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Elftes Kapitel

Frühling und Sonne

Dienstag, 25. Februar. Angenehmes Wetter heute, um draußen zu sein; es ist gerade, als ob der Frühling beginnen wolle. Wir haben die ersten Vögel gesehen, es waren Krabbentaucher; erst eine Schar von etwa zehn, dann ein weiterer Zug von vier; sie kamen aus dem Süden dem Lande entlang, augenscheinlich durch die Straße im Südosten, und verschwanden hinter dem Bergrücken im Nordwesten von uns. Wieder einmal hörten wir ihr fröhliches Zwitschern, das ein Echo in uns wach rief. Etwas später hörten wir es nochmals, und dann schien es uns, als ob die Vögel sich auf dem Berge über uns niedergelassen hätten. Der erste Gruß vom Leben. Gesegnete Vögel, wie seid ihr willkommen!

Es war gerade wie an einem Frühlingsabend zu Hause. Der rothe Sonnenglanz verschwand allmählich mit den goldigen Wolken, und der Mond ging auf. Ich ging draußen auf und nieder und träumte, ich sei an einem Frühlingsabend in Norwegen.

Mittwoch, 26. Februar. Heute hätten wir die Sonne wieder sehen müssen, doch war der Himmel bewölkt.

Freitag, 28. Februar. Ich habe entdeckt, daß wir aus einem Stück Segelgarn zwölf Fäden herstellen können, und fühle mich so glücklich wie ein König. Wir haben jetzt Zwirn genug, und unsere Windkleider sollen wieder geflickt werden. Wir können auch das Segeltuch der Säcke auftrennen und als Zwirn verwenden.

Sonnabend, 29. Februar. Die Sonne steht heute hoch über dem Gletscher. Wir müssen im Ernste anfangen, mit dem Thran sparsam umzugehen, wenn wir von hier fortkommen wollen, sonst bleibt zu wenig Speck für die Reise übrig.

Mittwoch, 4. März. Als Johansen heute Morgen hinausging, war der ganze Berg über uns mit Krabbentauchern bedeckt, die zwitschernd von Vorsprung zu Vorsprung flogen und überall auf dem Gletscher saßen. Als wir später hinauskamen, waren sie verschwunden.

Freitag, 6. März. Es geht uns jetzt schlecht. Wir müssen, um Thran zu sparen, im Dunkeln schlafen und können nur einmal am Tage kochen.

Sonntag, 8. März. Schoß einen Bären. Johansen sah zehn Scharen Krabbentaucher, die heute Morgen den Sund hinaufflogen.

siehe bildunterschrift

Johansen feuert auf den Bären.

Dienstag, 10. März. Der Bär von vorgestern war gerade im richtigen Augenblick gekommen; ein recht angenehmer Bursche!

Es ging uns recht schlecht, sowol was Speck, als was Fleisch anbetrifft, am meisten aber des Speckes wegen; wir sehnten uns nach einem Bären und meinten, es müsse jetzt etwa die Zeit sein, daß sie wiederkommen könnten. Ich hatte gerade den Sonntag Vormittag damit verbracht, meine Windhosen zu nähen und meine Komager zu flicken, um vollständig bereit zu sein, wenn ein Bär erscheinen sollte. Johansen, dessen Kochwoche es war, hatte ebenfalls ein wenig genäht: er reinigte gerade die Hütte zum Sonntag und trug Knochen und Fleischabfälle hinaus, womit er bis an den Eingang gelangt war. Kaum hatte er aber das draußen über der Oeffnung liegende Fell aufgehoben, als ich ihn Hals über Kopf wieder hereineilen und über einen Haufen Knochen stolpern und rufen hörte: »Da steht ein Bär gerade vor der Thür.« Er riß seine Büchse von der Stelle herab, wo sie unter dem Dache hing, und steckte den Kopf in den Durchgang, zog ihn aber rasch zurück und sagte: »Er steht dicht davor und will offenbar hereinkommen.«

Es gelang Johansen, eine Ecke des Felles vor der Thür zur Seite zu ziehen, um Raum für seinen Ellenbogen zum Schießen zu bekommen, was aber nicht ganz leicht war. Der Durchgang war ohnehin schmal genug, und jetzt war er auch noch voller Knochen und Fleischabfälle. Während Johansen geduckt lag, sah ich, daß er einmal das Gewehr an die Schulter hob, dann es aber wieder sinken ließ; er hatte vergessen, es zu spannen, und der Bär hatte sich ein wenig bewegt, sodaß nur Maul und Tatzen von ihm zu sehen waren. Nun aber begann er mit einer der Tatzen in dem Durchgang herumzukratzen, als ob er hereinkommen wollte, worauf Johansen meinte, er müsse Feuer geben, wenn er ihn auch nicht sähe. Er schob die Büchse hinaus, richtete den Lauf auf den obern Rand der Oeffnung, weil er glaubte, daß der Schuß dem Bären gerade durch die Brust gehen müsse, und gab Feuer. Ich hörte ein dumpfes Brüllen und das Knirschen schwerer Tritte, die sich aufwärts dem Geröll zuwandten. Johansen hatte wieder geladen und den Kopf zur Oeffnung hinausgesteckt; er sagte, er sähe ihn dort hinaufgehen, es schiene nicht viel geworden zu sein, und stürzte hinter ihm her. Mittlerweile hatte ich mit dem Kopfe voran in dem Schlafsack gelegen und auf eine Socke Jagd gemacht, die ich nicht finden konnte. Nach langem Suchen fand ich sie endlich – auf dem Erdboden natürlich. Dann war auch ich fertig, und wohlausgerüstet mit Büchse, Patronen, Messer und Feile (zum Schärfen des Seehundsmessers) folgte ich. Ich hatte auch meine Windhosen an, die während des ganzen Winters wegen Mangel an Zwirn zum Nähen derselben unbenutzt gehangen hatten, jetzt aber, als die Temperatur nur -2° C. war, natürlich angezogen werden mußten. Ich folgte den Spuren, die westwärts und nordwärts längs der Küste führten. Nach einer Weile begegnete mir endlich Johansen, der sagte, der Bär läge weiter hin; er habe ihn schließlich eingeholt und mit einem Schuß in den Rücken abgethan. Während er umkehrte, um die Schlitten zu holen, ging ich hin, um mit dem Abhäuten anzufangen, was jedoch nicht so ganz rasch geschehen sollte. Als ich mich der Stelle näherte, wo der Bär, wie ich meinte, liegen müsse, erblickte ich den »todten« Bären, der weit voraus in ziemlich lebhaftem Tempo die Küste entlang trabte. Hin und wieder blieb er stehen, um sich nach mir umzusehen. Ich rannte auf das Eis hinauf, um, wenn möglich, auf seine andere Seite zu kommen und ihn zurückzutreiben, damit wir ihn nicht zu weit zu schleppen hätten. Nachdem ich dies einige Zeit fortgesetzt hatte und ungefähr auf gleiche Höhe mit ihm gekommen war, begann er an dem Gletscher hinauf und unter einige zerrissene Felsstücke zu klettern. Ich hatte nicht darauf gerechnet, daß ein »todter« Bär dazu im Stande sein würde. Das einzige war, ihn so bald wie möglich daran zu hindern; allein gerade als ich in Schußweite war, verschwand er hinter einem Vorsprung. Bald darauf sah ich ihn wieder, ein gutes Stück höher hinauf und ganz außer Schußweite. Er reckte den Hals, um zu sehen, ob ich ihm nachkäme. Ich stieg ihm eine Strecke nach, aber da er längs des Berges rascher lief, als ich ihm in dem tiefen Schnee folgen konnte, unter welchem außerdem Spalten verborgen waren, in die ich wiederholt bis zur Brust hineinfiel, so zog ich es vor, wieder nach dem Fjordeis hinabzuklettern. Nach einer kleinen Weile kam er unter einer senkrechten Klippe mit etwas steilem Geröll hervor, wo er vorsichtig auf dem letztern weiter zu kriechen begann. Ich befürchtete, daß er sich an einer Stelle wie diese, wo wir ihn nicht erreichen konnten, hinlegen werde, und meinte, ich müsse, obwol die Entfernung groß war, doch schießen, um zu versuchen, ihn dadurch zum Herabsteigen zu bringen. Es sah nicht danach aus, als ob er dort oben festen Halt für die Füße hätte. Unter der Klippe wehte es ordentlich, und ich sah, daß der Bär, wenn die schlimmsten Windstöße kamen, sich platt niederlegen und festklammern mußte; doch hatte er dazu nur drei Füße, da das rechte Vorderbein zerschossen war. Ich stellte mich nun an einen großen Stein am untern Rande des Gerölls, zielte gut und gab Feuer. Ich sah die Kugel gerade unter ihm in den Schnee einschlagen; getroffen oder nicht, sprang er auf und versuchte über eine Schneewehe zu setzen, glitt aber aus und überschlug sich. Ein paar mal versuchte er, sich festzuhalten, fiel aber weiter, bis er schließlich auf den Füßen stand und nun langsam wieder hinauszukriechen begann. Mittlerweile hatte ich wieder geladen; die Schußweite war jetzt geringer, und ich schoß nochmals. Er stand einen Augenblick still und glitt dann immer weiter am Abhange hinab, erst langsam, dann schneller und immer schneller, wobei er sich mehrfach überschlug. Ich glaubte, er käme gerade auf mich zu, tröstete mich jedoch mit dem Gedanken, daß der Stein, hinter welchem ich stand, recht fest war. Mich niederkauernd schob ich rasch eine neue Patrone in den Lauf. Der Bär war jetzt bei dem Geröll unten am Abhange angekommen; er war mit Steinen und Schneeklumpen zusammen in einer Reihe von Sätzen, von denen einer immer größer als der andere war, heruntergesaust. Es war ein seltsamer Anblick, diesen großen weißen Körper durch die Luft fliegen und einen Luftsprung nach dem andern thun zu sehen, als ob er ein Stück Holz gewesen wäre. Endlich machte er noch einen gewaltigen Satz und stieß darauf an einen großen Stein. Ein starker Krach, und er lag dicht neben mir; dann gingen noch einige Zuckungen durch den Körper, und alles war vorüber.

Es war ein ungewöhnlich großes Männchen mit wunderschönem dickem Pelz, den man gern zu Hause haben möchte; das Beste aber war, daß er auch sehr fett war.

Es war so windig, daß die Windstöße einen wol umwerfen konnten, wenn man nicht darauf vorbereitet war. Bei so milder Luft aber, wie wir hatten, hatte der Wind nicht viel auf sich, und es würde keine so schwere Arbeit gewesen sein, den Bären abzuhäuten, hätte er nicht in einer Vertiefung gelegen und wäre er nicht so schwer gewesen, daß ein Mann ihn nicht bewegen konnte. Nach einer Weile kam Johansen herbei, und schließlich hatten wir ihn zerlegt und nach dem Eise hinabgeschleppt, wo wir ihn auf den Schlitten packten. Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir fanden, es würde für uns zu viel sein, ihn auf einmal gegen den Wind weit zu ziehen. Wir legten daher die Hälfte in einem Haufen auf dem Eise nieder und breiteten das Fell darüber aus, mit der Absicht, sie in einem oder zwei Tagen zu holen; aber selbst auf diese Weise hatten wir Mühe genug, in der Dunkelheit gegen den Wind anzukämpfen, sodaß es schon spät am Abend war, ehe wir heimkamen. Es war lange her, seitdem wir uns so über unser Nachhausekommen sowie darüber gefreut hatten, daß wir uns in den Sack legen und frisches Fleisch und heiße Suppe zum Abendbrot verzehren konnten.

Wir lebten sechs Wochen von diesem Bären.

Als Johansen heute Morgen um sechs draußen war, glaubte er Millionen Krabbentaucher die Straße hinauffliegen zu sehen, und als wir nachmittags um zwei Uhr wieder hinauskamen, flog unaufhörlich eine Schar nach der andern nach der See zu; es dauerte bis zum späten Nachmittage. Ich sah auch zwei Grilllummen über unsern Köpfen hinfliegen; es waren die ersten, die wir gesehen haben. Nun da das Frühjahr fortschritt, hatten wir gute Gelegenheit, zu beobachten, wie die Krabbentaucher in großen Scharen, und in geringerer Anzahl die Grilllummen, zu gewissen unabänderlich feststehenden Tageszeiten vom Lande aus der offenen See zuflogen und zu andern Zeiten in ununterbrochenen Zügen in die von Eis geschlossenen Fjorde zu ihren Brütfelsen zurückkehrten.

Mittwoch, 25. März. Hinter dem Kap im Südwesten ist unverändert der dunkle Wasserhimmel zu sehen, der sich von dort fast bis zum äußersten Westen ausdehnt. Er ist während des ganzen milden Wetters bei südwestlichem Winde schon seit Anfang des Monats da gewesen. Dort scheint immer offenes Wasser zu sein, denn sobald der Himmel überzogen ist, zeigt sich in jenem Viertel auch der Widerschein des Wassers.

Donnerstag, 2. April. Als ich heute Abend um 8 Uhr (unser Morgen fiel an diesem Tage mit dem Abend zusammen) aufstand, hörten wir draußen ein Thier umherrascheln und an irgendetwas nagen. Wir beachteten es nicht sehr, weil wir glaubten, daß es ein Fuchs sei, der sich auf dem Dache in der gewöhnlichen Weise mit einem Stück Fleisch beschäftige. Wenn er auch etwas mehr Lärm zu machen schien, als wir in letzter Zeit von den Füchsen zu hören gewohnt gewesen waren, so war das Geräusch doch kaum stark genug, um von einem Bären zu kommen. Wir dachten nicht daran, daß der Schnee nicht mehr so kalt und knirschend war wie während des Winters. Als Johansen hinausging, um das Thermometer abzulesen, sah er, daß ein Bär um die Hütte herumgegangen war. Demselben hatten jedoch die Bärenkadaver offenbar nicht gefallen, und er hatte sich nicht an ihnen vorbei bis zum Walroßspeck auf dem Dache gewagt. An der Oeffnung des Einganges und dem Schornstein hatte er stark geschnüffelt und wahrscheinlich den köstlichen Geruch von gebratenem Speck und lebendem Menschenfleisch genossen. Dann hatte er eine draußen liegende Walroßhaut eine kleine Strecke fortgeschleppt und den Speck heruntergekratzt. Er war dann unsern Fußtritten von der Hütte bis zu der Stelle, wo wir Salzwasser holten, nachgegangen und darauf weiter über das Eis gewandert, bis er die dort liegenden Walroßkadaver gewittert und sich ihnen genähert hatte, als Johansen ihn in Sicht bekam. Dort hatte er sich ans Schmausen gemacht. Da meine Büchse augenblicklich nicht gebrauchsfähig war, nahm ich Johansen's Gewehr und ging allein zum Bären hin. Er war so eifrig beschäftigt, die Kadaver zu benagen und Stücke Fleisch herunterzureißen, daß ich von hinten ganz nahe an ihn herankommen konnte, ohne daß ich mich um eine Deckung zu kümmern brauchte. Da ich wissen wollte, wie nahe ich ihm kommen könnte, ging ich weiter, und erst als ich so dicht bei ihm war, daß ich ihn mit der Mündung meiner Büchse fast berühren konnte, hörte er meine Schritte; so eifrig war er beschäftigt gewesen. Er wendete sich um, blickte mich trotzig und erstaunt an, worauf ich ihn mit einer Ladung gerade ins Gesicht begrüßte. Er warf den Kopf in die Höhe, pustete und warf Blut aus auf den Schnee, worauf er sich wieder umdrehte und davongaloppirte. Ich wollte wieder laden, allein die Patrone klemmte sich fest, sodaß ich sie nur durch Anwendung meines Messers wieder herausbekommen konnte. Während ich hiermit beschäftigt war, hatte sich der Bär besonnen, war stehen geblieben, hatte sich mir zugewandt und schnaubte wüthend, da er sich entschlossen hatte, mich anzugreifen. Dann begab er sich auf ein in der Nähe befindliches Stück Eis, stellte sich in Vertheidigungsstellung auf und streckte mir den Hals entgegen, während das Blut ihm aus Maul und Nase floß. Die Kugel war ihm durch den Kopf gegangen, ohne jedoch das Gehirn zu berühren. Endlich hatte ich eine andere Patrone in den Lauf geschoben, mußte ihm aber fünf Schüsse geben, bis ich ihn schließlich tödtete. Nach jedem Schusse stürzte er nieder, doch kam er immer wieder auf. Ich war an das Visir auf Johansen's Büchse nicht gewöhnt und schoß daher damit zu hoch. Schließlich wurde ich ärgerlich, stürzte auf ihn zu und machte ihm ein Ende.

Wir waren allmählich für die Fahrt nach Süden gut mit Speck und Fleisch ausgerüstet und beschäftigten uns jetzt eifrig mit unsern Vorbereitungen dazu. Es war noch sehr viel zu thun. Wir mußten damit anfangen, uns aus unsern wollenen Decken neue Kleider zu machen; unsere Windkleider mußten geflickt und genäht, unsere Komager gesohlt, aus Bärenfell mußten Socken und Handschuhe hergestellt werden. Dann machten wir uns aus Bärenfell auch einen leichten guten Schlafsack. Dies alles nahm Zeit in Anspruch, und wir arbeiteten daher von diesem Augenblicke an vom frühen Morgen bis spät in die Nacht fleißig mit der Nadel. Unsere Hütte war plötzlich in eine geschäftige Schneider- und Schusterwerkstatt verwandelt. Seite an Seite saßen wir auf dem Steinlager im Schlafsacke und nähten und nähten und dachten an die Heimkehr. Zwirn erhielten wir durch Auffasern des baumwollenen Segeltuches einiger Proviantsäcke.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß wir stets über die Aussichten unserer Reise sprachen. Großen Trost fanden wir in dem Feststehen des dunkeln Himmels im Südwesten, der viel offenes Wasser in dieser Richtung andeutete. Infolge dessen meinte ich, daß wir auf der Reise nach Spitzbergen gute Verwendung für unsere Kajaks haben würden. Ich erwähne dieses offene Wasser mehrmals in meinem Tagebuche. Zum Beispiel am 13. April: »Offenes Wasser vom Kap im Südwesten bis nach Norden, soweit wir sehen können.« Hiermit meine ich natürlich, daß über dem ganzen Horizont in dieser Richtung dunkle Luft war, die deutlich anzeigte, daß das Wasser dort offen war. Dies konnte uns nicht überraschen; wir mußten in der That darauf vorbereitet sein, seitdem Payer um Mitte April auf einem noch nördlichem Punkte an der Westküste vom Kronprinz-Rudolf-Land offenes Wasser gefunden hatte; gerade dies hatte mir den ganzen Winter hindurch im Sinne gelegen.

Ein Zweites, das uns an die nahe Nachbarschaft der See glauben ließ, war, daß wir täglich von Elfenbeinmöven und Eissturmvögeln, zuweilen auch von Stummelmöven besucht wurden. Die ersten Elfenbeinmöven sahen wir am 12. März; während des April wurden sowol diese immer zahlreicher, als auch die Tauchermöven ( Larus glaucus), die auf dem Dache unserer Hütte und rundumher saßen und an den Knochen und Abfällen der Bären, die sie dort fanden, hackten und pickten.

Während des Winters hatte uns das beständige Nagen der Füchse an dem Fleische da oben unterhalten und daran erinnert, daß wir noch nicht von allen lebenden Wesen verlassen seien.

Mit dem Eintritt des Tageslichtes verschwanden die Füchse. Sie fanden jetzt reichlich Nahrung an den Krabbentauchern oben in den Spalten der Berge und brauchten sich nicht mehr von unserm steinhart gefrorenen Bärenfleisch zu nähren. Statt dessen hatten wir jetzt das Picken der Möven; doch riefen diese nicht dieselben Täuschungen hervor, sondern waren oft, wenn sie auf dem Dache der Hütte über unsern Köpfen saßen, recht lästig und störten uns sogar im Schlafe. Wir mußten daher an das Dach klopfen oder hinausgehen, um sie zu verscheuchen, was jedoch immer nur für wenige Minuten die gewünschte Wirkung hatte.

Am 18. April, als ich mit Sonnenbeobachtungen beschäftigt war, blickte ich zufällig vom Theodoliten auf und sah zu meinem Erstaunen einen Bären mir gerade gegenüber auf dem Eise am Lande stehen. Er mußte schon längere Zeit dort gestanden und zugeschaut haben, was ich machte. Ich rannte nach der Hütte, um eine Büchse zu holen; als ich aber zurückkehrte, gab er Fersengeld, und ich hatte keine Lust, ihn zu verfolgen.

Sonntag, 19. April. Heute Morgen um 7 Uhr wurde ich durch den schweren Tritt eines Bären draußen geweckt. Ich rief Johansen, der Licht machte, während ich Beinkleider und Komager anzog und mit dem geladenen Gewehr hinauskroch. Während der Nacht war wie gewöhnlich eine große Menge Schnee über die Haut geweht, die die Hüttenöffnung bedeckte, sodaß es mir schwer wurde durchzubrechen. Indem ich mit aller Gewalt von unten mit dem Fuß dagegenstieß, gelang es mir endlich, den Schnee fortzuschlagen, sodaß ich den Kopf ins Freie stecken konnte, wo das Tageslicht nach der in der Hütte herrschenden Dunkelheit ganz blendend wirkte. Ich sah nichts, wußte aber, daß ein Bär dicht hinter der Hütte stehen mußte. Dann hörte ich ein Schnaufen und Pusten, – und fort lief das Vieh im plumpen Bärengalopp, den Abhang hinauf! Ich wußte nicht, sollte ich schießen oder nicht, da ich, die Wahrheit zu sagen, bei diesem unangenehmen Wetter nur wenig Lust zum Bärenabhäuten verspürte. Ich schickte ihm aber doch, halb aufs gerathewohl, eine Kugel nach, die natürlich fehlging, worüber ich indeß nicht bös war. Ich schoß nicht wieder; der eine Schuß genügte, ihn zu erschrecken und für den Augenblick von der Rückkehr abzuhalten. Wir brauchten ihn nicht, wenn nur er unsere Sachen in Ruhe lassen wollte! Bei der Spalte im Norden blickte er sich um und setzte dann den Weg fort. Wie gewöhnlich war er gegen den Wind gekommen und mußte uns weit im Westen auf dem Eise gewittert haben. Er hatte mehrere Zickzackgänge gemacht, war beim Eingange der Hütte gewesen, wo er seine Visitenkarte zurückgelassen hatte, und dann direct auf einen Hügel hinter uns zugegangen, wo Walroßspeck lag, auf allen Seiten von den Bärenkadavern umgeben. Die letztern hatten keine Schrecken für ihn. Er hatte das den Speck bedeckende Bärenfell eine weite Strecke fortgeschleppt, doch war es ihm glücklicherweise nicht gelungen, etwas zu fressen, ehe ich kam.

Sonntag, 3. Mai. Als Johansen heute Morgen hereinkam, sagte er, er habe draußen auf dem Eise einen Bären gesehen; er nähere sich. Etwas später ging er wieder hinaus, um nach ihm zu sehen, konnte ihn aber nicht entdecken; wahrscheinlich hatte sich dieser nach der Bai im Norden gewendet. Wir erwarteten jedoch einen Besuch von ihm, da der Wind dorthin wehte. Und richtig, als wir im Laufe des Tages beim Nähen saßen und so eifrig arbeiteten, wie wir nur konnten, vernahmen wir schwere Tritte draußen auf dem Schnee. Dann hörten sie auf, gingen ein wenig rückwärts und vorwärts, darauf wurde etwas geschleppt, und alles war wieder ruhig. Johansen schlich vorsichtig mit seiner Büchse hinaus. Als er zur Oeffnung hinausschaute und seine Augen sich von der ersten blendenden Wirkung des Tageslichts erholt hatten, sah er einen Bären, der an einem Bärenfell nagte. Eine Kugel durch den Kopf tödtete ihn auf der Stelle. Es war ein mageres kleines Thier, aber des Mitnehmens werth, weil es uns die Mühe ersparte, die Kadaver aufzuthauen, um davon Proviant für unsere Reise abzuschneiden. Steifgefroren, wie sie jetzt sind, können wir sie draußen in der Kälte nicht entzweischneiden, sondern müssen sie in die Hütte bringen und in der Wärme erst weich werden lassen, und das kostet Zeit. In letzter Nacht waren zwei Bären hier zum Besuch gewesen, jedoch bei dem Schlitten wieder umgekehrt, der in der Moräne westlich von uns aufrecht steht, um als Gestell für unsere Thermometer zu dienen.

Als wir am Sonnabend, 9. Mai, beim Frühstücken waren, hörten wir draußen wieder Bärentritte, und da wir befürchteten, daß das Thier unsern Speck fressen würde, hatten wir kein anderes Mittel, als es zu erschießen. Nun hatten wir weit mehr Fleisch, als wir gebrauchten, und wollten daher für den Augenblick ungern weitere Patronen verwenden. Was uns aber am meisten leidthat, war der Gedanke an all die schönen Bärenfelle, die wir würden zurücklassen müssen.

Die Zeit nahte jetzt heran, in der wir würden aufbrechen müssen, und mit fieberhaftem Eifer arbeiteten wir an den Vorbereitungen. Unsere Kleidungsstücke waren fertig.

Die Eintragung für Dienstag, 12. Mai, lautet:

»Nahm heute Abschied von meinen alten Beinkleidern. Ich war ganz traurig bei dem Gedanken an die guten Dienste, die sie mir geleistet hatten; aber sie sind jetzt so schwer von Oel und Schmutz, daß sie mehr als doppelt so schwer als ursprünglich sein müssen, und wenn man sie drückte, würde Thran heraussickern.«

Es war unleugbar angenehm, die aus den Wolldecken hergestellten neuen leichten, weichen Beinkleider anzuziehen, die einigermaßen fettfrei waren. Da dieses Material aber loses Gewebe war, so befürchtete ich, daß es sich nicht halten würde, bis wir Spitzbergen erreichten, und wir hatten es daher an der Innen- wie an der Außenseite mit Stücken von alten Unterbeinkleidern und einem Hemde verstärkt, um es gegen Abnutzung zu schützen.

Während ich am Sonnabend, 16. Mai, außerhalb der Hütte einige Beobachtungen vornahm, sah ich draußen auf dem Eise einen Bären mit einem ganz kleinen Jungen. Ich hatte eben vorher einen Gang dorthinaus gemacht, und sie untersuchten meine Fußspuren. Die Mutter war voran und ging auf alle Hügel hinauf, auf denen ich gewesen war, wandte sich dann um, schnüffelte, blickte nach den Spuren, stieg darauf wieder hinab und ging weiter. Das kleine Junge trabte hinterher und wiederholte genau die Bewegungen der Mutter. Endlich wurden sie dessen müde, richteten die Schritte dem Lande zu und verschwanden hinter dem Vorgebirge nördlich von uns. Als bald darauf Johansen herauskam, erzählte ich es ihm und sagte: »Ich glaube, wir werden sie bald in der Spalte dort oben sehen, da der Wind nach dieser Richtung weht.«

siehe bildunterschrift

Auf dem Eise vor unserer Winterhütte.

Kaum hatte ich ausgesprochen, als wir, hinüberblickend, sie dort beide stehen sahen, die Hälse vorstreckend, schnüffelnd und uns und die Hütte betrachtend. Wir wollten sie nicht schießen, weil wir Ueberfluß an Nahrung hatten, meinten aber, es würde amüsant sein, sie aus der Nähe zu beobachten und dann, wenn möglich, ordentlich zu erschrecken, um sie von einem Besuche bei uns während der Nacht abzuhalten, sodaß wir in Ruhe schlafen könnten. Als wir uns näherten, schnaubte die Mutter ärgerlich. Sie wandte sich mehreremal um, als ob sie gehen wollte, wobei sie das Junge voranstieß, drehte sich aber immer wieder um, um uns genauer zu betrachten. Schließlich trotteten sie langsam davon, wobei sie aber beständig zögerten und zurückblickten. Ganz langsam marschirten sie zwischen den Hügeln an den Strand hinunter. Ich rannte ihnen nach. Die Mutter ging voran, das Junge trabte genau in ihren Fußstapfen hinterher. Bald war ich ihnen nahe; die Mutter sah mich, ging schneller und suchte das Junge zu veranlassen, mitzukommen, jedoch fand ich jetzt, daß es nicht rascher laufen, als ich folgen konnte. Als die Mutter dies sah, wandte sie sich sofort um und kam rasend direct gegen mich herangestürmt. Ich blieb stehen und bereitete mich zum Schusse vor, für den Fall, daß sie mir zu nahe kommen sollte; inzwischen trottete das Junge so rasch wie möglich weiter. Die Mutter machte, wieder schnaubend und zischend, wenige Schritte vor mir halt, blickte sich dann nach dem Jungen um und trabte ihm nach, als sie sah, daß es sich eine tüchtige Strecke entfernt hatte. Ich folgte ihnen und holte das Junge wieder ein, worauf die Mutter dasselbe Manöver wiederholte. Sie schien die allergrößte Lust zu haben, mich zu Boden zu schlagen; allein dann war das Junge wieder ein wenig weiter gekommen, weshalb sie sich nicht erst mit mir aufhielt, sondern ihm nachtrottete. Das wiederholte sich mehreremal; dann begannen sie den Gletscher zu erklettern, die Mutter voran, das Junge hinterdrein. Das letztere kam aber nicht sehr rasch vorwärts, obwol es, so gut es konnte, in den Fußstapfen der Mutter durch den tiefen Schnee weiter trottete; es erinnerte mich, als es hinaufkletterte und sich halb erschreckt, halb neugierig, fortwährend umblickte, an ein Kind in Hosen. Es war rührend anzusehen, wie die Mutter sich unaufhörlich umwandte, um es zur Eile anzutreiben, wobei sie es hin und wieder mit dem Kopfe anstieß und die ganze Zeit mich anschnaubte und anzischte, während ich ruhig unten stand und zusah. Als sie den Rücken erreicht hatten, blieb die Mutter stehen und zischte ärger als je. Nachdem sie das Junge hatte an sich vorübergehen lassen, verschwanden beide über den Gletscher, während ich mich zurückbegab, um meine Arbeit fortzusetzen.

In der letzten Zeit hatte in der Hütte eine fieberhafte Thätigkeit geherrscht. Wir waren immer ungeduldiger geworden und wollten aufbrechen; doch war noch immer viel zu thun. Jetzt empfanden wir es bitter, daß wir nicht mehr auf die Vorräthe der »Fram« zurückgreifen konnten. An Bord der »Fram« mochte das eine oder andere gefehlt haben, hier fehlte uns in der That alles. Was würden wir nicht selbst für eine einzige Kiste Hundekuchen – für uns selbst – aus dem Ueberfluß der »Fram« gegeben haben! Wo sollten wir all das finden, was wir brauchten? Für eine Schlittenreise muß man einen Vorrath von leichtem, nahrhaftem Proviant mitnehmen, der gleichzeitig eine möglichst große Mannigfaltigkeit bietet; man muß leichte und warme Kleidung, starke und praktische Schlitten haben u. s. w. Ja, wir kennen sie, diese Vorschriften des arktischen Reise-Abc. Die uns bevorstehende Reise war gewiß keine sonderlich weite; es handelte sich nur darum, Spitzbergen zu erreichen und an Bord der Jacht zu gelangen; sie war aber trotzdem lang genug, um diese Vorsichtsmaßregeln auch für uns von Bedeutung erscheinen zu lassen.

Als wir die Vorräthe, die wir zu Beginn des Winters vergraben hatten, hervorholten und die Säcke öffneten, fanden wir, daß nur noch wenige traurige Reste eines Proviants vorhanden waren, der früher einmal gut gewesen, jetzt aber größtentheils infolge der Feuchtigkeit des letzten Herbstes verschimmelt und verdorben war. Unser Mehl, unser kostbares Hafermehl, war schimmelig geworden und mußte fortgeworfen werden; die Chocolade hatte sich in der Feuchtigkeit aufgelöst und war nicht mehr vorhanden, und der Pemmikan – nun, er hatte ein seltsames Aussehen, und als wir ihn kosteten – Pfui! Er mußte ebenfalls fortgeworfen werden. Es war noch ein Quantum Fischmehl, etwas Aleuronatmehl und etwas feuchtes, halb verschimmeltes Brot übrig, das wir sorgfältig in Thran kochten, theils um es zu trocknen, weil die Feuchtigkeit durch das kochende Oel vertrieben wurde, theils um es durch die Imprägnirung mit Fett nahrhafter zu machen. Nach unserer Meinung schmeckte es köstlich, und wir bewahrten es sorgfältig für festliche Gelegenheiten und für die Zeit auf, wenn uns alle Nahrungsmittel ausgegangen sein würden. Hätten wir Bärenfleisch trocknen können, so würden wir damit sehr guten Proviant gewonnen haben, doch war das Wetter zu rauh und zu kalt, sodaß die aufgehängten Fleischstreifen nur halb trocken wurden. Es war weiter nichts zu thun, als so viel zerschnittenes rohes Fleisch und Speck mitzunehmen, als wir befördern konnten. Dann füllten wir die drei Blechkannen, die Petroleum enthalten hatten, mit Thran, den wir als Brennmaterial benutzten. Zum Kochen wollten wir auf der Reise den Topf, der zum Kochapparate gehörte, benutzen, während wir in einer Schale unsers »Primus« Speck und Thran brannten. Der Proviant und das Brennmaterial bildeten keine besonders leichte Ausrüstung, aber sie hatten wenigstens den Vorzug, daß wir wahrscheinlich im Stande sein würden, das Verzehrte unterwegs wieder zu ersetzen. Hoffentlich finden wir reichlich Wild.

Eine größere Schwierigkeit für uns waren die kurzen Schlitten, da wir sie hier natürlich nicht verlängern konnten. Wenn es uns nicht gelang, auf dem ganzen Wege nach Spitzbergen offenes Wasser zu finden, und wir gezwungen waren, sie über das unebene Treibeis zu schleppen, konnten wir uns kaum vorstellen, wie wir mit den auf den kurzen Schlitten liegenden Kajaks weiter kommen sollten, ohne daß sie auf den Hügeln und Eisrücken in Stücke geschlagen würden. Denn die Kajaks wurden nur in der Mitte getragen, beide Enden aber ragten weit über die Schlitten hinaus, und sie berührten bei der geringsten Unebenheit das Eis, sodaß Löcher in das Segeltuch gestoßen wurden. Wir mußten die Kajaks daher in der Weise schützen, daß wir Bärenfelle darunter befestigten; dann mußten wir aus dem spärlichen Holzvorrath, den wir noch besaßen, so gut es ging Lager herstellen, um sie auf den Schlitten zu befestigen. Das war keine leichte Sache, weil es hauptsächlich darauf ankam, die Lager hoch zu machen, um die Kajaks soviel wie möglich in die Höhe zu bringen und dadurch vom Eise freizuhalten. Dann mußten die Kajaks gut festgebunden werden, damit sie an ihrem Platze blieben. Wir besaßen jedoch keine Stricke zum Befestigen und mußten sie uns erst aus roher Bären- und Walroßhaut herstellen, die beide nicht gerade das allerbeste Material zu solchen Befestigungen sind. Jedoch bewältigten wir die Schwierigkeiten und erreichten, daß die Kajaks ruhig und gut lagen. Den schwersten Theil ihrer Ladung verstauten wir natürlich soviel wie möglich in der Mitte, damit die Enden durch das Gewicht nicht abbrächen.

Unsere persönliche Ausrüstung in Ordnung zu bringen, war ebenso schwierig. Das Anfertigen der neuen Kleidungsstücke nahm bei zwei so ungeschickten Schneidern lange Zeit in Anspruch; allein die Praxis machte uns allmählich flinker, und ich glaube, wir hatten allen Grund, auf die von uns gelieferte Arbeit stolz zu sein. Als wir die Kleidungsstücke endlich anlegten, sahen sie ganz stattlich aus, wenigstens dachten wir es. Wir sparten sie auf und ließen sie solange wie möglich hängen, damit sie bei unserm Aufbruch noch neu wären. Johansen hat, glaube ich, seine neue Jacke nicht eher getragen, als bis wir andere Leute trafen. Er behauptete, er müsse sie neu behalten, bis wir in Norwegen angekommen seien; er könne nicht wie ein Räuber umhergehen, wenn er wieder unter Landsleute käme. Die armseligen Ueberreste der Unterkleider, die wir besaßen, mußten selbstverständlich, bevor wir aufbrachen, gründlich gewaschen werden, damit wir uns in denselben bewegen könnten, ohne uns zu viele Löcher in die Haut zu raspeln. Das Waschen führten wir in der früher beschriebenen Weise aus.

Unsere Fußbekleidung befand sich in nichts weniger als befriedigendem Zustande. Socken konnten wir allerdings aus Bärenfell herstellen, aber das Schlimmste war, daß die Sohlen unserer Komager fast abgetragen waren. Es gelang uns jedoch, eine Art Sohlen aus Walroßhaut anzufertigen, indem wir sie bis auf die halbe Dicke abschabten und den Rest dann über der Lampe trockneten. Mit diesen Sohlen flickten wir die Komager nach Finnenart; wir besaßen eine Masse Zwirn aus Sehnen, und es gelang uns damit, unsere Komager wieder einigermaßen wasserdicht zu machen. So waren wir trotz allem, was die Kleidung betraf, ziemlich gut ausgerüstet, obwol man nicht sagen konnte, daß sie sich durch Sauberkeit auszeichnete. Um uns gegen Wind und Regen zu schützen, hatten wir noch unsere Windkleider, die wir so gut es ging geflickt und zusammengenäht hatten; aber dies dauerte fürchterlich lange, weil die ganzen Kleidungsstücke jetzt aus nichts weiter als Flicken auf Flicken bestanden und sie, sobald man an der einen Stelle ein Loch gestopft hatte, an einer andern wieder aufplatzten, wenn man sie anzog. Die Aermel waren besonders schlecht; schließlich riß ich beide Aermel meiner Jacke heraus, damit ich mich nicht mehr darüber zu ärgern brauchte, wenn ich sah, daß beständig Fetzen abrissen.

Es war auch sehr wünschenswerth für uns, einen leichtern Schlafsack zu haben. Der, den wir mitgebracht hatten, war nicht mehr vorhanden, weil wir aus den wollenen Decken Kleidungsstücke gefertigt hatten; das Einzige war also, zu versuchen, uns einen möglichst leichten Sack aus Bärenfell herzustellen. Indem wir die dünnsten Felle aussuchten, gelang uns ein Sack, der nicht viel schwerer war als der aus Renthierfellen, den wir beim Verlassen der »Fram« mitgenommen hatten.

Eine größere Schwierigkeit war es, uns ein brauchbares Zelt zu machen. Das, welches wir gehabt hatten, kam nicht mehr in Frage. Es war während der fünfmonatigen Reise im vorigen Jahre abgenutzt und in Stücke zerrissen, und was davon übriggeblieben, dem hatten die Füchse ein Ende gemacht, da wir es im Herbst über unsern Fleisch- und Speckhaufen gebreitet hatten, um ihn vor den Möven zu schützen. Die Füchse hatten es in allen Richtungen zernagt und zerrissen und große Stücke davon weggeschleppt, die wir umhergestreut wiederfanden. Wir dachten sehr viel darüber nach, wie wir uns ein neues Zelt machen könnten; das Einzige, was uns einfiel, war, die Schlitten mit den Kajaks darauf in der Entfernung einer Mannshöhe parallel zueinander aufzustellen, dann an den offenen Seiten Schnee aufzuhäufen, bis sie geschlossen waren, obenauf unsere Schneeschuhe und Stöcke zu legen und über das Ganze unsere zusammengeschnürten beiden Segel zu breiten, sodaß sie auf den Seiten bis auf den Boden reichten. Auf diese Weise gelang es uns, einen ganz wirksamen Schutz herzustellen, bei welchem die Kajaks die Dachfirste und die Segel die Seitenwände des Zeltes bildeten. Es war bei Schneetreiben allerdings nicht ganz dicht, und wir hatten gewöhnlich ziemliche Mühe, um die Spalten und Oeffnungen mit unsern Windkleidern und andern Dingen zu verstopfen.

Den wichtigsten Theil unserer Ausrüstung bildeten jedoch unsere Feuerwaffen; diese hatten wir glücklicherweise in ziemlich gutem Zustande erhalten. Wir reinigten die Büchsen gründlich und rieben sie mit Thran ein. Auch hatten wir noch etwas Vaseline und Oel für die Schlösser. Als wir unsere Munition nachzählten, fanden wir zu unserer Freude, daß wir noch ungefähr 100 Kugel- und 110 Schrotpatronen besaßen. Wir hatten also nöthigenfalls noch für mehrere weitere Winter genug.

siehe bildunterschrift

Nach Süden!
Nansen und Johansen auf dem Heimwege im Mai 1896.


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