. An den beiden Landungsbrücken ist das Gedränge besonders stark und wird durch zahlreiche Boote und große Lastkarren mit den Rädern von 2 Meter Durchmesser vermehrt, die von ihren Pferden und Maultieren gezogen, ins Meer bis zu den Löschprahmen fahren. Das Durcheinander von zehn Sprachen ist ohrbetäubend.

An der eisernen Landungsbrücke liegt das große Boot des »Wellington«, die letzten Reisenden für das Dampfschiff nach Europa aufzunehmen.

Sie stehen unfern der Brücke auf dem Platz, in der Mitte ihrer Freunde: der Kommodore, an seinem Arm die heldenmütige Gattin, François, Sacchi, Marochetti und zwei andere Offiziere der tapfern Legion. Die Wenigen, die dem Gemetzel in der Mission San Dolores entronnen, sind um sie her versammelt; die nächsten Kauffahrtei- und Auswanderer-Schiffe werden die meisten von ihnen dem geliebten Führer nachbringen an die Gestade der Heimat.

Sie sind am Tage vorher von dem Küstenstädtchen Maldonado, das sich in den Händen der Unitarier befindet, in Montevideo eingetroffen. Hier hat der Kommodore seinen Befehl in die Hände des Präsidenten Ribera niedergelegt: er ist ein freier Mann, jetzt gehört er seinem Vaterlande!

In Montevideo hat der Condottieri der Revolution seinen Gastfreund, den Marquis, mit Carmen und ihrem künftigen Gemahl wieder getroffen. Sie sind an ihrer Seite, um die Scheidenden bis zum Boot zu begleiten. Auch Felsenherz, der Waldgänger, ist zur Stelle; das nächste Schiff von Rio de Janeiro oder Pernambuco nach New-Orleans wird ihn in die Einöden der Felsgebirge zurückführen.

Der Oberst nahm den Arm des Kommodore, während Carmen und die junge Frau von ihrem Wiedersehen in Europa sprachen.

»Sie haben alle Papiere, Monsieur le Commodore,« sagte der Oberst; »die Wechsel für Carlton-Terrace Der Aufenthaltsort Louis Napoleons in England. im Betrage von einer Million auf Fould und Oppenheim in Paris, den vom Notario publico bescheinigten Auszug aus dem Testament meines Schwiegervaters und die Notizen über die Person des Erben. Die Familie muß in der Nähe der preußischen Hauptstadt ihren Wohnsitz haben. Sie versprechen mir, selbst oder durch einen treuen und zuverlässigen Mann den Erben aufzusuchen und ihm das Geld einzuhändigen, das Sie in englische Bankchecks umsetzen werden?«

»Ich gelobe es Ihnen. Ich schulde Ihnen viel, Marquis – Ihre Gastfreundschaft ließ mich mein teures Weib wiederfinden.«

»Brave Herzen verstehen sich, Kommodore, unter welchem Himmel und unter welchem Kleide sie sich auch finden mögen. Für Ihren Auftrag werde ich keine Mühe scheuen. Ich denke, in Jahresfrist, wenn alles dort drüben geht, wie ich hoffe, sehen wir uns in Frankreich oder Italien wieder. Gott sei mit Ihnen und mit Ihrem Schwert!« Er reichte ihm die Hand.

An der Seite der schönen Spanierin stand François, bemüht, ein Wort des Scheidens von ihren Lippen, einen Blick der schönen Augen zu erhaschen; aber der eifersüchtige Spanier bewachte jede ihrer Bewegungen, jeden Laut des Mundes.

Über die Reede her donnerte ein Schuß, der mahnende Signalschuß des »Wellington«. Der Midshipman, der die Bootsmannschaft kommandierte, nahte sich höflich den Reisenden und mahnte, daß es Zeit sei zur Abfahrt.

Der Kommodore umfaßte die weinende Gattin. »Der Augenblick ist gekommen, Du mußt scheiden von dem Land, das Dich geboren.«

»O José – mein Kind! mein Kind! dürfen wir es verlassen?«

»Gott allein weiß, ob es noch unter den Lebenden; allem menschlichen Ermessen nach hat er unsern Engel zu sich genommen! Unsere Freunde haben uns versprochen, jede noch mögliche Nachforschung nach ihm und dem treuen Diener anzustellen – das ist alles, was wir thun können, wo andere nicht minder heilige Pflichten uns rufen! Lebt wohl, Ihr Freunde, lebt glücklich auf der Erde Amerikas!«

Er unterstützte die halb ohnmächtige Frau und führte sie nach der Landungsbrücke, umdrängt von den Freunden und Gefährten.

Plötzlich öffnete sie, wie von magnetischer Kraft berührt, weit die bisher geschlossenen Augen.

»Haltet ein! laßt mich! – er kommt – er kommt – er bringt mein Kind!«

Sie riß sich los von den haltenden Armen, sie breitete die ihren aus nach dem Platz, über denselben daher auf abgetriebenem Pferd galoppierte ein Neger, seine Hand schwang die lange Colihue-Lanze durch die Luft, von seinem Schenkel und seiner Stirn rann Blut, vor sich auf dem Sattel trug der Reiter ein in den Poncho gehülltes Paket – –

»La-Muerte!«

Señora Garibaldi sank in die Knie, sie breitete die Hände nach dem Boten des Glücks: »Mann, sei gesegnet! ich weiß es, Du kommst nicht ohne mein Kind!«

Als der Schwarze, von seinen alten Gefährten umringt, das wilde Steppenpferd anhielt, brach das zum Tode gehetzte Tier zusammen; im Ritt auf Tod und Leben hatte es ihn noch soeben durch die Postenkette der Gauchos Oribes um die blockierte Stadt getragen, mit einer Kugel im Schenkel und einem Streifschuß am harten Negerschädel.

Des Kommodore Hand lag auf seiner Schulter: »Mann! Freund! rede, wo ist unser Kind? Siehst Du nicht, daß das Mutterherz vergeht vor Sehnsucht?«

Der Schwarze beugte sein Knie und schlug den Poncho auseinander. » Filhinha haben La-Muerte geheißen, Mutter zu bringen ihr klein Piccaninny – hier alles, was von ihm geblieben sein auf der Welt! Weißer Geist von kleinem weißen Engel sein dort oben beim großen Himmelgott,« – er breitete sorgfältig das seidene Tuch vor der unglücklichen Mutter aus, das die bleichen Gebeine ihres Lieblings barg, »und hier sein das Herz des Verräters, wie La-Muerte geschworen!« Sein blutiges Antlitz grinste in teuflischer Freude, als er das verschrumpfte vertrocknete Glied mit den zerrissenen Adern aus seiner Blätterhülle auf den Boden warf, während alle scheu und entsetzt zurücktraten.

Die unglückliche Frau bedeckte das Antlitz mit den Händen und schluchzte laut, kein Auge blieb thränenleer in ihrer Umgebung.

»Unglücksbote! wie ist es geschehen? – rede!« befahl der Kommodore.

Der Mohr schüttelte seinen grauen Wollkopf. »Kommen nie über dieses Negers seine Lippen. Piccaninny tot! böser Pardo auch gestorben – mehr nimma nicht sagen können. Nehmen dies, arme Mutter, wahren es wohl – kommen von klein Kind, heilig Obizeichen,« flüsterte er, »und dürfen nimmer wieder die Mutterbrust verlassen!«

Zwischen seinen schwarzen Fingern funkelte es wie noch schwärzeres Feuer, dämonisch, wie der Hölle entstiegen, der schwarze Diamant! Die arme Mutter erbebte in unverstandenem Grauen, als er den furchtbaren Stein in ihre Hand drückte.

Dennoch wie von unsichtbaren Mächten getrieben, schlossen sich krampfhaft die Finger um die unheilvolle Reliquie.

Während der Marquis und alle anderen, selbst der Graf de Montijo, mit der unerwarteten Episode und dem leidenden Paar beschäftigt waren, nahte dem jungen Assistente die Haciendera.

»Wird mein junger Held seine Freundin jenseits des Weltmeers auch nicht vergessen, wenn er dort drüben in neuen Gefahren den Lorbeer um seine jugendliche Stirn schlingt?« fragte das schöne Weib mit feurigem Blick.

»Señorita, ich war ein Knabe, als ich die Hacienda betrat; mit dem Herzen eines Mannes, der einen andern um sein Glück beneidet, hab' ich sie verlassen. Dem armen François, der nicht einmal einen Namen besitzt, wird der Stern Carmen vorleuchten in jeder Gefahr und ihn begeistern, wenn er auch nicht streben darf nach ihm!«

»Und der Stern Carmen,« flüsterte die Doña, »soll ihm von keiner neidischen Wolke verdeckt sein, wenn wir uns wiedersehen. Ich bin Ihnen noch den Preis schuldig, Señor Francisco, für den Ritt durchs Feuer; die Hand dem Gemahl – den Handschuh dem Cabarello! – Auf Wiedersehen im schönen Frankreich!«

Sie entzog ihm die Hand, aber der seidene duftende Handschuh, das Zeichen ihrer Gunst, blieb in der seinen!

Zwei Schüsse donnerten rasch hinter einander über den glänzenden Spiegel des Meeres her – an der Signalleine des entfernten Dampfers stiegen die mahnenden Flaggen empor.

»Sir,« sagte der Midshipman, »ich muß das Boot abstoßen lassen ohne Sie, wenn Sie länger noch zögern.«

Der Kommodore hob die weinende Gattin empor und trug sie nach der Brücke.

»Lebt wohl, Ihr Freunde, Gott sei mit Euch!«

Felsenherz empfing sie im Boot. Sein Auge maß mit Interesse die kräftige, der seinen ähnliche Gestalt des Negers, der mit den teuren Resten des Kindes herbeihinkte. Sacchi, Marochetti sprangen ins Boot.

Die tapferen Krieger der italienischen Legion drängten sich am Ufer, die halbe Bevölkerung von Montevideo bedeckte den Platz, dem scheidenden Helden den Abschiedsgruß zu bringen; auf der Brücke stand der Präsident Ribera mit seinen Adjutanten und begrüßte den Krieger, die Damen winkten mit ihren Tüchern, das Volk schwenkte die Mützen, tausend Stimmen riefen ihr: »a dios! a dios?«

Der Midshipman ergriff das Steuer. »Eingesetzt, Männer: eins, zwei – stoßt ab!«

Das Boot bewegte sich von der Brücke, die sechs Ruder tauchten ins Meer.

In Reihe standen die Krieger der Legion; die Fahne mit den Namen der Stätten ihrer Siege senkte sich salutierend bis zum Boden.

» Evviva Garibaldi

Garibaldi stand auf der Bank des Boots, – seine Linke umfaßte sein Weib, – die Rechte schwang den Hut:

»Lebt wohl, Brüder! Arrivederci in Italia liberata


Als das Boot an der zweiten Brücke vorüberschoß, schauderte die weinende Frau zusammen und ihre Hand wies zitternd nach der drängenden Menge:

»Dort! – dort!«

Die Faust des Waldgängers ballte sich um den Lauf seiner Büchse – sein sonst so ruhiges Auge sprühte Feuer.

Dort unter der Menge, das Lorgnon im Auge, freundlich nickend und winkend, stand wohlbehalten Kapitän Peard, der Menschenjäger.

Das war der letzte Gruß vom blutgedüngten Boden der Republik am La Plata!



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