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Ein Brief an Dion

Veranlasst durch sein Buch »Alciphron oder der philosophische Kleinmeister«

Werter Herr,

ich habe die beiden Bände Ihres »Alciphron oder der philosophische Kleinmeister« aufmerksam durchgelesen. Soweit ich es beurteilen kann, sind Sprache und Ausdruck darin durchaus gut und korrekt, der Stil und die ganze Schreibweise sind ebenso elegant wie anregend; alles dies zeigt den Verfasser als einen Mann, der über Wissen, Geschmack und Talent verfügt. Wenn ich Sie nun mit dieser gedruckten Epistel belästige, die vielleicht länger werden wird, als Sie gewünscht hätten, so beabsichtige ich damit, das Publikum von einem landläufigen Irrtum zu befreien, in den Tausende von klugen und wohlmeinenden Leuten – unter ihnen, wie ich sehe, auch Sie selbst – auf Grund eines über die Bienenfabel verbreiteten Gerüchtes verfallen sind: nämlich dass sie ein gottloses Buch und zu dem Zwecke geschrieben sei, das Laster zu ermutigen und das Volk zu demoralisieren. Ich bitte Sie, nicht zu denken, dass ich Sie oder sonst irgendeinen ehrenhaften Mann deshalb tadeln will, dass er einer solchen Behauptung vorschnell und ohne Nachprüfung Glauben geschenkt hat. Die Bienenfabel ist mehr als einmal von einem Hohen Obergericht angezeigt worden, und es gibt kaum ein Buch, gegen das mit mehr Ernst und Eifer gepredigt und geschrieben worden wäre. Wenn ein Werk so allgemein bekämpft wird, dann hat ein verständiger Mensch, der seine Zeit nicht vergeuden möchte, guten Grund, es nicht zu lesen. Da aber Ihr zweiter Dialog fast ausschliesslich gegen jenes Buch und seinen Verfasser gerichtet ist, und da Sie, soviel ich mich wenigstens erinnere, nirgends ausdrücklich erklärt haben, dass Sie die Bienenfabel nicht gelesen haben, so wird man mich wohl fragen, warum ich dies als sicher annehme, während vielleicht viele Ihrer Leser das Gegenteil glauben. Falls man mir diese Frage vorlegte, so würde ich ohne weiteres antworten, dass ich dieser Meinung zu sein mir erlaube, weil es die günstigste ist, die ich mir von Dion überhaupt bilden kann.

Wer Ihren zweiten Dialog liest, wird darin nirgends eine bestimmte Stelle aus meinem Buche zitiert oder näher geprüft finden. Die verderblichen Grundsätze und gottlosen Behauptungen, die daselbst eine berechtigte Kritik erfahren, sind vielmehr teils solche Anschauungen und Meinungen, wie sie mir zuerst meine Feinde, um meinen Ruf zu schädigen, und nachher das allgemeine Gerede bereits zugeschrieben haben, obgleich sie nirgendwo in meinem Buche zu finden sind; teils sind es boshafte Folgerungen und gehässige Deutungen, zu denen andere vor Ihnen ohne gerechten und zwingenden Grund das von mir in unschuldiger Weise Gesagte benutzt haben. Ich tadle Sie nicht, werter Herr. Denn wenn ein Mensch jene gegen mich vorgebrachten Anklagen für berechtigt hält und mit dem Buch, auf das sie sich beziehen, völlig unbekannt ist, so kann es wohl geschehen, dass er sich ohne jede böse Absicht dagegen ereifert, selbst wenn es das nützlichste Werk der Welt wäre. Es kann jemand leichtgläubig und doch gutgesinnt sein; wenn aber ein verständiger und scharfblickender Mann, der die Bienenfabel aufmerksam von Anfang bis Ende durchgelesen hätte, in der Art und Weise dagegen schriebe, wie Dion es in seinem zweiten Dialog getan hat, dann wäre ich allerdings in Verlegenheit, wie ich eine Entschuldigung für ihn finden sollte.

Ein auch nur im geringsten redlich gesinnter Mensch kann, während er zur Förderung der Tugend und der christlichen Religion schreibt, unmöglich so unmoralisch handeln, dass er seinen Nebenmenschen in der abscheulichsten Weise verleumdet und dessen Ansichten absichtlich entstellt. Wenn Dion die Bienenfabel gelesen hätte, so würde er nicht geduldet haben, das solche liederliche, freche Buben wie Alciphron und Lysicles bei mir Zuflucht und Schutz finden; sondern er hätte ihnen klargemacht, dass meine Grundsätze von den ihrigen sich unterscheiden wie Sonnenschein von dunkler Nacht. Als sie sich ihres scheusslichen Planes rühmten, dass sie Gefangene in Freiheit setzen und sie aus der Gewalt des Gesetzes und der Obrigkeit befreien wollten, würde er ihnen gleich den Anfang meines Vorworts zitiert haben: »Gesetze und Regierung sind für den sozialen Organismus bürgerlicher Gesellschaften, was die Lebenskräfte und das Leben selbst für den natürlichen Organismus beseelter Wesen.« Aus demselben Vorwort würde er jenen schamlosen Verteidigern von Schlechtigkeiten jeder Art gezeigt haben, wie wenig sie sich voraussichtlich durch mein Buch ermutigt finden würden; und sobald sich herausstellte, dass sie unter »Freiheit« nichts anderes verständen als Zuchtlosigkeit und ein Vorrecht zur ungestraften Begehung der greulichsten Verbrechen, würde er folgende Worte zitiert haben: »Wenn ich behaupte, dass die menschlichen Laster von grossen und mächtigen sozialen Gemeinschaften untrennbar sind und dass deren Wohlstand und Ansehen ohne sie nicht bestehen kann, so sage ich doch damit nicht, dass ihre einzelnen Mitglieder nicht dauernd getadelt werden sollten, wenn sie mit sittlichen Fehlern behaftet sind, oder dass sie nicht bestraft werden sollten, sobald sie sich eines Verbrechens schuldig machen.« Dies würde er durch verschiedene Stellen im Buche selbst bekräftigt und würde nicht vergessen haben, was ich auf Seite 220 sage: »Als ersten Grundsatz stelle ich auf, dass es in allen – grossen und kleinen – Gemeinschaften die Pflicht eines jeden Mitglieds ist, sittlich-gut zu sein, dass die Tugend gefördert, dem Laster gesteuert, den Gesetzen gehorcht und die Übertreter bestraft werden sollten.« Falls er nur die erste Auflage, ein kleines Buch in Duodez gelesen hätte, so hätte ein Mann von Dions Tugend und Rechtlichkeit nicht verschwiegen, welche Sorgfalt ich überall anwende und wie viele Warnungen ich ausspreche, um nicht Anstoss zu erregen oder missverstanden zu werden. Im Gegenteil, er würde diese Tatsache zur Aufklärung seiner Freunde benutzt und so ihre grundlosen Befürchtungen und albernen Anspielungen verhindert haben. Wenn Dion gelesen hätte, was ich über das Feuer in London gesagt habe, so würde ihn lediglich seine Höflichkeit haben abhalten können, bei der scharfsinnigen Bemerkung des gelehrten Crito in ein lautes Gelächter auszubrechen, wo dieser es als wahrscheinlich erwähnt, dass die jüngst aufgetretenen Brandstifter die Anregung zu ihren Schurkereien aus der Bienenfabel geschöpft hätten.

Gestatten Sie mir also, werter Herr, zu Ihrem eigenen Besten Sie so zu behandeln, als hätten Sie die Bienenfabel nie gelesen; dafür gebe ich Ihnen mein Wort, dass ich keinen Gebrauch davon zu Ihrem Nachteil machen werde. Im Gegenteil, ich nehme einmal an, das schlechte Zeugnis, das Sie dem Buche von allen Seiten haben erteilen hören, sei Grund genug für Sie gewesen, ohne weitere Nachforschung so dagegen zu schreiben, wie Sie es getan haben. – Nachdem dies erledigt, werde ich Ihnen zu zeigen versuchen, wie es möglich ist, dass ein Buch ganz unverdienterweise in derart allgemeinen Verruf kommen kann. Ein Schriftsteller, der es wagt, die Laster und die Genusssucht der Menschen, unter denen er lebt, zu schildern, der den heuchlerisch-gewandten Leuten die Maske herunterreisst, die falschen Ansprüche auf tugendhaften Lebenswandel nachprüft und das Tun und Treiben derjenigen enthüllt, Qui Curios simulant et Bachanalia vivunt: ein Schriftsteller, sage ich, der dies innerhalb einer grossen, reichen und blühenden Nation zu tun wagt, wird sich immer und unfehlbar eine grosse Zahl von Feinden erwerben. Denn nur wenige können es ruhig mit ansehen, wie jene Dinge ans Licht gezogen werden, die zu verbergen sie ein Interesse haben und sich Mühe geben. – Was die Obergerichte betrifft, so halten sie sich ganz an das Zeugnis anderer. Sie beurteilen Bücher nicht auf Grund eigener Lektüre; und viele sind schon von ihnen angezeigt worden, die niemand oder wenigstens fast niemand vorher je gesehen hatte. Wenn aber einmal der Verfasser eines Buches von einem Obergericht angezeigt wird, so gilt das als eine ihm öffentlich erteilte Rüge, als eine Schande, die nicht leicht wieder gutgemacht ist.

Die Zeitungsschreiber, denen es vor allem darauf ankommt, ihre Blätter zu füllen und die Aufmerksamkeit ihrer Leser zu erregen, lassen sich nie einen Skandal entgehen, über den sie ungestraft etwas veröffentlichen können. Auf diesem Wege erhält ein Buch, wenn es erst einmal in der erwähnten Weise verurteilt worden ist, in wenigen Tagen einen schlechten Ruf und ist nach kaum zwei Wochen im ganzen Lande aufs ärgste verpönt, ohne sonst etwas verschuldet zu haben. Die Polemiker unter jenen Autoren, die als Parteimänner entweder für oder gegen Höfe und Minister schreiben, sind stets mehr auf ihre eigenen Zwecke und deren Förderung bedacht als auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Da sie von verbreiteten Irrtümern leben und dem Geist des Kampfes und Zankes ihr Bestehen danken, so liegt ihnen nichts daran, irrige Auffassungen richtigzustellen, sondern eher noch sie zu verstärken, wenn es ihrem Zwecke dient. Sie wissen, dass, wer bei der grossen Menge sich beliebt machen und ihr Vertrauen gewinnen will, ihr nicht widersprechen darf. Dies ist auch der Grund dafür, dass diese Parteischreiber, bei aller Verschiedenheit in Grundsätzen und Anschauungen, stets einmütig in bezug auf Lob und Tadel sind, sobald sie auf allgemein herrschende Ansichten zu sprechen kommen.

Wenn Sie, werter Herr, das in den beiden letzten Abschnitten Gesagte erwägen, so werden Sie leicht einsehen, dass Bücher sehr ungünstige Beurteilung und einen schlechten Ruf erhalten können, ohne es zu verdienen. Nunmehr werde ich Ihnen zu beweisen suchen, dass dies mit der Bienenfabel der Fall gewesen ist, und dass die gegen sie gerichteten Feindseligkeiten ursprünglich eine andere Ursache hatten als diejenige, die meine Widersacher als die wahre hinstellen. Zu diesem Zwecke werde ich einige Stellen aus dem Buche selbst anführen und vieles wiederholen müssen, was ich bereits in anderem Zusammenhange gesagt habe.

In der Anzeige des Obergerichts vom Jahre 1723 wird darauf hingewiesen, dass die Bienenfabel eine Lobrede auf die Bordelle enthalte, was, wie ich Sie versichern kann, nicht wahr ist. Was eine Handhabe zu diesem Vorwurf gegeben haben dürfte, muss eine sozialpolitische Auseinandersetzung sein über die beste Methode, um ehrbare, tugendhafte Frauen vor den Ausschreitungen liederlicher Männer, deren Begierden oft unbezähmbar sind, zu schützen und zu bewahren. Da hier ein Dilemma zwischen zwei Übeln vorliegt, denen man nicht gut beiden aus dem Wege gehen kann, so habe ich es mit der äussersten Vorsicht behandelt und beginne folgendermassen: »Ich bin weit davon entfernt, das Laster zu ermutigen, und glaube, es würde ein unschätzbares Glück für den Staat sein, wenn die Sünde der Unkeuschheit völlig daraus verbannt werden könnte; aber ich fürchte, es ist unmöglich.« Ich führe meine Gründe an, warum ich so denke, und da ich bei dieser Gelegenheit auf die »Tonhallen« in Amsterdam zu sprechen komme, so gebe ich eine kurze Schilderung von ihnen, die so harmlos ist wie nur möglich. Ich setze die ganze Stelle hierher. Wie Sie sehen werden, ist es meine Absicht, zu zeigen, dass diese Tonhallen gleichzeitig geduldet und hart bedrückt werden.

»Zunächst dürfen sich … gemacht werden könnte« (S. 85, Z. 10 bis S. 87, Z. 12).

Ich appelliere an Ihr eigenes Urteil, werter Herr, ob diese Schilderung nicht geeigneter ist, den Männern Ekel und Abscheu vor den in jenen Häusern verkehrenden Weibern einzuflössen als ein sträfliches Verlangen in ihnen zu erregen, – die Verbuhlten, wenn sie nur den geringsten Geschmack haben, nicht ausgenommen. Es tut mir leid, dass das Obergericht der Meinung ist, ich hätte dies in der Absicht, das Volk zu demoralisieren, veröffentlicht. Man übersah erstens, dass nicht ein Satz, nicht eine Silbe darin vorkommt, die das keuscheste Ohr beleidigen oder anderseits die verderbteste Phantasie noch beschmutzen könnte; zweitens, dass die getadelten Ausführungen offenbar für Obrigkeiten und sozialpolitisch Interessierte berechnet sind, oder wenigstens nur für den ernsteren, denkenden Teil der Menschheit, während eine allgemeine Korruption der Sitten im Sinne der Unzucht, soweit sie durch Lektüre veranlasst wird, lediglich von Schlüpfrigkeiten zu erwarten ist, die für billiges Geld zu kaufen und in jeder Weise dem Geschmack und Verstand der achtlosen Menge und der unerfahrenen Jugend beiderlei Geschlechts angepasst sind. Dass aber die so wütend bekämpfte Schrift niemals für diese beiden Klassen von Menschen berechnet gewesen ist, geht aus den näheren Umständen ohne weiteres hervor. Der Anfang der Prosa ist ganz philosophisch gehalten und kaum für solche verständlich, die an Untersuchungen abstrakter Natur nicht gewöhnt sind, und der allgemeine Titel ist so weit davon entfernt, besonders verlockend oder einladend zu sein, dass niemand, ohne das Buch selbst gelesen zu haben, sich etwas Bestimmtes dabei vorstellen kann. Ausserdem beträgt der Preis fünf Schilling. Aus alledem geht deutlich hervor, dass ich mich, falls das Buch gefährliche Lehren enthält, nicht gerade sehr eifrig bemüht habe, sie unter die Leute zu bringen. Ich habe auch nicht ein einziges Wort gesagt, um ihren Beifall oder Dank zu gewinnen; das grösste Kompliment, das ich ihnen gemacht habe, war Apage Vulgus! – »Da aber« sage ich Seite 222 »nichts die Irrtümlichkeit meiner Ansichten deutlicher beweisen würde, als wenn sie allgemeine Zustimmung erhielten, so erwarte ich auch durchaus nicht den Beifall der Menge.« Dies habe ich nicht etwa gemissbraucht, sondern habe stets so viel ängstliche Rücksicht auf das grosse Publikum genommen, dass ich bei jeder von mir geäusserten ungewöhnlichen Ansicht alle erdenkliche Vorsicht angewendet habe, damit sie schwachen Geistern, die gelegentlich einmal in das Buch hineinschauen könnten, nicht gefährlich werden möchte. Wenn ich Seite 221 sage, dass ich »der Ansicht bin, dass keine Gesellschaft sich zu einem so grossen und mächtigen Reiche entwickeln, oder, wenn dies geschehen, in ihrer Grösse und Macht beträchtliche Zeit hindurch verharren könne, wenn die Menschen keine Laster hätten«, da schicke ich voraus, dass ich – was der Wahrheit entspricht – »niemals gesagt oder mir eingebildet habe, dass es in einem grossen und mächtigen Königreiche nicht ebensogut tugendhafte Menschen geben könne wie im dürftigsten Gemeinwesen.« Beachten Sie auch bitte Seite 222: »Wenn ich sage, dass ohne Laster eine Gesellschaft nicht zu Macht und Reichtum und auf den Gipfel irdischen Ruhmes gelangen kann, so denke ich doch, ich heisse die Menschen damit ebensowenig lasterhaft sein, wie ich sie heisse streitsüchtig und habgierig sein, wenn ich behaupte, der Juristenstand könne nicht so blühen und gedeihen, wenn es nicht zahllose selbstsüchtige und zänkische Leute gäbe.« Eine Warnung der gleichen Art spreche ich schon gegen Ende der Vorrede aus im Hinblick auf einen von dem Gedeihen Londons untrennbaren offenkundigen Übelstand. Die Stelle lautet:

»Es gibt … Genüssen schwelgt« (S. 8, Z. 10 bis S. 9, Z. 30).

Es ist allerdings meine Meinung, und ich habe mich bemüht, es zu beweisen, dass der Luxus, obgleich er Fehler des Menschen zur Voraussetzung hat, absolut notwendig ist, um ein grosses Volk gleichzeitig gefürchtet, reich und hochkultiviert zu machen. Bevor Sie aber, werter Herr, daraufhin ein Urteil über mich fällen, darf ich Sie wohl an zweierlei erinnern, was ich für unumstösslich wahr halte. Erstens nämlich, dass das Reich Christi nicht von dieser Welt ist, die vielmehr gerade dasjenige ist, dem ein echter Christ entsagen soll. Ich meine: wenn wir von der Welt im bildlichen Sinne sprechen wie in »Kenntnis der Welt«, »Ruhm der Welt«, in dem französischen »Beau Monde«, »Grand Monde«, oder wenn wir zu jemandes Lobe sagen, er hat grosse »Welterfahrung«, – wenn wir das Wort in dieser Weise gebrauchen, dann bedeutet es für uns dieselbe Welt, gegen die das Evangelium sich in so scharf ablehnendem und eindringlich warnendem Sinne ausspricht. Zweitens, dass ich unter Menschen und zu einer Zeit geschrieben habe, wo die allermeisten aus den vornehmen, den sogenannten »besseren« Kreisen – trotz ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben – allem Anschein nach weit mehr Gefallen an irdischen als an himmlischen Gütern finden; und dass sie sämtlich trotz alles Redens, Predigens und Schreibens über ein zukünftiges Leben und eine ewige Seligkeit dieser bösen Welt gar sehr ergeben sind, oder wenigstens dass die Mehrzahl in ihrem ganzen Tun und Trachten sich unendlich viel mehr um das eine bekümmert als um das andere.

Wenn Sie dies beides in Betracht ziehen, so werden Sie finden, dass ich eine Notwendigkeit des Lasters nur für diejenigen annehme, bei denen irdische Güter geschätzt werden und als zum Glücke erforderlich gelten. Je feiner und kunstvoller die gewerblichen Erzeugnisse sind, um so mehr Hände werden durch sie beschäftigt; und dass mit ihrer Mannigfaltigkeit die Zahl der Arbeitskräfte zunimmt, bedarf keines Beweises. Es ist ferner ersichtlich, dass Handel nach auswärts im Tauschen von Waren und ihrem Hin- und Hertransportieren besteht. Keine Nation, die nicht über eigene Gold- und Silberquellen verfügt, kann unsere Produkte lange kaufen, ohne dass wir, oder sonst irgendwer, die ihrigen kaufen. Die Epitheta »hochkultiviert und blühend« pflegt man auf ein Land nie eher anzuwenden, als bis der Luxus darin einen beträchtlichen Grad erreicht hat. Eine blühende Nation ohne Luxus ist dasselbe wie ein Brot ohne Mehl, eine Perücke ohne Haar oder eine Bibliothek ohne Bücher.

Mit Behauptungen dieser Art – wird ein nachsichtiger Leser sagen – könnte man sich noch abfinden, und Heuchler, indem sie die Dinge in falschem Glänze erscheinen lassen und ihr Tun in günstigem Sinne deuten, mögen die Welt wohl überreden, dass sie bei dem erwähnten Verbrauch von Gütern nur um das allgemeine Beste bemüht seien: dass sie Lachs und Forellen, Wachteln und Schnepfen und andere teure Leckerbissen nicht um ihres verwöhnten Gaumens oder ihrer Prahlsucht willen verzehren, sondern um die Fisch- und Geflügelhändler und andere arme Kerle zu erhalten, die sich eines kümmerlichen Lebensunterhaltes wegen tagaus tagein schinden müssen, um jene Dinge herbeizuschaffen; dass sie Goldbrokat tragen und sich alle vierzehn Tage neue Kleider kaufen bloss zum Besten des Webers, Schnittwarenhändlers und Kaufmanns und zur Förderung des Gewerbes im allgemeinen; dass die Finessen ihrer Tafel und ihre glänzenden Festlichkeiten nur die Wirkung ihres gastfreien Wesens, ihres Wohlwollens gegen andere und ihrer generösen Gesinnung seien; dass Eitelkeit und Prunksucht dabei nicht im Spiele seien, auch nicht beim Ausgeben grosser Summen für elegante und vornehme Möbel und Wagen, Bauten und Gärten. Mit alledem dürfte man sich wohl noch abfinden. Hörte man aber jemanden sagen, dass der Verbrauch aller dieser Dinge Charaktereigenschaften voraussetzt, deren wir uns zu schämen vorgeben, so würde man Anstoss daran nehmen; und wenn jemand behaupten wollte, dass es ohne die menschlichen Laster unmöglich wäre, all die Annehmlichkeiten, den Glanz und das Glück zu geniessen, das die Welt zu bieten vermag und das wir, kurz gesagt, so sehr lieben, so würde man diese Behauptung für ein schauerliches Paradoxon erklären.

Viele würden es glauben, dass der Hunger, dessen stärkste Grade sie allerdings nie verspürt haben, zur Erhaltung des Lebens für einen Menschen ebenso notwendig ist wie für einen Vielfrass oder einen Wolf, und dass ohne Wollust, wenn man ihr einen zarteren Namen gibt, unser Geschlecht sich ebensowenig erhalten könnte wie Bullen oder Ziegenböcke. Aber nicht einer unter tausend ist imstande, sich klarzumachen – was doch in gleicher Weise ersichtlich ist –, dass innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft die Habsucht der einen und die Verschwendung der anderen, zusammen mit der Eitelkeit und dem Neid der meisten, absolut notwendig sind, um sie zu einer grossen, mächtigen und, wie man zu sagen pflegt, hochkultivierten Nation zu machen. Ein noch grösseres Paradoxon scheint aber die Behauptung zu sein, das physische wie auch moralische Übel, ja sogar die Unglücksfälle und Nöte, gegen die wir den Himmel anrufen, trage nicht bloss zu diesem irdischen Glückszustande bei, sondern ein gewisser Betrag davon sei für alle Nationen so unentbehrlich, dass es unbegreiflich wäre, wie eine soziale Gemeinschaft, von allem physischen und moralischen Übel befreit, auf Erden sollte existieren können.

Alles dies wird jedoch in der Bienenfabel behauptet und, wie ich denke, auch bewiesen. Das Buch hat mehrere Auflagen erlebt und zahllose Feinde gefunden, nichts ist jemals sowohl von der Kanzel wie durch die Presse mehr geschmäht worden. Alle hässlichen Schimpfworte, die Bosheit und Ungezogenheit erfinden können, sind mir durch den Druck zugeteilt worden, aber keiner von meinen Gegnern hat auf andere Weise meine Ausführungen zu widerlegen oder meine Argumente zu entkräften versucht als dadurch, dass er dagegen losschrie und sagte, es sei nicht wahr. Und dies beweist mir nicht bloss, dass meine Ansichten nicht leicht zu widerlegen sind, sondern ausserdem, dass meine Widersacher noch fester an den Genüssen des Lebens hängen, als ich selbst es gedacht hätte. Andernfalls hätten unbedingt einige von ihnen angesichts der schwierigen Sachlage folgende Überlegung angestellt: da irdisches Glück ohne die menschlichen Laster nicht zu erlangen ist, so will ich auch nichts damit zu tun haben; da man unmöglich Gott und Mammon zugleich dienen kann, so soll meine Wahl bald getroffen sein. Keine Lust dieser Welt kann es wert sein, dass man ihretwegen in die Gefahr ewiger Verdammnis gerate; und möge wer will an dem Emporstreben der Nation tätig mitwirken, ich will ein höheres Ziel verfolgen und auf mein Seelenheil bedacht sein.

In dem Augenblick, wo ein solcher Gedanke in eines Menschen Kopf entsteht, ist alles Gift aus dem Buche verschwunden und jede Biene hat ihren Stachel verloren.

Wer tatsächlich grösseren Wert auf sein geistiges als auf sein materielles Wohl legte und sich mehr um die Erlangung der ewigen Seligkeit als um die flüchtigen Genüsse und den schnell verblassenden Glanz des Lebens bemühte, der würde nicht murren, wenn er auf einige seiner Annehmlichkeiten und behaglichen Erleichterungen verzichten oder gar sich von einem Teile seines irdischen Besitzes trennen sollte, um im Himmelreich ein sicheres Erbe antreten zu können. Welches Gefallen an dem eleganten Komfort und den raffinierten Feinheiten der Genussmenschen er auch haben dürfte, er würde doch verschmähen, sie auf die Gefahr der Verdammnis hin sich anzueignen. Ein so bequemer Kasuist in der Beurteilung seiner selbst würde er nicht sein, noch es für hinreichend halten, dass er den Gesetzen des Landes nicht entgegenhandle, wenn er nicht gleichzeitig auch den Lehren Christi gehorche. Kein Buch wäre einfacher und verständlicher für ihn als das Evangelium; und ohne die heiligen Väter oder die Konzile zu befragen, würde er überzeugt sein, dass Fleischestötung nie und nimmer soviel wie die Befriedigung jeglicher Begierde bedeuten könne, soweit sie nicht von einem irdischen Gesetzgeber verboten ist.

Welches besondere Geschick in der Kontroverse gehört nun eigentlich dazu, um jemanden zu überzeugen, dass die Nachgiebigkeit gegen alle Verlockungen, die Befolgung jeder Mode und Neuerung und die Teilnahme an allem eitlen Treiben dieser Welt das genaue Gegenteil des Verzichtes auf sie darstellt, falls Worte überhaupt noch eine Bedeutung haben? Hier liegt die Schwierigkeit und die wahre Ursache des Streites und aller Schmähungen und Ausfälle gegen die Bienenfabel und ihren Verfasser. Meine Gegner wollen sich nicht verkürzen lassen oder auch nur eine Spur von den Genüssen, die sie sich leisten können, aufgeben, da doch die Welt für den Menschen geschaffen ist; in gleichem Sinne sprechen die Wüstlinge von den Frauen, und mit gleichem Rechte, – und doch werden sie, auf dieses jämmerliche Argument gestützt, schmausen und zechen, soviel es ihnen behagt. Es gibt fürwahr kein Vergnügen, das ihnen nicht gestattet wäre, wenn sie nur Mass darin halten, und in bezug auf Kleidung und Wohnung, Möbeln, Wagen und Gefolge dürfen sie in vollster Übereinstimmung mit den Eitelsten und Üppigsten der vornehmen Leute leben, – nur mit dem Unterschiede, dass ihr Herz nicht an diesen Dingen hängen darf und ihr ganzes Hoffen auf das Jenseits gehen muss. Sobald diese höchst beachtenswerte Einschränkung einmal gemacht ist, sei es auch bloss in Worten, so ist alles gut: kein Luxus und Epikureertum sind so unverhüllt, kein Komfort so verweichlicht, keine Eleganz so raffiniert und kein Erzeugnis so kunstvoll und kostspielig, dass sie der Religion oder irgendwelchen Weltentsagungsgelübden widerstritten, vorausgesetzt, dass sie durch Sitte und allgemeinen Brauch unter denen, die in bezug auf Vermögen und Stellung ihresgleichen sind, gerechtfertigt sind.

Eine seltsame Lehre ist das! Ein recht bequemes Christentum! In zahllosen Ausschweifungen Massigkeit üben, das ist, wie Terenz sagen würde, ebenso leicht ausführbar wie cum ratione insanire. Indes, falls wir die Möglichkeit zugeben, wie sollen wir Kenntnis und Überzeugung davon gewinnen, dass sie es ehrlich meinen: dass ihr Herz und ihr Verlangen so wenig auf dieses niedere Erdendasein gerichtet sind, wie sie behaupten, oder dass die Gedanken an ein späteres Leben einen Teil ihrer wahren Interessen ausmachen, wenn wir einzig und allein ihre Worte als Gewähr dafür haben, aller sonstiger Augenschein aber und die deutlichsten Zeugnisse ebenso einstimmig gegen sie sprechen?

Freilich, meine Feinde werden nicht zugeben, dass ich in diesem Sinne geschrieben habe; obgleich ich ihnen schon früher gesagt und bewiesen habe, dass die Bienenfabel ein Buch von höchstem sittlichen Ernste ist, weigern sie sich, mir zu glauben. Ihr Geschrei dagegen dauert an, und was ich eben zu seiner Verteidigung sagte, wird zurückgewiesen und als schlaue Ausflucht bezeichnet werden: es sei voll von schlimmen, gefährlichen, atheistischen Anschauungen und könne mit keiner anderen Absicht als der der Ermutigung des Lasters geschrieben sein. Wollte ich sie fragen, welche Laster dies wären – Huren, Trinken, Spielen –, wollte ich sie bitten, mir eine einzige Stelle zu zeigen, wo die geringste Unsittlichkeit empfohlen, gelobt oder auch nur nachsichtig behandelt werde, so würden sie keinen anderen Anhalt finden als das Titelblatt. Aber warum, wird man sagen, sind sie dann so sehr ergrimmt dagegen? Ich habe es soeben angedeutet, will jedoch dieses Geheimnis noch deutlicher enthüllen.

Ich habe in bewusstem Buche offen dargelegt, woran die Genussmenschen in Wirklichkeit Gefallen finden, und habe die grosse Seltenheit wahrer Selbstverleugnung unter den Christen festgestellt. Dabei habe ich die Geistlichkeit nicht mehr geschont als die Laienschaft, und das hat viele höchlichst verletzt. Da ich dies aber ohne die geringste Übertreibung getan und mich um nichts gekümmert habe, was nicht deutlich zu sehen und zu erkennen ist, und da ich stets weniger gesagt habe, als ich hätte beweisen können, so waren meine Gegner genötigt, die Ursache ihres Zornes zu verheimlichen. Was sie noch mehr reizte, war der Umstand, dass alles ohne Groll und Verdriesslichkeit geschrieben war, und wenn nicht in gefälliger, so doch wenigstens in offener, gutgelaunter Weise und frei, darf ich wohl sagen, von Pedanterie und Bitterkeit. Infolgedessen hat keiner von ihnen je diesen Punkt berührt oder mit einer Silbe von dem gesprochen, dessentwegen allein sie mich im Grunde ihres Herzens hassen.

Hier, werter Herr, muss ich Sie mit einer Parabel belästigen, in der die Ausflüchte und falschen Ansprüche eingekleidet enthalten sind, hinter denen die Menschen im allgemeinen ihre wahren Neigungen und das Ziel ihrer Wünsche zu verbergen pflegen. Möge sie so unterhaltend für Sie sein, wie es der Wichtigkeit des Gegenstandes entspricht.

»Im grauen Altertume … steigern möchten« (S. 227, Z. 8 bis S. 23o, Z. 22).

Diese Parabel hat meinen Feinden gleichfalls sehr missfallen; doch haben sie sich nie darüber beschwert, auch nie ihren Unwillen gegen diejenigen Stellen geäussert, wo ihre Schwächen am deutlichsten aufgezeigt wurden. Da aber der wahre Grund des Ärgernisses nicht genannt werden durfte, so war ihre nächste Sorge, die Verbreitung meiner kritischen Betrachtungen über sie zu hindern, damit meine Schrift nicht erst von einer grösseren Menge gelesen werden möchte. Indem sie dementsprechend das Buch beschimpften und einige verstümmelte Zitate daraus anführten, erlangten sie, wie bereits erwähnt, die Anzeige des Obergerichts. Da dies jedoch heutzutage der denkbar schlechteste Weg zur Unterdrückung von Büchern ist, so machte es meine Schrift noch mehr bekannt und vergrösserte ihren Absatz. Dies wiederum machte einige besonders hitzige Leute ganz toll, und man begann mich nun von allen Seiten mit grosser Wut anzugreifen. Da aber noch nichts veröffentlicht worden ist, was nicht mit Leichtigkeit aus der Bienenfabel selbst beantwortet werden könnte, so habe ich es bisher nicht für nötig gehalten, Notiz davon zu nehmen.

Die Bienenfabel wurde zur Unterhaltung der Leute in Mussestunden geschrieben und für Gebildete berechnet, wenn sie nichts zu tun haben und sich zerstreuen wollen. Von vielbeschäftigten oder anderweitig beanspruchten Menschen zu verlangen, dass sie ein so rhapsodisch geschriebenes Werk ganz durchlesen, wäre eine unvernünftige Forderung, wenigstens sollte der Verfasser selbst nicht so unbescheiden sein, es zu erwarten. Ich darf aber wohl bemerken, dass jeder, der dies nicht getan hat, nicht so von oben herab urteilen sollte, wie manche es in bezug auf die allerunbedenklichsten Stellen getan haben. Man kann nicht alles auf einmal sagen; jedem, der ein Buch vor sich hat, steht es anderseits frei, es zu öffnen und zu schliessen, wann und wo es ihm passt. Es gibt vieles, was wir durchaus billigen, wovon wir aber doch einzelnes verwarfen, ehe wir das Ganze kennen lernten; und wir sollten niemals vergessen, dass Schriftsteller oft manches absichtlich zurückstellen, um anderes klar und verständlich zu machen, was schwierig und dunkel ist. Selbst wenn wir etwas finden, was wirklich anstössig und in keiner Weise aufrechtzuerhalten ist: falls wir das Buch nicht ganz durchlesen, können wir nie wissen, ob der Verfasser nicht selbst gegen die betreffende Stelle Bedenken geäussert, ob er sie vielleicht widerrufen oder sich ihretwegen entschuldigt hat.

Es ist kaum möglich, dass ein ehrenhafter und leidlich urteilsfähiger Mann, der ernstlich über das Buch nachdenkt, Anstoss an ihm nehmen kann. Zunächst wird er finden, dass ich unter »Laster« die als vornehm geltende Lebensführung, die herrschenden feinen Sitten verstehe, die so oft von denselben Leuten befolgt und gleichzeitig ausdrücklich getadelt werden, jene Laster, derentwegen diejenigen, die sich ihrer schuldig machen, wütend auf mich sind, dass ich sie als solche bezeichne: die Annehmlichkeiten und Behaglichkeiten, die meine Widersacher so sehr lieben und für die sie, statt sich von ihnen loszusagen und zu trennen, doch so gern eine Rechtfertigung zustande bringen möchten. Er wird ferner bemerken, dass ich mich an die Menschen wende, die vor allem ihr Leben und die Freuden dieser Welt geniessen wollen, und dass ich, wo ich zu anderen spreche, die auf alles Überflüssige verzichten und die Tugend und Redlichkeit dem Glanz und Wohlleben vorziehen, dass ich da ganz abweichende Grundsätze aufstelle; womit sich, was ich Seite 223 gesagt habe, als wahr erweist, nämlich: »Zeigte ich auch den Weg zu weltlicher Grösse, so habe ich doch dem Pfade zur Tugend stets unbedenklich den Vorzug gegeben.«

Falls man mir einwendet, es sei nicht mein Ernst gewesen, als ich jene asketischen Grundsätze empfahl, so möchte ich antworten, dass die also Denkenden das gleiche zu Paulus oder zu Jesus selbst gesagt haben würden, wenn er sie geheissen hätte, ihr Hab und Gut zu verkaufen und das Geld den Armen zu geben. Armut und Selbstverleugnung haben für meine Feinde nichts Verlockendes an sich. Sie hassen deren Anblick und schon den blossen Gedanken daran nicht weniger als mich. Folglich: jeder, der sie empfiehlt, muss dies im Scherze tun. Kein mathematischer Beweis ist sicherer als dies, dass die Unterdrückung der Schiffahrt und alles Handelsverkehrs mit Fremden das wirksamste Mittel ist, um Laster und Luxus fernzuhalten. Fast ebenso sicher ist es, dass Bürger und ehrenwerte Männer, die das Ihrige verteidigen und Pro Aris et Focis kämpfen, nachdem sie einmal diszipliniert und an Strapazen gewöhnt, zuverlässiger sind als Mietstruppen und Söldnerscharen. Man lasse einen Mann dies in London öffentlich verkünden, und die Leute werden sagen, er sei verdreht. Wenn aber die Menschen die Tugend nicht für den Preis erwerben wollen, für den allein sie zu haben ist, wessen Fehler ist das?

Ich wusste, mit was für Leuten ich zu tun hatte. Als ich von den Spartanern und ihrer Genügsamkeit sprach und davon, wie furchtbar sie ihren Feinden waren, da sagte ich, eine solche Lebensweise, eine durch derart strenge Selbstverleugnung erworbene Berühmtheit wäre nicht das, was die Engländer verlangten oder begehrten. In demselben Sinne äussere ich mich noch an vielen anderen Stellen des Buches; doch aus dieser allein erhellt bereits, dass ich, wenn ich kein Narr oder Verrückter war, nicht die Absicht haben konnte, die unter uns herrschenden Laster zu ermutigen oder zu fördern. Es wird schwer sein, mir einen Schriftsteller zu nennen, der sie schonungsloser enthüllt und lächerlich gemacht hat. Rechtsverletzungen habe ich in ernsterer Weise behandelt; und obwohl man darauf hingedeutet hat, dass ich ein Verteidiger der Schlechtigkeit und Schurkerei im allgemeinen sei, so ist doch nichts derartiges in dem Buche enthalten. Ich habe allerdings gesagt, dass wir häufig ein offenbares Gut aus einem greifbaren Übel entspringen sehen, und habe Beispiele angeführt zum Beweise dafür, dass durch die wunderbaren Fügungen einer unerforschlichen Vorsehung Räuber, Mörder und die schlimmsten Missetäter manchmal mitwirken an der Rettung aus grosser Not und an beträchtlichen Segnungen, wie Gott sie den Schuldlosen und Tüchtigen zuteil werden lässt. Was jedoch die Verbrechen selbst betrifft, so habe ich immer nur mit äusserstem Abscheu von ihnen gesprochen und bei jeder Gelegenheit die unbedingte Notwendigkeit betont, alle diejenigen, die sich ihrer schuldig machen, ohne Nachsicht und Gnade zu bestrafen.

Dass Ehrlichkeit die beste Politik auch in bezug auf irdische Dinge ist, ist im allgemeinen richtig. Indes, sie erhebt die Menschen doch nicht so oft zu grosser Macht und grossem Reichtum wie Ehrsucht und Schurkerei, und Gelegenheit ist ein arger Verführer. Anwälte, Makler, Bankiers, Agenten und Vermittler jeder Art können zweifellos in ihrem Berufe ebenso ehrlich sein wie Menschen in anderen Berufen. Man sieht aber klar und deutlich in allen Gewerben: je grösseres Vertrauen dem einzelnen geschenkt werden muss, je mehr seine Unternehmungen geheim bleiben und er sie nur vor Gott und seinem eigenen Gewissen zu rechtfertigen hat, desto leichter ist es ihm gemacht, ein Schuft zu sein ohne entdeckt zu werden. Wenn nun ein Mann, in einer Stellung, wo er viel günstige Gelegenheit hat, andere ungestraft zu betrügen, ein schlauer Schwindler, ein habsüchtiger Geizhals oder arglistiger Heuchler ist, kann es da noch eine Frage sein, dass er, mit demselben anfangend, mehr Aussicht hat, in wenigen Jahren ein grosses Vermögen zu erwerben, als ein mildherziger, frommer Mann, dessen Herz nicht so an dieser Welt hängt, in demselben oder einem andern, für ehrliche Leute gleich einträglichen Beruf? Ich weiss wohl, was sich gegen mich sagen lässt: vom Segen Gottes, und wer die meiste Aussicht hat, seiner teilhaftig zu werden. Die Wege der Vorsehung sind unerforschlich, und die Verteilung dessen, was wir Gut und Übel in dieser Welt nennen, ist ein Rätsel, das wir mit unseren Begriffen von der göttlichen Gerechtigkeit nicht lösen können, ohne zu einem künftigen Leben Zuflucht zu nehmen; ich brauche dies daher hier nicht in Betracht zu ziehen. Die Frage ist nicht, welches der kürzeste Weg zum Reichtum, sondern ob der Reichtum selbst die ewige Verdammnis wert sei.

Es hat nie – und es ist auch gar nicht anders denkbar – eine wohlhabende Nation gegeben, die von groben Lastern frei gewesen wäre. Dies ist nun mal eine Wahrheit; aber dass es eine ist, dazu trage ich doch nicht bei, indem ich es öffentlich ausspreche. Als ich zeigte, wie notwendig das Laster zur machtvollen Grösse einer sozialen Gemeinschaft ist, legte ich das Wesen dieser Grösse offen dar und überliess ihren Mitgliedern die Entscheidung, ob sie jenen Preis wert ist. Ich fordere alle meine Feinde auf, mir zu zeigen, wo ich das Laster empfohlen oder auch nur das geringste Wort gesagt habe, das im Widerspruch steht mit der ebenso wahren wie vortrefflichen Bemerkung des Herrn Bayle: Les utilités du vice n'empêchent pas qu'il ne soit mauvais. Das Laster ist stets schlecht, welchen Gewinn wir auch daraus ziehen mögen. – Aber man ist seltsam mit mir umgegangen.

Wenn ein blühender junger Mensch von athletischer Gesundheit und an der Schwelle des Mannesalters stehend absichtlich sein Fleisch kasteien wollte, und zwar nur um weniger zu wiegen, so würde ich seine Bemühungen eine Narrheit nennen, weil er sich der Gefahr aussetzt, sich grossen Schaden zuzufügen. Jedoch er muss reiten; die Wette ist abgeschlossen, er ist seinem Herrn verpflichtet und ist verloren, wenn er sich weigert. So wird er denn bis zum festgesetzten Termin in entsprechende Behandlung genommen. Läge mir nun etwas daran, das ganze Verfahren darzulegen, die Kur, die einer durchmachen muss, um abzumagern, wollte ich öffentlich bekanntgeben, welche scharfen Flüssigkeiten einer zu nehmen hat, wie er mit schweisstreibenden und Abführmitteln traktiert wird und sich im Essen und in seiner Nachtruhe einschränken muss, – wenn mir, wie gesagt, etwas daran läge, dies zu tun und die genannten Mittel lächerlich zu machen, so sehe ich nicht, wo hier etwas Schlimmes wäre. Hinsichtlich der Sache selbst würde niemand zweifeln, dass das Essigtrinken, Arzeneinehmen, Wachen und Hungern eine geeignetere Abmagerungskur ist als drei gute Mahlzeiten pro Tag und erquickender Schlaf bei Nacht. Die Frage ist aber, ob das Leichterwerden oder das Reiten selbst von solcher Wichtigkeit ist, dass ein Mensch soviel deswegen aussteht. Ich glaube, die meisten würden, weit entfernt, diese Vorschriften zu befolgen, sich damit begnügen, sie anzustaunen und über ihre Torheit zu lachen. Unmenschlich jedoch wäre es, zu sagen, ich hätte sie empfohlen, wenn ich mich offen dagegen erklärt habe. Und wie würde man es erst nennen, wenn die Jockeis selbst, während sie ihr früheres Tun fortsetzten, jetzt aus Rache für meine Enthüllungen allen Ernstes sich über mich beklagen wollten, weil ich eine verderbliche Lehre aufgebracht hätte, die der Gesundheit und dem Gedeihen der jungen Leute gefährlich sei, und wenn sie zum Beweis für ihre Behauptungen gerade nur so viel von meinen Worten anführen wollten, wie ihrem Zwecke entspräche, aber nicht mehr?

Ich halte dies für eine ziemlich genaue Analogie zu meinem Fall; omne simile claudicat. Indes genügt es für mich nicht, meine Unschuld zu versichern, ebensowenig wie für meine Feinde, zu schreien, dass ich schuldig bin. Verständige Menschen würden sich durch keines von beiden lange täuschen lassen. Das Buch selber muss schliesslich über uns entscheiden; dorthin verweise ich alle einsichtigen sowie unparteiischen Leser. Sie werden dann die wahre Ursache aller Bosheiten und Anklagen gegen mich bald herausfinden. Sie werden sehen, dass meine offene Darlegung des luxuriösen Lebens gewisser Leute, meine Beweise für die ebenso grosse Seltenheit der Selbstverleugnung unter Christen wie unter anderen Menschen, kurz, meine tadelnden und spottenden Angriffe auf die Sittenverderbnis und Heuchelei mir unendlich viel mehr Feinde verschafft haben, als alle angebliche Ermutigung des Lasters und der Unmoral, die in meiner Schrift zu finden sind. Wenn hiervon alle aufrichtigen und zur Lektüre solcher Bücher überhaupt befähigten Menschen nach Durchlesung des Ganzen nicht völlig überzeugt sind, so will ich für immer geächtet sein und die gute Meinung aller derer, die ich hochschätze, verwirkt haben. – Doch es bleibt der Titel: »Der Einzelnen Laster, des Ganzen Gewinn«. Diese Worte zu hören und zu sehen, wird man mir sagen, muss allen anstössig sein, die das Buch selbst nicht lesen, die auch nicht geruhen werden, je hineinzuschauen.

Wir wollen dies, bitte, genauer prüfen, mein Herr. Es ist klar, dass die Worte »Der Einzelnen Laster, des Ganzen Gewinn«, grammatisch gesprochen, keinen ganzen Satz ausmachen; dass mindestens ein Verbum, wenn nicht noch eine Menge anderes, zur Vervollständigung des Sinnes fehlt. Ich habe an anderem Orte gesagt, ich meinte damit, dass die Laster der Einzelnen durch das geschickte Vorgehen eines tüchtigen Politikers in einen Gewinn für das Ganze umgewandelt werden können. In dieser Erklärung liegt nichts Gezwungenes oder Unnatürliches, und jeder sollte doch seine eigenen Worte deuten dürfen. Wenn ich aber auch auf dieses Recht verzichte, so ist die schlimmste Bedeutung, die man jenen Worten unterlegen kann, dass sie eine kurze Zusammenfassung dessen sind, was ich in dem ganzen Buche zu beweisen mich bemüht habe, nämlich dass der Luxus und die menschlichen Laster, bei den in der Bienenfabel geforderten Einschränkungen und Vorsichtsmassregeln, für das materielle Wohlergehen der bürgerlichen Gesellschaft förderlich, ja unumgänglich notwendig sind; ich meine hier das, was gewöhnlich »irdisches Glück« genannt und als solches angesehen wird.

Was diejenigen betrifft, die, ohne das Buch zu lesen, durch den Anblick oder den blossen Klang der Worte »Der Einzelnen Laster, des Ganzen Gewinn« verdorben werden könnten, so weiss ich allerdings nicht, welche Vorkehrungen ich ihretwegen treffen soll. Leute, die Bücher nach ihren Titeln beurteilen, müssen oft getäuscht werden. Es liegt weder eine Gotteslästerung noch Hochverrat in jenen Worten, auch von Unzüchtigkeit sind sie weit genug entfernt. Falls irgendein Unheil von ihnen zu befürchten ist, so muss »Trinkt und seid reich« – ein Titel, den man auf den Strassen ausgeschrien hat – sehr viel gefährlicher sein. Dies ist eine direkte Aufforderung, eine ebenso verderbliche wie trügerische Lehre, als richtiger Satz und in imperativischer Form ausgesprochen. Welche seltsamen Folgen würde es namentlich für die Armen haben, wenn die Leute, im Vertrauen auf die Weisheit dieses Satzes und im Glauben an seinen heilsamen Rat, ihm entsprechend handeln wollten, ohne weiter nachzuprüfen!

Der eigentliche Zweck meiner Verwendung des Titels »Der Einzelnen Laster, des Ganzen Gewinn« war, ehrlich gesagt, die Erregung der Aufmerksamkeit. Wie er ja auch allgemein als Paradoxon gilt, so wählte ich ihn in der Hoffnung, dass, wer ihn etwa hörte oder sähe, zu erfahren wünschen würde, was zu seiner Rechtfertigung gesagt werden könne, so dass er das Buch vielleicht eher kaufen würde, als er sonst getan hätte. Dies ist, nach meinem besten Wissen, meine ganze Absicht dabei gewesen, und ich hätte wohl auch ein Tor sein müssen, hätte ich eine andere gehabt.

Falls man einwendet, dass dieser »Gewinn« ein materieller ist, so gebe ich das zu; jeder kann sehen, in wessen Sinne ich ihn so nenne, nämlich in der Sprache der Welt und der Zeit, in der ich lebe. Dies hat einer meiner Gegner richtig erfasst und sich bemüht, mir einen Strick daraus zu drehen mit der Bemerkung, nichts könne ein wahrer Gewinn sein, was nicht zu eines Menschen ewiger Seligkeit hinführe; die Dinge aber, die ich so bezeichne, täten dies offenbar nicht. Ich stimme ihm darin bei, dass das Seelenheil eines Menschen der grösste »Gewinn« ist, den er erlangen oder sich wünschen kann. Ich bin auch überzeugt, dass das Wort in bezug auf geistige Dinge durchaus mit Recht diesen Sinn hat; dasselbe gilt von solchen Ausdrücken wie Vorteil, Nutzen und, wenn man will, Profit. Ich leugne aber, dass dies, ohne irgendeinen Zusatz, ihre allgemein angenommene Bedeutung ist, in der ich doch, hoff' ich, gleich meinen übrigen Mitmenschen die Worte gebrauchen darf. Alle irdischen Güter und materiellen Vorteile jedweder Art werden ein »Gewinn« genannt, und tausenderlei bringt dem Leibe Gewinn, was mit der Seele gar nichts zu tun hat. So mag es für einen Verbrecher ein Gewinn sein, wenn er der Bestrafung durch weltliche Gerichte entzogen ist; so gibt es Gewinnlose, und so mag jemand aufs Land reisen, weil er sich einen Gewinn für seine Gesundheit davon verspricht. Ich möchte den oben erwähnten Herrn fragen: wenn er liest, dass der Gewinn aus irgendeiner öffentlichen Veranstaltung bestimmten Menschen zufallen soll, ob er da glaubt, dass es das Geld, das die Betreffenden erhalten, oder die Veranstaltung selbst ist, was am meisten zu deren ewigem Seelenheil beiträgt.

Indes, ich bin vorsichtiger und gewissenhafter, als meine Feinde glauben. Wenn ich von meinen Lesern hätte so verstanden sein wollen, dass die menschlichen Laster sich oft als nutzbringend für die mit ihnen Behafteten erweisen, so würde ich, obgleich es durchaus wahr ist, doch in diesem Falle das Wort »Gewinn« nicht in so allgemeinem Sinne gebraucht haben. Denn da nichts von grösserer Bedeutung für den individuellen Menschen ist als sein künftiges Wohlergehen, so kann, im uneingeschränkten Wortsinne, nichts für ihn von Gewinn sein, was seine ewige Seligkeit vernichtet oder auch nur irgendwie mit ihr in Konflikt gerät. Aber diese ewige Seligkeit kann frühestens nach diesem Leben beginnen, und sobald ein Mensch gestorben ist, hört er auf, ein Mitglied der Gesellschaft zu sein. Er ist dann kein Teil des »Ganzen« mehr, das heisst einer Gemeinschaft von lebenden Geschöpfen, lebend auf dieser Erde, daher als solche nicht imstande, ewige Seligkeit zu geniessen. Ein Geizhals mag direkt zur Hölle fahren als der Belohnung für seine Habgier und Bedrückung anderer, während gleichzeitig die von ihm hinterlassenen Reichtümer und von ihm erbauten Krankenhäuser eine wertvolle Unterstützung für die Armen und somit ein »Gewinn für das Ganze« sind.

Wenn jemand behaupten wollte, dass der Staat, das »Ganze«, völlig unfähig ist, überhaupt eine Religion zu haben, so würden manche Leute vielleicht sehr empört sein; es ist jedoch ebenso wahr, wie dass der soziale Organismus – nur ein anderer Name für den Staat – weder Leber oder Lungen, noch Augen oder Ohren im buchstäblichen Sinne hat. Menschenmengen, gemischt aus Guten und Bösen, aus Hohen und Niedrigen, können sich wohl zu äusseren Kulthandlungen vereinigen und zusammen sogenannten öffentlichen Gottesdienst verrichten. Die Religion selbst aber kann nur in den Herzen der Einzelnen einen Platz haben. Was ein Gesetzgeber bestenfalls zu ihrer Förderung in einem christlichen Lande tun kann, ist erstens, sie durch das Gesetz einführen; hernach einerseits ihre Übung in jeder Weise sichern und begünstigen, anderseits Schlechtigkeit und alle Art von Gottlosigkeit verbieten und bestrafen, soweit sie zur Kenntnis der Obrigkeit kommen kann. Dies ist es, was meiner Meinung nach im weltlichen Interesse der Gesamtheit in der Zivilverwaltung jeder Regierung notwendig ist, ehe noch das eigentliche Christentum in Frage kommt, das eine Privatangelegenheit jedes einzelnen Individuums ist. Ich habe dies zwar nicht jedesmal erwähnt, wenn ich mich mit den genussfreudigen Weltkindern befasse; als es mir aber gerade direkt in den Weg kam, habe ich allen Obrigkeiten die Sorge um den Gottesdienst ernstlich empfohlen, auch wo es mir hauptsächlich auf den Reichturn und die Grösse der Nation und die Erhöhung des irdischen Ruhmes ankam, womit gute Christen freilich wenig zu schaffen haben sollten. Einen unleugbaren Beweis hierfür können Sie auf Seite 278 finden, wo ich von der Belehrung spreche, die den Kindern der ärmeren Klassen in der Kirche erteilt werden könnte, »deren sonntäglichen Besuch« heisst es da »ich auch dem Ärmsten in der Gemeinde, solange er noch hinzugehen imstande ist, nicht erlassen möchte«. Die Stelle lautet:

»Der Sonntag ist … zurückgehalten werden« (S. 278, Z. 10 bis Z. 26).

Ich kehre zu meinem Thema zurück. Wie sehr auch der erwähnte Untertitel meines Buches für manche verletzend, für andere lächerlich gewesen sein mag, so ist er doch unwiderleglich richtig. Es gibt verschiedene Wege, auf denen die Laster der Einzelnen zu einem Gewinn für das Ganze werden können, – Wege, die der Wirklichkeit und der Praxis des Lebens besser entsprechen als das, was vor einiger Zeit ein hochachtbarer Geistlicher vorgebracht hat, dessen Religion und Frömmigkeit so deutlich in der »Geschichte einer Tonne«, diesem unverhüllten Bekenntnis seines Glaubens, zum Ausdruck kommen. Mögen die Leute über die Definition des Luxus streiten, solange sie wollen: wenn die Menschen alles zum Leben Notwendige im eigenen Lande beschaffen können und trotzdem in fremden Ländern nach Überflüssigem suchen, was sie – wie es viele wirklich tun – sehr gut entbehren könnten, so liegt entschieden ein gewisser Grad von Luxus vor, falls es so etwas wie Luxus überhaupt in der Welt gibt. Wenn nun ein Gesetzgeber, in seiner Sorge um das Gedeihen und damit um die Ruhe und Sicherheit des Staates, angesichts der lasterhaften Neigungen und der Luxusbedürfnisse diese als Mittel benutzte, um das Staatsgebäude zu festigen, und tatsächlich Geld aufbrächte durch die Besteuerung der Einfuhr solcher ausländischen Luxusartikel, sollte man da nicht sagen dürfen, dass durch ein derartig geschicktes Vorgehen die »Laster der Einzelnen« in einen »Gewinn für das Ganze« umgewandelt würden? Und wird eben dies nicht getan, wenn hohe Zölle auf Zucker, Wein, Seide, Tabak und hundert andere Dinge gelegt werden, die noch weniger notwendig und nur mit unendlicher Mühe und Arbeit und mit Gefahr für Menschenleben zu erlangen sind? Falls man mir sagt, die Menschen könnten sich doch aller dieser Dinge mit Mass bedienen, daher das Bedürfnis nach ihnen kein Laster sei, so antworte ich, dass entweder kein Grad von Luxus ein Laster genannt werden darf, oder dass man überhaupt keine Definition des Luxus geben kann, die jedermann als richtig anerkennen wird.

Ich will Ihnen aber noch ein anderes Beispiel dafür geben, wie grobe und offenkundige Laster ein Gewinn für die Gemeinschaft sein können und auch zu einem solchen gemacht werden. Es ist eine Hauptaufgabe aller Gesetzgeber, über das öffentliche Wohl zu wachen und zu diesem Zwecke jede Unannehmlichkeit, jeden Übelstand in Kauf zu nehmen, um einem weit grösseren zu entgehen, falls dieses grössere Übel unmöglich sich auf billigere Weise vermeiden lässt. So ist in Anbetracht der täglich wachsenden Zahl von Spitzbuben und Vagabunden gesetzlich folgendes bestimmt worden: wenn ein Verbrecher vor seiner Verurteilung zwei oder mehr seiner Komplicen oder sonstige Missetäter zur Anzeige bringt, so dass sie eines Kapitalverbrechens überführt werden können, so soll er freigesprochen und mit einer Belohnung in Bargeld entlassen werden. Ohne Zweifel ist dies eine gute und weise Bestimmung; denn ohne eine solche Vorkehrung würden sich zehnmal soviel Räuber und Strolche im Lande herumtreiben, als jetzt der Fall ist. Wir werden durch dieses Mittel nicht bloss von einer grösseren Zahl von Übeltätern befreit, als durch irgendein anderes zu erwarten wäre; sondern es hemmt dies gleichzeitig ihr Anwachsen, löst ihre Banden auf und hindert sie, sich gegenseitig zu vertrauen. Denn drei Verbrecher können, getrennt vorgehend, nicht überall so viel wirkliches Unheil anrichten, wie wenn sie in Gemeinschaft handeln. Bei alledem ist aber ersichtlich, dass das Gesetz in diesem Falle lediglich das öffentliche Wohl im Auge hat, zu dessen Sicherung es jede andere Vorschrift beiseitestellt, und dass es dem geläufigen Begriffe von Gerechtigkeit entgegenhandelt, die gemäss dem Zivilrecht in einem »steten und dauernden Bestreben, einem jeden das ihm Zukommende zu geben« besteht. Denn statt ihn aufzuhängen, was das dem Verbrecher Zukommende ist, spricht es ihn frei. In der Befürchtung, es möchte noch ein Rest von anständiger Gesinnung in ihm sein, und natürliches Mitgefühl könnte ihn abhalten, durch sein blosses Wort seine Freunde, vielleicht seinen eigenen Bruder zu verderben, fordert das Gesetz ihn durch eine ansehnliche Summe Geldes hierzu auf und besticht ihn, zu seinen übrigen Missetaten noch dieses Verräterstück gegen seine Genossen zu fügen, denen er Treue geschworen und die er vielleicht in sein Verbrechen mit hineingezogen hatte.

Es hilft nichts, wenn man sagt, das Anzeigen seiner Genossen sei bei einem Verbrecher nichts Schlimmes, sondern eine Pflicht, die er seinem Lande schuldet, und ich wisse nicht, dass es die Wirkung seiner aufrichtigen Reue ist, auf Grund deren er dieses offene Geständnis als einzige Busse betrachtet, die er der Allgemeinheit gegenüber für all seine Verfehlungen zu leisten imstande ist. Die Menschen, die andere aus einem Gewissensmotiv und aus Pflichtgefühl zur Anzeige bringen, sind nicht diejenigen, die der Gesetzgeber im Auge hatte. Als diese Verordnung erlassen wurde, wusste man aus den Beobachtungen über Taschendiebe, Einbrecher usw. sehr genau, dass die durchschnittlichen Spitzbuben alles tun, um Geld zu kriegen, und erst recht, um ihr Leben zu retten, sobald sie wissen, dass sie es verwirkt haben. Die Kenntnis dieser Tatsache war die Grundlage jenes Gesetzes. Denn auch unter den elendesten Schurken gibt es Freundschaft und Zuneigung. Festigkeit, Treue und Unerschrockenheit gelten bei ihnen ebenso wie bei anderen Leuten als wertvolle Eigenschaften. Ein Verbrecher, der einen anderen ohne sonstigen Zwang bloss für Geld verrät, glaubt selbst etwas Schlechtes getan zu haben; und unter den vielen Hunderten von Übeltätern, die ihre Genossen angezeigt und an den Galgen gebracht haben, hätte sich wohl kaum jemals einer zum Zeugen gegen einen vorher nicht mit ihm verfeindeten Kameraden gemacht, wenn er dadurch, dass er den Mund hielt, ein gleich gutes Geschäft hätte machen können.

Dies zeigt die Nützlichkeit eines solchen Gesetzes und gleichzeitig die Weisheit des Politikers, durch dessen geschicktes Vorgehen die Laster der Einzelnen – hier von Verbrechern – sich zu einem Gewinn für das Ganze gestalten. Manche Menschen sind der Ansicht, kein positives Übel könne hervorgebracht, noch könne veranlasst werden, dass etwas Gutes daraus entspringe, auf keinen Fall und in keiner Hinsicht. Sollte einer von diesen im Zweifel sein, ob jenes Gesetz, ausser seiner Förderung des Wohles der Gesellschaft, nicht vielleicht doch etwas Vernünftiges oder sonstwie Nützliches enthält, so möchte ich ihn fragen, ob es nicht eine unverzeihliche Torheit, ja ein arger Missgriff jeder Gesetzgebung ist, zu bestimmen, dass ein gänzlich verkommener und zahlreicher Kapitalverbrechen schuldiger Kerl, ohne irgendwelche Reue gezeigt zu haben, nicht bloss freigesprochen, sondern auch mit einer Geldbelohnung wieder auf die Gesellschaft losgelassen wird; ferner, ob der Zweck einer so ungewöhnlichen Massnahme, nämlich die Verminderung von Diebstählen und Gaunereien, sich etwa auf eine andere Weise erreichen lässt, die den uns geläufigen Begriffen von Gerechtigkeit weniger widerstreitet. Da diese Begriffe unleugbar richtig sind, so ist der einzige Grund dafür, dass jene Bestimmung weder verwerflich noch töricht ist, ihre Notwendigkeit und der von ihr erwartete Nutzen für die Allgemeinheit.

Wenn alles, was ich bisher zur Verteidigung der Bienenfabel gesagt und was ich aus ihr zitiert habe, die Meinung, die Sie von dem Buche gehabt zu haben scheinen, nicht geändert hat, so halte ich es für vergeblich, noch mehr zu sagen. Andere Leser werden hoffentlich weniger verstockt, vielmehr inzwischen überzeugt worden sein, dass es nicht zur Ermutigung des Lasters und zur Demoralisierung des Volkes geschrieben wurde. Mehr verlange ich gar nicht. Denn in bezug auf die schriftstellerische Leistung, ob sie gut oder schlecht, will ich mich in keiner Weise äussern. Ich glaube entschieden, werter Herr, die meisten Autoren – wenn sie es auch noch so sehr bestreiten – haben eine bessere Meinung von ihren Werken, als diese verdienen; und mir ist so, als ob die Mehrzahl der Menschen dasselbe glaubte. Ob es also in Rücksicht auf Stil, Ausdruck und sonstiges zur Komposition Gehörige gut oder schlecht geschrieben ist, darüber würde ich mir auch dann nicht Sorgen gemacht haben, wenn es noch allgemeiner, als tatsächlich geschehen ist, verurteilt worden wäre.

Die Kritiker, die das Buch öffentlich angegriffen haben, sind über seine Verdienste durchaus nicht einig. Zwei von ihnen, die beide dagegen geschrieben haben, weichen in ihrer Meinung über seinen schriftstellerischen Wert sehr beträchtlich voneinander ab. Ein bekannter Kritiker, der alle viel gekauften Bücher zu hassen scheint, andere aber nicht, hat in seinem Ärger über diesen Umstand sich folgendermassen über die Bienenfabel ausgesprochen: »Es ist ein elendes Machwerk; die Gedanken sind gewöhnlich, die Spässe sind abscheulich roh, und die Sprache ist oft barbarisch.« Einem ehrwürdigen Geistlichen dagegen, der eine lange Vorrede gegen dasselbe Buch geschrieben hat, scheint weder die Darstellungsweise missfallen zu haben, noch der starke Absatz überraschend gewesen zu sein, den er zum grossen Teile »der freien, leichten und lebendigen Art des Autors« zuschreibt. Aus diesem Gegensatz der Meinungen will ich weiter nichts folgern, als dass es für die Menschen, die wahrheitsgemäss über das Buch unterrichtet sein möchten, nicht ratsam ist, sich auf die darüber verbreiteten Berichte zu verlassen. Wie schade, dass Sie dies nicht wussten, ehe Sie Ihren »Philosophischen Kleinmeister« verfassten.

Es gibt selbst unter den Fähigsten wenige, die Bücher unparteiisch zu beurteilen vermögen. Oft werden wir von Liebe oder Hass beeinflusst, ehe wir selbst noch dessen gewahr werden. Ich bin verschiedenen kompetenten Beurteilern von Büchern begegnet, die Ihren Alciphron gar nicht schätzten und sehr verächtlich von ihm sprachen; als Hauptgrund fand ich, dass Sie alle »Freidenker« ohne Ausnahme angegriffen haben. Ich erkläre jedoch, dass ich Ihr Buch im ganzen genommen für gut geschrieben halte, obwohl Sie höchst unbarmherzig mit mir verfahren sind, und falls Sie die Bienenfabel gelesen haben, nicht wie ein redlicher Mann gehandelt haben. Wenn jemand ein hübsches Gesicht hat, so kann ich nicht so töricht sein und ihn für hässlich halten, weil er mich schlecht behandelt hat. Ich weiche ganz und gar von Mylord Shaftesbury ab, was die Gewissheit des Pulchrum et Honestum unter Absehung von Mode und Sitte anlangt; dasselbe tue ich in bezug auf den Ursprung der Gesellschaft und vieles andere, namentlich die Gründe, warum der Mensch mehr als andere Tiere ein geselliges Wesen ist. Ich bin der festen Überzeugung, Seine Lordschaft war in diesen Dingen im Irrtum. Dies macht aber mein Urteil nicht soweit blind, dass ich nicht sähe, dass er ein sehr feiner Schriftsteller ist, ein viel besserer Stilist als ich selbst, oder auch als Sie. Wäre der edle Lord ein viel schlechterer Schriftsteller gewesen, hätte aber vom Standpunkt der Orthodoxie und der Kirche aus geschrieben, so würden Sie, glaub' ich fast, vorteilhafter von seinen Fähigkeiten gedacht haben. Ich habe gesehen, was Sie von ihm zitiert und in welcher Weise Sie es getan haben. In welchem Verhältnis steht das aber zu drei dicken Bänden und den vielen vorzüglichen Bemerkungen, die er gegen Priesterschläue und im Sinne der Freiheit und des Menschenglücks gemacht hat. Im grossen und ganzen möchte ich behaupten, Ihr »Philosophischer Kleinmeister« wird unter denen, die die »Charakteristiken« gelesen haben und nicht darin verspottet werden, nur sehr wenige Leser finden, die der Ansicht sein werden, Mylord Shaftesbury verdiene auch nur den zehnten Teil der Beschimpfung und Verachtung, mit der Sie Cratylus behandeln.

Es können zwei Menschen in ihren Anschauungen auseinandergehen und doch beide das Beste wollen. Sie, werter Herr, betrachten es als empfehlenswert für die Gesellschaft, dass die menschliche Natur soviel wie möglich gepriesen werde; ich dagegen halte ihre tatsächliche Niedrigkeit und Schlechtigkeit für lehrreicher. Ihre Absicht ist es, die Menschen dazu zu bringen, dass sie dem schönen Vorbild nacheifern und seiner Würde entsprechend zu leben suchen; meine Absicht ist es, die grosse Wichtigkeit der Erziehung nachdrücklichst zu betonen und die Eigenliebe zu bändigen. Sehr gefallen hat mir, was Sie in Ihrem ersten Dialoge über Apfel- und Orangenbäume sagen, über die verschiedenartigen Erzeugnisse jener und die Kultur dieser. Das Gleichnis ist sehr geistreich und seine Anwendung passend; ich glaube aber nicht, dass die Folgerungen, die daraus gezogen werden müssen, Ihnen viel nützen werden. An einer Stelle fragt Euphranor den Alciphron: »Warum sollten wir auf Grund eines Analogieschlusses nicht folgern, dass etwas dem menschlichen Geschlechte von Natur zukommen kann, obwohl es sich nicht in allen einzelnen Menschen findet und da, wo es sich findet, auch nicht unwandelbar das gleiche ist?« – Ich antworte: sie sollten. Allein, wenn alle Kenntnisse und Vervollkommnungen, die dem Menschen erreichbar sind, als ihm von Natur zukommend und als dem ganzen Geschlechte eigentümlich betrachtet werden müssen, so muss dasselbe, was für die Tugenden und die freien Künste gilt, auch für das Laster und die Verworfenheit gelten. Es muss dann – was ich bisher nie gedacht hätte – ebenso natürlich für einen Menschen sein, seinen Vater zu ermorden wie ihn zu ehren, und für eine Frau ebenso natürlich, ihren Ehemann zu vergiften wie ihn zu lieben.

Wenn Sie nur, werter Herr, die Gründe erwägen wollten, die ich für die Unterscheidung zwischen Natürlichem und Erworbenem angebe, so würden Sie in meinem Verhalten keine böse Absicht entdecken. Vieles ist wahr, was der grosse Haufe für paradox hält. Glauben Sie mir, werter Herr, das Verständnis für das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft erfordert Studium und Erfahrung. Das Übel ist, wenn nicht deren Grundlage, so doch mindestens ein notwendiger Bestandteil des Ganzen; das irdische Glück der Einen ist untrennbar von dem Elend der Anderen. Rechte Toren sind, die sich einbilden, das Gedeihen des Ganzen sei verträglich mit dem Wohlergehen jedes einzelnen Individuums. Und die Besten unter uns sind unaufrichtig: ein jeder wendet sich gegen den Luxus, doch gibt es keine Menschenklasse, die sich seiner nicht schuldig macht; und wenn die Regierung sich nicht dauernd bemüht, Handel und Gewerbe zu fördern, durch die wir Möglichkeit und Mittel zu luxuriösem Leben erlangen, so wird sie getadelt. Ein Zunehmen von Handel und Schiffahrt und gleichzeitig ein Abnehmen des Luxus herbeizuwünschen, ist ein Widerspruch. Denn vorausgesetzt, die Gesetzgebung könnte mit Hilfe der Geistlichkeit eine allgemeine Genügsamkeit bei unserem Volke einführen, so könnten wir unseren Handelsverkehr nicht mehr aufrechterhalten und die gleiche Zahl von Werkstätten und Schiffen nicht mehr in Betrieb halten; es sei denn, dass sie gleichzeitig die zu uns in Handelsbeziehungen stehenden Nationen überreden könnten, mehr auszugeben, als sie jetzt tun, damit sie uns um soviel mehr Luxusartikel abnehmen, als unser Verbrauch gegen früher vermindert wäre.

Dasselbe, was in einem Jahre ein Segen ist, ist in einem anderen ein Unglück. In jedem Lande lernen die im Acker- und im Gartenbau Beschäftigten durch Erfahrung, ihre Tätigkeit so einzurichten, wie es dem Klima und der Sicherheit oder den Schwankungen der Witterung am besten entspricht. Gäbe es in England keine Stürme, so wären neun Zehntel aller Apfelbäume überflüssig. Man frage die Gärtner um London, ob sie von einer mittelmässigen Ernte nicht mehr profitieren als von einer reichlichen, und ob die Hälfte von ihnen nicht würde ruiniert werden, wenn alles, was sie säen oder pflanzen, zur Reife gelangte. Aber jedermann wünscht reichliche und billige Lebensmittel, und doch sind sie häufig ein Unglück für einen grossen Teil des Volkes. Kann der Landwirt keinen vernünftigen Preis für sein Getreide erhalten, so kann er seine Pacht nicht bezahlen. Wir hatten oft das Glück eines Vorrats in Hülle und Fülle, wenn bei anderen Nationen Mangel war; das ist dann ein wirklicher Gewinn. Wenn aber alle unsere Nachbarn ausreichend versorgt sind und wir können unser Getreide nirgends mit Profit absetzen, dann sind zwei gute Jahre hintereinander ein bei weitem grösserer Schaden für die Allgemeinheit als eine mittlere Knappheit. Ein wohlwollender Mensch, der eine günstige Meinung von seinem Geschlechte hat, würde vielleicht glauben, dass Arbeiter jeder Art in guten Jahren bereitwilliger an ihre Arbeit gehen und deren Mühsal geduldiger ertragen, als wenn das Getreide teuer ist und sie bei allem Fleisse kaum ihre Familien ernähren können. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Man frage bei allen erfahrenen besseren Kaufleuten nach, die viele Jahre hindurch eine grosse Zahl von Arbeitern in der Woll- oder Metallwarenbranche oder in der Landwirtschaft beschäftigt haben: sie werden einstimmig berichten, dass die ärmeren Leute am anmassendsten sind und dass auf ihre Arbeit am wenigsten Verlass ist, wenn die Lebensmittel sehr billig sind; und dass nie soviel geschafft und ihren Befehlen nie so pünktlich Folge geleistet wird, wie wenn das Brot teuer ist.

Ihr Crito und Euphranor sind ausgezeichnete Charaktere; was ich aber am meisten an ihnen bewundere, ist die vollendete Geduld, mit der sie es eine ganze Woche lang in der Gesellschaft zweier so ausgeklügelter, unerträglicher Halunken aushalten, als die Sie Alciphron und Lysicles geschildert haben. Ich glaube mit Ihnen, dass es unter den Eitlen und Genusssüchtigen eine Menge oberflächlicher Menschen gibt, die sich »Freidenker« nennen und stolz darauf sind, für Atheisten gehalten zu werden, ohne überhaupt je in sich den Grund zu irgendeiner Philosophie gelegt zu haben. Nie hat es aber zwei Kreaturen auf Erden gegeben gleich denen, die Sie zu Vorkämpfern des Freidenkertums gemacht haben. Ich spreche nicht von ihrer Gottlosigkeit und ihrem Unglauben oder von ihrer Unfähigkeit, das, was sie erst laut verkünden, aufrechtzuerhalten; denn solche gibt es viele unter den Lebemännern und Spielern. Aber die Kenntnisse, der Verstand und Scharfblick, den Ihre Freigeister bei manchen Gelegenheiten offenbaren, sind unverträglich mit der Unwissenheit, der Albernheit und Dummheit, die sie bei anderen zeigen. Es ist ausgeschlossen, dass Menschen von Geist und nur dem geringsten Charakter, wie sehr sie auch unrecht haben mögen, sich mit solcher Heiterkeit und Seelenruhe sollten in die Flucht schlagen, blosstellen und hänseln lassen; und ich begreife nicht, wie jemand, ausser gerade komplette Einfaltspinsel ohne jegliches Schamgefühl, sich so aufführen kann, wie Alciphron und Lysicles es in Ihren Dialogen fortwährend tun. Sie sind ein paar unmanierliche, abgebrühte Burschen. Falls es unter gebildeten Männern so gottverlassene Subjekte gibt, mit Ansichten, die derart abscheulich und in sozialer Hinsicht destruktiv sind wie einige der von jenen geäusserten, so bin ich doch fest überzeugt, dass kein wohlerzogener Mann sie vor Fremden in einer so empörenden Art und Weise äussern wird. Keines Sterblichen Auge sah je solche Disputanten. Sie treten jedesmal grossartig auf und prahlen damit, was sie alles beweisen werden, und bei jedem Satze, den sie vertreten wollen, erleiden sie eine Schlappe und werden geradezu zerpflückt, so dass sie schliesslich kein Wort mehr zu sagen wissen. Auch nachdem dies bereits einige Dutzend Male geschehen ist, haben sie immer noch dieselbe Arroganz und dreiste Unverfrorenheit, mit der sie zuerst in die Schranken traten. Unmittelbar nach jeder Niederlage kommen sie mit neuen Herausforderungen, scheinbar so unbekümmert und siegesbewusst, als wenn nichts vorausgegangen wäre oder als wenn sie sich des Geschehenen nicht erinnerten. Eine derartige Verwegenheit im Angreifen und Eilfertigkeit im Waffenstrecken, wie Sie sie uns hier vorführen, ist noch in keinem Individuum zusammen angetroffen worden.

Ich weiss, werter Herr, dass Sie mit der Schilderung dieser Charaktere beabsichtigten, sie als verabscheuungswürdige Ungeheuer erscheinen zu lassen, und dies ist Ihnen auch bewundernswert gelungen, wenigstens bei mir. Denn ich versichere Ihnen, dass ich niemals in ein und demselben Dialoge oder Drama zwei gesprächführende Personen gesehen habe, deren Betragen und Grundsätze ich noch mehr von Herzen verabscheue als die der beiden Genannten. Wenn Sie die Bienenfabel unvoreingenommen lesen wollten, so würden Sie auf Grund meiner Beschreibung der Gesellschaft, die ich mir zum Verkehr wählen würde, hiervon überzeugt sein. Im Falle einer solchen Herablassung Ihrerseits würde ich Ihnen auch auseinandersetzen, wie wir, Sie und ich, als Schriftsteller uns gegenseitig helfen und nützen könnten.

Sie räumen ein, dass es sittenlose Geistliche gibt, die ihres Amtes unwürdig sind. Ich sehe nun voraus, dass einige von diesen, die weder Critos Gelehrsamkeit noch Euphranors gesundes Urteil haben, Ihren Alciphron in böser Absicht benutzen werden. Nachdem sie sich nämlich durch ihren schlechten Lebenswandel ihren sämtlichen Bekannten verächtlich gemacht haben, werden sie sich bemühen, allen ihren Gegnern dadurch den Mund zu stopfen, dass sie einfach den »Philosophischen Kleinmeister« nennen; und nachdem sie weiterhin, dank dem Ansehen dieses Buches, den verdienten Tadel zum Verstummen gebracht haben, werden sie gegen die Laien anspruchsvoll auftreten und sich Achtung und Ergebenheit ausbitten, wie sie lediglich den würdigen Dienern der Kirche bezeugt werden sollten. Diese werde ich vornehmen und ihnen zeigen, dass Ihre Schrift nicht bezweckt, die Geistlichen, die durch ihr Verhalten der Lehre Christi widersprechen, zu rechtfertigen, und dass diejenigen Ihre Absichten missdeuten, die trotz ihres lasterhaften Lebenswandels von anderen dieselbe Ehrerbietung verlangen, die Sie ausschliesslich den verdienstvollen und sittlich einwandfreien Geistlichen zuerkennen. Während ich mich mit diesen befasste, würden Sie jenen gemeinen Halunken den Standpunkt klarmachen, die in Nachahmung der von Ihnen gezeichneten Originale irgend einmal versuchten, sich unter meinen Schutz zu begeben. Sollte jemals ein zweiter Lysicles den Beweis antreten wollen, dass die Menschen um so mehr zum allgemeinen Besten beitrügen, je mehr Unheil sie anrichteten, weil es in der Bienenfabel heisst, dass ohne Laster keine Nation reich und blühend sein kann, so würden Sie über seine Torheit lachen. Wenn er aus demselben Grunde behaupten wollte, dass Raub, Mord und Diebstahl und alle Arten von Missetaten gelobt oder mindestens ungestraft zugelassen werden sollten, so würden Sie ihm klar machen, wie unendlich weit meine Absicht davon entfernt ist, Verbrecher in Schutz zu nehmen; und Sie würden ihm die vielen Stellen zeigen, wo ich betone, dass strengste Gerechtigkeit geübt und gerade im Interesse der weltlich gesinnten Leute alle Verbrechen hart bestraft werden sollten. Sie würden ihm auch mitteilen, dass ich nichts für grausamer halte als eine grosse Milde der Gerichtshöfe und Häufigkeit der Freisprechungen, und würden nicht ihm zu sagen vergessen, dass mein Buch mehrere sozialpolitische Aufsätze enthält, dass es zum grössten Teil aus einer eingehenden philosophischen Erörterung über die Gewalt der menschlichen Gefühle und Leidenschaften besteht, und dass überhaupt nur ganz einfältige Leute es in anderer Weise auffassen.

In Ihrem fünften Dialoge finde ich die Meinung ausgesprochen, dass die grosse Masse des Volkes beiden Christen eine bessere Moral habe, als sie bei den alten Heiden besass. Nun, die menschlichen Fehler sind jederzeit von grossen Nationen so untrennbar gewesen, dass es schwierig ist, in dieser Angelegenheit irgend etwas Sicheres auszumachen. Ich glaube jedoch, dass die Moral eines Volkes im allgemeinen – ich meine die sämtlichen Tugenden und Laster einer Nation – nicht so sehr von der bei ihnen herrschenden Religion abhängt als vielmehr von den Gesetzen des Landes, der Ausübung des Rechts, der Politik der Herrschenden und den äusseren Lebensbedingungen des Volkes. Wer sich einbildet, die Heiden wären durch die schlechten Beispiele ihrer Götter zu verbotenen Genüssen ermutigt und verleitet worden, scheint nicht zu unterscheiden zwischen den Begierden selbst, den uns innewohnenden und uns zum Laster führenden starken Trieben einerseits, und anderseits den Entschuldigungen, die sich die Menschen für jene Laster zurechtmachen. Wenn Gesetze und Regierung, die Rechtsprechung sowie die Sorgfalt der Obrigkeiten dieselben wären und die äusseren Lebensbedingungen des Volkes wären gleichfalls dieselben, so möchte ich wohl einen Grund dafür wissen, warum es, falls wir Heiden wären, in England mehr oder auch weniger Unsittlichkeit geben sollte, als es jetzt, da wir Christen sind, gibt. Die wahre Ursache von Unzucht und Ehebruch, die Wurzel des Übels, ist die Wollust. Dies ist die Begierde, die so schwer zu besiegen ist, wenn sie in uns erregt wird. Zweifellos gibt es viele Christen, die sie aus Furcht vor Gott und Strafe im Jenseits unterdrücken; ich glaube jedoch, die Heiden, die aus sittlichen Rücksichten ihre Begierden beherrschten, waren ebenso zahlreich. Unter denen, die sich Christen nennen, gibt es nicht wenige, die sich aus minder edlen Motiven von der Befriedigung dieses Triebes zurückhalten. Ich glaube, bei den Heiden verhielt es sich nicht anders. Auf jeden Fall gibt es in Grossbritannien Tausende, die sich zwar unerlaubter Genüsse enthalten, die aber nicht so vorsichtig wären, wenn sie nicht durch die Kosten, die Furcht vor Krankheiten und die vor dem Verlust ihres guten Rufes abgeschreckt würden. Das sind drei Übel, gegen die alle schlechten Beispiele der Götter nichts ausrichten können.

Zu allen Zeiten haben die Menschen Tugenden und Laster gezeigt, mit denen ihre Religion nichts zu tun hatte. In vielem, was sie tun, selbst in den wichtigsten Angelegenheiten, werden sie von ihrem Glauben in bezug auf ein künftiges Dasein nicht stärker beeinflusst als von dem Namen der Strasse, in der sie wohnen. Wenn Menschen sehr am Leben und seinen Genüssen hängen, in ihren Pflichten gegen Gott aber sehr kühl, ja sogar nachlässig sind, so ist es lächerlich, ihre guten Eigenschaften ihrem Christentum zuzuschreiben. Sie werden mir erlauben, werter Herr, mich ein wenig über diesen Gegenstand zu verbreiten und meine Meinung durch ein oder zwei Charakterbilder, die ich entwerfen will, zu veranschaulichen.

Lepidus, ein Mann von gesundem Verstand und Takt, ist Junggeselle, beabsichtigt auch nicht zu heiraten. Er lebt keineswegs keusch, ist aber vorsichtig in seinen Liebschaften. Er schätzt Heiterkeit und gute Laune, hasst die Einsamkeit und würde, um nicht allein zu sein, fast mit jeder Gesellschaft vorliebnehmen. Er hält sehr auf gutes Essen und Trinken, ist der angenehmste Wirt und erscheint nie vergnügter, als wenn er seine Freunde eingeladen hat. Er ist sehr vermögend, legt aber jährlich nur wenig von seinen grossen Einkünften zurück. Trotzdem lebt er in vernünftigen Grenzen und würde es für das grösste Unglück halten, wenn er nicht reich wäre. Er ist ein Ehrenmann und legt grossen Wert auf guten Ruf. Er gehört der Landeskirche an und geht gewöhnlich jeden Sonntag einmal zum Gottesdienst, hält sich aber sonst von der Kirche gänzlich fern. Auch nimmt er jedes Jahr einmal, zu Ostern oder zu Pfingsten, das heilige Abendmahl. Im übrigen bilden Vergnügungen und die feinen Sitten sein Hauptstudium. Mit Religion scheint er sich wenig zu befassen, spricht auch selten von ihr, weder dafür noch dagegen. Wenn nun jemand nach genauer Betrachtung und Prüfung dieses Charakters befragt würde, wie er über Lepidus in bezug auf seine Grundsätze und die Motive seines Handelns dächte, und wenn er daraufhin erklärte, die Umgänglichkeit, das freigebige und liebenswürdige Wesen des Lepidus seien dem Umstand zu verdanken, dass er Christ und nicht Heide oder Freidenker sei, so dürfte dies zwar ein wohlwollendes, aber niemals ein treffendes Urteil genannt werden können. Wie es sich jedoch hiermit auch verhalte: falls ein Crito oder Euphranor es sich einfallen liesse, eine solche Meinung zu äussern und an ihr festzuhalten, so würde es ihm, meiner festen Überzeugung nach, ein Leichtes sein, so viel zu deren Gunsten zu sagen, dass es nicht bloss schwierig wäre, es zu widerlegen, sondern schon eine sehr unerfreuliche Aufgabe, sich überhaupt darauf einzulassen.

Nicanor ist ein durchaus nüchterner Mann, trinkt kaum jemals unmässig, hat aber stets verschiedene Sorten Wein auf Lager und ist seinen Freunden und allen seinen Besuchern gegenüber sehr freigebig damit. Was jedoch seine Gäste auch tun mögen, er selbst schenkt sich immer nur sehr sparsam ein und trinkt selten mehr als einen halben Liter an einem Abend. Er geht nie, ausser im Geschäftsinteresse, in ein Gasthaus, und wenn er allein ist, wählt er Dünnbier oder Wasser als Getränk. Nicanor, strebsam wie er stets war, ist durch sein Geschäft reich geworden, ist aber so unermüdlich wie je und scheint kein grösseres Vergnügen als das Geldverdienen zu kennen. Er besitzt einen gewissen Ehrgeiz, ist Bezirksvorsteher und hofft schliesslich noch mal Ratsherr zu werden. Einmal in seinem Leben war er betrunken; aber das war, als er ein Geschäft abschloss, bei dem er an einem Vormittag fünfhundert Pfund verdiente. Angenommen, dieser Charakter würde gleichfalls näher untersucht, und es setzte sich jemand in den Kopf, zu behaupten, Nicanors Fleiss und Streben nach Reichtum seien seiner Liebe zum Weine zu verdanken: man sollte es dann wohl nicht für schwierig halten, den Betreffenden zu widerlegen und zu beweisen, dass seine Behauptung ein Fehlurteil, wenn nicht eine lächerliche Einbildung sei.

Denn wenn Nicanor den Wein liebte, so würde er mehr davon trinken. Er ist reich genug, um ihn zu bezahlen, ja er hat sogar in Hülle und Fülle davon, obgleich er kaum jemals welchen anrührt, wenn er allein ist. Er gönnt ihn den anderen und würde sich, falls er den Wein liebte, aller Voraussicht nach nicht immer bloss einen Fingerhut voll einschenken, während er die andern auf seine Kosten vergnügt ganze Humpen leeren sähe. Man wird vielleicht meinen, ich habe schon zuviel gesagt, um etwas zu beweisen, was klar wie die Sonne ist. Wenn es jedoch als ebenso anständig und zum wahren Glücke erforderlich gölte, den Wein zu lieben wie fromm zu sein, und wenn ein Mann von Euphranors Verstand den Einfall hätte, Nicanors Anwalt zu sein und zu behaupten, dass allem gegenteiligen Anschein zum Trotz die Liebe zum Weine das Motiv seiner Strebsamkeit sei, – wenn, sage ich, ein Mann wie Euphranor diese Ansicht vertreten wollte, so würde er wohl, auch ohne Critos Gelehrsamkeit, seinen Klienten mächtig herauszustreichen wissen, und würde seine Gegner, falls sie so nachgiebig wie Alciphron und Lysicles wären, sicherlich zuschanden machen. »Kommt, Alciphron« würde Euphranor sagen »und antwortet mir: ist nicht ersichtlich, dass ein Mann, je mehr Geld er hat, sich desto mehr Wein kaufen kann?« – »Ich kann es nicht leugnen«, würde Alciphron antworten, womit der Dialog begönne. Euph.: Wenn klare Beweise vorliegen, dass ein Mensch betrunken gewesen ist, würdet Ihr es für unwahr erklären? – Alc: Gegen Tatsachen würde ich nie etwas einwenden. – Euph.: Würdet ihr aus der Trunkenheit eines Menschen beweisen wollen, dass er den Wein nicht liebt? – Alc: Das würde ich allerdings nicht. – Euph.: Ihr, der Ihr als Freidenker die menschliche Natur so bis ins Kleinste erforscht habt, glaubt Ihr an eine Fähigkeit im Menschen, kraft deren er sich ganz in die Seele anderer versenken und ihre geheimsten Gedanken mit Sicherheit erkennen kann? – Alc: Ich glaube nicht, dass es die gibt. – Euph.: Wenn eine Tat an sich gut und löblich ist und aus zwei verschiedenen Motiven entspringen kann, das eine höchst ehrenhaft, das andere nichtswürdig, ist es da christlicher gehandelt, die Tat jenem ersten, oder diesem zweiten zuzuschreiben? … Warum zögert Ihr, Alciphron? Würde nicht ein höflicher Mensch, wenn er direkt zu einem andern spricht, dessen Handlungsweise als von demjenigen Motiv bestimmt hinstellen, das für diesen am ehrenvollsten ist? – Alc: Ich glaube wohl. – Euph.: O Alciphron! Aus Euren eigenen Zugeständnissen kann ich Euch herleiten, wie wir Nicanor beurteilen müssen, dass es nämlich höchst ungerecht ist, seinen Fleiss und sein eifriges Streben nach Geld etwas anderem als seiner Liebe zum Weine zuzuschreiben. Die philosophischen Kleinmeister mögen sagen, was sie wollen, – Wein ist jedenfalls nur für Geld zu haben, und Ihr habt selbst eingestanden, dass ein Mann, je mehr Geld er hat, sich desto mehr Wein kaufen kann. Das ist doch selbstverständlich: Wenn jemand, der tun und lassen kann was er will, etwas zu tun beliebt, so muss er dies dem, was er nicht beliebt, vorziehen. Warum sollte aber Nicanor lieber Wein trinken, genau so wie z. B. Käse essen, falls er ihn nicht liebte? Dass er welchen trinkt, ist sicher; alle seine Freunde und Bekannten, die es mit angesehen haben, können es bezeugen. Er liebt also den Wein, und dass er ihn über alle Massen liebt, ist auch sicher, denn er hat sich seinetwillen einmal um seinen klaren Verstand bringen lassen und hat Wein getrunken, bis er berauscht war. – Während Alciphron durch die Wucht dieser Argumente zum Schweigen gebracht wäre, würde Lysicles vielleicht sagen, dass er diesen Punkt doch nicht so leicht wie Alciphron aufgeben könne; er sei aber momentan nicht vorbereitet, darüber zu sprechen, und wünsche daher, dass sie ihre Unterhaltung abbrächen. Auf diese Weise würde Euphranor über seinen Gegner triumphieren, und der Dialog wäre zu Ende.

Sollen diese beiden eben geschilderten Charaktere gerecht beurteilt werden, so ist zunächst klar, dass Nicanor ein enthaltsamer Mann war, und dass die Motive seiner Strebsamkeit seine Liebe zum Gelde und sein Trachten nach einer angesehenen Stellung waren. In Anbetracht seines von jeher gezeigten geringen Bedürfnisses nach starken Getränken und seiner bekannten Gewinnsucht, kann man sein unmässiges Trinken an jenem einen Vormittag unmöglich anders befriedigend erklären, als indem man es seiner Haupteigenschaft, der Liebe zum Gelde, zuschreibt, die ihn veranlasste, lieber den Verlust seiner Nüchternheit zu wagen als den des ihm in Aussicht stehenden einträglichen Geschäfts. Es erhellt also aus dieser Charakterschilderung, dass die Liebe zum Wein, ob sie nun für verwerflich oder für lobenswert gehalten wird, keinen Einfluss auf Nicanors Handlungen hatte, und dass sie infolgedessen, auch wenn sie noch geringer gewesen wäre, seine Strebsamkeit niemals vermindert haben würde.

In Lepidus sehen wir einen begeisterten Verehrer der Geselligkeit, einen feinen Egoisten, der die Welt, ohne ihre gute Meinung zu verlieren, soviel wie möglich geniessen möchte. Ein reicher Mann von gleichmütigem Temperament kann in einem christlichen Lande sehr wohl in dieser Weise leben, braucht dabei aber kein edleres Prinzip zu haben als seine Eitelkeit und Weltklugheit, dagegen nur sehr wenig oder gar keine Religion.

Alles dies wird ein hastiger und unbedachtsamer Leser Torheit nennen; er wird sagen, dass ich gegen meinen eigenen Schatten fechte, und dass aus der Schilderung von Nicanors Charakter kein Sterblicher folgern würde, sein Fleiss und Streben nach Reichtum könnte auf seine Liebe zum Wein zurückzuführen sein. Ich betone jedoch – und Sie, werter Herr, müssen es zugeben –, dass der Versuch eines solchen Beweises nicht widersinniger wäre, als wenn man die Geselligkeit und Freigebigkeit des Lepidus aus seinem christlichen Glauben ableiten wollte. Jeder Mensch, der von christlichen Eltern abstammt und unter Christen aufwächst, wird stets selbst für einen solchen gehalten, solange er es sich gefallen lässt und nicht zurückweist, als Christ bezeichnet zu werden. Sofern aber jemand in seinem ganzen Tun und Lassen durch seine Religion nicht deutlich beeinflusst wird, ist es kein grösserer Vorzug, Christ zu sein, als etwa Mohammedaner oder Heide zu sein. Wenn jemand in einem schweren, mühsamen Gewerbe von einem Handwerkerausschuss in die Zunft aufgenommen wird, aber weder vorher darin gearbeitet hat, noch später je darin tätig ist, so würde man doch von einem solchen Menschen trotz seiner Aufnahmeurkunde nicht sagen können, dass er tatsächlich diesem schweren, mühsamen Gewerbe angehöre oder angehört habe. Ein Mensch, der als kleines Kind getauft wurde, mag sich mit allen Ausserlichkeiten seiner Religion abfinden und, falls er seinen guten Ruf schätzt, nie etwas offenkundig Schlechtes begehen. Wenn aber, was sehr wohl sein kann, sein Herz bei alledem mit jeder Faser an dieser Welt hängt, wenn er sinnliche Freuden weit höher als geistige schätzt und viele Jahre hindurch ohne Reue sein Leben in vollen Zügen geniesst: ein solcher Mensch kann trotz der Befolgung aller Vorschriften und Zeremonien ebensowenig ein echter Christ sein, wie ein Leinenweber ein wirklicher Grobschmied sein kann, obgleich er in die Grobschmiedezunft aufgenommen wäre und demgemäss dieser Zunft angehörte.

Dass oberflächliche, dumme Menschen derart falsche Urteile wie die von mir angedeuteten bilden können, und zwar aus keinem schlimmeren Grunde als ihrer Unfähigkeit und Torheit, das will ich gern glauben. Wenn aber hochbefähigte und feingebildete Männer sich so etwas zuschulden kommen lassen, so muss ich annehmen, sie tun es mit Absicht und weil sie ein Interesse daran haben. Dies ist sicher: wird erst einmal anerkannt, dass es, um ein Christ zu sein, genügt, sich als solchen bezeichnen zu lassen und den äusseren Gottesdienst der einen oder anderen Sekte mitzumachen, so befreit dies die Geistlichkeit von unendlicher Mühsal, Freunden sowohl wie Feinden gegenüber. Denn alle ängstlich bedenklichen Gemüter zu beruhigen und zu überzeugen, ist eine ebenso aufreibende Tätigkeit, wie zur Verteidigung von Wundern zu schreiben.

Der Grund, werter Herr, für meine ausführliche Behandlung dieses Punktes ist, dass man unter denen, die äusserlich den grössten Eifer für die Religion und das Evangelium zeigen, kaum irgendwelche findet, die uns, sei es durch Vorschrift sei es durch Beispiel, die vom Christentum geforderte Sittenstrenge lehren. Sie scheinen viel mehr um den Namen als um die Sache selbst besorgt zu sein; als ob es – wenn die Menschen nur bekennen, Christen zu sein – kaum noch auf die Eigenschaften ankomme, durch die sie erst zu Christen werden. Als ich kürzlich meinen Blick auf das Gebaren gewisser Leute, die ungenannt bleiben sollen, richtete, da fielen mir die sogenannten Freimaurer ein. Diese teilen sich, wie Sie wissen, in mehrere Gesellschaften; jede Gesellschaft hat ihre eigene Loge, jede Loge einen Meister, und über allen diesen Meistern wieder steht ein Obermeister. Manche von ihnen versammeln sich alle Monate einmal, andere nicht so häufig. Sie machen Anspruch auf gewisse Mysterien, essen und trinken gemeinsam und wenden mit grosser Feierlichkeit verschiedene Zeremonien an, die nur ihnen eigentümlich sind. Bei allem aber, was sie von sich hermachen, war es mir bisher nicht möglich zu erfahren, was sie eigentlich zu tun haben ausser »Freimaurer« zu sein, von ihrer Gesellschaft mit grosser Hochachtung zu sprechen und alle, die nicht deren Mitglieder sind, entweder zu bedauern oder zu verachten. Ausserhalb ihrer Versammlungen leben und verkehren sie miteinander wie andere Menschen; und obwohl ich verschiedentlich mit ihnen in Gesellschaft zusammen gewesen bin, so muss ich gestehen, wenn man mir's nicht sagt, weiss ich nicht, wer ein Freimaurer ist und wer nicht.

Ich weiss, werter Herr, Sie lieben die Gleichnisse; mit Rücksicht hierauf hat mir, was sie an einer Stelle Ihres ersten Bandes sagen, ausserordentlich gut gefallen. Sie verspotten und entlarven hier jene Freibeuternaturen, die sich als Verteidiger von »Freiheit und Recht« aufspielen. Ich möchte dem Leser zuliebe die Stelle hersetzen. »Wenn ich« sagt Crito, »diese beiden Worte im Munde eines philosophischen Kleinmeisters höre, so muss ich an die Teste di Ferro in Rom denken. Da Seine Heiligkeit, wie es scheint, nicht die Macht hat, die Einkünfte aus spanischen Pfründen jemand anderem als einem geborenen Spanier zu überweisen, so hält er sich jederzeit zwei Spanier in Rom, Teste di Ferro genannt, die solche Einkünfte dem Namen nach beziehen, während der eigentliche Profit Italienern zufällt. So können wir alle Tage Dinge sowohl wie Ansichten auf Rechnung von Freiheit und Recht gesetzt finden, die tatsächlich gar keinen Teil daran haben oder überhaupt auch nur haben sollen. Wie also! Sollte jemand ein Christ nur sein können, wenn er ein Sklavendasein führt, oder ein Geistlicher nur, wenn er gleichzeitig die Grundsätze eines Inquisitors hat?« – Das ist ja äusserst treffend bemerkt und passt wundervoll hierher; ich danke Ihnen dafür. Ich kenne eine grosse Menge von Geistlichen, die sehr irdisch gesinnt zu sein scheinen und jederzeit ihre Hände nach Macht und Reichtum ausstrecken. Wenn ich in Zukunft hören werde, wie diese, was oft geschieht, ihre Sorge um die Religion und das Seelenheil anderer erwähnen, so werde ich stets an Critos Worte denken, herzlich lachen und nichts weiter sagen. Denn falls ich es ihm nachtäte und mich jedesmal darüber beklagte, wenn ich sollte »Dinge sowohl wie Ansichten auf Rechnung« der Religion und des Seelenheils anderer »gesetzt finden, die tatsächlich gar keinen Teil daran haben oder überhaupt auch nur haben sollen«: alsdann würde ich wohl nichts anderes mehr zu tun haben als dauernd auszurufen: »Wie also! Sollte für die christliche Religion nur gesorgt werden können, wenn Geistliche im Sechserzug fahren, oder für das Seelenheil anderer nur, wenn die Kirche im Besitze weltlicher Herrschaft und übermässiger Machtbefugnisse ist?«

Mein Gleichnis ist, wie Sie sehen, werter Herr, nur ein Nachbild des Ihrigen und kann daher nicht den gleichen Wert haben. Wie es Ihnen gefällt, weiss ich nicht. Mir ahnt aber, die Mehrzahl meiner Leser wird der Meinung sein, dass, wenn Seine Heiligkeit von seinen Teste di Ferro nicht mehr profitiert, als die von Ihnen vertretene Sache hier von den Ihrigen zu erwarten hat, – dass es sich dann kaum für ihn lohnen wird, sie noch länger zu behalten.

Und nun, werter Herr, möchte ich mich von Ihnen verabschieden, in der bestimmten Erwartung, in der nächsten Auflage Ihres Buches in bezug auf das, was mich angeht, grosse Änderungen zu finden. Um Ihnen für diesen Zweck so viel Material zu liefern, wie ich gerade zur Verfügung habe, werde ich den noch übrigen Raum mit einem weiteren Zitat aus der Bienenfabel, Seite 320 beginnend, ausfüllen. Wenn mein Papier gereicht hätte, um noch ein oder zwei Seiten beizufügen, so würden Sie gesehen haben, wie böslich meine Ansicht über das Feuer in London entstellt worden ist.

»Es steht fest … solche Arbeit herbeizuschaffen« (S. 320, Z. 22 bis S. 324, Z. 16).


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