Kurt Martens
Roman aus der Décadence
Kurt Martens

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IV.

Seit jener Nacht verfolgte mich der religiöse Taumel unablässig. Fromme Gemüter hätten glauben können, Gott habe mich auserwählt, mir seine heiligen Gnaden aufzudrängen, so überrumpelten und knechteten Gefühle des Glaubens und der Aufopferung meine nachgiebige Vernunft. Verhöhnt von einer Welt, die über die letzten, drohenden Dinge unlösbare Rätsel aufgibt, bedrückt von einer Zeit, die niedrig und brutal weder zum Handeln noch zum Genießen lockt, in einem Kreuzfeuer kommender, schwindender Lehren und Forderungen, so hieß ich jede Macht willkommen, die meine zwecklose Urteilskraft, mein lästiges Denken, meinen Trieb zum Genusse mir zu zerstören versprach.

Nicht die lutherische Konfession meiner Kindheit war es, von der ich das erhoffte. Die hatte niemals auf mich gewirkt. Ihrem Rationalismus und ihren eigennützigen Anfängen hatte ich stets mißtraut. Vielleicht konnte sie in pietistischer Gestalt befriedigen. Doch auch der Pietismus steht bei aller Innerlichkeit auf schwachen Füßen. Ohne Norm, ohne Autorität ist er von Kindern für Kinder erfunden.

102 Aber die Kirche Petri, die ehrwürdige, übermächtige Zwingburg, von Christus selbst auf dem Felsen gegründet, mit einer Vergangenheit ohnegleichen, mit einer Gewalt ohnegleichen, einer Gewalt, zu herrschen, zu strafen, zu trösten und zu lieben, diese Kirche, die greifbar und lebendig ist wie eine Persönlichkeit, die hatte es mir angetan. Der brauchte ich nur zu winken, so nahm sie mich auf mit ihren starken, weichen Armen, lehrte und schützte mich. Und ich brauchte um nichts mich zu zermartern, brauchte nicht protestantisch zu »forschen«, brauchte nur zu gehorchen, meinen kraftlosen Willen zum Glauben zu zwingen, unter die Gnaden mich zu beugen und in Erfüllung milder Pflichten auf das Ende, das nun Lohn bedeutete, zu warten.

Die hohen ästhetischen Werte, die den katholischen Glauben vor allem auszeichnen, hatten mich von jeher für ihn eingenommen, aber nicht sowohl die äußeren Formen und Gebräuche mit ihren Effekten für Auge und Ohr als vielmehr diejenige Schönheit, die wir jetzt überall vergeblich suchen, die huldvolle Würde und das stolze Gleichmaß der Macht gewordenen Ideen. So überwältigend in seiner einheitlichen Größe, in seiner Unbesiegbarkeit stand dieser Glaube vor mir, daß ich auf Untersuchung seiner Wahrheit gern verzichten mochte und leicht blindlings das anzunehmen bereit war, was er als Wahrheit anbefahl. Auch den 103 Grundgedanken jeder eigentlichen Religion, den der Askese, der Selbstentäußerung aus Abscheu vor der materiellen Welt, fand ich nur in der römischen Kirche folgerichtig durchgeführt; sie allein bietet der vom Denken geschändeten Psyche eine Heimat abseits von der Wirklichkeit.

Das waren die Vorstellungen meiner einsamen Stunden. Die Hoffnung, daß ich doch noch den Ausweg aus diesem unerträglichen Überdrusse finden würde, war mir bessere Erholung als der Schlaf voll unruhiger Träume. Nur heraus, heraus aus diesem fragwürdigen Leben, dessen Zwecke die unabhängige Kritik bis auf den letzten Rest zerfasert und vernichtet hat! Heraus selbst aus dieser Kritik! Den leeren Raum der Skepsis mit irgend etwas füllen, mit Taten oder mit dem Tode, mit Lügen oder auch mit Religion! – Und mit Religion füllt er sich immer noch am leichtesten.

Sooft ich von dem arbeitsamen Müßigange meiner Berufsgeschäfte kam, vergaß ich alles, was mit der verhaßten Wirklichkeit zusammenhing, und wühlte meine Phantasie in jenen Kreis von Vorstellungen, der sie zu überwinden strebt. Ich las die kanonischen Schriften und die heiligen Symbole, die Martyrakten, die Liturgien und die Tradition der Kirchenväter, vor allem aber die »Nachfolge Christi« des St. Thomas a Kempis, an dessen ekstatischer Andacht selbst die Herzen der 104 Gottesleugner noch zu überirdischen Leidenschaften sich entzünden. Und oft verließ dabei meine Betrachtung das Buch und spann, sich selber unbewußt, aus eigener Seele die Gebete weiter, die bereits gläubig waren wie von einem Bekehrten.

Doch war es meist nur abends, daß ich meiner Müdigkeit derart erlag. Erst mußte ich wieder zwölf Stunden lang des Tages Lärm und Nichtigkeit erfahren haben, ehe ich mit abgespannten Nerven vor ihm flüchten konnte.

Die Morgen indessen weckten mich noch immer zu Lust und Mut auf allerhand kleine Freuden oder sogar auf Wandlung in mir selbst. Der Schlaf, der anstatt Vergessenheit zu bringen, mich in wüsten Träumen das Leben weiterführen ließ, vermochte den Körper doch so weit zu stärken, daß der physische Wille zum Dasein ungebrochen blieb. Mein Körper, dessen Frische ich mit peinlicher Sorgfalt überwachte, wurde mit Fechten, Turnen, Schwimmen scharf trainiert, damit er wenigstens bewahrt bliebe vor Schlaffheit und Verfall. Deshalb erhob ich mich stets in aller Frühe und brachte mit Bädern und Massage die erste Tageszeit gar nicht so übel hin.

Dann kamen die Zeitungen, mit Ungeduld von mir erwartet; denn immer hoffte ich, endlich einmal etwas Großes, Unerhörtes darin zu finden, das wert erschiene, sich darüber zu ereifern, dafür einzutreten, aber 105 immer vergebens. Immer noch der aufgewärmte Kohl der letzten zwanzig Jahre, wie er sich durch Parlamentsverhandlungen und durch Leitartikel träge hinschleppt. Alle schrien sie mir ihre Meinung zu gleicher Zeit ins Ohr, das ich jedem gerne lieh, immer bereit zu lernen und mich mit ihnen zu erregen. Nur stand mein Herz leider auf Seite derer, die mich am wenigsten überzeugen konnten, auf Seite der Ultras, der Junker und der Sozialisten. Das Wenige, das sie positiv verlangten, hatte einen schönen Klang, einen unglaublich schönen Klang; die Mittelpartien aber, die das Mittelmäßig-Mögliche sich gerade noch mit Not ertrotzen konnten, waren mir zuwider wie das Bürgertum, das sie vertraten.

Dagegen las ich einen Abschnitt immer mit eifriger, gewissermaßen schamhafter Affenliebe: die Hofberichte. – Gewiß, sie sind langweilig; das, was sie erzählen, ist nichtssagend und abgeschmackt; ihre offiziell trockenen Redensarten kennt man auswendig. Für mich aber waren sie gar keine Berichte, sondern nicht mehr und nicht weniger als Kundgebungen einer edlen, vielversprechenden Realität, und sie erfreuten mich wie ein bedeutungsvoller Gruß. Was Monarchen einstmals waren, stand zwischen den Zeilen; und was sie wieder werden könnten, wenn einer die rücksichtslose Angriffslust besäße, das träumte ich hinein. Denn auch beim 106 Anblick alter Mauerreste kann man noch von den Burgen träumen, die da standen und wieder erstehen könnten. Ja, wenn einer die Lust besäße und den Mut zur Tyrannis und auch die Majestät der Geisteskräfte, die den revolutionären deutschen Königen immer eigen war, Heinrich dem Sechsten oder dem großen Friedrich von Hohenzollern! Wenn es noch möglich wäre, daß ein kaiserlicher Tyrann Feindschaft säte zwischen sich und den Parvenüs vom dritten Stande, die jetzt lüstern nach Herrschaft sind, wenn er an der Spitze des Adels oder meinetwegen auch des Proletariats, wenn er sie als Soldatenkaiser doch zerschmetterte, diese Herren Abgeordneten und Stadtverordneten, es müßte wahrlich eine Lust sein, ihre breiten Schädel samt den Zipfelmützen mit der Waffe zu bedrohen! Da würde manche gute Kraft sich gerne regen, die man verdorben glaubte, weil auch von ihr der allgemeine Sumpfgeruch ausströmte. »Wo aber würde die Kraft der »Patrioten« bleiben . . .?«

So etwa sahen meine unmaßgeblichen Morgenphantasien aus. Es waren keine Wünsche, geschweige denn Pläne, sondern nur das müßige Gedankenspiel eines resignierten Zeitungslesers.

Einmal aber, in den letzten Tagen des Februars kam noch ein auserlesener Morgen; ich durfte ein kleines, holdes Abenteuer genießen, das um so reicher sich 107 entwickelte, als es mir zu gelegener Zeit und Stimmung kam. Es war ein Sonntag, und ich hatte mich gewöhnt, die Sonn- und Feiertage durch Versenkung in das sonnige Heidentum festlich zu begehen. Diesmal hatte ich, schon am Abend zuvor die Alexandrinischen Idylliker, den »Blumen singenden, Honig lallenden« Theokrit und seine Nachfolger Bios und Moschos zur Hand genommen, um die Gefilde der seligen Hirten mit ihnen zu durchwandeln, den schönen Daphnis zu lieben und die Nymphe Amaryllis zu suchen; auch Erzählungen der Historiker Diodor und Justinus aus der sizilischen Urgeschichte las ich und betrachtete dazu reproduzierte Bilder von Meistern unserer Zeit, die sich auf den keuschen Zauber jener Mythen so zart verstehen, Zeichnungen von Klinger zu den »Ovidischen Opfern« und Ludwig von Hofmanns weiches Pastell »Daphnis und Chloe«.

Mit Eindrücken derart schuf ich mir leicht einen luftigen Garten, in dem ich selbstvergessen unter den glücklichsten Menschenkindern lebte:

»Singe ich denn Amaryllis ein Lied! Am Abhang des Berges
weiden die Ziegen indes, und Tityros treibt mir die Herde. –
Nymphe mit lieblichem Blick, ölglänzende, du mit den schwarzen
Augenbraun! O, nah' deinem Hirten doch, neige die Lippen!
Auch in dem nichtigen Kuß ist unaussprechliche Wollust!«

In der Sehnsucht nach Amaryllis schlief ich ein, und Amaryllis besuchte mich im Traume. Die fremd duftenden Blumen vom Ätna und das Getön der Syrinx 108 waren um mich die ganze Nacht und störten mir oft den leichten Schlaf, von dem ich frisch und doch noch ganz verträumt erwachte. Sorgfältig sammelte ich die erlebten Phantome, malte sie weiter aus und spielte mit Schäfer und Schäferin wie ein kindischer Junge mit seinen Marionetten.

Draußen fiel, wie ich bemerkte, ein naßkalter Nebel – deshalb ließ ich die Jalousien des Zimmers geschlossen und zündete die Lampen an. Über das seidene Feiertagshemd warf ich den Schlafrock, ein wunderbar molliges und, ich darf wohl sagen, kostbares Gewand. Also erwartete ich nach genossener Toilette die Sensationen der nächsten Stunden in seltener Behaglichkeit. Und sie kamen in seltener Fülle.

Es klingelt. Die Haushälterin öffnet und ruft, da sie auch das geringste Ereignis mir zu melden hat, durch eine Spalte meiner Tür:

»Eine Bettlerin.«

»Lassen Sie eintreten!« antwortete ich. Denn mein Herz ist der Wohltätigkeit geneigt.

»Wie meinen Sie, Herr Referendar?« fragte sie verblüfft.

»Sie sollen das Weib hereinführen. Ich wünsche ihr wohlzutun.«

Kopfschüttelnd verschwindet meine Alte und führt das Weib, wie befohlen, herein.

109 Aber welch ein Weib! Ein blutjunges Mädel, eine Mignon, trotz ihrer schmutzigen Lumpen so zierlich und reizvoll, daß sie fast verkleidet erschien wie eine Schauspielprinzessin. Und doch war sie als Kind der Armut unverkennbar: ihr kleiner, magerer Körper fiel vor Schwäche ganz in sich zusammen, und aus dem abgezehrten Köpfchen blickten mich die Augen verängstigt von der Seite an. O, die Augen waren das Allerschönste an ihr, große, klare Lichter mit samtner Iris und langen, schwarzen Wimpern, ganz anders als die von Alice, ernster und tiefer.

»Nun, du armes Kleinchen,« fragte ich sie, »was verlangst du denn von mir? Willst du Suppe, willst du Kleider, oder bist du mit Gold zufrieden?«

Natürlich schwieg sie und drehte verlegen ihre zerrissene Schürze.

»Bist du hungrig? Willst du zu essen haben?«

Sie nickte.

»Schön; aber was denn gleich? Trinkst du Schokolade gern?«

Jetzt dachte sie, ich wollte vielleicht schlechte Scherze mit ihr treiben, und machte eine rasche Bewegung nach der Tür, wie zur Flucht, blieb aber doch noch zweifelnd stehen.

»Nein, du,« rief ich ihr zu, »ich meine es ganz ernst. Du sollst hier wirklich kriegen, was du willst.«

110 Sie zögerte immer noch, schien aber beruhigt.

»Siehst du, heute morgen bin ich besonders gut gelaunt; da habe ich ausnahmsweise alle Menschen lieb und ganz besonders solche arme hübsche Mädelchen wie dich.«

Nun guckte sie mich prüfend von unten herauf so an, ob ich denn wirklich nicht bösartig wäre, und mit sicherem weiblichen Instinkt erkannte sie, daß sie mir wirklich außerordentlich gefiel; von einem süß-verschmitzten Lächeln wurden ihre Züge endlich hell.

»Also willst du Schokolade haben mit Kuchen dazu?«

»Ja,« sagte sie und nickte nun ziemlich energisch.

»Aber du mußt sie hier an meinem Tische trinken, damit ich mich freuen kann, wenn dir's schmeckt!«

Darauf wieder ein prüfender Blick, ein Erröten, sogar ein freundliches Lächeln.

Dann aber mußte sie an ihre Lumpen denken; denn sie strich verlegen den Rock entlang und drehte sich hin und her.

Ich gab ihr recht; die Lumpen gehörten nicht unbedingt dazu, auch war ein Bad empfehlenswert. Gewänder der verschiedensten Art hatte ich vorrätig; ein Bad aber wagte ich kaum vorzuschlagen. Indessen ging sie sofort bereitwilligst auch darauf ein. Sie schien die Gelegenheit sogar dankbar zu begrüßen.

111 So ließ ich ihr denn von meiner Schaffnerin das Bad bereiten, bestellte Schokolade und Kourabièdes und gebot, den Gast mit ausgesuchter Güte zu behandeln. Meine brave Alte sträubte sich auch keineswegs. Sie war in den fünf Jahren unseres Zusammenlebens schon Schlimmeres von mir gewöhnt, ohne daß sie es je für nützlich befunden hätte, den seltsamen Diensten zu widerstreben oder auch nur das Schweigen darüber zu brechen, das ich ihr mit gutem Lohn vergalt. In manchen Dingen dämmerte ihr schließlich eine Art Verständnis, das sie mir dann stolz zu beweisen suchte. Diesmal mochte sie wohl an ein schlau vorbereitetes Rendezvous denken. Auf leisen Sohlen schlich sie umher und benahm sich gegen die arme Kleine geradezu ehrfurchtsvoll.

Flüsternd fragte sie mich, ob die Dame das »Bäblon« kriegen solle, ein griechisches Frauengewand, das schon öfters Verwendung bei mir gefunden hatte. Ihre Ahnung war richtig gewesen. Ich hatte tatsächlich an das Peplon gedacht. –

Als meine junge Freundin wieder eintrat, war sie, vom Staube ihrer Bettlerschaft befreit, entzückend anzuschauen. Vom Hals bis an die Knöchel fiel ihr die weiße Wolle mit dem Purpursaume gar züchtig in langen Falten, über der Schulter mit altsilbernen Spangen, an den Hüften mit Gürtel gerafft. Dazu 112 hatte sie sich das dunkle Haar zu einem Knoten locker und natürlich aufgesteckt.

Eine törichte Maskerade blieb es bei alledem; das mußte ich mir wohl oder übel eingestehen. Kannte ich doch die ausgeklügelten Narrensprünge meiner Laune; der Aufwand, den sie trieb, stand zur Befriedigung selten im rechten Verhältnis. Mein Verstand liebte das zu bespötteln, diesmal glücklicherweise ohne Erfolg. Die Eindrücke kamen, der Analyse zum Trotz, kräftig und ungezwungen; ich hatte meine Freude dran.

Nicht zum wenigsten lag das an der Art, wie das Erlebnis auf meine Bettlerin wirkte. Ich konnte beobachten, daß ihr zaghaftes Seelchen darunter zusammenschauerte, wie unter einer Andeutung zukünftiger Herrlichkeiten. Das Befangene ihrer Haltung war verschwunden, war um so tiefer ins Innere zurückgekrochen und saß dort fest voll scheuer Spannung. Sie hatte im Bad ihre Gedanken notdürftig sammeln können; es mußte ihr klar geworden sein, daß ihre Lage ebenso gefahrlos wie vielversprechend sei. Daher das Sichere, Abwartende ihrer Bewegungen, der leichte Herzschlag und die strahlenden Augen verhaltener Fröhlichkeit.

Zunächst versuchte ich nun, ihr Nationale soweit wie möglich festzustellen, weil sich der rechte Ton geselligen Verkehrs dann leichter finden läßt. Den Namen wollte ich nicht erfahren; der war gewiß gewöhnlich und hätte 113 nur gestört. Ich taufte sie statt dessen »Amaryllis«, womit sie lächelnd einverstanden war. Sie fand auch, daß dies schön nach Blumen klänge. Die Worte gingen ihr jetzt leichter vonstatten; hell fielen sie, tropfenweise wie Perlen, von den gespitzten Lippen.

Sie lebte bei ihrer Mutter, die sich Geld verdiente; womit, war unbekannt. Früher einmal war sie mit ihr »auf der Walze« gewesen und auf den Jahrmärkten. Ungefragt erzählte sie mir, daß Mutter im Schwindeln und Taschensuchen groß gewesen wäre, das hätte sie selbst auch lernen müssen. Aber der Landgendarm hätte Muttern gefaßt. Wie sie das sah, wäre sie davongelaufen mit ihren flinken Beinen. Hei, da mußte sie heute noch lachen! Aber schließlich hatte man sie doch aufgelesen und in ein Heim für verwahrloste Mädchen gebracht. Dort war sie geblieben, bis Mutter frei kam, und nun ging sie betteln, bis sich was anderes fände.

»Wie alt sie denn sei?«

»Das weiß ich nicht.«

»Aber ein Kind bist du noch?«

»Nein, bin ich nicht mehr; schon lange nicht!«

»Dann hast du wohl schon einen Liebsten gehabt?«

»Ja, einen Handwerksburschen aus Elberfeld.«

»Und wen dann weiter?«

»Dann noch einen; aber der war nur so.«

Das warf sie mit dünnem verschleierten Stimmchen 114 so nachlässig hin, als wäre es noch gar nichts, und alles Wichtige sollte später erst kommen.

Ihr Frühstück nahm sie mit niedlicher Grandezza ein, ganz als Dame, die gefällige Manieren für sich selbst erfindet. Die antike Tasse ergriff sie an den beiden Henkeln und schlürfte mit zurückgebeugtem Kopf sehr langsam und sehr anmutig ihre Schokolade.

Die Finger, die sie mit gezierter Anmut spreizte, waren merkwürdig klein und zart, von Arbeit nicht geschändet. Wenn ich sie auf Durchsuchung meiner Taschen einst hätte ertappen können, so hätte ich sie gern mit Reverenz geküßt. –

Auf den Thronsessel meiner Geliebten hieß ich Amaryllis, die Bettlerin, niedersitzen. War sie nicht würdiger, Königin zu heißen? War ihre Schönheit nicht bestrickender, ihre Zukunft freier und stolzer an Verheißungen?

»Warum kniest du vor mir?« fragte sie mich.

»Weil ich dir dienen will für diesen Tag.«

»Warum willst du das? Warum tust du das alles?«

»Weil du mir fremd bist, Amaryllis. Ich kenne genug ehrbare Damen und auch genug gemeine Dirnen. Ich kenne sie zu genau. Darum stehen sie unter mir. Aber du bist ganz fremd für mich. Du bist schön und du bettelst. Ein Kind – ein verbrecherisches Kind, nicht wahr?«

115 »Viel ist es nicht, was ich verbrochen habe,« meinte sie und zuckte die Achseln.

»Nein, aber später, später sollst du eine große Verbrecherin werden.«

Sie lachte ungläubig, ein glockenhelles Kinderlachen.

»Siehst du, Amaryllis, ich bin reich, für deine Begriffe wenigstens. Ich habe alles durchprobiert, was einem so Vergnügen machen kann. Nun bin ich dieser Dinge überdrüssig und langweile mich. Und wenn zufällig etwas Neues mir begegnet, so etwas wie du, so freue ich mich daran. Ich nehme es wie eine seltene Blume, die ich in eine Vase stelle, bis sie welk ist. Kannst du das nicht verstehen?«

»O ja, ich glaube,« sagte sie mit schelmischem Ernst.

Wie ähnlich konnte sie doch meiner Freundin Alice sein, in der Ausdrucksweise besonders und ihrer kindlichen Koketterie! Und doch, mit welch sieghaften Mitteln war sie der Geliebten überlegen, an der ich gleichwohl so schwerfällig hängenblieb.

Ein unbeschreiblicher Zauber lag über diesem Kinde der Niedrigkeit. Mit meiner nüchternsten Beobachtung war es unmöglich, den zu erklären. Er ging wohl vor allem von den Augen aus, die nach innen gerichtet schienen und alle Dinge der Außenwelt dabei nur flüchtig streiften. Wenn die Hände, die unverhältnismäßig klein waren und zart gefesselt, sich bewegten, so 116 bildeten sie steife, bizarre Linien mit Ecken und Kanten, wie man das wohl auf byzantinischen Gemälden findet. Es schien, als wollte diese Gemessenheit unruhige Absichten und erwachende Gluten verstecken. Zog ich dann noch die breiten Backenknochen und die schmalen, aufgeworfenen, blutroten Lippen in Betracht, so hatte ich den Typus der Salome vor mir, den der Dichter Wilde und der Maler Moreau als Sinnbild vampirischer Liebe erfunden haben.

»Jetzt sollst du über mich befehlen, Königin Amaryllis. Überlege dir, was du für Wünsche hast.«

»Daß ich noch nicht fort brauche von dir.«

»Nein, davon ist noch lange nicht die Rede. Vor allem sollst du nachher das Festmahl mit mir feiern, aber andere Wünsche will ich hören. Gibt es gar nichts, was du gern einmal haben möchtest?«

Sie dachte eine Weile nach und sagte dann zögernd:

»Etwas wüßte ich schon; das liebe ich sehr –: Gold!«

Ihre kleinen verbrecherischen Finger zuckten vor Erregung, wie sie das sprach, und krampften sich dann auseinander, als wollten sie schon nach dem Golde tasten.

Ach, wie sie mich in diesem Augenblicke ganz bezwang!

»Das sollst du haben!« rief ich und holte mit Freuden aus altem, seidenem Futteral einen Halsschmuck, eine Kette von getriebenem Golde, die noch von meiner längst verblichenen Großmama herstammte und in der 117 Biedermeierzeit vielleicht ihr Stolz gewesen war. Für meine Bettlerin war sie gerade gut genug. Selten hat eine Schenkung mir solch intensives Lustgefühl bereitet.

Und Amaryllis griff mit beiden Händen zu, gierig, außer sich vor Entzücken, und wog das Metall sofort auf Wert und Echtheit hin. Als ich ihr dann selbst die Kette um den Nacken legte, traten ihr vor Rührung schwere Tränen in die Augen.

Dann sprach sie von ihrer Armut und den Bettelkünsten, wie von gleichgültigen Erinnerungen, fragte um so aufmerksamer nach meinen Gewohnheiten, ließ sich alles bis ins kleinste schildern und wendete es in Gedanken hin und her. So kreisten denn unsere Sphären umeinander zu einer selten gehörten Harmonie.

Nach unserm Mittagsmahl war Amaryllis vom süßen Champagner animiert, ohne doch ihrer erhitzten Empfindungswelt in Reden freien Lauf zu lassen. Die leisen Worte dämpften sich fast bis zum Flüstern. Nur vereinzelt stellte sie noch Fragen nach den heimlichsten und allgemeinsten Lebensvorgängen.

»Bist du nicht ein sehr glücklicher Mensch, du Just?«

Eifrig bestärkte ich sie in dem Glauben.

»Meinst du, daß ich's auch noch einmal werde?«

»Das kannst du, bei Gott, Amaryllis, und du mußt es werden, wenn du nur klug bist.«

»Wie soll ich klug sein?«

118 »Mit der Schönheit, die du hast und die sich noch viel prächtiger entfalten wird, mußt du alles dir unterwerfen. Nur, um Gottes willen, nichts davon verschwenden, nichts für Handwerksburschen und auch nichts für brave Leute, die heiraten wollen! Amaryllis, geizen mit der Schönheit, ruhig warten, bis die großen Herren kommen! Und sie kommen sicher, Amaryllis, verlaß dich drauf. Dann erst recht damit geizen und wuchern und immer noch warten, bis du Mode wirst, bis die kleinen Prinzen nach dir betteln und die Geheimen Räte dir ihre Orden schenken. Dann wirst du lernen, was herrschen heißt, und wirst auf ihre Orden speien und wirst immer höher steigen. Ich kann dir sagen, dann wird es dir Vergnügen machen, Kriege anzuzetteln und ganze Völker gegeneinander aufzuhetzen. Du wirst die Macht dazu haben, du, Amaryllis, weil die großen Herren toll auf deine Reize sind, ja du, die kleine Bettlerin! Aber dann mußt du zuweilen auch an den armen Teufel denken, der dir's geraten hat, weil er's selber nicht konnte.«

Sie horchte hoch auf und legte alles zu den Akten ihrer Zukunft, von der sie ebenso schwärmte wie ein Backfisch aus guter Familie.

Sie hatte auch schon von Märchen gehört und liebte es, sich Geschichten erzählen zu lassen. Als sie müde wurde, bat sie mich darum. Da nahm ich einen Band 119 von »Tausend und eine Nacht« und las ihr vor von Prinzen, von Palästen und von funkelndem Geschmeide, bis all die Herrlichkeiten ihr zu Kopf und Herzen stiegen und die arme, kleine Seele vor eitel Wonne sich nicht zu lassen wußte.

»O, wie müde ich davon geworden bin,« seufzte sie.

»Willst du schlafen, Amaryllis?«

»Gute Nacht,« sagte sie und strich mit ihren Fingern über mein Gesicht. – – – –

»Da küßte bebend meine Lippen mir
Dieser, hinfort mein ewiger Begleiter,
Galeotto war das Buch und der es schrieb,
An jenem Tag lasen wir nicht weiter.«

* * *

Kurze Zeit nach dieser Episode fand der Gewandhausball statt. Ich ließ meinen Frack, dem schon Staub und Motten drohten, säubern und ausbügeln, legte die Lackschuhe mit den schwarzen Schleifen, die weiße Weste und die Battistkravatte an und sträubte mir den Schnurrbart à l'empereur. Erich, einer der besten und eifrigsten Tänzer unseres Landes, holte mich ab. Unsere Gemüter hatten wir in jene anspruchslose Heiterkeit getaucht, die nicht allein erste Bedingung zum angenehmen Schwerenöter ist, sondern zugleich als Schild dient gegen die abominabel fürchterliche Langeweile, die einen sonst entnerven, foltern und wahnwitzig machen müßte.

120 »Wie bist du nur zu dem heroischen Entschlusse gekommen?« fragte mich Erich, dem neuerdings vor jeder Einladung die Kräfte zu versagen drohten.

»Ich möchte den weiblichen Nachwuchs wieder kennenlernen. Vielleicht findet sich doch mal eine, die sich von den anderen unterscheiden läßt.«

»Na, da suche nur,« meinte er und pfiff vor sich hin, elegisch wie eine Spottdrossel.

Im Vestibül des Konzertpalastes drängten sich bereits die Herren an den Garderoben, ohne doch die feierliche Haltung zu verlieren, die der Leipziger Großbürger von den hierher Eingeladenen unbedingt erwartet. Denn das Gewandhaus ist sein heiligster Tempel. Hier werden seine Dividenden in Taten umgesetzt. Hier findet während des Winters an jedem Donnerstag die große Familienparade statt, zu der er sich die beste und teuerste Musik vormachen läßt; hier stellt er seine Töchter, seine Titel und Orden, sein öffentliches Ansehen aus; hier darf er sich mit dem Adel, ja zuweilen sogar mit Prinzen verbrüdern; hier wird das Bewußtsein dessen, was er sich alles leisten kann, zu einem sichtbaren Gott, dessen Glanz und Größe sein sonst verständiges Herz wahrhaft ergreift und zu andächtiger Verehrung stimmt.

Selbst die als Tanzbeine geladenen jungen Herren, die lieber anderen Göttern opferten, wurden wider 121 Willen in diesen Bann erhabener Wohlanständigkeit gezogen. Nur mit halblauter Stimme wagten sie sich zu unterhalten, während sie die Finger nervös in die weißen Handschuhe zwängten. Wenn sie sich ihre Namen nannten, so machten sie noch steifere Verbeugungen als sonst. Ihre Mienen waren finster und gespannt, wie wenn eine bedeutsame Krisis in Aussicht stände. Besonders die Offiziere schienen durchdrungen von dem Bewußtsein der Pflichten, die heute wieder ihrer warteten. Generale würden kommen und Kameraden aus allen Regimentern; sie würden den strengsten Blicken und den verschiedensten Gesichtspunkten ausgesetzt sein.

Ununterbrochen rollten die Wagen vor und entluden sich der verhüllten Damen, die dann beschleunigten Schrittes vorüberrauschten und die Gesichter senkten, um von den bekannten Herren in diesem unvorteilhaften Zustande nicht begrüßt zu werden. Allmählich aber, nach wiederholter Toilette, fanden sich Gruppen verschiedenen Geschlechts zusammen. Die jungen Leute begrüßten diejenigen ordentlichen Mitglieder der Gewandhausgesellschaft, denen sie die Einladung verdankten und in deren Schwarm sie über die Marmortreppe ihren Einzug halten sollten. Je eleganter, reicher oder vornehmer diese jugendlichen Protégés, desto höher der Ruhm ihrer Protektoren auf dem jeweiligen Ball.

122 Bald erschien denn auch meine verehrte Tante in einem Kranz von jüngeren und älteren Mädchen, denen ich für diesen Abend vorzugsweise das Tanzvergnügen zu vermitteln hatte, eine gar heimtückische Aufgabe, der meine Willenskraft keineswegs gewachsen war. Die verwickelte Zeremonie der Vorstellung begann, begleitet von typischen Phrasen der Hochachtung und des Wiedererkennens. Dann zogen wir, beschäftigt mit den krampfhaften Versuchen, die erste Unterhaltung in Fluß zu bringen, nach dem Saal.

Hier war schon alles damit beschäftigt, zu engagieren und die Tanzkarten zu füllen, wobei man die ewig gleichen jungen Damen sich nur durch Eigentümlichkeiten ihrer bunten Kleidchen zu individualisieren pflegte. Am eifrigsten zeigten sich natürlich pflichtgemäß die Leutnants, während dagegen die Studenten der adligen Klubs es noch gar nicht eilig hatten, sondern gleichmütig an den Wänden lehnten und mit ironischen Blicken das Getriebe musterten. Sie hatten keine große Meinung von diesen Festen der »Lappenschlote«. Gleichwohl kamen sie gern, um das reichhaltige Büfett und das Souper mit den guten Weinen nicht zu versäumen. Auch dem Geplauder mit jungen Damen waren sie im ganzen wohlgeneigt, nur zogen sie den Dresdener Hofton vor, der ihnen kleine Freiheiten und zweideutige Galanterien nicht so übel nahm wie die 123 strenge Sitte des Leipziger Pfahlbürgers, dessen Vornehmheit ihr höchstes Ideal in dem findet, was »sich gehört und schickt«.

Der ernstliche Entschluß, auch meinerseits die Pflichten als Gast notdürftig zu erfüllen, setzte mich in Bewegung. Hier und dort hatte ich einen Händedruck mit Kollegen zu wechseln, vor allem aber Familienhäupter, in deren Hause ich früher verkehrt, unterwürfig anzureden und mich zu entschuldigen, daß ich noch immer nicht die Zeit gefunden hätte, sie wieder aufzusuchen. Hierzu gehörten Alices Eltern, denen ich mich zuvörderst näherte. Wenn ich auch wußte, daß sie nie etwas für mich bedeuten würden, so drängte es mich doch, an diesem Abend wenigstens gut mit ihnen zu stehen. Waren sie doch die unschuldige Ursache einer mir bedeutungsvollen Existenz.

Die Mama betrachtete mich bei meiner Annäherung noch etwas frostig durchs Lorgnon:

»Ah, Herr Referendar, sieht man Sie auch einmal wieder!«

»Gnädige Frau, ich bin unglücklich, daß ich immer noch nicht die Zeit gefunden habe« . . . usw.

Aber es gelang mir bald, sie völlig zu versöhnen. Durch Alice wußte ich von ihren kleinen Interessen. Sie schwärmte hauptsächlich für das »Sinnige« in der Musik und sang mit einem klapprigen Sopran Lieder von 124 Abt und Lassen. Indem ich mit Enthusiasmus auf eben dieses Genre zu sprechen kam, gewann ich ihre Gunst im Fluge. Außerdem erwähnte ich – was mir nicht schwer wurde – ihr Töchterchen voll diskreter Verehrung, bemerkte Nuancen der duftigen Toilette, obwohl ich sie noch immer vergebens im Getümmel suchte. Den Gatten unterhielt ich von seinem Gespann, auf das er besonders stolz war, und lauschte aufmerksam den Erklärungen, die er mir bezüglich der Streu und des Futters gab.

Endlich entdeckte ich Alice, umschwärmt von Offizieren, und drängte mich zu ihr hinüber. Ein Leutnant vom 134. Regiment ließ alle seine Gaben vor ihr leuchten. Sein Witz war unerschöpflich, ihre Heiterkeit über alle Maßen.

»Also, gnä's Fräul'n,« neckte er, »ich sage Ihnen nichts weiter als die Regimentsnummer: hundertundsieben.«

»Aber ich weiß wirklich nicht, was Sie damit meinen.« Dabei wollte sie sich ausschütten vor Lachen.

»Gnä's Fräul'n, mehr kann ich beim besten Willen nicht sagen.«

»Ach, bitte, sagen Sie dazu nur noch ein vernünftiges Wort.«

»Was? Wollen gnä's Fräul'n andeuten, daß ich unvernünftig rede?«

»Ja, wenn Sie mich immer so aufziehen . . .«

125 Schnell stimmte ich meine Intelligenz auf diesen anmutigen Plauderton und trat dazu:

»Ach Sie allerärmstes gnä's Fräul'n, warum lassen Sie sich denn immer aufziehen?«

Einen Augenblick war Alice starr, als sie mich erblickte. Dann aber fand sie sich sogleich zurecht.

»Ah, der Herr Referendar! Wo kommen Sie denn her?«

»Ja, nicht wahr, gnä's Fräul'n, lange nicht gesehen? Wann war's doch zum letzten Male? Vor anderthalb Jahren, richtig, vor anderthalb Jahren, beim Tennis. Nein, wie gnä's Fräul'n seitdem gewachsen sind!«

Sie errötete – was ich früher noch nie an ihr bemerkt hatte –, schämte sich dessen und ward noch röter, stand überhaupt nicht auf der Höhe dieser kritischen Begegnung. Um ihr zu helfen, nahm ich die Tanzkarte und fragte, ob sie denn noch eine Tour für mich übrig habe.

»Aber ja,« antwortete sie in höchster Verwirrung, »den Kotillon, erinnern Sie sich nicht? Ich habe Ihnen doch den Kotillon schon längst versprochen; damals, vor anderthalb Jahren, beim Tennis versprach ich Ihnen den Kotillon für den nächsten Ball, wo ich Sie treffen würde.«

»Ah, natürlich, damals! Wie konnte ich das nur einen Augenblick vergessen!«

126 Die umstehenden Herren gerieten in eifersüchtige Verwunderung. »Hm,« dachten sie, »das geht wohl nicht mit rechten Dingen zu.« Ich aber war ernstlich gerührt über dies Zeichen heimlicher Verehrung. Denn der Kotillon ist ja das Höchste, was eine junge Dame zu verschenken hat, und wenn er gar einem minder bekannten Herrn »aufgehoben« wird, so bedeutet das eine Auszeichnung, die auf mancherlei schließen läßt.

Einige mir bekannte Tänzer, darunter Leutnant von Fiedler, traten zu uns und wechselten mit Alice Eindrücke von früheren Bällen, die für mich ohne besonderes Interesse waren. Ich verließ daher die Gruppe und konnte gerade noch beobachten, wie Alice an einer Schilderung, die Herr von Fiedler mit ungeschickt gezierten Gesten vortrug, sich lebhaft ergötzte. Er selbst war von seinem Witze so geblendet, daß er bei jedem Satze sich den wackelnden Kneifer wieder auf seiner Nase festklemmen mußte, auf einer Nase, die – jetzt spreche ich ohne Eifersucht – lang und dick unter blöden Augen sich ausbreitete, so daß Herr von Fiedler einem Hammel ähnlich sah. –

War ich nicht hier, um mit ihm und den anderen zu konkurrieren? Aber um wen? Doch nicht um jenes Püppchen dort in Himmelblau, zwischen den übrigen, die rosa oder hellgrün waren? Als Kavalier im gleichen Tone um sie näseln, damit ich ihr gefiele? – das war 127 nicht die Geliebte meiner Dämmerstunden, die ich mir erhalten wollte; dies aufgeputzte, leere Wesen war mir fremd, hätte mich weder jetzt noch irgend sonstwo reizen können. Ärgerlich war es nur, daß ich die Täuschung nicht vorausgesehen hatte. Die Lasten dieses Abends, die klägliche Bemühung, hier Ersprießliches zu wirken oder zu erkunden, wäre mir erspart geblieben. Höchstens war noch zu untersuchen, ob ich nicht zwischen dieser Alice und jener anderen noch eine Brücke schlagen, etwa Erinnerung an den verbotenen Genuß der andern erwecken könnte, der dieses abgestempelte Vergnügen hier beschämen müßte. Dann würden vielleicht die mir günstigen Triebe ihrer Natur noch Oberhand gewinnen. Ach, wie solch höhnische Erwägungen mich peinigten! Wie beschämend für mich, diese Gesellschaft samt ihren Sitten als eine Macht anerkennen zu müssen, mit der man um teure Güter zu streiten gezwungen ist.

Mangels angenehmerer Zerstreuung zog ich weiter bei den Damen herum, Tanzkarten zu füllen. Meine Anreden waren voll schalkhafter Herzlichkeit, meine Konversation die eines gutmütigen, lustigen Burschen. Andere Herren dagegen fand ich verstimmt, verbittert oder gar in giftigen Auseinandersetzungen mit Damen, die beim Engagieren »gemogelt« hatten. Ernste Jünglinge von Grundsatz, die sonst weder Gott noch Welt 128 aus ihrer Ruhe bringen konnte, gerieten vor solch einer Tanzkartenfälschung in bösartigen Zorn. Natürlich behaupteten die Damen, die bei derartigen Gelegenheiten niemals auf den Mund gefallen sind, ihr Recht und leiteten den Zwist auf die Rivalen über, wodurch die Sache sich oft zum Ehrenhandel spitzte.

Nun drehte ich mich im Tanze gleichmäßig, ohne Unterlaß wie ein Planet. Während meine Lippen heiter schwatzten, zog die Seele ihre Fühler ein und schläferte. Eine Dame nach der anderen faßte ich um das Korsett. Man hätte mir ein Modell aus dem Modemagazin in den Arm drücken können, ich hätte die Verwechslung nicht bemerkt. Zuweilen glitten bekannte Gesichter an mir vorüber, Erich, für den besonders naive und muntere Fräuleins schwärmten. Sein frisches Junkerantlitz war krebsrot und mit Schweiß bedeckt. Trotzdem lächelte er krampfhaft weiter. Noch hielten ihn alle Mütter für die vorzüglichste Partie. Auch Alice sah ich mit Leutnant von Fiedler eine Tyrolienne springen. Jetzt suchte er gewiß das Muttermal über der Mitte ihrer Wirbelsäule, um mir nachher enttäuscht zu sagen, daß es verschwunden sei. Ah, mochte er doch! Was ging mich der entblößte Nacken dieser fremden Tänzerin an! Ich hätte ihn selbst zum Kusse jetzt nicht geschenkt genommen.

In den Pausen begab ich mich nach der sogenannten 129 Drachenburg, einem Podium am Ende des Saales, wo die ältesten und würdigsten Matronen ihre Plätze hatten. Viele kannten und liebten mich noch. Durch die Fülle meiner versteckten Komplimente, mit denen ich die alten wie die jungen gleichmäßig köderte, hatte ich mir von jeher die Gunst der Damen in weit höherem Maße erworben, als die der Herren, die schon lieber Taten sehen möchten.

»Nein, wie die Zeit vergeht!« riefen sie. »Ich habe Sie doch schon gekannt, als Sie noch weiße Kleidchen trugen. – Ach, und Ihr seliger Papa, den sehe ich ja leibhaftig vor mir! So oft hat der mit mir auf dem Gewandhausball getanzt! Ach, und die selige Mama, das war doch meine beste Freundin; die hat Ihnen gewiß von uns erzählt?«

Bei solchen Monstrebällen schwelgten ihre guten Herzen in einer Vergangenheit, deren wichtigste Ereignisse Bekanntschaften, Sommerreisen und Todesfälle gewesen waren. Jetzt ruhten sie nun auf dem erheirateten Ansehen ihrer Gatten aus, das sich nach Staffeln des Vermögens in Verbindung mit dem Alter der Familie regelte, das Resultat eines Lebens, dessen Zweck diese selbstzufriedenen Gemüter niemals bekümmert hatte.

Es wurde zur großen Quadrille geblasen, zu der ich eine junge Millionärsgattin führte. Sie liebte schöngeistige Unterhaltung, schwärmte für Zola und Arthur 130 Zapp, aus deren Romanen sie mit listigem Augenzwinkern pikante Stellen wiedergab. Mit gleicher Zungenfertigkeit verteidigte sie den Naturalismus wie die Pariser Toiletten, die Rechte des freien Weibes wie die religiöse Toleranz. Ich erwarb ihre Gunst, indem ich schweigend, fasziniert an ihren Lippen hing und nur zuweilen wißbegierige Fragen stellte. Neben uns tanzten in einem Karree die höchsten Behörden, der Divisionsgeneral, der Kreishauptmann, der Reichsgerichtspräsident und der Rector magnificus. Der letztere schien das Parkett nicht recht gewöhnt und wäre wohl öfters niedergebrochen, wenn seine dicke Partnerin in Violett ihn nicht gehalten hätte. Der General, obwohl struppiert auf beiden Beinen, warf ihm mit Recht mitleidige Blicke zu. Dieses vornehmste Karree betrachtete selbst der Leipziger Patrizier mit unterwürfigen Gefühlen.

Als allgemein ersehnte Unterbrechung erscholl der Ruf zum Speisesaale, wo jede Familie ihre Gäste an eigener Tafel bewirtete und nun noch einmal allerwärts erweisen konnte, welch reizende Mädchen, welch nette junge Leute in ihrem Hause verkehrten.

Dann eröffnete der Souperwalzer von neuem zahlreiche Touren, bis endlich der Kotillon, der die letzte Stunde des Balles füllen sollte, mich aus meinem Nervenschlummer rüttelte.

131 Alice stand bei ihren Eltern. Dort machte ich ihr meine Verbeugung und sprach das: »Darf ich bitten, gnädiges Fräulein,« worauf sie unter gemessener Neigung des Hauptes mir die Hand in den Arm legte und nach dem Kreise von Stühlen folgte, der in der Mitte des Saales gebildet war.

»Na, wie gefall' ich dir heute?« fragte ich sie.

Scheu blickte sie sich um, ob niemand die Vertraulichkeit gehört, und bat dann flüsternd:

»Nennen Sie mich ›Sie‹ um Gotteswillen. Wenn nun jemand auf uns achtete!«

»Aber liebste Alice, Sie sind doch sonst ein tapferes Mädel.«

»O, bitte, sagen Sie nicht ›Alice‹, sagen Sie nicht ›Mädel‹. Wollen Sie mich denn durchaus kompromittieren?«

»Gnädiges Fräulein, kein Mensch versteht uns, wenn wir leise reden.«

»Es ist immerhin gefährlich. Wozu auch?«

Damit nahmen wir im Kreise der anderen auf unseren Stühlen Platz. Die Unterhaltung führten wir mit halblauter Stimme weiter, sodaß davon bei dem Getöse und Gewirr der Stimmen nur die Bewegung unserer Lippen zu bemerken war.

»Sie finden es also wirklich schön hier, gnädiges Fräulein?«

132 »Gewiß, himmlisch finde ich es.«

»Freilich himmlischer als – bei mir.«

»Aber das ist doch ganz was anderes. Das gehört doch gar nicht hierher.«

Sie wollte also nicht daran erinnert sein. Es war tatsächlich eine Fremde hier, die, selbst wenn ich allein ihr gegenüberstand, sich nicht rückverwandeln konnte. Und doch war es absurd, zu denken, daß eine Beziehung zwischen beiden nicht bestände. Waren es nicht dieselben Linien des Gesichts, dieselben Laute, an denen ich mich berauschte, wenn sie mir günstig waren? Konnte denn solch ein Bündel eingewurzelter Gebräuche, wie dieses öde Bürgerfest sie pflegte, so tückische, unheimliche Gewalt besitzen, daß es ein frisches, unbefangenes Wesen in zwei zerspaltete und noch dazu den echteren Teil erstickte? Das eigensinnige Begehren, trotz alledem mir dieses Wesen ganz, in jeder Faser, zu unterwerfen, entflammte jetzt mein Blut von neuem, und meine gottserbärmliche Liebe griff blindlings selbst nach dieser Puppe neben mir. Die Folge war, daß mir der letzte Rest von Überlegenheit verlorenging. Meine Blicke und Worte verdunkelten sich; sie warben nicht mehr um die Neigung der kalten Schönen, sie bettelten. Die Stimmung zwischen uns ward schwül und das Gespräch befangen. Mit unvernünftiger Gewalt wollte ich der Geliebten meinen Gedankengang aufdrängen, 133 wo ich doch wußte, daß er ihr lästig war. Sie sträubte sich dagegen, schmollte wie ein gereiztes Kind, hüllte sich in verbittertes Schweigen.

Währenddessen wurden die verschiedenen Tänze des Kotillons vorschriftsmäßig abgewickelt. Ich ward zur »Taschentuchtour«, Alice zur »Schornsteinfegertour« befohlen. Orden und Blumen wurden ausgewechselt, so daß wir nur durch Zufall noch gelegentlich nebeneinander saßen. Diese Lage, statt sie als Erlösung zu begrüßen, suchte ich, verblendet, dadurch zu umgehen, daß ich vorschlug, uns aus dem Zirkel vorläufig zurückzuziehen, um im Schwarm der Zuschauer desto ungestörter plaudern zu können. Mit verdächtigem Übereifer ging sie darauf ein.

So ließen wir uns auf einem der kleinen Sofas nieder, in der Nähe derer, die gleichfalls Unterhaltung dem Tanzen vorgezogen hatten; aber auch jetzt wollte es mir nicht gelingen, Alice gefügiger zu machen. Bald sprach ich bittend, bald beschwichtigend, bald zärtlich auf sie ein, versuchte zu erzählen, versuchte zu scherzen, kurz, ich spielte auf allen Registern die alberne Rolle des schlecht behandelten Galans. Kaum noch »ja« oder »nein« war aus ihr herauszubringen.

»Gnädiges Fräulein,« rief ich endlich in einem gräßlichen Mischgefühl von Widerwillen und Traurigkeit, »kennen Sie mich denn überhaupt noch, gnädiges 134 Fräulein? Oder haben Sie alles vergessen – alles?«

Darauf beißt sie die Zähnchen zusammen; um die Lippen zuckt es ein paarmal auf und nieder; dann, ehe ich noch die Komödie ahnen kann, springt sie auf, bricht in ein abscheuliches Schluchzen aus und stürzt nach der Tür, während ich und die beobachtende Mama ihr folgen.

Der Mama wirft sie sich draußen laut weinend an den Hals und klagt aufs jämmerlichste, daß ich den Kotillon, zu dem ich sie doch engagierte, nicht mit ihr tanzen wolle, daß sie blamiert sei, daß sie nach Hause müsse, und andere rätselhafte Dinge mehr.

Da war ich denn, wie man hierzulande sagt, »gehörig ins Fettnäpfchen getreten«. Die mitfühlende Mutter antwortete auf meine ratlosen Entschuldigungen nur mit sprühenden Blicken, vermochte aber wenigstens ihr Töchterchen so weit zu trösten, daß dieses, als Leutnant von Fiedler erschien und eine Tour erbat, seinen Arm ergriff, lächelnd, als wäre nichts geschehen.

»Für den Rest des Kotillons, Herr von Fiedler, bin ich noch frei.«

Das waren die letzten Worte, die ich von Alice an diesem Abend hörte.

Bedeutend abgekühlt, strich ich mir mit dem Zeigefinger erst die rechte, dann die linke Hälfte meines 135 Schnurrbarts in die Höhe, verbeugte mich vor der Mama und begab mich in die Umgebung meiner Tante, um den dort versammelten älteren Mädchen als scharmanter Plauderer den Hof zu machen. 136

 


 


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