Wilhelm Meyer-Förster
Alt-Heidelberg
Wilhelm Meyer-Förster

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Dritter Akt.

Karl Heinrichs Zimmer in Rüders Hause. Altfränkisch eingerichtet mit der bürgerlichen Eleganz längst vergangener Zeit. An den Wänden Bilder: »Paul u. Virginie« &c., außerdem eine große Menge kleiner Photographien von Studenten in billigen Fünfgroschenrahmen. Ein Klavier und ein Glasschrank mit Porzellan &c. Ferner Rappiere, Wappen, Mensurbilder &c. – – Es ist früh 5 Uhr, die Morgensonne scheint ins Fenster, durch das man Heidelberg sieht. Vor dem einen Fenster ein buntbedrucktes ordinäres Rouleau, das andere Fenster ist geöffnet. – Die Spatzen zwitschern draußen.

1. Szene.

Lutz (allein, sitzt in einem Lehnsessel, schläft. – Man sieht einige Sekunden lang diese schlafende Szene. – Eine Thurmuhr schlägt 5 Uhr – – Lutz fährt auf.) Was ist denn – wie? (sieht sich verschlafen, erschreckt um). Ach so – – – – (sieht nach der Uhr). – 5 Uhr. – Gott im Himmel, wieder 5 Uhr! Wieder eine Nacht um die Ohren geschlagen! – Dieses Spatzengesindel! Macht einen Skandal! (wirft einen Stein aus dem Fenster, die Spatzen huschen davon). – – Man ist wie zerbrochen. Um 1 Uhr bin ich aufgewacht, Se. Durchlaucht natürlich nicht zu Hause. Daun um 2 aufgewacht, um 3, um 4 – – – So geht das seit Monaten, jede Woche zwei, dreimal – – Was ist denn mit dem Arm? Ich kann den Arm nicht bewegen – (droht aus dem Fenster). Verfluchte Stadt! – – – Bald kann ich nicht mehr – – (es klopft). Wer ist da?

2. Szene.

Fr. Dörffel (mit Besen, Eimer, Scheuertuch). Ischt's erlaubt?

Lutz. Was ist?

Fr. Dörffel. Ischt der Herr Lutz schon aus dem Bett?

Lutz (diabolisch). Ja, aus dem Bett! Der erste ins Bett und der letzte aus dem Bett. Oder vielmehr überhaupt nicht ins Bett und nicht aus dem Bett. (Faßt sich an den Kopf). Ich rede schon Unsinn! Mein Kopf ist hohl.

Fr. Dörffel. Der Herr Lutz müßte mehr schlafe.

Lutz. Schlaf' ich überhaupt noch? Leb' ich wie ein Mensch? Ich leide an Rheumatismus, ich erkälte mich jede Nacht.

Fr. Dörffel (wäscht das Zimmer auf, fegt, klopft &c.). Hier steht noch dem Herrn Lutz sein Abendesse.

Lutz. Zwei Butterbrote und 'ne Flasche Bier! Wenn mir einer in Karlsburg das zum Abendessen bringt, dann schmeiße ich's aus dem Fenster!

Fr. Dörffel. I sag's alleweil, 's ischt keiner so zu bedauere, wie der Herr Lutz.

Lutz. In Karlsburg trinkt man Abends sein Glas guten alten Bordeaux. Um 10 geh' ich ins Bett. Früh bekomme ich meine Bouillon, Mittags mein Hühnchen. – (Plötzlich ausbrechend.) Weiß man hier überhaupt, wer ich bin?

Fr. Dörffel. Jessusmaria!

Lutz. Ich bin kein Bedienter, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Lakai! Die Pflichten und Rechte eines Kammerdieners sind so genau umschrieben. wie die eines Beamten! Ein Lakai ist ein Handwerker und ein Kammerdiener ein Künstler! Verstehen Sie mich?

Fr. Dörffel. Freile, Freile.

Lutz. Schuld an allem ist dieser Mensch, dieser Schulmeister! Das geht den ganzen Tag. »Holen Sie mir Kaffee, Lutz!« – »Bürsten Sie mich ab, Lutz!« – »Holen Sie Cigarren, Lutz!« Es fehlte nur noch, daß er etwa sagte: »Putzen Sie mir die Stiefel!« Ich wollte, er sagte es! Es gäbe eine Katastrophe.

Fr. Dörffel. Ja, ja, ja, ja.

Lutz. Meine liebe Frau Dörffel, es giebt etwas für einen Mann meines Standes, das schlimmer ist, als alles andere. Wenn man das feine Gefühl für die Schranken verliert, welche Stand und Bildung auferlegen. Es kommt vor, daß ich mit Ihnen und den anderen Frauen in der Küche sitze und Kaffee trinke. Weil ich mich aussprechen muß, weil ich nicht ewig allein sein kann. Ich habe die Selbstachtung verloren.

Fr. Dörffel. Ja freile, freile.

Lutz. – – Gehen Sie jetzt. Ich werde versuchen, eine halbe Stunde zu schlafen.

Fr. Dörffel. Die Käthie ischt drauße und kocht Kaffee. Will der Herr Lutz scho Kaffee trinke?

Lutz. Nein.

Fr. Dörffel (räumt Eimer, Scheuertuch &c. zusammen; ziemlich umständliche Pause, dann ab).

Lutz. Schlafen, – schlafen! – (Fährt erschreckt auf). Was ist? (Draußen unten, immer näher kommend, Wagenrollen, Peitschenknallen, Lachen, Zurufe – dann Rufe des Prinzen: »Lutz, heda, Lutz!« – ein Rütteln an der Hausthür.)

Lutz. Jawohl! Sofort!

Karl Heinrich (draußen.) Lutz! Schließen Sie das Haus auf!

Lutz (ans Fenster). Durchlaucht –?

Doktor. Lutz. Den Hausschlüssel!!

3. Szene.

Käthie (herein, rasch an's Fenster).

Käthie. Jessas! Machen die wieder an Lärm! (Rasch ans Fenster, zieht das Rouleau auf, es wird sonnig hell, ruft aus dem Fenster, lachend.) Schlages doch net die Thüren kaput!

Karl Heinrich (draußen). Morgen Käthie!

Käthie. Ihr seid's mir welche! Pfui, schämt's euch! Früh um 5! (Dreht sich um zu Lutz, ungeduldig.) Gehen's doch nunter! Schließen's auf! Mal bissel schnell!

Lutz (dem fast die Galle platzt.) »Mal bissel schnell?!!« »Mal bissel schnell!?!!«

Käthie (nimmt ihm den Schlüssel aus der Hand.) A langweiliger Mensch! (Beugt sich hinaus). Gebt's acht! i werf den Schlüssel nunter! Ja, so, Karl Heinz: halt die Mütze! Paß auf! Jetzt! (Wirft.)

Karl Heinrich (draußen). Bravo!

Käthie. I komm schon! (Will rasch hinauslaufen, Karl Heinrich entgegen.)

Lutz (vertritt ihr den Weg). Ein was bin ich?

Käthie. A Schlafmützen! (Rasch ab).

Lutz. Lutz, halt deinen Verstand bei einander.

4. Szene.

Karl Heinrich im Paletot mit aufgeschlagenem Kragen, mit Käthie. Dann Detlev. Dann Bilz und noch einige »Sachsen«. Dann Kellermann.

Karl Heinrich (Käthie im Arme haltend). Heute wird durchgebummelt. Schlafen lohnt sich nicht mehr. Du mußt mit, Käthie!

Käthie. Jessas, Deine Hände! Wie Du ausschaust?

Karl Heinrich (zeigt die hellen Handschuhe, die ganz voll Staub sind). Vier Stunden auf dem Bock gesessen, die Zügel gehalten. (Zieht die Handschuhe aus, wirft sie fort). Hättest mit sein müssen.

Der Doktor (herein, Cylinder, hochgeschlagener Rockkragen, Hände in den Hosentaschen. So geht er von links nach rechts über die ganze Bühne.)

Detlev. Morgen, Herr von Lutz –

Lutz. Herr Graf.

Karl Heinrich. Daß die Hunde nicht wieder hereinkommen! Kellermann! Die Biester reißen mir die ganze Wohnung zusammen. Tag, Lutz.

Lutz. Ew. Durchlaucht.

Karl Heinrich. Gut. daß Sie geschlafen haben, Lutz. Es ist spät geworden, ober vielmehr früh.

Lutz. Geschlafen. Ich geschlafen?

Karl Heinrich. Wir wollen einen Schnabus trinken, Kinder. Käthie gieb mal! Lutz, vorwärts.

Doktor (schlägt das Klavier auf). Lutz!

Lutz (grimmig). Was?

Doktor. Cigaretten her!

Detlev. Kinder, hier ist Cognac. hier sind Gläser. Karl Heinz, Du hast ja eine Bibliothek von Liqueur-Pullen. (Ist auf einen Stuhl gestiegen, holt Flaschen von einem Regal). Nehmt mal hier! Lutz!

Käthie. Daß er net vom Stuhl fällt! Haltet's ihn fest!

Karl Heinrich. Lutz, die Hunde müssen Wasser bekommen. Holen Sie das Viehzeug in die Küche.

Detlev. Lutz! die Gläser.

Karl Heinrich. Du wirst uns Kaffee kochen, süße Käthie. Lutz,. Sie können helfen. Oder wollen wir auf dem Schlosse Kaffee trinken?

Detlev. In Neckarsteinach.

Karl Heinrich (zu Engelbrecht). Dicker, Du schläfst ja ein.

Engelbrecht. Karl Heinz, ich bin verflucht müde.

Käthie (lacht.) Der Dicke.

Doktor (spielt währenddessen Lecocq's »Madame Angot.« Der Cylinder sitzt schief).

Karl Heinrich. Ne, ne. Doktor! Dies gräßliche Geklimper! Deckel zu! (Schlägt den Deckel zu.) – Das war 'ne Nacht, Käthie! In Jugenheim getanzt, bis morgens drei. Dann auf den Kutschbock, – in jedem Dorf angehalten, die Wirte herausgetrommelt. – Du hättest mit sein sollen.

Doktor. Es muß mich einer in's Bett bringen.

Alle. Der Doktor! Der Doktor in's Bett! Der Doktor muß schlafen!

Karl Heinrich. Lutz!

Lutz. Ew. Durchlaucht?

Karl Heinrich. Bringen Sie den Herrn Doktor in's Bett. Ziehen Sie ihn aus.

Lutz. Ew. Durchlaucht – –!!

Karl Heinrich. Na, was ist denn, Doktorchen? Es war zu viel, was?

Doktor. Also es ist jetzt ausgemacht, ihr bringt mich in die Grube. Ich bin nach Heidelberg gekommen, um mich zu erholen und mäßig zu leben, – statt dessen richtet ihr mich zu Grunde! Ich habe keine drei Jahre mehr zu leben, nicht zwei, nicht eins. Ich kann nicht Erzieher spielen! – Am wenigsten hier in Heidelberg!

Karl Heinrich. Lieben Kinder, ich schmeiße euch jetzt hinaus. Der Doktor muß Ruhe haben, in's Bett. Jetzt ist es sechs, um acht treffen wir uns. Auf dem Schloß. Heute wird durchgezecht. Ich gebe einen türkischen Punsch.

Alle (stimmen zu).

Doktor. Ich komme mit.

Karl Heinrich (erstaunt). Was – mit?

Doktor. Ihr einen türkischen Punsch und ich in's Bett! Das wär' das Richtige. (Nimmt seinen Hut vom Stuhl.) Wer hat auf meinen Cylinder gesessen?! Lutz!

Lutz. Was?

Doktor. Bringen Sie meinen neuen Pariser Cylinder.

Detlev. Der Doktor ist ausgezeichnet!

Käthie. Hier bleibt er. Er soll schlafen gehen.

Doktor. Wer?! Ich?!

Käthie. Ja.

Karl Heinrich. Bravo, Käthie!

Alle. Bravo.

Doktor. Was erlaubt sich dieses junge Mädchen?

Käthie. Er kann ja nicht mehr aus den Augen sehen.

Doktor. Sie hat recht, Kinder! Wollt Ihr mich auspressen, wie eine Citrone? Wollt ihr das bischen Lebensmuth, das in diesem kranken Leibe noch vorhanden ist, auspusten? Ich will eine Tasse Thee trinken und zu Bette gehen.

Karl Heinrich. Das ist recht, Doktor. Endlich mal vernünftig.

Doktor. Lutz, mein Freund, den Arm. Dieser Lutz ist mein Freund. Er liebt mich nicht und weigert sich, einem müden Mann abends die Stiefel auszuziehen, aber er ist eine Seele von einem Menschen.

Lutz (empört). Herr Doktor –!

Bilz (giebt ihm einen Arm). Allons, Doktor.

Doktor. Ja, stützt mich. Gute Nacht, Karl Heinz. »Blast, blast, o wären es die schwedischen Hörner!« (Ab mit Lutz und verschiedenen, die ihn lachend begleiten. Käthie auch mit hinaus.)

Karl Heinrich. Wer will noch 'ne Cigarre? (Zu Detlev.) Du, nimm den Dicken mit. (Rüttelt Engelbrecht.) Dicker!

Engelbrecht. Ja, schön. (Steht verschlafen auf.)

Detlev. Ich werde ihn in den Neckar tauchen. Ich gehe baden. Komm mit.

Karl Heinrich (rüttelt den Dicken). Dicker, Du mußt schwimmen.

Engelbrecht (an Detlev's Arm, schläft im Stehen). Is gut.

Detlev. Mach mal die Thür auf. (Nimmt den Dicken auf den Rücken, trägt ihn.) Is der schwer.

Karl Heinrich (ruft ihm nach). Fallt nicht die Treppe hinunter.

5. Szene.

Käthie (wieder herein).

Käthie. Da sitzt ja Kellermann auch noch.

Karl Heinrich. Wo?

Käthie. Er schläft.

Karl Heinrich (rüttelt ihn). Eine verschlafene Gesellschaft. Kellermann!

Kellermann (im Schlaf). Jawoll!

Käthie. Pfui! Nicht doch! Laß ihn schlafen.

Karl Heinrich. Er kann doch hier nicht sitzen bleiben.

Käthie. Weshalb nicht?

Karl Heinrich. Ach wo! Der Alte muß nach Haus. Sieh mal her. Wie müde er aussieht.

Käthie. Ja.

Karl Heinrich. Den ganzen Tag im Gange, jede Nacht im Gange, immer langsam, aber immer willig. Ein armer Kerl, der auf zwanzig Herren hören muß und es keinem recht machen kann. Zu den Studenten müßten ganz andere Leute gehören, lustige Possenreißer, über die man ständig lachen könnte, – nicht ein so müder Mensch, der Semester für Semester andere Herren bekommt!

Käthie. Kellermann –

Kellermann. Jawoll!

Käthie. Sie müssen nach Haus, Kellermann, sich ausschlafen. Heut brauchen's den ganzen Tag nicht kommen. (Zu Karl Heinrich.) Gelt, er darf mal den ganzen Tag daheim bleiben?

Karl Heinrich. Wie alt sind Sie, Kellermann?

Kellermann (blickt verschlafen).

Käthie. Wie alt Sie sind, Kellermann!

Kellermann. Einundsechzig.

Karl Heinrich. Haben Sie Familie?

Käthie. Antwortens doch, Kellermann! Redens doch! (Als Kellermann schweigt) Seine Frau ist doch die Frau, die immer kommt, die Wäsche holen, – mit den zwei kleinen Mädeln.

Karl Heinrich (nimmt Geld aus der Hosentasche). Sehen Sie mal hier, Kellermann, das bringen Sie Ihrer Frau mit.

Kellermann (total verdutzt, antwortet nicht).

Karl Heinrich (lustig, lacht). Kellermann, Sie verstehen was vom Trinken. Wenn ich später einmal in Karlsburg das Zepter führe. dann kommen Sie zu mir. Sie sollen mein Kellermeister werden, das paßt auch zu Ihrem Namen, was?

Kellermann. Ew. Durchlaucht –

Käthie. Lassens Ihna draußen an Kaffee geben, Kellermann, drüben in der Küche. (Kellermann ab.)

Karl Heinrich. Mach mal die Fenster auf. (Er sieht aus dem einen Fenster, Käthie aus dem anderen.) Das wird heute ein großartiges Wetter. So ein Wetter, um Bäume auszureißen. Du holst mich ab vom Schloß. Um 10 oder 11. Ich lasse die anderen sitzen, und wir zwei gehen allein. Wie letzten Sonntag.

Käthie. Wohin?

Karl Heinrich. Auf den Königsstuhl.

Käthie. Nach dem Wolfsbrunnen.

Karl Heinrich. Weiter.

Käthie. Oder in den Odenwald.

Karl Heinrich (zieht sie auf seinen Schoß.)».Es steht ein Baum im Odenwald, der hat viel grüne Aest'« – wir beide kennen den Baum, was?

Käthie. Karl Heinz! (Sie liegt in seinem Arm, sie küssen sich lange.)

(Pause.)

Karl Heinrich. Jetzt möchte ich schlafen. So. Müde wird man doch.

Käthie. Schlaf.

Karl Heinrich (springt auf, reckt sich.) Dazu hat man später Zeit genug! Diese Unmasse Studenten-Bilder! Lauter Fünfgroschenrahmen. (liest). Karl Hohenlohe 1848/49 – Graf Bredow 1853 – die haben alle hier gewohnt, – alle in diesem Zimmer.

Käthie (liest). 1860.

Karl Heinrich. Ein ewiges Kommen und Gehen. (Betrachtet andere.) Immer neue Gesichter, jedes Jahr andere. – Die haben vielleicht auch hier ein liebes Mädel im Arm gehalten. – – Fürstenberg 68/69 –.

Käthie (steht an ihn gelehnt).

Karl Heinrich. Die meisten vergessen – und vielleicht die meisten gestorben. Und jetzt sind wir da, Käthie.

Käthie. Ja.

Karl Heinrich. Wie lange noch?

Käthie. Karl Heinz –

Karl Heinrich. Und wer wird nach uns kommen? Immer andere – immer andere – –

Käthie. Laß doch –

Karl Heinrich, Ja. fort damit! Jetzt sind wir die Jungen, Käthie. Wir haben die Jugend. Lange genug haben sie mir die Kehle zugeschnürt und mir alles genommen! – Lach doch, Käthie! Wir müssen was Tolles aufführen, was noch gar nicht da war. Zusammen um die Welt reisen – oder wenigstens nach Paris!

Käthie. Nach Paris?

Karl Heinrich. Was ist das? Gar nichts. Abends setzen wir uns in den Zug, früh sind wir da Stell Dir das vor!

Käthie. Schön wär's schon.

Karl Heinrich. Dann wird eingekauft. Seidene Kleider, seidene Strümpfe, ein Federhut. Da wirst Du Augen machen! Dann fahren wir vors Hotel – stell Dir das vor!

Käthie. Und dann?

Karl Heinrich. Ja, was dann?! Dann wird's immer lustiger, Du bist die Prinzeß, und zwar die allerschönste. Wenn wir Lust haben und Geld, fahren wir noch weiter.

Käthie. Du red'st nur so.

Karl Heinrich. Was reden! Ich rede nicht! Das Leben muß ausgekostet werden, immer noch mehr. Viel mehr! Wer weiß, wie lange es dauert! Lutz!

Käthie. Was soll er?

Lutz (herein). Durchlaucht –?

Karl Heinrich. Ein Kursbuch her. Ich will die Züge nachsehen.

Lutz. Sehr wohl. (Ab.)

Käthie (immer noch halb ungläubig). 's ist ja net Dein Ernst –

Karl Heinrich. Lutz!

Lutz (zurück). Ew. Durchlaucht –?

Karl Heinrich. Rückert soll den Wagen schicken, den Zweispänner. zum Selbstkutschiren. Den von heute Nacht. Aber mit frischen Gäulen. Sofort.

Lutz. Sehr wohl. (Ab.)

Käthie. Wozu?

Karl Heinrich. Wir fahren aus, Käthie. Du neben mir auf dem Bock.

Käthie. Neben Dir?

Karl Heinrich. Mitten durch Heidelberg. Ja, das gefällt Dir. Wir knallen mit der Peitsche, daß die Leute aufwachen und die Köpfe aus den Fenstern stecken. Wir zwei gehören zusammen, süße Käthie!

Käthie. Karl Heinz.

Karl Heinrich. Lauf, zieh Dein weißes Kleid an. Es muß alles anders werden, Käthie, tausendmal lustiger und tausendmal toller. Es ist immer noch nachzuholen. für zwanzig verlorene Jahre! (Fast bitter). Das ist, zum Henker, nicht leicht!

Käthie. Wie meinst' das?

Karl Heinrich (wieder lustig). Gar nichts mein ich. Galopp, Käthie, Kleid an, Hut auf und dann los! –

Käthie. Nach Neckargemünd –?

Karl Heinrich. Und morgen nach Paris.

Käthie (ab).

Karl Heinrich (allein, pfeift eine Melodie). – – Was giebt's?

Lutz (ist wieder hereingekommen). Ew. Durchlaucht!

Karl Heinrich (gleichgiltig). Andere Stiefel her, Lutz, und den leinenen Anzug.

Lutz. Ew. Durchlaucht –

Karl Heinrich. Was ist?

Lutz. Se. Exzellenz ist da!

Karl Heinrich. Welche Exzellenz?

Lutz. Se. Exzellenz der Herr Staatsminister!

Karl Heinrich. Sie sind wohl verrückt!

Lutz. Se. Exzellenz, der Herr Staatsminister von Haugk.

Karl Heinrich. Lutz. Sie sind – Sie –

Lutz (tritt an die Tür, öffnet). Se. Exzellenz, der Herr Staatsminister v. Haugk. (Dann ab.)

7. [6.] Szene.

Minister (herein).

Minister. Ew. Durchlaucht –

Karl Heinrich (verstört). Ja, was –?

Minister. Ew. Durchlaucht verzeihen, wenn ich unerwartet –

Karl Heinrich. Exzellenz – sind auf der Durchreise – –?

Minister. Durchlaucht, ich komme von Karlsburg.

Karl Heinrich. Ja – und –?

Minister. Ich bitte um Verzeihung, Durchlaucht zu so früher Morgenstunde zu stören. Ich bin die Nacht durchgefahren, – ich habe Ew. Durchlaucht eine trübe – Nachricht zu überbringen.

Karl Heinrich (erregt). Was?!

Minister. Wollen Durchlaucht nicht das Schlimmste befürchten. Es ist – nicht das – Schlimmste.

Karl Heinrich. Was?!

Minister. Durchlaucht wissen. daß Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht Gesundheit schon seit Monaten zu Besorgnissen Anlaß gegeben hat und daß –

Karl Heinrich. Daß – –?!

Minister. Es trat ein, bereits gestern Vormittag, Durchlaucht, fast um dieselbe Morgenstunde wie jetzt. Es handelt sich um einen – Schlaganfall.

Karl Heinrich (faßt sich an den Kopf). Ja, ja. – Jawohl. – Nehmen Sie Platz, Exzellenz, bitte. – (Geht an die Thür, ruft.) Lutz!

Lutz. Durchlaucht?

Karl Heinrich. Ja, was wollt' ich sagen? (Ganz geistesabwesend.) Herr Dr. Jüttner möchte herüberkommen. Oder es ist vielleicht nicht nöthig. Er möchte herüberkommen.

(Dumpfe Pause.)

Minister. Es ist, Durchlaucht, ein schwerer Fall, der Lähmungserscheinungen mit sich gebracht hat und diese Erscheinungen wahrscheinlich für längere Zeit, vielleicht sogar für die Lebensdauer hinterlassen wird.

Karl Heinrich (immer noch geistesabwesend). Ganz recht, – ja.

Minister. Ob Se. Hochfürstliche Durchlaucht unter solchen Umständen bald wieder in der Lage sein werden, die Geschäfte der Regierung zu übernehmen, erscheint leider kaum sehr wahrscheinlich.

Karl Heinrich (dumpf apathisch). So.

Minister. Ein Zustand, Ew. Durchlaucht, der Jahre andauern kann.

Karl Heinrich. Jahre –?

Minister. Das ist die Ansicht der Aerzte.

(Lange Pause.)

Karl Heinrich. Exzellenz, weshalb kommen Sie hierher? Ich meine, weshalb?

Minister. Ew. Durchlaucht haben bei Ew. Durchlaucht Jugend sich mit den Staatsgeschäften wenig oder gar nicht bisher vertraut machen können. Es erscheint bedauerlich, daß Ew. Durchlaucht dieser schweren Aufgabe unter so trüben, unvorhergesehenen Umständen werden näher treten müssen.

Karl Heinrich. Ich?

Minister. Es kommt bei der Einsetzung der Regentschaft in erster Linie darauf an –

Karl Heinrich (außer sich). Ich soll zurück?!!

Minister. Durchlaucht –?!

Karl Heinrich. Nach Karlsburg?!

Minister. Ew. Durchlaucht wollen in Rücksicht ziehen –

Karl Heinrich. Wissen Sie, was Sie von mir verlangen?!

Minister. Ich bitte Ew. Durchlaucht – – –

Karl Heinrich. Und dann mich festbinden, nicht wahr?! An diesen Kranken?! An den ich seit zwanzig Jahren gekettet war und nicht ausatmen durfte!! (An der Tür, außer sich). Lutz! Der Doktor soll kommen. Er soll aufstehen! Sofort! Warum kommt er nicht?! – Reden wir nicht mehr darüber. Exzellenz, sparen Sie Ihre Worte. Es ist jedes Wort da überflüssig.

Minister. Durchlaucht –

Karl Heinrich. Es thut mir leid um meinen Oheim, selbstverständlich, aber das ist auch alles. Ich bin an diesem Hof ewig ein Fremder gewesen, nichts als das. Kenne ich meinen Oheim? Kenne ich Sie, Excellenz? Kenne ich irgend einen? Ja, die Bedienten. die kenne ich! Die Lakaien. Mit den Lakaien hat man mich spazieren geschickt und spielen lassen!

Minister. Ew. Durchlaucht –

Karl Heinrich. Dann endlich hat man mich losgelassen, man hat mich nach Heidelberg geschickt. Auch nicht, um hier ein Mensch zu werden, sondern um einsam weiter zu vegetieren. Hier hat man mir die Augen geöffnet und mich sehen gelehrt, vom ersten Tage an. – Da gab es kein Fragen und was und wie, – mit offenen Armen haben sie mich aufgenommen.

Minister. Ew. Durchlaucht –

Karl Heinrich. Ich war ein unmündiges Kind, das nicht gehen und nicht sprechen gelernt hat, das sich wie eine Puppe hin und her schieben ließ. Das nicht einmal lachen konnte! Sie haben's in Heidelberg mich gelehrt –

Minister (Pause). Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob es richtig war, für Ew. Durchlaucht dieses Universitätsjahr auf einer süddeutschen Hochschule für notwendig zu befinden.

Karl Heinrich. Steht es Ihnen nicht zu, Exzellenz? Das freut mich, daß Ihr Gewissen mit dieser Verantwortung nicht belastet wird. – Universitätsjahr! Ein Jahr hat zwölf Monate. Ich war vier Monate in Heidelberg. Ich habe keine Neigung, auf die übrigen acht gutwillig zu verzichten. Man hat mir von meiner Jugend genug genommen, so ziemlich alles. Das Wenige, was übrig bleibt, behalte ich!

Minister. Heißt das, Ew. Durchlaucht, daß Ew. Durchlaucht entschlossen sind, nicht nach Karlsburg zurückzukehren?

Karl Heinrich. Ja.

(Lange Pause).

Minister. Ich sehe aus diesem Dilemma keinen Ausweg. Ew. Durchlaucht sind als Stammhalter des Hauses berufen, die Erbschaft Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht anzutreten. – Ew. Durchlaucht sind der einzige, der die Regentschaft in dieser schweren Stunde zu übernehmen das Recht und demnach auch die Pflicht hat.

Karl Heinrich. Und wenn ich nicht will?

Minister. Wollen Ew. Durchlaucht mich von der Aufgabe entbinden, die Konsequenzen eines solchen Falles darzulegen.

Karl Heinrich. Also ich habe keinen Willen, keine Freiheit, keine Selbstbestimmung – ich bin ein Gefangener?!

Minister. Das ist mehr oder weniger, Durchlaucht, unser aller Los.

Karl Heinrich. Nein! Das ist nicht wahr. Ich war nicht umsonst hier, Exzellenz, ich habe mich umgesehen. Gut, jeder einzelne hier hat ein Leben mit Arbeit vor sich, wie sich's gehört, – aber hinter ihm liegt eine Kinderzeit. Keiner von denen war je allein. Nicht in der Schulzeit, nicht jetzt, und in aller Zukunft auch nicht. Sie sind zu Menschen erzogen und leben sich aus und bleiben Menschen! Mich will man einsperren, schlimmer noch als früher!

Minister. Ew. Durchlaucht – –

Karl Heinrich (leise). In das Krankenzimmer. Neben jemand, der zeitlebens ein verbitterter Sonderling war und mich zu Tode foltern wird. (Pause; geht zu ihm, sich selbst überwindend, leise, bittend). Exzellenz, Sie müssen einen Ausweg finden. Lassen Sie mich hier, Exzellenz.

Minister. Ew. Durchlaucht –

Karl Heinrich. Lassen Sie mir Zeit, Exzellenz, nur ein Jahr, oder nur einige Monate noch. Ich werde dann zurückkommen, ich verspreche es Ihnen. – Exzellenz –? – Ich – ich –, es wird sich ein Ausweg finden, nicht wahr? Irgendwie, – es muß ein Ausweg – –?

Minister. Ich kenne keinen.

Karl Heinrich (sieht sich sekundenlang starr um. Dann geht er zurück nach dem Sessel, setzt sich, starrt zu Boden).

( Lange Pause.)

Minister (spricht ganz langsam, abgewogen). Ich kann Ew. Durchlaucht nicht zwingen, wie niemand das kann. Ew. Durchlaucht müssen selbst wissen, was zu geschehen hat. Die Summe von Arbeit, die Ew. Durchlaucht erwartet, ist keine geringe. Dem Fernstehenden erscheint das Leben auf den Höhen in einem ewigen Glanze und Sonnenschein, während es nichts anderes bedeutet als eine Unsumme mühseliger Arbeit oft kleiner und kleinlichster Art. Ew. Durchlaucht wollen sich dem entziehen und die heiteren Tage bewahren, – ich kann es nicht ändern. – – – – – Die Fürsten wohnen einsam auf ihren Thronen, eine Kluft trennt sie von allen anderen, selbst von denen, die nach Geburt und Rang dem Throne als Diener am nächsten stehen. Sie müssen einsam bleiben, darin liegt ihre schwere Aufgabe, aber auch ihre Kraft. – – – – (Nach langer Pause.) Durchlaucht?

Karl Heinrich (fährt auf, wie aus einem Traum). Was? – (Steht auf, müde, zerbrochen). Ja. Ja, – es ist gut, – ich – komme.

Minister. Der Kurierzug nach Frankfurt, Ew Durchlaucht, fährt in einer Stunde. Ich darf Durchlaucht am Bahnhof erwarten –?

Karl Heinrich (nickt nur).

Minister (ab).

Karl Heinrich (bricht zusammen in einen Stuhl, vergräbt den Kopf in den Händen).

8. [7.] Szene.

Doktor (herein im Schlafrock). Nach Karlsburg?! Du sollst nach – Karlsburg –?!!

Karl Heinrich (schluchzt auf, lehnt sich an den Doktor). Doktor!

Doktor. Karl Heinz, mein Junge! – Aber sieh mal, das ist ja alles – das ist ja vielleicht alles Unsinn – das kann ja jeden Tag sich wieder ändern, nicht wahr? Das dauert ein paar Wochen, und der Alte ist wieder kerngesund. Drei, vier Wochen, dann bist du wieder hier. Se. Durchlaucht war nie krank! Ein Mann von 65 Jahren, der eine Gesundheit hat von Eisen! Jeder Mensch wird schließlich mal krank, und natürlich muß jemand da sein, der ihn vertritt, es ist klar wie die Sonne! Drei Wochen – –

Karl Heinrich (müde, wie gebrochen). Ach, Doktor – –

Doktor (redet sich in Zorn, um sich zu betäuben). Das ist dieses »immer gleich Kopf – hängen lassen«, über das ich mich tausendmal geärgert habe! Diese schwächliche Art, alles im hellsten oder im allerdunkelsten Lichte zu sehen! Das kommt, wenn einer nie ernstlich mit dem Leben hat kämpfen müssen!

Karl Heinrich. Meinen Sie –?

Doktor. Vierzehn Tage, mein Junge, dann bist du wieder hier. Ich reise mit.

Karl Heinrich. Nein, Doktor, Sie bleiben. Wenigstens den Nutzen soll es haben, daß Sie sich auskurieren, und zwar gründlich. Sie werden sich schonen, Doktor, das versprechen Sie mir.

Doktor (schlägt die Hände vor das Gesicht, jetzt ist er der Verzweifelte).

Karl Heinrich (tröstend zu ihm). Sie nehmen meine Zimmer und nebenan den Balkon. Sie können da den ganzen Tag in der Sonne liegen. Die anderen sollen zu Besuch kommen, jeden Tag einer, immer abwechselnd. Nicht wahr?

Doktor. Hm.

Karl Heinrich. Wenn Sie wünschen, lasse ich Ihnen Lutz hier, zur Bedienung.

Doktor (lächelt). Nein danke, danke herzlich.

Karl Heinrich (lächelt). Nicht –?

Doktor (steht mühsam auf).

Karl Heinrich (springt zu, um ihn zu stützen).

Doktor. Laß nur, es geht schon. Du hast nun Eile, und wir wollen den Abschied nicht lang machen. Es wäre ja überhaupt lächerlich, Karl Heinz, bei so was groß feierlich Abschied zu nehmen, bei drei Wochen – aber erstens, weißt du, man kann nicht in die Zukunft sehen, – und dann – es sind nun acht Jahre, daß wir beide immer zusammen waren.

Karl Heinrich (nickt traurig).

Doktor. Es könnte ja immerhin sein, daß – daß – daß wir nicht mehr Gelegenheit hätten, uns – noch einmal im Leben auszusprechen – und deshalb: bleib jung. Karl Heinrich, das ist alles, was ich dir wünsche. Bleib so, wie du bist, und wenn sie dich anders machen wollen – alle werden das versuchen – dann kämpfe dagegen. Bleib ein Mensch, Karl Heinz, mit deinem jungen Herzen . . . Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der du an diese Heidelberger Tage und an mich mit anderen Gefühlen denkst als heute, vielleicht mit Mißachtung oder gar mit Zorn. In der du dir sagst: »Ich hätte damals nicht so tief hinabsteigen sollen zu den Menschen und meine Würde anders wahren müssen.« Sie werden dir alle vorreden, das sei wirklich so, und diese kurze Spanne Zeit sei ein unschöner Mißton in deinem Leben. Aber glaube ihnen nicht. (Er drückt ihm die Hand, geht, kehrt noch einmal um und schließt Karl Heinrich stumm in die Arme, geht dann langsam ab.)

Karl Heinrich (allein. Er sitzt und starrt vor sich hin. Nach langer Weile schaut er auf, sieht um sich, wie suchend). – – Doktor – –?

8. Szene.

Lutz (bringt eine Reisehandtasche). Wenn Ew. Durchlaucht vielleicht hier hineinlegen wollen, was Ew. Durchlaucht noch mitzunehmen befehlen –

Karl Heinrich. Es ist gut.

Lutz. Die Koffer packe ich draußen.

Karl Heinrich (antwortet nicht).

Lutz (nach kurzer Pause, in der er auf einen Befehl wartet, ab).

Karl Heinrich – – (athmet tief auf). Also –

9. Szene.

Käthie (hastig, aufgeregt, herein, im weißen Kleide). Nach Karlsburg? Weshalb?

Karl Heinrich (mühsam lächelnd). Ja, Käthie, es wird heute nichts mit uns beiden, 's ist schade. Es wäre heut so schön gewesen. Bei dem Wetter.

Käthie. Ja 's ist schade. (Beide suchen in der nun folgenden Szene sich zu beherrschen; jeder will dem andern nicht zeigen, wie die Angst ihn ergreift, daß sie einander nicht wiedersehen werden. Sie sprechen leise, fast gleichgiltig, aber die Szene muß von Anfang an tief tragisch wirken.)

Karl Heinrich (mühsam scherzend). Aber Neckargemünd läuft uns nicht fort. Wir fahren schon noch hin – zusammen –

Käthie. Komm, ich helf' dir, gib – was soll 'nein? Die Bücher – das –?

Karl Heinrich. Nun hast du das weiße Kleid angezogen!

Käthie. Ja, 's war net nöthig. – – I zieh 's wieder aus.

Karl Heinrich. Hm.

Käthie. Wann du wiederkommst, schreibst mir a Postkarten vorher. I komme an die Bahn und hol dich ab.

Karl Heinrich. Es ist ja auch alles Torheit! Man macht sich die dümmsten Gedanken ohne jeden Grund! Ich bin kein Kind mehr, das sie einsperren können! Wenn sie mich festhalten wollen – es wäre ja denkbar aus irgend welchem Grunde – dann erzwinge ich's. Man kann mir meine Freiheit nicht nehmen, auch er kann's nicht! – Gib her, Käthie. Es eilt. Wie spät ist es? (Sieht nach der Uhr). Was wäre denn noch mitzunehmen? Sieh dich mal um. Ach nichts. Auf die paar lumpigen Tage oder Wochen. Schließ zu, Käthie.

Käthie (kann vor verhaltenen Tränen nicht mehr sprechen).

Karl Heinrich (nach einer Pause, indem er seine Sachen zurechtsucht). Ja so, die Mütze. (Nimmt die Studentenmütze ab). Wo ist denn mein Hut?

Käthie (holt aus dem Schranke den Hut).

Karl Heinrich (sucht zu lächeln). Ist der verstaubt. Wie lange habe ich das Ding nicht auf dem Kopfe gehabt.

Käthie. Gib. (Sie bürstet den Hut ab.)

Karl Heinrich. Und das Band, richtig. Das muß herunter. Leg's mit hinein, Käthie. Die Mütze auch.

Käthie (öffnet die Tasche und legt beides hinein).

Karl Heinrich (setzt den Hut auf, nimmt Tasche und Paletot.) Ja, dann wären wir ja so weit.

Käthie. Ja.

Karl Heinrich. Und nun leb wohl, Käthele. Denk an mich, hörst du? (Küßt sie.) – Hörst du?

Käthie (nickt).

Karl Heinrich. Nun wollen wir gehen.

Käthie (begleitet ihn, dann plötzlich, dicht vor der Thür, bricht ihr verhaltener Schmerz aus in einem verzweifelten Aufschrei.) Du kommst net wieder!!

Karl Heinrich. Käthie –

Käthie. Karl Heinz! Du kommst net wieder.


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