Wilhelm Meyer-Förster
Alt-Heidelberg
Wilhelm Meyer-Förster

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Zweiter Akt.

Der Garten von Rüders Gasthaus zu Heidelberg. Eine niedrige Mauer schließt den Garten gegen den Neckar ab. Jenseits des Flusses sieht man das Schloß von Heidelberg.

1. Szene.

Rüder, Frau Rüder, Frau Dörffel.

Rüder. 's ischt halt zu viel! 's ischt zu viel für an einzelnen! Wo ischt die Käthie? Sie soll helfa komma!

Fr. Rüder. Du mußt ganz ruhig bleiba, Rüder, – du darfscht nimma heut dei Kopf verliera!

Rüder. Send mer still! 's ischt halber acht, nu ischt der Prinz auf der Eisenbahn angekomma! Jede Moment kann der Wage hier sein! Nu will der Prinz sei sechs Zimmer besichtige und sei Abend-Souper verzehre, und deraweil komme um 8 die Herre Studente und wolle im Garten ihre Kommers feiere. Nu müsse die Tische für die Herre Studente nüber geschafft werde, und die Bänke auch, und speise wolle se und trinke, – 's ischt zu viel für an einzelnen Wirth!

Die Musikanten (stimmen die Instrumente).

Fr. Rüder. 's ischt bei kein andern Wirth in Heidelberg, daß sie einen leibhaftigen Prinz fürs Semester zur Miethe bekomme.

Fr. Dörffel. Bei kein andern.

Rüder. Descht koi Frag. – Wo ischt die Käthie?

Fr. Rüder. Käthie!

Rüder. Sie soll helfa komma. 's ischt alles drunter und drüber.

Fr. Dörffel (ruft). Käthie! Sollscht helfa komma!

Rüder. Es müsse die Tische naus geschafft werde. 's ischt nix geschafft!

Fr. Rüder (ruft). Käthie!

Käthie (hinter der Bühne). I komm schon!

Rüder. Die Musici solle au anfasse. Sie mache schon Musik, ehe die Herre Studente komme.

Fr. Rüder. Sie stimme ja nur.

Rüder. Des ischt mir glei, sie müsse anfasse.

Erster Musikus. Wo nein denn?

Rüder. Drüben nei in den Garte, glei rechts an den Neckar. Vorn sitzen die Schwabe, dann die Vandale, dann die Sachse-Preuße, rechts die Sachse und die Westphale und drüben die Rhenane – (seufzt). 's ischt a Stückel Arbeit, daß man das alles im Kopf behält.

2. Szene.

(Käthie herein von links.)

Käthie. I hab Zeit genua, mi auszurasten! Hier rufen's. da rufen's –! Meiner Seel und Gott: der Herr Onkel im Frack. No sei so gut, – zeig her, dreh di um – fesch schaut er aus! (Zu den Musikanten). Des ist recht! Faßt's alle an. Links nüber, so. Schiebt's die Tische naus. so. Alle die Tisch nebeneinand. Gebt's mal da Buschen her. (nimmt vom Tisch einen großen Fliederstrauß.)

Fr. Rüder. Des neue weiße Kleid hascht angezoge –?

Fr. Dörffel. Des neue weiße Kleid –?

Käthie. Wann der Prinz neinkommt und schaut mi an und ich steh da mit dem Buschen und sprech das Gedicht, i krieg an Herzklopfen.

Rüder. Er wird di net auffresse.

Käthie. Letzt Nacht hab' i von ihm träumt. Er ist die Stiege nauf kommen mit einem goldenen Stern um den Hals, und groß hat er ausgeschaut. Wie i nun das Gedicht hab sagen wollen, kann i das erste Wort net finden. Vor Angst hab i anfangen zu beten. »Jesus Maria, Josef, sagt's mir das erste Wort.«

Fr. Rüder. Und da –?

Fr. Dörffel. Und da –?

Käthie. Da bin i vor Schreck aufgewacht.

Rüder. 's ischt, weil das Mädel zu bequem gewesen ischt, auswendig z' lerne. 's wird noch so komme, daß der Prinz umkehre wird und sage wird, er will anderswo wohne.

Käthie (lacht). Des glaub' i a. Jetzt werden mer's einstudieren. Da steht der Herr Onkel, da steht die Frau Tante, da die Frau Großtante. So. Jetzt kommt der Prinz dahier nein. Jetzt tret i vor. Jetzt sag i – nein, 's war falsch. 's ist so: Da steht der Herr Onkel und halt den Buschen in der Hand. Und wie der Prinz neinkommt, tret i vor, und der Herr Onkel halt mi den Buschen entgegen. und i nehm ihn und sag (hört den Lärm der ankommenden Studenten). Jessus Maria, die Sachsen!

Rüder. Nu komma die au schon angefahre! 's ischt zu viel für an einzelnen!

3. Szene.

(Man hört hinter der Bühne Wagen fahren, Peitschen knallen, Hundegebell, laute Rufe, Lachen, eine Guitarre, Lärmen. Dann kommen die »Sachsen«, blaue Mützen mit dunkelblau-hellblau-weißen Bändern.)

Stimme (hinter der Bühne). Kellermann!

Kellermann (hinter der Bühne). Jawohl!

Andere Stimmen (hinter der Bühne). Kellermann!

Kellermann (hinter der Bühne). Hier!

Käthie (ruft nach rechts). Macht's net solchen Lärm! Ihr macht's mehr Lärm als alle andern z'samm! Halt's doch die Hunde fest! Jessas! Jessas!

I. Student (herein). Die Käthie in Weiß!

II. Student (herein). Alle Wetter! Käthie!

Engelbrecht. Schneeweiß! Das ist großartig! Kinder, die Käthie in Weiß!

Viele (drängen um Käthie).

Käthie. Laßt's mi außi! Des is mir z' dumm! Die Wägen sollen da nit warten bleiben! Die ganze Gasse tun's versperren, des geht net!

Graf Detlev v. Asterberg. Halt!! Kellermann!

Kellermann. Herr Graf –?

Detlev. Kellermann, entferne die Hunde, denn ich will eine Rede halten.

Alle. Bravo! Eine Rede!

Bilz. Mach keine Geschichten, Detlev.

Detlev. Karlchen, ich wünsche der Schönheit eine Huldigung darzubringen. Du wirst mich daran nicht hindern wollen.

Bilz. Sieh mal: die Füchse, und dann –

Detlev. Denn Käthie hat ein weißes Kleid angezogen! Von oben bis unten! Man hat mich nie vor einem Weibe knieen gesehen, Ihr werdet das nicht zum zweiten Male zu sehen bekommen. – – Lieben Füchse, sperrt die Augen auf – es ist ein historischer Moment. (Läßt sich auf beide Kniee fallen.) Katharina!

Käthie (nimmt lachend seinen Kopf in die Hände). Haben's di wieder abgestochen, armes Hascherl?

Detlev (auf der Guitarre klimpernd). Ich kniee vor Euch, als getreuer Vasall, Pfalzgräfin, schönste der Frauen –

Käthie. Zeig her. Die ganze Backen haben's di wieder zerschlagen – Maria Taferl, so was!

Detlev. Befehlt Ihr, so werd ich für Euch zum Narr, Pfalzgräfin, schönste der Frauen!

Käthie (rasch zu einem anderen, dessen ganzer Kopf verbunden ist). Ach und der Seppel! Zeig her! 's geschieht euch recht! Raufbolde seid's ihr!

Detlev. Füchse, hebt mich in die Höhe! Kellermann!

Kellermann. Herr Graf!

Detlev. Einen Stuhl, Kellermann! Ich will mich niederlassen. Onkel Rüder, Ihr habt eine Nichte, die in ihrer jungen Brust einen Stein trägt! Kellermann!

Kellermann. Herr Graf!

Detlev. Eine Bürste.

Käthie. Wie viel seid's ihr denn? 8, 9, 10 – i bring's Bier nach drüben (ab).

Detlev. Wo ist Tante? Wie geht's Euch, Tante Rüder? Was giebt's zu essen? Was Teufel, Onkel, ich sehe Euch in einem Frack?

Die Musik (spielt den »Zwerg Perkeo«).

Engelbrecht. Kellermann! Eine Postkarte!

Kellermann. Jawohl.

Detlev (spielt auf einer Guitarre mit, singt): »Das war der Zwerg Perkeo, im Heidelberger Schloß. An Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß. Man schalt ihn einen Narren, er dachte: Lieben Leut', Wärt ihr, wie ich, doch alle feucht, fröhlich und gescheit.«

Die Uebrigen (singen mit).

Die Musik (beginnt den zweiten Vers).

Detlev. Halt! Musik halt! Also das ist eine Jahrmarktsmusik! Das ist ein Skandalon für ganz Heidelberg! Lieben Musikanten, kommt hier mal her.

Erster Musikus. Herr Graf –?

Detlev. Liebe Freunde, wenn man die Ehre hat, ein solches Lied zu spielen, so legt man Seele hinein, zum Donnerwetter! Grazie und Humor! Ich werde euch eine Bowle bezahlen, damit eure trocknen Seelen zu kapieren anfangen.

Erster Musikus. Schönsten Dank, Herr Graf.

Käthie (viele Bierseidel in beiden Händen). Kommt's alle mit. (Geht links hinten wieder ab, von allen gefolgt.)

Detlev. Kellermann!

Kellermann. Herr Graf?

Detlev. Wir werden diesen Musikanten eine Bowle geben lassen.

Kellermann. Jawoll. (Beide ab.)

4. Szene.

Rüder. Fr. Rüder. Fr. Dörffel. Dann Lutz und Schölermann.

Rüder. 's ischt zu viel für an einzelnen!

Fr. Dörffel (eilt herein). Se kommet! Se kommet! Gucket, do kommet se!

Fr. Rüder. Der Prinz?

Fr. Dörffel (erregt). Ja freile!

Rüder. Wo ischt die Käthie?! (Man hört einen Wagen vorfahren.)

Fr. Rüder. Du muaßt naus.

Rüder! Du muaßt ihn empfange –!

Rüder. Wo ischt – wo – wo – –?

Lutz (in Zylinder und Gehrock. Sieht sich erstaunt um, dann streng, kalt, jedes Wort betonend). Ist das hier – richtig?

Schölermann. Jawohl, Herr Lutz.

Lutz. Dieses – Haus –?

Schölermann. Jawohl, Herr Lutz.

Rüder (aufgeregt). Ischt er drauße? Steht der Prinz drauße?

Lutz (streng, kalt). Wer ist der Mann?

Schölermann. Der Wirth, Herr Lutz.

Rüder (ängstlich, erregt). Ischt er vor der Thür?

Lutz (kalt, von oben). Se. Durchlaucht geruhen zu Höchstihrer Orientierung eine kurze Rundfahrt durch die Stadt zu unternehmen. Man sorge, daß die Koffer vom Wagen geschafft werden.

Rüder (schwer von Begriff). Ischt er net drauße? Steht er net drauße?

Lutz (ernst, aber ohne jede Heftigkeit). Ich bin erstaunt, Schölermann. Sie befinden sich seit gestern in Heidelberg, um für Se. Durchlaucht ein passendes Quartier ausfindig zu machen. Sie haben es nicht für notwendig gehalten, diesen Mann zu instruieren, wie und in welchen Formen man von Sr. Durchlaucht redet.

Schölermann. Herr Lutz –

Lutz. Es ist gut.

Schölermann. Ich hatte – ich war –

Lutz. Ich sage. es ist gut, lieber Schölermann. Sie werden das nachholen. (Hält den Kneifer vor die Augen.) Das Haus liegt am Wasser. Was ist das für ein Wasser?

Rüder. 's ischt der Neckar.

Lutz. Neckar. Schön. – Ich leide an Rheumatismus, lieber Schölermann, und Sie miethen eine Wohnung am Wasser.

Schölermann (ängstlich). Herr Lutz –

Rüder. 's ischt die komfortabelste Studente-Wohnung in Heidelberg. 's hat die letzte drei Semester der Herr Graf von Fürsteberg drobe gewohnt.

Die Musikanten (stimmen während dessen ihre Instrumente, man hört das ziemlich entfernt).

Lutz. Ich höre immer Musik. Was ist das für eine Musik?

Rüder. Die Herre Studente halte heut Antritts-Kommers. 's komme noch viele.

Lutz. Hierher?

Rüder. Freile.

Lutz. So. – (Er setzt sich, wie jemand, der sehr müde ist und Schweres durchgemacht hat. – Halb für sich.) Man ist zwölf Stunden in der Eisenbahn gefahren, man hat einen Tag hinter sich voll Aergernisse, – nun kommt man in eine Räuberhöhle.

Rüder. 's ischt weit und breit die schönste Aussicht aufs Schloß.

Lutz. Was für ein Schloß?

Schölermann (ganz in Angst). D – d – drüben –

Rüder. Da drübe ischt das Schloß.

Lutz. Ich frage. was für ein Schloß? Wem gehört es? Wer wohnt da?

Rüder. 's ischt zerschosse. Die Franzose habe es mit Kanonekugele zerschosse.

Lutz. Also kein Schloß. Wenn man ein Schloß zerschossen hat, so nenne ich es kein Schloß mehr, sondern eine Ruine. In dieser Stadt scheint alles eine Ruine zu sein.

Rüder. Nei, 's ischt die einzige.

Lutz. Es ist gut.

Rüder. 's ischt die allereinzigste.

Lutz. Schölermann!

Schölermann. Herr Lutz?

Lutz. Der Mann ermüdet mich. – (Seufzt.) Ja, ja, ja, ja. – (Er steht müde auf.) Ich will die Wohnung sehen.

Schölermann (eilig). Bitte hier, Herr Lutz. (Draußen von neuem Peitschenknallen. Lärmen, Wagengerassel, Hundegebell, Lachen, Rufen. Die Musik setzt ein: »Was kommt dort von der Höh'«.)

Lutz. Was ist da los?

Rüder. Sie kommen! (Ruft). Käthie! Die Schwabe komme.

Fr. Rüder. Die Vandale auch.

Rüder. Die Sachse-Preuße! Alle! Sie komme alle! Schafft's Bier! Schafft's Bier!

Lutz (betrachtet die Szene aus einer Ecke mit immer steigender Erregung). Was ist los? Wer kommt? Was für Menschen?

5. Szene.

(Die Bühne füllt sich mit Studenten: gelbe Schwaben, blaue Rhenanen, Sachsen-Preußen in weißen Stürmern, rothe Vandalen, grüne Westfalen, dann von links die Sachsen. Die meisten pfeifen oder singen die Melodie mit. Die Hunde werden zusammen gekoppelt, deren Bellen eventl. das Tohuwabohu erhöht. Viele holen Stühle aus dem Hause, andere schlagen auf die Tische. Zahllose Rufe: »Bier!« »Wirthschaft!« »Käthie!« Dabei immer die Musik, die nun langsam leiser wird um nicht den Dialog zu stören.)

Erster Student. Tag, Onkel!

Zweiter Student. Kinder, ich verdurste!

Dritter Student. Wirthschaft!

Vierter Student. Wo ist die Käthie?!

Rufe. Bier! Wirtschaft! Käthie! Käthie! Onkel!

Erster Student. Schmeißt die Köter in den Neckar! Allez! Apport!

Andere (singen). – – »Es ist der Postillon, ça, ça, Postillon usw.«

v. Wedell. Millionen-Schwerenoth, was ist das für 'ne Wirthschaft? Keine Käthie, kein Bier – meine Herren, ich schlage vor, dieser Onkel Rüder wird in seinem eigenen Fett geröstet! Und zwar da, wo das Feuer am wärmsten ist!! (rüttelt ihn.) Wo ist die Käthie?!

Rüder. I weiß net!

v. Wedell (schüttelt ihn). Wo die Käthie steckt!

Rüder (verzweifelt). 's ischt zu viel für an einzelnen!

v. Wedell. Sachsen-Preußen, Silentium! Onkel Rüder, ich wünsche die Käthie zu sehen! Hier am Platze! Sofort! Füchse, man soll suchen! Es soll dieser Käthie eine Ehrung widerfahren, wie sie seit Menschengedenken einem Femininum nicht zutheil wurde! (Lüftet den Stürmer). Herr Graf v. Asterberg Saxoniae, ich erlaube mir einen Ganzen!

Detlev. Sehr angenehm. Ich erlaube mir mitzukommen.

v. Wedell. Prosit!

(Ein Rufen erhebt sich.) Käthie!

(Das Rufen wird immer lauter) Käthie! Käthie! Bravo! (Bis alle Anwesenden, Käthie entgegenschauend, in das Rufen einstimmen.)

Käthie (kommt lachend durch die Mitte, die Hände nach beiden Seiten wie schützend, abwehrend emporgehoben).

v. Wedell. Holla, die Käthie!!

Alle. Käthie! Käthie!

Käthie (unbändig lachend). Seid's ihr alle verrückt?!

v. Wedell. Gib mal die Hand, Käthie.

Käthie (wehrt sich). Los!!

v. Wedell. Musik, Silentium! Sachsen-Preußen, Silentium!

Käthie. Laßt's mi außi!

v. Wedell. Meine Herren, ich bitte um Silentium!

Viele. Was ist denn los? Was giebt's?

v. Wedell. Meine Herren! Wohllöblicher S. C. von Heidelberg! Meine Herren, wir schreiben den Monat Mai, den Anfang eines glorreichen Semesters. Meine Herren, wen krönt man im Monat Mai? Die Tugend! Die Schönheit! (Lachend.) Halt still, Käthie. Meine Herren, das reizendste Mädchen von Heidelberg und das schönste und tugendhafteste zugleich ist hier Käthie. Meine Herren. ich frage auf Wort, ist einer, der das bestreitet?

Käthie (hochroth, fast weinend). Laßt's mi außi!!

v. Wedell (hält sie eisern fest). Keiner! Meine Herren! Saxo-Borussia verleiht Käthie als dem einzigen Femininum von Heidelberg für heute Abend zur Feier des S. C.-Antrittskommerses das Band! (Legt ihr das Seidenband um die Schulter.)

(Erstaunte Zwischenrufe.) Wie?! Was? Das Band?

v. Wedell. Saxo-Borussias seidenes, vierfarbenes Band! Käthie, trag es in Ehren! Tusch! Musik (Tusch).

Die Sachsen-Preußen. Bravo! Bravo!

Detlev. Hierher, Käthie! Saxonia macht Saxo-Borussia ihr Compliment. Meine Herren, Saxonia schließt sich einem vortrefflichen Beispiele an und tut dasselbe! (Er gibt Käthie das Band). Trag es in Ehren, Käthie! sollst leben! Musik!! Musik (Tusch).

Die Sachsen. Bravo! Bravo! (Drängen um Käthie, schütteln ihre Hände.)

Erster Schwabe. Das Schwaben-Band, Käthie! (Gibt ihr sein Band.)

Erster Vandale (gibt ihr sein Band). Roth-Gold, Käthie!

Erster Rhenane (gibt ihr sein Band). Käthie, das Band vom Rhein!

Alle (jubeln, lachen, die Musik lärmt).

Detlev. Gib mir'n Kuß, Käthie!

Käthie (sträubt sich). Nein!.

Detlev. Den Kuß fürs Land Tirol! Den Kuß für Heidelberg. (Küßt sie).

Alle. Bravo!

Detlev (faßt sie, hebt sie hoch über alle Köpfe). Käthie soll leben, hoch!

Alle. Hoch!!!

v. Wedell (reicht ihr ein Glas Bier). Trink, Käthie!

Käthie (hoch oben, lacht). Ihr seids lieb alle!! I trink Euer aller Wohl!

Detlev. Freut Euch des Lebens, Kinder! 's ist Mai! 's ist Jugend! 's ist Heidelberg! (Trägt Käthie auf seinen Schultern hinaus.)

Alle (drängen mit). »Sollst leben, Käthie!« – »Hoch, Käthie!« – »Prosit, Käthie!« – usw.

6. Szene.

Lutz und Schölermann (bleiben allein).

Lutz (fassungslos). Was – was bedeutet das?

Schölermann (ängstlich). Herr Lutz – ich weiß es nicht.

Lutz. Das sind Indianer! – Sie haben dieses Frauenzimmer gesehen?

Schölermann. Jawohl, Herr Lutz.

Lutz. Das ist Sodom und Gomorrha! In diesem Hause würde man seines Lebens nicht sicher sein. Es sollen die Koffer wieder heruntergetragen werden, es soll – ja was? (Faßt sich an die Stirn.) Se. Durchlaucht wird im Hotel übernachten – man wird morgen ein anderes Quartier suchen – oder vielmehr gar kein Quartier; diese Stadt ist für Se. Durchlaucht einfach unmöglich!

Schölermann. Herr Lutz sollte sich beruhigen –

Lutz. Das geht seit heute früh immerfort gegen mich! Mit Keulenschlägen!

Schölermann (angstvoll, devot). Ist etwas geschehen, Herr Lutz? Noch was?

Lutz. Wir fuhren aus Karlsburg heute früh um neun. Die Straßen waren voll Menschen, der Bahnhof abgesperrt, etcetera. Se. Hochfürstliche Durchlaucht selbst hatten die Gnade, Se. Durchlaucht zur Bahn zu geleiten. Der Hof war anwesend, die Adjutanten, Se. Exzellenz der Herr Hofmarschall, der Staatsrath v. Giesebrecht, der Präsident v. Jürgens, Herr General v. Lachner, Exzellenz u. s. w. Der Zug kommt, Se. Durchlaucht besteigen mit diesem Dr. Jüttner ein reservirtes Coupé ich selbst ein anderes Coupé – der Zug fährt ab.

Schölermann. Fährt ab.

Lutz. Ja. Drei Stunden später hält der Zug in Bebra. Ich steige aus meinem Coupé, ich trete an Sr. Durchlaucht Coupé, ich öffne die Thür, ich frage: »Haben Ew. Durchlaucht Befehle?« (Mit zitternder Stimme:) Da beugt sich dieser dicke Mensch von Doktor aus der Thür und sagt – sagt: »Lassen Sie das! Bleiben Sie in Ihrem Coupé! Se. Durchlaucht wünscht zu reisen, ohne aufzufallen!« Sagt das in einem Tone, als ob ich dieses dicken Menschen Bedienter wäre!!

Schölermann (verlegen). Ach –

Lutz. Um vier Nachmittags kommen wir nach Frankfurt. Ich gehe in den Wartesaal, um eine Flasche Selters zu trinken, da sitzt Se. Durchlaucht!

Schölermann (erschreckt). Wo?

Lutz. Im Wartesaal! Neben diesem Doktor! Se. Durchlaucht trinkt Bier! Hält in der Hand ohne Handschuh ein fettiges Papier mit sogenannten Frankfurter Würsten.

Schölermann. – Ach! –

Lutz. – ißt davon!

Schölermann (total perplex). Ja –

Lutz. Es rennen Leute vorbei, stoßen an Sr. Durchlaucht Stuhl, setzen sich an denselben Tisch, machen Lärm – da hör' ich diesen Doktor schreien. »Kellner! noch zwei!«

7. Szene.

Käthie (geht, beide Hände voll leeren Gläsern über die Bühne. Rückwärts ruft sie lachend den Studenten zu) Habts nur Geduld! Einer nach dem andern. Was? – (Lacht, antwortet.) Ja, glei! (Macht im vorbeikommen bei Lutz halt.) Ist er immer noch net da? Der Prinz?

Schölermann. Nein.

Käthie. Rufts mi, wann er kommt. I geh drüben ins Haus – kehr um die Hand bin i wieder da. I sag ihm an Gedicht, wann er kommt. (Setzt die leeren Seidel an Lutzens Tisch.) Ist er fesch, der Prinz? Ist er sauber? Gelt, die Zimmer droben sind fein staffiert? Die ganze Treppe nauf hab i an Guirlanden gewickelt. Wollt's Ihr zwei an Bier oder an Wein? I bring's Euch.

Studenten (rufen hinter der Szene.) Käthie!!

Käthie. I komm schon! (Sie stützt die Ellbogen auf Lutzens Tisch.) Im Leben hab i kan wirklichen Prinzen gesehen. Aber den Kaiser hab i gesehen in der Wienerstadt. Lieb hat er ausgeschaut.

Lutz (streng). Welchen Kaiser?

Käthie. Den Franzel. I bin nämli von Linz, von weit von dahier.

Rufe. Käthie!

Käthie. Ja! Ja! Ja!! – Hat er blaue Augen? Ist er groß? I kann's mi net vorstellen, wie er ausschauen wird.

Lutz. Aufdringliche Person!

Schölermann (springt auf, hastig). Se. Durchlaucht! (Man hört Wagenrollen.)

Lutz. Wo?!

Käthie. Marand Josef!!

Schölermann. Er kommt!

Lutz. Mal die Gläser da weg!

Käthie. Jessus die Schürzen! Bind mir doch einer die Schürzen ab! (Rennt an die Hausthür.) Der Prinz! Der Prinz!

Lutz. Treten Sie zur Seite, Schölermann, so, – Beide (stehen mit abgezogenen Hüten).

8. Szene.

Rüder, Frau Rüder, Frau Dörffel (herein).

Rüder. Wo? Wo?

Lutz. Zurück da! Zurück!

Käthie. Giebts mir mei Buschen! Jessas und das Gedichtel! Wie fangt's an?

Rüder. Wo ischt er?

Fr. Rüder. Wo ischt er?

Lutz (streng). Treten Sie zurück! (zu Käthie.) Treten Sie zur Seite!

(Pause, alle stehen erwartungsvoll.)

Käthie. Jetzt der da? Der links? – Hübsch ist er!

9. Szene.

Karl Heinrich. Der Doktor.

Doktor. Da ist Lutz.

Lutz. Ew. Durchlaucht – – –

Karl Heinrich (zieht den Hut, grüßt leicht alle. Er ist etwas befangen).

Doktor. Da der Neckar. Drüben, Durchlaucht, das Schloß. Das ist eine famose Aussicht.

Karl Heinrich. Sehr schön.

Lutz. Ew. Durchlaucht verzeihen, aber dieses Haus –

Doktor (schiebt Lutz bei Seite). Und das kleine Fräulein? (Lacht.) Ein Blumenstrauß –?

Käthie.

Dem Prinzen, der aus fernem Land,
Zu unserm lieben Neckarstrand
Gezogen kommt, dem bring' ich hier
Des Frühlings allerschönste Zier.
Zieh fröhlich ein in unser Haus,
Und gehst Du wieder einst hinaus,
Dann denke immer treu zurück,
An Heidelbergs Studentenglück. –

Bitt schön (knixt, giebt ihm den Strauß).

Karl Heinrich (befangen, etwas steif). Ich danke. (Nimmt den Strauß.)

Käthie. Bitt schön.

Doktor. Bravo! Das war ja reizend. Wie heißt denn das kleine Fräulein?

Käthie. (Knixt.) Käthie!

Karl Heinrich (immer noch befangen). Es war sehr liebenswürdig!

Lutz. Ew. Durchlaucht verzeihen. aber ich glaube, bemerken zu müssen, –

Doktor (schiebt ihn wieder bei Seite). Und das der Herr Wirth –?

Rüder. s' ischt die größte Ehre in Heidelberg – i bin der Josef Rüder, des ischt mei Frau, die Frau Rüder – wenn der Herr Prinz die hohe Ehre haben wollte und wollte die Schtube besehe – –

Karl Heinrich (nickt, will ihm folgen).

Lutz. Wollen Ew. Durchlaucht bemerken, daß dieses Haus für Ew. Durchlaucht in jeder Beziehung ein unmögliches Quartier ist.

Karl Heinrich (stutzt). Wie –?

Doktor (grob). Was heißt das?

Lutz. Die Zimmer, Ew. Durchlaucht, sind uralt, die Treppe stockfinster, das ganze Haus von einem derart desspektirlichen Exterieur –

Doktor. Das ist ja lächerlich.

Lutz. Wie?

Doktor. Das ist ja alles dummes Zeug. Paläste giebt's hier nicht. Gott sei Dank, nicht.

Käthie (ängstlich, halblaut). Er will net bleiben –?

Lutz (in starrer Beherrschung). Wollen Ew. Durchlaucht vor allem bemerken, daß sich unten im Hause eine Wirtschaft befindet. Ein Lokal, in dem Studenten und sonst allerhand Leute sich umhertreiben. Wollen Ew. Durchlaucht befehlen, daß für die ersten Tage im Hotel Wohnung genommen wird. Ich lasse die Koffer sofort hinüberschaffen.

Karl Heinrich (unsicher.) Wenn Sie meinen –

Käthie (tritt schüchtern, bittend einen Schritt vor.) Nein –!

Doktor (lächelnd). Se. Durchlaucht wird dieses schreckliche Haus selbst besichtigen und selbst entscheiden.

Karl Heinrich (rasch.) Ja. Rüder. Bitt schön – –

Die Musik setzt nebenan voll ein mit dem »Gaudeamus«, alle Studenten singen das Lied.

Karl Heinrich (stutzt, horcht). Was ist das?

Lutz. Ew. Durchlaucht, die Studenten. Der ganze Garten sitzt voll von diesen Leuten.

Karl Heinrich (hört schweigend den ganzen Vers, alle stehen erwartungsvoll, als ob sie auf seinen Entschluß warten. Als der zweite Vers jubelnd einsetzt, blickt Karl Heinrich um sich wie erwachend). – – Doktor?

Doktor. Ew. Durchlaucht –?

Karl Heinrich. Gehen wir hinein. (Ab. Von allen gefolgt.)

Doktor (allein. Er will mit, bleibt, horcht, setzt sich müde. – Er hört schweigend den zweiten Vers zu Ende singen.)

(Es ist Abend geworden, das Schloß liegt im Licht der Abendsonne, langsam kommt die Dämmerung.)

Doktor. Gaudeamus! – Die Lebensfreude! – – Und unsereins ist müde und caput. – – – Caput. – –

10. Szene.

Käthie (herein, huscht zu ihm). Bleibt er?

Doktor (lacht). Ich weiß es nicht.

Käthie. Er soll bleiben.

Doktor. Soll er? Dieses kleine Fräulein wird uns eine Flasche Wein bringen. Vom Badischen. Vom besten. Dann wird man diese Flasche Wein trinken und zu Rate gehen. Verstanden?

Käthie. Ja.

Doktor. Also vom besten!

Käthie. Vom allerbesten! (Läuft ab.)

Doktor (allein). Lieber Gott, ich bitte Dich noch einmal: laß einen alten, kranken Schulmeister im lieben Heidelberg noch einmal gesund werden! Ich will keinen Wein trinken, ich will kein Bier trinken, ich will den halben Tag spazieren laufen – – – daß man noch mal Mensch wird, lieber Gott! – – – Und müde ist man, – – müde!

11. Szene.

Karl Heinrich. Doktor – –?

Doktor (antwortet nicht, schläft).

Karl Heinrich (zu ihm). Doktor!

Doktor. Was – was ist?

Karl Heinrich. Doktor, wir bleiben.

Doktor. Wo –?

Karl Heinrich. Hier. (Rüttelt ihn.) Nur nicht wieder schlafen, Doktor! (Aufgeregt.) Denken Sie, der ganze Garten voll Studenten! Oben aus dem Fenster sieht man mitten dazwischen. Sie müssen das sehen, kommen Sie mit, gerade unter meinem Fenster.

Doktor (noch verschlafen). Ja, ja – –

Karl Heinrich. Da fließt der Neckar, und die ganze Mauer lang haben sie Lampions aufgehängt. Sie müssen das sehen, Doktor!

Doktor. Wir bleiben hier?

Karl Heinrich. Selbstverständlich.

Doktor (gähnt). Wenn man nur nicht so müde wäre von diesem Eisenbahnfahren.

Karl Heinrich. Sie haben ja die halbe Fahrt verschlafen, Doktor.

Doktor. Hab' ich das? Dieses Schlafen, das ist mein Unglück. Ich dürfte überhaupt nicht schlafen! – Aber was soll man machen, wenn einem die Augen zufallen! (Gähnt.)

Karl Heinrich (drängt). Nun kommen Sie. Wir wollten doch 'ne Bowle trinken. Wir wollten dort aufbleiben bis zum frühen Morgen. Nur heut nicht schlafen, Doktor. Das ist 'ne Nacht, in der man nicht schlafen darf!

Doktor. Wo bleibt denn das Mädel, das den Wein bringen sollte? Weißt Du noch, heute Nachmittag diese Mädels in Frankfurt! Das war 'ne Sorte! Rheinisch-Mainisch! Ne andere Rasse als bei uns! Mein lieber Junge, Du kennst die Mädchen noch nicht. Schadet auch nicht. Man lernt sie früh genug. (schließt die Augen).

Karl Heinrich (stößt ihn an). Doktor.

Doktor (fährt auf). Ja, ja. Kolleg. Selbstverständlich. Morgen früh schon. Wie sagte Se. Durchlaucht gestern: »Das Universitätsjahr soll für den Prinzen so aufgefaßt werden, daß dasselbe der wissenschaftlichen Ausbildung gehört und nicht dem Vergnügen.« Nicht Vergnügen, nicht Vergnügen –

Karl Heinrich (rüttelt ihn). Aber das geht doch nicht! Dieses Schlafen!

Doktor. Was denn? (Sieht sich groß um.) Ja, das ist der Neckar. Er kommt aus Schwaben, von Reutlingen, vom alten Götz. Guter Wein am Neckar Karl Heinrich, lieber Wein – – – – (Er schläft ein.)

Karl Heinrich (rüttelt ihn). Doktor! – – Doktor! – – (Trübe). – – – Wer drüben sein dürfte! Bei den anderen! Mittun!

12. Szene.

Käthie. 's wird bald Nacht. I bring die Lampe. Und da ist der Wein. Meiner Seele, er schläft.

Karl Heinrich. Ja.

Käthie. I werd ihm an Kissen holen.

Karl Heinrich. O, das ist nicht notwendig.

Käthie (schenkt ein). So. – Nu trinken's mal!

Karl Heinrich. Danke schön.

Käthie. Schmeckt's?

Karl Heinrich. Ja, danke.

(Kleine Pause.)

Käthie. 's ist warm heut.

Karl Heinrich. Ja.

Käthie. – – – – Waren's schon a mal in Heidelberg?

Karl Heinrich. Nein.

Käthie. Aber vielleicht in Tübingen?

Karl Heinrich. Auch nicht.

Käthie. – – – – Der Herr von Scheffel ist jetzt a in Heidelberg. Nächste Woche bringen's ihm an Fackelzug.

Karl Heinrich. So, so.

Käthie. Ja. – – (nach einer Pause zur Seite): 's ist halt an Prinz. Die san wohl immer an bissel langweilig. – – – – Der Wein schmeckt wohl net?

Karl Heinrich. Er ist sehr gut. (Trinkt.)

Käthie. Aber teuer ist er dies Jahr. – Für an Prinzen macht das freilich net viel aus.

Karl Heinrich. Wie meinen Sie?

Käthie. I sag. Für an Prinzen macht das freilich net viel aus, ob der Wein teuer ist.

Karl Heinrich. Ach so.

Käthie. – – – – Haben's noch andere Brüder?

Karl Heinrich. Ob ich was?

Käthie (etwas ungeduldig). Ob's noch andere Brüder haben, die a Prinzen sind?

Karl Heinrich. Nein.

Käthie. Aber Schwestern?

Karl Heinrich. Auch nicht.

Käthie (rasch). Aber zwei Eltern?

Karl Heinrich. Die sind tot.

Käthie. O wie schrecklich, wie schrecklich! – Ich habe nämlich auch keine Eltern mehr.

Karl Heinrich. Oh –

Käthie. Also der Herr Fürst in Karlsburg, das is net der Herr Papa –?

Karl Heinrich. Das ist mein Onkel.

Käthie. Der Herr Onkel – – (Pause.) I bin nämli a weit her, aus Oesterreich. Aber i möcht immer in Heidelberg bleiben, 's ist hier zu schön. (schenkt ein.) Trinken's doch.

Karl Heinrich. Danke schön.

Käthie. Das Gedichtel, das i hergesagt hab', war das schön?

Karl Heinrich (lacht). Ja. Es hat mir ausgezeichnet gefallen.

Käthie. Nein, es war net schön.

Karl Heinrich. Nicht?

Käthie. I hab's zuerst net auswendig lernen wollen, aber der Herr Onkel und die Frau Tante haben's gewollt. Wenn Sie nun anders ausgesehen hätten, als Sie hier 'nein kamen, da hätt i Ihnen den Buschen wohl geben, aber das Gedichtel hätt i net hergesagt.

Karl Heinrich (steht auf). Anders? Wie hätt ich denn anders aussehen sollen?

Käthie. Nun – so – i weiß net –

Karl Heinrich. Fräulein Käthie, wie hätt ich denn anders aussehen sollen? (Er zieht sie leise an sich.)

Käthie. Nein! Nicht!

Karl Heinrich. Käthie.

Käthie (macht sich los, fast böse). I will net, i will net! Denn, daß Sie's ein für alle Mal und glei heut wissen: i bin verlobt; schon bald ein Jahr.

Karl Heinrich (verdutzt, beschämt). Verzeihung – ich – ich – – verzeihen Sie – –

Käthie. – – Was man halt so verlobt nennt. – Mit dem Heirathen kann der Franzel noch warten. Er will schon, aber i nicht. – Finden's, daß i sehr österreichisch spreche?

Karl Heinrich (verdutzt). Oesterreichisch –?

Käthie. I hab's österreichische ganz verlernt, weil ich's net mag. Weil's der Franzel redet. Er ist nämlich a Wiener.

Karl Heinrich. So.

Käthie. Sie dachten wohl, er wohnt hier in Heidelberg?

Karl Heinrich (verdutzt). Ja das – das dachte ich.

Käthie. Noch nie ist der Franzel in seinem ganzen Leben aus der Wienerstadt herausgekommen. Außer nach Ungarn. Er ist so ein langweiliger Kerl. Wissen's was er ist? A Juckerhändler.

Karl Heinrich. Ein was?

Käthie. Für die Fiaker kauft er die Rosse, darin ist er sehr gescheit. Und viel Geld verdient er. Drei Häuser hat er in der Leopoldstadt. Letzthin hat er zwei Schimmeln aus Ungarn geholt, die dann (wichtig) der Nicky Esterhazy ihm abgekauft hat.

Karl Heinrich. Aber –

Käthie. Sehens das ist der Franzel. (Sie holt das Bild aus dem Mieder, indem sie sich abwendet.) Gelt, er ist fesch. (Karl Heinrich betrachtet das Bild über ihre Schulter.) Der Schnurrbart ist das beste, nit wahr?

Karl Heinrich. Hm.

Käthie. Und i nehm ihn doch nit.

Karl Heinrich. Nicht?

Käthie. Denn erstens, er könnt bald mein Vater sein, weil er zu Peter und Pauli dreißig wird, und zweitens, i geh nit nach Wien, i mag nit.

Karl Heinrich. Wirklich nicht?

Käthie. Es ist nämlich so, daß der Frau Tante Rüder ihr Bruder der Vater gewesen ist vom Franzel. Und meine Mutter selig war dem Franzel seinem Vater die Cousine. Wie i schon so klein war, hat's immer geheißen, i soll den Franzel heirathen. Nun zu vorigen Johannes hat er geschrieben, ob i will, und alle haben gesagt, ja, i soll. Da hab i ja gesagt, aber i hab gesagt, nit gleich, und erst will ich noch warten.

Karl Heinrich. Aha.

Käthie (seufzt). Denn schließlich heiraten muß jede, nit wahr? Und ewig in Heidelberg bleiben kann man doch auch nicht, gelt?

Karl Heinrich. Bewahre.

Käthie. Nun muß i gehen.

Karl Heinrich. Käthie! (Zieht sie an sich.)

Käthie. Nicht – –

Karl Heinrich. Süße Käthie. (Küßt sie leise).

Käthie (macht sich halb frei). Wie heißen denn Sie?

Karl Heinrich. Ich? Ich heiße Karl Heinrich.

Käthie. Zwei Namen?

Karl Heinrich. Ja.

Käthie. Karl Heinrich – – das klingt so seltsam – – so – so – (sie nimmt leise seine Hände) – Karl Heinrich (sie schrickt auf). Da kommt wer!

Karl Heinrich. Nicht fort!

Käthie. I komm wieder.

Karl Heinrich. Aber sicher!

Käthie. Sicher. (Ab.)

13. Szene.

Detlev (herein). (Dann) Kellermann.

Detlev. Füchse! Kellermann! Kinder, hängt da mal Lampions auf! Ist ja stockfinster. (Tastet nach vorn.) Hier bricht man sich den Hals. (Nimmt die Lampe und leuchtet Karl Heinrich ins Gesicht.) Wer ist denn das? Pardon!

Karl Heinrich (verlegen). Bitte. –

Detlev. Ich dachte, es wäre Kurt Engelbrecht, – pardon!

Karl Heinrich. Oh –

Detlev (leuchtet prüfend). Student, nicht wahr –? Erstes Semester, wie? Neu angekommen, was? Heute –?

Karl Heinrich. Allerdings.

Detlev (ruft). Kellermann! Bier her!

Kellermann. Jawoll, Herr Graf. (Bringt zwei Gläser Bier.)

Detlev. Es soll niemand mich stören. Ich will mein Bier in Ruhe trinken, hier, bei diesem jungen Herrn. (stellt sich vor.) Graf von Asterberg, Saxoniae. Lieber Freund, Sie hat ein Gott hierher geführt. (Leuchtet an den Doktor.) Wer ist denn das? Der alte Herr schläft. Wir wollen ihn schlafen lassen, was? (Lacht.)

Karl Heinrich (lacht verlegen mit).

Detlev. Alles, lieber Freund, kann der Mensch in Heidelberg vertragen, nur nicht das sogenannte Alleinsein. Denn wie heißt es im Liede: »Altheidelberg, du feine, du Stadt an Ehren reich, – am Neckar und am Rheine kein andre kommt dir gleich! Stadt fröhlicher Gesellen, an Weisheit schwer und Wein.« – Stimmt das?

Karl Heinrich. Ja.

Detlev. Ausdrücklich sagt also der Dichter: »Stadt fröhlicher Gesellen!« Und nicht etwa: »Stadt eines fröhlichen Gesellen.« Denn das wäre ein logischer Unsinn. Prost.

Karl Heinrich (stößt mit ihm an). Ihr Wohl.

Detlev (bemerkt erstaunt, daß Karl Heinrich sein Glas mit offenem Deckel auf den Tisch zurückgestellt hat. Er schlägt den Deckel zu). Einen einzigen Tag, lieber Freund, geht der Mensch in Heidelberg ohne Band und Mütze, das ist der erste. Denn was ist die Schönheit von Heidelberg? Band, Mütze, Freunde und eine gute Klinge, was?

Karl Heinrich (schwer atmend). Ja –.

Detlev. Ich erlaube mir den Rest aufs Spezielle. (ruft:) Kellermann!

Kellermann (bringt neue Gläser).

Karl Heinrich. Ihr Wohl.

Detlev. Der alte Herr schnarcht. Er hat einen guten, starken Ton. Wer ist denn das?

Karl Heinrich. Der Herr ist mein – e – mein Begleiter.

Detlev (leuchtet dem Doktor ins Gesicht). Er macht einen vertrauenerweckenden Eindruck. Ist er lustig? Was?

Karl Heinrich (lacht). O ja.

Detlev. Er soll Conkneipant werden, C. K., Sie verstehen?

Karl Heinrich. Nein, ich verstehe nicht.

Detlev. Das heißt Mitkneiper, ein Mann, der mitkneipt. Der nicht zum Corps gehört, der aber mitkneipt. Also, lieber Freund, es ist abgemacht. Saxonia sei's Panier!?

Karl Heinrich. Ich – ich kann nicht.

Detlev. Was! Kann nicht? Das sagt jeder, weil Euch Jungens das Geschwätz von alten Tanten und Frauenzimmern noch im Ohre klingt. Himmelschwerenot, wer zur alma mater kommt, ist sein eigner Herr!

Karl Heinrich. Ich – nicht –

Detlev. Mein lieber Junge. ich will Dir was sagen. Es ist ein Erfahrungssatz, daß der Mensch nicht allein sein kann. Ein Mensch ohne Freunde geht in die Brüche. Eine Zeitlang läuft die Karre ihren Weg, aber eines Tages giebt es einen Knacks. Ist aus.

Karl Heinrich. Ich bin – immer allein gewesen.

Detlev. Wieso?

Karl Heinrich. Ich war – immer allein.

Detlev. Mein Junge, ich verstehe das nicht. Wir kennen uns nicht. Mein Junge, ich gehöre nicht zu den Leuten, die durch Heidelberg laufen, um Füchse zu keilen, denn vom Dutzend gefällt mir kaum der Zwölfte. Gieb mir Deine Hand, mein Junge, Du kommst zu uns.

Karl Heinrich. Ich kann nicht.

(Die Musik spielt »Ergo bibamus«, die Studenten singen mit, das Lied klingt durch die Nacht aus einer ziemlichen Entfernung, gedämpft.)

Detlev. Halloh, das Lied! Komm mit. Du kennst das Lied?

Karl Heinrich. Nein.

Detlev. Natürlich nicht. Niemand kennt es. Das Lied ist vom alten Herrn von Goethe. Weißt Du, mein Junge, wo man die deutsche Poesie studiert? Bei uns! Auf den deutschen Hochschulen!

Was sollen wir sagen vom heutigen Tag?
Ich dächte nur: ergo bibamus!
Er ist nun einmal von besonderem Schlag,
Drum immer aufs neue – bibamus!
Er führet die Freunde durch's offene Thor,
Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor,
Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor,
Wir klingen und singen: bibamus!!«

Dein Wohl. mein Junge! God save the king! Auf die Freundschaft!

Karl Heinrich. Auf die Freundschaft!

Detlev (ruft mit Donnerstimme). Saxonia! Hierher! Alle! Kellermann! Füchse, mal 'ne Mütze her. (Nimmt einem die Mütze vom Kopf, setzt sie Karl Heinrich derb auf). So!

14. Szene.

(Alle Sachsen herein.)

Engelbrecht. Was ist los?

Detlev. Kinder, wir haben einen neuen Fuchs und nicht den schlechtesten.

Bilz. Wo?

Detlev. Das nennt man Füchse keilen, Karlchen, Nachts um die elfte Stunde, während Du saufst!

Bilz (giebt Karl Heinrich artig die Hand). Ich freue mich –

Detlev (rüttelt den Doktor). Und da noch einer! Der schläft. Ein Conkneipant, der ein höllischer Schnarcher ist.

Doktor (wacht auf). Was ist los?

Detlev. Also erlauben die Herren, daß ich sie bekannt mache. Herr – Herr – (denkt nach) Herrgott, nun habe ich den Namen vergessen.

Alle (warten einige Sekunden, eine verlegene Pause).

Detlev. Wie war doch der – – Name?

Karl Heinrich. Ich bin – der Erbprinz von Sachsen-Karlsburg –

(Alle baff.)

Detlev. Wa–s? Wer–? Donnerwetter!

Doktor. Was ist denn los?! Durchlaucht?! Die Mütze?! Was heißt das?!

Karl Heinrich. Lieber Doktor –

Doktor. Das ist Fastnachtsscherz?! Alles, Karl Heinz, aber das nicht! Karl Heinz. sie hängen mich in Karlsburg an den Galgen! Sie brechen mir das Genick!

15. Szene.

Käthie (herein).

Detlev. Hierher, Käthie! Die Käthie soll als die Allererste gratuliren. (stellt sie vor). Das, Käthie, ist Se. Durchlaucht der Erbprinz von Sachsen-Karlsburg.

Käthie (lacht fröhlich). O, i kenn' ihn! S' ist der Karl Heinrich!

Doktor. Der »was«?! (Außer sich).

Käthie (lacht). Der Karl Heinrich!

Doktor. Das ist zu viel, das ist – (außer sich). Was ist denn überhaupt los?!

(Die Musik hat das Mailied begonnen)

Detlev. Alter Herr, der Mai ist gekommen!

Doktor. Wer ist gekommen?

Karl Heinrich (Käthie an der Hand). Der Mai ist gekommen!

Alle (umringen den Doktor).

Doktor (außer sich). Ich kriege nie das Kreuz von Sachsen!


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