Erich Mühsam
Unpolitische Erinnerungen
Erich Mühsam

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Junge Generation

»Grün-Deutschland« nannte Paul Lindau ironisch die junge Literaturgeneration der Naturalisten, die um das Jahr 1890 gegen die festen Stellungen der in der Atmosphäre der Gründerjahre herangereiften Dichtergarnitur anrannten. Die Harts hatten in ihren Kritischen Waffengängen den Kampf eröffnet, ihnen folgten die Brahm, Harden, Servaes in der »Freien Bühne« und Michael Georg Conrad in der Münchener Gesellschaft. Heute fassen wir es kaum noch, daß das Wort Kampf in jenen Auseinandersetzungen um rein kulturelle und künstlerische Geschmackswerte volle Geltung hatte; aber die Dokumente der Zeit lassen keinen Zweifel, daß die Verteidiger des Alten und die Verfechter des Neuen einander in grenzenloser Erbitterung gegenüberstanden. Es wäre sehr lohnend, ist aber hier nicht meine Aufgabe, die inneren Beziehungen zwischen diesen Literaturkämpfen und den sozialen Erschütterungen aufzuzeigen, die damals spürbar waren, deren kämpferische Äußerungen sich jedoch politisch in vollständiger Trennung von der geistig-kulturellen Arena auswirkten. Es genüge zur Kennzeichnung dessen, was ich meine, die Erinnerung an das russische Analogon aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als Dostojewskij mit seinem berühmten Vortrag über Puschkin einen Sturm in der jungen Intelligenz aufrührte, dessen an die Fundamente der Gesellschaft greifende Wucht erst Jahrzehnte später erkannt wurde.

In der Tat handelte es sich bei der Generation des »Jüngsten Deutschlands« vor vierzig Jahren darum, der völlig physiognomielosen Kunst und Literatur eines erst zu politischem Eigenleben erwachenden Volkes ein Gesicht aufzuzwingen, und das hieß, dem schöngeistigen Publikum die süßlichen Nettigkeiten der Viktor Scheffel und Julius Wolff aus der Hand zu schlagen und ihm die krasse Wirklichkeit ohne Retusche vorzuführen. Vom Throne herunter sauste der Bannstrahl gegen die »Rinnsteinkunst« und steigerte auf beiden Seiten den Ingrimm. Die junge Generation schuf sich im Buchverlag und auf dem Theater Ellenbogenfreiheit, satirische Kampforgane wie Jugend und Simplicissimus und streitbare Kabarette, »Das Überbrettl« und die »Elf Scharfrichter«, wuchsen auf; im Drama riefen Gerhart Hauptmann, Max Halbe, Georg Hirschfeld rebellische Gedanken aus, in der Lyrik Hermann Conradi, Richard Dehmel, John Henry Mackay, Karl Henckell, Ludwig Scharf, Franz Held, im Roman und in dichterischer Prosa Oskar Panizza, Stanislaw Przybyszewski, Johannes Schlaf; in der bildenden Kunst endlich entfesselten Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt die Entrüstung der Braven. Die aber schlugen mit den Keulen der Kritik hinein in die andrängende junge Schar und beschuldigten sie des Wandalismus und der Vernichtung alles Schönen, das in den Künsten Welt und Menschheit veredle. Vornedran als Gralshüter überkommener Genrekunst standen auf der Wacht Oskar Blumenthal und Paul Lindau, derselbe Paul Lindau, der in seinen alten Tagen noch den Anschluß fand an die Jugend, die das von ihm in Todfeindschaft bekämpfte Grün-Deutschland ablöste. Er war schon weit über siebzig, da lernte ich ihn persönlich kennen, und zwar durch Frank Wedekind. Als ich ihn einmal zu stellen versuchte und ihn an seine stockreaktionäre Rolle in den achtziger und neunziger Jahren erinnerte, meinte er lachend: »Ja, sehn Sie, im Alter wird man kindisch, und jetzt bin ich auf dem Rückweg zum Säugling bei der jungen Generation angelangt.«

Zur Zeit meines Eintritts in die Zirkel der literarischen und künstlerischen Genieanhäufungen, Zirkel, deren jeder sich für den Nabel der Welt hielt, war der geistige Kampf, der zehn Jahre zuvor noch ernste gesellschaftliche Bedeutung gehabt hatte, schon zu einem für die Zeitgeschichte recht unwichtigen Intellektuellengefecht abgeschwächt. Die Moderne hatte gesiegt; was übrigblieb, waren Geplänkel mit den Nachzüglern der geschlagenen alten Generation, gegen die vor allen noch die Vorläufer der Moderne, Hebbel und Ibsen, durchgesetzt werden mußten. Diesen Kampf hatte das kritische Element unter uns Allerjüngsten übernommen, allen voran Siegfried Jacobsohn, mit dem ich von seinen Anfängen bei der Welt am Montag bis zu seinem Tode, ohne daß wir je eine eigentliche Freundschaft gepflegt hätten, gute Nachbarschaft hielt. Er war persönlich ein treuer Kamerad und ein dankbarer Mensch und hat es mir nie vergessen, daß ich ihm in der leidvollsten Stunde seines Lebens, als alles über ihn herfiel, schrieb: »Trösten Sie sich; es ist nicht alles Gold, was bei Ihnen glänzt.« Mir ist es bei der unheimlichen Empfänglichkeit seiner künstlerischen Nerven – er war ein rezeptives Genie – niemals zweifelhaft gewesen, daß die Erklärung, die er selbst für seine Plagiate abgab, zutraf, nämlich daß der Wortlaut der Kritiken von Alfred Gold sich klischeehaft in sein Gedächtnis festgesetzt hatte und mechanisch in Sätze hineinlief, in denen er ähnliches aussprechen wollte.

Eine einheitliche »Richtung« gab es bei uns Jungen in den ersten Jahren des Jahrhunderts gar nicht. Man konnte von uns auch kaum als von einer eigentlichen jüngsten Generation reden. Die repräsentierenden Dichter der naturalistischen Periode lebten, die meisten noch nicht vierzig Jahre alt, mitten zwischen uns, selbst viele von denen, welche der Literatur- Revolution der Moderne in eifernder Abwehr gegenübergestanden hatten, waren noch lange keine alten Männer. Ibsen war immer noch eine auch in Literaturkreisen umstrittene Erscheinung; August Strindbergs Größe wurde erst von ganz wenigen erkannt; um Frank Wedekind erhitzten sich nur die Gemüter der Rabiatesten, die von den andern als Hypermoderne belächelt wurden. Ein Übergangsgeschlecht rang um Geltung, dessen Werk nichts mehr mit dem Eklektizismus der Heyse, Geibel und Lorm zu tun hatte, sich aber bewußt gegen den schematischen Realismus der naturalistischen Schule abgrenzte. Wenn schon etikettiert werden soll, so wird man in Parallele zu der sich zu jener Zeit als Sezession organisierenden neuen Richtung in der bildenden Kunst von Impressionismus auch in der Dichtung sprechen dürfen: ich nenne, um die innere Verwandtschaft zwischen der jungen Malerei und der aufstrebenden Literatur sinnfällig zu machen, zwei Namen: Leo von König und Wilhelm von Scholz, dessen Gedichtband Der Spiegel damals bei uns noch Jüngeren lebhaft kommentiert wurde.

Der Ort, wo die Geister sich allwöchentlich raufen durften, um den besten Platz auf dem Parnaß zu erobern, war das Nollendorf-Casino in der Kleiststraße. Dort tagten jeden Freitag »Die Kommenden«, eine lose Vereinigung der jungen Dichter und Künstler. Ihr Gründer war Ludwig Jacobowski gewesen. Er war, als mich Margarete Beutler in diese Gemeinde einführte, schon tot. Als Leiter der Abende fungierte Dr. Rudolf Steiner. Dessen theosophische und anthroposophische Sendung hatte noch nicht begonnen. Seine Priesterschaft stand noch auf recht weltlichem Grunde. Die literarischen Diskussionen dirigierte er mit viel Geschick, provozierte scharfe Polemiken, trieb mit unauffälliger Regie möglichst heterogene Charaktere gegeneinander und beendete schließlich die erregten Debatten mit einem eigenen ausgleichenden Sermon, hinter dessen glatter, von breit ausladenden Gesten begleiteter Beredsamkeit ich immer einen falschen Unterton glaubte mitschwingen zu hören. »Die Kommenden« rekrutierten sich durchaus nicht allgemein aus dem gärenden Element jugendlicher Götzenzertrümmerer. Im Gegenteil: Die würdigen Herren und Damen, deren literarisches Schaffen allen Richtungskämpfen schon deswegen entrückt war, weil es außerhalb hausbackener Familienunterhaltung nirgends zur Erörterung stand, dürften in der Regel die Majorität gebildet haben. Dazu kamen dann noch Schriftsteller, die damals sicherlich Rang hatten, denen aber in der Welt nichts ferner lag als revoltierender Ansturm gegen gefestigte Kulturwerte. Ich glaube nicht, daß etwa Wolfgang Kirchbach oder Ottokar Stauf von der March sich selber je für Revolutionäre gehalten haben, dann schon noch eher der merkwürdige Eugen Reichel, der uns mit Vorträgen über den braven alten Poesieprofessor Johann Christoph Gottsched bombardierte, welcher in der Anerkennung der Nachfahren auf den Platz Goethes gehöre; es gelang dem unermüdlichen Reichel sogar, in Berlin eine Gottsched-Gesellschaft zu gründen, für die er die Mitglieder wohl aus den minder kämpferischen Beständen der »Kommenden« und im übrigen aus philologischen Fachvereinen geworben haben wird.

Es wäre undankbar, zu vergessen, daß dem jungen, sich eben orientierenden Literaten bei den »Kommenden« auch Persönlichkeiten großen Schlages begegnet und beim Suchen nach geistigen Grundlagen behilflich gewesen sind. Ich gedenke mit besonderer Ehrfurcht des bedeutenden und ausgezeichneten Menschen Leo Berg, der damals mit der Monographiensammlung Kulturprobleme der Gegenwart starken Einfluß auf das geistige Leben in Deutschland ausübte. Die meisten, die ihn kannten, werden den etwas verwachsenen, kränklichen Mann wohl als den galligen Spötter in Erinnerung haben, als den er sich gab; ich kannte ihn nur von den Zusammenkünften im Nollendorf-Casino, nach denen ich vielleicht vier-, fünfmal unten im Café mit ihm zusammenblieb. Da beriet er mich bei der Auswahl meiner Lektüre, und auf seine Anregung hin schund ich längere Zeit regelmäßig als nicht immatrikulierter Nassauer das Literaturkolleg bei Professor Erich Schmidt und die kunsthistorischen Vorlesungen des erst kürzlich nach Berlin berufenen Heinrich Wölfflin.

Neben Vorträgen und Diskussionen gab es bei den »Kommenden« Rezitationsabende. Ältere, jüngere und allerjüngste Lyriker durften ihre Erzeugnisse zur Kritik stellen. Es war von recht unterschiedlichem Wert, kam aber auch aus höchst gegensätzlichen Weltauffassungen, was da zu Gehör gebracht wurde. Der Kreis um Peter Hille, der stets anwesend war, spielte eine eigene lyrische Melodie. Die dichterische Grundnote gab ein eigenartiges Zusammenklingen von Jean-Paul-hafter Bildfreudigkeit und psalmodierender Getragenheit.

Die drei stärksten und begabtesten Persönlichkeiten dieses Kreises, Peter Hille selbst, Else Lasker-Schüler und Peter Baum, deren künstlerische Instrumente orchestermäßig zusammen stimmten, waren gleichwohl keineswegs als Lyriker voneinander abhängig. Die Temperamente waren viel zu verschieden, um eine wechselseitige Beeinflussung zuzulassen, die über das seelische Harmonieren hinausgegangen wäre. Peter Hille hatte gewiß die reichste Tonfülle auf seiner Leier, dafür glühte die Dichtung der Lasker-Schüler von dem Feuer orientalischer Phantasie, und Peter Baums Verse stiegen schemenhaft aus dem Dämmer mystischer Verträumtheit. Wahrscheinlich waren diese Gedichte eines menschlich und dichterisch aufeinander abgestimmten engen Kreises die wertvollsten, die jene literarischen Unterhaltungsabende überhaupt belebten. Im übrigen gab es mehr oder weniger konventionelles erotisches Mondscheingelispel. Die ausgesprochen soziale Note kam hauptsächlich in der jungen Frauenlyrik zum Ausdruck, und von den wiederholten Veranstaltungen, die ausschließlich der modernen Frauenliteratur gewidmet waren, haben, jedenfalls bei mir, die Vorträge aus den Gedichten der Ada Christen, Ada Negri, Clara Müller-Jahnke stärkere Eindrücke hinterlassen als die nymphomanischen und masochistischen Exhibitionismen der Tagessensationen von damals, Marie Madeleine und Dolorosa. Die bedeutendste Erscheinung unter den jungen Dichterinnen, die bei den »Kommenden« in eigener Person vor ihr Werk traten, war außer Else Lasker-Schüler ohne Zweifel Margarete Beutler, deren frohes Bekennen zur freien Mutterschaft zu jener Zeit noch Mut erforderte und deren prachtvolle Bilder aus dem Norden Berlins zum Besten gehören, was die soziale Lyrik überhaupt besitzt.

Viel mehr als Rudolf Steiner ist mir der zweite Vorsitzende der Vereinigung der »Kommenden«, Dr. Heinz Lux, als Freund und Förderer unseres rebellierenden Teiles der jungen Generation erschienen.

Eines Abends kam ich mit meinen Versen zu Worte. Ich las Gedichte, die wenig später, als sie in meinem ersten Buch Die Wüste gesammelt erschienen, mir den Zugang zur anerkannten Literatur erschlossen; Gedichte, voll von Angriff und Anklage, deren Wesen einmal ein Kritiker nicht ganz salonfähig, aber ziemlich zutreffend als »das Stimmungskotzen eines galligen Magens« bezeichnete. Mit dieser Rezitation verdarb ich der Mehrzahl meiner Zuhörer gründlich die Laune. Nach einigem Räuspern wurden empörte Bemerkungen und endlich »Schluß«-Rufe laut. Ich hielt inne und fragte, ob ich aufhören oder fortfahren solle. Steiner suchte zu vermitteln und riet, ich möchte Verse auswählen, die den Geschmack der Anwesenden weniger verletzten; da trat Lux auf mich zu, schüttelte mir die Hand und erklärte, daß ihm die Gedichte ausgezeichnet gefielen. Ich solle weiterlesen, damit ein richtiges Bild meiner Produktion entstehe. Und so las ich weiter, bis ein gegen die Wiener Lyriker gerichtetes Gedicht eine Dame veranlaßte, mich dringend zu ersuchen, aufzuhören, die an den guten Geschmack der Anwesenden gestellten Zumutungen hätten das Maß des Erträglichen längst überschritten. Wenn ich mich recht entsinne, wurde dann abgestimmt und mit Mehrheit entschieden, daß ich abzutreten hätte.

Unter den Wiener Lyrikern, denen ich meine sehr unhöflichen Verse gewidmet hatte, Verse, denen ich zur Deutlichmachung die Gebrauchsanweisung auf den Weg gab: »Auf silbernen Saiten zu begleiten« – verstand ich meine Altersgenossen Stefan Zweig, Camill Hoffmann und die in Berlin weniger beachteten jungen Österreicher, die als Trabanten des mir in seiner Kunst durchaus antipathischen Hugo von Hofmannsthal eine Art Dichterschule zu kreieren schienen. Ich habe später besonders den Erzähler Stefan Zweig sehr schätzengelernt. Vor zweieinhalb Jahrzehnten aber wütete ich gegen seine Silbernen Saiten und Camill Hoffmanns Adagio stiller Abende und propagierte schimpfend die lauten Abende und die Darmsaiten. Ich tue mir etwas darauf zugute, daß ich mir in dieser Hinsicht immer treu geblieben bin und, seit ich nur als Dichter und Essayist die Feder als Handwerkszeug brauche, die Kunst nie als Selbstzweck habe gelten lassen, sie immer als den dienstbaren Geist gefühlter Erlebnisse, erhabener Gedanken und werbenden Eiferns betrachtet und benutzt habe. Schon 1902 schrieb ich im Armen Teufel einen Artikel »Tendenz- Kunst«; später griff ich wiederholt in heftigen Ausfällen die »l'art pour l'art«-Dichtung Stefan Georges und seines Kreises an, und ich glaube heute noch recht zu haben mit der Ansicht, daß das gänzliche Ausbleiben einer Nachwuchs-Generation nach der unsern dem Fehlen eines künstlerischen Impulses zur Last zu legen war. Erst jetzt wieder, seit wenigen Jahren, flammt neue Kunst aus neuer Jugend, und diese Kunst ist bekennende Fanfare, Manifest, Entheiligung entthronter Götter und jauchzende Verbrüderung mit allen, die der Zukunft entgegenstürmen.

Als ich der Allerjüngsten einer war, stand ich vereinsamt und als Narr bespöttelt zwischen Gleichaltrigen. Nach unserer Generation, die etwa mit René Schickele abschloß, kam außer sporadischen Kometen wie der sehr bedeutsamen Erscheinung Franz Werfel in langen Jahren nichts. Im Februar 1912 schrieb ich in meiner Münchener Zeitschrift Kain die Sätze: »Hermann Bahr hat einmal das hübsche Wort gefunden: ›Es ist der Trost der alternden Generation, daß es immer wieder Zwanzigjährige gibt.‹ Ist es Hermann Bahr schon einmal aufgefallen, daß heute wir, die wir zwischen dreißig und vierzig stehen, eigentlich die Jüngsten sind? Seit in Wien das Verse machen zum Sport geworden ist, seit man dort bewiesen hat, daß mit einem Band Hofmannsthal in der Hand jeder Gymnasiast gute Gedichte machen kann, gibt es keinen Nachwuchs mehr.« Die Literatur – es ist wirklich so – war unter dem betäubenden Parfüm des Ästhetizismus eingeschlafen. Sie ist wieder wach geworden. Die Zwanzigjährigen sind wieder da. Der Nachwuchs führt wieder. Man mißgönne mir nicht die Eitelkeit, mich der jungen Generation zugehörig zu fühlen.


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