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Die Revolutionen.

(Fortsetzung.)

Der Fürst Lichnowski war nach der Entfernung der beiden Mörder noch einige Zeit in seinem Blute liegen geblieben, – einzelne Personen, von Neugier oder Mitleid getrieben, traten heran, aber niemand wagte, den Unglücklichen anzurühren, bis Doktor Hodges wieder herbeikam.

Dieser, der Gemeindemann Löw und der Instrumentenmacher Helffen hoben ihn auf und trugen ihn fort.

Der Fürst antwortete auf die Frage, wohin sie ihn bringen sollten:

»Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Nur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! Sie haben mir auch meine Uhr gestohlen!«

Man brachte ihn, wobei er heldenmütig die durch jede Bewegung vermehrten Schmerzen seiner Wunden ertrug, nach dem Schmidtschen Hause zurück, demselben, in dem die Mörder ihn gefunden. Die Bewohner, die Frauen waren in fortwährender Todesangst um ihn thätig, nur wenige der Männer hatten Ruhe und Geistesgegenwart, zu ordnen und zu thun, was nötig erschien.

Doktor Hodges verband flüchtig, so gut es ging, die gefährlichsten Wunden. Der Fürst war so schrecklich verletzt und verstümmelt, daß man jeden Augenblick seinen Tod erwartete. Der Lehrer Schnepf trat zu ihm und fragte ihn, ob er nicht seinen letzten Willen kundgeben und als Christ seinen Feinden verzeihen wolle.

Diese Frage erschütterte den mit aller seiner zähen Lebenskraft noch gegen den Tod ringenden Mann. Er heftete die dunklen, großen Augen wie zweifelnd und fragend auf den Lehrer, dann sagte er leise:

»Ich will! schreiben Sie – aber eilen Sie. Ich vermache alle meine Habe meinem Bruder Carl – – nein – der Herzogin von Sagan!«

Der Sterbende gedachte der treuen Freundin, die wahrscheinlich seine einzige Vertraute war, in ihrem Herzen hatte er seine Fehler und Leiden, sein Irren und Lieben niedergelegt. Hierauf begann er, während alle, außer dem Lehrer, zurücktraten, diesem kurz einige Bestimmungen zu diktieren.

In diesem Augenblick öffnete der Major leise die Thür und trat ein.

»Sie müssen, was ich Ihnen diktiert habe, sicher in die Hände der Herzogin von Sagan gelangen lassen. Schwören Sie es mir!«

Der Lehrer zauderte; er konnte nicht wissen, was ihm selbst in der nächsten Stunde bevorstand, ob er imstande sein würde, das Versprechen zu erfüllen.

»Ich übernehme es, Durchlaucht, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf!«

Der Verwundete wendete mühsam den blutenden Kopf nach der fremden Stimme.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Soldat und ein preußischer Edelmann, der Major von Röbel aus dem Havelland.«

»Ich kenne Ihren Namen; ich kannte Ihren braven Sohn, Herr Major! Dank, Dank! beugen Sie sich zu mir – ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

Der Major beugte sich zu ihm. »Alles, was ein Mann vermag, Durchlaucht, steht zu Ihrem Befehl.«

»Das Sprechen macht mir Schmerz!« flüsterte der Fürst. – »Ich fürchte mich nicht zu sterben, aber – der Brief, der Brief! Fühlen Sie in meine Brusttasche, ob ein Brief darin ist!«

Herr von Röbel nahm den Rock, den man ihm bereits ausgezogen, und untersuchte die Taschen; es war nichts darin, als ein Zeitungsblatt, und eine der Karikaturen, auf den Fürsten, die in allen Bilderläden ausgestellt waren und die er regelmäßig selbst kaufte. Die Männer, die ihn hierher gebracht, versicherten, daß kein Papier verloren gegangen sein könne.

Der Leidende verfolgte mit ängstlichem Blick die Untersuchung; seine Augen riefen den alten Offizier wieder zu sich. »Man hat ihn mir gestohlen,« flüsterte er, »als ich auf der Heide lag und bewußtlos war; ein Mann – ein Vagabund, er gab sich für einen Berliner aus und kannte mich. Der Brief enthält ein für unser Vaterland wichtiges Staatsgeheimnis; er darf nicht in die Hände Böswilliger fallen –«

»Beruhigen Sie sich, Durchlaucht, ich werde alles aufbieten, das Papier wieder zu erlangen; wenn der Mensch wirklich aus Berlin war – vielleicht kenn' ich einen Weg! Doch zuerst müssen Sie in Sicherheit gebracht werden, an einen Ort, wo Ihnen bessere Hilfe werden kann. Mein Wagen ist in der Nähe – diese Männer werden mich unterstützen, Sie dahin zu bringen.

Das Mitleid und die eigene Besorgnis machte alle bereit, Doktor Hodges erbot sich, den Verwundeten zu begleiten, und es war schnell eine Bahre herbeigeschafft, und auf dieser, so gut es ging, ein Lager bereitet, auf das der Fürst gehoben wurde.

So machte sich der Zug auf den Weg, um die Chaussee und den Wagen zu erreichen, der alte Major an der Seite des Fürsten, von dem er sich so viel als möglich den angeblichen Berliner beschreiben ließ. Als man jedoch den Wagen erreichte, war es unmöglich, den Verwundeten in ihm weiter zu schaffen, denn jede Bewegung verursachte ihm die unerträglichsten Schmerzen. Man mutzte sich entschließen, ihn auf der Bahre weiter zu tragen, und beschloß, ihn nach der Bethmannschen Villa zu bringen. Ein Mann wurde vorausgeschickt, dies im Hause zu melden. Wenige Minuten darauf begegnete dem Zuge schon ein Reiter, es war der Bankier Herr von Bethmann, der von dem Unglück gehört und herbeikam, den Fürsten zu begleiten. Doch wagte er nicht, ihn in seine Villa bringen zu lassen – man trug ihn nach der Orangerie des Parks.

Der Wagen des Majors war dem Zug gefolgt, die beiden Frauen waren ausgestiegen und folgten dicht hinter der Bahre.

Lange Zeit kämpfte der alte Major einen harten Kampf mit sich selbst; indes das magische Wort: Interesse des Königs, Staatsgeheimnis, das der Verwundete ausgesprochen, besiegte jeden Skrupel. Am Eingang des Gartens hielt er seine Tochter zurück.

»Glaube nicht,« sagte er streng, »daß, was ich jetzt thue, irgend eine Billigung Deiner verwerflichen und ehrlosen Neigung ist. Indes eine höhere und heilige Rücksicht zwingt mich, eine Ausnahme zu machen von meinen Grundsätzen. Hast Du ein Mittel, diesen Mann – Du weißt, wen ich meine – herbeizurufen? Ich muß ihn sprechen! Vielleicht kann er etwas thun, was den Verrat an seinem König und seinem Lande mildern kann!«

Das Herz pochte stürmisch in der Brust des jungen Mädchens, mit Gewalt suchte sie die nötige Ruhe zu bewahren. Das Auge der Liebe ist scharf, schärfer, als das eines Vaters. Wohl hatte sie während des ganzen Weges bemerkt, daß ein dunkler Schatten sie begleitet, wie eifrig besorgt für ihre Sicherheit. Die geheimnisvolle Sympathie des Herzens hatte ihr längst die Gewißheit gegeben, daß nur er es sein konnte.

»Ich glaube, Rudolph ist in der Nähe,« sagte sie schüchtern, »wenn ich hier zurückbleibe, wird er es vielleicht wagen, heranzukommen.«

»So thu', was Du für gut hältst. Ich hoffe, meine Tochter wird dabei nicht vergessen, was sie dem Namen Röbel und dem Willen ihres Vaters schuldig ist. Sobald der Mann hier ist, benachrichtige mich davon.«

Er verließ sie; das junge Mädchen blieb zitternd, hoffend, sehnend an dem Eingang des Parkes stehen, in die Nacht und die Gruppen hinaus lauschend, die sich auf das Gerücht von dem Geschehenen auf der Straße zu sammeln begannen.

Aber unbegreiflicher Weise zögerte jene, noch kurz vorher gesehene schattenhafte Gestalt, jetzt zu erscheinen und ihr zu nahen; zum erstenmale nach jenen Märztagen, die ihre junge Liebe so traurig gebrochen.

Der Student war es in der That gewesen, der den Trauerzug, über die Freunde wachend, begleitet hatte. Er sah von fern den Major mit seiner Tochter am Eingang stehen bleiben und hielt sich deswegen zurück. Zugleich rief leise eine Stimme neben ihm: »Herr Rudolph!«

»Wer ist da?«

»Na, zum Henker, wer anders als ick! Zweemal schon versuchte ick, an Ihnen zu kommen, nachdem ick Ihnen und den verrückten Ollen, der Ihnen zum Dank bald det Lebenslicht ausjeblasen, von de Kanaillen befreit hatte; aber Sie waren ja blind und taub und hatten vor nischt Sinn, als sich von den ollen Schwerenöter kapiteln zu lassen. Donnerwetter! ick hätt's ihm eintränken wollen!«

»Sie sind's, Franz, was wollen Sie? Lassen Sie mich, ich habe jetzt keine Zeit, und will Ihnen später danken für Ihr mutiges Dazwischentreten!«

»Ah bah! een Berliner hilft den andern – Sie würden mir ooch nich in'n Stich jelassen haben. Aber wenn Sie keene Zeit haben wegen des da drinnen, dadrum komm' ick eben!«

»Wie? will man den Unglücklichen nicht einmal ruhig sterben lassen? Kommen die Mörder wieder?«

»Nu, die richtigen, gloob' ick, denken eher d'ran, sich aus dem Staube zu machen, denn in de Stadt kriegen wir Haue. Et sind verfluchte Jungens, unsere Achtunddreißiger, hauen jut druf, nu sie Kanonen jekriegt haben. Der Spaß wird bald zu Ende sind, und wir können an uns selber denken. Ick hab' eene Erbschaft gemacht!«

»Von wem?«

»Nun, von wem anders, als dem da drinnen!«

»Von dem Fürsten? Mensch, Du warst doch nicht unter den Mördern?«

»Gott bewahre – er is ja en Preuße, wenn er ooch en Camarillis war. Aber anjeseh'n hab' ick mir den Spektakel. Niederträchtige Halunken sind et doch, namentlich der Jude! Ick wünschte, ick könnt' ihm enmal den dicken Wanst auskloppen!«

»Was reden Sie da von einer Erbschaft? der Fürst ist bestohlen worden – doch nicht von Ihnen?«

»Nu,« sagte der Kerl gleichmütig, »er wird keene Uhr mehr brauchen und 's Geld ooch nich. En Paar lumpige Füchse waren in de Börse, et is nich de Rede wert, davon Lärm zu machen. Ick mußte doch ooch wat haben davor, det ick den Brief uf de Seite brachte, der ihm so sehr an't Herze lag!«

»Welchen Brief?«

»Hören Se, Herr Meißner,« sagte der Bummler, indem er ihn weiter beiseite führte, »det is et eben, weswegen ick mit Ihnen sprechen wollte. Ick weeß aus Erfahrung, deß so een Papier oft hundertmal mehr wert is, wie Jeld und Jold. Er hatte et schmählich ängstlich mit dem Brief, als er da draußen uf de Heide lag wie een Hund!«

»Wo ist der Brief? geben Sie ihn mir!«

»Nee, Herr Meißner! et wird nich so heeß gejessen, wie et jekocht wird! Der Lichnowski war een Volksverräter und een Camarillis, des Papier kann vielleicht Dinge enthalten, die vor die demokratsche Rebelljon von Wichtigkeit sind, und Sie und ick gehören dazu. Aber det Papier is französisch jeschrieben, und ick schmeichle mir nicht, een Jebildeter zu sind.«

»Was wollen Sie also von mir?«

»Sie sind een Volksmann, Herr Meißner, un sind immer jut jegen mir gewesen und haben mir mitgenommen hierher, weil mir't in Berlin nich mehr jefiel. Sie sollen mir den Brief lesen, et schadet niemals nich, een Geheimnis zu wissen, un vielleicht kann't uns beeden Vorteil bringen. Aber Sie müssen mir Ihr Studentenwort jeben, deß Sie mir richtig uf deutsch vorlesen wollen, wat in dem Brief steht, und deß Sie mir ihn zurückjeben!«

»Mein Ehrenwort darauf!«

Der Mann zog den zerknitterten blutbefleckten Brief aus der Tasche, den der Fürst vor dem unglücklichen Ritt aus Berlin erhalten und nach dem Lesen sorgfältig eingesteckt hatte. »Kommen Sie hierher, Herr Meißner,« fuhr der Berliner fort, indem er ihn tiefer in ein Gebüsch der Anlagen zog, »hier seht uns keener nich, un Sie können den Brief vorlesen.«

»Aber ich kann nicht sehen; es ist ja völlig finster!«

»Na, davor weeß ick Rat. Ick ließ mir vorhin in einem Laden ein Stück Wachslicht geben, man bekommt jetzt allens, wat man will, un det gratis, wenn man nur eenen ordentlichen Bart hat. So – da is Feuer und nu lesen Sie los – aber machen Sie mir keinen Wind vor.«

Der Student entfaltete bei dem Kerzenlicht den Brief und überflog ihn. Er war von einer feinen, flüchtigen Frauenhand geschrieben, wie der Bummler gesagt, in französischer Sprache, und dem ganzen Ton nach von einer Person aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Die Unterschrift fehlte oder war vielmehr durch einen so zusammengezogenen Namen gebildet, daß der junge Mann, dem jene Kreise zu fremd waren, unmöglich daraus die Schreiberin erkennen konnte. Sie mußte mit dem Fürsten in dem Verhältnis einer vertrauten, fast mütterlichen Freundin stehen, wie der Ton des Briefes zeigte.

Der junge Mann überlas denselben erst für sich, da er fürchtete, daß, wenn er sich weigerte, diese Indiskretion zu begehen, durch den Eigensinn des Arbeiters leicht größeres Unheil entstehen könnte. Aber je weiter er kam, ein desto tieferes, die wichtigsten Fragen berührendes Interesse fesselte ihn. Ein schwerer Ernst lagerte sich auf seine Stirn, und der Vagabund, dem es keineswegs an Beobachtungsgabe und Schlauheit fehlte, verfolgte diese Empfindungen auf seinem Gesicht mit steigendem Interesse.

»Schwerenot,« sagte er endlich, »det muß ja verflucht wichtig sind! Lassen Sie hören, Herr Meißner, lassen Sie hören!«

Der Student ließ den Brief sinken; er kämpfte einige Augenblicke mit sich selbst, ob er es nicht darauf ankommen lassen und den Brief mit Gewalt zurückhalten sollte. Im Grunde aber wußte er selbst nicht, was damit anfangen, und es widerstand ihm, selbst einem solchen Manne sein Wort zu brechen.

»Hören Sie, Franz,« sagte er, »der Brief enthält ein Geheimnis, das für unser Vaterland von der höchsten Wichtigkeit ist und dessen zu frühes Bekanntwerden die schwersten Folgen haben kann. Wir sind mit unserm besten Willen und der Opferung unseres Blutes für die Sache der Demokratie doch zu unbedeutende Menschen, um in die Geschicke der Könige und Völker mit unserer Hand eingreifen zu dürfen. Lassen Sie uns den Brief verbrennen, wenn wir ihm den unglücklichen Eigentümer nicht wieder zustellen können.«

»Jo nich – der Brief is meine un ick muß allens wissen, wat da drinn steht. Wenn Sie nich lesen wollen, werd' ick schon eenen von's Komitee oder von de Linke finden, der't jern jenug dhut.«

»Wohlan – auf Sie komme die Verantwortung – hören Sie!«

Der junge Mann begann flüchtig und mit gedämpfter Stimme zu lesen. Derselbe enthielt als Einleitung Mitteilungen vom preußischen Königshofe, wie von einer Person, die täglich an demselben verkehrte, Anekdoten aus den politischen Vorgängen in Berlin und Potsdam, scharfe, bittere Kritik der Persönlichkeiten des abtretenden Ministeriums Auerswald und der Nationalversammlung, Notizen über die Fortschritte der Bülowschen Kreuzzeitungs-Partei und Fragen über die Verhältnisse in Frankfurt.

Dann schien der Lesende zu dem wichtigsten Teil des Inhalts zu kommen, denn er atmete schwer auf, sah sich um, ob auch kein Lauscher in der Nähe, und senkte seine Stimme noch mehr, als er fortfuhr.

»Es war ein Unglück,« las zögernd der Student, »daß der König nicht dazu zu bringen war, dem englisch-österreichischen Projekt der Bildung eines selbständigen Königreichs Polen zuzustimmen. Diese Herren Revolutionäre in allen Ecken hätten der Idee zugejubelt und übersehen, daß sie all ihre weiteren Intriguen vernichtete. Die polnischen Führer waren ja mit der Wahl des Prinzen Albrecht zum König von Polen einverstanden, und Rußland hätte sich fügen müssen. Und sie wissen selbst, cher cousin, welche Sympathieen der König für die Polen fühlt; aber dies faible für Rußland war doch noch größer und hat uns eines Bundesgenossen beraubt, der, aus der Revolution geboren, die festeste Stütze gegen sie für Preußen und Österreich geworden wäre.«

Der Arbeiter wiegte nachdenkend den Kopf: »Hm – seht doch mal! Unser Albrecht, polscher König! Na, er wär' man janz jut gewesen, er läßt arme Leute ooch wat verdienen! Na weiter, weiter, Herr Meißner, ick seh't an Ihr Jesichte, deß noch mehr drin steht!«

»Doch das ist beseitigt,« fuhr der Student fort, »und wir behalten den Pfeil im Fleisch. Leider droht auch wichtigeres zu scheitern. Wissen Sie, Fürst, ich traue diesem sogenannten reaktionären Ministerium nicht, das in der Bildung begriffen; es sind zu viel Elemente darin, die in Preußen keinen Namen haben, und Pfuel ist ein stilles Wasser, oder wenn Sie wünschen, ein Tümpel, in dessen Grund Frösche hausen. Die Ernennung von Wrangel zum Obergeneral in den Marken soll ihn im geheimen stark verdrießen, ich fürchte, man täuscht sich in ihm, und ein Minister von Zuverlässigkeit und Energie wäre doch gerade jetzt so wünschenswert!«

»Man spricht hier, daß Ihr Freund, der Fürst – Grüße an ihn – mit dem kommenden Jahr in die schwäbischen und schlesischen Familiengüter eintreten wird! Ist die Fürstin bei ihm in Frankfurt? Haben Sie schon von der Verlobung unserer kleinen mährischen Gräfin gehört, die im vorigen Karneval auf dem Ball bei Prinz Carl Ihre Aufmerksamkeit erregte? In der Thal, ich dachte einige Augenblicke an die Mesalliance für Sie wegen der großen Güter.«

»Doch wahrhaftig! ich vergesse immer wieder das Wichtigste und warte am Ende gar damit nach Frauenzimmerart bis zum Postskript. Doch diesmal täuschen Sie sich, lieber Felix, ich sehe Sie wirklich schon als Konseil-Präsident an der Spitze des Königreichs Norddeutschland und suche eifrig für Sie nach einer Konseil-Präsidentin. Wenn die Mediatisierungen erfolgen, haben Sie unter dreien die Wahl; ich werde schon dafür sorgen, daß mein abenteuerlicher Pflegesohn keinen Korb bekommt.«

»Lachen Sie nicht, Wildfang, es ist so! Metternich selbst, der damals bei dem Kongreß mit Talleyrands und Castlereaghs Intriguen – lieber Himmel! was schwinden die Jahre! – Steins Ideen durchkreuzte und Preußen um seinen wohlerworbenen Lohn brachte (ach, Kind, wie leichtsinnig tanzten wir damals Politik von einem Feste zum anderen, und der Fürst von Ligne hatte wohl Recht mit seinem geistreichen Spott!) also Metternich selbst hat den Plan von London aus wieder aufgenommen, und es ist bereits in allem Ernst von der Erzherzogin der königlichen Familie der Vorschlag gemacht worden. In Schönbrunn ist man entschlossen – der Vorschlag Metternichs lautete auf Abdankung des Kaisers und den Antrag an Preußen, Deutschland zu teilen. Es wird dann ein Königreich Norddeutschland geben und der Süden an Österreich fallen. Ich bin keine große Malerin, cher Prince, aber ich habe, so gut es gehen will, versucht, Ihnen hier die Linien zu zeichnen, die man festhalten will: also im Westen die Mosel, ein Stück vom Rhein, der Main bis Frankfurt und dort die Diagonale bis zum Thüringerwald und dem Erzgebirge – Sie sehen, daß im Osten auch Sie wieder gut kaiserlich werden, denn die Linie schneidet dort unterhalb der böhmischen Grenze nach Breslau ab. Gegen Rußland will man die Grenzen festhalten, aber Holstein zu bewilligen, obschon das alles doch der kleinen Prinzessin zu gute kommt, wird England viele Umstände machen; man wird es entschädigen müssen, Wittgenstein meint, mit Cypern oder Suez, da Frankreich augenblicklich zu Haus genug zu thun hat.

»Aber Sie kennen die Erzherzogin; sie hat ihre Zustimmung nur unter der Bedingung gegeben, daß die Übertragung der Kaiserwürde direkt auf ihren Sohn geschieht, sobald Wien wieder in den Händen der Truppen ist. A propos – ich vergaß Ihnen zu sagen, daß Preußen an der galizischen Grenze ein Armeekorps aufstellen muß, bereit, in Ungarn einzurücken und Schlick und den Banus zu unterstützen. Der Erzherzog ist fort; er hat den Streit mit den Rebellen übersatt, und diese Mission von Lambert wird schwerlich nützen. Man muß nicht unterhandeln, sondern in Wien ein Ende machen, wie Windischgrätz es in Prag that. Er ist der einzige Mann für Wien, und es war ein großer Fehler, daß man ihm im April das Kommando nahm, aber durch seine Erfolge in Prag vielleicht ein Glück für Österreich. Er stimmt dem Plan vollkommen zu, denn er hat nicht wie die andern ein Vorurteil gegen Preußen und wird der Mann sein, ihn auszuführen, sobald Wien wieder zum Gehorsam gebracht ist. Radetzki und Haynau in Italien, der Banus in Ungarn, der Fürst in Süddeutschland und Preußen im Norden – es hat nie eine so gute Gelegenheit gegeben zum Arrangement, wie diese sogenannte Revolution! Und nun denken Sie, daß der König sich wirklich weigert, auf den Plan einzugehen! Er sagt, sein Gewissen erlaube ihm nicht, sich und seine Familie mit geraubtem Gut zu bereichern – ich kann unmöglich annehmen, daß es der Einfluß der Königin ist, da ihre Schwester doch bereit ist, ihre ganze Familie zu opfern. Ich kann selbst nicht einmal sagen, ob sie bereits davon weiß, denn bis jetzt wissen hier nur acht Personen um den Vorschlag, aber W. behauptet es.

»Doch ich vergesse ganz, weshalb ich Ihnen dies Staatsgeheimnis mitzuteilen habe. Der Reichsverweser weiß nichts davon; nur Schmerling hat bereits eine Andeutung erhalten. Am sichersten wird sich die Sache einleiten und hoffentlich auch den Widerstand des Königs beseitigen, wenn der Vorschlag von dieser Bourgeoisie-Versammlung in Frankfurt selbst ausgeht. Sie müssen horchen und die Augen überall haben, denn wir kennen hier die nächsten Wahlen noch nicht, und es sind gewiß viele darunter, die argwöhnen, daß, sobald die Teilung geschehen, man mit dieser Konstituante den verdienten Kehraus machen wird. Nehmen Sie sich vor Budberg in acht – der Baron ist ehrgeizig und hat eine Karriere zu machen – ein Wort zu zeitig, und man wird die Hessen, Württemberg und ihren Anhang in Aufregung bringen. Noch einmal, mein Teurer, der Vorschlag muß in der Paulskirche selbst gemacht werden, und ich habe mich für Sie verbürgt; das Portefeuille hier oder drüben ist Ihnen sicher. Sobald die erste Andeutung laut geworden, muß die Rechte dagegen opponieren – das wird den Gedanken populär machen. Populär! man kann in Berlin kaum noch durch die Straßen fahren, ohne mit dieser Populace in Berührung zu kommen. Schreiben Sie mir nach …, denn ich habe mich nur drei Tage hier aufgehalten auf W.s dringende Einladung. Adieu, mein Teurer, zeigen Sie, daß Sie zum Diplomaten Geschick haben! Das Mediatisieren muß doch manches Unangenehme haben, es ist merkwürdig, daß ich es noch einmal erlebe! Eine Kußhand! Sie wissen doch, daß die Polin uns verläßt? Adieu!«

Der Student, welcher mit immer größerer Hast gelesen, je weiter er kam, ließ den Kopf sinken und sah mit einer gewissen Angst auf seinen Gefährten, der, die Augen zu Boden gesenkt, gleichsam erst zu verdauen und zu überlegen schien, was er gehört.

»Sie sehen, Franz,« sagte Meißner, »daß wir in einer schwierigen Lage sind. Der Brief enthält offenbar ein wichtiges Geheimnis der Reaktion, und ich glaube, daß es unsere Pflicht sein wird, die Führer des Komitees davon in Kenntnis zu setzen!«

»Unsere?« fragte der Bummler mit einem mißtrauischen Seitenblick. »Ick sollte meenen, Herr Meißner, wat da drinnen steht, jehörte mir und brauchte Ihnen keene Koppschmerzen nich zu machen!«

»Sie mißverstehen mich,« sagte der Student errötend. »Das Geheimnis ist sicher bei mir, ich meinte aber, daß es Ihre Pflicht sein wird, an einen der Führer der Linken, Zitz, Wesendonk oder Blum …«

»Der Deibel soll mir holen, wenn ick't dhue! Wat geh'n mir die Schwerenöters an? Ick wer' Ihnen überhaupt wat sagen, Herr Meißner: in Berlin bin ick vor't Volk und jegen't Militär – aberst hier, det is janz wat anders, da freu' ick mir, wenn unse Jungens det demokratische Jesindel kloppen, det nich mal richtiget deutsch reden dhut. Det erste Jefühl is am Ende doch, det man een jeborner Berliner is.«

»Aber der Brief …«

»Ja, mit den – hören Se, Herr Meißner, et is zwar sehr konfuse, wat Se da allens vorgelesen haben, aber det hab' ick doch verstanden, deß wir Berliner die Oberhand kriegen sollen über all die kleenen Köters, un ick bin zwar keen Monarchscher, sondern allens fürs Volk, des heeßt, fürs preußische, aber der Deibel soll mir dreifach holen, wenn ick mir nich freuen dhäte, wenn unser Fritz und seine Brüder det janze Land vor uns kriegen dhäten!«

»Aber das hieße den Despotismus nur stärken, den Willen der einzelnen Bruderstämme unterdrücken. Ist das Ihre demokratische Gesinnung?«

»Paperlapap! reden Sie keene Dummheiten, Herr Meißner! Wenn wir det janze oder det halbe Deutschland haben, so müssen die andern vor uns Berliner arbeeten, und wir halten sie bloß in Raison!«

Der Student schwieg; der Vagabund, der Dieb, der Mensch ohne Ehre und Gewissen, der seine eigene Schwester verkauft und den hilflosen Verwundeten bestohlen – wo es auf die Größe seines Vaterlandes ankam, war er mit dem unklaren, dunklen Bewußtsein ein Preuße, besser, patriotischer vielleicht, als manche, die im Kampf gegen die Feinde seines Landes und seines Königs gefallen waren!

Der junge Mann senkte wie beschämt seine Stirn. »Hier haben Sie Ihren Brief, Franz,« sagte er gedrückt. »Thun Sie, was Sie wollen, damit; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich schweigen werde. Am besten ist's, Sie vernichten ihn!«

»Nu,« meinte der Kerl, »ick hab' mich jedacht, Sie probiern 'n mal, ob Sie ihn nich Lichnowskin zurückjeben können, wenn er noch lebt, oder ihn fragen lassen, wat damit gescheh'n soll. Sie werden schon eenen finden, wenn Sie't man pfiffig anfangen, und vielleicht jiebt's noch een jutet Drinkgeld vor mir. Wat die Uhr betrifft, so brauchen Sie nischt davon zu sagen, et sind viele mank jewesen. Wenn et nischt is, so will ick den Brief mit nach Berlin nehmen, denn ick drücke mir, eh't Dag wird. Ick weere ihn in een Kouvert siegeln und an Wrangeln schicken. Der wird's schon in Ordnung bringen; wenn ick man wüßte, ob er Französisch versteht!«

Er warf das Lichtende fort, das ausgebrannt war. In diesem Augenblick hörte man nur wenige Schritte entfernt den Ruf: »Rudolph! Rudolph!«

So leise der Ruf war, so durchbebte der Ton dieser Stimme doch sein ganzes Wesen er hätte sie unter Tausenden erkannt. »Rosamunde! gnädiges Fräulein – Sie sind es!« sagte er verwirrt.

Das Edelfräulein, das nach langem Warten in der Nähe des Thores umher gegangen war, ihn zu suchen, und das der Lichtschimmer hierher geführt, trat aus dem Laubengang und eilte auf den jungen Mann zu. »Rudolph! lieber Rudolph!« flüsterte sie, indem sie ihm die Hand reichte – »o wie glücklich bin ich, Dich wiederzusehen! Du bist doch nicht schwer verwundet? Es war entsetzlich, als ich fühlte, daß der Vater auf Dich geschossen – so entsetzlich, wie damals, als ich hörte, daß Du gegen Deinen Freund und Bruder gekämpft!«

Der Student hatte ihre Hand erfaßt. »Rosamunde,« sagte er, »Gott weiß es, wie gern ich mein Blut für den armen Ferdinand hingegeben. Laß das blutige Männerwerk und den Streit zwischen Bürger und Edelmann nicht in unsere Liebe greifen. Der Geist eines Volkes läßt sich nicht zwingen durch morsche Institutionen, so wenig wie das Herz des Menschen durch Feudalrechte und Stammbäume. Ich suche Dich nicht loszureißen von dem, was man Dich von Jugend auf heilig zu halten gelehrt hat, aber gieb dem Mann, der aus dem ewigen Borne des Lebens selbst seine Ideale schöpft, dasselbe Recht!«

Sie weinte leise – dann sagte sie fest und zärtlich: »Wie es auch komme, Rudolph, ich vertraue auf Dich, und mein Herz bleibt das Deine, auch wenn wir uns nicht wiedersehen. Um meinetwillen, um unserer Liebe willen aber bezwinge Deinen harten Sinn, so weit Du kannst – mein Vater verlangt Dich zu sprechen!«

»Mich? der Major? Und warum?«

»Ich weiß es nicht; es muß wichtig sein, sonst hätte er mir gewiß nicht diesen Auftrag gegeben. Ich wartete auf Dich am Thor, aber vergeblich, und die Angst trieb mich, Dich zu suchen!«

Er umschlang sie mit seinen Arm. »So komm' und laß uns nicht zögern!« Er wollte sich entfernen, aber der Dieb, der sich mit einem Instinkt von Schicklichkeit beim Herantreten der jungen Dame zurückgezogen hatte, rief, ihn an. »Sie vergessen den Brief, Herr Meißner, nehmen Sie ihn mit, et könnte sich eene Jelegenheit finden!«

Der junge Mann steckte den Brief zu sich. »Warten Sie hier, bis ich zurückkomme, Franz!« Dann entfernte er sich mit der Dame.

Der Major kam ihnen bereits in der Nähe des Orangeriehauses ungeduldig und besorgt entgegen. »Wo bleibst Du, Mädchen?« fragte er rauh.

»Verzeihung, Herr Major,« sagte der Student fest, »aber Fräulein Rosamunde hat mich erst vor wenig Augenblicken aufgefunden und mir mitgeteilt, daß Sie mich zu sprechen wünschten. – Ich stehe zu Ihren Diensten!«

»Sogleich, Herr! Geh' hinein, Kind, und suche Dich nützlich zu machen, wenn Deine Nerven es ertragen. Deine Mutter konnte den Anblick des Schrecklichen, das diese Herren begangen, nicht aushalten.«

Das Mädchen zögerte. »Darf ich ihm Lebewohl sagen?« fragte sie schüchtern.

»Meinetwegen! doch kurz und bedenke, daß es für immer sein muß!«

Sie trat zu dem jungen Mann und reichte ihm die Hand. »Du hast es gehört, Rudolph! So leb' denn wohl, und Gott im Himmel lenke Dein Herz zum Rechten und schütze Dich!« – Ehe er ihr noch zu antworten vermochte, war sie fort und im Eingang der Orangerie verschwunden.

Der Gutsherr ging dem Studenten einige Schritte voran, nach dem Park hin. »Kommen Sie hierher, Herr Meißner, ich habe einige Worte mit Ihnen zu reden.«

Der junge Mann folgte, überzeugt, daß es sich um ein schroffes, strenges Verbot jeder fernern Annäherung an die Familie handeln werde.

Endlich drehte sich der Major kurz um. »Ich glaubte nicht, Herr, daß wir beide je im Leben noch mit einander zu thun haben würden,« sagte er rauh – »aber der Sache meines Königs muß jede Privatrücksicht weichen. – Sie wissen von dem Morde jenes Unglücklichen da drinnen. Wissen Sie auch, daß man den Ohnmächtigen, Sterbenden bestohlen hat?«

»Ich habe es gehört!«

»So kennen Sie die Mörder und Diebe?«

»Die ersteren nicht – von den letzteren einen, ja!«

»Ich dachte es mir, daß ich mich an den rechten Mann wandte!«

»Herr Major – ich bin weder ein Mörder noch ein Dieb,« sagte der junge Mann kalt, »ich bitte, auf dieser Basis stehen zu bleiben bei dem, was Sie mir zu sagen haben.«

»Sie haben Recht,« sprach der Major nach kurzem Besinnen, »so tief kann der Sohn eines würdigen Mannes und alten Soldaten nicht gesunken sein, obschon es mir schwer wird, zwischen Rebellen gegen den angestammten König und Mördern und Räubern einen Unterschied zu sehen. Aber ich will an Ihr Gefühl als Preuße appellieren. Mit Uhr und Börse ist dem Fürsten aus der Brusttasche seines Rockes ein Brief gestohlen worden, der ihm von großer Wichtigkeit ist. Dem Dieb nutzt wahrscheinlich das Papier gar nichts und dennoch kann es unermeßlichen Schaden verursachen, wenn es in falsche Hände fällt. Der Unglückliche hat von dem Mann, den er des Diebstahls beargwöhnt, oder dem er sich in der Todesangst selbst anzuvertrauen suchte, zwar nur wenig gesehen, aber er beschreibt ihn als einen Menschen in einer blauen Blouse, das Gesicht mit Blatternarben bedeckt und mit rötlichem Bart umgeben. Er hat selbst gesagt, daß er ein Berliner sei! Mit diesen wenigen Spuren müssen wir suchen, ihn so rasch wie möglich aufzufinden und mit ihm zu verhandeln. Er mag Börse und Uhr behalten, ja, er soll noch eine gute Belohnung haben, wenn er den Brief herausgiebt. Dazu, Herr Meißner, erbitte ich im Namen Ihres Vaters, meines alten und tiefgebeugten Freundes, Ihre Hilfe!«

»Der Mann, den Sie mir beschrieben, Herr Major, und den Sie suchen, ist dort – keine hundert Schritt von hier.«

Der alte Offizier sah ihn erstaunt und mißtrauisch an. »Wie? Sie waren bereits in Verbindung mit ihm? So lassen Sie uns zu ihm gehen!«

Der Student hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. »Es ist nicht nötig; hier ist der Brief, den Sie wünschen. Ich bitte, ihn den Händen oder der Bestimmung des Fürsten zurückzugeben!« Er reichte ihm den Brief.

Der Edelmann nahm ihn rasch. »Woher wissen Sie, daß es der rechte ist?«

»Ich habe ihn gelesen!«

»Wie – Sie hätten die Indiskretion begangen?«

»Genug der Beleidigungen, Herr Major,« sagte der junge Mann stolz und ernst. »Der Mann, der den Brief, ob mit Recht oder Unrecht, an sich, genommen, zwang mich, ihn ihm vorzulesen, und ich that es, um vielleicht größeres Unheil zu verhüten. Dieser Brief enthält wichtige Staatsgeheimnisse, die in den Händen meiner politischen Partei leicht zu einem furchtbaren Sturm gegen die Träger der Kronen benutzt werden, jedenfalls durch zu frühzeitige Veröffentlichung großen Schaden bringen könnten. Ich übergebe Ihnen den Brief für seinen rechtmäßigen Eigentümer.«

»Und wer bürgt uns dafür, daß Sie beide dies Geheimnis nicht verraten werden? Wie kommt jener Mensch, jener Dieb und vielleicht Mörder dazu, den Brief so willig herauszugeben?«

»Herr Major,« sagte der junge Mann traurig, »Sie verkennen das Volk, indem Sie es verachten. Ich, der Bürgersohn, und jener Mann, der Arbeiter, fast der Bettler, wir kämpfen für die Freiheit des Volkes, für die gleichen Rechte aller Stände, für das heilige Recht der freien Entwickelung des Geistes und der Menschenkraft, gegenüber den veralteten Vorrechten und Vorurteilen bevorzugter Kasten und der Willkürherrschaft des Einzelnen; aber der Mann, den Sie eben einen Dieb schalten, er liebt sein preußisches Vaterland vielleicht mit gleicher Wärme, wie Sie; das Blut des Plebejers, auf den preußischen Schlachtfeldern verspritzt, fließt so warm, wie das des Aristokraten, und daß Preußens Größe auch dem Mann auf den Barrikaden heilig ist, dafür, sage ich Ihnen, haben Sie mit diesem Brief den Beweis in der Hand.«

Er verbeugte sich und wandte sich zum Gehen, aber ein leiser Ruf des Gutsherrn hielt ihn zurück.

»Kommen Sie her zu mir, Herr Meißner,« sagte der alte Mann, sichtlich bemüht, sein erregtes Gefühl hinter einem festen und rauhen Äußern zu verbergen. »Ich habe Sie geliebt von klein auf wie einen meiner eigenen Söhne, und es thut mir fast so weh, als hätte ich noch einen von diesen verloren. Sie von dem Wege weichen zu sehen, den die Lehren und das würdige Beispiel Ihres Vaters Ihnen vorgezeichnet. Gott der Allmächtige hat die Könige und die Stände eingesetzt; wer sich gegen die Ordnungen der bürgerlichen Gesellschaft auflehnt, rebelliert gegen Gottes Gebote. Wer gegen Zucht und Ordnung kämpft, der kann auch nicht Zucht und Ordnung halten. Wer dem angestammten König die Treue bricht, der wird sie auch keinem andern bewahren. Die zügellose, mit frevlen Ideen erfüllte Jugend will alte Rechte und alte Ordnung mit Füßen treten, die so lange die Welt zusammengehalten. Ich weiß jetzt, daß Sie meine Tochter lieben und ihr unschuldiges Herz verlockt haben. Ich liebe nicht das Überspringen der Standesschranken, es kommt nie Gutes dabei heraus. Aber dennoch würde ich vielleicht bereit gewesen sein, die Pflichten eines alten unbefleckten Geschlechts zu vergessen dem braven Sohn eines braven Mannes gegenüber, auch wenn er keinen adligen Namen trug. Für den Rebellen gegen seinen König aber niemals – niemals!«

Der junge Mann stand stumm, ohne zu antworten, aber der Major hörte ihn schwer atmen.

»Finden Sie sich selbst wieder, Rudolph,« fuhr er dringend und freundlich fort, »kehren Sie zurück auf den Weg, der allein Ehre und ein gutes Gewissen giebt. Ich fühle, noch ist das Gefühl dafür in Ihnen nicht erloschen! Sühnen Sie Ihre Schuld durch treue Hingebung an die königliche Sache. Verlassen Sie die Meuchelmörder, Ihre Gefährten; verteidigen Sie mit Wort, Schrift und Hand den legitimen Thron und die Monarchie, es bieten sich Ihnen in diesem Augenblick viele Mittel und Wege, auf denen Sie wirken können – –«

Der Student unterbrach ihn. »Herr Major, ein ehrlicher Mann muß seiner Überzeugung folgen!«

»Und diese Überzeugung?«

»Ist die Sache des Volkes, der Demokratie im Kampf gegen die Gewalt!«

Der alte Soldat richtete sich kerzengerade in die Höhe. »Wir sind fertig mit einander, Herr. Seien Sie so gut, Ihrem Kameraden diese Börse für den Brief auszuhändigen.«

Der junge Mann trat zurück. »Ich muß bitten, mich damit zu verschonen!«

Der Edelmann ließ die Börse fallen. »Da er, wie Sie sagen, nicht weit ist, so mag er sie hier sich holen. Adieu, Herr!« – Er drehte sich kurz um und schritt den Gebäuden zu. Der Student machte eine Bewegung, als wollte er ihm nacheilen, dann blieb er finster stehen.

»Es ist entschieden,« murmelte er, »was gilt auch diesen Ehre und Liebe gegen ihre starren Vorurteile!«

Ein dunkler Schatten sprang an ihm vorbei und suchte nach der Börse am Boden. »Zum Henker, Bürger Meißner,« sagte der Berliner, der natürlich in der Nähe gehorcht, »ick fürchtete schon, er würde det Jeld wieder instechen, weil Sie sich weigerten. Der Deibel – man muß ooch nich zu nobel sind! Lassen Sie man den ollen Narren loofen, des Frölen hängt doch an Ihnen, un wenn er zuletzt gar keene Raison annehmen will – nu, denn hab' ick ooch een Mittel, ihn kleene zu kriegen!«

»Was meinen Sie, Franz?«

»O, nischt vor der Hand – ick meente man so. Aber wissen Sie, des die Unsrigen drinnen höllische Schmiere kriegen? Ick sprach vorhin eenen, der nach Friedeberg hinkte, er hatte een Schuß in't Been. Die Jeschichte mit Auerswald und Lichnowski'n wird eklich wer'n; vor mir is et hier ooch nich mehr, un ick mache wieder nach Berlin, nu ick Jeld habe. Un wohin jeh'n Sie?«

»Auf die nächste Barrikade!« Er warf die Büchse über die Schulter und schritt nach der Stadt.


Man hatte den unglücklichen jungen Fürsten inzwischen auf ein Ruhebett gelegt, und Dr. Hodges und ein anderer schnell herbeigekommener Arzt, Dr. Wolf, legten ihm hier die ersten Verbände an. Mehrere Personen, die auf die schreckliche Nachricht aus der Stadt herbeikamen, umgaben ihn; einer seiner vertrautesten Freunde, der Fürst von Hohenlohe-Oehringen, fast in gleichem Alter mit ihm, saß in finsterm Schmerz brütend auf einem Sessel am Fußende seines Bettes; ihm auch soll der Unglückliche seinen letzten Willen vervollständigt und einige besondere Bestimmungen anvertraut haben, die treu erfüllt wurden.

Der Fürst trug die furchtbaren Schmerzen mit Fassung; er fühlte, daß die Wunden tödlich, und kämpfte doch mit aller ihm innewohnenden Lebenskraft gegen den Tod. Sein unruhiger Geist ließ ihn trotz des großen Blutverlustes und des Verbotes nicht ruhen, und er versuchte bald mit diesem, bald mit jenem zu sprechen.

Das Fräulein von Röbel hatte die Stelle des Dienstmädchens eingenommen, das bisher mitleidig die weiblichen Hilfeleistungen bei dem Verbinden verrichtet, aber den furchtbaren Anblick des verstümmelten Armes nicht mehr hatte ertragen können. Mit Heroismus überwand Rosamunde die Schwächen ihres Geschlechts und fuhr ohne Unterlaß fort, die brennenden Wunden durch Wasserumschläge zu kühlen.

In diesem Augenblick erklang der scharfe Trab einer Kavallerie-Abteilung auf der Straße, die vor der Villa hielt und sofort alle Ausgänge besetzte. Es war eine Abteilung hessischer Chevauxlegers, die General von Peucker auf die Nachricht des Herrn von Bethmann abgeordnet hatte, den bei aller Teilnahme für den Verwundeten doch die Besorgnis trieb, daß seine Aufnahme in der Villa einen Sturm des von den Barrikaden in der Stadt zurückgedrängten Gesindels auf sein Haus herbeiführen könnte, und der daher auf die Entfernung des Fürsten nach der Stadt drang. Obschon verschiedene Stimmen sich mit Unwillen gegen diese Feigheit erklärten, verlangte der Fürst selbst, nach der Stadt gebracht zu werden, als er von der Besorgnis hörte, und die Ärzte mußten sich mit dem Transport einverstanden erklären. Sie sahen wohl bereits ein, daß hier oder dort doch keine Hoffnung mehr vorhanden war.

Man war eben beschäftigt, das ihm bereitete Lager zum Transport einzurichten, und selbst die Männer standen ernst und finster, die Thräne des Mitgefühls im Auge, um das Bett, während die Frauen laut schluchzten bei dem Anblick dieser erneuten, so mutig ertragenen Schmerzen, als der Major von Röbel wieder herantrat.

Das irrende Auge des Gequälten fiel sogleich auf ihn, und trotz der körperlichen Leiden, die seine Nerven zerrissen, winkte er ihn heran.

»Bringen Sie Nachricht, Herr?«

»Die beste, Durchlaucht, hier ist der Brief – ich hoffe, es ist der rechte!«

Ein Blick genügte dem Leidenden, doch hob er besorgt das Auge zu dem willkommenen Boten auf.

»Aber der Inhalt – ist er nicht verraten?«

»Leider kennen ihn zwei Personen; aber obschon sie nichtswürdige Rebellen gegen ihren König sind, haben sie freiwillig ihr Wort gegeben, von dem Inhalt dieses Briefes nichts zu verraten, und ich glaube, für sie bürgen zu können.«

»Dann kann ich ruhiger sterben,« flüsterte der Kranke, »Gott sei gedankt!« – Sein dunkles, bereits von den Schatten des Todes umflortes Auge hob sich dankend nach Oben. »Behalten Sie den Brief! Ihre Ehre bürgt mir dafür – bringen Sie ihn ungelesen an …« – er nannte flüsternd einen Namen – »und sagen Sie ihr, daß mein Blut für die Sache vergossen wurde!«

Der Major nickte schweigend; das alte, treue Herz war ihm zu voll, als daß er hätte sprechen können. Nur sein Auge, das Winken seiner Hand folgte der Bahre, die man aufhob und jetzt hinaus trug.

Er richtete die weinende Tochter empor und küßte sie auf die Stirn. »Mut, Kind, Mut! Wer seine Pflicht thut und Gott im Herzen hat, kann allen Leiden Stand halten!«

Dann suchten sie im Nebenzimmer die Edelfrau auf, um Anstalten zur Abreise zu treffen.

Man brachte unter der militärischen Begleitung den Fürsten nach dem Hospital am Bleichgarten.

Hier verlangte er nach einem Priester seines Glaubens, um die heiligen Sakramente zu empfangen.

Man schickte nach einem solchen; ehe er erschien, traf bereits die Nachricht ein, daß der Kampf in der Stadt beendet sei; das Militär war Sieger, alle Barrikaden waren genommen, die Aufständischen verjagt, starke Patrouillen durchstreiften bereits die Umgebung und verhinderten jede neue Zusammenrottung. Die Rädelsführer waren längst entwichen.

Der Bote, der nach der zunächst gelegenen Liebfrauenkirche nach einem Geistlichen geschickt worden, hatte dort keinen finden können, da die Priester sich vor dem Kampf, der gerade in dieser Gegend am heftigsten gewesen, zurückgezogen hatten oder selbst mit den Verwundeten und Sterbenden beschäftigt waren. Einer der Abgeordneten des Parlaments hatte endlich einen Geistlichen aufgefunden, der, ein Fremder in der Stadt, sich selbst erbot, den Diöcesan-Priester zu vertreten und dem Unglücklichen die Sakramente zu erteilen.

Man meldete dies dem Fürsten, der sofort nach ihm verlangte. Es zeigten sich schon die Spuren des Deliriums.

Der Priester blieb wohl eine Viertelstunde mit dem Leidenden allein; als er die Thür öffnete, die Ärzte herbeizurufen, war der Kranke bereits ohne Besinnung.

Menschliche Hilfe war hier vergebens – bald darauf trat der Kinnbackenkrampf ein und endete kurz nach elf Uhr das Leben des Dulders.


Die am meisten Kompromittierten von den offenkundig gewordenen Mördern der beiden Abgeordneten entflohen am Morgen nach der That rheinaufwärts, darunter Escherich, Melosch und der Jude Buchsweiler. Der letztere rühmte sich auf dem Dampfschiff öffentlich noch mit den scheußlichsten Reden seiner That, und es war leider keine deutsche Hand von Mut und Ehre zu finden, den Schurken in die Wellen des deutschen Flusses zu schleudern. Andere der Helfer blieben keck und sorglos an ihrem Wohnort.

Die Flüchtlinge gingen nach Frankreich. Später – im Jahre darauf – als von den sich ermannenden Gerichtshöfen in Hessen und Frankfurt eine Verfolgung der Mörder eingeleitet und mehrere, mehr oder weniger beteiligte Personen eingezogen und verurteilt wurden – darunter auch das Frauenzimmer, das bei dem Morde Auerwalds eine so traurige Rolle gespielt hatte, Henriette Zobel – wurde die Verhaftung und Auslieferung der Mörder von der Regierung des neuen Prinz-Präsidenten Louis Napoleon verlangt.

Am 29. Juni 1849 sagte die französische Regierung die Verhaftung und Auslieferung zu – am 12. Juli waren von den bezeichneten neun Personen vier noch nicht verhaftet und gingen, darunter Escherich, nach London, wo er später freiwillig seine Aussagen über den Mord machte.

Die fünf anderen Verhafteten ließ man, als man die wiederholten Reklamationen nicht mehr zurückweisen konnte, geschickter Weise aus Verdun entspringen!


Nach der Ernennung des Ministeriums Arnim – Schwerin – Bornemann hatte der König in der Nacht zum 21., gedrängt durch die jetzt ganz aus den Tonangebern der Bewegung bestehende Umgebung und, um den fortwährend verbreiteten Gerüchten von einem Angriff des Prinzen von Preußen mit Truppen auf die Stadt ein Ende zu machen, das letzte Bataillon seiner treuen Soldaten fortgeschickt, das, jeder Mann bereit, für den König zu sterben, im Schloß zurückgeblieben.

»Stumm und mit gesenktem Haupt,« schreibt der Bericht der Vossischen Zeitung, »zog es morgens zwei Uhr aus dem Schloßportal heraus.«

Um Mittag erfolgte jener traurige Zug durch die Stadt, der einen dunkleren Schatten wirft in der preußischen Geschichte, als selbst die Blutflecken vom Achtzehnten! Der König, der Mann, dessen einzige Fehler ein zu weiches Herz und ein zu empfängliches Gemüt waren, wollte sein offenes, versöhnliches Herz dem Volke beweisen, indem er sich persönlich unter dasselbe begab. Man gab ihm eine schwarz-rot-goldene Fahne in die Hand, die Dr. Stieber herbeigeholt, und dieser und der Tabakshändler Gleich führten das Pferd des Königs durch die Straßen – die Minister folgten!


Die Wahlen zur Nationalversammlung, die mit der Krone eine Verfassung vereinbaren sollte, waren erfolgt, die Versammlung am 22. März eröffnet. Dem liberalen Ministerium Camphausen-Hansemann gegenüber konsolidierten sich rasch die demokratische und die reaktionäre, die sogenannte Junkerpartei. Die erstere, durch einzelne linke Stimmführer der Nationalversammlung Jung, D'Ester, Jacobi, Stein etc. und Straßenredner Held, Dowiat etc. bewegt, machte durch wachsende Gassenexcesse, die andere durch starre Zurückhaltung, durch Aneinanderschließen und Agitation in den Provinzen, dem Ministerium seine Aufgabe unmöglich. Zunächst siegte die Gassendemokratie mit ihren Demonstrationen gegen die Rückkehr des Prinzen von Preußen, und die Minister und Abgeordneten, die dafür gestimmt, wurden insultiert und mißhandelt. Selbst in seiner politischen Zerrissenheit blieb Preußen eine drohende Militärmacht, noch drohender durch das Geheimnis einer überwältigenden Bewaffnung, die vorsichtig einstweilen in den Gewölben des Zeughauses niedergelegt war. Das wußte die revolutionäre Propaganda in Polen, Frankreich und Deutschland sehr wohl, und es galt, Preußen das Geheimnis dieser Waffe zu entreißen. Die brutale Dummheit des Berliner Pöbels ging richtig in die Falle der zu diesem Zweck in Berlin versammelten Agenten, die unter der Firma der Volksbewaffnung am 14. Juni zum Zeughaussturm reizten, der durch die unerhörte Unentschlossenheit eines preußischen Offiziers und die bübische Lüge eines andern Techow. gelang. Noch am selben Abend wurden die gestohlenen Zündnadelgewehre im Hotel der französischen Gesandtschaft verpackt und versandt. Zur Ergründung des Geheimnisses gelangte man freilich damit doch nicht.

Die Nationalversammlung trat jetzt offen gegen die schwankende Regierung auf. Das Ministerium machte einem andern Platz, Rudolf v. Auerswald, Hansemann, Milde, Rodbertus etc. das sich komischer Weise als ein Ministerium der That ankündigte, während sein Präses weit eher zur stillen Intrigue inklinierte, und seine einzige That darin bestand, daß man der von Frankfurt geforderten Huldigung der Truppen für den Reichsverweser durch allerlei Winkelzüge auswich. Demonstrationen der altpreußischen und der demokratischen Partei folgten, die Züge der Teltower Bauern und der Berliner Klubs zu dem Denkmal auf dem Kreuzberg; die Herrschaft des Pöbels im Lindenklub stand in voller Blüte, die Erbitterung des Militärs wuchs, und die blutigen Auftritte in Schweidnitz riefen den Steinschen Antrag vom 9. August gegen die reaktionären Offiziere und Beamten hervor. Am 21. August zog die Versammlung unter den Zelten gegen die Ministerhotels und bombardierte mit Steinen die Popularität Auerswalds, der im September, auf vierundzwanzig Stunden zum Ober-Präsidenten ernannt, dadurch glücklicherweise mit Pension das Portefeuille niederzulegen vermochte. Der Straßentumult, das Klubwesen waren in vollem Flor, Bürgerwehr und Straßendemokratie zankten sich; am 21. September folgte das Ministerium Pfuel – Eichmann – Bonin; den Offizieren wurde vom Präsidenten-General die Reaktion verboten, die Nationalversammlung schaffte das Jagdrecht, die Könige »von Gottes Gnaden«, den Adel und die Titel und Orden ab; die Bürgerwehr stürmte die Arbeiter-Barrikade in der Roßstraße, die Nationalversammlung wurde vom Lindenklub im Schauspielhause vernagelt, das Bürgerwehrgesetz auf dem Gendarmenmarkt verbrannt und ein demokratischer Kongreß nach Berlin gerufen.

So – auf dem Punkt eines offenen Kampfes zwischen Reaktion und Demokratie – zwischen dem Königstum und den jetzt offener hervortretenden republikanischen Bestrebungen – standen die Angelegenheiten im Oktober in Preußen; in drohender Verbindung mit ihnen war die Revolution in Österreich gewachsen!

Am 13. März war die Volksbewegung in Wien erfolgt, die Metternichs Entlassung und Flucht, die Zerstörung seines Hotels, die Gewährung der Bürgerbewaffnung und freien Presse und die Einberufung einer beratenden Versammlung aus allen Teilen der Monarchie zur Folge gehabt.

Aber das neugebildete Ministerium vermochte keine Autorität zu erlangen, die Gärung der sonst so gemütlichen Bevölkerung wuchs um so rascher und größer, je länger und schärfer bisher der politische Druck gewesen war. Die Anreizungen der ungarischen Propaganda thaten das Ihre, denn in ihrem Interesse lag es, die Bewegung in Wien zur offenen Empörung zu steigern. Italien, Ungarn, die Erblande, Galizien, Böhmen und Kroatien – überall die Aufregung und der Kampf der Nationalitäten; aber eben dieser Kampf, die Erhebung und die Eifersucht der einzelnen Teile auf einander war es, was später die Gesamtmonarchie retten sollte.

In Wien verunglückte das neue Ministerium mit seinem Preßgesetz und Verfassungsentwurf, und die Gewalt ging völlig an die aufgeregten Volksmassen, an die schnell gebildete Nationalgarde und an die Studentenlegion – die Aula – über.

Vergebens versuchte die Regierung den aus der Nationalgarde hervorgegangenen Centralausschuß aufzulösen. Eine neue Volksbewegung am 15. Mai erzwang dessen Fortdauer und die Änderung des Wahlgesetzes, die kaiserliche Familie flüchtete am 17. nach Innsbruck, und aus dem mißglückten Versuch am 25., die Macht der Aula zu brechen, entstand ein Sicherheitsausschuß, der bald volle diktatorische Herrschaft übte und die Regierung zu einem Schattenbild herabsinken ließ.

Die Nationalgarden und die akademische Legion hatten am 8. Juli das Ministerium zum Rücktritt gezwungen, eine neues wurde aus dem Freiherrn von Wessenberg, Bach, Kraus, Hornbostl, Doblhoff, Schwarzer und Graf Latour gebildet, der schon unter dem vorigen als Kriegsminister berufen worden war. Der Kaiser, kränklich und schwach, ohne jede Energie, aber von gewandten und scharfsinnigen, aristokratischen Staatsmännern umgeben, die in seiner Schwägerin, der berühmten Erzherzogin Sophie, ihre Stütze und ihren Impuls fanden, blieb in Innsbruck und ließ den konstituierenden Reichstag in Wien am 22. Juli durch den Erzherzog Johann eröffnen. Unterdes hatten sich die Kroaten und anderen slavischen Nationalitäten unter dem Banus Jellachich offen gegen die magyarische Herrschaft aufgelehnt und sich geweigert, der ungarischen Regierung zu gehorchen, die unter dem Ministerium Batthiányi-Kossuth bereits fast unabhängig von der österreichischen Politik vorschritt. Der Banus, der schöne und kühne Partisan der entschlossenen Erzherzogin, erhob offen die Fahne des Kampfes für das Kaiserhaus und die Monarchie. Die Komödie der Mißbilligung und Absetzung des Banus durch den Kaiser wurde durch die Aufnahme desselben in Innsbruck bald als solche erwiesen. In jener Zeit sprach Graf Batthiányi das verhängnisvolle Wort, das ihn später der unversöhnlichen Rache der Erzherzogin zum Opfer fallen ließ. Der Erzherzog-Palatin verließ im September Ungarn; ein letzter Versuch der Verständigung mit dem revolutionären Ministerium durch die Ernennung des Grafen Lamberg zum kaiserlichen Kommissar und Ober-Kommandanten in Ungarn endete mit der Ermordung desselben am 28. September auf der Pesther Brücke, und jetzt brach der offene Kampf der Kaiserkrone mit Ungarn aus, wo die Forderungen (die unbedingte Unterwerfung Kroatiens unter Ungarn, die Rücksendung aller ungarischen Truppen nach Ungarn, die unbedingte Sanktinonierung aller vom ungarischen Landtage beschlossenen Gesetze und die Übersiedelung des Kaisers selbst) die offenbare Losreißung von Österreich verkündeten. Der Hof antwortete mit der Ernennung des Generals Recsey zum Minister-Präsidenten in Ungarn, des Banus zum Ober-Kommandanten und mit der Auflösung des Landtages. Jellacic rückte über die Grenze; Kossuth, der bereits seit Juli durch die Ausgabe eines neuen Papiergeldes, die Bildung der Honvéd-Bataillone und die Bewaffnung der Festungen den offenen Kampf vorbereitet, bildete statt des aufgelösten Ministeriums den Landesverteidigungs-Ausschuß, an dessen Spitze er trat, und im Süden war es bereits zum blutigen Kampf mit dem Banus gekommen.

Der schlaue Agitator unterschätzte jedoch keineswegs die Kräfte seiner Gegner; er kannte den Haß der Kroaten, die Abneigung in Siebenbürgen, den Widerwillen der zahlreichen Swabi, der deutschen Bevölkerung in Ungarn, an der Erhebung teil zu nehmen; er wußte, daß der Hof mit Preußen unterhandelte wegen Einrückung eines Armeekorps in Galizien, und daß der Befehl erteilt war, alle disponiblen Truppen aus Wien und den Erbländern gegen Ungarn marschieren zu lassen.

Es galt also, den Anmarsch der Truppen gegen Ungarn zu verhindern, den Kampf in das Herz des Kaiserreichs selbst zu tragen, die Gärung und Unordnung in Wien zur offenen Rebellion, zum unwiderruflichen Bruch mit dem Kaiserhause zu gestalten; denn Kaiser Ferdinand war auf das wiederholte Verlangen und die Zusicherungen der Wiener im August nach Wien zurückgekehrt und residierte in Schönbrunn.



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