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Eine Untersuchung über das Wesen der Gesellschaft

Die Sittenlehrer und Philosophen sind bisher im allgemeinen darin einig gewesen, dass es ohne Selbstverleugnung keine Tugend geben könne. Ein kürzlich verstorbener Schriftsteller aber, der jetzt in den Kreisen der Gebildeten viel gelesen wird, ist entgegengesetzter Ansicht und glaubt, der Mensch könne, ohne sich irgendwie Zwang oder Gewalt anzutun, von Natur aus tugendhaft sein. Er scheint gewisse sittliche Qualitäten von ihm zu verlangen und zu erwarten, in derselben Weise etwa wie wir dies in bezug auf einen süssen Geschmack bei Weinbeeren und Apfelsinen tun, von denen wir, sobald sie sauer sind, ohne weiteres behaupten, sie hätten die Vollkommenheit, deren sie von Natur fähig sind, nicht erreicht. Dieser ausgezeichnete Schriftsteller – ich meine keinen anderen als Lord Shaftesbury in seinen »Charakteristiken« – stellt sich also vor, da der Mensch für das soziale Zusammenleben geschaffen sei, so müsse ihm ein gewisses ursprüngliches Wohlwollen gegen die Gesamtheit, von der er ein Teil ist, eine Geneigtheit, deren Gedeihen zu fördern, von Geburt an innewohnen. Im Verfolg dieser Annahme nennt er jede mit Rücksicht auf das allgemeine Beste vollbrachte Handlung »tugendhaft«, alle Selbstsucht aber, die eine solche Rücksicht völlig ausschliesst, ein »Laster«. Nach seiner Auffassung von der menschlichen Natur sind Tugenden und Laster bleibende Realitäten, die in allen Ländern und Zeiten stets die gleichen sein müssen. Und demgemäss glaubt er, ein Mensch von gesundem Verstande und natürlichem Taktgefühl vermöge nicht bloss in der Moral wie in den Werken der Natur und Kunst jenes sogenannte Pulchrum et Honestum herauszufinden, sondern auch durch seine Vernunft mit derselben Leichtigkeit und Sicherheit sich selbst zu regieren, mit der ein gewandter Reiter ein wohl dressiertes Pferd im Zaume hält.

Der aufmerksame Leser, der den vorangehenden Teil dieses Buches gelesen hat, wird bald bemerkt haben, dass zwei Systeme nicht stärker einander widerstreiten können als das seiner Lordschaft und das meinige. Seine Anschauungen zeugen in der Tat von einer edlen und vornehmen Denkweise: sie sind ein grosses Kompliment für die Menschheit und mit Hilfe einiger Schwärmerei wohl imstande, uns mit der höchsten Auffassung von Menschenart und -würde zu erfüllen. Wie schade, dass sie falsch sind! Ich würde dies nicht sagen, hätte ich nicht bereits auf fast jeder Seite dieses Buches bewiesen, dass sie durch unsere tägliche Erfahrung widerlegt werden. Um aber selbst den unbedeutendsten Einwand, der etwa gemacht werden könnte, nicht unbeantwortet zu lassen, beabsichtige ich, im folgenden einige bisher nur flüchtig berührte Dinge ausführlicher zu behandeln. Ich hoffe den Leser zu überzeugen, nicht bloss, dass die guten und liebenswürdigen Eigenschaften des Menschen nicht diejenigen sind, die ihn mehr als andere Tiere zu einem sozialen Wesen machen; sondern überdies, dass es völlig unmöglich sein würde, ohne die Beihilfe des sogenannten natürlichen wie auch moralischen Übels irgendwelche Menschenmassen in eine grosse, reiche und blühende Nation umzuwandeln, oder, wenn dies geschehen, sie in diesem Zustande zu erhalten.

Um dieses Unternehmen besser ausführen zu können, will ich zunächst die Realität des Pulchrum et Honestum, des ???ô? êÜëïí, von dem die Alten soviel gesprochen haben, einer Prüfung unterziehen. Das heisst: ich werde untersuchen, ob es einen realen, für sich bestehenden Wert der Dinge sowie eine Wertabstufung unter ihnen gibt, der von allen mit ihnen Vertrauten jederzeit zugestimmt wird; oder aber, ob es nur einzelne wenige, wenn überhaupt welche gibt, die in allen Ländern und zu allen Zeiten in gleicher Weise beurteilt wurden und noch werden. Wenn wir nun gleich am Anfang unseres Suchens nach jenem ursprünglichen Wert der Dinge finden, dass eines besser ist als ein anderes, ein drittes wieder besser als jenes und so fort, so beginnen wir, uns grosse Hoffnung auf Erfolg zu machen; wenn wir dann aber auf mehrere Dinge treffen, die alle sehr gut oder sehr schlecht sind, so kommen wir in Verlegenheit und stimmen nicht immer mit uns selbst überein, viel weniger noch mit anderen. Es gibt verschiedenes sowohl Lobens- wie Tadelnswertes, das abwechselnd bald bewundert, bald gemissbilligt wird, je nachdem sich Moden und Sitten ändern und die Menschen in ihrem Geschmack und ihren Launen wechseln.

Kunstverständige werden stets einig sein, wenn ein schönes Gemälde mit der Schmiererei eines Anfängers verglichen wird; aber wie auffallend weichen sie gegenüber den Werken hervorragender Meister voneinander ab! Es gibt bestimmte Parteien unter den Kennern, und wenige stimmen in ihrer Schätzung hinsichtlich der verschiedenen Epochen und Länder überein. Auch erzielen die besten Bilder nicht immer die höchsten Preise. Ein berühmtes Original wird stets mehr wert sein als eine Kopie von unbekannter Hand, selbst wenn diese schöner sein sollte. Der Wert von Gemälden richtet sich nicht bloss nach dem Namen des Meisters und der Zeit ihres Entstehens, sondern in hohem Grade auch nach der Seltenheit seiner Werke und – was noch verkehrter ist – nach dem Range der Personen, in deren Besitz sie sich befinden, sowie der Zeit, während deren sie in angesehenen Familien gewesen sind. Wenn die jetzt in Hampton Court befindlichen Kartons von einer minder berühmten Hand als der Raffaels herrührten und einem Privatmanne gehörten, der gezwungen wäre, sie zu verkaufen, so würden sie nicht den zehnten Teil des Geldwertes haben, der ihnen jetzt trotz aller ihrer groben Mängel zugeschrieben wird.

Ebenso unsicher ist das Urteil über Wert und Vorzüge der Naturerzeugnisse; selbst in bezug auf menschliche Wesen gilt etwas in einem Lande als schön, aber nicht in einem anderen. Wie launenhaft ist der Gärtner in seiner Wahl! Manchmal schätzt er die Tulpe besonders, manchmal die Aurikel, ein andermal wieder die Nelke; jedes Jahr ist eine neue Blume seiner Ansicht nach allen früheren überlegen, wenn sie ihnen auch tatsächlich in Form und Farbe bedeutend nachsteht. Vor dreihundert Jahren gingen die Männer genau so glatt rasiert wie heute. Seitdem haben sie auch wieder Bärte getragen und sie in den verschiedensten Formen geschnitten, die sämtlich, als sie modern, ebenso schicklich waren, wie sie jetzt lächerlich sein würden. Wie ärmlich und komisch sieht ein sonst gut gekleideter Mann in einem schmalkrempigen Hute aus, wenn alles breite trägt, und wiederum, wie ungeheuerlich wirkt ein recht grosser Hut, wenn das andere Extrem beträchtliche Zeit hindurch in Mode gewesen ist! Solche Moden dauern erfahrungsgemäss selten über zehn oder zwölf Jahre, und ein Mann von sechzig Jahren muss mindestens fünf oder sechs Umwälzungen auf diesem Gebiete erlebt haben. Dennoch erscheinen solche Neuerungen, obgleich wir deren schon mehrere gesehen haben, im Anfange immer sehr wunderlich und sind uns bei jeder Wiederkehr von neuem anstössig. Welcher Sterbliche kann entscheiden, was unter Absehung von der gegenwärtigen Mode hübscher ist, grosse Knöpfe zu tragen oder kleine? – Die Möglichkeiten einer gefälligen Gartenanlage sind fast unbegrenzt, und was darin als schön gilt, wechselt gemäss dem Geschmack der Zeit und des Volkes. In Rasenplätzen, Beeten und Rabatten bevorzugt man allgemein eine grosse Mannigfaltigkeit der Formen, aber ein Kreis kann ebenso wohlgefällig für das Auge sein wie ein Quadrat. Ein Oval kann an der einen Stelle nicht besser aussehen als ein Dreieck an einer anderen, und die Überlegenheit des Achtecks über das Sechseck unter den geometrischen Figuren ist keine grössere als die Wahrscheinlichkeit der Acht gegenüber der Sechs im Hasardspiel.

Solange Christen Kirchen zu bauen verstanden haben, hatten diese die Form eines Kreuzes, dessen oberes Ende nach Osten gerichtet war. Wo der Platz dazu vorhanden ist und es passend geschehen kann, würde man einem Architekten die Vernachlässigung dieser Regel als einen unverzeihlichen Fehler anrechnen. Doch wäre es töricht, von einer türkischen Moschee oder einem heidnischen Tempel das gleiche zu erwarten. Unter den vielen segensreichen Gesetzen, die in den letzten hundert Jahren gemacht worden sind, ist es nicht leicht, ein nützlicheres und gleichzeitig mit weniger Unannehmlichkeiten verbundenes zu nennen als die Regulierung der Leichenbekleidung. Wer von den jetzt Lebenden zur Zeit des Erlasses jenes Gesetzes alt genug war, um auf die Geschehnisse zu achten, dem müssen die allseitigen Klagen erinnerlich sein, die dagegen vorgebracht wurden. Zuerst konnte es nichts geben, was Tausenden von Leuten ärgerlicher gewesen wäre, als dass sie in Wollenzeug begraben werden sollten. Aber der Vorteil, der dem Volke daraus erwächst, ist so deutlich, dass man nie etwas Vernünftiges zu seiner Verurteilung hat vorbringen können, wodurch in wenigen Jahren die ursprüngliche Abneigung dagegen täglich verringert wurde. Heute ist das Beerdigen in Leinen fast vergessen, und der allgemein verbreiteten Ansicht nach könnte es gar nichts Schicklicheres geben als die gegenwärtige Art der Leichenbekleidung unter Verwendung von Wolle. Dies beweist, dass unsere Vorliebe für und Abneigung gegen etwas hauptsächlich von Mode und Gewohnheit abhängen, von Vorschrift und Beispiel der über uns Stehenden und der uns nach unserer Meinung irgendwie Überlegenen.

Keine grössere Gewissheit herrscht nun auch in der Moral. Vielweiberei ist bei den Christen streng verpönt, und was Geist und Gelehrsamkeit eines genialen Mannes einmal zu ihrer Verteidigung vorgebracht haben, ist mit Entrüstung zurückgewiesen worden. Für einen Mohammedaner hat sie aber nichts Anstössiges. Was die Menschen von Kindheit an gelernt haben, macht sie zu Sklaven; die Macht der Gewohnheit entstellt die Natur und ahmt sie zugleich derart nach, dass es oft schwierig ist, zu wissen, durch welche von diesen beiden wir beeinflusst werden. Im Orient verheirateten sich früher Schwestern mit Brüdern, und es galt als verdienstlich für einen Mann, seine Mutter zu heiraten. Solche Ehebündnisse sind verabscheuenswert; bei allem Grauen, das uns bei dem Gedanken hieran erfasst, gibt es aber sicher nichts in uns, was sich von Natur dagegen auflehnte, als was sich auf Mode und Herkommen gründet. Ein frommer Mohammedaner, der niemals Spirituosen gekostet, aber häufig betrunkene Menschen gesehen hat, kann leicht eine ebenso grosse Abneigung gegen den Wein bekommen, wie sie bei uns ein anderer von der geringsten Moralität und Bildung gegen eine Ehe mit seiner Schwester hat, und beide können sich dann einbilden, dass ihre Abneigung in ihrer Natur begründet sei. »Welches ist die beste Religion?« ist eine Frage, die mehr Unheil angerichtet hat als alle anderen Fragen zusammengenommen. Man stelle sie in Peking, in Konstantinopel und in Rom und man wird drei ganz bestimmte Antworten erhalten, die völlig voneinander abweichen, aber alle gleich positiv und entschieden lauten. Christen sind von der Falschheit des heidnischen und mohammedanischen Aberglaubens ganz überzeugt; insoweit herrscht völlige Einigkeit und Übereinstimmung unter ihnen. Man frage aber bei den einzelnen Sekten, in die sie geteilt sind: »Welches ist die wahre Kirche Christi?«, und alle werden versichern, es sei die ihrige, und werden als Beweis dafür sofort übereinander herfallen.

Es ist also klar, dass jenes eifrige Suchen nach dem Pulchrum et Honestum nicht viel besser ist als eine Jagd auf wilde Gänse, bei der auch kein grosser Verlass ist. Allein, dies ist noch nicht das Schlimmste, was ich daran zu tadeln finde. Die Einbildung, dass ein Mensch ohne Selbstverleugnung tugendhaft sein könne, öffnet nämlich der Heuchelei Tür und Tor, und wenn diese erst einmal zur Gewohnheit geworden ist, da ist es unvermeidlich, dass wir nicht bloss andere täuschen, sondern auch in völlige Unkenntnis über uns selbst geraten. An einem sogleich anzuführenden Beispiel wird es sich zeigen, wie dies bei einem Manne von Rang, Talent und Wissen – einem, der in jeder Weise dem Autor der »Charakteristiken« ähnelt – der Fall sein kann.

Wenn jemand in Reichtum und Wohlleben aufgewachsen und ausserdem von ruhiger, sorgloser Gemütsart ist, so lernt er leicht allem irgendwie Aufregenden aus dem Wege gehen, er hält auch seine Triebe gern im Zaume, aber mehr im Hinblick auf die Unannehmlichkeiten, die aus dem eifrigen Jagen nach Vergnügungen und der Befriedigung aller unserer Wünsche entspringen, als auf Grund eines Widerwillens gegen sinnliche Genüsse überhaupt. Und ist ein Mensch unter der ebenso gütigen und milden wie geschickten Leitung eines bedeutenden Philosophen erzogen worden, so kann es unter so günstigen Verhältnissen wie den eben geschilderten leicht geschehen, dass er eine bessere Meinung von seinem seelischen Zustande hat, als er von Rechts wegen dürfte, und sich für tugendhaft hält, da seine Leidenschaften schlummern. Er mag sich vortreffliche Anschauungen bilden über die sozialen Tugenden und die Todesverachtung, über die er dann in seinem Studierzimmer schöne Aufsätze schreibt und in Gesellschaft in eleganten Wendungen zu sprechen versteht. Man wird ihn aber nie dabei überraschen, dass er für sein Vaterland kämpft oder dass er sich anstrengt, nationale Verluste wieder gutzumachen. Für einen Mann, der Metaphysik treibt, ist es eben sehr leicht, in die Sphären der Begeisterung zu entschweben und, solange der Tod ausser Sicht bleibt, tatsächlich zu glauben, dass er sich vor ihm nicht fürchte. Wollte man ihn jedoch fragen, warum er bei solcher – ob nun angeborenen oder durch Philosophie erworbenen – Todesverachtung nicht die Waffen ergreife, wenn sein Land in Krieg verwickelt ist, oder wenn er sähe, wie das Volk täglich von den Machthabern ausgeplündert wird und die Staatsfinanzen in Unordnung geraten sind, warum er da nicht zu Hofe gehe und seinen ganzen Freundeskreis und persönlichen Einfluss dazu verwende, um Finanzminister zu werden, damit durch sein edles Streben und weises Wirken der Staatskredit wieder hergestellt werden möge: dann würde er wahrscheinlich antworten, dass er die Zurückgezogenheit liebe, keinen anderen Ehrgeiz habe als den, ein guter Mensch zu sein, und nie nach einem Anteil an der Regierung getrachtet habe; oder dass er alle Schmeichelei und sklavische Gefolgschaft, die Heuchelei der Fürstenhöfe, überhaupt das ganze Treiben dieser Welt hasse. Ich will ihm gern glauben; sollte aber nicht ein Mann von ruhiger und allem Handeln abholder Geistesart alles dies sagen, und zwar aufrichtigen Sinnes sagen können, während er sich doch gleichzeitig seinen Neigungen überlässt, unfähig, sie zu unterdrücken, obgleich seine Pflicht dies von ihm verlangt? Tugend besteht in Tätigkeit, und jeder, der von sozialer Gesinnung, von freundschaftlichen Gefühlen gegen seine Nebenmenschen erfüllt ist und auf Grund seiner Geburt oder Stellung irgendwelche Teilnahme an der Führung der Staatsgeschäfte beanspruchen kann, der sollte nicht stillsitzen, wenn er sich nützlich machen kann, sondern sollte sich zum Besten seiner Mitgeschöpfe aufs Äusserste anstrengen. Wäre jene vornehme Persönlichkeit eine kampfesfrohe Natur oder von stürmischem Temperament gewesen, so würde sie sich eine andere Rolle im Drama des Lebens ausgesucht und eine ganz entgegengesetzte Lehre verkündet haben. Denn wir drängen unser Denken jederzeit in der Richtung, in der es von unseren Gefühlen gezogen wird. Die Selbstliebe vertritt bei allen Menschen die Sache ihrer Sonderinteressen, indem sie jedem Individuum Argumente zur Rechtfertigung gerade seiner persönlichen Neigungen liefert.

Jener vielgepriesene Mittelweg, jene sanften Tugenden, wie sie in den »Charakteristiken« empfohlen werden, taugen bloss dazu, Drohnen grosszuziehen. Sie können einen Mann wohl für die stumpfsinnigen Freuden eines Klosterlebens, bestenfalls zum ländlichen Friedensrichter geeignet machen, aber sie werden ihn nie zur Arbeit und Ausdauer befähigen oder ihn zu grossen Leistungen und gefahrvollen Unternehmungen anspornen. Des Menschen natürlicher Hang zur Ruhe und Untätigkeit, seine Geneigtheit, sich sinnlichen Genüssen hinzugeben, sind durch Vorschriften nicht heilbar; nur durch Triebe, die ihn noch heftiger bewegen, lassen sich die so fest in ihm wurzelnden Gewohnheiten und Neigungen unterdrücken. Einem Feigling predige und beweise man die Grundlosigkeit seiner Befürchtungen soviel man will, man wird ihn nicht tapfer machen, ebensowenig wie man ihn grösser machen wird durch den Befehl, zehn Fuss hoch zu sein; während das Geheimmittel zur Erzeugung von Mut, wie ich es in Anmerkung R bekannt gegeben habe, fast unfehlbar ist.

Die Furcht vor dem Tode ist am stärksten, wenn wir in der Blüte unserer Kraft stehen, wenn unsere Triebe sich lebhaft äussern, wenn wir scharfe Augen und feines Gehör haben und jedes Organ seine Aufgaben erfüllt. Der Grund hierfür ist klar: weil dann das Leben am erfreulichsten ist und wir es am meisten zu geniessen imstande sind. Wie kommt es nun aber, dass ein Ehrenmann, obwohl dreissig Jahre alt und in voller Gesundheit, so leicht eine Forderung zum Zweikampf annimmt? Es ist sein Selbstgefühl, was seine Furcht besiegt; denn sobald dieses ausgeschaltet ist, wird sich seine Furcht aufs deutlichste offenbaren. Falls er an die See nicht gewöhnt ist, lasse man ihn nur in einen Sturm hineingeraten, oder falls er vorher nie krank war, lasse man ihn nur mal eine Halsentzündung oder ein leichtes Fieber haben, und er wird in tausend Ängsten sein, wodurch er zeigt, welchen unschätzbaren Wert das Leben für ihn hat. Wären die Menschen von Natur demütig veranlagt und Schmeicheleien unzugänglich gewesen, so würde der Sozialpolitiker seine Ziele nimmermehr haben erreichen können und hätte nie gewusst, was er mit ihnen anfangen sollte. Ohne ihre Fehler und Schwächen wären ihre Vorzüge für immer unentdeckt geblieben.

Ein anderes Argument zum Beweise unserer freundschaftlichen Veranlagung und wirklichen Zuneigung zu unseren Mitmenschen ist unsere Liebe zur Geselligkeit und die Abneigung, die wir, mehr als alle anderen lebenden Wesen, normalerweise gegen die Einsamkeit haben. In den »Charakteristiken« erscheint dieser Umstand in ganz besonders hellem Lichte und wird in ausgezeichneter Sprache aufs vorteilhafteste dargestellt. Als ich es zum erstenmal gelesen hatte, hörte ich den Tag darauf eine Menge Leute frische Heringe ausrufen, was mich, in Verbindung mit dem Gedanken an die grossen Massen dieser und anderer gleichzeitig gefangenen Fische, sehr vergnügt stimmte, obgleich ich allein war. Als ich mich aber in stiller Betrachtung hierüber erging, kam ein unausstehlicher Nichtstuer, dem ich das Unglück hatte bekannt zu sein, und fragte mich, wie mir's eigentlich gehe, obgleich ich so gesund und munter wie nur je in meinem Leben war und jedenfalls auch aussah. Was ich ihm antwortete, habe ich vergessen; doch erinnere ich mich, dass ich ihn eine ganze Zeit lang nicht los werden konnte und alle Pein erduldete, über die einmal mein Freund Horaz gelegentlich einer ähnlichen Belästigung geklagt hat.

Hoffentlich erklärt mich keiner meiner scharfsinnigen Kritiker auf diese kurze Geschichte hin für einen Menschenhasser; wer dies täte, wäre sehr im Irrtum. Ich bin sehr gern in Gesellschaft, und falls der Leser der meinigen nicht schon überdrüssig ist, will ich ihm – ehe ich zeige, wie lächerlich und unhaltbar jene für uns so schmeichelhafte Ansicht ist – – eine Schilderung desjenigen Menschen geben, den ich mir zum Verkehr wählen oder wünschen würde; ich verspreche ihm, dass er die Anwendung hiervon gefunden haben wird, bevor er noch, was ihm zuerst nur als Abschweifung erscheinen dürfte, beendet hat.

Durch frühzeitige und kunstvolle Unterweisung müsste er ein lebhaftes Gefühl für Ehre und Schande und eine festwurzelnde Abneigung gegen alles erworben haben, was nur im geringsten etwas von Unhöflichkeit, Anmassung oder Rohheit an sich hat. Er müsste in der lateinischen Sprache gut, in der griechischen einigermassen Bescheid wissen und ausserdem noch ein oder zwei moderne Sprachen neben seiner Muttersprache verstehen. Er müsste mit den Sitten und Gebräuchen der Alten bekannt und in der Geschichte seines Landes und der Kultur seiner Zeit vollständig bewandert sein. Ausser Literatur müsste er diese oder jene nützliche Wissenschaft studiert und einige auswärtige Höfe und Universitäten besucht haben, überhaupt mit richtigem Verständnis auf Reisen gegangen sein. Hin und wieder müsste er am Tanzen, Fechten und Reiten Gefallen finden, auch etwas von der Jagd und anderen Sports verstehen, ohne sich gerade einem von ihnen ganz ergeben zu haben, müsste aber alles dies nur als gesunde Leibesübung oder als Zerstreuung ansehen, die nie mit ernster Arbeit oder dem Erwerb anderer wertvollerer Fertigkeiten in Konflikt geraten sollte. Ferner müsste er einige allgemeine Kenntnisse in Geometrie und Astronomie sowie in der Anatomie und Ökonomie des menschlichen Leibes haben. Verständnis für Musik bis zur Ausübung ist ein besonderes Talent; da sich aber allerlei dagegen sagen lässt, so möchte ich lieber, dass der Betreffende genug vom Zeichnen versteht, um eine Landschaft entwerfen und irgendeine Form oder Gestalt, die man ihm beschriebe, anschaulich darstellen zu können; den Pinsel brauchte er nicht anzurühren. Er müsste auch schon sehr frühzeitig an den Verkehr mit gebildeten Frauen gewöhnt worden sein und mindestens alle vierzehn Tage in Gesellschaft der Damen sich befinden.

Von groben Lastern wie Gotteslästerung, Hurerei, Spielen, Trinken und Raufen will ich gar nicht sprechen; schon die bescheidenste Erziehung schützt uns davor. Natürlich würde ich ihm einen sittlichen Lebenswandel empfehlen, doch schätze ich bei einem gebildeten Manne nicht freiwillige Unkenntnis in bezug auf irgend etwas, was in adeligen oder bürgerlichen Kreisen geschieht. Vollkommen kann ein Mensch nun einmal nicht sein; über gewisse Schwächen würde ich daher hinwegsehen, wenn ich sie nicht verhindern kann. Mag also im Alter von Neunzehn bis Dreiundzwanzig gelegentlich das Feuer der Jugend über seine Keuschheit den Sieg davongetragen haben, – falls er nur nicht gar zu sorglos dabei vorging; mag er bei einigen aussergewöhnlichen Anlässen, von dem eifrigen Drängen seiner lebenslustigen Freunde überwältigt, mehr, als strenger Nüchternheit entsprach, getrunken haben, – falls er es nur ganz ausnahmsweise tat und so, dass es seiner Gesundheit und Konstitution nicht schadete; oder mag er endlich, in erhitzter Stimmung und in gerechter Sache aufs äusserste gereizt, einmal sich in einen Ehrenhandel verwickelt haben, den wahre Weisheit und eine weniger strikte Befolgung des Ehrenkodex verhindert oder beigelegt haben würde, – falls ihm nur dies nicht öfter als ein einziges Mal begegnete; mag er sich also solches auch haben zuschulden kommen lassen: wenn er nicht davon spricht, viel weniger noch sich dessen rühmt, so soll es ihm in dem erwähnten Alter verziehen oder wenigstens nicht angerechnet werden, vorausgesetzt, dass er dann vernünftig wurde und für alle Zukunft davon abliess. Gerade durch den Schrecken wilder Jugendstürme sind manche Männer zu wirksamerer Selbstbesinnung gekommen, als es ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach ohnedem möglich gewesen wäre. Um einen jungen Menschen vor Schandtaten und öffentlichem Skandal zu bewahren, gibt es nichts besseres, als ihm freien Zutritt zu ein oder zwei vornehmen Familien zu verschaffen, wo ihm häufiges Erscheinen zur Pflicht gemacht wird. Denn indem man auf diese Weise seinen Stolz nährt, hält man ihn gleichzeitig in dauernder Furcht vor Schande.

Ein leidlich wohlhabender und ungefähr mit den von mir geforderten Vorzügen ausgestatteter Mann, der sich auch bis zu seinem dreissigsten Lebensjahre noch weiterbildet und in der Welt umsieht, muss durchaus angenehm im Umgang sein, wenigstens solange seine Gesundheit und materielle Lage gut bleiben und er sich ausserdem über nichts aufzuregen braucht. Wenn ein solcher Mensch nun, zufällig oder auf Verabredung, mit dreien oder vieren von seinesgleichen zusammentrifft, und sie haben den gemeinsamen Wunsch, ein paar Stunden miteinander zu verbringen, so nenne ich das Ganze eine »gute Gesellschaft«. Es wird hier nichts geredet, was für einen gebildeten Mann nicht entweder belehrend oder unterhaltend wäre. Vielleicht sind sie nicht gerade immer der gleichen Meinung; aber es kann doch nie zu einer ernstlichen Differenz kommen, ohne dass derjenige, der zuerst von dem anderen abweicht, sogleich nachgibt. Nur einer spricht immer auf einmal und nur so laut, dass er auch vom entferntest Sitzenden noch deutlich verstanden wird. Was jeder von ihnen als sein Haupt vergnügen sucht, ist die Genugtuung, sich den anderen angenehm zu machen, was man, wie sie alle aus Erfahrung wissen, ebenso wirksam dadurch erreichen kann, dass man aufmerksam und mit Beifall ausdrückender Miene zuhört, als dadurch, dass man selbst gute und treffende Gedanken äussert.

Die meisten Menschen von einigem Geschmack werden eine solche Unterhaltung schätzen und sie mit Recht dem Alleinsein vorziehen, solange sie nicht wissen, wie sie ihre Zeit zubringen sollen. Falls sie sich jedoch mit etwas beschäftigen können, wovon sie solideren oder dauernderen Gewinn erhoffen, so werden sie sich jenes Vergnügen versagen und sich den Dingen zuwenden, die von grösserer Bedeutung für sie sind. Und würde nicht jemand, obwohl er vierzehn Tage lang keinen Sterblichen gesehen hätte, lieber nochmals ebensolange allein bleiben, als sich in Gesellschaft von ein paar frechen Krakeelern begeben, die ein Vergnügen darin finden, einem zu widersprechen, und eine Ehre darein setzen, Händel anzufangen? Würde einer, der mit Büchern versehen ist, nicht lieber dauernd lesen oder sich hinsetzen und etwas schreiben, als jeden Abend mit Parteiwüterichen zusammen sein, nach deren Meinung die Zustände im Lande überhaupt nichts wert sind, solange ihren Gegnern noch darin zu leben erlaubt ist? Würde einer nicht lieber einen Monat lang zu Hause bleiben und vor sieben Uhr zu Bett gehen, als sich unter eine Rotte von Krautjunkern mischen, die den ganzen Tag auf der Fuchsjagd sich vergeblich die Hälse zu brechen versucht haben und sich abends zu einem zweiten Angriff auf ihr Leben, nämlich zu einem Saufgelage, vereinigen, wobei sie, zum Zeichen ihres Wohlbefindens, mehr sinnlosen Lärm und Spektakel im geschlossenen Räume machen, als ihre kläffenden, aber weniger unangenehmen Gesellschafter im Freien? Und ich hätte auch keine grosse Achtung vor einem Manne, der nicht lieber sich mit Spazierengehen ermüden oder, wenn er eingeschlossen wäre, nicht lieber Stecknadeln herumstreuen würde, um sie dann wieder aufzuheben, als dass er mehrere Stunden in Gesellschaft eines Haufens gewöhnlicher Matrosen zubrächte, die kurz vorher ihre Löhnung empfangen haben.

Ich will trotzdem zugeben, dass die grosse Mehrzahl der Menschen, um nicht beträchtliche Zeit hindurch allein sein zu müssen, die von mir erwähnten Dinge in Kauf nehmen würde. Ich kann jedoch nicht sehen, warum dieser Geselligkeitstrieb, dieses starke Bedürfnis nach Gesellschaft, so sehr zu unseren Gunsten ausgelegt und als Zeichen für einen den übrigen Tieren nicht zukommenden inneren Wert des Menschen angesehen werden soll. Denn um daraus eine ursprüngliche Neigung des Menschen zum Guten und zur Betätigung selbstloser Liebe abzuleiten, mit der er die gesamte Menschheit umfasst und durch die er zu einem geselligen Wesen wurde: dazu müsste dieser Drang nach Zusammenschluss und Widerwille gegen die Einsamkeit am deutlichsten und lebhaftesten gerade bei den Besten ihres Geschlechts zur Geltung kommen, bei den Männern von bedeutenden Geistesgaben und hervorragender Tüchtigkeit und jenen, deren Leben am meisten frei von Lastern ist. Tatsächlich ist das Gegenteil hiervon der Fall. Gerade die schwächsten Gemüter, die ihre Gefühle am wenigsten in der Gewalt haben, ferner die Menschen mit bösem Gewissen, die alle Reflexion verabscheuen, und die Unfähigen, die nichts Eigenes von Wert hervorbringen, sind die grössten Feinde der Einsamkeit und nehmen, um nicht allein sein zu müssen, mit jeder Gesellschaft, wie sie auch sei, vorlieb. Menschen von Verstand und Wissen dagegen, die zu ruhigem Nachdenken über die Dinge imstande sind, sowie solche, die sich von ihren Gefühlen nur wenig beherrschen lassen, können es am längsten, ohne missgestimmt zu werden, mit sich allein aushalten. Sie werden, um dem Lärm, der Torheit und der Anmassung zu entgehen, lieber aus zwanzig Gesellschaften fortlaufen, und um nicht auf etwas ihr Feingefühl Verletzendes zu stossen, werden sie ihr Studierzimmer oder ihren Garten, ja sogar eine Viehweide oder eine Einöde der Gesellschaft von Menschen vorziehen.

Betrachten wir aber einmal die Liebe zur Geselligkeit als so unabtrennbar vom Menschen, dass niemand es einen Augenblick allein aushielte, was wäre daraus zu folgern? Liebt der Mensch nicht die Geselligkeit, gleich allem anderen, um seiner selbst willen? Keine Freundschaft oder Höflichkeit ist von Dauer, wenn sie nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Bei allen unseren täglichen und wöchentlichen Zusammenkünften wie auch bei den jährlichen Festen und den ganz feierlichen Gastmählern hat jeder einzelne Teilnehmer seine eigenen Zwecke, und manche gehören einem Klub an, den sie nie besuchen würden, wenn sie nicht die Hauptrolle darin spielten. Ein Bekannter von mir – er galt in Gesellschaft stets als unfehlbar – überging keine Einladung und war sehr ungehalten, wenn ihn etwas vom pünktlichen Erscheinen abhielt; in dem Augenblick aber, wo ein anderer dazu kam, der es mit ihm aufnahm und ihm seine Überlegenheit streitig machte, vermied er die betreffende Gesellschaft vollständig. Es gibt auch Leute, die zwar nicht imstande sind, eine eigene Ansicht konsequent zu vertreten, die aber Bosheit genug besitzen, um sich an den Wortgefechten anderer zu ergötzen; obgleich sie sich nie an der Unterhaltung beteiligen, würde ihnen eine Gesellschaft, wo sie dieses Vergnügen nicht haben könnten, langweilig erscheinen. Ein feines Haus, elegante Möbel, ein prächtiger Garten, Pferde, Hunde, Vorfahren, Verwandte, Schönheit, Stärke, Besonderheit in irgend etwas, sei es was es wolle, Lastern wie Tugenden: sie alle können eine Veranlassung dazu abgeben, dass die Menschen sich nach Gesellschaft sehnen, in der Hoffnung, das, worauf sie sich etwas Besonderes einbilden, werde auch einmal Gegenstand der Unterhaltung werden und ihnen dann eine gewisse innere Genugtuung bereiten. Selbst Leute von der feinsten und vornehmsten Bildung, wie die weiter oben von mir geschilderten, verschaffen anderen kein Vergnügen, das ihrer Eigenliebe nicht zurückerstattet wird und letzten Endes nicht in ihnen selbst wurzelt, sie mögen die Sache wenden und drehen wie sie wollen. Der deutlichste Beweis dafür, dass in allen Vereinigungen und Zusammenkünften gesellig veranlagter Menschen ein jeder sich selbst den Hauptwert beimisst, ist aber dies, dass gerade der Bescheidene, der lieber noch etwas nachlässt als sich herumstreitet, der Gutmütige, der nie gereizt oder leicht verletzt ist, der Sorglos-Ruhige, der alles Disputieren hasst und nie des Triumphes halber redet, – dass gerade Leute dieser Art überall die Lieblinge der Gesellschaft sind. Dagegen der Mann von Verstand und Wissen, der sich nichts vormachen und sich nicht imponieren lässt, der Geistreiche und Witzige, der scharfe und treffende Bemerkungen macht, obgleich er keinen züchtigt, der es nicht verdient hätte, endlich der Ehrenmann, der keine Beleidigung ausspricht, aber sich auch keine gefallen lässt, solche Persönlichkeiten sind vielleicht geachtet, aber selten so beliebt und gern gesehen wie minder bedeutende aber harmlosere Naturen.

Wie in diesen Beispielen die freundschaftliche Gesinnung daraus entspringt, dass wir fortwährend darauf bedacht sind, genügend zur Geltung zu kommen, so entstammt sie in anderen Fällen unserer natürlichen Furchtsamkeit und ängstlichen Sorge um unsere Person. Nehmen wir zwei Londoner, die geschäftlich nichts miteinander zu tun haben, die sich aber kennen und auch täglich auf der Börse sehen. Sie werden sich, sobald sie aneinander vorübergehen, nicht mehr Höflichkeit erweisen, als zwei Bullen tun würden. Wenn sie sich aber in Bristol treffen, so werden sie die Hüte voreinander abnehmen, bei der geringsten Gelegenheit ein Gespräch anknüpfen und sich über ihr Zusammensein freuen. Wenn Franzosen, Engländer und Holländer sich in China oder einem anderen heidnischen Lande treffen, so betrachten sie sich, da sie sämtlich Europäer sind, gegenseitig als Landsleute und empfinden, falls kein störender Affekt dazwischen tritt, eine natürliche Zuneigung zueinander. Ja sogar zwei miteinander Verfeindete werden, sobald sie gezwungen sind, gemeinsam zu reisen, leicht ihren Zwist vergessen, liebenswürdig sein und sich freundschaftlich unterhalten, namentlich wenn der Weg unsicher ist und sie beide in dem Orte, der das Ziel ihrer Reise ist, fremd sind. Diese Dinge werden von oberflächlichen Beurteilern der sozialen Veranlagung des Menschen zugeschrieben, dem ihm von Natur innewohnenden Bedürfnis nach Freundschaft und Geselligkeit. Wer aber gehörig nachforscht und sich die Menschen näher ansieht, wird stets finden, dass wir bei allen diesen Gelegenheiten lediglich unser eigenes Interesse verfolgen und hierbei von den bereits angeführten Motiven bestimmt werden.

Im Bisherigen habe ich mich bemüht zu beweisen, dass das Pulchrum et Honestum, die Besonderheit, der eigentliche innere Wert der Dinge, dem steten Wechsel der Moden und Sitten entsprechend, etwas Schwankendes und Ungewisses ist; dass daher den Schlussfolgerungen, die aus der vermeintlichen Sicherheit jenes Wertes der Dinge gezogen werden, keinerlei Bedeutung zukommt, und dass die grossartigen Anschauungen betreffs einer ursprünglichen gütigen Veranlagung des Menschen nur Schaden stiften, da sie irreleitend und rein phantastisch sind. Ich habe ferner von unserer Neigung zur Geselligkeit und unserem Widerwillen gegen die Einsamkeit gesprochen, deren verschiedene Motive gründlich untersucht und dargelegt, dass sie sämtlich ihre Wurzel in der Selbstliebe haben. Ich beabsichtige nunmehr, das Wesen der Gesellschaft zu erforschen und durch Zurückgehen auf ihre ersten Anfänge zu beweisen, dass nicht die guten und liebenswerten, sondern die schlechten und allgemein verabscheuten Eigenschaften des Menschen, seine Unvollkommenheiten und der Mangel an Vorzügen, die anderen Geschöpfen zukommen, – dass diese die ersten Ursachen gewesen sind, die den Menschen nach dem Sündenfall mehr als andere Tiere zu einem geselligen Wesen gemacht haben; und, falls er seine ursprüngliche Unschuld behalten und deren selige Freuden weiter genossen hätte, dass dann seine Umwandlung in ein solches geselliges Wesen, wie er gegenwärtig eines ist, ausserhalb des Bereiches aller Wahrscheinlichkeit gelegen haben würde.

Wie notwendig unsere Begierden und Leidenschaften für das Gedeihen aller Gewerbe und Handwerke sind, ist bereits hinreichend dargelegt worden, und dass sie unsere sogenannten schlechten Eigenschaften sind, oder wenigstens diese schlechten Eigenschaften aus sich hervorgehen lassen, leugnet niemand. Es bleibt mir also noch übrig, die Mannigfaltigkeit der Hemmnisse zu schildern, durch die der Mensch in jener Arbeit, die ihn ununterbrochen in Anspruch nimmt, gehindert und gestört wird, nämlich in der Beschaffung des durch seine Bedürfnisse Geforderten, oder – anders ausgedrückt – in der Betätigung des Selbsterhaltungstriebes. Dabei wird sich zeigen, dass die soziale Veranlagung des Menschen lediglich auf eben diesen beiden Faktoren beruht: der grossen Zahl seiner Bedürfnisse und den fortwährenden Hindernissen, die sich ihrer Befriedigung entgegenstellen.

Die Hindernisse, von denen hier die Rede ist, beziehen sich entweder auf unsere geistig-körperliche Beschaffenheit oder auf die von uns bewohnte Erde, d. h. deren Zustand, seit sie von Gott verflucht ward. Ich habe mich oft bemüht, diese beiden eben genannten Dinge getrennt zu betrachten, konnte sie jedoch nie ganz auseinanderhalten; sie wirken stets mit- und aufeinander ein und bringen schliesslich zusammen ein Chaos von Übeln hervor, das ganz fürchterlich ist. Alle Elemente sind unsere Feinde, Wasser ertränkt und Feuer verzehrt einen jeden, der sich ihnen unachtsam nähert. Die Erde erzeugt allerorten Gewächse der verschiedensten Art, die dem Menschen schädlich sind; sie nährt und pflegt gleichzeitig zahllose Geschöpfe, die ihn verderben können und birgt noch ausserdem ein wahres Heer von Giften in ihrem Innern. Aber das feindlichste aller Elemente ist doch gerade das, dessen wir für unser Dasein nicht einen Augenblick entbehren können. Unmöglich ist es, alle die Schäden aufzuzählen, die Wind und Wetter uns zufügen; und obwohl der grösste Teil der Menschheit stets bestrebt gewesen ist, sich gegen die Unbilden der Witterung zu sichern, so ist doch bisher nicht Kunst noch Arbeit imstande gewesen, einen Schutz gegen das rasende Wüten mancher Naturereignisse aufzufinden.

Selbst für den Bestgesinnten gibt es nichts auf dieser Welt, was so gut wäre, dass er bei dessen Verwendung – sei es aus Versehen, sei es aus Unwissenheit – den geringsten Fehler ungestraft begehen dürfte. Keine Unschuld oder Reinheit ist imstande, einen Menschen vor tausend Gefahren in seiner nächsten Umgebung zu schützen. Im Gegenteil, jegliches Ding ist ein Übel, das Kunst und Erfahrung uns nicht gelehrt haben, in einen Segen zu verwandeln. Wie fleissig ist daher der Landwirt zur Erntezeit, um die Feldfrucht hereinzuholen und vor dem Regen zu bewahren, ohne den er sich ihrer doch niemals hätte erfreuen können! Da die Jahreszeiten mit dem Klima wechseln, so haben wir durch Erfahrung gelernt, sie in verschiedener Weise auszunutzen, daher wir in dem einen Lande den Ackersmann beim Säen treffen, während er in einem anderen erntet; woraus wir entnehmen können, wie sehr sich die Erde verändert haben muss seit der Zeit, da unsere ersten Voreltern im Paradiese leben durften.

Es lässt sich keinerlei vernünftiger Grund angeben, warum die Menschheit in einem solchen goldenen Zeitalter, wie es damals gewesen ist, sich je hätte zu so umfangreichen Gemeinschaften vereinigen sollen, wie sie in der Welt schon so lange existiert haben, als wir deren Geschichte zurück verfolgen können. Wenn jemand alles hat, was er begehrt, und nichts ihn quält und bedrückt, da ist es nicht möglich, sein Glück noch durch irgend etwas zu steigern, und es lässt sich keine Kunst, Technik und Wissenschaft, kein Titel oder Beruf nennen, der in einem solchen Zustande reinster Seligkeit nicht überflüssig wäre. Wenn wir diesem Gedanken weiter nachgehen, erkennen wir leicht, dass auf der Grundlage der liebenswerten Eigenschaften und freundschaftlichen Neigungen des Menschen nie eine soziale Gemeinschaft hätte entspringen können, sondern im Gegenteil, dass deren Entstehung stets seinen Bedürfnissen, seinen Mängeln und der Mannigfaltigkeit seiner Begierden zu verdanken gewesen sein muss. Und wir werden ferner finden: je mehr des Menschen Stolz und Eitelkeit sich entfalten und seine Wünsche sich ausbreiten, desto mehr muss er dazu befähigt werden, solche grossen und umfangreichen Gemeinschaften zu bilden.

Wäre die Luft unserem nackten Leibe stets so unschädlich und angenehm, wie sie unserer Überzeugung nach den meisten Vögeln bei schönem Wetter ist, und hätte der Mensch nie Eitelkeit und Prahlsucht, auch nicht verbuhlte Heuchelei gezeigt, so wüsste ich nicht, was uns auf die Erfindung von Kleidern und Wohnstätten hätte bringen können. Ich will gar nicht erst von Juwelen und Silbergerät sprechen, von Gemälden und Skulpturen, von eleganten Möbeln und all dem, was strenge Moralisten als unnötig und überflüssig bezeichnet haben. Wenn wir, statt beim Gehen gleich zu ermüden, so flink wie manche anderen Tiere wären; wenn es der Natur des Menschen entspräche, sich anzustrengen, statt es sich immer nur möglichst bequem zu machen; wenn er auch von anderen Fehlern frei wäre, und es wäre ausserdem der Erdboden überall eben, fest und sauber, wer würde alsdann je an Kutschen gedacht oder sich auf den Rücken eines Pferdes gewagt haben? Welche Verwendung hat der Delphin für ein Schiff oder der Adler für einen Wagen?

Ich hoffe, der Leser weiss, dass ich unter »Gesellschaft« eine politische Körperschaft verstehe, in der die Menschen, entweder durch überlegene Gewalt unterworfen, oder durch Überredung aus dem Zustande der Wildheit emporgehoben, zu disziplinierten Wesen geworden sind, die in der Arbeit für andere ihr persönliches Interesse finden können, und wo unter monarchischer oder sonstiger Regierungsform jeder Einzelne dem Ganzen dienstbar gemacht, die Gesamtheit aber durch kluge Leitung zu einheitlichem Handeln befähigt worden ist. Denn wenn wir unter »Gesellschaft« bloss einen Haufen von Leuten verstehen, die ohne Gesetz und Regierung lediglich aus natürlicher gegenseitiger Zuneigung oder aus Geselligkeitsbedürfnis zusammenhalten wie eine Herde Kühe oder Schafe, dann gibt es kein Geschöpf auf Erden, das ungeeigneter für die Gesellschaft wäre, als der Mensch. Schon ihrer hundert – wären sie alle gleichberechtigt, unter keinerlei Herrschaft und ohne Furcht vor einer irdischen Gewalt – könnten wachend keine zwei Stunden zusammenleben, ohne Streit anzufangen; und je mehr Wissen und Kraft, Verstand, Mut und Entschlossenheit unter ihnen zu finden wäre, desto schlimmer würde es zugehen.

Man darf annehmen, dass im ursprünglichen Naturzustande die Eltern eine gewisse Überlegenheit über ihre Kinder behalten haben werden, solange wenigstens, als sie noch rüstig waren, und dass selbst nachher noch die Erinnerung an das von den anderen Erlebte in den Kindern etwas zwischen Liebe und Furcht, was wir Ehrfurcht nennen, hervorgebracht haben wird. Es ist auch wahrscheinlich, dass die zweite Generation dem Beispiel der ersten folgen würde. Ein einigermassen schlauer und geschickter Mann würde dann, solange er seinen vollen Verstand behielte, stets imstande sein, über seine gesamte, wenn auch noch so stark angewachsene Nachkommenschaft eine entschiedene Herrschaft auszuüben. Nachdem aber der alte Stamm einmal ausgestorben wäre, würden die Söhne in Streit geraten, und ehe der Friede lange bestanden hätte, wäre schon der Krieg dagewesen. Erstgeburt hat unter Brüdern kein grosses Gewicht; der Vorzug, der ihr eingeräumt wird, ist ein blosser Notbehelf, um in Eintracht leben zu können. Da der Mensch eigentlich ein furchtsames, ursprünglich nicht räuberisch veranlagtes Tier ist, so liebt er Ruhe und Frieden, und er würde nie kämpfen, wenn niemand ihm etwas zuleide täte und er ohne Kampf sein Ziel ebensogut erreichte. Dieser furchtsamen Veranlagung und Abneigung gegen Aufruhr und Verwirrung sind sämtliche Regierungsformen und -projekte zu verdanken. Die Monarchie war zweifellos die erste, Aristokratie und Demokratie waren zwei verschiedene Methoden, um den Nachteilen jener zu entgehen, und eine Mischung aus diesen dreien eine Verbesserung aller übrigen.

Mögen wir uns nun aber im Zustande der Wildheit oder der politischen Gemeinschaft befinden: es ist unmöglich, dass der Mensch rein als solcher, und solange er seine Glieder gebrauchen kann, in anderer Absicht als der, sich Lust zu verschaffen, handelt; Liebe sowohl wie Verzweiflung haben selbst in ihren Extremen nur diese eine Wurzel. Zwischen Wille und Lust ist in gewissem Sinne kein Unterschied; jede Bewegung, die ihnen entgegen ausgeführt wird, muss unnatürlich und krampfhaft sein. Da nun also unser Handeln in dieser Weise bestimmt ist und wir jederzeit gezwungen sind, das zu tun, was uns Lust verschafft, während gleichzeitig unser Denken frei und unbeaufsichtigt ist, so ist es auch ausgeschlossen, dass wir gesellig leben können ohne zu heucheln. Der Beweis hierfür ist einfach. Da wir die Gedanken, die unablässig in uns entstehen, nicht verhindern können, so würde aller sozialer Verkehr aufhören, wenn wir durch Kunst und kluge Verstellung nicht gelernt hätten, jene Gedanken zu verbergen und zu verheimlichen. Läge alles, was wir denken, anderen ebenso deutlich vor Augen wie uns selbst, so würden wir uns, mit der Fähigkeit der Sprache ausgestattet, unmöglich gegenseitig ertragen können. Ich bin überzeugt, dass jeder Leser die Wahrheit dieser Behauptung empfindet; und ich sage es jedem, der anderer Meinung ist, dass sein Gewissen ihn Lügen straft, während seine Zunge sich anschickt, mich zu widerlegen. In allen bürgerlichen Gesellschaften werden die Menschen, ohne dass sie es merken, gelehrt, von frühester Kindheit an zu heucheln; keiner wagt es einzugestehen, dass er aus öffentlichem Unglück oder gar aus den Verlusten einzelner Privatpersonen Nutzen zieht. Den Totengräber, der offen den Wunsch ausspräche, dass die Gemeindemitglieder sterben möchten, würde man steinigen, obwohl jedermann weiss, dass er, bliebe sein Wunsch unerfüllt, nichts zum Leben hätte.

Wenn ich das tägliche Tun und Treiben der Menschen beobachte, gewährt es mir immer ein grosses Vergnügen, die mannigfachen und oft seltsam gegensätzlichen Gestalten zu erblicken, die die Menschen, je nach ihrer Beschäftigung und gesellschaftlichen Stellung, in der Hoffnung auf Gewinn und in dem Gedanken an Geldverdienst annehmen. Wie fröhlich und heiter erscheint jedes Antlitz auf einem wohl arrangierten Ball, und welchen feierlichen Ernst bemerkt man bei der Maskerade eines Leichenzuges! Dabei ist aber der Sarglieferant über seinen Verdienst nicht weniger erfreut als der Tanzmeister. Beide müssen sich in ihrem Berufe in gleicher Weise anstrengen, und die Lustigkeit des einen ist ebenso künstlich und gezwungen wie das würdevolle Gebaren des anderen. Wer nie die Verhandlungen zwischen einem Modewarenhändler und einer jungen Dame, die bei ihm kaufen will, beobachtet hat, hat sich eine sehr unterhaltende Szene aus dem Leben entgehen lassen. Ich bitte meinen Leser, für ein Weilchen sein ernstes Sinnen zu unterbrechen und mir zu erlauben, dass ich die beiden soeben erwähnten Personen nacheinander in bezug auf ihr Inneres und die verschiedenen Motive ihres Handelns untersuche.

Ihm kommt es vor allem darauf an, von seiner Seide soviel wie möglich zu verkaufen, und zwar zu dem Preise, den er, dem durchschnittlichen Verdienst in seiner Branche entsprechend, für berechtigt hält. Die Dame ihrerseits möchte gern alles so haben, wie sie sich's in den Kopf gesetzt hat, und dabei um vier oder fünf Groschen pro Elle billiger einkaufen, als das von ihr Gewünschte im allgemeinen kostet. Auf Grund des Eindrucks, den die Galanterie der Männer auf sie gemacht hat, ist sie – falls sie nicht gerade ganz missgestaltet – davon überzeugt, dass sie ein vornehmes Auftreten, ein gewinnendes Wesen, besonders aber eine bezaubernde Art zu sprechen hat; ausserdem natürlich, dass sie hübsch, und wenn nicht eine Schönheit, so doch mindestens von angenehmerem Äusseren ist als die meisten jungen Damen ihrer Bekanntschaft. Da ihr Anspruch, billiger als andere Leute einzukaufen, sich lediglich auf ihre guten Eigenschaften gründet, so sucht sie sich von einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, wie Geschick und Takt es ihr ermöglichen. Für Liebesgedanken ist im vorliegenden Falle kein Raum, infolgedessen hat sie einerseits keinen Grund, die Tyrannin zu spielen und ärgerlich verstimmt zu tun, andererseits aber mehr Freiheit, freundlich und entgegenkommend zu sein, als sie bei irgendeiner anderen Gelegenheit haben kann. Sie weiss, dass zahllose Leute aus den besten Kreisen in seinen Laden kommen, und bemüht sich, so nett und liebenswürdig zu sein, wie die Anstandsregeln es zulassen. Da sie sich mit solchen Vorsätzen für ihr Verhalten auf den Weg begibt, so kann ihr nichts begegnen, was sie irgendwie aus der Fassung bringen könnte.

Bevor ihr Wagen noch ganz zum Stillstand gekommen ist, nähert sich ihr ein durchaus wie ein feiner Herr aussehender Mann, an dem alles sauber und nach der neuesten Mode ist, und bietet ihr in tiefster Ergebenheit seinen Gruss dar. Sobald er erkannt, dass sie den Wunsch hat, seinen Laden zu betreten, komplimentiert er sie hinein und schlüpft durch einen Nebenweg, der nur für einen halben Augenblick sichtbar bleibt, mit grossem Geschick hinter den Ladentisch. Hier sich ihr voll zukehrend bittet er mit tiefem Diener und in modischen Phrasen um die Gunst, ihre Befehle entgegennehmen zu dürfen. Sie mag nun sagen und tadeln soviel sie will, sie wird nie direkten Widerspruch erfahren, denn sie hat mit einem Manne zu tun, bei dem vollendete Geduld zu den Geheimnissen seines Berufes gehört. Wieviel sie ihm auch mag zu schaffen machen, sie ist sicher, immer nur die verbindlichsten Worte zu hören und in ein freundliches Antlitz zu blicken, auf dem freudige Ergebenheit sich mit guter Laune zu paaren scheint und beide zusammen eine gefasste Heiterkeit entstehen lassen, die etwas Künstlerisches an sich hat und jedenfalls einnehmender wirkt, als es primitiver Natürlichkeit möglich wäre.

Wenn zwei Menschen in dieser Weise aufeinander abgestimmt sind, so muss ihre Unterhaltung sich sehr angenehm wie auch äusserst manierlich gestalten, obgleich es sich dabei um Nichtigkeiten handelt. Solange sie noch unentschlossen ist, was sie nehmen soll, scheint er desgleichen in ihrer Beratung und hütet sich ängstlich, ihre Wahl irgendwie zu bestimmen; sobald diese aber einmal endgültig getroffen ist, nimmt er augenblicklich aufs entschiedenste Stellung. Er versichert, das von ihr Gewählte sei das beste in dieser Art, lobt ihren Geschmack, und je länger er sich's jetzt ansieht, desto mehr erstaunt er, nicht vorher schon entdeckt zu haben, wie weit es allem anderen in seinem Laden überlegen ist. Durch Unterweisung, Beispiel und grossen Eifer hat er gelernt, unbeobachtet bis in die verborgensten Tiefen der Seele vorzudringen, die Intelligenz seiner Kunden zu beurteilen und ihre ihnen selbst unbekannte schwache Seite herauszufinden. Auf diesem Wege hat er die Kenntnis noch vieler anderen Kunstgriffe erworben, um seine Kunden dazu zu bringen, dass sie sowohl ihr eigenes Urteil wie auch den Artikel, den sie kaufen wollen, überschätzen. Der grösste Vorteil, den er vor ihr voraus hat, liegt in dem wesentlichsten Teile des ganzen Handels, der Erörterung des Preises, den er auf den Pfennig genau kennt, während sie in völliger Unwissenheit darüber ist. Nirgendwo mutet er daher ihrem Verstande Ungeheuerlicheres zu als in diesem Punkte, und obwohl er hier die Freiheit hat, ihr über den Selbstkostenpreis und das Geld, das ihm schon geboten wurde, so viel vorzulügen, wie ihm passt, so verlässt er sich doch nicht hierauf allein. Indem er vielmehr ihre Eitelkeit attackiert, redet er ihr die unwahrscheinlichsten Dinge ein, wie schwach er ihr gegenüber und wie überlegen sie ihm sei. Er habe sich entschlossen, sagt er, dieses Stück nie unter dem und dem Preise abzugeben, aber sie verstehe es, ihn durch ihr blosses Reden um seine Waren zu bringen, wie sonst niemand von seinen Kunden. Er beteuert ihr, dass er an seiner Seide verliert; da er aber sehe, dass sie so grossen Gefallen daran findet und nicht mehr dafür geben mag, so wolle er sie ihr lassen und bitte nur, dass sie andermal nicht wieder so grausam gegen ihn sei. Die Dame, die ja weiss, wie schlau und wie zungenfertig sie ist, ist inzwischen völlig davon überzeugt worden, dass sie in der Tat eine höchst gewinnende Art zu reden hat; und da sie es, den Forderungen des Anstands gemäss, für ausreichend hält, ihr Talent zu leugnen und mit ein paar witzigen Bemerkungen sein Kompliment zu erwidern, so erreicht er schliesslich, dass sie so ziemlich alles, was er ihr erzählt, bereitwilligst glaubt. Das Ende vom Liede ist, dass sie mit der Genugtuung, acht Groschen per Elle erspart zu haben, zu genau demselben Preise eingekauft hat, wie jeder beliebige andere es getan haben würde, und dass sie sogar oft einen halben Schilling mehr gibt, als der Verkäufer genommen hätte, um seine Ware nur überhaupt los zu werden.

Es kann leicht geschehen, dass diese Dame ihm entgeht und ihre Einkäufe bei einem Konkurrenten macht, einfach weil ihr nicht genügend geschmeichelt wird, weil ihr etwas an seinem Benehmen oder an der Art, wie er sein Halstuch trägt, nicht gefällt, oder aus irgendeinem anderen ähnlich gewichtigen Grunde. Wo jedoch viele Geschäfte derselben Branche zusammengedrängt liegen, ist die Entscheidung für einen bestimmten Laden nicht immer leicht; die Gründe, die manche Angehörigen des schönen Geschlechts für ihre Wahl haben, sind oft sehr absonderlich und werden als ein grosses Geheimnis bewahrt. Wir folgen unseren Neigungen nie ungehemmter als da, wo sie nicht auf ihren Ursprung zurück verfolgt werden können und es für andere unvernünftig wäre, Vermutungen hierüber aufzustellen. Von zwei durchaus anständigen feinen Damen zieht die eine ein bestimmtes Geschäft allen übrigen vor, weil sie einen hübschen jungen Mann darin gesehen hat, eine andere deshalb, weil man sie dort einmal mit grösserer Höflichkeit als anderwärts begrüsste, als sie auf dem Wege zur Kirche und ohne die Absicht, etwas zu kaufen, vorüberging. Denn unter den vornehmen Seidenwarenhändlern gilt es als schicklich, dass der Geschäftsinhaber sich vor seiner Ladentür aufhält und sich, um vorübergehende Kunden zu gewinnen, keine andere Freiheit oder Vertraulichkeit erlaubt als eine ergebene Miene, eine unterwürfige Haltung und vielleicht eine Verbeugung gegen jedes gut angezogene weibliche Wesen, das sich einfallen lässt, einen Blick nach seinem Laden zu werfen.

Wenn die humoristische Laune, die ich in der Schilderung dieser Szene aus dem Alltagsleben gezeigt habe, als unpassend empfunden werden sollte, so würde mir das sehr leid tun; ich verspreche aber, mich dieses Fehlers nicht mehr schuldig zu machen, und will sogleich ohne Zeitverlust in kunstlos schlichter Einfachheit meine Beweisführung fortsetzen. Ich will zeigen, wie gröblich diejenigen irren, die da glauben, dass unsere sozialen Tugenden, unsere liebens- und lobenswerten Eigenschaften für die Allgemeinheit ein ebensolcher Gewinn seien wie für die einzelnen Individuen, die sie besitzen, und dass die Mittel, durch die Privatfamilien emporkommen und reich und glücklich werden, die gleiche Wirkung auf die Gesellschaft als Ganzes haben müssten. Hierum habe ich mich in der Tat schon immerfort bemüht, und ich schmeichele mir, nicht ohne Erfolg. Ich hoffe jedoch, niemand wird eine Wahrheit deshalb weniger schätzen, weil er sie auf mehr als einem Wege bewiesen sieht.

Es steht fest, dass ein Mensch um so ruhiger und zufriedener ist, je weniger Wünsche und Bedürfnisse er hat. Je fleissiger einer schafft, um sich selbst mit allem Notwendigen zu versorgen, je weniger er verlangt, von anderen bedient zu werden, desto grösserer Beliebtheit wird er sich bei den Mitgliedern seiner Familie erfreuen. Je mehr er Frieden und Eintracht liebt, je mehr er sich seines Nächsten erbarmt und überhaupt in wahrer Tugend glänzt, – kein Zweifel, dass er in eben dem Masse Gott und den Menschen wohlgefällig ist. Aber seien wir doch gerecht: welcher Gewinn kann aus alledem entstehen, welcher greifbare Nutzen ergibt sich aus solchem Verhalten für die Förderung des Reichtums, des Ansehns und der weltlichen Machtstellung der Nationen? Der vergnügungssüchtige Höfling, dessen Luxus keine Grenzen kennt, die launenhafte Kurtisane, die sich jede Woche nach einer neuen Mode kleidet, und die hochmütige Gräfin, die in Einrichtung und Bewirtung und in ihrem ganzen Auftreten es einer Fürstin gleichtun möchte; der liederliche und ausschweifende Erbe, der sein Geld sinn- und zwecklos hinauswirft und alles, was er sieht, kauft, um es am nächsten Tage wieder zu vernichten oder wegzuschenken; endlich der habsüchtige und meineidige Schurke, der seine enormen Schätze den Tränen der Witwen und Waisen verdankt und sein Geld Verschwendern hinterlässt: diese sind es, was dem ausgewachsenen »Leviathan« als geeignete Nahrung und Beute dient. Oder mit anderen Worten: so jammervoll steht es um die menschlichen Angelegenheiten, dass wir solche widerlichen, schändlichen Subjekte, wie ich sie eben erwähnte, nötig haben, damit all die mannigfachen Arbeiten zur Ausführung kommen, die der Menschengeist ersonnen hat, um einen anständigen Lebensunterhalt zu beschaffen für die grosse Masse der Armen, deren eine umfangreiche Gesellschaft nun einmal bedarf, wenn sie nicht bloss gross und reich, sondern gleichzeitig auch mächtig und hochkultiviert sein will.

Gegen das Papsttum protestiere ich ebenso entschieden wie je Luther oder Calvin oder die Königin Elisabeth selbst. Meiner Überzeugung nach hat aber die Reformation in den Staaten, wo sie Eingang fand, kaum mehr zu deren kultureller Überlegenheit über andere Nationen beigetragen als die seltsam-törichte Erfindung der gesteppten Reifröcke. Sollten mir jedoch die Feinde der Priestermacht dies nicht zugeben, so bin ich wenigstens dessen sicher, dass – abgesehen von den tapferen Männern, die dafür und dagegen gefochten haben – die Reformation von ihren ersten Anfängen bis zum heutigen Tage nicht so viele Hände, redliche, fleissig arbeitende Hände beschäftigt hat, wie jene abscheuliche Errungenschaft weiblicher Putzsucht es in wenigen Jahren getan. Religion und Gewerbe sind zweierlei: wer von seinen Nebenmenschen die grösste Anzahl in Bewegung und Tätigkeit setzt und die raffiniertesten Handelsartikel erfindet, der ist, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, der grösste Freund der sozialen Gemeinschaft.

Welche Geschäftigkeit muss in verschiedenen Gegenden der Welt entwickelt werden, ehe ein schönes scharlach- oder rosenrotes Tuch hergestellt ist, und wie viele Handwerke und Gewerbe müssen hierbei herangezogen werden! Nicht bloss solche, die sich von selbst verstehen, wie Wollkämmer, Spinner, Weber, Tuchwirker, Wäscher, Färber, Packer usw., sondern auch andere, ferner stehende, die nicht daran beteiligt zu sein scheinen, wie der Maschinenbauer, der Metallgiesser, der Chemiker, die sämtlich ebenso wie eine grosse Zahl anderer Handwerke notwendig sind, um die zu den bereits genannten Gewerben erforderlichen Werkzeuge, Substanzen und sonstigen Materialien zu beschaffen. Aber alles hierher Gehörige wird noch bei uns zu Hause getan und lässt sich ohne besonders grosse Mühe und Gefahr bewerkstelligen; ein viel schlimmerer Ausblick eröffnet sich, wenn wir uns überlegen, was für Anstrengungen und Fährnisse in fremden Ländern überstanden werden müssen, welche Wasserflächen zu durchqueren und verschiedenen Klimata zu ertragen sind und welchen Völkern wir insgesamt für ihre Mithilfe zu Dank verpflichtet sind. Spanien dürfte uns allerdings schon allein die Wolle liefern, die für das feinste Tuch notwendig ist; aber wieviel Geschicklichkeit und Mühsal, wieviel Erfahrung und Erfindungsgabe ist erforderlich, um ihm jene schönen Farben zu verleihen! Wie weit sind die Drogen und anderen Ingredienzien, die zusammen in einen Kessel hineingehören, über den ganzen Erdball verstreut! Alaun haben wir freilich selbst, Weinstein können wir vom Rhein her beziehen, Vitriol aus Ungarn; alles dies also gibt es in Europa. Um grosse Mengen von Salpeter zu bekommen, müssen wir jedoch bis nach Ostindien gehen. Die den Alten noch nicht bekannte Cochenille ist uns auch nicht näher, obwohl an einer ganz anderen Stelle der Erde. Wir kaufen sie zwar von den Spaniern; da sie aber nicht bei ihnen wächst, so müssen sie sie uns aus dem entlegensten Winkel der Neuen Welt in Westindien herbeiholen. Während so zahlreiche Seeleute in der glühenden Sonnenhitze des fernen Ostens und Westens schwitzen und dörren, friert ein anderer Trupp im hohen Norden, um aus Russland Pottasche zu beschaffen.

Wenn wir genaue Kenntnis haben von der vielfältigen Mühe und Arbeit, den Strapazen und Unfällen, die bei der Verfolgung des genannten Zweckes in Kauf genommen werden müssen, und wir bedenken ausserdem die gefahrvollen Reisen, die häufig auf Kosten nicht bloss der Gesundheit, sondern auch des Lebens vieler Einzelner unternommen werden, – wenn wir, sage ich, alles dies wissen und gehörig bedenken, so dürften wir uns kaum einen Tyrannen vorstellen können, der so aller Scham und Menschlichkeit bar wäre, dass er, mit derselben Ansicht von den Dingen, derart schreckliche Sklavendienste von seinen unschuldigen Untertanen verlangen sollte; noch dazu, während er gleichzeitig zu gestehen wagte, er tue es lediglich der Freude wegen, die manchen Menschen durch den Besitz eines Gewandes aus scharlach- oder rosenrotem Tuche bereitet werde. Welche Höhe muss aber der Luxus bei einem Volke erreicht haben, wo nicht nur die königlichen Offiziere, sondern auch die gemeinen Soldaten in bezug auf ihre Kleidung so unverschämte Ansprüche stellen!

Ändern wir aber unseren Standpunkt einmal. Betrachten wir alle diese Arbeiten als ebenso viele, zu verschiedenen Berufen gehörige freiwillige Handlungen und vergessen wir nicht, dass die Menschen jene Berufe eines Lebensunterhaltes wegen ergreifen, um darin für sich selbst zu schaffen, wie sehr sie auch immer nur anderen zu dienen scheinen. Bedenken wir ferner, dass sogar die Seeleute, die doch die grössten Strapazen auszuhalten haben, nach Beendigung einer Reise – selbst nach einem Schiffbruch – gleich wieder in einer neuen beschäftigt zu werden wünschen und bitten. Betrachten wir dies, wie gesagt, einmal von einem anderen Standpunkte aus: wir werden alsdann finden, dass die Arbeit der ärmeren Klassen durchaus keine Last und Plage für sie ist, vielmehr als ein Segen gilt, um den sie in ihren Gebeten den Himmel anflehen, und dass es die grösste Sorge jeder Regierung ist, für das Gros der armen Leute solche Arbeit herbeizuschaffen.

Wie die Kinder, selbst die ganzen kleinen, den anderen alles nachmachen, so haben alle jugendlichen Menschen ein brennendes Verlangen, Männer und Frauen zu sein, und machen sich oft lächerlich durch ihr ungeduldiges Streben, als das zu erscheinen, was sie, wie jeder sieht, nicht sind. Dieser Torheit nun sind alle grossen sozialen Gemeinschaften für die stete Erhaltung oder wenigstens lange Fortführung einmal begründeter Erwerbszweige zu nicht geringem Danke verpflichtet. Wieviel Mühe geben junge Leute sich nicht und welchen Zwang tun sie sich nicht an, um zwecklose und oft tadelnswerte Gepflogenheiten zu erwerben, die sie aus Mangel an Urteil und Erfahrung in anderen, ihnen an Alter Überlegenen, bewundern! Diese Nachahmungssucht bewirkt, dass sie sich allmählich an die Verwendung von Dingen gewöhnen, die ihnen zuerst lästig, wenn nicht unerträglich waren, bis sie schliesslich nicht mehr davon lassen können und oft sehr bedauern, ihre Lebensbedürfnisse ohne Not beträchtlich vermehrt zu haben. Man bedenke die Summen, die an Tee und Kaffee verdient werden! Und welcher enorme Handel wird getrieben, wie vielerlei Arbeit, von der Tausende von Familien leben, wird ausgeführt, bloss dank dem Bestehen zweier närrischen, wenn nicht gar widerlichen Gewohnheiten, des Schnupfens und des Rauchens, die beide sicherlich den ihnen Ergebenen unendlich mehr schaden als nutzen. Ich gehe aber noch weiter, indem ich zeige, welchen Vorteil die Verluste und Missgeschicke Einzelner der Allgemeinheit bringen und wie töricht unsere Wünsche gerade dann sind, wenn wir besonders ernst und weise zu sein glauben. Das Feuer in London war gewiss ein grosses Unglück. Veranstaltete man aber gegen diejenigen, die durch das Feuer verloren, eine Abstimmung unter den Zimmerleuten, Maurern und Schmieden, sowie allen denen, die nicht bloss im Baugewerbe, sondern auch mit der Verfertigung und dem Verkauf der verbrannten Waren und Materialien beschäftigt sind, endlich unter den anderen Gewerbszweigen, die wieder an jenen, sobald sie in vollem Betriebe, verdienen: dann würden die Freudenrufe wohl den Klagen gleichkommen, wenn nicht gar sie übertönen. In dem Ersatz dessen, was durch Feuer, Stürme, Schlachten, Belagerungen und Seegefechte zerstört wird, besteht ein erheblicher Teil der gewerblichen Tätigkeit; die Richtigkeit dieses Satzes, überhaupt meiner bisherigen Ausführungen über das Wesen der Gesellschaft, wird sich im Folgenden deutlich zeigen.

Es würde eine schwierige Aufgabe sein, den gesamten Gewinn und die verschiedenartigen Vorteile, die einem Volke aus seiner Seeschiffahrt erwachsen, aufzuzählen. Berücksichtigen wir jedoch bloss einmal die Schiffe selbst, jedes grosse und kleine Fahrzeug, das dem Transport zu Wasser dient, vom kleinsten Fährboot bis zum Schlachtschiff erster Klasse: das Holz und die Arbeiter, die beim Bau Beschäftigung finden; den Teer, das Pech, Harz, Fett, die Masten, Segel, Taue und das Takelwerk; die zahlreichen Schmiedearbeiten, die Ketten, Ruder und was sonst alles dazu gehört. Man sieht leicht, dass die Beschaffung aller dieser Dinge allein für eine Nation wie die unsrige einen erheblichen Teil des europäischen Handels ausmacht, ganz abgesehen von den Vorräten und Materialien aller Art, die ausserdem verbraucht werden, und den Matrosen, Schiffern und anderen, die mit ihren Familien davon leben.

Nun richten wir aber andererseits unseren Blick auf das vielfache Missgeschick, das ganze physische wie auch moralische Übel, von dem ein Volk durch seine Schiffahrt und seinen Handelsverkehr mit fremden Ländern heimgesucht wird. Was wir da sehen, ist ganz schrecklich. Denken wir uns eine grosse, volksreiche Insel, deren Einwohner von Schiffen und Marineangelegenheiten gar nichts wüssten, sonst aber gut und weise regiert würden; denken wir uns, ein Engel oder ihr Genius legte ihnen einen Grundriss oder Entwurf vor, wo auf der einen Seite sämtliche Reichtümer und realen Vorteile aus einer tausendjährigen Schiffahrt zu sehen wären, auf der anderen aber die Einbusse an Leben und Lebensgütern und all die anderen Verluste, die während derselben Zeit unvermeidlich erlitten werden würden: ich bin überzeugt, unser Inselvolk würde die Schiffe mit Grauen und Abscheu betrachten, und seine kluge Obrigkeit würde die Anfertigung jeder Art von Bauwerken und Vorrichtungen zur Befahrung der See streng verbieten und alle solche fluchwürdigen Erfindungen mit schweren Geldbussen, wenn nicht mit dem Tode bestrafen.

Doch wir wollen die notwendigen Folgeerscheinungen des Handels nach auswärts, die Korruption der Sitten, sowie die Seuchen und andere durch die Schiffe eingeschleppte Krankheiten ganz aus dem Spiel lassen. Wir wollen nur das in Betracht ziehen, was entweder dem Wind und Wetter, der Tücke des Wassers, dem Eis aus dem Norden und dem giftigen Gewürm im Süden, der nächtlichen Finsternis und der Schädlichkeit mancher Klimata zuzuschreiben ist, oder aber durch den Mangel an geeignetem Proviant und durch die Fehler der Seeleute, das Ungeschick der einen, die Fahrlässigkeit und Trunksucht der anderen, verschuldet wird. Nicht vergessen wollen wir auch die Verluste an Menschenleben und Materialien, die in die Tiefe sinken, die Tränen und Bedrängnisse derer, die das Meer zu Witwen und Waisen gemacht hat, den Zusammenbruch von Kaufleuten und seine Folgen, die dauernde Angst von Eltern und Frauen um ihre Kinder und Ehemänner, ferner die vielen Befürchtungen und Aufregungen, die in einem Handelsstaate allerorten von Eigentümern und Versicherern bei jedem Windstoss empfunden werden. Wenn wir uns alles dies einmal vergegenwärtigen und es mit gebührender Aufmerksamkeit und dem ihm zukommenden Ernst erwägen, – sollten wir es dann überhaupt noch für möglich halten, dass ein Volk von denkenden Menschen von seinen Schiffen und deren Reisen als von etwas für sie besonders Segensreichem sprechen und ein ungewöhnliches Glück darin finden kann, eine Unzahl von Fahrzeugen zu besitzen, die über die ganze Welt verstreut sind und unaufhörlich zwischen den entferntesten Punkten der Erdoberfläche hin und her gehen?

Beschränken wir uns aber in unserer Betrachtung über diese Dinge auf das, was die Schiffe selbst samt ihrem Takelwerk und sonstigen Zubehör zu leiden haben, unter Absehung von den Frachten, die sie tragen, und den Leuten, die auf ihnen beschäftigt sind. Wir finden dann, dass allein der auf diesem Gebiete erlittene Schaden sehr beträchtlich ist und jedes Jahr gewaltige Summen ausmachen muss: die Schiffe, die unterwegs sinken, gegen Felsen geschleudert werden oder auf Sandbänken festfahren, einige von ihnen ausdenken schliesslich durch das Wüten der Stürme, einige zudem noch infolge mangelhafter Erfahrung und Kenntnis der Küsten auf seiten der Piloten; die Maste, die umgeweht werden oder abgeschlagen und über Bord geworfen werden müssen, die Segel, Taue und Stangen von verschiedener Stärke, die der Sturm vernichtet, und die Anker, die verloren gehen. Dazu nehme man ferner die notwendige Ausbesserung der leck gewordenen Stellen und der anderen durch die Wut der Winde und Wellen entstandenen Schäden; viele Schiffe fangen Feuer durch Unachtsamkeit und die Wirkung von Spirituosen, denen niemand mehr ergeben ist als die Seeleute; manchmal erzeugen ungesunde Klimata, andermal schlechte Nahrungsmittel bösartige Krankheiten und vernichten den grössten Teil der Schiffsmannschaft, so dass nicht wenige Schiffe aus Mangel an Leuten zugrunde gehen.

Alle diese Übelstände sind von der Schiffahrt unabtrennbar und scheinen grosse Hindernisse für den Handelsverkehr mit fremden Ländern zu sein. Wie glücklich würde ein Kaufmann sich dünken, wenn seine Schiffe jederzeit schönes Wetter und günstigen Wind hätten und wenn sämtliche von ihm angestellten Seeleute, vom höchsten bis zum niedersten, tüchtige, erfahrene Matrosen und anständige, nüchterne, gewissenhafte Menschen wären! Liesse ein derartiger Idealzustand sich durch Gebete erreichen, welcher Schiffseigentümer oder Handelsherr in Europa, ja in der ganzen Welt, würde dann nicht von früh bis spät den Himmel um solchen Segen für sich anflehen, ohne Rücksicht auf den Schaden, den andere dadurch erleiden würden? Eine solche Bitte würde entschieden höchst unvernünftig sein; doch wo wäre der Mann, der sich nicht für berechtigt hielte, sie auszusprechen? Und da nun jeder den gleichen Anspruch auf die Gunst des Himmels erhebt, so wollen wir einmal – ohne die Unmöglichkeit der Verwirklichung zu bedenken – voraussetzen, die erwähnten Wünsche und Gebete würden sämtlich erhört und erfüllt, und wollen dann die Folgen eines solchen Glückszustandes prüfen.

Schiffe würden so lange aushalten wie Holzhäuser, da sie ebenso stark gebaut sind und unserer Voraussetzung nach nicht, gleich jenen, der Beschädigung durch Stürme und anderes Unwetter ausgesetzt sind. Ehe infolgedes noch ein wirkliches Bedürfnis nach neuen Schiffen eingetreten wäre, würden alle jetzt lebenden Baumeister sowie sämtliche unter deren Leitung Arbeitenden eines natürlichen Todes gestorben sein, falls sie vorher nicht verhungert wären oder sonstwie ein vorzeitiges Ende genommen hätten. Denn da erstens alle Schiffe immer sogleich günstigen Wind hätten, so würden sie ihre Reisen sowohl hin wie zurück sehr schnell beenden. Zweitens würden die Waren nie durch das Wasser beschädigt oder infolge Unwetters über Bord geworfen werden, sondern die ganze Ladung käme stets wohlbehalten an Land. Dies würde wieder dazu führen, dass drei Vierteile der bereits gebauten Frachtschiffe vorläufig überflüssig wären und der gegenwärtig vorhandene Vorrat an Fahrzeugen für eine sehr lange Reihe von Jahren ausreichen würde. Die Maste und Segelstangen würden ebenso lange wie die Schiffe selbst halten, und wir brauchten die Norweger dieserhalb eine ganze Weile nicht mehr zu belästigen. Das Segel- und Takelwerk der verwendeten Schiffe würde allerdings verbraucht werden, aber nicht den vierten Teil so schnell wie jetzt, denn in einem Sturm von einstündiger Dauer leidet es oft mehr als bei zehntägigem schönen Wetter.

Für Anker und Ankertaue gäbe es nur selten noch Verwendung; je eins von diesen beiden würde für eine unglaubliche lange Zeit genügen. Dieser Umstand allein würde den Ankerschmieden und Seilern gar manchen trostlosen Feiertag einbringen. Die allgemeine Verminderung der Materialabnutzung würde sich natürlich auch dem Holzhändler und allen Lieferanten von Eisen, Segeltuch, Hanf, Pech, Teer usw. sehr deutlich fühlbar machen; und von dem, was ich im Beginn dieser Betrachtung über die Schiffahrt als einen beträchtlichen Teil des ganzen europäischen Handels bezeichnete, würden vier Fünftel völlig aufhören.

Ich habe bisher nur die Folgen des oben geschilderten Glückszustandes für den Schiffsverkehr selbst in Betracht gezogen. Er würde aber auch alle übrigen Gewerbszweige schädigen und auf die ärmere Bevölkerung in allen Ländern, die eigene Produkte oder Fabrikate ausführen, geradezu vernichtend wirken. Die Güter und Waren, die jährlich im Wasser versinken, die auf See durch Salzwasser, durch die Hitze, durch Würmer verdorben und durch Feuer zerstört werden, oder dem Kaufmann auf anderem Wege verloren gehen, z. B. infolge von Stürmen und Reiseverzögerungen oder durch die Nachlässigkeit oder die Raubsucht der Seeleute: diese Güter und Waren, sage ich, machen einen beträchtlichen Teil dessen aus, was jedes Jahr nach allen Teilen der Welt hin versandt wird und eine Unzahl armer Leute in Bewegung setzt, ehe es noch an Bord gebracht worden ist. Hundert Ballen Tuch, die im Mittelmeer verbrennen oder versinken, bringen den armen Leuten in England ebensoviel Gewinn, als wenn sie in Smyrna oder Aleppo heil angekommen wären und jede Elle davon in des Sultans Reich zum Verkauf gelangt wäre.

Der Kaufmann mag bankerott werden, und der Tuchmacher, der Färber, der Spediteur und andere Gewerbetreibende innerhalb des Mittelstandes mögen darunter leiden; das ärmere Volk dagegen, das durch jene beschäftigt wird, kann nie dabei verlieren. Tagearbeiter erhalten im allgemeinen Wochenlohn, und alle, die in den verschiedenen Zweigen der Wollenmanufaktur selbst sowie bei den Land- und Wasserfahrzeugen tätig sind, die gebraucht werden, ehe die Ware den ganzen Weg vom Rücken des Schafes bis in das Frachtschiff durchlaufen hat, – alle diese Leute, wenigstens die meisten von ihnen, haben ihr Geld schon bekommen, bevor das Paket an Bord gebracht worden ist. Sollte etwa aus meiner Behauptung, gesunkene oder verbrannte Waren seien für die Armen ebenso vorteilhaft wie vorschriftsmässig und nutzbringend verkaufte, sollte hieraus einer meiner Leser Schlussfolgerungen in infinitum ziehen, so wäre er in meinen Augen ein Sophist und Wortklauber und gar nicht wert, dass man ihm erst antworte. Regnete es unaufhörlich und schiene nie die Sonne, so würden freilich die Bodenfrüchte bald verfault und verdorben sein; die Behauptung, wenn man Gras und Getreide haben wolle, brauche man Regen ebenso notwendig wie Sonnenschein, ist aber deshalb noch kein Paradoxon.

Von welchem Einfluss der Segen dauernd günstigen Windes und schönen Wetters auf die Matrosen selber und die ganze Seemannszunft sein würde, lässt sich dem bisher Gesagten leicht entnehmen. Da von vier Schiffen kaum eines zur Verwendung käme, so würden die Fahrzeuge selbst, die jetzt vor Stürmen gänzlich verschont blieben, viel weniger Menschen zu ihrer Führung und Instandhaltung beanspruchen; und die Folge wäre, dass von den Seeleuten, die wir gegenwärtig beschäftigen, fünf Sechstel entlassen werden könnten, was in Anbetracht des bei uns unter dem armen Volke herrschenden Arbeitsmangels eine sehr fatale Sache wäre. Sobald jene überflüssig gewordenen Seeleute verschwunden wären, würde es unmöglich sein, so grosse Flotten zu bemannen, wie wir es gegenwärtig können. Das betrachte ich jedoch nicht im geringsten als einen Verlust oder Nachteil. Denn da die Zahl der Matrosen in allen Ländern zurückgehen würde, so wäre die einzige Folge die, dass im Kriegsfalle die Seemächte mit weniger Schiffen kämpfen müssten, was kein Übel, sondern ein Segen wäre. Und wollte man nun das Glück gar den höchsten Gipfel erreichen lassen, so brauchte uns der Himmel bloss noch Eines zu bescheren, und kein Volk würde überhaupt jemals Krieg führen. Dies Eine, um das ja auch alle echten Christen Gott zu bitten verpflichtet sind, ist: dass alle Fürsten und Obrigkeiten ihre Versprechungen und Eide hielten, und zwar sowohl sich gegenseitig wie auch ihren Untertanen; dass sie die Mahnungen ihres Gewissens und der Religion höher achten möchten als Staatspolitik und irdische Weisheit; und endlich, dass ihnen das Seelenheil anderer wichtiger sei als ihre eigene Sinnlichkeit, – die Tugend und Wohlfahrt, die Ruhe und Eintracht der von ihnen regierten Völker wichtiger als ihr eigenes Verlangen nach Ruhm und Besitz, ihr Ehrgeiz und ihre Rachsucht.

Der letzte Absatz wird vielen als Abschweifung erscheinen, die meinem Zwecke wenig dient. Was ich damit erstrebe, ist aber die Aufzeigung der Tatsache, dass Güte, Sittenreinheit und friedfertige Gesinnung in den Beherrschern und Führern der Nationen ebensowenig geeignete Eigenschaften sind, um diese zu Macht und Reichtum gelangen zu lassen, wie eine ununterbrochene Reihe von Erfolgen, die jeder Privatperson zuteil werden würde, wenn es nach ihrem Wunsche ginge. Ich habe ja gezeigt, wie nachteilig und geradezu vernichtend eine solche Reihe von Erfolgen für eine umfangreiche Gesellschaft sein würde, die vor allem nach Macht und Ansehen strebt und ein Glück darin sieht, von ihren Nachbarn wegen ihrer glänzenden materiellen Kultur beneidet zu werden.

Niemand braucht sich gegen Glücksgüter irgendwelcher Art zu schützen; Unglück dagegen erfordert stets Menschen und deren Kräfte zu seiner Abwehr. Die liebenswerten Eigenschaften des Menschen setzen daher auch keines seiner Mitgeschöpfe in Bewegung. Seine Redlichkeit und Güte, seine Zufriedenheit, Sparsamkeit und Neigung zu geselligem Verkehr sind alle etwas sehr Erfreuliches in einer Gesellschaft, in der Sorglosigkeit und Schlaffheit herrschen; je echter und ungeheuchelter sie sind, desto mehr erhalten sie allerwärts Ruhe und Frieden aufrecht und verhindern jede Aufregung, überhaupt jede Tätigkeit. Beinahe das gleiche lässt sich sagen von den Segnungen und Wohltaten des Himmels und von den Geschenken und Gaben der Natur. Denn das ist sicher: je reichlicher diese vorhanden sind, je häufiger sie uns zufallen, desto weniger Arbeit brauchen wir zu leisten. Die Not und Bedrängnis dagegen, die Schwächen und Laster des Menschen, zusammen mit den vielfaltigen Unbilden der Luft und der anderen Elemente, enthalten in sich die Keime zu allen Gewerben und Künsten und grossen Werken. Die Extreme von Hitze und Kälte, die Unbeständigkeit und Ungunst der Jahreszeiten, die Heftigkeit und Ungewissheit der Winde, die ungeheure Gewalt und Tücke des Wassers, die Wut und Unbezähmbarkeit des Feuers, die Härte und Unfruchtbarkeit der Erde: sie sind es, was unsere Erfindungsgabe aufs höchste anspornt, sei es damit wir uns ihren unheilvollen Wirkungen entziehen, sei es damit wir ihre Feindschaft besänftigen und ihre verschiedenen Kräfte auf tausend Wegen zu unserem Vorteil verwerten, indes wir gleichzeitig mit der Befriedigung unserer zahllosen Bedürfnisse beschäftigt sind, die jederzeit in dem Masse zunehmen werden, als unsere Kenntnisse sich erweitern und unsere Wünsche sich mehren. Hunger, Durst und Nacktheit sind die ersten Tyrannen, die uns zur Tätigkeit zwingen; später werden unsere Eitelkeit und Genusssucht, unsere Trägheit und Unbeständigkeit die grossen Förderer aller Künste und Wissenschaften, aller Gewerbe und Handwerke, während die strengen Fronherren Not, Habsucht, Neid und Ehrgeiz, jeder im Kreise der ihm Zugeordneten, die Mitglieder der Gesellschaft bei der Arbeit festhalten und sie dazu bringen, dass sie sich sämtlich – und die meisten mit Freudigkeit – den Mühen und Plagen ihres Standes unterwerfen, Könige und Fürsten nicht ausgenommen.

Je ausgedehnter und je raffinierter in ihren Produkten Handel und Gewerbe sind und je mehr sie sich in viele verschiedene Zweige teilen, desto mehr Menschen können in einer sozialen Gemeinschaft zusammenleben, ohne sich gegenseitig im Wege zu sein, und desto leichter werden sie sich auch zu einer grossen, mächtigen und blühenden Nation entwickeln können. Tugenden geben nur selten jemandem etwas zu tun; sie mögen daher ein kleines Volk tüchtig, aber werden keines je gross machen. Kraft und Lust zu schwerer Arbeit, Geduld in Schwierigkeiten, Fleiss und Eifer in allen Unternehmungen sind gewiss lobenswerte Eigenschaften. Allein, da sie bloss ihr eigenes Werk vollbringen, so sind sie auch ihr eigener Lohn, und keine Kunst oder Industrie hat ihnen jemals ihre Huldigung dargebracht. Dagegen zeigen sich die Feinheiten des menschlichen Denkens und Erfindens jetzt wie in früheren Zeiten nirgendwo deutlicher als in der Mannigfaltigkeit der Werkzeuge und Gerätschaften der Arbeiter und Handwerker und in der grossen Zahl von Maschinen, die alle erfunden wurden, teils um die geringe Körperkraft des Menschen zu unterstützen oder seinen sonstigen Mängeln abzuhelfen, teils um seiner Faulheit oder seiner Ungeduld Rechnung zu tragen.

Es ist in der Moral wie in der Natur: nichts in den lebenden Wesen ist so durchaus gut, dass es nicht irgendeinem innerhalb der Gemeinschaft schädlich werden könnte; es ist auch nichts so völlig schlecht, dass es sich nicht dem einen oder dem anderen Geschöpfe als nützlich erweisen könnte. Daher sind die Dinge gut oder schlecht nur in Beziehung zu etwas anderem und entsprechend der Stellung und Beleuchtung, die man ihnen gibt. Was uns Lust bereitet, ist eben insoweit gut, und dieser Regel gemäss will jeder sein eigenes Wohl, so gut er es versteht und mit wenig Rücksicht auf seine Nebenmenschen. Es ist noch niemals Regen gefallen – auch nicht bei grosser Dürre, wo öffentlich darum gebetet wurde – ohne dass irgendwo ein Mensch, der notwendig ausgehen musste, sich nur gerade für diesen Tag schönes Wetter gewünscht hat. Wenn das Korn im Frühjahr gut steht und das Land im allgemeinen sich über den schönen Anblick freut, da ärgert sich der reiche Gutsbesitzer, der den Ertrag vom letzten Jahre für einen günstigeren Zeitpunkt zurückhielt, und macht sich in der Aussicht auf eine reichliche Ernte grosse Sorge. Hört man doch sogar häufig Faulpelze ganz offen sagen, sie möchten, was andere besitzen, selbst haben, – um aber nur ja nicht anzustossen, mit der weisen Einschränkung, dass diese anderen dabei nicht geschädigt werden sollten. Ich fürchte jedoch, sie tun dies in ihrem Innersten oft ohne solchen Vorbehalt.

Es ist ein wahres Glück, dass die Wünsche und die Gebete der meisten Leute sinn- und zwecklos sind; das Einzige, was sonst die Menschheit für soziales Leben geeignet erhalten und die Welt vor allgemeiner Konfusion bewahren könnte, wäre die Unmöglichkeit, dass alle Bitten, die an den Himmel gerichtet werden, erhört würden. Ein wohlerzogener, braver junger Herr wartet, eben von seiner Reise zurückgekehrt, im Haag ungeduldig auf einen östlichen Wind, damit er nach England hinüber kann, wo sein sterbender Vater, der ihn noch einmal umarmen und ihm seinen Segen erteilen möchte, sich in Kummer und Sehnsucht nach ihm verzehrt; inzwischen fährt ein britischer Minister mit dem Auftrage, das protestantische Interesse in Deutschland wahrzunehmen, per Schnellpost nach Harwich, um von dort noch vor Schluss des Reichstags nach Regensburg zu eilen. Gleichzeitig liegt eine reich beladene Flotte bereit, um nach dem Mittelmeer aufzubrechen, während ein stattliches Geschwader nach der Ostsee bestimmt ist. Alles dies kann sehr leicht zu ein und derselben Zeit geschehen; wenigstens liegt keine Schwierigkeit in der Annahme, dass es geschähe. Wenn nun die Betreffenden keine Atheisten oder sittlich verkommenen Menschen sind, so werden sie alle vor dem Schlafengehen ihre Gedanken zu Gott erheben und, jeder in einem ganz anderen Sinne, ihn um günstigen Wind und glückliche Fahrt bitten. Ich sage nur, es ist ihre Pflicht so, und es mag sein, dass sie erhört werden, aber sicher nicht gerade alle auf einmal. –

Nach alledem schmeichele ich mir, bewiesen zu haben, dass weder die dem Menschen von Natur zukommenden Gefühle des Wohlwollens und der Freundschaft, noch die eigentlichen Tugenden, die er durch Vernunft und Selbstverleugnung zu erwerben vermag, die Grundlagen der Gesellschaft bilden; dass vielmehr das sogenannte moralische und physische Übel dieser Welt die Haupttriebkraft ist, die uns zu sozialen Wesen macht, die feste Basis für die Entstehung und Erhaltung aller Berufe und Erwerbszweige ohne Ausnahme. Hier müssen wir den wahren Ursprung aller Künste und Wissenschaften suchen. In dem Augenblick, wo jene Übel schwinden, muss die soziale Gemeinschaft gestört, wenn nicht vollständig aufgelöst werden.

Ich könnte noch tausenderlei mehr sagen, um diese Wahrheit zu bekräftigen und zu veranschaulichen; ich täte nichts lieber als dies. Aus Furcht, lästig zu werden, will ich jedoch ein Ende machen, obwohl ich bisher, offen gestanden, nicht halb so sehr um den Beifall anderer besorgt als auf meine eigene Unterhaltung bedacht gewesen bin. Sollte ich indes je hören, dass ich dabei auch dem einsichtigen Leser einiges Vergnügen bereitet habe, so wird dies stets die Befriedigung, die ich während meiner Arbeit empfand, noch erhöhen. In der Hoffnung, der meine Eitelkeit sich hier hingibt, verlasse ich ihn mit Bedauern und schliesse mit der Wiederholung des scheinbaren Paradoxons, dessen Grundgedanke auf dem Titelblatt ausgesprochen ist, nämlich dass die Laster der Einzelnen durch das geschickte Vorgehen eines tüchtigen Politikers in einen Gewinn für das Ganze umgewandelt werden können.


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