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Einleitung des Herausgebers

Im Jahre 1705 erschien in London ein anonymes Flugblatt mit dem sonderbaren Titel: The Grumbling Hive, or Knaves turn'd Honest (Der unzufriedene Bienenstock, oder Die ehrlich gewordenen Schurken). Es enthielt – siehe die Übersetzung – unter dem Bilde eines Bienenstockes eine in Knittelversen gedichtete Satire auf die sozialen und politischen Zustände zunächst Englands, dann aber des modernen Kulturstaates überhaupt; das Ganze war, nicht gerade sehr passend, als Fabel gedacht, deren Hauptgedanke in einer angehängten »Moral« noch einmal besonders hervorgehoben wurde. Nachdem diese Flugschrift, wie es scheint, einen vorübergehenden Erfolg gehabt hatte, geriet sie in Vergessenheit. Im Jahre 1714 wurde sie zum zweiten Male veröffentlicht, und zwar in Form eines Buches, dessen grösster Teil aber jetzt aus einer Reihe von Remarks (Anmerkungen) in Prosa bestand, die an bestimmte Stellen des Gedichtes anknüpften, allerdings in ganz willkürlicher Weise und ohne die geringste Systematik in Einteilung und Zusammenhang. Der Titel dieses Buches, dessen sämtliche Auflagen anonym erschienen sind, lautete: The Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits (Die Bienenfabel oder Der Einzelnen Laster, des Ganzen Gewinn, – mehr wörtlich übersetzt: Private Laster, allgemeine Vorteile).

Als Verfasser der Bienenfabel war schon zu seinen Lebzeiten ein Londoner Arzt namens Bernard (de) Mandeville bekannt. Wie sein Name zeigt, stammte er aus einer französischen Familie; sein Vaterland war aber Holland: er wurde – wahrscheinlich – im Jahre 1670 zu Dordrecht geboren und verlebte seine Jugend hauptsächlich in Rotterdam, wo sein Vater ein sehr angesehener Arzt war. An der Universität Leyden studierte er Medizin und siedelte etwa im Jahre 1700 nach London über, wo er bis zu seinem Tode, im Jahre 1733, blieb.

Über M.s Leben und Persönlichkeit ist sehr wenig bekannt, mit Sicherheit kaum mehr, als was er in seinen Schriften gelegentlich von sich selbst erzählt. In seinem in Dialogen geschriebenen Werke über die hypochondrischen und hysterischen Leiden führt er sich unter dem Namen Philopirio – Freund der Erfahrung – ein und sagt von diesem im Vorwort: »Er ist ein Ausländer und Arzt, der nach Beendigung seiner Studien und Erwerbung des Doktorgrades auf dem Kontinent nach London gekommen war, um die Sprache zu lernen; da er grosses Gefallen an ihr gefunden hatte und das Land und dessen Sitten seinem Wesen sehr zusagten, so hielt er sich nun schon viele Jahre in England auf, wo er wahrscheinlich auch sein Leben beschliessen wird.« – Als Arzt hatte er, was recht bezeichnend ist, die hypochondrischen und hysterischen Zustände als Spezialgebiet gewählt; er scheint aber keine grosse Praxis gehabt zu haben, die sich ja auch mit seiner ausgedehnten Schriftstellerei und seinen sehr vielseitigen Interessen für Wissenschaft und Volksleben nicht vertragen haben würde. Misomedon, eine andere Person in den eben erwähnten Dialogen, sagt einmal zu Philopirio, dass dieser wohl kaum jemals viel zu tun haben werde, angesichts seiner Methode, nur einfache Medikamente in möglichst sparsamer Weise zu verwenden, dafür aber auf Diät und gesunde Körperübungen Gewicht zu legen. Und er selbst gibt über seine ärztliche Praxis folgende Auskunft: »Ich bemühe mich, die Lebensweise meiner Patienten kennen zu lernen … Manche haben merkwürdige Abneigungen, was die Diät betrifft, andere einen besonderen Widerwillen gegen gewisse Heilmittel, und nicht jede gesunde Körperübung passt für alle Leute … Ich bin sehr sorgsam darauf bedacht, zu unterscheiden zwischen den Anstrengungen der Natur, die ich unterstützen möchte, und denen der Krankheit, die ich zu vertreiben habe … Geheimmittel habe ich keines« usw.

Schliesslich eine interessante Selbstcharakteristik Philopirios: »Eine Überhäufung mit Arbeit habe ich nie ertragen können. Ein jeder sollte bei allen seinen Unternehmungen sein Temperament und seine Fähigkeiten in Betracht ziehen. Ich hasse Gedränge und Übereilung. Ausserdem bin ich von Natur langsam und könnte ebensowenig, wie ich fliegen könnte, ein Dutzend Patienten am Tage besuchen und, wie ich sollte, über sie nachdenken. Ich muss Ihnen auch gestehen, dass ich ein wenig egoistisch bin und nicht umhin kann, mich meiner Unterhaltung und Zerstreuung, kurz, meinem eigenen Besten ebenso zu widmen, wie dem Besten anderer. Ich bewundere jene selbstlosen Menschen, die sich vom frühen Morgen bis zur späten Nacht bei ihrer Arbeit schinden und jeden Zoll ihres Selbst ihrem Berufe opfern, aber ich würde es ihnen nie nachzumachen versucht haben. Nicht, dass ich gern müssig gehe; aber ich will mich beschäftigen, wie es mir passt; und wenn jemand zwei Drittel der Zeit, die er wach ist, anderen widmet, so verdient er, glaub' ich, den Rest für sich selbst.« –

Die Bienenfabel erlangte zunächst noch keine besondere Beachtung; erst in einer zweiten Auflage vom Jahre 1723 hatte sie grossen Erfolg, wovon der beste Beweis ist, dass sie bis zum Tode des Verfassers im ganzen sechsmal, nach seinem Tode nochmals ebenso oft aufgelegt wurde. Vermehrt war der Inhalt des Buches von der zweiten Auflage an um starke Zusätze in den Remarks und namentlich um zwei selbständige Aufsätze: An Essay on Charity and Charity-Schools (Eine Abhandlung über Barmherzigkeit, Armenpflege und Armenschulen) und A Search into the Nature of Society (Eine Untersuchung über das Wesen der Gesellschaft). Ein »heftiges Geschrei« erhob sich nun von verschiedenen Seiten, so dass M. sich veranlasst sah, dem Buche von der dritten Auflage an beizufügen: A Vindication of the Book from the Aspersions contain'd in a Presentment of the Grand-Jury of Middlesex, and an abusive Letter to Lord C. (Eine Verteidigung des Buches gegen die in einer Anzeige des Obergerichts von Middlesex und einem Schmähbrief an Lord C. enthaltenen Verleumdungen). Was die Anzeige des Obergerichts betrifft, so behauptete sie, dass die Bienenfabel »Luxus, Habsucht, Hoffart und alle Arten von Lastern empfehle«, dass sie »mit der Absicht, das Volk zu demoralisieren, geschrieben« sei und »eine direkte Tendenz zum Umsturz aller Religion und bürgerlichen Regierung« habe. – Den Schmähbrief findet man im Vorwort zur Bienenfabel durch einige Sätze treffend charakterisiert.

Im Jahre 1729 erschien erstmals ein zweiter Band des Werkes für sich allein: The Fable of the Bees, Part II. Er enthält sechs Dialoge, in denen die Probleme des ersten Bandes zum Teil ausführlicher behandelt werden, und zwar namentlich im Rahmen einer weit ausgreifenden Theorie der geschichtlichen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und Kultur von den Anfängen bis zur Begründung von Staat und Regierung. Die Dialog führenden Personen sind in der Hauptsache Horatio und Cleomenes; jener: der Typus des Gentleman, Anhänger Shaftesburys, Optimist, Ästhet, Modemensch und sog. Freidenker, – dieser: M. selbst, mit der besonderen Nuance, die ihm die ausdrückliche Gegnerschaft zu Shaftesbury geben musste. – Beide Bände der Bienenfabel erschienen dann vom Jahre 1734 an immer gleichzeitig. Sie wurden übrigens auch bald, erheblich abgeschwächt, ins Französische übersetzt und kamen in dieser Übersetzung auf den Index.

Die Bienenfabel veranlasste gleich nach dem Erscheinen der zweiten Auflage eine sehr lebhafte literarische Kontroverse, an der sich eine Reihe hervorragender, oder doch wenigstens bekannter englischer Schriftsteller jener Zeit beteiligte, wie William Law, John Dennis, Richard Fiddes, Francis Hutcheson u. a. Hin und wieder findet sich zwar in diesen Kontroversschriften ein guter Gedanke, namentlich zur Kritik einiger schwacher Stellen in den nationalökonomischen und sozialpolitischen Partien der Bienenfabel; im grossen ganzen kann man es aber durchaus verstehen, wenn M. es für überflüssig hielt, auf die ihm gemachten Einwände besonders einzugehen. Über diesen Punkt sagt er im Vorwort zum zweiten Teil: »Aus dem Anhang, der dem ersten Teil von der dritten Auflage an stets beigefügt worden ist, geht deutlich hervor, dass ich weit davon entfernt gewesen bin, die Argumente oder auch die Schmähungen, die gegen mich vorgebracht wurden, zu verschweigen. Um den Leser über nichts von diesen beiden ununterrichtet zu lassen, dachte ich schon einmal daran, die Gelegenheit zu benutzen und ihm ein Verzeichnis der Gegner, die im Druck gegen mich aufgetreten sind, vorzulegen. Da sie aber durch weiter nichts bemerkenswert sind als durch ihre Anzahl, so fürchtete ich, es möchte wie Prahlerei ausgesehen haben, falls ich sie nicht sämtlich beantwortet hätte, worauf ich mich nie einlassen werde. Der Grund meines beharrlichen Schweigens ist infolgedessen nur der gewesen, dass mir bisher nichts als verbrecherisch oder unmoralisch vorgehalten worden ist, wofür nicht jeder Durchschnittsverstand sich aus diesem oder jenem Teile sei es der Verteidigung, sei es des Buches selbst eine sehr gute Antwort hätte zurechtmachen können.«

Dies war im Jahre 1729 geschrieben worden, wo, abgesehen von den Rezensionen in Zeitschriften, bereits etwa ein Dutzend Publikationen gegen die Bienenfabel polemisiert hatten. Drei Jahre später trat, als der weitaus bedeutendste von M.s Gegnern, George Berkeley auf, der einzige, den M. einer besonderen Antwort würdigte. Da diese Antwort, der Letter to Dion, in die vorliegende deutsche Ausgabe mit aufgenommen ist, so möge hier über das Werk, das die Veranlassung dazu gewesen ist, einiges gesagt werden.

Es erschien unter dem Titel: Alciphron or the Minute Philosopher (Alciphron oder der philosophische Kleinmeister) und ist, an dem an sich sehr anerkennenswerten Aufwande von gedanklichen und schriftstellerischen Mitteln gemessen, zweifellos einer der allerunglücklichsten Versuche einer philosophischen Begründung der Religion, die jemals gemacht wurden. Durch sieben lange Dialoge hindurch erstreckt sich ein seiner Form nach sehr unwahrscheinlicher Gedankenaustausch zwischen zwei »philosophischen Kleinmeistern« oder Freidenkern – Alciphron und Lysicles – einerseits, und zwei unentwegten Streitern für Vernunft und Christentum – Euphranor und Crito – andrerseits. Zu diesen kommt als fünfter Dion, der Berkeley selbst vertritt, meist in der Rolle eines blossen Zuhörers. Nachdem der erste Dialog eine Einführung und vorläufige Problemstellung gegeben hat, wendet sich der zweite Dialog speziell gegen M., der hier durch Lysicles dargestellt wird, aber so, dass man M. zustimmen muss, der in seiner Erwiderung sagt, die günstigste Meinung, die man sich von Dion bilden könne, sei die Annahme, dass er die Bienenfabel überhaupt nicht gelesen habe. Der dritte Dialog ist der Widerlegung Shaftesburys gewidmet, den Alciphron vertritt. Im ganzen genommen ist Berkeleys Argumentation hier entschieden glücklicher, obgleich die Art, wie er an einer Stelle den Verfasser der »Charakteristiken« durch die Person des Cratylus darstellt, mit Recht M.s schärfsten Protest veranlasst hat. Charakteristisch für Berkeley ist es übrigens, dass er seine verschiedenen, zum Teil sehr voneinander abweichenden Gegner, M., Shaftesbury und die Deisten aller Schattierungen, viel zu summarisch in eine grosse Klasse von »sog. Freidenkern« zusammentut, wodurch seine Arbeit zwar für ihn selbst sich erheblich erleichtert, aber in eben dem Masse natürlich auch an Wert verliert. Der vierte Dialog entwickelt Berkeleys ebenso originelle wie absurde Theorie der sichtbaren Welt als einer »göttlichen Sprache«; die drei übrigen Dialoge bringen eine Verteidigung der Religion in der besonderen Gestalt des Christentums: es wird dessen Überlegenheit über die Religion der Alten und alle anderen Religionen begründet, die Wunder werden verteidigt und die Lehren von der Gnadenwahl, der Dreieinigkeit, der Menschwerdung usw. als der menschlichen Erfahrung im Grunde nicht widersprechend hingestellt. –

Von M.s Schriften, ausser der Bienenfabel, seien noch genannt:

Die entlarvte Jungfrau, 1709. (The Virgin Unmask'd: or, Female Dialogues betwixt an Elderly Maiden Lady and her Niece, or several Diverting Discourses on Love, Marriage, Memoirs, and Morals, etc. of the Times.)

Eine Abhandlung über die hypochondrischen und hysterischen Leiden, 1711. (A Treatise of the Hypochondriack and Hysterick Diseases. In Three Dialogues.)

Freie Gedanken über Religion, Kirche und Volkswohl, 1720. (Free Thoughts on Religion, the Church, and National Happiness.)

Eine Untersuchung über die Ursachen der häufigen Hinrichtungen in Tyburn, 1725. (An Enquiry into the Causes of the Frequent Executions at Tyburn: and A Proposal for some Regulations concerning Felons in Prison, and the good Effects to be Expected from them. To which is added, A Discourse on Transportation, and a Method to render that Punishment more Effectual.)

Eine Untersuchung über den Ursprung der Ehre und die Nützlichkeit des Christentums im Kriege, 1732. (An Enquiry into the Origin of Honour, and the Usefulness of Christianity in War.)

Ein Brief an Dion, 1732. (A Letter to Dion, Occasion'd by his Book call'd Alciphron, or The Minute Philosopher.)

In der vorliegenden Übersetzung sind folgende Schriften enthalten: 1. Die eigentliche Bienenfabel bis zum Schluss der Remarks, ungekürzt. 2. Die Abhandlung über Barmherzigkeit usw., um etwa ein Drittel des Umfangs des Originals gekürzt. Die Kürzungen betreffen Stellen, wo von ganz speziellen Verhältnissen oder bestimmten Persönlichkeiten in der Umgebung M.s die Rede ist. 3. Die Untersuchung über das Wesen der Gesellschaft. 4. Der Brief an Dion. An diesen beiden letztgenannten Schriften sind nur einige unbedeutende Kürzungen vorgenommen worden. Dem Brief an Dion ist eine Probe aus Berkeleys Alciphron vorausgeschickt, um dessen Schreib- und Argumentationsweise im Gegensatz zu M. zu zeigen. Die »Verteidigung« M.s im Anhange zur Bienenfabel ist ganz weggelassen; sie enthält hauptsächlich Zitate aus dem Buche selbst; von dem übrigen Text hat M. einen grossen Teil in den Brief an Dion herübergenommen.

*

Wenn man M. vollständig verstehen will, so tut man am besten, sich zunächst klar zu machen, wie er jedenfalls nicht vollständig zu verstehen ist, – nämlich geschichtlich. Das soll natürlich nicht heissen, dass in seinen Werken keine »Einflüsse« von anderen Schriftstellern zu bemerken sind, noch weniger, dass einiges darin auf Grund einer Kenntnis der damaligen sozialen und politischen Zustände nicht besser zu würdigen ist als ohne eine solche Kenntnis. Es soll nur heissen: wenn man mit den gedanklichen Einstellungen und dem methodischen Rüstzeug, die das rein geschichtliche Beurteilen ausmachen, an die Bienenfabel herantritt, so wird man gewiss manches dem Philosophiehistoriker Interessante finden, man wird aber schliesslich – so pflegt es nun einmal zu gehen – doch an allerlei äusseren Nebensachen hängen bleiben und von dem Geiste M.s selbst nicht viel zu spüren bekommen, sich in seine Stellung zu den Dingen nicht einfühlen und erst recht nicht einen Gewinn aus seinen Werken schöpfen können. Denn wer historisch-kritisch vorgeht, der begibt sich stets irgendwie in den Bann anderer, auf die es doch eben eigentlich nicht ankommt. Und ausserdem: Bücher, auch philosophische, haben einen wirklichen, bleibenden Wert im allgemeinen nur für diejenigen, deren Gedanken schon spontan und aus der eigenen unmittelbaren Lebenserfahrung heraus in einer jenen verwandten Richtung verlaufen, sei es auch bloss unklar und ihnen selbst unbewusst. Zu dieser ursprünglichen und entscheidenden Übereinstimmung des Erlebens und Nachdenkens im Verfasser und im Leser eines Buches kann aber kein geschichtliches Wissen auf Seiten des Lesers etwas hinzutun.

Es würde daher nicht viel Sinn haben, hier eine genaue Aufzählung der Einflüsse zu versuchen, die man aus M.s Schriften herauslesen kann, um so mehr, als seine historische Gebundenheit tatsächlich sehr geringfügig ist. Diesem glücklichen Umstande ist es ja gerade zu verdanken, dass diese Schriften verdienen, wieder etwas bekannter zu werden, und wohl auch auf verständnisvolle Leser rechnen dürfen, – allerdings, wie gleich bemerkt werden mag, nicht unter denen, die eine »Weltanschauung« vertreten und demzufolge auf allerlei religiösen, metaphysischen, ethischen und ästhetischen »Standpunkten« stehen. Da solche aber unter den Lesern philosophischer Bücher stets die Mehrzahl bilden, auch wenn sie es selbst nicht wissen oder zugeben wollen, so möchte einen dieses freilich gleich etwas skeptisch stimmen. Doch denke ich, dass es nach vorangehender Wegräumung der hauptsächlichsten Missverständnisse, denen die Bienenfabel bisher ausgesetzt gewesen ist, vielen gelingen wird, ihrem Verfasser Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn auch nicht gerade völlig mit ihm zu sympathisieren.

Zwei Irrtümer sind es namentlich, vor denen man sich hüten muss, um M. richtig zu beurteilen: erstens, dass es vor allem seine Absicht gewesen sei, die Wahrheit des bedauerlich schikanösen Paradoxons zu beweisen, das den Untertitel seines Hauptwerkes bildet: Private Vices, Public Benefits; zweitens, dass man seine ganze Denk- und Schreibweise erschöpfend charakterisiere, wenn man ihn als Satiriker, als Zyniker oder gar nur als einen wunderlichen Spassmacher unter den Philosophen hinstellt. Beide Irrtümer zusammen ergeben die Behauptung, mit der die Bienenfabel im grossen ganzen stets erledigt zu werden pflegt, dass sie eine »Satire auf die Tugend« darstelle. Es wird sich hoffentlich zeigen, dass eine solche Erledigung M.s doch keine ganz so einfache Sache ist, wie die meisten glauben.

Was zunächst das eben erwähnte Paradoxon betrifft, so ist natürlich kein Zweifel daran, dass es bestimmte Überzeugungen seines Urhebers deutlich genug zum Ausdruck bringt; ebensowenig daran, dass sich gegen vieles, was M. als empirische Bestätigung dafür anführt, durchaus nichts einwenden lässt. Als fraglich kann man nur hinstellen, ob M. den Begriff public im Gegensatz zu private klar und explizit genug gedacht hat, um ihn in diesem Zusammenhange bis ins Äusserste aufrecht erhalten zu können, und ob er sich nicht hätte mit der Behauptung begnügen sollen, dass die private vices Einzelner private benefits anderer Einzelner seien. Diese Frage näher zu erörtern, ist hier nicht möglich; auch nicht nötig, denn es handelt sich jetzt nicht um die Feststellung, wie weit jenes Paradoxon richtig ist, sondern um die Frage, ob ihm, selbst wenn es ganz richtig ist, für die Beurteilung von M.s Werk eine entscheidende Bedeutung zuzuschreiben ist. Dies ist unbedingt zu verneinen. Wenn man nicht mehr hineinlegt, als der ihm von M. gegebenen empirischen Begründung entspricht, so stellt es eine wesentlich harmlosere Ansicht dar als das beliebte Theistenargument, dass alles Übel in der Welt notwendig sei, um das Gute zu ermöglichen, – und sogar als die christliche Lehre von der Vergebung der Sünden auf Grund keiner anderen Leistung als des Glaubens an Jesus Christus. Denn M. sagt ja nichts Schlimmeres, als dass die Laster tatsächlich oft kulturelle Vorteile bringen, dass sie aber, sobald sie sozial schädlich werden, streng und unnachsichtlich bestraft werden sollen. Insoweit enthalten also die Worte Private vices, public benefits keine grössere »Ermutigung des Lasters« als etwa die fromme Betrachtung des guten Bruders Lorenzo:

Virtue itself turns vice, being misapplied,
And vice sometime's by action dignified, –

aus der doch gewiss niemand eine solche Absicht herauslesen wird.

Schon hieraus lässt sich entnehmen, dass für die Beurteilung der Bienenfabel ihrem vielgeschmähten Untertitel kein grosses Gewicht beizulegen ist. Noch deutlicher wird dies, wenn man bedenkt, was ihr Verfasser alles unter »Laster« versteht, nämlich jede Handlung, die nicht – wie er sich ausdrückt – »aus dem vernünftigen Bestreben, gut zu sein«, entsprungen ist. Um die Begründung und Bewertung dieser Definition handelt es sich jetzt nicht. Es soll nur angemerkt werden: wie das im 18. Jahrhundert so sehr beliebte Wort »Tugend« heute zweifellos einen zimperlichen Beigeschmack hat, so denkt man bei dem Worte »Laster« gern an die Ausschweifungen eines Wüstlings, die heut eher ein Objekt der ästhetischen als der ethischen Verurteilung sind. Behält man daher die Terminologie M.s scharf im Auge, so möchte man fast geneigt sein, in der Behauptung von der Nützlichkeit des Lasters eine Banalität zu sehen. Jedenfalls ist sie, richtig verstanden, nicht das eigentliche Hauptergebnis seines Denkens. Trotzdem erscheint sie vielen, auch relativ wohlmeinenden Lesern als ein zynisches Resümee der Bienenfabel; und dies liegt nun des weiteren, glaube ich, an der ganzen Schreib- und Darstellungsweise M.s, die gewissen Leuten stets fatal sein wird, auch wenn sie es sich selbst nicht eingestehen wollen. Ich bin damit bei dem zweiten der vorhin erwähnten Irrtümer angelangt. Hierüber zunächst noch einige Worte.

M. ist ein grosser Stilist. Nicht in dem Sinne, dass er einer Art linguistischen Pretiösentums huldigte und durch Manier und Phrase über einen dürftigen, trivialen Gedankengehalt hinwegzutäuschen suchte; vielmehr in dem Sinne, dass er nicht bloss sich stets klar und knapp ausdrückt, sondern dass auch alles, was er sagt, jenen suggestiven Akzent hat, der nur aus der vollständigen Zusammenstimmung des Gedankens und seines Ausdrucks hervorgeht. Der gesamten Art seines Denkens, das keinen Begriff und kein Axiom zulassen mag, die sich ihm nicht durch die zergliedernde Beobachtung des menschlichen Lebens in allen seinen Differenzierungen hundertfach bewährt haben, dieser seiner Art des Denkens entspricht seine Art des Schreibens, die wohl für keinen anderen Prosaschriftsteller gleich charakteristisch ist. Er zieht nämlich, zur Widerlegung der von ihm bekämpften wie zum Beweise der von ihm verteidigten Ansicht, stets konkrete Beispiele aus dem Alltagsleben heran, die um so drastischer wirken, je unvermuteter sie die nüchterne Erörterung der Probleme unterbrechen. Es ist ja richtig, dass der Verfasser der Bienenfabel ein witziger Kopf war und ein sehr scharfes Auge hatte für die oft so komische Inkongruenz von Schein und Sein im menschlichen Leben; auch ist nicht zu leugnen, dass er sich manchmal mit behaglichem Schmunzeln die Wirkung seiner boshaften Vergleiche im Geiste auszumalen scheint. Indes, alles dies ist doch gewissermassen nur ein schriftstellerisches Beiwerk, und es ist ganz verkehrt, wenn man z. B., wie es geschehen ist, die Bienenfabel eine »Kneipenausgabe ( pot-house edition) von Hobbes« nennt. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sie wirklich, nach M.s eigener Versicherung, »ein Buch von höchstem sittlichem Ernste« ist; jedenfalls hat man sie durchaus ernst zu nehmen, ebenso wie man sich klar zu machen hat, dass sie nicht Unsittlichkeit predigt.

Die Meinung, M. sei schliesslich bloss ein Satiriker und Zyniker gewesen, würde wohl nicht so allgemein verbreitet sein, wenn nicht seine eben erwähnte Methode der Beweisführung, rein als Methode, vielen so anstössig wäre. Wer der Ansicht ist, in philosophischen Büchern dürften nur – um mit Chr. Wolff zu sprechen – »vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt« geäussert werden, und ein Philosoph habe nicht zu erörtern, was in der Kinderstube und bei der Ministerkonferenz, auf dem Schlachtfelde und im Kaufladen, am Wirtshaustisch und im Gerichtssaale vor sich geht: der wird überhaupt Bedenken tragen, M. zu den Philosophen zu rechnen. Der eigentliche Grund hiervon ist aber nicht der, dass bei einer solchen Methode Humor und Satire mehr zur Geltung kommen, als es sich für ein philosophisches Werk schickt, sondern der, dass dabei das wirkliche Leben und die wahren Motive menschlichen Denkens und Handelns stärker berücksichtigt werden, als es für den Aufbau und die Aufrechterhaltung philosophischer Systeme im allgemeinen erspriesslich ist. Abstraktion und Inkonsequenz gegenüber der lebendigen Wirklichkeit sind bekanntlich die Rettung aller Philosophie. Jeder, der diese Wirklichkeit scheinbar über Gebühr berücksichtigt, muss daher den Zunft-Philosophen verhasst oder wenigstens unbequem sein. Auf diese Weise wird es verständlich, dass M. sagen konnte: »Keiner meiner Gegner hat auf andere Weise meine Ausführungen zu widerlegen oder meine Argumente zu entkräften versucht als dadurch, dass er dagegen losschrie und sagte, es sei nicht wahr.« Und es ist in der Tat überaus bezeichnend, dass in den vielen »Widerlegungen« M.s sich kaum eine Stelle findet, wo eines seiner zahllosen Beispiele aus dem Leben besprochen und wo gezeigt wäre, dass er in der Zergliederung des seelischen Vorgangs und dessen Herleitung aus den Elementen im Irrtum gewesen ist.

Die Lehre vom Nutzen des Lasters und die satirisch-witzige Darstellungsweise sind also beide für die Beurteilung der Bienenfabel von sekundärer Bedeutung. Was das einzig ausschlaggebende ist, kommt sehr glücklich zum Ausdruck in dem, was Macauly in einem seiner Essays sagt: »Wenn Shakespeare ein Buch über die Motive des menschlichen Handelns geschrieben hätte, so ist es durchaus nicht sicher, dass es ein gutes Buch gewesen wäre. Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass es halb so viel treffende Beobachtungen über diesen Gegenstand enthalten hätte, wie in der Bienenfabel zu finden sind. Hätte aber M. einen Jago schaffen können? So gut wie er sich auf die Zerlegung eines Charakters in seine Elemente verstand, würde er fähig gewesen sein, jene Elemente so zu kombinieren, dass ein Mensch, ein wirklicher, lebendiger, individueller Mensch daraus entstanden wäre?« – Vielen wird diese Nebeneinanderstellung von Shakespeare und M. vielleicht übertrieben, wenn nicht gar lächerlich vorkommen. Sie ist aber wohl gar nicht so ganz ungerechtfertigt, wenn man nur bedenkt, dass der eine ein Dichter war, der andere aber »bloss« Denker. Der eine wie der andere ist jedenfalls ein sehr grosser Psychologe gewesen, und das bedeutet schon etwas, für einen Denker gewiss nicht weniger als für einen Dichter.

In der Tat glaube ich, wenn man M. treffend charakterisieren will, kann man sagen: sein Standpunkt ist der eines konsequenten Psychologen. Mit dem Nachdruck auf konsequent. Denn psychologische Erörterungen spielen natürlich in jedem philosophischen System eine Rolle, aber doch immer nur eine untergeordnete; d. h. sie werden zugelassen, soweit ihre Ergebnisse mit den vorher bereits feststehenden philosophischen Anschauungen verträglich sind und diese zu stützen oder zu veranschaulichen vermögen. Um sich die Wichtigkeit dieser Tatsache für die gerechte Beurteilung M.s klarzumachen, empfiehlt es sich, auf sein Verhältnis zu Shaftesbury, seinen eigentlich einzigen »Gegner«, einen Blick zu werfen; also nicht, weil dadurch M.s geschichtliche Stellung verständlich würde, sondern weil der Verfasser der »Charakteristiken« überhaupt den damaligen Typus des Philosophen und inkonsequenten Psychologen darstellt.

Shaftesbury, der aristokratische Ästhet, betrachtete Philosophie im Grunde nur als höchste Vollendung einer verfeinerten Lebensführung. »Philosophieren – so sagt er einmal – heisst in seiner wahren Bedeutung nichts anderes als im höchsten Grade wohlerzogen sein.« »Die Empfindung für das Schöne und die Freude am Gefälligen, Passenden und Liebenswürdigen vollenden den Charakter des Gentleman und Philosophen.« Wie ein philosophisches System, das diesen Ansprüchen zu genügen hat, beschaffen sein muss, kann man hieraus allein schon ungefähr ableiten. Logik und Erkenntnistheorie wird wenig darin vorkommen; die Hauptsache dürfte eine psychologisch-ästhetische Ethik bilden, die vielleicht auf einer bescheidenen Metaphysik aufgebaut sein wird. So verhält es sich in der Tat. Sehen wir hier von Shaftesburys Metaphysik ganz ab, die eine Art gemilderter Spinozismus ohne Quellenangabe ist, und vergegenwärtigen wir uns kurz, durch welche Faktoren ihm die Richtung seines moralphilosophischen Denkens gewiesen war.

Diese Faktoren waren die beiden Fassungen, in denen damals die philosophische Begründung der Autoritätsmoral vorlag: die alte offenbarungs-theologische Lohn- und Strafe-Moral, wie sie in der Hauptsache noch von Berkeley vorgetragen wurde, und die von Hobbes dem state of nature entgegengesetzte politische Zwangsmoral. Der Verfasser des »Leviathan« hatte allerdings ausdrücklich betont, dass »die Lehre von den Gesetzen der menschlichen Natur die wahre und einzige Moralphilosophie« sei und dass das sittliche Verhalten »als die Vorbedingung zu einem friedlichen, geselligen und angenehmen Leben gelobt« wird; und er hatte damit überhaupt die ersten entscheidenden Schritte zu einer naturalistischen, psychologischen Ethik getan. Aber diese Bemerkung ging sehr bald verloren in dem grossen Geschrei, das sich von allen Seiten gegen den »Erzfeind Hobbes«, gegen sein missverstandenes selfish system und seinen politischen Absolutismus erhob.

Shaftesbury versuchte nun – und dies ist durchaus anerkennenswert –, die Autoritätsmoral dadurch zu überwinden, dass er die Wurzeln des sittlichen Verhaltens in die natürliche Veranlagung des Menschen selbst verlegte. Andere vor und neben ihm hatten bereits Ähnliches getan, waren aber nicht imstande gewesen, sich dabei in hinreichendem Masse von theologischer und metaphysischer Begriffssystematik frei zu machen. Dass man dies tun müsse, um ein eleganter und vielgelesener Schriftsteller zu werden, wusste Shaftesbury sehr genau. »Der ingeniöseste Weg, um ein Narr zu werden, ist mit Hilfe eines Systems«, bemerkt er einmal sehr treffend. Er half sich nun so, dass er die Ethik in Parallele zur Ästhetik setzte und die sittliche Beurteilung der Menschen und ihrer Handlungen als Analogon zur Beurteilung eines Kunstwerkes konstruierte. Die Voraussetzung dafür war natürlich eine Art besonderes Vermögen, dem sein Schüler Hutcheson, mit einer kleinen Veränderung des Begriffsinhaltes, den Namen moral sense gab. Und dieser »Sinn für das Moralische« betätigte sich in der Weise, dass er herausfand, ob in der Gesinnung oder Handlung eines Menschen die der Harmonie des Weltganzen entsprechende Harmonie zwischen selbstsüchtigen und wohlwollenden Neigungen herrsche oder nicht, wobei der Nachdruck natürlich auf den wohlwollenden Neigungen lag. Dass schliesslich mit der sittlichen Harmonie, also mit der Tugend, die Glückseligkeit verknüpft sei, ergab sich dann ohne besondere Schwierigkeit. Wie Shaftesbury sich alles dies im einzelnen dachte, kann hier nicht erörtert werden. Zu welchen sonderbaren Konsequenzen seine Anschauungen führten, möge aber durch einige Zitate aus seinen Werken gezeigt werden.

»Symmetrie und Proportion sind in der Natur begründet, mögen auch in der Architektur, Skulptur oder einer anderen bildenden Kunst die Mode und der Geschmack der Menschen noch so roh und barbarisch sein. Ebenso verhält es sich dort, wo das Leben und die Sitten in Betracht kommen. Die Tugend hat denselben festen Massstab. Dieselben Verhältnisse, Harmonie und Proportion, gelten für die Moral und sind im Charakter und in den Neigungen des Menschen auffindbar. … Was schön ist, ist harmonisch und wohlgefügt; was harmonisch und wohlgefügt ist, ist wahr; und was gleichzeitig schön und wahr ist, ist infolgedes auch angenehm und gut … Böse und schlecht sein, ist soviel wie elend sein; jede schlechte Tat muss vom Übel sein und dem eigenen Selbst schaden … Um der Freund eines bestimmten Menschen zu sein, ist es notwendig, zunächst ein Freund der Menschheit zu sein … Ein guter Humor ist nicht bloss die beste Sicherheit gegen Schwärmerei, sondern auch die beste Grundlage der Frömmigkeit und wahren Religion« usw. Als besonders charakteristisch für Shaftesbury, namentlich wenn man dagegen hält, wie M. diese Frage behandeln würde, sei noch folgendes angeführt. Sollte mich jemand fragen, – so heisst es an einer Stelle – weshalb ich es vermeiden möchte, unsauber zu sein, wenn niemand gegenwärtig wäre, so würde ich den, der eine solche Frage stellt, für einen sehr unsauberen Herrn halten. Höchstens würde ich erwidern: weil ich eine Nase habe. Falls er mich weiter drängte: Wenn Sie aber nicht riechen könnten? so würde ich erwidern, dass ich mich nicht unsauber sehen möchte. – Falls es aber dunkel wäre? – »Nun, selbst dann noch, wenn ich auch weder Nase noch Augen hätte, so würde meine Empfindung in dieser Sache doch noch die gleiche sein: meine Natur würde sich bei dem Gedanken an den Schmutz empören; oder wenn sie dies nicht täte, so würde ich in der Tat eine verächtliche Natur haben und mich selbst als ein wildes Tier verabscheuen.« – Um des ganzen Unterschiedes der psychologischen Sehschärfe Shaftesburys und M.s gewahr zu werden, vergleiche man hiermit aufmerksam, was M. über die Psychologie der Höflichkeit und des Anstandes etwa in Anmerkung (G.) sagt; oder man halte einfach eine Stelle aus dem Vorwort der Abhandlung über den Ursprung der Ehre daneben: »Ich gebe gern zu, dass die Menschen zu einer Gewöhnung an sittliches Handeln gelangen können, so dass sie sich, ohne das Bewusstsein einer Selbstüberwindung, entsprechend verhalten, und dass sie sogar an Handlungen Vergnügen finden, die für die sittlich Schlechten unausführbar wären. Dann ist aber offenbar, dass diese Neigung das Werk von Kunst, Erziehung und Gewöhnung ist und dass sie noch niemals erworben wurde, wo die Gefühle und Triebe nicht bereits gebändigt worden wären. Es gibt keinen sittlich gefestigten Mann von vierzig Jahren, der sich nicht des Konfliktes erinnern könnte, den er mit gewissen Begierden hatte, ehe er zwanzig Jahre alt war. Wie natürlich erscheint einem Gentleman alle Höflichkeit! Und doch gab es eine Zeit, wo er seine Verbeugung nicht gemacht haben würde, wenn man es ihn nicht geheissen hätte.«

Shaftesbury ist also, kurz gesagt, zu loben, sofern er die Ethik von aller Theologie und Politik befreien und auf eine Kenntnis der natürlichen Veranlagung des Menschen gründen wollte. Und er hatte ein richtiges Verständnis für den Weg zu diesem Ziele insoweit gezeigt, als er den Menschen als etwas Einheitliches und Ganzes, als etwas irgendwie »Harmonisches«, betrachtete; indem er ferner, unter Verzicht auf eine unnötige Begriffssystematik, sich an die unmittelbare Erfahrung wandte und die Gefühle und Stimmungen des sittlich handelnden sowie des sittlich urteilenden Menschen zu schildern und zu deuten suchte. Zu tadeln ist er, sofern er hierbei inkonsequent verfuhr und die rein psychologische Betrachtungsweise unterbrach und unvollständig liess, sobald die Rücksicht auf ästhetische, religionsphilosophische und bloss schriftstellerische Nebeninteressen ihm dies nahelegte. So kam er, statt zu einer wirklich einheitlichen Auffassung des Menschen, zu einem Nebeneinander von drei ganz verschiedenen sittlichen Grundvermögen oder -qualitäten: dem moral sense, den selbstsüchtigen und den wohlwollenden Neigungen, über deren psychologisches Verhältnis er sich völlig ausschwieg. So blieb er ferner bei einer bloss ästhetisierenden Betrachtungsweise der höchst komplexen seelischen Erlebnisse stehen, statt diese Komplexe zu zergliedern und sie, an der Hand psychologischer Gesetze, aus den Elementen wieder aufzubauen. Diese Mängel: das unkritische Hinnehmen komplexer Erfahrungstatsachen, der Verzicht auf ausdrücklich formulierte Gesetze und das unverbundene Nebeneinander einer Reihe von seelischen Grundqualitäten, diese Mängel sind aber charakteristisch nicht bloss für Shaftesburys philosophierende Psychologie. Sie bilden vielmehr ein Hauptmerkmal und damit auch eine Grenze sowohl der naiven Routine-Psychologie der »Menschenkenntnis« wie auch aller literarischen, überhaupt künstlerischen Behandlung menschlichen Seelenlebens.

Man muss sich diesen Sachverhalt ganz klar machen, um M.s psychologische Methode verstehen und würdigen zu können. Seine Art, höchst verwickelte seelische Tatbestände zu behandeln, sie zu analysieren, bis ihre verborgensten Teilglieder aufgefunden sind, und sie auf dem Wege eines allmählichen Entwicklungsprozesses synthetisch vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen, war für die damalige Zeit etwas ganz Unerhörtes und wird es für viele heute noch sein. Im 18. Jahrhundert gab es nur einen Mann, der etwas gleich Grosses – und Grösseres – geleistet hat: David Hume; und es würden sehr wenige Namen sein, die man dem 19. Jahrhundert entnehmen könnte, um sie hier anzufügen.

Es ist hier natürlich nicht der Ort, um M.s »System der Psychologie«, auch nur in den Grundlinien, darzustellen; schon weil man hierzu seine sämtlichen Schriften eingehend berücksichtigen müsste, was doch untunlich wäre, da in der vorliegenden Ausgabe nur eine kleine Auswahl getroffen ist. Wenn man nicht sehr weit ausholen will, ist es überhaupt kaum möglich, über M.s positive Ansichten etwas Bestimmtes zu sagen, ohne wahrscheinlich von vielen missverstanden zu werden. Wer selbst dazu tendiert, die Dinge so zu betrachten und zu deuten, wie der Verfasser der Bienenfabel es tut, wird ihn ohne Schwierigkeit richtig verstellen. Wer zu einer anderen Betrachtungsweise, etwa der Shaftesburys oder der Berkeleys neigt, wird hierzu nicht imstande sein, auch wenn man ihm die Lehre M.s noch so mundgerecht macht. Ich möchte mich deshalb damit begnügen, hier zum Schluss, wie zu Anfang, auf einige falsche oder mindestens schiefe Auffassungen hinzuweisen, die sich einem gerechten Urteil über die in der Bienenfabel enthaltenen philosophischen und psychologischen Ansichten leicht in den Weg stellen.

Zunächst glaube man nicht, bei der Kritik der Ethik M.s mit dem beliebten Begriffsgegensatz EgoismusAltruismus etwas ausrichten zu können. Dieser Gegensatz existiert für die rein psychologische Betrachtungsweise überhaupt gar nicht. Er hat einen Sinn höchstens da, wo die psychologische Analyse nicht konsequent durchgeführt wird und man bei einer Mehrheit völlig verschiedener und voneinander unabhängiger Qualitäten oder Anlagen stehenbleibt, also in der Vulgärpsychologie sowie in einer moralisierenden oder ästhetisierenden Psychologie in der Art der Shaftesburyschen. M. macht mit der einheitlichen Auffassung der menschlichen Seele wirklich Ernst. Er sieht im Menschen einen Selbsterhaltungsmechanismus, der sich in der Wechselwirkung mit der Umwelt gesetzmässig und kontinuierlich entwickelt. Für solche Gegensätze wie egoistisch – altruistisch bleibt da kein Raum übrig, und das Problem lautet für ihn überall nicht: Wieweit handelt ein Mensch in einem bestimmten Falle egoistisch, wieweit altruistisch? – Da jedes menschliche Bewusstsein, jedes Ich, absolut für sich abgeschlossen ist und aus keinem fremden Wollen etwas in das eigene hineinfliegt, so ist auch kein Handeln fremd-bestimmt, sondern immer nur Ich-bestimmt, – und das Problem lautet für M. vielmehr: In welcher Weise lässt sich das sogenannte altruistische, d. h. scheinbar fremd-bestimmte Handeln durch ein Neben- und Gegeneinander Ich-bestimmter Motive erklären? – Die Frage, ob das menschliche Handeln egoistisch oder ob es altruistisch ist, verrät etwa einen ebenso grossen psychologischen Scharfblick wie die, ob unser Denken, im weitesten Sinne, anschaulich oder ob es begrifflich ist, – eine Frage, die bekanntlich auch oft genug diskutiert wird, wenngleich, aus naheliegenden Gründen, nicht so erbittert wie jene andere.

Ebenso nichtssagend und wertlos ist ein anderer nicht minder beliebter Begriffsgegensatz: OptimismusPessimismus. Jeder, dem es wichtig erscheint, zu entscheiden, ob eine philosophische Lehre optimistisch oder pessimistisch ist, operiert im letzten Grunde stets, bewusst oder unbewusst, mit der Voraussetzung, dass es einen Sinn habe, eine Art Gesamt-Lust-Unlust-Bilanz es Menschenlebens zu berechnen. Diese Voraussetzung beruht auf einem ähnlichen psychologischen Denk- oder Beobachtungsfehler wie die Meinung, das Ziel des menschlichen Strebens sei die Glückseligkeit, also die Meinung, die durch den Namen »Eudämonismus« eine gewisse philosophische Würde erhalten hat. Von hier ist dann wieder nur ein kleiner Schritt zu der Weisheit, dass die Tugend glücklich macht, und wer erst einmal an diesem Punkte angelangt ist, dem ist gewöhnlich nicht mehr zu helfen. Nun gibt es kaum ein Buch, das den Eudämonismus so glänzend ad absurdum führte wie die Bienenfabel. Zu verdanken ist dieser Umstand ebenfalls der rein psychologischen Methode ihres Verfassers, der die Tatsachen für sich sprechen lässt und nicht mit vorgefassten Werturteilen an deren Deutung herangeht. Ob ein bestimmter Mensch optimistisch oder pessimistisch gestimmt ist und welche Wirkung dies für ihn und andere hat, das mag einmal interessant zu untersuchen sein. Was aber der Optimismus und der Pessimismus behaupten, nämlich dass – banal ausgedrückt – das menschliche Leben überhaupt ein Glück, oder dass es ein Unglück ist, dies gehört zu jenen Wunschwahrheiten, die so schwer zu widerlegen sind, die aber gar nicht widerlegt zu werden brauchen von einem, der sich nicht darum kümmert, was die Menschen wünschen, sondern darum, was sie tun.

Mit den Begriffspaaren Egoismus-Altruismus und Optimismus-Pessimismus ist der Philosophie M.s also nicht beizukommen; wer dies zu tun versuchte, würde damit nur zeigen, dass er sie nicht begriffen hat. –

Noch auf einen letzten Punkt sei aufmerksam gemacht.

Was der vorurteilsfreie moderne Leser, wenn ich mich nicht irre, vielleicht noch am ehesten an der Psychologie M.s auszusetzen hat, ist ein scheinbarer Rest von Intellektualismus, der um so auffälliger ist, als M. diese für die ganze Aufklärungspsychologie so charakteristische Denkweise im allgemeinen bis zu einem geradezu verblüffenden Grade überwunden oder vermieden hat. Es ist in der Bienenfabel hin und wieder die Rede davon, dass Gesetzgeber, Moralisten und Politiker bestimmte Anschauungen und Einrichtungen erfunden und die Menschen überredet hätten, sich zu ihnen zu bekennen oder sie bei sich einzuführen. Und man wundert sich, dass M., der sich sonst so sehr an entwicklungsgeschichtliches Denken gewöhnt zeigt, im Ernste eine solche Ansicht von der Entstehung von Glaubenssätzen, von Sitte, Brauch und Recht haben konnte. In seinen späteren Werken, dem zweiten Teil der Bienenfabel und der Abhandlung über den Ursprung der Ehre, betont er dagegen ausdrücklich, dass dies sozusagen nur eine abgekürzte Redeweise ist, und dass das Entstehen sozialer Erscheinungen in Wirklichkeit ein ganz allmählicher Prozess ist: eine Summation kleinster Antriebe und Fortschritte, die unmerklich und ohne das bewusste Eingreifen einzelner »Politiker« geschehen. Da dies für seine Beurteilung von Wichtigkeit ist, so seien hier als Beleg dafür noch einige Zitate angeführt, deren man sich erinnern möge, wo M. sich in der angegebenen Weise äussert.

Im dritten Dialog des zweiten Bandes der Bienenfabel ist die Rede von der Entstehung der Höflichkeit, und Cleomenes bemerkt hierzu: »Gewiss ist es den Menschen, die ihre Gedanken nie in diese Richtung lenkten, fast unbegreiflich, zu welcher fabelhaften Höhe, beinahe aus einem Nichts heraus, manche Künste durch den menschlichen Fleiss und Eifer, durch ununterbrochenes Arbeiten und die vereinigte Erfahrung langer Zeiten gebracht werden können und gebracht worden sind, obwohl immer nur Menschen von durchschnittlicher Begabung darin beschäftigt werden,« woraus zu folgern ist, »dass wir dem überragenden Genie und dem durchdringenden Geiste des Menschen oft zuschreiben, was in Wirklichkeit der Länge der Zeit und der Erfahrung vieler Generationen zu verdanken ist, die sich in ihren natürlichen Anlagen und in ihrem Scharfsinn nur sehr wenig voneinander unterschieden haben.«

Einige Seiten nachher heisst es: »Wenn erst einmal die grosse Mehrzahl der Menschen beginnt, den hohen Wert, den sie sich selbst beilegen, zu verbergen, dann müssen sie sich auch gegenseitig erträglicher werden. Jeden Tag müssen nun neue Errungenschaften gemacht werden, bis einige dreist genug sind, nicht bloss den hohen Wert, den sie sich beilegen, zu leugnen, sondern auch noch zu behaupten, dass sie anderen einen grösseren Wert beilegen als sich selbst. Auf diese Weise kommt es zur »Liebenswürdigkeit«, worauf sich nun die Schmeichelei wie ein Strom über die Menschen ergiesst. Sobald sie bei diesem Grade der Unaufrichtigkeit angelangt sind, werden sie deren Nutzen herausfinden. Das Schamgefühl ist so allgemein verbreitet und zeigt sich in jedem menschlichen Wesen so frühe, dass kein Volk beschränkt genug sein kann, um lange Zeit zu bestehen, ohne dieses Gefühl zu bemerken und es entsprechend zu verwerten. Dasselbe lässt sich von der Leichtgläubigkeit der Kinder sagen, die für viele guten Zwecke sehr willkommen ist. Die Kenntnisse der Eltern werden ihren Nachkommen übermittelt, und indem die Lebenserfahrung eines jeden dem, was er in der Jugend lernte, zugefügt wird, muss jede nachfolgende Generation besser unterrichtet sein als die vorangehende. Durch dieses Mittel müssen im Laufe von zwei oder drei Jahrhunderten die guten Manieren zu grosser Vollkommenheit gebracht werden.«

In der Abhandlung über den Ursprung der Ehre fragt Horatio den Cleomenes, wieso er dessen sicher sei, dass der Begriff der Ehre das Werk der Moralisten und Politiker ist, worauf Cleomenes antwortet: »Ich gebe diese Namen unterschiedslos allen denen, die sich in die menschliche Natur vertieft und dann bemüht haben, die Menschen zu zivilisieren und sie immer mehr lenkbar zu machen, sei es im Interesse von Herrschern und Obrigkeiten, sei es mit Rücksicht auf das irdische Glück der Gesellschaft im allgemeinen. Ich denke über alle Erfindungen dieser Art dasselbe, was ich Ihnen von der Höflichkeit sagte, nämlich dass sie das vereinte Werk vieler sind. Menschenweisheit ist ein Kind der Zeit. Es war nicht die Erfindung eines einzelnen Mannes, noch hätte es die Arbeit weniger Jahre sein können, eine Anschauung zu begründen, durch die einem vernünftigen Geschöpf aus Furcht vor sich selbst Scheu eingeflösst und ein Idol aufgerichtet wird, das sein eigener Anbeter sein soll.«


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