Wilhelm Meyer-Förster
Alt-Heidelberg
Wilhelm Meyer-Förster

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Erster Akt.

Vorsaal zu den Zimmern des Fürsten in Karlsburg. Ein düsterer Raum mit Gobelins, wie man ihn in sehr alten Fürstenschlössern findet. Mehrere Gruppen von Kavalieren unterhalten sich im Flüsterton. Die ganze Szene macht einen düstern, schweren Eindruck.

1. Szene.

v. Metzing (nervös). Das dauert heute endlos. – Wer ist drin?

v. Breitenberg. Exzellenz von Haugk.

v. Metzing. Was ist denn heute Abend? Nichts, wie? Gar nichts. Wie immer. – Ich bin furchtbar müde.

v. Breitenberg (phlegmatisch). Ja, ja. (Blickt auf.) Exzellenz.

2. Szene.

Staatsminister (kommt durch die Mitte).

v. Metzing. Exzellenz – (verneigt sich).

v. Breitenberg. Exzellenz – (verneigt sich).

Staatsminister (grüßt, – er winkt dem Lakai Glanz). Kommen Sie mal. Se. Hochfürstliche Durchlaucht empfangen soeben Se. Durchlaucht den Erbprinzen. Sobald Se. Durchlaucht der Erbprinz Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht Zimmer verlassen. teilen Sie Sr. Durchlaucht dem Erbprinzen mit, daß ich im höchsten Auftrage Se. Durchlaucht den Erbprinzen um eine kurze Unterredung bitten lasse, Sie rufen mich dann – Sie finden mich drüben.

Glanz. Sehr wohl, Exzellenz.

Staatsminister. Sie haben verstanden?

Glanz. Sehr wohl, Exzellenz.

Staatsminister (grüßt kalt die Cavaliere). Guten Morgen, meine Herren. (Will gehen.)

v. Metzing. Gestatten, Exzellenz, wenn man von einem Glückwunsch reden darf – Se. Durchlaucht der Erbprinz hat am gestrigen Vormittag das Reife-Examen für die Universität in einer so glänzenden Weise bestanden, – und, wenn man so sagen darf: gewissermaßen unter den Auspicien Ew. Exzellenz, – daß Ew. Exzellenz wohl ergebensten Glückwunsch gestatten.

v. Breitenberg. Ich bitte gleichfalls –

Staatsminister. Ja, es war ein – e – sehr gutes Examen, – jawohl.

v. Metzing. »Summa cum laude«, wie man hört?

Staatsminister. Jawohl, sehr – e – durchaus entsprechend – ja.

v. Metzing. Se. Durchlaucht wird nunmehr die Universität zu Heidelberg besuchen –

Staatsminister. Ganz recht, Se. Durchlaucht reist bereits morgen.

v. Metzing. Ah, das ist sehr interessant.

v. Breitenberg. Sehr –

Staatsminister. Guten Morgen, meine Herren. (Er geht ab.)

v. Metzing (zu Breitenberg). Wissen Sie, wer mitgeschickt wird? Nach Heidelberg?

v. Breitenberg. Hm?

v. Metzing. Der Doktor. Der Jüttner. Der Schulmeister. Der dicke Mensch.

v. Breitenberg. Na ja. Wer sollte denn sonst –?

v. Metzing. Wer? Mein lieber Breitenberg, ein Kavalier! Wenn Se. Durchlaucht die Hochschule bezieht, gewissermaßen zum ersten Mal in die Welt hinaustritt, so hat ihn kein Schulmeister zu begleiten, sondern ein Kavalier! Der mit exakter Sorgfalt jeden Schritt in der korrekt vorgeschriebenen Weise leitet. Das ist meine Ansicht!

v. Breitenberg. Na ja.

v. Metzing. Das ist meine Ansicht.

3. Szene.

Hofmarschall (durch die Mittelthür).

Hofmarschall. Ist der Kammerdiener Lutz da?

Schölermann. Nein, Exzellenz. Ich werde sofort –

Hofmarschall. Man soll ihn suchen. Der Kammerdiener Lutz wird zu Sr. Durchlaucht befohlen. Bitte rasch.

Schölermann. Zu Befehl, Exzellenz.

Hofmarschall (zurück in das Mittelzimmer, ab).

v. Metzing (halblaut). Weil hier alles nach der alten gleichgültigen Schablone gehandhabt wird. Dieser Schulmeister hat Sr. Durchlaucht Erziehung geleitet, ergo er geht auch mit nach Heidelberg; ein Mann, der von den einfachsten Regeln des wirklich vornehmen Tons keinen Begriff hat.

v. Breitenberg. Aber lieber Freund, regen Sie sich doch nicht auf!

v. Metzing. Wenn jemals die Erziehung eines Prinzen in einer eiskalten und gleichgültigen Weise gehandhabt ist, dann hier! Se. Durchlaucht hat sich um seines Neffen Erziehung einfach nie gekümmert.

v. Breitenberg (gähnt). Na ja, na ja. –

v. Metzing. Alles Schablone, nichts als Schablone.

4. Szene.

Schölermann und Lutz herein.

Lutz. Zu Sr. Durchlaucht –?

Schölermann. Bitte hier, Herr Lutz. –

v. Breitenberg. Da ist ja Lutz – –

Lutz. Herr Baron –?

v. Breitenberg. Ja. Durchlaucht wünscht Sie zu sprechen. Gehen Sie also.

Lutz (ab durch die Mitte).

5. Szene.

Hofmarschall (durch die Mittelthür).

Hofmarschall. Meine Herren, ich habe Ihnen die Mittheilung zu machen: Se. Durchlaucht empfängt heute nicht mehr. Dann, meine Herren, bitte ich folgendes zur Notiz zu nehmen (er nimmt ein Papier und liest vor): Morgen Vormittag 11 Uhr 10 Minuten erfolgt die Abreise Sr. Durchlaucht des Erbprinzen nach Heidelberg. Wenn es der Gesundheitszustand Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht gestattet, werden Se. Hochfürstliche Durchlaucht selbst am Bahnhofe anwesend sein. Die Herren vom Hofe erscheinen vollzählig. Die Herren im Straßenanzuge und die Herren Offiziere in Helm und Schärpe. Die entsprechende schriftliche Mittheilung wird den Herren noch zugehen. (verneigt sich kurz). Guten Morgen, meine Herren.

Die Kavaliere (verabschieden sich, ab rechts).

Die Lakaien (öffnen rasch die Thüren).

Hofmarschall. Herr v. Breitenberg, Sie wollen, bitte, mit hinüberkommen. (Ab mit ihm nach links.)

6. Szene.

Es bleiben die drei Lakaien, Schölermann, Glanz, Reuter.

Die Drei (stehen kurze Zeit bewegungslos. Dann hört man unten im Hof die Wache aufziehen).

(Pause.)

Glanz. Nun geht der kleine Prinz auch weg. Das war noch der einzige, der alle paar Jahre hier mal laut gelacht hat. Bis sie ihm das auch abgewöhnt haben.

Schölermann (bedrückt). Leise, leise!

Glanz. Da sitzt der Alte drinnen! Alle Fenster geschlossen. Das ist kein Schloß, das ist eine Festung.

Schölermann. Leise! (Fährt auf.) Herr Lutz!

7. Szene.

Lutz (durch die Mitte).

Lutz (in glänzender Laune). Die Herren alle fort? Schön. Sie sind reisefertig, Schölermann? Wie spät? Zwölf. Gut. Warten Sie. (Zu Glanz.) kommen Sie mal her, Glanz. Sie gehen hinauf und packen meine Koffer. Die Koffer Sr. Durchlaucht des Prinzen werden um 4 Uhr nach drüben geschafft. Ich werde selbst hinüber kommen. Alles etwas rasch, wenn ich bitten darf (nickt ihm, zu gehen).

Glanz (ab).

Lutz (zu Reuter). Ich speise heute bereits um Drei. Theilen Sie das dem Küchenchef mit. Ich wünsche ein ganz kleines, einfaches Menu. Mein Magen wäre nicht ganz in – e – Ordnung. Eine Flasche leichten Bordeaux.

Reuter. Sehr wohl, Herr Lutz. (Geht.)

Lutz (ruft ihm nach). Angewärmt.

Reuter. Sehr wohl, Herr Lutz. (Ab.)

Lutz. Also, lieber Schölermann, – zeigen Sie her, wie sehen Sie aus? Gut. Um Fünf geht Ihr Zug. Wann sind Sie in Heidelberg?

Schölermann. Morgen früh um Sieben, Herr Lutz.

Lutz. Schön. Sie sind mithin einen vollen Tag eher dort als wir. Sie werden dort die Wohnung, die der Fourier für Se. Durchlaucht gemiethet hat, – e – prüfen und das Nothwendigste für unsere Ankunft vorbereiten. Das ist ja klar. Exzellenz, der Herr Hofmarschall, hat die Sache ja ausführlich mit Ihnen besprochen.

Schölermann. Sehr wohl, Herr Lutz.

Lutz. Bon. Es handelt sich nun um meine persönlichen Wünsche. Ich habe zwei Zimmer nöthig, die nicht übertrieben groß und – e – wie soll ich sagen, übertrieben luxuriös eingerichtet zu sein brauchen, – denn das, mein Lieber, wird in einem solchen Universitätsnest bei einer für ein Jahr gemietheten Privatwohnung überhaupt schwer zu finden sein, – mein lieber Schölermann, es kommt mir vor allem auf die Behaglichkeit an. Ich muß Wohnräume haben, in denen ich mich wohlfühle. Dabei ist selbstverständlich darauf Rücksicht zu nehmen. daß für Se. Durchlaucht den Prinzen selbst eine Flucht von Zimmern reservirt bleibt, die das Beste darstellt, aber in jedem Falle, mein Lieber, wünsche auch ich so uutergebracht zu sein, daß ich Ihnen sagen kann: Schölermann, ich bin zufriedengestellt.

Schölermann. Gewiß, Herr Lutz, gewiß.

Lutz. Was die zwei Zimmer anbetrifft, die für diesen Herrn Dr. Jüttner als Erzieher, respective wissenschaftlichen Begleiter Sr. Durchlaucht anzuweisen sind, so – e – in dieser Hinsicht brauchen Sie sich keine Kopfschmerzen zu machen. Leute dieser Art sind für einen Prinzen nothwendig und müssen infolgedessen auch placirt werden. Aber damit auch basta! Die einfachsten Räumlichkeiten sind da immer noch gut genug.

Schölermann. Sehr wohl, Herr Lutz.

Lutz. Außerdem hat sich dieser Herr Dr. Jüttner in letzter Zeit bisweilen einen Ton erlaubt, speziell mir gegenüber, den man ihm abgewöhnen wird! Ein Mann meiner Position nimmt am Hofe zu Karlsburg eine Stellung ein, während dieser Herr Doctor – lieber Gott, ein Jahr noch, dann braucht man ihn nicht mehr. Dann fliegt er.

Schölermann. Gewiß.

Lutz. Ich ärgere mich über so was, ich rege mich auf. (Geht auf und ab, Pause.) – (Groß.) Also Se. Durchlaucht waren in einer Weise soeben gegen mich von einer Gnade – – wissen Sie, was Se. Hochfürstliche Durchlaucht soeben zu sagen geruhten. »Lutz, ich vertraue auf Sie!«

Schölermann. Außerordentlich!

Lutz. Se. Durchlaucht der Erbprinz ist in Sachen der großen Welt ein Kind. Ein harmloser junger Herr der von Menschen und Frauen usw. keine Ahnung hat. Der streng gehalten in den vier Wänden von Karlsburg aufgewachsen ist und nie hinausgekommen ist.

Schölermann. Sehr richtig, Herr Lutz.

Lutz. Deshalb geht nicht irgend ein beliebiger Lakai oder Diener, sondern gehe ich mit nach Heidelberg.

Schölermann. Wie – wie – wieso?

Lutz. Als der, welcher auch in diesem Heidelberg die kühle, klare, verstandsgemäße Vornehmheit des Hoflebens aufrecht erhält. Also Schölermann, reisen Sie. Sie geben Depesche nach Ihrer Ankunft. Sie sind am Zuge, wenn wir eintreten. Sie sorgen dafür, daß Wagen am Bahnhofe bereit sind usw.

Schölermann. Sehr wohl, Herr Lutz.

Lutz (gütig). Auf Wiedersehen in Heidelberg.

Schölermann (demüthig) Auf Wiedersehen. Herr Lutz.

8. Szene.

Doktor (herein, den Schölermann in der Thür trifft und ihm die Thür ehrerbietig öffnet. Der Doktor ist untersetzt, dick, kurzathmig. Ueber seiner Freude liegt ein trauriger Zug. Er ist ein halbgebrochener Mann, der keinesfalls possenhaft wirken darf).

Doktor. Der Prinz nicht da?

Schölermann. Se. Durchlaucht ist noch drinnen bei Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht. (Ab.)

Doktor (zu Lutz). Holen Sie mal ein Kursbuch.

Lutz (eisig). Ein – e – was?

Doktor. Wann ist der Zug morgen in Frankfurt? Wann genau kommen wir nach Heidelberg? Das muß Abends spät sein. Sehen Sie mal gleich nach.

Lutz. Wer? Ich?

Doktor. Das muß Abends ungefähr acht Uhr sein oder neun. (für sich) Herrgott, morgen Abend in Heidelberg! Morgen Abend in Heidelberg. Noch ein Tag und 'ne Nacht! (laut.) Das Kursbuch liegt in meinem Zimmer, rechts auf dem Tisch. Oder es liegt am Fenster auf dem großen, schwarzen Koffer.

Lutz (außer sich). Erlauben Sie –!

Doktor (redet zu sich, aber laut). Acht Jahre nicht herausgekommen, und morgen Abend ist man in Heidelberg! Lieber Gott, laß einen alten, kranken Schulmeister im lieben Heidelberg wieder Mensch werden. Na. Lutz, Sie werden sich wundern! Sie sind auch so ein Mensch, der Gottes Ewigkeit hier gesessen hat und nicht herausgekommen ist. Waren Sie mal in Heidelberg?

Lutz (eisig). Ich wüßte nicht, wieso.

Doktor. Also das Kursbuch, mal fix, mal fix!

Lutz (außer sich). Erlauben Sie, Herr Doktor!

Doktor. Was?

Lutz. Erlauben Sie, daß ich Ihnen mittheile, daß es nicht meine Aufgabe ist, in diesem Schlosse Botendienste zu leisten!

Doktor. Ach, das sind Dummheiten. Ich will das Kursbuch haben.

Lutz (zitternd vor Wuth). Dummheiten!?

Doktor. Ich will Ihnen mal was sagen, Lutz. Kommen Sie mir nicht auf der Reise oder gar in Heidelberg mit solchen Geschichten. Sie werden mitgenommen und haben zufrieden zu sein. Ich will mich heute nicht ärgern, ich bin dazu nicht in der Laune. Aber mit solchen Prätensionen kommen Sie mir nicht durch. Das war hier im Karlsburger Schloß Mode, aber in Heidelberg wird das nicht geduldet! Merken Sie sich das.

Lutz. Herr – Doktor!!

Doktor. Sscht. (für sich.) Man weiß gar nicht, was man noch alles zu besorgen hat. die Uhr vom Uhrmacher, die Wäsche von der Wäscherin, die Bücher einpacken – – Abschiedsbesuche, Abschiedsessen, Abschiedsbowle, Kinder Gottes, man wird wieder jung! (Immer eine unterdrückte, fast wehmüthige Freude.)

9. Szene.

Vorige. Staatsminister (von rechts). Ein Lakai (öffnet von außen die Thür.)

Lutz (verneigt sich).

Staatsminister. Se. Durchlaucht der Erbprinz ist noch bei Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht?

Lutz (verneigt sich). Jawohl, Exzellenz.

Staatsminister (geht einmal im Zimmer auf und ab ohne die beiden zu beachten, blickt auf, sieht Lutz, winkt ihm ab) Ich warte hier. Es ist gut. (Er setzt sich.)

Lutz (verneigt sich; ab).

Doktor (will gleichfalls gehen, verneigt sich). Exzellenz –

Staatsminister (sieht auf, als ob er ihn erst jetzt bemerke). Herr Doktor Jüttner, – ich hatte nicht gesehen –

Doktor. Ich habe die Ehre, Exzellenz – (will gehen).

Staatsminister. Bitte, bleiben Sie. – – Wollen Sie Platz nehmen. Herr Doktor Jüttner, ich habe im Allerhöchsten Auftrage noch verschiedene Dinge zu besprechen, ja. Die Reifeprüfung Sr. Durchlaucht des Erbprinzen hat gestern in Anwesenheit des Staatsministeriums stattgefunden, und Se. Durchlaucht hat, wie das ja auch nicht anders zu erwarten war, die Prüfung in einer außerordentlich ausgezeichneten Weise hinter sich – e – gebracht. Ja. Sie, Herr Doktor Jüttner, haben seit acht Jahren die wissenschaftliche Ausbildung Sr. Durchlaucht geleitet, und ich habe Ihnen die Mittheilung zu machen, daß aus Anlaß des so überaus glänzend bestandenen Examens Se. Hochfürstliche Durchlaucht Ihnen die Ernennung zum Regierungsrath hiermit zukommen läßt.

Doktor. Exzellenz – ich – ich bin überrascht..

Staatsminister. Sie erhalten damit, Herr Regierungsrath, diejenige gefestete Position, die Ihnen gesellschaftlich von nun an einen bestimmten, gesicherten Platz anweist. In diesem Sinne darf ich Ihnen meinen Glückwunsch aussprechen.

Doktor. Exzellenz, ich danke.

Staatsminister. Sie haben, Herr Regierungsrath, nunmehr ein Jahr voll ernster Verantwortung vor sich. Es ist neuerdings Sitte geworden, die Prinzen fürstlicher Häuser auf die Dauer eines Jahres an dem Studien-Plane einer Universität theil nehmen zu lassen, – ich weiß nicht, ob ich sagen soll: »leider«. Wenn Se. Hochfürstliche Durchlaucht dieser Gepflogenheit zu folgen und Se. Durchlaucht den Erbprinzen nach Heidelberg zu senden beschlossen hat, so geschieht das, Herr Regierungsrath, in der ausdrücklichen Absicht, nichts in dem Habitus der Erziehung auch in diesem Jahre zu ändern. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke.

Doktor (bitter). O ja, Exzellenz.

Staatsminister. Sie wollen, Herr Regierungsrath, heute Nachmittag um 5 Uhr im Ministerium mich noch einmal aufsuchen. um den spezifizirten Studienplan und den Plan, nach welchem das alltägliche Leben Sr. Durchlaucht in Heidelberg reguliert werden soll, entgegenzunehmen.

Doktor (steht auf, erregt). Einen Plan?

Staatsminister. Einen Plan, allerdings.

Doktor (sehr erregt). Das soll alles nach einem Plan –? – in Heidelberg nach einem Plan –?

Staatsminister (erstaunt, kalt). Allerdings. Allerdings, Herr Regierungsrath!

10. Szene.

Lakai (öffnet von innen die Mittelthür, ruft). Se. Durchlaucht der Erbprinz.

Staatsminister. Ah – (steht auf.)

Doktor (ebenso).

(Pause.)

11. Szene.

Karl Heinrich (erscheint, erst nach kurzer Pause, kommt herein).

Staatsminister (verneigt sich).

Karl Heinrich. Ah, Exzellenz. Guten Morgen, Excellenz. Guten Morgen, Herr Doktor. (etwas unsicher). Haben Excellenz auf mich gewartet –?

Staatsminister. Gestatten mir, Ew. Durchlaucht, meinen ergebensten Glückwunsch Ew. Durchlaucht zu einem glänzend bestandenen Examen auszusprechen.

Karl Heinrich. Ich danke, Exzellenz. Ja – und – e – (unsicher) wollen Exzellenz Platz nehmen –

Staatsminister. Ew. Durchlaucht wollen mir gestatten, kurz darauf hinzuweisen, welche Directiven Se. Hochfürstliche Durchlaucht für das Heidelberger Studienjahr aufgestellt zu sehen wünscht.

Karl Heinrich. Ich bitte.

Staatsminister. Se. Hochfürstliche Durchlaucht haben davon abgesehen. einen der Herren vom Hofe Ew. Durchlaucht als Begleiter und Kavalier mitzugeben. Und zwar deshalb, weil Se. Hochfürstliche Durchlaucht ausdrücklich wünscht, daß für die Dauer dieses ganzen Studienjahres die wissenschaftliche Ausbildung in derselben ernsten Weise wie bisher fortgeführt wird. Das Jahr soll für Ew. Durchlaucht so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen. sondern in strenger, gemessener Arbeit lediglich der wissenschaftlichen Ausbildung gehört.

Karl Heinrich (nickt).

Staatsminister. Wobei natürlich –

Doktor (sehr erregt). Gestatten Exzellenz die Bemerkung, daß – daß – daß – (sucht vergebens nach Worten.)

Staatsminister – wobei natürlich Ew. Durchlaucht nicht übersehen wollen, daß schon der Aufenthalt in einer schön gelegenen Stadt wie Heidelberg eine sozusagen Abwechselung bedeutet, die schließlich nicht zu unterschätzen ist. Ew. Durchlaucht haben dort Wald und Berg, die in freien Stunden manche Anregung bieten, und Ew. Durchlaucht künstlerisches Auge wird Gefallen finden an dem altberühmten Schloß, das seinen historischen Reiz hat als Residenz Sr. Majestät des Königs von Böhmen, der als Pfalzgraf nach der Schlacht am Weißen Berge dort Zuflucht suchte.

Karl Heinrich (nickt).

Staatsminister. Herr Regierungsrat Dr. Jüttner wird die Aufgabe haben –

Karl Heinrich. Regierungsrat? –

Staatsminister. Herr Regierungsrat Dr. Jüttner wird die Aufgabe haben, Ew. Durchlaucht in diesem neuen Leben ein ernster Führer zu sein (steht auf). Lassen Ew. Durchlaucht mich hoffen. daß es mir vergönnt sein möge. nach einem Jahre bei der Rückkehr Ew. Durchlaucht in Wohlbefinden begrüßen zu dürfen.

Karl Heinrich. Ich sehe Ew. Exzellenz noch?

Staatsminister. Ich darf Ew. Durchlaucht morgen Vormittag bei der Abreise das Geleit geben –?

Karl Heinrich. Ich bitte darum, Exzellenz.

Staatsminister (verabschiedet sich).

Karl Heinrich (geleitet ihn bis zur Tür).

12. Szene.

Karl Heinrich (und der) Doktor.

Doktor (läßt sich in einen Sessel fallen, stöhnt tief auf). Ach!!

Karl Heinrich. Regierungsrat?

Doktor. Ja. Und das Kreuz von Sachsen werde ich auch bekommen. Weiß Gott, was noch!!

Karl Heinrich. Doktor, was ist denn? Was giebt's denn?

Doktor. Ach, Karl Heinz, reise Du allein, ich gehe nicht mit. Ich hab's satt, ich tu's nicht mehr! Macht doch alle, was Ihr wollt, aber laßt mich aus dem Spiel! Acht Jahre hab ich's mitgemacht, ich tu's nicht mehr!

Karl Heinrich. Ja. was ist denn?

Doktor. Studienplan! Strenge, gemessene Arbeit! Nicht Vergnügen in Heidelberg. sondern ernste, wissenschaftliche Ausbildung! Mach's allein, Karl Heinz. aber ich nicht mit!! Ich nicht mit!!

Karl Heinrich. Nun wollen wir vernünftig reden, Doktor. Alter Doktor.

Doktor. Ja, alt! Das ist das richtige Wort! Ich war ein junger Kerl. als ich nach Karlsburg kam, und du ein Knirps (er deutet mit der Hand die Kleinheit an) – so. Weiß Gott, ich wäre nicht geblieben, Karl Heinz, wenn's nicht um deinetwillen gewesen wäre, sie haben dich eingemauert, Karl Heinz, ohne Licht, ohne Lust, ohne Freuden, bis zum heutigen Tage. Hundertmal hab' ich fortlaufen wollen, aber ich hab's nicht übers Herz gebracht.

Karl Heinrich. Ja.

Doktor. Eine Hoffnung hat man gehabt. Eine Freude: Heidelberg! Wir zwei da allein! Zwei Leute, die endlich Menschen werden! Und jetzt kommen sie mit Studienplan! Mit strenger, gemessener Arbeit! Mit was denn noch zum Kuckuck?

Karl Heinrich. Aber Doktor!

Doktor. Ja, ich bin still, ich werde schweigen! Ich werde kein Wort mehr sagen. Wie kein Mensch hier im Hause ein Wort sagen darf. Das Atmen hat man hier verlernt, erstickt ist man. Erstickt!

Karl Heinrich. Doktor, Sie lassen mich nicht allein.

Doktor (halblaut). Siehst du, dieses Heidelberg. Du kennst das nicht, du weißt gar nicht mal, was das heißt. Heidelberg! Das ist, als ob man Sekt trinkt, – oder Unsinn: nicht Sekt! Badischen Wein und Maiwein und dazu Mädels und tolle Jungen! Ich war da drei Jahre, Karl Heinz, aber ich will nicht mehr hin.

Karl Heinrich. Doch.

Doktor. Reise du allein, aber nimm keinen Regierungsrat mit. Regierungsräte mit Studienplänen in Heidelberg, – das ist so – es gibt gar keinen Vergleich dafür. Es ist albern. das ist das einzige richtige Wort.

Karl Heinrich. Doktor, kommen Sie mit, wir trinken ein Glas Wein, Sie müssen auf andere Gedanken kommen, lieber Doktor.

Doktor. Nein, nein! Keinen Wein! Keinen Alkohol. Ueberhaupt. was soll ein Mensch in Heidelberg, der keinen Wein mehr trinken darf? Der an Herzverfettung leidet. Sie haben mich in diesem Schlosse zu Tode gemästet! Essen und Trinken, das war die einzige Unterhaltung. Nie Bewegung, ewig Aerger. Acht Jahre, in denen man sich nicht hat bewegen dürfen.

Karl Heinrich. Das wird in Heidelberg anders, Doktor. In Heidelberg werden Sie wieder gesund, Doktor.

Doktor (setzt sich). Es ist schon alles gut so. Was brauche ich nach Heidelberg! Ein Mensch wie ich muß nach Karlsbad. Spazieren gehen mit dem Regenschirm und sein Geld als ehrsamer Philister für die Gesundheit verbrauchen. Heidelberg, mein Lieber, ist keine Stadt für alte Stümper!

Karl Heinrich. Doktor, lassen Sie mich nicht im Stich. Was soll ich denn anfangen, Doktor?

Doktor (weich). Gib mir deine Hand. So hat er so oft gebettelt, der Junge, immer wenn was nicht in Ordnung war. Und wer hat immer nachgegeben? Der hier! Ja, ja, Karl Heinz, ich thu's schon. Ich komme schon mit. Es geht ja nicht anders. Du sollst nicht sagen, Karl Heinz. wenn du einmal alt geworden bist und an alles zurückdenkst, – sollst nicht sagen: dieser verfluchte Doktor hat mir den Streich gespielt, hat mich ums Beste betrogen, um das beste Jahr, um die Jugend!

Karl Heinrich (faßt ihn an beide Schultern, rüttelt ihn; glücklich). Der Doktor kommt mit! Der alte Doktor kommt mit!

Doktor. Und hol's der Teufel, Karl Heinz, jung will ich noch 'mal werden! (Glücklich, aber doch nur halblaut, wie einer, der nur noch halb an das Glück glaubt.) Morgen mittag in der Eisenbahn, wir zwei allein! Eisenach, Frankfurt, Darmstadt, Heidelberg! Der Main und der Neckar!

Karl Heinrich (schüttelt ihn). Der alte Doktor kommt mit!!!

(Man hört unten im Hofe einen kurzen Trommelwirbel.)

Doktor. Jedesmal erschrickt man! Dieses verfluchte Getrommel! Ja trommelt nur, trommelt nur, aber für andere Leute! Für uns zwei wird nicht mehr getrommelt!

Karl Heinrich (lacht).

Doktor. Du weißt ja gar nicht, wie's aussieht draußen! Du hast ja keine Ahnung. Du kennst ja nur Kammerherren und Lakaien, Karl Heinz. Du hast ja nie was gesehen!

Karl Heinrich. Nicht übertreiben, Doktor!

Doktor. Laß mich ausreden, zum Kukuk noch 'mal! Ich sage Dir, Du hast nichts gesehen! Keine Menschen, keine Burschen, keine Mädels, – wenn auch just das vielleicht nicht die Hauptsache ist, – – Du bist ja noch nicht einmal allein über eine Straße gegangen.

Karl Heinrich. Darauf kommt's schließlich nicht an.

Doktor. Ja, mein Junge, darauf kommt's an. Nur darauf, daß jemand allein über die Straße geht und gehen darf. Komm' mit. (Will gehen, hält noch einmal an, glücklich beide Hände auf Karl Heinrichs Schultern legend.) O mein lieber Karl Heinz, Du sollst Augen machen! Heidelberg! Du sollst Augen machen!


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