Erich Mühsam
Unpolitische Erinnerungen
Erich Mühsam

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Frank Wedekinds letzte Jahre

Am 24. Juli 1914 feierten wir den fünfzigsten Geburtstag von Frank Wedekind. Ein eigener Ausschuß hatte sich gebildet und war mit dem Aufruf »an alle Freunde seiner Persönlichkeit und seines Werkes« in die Öffentlichkeit gegangen, sich zu einer »demonstrativen Ehrung eines hervorragenden Dichters« zu vereinigen. Eine Ehrengabe wurde gesammelt, »um diesem Dichter, der als einer unserer bedeutendsten Dramatiker um die Freiheit seines Schaffens bis auf den heutigen Tag schwer kämpfen und leiden mußte, ein schwaches Entgelt hierfür und besonders ein Zeichen öffentlicher Verehrung zu bieten«. Die nach Wedekinds Tode verbreitete Auffassung, als ob er mindestens in den letzten Jahren seines Schaffens frei und sorglos unter der Sonne unbestrittener Anerkennung gewandelt wäre, ist in der Tat völlig verkehrt. Die stockreaktionäre Münchener Polizei verbitterte Wedekinds Leben bis zuletzt mit den gehässigsten und beschränktesten Zensurmaßnahmen und fand dabei die Unterstützung des sogenannten »Zensurbeirates«, eines Gremiums von Professoren, überalterten Literaten, Irrenärzten und Prominenten von der Art des Herrn von Possart; Persönlichkeiten von größerem Format, wie Max Halbe und Thomas Mann, die man dekorationshalber hineingeholt hatte, traten nach kurzer Zeit ostentativ wieder aus. Meine letzte öffentliche Versammlung vor dem Kriege, in der ich über das Thema sprach: »Die Bevormundung des Geistes durch den Säbel« beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Verbot der Aufführung von Wedekinds »Simson«, die das Münchener Schauspielhaus zum fünfzigsten Geburtstag vorbereitet hatte. In dieser Versammlung, am 6. Juli, stimmten über siebenhundert Künstler und Akademiker einer von mir vorgelegten Entschließung zu, in der es nach einem grundsätzlichen Protest gegen die polizeiliche Theaterzensur allgemein mit Beziehung auf die Herren Ruederer und von Gleichen-Rußwurm hieß: »Die Versammlung erwartet, daß die dem Zensurbeirat angehörenden Herren angesichts des subalternen Charakters und der Einflußlosigkeit ihrer Tätigkeit unverzüglich auf ihr Ehrenamt verzichten und sich solidarisch den gegen die Zensur gerichteten Bestrebungen ihrer Standes- und Bildungsgenossen anschließen werden.« Der Appell blieb wirkungslos, aber Josef Ruederer reihte mich in die nicht geringe Schar seiner Spezialfeinde ein; er soll mörderlich über mich geschimpft haben.

Die Polizei nahm das Verbot des Stückes, das in Berlin und Wien unbeanstandet aufgeführt war, nicht zurück, und die bayerische Regierung bestätigte ihre Entscheidung. So stand die Geburtstagsfeier, wie es sich für Wedekind gehörte, im Zeichen einer von Ingrimm durchzogenen Trinkfreudigkeit. Es wurden sehr lange und herzliche schlechte Reden gehalten, in denen der Dichter gepriesen und die Zensur verwünscht wurde, und endlich sprach Frank Wedekind selbst, voll tiefsten Ernstes, hinter dem die Ironie, nur den besten Kennern seiner Lebensbeurteilung bemerkbar, zuckte. Es war eine Art Predigt über die Berufung des Schriftstellers zur Führung der Volksgesamtheit in jedem geistigen Kampf, und als Beispiel berief er sich auf »die Schriftstellerin Debora« und zitierte ihr Triumphlied: »Es gebrach, an Bauern gebrach es in Israel, bis ich, Debora, aufkam, bis ich aufkam, eine Mutter in Israel ... Lobet den Herrn, die ihr auf schönen Eselinnen reitet, die ihr am Gericht sitzet, und singet, ihr, die ihr auf dem Wege gehet ... Wohlauf, wohlauf, Debora! Wohlauf, wohlauf, und singe ein Liedlein! ... Da herrschten die Verlassenen über die mächtigen Leute.« (Buch der Richter, Kap. 5) Es ist schade, daß diese Rede Wedekinds – wahrscheinlich die letzte, die er vor vielen Zuhörern hielt – nicht stenographisch aufgenommen worden ist. Sie war mit ihren verblüffenden Gedanken und Vergleichen ein Meisterwerk der Stegreifrethorik und zugleich eine der kennzeichnendsten Kundgebungen dieses erstaunlichen und in jeder Äußerung genialischen Geistes. Sie war ein Bekenntnis zur eigenen Berufung, dabei Anklage gegen die stumpfe Satzung, die dem Schwunge des Genius überall die Flügel stutzen mochte, und warnender Hinweis auf die nahe drohenden Ereignisse, bei denen vielleicht dem Liedlein der Schriftstellerin Debora die Aufgabe zufallen konnte, die mächtigen Leute noch zur Besinnung zu bringen. Wenige verstanden den tieferen Sinn dieser Tischrede beim Festessen zum eigenen fünfzigsten Geburtstag, aber als Wedekind schloß, da lag doch eine nachdenkliche Ergriffenheit über der Gesellschaft und hätte vielleicht dem ganzen Abend den Charakter gegeben, wäre nicht eine bizarre Überraschung eingetreten, so jäh, als ob Wedekind selbst sie zu grellem Effekt als Regiebemerkung für ein Drama ersonnen hätte, und so komisch, daß der feierliche Ernst der Festteilnehmer urplötzlich in gewaltiges Gelächter umschlug. Als der Dichter sein Glas auf Kunst und Dichtung und auf die deutschen Schriftsteller als Träger der vorwärtsdrängenden Kultur geleert hatte und wieder Platz nahm, setzte das Orchester ein, und mitten in die Stimmung getragener Feierlichkeit, alttestamentarischer Vergleiche, von leisem Spott untertönter Beichte eines verehrten Mannes und sogar eines gewissen Schuldbewußtseins spritzte das Offenbachsche Couplet: »Ich bin Menelaus der Gute – laus der Gute, laus der Gute ...«

Acht Tage nach diesem Geburtstagsfest stand die Welt in Flammen.

Meine eigenen Erlebnisse an den verhängnisvollen Tagen gehören zum geringsten Teil in meine unpolitischen Erinnerungen hinein. Die allgemeine Aufregung teilte sich selbstverständlich auch der »Torggelstube« mit. Am 31. Juli gab es zwischen Max Halbe und mir eine Auseinandersetzung darüber, ob der Krieg noch vermeidbar sei, wobei ich Auffassungen bekundete, die schon kein Verständnis mehr fanden. Zufällig waren zwei alte Bekannte in München und mit am Tisch: Max Martersteig und Ernst von Wolzogen, die ich beide danach nie wiedergesehen habe. Ich hatte bei allen den Eindruck, als sähen sie dem werdenden Geschehen mit denselben Empfindungen entgegen, mit denen sie etwa die Eröffnung eines neuen Theaters erwartet hätten. Zu später Stunde kam noch Wedekind, der, offenbar um seiner Erregung Herr zu werden, das Gespräch auf fernliegende Gleichgültigkeiten hinlenkte. Ich hielt das nicht aus und lief davon. Am nächsten Tage begann dann schon das Abschiednehmen von einzelnen, die ihre Einberufung erhalten hatten. Der erste aus unserem Kreise war Bötticher-Ringelnatz, der zur Marine abreisen mußte. Wedekind war sehr ernst, als er ihm gute Heimkehr wünschte. Ich glaube nicht, daß er sich von dem Begeisterungstaumel auch nur eine Minute hat einfangen lassen. Doch blieb uns, die wir außerhalb der Geisteswelt empfanden, die damals nur sich selbst das Daseinsrecht zugestand und selbst freie Köpfe vollkommen umnebelte, nicht viel anderes übrig, als zu schweigen. Ich war schon am 1. August auf dem Platzl Gegenstand wilder Bedrohung und sah, wie sinnlos und unfruchtbar es war, gegen einen Massenwahn anzukämpfen, solange keine Mitkämpfer gefunden wären. In meinem gewohnten Umgangskreis zeigten sich kaum Spuren von Verständnis für meine Kriegsfeindschaft. Nur Emil Meßthaler entzog sich von Anfang an der allgemeinen Stimmung. Ferner war Heinrich Mann in scharfer innerer Opposition gegen den patriotischen Überschwang, während Frank Wedekind zweideutige Bemerkungen machte und Artikel schrieb, die man heute kritisch lesen sollte, um zu erkennen, wie er sich über die Leser lustig machte, indem er sie in den Glauben versetzte, er sähe die entfesselte Welt mit ihren Augen.

Die Hofopernsängerin Almos hatte das Unglück, aus Sarajevo zu sein und nie ein Hehl daraus gemacht zu haben, daß sie mit der Annexion Bosniens durch Österreich nicht aufgehört habe, als Serbin zu empfinden. Eines Abends traf ich sie, und sie gestand mir, daß ich der erste Mensch sei, der sie seit dem Ausbruch des Krieges unverändert freundlich behandele. Der Simplicissimus-Zeichner Henri Bing war Franzose. Er hatte unausgesetzt Anfeindungen zu ertragen, und ich nahm mich nach bestem Können seiner an. Als ich Wedekind davon erzählte, verzog er den Mund: »Ich danke meinem Schöpfer, daß Hannover Anno 66 preußisch geworden ist, sonst hätten mich jetzt meine besten Freunde im Verdacht, daß ich die Räude haben könnte.« Ich bin überzeugt, daß Wedekind unter dem Kriegsunglück seelisch furchtbar litt, ja, ich glaube, daß seine körperliche Widerstandskraft unter diesem seelischen Leid sank und daß er ohne die seelischen Erschütterungen, die er, immer bestrebt, seinen wahren Menschen hinter einer Maske verborgen zu halten, in der Unterhaltung verleugnete, der Krankheit nicht so früh unterlegen wäre. Im Sommer 1915 hatte er sich einer Operation unterziehen müssen. Ich besuchte ihn in der Klinik. Er lag sehr bleich und mit völlig vergeistigtem Gesicht im Bett. Da verbarg er sich nicht vor mir und sagte: »Wenn es jetzt mit mir aufhörte – was läge schon daran? Die Kultur geht zugrunde, der lebendige Nachwuchs fällt im Kriege – Jacobi, Weisgerber –; die Alten und die Temperamentlosen bleiben übrig. Man fühlt sich überflüssig auf der Welt.« Als er dann aus der Klinik entlassen war, sprach er öfter mit mir vom Herzen weg. Ich erinnere mich der Äußerung: »Mir graut vor der Zukunft. Sie werden dasitzen und Heldenstücke erzählen, und wenn unsereiner seine Meinung über die Fragen der Kunst oder Religion sagen möchte, werden sie uns übers Maul fahren: ›Sie waren ja gar nicht dabei – wie können denn Sie mitreden wollen!‹«

Im Laufe der Zeit, während ich längst die unterirdischen Verbindungen pflegte, von denen ich selbstverständlich auch vor den literarischen Freunden nichts laut werden ließ, fanden sich dann doch engere Zirkel zusammen, die gegeneinander kein Mißtrauen mehr fühlten. Im Café Luitpold hatte sich ein Nachmittagskreis gebildet, der dort regelmäßig Frank Wedekind, Kurt Martens, Gustav Meyrink und häufig auch Heinrich Mann und mich zusammenführte. Hier wurden mit gedämpfter Stimme die Ereignisse besprochen und aus höheren Gesichtspunkten betrachtet als den an lauten Tischen beliebten. Meyrink gab dabei unseren realistischen Betrachtungen häufig etwas mystische Zutat bei. Mir erklärte er einmal, mir werde im Kriege bestimmt nichts Böses widerfahren, denn ich sei einer der ganz wenigen, die diesen Krieg nie gewollt und nie gebilligt und schon vorher gegen ihn geeifert hätten. Das mache mich immun gegen seine Gefahren. Aber vor einer Revolution solle ich mich in acht nehmen. Die lebe in meinen Wünschen und würde mich im Guten wie im Schlimmen zu finden wissen. Ich verstehe nichts von Okkultismus; aber gewisse Tatsachen haben Meyrink, was meine Person anlangt, wohl recht gegeben.

Im Januar 1917 war Maximilian Harden in München. Wedekind rief mich telephonisch an, er gehe zu Harden ins Hotel, der ihm anheimgestellt habe, auch mich hinzurufen. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir zu dritt beisammen waren oder ob noch der pazifistische Universitätsprofessor Ernst von Aster dabei war, mit dem ich während der Kriegszeit viel verkehrte. Jedenfalls war diese Zusammenkunft für mich deshalb von hoher Bedeutung, weil ich dabei von Wedekind Auffassungen begründet hörte, die, kulturell betont, seine Gedanken über Deutschlands Zukunftsgestaltung erkennen ließen und die ich in anderen Zusammenhängen einmal der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Aufzeichnungen habe ich mir damals nicht gemacht, da sie ihrem Urheber zu jener Zeit noch hätten gefährlich werden können. Sie hätten nämlich jeden Zweifel darüber ausschließen müssen, welche Haltung Frank Wedekind bei den späteren Vorgängen eingenommen hätte. Sein Standpunkt war meinem näher als selbst dem Hardens.

Leider hat der Tod die Erprobung seiner Erkenntnis verhindert. Die zweimal operierte Darmfistel machte ihm immer noch zu schaffen, und bei einer unserer letzten Zusammenkünfte erzählte er mir, er werde sich noch einmal operieren lassen. Er habe den Geheimrat Sauerbruch gefragt, ob sich die Schmerzen, die er häufig spüre, nicht beseitigen lassen, und die Antwort erhalten, diese Schmerzen seien an sich ungefährlich und könnten nur durch eine neue Operation behoben werden, die nicht notwendig und so riskant sei wie jede schwere Operation. Er wolle sich ihr aber doch unterziehen: »Ich habe doch keine Lust, als Krüppel herumzulaufen.« Eines Tages hörten wir dann, Wedekind liege in Nymphenburg in der Chirurgischen Klinik. Dann hieß es, die Operation sei vollzogen und gut gelungen, doch sei der Patient noch sehr schwach und dürfe keinen Besuch empfangen, und am 9. März 1918, als ich ahnungslos abends in den Bühnenklub kam, brachte man mir die niederschmetternde Nachricht entgegen, daß Wedekind tot sei.

In seiner letzten Lebenszeit war er weicher, menschlich zugänglicher geworden, als ich ihn früher je gekannt hatte. Er sprach über seine Häuslichkeit, erzählte Niedliches von seinen Kindern, erkundigte sich mit weniger zur Schau gestellter Förmlichkeit und mit mehr wahrer Beteiligung nach des anderen privatem Ergehen. Am 12. März fand auf dem herrlichen Münchener Waldfriedhof Frank Wedekinds Beerdigung statt. Über diese Beerdigung ist schon viel geschrieben und berichtet worden. Der Dichter, dem der Bildhauer Elkan das Symbol eines auf rollender Kugel balancierenden Pegasus aufs Grab gesetzt hat, hätte sie sich selbst nicht widerspruchsvoller, nicht seinem Wesen gemäßer veranstalten können. Das Tragische und das Groteske wogen einander auf. Eine riesige Beteiligung von weinenden Männern und Frauen und von taktlosen Neugierigen füllte die Einsegnungshalle und hörte den Trauerreden zu, deren eine die Neugierigen auf ihre Kosten kommen ließ und die Weinenden zum Lachen brachte. Ein Reporter, von Wedekind aus vermeintlichen Nützlichkeitsgründen in seiner Nähe geduldet – ach, er wollte ja immer den smarten Geschäftsmann spielen und posierte den Opportunisten um jeden Preis und wurde doch nur mißbraucht und mißdeutet –, sabbelte am Sarge Geschmacklosigkeiten, die einem die Haare in die Luft trieben, drängte sich dem Toten in eine Nähe, die der Lebende nicht ertragen hätte, und die Trauergemeinde trippelte von einem Fuß auf den anderen, und einer sagte halblaut: »Das kommt davon.« Endlich ging es von der Halle zum Grab. Der lange Zug zerriß, und der abgelöste Teil eilte nach, stürmte über den Friedhof, rannte spornstreichs zur Stätte, wo der Sarg gerade hinabgeseilt wurde. Aus dem Gefolge aber löste sich eine wirre Gestalt, suchte Bilder zu stellen, sprach von Filmen und davon, daß er am nächsten Tage bei Frau Tilly Wedekind uns alle versammeln werde, denn er sei jetzt Kinoregisseur und wolle Wedekind durch eine Verfilmung aller seiner trauernden Freunde ein unvergängliches Denkmal setzen. Das war Heinrich Lautensack, der feine, begabte Dichter und Mitbegründer der Elf Scharfrichter. Ich versuchte, den aufgeregten Freund zu beruhigen, und zog ihn zur Seite, während August Weigert vor der offenen Gruft stand und meine Gedächtnisverse für Frank Wedekind sprach.

Aber in demselben Augenblick, in dem er schloß, riß sich Lautensack von meiner Hand, stürzte am Grabe nieder und rief zum Sarg hinab: »Frank Wedekind! Dein letzter Schüler – Lautensack!« Der Wahnsinn war ausgebrochen. Es war die erschütterndste Szene, die ich erlebt habe. Mir brachen die Tränen hervor, daß ich gestützt werden mußte. Lautensack kam einige Tage danach ins Irrenhaus, wo er nur noch wenige Monate lebte.

Frau Tilly lud die Freunde ihres Gatten zu sich ein, und wir stellten gemeinsam die Grundsätze fest für die Herausgabe des Nachlasses. Ich fand dann keine Gelegenheit mehr, tätig an diesem Werk mitzuwirken. Denn im April 1918 wurde mir Zwangsaufenthalt in Traunstein angewiesen, wo ich unter ziemlich bitteren Bedingungen bleiben mußte, bis im November andere Pflichten riefen.

Die Erde, die über die sterblichen Reste Frank Wedekinds rollte, sie begrub zugleich meines eigenen Lebens musische Leichtigkeit.


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