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Die Bienenfabel
oder
Der Einzelnen Laster, des Ganzen Gewinn

Vorwort

Gesetze und Regierung sind für den sozialen Organismus bürgerlicher Gesellschaften, was die Lebenskräfte und das Leben selbst für den natürlichen Organismus beseelter Wesen. Wer an Leichnamen anatomische Studien macht, findet bekanntlich, dass die wichtigsten Organe, die für die Erhaltung der Bewegung im ganzen Mechanismus unseres Leibes am meisten in Betracht kommen, nicht harte Knochen oder starke Muskeln sind, auch nicht die Haut, diese zarte weisse Hülle des Ganzen, – sondern vielmehr winzigfeine Häutchen und kleine Röhrchen, die das ungewohnte Auge entweder übersieht oder doch nicht weiter beachtet. Ganz ähnlich nun ergeht es demjenigen, der sich unter Absehung von Kunst und Erziehung in die menschliche Natur vertieft, um zu erfahren, was eigentlich den Menschen zu einem sozialen Wesen macht. Er sieht nämlich, dass dies nicht in seinem Geselligkeitstriebe, in Sanftmut, Mitleid, Wohlwollen und anderen äusserlich schön erscheinenden Tugenden besteht, sondern dass es gerade seine schlechtesten und am meisten verabscheuten Eigenschaften sind, was ihn vor allem zur Bildung grosser und, wie man sagt, glücklicher und blühender Gemeinschaften befähigt.

Die folgende Fabel, in der das soeben Gesagte des näheren auseinandergesetzt ist, wurde vor über acht Jahren in Form eines Sixpenny-Flugblatts, betitelt »Der unzufriedene Bienenstock oder Die ehrlich gewordenen Schurken«, gedruckt und alsbald im Nachdruck als Halfpenny-Blättchen in den Strassen ausgeboten. Seit ihrer ersten Veröffentlichung ist nun, unter teils gewollter, teils durch Unkenntnis bewirkter Verkennung meiner Absicht, die Sache mehrfach so dargestellt worden, als wenn ihr Zweck eine Satire auf die Tugend und Moral und das Ganze zur Ermutigung des Lasters geschrieben wäre. Daraufhin entschloss ich mich, für den Fall eines Neudrucks den Leser auf irgendeine Weise über die wahre Absicht zu unterrichten, in der dies kleine Gedicht verfasst worden war. Ich ehre diese paar flüchtigen Verse nicht durch die Bezeichnung »Gedicht«, um in dem Leser die Erwartung irgendwelches poetischen Gehaltes zu erwecken, sondern lediglich weil es Reime sind, und ich bin wirklich in Verlegenheit, was für einen Namen ich ihnen geben soll. Denn sie sind weder heroisch noch pastoral, weder satirisch oder burlesk, noch auch heroisch-komisch; um eine Erzählung zu sein, entbehren sie der Wahrscheinlichkeit, und das Ganze ist doch wohl etwas zu lang für eine Fabel. Ich kann eben nur sagen, dass sie ein in Knüttelversen erzähltes Geschichtchen darstellen, das ich ohne die geringste Absicht, geistreich zu sein, in möglichst leichter und einfacher Manier verfasst habe; möge sie also der Leser nennen, wie's ihm passt. Von Montaigne heisst es, dass er über die Fehler der Menschen recht gut unterrichtet, aber mit den Vorzügen der menschlichen Natur unbekannt war. Sollte von mir nichts Schlechteres gelten, so würde ich's wohl zufrieden sein.

Welches Land der ganzen Welt nun auch unter dem hier geschilderten Bienenstock zu verstehen ist: aus dem, was über seine Gesetze und Regierung, über Ansehen und Reichtum, Macht und Strebsamkeit seiner Bewohner gesagt wird, geht hervor, dass eine grosse, reiche und kriegstüchtige, durch beschränkte Monarchie glücklich regierte Nation gemeint ist. Die in den folgenden Versen enthaltene Satire auf die verschiedenen Berufe und Stände und fast alle Klassen und Schichten des Volkes zielt daher nicht etwa böswillig auf besondere Persönlichkeiten. Sie verfolgt lediglich den Zweck, die Minderwertigkeit der Bestandteile zu zeigen, die alle zusammen die gedeihliche Mischung einer wohlgeordneten Gesellschaft ergeben, und damit die wunderbare Macht politischer Weisheit gebührend hervorzuheben, mit deren Hilfe ein so schönes Gebäude aus den verachtungswürdigsten Materialien aufgeführt wird. Denn der eigentliche Sinn der Fabel, wie er in der »Moral« kurz erklärt wird, ist folgender. Zunächst soll dargelegt werden, dass es unmöglich ist, all den vornehmen Komfort des Lebens, den man in einem reichen, mächtigen und gewerbefleissigen Lande antrifft, zu geniessen, gleichzeitig aber mit all der Tugend und Unschuld gesegnet zu sein, die man in einem goldenen Zeitalter sich nur wünschen kann. Daraus soll dann die Unvernünftigkeit und Torheit derjenigen erwiesen werden, die bei ihrem Streben, ein wohlhabendes und blühendes Volk zu sein, und bei ihrer erstaunlichen Gier nach all dem Gewinn, den sie als solches erlangen können, doch immer über jene Laster und Missstände murren und klagen, die vom Anbeginn der Welt bis zum heutigen Tag von allen je durch Macht, Reichtum und Geistesbildung berühmt gewesenen Staaten unabtrennbar gewesen sind.

Zu diesem Zwecke berühre ich zuerst kurz einige Verfehlungen und Missbräuche, die man den verschiedenen Berufen und Ständen allgemein zur Last legt. Darauf zeige ich, wie gerade diese Fehler aller einzelnen Menschen durch geschickte Behandlung und Lenkung der Grösse und dem irdischen Glücke der Gesamtheit dienstbar gemacht worden sind. Und schliesslich beschreibe ich, was die notwendige Folge von allgemeiner Redlichkeit und Tugend, von Massigkeit, Unschuld und Zufriedenheit des ganzen Volkes sein würde, und beweise dadurch, dass – wenn die Menschheit von den ihr nun einmal anhaftenden Schwächen geheilt werden könnte – dass sie dann auch nicht mehr solche umfangreiche, mächtige und hochkultivierte Gemeinschaften würde bilden können, wie sie dies in den verschiedenen grossen Republiken und Monarchien seit der Welt Beginn getan hat.

Fragt man mich, warum ich alles dies getan habe – cui bono? –, und wozu diese meine Ausführungen gut sein sollen, so gestehe ich: zur Unterhaltung des Lesers, sonst zu gar nichts. Würde ich aber gefragt, welche Wirkung ich naturgemäss davon erwarte, so würde ich antworten, dass erstens die Leute, die dauernd bei anderen Fehler finden, durch die Lektüre lernen möchten, bei sich selbst Einkehr zu halten, und durch Prüfung des eigenen Gewissens dahin kommen möchten, sich des fortwährenden Scheltens über das, dessen sie selbst mehr oder minder schuldig sind, zu schämen. Ferner: dass diejenigen, die so sehr an Bequemlichkeit und Komfort hängen und sich alle Errungenschaften einer hochentwickelten Kultur so gern antun, dazu gebracht werden möchten, geduldiger jene Übelstände zu ertragen, die keine Regierung auf Erden beseitigen kann, – sobald sie nämlich die Unmöglichkeit sehen, ein gut Teil jener ersten zu gemessen, ohne zugleich diese letzten mit in Kauf zu nehmen.

Dies, wie gesagt, würde ich von der Veröffentlichung meiner Ansichten naturgemäss erwarten, wenn die Menschen durch irgend etwas, was man ihnen sagt, gebessert werden könnten. Indessen, die Menschheit ist trotz der vielen lehrreichen und gediegenen Schriften, die ihre Vervollkommnung bezwecken, so lange Zeiten hindurch die gleiche geblieben, dass ich nicht eitel genug bin, von einer so unbedeutenden Kleinigkeit besseren Erfolg zu erwarten.

Nachdem ich den bescheidenen Nutzen, den mein kleiner Einfall hervorbringen könnte, besprochen habe, halte ich mich für verpflichtet zu zeigen, dass er keinerlei Schaden anrichten kann; denn was man veröffentlicht, sollte wenn nichts Gutes, so doch wenigstens nichts Böses tun. Zu diesem Zweck habe ich einige erklärende Anmerkungen verfasst, auf die sich der Leser an den Stellen, die Einwänden am meisten ausgesetzt scheinen, verwiesen finden wird.

Die Tadler, die den »Unzufriedenen Bienenstock« niemals gesehen haben, werden mir sagen: wie sehr ich mich auch auf die Fabel beziehen mag, die ja nur den zehnten Teil des Buches einnimmt, es sei doch alles bloss darauf angelegt, die »Anmerkungen« einzuführen; anstatt einer Aufklärung der bedenklichen und dunklen Stellen sei ich lediglich auf solche eingegangen, an deren ausführlicher Behandlung mir gelegen war; und weit entfernt, die vorher begangenen Irrtümer zu beseitigen, hätte ich den Fehler verschlimmert und mich in den beigefügten Abschweifungen als noch offenkundigeren Vorkämpfer des Lasters gezeigt, als dies bereits in der eigentlichen »Fabel« geschehen sei.

Ich werde auf die Beantwortung dieser Anklagen keine Zeit verschwenden; wo die Menschen voreingenommen sind, ist die glänzendste Rechtfertigung umsonst. Wer die Annahme einer Notwendigkeit des Lasters, in welchem Falle es auch sei, für verbrecherisch hält, der wird sich freilich mit keinem Teile meiner Ausführungen je versöhnen. Zieht man dies gebührend in Betracht, so kann alles etwaige Ärgernis nur aus den falschen Folgerungen hervorgehen, die vielleicht daraus gezogen werden könnten, was ich einen jeden nicht zu tun bitte. Wenn ich behaupte, dass die menschlichen Laster von grossen und mächtigen sozialen Gemeinschaften untrennbar sind und dass deren Wohlstand und Ansehen ohne sie nicht bestehen kann, so sage ich doch damit nicht, dass ihre einzelnen Mitglieder nicht dauernd getadelt werden sollten, wenn sie mit sittlichen Fehlern behaftet sind, oder dass sie nicht bestraft werden sollten, sobald sie sich eines Verbrechens schuldig machen.

Es gibt, glaube ich, in London unter denen, die gelegentlich zu Fuss gehen müssen, wenige, die nicht wünschten, dass die Strassen viel reiner sein möchten, als sie gewöhnlich sind, wobei sie aber bloss ihre eigene Kleidung und Privatbequemlichkeit im Auge haben. Zögen sie jedoch in Betracht, dass, woran sie Anstoss nehmen, das Resultat des Gedeihens, des grossen Verkehrs und Reichtums jener mächtigen Stadt ist, und wäre ihnen an deren Wohlstand etwas gelegen, so würden sie kaum jemals die Strassen weniger schmutzig zu sehen wünschen. Denn bedenken wir nur einmal die Materialien aller Art, mit denen eine so unendliche Zahl von dauernd in Betrieb gehaltenen Gewerben und Handwerken versehen werden muss; ferner die ungeheure Quantität von Ess- und Trinkwaren und von Heizstoffen, die täglich verbraucht werden, dazu die davon herrührenden Abfälle und Übrigbleibsel; die Mengen von Pferden und anderem Vieh, die fortwährend die Strassen verunreinigen; die Karren, Kutschen und schwereren Fahrzeuge, die unablässig das Pflaster abnutzen und zerstören, und schliesslich noch den endlosen Schwarm von Menschen, die immerzu durch alle Teile der Stadt eilen und sich hinschieben! Man sieht leicht, dass unter diesen Umständen jeder Augenblick neuen Schmutz hervorbringen muss; und welche Kosten und Mühen man auch auf die tunlich schnellste Beseitigung des Unrats verwenden möge, in Anbetracht der weiten Entfernung der Hauptstrassen vom Flusse ist es doch nicht möglich, die Unsauberkeit Londons zu verringern, ohne gleichzeitig das Gedeihen der Stadt zu beeinträchtigen. Und nun möchte ich die Frage stellen, ob nicht jeder gute Bürger, des soeben Gesagten eingedenk, anerkennen muss, dass schmutzige Strassen ein notwendiges, von dem Gedeihen Londons unabtrennbares Übel sind, ohne doch im geringsten ein Hindernis für die Reinigung der Schuhe oder Fegung der Strassen zu sein, und damit ohne die Schuhputzer und Strassenkehrer irgendwie zu schädigen.

Falls dagegen, ohne Rücksicht auf das Interesse und Wohlergehen der Stadt, die Frage aufgeworfen wird, wo es wohl am angenehmsten zu wandeln sei, so wird niemand zweifeln, dass ich den stinkenden Strassen Londons einen duftenden Garten oder einen schattigen Hain auf dem Lande vorziehen würde. Wenn man mich dementsprechend, alle irdische Grösse und Herrlichkeit beiseite lassend, fragen sollte, wo die Menschen meiner Meinung nach wohl am ehesten wahre Glückseligkeit geniessen dürften, so würde ich einer kleinen friedlichen Gemeinschaft, in der die Menschen, von ihren Nachbarn weder beneidet noch geachtet, mit den natürlichen Erzeugnissen ihres Wohnplatzes zufrieden wären, den Vorzug geben vor einer im Überfluss an Macht und Reichtum lebenden ungeheuren Masse, die nach aussen hin dauernd mit anderen im Streite liegt und daheim in ausländischen Genüssen schwelgt.

*

Soviel hatte ich dem Leser in der ersten Auflage gesagt; auch im Vorwort zur zweiten habe ich nichts zugefügt. Seitdem ist aber ein heftiges Geschrei gegen das Buch erhoben worden, genau der Erwartung entsprechend, die ich stets von der Gerechtigkeit und Weisheit, der Nachsicht und Ehrenhaftigkeit derer hatte, an deren Wohlwollen ich verzweifelte. Es ist vom Obergericht angezeigt und ist von Tausenden, die nie ein Wort davon sahen, verurteilt worden. Vor dem Lord-Mayor hat man dagegen gepredigt, und eine endgültige Widerlegung erwartet man täglich von einem ehrwürdigen Geistlichen, der mich bereits in den Zeitungsinseraten beschimpft und mir über fünf Monate lang gedroht hat, mir innerhalb zweier Monate zu antworten. Was ich meinerseits zu sagen habe, wird der Leser in der Verteidigung am Ende dieses Buches sehen, wo er auch die Anzeige des Obergerichts und einen Brief an den sehr ehrenwerten Lord C. finden wird, der über alles vernünftige Mass hinaus rhetorisch gehalten ist. Der Verfasser zeigt ein schönes Talent für Sticheleien und einen grossen Scharfsinn im Entdecken von Atheismus, wo andere keinen finden können. Er ereifert sich gegen gottlose Bücher, weist auf die Bienenfabel hin und ist sehr erzürnt über ihren Verfasser: er spricht in kräftigen Ausdrücken von dessen ungeheuerlicher Schuld, und mit einigen eleganten Andeutungen – z. B. wie gefährlich es doch sei, solche Autoren am Leben zu lassen, und dass der Himmel noch das ganze Volk dafür strafen werde – empfiehlt er ihn höchst christlich der Sorge des Publikums.

Der unzufriedene Bienenstock
oder
Die ehrlich gewordenen Schurken

Ein Bienenstock, dem keiner sich
An Macht und Reichtum sonst verglich,
Des fleissige, wohlgenährte Scharen
Geehrt in Krieg und Frieden waren,
War als das rechte Heimatland
Von Kunst und Wissenschaft bekannt.
Wenn die Parteien auch Streit geführt,
Ward doch das Ganze gut regiert;
Nie hat der Pöbel wild geknechtet
Das Volk, nie ein Tyrann entrechtet,
Durch Könige, deren Macht beschränkt,
Ward es mit milder Hand gelenkt.

Das Leben dieser Bienen glich
Genau dem unsern, denn was sich
Bei Menschen findet, das war auch
En miniature bei ihnen Brauch,
Obwohl dies freilich nicht zu merken
Bei ihren kunstvoll kleinen Werken.
Jedoch bei uns ist nichts bekannt
In Haus und Hof, in Stadt und Land,
In Handel, Kunst und Wissenschaft,
Wofür nicht dort Ersatz geschafft.
Gab's also Könige und hielten
Sich diese Wachen, die aber spielten
Nicht Würfel, so liegt trotzdem nah:
Irgendein Spiel war sicher da;
Denn nirgends gibt's ein Regiment
Soldaten, das kein solches kennt.

Des Bienenstockes emsige Menge
Gedieh durch seines Volks Gedränge.
Millionen widmen Kraft und Zeit
Der Andern Lust und Eitelkeit,
Millionen wieder sind berufen,
Um zu zerstören, was jene schufen.
Trotz des Exports in alle Welt
Es noch an Arbeitskräften fehlt.
Manch Reicher, der sich wenig mühte,
Bracht' sein Geschäft zu hoher Blüte,
Indes mit Sense und mit Schaufel
Gar mancher fleissige arme Teufel
Bei seiner Arbeit schwitzend stand,
Damit er was zu knappern fand.
(A.) Auch gab es manchen Dunkelmann,
Des Kunst man nirgends lernen kann,
Der sich ganz dreist und ungeniert
Mit leerem Beutel etabliert:
Wie Kuppler, Spieler, Parasiten,
Quacksalber, Diebe und Banditen,
Falschmünzer und andre Arbeitsscheue,
Die es verstehen, mit grosser Schläue
Aus ihres simplen Nächsten Mühen
Gehörigen Profit zu ziehen.
(B.) Nur solchen zwar man »Schurken« schalt,
Doch war's auch, wer als ehrlich galt;
Es gab kein Fach und Amt im Land,
Wo Lug und Trug ganz unbekannt.

Die Advokaten waren gross
Im Recht-Verdrehen und suchten bloss,
Statt zu versöhnen die Parteien,
Sie immer mehr noch zu entzweien,
Bis sie nicht ein noch aus mehr wussten
Und vor den Richter treten mussten.
Sie zogen die Prozesse hin,
Um hohe Sporteln einzuziehn;
Galt's schlechte Fälle zu vertreten,
Sie eifrig das Gesetz durchspähten,
Wie Diebe Häuser, um zu sehen,
Wie denn die Einbruchschancen stehen.

Den Ärzten, wurden sie nur reich,
War ihrer Kranken Zustand gleich.
Aufs Heilen gaben sie nicht viel,
Sie setzten sich vielmehr zum Ziel,
Durch eifriges Rezepte-Schreiben
Des Apothekers Freund zu bleiben,
Der Wehfrauen und der Priester Gunst
Zu sichern sich durch Schmeichelkunst,
Sich mit den Weibern zu vertragen,
Zu billigen, was die Tanten sagen,
Mit süssem »Nun, wie geht es?« allen
Von der Familie zu gefallen
Und schliesslich noch der Wartefrauen
Dummdreiste Reden zu verdauen.

Von denen, die dazu ersehen,
Des Himmels Segen zu erflehen,
War selten einer ernst-gelehrt,
Viel öfter hitzig und verkehrt.
Doch glückt's den meisten zu verhüllen,
Wie Stolz und Habgier sie erfüllen,
Worin sie nicht geringern Ruf,
Als der Soldat in Spiel und Suff.
Ein paar, in sichtlich tiefer Not,
Erbaten still ihr »täglich Brot«
– Sie meinten Schüsseln, wohlgefüllt –,
Doch blieb ihr Sehnen ungestillt.
Wie wacker darbten diese Frommen!
Das ist den andern sehr bekommen,
Den Herren, deren blühnde Wangen
Im Wohlsein und Behagen prangen.

(C.) Dem Krieger, den zur Schlacht man trieb,
Ward Ehre, wenn er leben blieb;
Gelang's ihm, seitwärts sich zu schlagen,
Riskiert er dennoch Kopf und Kragen.
Manch General kämpft wie ein Held,
Und mancher nimmt vom Feinde Geld.
Wer stets im ärgsten Feuer stand
Und Arm und Bein verlor, der fand
Als Krüppel sich zu guter Letzt
Auf halbe Pension gesetzt;
Dem, der stets ruhig blieb zu Haus,
Zahlt man sie dafür doppelt aus.

Minister dienten zwar den Königen,
Doch Treue fand man nur bei wenigen;
Da dienend nur sich selbst sie nützten,
Bestahl'n den Thron sie, den sie stützten.
Man lebte gut, doch rühmt' als ehrlich
Sich gern, war das Gehalt auch spärlich.
Was man erwarb durch Schwindelei'n,
Strich man als »Nebengelder« ein,
Und wenn das Volk den Kniff erkannte,
Man es »Emolumente« nannte,
Damit man nicht verständlich sei,
Wo irgendein Profit dabei.
(D.) 's gab keine Biene, die nicht wollte
Mehr kriegen, nicht grad als sie sollte,
Doch als sie wünschte, dem zu zeigen,
Der's zahlte; (E.) wie's ja Spielern eigen,
Nicht erst darauf zurückzukommen,
Was sie den andern abgenommen.

Schier endlos war des Schwindels Masse,
Sogar das Zeug, das auf der Gasse
Als Düngemittel sie erstanden,
Die armen Käufer oftmals fanden
Vermengt zu einem ganzen Viertel
Mit blossen Steinen und mit Mörtel.
Hans Taps, verraten und verkauft,
Hat dafür brav die Milch getauft.

Justitia, so hochgesinnt,
Kann fühlen noch, ist sie auch blind.
Die Wage oft der Hand entsank,
Die nötig war zum Geldempfang.
Dem Recht gemäss – so schien es freilich –
Verfuhr sie, gänzlich unparteilich,
Bei Mord und Akten von Gewalt,
Die man mit Leib und Leben zahlt;
Und mancher ward zu Fall gebracht
Durch Schlingen, die andern er zugedacht.
Doch hielt ihr Schwert – ward leicht entdeckt –
Nur arme Teufel in Respekt,
Die sich zwar nur aus Not vergingen,
Jedoch alsbald am Galgen hingen,
War's auch bloss um 'ne Kleinigkeit:
Wenn nur die Reichen in Sicherheit!

Trotz all dem sündlichen Gewimmel
War's doch im ganzen wie im Himmel.
In Krieg und Frieden warb mit Kunst
Manch fremde Macht um ihre Gunst;
Ihr Überfluss an Geld und Leben
Liess immer sie den Ausschlag geben. –
Wie hat's ein solches Land doch gut,
Wo Macht ganz auf Verbrechen ruht!
(F.) Die Tugend, die von Politik
Gelernt gar manchen schlauen Trick,
Auf der so vorgeschriebenen Bahn
Ward nun des Lasters Freund; fortan
(G.) Der Allerschlechteste sogar
Fürs Allgemeinwohl tätig war.

So herrscht im ganzen Einigkeit,
Wenn auch im einzelnen oft Streit,
Wie der Musik harmon'sche Schöne
Entspriesset aus dem Streit der Töne.
(H.) Was sich sonst gänzlich ist entgegen,
Hilft sich, als wär's des Trotzes wegen;
Es fördert weise Mässigkeit
Die Trunksucht und Gefrässigkeit.

(I.) Der Geiz, dies scheusslich böse Laster
– Keins ist fluchwürdiger und verhasster –,
War Sklav' (K.) der nobelsten der Sünden,
Verschwendung; (L.) durch den Luxus finden
Millionen Armer sich erhalten,
(M.) Auch durch den Stolz, den alle schalten.
(N.) Nicht minder dient der Neid sowie
Die Eitelkeit der Industrie.
Die Sucht, sich als modern in Speisen,
In Kleid und Möbeln zu erweisen,
Stets ein Objekt des Spottes zwar,
Des Handels wahre Triebkraft war.
Gesetze wurden umgestaltet
So schnell, als wie die Tracht veraltet;
Was heut als gut und löblich galt,
Man übers Jahr Verbrechen schalt.
Doch grad durch diese Flickarbeit
An Recht und Brauch zu jeder Zeit
Gar mancher Schaden Heilung fand,
Den Klugheit nie vorausgeahnt.

So nährte das Laster die Findigkeit,
Und diese, im Bund mit Fleiss und Zeit,
Hatte das Leben (O.) so angenehm,
So wahrhaft lustvoll und bequem
Gemacht, dass jetzt (P.) der Arme sogar
Noch besser dran als einst der Reiche war.
Vollendung herrschte offenbar. –

Wie eitel ist's, nach Glück zu streben!
Man sah nicht: es muss Grenzen geben
Der Lust; Vollkommenheit hienieden
Hat uns der Himmel nicht beschieden.
Die Tierchen waren zwar soweit
Zufrieden mit der Obrigkeit;
Jedoch, ging einmal etwas quer,
Dann gab es gleich kein Halten mehr,
Heer, Flotte und Regierung flugs
Beschuldigte man des Betrugs,
Den man sich selbst zwar gern verzieh,
Indessen andern Leuten nie.

Ein Mann – er hatte schweres Geld,
Um das er arm und reich geprellt –
Rief laut: »So kann's nicht weitergehn
Mit den Betrügereien«, – und wen
Glaubt man, dass der Halunke schalt?
'nen Kellner, weil der Kaffee kalt.

Wenn nur das mindeste geschah,
Worin man eine Schädigung sah,
Sogleich erhob man ein Gezeter:
»Wo ist die Tugend hin, ihr Götter!«
Merkur ergötzte dieser Streit,
Die andern nannten's Albernheit,
Was man doch liebte, so zu schmähen.
Doch Jupiter, der länger sehen
Den Zank nicht mochte, rief: »Genug,
So seid befreit denn vom Betrug!«
Sofort geschah's, – und Redlichkeit
Erfüllt nun alle weit und breit.
Gleichsam im innern Spiegel finden
Sie schamerfüllt all ihre Sünden,
Die sie nun mit Erröten sehen
Und dadurch schweigend eingestehen,
Wie Kinder, was sie Böses taten,
Durch ihre Farbe bald verraten,
Im Glauben, sieht man sie nur an,
So wisse man, was sie getan.

O Gott, wie war der Schreck entsetzlich!
Der Wandel war auch gar zu plötzlich.
Der Preis des Fleisches fiel zur Stund'
Um einen Groschen auf das Pfund.
Und als die Heuchlermaske allen,
Vom Kanzler bis zum Knecht, entfallen,
Erschien als Fremdling nun im Land,
Wer in Verstellung wohlbekannt. –
Wie still's nun im Gerichtssaal war!
Der willige Schuldner zahlte bar,
Selbst was der Gläubiger vergass,
Der's dem erliess, der nichts besass.
Die jetzt im Unrecht waren, schwiegen
Und liessen die Prozesse liegen;
Worauf – da keiner schlechter steht
Als der Jurist, wo's ehrlich geht –
Wer nicht noch grad zu leben fand,
Die Mappe unterm Arm, verschwand.

Justitia knüpft schnell einige auf,
Die andern lässt sie frei; darauf
Ist sie, da weiter nicht vonnöten,
In prächtigem Zuge abgetreten.
Die Schmiede, mit Schlössern und Eisentüren,
Mit Gittern und Fesseln, vornweg marschieren;
Wärter und Wächter schliessen sich an.
Der Göttin sieht vorausgehen man
Das Haupt von ihrem ganzen Stab,
Des Rechts Vollender, Herrn »Kopfab«,
Nicht mit dem allegor'schen Schwert:
Mit Beil und Strick, wie sich's gehört.
Auf Wolken dann die schöne Blinde,
Justitia selbst, entführt vom Winde.
Um ihren Wagen dicht geschart
Sind Häscher und Büttel jeder Art,
Und die sich sonst berufen finden,
Die Menschen bis aufs Blut zu schinden.

Die Bienen, die als Ärzte jetzt
Noch lebten, waren hochgeschätzt,
Weil alle tüchtig und erfahren
Und immer gleich zur Stelle waren.
Beiseite liess man alles Zanken
Und widmete sich ganz den Kranken,
Verschrieb nur, was daheim sich fand,
Nicht schlechtes Zeug aus fremdem Land;
Man wusste, dass Gott Heilung spendet
Dem Lande, dem er Krankheit sendet.

Die Priester tun selbst ihre Pflicht
Und brauchen die Vikare nicht.
Gebet und Opfer füllt die Zeit,
Die einst dem Laster war geweiht.
Wer nicht geeignet oder findet,
Dass er entbehrlich sei, verschwindet.
Nur noch für wenige blieb Raum
– Braucht sie ja doch der Gute kaum –,
Den Hohenpriester und ein paar
Um ihn, dem man gehorsam war;
Er selbst den heiligen Pflichten lebend,
Nicht mehr nach Macht im Staate strebend.
Nicht jagte Kranke er davon,
Bracht' Arme nicht mehr um den Lohn;
Dem Hungrigen gab er jetzt Brot,
Dem Armen half er aus der Not,
Dem Müden er ein Lager bot.

Bei den Ministern, und mit ihnen
Bei allen, die dem Staate dienen,
War gross die Wandlung, (Q.) denn alsbald
Lebt man genügsam vom Gehalt.
Hätt' sich ein Armer hetzen sollen,
Sein bisschen Geld sich abzuholen,
Und hätte man, eh' er's bekommen,
Ihm noch fünf Gulden abgenommen,
So hätte man Betrug gescholten,
Was einst als gutes Recht gegolten.
Was früher drei zusammen machten,
Die sich einander überwachten,
Oft auch in biedrer Kumpanei
Sich halfen in der Dieberei,
Das macht jetzt einer gut und ehrlich,
So werden Tausende entbehrlich.

(R.) Nicht mehr gilt's jetzt als Ehrensache
Für einen, dass er Schulden mache.
Ins Leihamt wandern die Livreen,
Spottbillig zum Verkaufe stehen
Jetzt Villen, dazu Pferd und Wagen,
Denn man wünscht Schulden abzutragen.

Gespart wird tüchtig jetzt; nicht mehr
Hält man in Feindesland ein Heer.
Man lacht der Achtung fremder Staaten,
Des eitlen Ruhms durch Waffentaten,
Und wagt allein des Kriegs Gefahren,
Um Freiheit oder Recht zu wahren.

Wie das Gewerbe nun gedeiht
Bei unsrer Bienen Ehrlichkeit,
Drauf achte man: Fort ist die Pracht,
Verändert alles über Nacht.
Denn nicht bloss, die das Geld in Massen
Ausgaben, hatten bald verlassen
Den Stock; auch jene gehen in Scharen,
Die auf sie angewiesen waren;
Da alles überfüllt, ist's ihnen
Unmöglich, etwas zu verdienen.

Der Preis von Land und Häusern fiel.
Die Prachtpaläste, die beim Spiel
Man aufgebaut, gleich Thebens Mauern,
Sind »zu vermieten«. Drinnen trauern
Hausgötter, einst so frohgemut;
Sie stürben gern in Feuersglut,
Um jene Worte nicht zu sehen,
Die hohnvoll an den Türen stehen.
Der Baubetrieb ist ganz gestört,
Jedwede Kunst hat aufgehört.
(S.) Nicht Maler werden mehr bekannt,
Steinschneider, Schnitzer nicht genannt.

Diejenigen, die noch übrig, streben,
Sparsam und anspruchslos zu leben;
Sie gleichen ihre Zeche aus
Und bleiben fürderhin zu Haus.
Kein Schenkmamsellchen geht jetzt mehr
In goldgesticktem Kleid einher,
Denn niemand mag jetzt noch was leihen
Für Sekt und teure Leckereien.
Fort sind sie, die mit ihren Damen
Beim Festdiner zusammenkamen,
Wo oft mehr draufgegangen war,
Als mancher braucht im ganzen Jahr.

Die stolze Chloe, (T.) deren Gatte
Für sie den Staat geschädigt hatte,
Verkauft die Möbel, einst erstanden
Für Gold, geraubt in fernen Landen.
Sie schränkt sich in der Küche ein
Und trägt ein Kleid aus grobem Lein.
Verflogen ist der Modewahn,
Trachten und Sitten dauern an;
Mit Gold- und Seidenstickerei
Und andern Künsten ist's vorbei.
Es herrscht ein friedlich still Gedeihn,
Stets kauft man gut und billig ein.
Natur, von Züchterkunst befreit,
Beut jegliches zu seiner Zeit;
Delikatessen gibt's nicht mehr,
Denn niemand gibt Geld dafür her.

Da man auf Luxus jetzt verzichtet,
So ist der Handel bald vernichtet.
Manch Handwerk mehr und mehr verfällt,
Betriebe werden eingestellt.
Darnieder liegt Kunst und Gewerb;
(V.) Sie, aller Strebsamkeit Verderb,
Zufriedenheit, lässt sie geniessen
Ihr Weniges und nichts vermissen.

Der stolze Schwarm war jetzt so schwach,
Dass es an Kriegsmannschaft gebrach,
Die frechen Feinde zu verjagen.
Doch wagten sie es, sich zu schlagen,
Bis sie in ein Versteck getrieben,
Wo sie, bereit zu sterben, blieben.
Kein Söldling war mehr unter ihnen,
Sie waren selbst im Feld erschienen.
Ihr Heldenmut in allen Dingen
Liess schliesslich sie den Sieg erringen,
Obgleich mit furchtbaren Verlusten
Sie den Triumph bezahlen mussten.
Drauf gab, gewöhnt an harte Mühn,
Der Schwarm sich ganz der Arbeit hin.
Am Ende dieses Tugendstrebens
Und exemplarisch reinen Lebens
Ward ihm ein hohler Baum beschieden.
Dort haust er nun in Seelenfrieden.

*

Die Moral

So klagt denn nicht: (X.) für Tugend hat's
In grossen Staaten nicht viel Platz.
(Y.) Mit möglichstem Komfort zu leben,
Im Krieg zu glänzen und doch zu streben,
Von Lastern frei zu sein, wird nie
Was andres sein als Utopie.
Stolz, Luxus und Betrügerei
Muss sein, damit ein Volk gedeih'.
Quält uns der Hunger oft auch grässlich,
Zum Leben ist er unerlässlich.
Stammt nicht des edlen Weines Saft
Von einem garstig dürren Schaft?
Der, wenn man ihn nicht sorgsam pflegt,
Bloss nutzlos wuchert und nichts trägt,
Doch dessen Frucht uns Lust bereitet,
Wenn man ihn bindet und beschneidet.
Genau so uns das Laster nutzt,
Wenn das Gesetz es kappt und stutzt,
Ja, ist so wenig aufzugeben
Für Völker, die nach Grösse streben,
Wie Hunger ist, damit sie leben.
Mit Tugend bloss kommt man nicht weit;
Wer wünscht, dass eine goldene Zeit
Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:
Man musste damals Eicheln essen.

Einleitung

Einer der Hauptgründe, warum so wenige Menschen über sich selbst im klaren sind, ist der, dass die meisten Schriftsteller ihnen immer nur auseinandersetzen, wie sie sein sollen, und kaum jemals sich darum kümmern, ihnen zu sagen, wie sie in Wirklichkeit sind. Ich für mein Teil – denn ich will weder dem geneigten Leser noch mir selbst ein Kompliment machen – bin der Ansicht, dass der Mensch, abgesehen von dem leicht Sichtbaren, wie Haut, Fleisch, Knochen usw., ein Gemisch von verschiedenen Neigungen und Gefühlen darstellt, die ihn alle, je nachdem sie auf- und hervortreten, abwechselnd und unabhängig von seinem Willen beherrschen. Der Beweis dafür, dass eine solche Veranlagung, deren wir uns alle zu schämen vorgeben, das Hauptfundament einer blühenden sozialen Gemeinschaft bildet, ist der Inhalt des vorangehenden Gedichts gewesen. Weil jedoch ein paar scheinbar paradoxe Stellen darin vorkommen, so habe ich im Vorwort einige erklärende Anmerkungen dazu versprochen. Um diese noch nützlicher zu gestalten, habe ich es als passend erachtet, zu untersuchen, wie die nun mal nicht besser veranlagten Menschen gerade auf Grund der ihnen eigenen Mängel doch dahin gebracht werden könnten, zwischen Tugend und Laster zu unterscheiden; wobei ich den Leser ein für allemal zu beachten bitte, dass, wenn ich sage »Menschen«, ich weder Juden noch Christen meine, sondern den Menschen schlechthin, im Naturzustande und ohne Kenntnis des wahren Gottes.

Untersuchung über den Ursprung der Sittlichkeit

Alle in Freiheit lebenden Tiere streben ausschliesslich nach Befriedigung ihrer Begierden und folgen ganz naturgemäss ihren Neigungen, ohne sich darum zu kümmern, welches Gute oder Böse für andere aus ihrer Befriedigung entspringt. Dies ist der Grund, warum im rohen Naturzustande diejenigen Geschöpfe am geeignetsten sind, in grosser Anzahl friedlich miteinander zu leben, die den geringsten Verstand und die wenigsten Bedürfnisse haben. Und deshalb wieder ist keine Tierart ohne den Druck des Beherrschtwerdens weniger fähig, sich lange in grosser Menge zusammen zu vertragen, als die des Menschen. Doch sind seine Eigenschaften – ob nun gut oder schlecht, will ich nicht entscheiden – derart, dass kein Geschöpf ausser ihm jemals zu einem wirklich geselligen werden kann. Nun ist er aber jedenfalls ein ausserordentlich selbstsüchtiges und widerspenstiges sowie auch schlaues Tier. Wie sehr er sich daher sonst auch mag überlegener Stärke unterwerfen müssen: es ist doch unmöglich, ihm mit Gewalt allein beizukommen und all die Vervollkommnung, deren er fähig ist, angedeihen zu lassen.

Das Hauptbestreben der Gesetzgeber und anderer weiser Männer, die um die Begründung der Gesellschaft bemüht waren, ist daher gewesen, den Menschen, die sie zu regieren hatten, den Glauben beizubringen, dass es für jeden einzelnen vorteilhafter sei, seine Begierden zu unterdrücken als ihnen freien Lauf zu lassen, und dass es weit besser sei, das allgemeine Wohl als die vermeintlichen Privatinteressen im Auge zu haben. Da dies jederzeit eine sehr schwierige Aufgabe gewesen ist, so hat man auch keinen Kunstgriff und keine Überredung unversucht gelassen, um sie zu lösen; und die Sittenlehrer und Philosophen aller Zeiten verwendeten ihr bestes Können darauf, die Wahrheit eines so nützlichen Grundsatzes zu beweisen. Indessen, ob ihn die Menschen nun jemals für richtig gehalten haben mögen oder nicht: es ist nicht wahrscheinlich, dass jemand sie hätte überreden können, ihren natürlichen Neigungen zu entsagen oder fremdes Wohl dem eigenen vorzuziehen, wenn er ihnen nicht gleichzeitig einen Ersatz gezeigt hätte, der als Belohnung für den Zwang zu geniessen sei, den sie sich durch ein solches Verhalten notwendigerweise antun mussten. Denen, die die Menschheit zu zivilisieren unternommen haben, war dies nicht unbekannt. Da sie aber nicht imstande waren, für alle einzelnen Handlungen so viele reale Belohnungen zu verteilen, dass sämtliche Personen zufrieden gewesen wären, so blieb ihnen nichts anderes übrig, als eine Art ideeller Belohnung zu erfinden, die bei allen Gelegenheiten als allgemeine Entschädigung für die beschwerliche Selbstverleugnung dienen und, ohne ihnen selbst oder anderen etwas zu kosten, doch für die Empfänger eine höchst annehmbare Vergütung sein sollte.

Sie untersuchten also gründlich alle uns von Natur zukommenden Stärken und Schwächen; und da sie fanden, dass niemand so roh sei, dass er nicht an Lob Gefallen fände, und niemand so verworfen, dass er Verachtung geduldig ertrüge, so schlossen sie mit Recht, die Schmeichelei müsse das machtvollste Werkzeug sein, um auf menschliche Wesen einwirken zu können. Indem sie von diesem Zaubermittel Gebrauch machten, priesen sie unsere Vorzüge vor anderen Tieren und feierten durch masslose Lobreden auf die Wundertaten unseres Scharfsinns und die Unbegrenztheit unseres Verstandes in jeder erdenklichen Weise die Vernunftbegabtheit unserer Seele, vermittels deren wir fähig wären, die edelsten Handlungen zu vollbringen. Nachdem sie sich auf diesem sinnreichen Wege der Schmeichelei in die Herzen der Menschen eingeschlichen, begannen sie, sie mit den Begriffen der Ehre und Schande vertraut zu machen, wobei sie die eine als das schlimmste aller Übel, die andere als das höchste Gut, wonach Sterbliche trachten könnten, hinstellten. Darauf hielten sie ihnen vor, wie sehr es der Würde so erhabener Geschöpfe entgegen sei, die Befriedigung jener Begierden zu erstreben, die sie mit den wilden Tieren gemein hätten, und gleichzeitig jene höheren Anlagen, die ihnen den Vorrang vor allen bekannten Wesen gäben, zu vernachlässigen. Sie gaben freilich zu, dass jene Naturtriebe sehr stark wären, dass es lästig sei, ihnen zu widerstehen, und sehr schwierig, sie ganz zu unterdrücken; allein, dies alles gebrauchten sie nur als Argument, um zu beweisen, wie ruhmvoll einerseits ihre Überwindung und wie schmachvoll es anderseits sei, diese nicht zu versuchen.

Um ausserdem eine Art Wetteifer unter den Menschen zu veranlassen, teilten sie das ganze Geschlecht in zwei voneinander sehr verschiedene Klassen. Die eine bestand aus verworfenen, niedrig gesinnten Leuten, die stets hinter Augenblicksgenüssen herjagten, der Selbstverleugnung gänzlich unfähig waren und ohne Rücksicht auf das Wohl anderer kein höheres Ziel als ihren persönlichen Vorteil kannten: Sklaven der Sinnenlust, die widerstandslos jeder groben Begierde nachgaben und ihre Verstandeskräfte bloss dazu gebrauchten, ihre sinnlichen Vergnügungen zu erhöhen. Diese gemeinen, verkommenen Subjekte, sagten sie, wären der Abschaum ihres Geschlechts, sie hätten nur die Gestalt von Menschen und unterschieden sich von wilden Tieren durch nichts als ihre äussere Erscheinung. Die andere Klasse dahingegen bestand aus erhabenen, hochgesinnten Geschöpfen, die frei von schmutziger Selbstsucht die Gaben des Geistes als ihren schönsten Besitz hochhielten und, sich ihres wahren Wertes bewusst, lediglich an der Ausbildung jener Anlagen, in denen ihr Vorzug bestand, Gefallen fänden. Sie seien Verächter all dessen, hiess es, was sie mit unvernünftigen Wesen gemein hätten; kraft ihrer Vernunft widerständen sie ihren heftigsten Neigungen und führten einen beständigen Kampf gegen sich selbst, nach nichts Geringerem strebend als dem Wohl der Allgemeinheit und dem Sieg über ihre Leidenschaften:

Fortior est qui se quam qui fortissima vincit moenia …

Diese nannten sie die wahren Repräsentanten ihres erhabenen Geschlechts, die dem Werte nach die erste Klasse um vieles mehr übertraf, als diese selbst den Tieren des Feldes überlegen war.

Wie wir bei allen tierischen Geschöpfen, die nicht zu niedrig stehen, um Stolz zu zeigen, finden, dass die besten und zugleich schönsten und wertvollsten ihrer Art im allgemeinen den grössten Anteil davon haben, so ist er im Menschen, dem vollkommensten Tiere, so untrennbar von seinem innersten Wesen – wie schlau auch manche ihn zu verbergen oder zu verhüllen lernen mögen –, dass ohne ihn der Mischung, aus der er besteht, einer der Hauptbestandteile fehlen würde. Beachten wir dies, so ist kaum zu bezweifeln, dass Lehren und Vorhaltungen, die der guten Meinung, die der Mensch von sich selber hat, so geschickt wie die von mir erwähnten angepasst sind, wenn sie unter einer grösseren Menge verbreitet werden, – dass sie da nicht bloss bei ruhiger Überlegung die Zustimmung der meisten erhalten, sondern auch einige, besonders die lebhaftesten, entschlossensten und besten unter ihnen, dazu bringen werden, tausend Unbequemlichkeiten zu ertragen und sich ebenso vielen Strapazen zu unterziehen, damit sie nur das beglückende Gefühl haben dürfen, sich zu den Menschen der zweitgenannten Klasse zu rechnen und sich demgemäss alle die Vorzüge, von denen sie gehört haben, zuzuschreiben.

Hiernach haben wir zunächst zu erwarten, dass jene Helden, die so hervorragend um die Beherrschung einiger ihrer natürlichen Triebe bemüht waren und das Wohl anderer jedwedem sichtbaren eigenen Interesse vorzogen, nie einen Zoll breit von der hohen Meinung zurückgekommen sein werden, die sie sich von der Würde vernünftiger Geschöpfe gebildet hatten. Da sie die Autorität der Obrigkeit auf ihrer Seite hatten, werden sie mit aller denkbaren Kraft sowohl die Hochachtung, die man denen der zweiten Klasse schuldete, wie auch ihre Überlegenheit über den Rest ihrer Mitgeschöpfe betont haben. Ferner werden sich diejenigen, die nicht stolz oder entschlossen genug waren, um in dem Verzicht auf ihr Liebstes auszuhalten, vielmehr den Eingebungen ihrer sinnlichen Natur folgten, dennoch vor dem Eingeständnis geschämt haben, dass sie jene elenden Subjekte seien, die der niederen Klasse angehörten und allgemein als kaum von wilden Tieren unterschieden betrachtet wurden. Daraus folgt nun wieder, dass sie zu ihrer Verteidigung dieselben Reden wie die anderen geführt und, ihre Schwächen so gut es ging verbergend, Selbstverleugnung und Sorge um das Allgemeinwohl soviel wie möglich gepriesen haben werden. Denn höchstwahrscheinlich dürften einige unter ihnen, von den mit angesehenen Proben von Tapferkeit und Aufopferung überzeugt, in anderen bewundert haben, was sie bei sich selbst nicht vorfanden; andere werden die Entschlossenheit und den Mut derer der zweiten Klasse gefürchtet haben und alle in Ehrfurcht vor der Gewalt ihrer Herrscher gehalten worden sein. Somit hat man anzunehmen, dass keiner von ihnen – was sie auch bei sich gedacht haben mögen – dem öffentlich zu widersprechen gewagt haben wird, woran zu zweifeln alle übrigen für verbrecherisch hielten.

Dies war, oder könnte wenigstens die Art und Weise gewesen sein, auf die die Wildheit des Menschen gebändigt wurde. Daraus erhellt, dass die ersten Ansätze von Sittlichkeit geschickten Volkserziehern zu verdanken sind, die danach strebten, die Menschen sich gegenseitig nützlich sowie überhaupt lenkbar zu machen, damit nämlich die Ehrgeizigen Vorteil daraus ziehen und grössere Mengen von ihnen bequemer und sicherer regieren könnten. Nachdem diese Begründung der Staatskunst einmal gelungen war, konnte die Menschheit unmöglich länger unzivilisiert bleiben. Denn gerade die bloss danach trachteten, ihre Begierden zu befriedigen, konnten infolge fortwährender Beeinträchtigung seitens anderer von gleicher Gesinnung nicht umhin zu bemerken, dass sie, stets wenn sie ihre Neigungen unterdrückten oder ihnen auch nur mit mehr Vorsicht folgten, zahllose Streitigkeiten vermieden und vielen von den Drangsalen entgingen, wie sie das allzu eifrige Jagen nach Genüssen zu begleiten pflegen.

Dabei wurden sie erstens gleich den anderen der Wohltat jener Handlungen teilhaftig, die zum Besten der Gesamtheit ausgeführt wurden, und mussten demgemäss denen der höheren Klasse, die sie vollbrachten, gewogen werden. Zweitens: je mehr sie dahinterher waren, ihren eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf andere zu suchen, desto mehr wurden sie stündlich davon überzeugt, dass ihnen niemand so schädlich sei wie diejenigen, die ihnen selbst am meisten glichen.

So kam es, dass sich gerade die schlechtesten unter ihnen mehr denn alle anderen angelegen sein liessen, den Geist der Zusammengehörigkeit zu predigen, um die Früchte der Arbeit und Aufopferung der übrigen zu geniessen und gleichzeitig sich mit mehr Ruhe der Stillung ihrer eigenen Bedürfnisse überlassen zu können. Und dies führte zu dem Übereinkommen, einerseits alles, was ein Mensch ohne Rücksicht auf das Allgemeinwohl zur Befriedigung seiner Begierden unternähme, Laster zu nennen, vorausgesetzt, dass jene Handlungsweise den geringsten Verdacht errege, sie schädige entweder einen aus der Gemeinschaft oder mache ihn selbst anderen weniger nützlich; anderseits jedes Verhalten als Tugend zu bezeichnen, durch das ein Mensch aus dem vernünftigen Bestreben heraus, gut zu sein, und dem Naturtriebe entgegen, sich um das Wohl anderer oder den Sieg über seine Leidenschaften bemühen würde.

Man wird einwenden, dass keine Gesellschaft jemals auf irgendeine Weise zivilisiert wurde, ehe die Mehrzahl sich zur Verehrung eines überlegenen Machtwesens in der einen oder anderen Form zusammengefunden habe, und dass somit die Begriffe von Gut und Böse und die Unterscheidung zwischen Tugend und Laster nimmermehr die Erfindung von Sozialpolitikern, sondern die reine Wirkung der Religion sei. Bevor ich diesen Einwurf beantworte, muss ich schon Gesagtes wiederholen, nämlich dass ich in dieser »Untersuchung über den Ursprung der Sittlichkeit« nicht von Juden oder Christen, sondern vom Menschen im Naturzustande und ohne Kenntnis des wahren Gottes spreche. Alsdann behaupte ich, dass der abergläubische Götzendienst aller anderen Völker und die erbärmlichen Vorstellungen, die sie vom höchsten Wesen gehabt haben, unfähig waren, den Menschen zur Tugend anzutreiben, und bloss dazu gut, eine rohe und gedankenlose Masse zu schrecken und zu unterhalten. Wie dumm und lächerlich auch die Vorstellungen mancher Völker betreffs der von ihnen verehrten Gottheit gewesen sein mögen: wir wissen aus der Geschichte, dass in allen bedeutenden Gemeinwesen der Menschengeist sich von jeher auf allen Gebieten betätigt hat und dass es keine Weisheit und Tugend auf Erden gibt, in der sich nicht in sämtlichen als reich und mächtig berühmt gewesenen Monarchien und Republiken zu der oder jener Zeit Menschen ausgezeichnet haben.

Die Ägypter, nicht zufrieden mit der Vergötterung aller der scheusslichen Ungeheuer, die ihnen nur vorkamen, waren albern genug, die von ihnen selbst gesäten Zwiebeln anzubeten; und doch war gleichzeitig ihr Land die berühmteste Pflegestätte von Kunst und Wissenschaft in der Welt und das Volk selbst eingehender in den tiefsten Geheimnissen der Natur bewandert als seitdem irgendein anderes.

Von allen Ländern und Staaten auf Erden haben keine mehr oder herrlichere Muster von sittlichen Tugenden jeder Art hervorgebracht als die Reiche der Griechen und Römer, besonders aber der letzten; und doch – wie oberflächlich, absurd und lächerlich waren ihre Empfindungen in bezug auf Heiliges! Denn wenn wir, abgesehen von der übergrossen Zahl ihrer Gottheiten, die schändlichen Geschichten in Betracht ziehen, die sie über sie verbreiteten, so lässt sich nicht leugnen, dass ihre Religion weit davon entfernt war, dem Menschen den Weg zur Selbstbeherrschung und zur Sittlichkeit zu weisen; dass sie vielmehr darauf berechnet gewesen zu sein scheint, seinen niederen Trieben Vorschub zu leisten und seine Laster zu ermutigen. Wollen wir aber wissen, was sie dazu befähigte, sich durch Ausdauer, Tapferkeit und Grossmut auszuzeichnen, so müssen wir unsern Blick auf ihre prächtigen Triumphzüge, ihre herrlichen Monumente und Bauten, ihre Trophäen, Statuen und Inschriften richten, auf die Soldatenkronen, die Ehrungen, die sie den Toten, die öffentlichen Belobigungen, die sie den Lebenden spendeten, und auf all die ideellen Belohnungen, die sie verdienstvollen Männern zuteil werden liessen. Alsdann werden wir finden, dass, was so viele zum äussersten Gipfel der Aufopferung führte, einer Berechnung zu verdanken war, auf Grund deren man von den wirksamsten Mitteln Gebrauch machte, durch die der Eitelkeit der Menschen geschmeichelt werden konnte.

Man sieht also: es war nicht irgendeine heidnische Religion oder sonst ein abergläubischer Götzendienst, was den Menschen zuerst zur Unterdrückung seiner Begierden und Zügelung seiner Lieblingsneigungen brachte, sondern das geschickte Vorgehen umsichtiger Staatsmänner. Je genauer wir die menschliche Natur erforschen, desto mehr werden wir davon überzeugt sein, dass Sittlichkeit ein sozialpolitisches Erzeugnis aus Schmeichelei und Eitelkeit ist.

Es gibt keinen Menschen von so grossem Verstand und Scharfsinn, dass er der Zauberkraft der Schmeichelei, wenn sie nur geschickt und seiner Anlage entsprechend ausgeübt wird, völlig unzugänglich wäre. Kinder und Toren schlucken sie in der gröbsten persönlichen Form herunter, während feiner angelegte mit grösserer Umsicht behandelt werden wollen; und je allgemeiner gehalten die Schmeichelei ist, desto weniger wird sie von denen, denen sie gilt, beanstandet. Was man als Empfehlung einer ganzen Stadt anführt, wird von jedem Einwohner mit Vergnügen aufgenommen; man sage etwas zum Preise der Gelehrsamkeit im allgemeinen, und jeder Gelehrte wird sich einem im besonderen verbunden fühlen; den Beruf eines Menschen oder sein Heimatland darf man ruhig loben, weil man ihm Gelegenheit gibt, die Freude, die ihm selbst damit gemacht wird, unter seiner vorgeblichen Hochachtung für andere zu verbergen.

Wenn die Schlauen, die den Einfluss der Schmeichelei auf das Selbstgefühl kennen, betrogen zu werden fürchten, so reden sie gewöhnlich – ganz gegen ihr Gewissen – von der Ehrenhaftigkeit, den feinen Sitten und der Vertrauenswürdigkeit der Familie, des Volkes oder auch des Standes, dem der Verdächtige angehört. Sie wissen nämlich, dass ein Mensch oft seinen Entschluss ändert und seiner Neigung entgegenhandelt, um das Vergnügen zu haben, auch weiterhin als etwas zu erscheinen, was er nach eigenem Wissen in Wirklichkeit nicht ist. In dieser Weise stellen scharfsinnige Moralisten die Menschen als Engel dar, in der Hoffnung, dass die Eitelkeit wenigstens einige dazu bringen wird, das schöne Original zu kopieren, als das sie hingestellt werden.

Wenn der unvergleichliche Sir Richard Steele mit der gewohnten Eleganz seines leichten Stils bei dem Lobe seines erhabenen Geschlechts verweilt und mit allen rhetorischen Ausschmückungen die Vorzüge des Menschen betont, so ist es unmöglich, nicht von seinen glücklichen Gedanken und der Zierlichkeit seiner Wendungen entzückt zu sein. Obwohl ich aber die Kraft seiner Beredsamkeit oft empfunden habe und gern bereit war, auf seine geistreichen Sophistereien einzugehen, so konnte ich doch nie den Ernst so weit bewahren, dass ich nicht beim Nachdenken über seine gefälligen Lobreden an die Kunstgriffe gedacht hätte, die die Frauen anwenden, um den Kindern Manieren beizubringen. Wenn ein ungeschicktes kleines Mädchen, noch ehe es sprechen oder gehen kann, nach vielem Zureden die ersten rohen Versuche im Knickschenmachen anstellt, so gerät die Wärterin in eine wahre Ekstase von Beifall: »Das war aber ein prächtiges Knickschen! So ein feines Fräulein! Eine richtige kleine Dame! – Gnäd'ge! Das Fräulein kann schon einen schöneren Knicks machen als ihre Schwester Molly.« – Das gleiche erschallt im Chor der Mägde, während die Mama das Kind halb zu Tode liebkost. Bloss das vier Jahre ältere Fräulein Molly, die wirklich versteht, einen schönen Knicks zu machen, wundert sich über das verkehrte Urteil der andern. Tief gekränkt will sie sich eben über die ihr angetane Schmach beklagen, als man ihr ins Ohr flüstert, dass es bloss der Kleinen zu Gefallen geschehen ist und dass sie doch schon eine Dame sei. Worauf sie, stolz darüber, in das Geheimnis gezogen worden zu sein, und im angenehmen Bewusstsein ihres überlegenen Verstandes jene Äusserungen mit reichlichen Zusätzen wiederholt und sich dabei über die Hilflosigkeit ihrer Schwester aufhält, die sie natürlich allein als Kind unter allen Anwesenden betrachtet. Derartige überschwängliche Belobigungen würden von jedem von mehr als Kinderverstand widerliche Schmeicheleien oder, wenn man will, abscheuliche Lügen genannt werden. Indessen, die Erfahrung lehrt uns, dass mit Hilfe solchen plumpen Lobes kleine Mädchen dahin gebracht werden, hübsche Knickschen zu machen und viel eher und mit weniger Schwierigkeit sich mädchenhaft zu benehmen, als sie ohnedem tun könnten. Dasselbe gilt von Knaben, die man zu überreden sucht, dass alle feinen Herren es so machen, wie man sie heisst, und dass bloss Betteljungen ungezogen sind oder ihre Kleider beschmutzen. Ja, sobald der wilde Balg mit seinen ungeschickten Fingern nach seinem Hute zu greifen anfängt, sagt ihm, noch ehe er zwei Jahre alt ist, die Mutter, damit er ihn abzieht, dass er doch ein Herr ist; und falls er die Tat auf Verlangen wiederholt, ist er sofort ein Offizier, ein Herr Rat, ein König oder noch was höheres, wenn ihr etwas einfällt. In dieser höchst eindringlichen Weise gelobt, bemüht sich schliesslich der kleine Racker, es den Männern so gut er kann nachzumachen, und nimmt alle seine Fähigkeiten zusammen, um als das zu erscheinen, was er in seinem beschränkten Köpfchen zu sein glaubt.

Der gemeinste Kerl misst sich selbst einen unschätzbaren Wert bei, und der höchste Wunsch eines ehrgeizigen Menschen ist, dass alle Welt in dieser Hinsicht seiner Meinung sei. Dementsprechend war das heftigste Verlangen nach Ruhm, das je einen Helden erfüllte, niemals mehr als eine unbezähmbare Gier danach, in Zukunft wie bei Lebzeiten in der Achtung und Bewunderung anderer zu steigen, und somit – trotz alles Niederschmetternden, was diese Wahrheit für die Erinnerung an einen Alexander oder Cäsar haben mag – die in Aussicht stehende grosse Belohnung; das, wofür die erhabensten Geister so bereitwillig Ruhe, Gesundheit, Sinnenlust und jeden Zoll ihres Selbst geopfert haben, ist nie etwas anderes gewesen als blosser Hauch, die luftige Münze menschlicher Lobpreisungen. Wer kann sich des Lachens enthalten, wenn er all der grossen Männer gedenkt, die so viel von jenem mazedonischen Narren geschwärmt haben, von seinem umfassenden Geiste, seiner herrlichen, grossen Seele, in deren einem Winkel, nach Lorenzo Gracian, die Welt so bequem Platz fand, dass in der ganzen Raum für weitere sechs gewesen wäre? Wer kann sich des Lachens enthalten, sage ich, wenn er die vielen grossartigen Aussprüche über Alexander mit dem vergleicht, was er – wie aus seinen eigenen Worten hervorgeht – selbst als Enderfolg seiner gewaltigen Kriegstaten vor Augen sah: damals nämlich, als ihm seine enormen Anstrengungen, den Hydaspes zu überschreiten, den Ausruf entpressten: »O ihr Athener, wenn ihr wüsstet, welchen Gefahren ich mich aussetze, um von euch gepriesen zu werden!« – Um also das Befriedigende des Ruhmes im weitesten Sinne zu kennzeichnen, kann man weiter nichts sagen, als dass es in einem übergrossen Glücksgefühl besteht, das ein Mensch vermöge seiner Selbstliebe im Bewusstsein, eine edle Tat vollbracht zu haben, geniesst, indem er an den Beifall denkt, den er von andern erwartet.

Hier wird man mir jedoch sagen, dass es ausser geräuschvollen Waffentaten und der öffentlichen Geschäftigkeit der Ehrgeizigen edle und grossmütige Handlungen gibt, die in Stille vollbracht werden; dass, da die Tugend ihren Lohn in sich selbst trägt, den wirklich Guten ihr Bewusstsein, es zu sein, eine Genugtuung bereitet, die die ganze Belohnung ist, die sie für ihr höchst würdiges Verhalten erwarten; dass unter den Heiden Menschen gewesen sind, die, wenn sie andern Gutes taten, weit davon entfernt waren, Dank und Beifall zu begehren, und sich alle erdenkliche Mühe gaben, denen für immer verborgen zu bleiben, denen sie ihre Wohltaten erwiesen; und dass somit die Eitelkeit nicht mitgewirkt hat, um die Menschen zum Gipfel der Aufopferung emporzuheben.

Als Antwort darauf bemerke ich, dass es unmöglich ist, eines Menschen Handlungsweise zu beurteilen, wenn wir nicht mit den Grundsätzen und Motiven, die ihn bewegen, völlig bekannt sind. Das Mitleid ist zwar der sanfteste und unschädlichste von allen unseren Affekten, aber doch ebensosehr eine Schwäche unserer Natur wie Wut, Stolz oder Furcht. Die zartesten Gemüter haben gewöhnlich den grössten Anteil davon, aus welchem Grunde Frauen und Kinder das meiste Mitgefühl besitzen. Man muss es zugeben: von allen unsern Schwächen ist es die liebenswürdigste und steht sittlichem Verhalten am nächsten; ja, ohne beträchtliche Beimischung davon könnte die Gesellschaft sogar kaum auskommen. Da es aber auf einem natürlichen Instinkt beruht, der sich weder aus öffentlichem Interesse noch aus unserer Vernunft herleitet, so kann es ebensogut Schlimmes wie Gutes hervorbringen. Es hat mitgeholfen, die Ehre von Jungfrauen zu vernichten, es hat die Unparteilichkeit von Richtern verdorben, und wer auch immer aus Mitleid als Prinzip handelt, er hat sich, welchen Nutzen er auch der Gesellschaft bringen mag, mit nichts anderem zu rühmen, als dass er sich einem Gefühl überliess, das zufällig der Allgemeinheit zum Vorteil gereichte. Es liegt kein Verdienst darin, ein unschuldiges Kindchen zu retten, das nahe daran war, ins Feuer zu fallen. Die Handlung ist weder gut noch schlecht, und welchen Nutzen das Kind auch davon haben mag, wir verfahren dabei lediglich in unserem eigenen Interesse. Denn seinen Fall gesehen und nicht gestrebt zu haben, ihn zu verhindern, würde eine Pein verursacht haben, die der Selbsterhaltungstrieb uns zu vermeiden zwang. Keiner grösseren Tugend hat sich ein reicher Verschwender zu rühmen, der zufällig ein mitleidiges Temperament hat und sich seinen Regungen zu überlassen liebt, wenn er dem Gegenstande seines Mitgefühls mit einer für ihn selbst wertlosen Kleinigkeit aus der Not hilft.

Solche Menschen aber, die sich, ohne einer ihrer Schwächen nachzugeben, von dem, was sie hochschätzen, trennen und aus keinem andern Motive als ihrer edlen Gesinnung im Stillen eine gute Tat vollbringen können, – solche Menschen haben sich allerdings verfeinertere Begriffe von Sittlichkeit gebildet, als ich bis jetzt besprochen habe. Allein, sogar bei diesen, von denen die Welt nie voll gewesen ist, können wir schwache Symptome von Stolz entdecken; und der bescheidenste Mensch, der da lebt, muss bekennen, dass der Lohn einer edlen Tat, nämlich die ihr folgende Befriedigung, in einem gewissen angenehmen Gefühl besteht, das er sich durch die Betrachtung seines Wertes verschafft. Dieses Gefühl zusammen mit seiner Veranlassung ist ein ebenso sicheres Zeichen von Stolz, wie Blass-Aussehen und Zittern bei grosser Gefahr Symptome von Furcht sind.

Wenn der allzu bedenkliche Leser beim ersten Anblick diese Ansichten über den Ursprung der Sittlichkeit verdammen und vielleicht meinen sollte, dass sie für das Christentum verletzend seien, so hoffe ich, er wird seinen Tadel zurücknehmen, sobald er in Betracht zieht, dass nichts die unerforschliche Tiefe göttlicher Weisheit deutlicher offenbaren kann als gerade dies, dass der Mensch, den die Vorsehung zur Geselligkeit bestimmt hat, nicht bloss durch seine Schwächen und Mängel auf den Pfad irdischen Glückes geführt werden, sondern auch mit scheinbarer Naturnotwendigkeit ein gewisses Mass jener Kenntnisse empfangen sollte, in denen er späterhin zu seinem ewigen Heile durch die wahre Religion vervollkommnet zu werden bestimmt war.

Anmerkungen

(A.) Auch gab es manchen Dunkelmann,
Des Kunst man nirgends lernen kann.

Bei der Erziehung der jungen Leute pflegt man sich, sobald sie alt genug geworden sind, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, für sie nach irgendeinem der rechtmässigen Berufe umzusehen, die bekanntlich in jeder umfangreichen menschlichen Gesellschaft ganze Klassen oder Körperschaften bilden. Auf diese Weise erhalten sich alle Künste und Wissenschaften, alle Gewerbe und Handwerke unter den Menschen, solange sie von Nutzen sind, indem die Jungen, die ihnen täglich zuströmen, stetig den Verlust der Alten, die sterben, wieder ausgleichen. Da aber manche dieser Berufsarten, entsprechend dem grossen Unterschiede der zu ihrer Ergreifung erforderlichen Kosten, weit einträglicher sind als andere, so ziehen alle klugen Eltern bei dieser Wahl hauptsächlich ihr Vermögen und ihre sonstigen Verhältnisse mit in Betracht. Ein Mann, der seinen Sohn mit drei- oder vierhundert Pfund zu einem Grosskaufmann in die Lehre gibt und nicht zwei- oder dreitausend Pfund übrig hat, mit denen er dann, wenn er ausgelernt, seine Laufbahn beginnen kann, ist sehr zu tadeln, weil er sein Kind nicht etwas hat werden lassen, wozu weniger Geld nötig ist.

Es herrscht ein Überfluss an Menschen von feiner Erziehung, die ein nur sehr geringes Einkommen haben und doch infolge ihres angesehenen Berufs gezwungen sind, ein kostspieligeres Leben zu führen als gewöhnliche Leute mit doppelt so hohen Einnahmen. Wenn solche dann Kinder haben, so sind sie natürlich wegen ihrer Mittellosigkeit oft nicht in der Lage, sie einträglichen Beschäftigungen zuzuführen; aus Stolz können sie sich aber auch nicht dazu verstehen, sie für einen der niederen, mühsamen Erwerbszweige zu bestimmen. In der Hoffnung auf eine Änderung in ihren Vermögensverhältnissen oder auch darauf, dass sich gute Freunde anbieten oder irgendwelche Glücksfälle ereignen werden, schieben sie dann die Versorgung ihrer Kinder immer wieder auf, bis diese auf einmal erwachsen sind und dann dem Nichts gegenüberstehen. Ob diese Vernachlässigung mehr ein sittlicher Frevel den Kindern gegenüber oder mehr eine Schädigung der Gesellschaft ist, will ich nicht entscheiden. In Athen mussten die Kinder stets ihre Eltern unterstützen, falls sie in Not gerieten; Solon gab jedoch ein Gesetz, dass kein Sohn verpflichtet sein sollte, seinem Vater zu helfen, wenn er ihn nicht in irgendeinem Fache hatte ausbilden lassen.

Manche Eltern geben ihre Söhne in ehrlichen Gewerben in Dienst, die ihren zurzeit bestehenden Lebensumständen ganz angemessen sind, sterben aber zufällig oder haben Unglück, ehe noch die Kinder ihre Lehrzeit beendet haben oder für ihren Beruf ausgebildet sind. Sehr viele junge Leute anderseits wieder sind stattlich versorgt und auf eigene Füsse gestellt; sei es aus Mangel an Fleiss oder genügenden Kenntnissen in ihrem Fache, sei es infolge ihrer Liederlichkeit oder bei einigen wenigen auch von unglücklichen Zufällen, geraten sie jedoch in Armut und sind ganz und gar unfähig, sich in ihrem Berufe durchzuschlagen. Es ist nun nicht anders möglich, als dass die von mir erwähnten Nachlässigkeiten, Missgriffe und Unglücksfälle in volksreichen Orten sehr oft vorkommen müssen und demgemäss eine grosse Zahl von Leuten täglich in die weite Welt hinausgetrieben wird; der Staat mag dabei so reich und mächtig sein wie er will, oder die Regierung sich noch so grosse Mühe geben, es zu verhindern. Auf welche Weise aber sollen diese Leute untergebracht werden? – Freilich, manche werden bei Heer und Marine ankommen, ohne die es nun einmal in der Welt nicht geht. Solche, die ehrliche Kerle sind und die Arbeit nicht scheuen, werden in dem Gewerbe, zu dem sie gehören, als Tagelöhner gehen oder irgendwo anders einen Verdienst finden. Die auf der Universität studiert haben, mögen als Schulmeister, Hauslehrer oder etwas derartiges unterkommen; was soll aber aus den Faulenzern werden, die zu keinerlei Arbeit Lust haben, und aus den vielen unruhigen Geistern, denen jedes feste Gebundensein widersteht?

Diejenigen, die an Spielen und Aufführungen Gefallen finden und einen gewissen Schmiss in ihrem Auftreten haben, werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach zur Bühne wenden und, falls sie einen guten Vortrag und leidliches Aussehen besitzen, Schauspieler werden. Andere, die vor allem ihren Bauch pflegen, werden, wenn sie über eine feine Zunge verfügen und etwas von Kochkünsten verstehen, an Feinschmecker und Lebemänner heranzukommen suchen, kriechen lernen und sich schlecht behandeln lassen und sich so zu Schmarotzern entwickeln, die ihrem Herrn tüchtig schmeicheln und unter der übrigen Familie Unheil anstiften. Andere wieder, die von ihrer eigenen Gemeinheit und der ihrer näheren Umgebung aus auf das sittliche Niveau der Menschen überhaupt schliessen, dürften sich bald auf allerlei Liebeshändel einlassen und für solche, denen die Musse oder Geschicklichkeit zu eigenem Vorgehen fehlt, die Kuppler zu spielen suchen. Die moralisch ganz Haltlosen werden sich bei hinreichender Schlauheit und Gewandtheit als Bauernfänger, Taschendiebe oder Falschmünzer durchschlagen; und die die Leichtgläubigkeit einfacher Frauen und anderen dummen Volkes bemerkt haben, werden sich, wenn dreist und gerissen genug, entweder als Doktoren niederlassen oder sonstige Wunderkünste verrichten. So bemüht sich schliesslich jeder, indem er der anderen Fehler und Torheiten ausnützt, seiner Anlage und Fähigkeit entsprechend auf dem leichtesten und kürzesten Wege eine Existenzmöglichkeit ausfindig zu machen.

Gewiss sind diese Leute der Fluch der bürgerlichen Gesellschaft. Narren aber sind diejenigen, die unter Vernachlässigung des eben Gesagten gegen die Unzulänglichkeit der Gesetze losziehen. Die Klügeren geben sich zufrieden, wenn sie jenen dank ihrer unermüdlichen Vorsicht nicht in die Hände fallen, und regen sich nicht weiter über das auf, was keines Menschen Klugheit vermeiden kann.

*

(B.) Nur einen solchen man »Schurken« schalt,
Doch war's auch, wer als ehrlich galt.

Dies ist, wie ich gestehe, für den gesamten gewerbetreibenden Teil des Volkes ein sehr mässiges Kompliment. Indessen, wenn das Wort »Schurke« in seiner ganzen Ausdehnung verstanden wird und einen jeden bezeichnet, der nicht durch und durch ehrenhaft ist und andern tut, was er sich selbst nicht gefallen lassen möchte, so zweifle ich nicht, dass ich meine Anschuldigung rechtfertigen kann. Wenn ich ganz absehe von den zahllosen Kunstgriffen, durch die sich Käufer und Verkäufer gegenseitig überlisten, und die in den vornehmsten Handelskreisen täglich unbeanstandet gebraucht werden, so möchte ich den Gewerbetreibenden sehen, der seiner Kundschaft beim Handeln um seine Waren stets deren Mängel entdeckt hätte; ja, wo wäre einer zu finden, der sie nicht irgendeinmal zum Schaden des Käufers absichtlich verborgen hätte? Wo ist der Kaufmann, der niemals seine Waren, um sie besser loszuwerden, gegen sein Gewissen über ihren Wert hinaus anpries?

Decio, ein Mann von grossem Ansehen, der umfangreiche Bestellungen auf Zucker von mehreren überseeischen Plätzen hat, verhandelt wegen eines beträchtlichen Postens davon mit Alcander, einem bedeutenden Kaufmann aus Westindien. Beide kennen den Markt sehr genau, können sich aber nicht einigen. Decio war ein vermögender Mann und glaubte, niemand dürfe billiger als er einkaufen; Alcander war es gleichfalls, und da es ihm eben nicht an Geld fehlte, bestand er auf seinem Preis. Während sie gerade in einem Gasthause in der Nähe der Börse ihr Geschäft vorhaben, bringt Alcanders Bedienter seinem Herrn einen Brief aus Westindien, aus dem dieser ersieht, dass eine viel grössere Quantität Zucker als erwartet nach England unterwegs ist. Alcander wünscht nun nichts mehr, als zu Decios Preis zu verkaufen, ehe die Nachricht bekannt werde; als schlauer Kerl lässt er aber, um nicht übereilt zu erscheinen und seinen Kunden nicht zu verlieren, das Gespräch, in dem sie gerade begriffen sind, fallen und steckt eine heitere Miene auf. Er lobt das angenehme Wetter, kommt dann auf seine schönen Gartenanlagen zu sprechen und lädt schliesslich Decio ein, ihn nach seinem Landhause zu begleiten, das kaum zwölf Meilen von London entfernt war. Es war gerade im Mai und an einem Sonnabendnachmittag, so dass Decio, der allein lebte und vor Dienstag nichts mehr in der Stadt vorhatte, des andern Anerbieten annimmt, – und fort geht es in Alcanders Wagen. Decio ward den Abend und den folgenden Tag glänzend unterhalten. Am Montagmorgen begibt er sich auf einem von Alcanders Reitpferden zur Appetitanregung etwas an die frische Luft und trifft bei seiner Rückkehr einen Herrn seiner Bekanntschaft, der ihm mitteilt, dass vorige Nacht die Flotte aus Barbados durch einen Sturm zerstört worden sei; er fügt hinzu, dass man es, ehe es allgemein bekannt wurde, in Lloyds Kaffeehaus bestätigt habe, wo man glaube, der Zucker werde an der Börse um fünfundzwanzig Prozent steigen. Decio kommt zu seinem Freunde zurück und nimmt unverzüglich das Gespräch, das sie im Gasthause abgebrochen hatten, wieder auf. Alcander, der sich seines Kunden sicher glaubt, wollte eigentlich erst nach Tisch wieder davon anfangen und war nun ganz froh, dass man ihm in dieser günstigen Weise zuvorkam. Aber wie begierig er auch danach war, zu verkaufen, der andere war noch eifriger, zu kaufen; beide jedoch trauten sich nicht recht und heuchelten lange Zeit hindurch grösstmögliche Gleichgültigkeit, bis zuletzt Decio, ganz Feuer von dem, was er gehört, weiteren Aufschub für gefährlich hält und, eine Guinee auf den Tisch werfend, das Geschäft zu Alcanders Preis abschliesst. Den nächsten Tag gehen sie nach London; die Nachricht erweist sich als richtig, und Decio gewinnt fünfhundert Pfund mit seinem Zucker. Alcander, der den andern zu übervorteilen gesucht hatte, ward in seiner eigenen Münze bezahlt; indessen, all dies gilt als anständige Handlungsweise. Ich bin aber sicher, keiner von ihnen hätte gewünscht, dass man ihm so mitspiele, wie sie miteinander verfuhren.

*

(C.) Dem Krieger, den zur Schlacht man trieb,
Ward Ehre, wenn er leben blieb.

So seltsam ist das Streben der Menschen nach Achtung von seiten anderer, dass sie gelegentlich für das, was sie, wenn möglich, vermieden hätten, geschätzt werden möchten. Dies ist der Fall bei denen, die wider ihren Willen – noch dazu manchmal wegen ihrer Verbrechen – in den Krieg getrieben und durch Drohungen, oft auch durch Schläge, zum Kampfe gezwungen werden. Hätte die Vernunft im Menschen die gleiche Macht wie seine Eitelkeit, so würde er sich nie über Beifallsbezeugungen freuen, die er, wie ihm sein eigenes Gewissen sagt, nicht verdient hat.

Unter »Ehre« im eigentlichen und echten Sinne verstehen wir durchaus nur die gute Meinung anderer, die höher oder geringer eingeschätzt wird, je nachdem sie mehr oder weniger geräuschvoll kundgegeben wird. Wenn wir sagen, vom regierenden Fürsten geht alle Ehrung aus, so bedeutet dies, dass er mit Hilfe von Titeln oder Zeremonien oder beidem zugleich die Macht hat, jedem, der ihm zusagt, eine Auszeichnung zu verleihen, die dieselbe Gültigkeit wie das von ihm geprägte Geld haben und dem Besitzer die Wertschätzung anderer, ob er sie nun verdient oder nicht, verschaffen soll.

Das Gegenteil von Ehre ist Unehre oder Schande, die in der schlechten Meinung oder Verachtung von Seiten anderer besteht. Wie jene als Belohnung für gute Handlungen gilt, so wird diese als Strafe für schlechte angesehen, und je grösser oder geringer die Deutlichkeit und Gehässigkeit ist, mit der sich diese Verachtung der andern zeigt, desto grösser oder geringer ist die Erniedrigung, die eine Person dadurch erfährt. Diese Schande wird auch nach der Wirkung, die sie hervorbringt, Beschämung genannt; denn obwohl das Gute und Schlimme an Ehre und Unehre etwas bloss Vorgestelltes ist, so ist doch die Scham etwas Reales, da sie ein Gefühl bezeichnet, das seine besonderen Symptome hat, das über unser Denken den Sieg davonträgt und zu seiner Unterdrückung ebensoviel Anstrengung und Selbstbeherrschung wie irgendeines der übrigen Gefühle erfordert. Da nun die wichtigsten Handlungen des Lebens oft durch den Einfluss bestimmt werden, den dieses Gefühl auf uns ausübt, so wird ein gründliches Verständnis dafür uns dazu verhelfen, die Ansichten der Leute über Ehre und Schande klarzulegen. Ich will es daher ausführlich beschreiben.

Um zunächst das Gefühl der Scham zu definieren, so kann sie, glaube ich, eine unangenehme Vorstellung von unserer Unwürdigkeit genannt werden, die aus der Besorgnis entspringt, dass andere uns verdientermassen verachten oder es doch, wenn sie alles wüssten, tun würden. Der einzige gewichtige Einwand, der gegen diese Definition erhoben werden kann, ist, dass züchtige Jungfrauen sich oft schämen und erröten, wenn sie keines Vergehens schuldig sind und keinerlei Grund für diese Schwäche angeben können; und dass sich ferner Menschen oft für andere schämen, zu denen sie in weder freundschaftlichem noch verwandtschaftlichem Verhältnis stehen, dass also tausend Beispiele von Schamgefühl angeführt werden können, auf die obige Definition nicht anwendbar ist. Als Entgegnung möchte ich erstlich zu bedenken geben, dass die Sittsamkeit der Frauen das Resultat von Gewohnheit und Erziehung ist, durch die ihnen alle ungehörigen Entblössungen und gemeinen Ausdrücke widerwärtig und verhasst gemacht werden, und dass sich trotzdem der Phantasie des anständigsten jungen Mädchens gegen ihren Willen oft Gedanken und unklare Vorstellungen von Dingen aufdrängen werden, die sie andern Leuten um alles in der Welt nicht würde offenbaren mögen. Ferner behaupte ich: wenn in Gegenwart einer unerfahrenen Jungfrau obszöne Worte fallen, so befürchtet sie, dass jemand glauben wird, sie verstehe ihre Bedeutung und infolgedessen noch mancherlei anderes, worin sie für unwissend gehalten zu werden wünscht. Diese Überlegung und die Vorstellung, dass man unvorteilhaft von ihr denkt, versetzt sie in jenen Gefühlszustand, den wir »Sich-schämen« nennen; und alles, was, wenn auch von Unanständigkeit noch so entfernt, sie auf die erwähnten ihr verwerflich erscheinenden Gedanken bringen kann, wird, solange sie sittsam bleibt, dieselbe Wirkung haben, insbesondere vor Männern.

Um dies zu bewahrheiten, lasse man in dem Zimmer neben demselben jungen Mädchen, wo sie vor Entdeckung sicher ist, Zoten reissen, soviel man will. Sie wird dies ganz ohne Erröten hören, wenn nicht daraufhorchen, weil sie sich hier nicht als mitbeteiligt betrachtet; und was sie sich in ihrer Unschuld auch vorstellen mag: falls das Gespräch ihre Wangen färbt, so ist doch die Veranlassung ihres Errötens sicherlich ein Gefühl, das nicht halb so vernichtend wie das der Scham ist. Wenn sie aber an demselben Orte etwas für sie Nachteiliges hört, oder irgend etwas erwähnt wird, dessen sie insgeheim schuldig ist, so ist zehn gegen eins zu wetten, dass sie sich schämen und erröten wird, obwohl sie niemand sieht; denn sie hat zu befürchten, dass man verächtlich von ihr denkt oder doch, wenn man alles wüsste, denken würde.

Dass wir uns oft für andere schämen und erröten, was der zweite Teil des Einwands war, beruht lediglich darauf, dass wir die Angelegenheiten anderer manchmal allzusehr zu den unsrigen machen, wie man z. B. aufschreit, wenn man jemanden in Gefahr sieht. Indem wir uns die Wirkung gar zu lebhaft vorstellen, die eine tadelnswerte Handlung in uns hervorbringen würde, wenn sie die unsrige wäre, werden die organischen Kräfte und damit das Blut unmerklich auf dieselbe Weise in Bewegung gebracht, wie wenn die Handlung tatsächlich von uns ausgeführt worden wäre; und so müssen denn die gleichen Symptome in Erscheinung treten.

Das Schamgefühl, das rohe, ungebildete und schlechterzogene Leute vor Höherstehenden scheinbar ohne Grund erfüllt, tritt immer in Begleitung und als Wirkung des Bewusstseins ihrer Hilflosigkeit und ihres Untergeordnetseins auf; der Bescheidenste, er mag noch so ehrenhaft, gebildet und gewandt sein, schämt sich niemals ohne ein bestimmtes Schuldbewusstsein oder Misstrauen. Solche, die aus Sitteneinfalt oder Mangel an Erziehung dieser Gefühlsregung allzu leicht zugänglich sind und ihr bei jeder Gelegenheit unterliegen, nennt man schüchtern; die infolge eines Mangels an Respekt vor anderen und einer übertrieben hohen Meinung von sich selbst unempfindlich dagegen geworden sind, werden als unverschämt oder schamlos bezeichnet. Aus welchen Widersprüchen ist doch der Mensch zusammengesetzt! Das Gegenteil von Scham ist Stolz (siehe Anmerkung M.); und doch kann niemand jene erleben, der nie etwas von diesem verspürt hat. Denn dass wir so ausserordentlich um das, was andere von uns denken, besorgt sind, beruht einzig und allein auf unserer grossen Wertschätzung des eigenen Ichs.

Dass diese beiden Gefühle, in denen die wichtigsten Keime des sittlichen Verhaltens liegen, etwas Reales in uns und nicht blosse Einbildungen sind, lässt sich aus den mannigfachen deutlichen Wirkungen ersehen, die, sobald wir von einem der beiden erfüllt sind, unserer Überlegung zum Trotz in uns entstehen.

Wenn ein Mensch von Scham überwältigt ist, so bemerkt er ein Sinken seiner Lebenskräfte, er fühlt sich kalt und beengt ums Herz, und das Blut fliesst von ihm aus nach der Peripherie des Körpers; das Gesicht glüht, Hals und zum Teil auch Brust überzieht gleichfalls Röte. Er fühlt sich wie bleiern, der Kopf neigt sich nach unten, und die Augen heften sich, gleichsam durch einen Nebel von Verwirrung hindurch, fest an den Boden; nichts kann ihm mehr etwas antun: er ist seines Daseins überdrüssig und wünscht von Herzen, er könnte sich unsichtbar machen. Wenn er dagegen, seine Eitelkeit befriedigend, in Stolz schwelgt, so bietet er ganz entgegengesetzte Symptome dar. Seine Lebenskräfte werden angeregt und bringen das arterielle Blut in Wallung, eine aussergewöhnliche Wärme stärkt und weitet das Herz, die äusseren Teile des Körpers bleiben kühl. Er fühlt sich leicht und glaubt sich in die Lüfte erheben zu können; sein Haupt wird aufrecht gehalten, seine Augen sind beweglich und glänzend; er freut sich seines Daseins, ist für Verdruss unzugänglich und möchte am liebsten, alle Welt könnte Notiz von ihm nehmen.

Man glaubt gar nicht, ein wie notwendiges Erfordernis das Schamgefühl ist, um uns zu geselligen Wesen zu machen. Es ist eine Schwäche unserer Natur, der jeder, wann immer die Gelegenheit dazu gegeben ist, mit Bedauern unterliegt, und die er wenn irgend möglich überwinden möchte. Trotzdem hängt alles gedeihliche Zusammenleben von ihr ab, und keine Gesellschaft wäre sittlicher Hebung fähig, wenn die Menschheit im allgemeinen ihr nicht unterworfen wäre. Da also das Schamgefühl etwas Unangenehmes ist und alle Lebewesen stets in ihrem eigenen Interesse handeln, so sollte man annehmen, der Mensch würde es in dem Streben, dieser Unannehmlichkeit zu entgehen, mit zunehmendem Alter verlieren. Indessen, dies würde für die Gesellschaft von Nachteil sein; und daher bemühen wir uns während seiner ganzen Erziehung von Kindheit an, diese Empfänglichkeit für Scham in ihm zu verstärken, statt sie zu vermindern oder zu zerstören. Das einzige Mittel dagegen bleibt dann, dass gewisse Vorschriften strikt beobachtet werden, um alle jene Dinge zu vermeiden, die ihn in diesen unangenehmen Gefühlszustand versetzen könnten. Aber nur nicht ihn davon zu befreien oder zu heilen suchen, – eher würde ihm der Sozialpädagoge das Leben nehmen.

Die Vorschriften, von denen ich spreche, bestehen in einem geschickten Einwirken auf uns selbst, einem Niederdrücken unserer Begierden und Verbergen unseres wahren Seelenzustandes vor anderen. Wer in diesen Vorschriften nicht lange vor seiner Reife unterrichtet wird, macht nachher selten noch Fortschritte darin. Um die angedeutete Ausbildung zu erwerben und zu vollenden, ist nichts förderlicher als Stolz und Taktgefühl. Unsere Sucht nach Achtung von Seiten anderer und das Glücksgefühl, in das uns der Gedanke versetzt, von anderen geschätzt, vielleicht bewundert zu werden, sind eine Entschädigung, die den Sieg über die stärksten Leidenschaften mehr als belohnt und uns folglich in grossem Abstande von allen Worten und Handlungen hält, deren wir uns zu schämen hätten. Diejenigen Seiten unseres Wesens, die wir im Interesse der Gesellschaft hauptsächlich verbergen sollen, sind Sinnlichkeit, Eitelkeit und Selbstsucht. Das Wort »Anstand« hat daher drei Bedeutungen, die je nach den verschiedenen durch ihn zurückgehaltenen Naturtrieben wechseln.

Was die erste betrifft, nämlich jene Form des Anstands, die Anspruch auf den Ruf der Keuschheit erhebt, so besteht sie in einem unablässigen ernstlichen Bemühen, vor andern den uns von Natur innewohnenden Geschlechtstrieb zu verbergen. Die Anleitung dazu wird uns, wie die in der Grammatik, erteilt, lange ehe sie uns von Nutzen ist oder wir ihren Wert erkennen. Kinder schämen sich daher oft und erröten, obgleich der besagte Trieb noch gar keinen Eindruck auf sie macht. Ein kleines Mädchen, das sorgfältig erzogen wird, mag, bevor es zwei Jahre alt ist, zu beobachten anfangen, wie sehr die Frauen, die es umgeben, darauf bedacht sind, sich vor Männern zu bedecken; und da ihr dieselbe Achtsamkeit durch Vorschrift wie auch durch Beispiel eingeschärft wird, so wird sie sich sehr wahrscheinlich mit sechs Jahren schämen, ihre Beine zu zeigen, ohne irgendwelchen Grund zu wissen, warum dies tadelnswert ist oder wozu es führen könnte.

Um uns anständig zu benehmen, müssen wir zunächst alle ungewohnten Entblössungen vermeiden. Eine Frau darf nicht dafür, dass sie mit blossem Halse geht, gescholten werden, wenn die Sitte des Landes es gestattet; und wenn die Mode einen recht tiefen Ausschnitt vorschreibt, so mag ein schönes, junges Weib, ohne begründeten Tadel fürchten zu müssen, soviel von sich zeigen, wie ihr beliebt. Die Fussgelenke sehen zu lassen, ist dagegen, wo es für die Frauen Sitte ist, sogar die Füsse zu verbergen, eine Verletzung des Anstandes, und als schamlos gilt diejenige, die in einem Lande, wo das Schleiertragen Vorschrift ist, das Gesicht zur Hälfte zeigt. Zweitens darf unsere Rede nicht unzüchtig sein und muss sich nicht bloss frei, sondern auch weit entfernt von Obszönem halten; d. h. von dem, was irgendwie zur Fortpflanzung der Gattung gehört, darf nicht gesprochen werden und nicht das geringste Wort, das auch nur ganz von weitem eine Beziehung dazu hat, von unseren Lippen kommen. Drittens müssen alle Stellungen und Bewegungen, die auf irgendeine Weise unreine Gedanken erwecken, d. h. uns auf das, was ich obszön nannte, bringen könnten, mit grosser Vorsicht vermieden werden.

Eine junge Person weiblichen Geschlechts ausserdem, die für wohlerzogen gelten möchte, soll vor Männern in ihrem ganzen Benehmen zurückhaltend sein und nie von sich sagen lassen, dass sie sich von ihnen besonders auszeichnen lässt, noch viel weniger, dass sie sie auszeichnet, es sei denn, dass das hohe Alter des Mannes, nahe Verwandtschaft oder ganz bedeutend höhere gesellschaftliche Stellung auf einer der beiden Seiten sie entschuldigen. Eine junge Dame von feiner Erziehung nimmt sich mit ihren Blicken wie ihren Handlungen sorgsam in acht, und aus ihren Augen spricht das Bewusstsein, dass sie über einen Schatz verfügt, den sie wohl zu behüten hat und von dem sie entschlossen ist sich nicht ohne weiteres zu trennen. Eine Unzahl von Satiren ist schon auf die Zimperlichen gemacht, unendlich oft auch schon die sorglose Grazie, das lässig-leichte Wesen tugendhafter Schönheit gepriesen worden. Indessen, den Einsichtigen ist wohl bekannt, dass das freie und offene Gebaren einer lachenden Schönen einladender ist und dem Verführer mehr Hoffnung gibt als der stets wachsame Blick kühl abweisender Augen.

Diese strikte Zurückhaltung haben sich alle jüngeren weiblichen Wesen, besonders unverheiratete, aufzuerlegen, falls sie die Achtung der gesitteten und gebildeten Welt schätzen; Männer dürfen sich mehr Freiheit erlauben, weil in ihnen der Trieb heftiger und unbezwinglicher ist. Wäre bei beiden Geschlechtern stets eine gleich harte Disziplin angewendet worden, so hätte keines von ihnen die ersten Schritte tun können, und mit der Fortpflanzung wäre es bei allen anständigen Leuten aus gewesen. Da dies aber durchaus nicht das Ziel der Volkserzieher war, so schien es geraten, dasjenige Geschlecht, das unter der Strenge am meisten litt, nachsichtiger zu behandeln und die Vorschriften zu mildern, wo die Leidenschaft am stärksten war und das Drückende einer strengen Zurückhaltung am unerträglichsten gewesen wäre.

Aus diesem Grunde nun ist es dem Manne erlaubt, die Verehrung und Hochachtung, die er für die Frauen besitzt, offen zu bekennen und sich in ihrer Gesellschaft behaglicher, sorgloser und vergnügter zu zeigen, als er sonst zu tun pflegt. Er darf sich nicht bloss bei jeder Gelegenheit zuvorkommend und diensteifrig gegen sie erweisen, sondern es wird ihm als Pflicht angerechnet, sie zu beschützen und zu verteidigen. Er darf ihre guten Eigenschaften loben und ihre Verdienste mit so vielen Übertreibungen feiern, als seine Phantasie ihm darbietet und sich mit gesundem Menschenverstande verträgt. Er darf von Liebe reden, er darf seufzen und sich über die Grausamkeit des schönen Geschlechts beklagen, und was sein Mund nicht kundtun kann, hat er das Privileg, mit seinen Augen auszusprechen, so es nur mit Anstand und kurzen, flüchtigen Seitenblicken geschieht. Dagegen, einem Weibe allzu scharf nachzustellen und sie mit den Augen geradezu zu durchbohren, wird für sehr unmanierlich gehalten; aus welchem Grunde ist klar: es macht sie unruhig und bringt sie, falls sie nicht durch Kunst und Verstellung hinreichend gefestigt ist, oft in sichtliche Verwirrung. Da die Augen die Fenster der Seele sind, so versetzt dieses freche Anstarren eine Frauensperson von natürlichem, unerfahrenem Wesen in eine plötzliche Angst, man möchte sie durchschauen, und der betreffende Mann werde ihre innersten Empfindungen entdecken oder habe sie gar schon erraten; es hält sie dauernd auf einer Folter, die sie drängt, ihre geheimsten Wünsche zu enthüllen, und dazu bestimmt scheint, ihr das Geständnis der grossen Wahrheit auszupressen, das der Anstand ihr mit allem Nachdruck zu leugnen befiehlt.

Die grosse Mehrzahl der Menschen wird kaum an die ungeheure Macht der Erziehung glauben und in der Verschiedenheit der Anstandsregeln für Mann und Weib das, was ganz und gar auf Rechnung früher Unterweisung kommt, der Natur zuschreiben. Das Fräulein ist kaum drei Jahre alt, da wird sie schon jeden Tag ermahnt, die Beine nicht zu entblössen, während man dem jungen Herrn in demselben Alter heisst, sein Röckchen hochzuheben und wie ein Erwachsener sein Geschäftchen zu machen. Schamgefühl und Erziehung sind es, die den Keim zu aller Sittenverfeinerung enthalten, und wer sich nicht entblödet, seines Herzens wahre Neigungen – das was er innerlich empfindet – auszusprechen, ist das verächtlichste Geschöpf auf Erden, wenn er auch sonst nichts Schlimmes begangen hat. Wollte ein Mann zu einer Frau sagen, dass er sich mit keiner andern so gern wie mit ihr fortpflanzen möchte und dass er ein heftiges Verlangen danach hätte, es augenblicklich zu tun, und wollte er sich demgemäss erdreisten, zu diesem Zwecke Hand an sie zu legen, so könnte das bloss zur Folge haben, dass man ihn eine gemeine Bestie nennen würde, dass die Frau fortliefe und dass er selbst unter keiner Bedingung mehr in die bürgerliche Gesellschaft aufgenommen werden würde. Es gibt niemanden, der noch Schamgefühl besitzt und der nicht lieber die stärkste Leidenschaft unterdrückt als hernach eine solche Behandlung erduldet. Aber die Menschen brauchen auch gar nicht ihre Leidenschaften zu unterdrücken; es genügt sie zu verbergen. Das moralische Gesetz freilich heisst uns, unserer Begierden Herr zu werden; die Anstandsregeln verlangen nur, dass wir sie nicht offen zeigen. Einen feingebildeten Herrn kann eine ebenso heftige Neigung zu einem Weibe erfassen als einen brutalen Kerl; aber er benimmt sich alsdann in ganz anderer Weise. Er wendet sich zunächst an den Vater der Dame und setzt ihm auseinander, dass er imstande ist, seine Tochter glänzend zu erhalten. Darauf wird ihm gestattet, mit ihr gesellschaftlich zu verkehren, wobei er sich durch Schmeichelei, Geschenkemachen und ein ergebenes, zuvorkommendes Wesen bemüht, sich ihrer Person angenehm zu machen. Gelingt ihm dies, so übergibt sie sich ihm einige Zeit nachher vor Zeugen in feierlichster Weise; nachts gehen sie zusammen zu Bett, wo die höchst züchtige Jungfrau ihn ganz ruhig tun lässt, was ihm beliebt, – und so hat er schliesslich, was ihm fehlte, erreicht, ohne je darum gebeten zu haben.

Den nächsten Tag empfangen sie Besuche, und kein Mensch lacht über sie oder spricht ein Wort von dem, was sie vorgehabt haben. Was das junge Paar selbst anbelangt, so nehmen sie – ich spreche von wohlerzogenen Leuten – nicht mehr Notiz voneinander als wie am Tage vorher. Sie essen und trinken, unterhalten sich wie gewöhnlich, und da sie nichts getan haben, dessen sie sich zu schämen hätten, so gelten sie, wie sie es denn auch in Wirklichkeit sein mögen, als die anständigsten Leute der Welt. Ich will damit weiter nichts als beweisen, dass wir infolge unserer Wohlerzogenheit an der sinnlichen Seite unseres Wesens keine Beschränkung erleiden, sondern lediglich in unserm gegenseitigen Interesse handeln und miteinander dazu beitragen, was uns das Leben bietet, zu geniessen. Der vornehme Herr, von dem ich sprach, braucht keine grössere Selbstverleugnung zu üben als der Wilde; dieser handelt nur den Gesetzen der Natur und der Natürlichkeit gemässer als jener. Wer seinen Bedürfnissen in Übereinstimmung mit der allgemeinen Landessitte gerecht wird, hat keinen Tadel zu befürchten. Sei er auch hitziger wie ein Bock oder ein Bulle: sobald die Zeremonie vorüber ist, lasst ihn in wahren Ekstasen von Lust und Wonne sich sättigen und erschöpfen, seine Begierden so übermässig, als seine Kraft und Männlichkeit ihm erlauben, abwechselnd aufreizen und befriedigen, – und er mag in Ruhe des weisen Mannes lachen, der ihn etwa tadelt. Alle Frauen und über neun Zehntel aller Männer sind auf seiner Seite; ja er darf sich sogar auf die Wut seiner ungezügelten Leidenschaft etwas zugute tun, und je mehr er in Sinnenlust schwelgt und alles nur irgend mögliche tut, um ganz und gar in Wollust unterzutauchen, um so mehr wird er die Anerkennung und Zuneigung der Frauen gewinnen, – nicht bloss der jungen, törichten und liederlichen, sondern auch der klugen, würdigen und höchst ehrbaren Matronen.

Daraus, dass Schamlosigkeit etwas moralisch Verwerfliches ist, folgt nicht, dass Anstand im Sinne von Schamhaftigkeit etwas moralisch Wertvolles ist. Diese beruht auf dem Schamgefühl, einer Naturanlage in uns, und kann, den aus solchem Motive entspringenden Handlungen entsprechend, gut oder schlecht sein. Schamgefühl kann eine Prostituierte daran hindern, sich vor anderen einem Manne preiszugeben, und dasselbe Schamgefühl kann ein zaghaftes, gutmütiges Geschöpf, das sich in einer schwachen Stunde vergangen hat, veranlassen, ihr Kind umzubringen. Solche Affekte mögen durch Zufall Gutes stiften, verdienstvoll kann nur ihre Beherrschung sein.

Wäre Schamhaftigkeit eine Tugend, so müsste sie sich im Dunkeln ebenso bewähren wie im Tageslicht, was nicht der Fall ist. Das wissen die Galanten von Profession sehr genau, die sich nie über eines Weibes Tugend den Kopf zerbrechen, wenn es ihnen nur gelingt, ihre Schamhaftigkeit zu besiegen, und Verführer machen daher ihre Angriffe nicht zur Mittagszeit, sondern ziehen ihre Gräben bei Nacht:

Illa verecundis lux est praebenda puellis,
Qua timidus latebras sperat habere pudor.

Leute, die viel Geld haben, können es sich gestatten zu sündigen, ohne für ihre gestohlene Lust büssen zu müssen; Dienstboten hingegen und Frauen der ärmeren Klassen sind selten imstande, eine Schwangerschaft, oder wenigstens deren Folgen, zu verheimlichen. Es kann vorkommen, dass ein unbemitteltes junges Mädchen aus guter Familie hilflos dasteht und keinen andern Ausweg findet, um sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben, als den, Pflegerin oder Kammerjungfer zu werden. Sie mag fleissig, treu und willig, ausserdem so wohlerzogen wie möglich und meinetwegen auch fromm sein; sie mag Versuchungen widerstehen und ihre Keuschheit Jahre hindurch bewahren und schliesslich doch in einem unseligen Augenblick dazu getrieben werden, den überlegenen Künsten eines Verführers, der sie nachher im Stiche lässt, ihre Ehre zu opfern. Hat sie dann ein Kind zu erwarten, so ist ihre Verzweiflung grenzenlos. Sie kann sich in das Entsetzliche ihrer Lage gar nicht finden, und Angst und Scham erfüllen sie derart, dass sie keinen klaren Gedanken mehr zu fassen vermag. Die ganze Familie, bei der sie lebt, hat eine hohe Meinung von ihrer Tugend, und ihrer letzten Herrin erschien sie gar wie eine Heilige. Wie ihre Feinde, die ihr ihren guten Charakter nicht gönnten, nun triumphieren, wie ihre Verwandten sie verabscheuen werden! Je schamerfüllter sie jetzt ist, und je heftiger die Furcht vor ihrer Schande sie in Aufregung versetzt, desto schlimmer und grausamer wird nun auch sein, was sie mit sich oder ihrem Kinde anzufangen gedenkt.

Man glaubt gewöhnlich, dass diejenige, die imstande ist, ihr Kind, ihr eigenes Fleisch und Blut, zu verderben, ganz und gar entmenscht, ein wildes Scheusal und anders als alle übrigen Frauen sein müsse. Das ist aber gleichfalls ein Irrtum, den wir begehen, weil wir das Wesen und die Gewalt menschlicher Leidenschaften nicht ausreichend kennen. Dieselbe Frau, die ihren Bankert in der abscheulichsten Weise hinmordet, mag, wenn sie später heiratet, ihr Kindchen mit aller Liebe, Sorge und Treue pflegen, deren die zärtlichste Mutter nur fähig sein kann. Alle Mütter lieben ganz naturgemäss ihre Kinder. Da dies aber eben ein Naturtrieb ist und alle Triebe in der Eigenliebe wurzeln, so vermag er durch einen noch stärkeren Trieb unterdrückt zu werden, um gerade damit jener Eigenliebe zu genügen, die im vorliegenden Falle, wenn nichts dazwischen gekommen wäre, die betreffende Person veranlasst hätte, mit ihrem Sprössling schönzutun. Gemeine Dirnen, die alle Welt als solche kennt, werden kaum jemals ihre Kinder umbringen; ja sogar die sich an Räubereien und Morden beteiligen, machen sich selten jenes Verbrechens schuldig, nicht weil sie weniger grausam, oder tugendhafter sind, sondern weil sie ihr Schamgefühl in höherem Masse verloren haben und die Furcht vor Schande kaum noch in irgendwelcher Weise bei ihnen zur Geltung kommt.

Unsere Liebe zu etwas, das niemals in den Bereich unserer Sinne kam, ist nur schwach und unbedeutend, und daher fühlen auch Frauen keine wirkliche Liebe zu dem, was sie im Schosse tragen. Ihre Zuneigung beginnt erst nach der Geburt; was sie vorher empfinden, ist das Resultat von Überlegung, Erziehung und Pflichtgefühl. Sogar wenn die Kinder noch ganz klein sind, ist die Mutterliebe noch schwach; sie entwickelt sich erst mit dem Empfindungsleben des Kindes und erreicht eine erstaunliche Höhe, wenn es seine Schmerzen und Freuden sichtbar auszudrücken beginnt, seine Bedürfnisse kundgibt, Wissensdrang und Verlangen nach diesem und jenem verrät. Welchen Mühsalen und Gefahren haben sich nicht Frauen ausgesetzt, um ihre Kinder zu erhalten und zu retten, welche für ihr Geschlecht ungewöhnliche Stärke und Tapferkeit haben sie nicht ihretwillen bewiesen! Aber die schlechtesten haben sich in diesem Punkte ebenso eifrig betätigt wie die besten. Alle werden sie durch natürlichen Trieb und Neigung dazu angehalten, ohne irgendwie den Schaden oder Gewinn, den die Gesellschaft davon hat, in Betracht zu ziehen. Es liegt kein Verdienst darin, seinem Eigeninteresse zu folgen, und gerade die Nachkommenschaft wird durch die übermässige Verzärtelung der Eltern oft schwer geschädigt. Denn obgleich es die Kinder infolge allzu grosser Nachsicht der Mütter zwei oder drei Jahre lang sehr gut haben mögen, so kann diese sie doch späterhin, wird sie nicht gemässigt, vollständig verderben, und viele hat sie schon an den Galgen gebracht. –

Sollte der Leser meinen, dass ich über die Form des Anstands, durch die wir uns keusch zu erscheinen bemühen, zu weitläufig gehandelt habe, so werde ich dies wieder gutmachen durch die Kürze, mit der ich das übrige zu besprechen gedenke: die Formen nämlich, durch die wir andere davon zu überzeugen wünschen, dass die Achtung, die wir für sie besitzen, unsere Selbsteinschätzung übertrifft, und dass wir nie unser eigenes, sondern stets das Interesse anderer im Auge haben. Diese lobenswerte Eigenschaft ist allgemein unter dem Namen Manierlichkeit oder Wohlerzogenheit bekannt und besteht in der durch Vorschrift und Beispiel erlangten guten Angewohnheit, dem Stolz und Egoismus anderer zu schmeicheln, den unsrigen aber mit Umsicht und Geschick zu verbergen. Dabei handelt es sich jedoch nur um den Verkehr mit unseresgleichen und mit Höherstehenden; ausserdem, solange wir mit ihnen in Frieden und Freundschaft leben. Denn unsere Gefälligkeit darf niemals mit dem Ehrenkodex noch mit der Ergebenheit, die uns Diener und andere von uns Abhängige schulden, in Konflikt kommen.

Mit diesem Vorbehalt wird meine Definition, glaube ich, auf alles passen, was als spezielle Art oder Beispiel von feinem Benehmen oder von schlechten Manieren angeführt werden kann; und es wird sehr schwierig sein, in dem Bereiche der mannigfachen Vorkommnisse des menschlichen Lebens und Verkehrs einen Fall von Anstand oder Ungezogenheit ausfindig zu machen, der nicht in allen Ländern und zu allen Zeiten davon umfasst und erklärt wird. Ein Mensch, der von einem ihm fremden erhebliche Dienstleistungen erwartet, wird ohne weiteres unverschämt genannt, weil er seine Selbstsucht offen zeigt, ohne auf die des andern Rücksicht zu nehmen. Wir dürfen darin auch den Grund sehen, warum ein Mann von seiner Frau und seinen Kindern und allem, was ihm sonst wert ist, so wenig wie möglich und kaum jemals von sich selbst sprechen soll, besonders nicht in rühmendem Sinne. Ein wohlerzogener Mensch mag nach dem Beifall und der Achtung von andern verlangen und geradezu gieren; jedoch sich ins Gesicht loben zu lassen, verträgt sich nicht mit seinem Anstande. Der Grund hiervon ist, dass gelobt zu werden allen menschlichen Wesen, noch ehe sie feine Manieren erworben haben, ein ausserordentliches Vergnügen bereitet. Dessen sind wir uns alle bewusst, und wenn wir daher einen andern sich ganz frei und offen dieses Genusses erfreuen sehen, an dem wir selbst keinen Anteil haben, so erregt dies unsere Eigenliebe, und wir beginnen unverzüglich, ihn zu beneiden und zu hassen. Infolgedessen verbirgt ein wohlerzogener Mensch seine Freude und leugnet nachdrücklich, dass er welche empfindet; und indem er auf diese Weise unsere Selbstsucht berücksichtigt und besänftigt, vermeidet er jenen Neid und Hass, den er sonst mit Recht zu fürchten hätte. Wenn wir von Kind an beobachten, wie diejenigen, die sich ruhig loben hören können, sich lächerlich machen, so ist uns die Möglichkeit gegeben, uns so angestrengt um den Verzicht auf jenes Vergnügen zu bemühen, dass wir schliesslich bei seinem Herannahen unruhig werden. Allein, dies heisst nicht den Eingebungen der Natur folgen, sondern vielmehr sie durch Erziehung und Gewohnheit überwinden. Denn hätten die Menschen im allgemeinen an Lob und Beifall keine Freude, so könnte es nicht als Sache des Anstands gelten, sie nicht hören zu wollen.

Ein manierlicher Mensch sucht sich aus einer Schüssel nicht das Beste heraus, sondern greift lieber nach dem Schlechtesten und nimmt stets von allem, ausser wenn man ihm etwas aufzwingt, das Unansehnlichste. Infolge dieser Höflichkeit bleibt das Beste für andere, was, da es ein Kompliment für jeden Anwesenden ist, allen sehr gefällt. Je mehr sie von sich selbst halten, desto eher sind sie geneigt, sein Benehmen zu billigen; und indem das Gefühl der Dankbarkeit sich einstellt, sehen sie sich, ob sie nun wollen oder nicht, dazu gedrängt, vorteilhaft von ihm zu denken. Auf diese Weise geschieht es, dass sich der wohlerzogene Mensch in die Gunst seiner ganzen Umgebung einschleicht; und wenn er auch sonst nichts dabei gewinnt, so findet er doch eine gewisse Befriedigung in dem Gedanken an den Beifall, der ihm, wie er weiss, von anderen insgeheim gespendet wird. Das ist aber für einen eitlen Menschen mehr als eine Entschädigung für seine frühere Selbstverleugnung und zahlt der Eigenliebe mit Zinsen zurück, was sie durch seine Gefälligkeit gegen andere verlor.

Wenn unter sechs Leuten von zeremoniellem Wesen und etwa gleichem Range einige Äpfel oder Birnen herumgehen, so wird, der zuerst wählen soll, diejenige Frucht nehmen, die, falls ein ziemlicher Unterschied vorhanden ist, ein Kind als die schlechteste erkennen würde. Dies tut er, um anzudeuten, dass er die, mit denen er zusammen ist, als ihm an Wert überlegen betrachtet, und dass nicht einer unter ihnen ist, dem er nicht Besseres wünschte als sich selbst. Gewohnheit und allgemeiner Brauch sind es, die uns diesen modischen Betrug geläufig machen, ohne dass wir uns an seine Absurdität stossen. Denn wenn die Menschen bis zu einem Alter von drei-, vierundzwanzig Jahren angehalten würden, ganz offen und ehrlich ihre Gedanken kundzutun und den natürlichen Neigungen ihres Innern gemäss zu handeln, so würde es ihnen unmöglich sein, dieser Komödie der Sitten beizuwohnen, ohne entweder in Lachen oder Entrüstung auszubrechen; und dennoch ist es gewiss, dass uns ein solches Verhalten einander erträglicher macht, als wir uns ohnedem sein könnten.

Für die Kenntnis unser selbst ist es sehr vorteilhaft, wenn wir imstande sind, zwischen guten Eigenschaften und Tugenden wohl zu unterscheiden. Das Band der Gesellschaft fordert von jedem einzelnen Mitgliede eine gewisse Rücksicht auf andere, die auch der Höchststehende selbst dem Niedrigsten im ganzen Lande gegenüber nicht ausser acht lassen darf. Indessen, wenn wir allein und von aller Gesellschaft so weit entfernt sind, dass wir uns ausserhalb des Bereiches ihrer Sinne befinden, so verlieren die Worte »Anstand« und »Unverschämtheit« ihre Bedeutung. Es kann jemand zwar schlechtgesinnt, aber nicht ungezogen sein, solange er allein ist, und kein Gedanke, der nicht einem andern mitgeteilt wurde, kann schamlos sein. Ein Mensch mag seinen masslosen Hochmut so gut zu verbergen wissen, dass ihn keiner mehr an ihm bemerkt; und doch kann ihm aus diesem Gefühle grössere Befriedigung entspringen als einem anderen, der es aller Welt offenbart. Gute Manieren haben mit Sittlichkeit oder Religion nichts zu tun; anstatt die Leidenschaften auszulöschen, fachen sie sie eher an. Ein Mensch von Takt und Erziehung schwillt niemals mehr vor Eitelkeit, als wenn er sie mit grösstem Geschick verbirgt. Indem er sich an dem Beifall labt, den, wie er weiss, alle gerechten Beurteiler seinem Betragen zollen, wird ihm ein Genuss zuteil, wie er einem dummen, aufgeblasenen Grosstuer völlig unbekannt bleibt, dem sein Dünkel auf dem Gesicht geschrieben steht, der seinen Hut vor keinem abzieht und zu einem Untergebenen kaum zu sprechen geruht.

Ein Mensch kann sorgfältig alles vermeiden, was in den Augen der Welt ein hochmütiges Wesen verrät, ohne sich dabei im geringsten zu erniedrigen oder seinen Gefühlen Zwang anzutun. Er opfert vielleicht lediglich das geschmacklose äusserlich Sichtbare seines Stolzes, woran nur alberne, ungebildete Leute Gefallen finden, jenem Anteile, den wir alle innerlich empfinden und an dem selbst Männer von höchsten Geistesgaben und edelster Gesinnung in ihrer Einsamkeit mit solcher Wonne zehren. Die Eitelkeit angesehener und feingebildeter Männer ist nirgends deutlicher als in den Debatten über Zeremonie und Vorrang, wo sie Gelegenheit haben, ihren Fehlern den Schein von sittlichen Vorzügen zu geben, und die Meinung in uns erwecken können, es sei die grosse Besorgtheit um die Würde ihres Amtes oder um die Ehre ihres Herrn, was die Wirkung ihres eigenen persönlichen Stolzes und ihrer Eitelkeit ist. Dies tritt bei allen Verhandlungen von Gesandten und Bevollmächtigten zutage und muss jedem bekannt sein, der die Vorgänge bei solchen öffentlichen Verhandlungen beobachtet hat, und es wird stets eine Wahrheit sein, dass selbst die vernünftigsten Menschen nicht zum rechten Genusse ihrer Eitelkeit gelangen, solange noch irgendein Sterblicher herausfinden kann, – dass sie eitel sind.

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(D.) 's gab keine Biene, die nicht wollte
Mehr kriegen – nicht grad als sie sollte,
Doch als usw.

Die Hochachtung, die wir vor uns selbst, und die geringe Meinung, die wir von andern haben, machen uns in unsern eigenen Angelegenheiten zu sehr ungerechten Richtern. Wenige mögen zugeben, dass sie von denjenigen, denen sie etwas verkaufen, zuviel nehmen, wie gross auch ihr Gewinn dabei sein mag; während es doch kaum einen noch so unbedeutenden Vorteil gibt, den sie nicht denjenigen, denen sie etwas abkaufen, missgönnen. Da aus diesem Grunde die Geringfügigkeit des Verdienstes dem Käufer gegenüber das Hauptargument bildet, so sind Handeltreibende im allgemeinen gezwungen, zu ihrer Verteidigung Lügen vorzubringen. Sie erfinden lieber tausend unwahrscheinliche Geschichten, als dass sie verraten, was sie in Wirklichkeit an ihren Waren verdienen. Mancher Alterfahrene freilich, der mehr Ehrlichkeit für sich in Anspruch nimmt – oder, was wahrscheinlicher, eingebildeter ist – als seine Kollegen, pflegt sich mit seinen Kunden nicht lange einzulassen und weigert sich, zu einem niedrigeren Preise als dem zuerst geforderten zu verkaufen. Aber das ist gewöhnlich ein Schlaukopf, der sich's leisten kann und weiss, dass wer Geld hat, durch Beharrlichkeit oft mehr erreicht als andere durch Höflichkeit. Der grosse Haufe bildet sich ein, hinter den mürrischen Mienen eines würdigen Alten stecke mehr Redlichkeit als hinter den unterwürfigen Manieren und der einladenden Gefälligkeit eines jungen Anfängers. Das ist aber ein grosser Irrtum, wovon man sich bei Tuch- und Schnittwarenhändlern oder anderen, die viele Sorten des gleichen Artikels führen, leicht überzeugen kann. Man sehe sich ihre Sachen an und man wird finden, dass jeder von ihnen seine besonderen Zeichen hat, was deutlich beweist, dass sie alle in gleicher Weise besorgt sind, die Selbstkostenpreise ihrer Waren zu verheimlichen.

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(E.) … wie's ja Spielern eigen,
Nicht erst darauf zurückzukommen,
Was sie den andern abgenommen.

Da dies ein allgemeiner Brauch ist, der jedem bekannt sein muss, der je einem Spiele zugesehen hat, so muss er in irgendeiner Seite der menschlichen Natur begründet sein. Weil jedoch die Untersuchung hierüber vielen sehr unwichtig erscheinen wird, so bitte ich den Leser, ausser wenn er gerade recht gut gelaunt ist und sonst nichts zu tun hat, diese Anmerkung zu überschlagen.

Dass Spieler sich im allgemeinen bemühen, ihren Gewinn vor den Verlierern zu verbergen, scheint mir aus einem Gemisch von Dankbarkeit, Mitleid und Selbsterhaltungstrieb hervorzugehen. Ein jeder ist naturgemäss dankbar, wo er eine Wohltat empfängt, und was er sagt oder tut, während er sie als solche innerlich empfindet, ist wahr und kommt vom Herzen. Aber wenn dies vorüber ist, entspringen unsere Dankesbezeugungen in der Regel aus guter Sitte, Anstand, Überlegung und Pflichtgefühl, nicht aber aus Dankbarkeit, zu der uns nur ein innerer Drang treiben kann. Wenn wir bedenken, wie tyrannisch unsere masslose Selbstliebe uns zwingt, jeden, der mit oder ohne Absicht zu unsern Gunsten handelt, zu schätzen, und wie oft wir unsere Zuneigung auf leblose Dinge ausdehnen, sobald wir glauben, dass sie zu unserm momentanen Vorteil beitragen, – wenn wir, sage ich, dies bedenken, so werden wir unschwer herausfinden, in welcher Weise unsere Zufriedenheit mit denjenigen, denen wir Geld abgewinnen, auf Dankbarkeit beruht. Das nächste Motiv ist unser Mitleid, das unserer Kenntnis des mit dem Verlieren verbundenen Verdrusses entstammt. Da wir ferner jedermanns Achtung zu besitzen wünschen, so sind wir besorgt, die ihrige zu verwirken, wenn wir die Ursache ihres Verlustes sind. Schliesslich fürchten wir ihren Neid, und so veranlasst uns der Selbsterhaltungstrieb – in der Hoffnung, ihrem Übelwollen und Neid dann weniger ausgesetzt zu sein – zunächst die Verpflichtung, dann auch den Grund zur Bemitleidung möglichst abzuschwächen. – Wenn die Gefühle sich in ihrer ganzen Stärke zeigen, so werden sie von jedem verstanden. Wenn ein einflussreicher Mann einem, der ihm in seiner Jugend einen kleinen Dienst erwies, eine gute Stellung verschafft, so nennen wir das Dankbarkeit; wenn eine Frau beim Verluste ihres Kindes weint und die Hände ringt, so ist Kummer das vorherrschende Gefühl; und das Unbehagen, das wir beim Anblick eines grossen Unglücks erleben – wenn z. B. ein Mensch das Bein bricht oder sein Gehirn herausgeschmettert wird –, wird überall Mitleid genannt. Die feineren Empfindungen und subtileren Gefühlsregungen dagegen werden gewöhnlich übersehen oder missverstanden.

Um meine Behauptung als richtig zu erweisen, haben wir nur zu beobachten, was in der Regel zwischen Gewinner und Verlierer vor sich geht. Jener ist allemal liebenswürdig und, falls der andere nur genügend an sich hält, zuvorkommender als gewöhnlich; er ist stets bemüht, den Verlierer bei Laune zu erhalten, und bereit, seine Fehler mit Vorsicht und möglichst manierlich zu berichtigen. Der Verlierer ist unruhig, verstimmt, gereizt, schwört und flucht vielleicht auch; solange er jedoch nichts geradezu Beleidigendes tut oder sagt, nimmt der Gewinner, ohne ihn zu verletzen, zu reizen oder ihm zu widersprechen, alles gut auf. »Wer den kürzeren zieht, muss schimpfen können«, sagt das Sprichwort. Alles dies beweist die Auffassung, dass der Verlierer das Recht hat, sich zu beklagen, und aus diesem Grunde bemitleidet wird. Dass wir des Verlierers Übelwollen fürchten, sagt uns schon das Bewusstsein unseres eigenen Unwillens über diejenigen, an die wir verlieren; und Neid fürchten wir immer, wenn wir uns für glücklicher als andere halten. Daraus folgt nun, dass das Streben des Gewinners nach Verheimlichung seines Gewinns aus der Absicht entspringt, das ihm drohende Unheil abzuwenden; und eben dies ist Selbsterhaltungstrieb, der uns so lange mit Besorgnis erfüllt, als deren ursprüngliches Motiv bestehen bleibt.

Aber einen Monat, eine Woche oder vielleicht noch viel kürzere Zeit nachher, wenn die Vorstellung einer Verpflichtung und damit des Gewinners Dankbarkeit verflogen sind; wenn der Verlierer sich wieder gesammelt hat, über seinen Verlust lacht und der Gewinner keinen Grund mehr zum Mitleid hat; wenn des Gewinners Befürchtung, sich das Übelwollen und den Neid des Verlierers zuzuziehen, geschwunden ist, d. h. also alle Gefühlserregungen vorüber sind und die Sorgen der Selbsterhaltung die Gedanken des Gewinners nicht mehr beschäftigen: dann wird dieser sich nicht nur kein Gewissen daraus machen, seinen Gewinn einzugestehen, sondern er wird sich auch, wenn seine Eitelkeit dazukommt, seines Gewinns rühmen, wenn nicht gar ihn übertreiben.

Wo Leute zusammen spielen, die sich feind sind und vielleicht einen Streit entfachen wollen, oder wo Menschen für eine Kleinigkeit um die Meisterschaft kämpfen und hauptsächlich nach dem Ruhm des Sieges streben, da ist es freilich möglich, dass nichts von dem eben Beschriebenen stattfindet. Verschiedene Gemütsbewegungen führen zu verschiedenem Verhalten, und was ich gesagt habe, möchte ich von dem gewöhnlichen Spiel um Geld verstanden wissen, wo die Menschen etwas für sie Wertvolles zu gewinnen trachten und zu verlieren wagen. Aber auch hier werden sicherlich viele einwenden, dass sie, obwohl sie sich der Verheimlichung ihres Gewinns schuldig machten, doch nie die Gefühle bei sich beobachteten, die ich als Ursachen jener Schwäche angeführt habe. Das ist auch nicht zu verwundern, da wenige Menschen sich die nötige Musse gönnen und noch weniger die richtige Methode anwenden, um sich in der gehörigen Weise zu prüfen. Mit den Gefühlen der Menschen ist es dieselbe Sache wie mit den Farben der Kleiderstoffe: es ist leicht Rot, Grün, Blau, Gelb, Schwarz usw. an ebenso vielen Stücken zu erkennen; aber nur ein Künstlerauge vermag all die mannigfachen Farben in ihren Verhältnissen auseinanderzuhalten, die das Ganze eines schön abgetönten Stoffes zusammensetzen. In derselben Weise mögen die Gemütsbewegungen von jedem erkannt werden, solange sie deutlich verschieden sind und eine einzige den ganzen Menschen erfüllt; aber es ist ungemein schwierig, jedes Motiv jener Handlungen herauszufinden, die das Resultat eines Zusammenwirkens mehrerer Gefühle sind.

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(F.) Die Tugend, die von Politik
Gelernt gar manchen schlauen Trick,
Auf der so vorgeschriebnen Bahn
Ward nun des Lasters Freund.

Dass die Tugend des Lasters Freund wird, kann man sagen, wenn fleissige, anständige Leute, die ihre Familien ernähren und ihre Kinder ordentlich aufziehen, Steuern zahlen und in mehrfacher Hinsicht nützliche Mitglieder der Gesellschaft sind, ihren Lebensunterhalt mit etwas verdienen, was in erheblichem Masse von den verbrecherischen Neigungen anderer begünstigt wird oder wesentlich von ihnen abhängt, ohne dass sie sich selbst ihrer schuldig machen oder auf irgendeinem anderen Wege als dem des Handels dazu beitragen, etwa wie ein Drogist zu einer Vergiftung oder ein Schwertfeger zum Blutvergiessen.

So trägt ein Kaufmann, der Getreide oder Tuch in fremde Länder schickt und dafür Wein und Branntwein einkauft, zum Gedeihen des Gewerbes in seinem Vaterlande bei; er begünstigt die Schiffahrt, vergrössert die Zolleinnahmen und befördert auf verschiedene Weise das öffentliche Wohl. Doch lässt sich nicht leugnen: die Hauptsache für ihn sind die Liederlichkeit und Trunksucht seiner Mitmenschen. Denn wenn niemand Wein tränke, als wer seiner bedarf, und auch keiner mehr, als sein Wohlbefinden erfordert, so würden die vielen Weingrosshändler, Weinstubenbesitzer und Küfer, die in unserer blühenden Stadt so glänzend dastehen, in einer üblen Lage sein. Das gleiche wäre nicht bloss von Karten- und Würfelfabrikanten zu sagen, sondern auch von Seiden- und Polsterwarenhändlern, von Schneidern und vielen anderen, die innerhalb eines halben Jahres verhungern müssten, wenn Eitelkeit und Luxus einmal aus dem Volke verbannt werden sollten.

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(G.) Der Allerschlechteste sogar
Fürs Allgemeinwohl tätig war.

Ich weiss, dass dies vielen als ein seltsames Paradoxon erscheinen wird, und man wird mich fragen, welcher Vorteil der Allgemeinheit aus Dieben und Einbrechern erwächst. Ich gebe zu, dass sie ein grosser Schaden für die menschliche Gesellschaft sind, und jede Regierung sollte sich alle erdenkliche Mühe geben, sie unschädlich zu machen und auszurotten. Wenn aber alle Leute durch und durch redlich wären, und keiner würde sich an andern Dingen als seinen eigenen zu schaffen machen oder vergreifen, so würde die Hälfte aller Schmiede im Lande beschäftigungslos sein. In der Stadt wie auf dem Lande gibt es eine Unmenge von kunstgewerblichen Arbeiten, die jetzt sowohl zur Verzierung wie zum Schutze dienen, an die man aber niemals gedacht hätte, wenn man sich nicht gegen Diebe und Räuber hätte sichern wollen.

Sollte das eben Gesagte für weit hergeholt erklärt werden und meine Behauptung noch immer paradox erscheinen, so bitte ich den Leser, einmal zu bedenken, was alles konsumiert wird. Er wird dann finden, dass die Trägsten und Untätigsten, die Verworfensten und Bösartigsten alle gezwungen sind, fürs Allgemeinwohl tätig zu sein. Er wird finden, dass sie, solange ihnen der Mund nicht zugenäht ist und sie auch weiterhin abtragen und in anderer Weise verbrauchen, was die Fleissigen täglich zu verfertigen und herbeizuschaffen suchen, dass sie dann gegen ihren Willen mithelfen müssen, die Armen zu erhalten und die Staatskosten zu tragen. Millionen würden bald keine Arbeit mehr haben, wären nicht, wie ich in der Fabel sage, Millionen anderer

berufen,
Um zu zerstören, was jene schufen.

Die Menschen sind jedoch nicht nach den Konsequenzen ihrer Handlungen, sondern nach diesen selbst und den Motiven zu beurteilen, aus denen heraus ihr Handeln sich ableiten lässt. Wenn einem widerlichen Geizhalse, der fast Millionär ist und bloss fünfzig Pfund im Jahre ausgibt – obgleich er keine Verwandten als Erben hat –, fünfhundert oder tausend Guineen geraubt werden, so ist gewiss, dass, sobald dann dieses Geld zirkuliert, dem Volke der Raub zugute kommt und es einen ebenso grossen und realen Gewinn daraus zieht, als wenn ein Erzbischof dieselbe Summe für Wohlfahrtszwecke hinterlassen hätte. Gerechtigkeit und der allgemeine Friede verlangen jedoch, dass der oder diejenigen, die den Geizhals beraubten, gehängt werden, wenn ihrer auch ein halbes Dutzend dabei betroffen sind.

Alle grossen und kleinen Diebe stehlen eines Lebensunterhalts wegen, und entweder ist, was sie auf ehrlichem Wege erwerben können, zu ihrer Erhaltung nicht ausreichend, oder sie haben eine Abneigung gegen dauerndes Arbeiten; sie müssen eben ihren sinnlichen Trieben folgen, essen, stark trinken, ihre Frauenzimmer haben und faulenzen können, wann es ihnen passt. Der Lebensmittelverkäufer, der ihnen liefert und ihr Geld nimmt, von dem er weiss, wie sie's kriegen, ist eigentlich ein nahezu ebenso grosser Schurke wie seine Kunden. Falls er sie aber gehörig rupft, sein Geschäft versteht und sonst vorsichtig ist, so mag er schon sein Geld einstreichen und seine Leute ordentlich bedienen. Der wackere Kellner, dessen Hauptinteresse seines Herrn Profit ist, bringt jedem so viel Bier, wie er haben will, und bemüht sich, seinen Gast nicht zu verlieren; solange dessen Geld gut ist, hält er es nicht für seine Sache, nachzuforschen, von wem er's bekommen hat. Inzwischen weiss der reiche Brauer, der seinen Angestellten alle seine Angelegenheiten überlässt, nichts von der Sache, sondern hält sich Pferd und Wagen, traktiert seine Freunde und amüsiert sich mit Ruhe und gutem Gewissen; er kauft sich ein Gut, baut Häuser und erzieht seine Kinder in Wohlleben, ohne je an die Mühen, Ränke und Kniffe zu denken, mit denen sich die armen, dummen, verlotterten Kerle abgeben, um den Artikel zu bekommen, durch dessen enormen Absatz er seine grossen Reichtümer zusammenhäuft.

Ein Strassenräuber, dem eine reiche Beute zugefallen ist, gibt einer armen Weibsperson, an der er gerade Geschmack findet, zehn Pfund, um sie von Kopf bis Fuss neu auszustaffieren. Sollte nun ein Schnittwarenhändler so gewissenhaft sein und sich weigern, ihr eine Rolle Garn zu verkaufen, obgleich er weiss, was für eine sie ist? Sie muss Schuhe, Strümpfe und Handschuhe haben, der Korsett- und der Mäntelfabrikant, die Schneiderin, der Leinenhändler, sie müssen alle etwas an ihr verdienen, und hundert andere Handwerker, die von jenen abhängen, bei denen sie ihr Geld ausgab, mögen einen Teil davon bekommen, ehe ein Monat vorüber ist. Der edle Spender, dessen Geld mittlerweile fast zu Ende gegangen ist, wagt nun wieder einen neuen Zug, wird aber am zweiten Tage bei einem Überfall in der Nähe von Highgate mit einem seiner Komplicen gefasst, und in der nächsten Sitzungsperiode werden beide verurteilt und hingerichtet. Das als Belohnung für ihre Ergreifung ausgezahlte Geld fällt an drei Burschen vom Lande, denen es ausgezeichnet zustatten kommt. Der eine war ein redlicher Bauer, ein nüchterner, arbeitsliebender Mann, jedoch durch Missgeschick in Not geraten; letzten Sommer hatte er durch ein grosses Sterben unter dem Vieh von zehn Kühen sechs verloren, und nun hat sein Gutsherr, dem er dreissig Pfund schuldete, all sein Hab und Gut mit Beschlag belegt. Der andere war ein Tagelöhner, der sich kümmerlich durchschlagen musste, ein krankes Weib und ein paar kleine unversorgte Kinder zu Hause hatte. Der dritte war ein herrschaftlicher Gärtner, der für seinen im Gefängnis sitzenden Vater sorgte, wo er fast anderthalb Jahre zugebracht, weil er für einen Nachbar Bürgschaft über zwölf Pfund geleistet hatte. Dieser Akt der Kindespflicht war um so verdienstvoller, als er sich vor einiger Zeit mit einem jungen Mädchen versprochen hatte, deren Eltern in guten Verhältnissen lebten, aber ihre Einwilligung nicht geben wollten, bevor unser Gärtner nicht selbst fünfzig Guineen aufzuweisen hätte. – Sie erhielten je über achtzig Pfund, die einem jeden aus seinen Schwierigkeiten heraushalfen und sie ihrer Ansicht nach zu den Glücklichsten der Sterblichen machten.

Nichts ist der Gesundheit wie auch dem Fleiss und Vorwärtskommen der ärmeren Klassen verderblicher als jenes berüchtigte Getränk, dessen Name, von »Juniper«-Beeren im Holländischen abgeleitet, jetzt durch den häufigen Gebrauch und die lakonische Geistesart des Volkes von einem Worte mittlerer Länge zu einem Einsilber, dem berauschenden »Gin«, zusammengeschrumpft ist, das auf die Trägen, Heruntergekommenen und Gebrechlichen beiderlei Geschlechts einen solchen Reiz ausübt, und das den hungernden Trunkenbold die paar Lumpen auf seinem nackten Leibe mit gleichgültigem Stumpfsinn betrachten oder gar mit albernem Lachen und unflätigen Worten noch bewitzeln lässt. Es ist wie ein Feuerstrom, der das Gehirn in Glut bringt, die Eingeweide versengt und alle inneren Organe ausdörrt; und es ist gleichzeitig ein Lethe des Vergessens, in dem der verkommene Trottel seine quälenden Sorgen und schliesslich seinen ganzen Verstand ersäuft, und damit denn auch all die Angstgedanken an seine nach Brot schreienden Kinder, an harte Winter, Fröste und sein schaurig ödes Heim.

Menschen von heissblütigem, erregbarem Naturell macht es streitsüchtig, wild und brutal, bringt sie wegen eines Nichts zum Losschlagen und ist schon oft die Veranlassung zu einer Mordtat gewesen. Es hat die kräftigsten Männer gebrochen und zugrunde gerichtet, sie der Abzehrung ausgeliefert und in furchtbar kurzer Zeit zu Schlaganfällen, Delirien und plötzlichem Tode geführt. Da diese letzten Unglücksfälle jedoch selten vorkommen, so mögen sie übersehen und übergangen werden; anders ist es aber mit vielen Krankheiten, die ganz allgemein als Wirkungen dieses Getränks auftreten, die täglich und stündlich dadurch erzeugt werden, wie Appetitlosigkeit, Fieber, Erbrechen, Gelbsucht, Krämpfe, Gallen- und Nierensteine, Wassersucht und Blutarmut.

Unter den blöden Bewunderern dieses Giftgetränkes werden viele der niedersten Gattung aus blosser Schwärmerei für die Ware selbst zu Händlern damit und finden ein Vergnügen darin, anderen zu dem von ihnen selbst so geliebten Stoffe zu verhelfen, wie Huren das Kuppelgeschäft betreiben, um durch den Profit aus dem einen Gewerbe das andere zu fördern. Da aber diese Hungerleider gewöhnlich mehr vertrinken als sie einnehmen, so verbessern sie durch den Verkauf nur selten die erbärmliche Lage, in der sie sich befanden, solange sie bloss Konsumenten waren. In den ordinären Aussenteilen der Stadt und sonstigen verrufenen Gegenden wird das »Gin« an irgendeinem Orte fast in jedem Hause verkauft, oft im Keller, manchmal auch in einer Dachkammer. Die Kleinhändler in dieser stygischen Kostbarkeit werden von andern etwas höheren Ranges versorgt, die konzessionierte Branntweinläden innehaben und ebensowenig wie jene zu beneiden sind. Für Leute aus dem Mittelstande weiss ich wirklich keinen jämmerlicheren Ausweg, um das Leben fristen zu können, als gerade ihren Beruf. Jeder, der darin fortkommen will, muss zunächst ebenso wachsam und argwöhnisch wie entschlossen und unerschrocken sein, damit er nicht Betrügern und Schwindlern zum Opfer fällt noch auch sich durch die Redereien und Schwüre von Fuhrleuten und Soldaten einschüchtern lässt. Zweitens muss er sich als richtiger Ausschänker gehörig darauf verstehen, grobe Spässe und lautes Gelächter mitzumachen; er muss ein recht gewinnendes Wesen haben, um Kunden anzulocken und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen zu können, und wohl bewandert sein in den gemeinen Witzen und Sticheleien, die der Pöbel gebraucht, um gegen die Verständigen und Sparsamen loszuziehen. Er muss zu dem ordinärsten Kerl liebenswürdig und zuvorkommend sein: stets bereit und geschäftig, einem Lastträger beim Absetzen zu helfen, einem Hökerweibe die Hand zu schütteln, vor einer Heringsfrau den Hut zu ziehen und mit einem Bettler vertraulich zu tun. Geduldig und in guter Laune muss er die Unverschämtheiten und schmutzigen Redensarten ekelhafter Frauenzimmer und wüster Raufbolde über sich ergehen lassen und, ohne auch nur mal mit der Wimper zu zucken, den ganzen Gestank, Dreck und Lärm ertragen, den äusserste Armut, Faulheit und Betrunkenheit bei dem Pöbel der allergemeinsten Sorte hervorbringen.

Die erwähnten unzähligen Verkaufsstellen in der inneren Stadt und den Vorstädten zeigen uns auf überraschende Weise, wie viele Lockmittel innerhalb eines rechtlich zulässigen Erwerbszweiges mithelfen am Aufkommen und Anwachsen all der Faulheit, Trunksucht, Armut und Verelendung, die der Missbrauch des Branntweins unmittelbar verursacht, – nur um vielleicht ein halbes Schock Leute, die mit demselben Artikel im Grossen handeln, über Durchschnittsverhältnisse hinauszuheben. Und vergessen wir nicht, dass von den Kleinhändlern, mögen sie auch die oben gewünschten Eigenschaften haben, eine viel grössere Anzahl verkommt und ruiniert wird, weil sie sich des Zaubertrankes, den sie andern darbieten, selbst nicht enthalten, während die vom Schicksal Begünstigteren ihr ganzes Leben hindurch meiner obigen Schilderung entsprechend gezwungen sind, endlose Aufregungen und Schindereien zu ertragen und sich mit scheusslichen und abstossenden Dingen zu befassen, um weiter nichts oder doch nur wenig mehr dabei zu gewinnen als nötig ist, um gerade das Leben fristen zu können und das tägliche Brot zu haben.

Die kurzsichtige Menge kann in der Kette der Ursachen selten weiter sehen als ein Glied; die aber ihren Blick darüber hinaus zu richten vermögen und sich die Musse gönnen, das ganze Schauspiel zusammenhängender Ereignisse aufmerksam zu betrachten, können immer und immer wieder finden, wie Gutes aus Schlechtem entspringt und sich entwickelt, ganz so naturgemäss wie das Hühnchen aus dem Ei. Das Geld, das aus der Besteuerung des Malzes zusammenfliesst, bildet einen beträchtlichen Teil der Staatseinkünfte, und sollten keine Spirituosen mehr daraus gewonnen werden, so müsste dementsprechend auch das Nationalvermögen ausserordentlich zurückgehen. Wollen wir uns aber über die vielen Vorteile und die lange Reihe wirklich segensreicher Folgen, die dem in Rede stehenden Übel entstammen und zu verdanken sind, ganz klar werden, so müssen wir bedenken, welche Löhne ausgezahlt werden, wieviel Grund und Boden bebaut, was alles für Werkzeug verfertigt, wieviel Vieh gehalten wird und in welchem bedeutenden Umfange vor allem die ärmeren Volksklassen infolge der mannigfaltigen Arbeiten einen Unterhalt finden, die in der Landwirtschaft, bei der Malzbereitung, der Destillation und beim Transport zu verrichten sind, noch ehe wir das Produkt erhalten haben, das erst das Ausgangsmaterial für die nachfolgende Gewinnung der verschiedenen Spirituosen bildet.

Neben diesem dürfte freilich ein gutmütiger Schlaukopf aus dem ganzen Kehricht, den ich als zu nichts nütze beiseite warf, noch gar vieles Gute herauslesen. Er würde mir sagen, dass trotz aller Verkommenheit und alles Elends, die der Missbrauch des Alkohols veranlasst, er mit Mass genossen von unschätzbarem Werte sei für die Unbemittelten, die sich keine teureren Stärkungen leisten könnten; ferner dass er eine allgemeine Wohltat darstelle, nicht bloss bei Kälte und Ermattung, sondern überhaupt in den meisten Bedrängnissen, denen die Notleidenden ausgesetzt sind, und dass er schon oft einem armen Kerl Essen, Trinken, Kleider und Wohnung ersetzt habe; dass die ihm entspringende stupide Gleichgültigkeit in einer bejammernswerten Lage, worüber ich mich beklagte, für Tausende einen wahren Segen bedeute, da doch gewisslich diejenigen die Glücklichsten seien, die den wenigsten Schmerz empfinden. Was Erkrankungen betrifft, so würde er sagen, wie er manche verursache, so heile er andere; und hätte auch übertriebenes Trinken einigen wenigen schon den schnellen Tod gebracht, so würde doch durch täglichen Genuss von Alkohol das Leben vieler anderen verlängert, wenn sie sich einmal an ihn gewöhnt hätten; schliesslich, dass wir für den Nachteil, der aus belanglosen Zänkereien im eigenen Lande entsteht, mehr wie entschädigt werden durch den Vorteil, den er uns nach aussen hin bietet, indem er den Mut der Soldaten aufrechterhält und die Matrosen zum Kampfe anfeuert, – wie denn ja auch in den beiden letzten Kriegen kein bedeutender Sieg ohne ihn errungen worden sei.

Auf meine trostlose Schilderung von den Verkäufern und dem, was sie ausstehen müssen, würde er entgegnen, dass überhaupt in jedem Erwerbszweige nur wenige ein mehr als mittelmässiges Geschäft machen, und dass das, was ich in jenem Berufe als so anstössig und widerwärtig hingestellt habe, für die daran Gewöhnten eine Kleinigkeit sei; was manchen beschwerlich und ekelhaft erscheine, bereite anderen Vergnügen und oft geradezu Wonne, je nachdem eben die Menschen sich nach Erziehung und Lebensweise unterschieden. Er würde mich daran erinnern, dass der Verdienst bei einer Beschäftigung stets die dazugehörige Mühsal und Arbeit wieder gutmacht, – denn nicht zu vergessen: Dulcis odor lucri e re qualibet, oder: Der Lohn duftet selbst für einen Kanalausräumer lieblich.

Im Falle ich ihm etwa noch entgegenhielte, dass die Existenz von ein paar grossen und angesehenen Schnapsfabrikanten ein sehr schwacher Ersatz für die Not, Verkommenheit und traurige Lebensweise von unzähligen armen Kerlen sei, die jenen bloss zum Reichtum zu verhelfen hätten, würde er mir antworten, dass ich darüber nicht urteilen könne, weil ich nicht wisse, welcher ungeheure Vorteil für die Öffentlichkeit dermaleinst von ihnen zu erwarten sein möchte. Vielleicht würde er sagen, ein so heraufgekommener Mann wird sich später als Friedensrichter oder in anderer Stellung mit Fleiss und Umsicht gegen die Missetäter und Unruhstifter bewähren und, von seiner Streberei ablassend, zur Erweckung des Tugendsinns und Hebung der Sitten im ganzen Umkreis der grossen, volksreichen Stadt ebenso eifrig beitragen wie früher zu ihrer reichlichen Versorgung mit Spirituosen, bis er zuletzt eine wahre Geissel für Huren, Vagabunden und Bettler, der Schrecken des unzufriedenen, aufrührerischen Pöbels und die Plage aller sabbatbrechenden Schlächter wird. Hier würde mein witziger Widersacher frohlocken und über mich triumphieren, besonders falls er mir mit einem wirklichen Exemplar eines solchen Prachtmenschen aufwarten könnte. Welch ungeheurer Segen, würde er ausrufen, ist dieser Mann für sein Land, wie glänzend und erhaben seine Tugend!

Um diesen Ausspruch zu rechtfertigen, würde er mir dann noch vorhalten, dass es unmöglich einen deutlicheren Beweis für die Aufopferung eines dankerfüllten Gemütes geben könne, als zu sehen, wie jener Mann sich auf Kosten seiner Ruhe und mit Gefahr für Leib und Leben unablässig abhetzt und selbst in Kleinigkeiten gerade jene Leute verfolgt, denen er seinen Reichtum verdankt, und das alles aus keinem andern Beweggrunde als seiner Abneigung gegen Müssiggang und grossen Besorgtheit um die Religion und das Wohl des Vaterlandes.

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(H.) Was sich sonst gänzlich ist entgegen,
Hilft sich, als wär's des Trotzes wegen.

Nichts hat mehr zur Förderung der Reformation beigetragen als die Faulheit und Beschränktheit des römischen Klerus. Aber dieselbe Reformation hat ihn aus seiner trägen Unwissenheit aufgerüttelt, und von den Anhängern Luthers, Calvins und anderer kann man sagen, dass sie nicht bloss diejenigen, die sie zu sich herüberzogen, reformiert haben, sondern ebenso diejenigen, die ihre grössten Widersacher blieben. – Indem die Geistlichkeit von England gegen die nicht Strenggläubigen mit aller Schärfe vorging und ihnen Mangel an Gelehrsamkeit vorwarf, hat sie sich so furchtbare Feinde an ihnen erzogen, dass ihnen nun nicht mehr leicht beizukommen ist. Die Dissidenten wieder bewirken durch Beobachtung und sorgfältige Überwachung des Lebens und Verhaltens ihrer mächtigen Antagonisten, dass die von der anerkannten Kirche sich mehr davor hüten, Anstoss zu geben, als sie aller Wahrscheinlichkeit nach tun würden, wenn sie keine so boshaften Beobachter zu fürchten hätten. – Es ist in hohem Grade der grossen Zahl von Hugenotten zu verdanken, die sich seit ihrer letzten vollständigen Unterdrückung stets in Frankreich aufgehalten haben, dass sich dieses Land einer massvolleren und gelehrteren Geistlichkeit zu rühmen hat als irgendein andres römisch-katholisches Land. Die Priester sind nirgends mächtiger als in Italien und daher auch nirgends zuchtloser, noch irgendwo unwissender als in Spanien, weil ihre Lehren nirgends weniger angegriffen werden.

Wer möchte glauben, dass tugendhafte Frauen unwissentlich der Prostitution Vorschub leisten, oder – was noch paradoxer erscheint – dass die Unsittlichkeit zur Erhaltung der Keuschheit beiträgt? Und doch ist nichts wahrer. Wenn ein liederlicher junger Mensch ein oder zwei Stunden in der Kirche, auf einem Ball oder in irgendeiner andern Versammlung gewesen ist, wo sich eine grosse Zahl hübscher, vorteilhaft gekleideter Weiber aufhält, so wird seine Phantasie erhitzter sein, als wenn er dieselbe Zeit hindurch im Rathause einer Wahl beigewohnt hat oder auf dem Lande unter einer Schafherde gewandelt ist. Die Folge davon ist, dass er die in ihm erregte Begierde zu befriedigen suchen wird; und wenn er ehrbare Frauen abweisend und unzugänglich findet, so ist es sehr natürlich anzunehmen, dass er zu andern, die nachgiebiger sind, eilen wird. Wer würde im geringsten argwöhnen, dass dies die Schuld der ehrbaren Frauen ist? Sie haben keinerlei Gedanken an die Männer, wenn sie sich ankleiden, die lieben Seelen, und trachten lediglich danach, jede nach ihrem Stande, sauber und ordentlich auszusehen.

Ich bin weit davon entfernt, das Laster zu ermutigen, und glaube, es würde ein unschätzbares Glück für den Staat sein, wenn die Sünde der Unkeuschheit völlig daraus verbannt werden könnte; aber ich fürchte, es ist unmöglich. Die Leidenschaften mancher Leute sind zu heftig, um durch ein Gesetz oder Geheiss niedergehalten zu werden, und es ist die Weisheit aller Regierung, kleinere Missstände zu ertragen, um grössere zu vermeiden. Wenn Kurtisanen und Dirnen mit solcher Strenge, wie manche einfältigen Leute möchten, verfolgt würden, welche Schlösser und Schranken würden dann ausreichen, um die Ehre unserer Frauen und Töchter zu bewahren? Denn es handelt sich nicht bloss darum, dass die Frauen im allgemeinen grösseren Versuchungen ausgesetzt wären und die Angriffe auf die Tugend der Jungfrauen selbst dem nüchterneren Teile der Menschheit entschuldbarer als jetzt erscheinen würden; sondern es würden manche Männer geradezu zu Gewalttätigkeiten übergehen, und das Verbrechen der Entehrung würde an der Tagesordnung sein. Wo, wie es in Amsterdam oft vorkommt, sechs- oder siebentausend Seeleute auf einmal ans Land kommen, die viele Monate hindurch nur Menschen ihres eigenen Geschlechts gesehen haben, wie kann man alsdann annehmen, dass ehrbare Frauen sollten unbelästigt in den Strassen einhergehen können, falls es keine Dirnen gäbe, die zu annehmbaren Preisen zu haben wären? Aus diesem Grunde duldet die weise Obrigkeit dieser wohl verwalteten Stadt jederzeit eine unbestimmte Anzahl von Häusern, in denen Frauenzimmer ebenso öffentlich vermietet werden wie Pferde in einem Mietstalle. Da in dieser Duldung ein gut Teil Klugheit und Organisationstalent liegt, so wird ein kurzer Bericht darüber keine unliebsame Abschweifung sein.

Zunächst dürfen sich die Häuser, von denen ich spreche, ausschliesslich nur im ordinärsten und unsaubersten Teile der Stadt befinden, wo hauptsächlich Seeleute und Fremde niederen Standes wohnen und verkehren. Die Strasse, in der die meisten von ihnen stehen, ist berüchtigt und der üble Ruf über die ganze Nachbarschaft verbreitet. Zweitens sind sie lediglich Treffpunkte, um zu verhandeln und Abmachungen in bezug auf geheimere Zusammenkünfte zu treffen, wobei keinerlei unzüchtige Auftritte geduldet werden. Diese Verfügung wird so strikt innegehalten, dass man, abgesehen von den schlechten Manieren und dem Lärm der Gesellschaft, die sie besucht, daselbst weniger Gemeinheit und Zuchtlosigkeit trifft, als bei uns in den Schauspielhäusern zu finden ist. Drittens sind die weiblichen Teilnehmer an diesen abendlichen Zusammenkünften stets der Abschaum des Volkes und im allgemeinen solche, die tagüber Früchte und andere Esswaren in Schubkarren herumfahren. Die Trachten, in denen sie bei Nacht erscheinen, sind allerdings von ihren gewöhnlichen sehr verschieden, jedoch in der Regel so auffallend geschmacklos, dass sie mehr den abenteuerlichen Anzügen herumreisender Schauspielerinnen gleichen als den Kleidern der vornehmen Damen. Bedenkt man ausserdem das linkische Wesen, die groben Hände und die gewöhnlichen Manieren der so einhergehenden Fräuleins, so ist nicht viel Anlass zu der Befürchtung gegeben, dass viele aus den besseren Ständen von ihnen in Versuchung geführt werden möchten.

Musiziert wird in diesen Tempeln der Venus mit Drehorgeln, nicht aus Ehrfurcht vor der Gottheit, der sie geweiht sind, sondern einerseits wegen der Sparsamkeit der Besitzer, denen daran liegt, möglichst viel Geräusch für möglichst wenig Geld zu machen, anderseits wegen der Absicht der Regierung, die Zunft der Pfeifer und Fiedler so wenig wie möglich zu begünstigen. Alles seefahrende Volk, besonders die Holländer, neigt gleich dem Elemente, zu dem es gehört, zu Lärm und Gebrüll. Der Skandal, den ein halbes Dutzend von ihnen macht, wenn sie, wie sie sagen, lustig sind, genügt, um die doppelte Anzahl von Flöten oder Geigen zu übertönen, während sie mit einer einzigen Drehorgel das ganze Haus erdröhnen lassen können und keine anderen Ausgaben haben als die Haltung eines schäbigen Musikanten, der sie bloss eine Kleinigkeit kostet. Trotz der guten Vorschriften und strengen Disziplin, die auf diesen Liebesmärkten beobachtet werden, sind doch die Polizei und ihre Beamten jederzeit dahinterher, die Inhaber der betreffenden Lokale zu bedrücken, mit Geldstrafen zu belegen und auf die geringste Beschwerde hin hinauszuwerfen. Diese Einrichtung ist von zwiefachem grossen Nutzen. Erstens gibt sie Veranlassung, eine grosse Menge von Beamten zu halten, deren sich der Magistrat bei vielen Gelegenheiten bedient und die er nicht entbehren kann, um den Leuten den ungeheuren Gewinn, der ihnen aus dem niedrigsten aller Erwerbszweige erwächst, auszupressen, und um gleichzeitig jene unvermeidlichen Jammerseelen, die Kuppler und Kupplerinnen, zu züchtigen, die man zwar verabscheut, aber doch nicht gänzlich auszurotten wünscht. Zweitens könnte es aus verschiedenen Gründen gefährlich sein, die Menge in das Geheimnis zu lassen, dass jene Häuser und das darin betriebene Geschäft gebilligt werden; daher erhält sich der umsichtige Magistrat, indem er durch dieses Mittel untadelhaft erscheint, in der guten Meinung der beschränkteren Sorte von Menschen, die sich einbilden, die Obrigkeit sei dauernd zwar bemüht, jedoch unfähig, zu unterdrücken, was sie tatsächlich duldet. Wäre sie nämlich wirklich willens, jene Häuser abzuschaffen, dann ist ihre Macht in der Ausübung des Rechts so unbeschränkt und versteht sie diese Ausübung so vortrefflich, dass ihnen allen in einer Woche, ja in einer Nacht der Garaus gemacht werden könnte.

In Italien ist die Duldung der Prostituierten noch unverhüllter, wie aus den Zuständen in ihren öffentlichen Häusern hervorgeht. Zu Venedig und Neapel wird mit der Unsittlichkeit eine Art Gewerbe und Handel getrieben; die Kurtisanen in Rom und die Cantoneras in Spanien machen geradezu eine Körperschaft im Staate aus und unterliegen einer besonderen gesetzlichen Taxe und Steuer. Man weiss sehr wohl, dass der Grund, warum so viele tüchtige Staatsmänner unzüchtige Häuser dulden, nicht ihre Irreligiosität, sondern die Absicht ist, ein schlimmeres Übel, eine Sittenverderbnis noch abscheulicherer Art zu vermeiden und für die Sicherheit der ehrbaren Frauen zu sorgen. Als es vor etwa zweihundertundfünfzig Jahren, berichtet St. Didier, in Venedig an Kurtisanen fehlte, musste die Republik eine grosse Zahl von auswärts herbeischaffen. Doglioni, der über die Denkwürdigkeiten Venedigs geschrieben hat, rühmt die Weisheit der Republik in diesem Punkte: dass sie um die Keuschheit der ehrbaren Frauen und Mädchen besorgt war, die täglich öffentlichen Gewalttätigkeiten ausgesetzt waren, da die Kirchen und geweihten Stätten keine hinreichende Zuflucht für ihre Tugend boten.

Unsere englischen Universitäten wären übel daran, wenn nicht an einigen Kollegien eine monatliche Erlaubnis ad expurgandos renes bestände; und es gab eine Zeit, wo es den Mönchen und Priestern in Deutschland gegen Zahlung einer jährlichen Abgabe an ihren Prälaten gestattet war, sich Konkubinen zu halten. Es wird allgemein angenommen, sagt Bayle, dass Habsucht die Ursache dieser schamlosen Duldung war; wahrscheinlich aber war ihr Zweck der, die Verführung anständiger Frauen zu verhindern und den Argwohn der Ehemänner zu beschwichtigen, deren Unwillen die Geistlichen besser tun zu vermeiden. Aus allem Gesagten erhellt, dass eine Notwendigkeit besteht, einen Teil der Frauen zu opfern, um den andern zu erhalten und eine Sittenverderbnis noch scheusslicherer Art zu verhindern. Woraus ich denn mit Recht schliessen zu dürfen glaube, dass Keuschheit durch Unsittlichkeit aufrechterhalten wird, und die höchste der Tugenden der Beihilfe des schlimmsten der Laster bedarf, – was das scheinbare Paradoxon war, mit dessen Beweise ich mich befasst habe.

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(I.) Der Geiz, dies scheusslich böse Laster
– Keins ist fluchwürdiger und verhasster –,
War Sklav' usw.

Ich habe dem Worte Geiz so viele tadelnde Bezeichnungen beigefügt, weil die grosse Mehrzahl der Menschen über dieses Laster häufiger zu schelten pflegt als über irgendein andres; und in der Tat nicht ohne Berechtigung, denn es lässt sich schwerlich ein Unheil nennen, das es nicht irgendeinmal angestiftet hätte. Der wahre Grund aber, warum sich ein jeder so sehr darüber beklagt, ist der, dass fast jeder darunter leidet. Denn je mehr Geld von einigen aufgehäuft wird, um so spärlicher muss es unter den übrigen werden. Wenn daher Menschen ein grosses Geschrei über Geizhälse machen, so liegt in der Regel Eigeninteresse dabei zugrunde.

Da man ohne Geld nicht leben kann, so sind diejenigen, die keins haben und auch keinen, der ihnen welches schenkt, gezwungen, sich der Gesellschaft in irgendeiner Weise nützlich zu machen, um sich welches zu verschaffen. Nun schätzt aber jeder seine Arbeit ebenso hoch ein wie sich selbst – was gewöhnlich nicht unter dem Wert ist –, so dass die meisten Leute, die das Geld bloss brauchen, um es gleich wieder auszugeben, sich einbilden, sie leisteten mehr dafür, als es wert ist. Die Menschen pflegen, ob sie nun arbeiten oder nicht, den notwendigen Lebensunterhalt ohne weiteres als ihnen von Rechts wegen zukommend anzusehen, weil sie finden, dass die Natur, ohne danach zu fragen, ob sie Lebensmittel haben oder nicht, ihnen zu essen gebietet, sobald sie hungrig sind; weshalb denn jeder darauf bedacht ist, was er braucht, so leicht wie möglich zu erlangen. Wenn daher die Menschen sehen, dass ihre Bemühungen, Geld zu erwerben, grösser oder kleiner sind, je nachdem es die, von denen sie es haben wollen, mehr oder weniger bereitwillig herausrücken, so ist es sehr natürlich, dass sie über den Geiz im allgemeinen entrüstet sind; denn er zwingt sie dazu, entweder ohne das, was sie brauchen könnten, auszukommen oder sich mehr dafür anzustrengen, als sie gern möchten.

Obwohl der Geiz soviel Übles verursacht, ist er doch für die Gesellschaft ganz unentbehrlich, um zu sammeln und aufzulesen, was von dem entgegengesetzten Laster verschleudert und verstreut wird. Gäbe es keinen Geiz, so würden Verschwender nichts zu tun haben, und wenn niemand schneller erwerben und zusammenlegen würde, als er ausgibt, so könnten nur sehr wenige schneller ausgeben, als sie erwerben. Dass er ein Sklave der Verschwendung ist, wie ich ihn nannte, sehen wir an den vielen Geizhälsen, die sich täglich mühen und abarbeiten, darben und sich einschränken, um einen liederlichen Erben reich zu machen. Diese beiden Laster scheinen sich sehr entgegengesetzt, und doch unterstützen sie sich oft. – Florio ist ein leichtsinniger, der Verschwendung ergebener Bursche. Da er der einzige Sohn eines sehr reichen Vaters ist, so lebt er selbstverständlich auf grossem Fusse, hält sich Pferde und Hunde und wirft mit seinem Gelde herum, wie er dies bei einigen seiner Bekannten sieht. Jedoch der alte Knicker will nichts herausgeben und gestattet ihm kaum das Notwendigste. Florio würde sich schon lange auf eigenen Kredit Geld geborgt haben; da aber alles verloren wäre, wenn er vor seinem Vater stürbe, so mag kein verständiger Mensch ihm etwas leihen. Schliesslich hat er den habgierigen Cornaro gefunden, der ihm Geld zu dreissig Prozent überlässt, und nun dünkt sich Florio glücklich und gibt Tausende im Jahre aus. Wo würde Cornaro jemals so fabelhafte Zinsen bekommen haben, hätte es nicht einen solchen Narren wie Florio gegeben, der das Geld, das er bloss hinauswirft, so hoch bezahlt? Und wo würde Florio es herbekommen haben, hätte er nicht einen so gierigen Wucherer wie Cornaro gefunden, der in seiner masslosen Habsucht die Gefahr übersieht, in die er sich begibt, wenn er auf das Leben eines wilden Wüstlings hin so grosse Summen wagt?

Geiz ist nur so lange das Gegenteil von Verschwendung, als er jene schmutzige Liebe zum Gelde und jene Engherzigkeit bezeichnet, die einen Geizhals hindert, sich von seinem Gelde zu trennen, und ihn veranlasst, es zu begehren, bloss um es aufzuhäufen. Aber es gibt noch eine andere Art von Geiz, die in dem gierigen Verlangen besteht, Reichtümer zu besitzen, um viel ausgeben zu können; und diese findet sich oft mit Verschwendungssucht in derselben Person vereinigt, wie an den meisten Höflingen und hohen Beamten, bürgerlichen wie militärischen, zu beobachten ist. In ihren Bauten und Möbeln, Kleidern und Festen entfaltet sich ihre Vornehmheit mit grösster Verschwendung, während die verwerflichen Handlungen, die sie des Profits wegen begehen, und die vielen Betrügereien und Listen, deren sie sich schuldig machen, den äussersten Geiz verraten. Diese Mischung entgegengesetzter Laster macht genau den Charakter Catilinas aus, von dem es hiess, dass er appetens alieni et sui profasus, gierig nach dem Besitz anderer und verschwenderisch mit seinem eigenen war.

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(K.) … der nobelsten der Sünden.

Die Verschwendung, die ich die nobelste der Sünden nenne, ist nicht diejenige, die den Geiz zu ihrem Begleiter hat und die Menschen veranlasst, einigen gegenüber sinnlos zu vergeuden, was sie andern ungerechterweise auspressen, sondern jenes liebenswürdige, gutmütige Laster, das den Handwerker leben und den Kaufmann gedeihen lässt: ich meine die ungetrübte Freigebigkeit leichtsinniger Genussmenschen, die, in Wohlleben erzogen, jede gemeine Profitsucht verabscheuen und lediglich das umherstreuen, was andere mühsam zusammenkratzten; die ihren Neigungen auf eigene Kosten frönen und die dauernde Genugtuung haben, altes Gold gegen neue Lust umzutauschen, wobei sie sich freilich durch ihr übertrieben weitherziges, freies Wesen allzu grosser Verachtung dessen schuldig machen, was die meisten andern Leute überschätzen.

Wenn ich mich so auszeichnend über dieses Laster ausspreche und ihm soviel Billigung und Nachsicht widerfahren lasse, so liegt mir dabei derselbe Umstand am Herzen, der mich veranlasste, seinem Gegenteile so viele schlimme Namen beizulegen, nämlich das Interesse der Allgemeinheit, »des Ganzen Gewinn«. Denn wie der Geizige sich selbst nichts antut und alle anderen ausser seinen Erben schädigt, so ist der Verschwender ein Segen für die ganze Gesellschaft und schadet einzig und allein sich selbst. Es ist freilich richtig: wie jener meistens ein Schurke ist, so ist dieser stets ein Narr. Indessen, für die Allgemeinheit sind sie höchst leckere Bissen und können mit gleichem Rechte, wie die Franzosen die Mönche »Rebhühner für die Weiber« nennen, als Schnepfen der Gesellschaft bezeichnet werden. Gäbe es keine Verschwendung, so könnte uns nichts für die Räuberei und Erpressung gewalttätiger Habsucht entschädigen. Wenn ein habgieriger Minister seinen Abschied genommen hat, nachdem er sich sein ganzes Leben lang durch Ausbeutung des Volkes gemästet und durch Bedrückung und Ausplünderung ein enormes Vermögen zusammengescharrt hat, so sollte es jeden guten Staatsbürger mit Freude erfüllen, wenn er die sinnlose Vergeudung seines Sohnes sieht. Auf diese Weise fliesst eben der Öffentlichkeit wieder zu, was ihr vorher geraubt worden war. Entziehung von Schenkungen ist eine barbarische Art und Weise, jemanden zum Bettler zu machen, und es ist unanständig, einen Menschen schneller zu ruinieren, als er selbst tut, wenn er es mit solchem Eifer betreibt. Gibt er nicht unzähligen Hunden jeder Art und Grösse zu fressen, obgleich er nie auf die Jagd geht; hält er nicht mehr Pferde aus als irgendein Edelmann im ganzen Reiche, obgleich er nie eins reitet; und gibt er nicht für manche ordinäre Weibsperson soviel her, wie er für eine Gräfin brauchen würde, obgleich er nie eine anrührt? Ist er nicht noch verschwenderischer in dem, was er wirklich in Anspruch nimmt? Lasst ihn also ruhig machen, oder lobt ihn, nennt ihn einen edelgesinnten Herrn, mildtätig, grossmütig und gütig, – und in ein paar Jahren wird er sich schon auf seine Weise an den Bettelstab gebracht haben. Solange das Volk das Seinige wieder zurückbekommt, sollten wir uns nicht über die Art und Weise aufregen, wie der Raub zurückgezahlt wird.

Ich weiss, dass viele von den Gemässigten, die allen Extremen abhold sind, mir sagen werden, an die Stelle der beiden Laster, von denen ich spreche, könnte doch sehr gut Genügsamkeit treten, und die Menschen würden, wenn sie ihr Geld nicht auf so mannigfache Weise verschleudern könnten, nicht dazu verführt werden, sich zu seiner Erlangung so verwerflicher Mittel zu bedienen; und dadurch endlich würde dieselbe Zahl von Menschen, indem sie beide Extreme gleichmässig vermiede, ohne sie glücklicher und weniger lasterhaft werden, als sie mit ihnen zu sein vermag. Wer so argumentiert, beweist, dass er ein besserer Mensch als Politiker ist. Genügsamkeit ist wie Redlichkeit eine Tugend für arme Hungerleider und passt bloss für kleine Gemeinschaften guter, friedlicher Menschen, die mit ihrer Armut zufrieden sind, wenn sie dabei in Ruhe leben können; ein grosses, rastlos tätiges Volk würde aber sehr bald genug davon haben. Sie ist eine träge, verschlafene Tugend, die niemandem zu tun gibt, und daher höchst unbrauchbar in einem Handelsstaate, wo es zahllose Menschen hat, die auf irgendeine Weise beschäftigt werden müssen. Die Verschwendungssucht erfindet unaufhörlich etwas Neues, um die Leute in Tätigkeit zu setzen, woran bei Genügsamkeit nimmermehr zu denken ist; und wie sie imstande ist, mit ungeheuren Reichtümern fertigzuwerden, so kennt wieder der Geiz zahllose Kniffe, um sie zusammenzuscharren, von denen die Genügsamkeit sich scheuen würde, Gebrauch zu machen.

Schriftstellern ist immer gestattet, Kleines mit Grossem zu vergleichen, besonders wenn sie vorher um Erlaubnis dazu bitten: si licet exemplis etc.; aber grosse Dinge mit unbedeutenden Kleinigkeiten in Parallele zu setzen, ist unstatthaft, ausser in einer Burleske. Sonst würde ich den sozialen Organismus – ich gestehe, das Gleichnis ist sehr kläglich – einer Punschbowle vergleichen. Der Geiz soll das Säuerliche und die Verschwendung das Versüssende darin sein. Das Wasser würde dann die Unwissenheit, Torheit und Leichtgläubigkeit der eindruckslos dahinlebenden Menge bedeuten; Weisheit, Ehrgefühl, Tapferkeit und die übrigen erhabenen menschlichen Eigenschaften hingegen, die, wenn mit Kunst von der Hefe des Natürlichen getrennt, die Glut der Ruhmbegierde zu etwas Geistigem umgewandelt und verflüchtigt hat, – diese würden das Äquivalent für die zugehörigen Spirituosen bilden. Wenn ein Türke, Lappländer oder sonst ein Uneingeweihter von anderswoher, der das angenehme Genussmittel nicht kennt, die verschiedenen Ingredienzien für sich kostete, so würde er es zweifellos für unmöglich halten, dass sie ein leidliches Getränk ergeben könnten. Die Zitronen würden zu sauer, der Zucker zu süss sein; vom Kognak würde er sagen, er wäre zu stark, um in erheblicher Quantität getrunken zu werden, und das Wasser würde er eine fade Flüssigkeit nennen, die bloss für Kühe und Pferde passt. Indes wissen wir aus Erfahrung, dass die erwähnten Ingredienzien, wenn in richtigem Verhältnis gemischt, ein ausgezeichnetes Getränk bilden, das von Feinschmeckern geschätzt und gern genossen wird.

In bezug auf unsere beiden Laster im besonderen könnte ich den Geiz, der soviel Unheil anrichtet und von jedem, der kein Knicker ist, gescholten wird, einer ätzenden Säure vergleichen, die unsern Gaumen zusammenzieht und jedem nicht entarteten Geschmack widersteht; den bunten Putz, die elegante Einrichtung eines verschwenderischen Gecken könnte ich durch die glitzernde Pracht köstlichen Hutzuckers versinnbildlichen. Denn wie das eine, indem es die Schärfe mildert, den Schaden verhütet, den eine beissende Säure den Eingeweiden zufügen würde, so ist das andere ein angenehmer, heilender Balsam, der die Pein wieder gutmacht, die die Geizigen der Menschheit zu bereiten pflegen; während beide, richtig miteinander vermengt, sich gegenseitig aufheben und für die entsprechenden Gesamtheiten, denen sie angehören, als vorteilhaft erweisen. Ich könnte dieses Gleichnis bis in die Einzelheiten und die genaueren Verhältnisse, die dabei in Betracht kommen, weiterführen, wobei sich zeigen würde, wie wenig irgendwelche Ingredienzien in jeder der beiden Mischungen zu entbehren sind. Jedoch ich will meinen Leser nicht durch übertriebene Ausführung eines spasshaften Vergleichs ermüden, da ich ihn mit anderen Gegenständen von grösserer Wichtigkeit zu unterhalten vorhabe. Um zusammenzufassen, was ich in dieser und der vorhergehenden Anmerkung gesagt habe, will ich nur hinzufügen, dass ich Geiz und Verschwendung innerhalb der Gesellschaft in derselben Weise betrachte wie zwei entgegengesetzte Gifte in einer Arznei, wo sicherlich die schädlichen Eigenschaften, durch wechselweise Abstumpfung gemildert, sich gegenseitig unterstützen und zusammen oft eine gute Heilwirkung ausüben.

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(L.) … durch den Luxus finden
Millionen Armer sich erhalten.

Wenn alles Luxus sein soll – wie es strenggenommen müsste, – was nicht unbedingt dazu erforderlich ist, dem Menschen bloss als lebendem Wesen die Existenz zu ermöglichen, so gibt es überhaupt weiter nichts auf der Welt als Luxus, sogar auch bei den nackten Wilden. Denn es ist nicht anzunehmen, dass es unter diesen welche gibt, die nicht bis jetzt ihre frühere Lebensgestaltung irgendwie verbessert hätten und in der Zubereitung ihrer Nahrung, der Einrichtung ihrer Hütten oder in sonst etwas gegen das, was ihnen früher genügte, um einiges fortgeschritten wären. Eine solche Definition, wird jeder sagen, ist zu streng. Ich bin derselben Meinung, fürchte aber, wenn wir von dieser Strenge nur um einen Zoll nachlassen, wissen wir nicht mehr, wo wir dann Halt machen sollen. Wenn uns die Leute mitteilen, dass sie sich doch bloss hübsch sauber halten wollen, so ist damit nichts Rechtes anzufangen. Falls sie diese Worte in ihrem wahren, eigentlichen, buchstäblichen Sinne fassen, dürfte ihnen ohne viel Mühe oder Kosten gar bald geholfen sein, vorausgesetzt, dass es ihnen nicht an Wasser fehlt. Aber diese beiden kleinen Adjektive sind, besonders in der Sprache einiger Damen, so inhaltreich, dass kein Mensch zu erraten vermag, was sie möglicherweise alles einschliessen. Der zum Leben nötige Komfort ist gleichfalls etwas so Unbestimmtes und Dehnbares, dass niemand sagen kann, was die Leute darunter verstehen, solange er ihre Lebensführung nicht kennt. Dieselbe Unklarheit finde ich in den Worten »schicklich« und »passend«, bei denen ich mir nichts vorstellen kann, ausser wenn mir die gesellschaftliche Stellung der Personen, die sie gebrauchen, bekannt ist. Die Leute mögen zusammen zur Kirche gehen und noch so sehr alle von derselben Gesinnung erfüllt sein, – ich bin geneigt zu glauben, dass, wenn sie um ihr »täglich Brot« bitten, der Bischof mancherlei in sein Gebet einschliesst, woran der Küster absolut nicht denkt.

Mit dem bisher Gesagten wollte ich zeigen: wenn wir einmal davon abgehen, alles Luxus zu nennen, was nicht unbedingt notwendig ist, um einen Menschen am Leben zu erhalten, so gibt es überhaupt keinen Luxus. Denn wenn die Bedürfnisse der Menschen ins Endlose gehen, dann hat auch, was ihnen gerecht werden soll, keine Grenzen. Was man als für eine Bevölkerungsklasse überflüssig ansieht, erscheint für solche von höherer Stellung unentbehrlich. Weder Natur noch Menschenhand kann etwas hervorbringen, was so sonderbar oder extravagant wäre, dass es nicht irgendein allergnädigster Fürst, wenn es zu seinem Wohlbefinden oder Vergnügen beiträgt, zu den Notwendigkeiten des Lebens rechnete, – versteht sich: nicht des Lebens eines jeden, sondern desjenigen seiner geheiligten Person.

Es ist eine weit verbreitete Anschauung, dass der Luxus für den Wohlstand des Staatsganzen ebenso verderblich sei wie für den eines einzelnen Individuums, und dass die Sparsamkeit als Nationalcharakter ein Land in derselben Weise bereichert, wie sie in beschränkterer Gestalt das Vermögen einzelner Familien vermehrt. Obgleich ich Männer von viel grösserem Verstand als dem meinigen kenne, die dieser Meinung sind, so kann ich doch nicht umhin, in diesem Punkte von ihnen abzuweichen. Sie argumentieren folgendermassen. Wir senden, sagen sie, z. B. nach der Türkei jährlich für eine Million an Wollwaren und anderen selbstgefertigten Artikeln; dafür bringen wir Seide, Atlas, Drogen usw. zum Werte von zwölfhunderttausend Pfund zurück, die alle bei uns zu Hause ausgegeben werden. Dabei, sagen sie, haben wir keinen Gewinn. Wenn aber die Mehrzahl von uns mit unseren eigenen Produkten zufrieden wäre und wir so bloss die Hälfte von jenen ausländischen Waren konsumierten, dann müssten die Leute in der Türkei, die immer noch dieselbe Quantität von unseren Waren brauchten, für den Rest bares Geld zahlen. So würde durch dieses Verhältnis von Ein- und Ausfuhr allein das Volk sechshunderttausend Pfund pro Jahr einnehmen.

Um die Stichhaltigkeit dieser Behauptung zu prüfen, wollen wir – wie man stets gern tut – annehmen, in England würde nur halb so viel Seide usw. wie gegenwärtig verbraucht. Wir wollen ferner annehmen, dass die Türken trotz unserer Weigerung, ihnen mehr als die Hälfte unseres sonstigen Bedarfs von ihren Waren abzukaufen, doch nicht ohne die gleiche Quantität englischer Fabrikate sein können oder auch wollen, und dass sie den Überschuss in Geld bezahlen, d. h. uns ebensoviel Gold oder Silber geben werden, als der Wert dessen, was sie von uns kaufen, den Wert dessen, was wir von ihnen kaufen, übersteigt. Jedoch, ein Jahr hindurch möchte vielleicht, was wir annehmen, geschehen; es ist aber unmöglich, dass dies dauernd der Fall sein sollte. Kaufen ist Tauschen, und kein Volk kann von einem andern Waren kaufen, wenn es nicht selbst welche hat, mit denen es kaufen kann. Spanien und Portugal, die aus ihren Minen jedes Jahr mit neuem Gold und Silber versorgt werden, mögen nur immer für bares Geld kaufen, solange ihr jährlicher Zuwachs an Gold oder Silber fortdauert; aber dann ist eben das Geld ihr Produkt und das Handelsgut ihres Landes. Wir wissen, dass wir die Waren fremder Nationen nicht lange weiter einkaufen könnten, wenn sie nicht unsere Fabrikate dafür in Zahlung nähmen; und warum sollen wir von anderen Nationen andres erwarten? Wenn in der Türkei das Geld ebensowenig vom Himmel fällt wie bei uns, so sehen wir zu, was die Folge unserer Voraussetzung sein würde. Dadurch dass wir ihnen das erste Jahr an Seide, Atlas usw. für sechshunderttausend Pfund weniger abnehmen, müssen diese Waren beträchtlich im Preise fallen. Dies wird den Holländern und Franzosen ebensosehr zugutekommen wie uns; und wenn wir uns auch fernerhin weigern, ihre Güter für unsere Fabrikate in Zahlung zu nehmen, so können sie eben nicht länger mit uns Handel treiben und müssen sich begnügen, ihren Bedarf bei solchen Nationen zu decken, die annehmen, was wir zurückweisen, selbst wenn deren Ware viel schlechter als die unsrige ist. Auf diese Weise müssten unsere Handelsbeziehungen zur Türkei in wenigen Jahren vollständig aufhören.

Um die von mir beschriebenen üblen Folgen zu vermeiden, wird man vielleicht vorschlagen, dass wir die türkischen Waren wie früher einführen, hingegen uns damit begnügen sollen, selbst nur die Hälfte davon zu verbrauchen, um den Rest nach auswärts zu verkaufen. Sehen wir zu, wohin das führt, und ob die Nation bei dieser Bilanz wirklich ihre sechshunderttausend Pfund gewinnt. Zunächst will ich annehmen, dass infolge des erhöhten Verbrauchs eigener Fabrikate diejenigen, die in der Seiden- und Atlasbranche und dergl. beschäftigt waren, durch die gesteigerte Verarbeitung der wollenen Waren tatsächlich ihren Lebensunterhalt erwerben. Dagegen kann ich weiterhin nicht zugeben, dass diese Waren dann auch denselben Absatz wie früher finden würden. Denn gesetzt auch, die zu Hause verbrauchte Hälfte wird zu dem gleichen Preise wie zuvor verkauft, so wird doch bei der anderen nach auswärts versandten Hälfte sehr viel dazu fehlen, da wir diese ja nach schon versorgten Plätzen schicken müssen. Hierzu kommen dann ausserdem Fracht, Versicherung, Provision und sonstige Abzugskosten; und die Kaufleute müssen, im ganzen genommen, an dieser abermals verladenen Hälfte viel mehr verlieren, als sie an der bei uns verbrauchten Hälfte verdienen. Denn obwohl die Wollwaren bei uns selbst produziert werden, kommen sie doch dem Kaufmann, der sie nach fremden Ländern verfrachtet, ebenso hoch zu stehen wie dem Ladeninhaber, der sie hier verkauft. Soviel ist also klar: was er exportiert, muss ihm, nicht bloss was ihm seine Ware hier kostet, sondern auch alle übrigen Ausgaben einbringen, die ihm erwachsen, bis er sein Geld samt gehörigen Zinsen bar in Händen hält; geschieht dies nicht, so ist er ruiniert. Das Ende vom Liede würde daher sein, dass die Kaufleute überhaupt, da sie bei ihrem ganzen Handel mit türkischen Waren doch nur Verluste hätten, von unseren heimischen Fabrikaten nicht mehr verschiffen würden, als ihnen die entsprechende hier verbrauchte Menge Seide, Atlas usw. einbrächte. Andere Nationen würden bald Mittel und Wege finden, um das, was wir zu wenig liefern, herbeizuschaffen und auf irgendeine Weise die von uns zurückgewiesenen Waren loszuwerden. So dass schliesslich bei dieser Sparsamkeit weiter nichts herauskommen würde als dies, dass die Türken von uns nur die Hälfte der bisherigen Quantität unserer Fabrikate kauften, während wir ihnen ihre Waren abnähmen, ohne die sie doch nicht imstande sind, sich die unserigen zu verschaffen.

Da ich zu meinem Verdruss im Laufe mehrerer Jahre eine Menge von Leuten getroffen habe, die gegen diese Ansicht sehr empfindlich waren und stets glaubten, dass ich mich in meiner Berechnung getäuscht habe, so bereitete es mir schliesslich ein grosses Vergnügen, als ich sah, dass die hohe Volksvertretung sich auf denselben Standpunkt stellt, wie aus einer Parlamentsakte vom Jahre 1721 deutlich hervorgeht. In dieser wendet sich die Regierung sehr scharf gegen eine mächtige und geschätzte Handelsgesellschaft und ignoriert höchst gewichtige Nachteile im eigenen Lande, um den Handel mit der Türkei zu fördern; sie ermutigt nicht nur den Verbrauch von Seide und Mohair, sondern zwingt die Untertanen unter Strafandrohung zu deren Verwendung, ob sie nun wollen oder nicht.

Was dem Luxus ausserdem zur Last gelegt wird, ist, dass er Habgier und Raubsucht begünstigt, und dass, wo diese herrschen, die wichtigsten Vertrauensstellungen gekauft und verschachert, die Beamten, die dem Gemeinwesen dienen sollten, – ob hoch oder niedrig – korrumpiert und die Länder jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt werden, von dem am meisten Bietenden verraten zu werden; schliesslich, dass er das Volk verweichlicht und entnervt, wodurch das Land eine leichte Beute für den ersten besten Eindringling wird. Das sind freilich schreckliche Dinge; indes, was hier dem Luxus zugeschrieben wird, kommt auf Rechnung allgemeiner Misswirtschaft und ist die Schuld schlechter Staatsverwaltung. Jede Regierung soll das Interesse des Landes genau kennen und unbeirrt verfolgen. Fähige Politiker vermögen jederzeit durch geschickte Veranstaltungen den Handel in Bahnen zu leiten, die ihnen empfehlenswert erscheinen, indem sie nämlich manche Waren recht hoch besteuern oder gänzlich verbieten und die Abgaben auf andere erniedrigen. Sie werden den Handel mit solchen Ländern, die mit Geld wie auch mit Waren Zahlung leisten können, wenn er sonst ebenso beträchtlich ist, stets dem mit anderen vorziehen, die bloss Güter umsetzen, wie sie bei ihnen selbst produziert werden. Ebenso werden sie auch stets den Verkehr mit solchen Nationen sorgsam vermeiden, die die Waren der anderen zurückweisen und für ihre eigenen ausschliesslich Geld annehmen wollen. Vor allem aber werden sie auf die Handelsbilanz im allgemeinen ein wachsames Auge haben und niemals dulden, dass die Gesamtheit der innerhalb eines Jahres importierten fremden Waren dasjenige an Wert übersteigt, was in derselben Zeit von ihren eigenen Gütern und Fabrikaten nach auswärts exportiert wird. Wohlgemerkt: ich spreche nur von dem Interesse solcher Nationen, die keine Gold- oder Silberquellen besitzen; andernfalls brauchen diese Grundsätze nicht so strikt befolgt zu werden.

Wenn dieser letzte Punkt genau beachtet wird und man die Einfuhr nie grösser als die Ausfuhr werden lässt, so wird es auch niemals vorkommen, dass eine Nation infolge des Verbrauchs von ausländischen Luxusartikeln verarmt. Sie mag ihn beliebig steigern, wenn sie nur ihren eigenen Vorrat, gegen den jene eingetauscht werden sollen, in entsprechendem Verhältnis vergrössert.

Handel und Gewerbe sind das wichtigste, aber nicht das einzige Erfordernis zum Gedeihen eines Volkes; nebenher ist noch manches andere zu beachten. Mein und Dein müssen gehütet, Verbrechen bestraft, überhaupt alle die Rechtsausübung betreffenden Gesetze weise ersonnen und streng gehandhabt werden. Die äusseren Angelegenheiten müssen gleichfalls mit Umsicht verwaltet werden. Die Minister sollten eine genaue Kenntnis der auswärtigen Lage haben und wohlbekannt sein mit den politischen Vorkommnissen in allen den Ländern, die ihnen infolge ihrer Nachbarschaft, Stärke oder Interessen verderblich oder förderlich zu sein vermögen, damit sie die entsprechenden Massregeln ergreifen können, indem sie die einen schädigen, den anderen helfen, wie es gerade Politik und herrschende Machtverhältnisse erfordern. Die Menge ist zu respektieren; auf das Gewissen der Menschen darf kein Zwang ausgeübt und der Geistlichkeit nicht mehr Beteiligung an Regierungsgeschäften gestattet werden, als der Stifter unserer Religion ihr in seinem Testament zugewiesen hat. Dies sind die Künste, die zu weltlicher Grösse führen. Keine über ein ansehnliches Volk herrschende Staatsgewalt, die einen guten Gebrauch von ihnen macht – handle es sich nun um eine Monarchie, eine Republik oder ein Mittelding zwischen beiden, – wird je verfehlen, dieses Volk trotz aller anderen Mächte auf Erden gross und blühend zu machen, und nie wird Luxus oder ein anderes Laster imstande sein, sein Fortbestehen zu gefährden. – Hier aber, erwarte ich, wird sich ein lautes Geschrei gegen mich erheben: Was! Hat nicht Gott schon manches stolze Volk für seine Sünden gestraft und verderbt? – Gewiss, aber doch nicht so ohne weiteres, sondern indem er seine Regenten untüchtig machte und zuliess, dass sie entweder allen oder auch nur einigen jener oben aufgezählten allgemeinen Grundsätze entgegenhandelten. Von all den herrlichen Ländern und Reichen, von denen die Geschichte bis jetzt zu berichten weiss, kam keines je zu Fall, an dessen Untergang nicht hauptsächlich die politische Unfähigkeit, Nachlässigkeit oder Misswirtschaft der Regierenden schuld war.

Zweifellos entspringt für ein Volk und seine Nachkommenschaft mehr Kraft und Gesundheit aus Mässigkeit und Nüchternheit als aus Völlerei und Trunksucht. Indessen muss ich gestehen, dass ich mir in betreff der Verweichlichung und Entnervung einer Nation durch Luxus jetzt keine so schreckliche Vorstellung mehr mache wie früher. Wenn wir von uns gänzlich fremden Dingen hören oder lesen, so bringen sie uns in der Regel solche Vorstellungen von uns Bekanntem ins Gedächtnis, wie sie ihnen unseres Erachtens am nächsten kommen müssen. So erinnere ich mich, als ich von dem Luxus der Perser, Ägypter und anderer Völker las, wo er allgemein herrschte und Verweichlichung und Entnervung bewirkte, dass ich da manchmal an die Fress- und Saufgelage niederer Handwerker bei einem Stadtfeste und die scheusslichen Auftritte denken musste, die meistens bei diesen Orgien vorkommen. Ein andermal fiel mir das tolle Treiben ausgelassener Matrosen ein, wie ich sie in Gesellschaft eines halben Dutzends gemeiner Frauenzimmer, mit Musikanten voran, brüllend einherziehen gesehen habe; und wäre ich in eine ihrer grossen Städte geführt worden, so hätte ich erwartet, ein Drittel aller Leute mit verdorbenem Magen krank im Bette, ein anderes Drittel an Gicht darniederliegend oder durch noch schändlichere Übel entstellt zu finden, und den Rest, der noch ohne geführt zu werden gehen konnte, in Weiberröcken auf den Strassen herumlaufen zu sehen.

Es ist ein Glück für uns, dass uns Furcht zurückhält, solange unser Verstand noch nicht stark genug ist, um unsere Triebe zu lenken; und ich glaube, dass die Angst, die ich insbesondere vor dem Worte »entnerven« und einigen etymologisch damit verknüpften Dingen hatte, für mich von unschätzbarem Werte war, als ich noch in die Schule ging. Seitdem ich mich aber etwas in der Welt umgesehen habe, erscheinen mir die Folgen des Luxus für eine Nation nicht mehr so schrecklich wie ehedem. Solange die Menschen dieselben Begierden haben, werden auch dieselben Laster bestehen bleiben. In allen umfangreichen Gemeinschaften werden immer einige der Unzucht und andere dem Trunke ergeben sein. Die Wollüstigen, die kein nettes, anständiges Weib kriegen können, werden sich mit ordinären Schlumpen begnügen, und wer nicht imstande ist, sich echten Rheinwein oder Bordeaux zu kaufen, wird gern mit geringerem Landwein vorliebnehmen. Die sich überhaupt keinen Wein leisten können, greifen zu schlechteren Spirituosen, und ein Soldat oder Bettler kann sich an Dünnbier oder Getreidekorn ebensosehr betrinken wie ein Lord an Burgunder, Champagner oder Tokaier. Die billigste und ordinärste Art, seinen Leidenschaften zu frönen, schadet der Gesundheit eines Menschen in gleichem Masse wie die vornehmste und kostspieligste.

Ganz besonders grosser Luxus wird in Bauten, Möbeln, Equipagen und Kleidern getrieben. Jedoch, reines Linnen schwächt einen Menschen nicht mehr als Flanell; Tapeten, schöne Malereien oder gediegene Täfelung sind nicht ungesünder als kahle Wände; und eine Staatskarosse oder eine vergoldete Kutsche sind nicht entnervender als der kalte Fussboden eines Landwagens. Die raffinierten Tafelfreuden feingebildeter Menschen sind nur selten ihrer Gesundheit nachträglich, und viele von den grossen Epikureern pflegen nicht mehr zu essen oder zu trinken, als ihr Kopf oder Magen vertragen kann. Ein Genussmensch kann so vorsichtig leben wie nur irgendeiner, und die Missgriffe des liederlichsten Verschwenders bestehen nicht sowohl in der häufigen Wiederholung seiner Ausschweifungen und seinem unmässigen Essen und Trinken – was ihn am meisten entnerven würde –, als vielmehr in den umständlichen Vorkehrungen, den übertrieben kostbaren und eleganten Einrichtungen, mit denen er sich umgibt, und den ungeheuren Ausgaben, die seine Mahlzeiten und seine Liebschaften erfordern.

Aber nehmen wir auch mal an, dass das bequeme und luxuriöse Leben, das die Vornehmen und Reichen in jedem grossen Lande führen, sie unfähig mache, Anstrengungen zu ertragen und die Strapazen eines Krieges auszuhalten. Ich räume ein, dass die Mehrzahl der Gemeinderäte der Stadt nur sehr mässige Infanteristen abgeben würde, und glaube herzlich gern, wenn unsere Kavallerie aus Ratsherren und solchen, wie die meisten von ihnen sind, bestände, so würde ein kleiner Trupp von Feuerwerkern genügen, um sie in die Flucht zu jagen. Allein, was haben die Ratsherren und überhaupt alle Leute in höherer Stellung mit der Kriegsführung zu tun, ausser dass sie die Kosten zum grössten Teile tragen müssen? Die Anstrengungen und Mühsale des Krieges fallen, soweit sie von einzelnen Personen zu ertragen sind, auf diejenigen, die auch sonst ein hartes Leben haben, auf die niederen, ärmeren und schwer arbeitenden Volksschichten. Denn wie gross auch der Wohlstand und der Luxus bei einer Nation sein mögen, irgend jemand muss halt doch arbeiten: Häuser und Schiffe müssen gebaut, Waren transportiert, der Grund und Boden bestellt werden. Eine solche Mannigfaltigkeit von Arbeiten erfordert in jedem grossen Lande ein ungeheures Menschenmaterial, in dem sich jederzeit genügend viele liederliche, träge und abenteuerlich veranlagte Leute finden, um eine Armee zu bilden. Alle, die zum Hacken und Graben, Pflügen und Dreschen kräftig genug, oder nicht zu verweichlicht sind, um Tuchwirker, Schmiede, Tischler, Holzhacker, Lastträger oder Karrenschieber zu sein, werden sich auch stets als hinlänglich stark und unternehmend erweisen, um in ein oder zwei Feldzügen tüchtige Soldaten abzugeben; und diesen fällt, wo gute Disziplin herrscht, selten so viel zu, dass es ihnen irgendwelchen Schaden zufügen könnte.

Der Nachteil also, der für das Militär infolge von Luxus zu befürchten wäre, kann sich ausschliesslich auf die Offiziere beschränken. Die höchstgestellten unter ihnen sind entweder Männer von sehr hoher Abkunft und vornehmer Erziehung oder von aussergewöhnlichem Talent und nicht geringerer Erfahrung; jeder, der von einer einsichtigen Regierung zum Befehl über eine Armee ausersehen wird, muss eine gründliche Kenntnis im ganzen Kriegswesen, Unerschrockenheit, um inmitten der Gefahr kaltblütig zu bleiben, und viele andere Eigenschaften besitzen, wie sie durch Ausdauer und Fleiss in Menschen von scharfem Verstande, vorzüglichen Anlagen und grenzenlosem Ehrgeiz sich herausbilden. Starke Muskeln und gelenkige Glieder sind von verschwindendem Vorteil bei Persönlichkeiten ihres Ranges und Ansehens, die im Bett liegend ganze Städte zerstören und bei Tische sitzend ein Land unterwerfen können. Da sie im allgemeinen Männer von hohem Alter sind, so wäre es lächerlich, volle Gesundheit und Beweglichkeit von ihnen zu verlangen; falls nur in ihrem Kopfe noch alles frisch und in Ordnung ist, hat's nicht viel zu sagen, wie es mit dem übrigen Körper steht. Wenn ihnen das Sitzen auf dem Pferde zu anstrengend ist, so mögen sie im Wagen fahren oder sich in Sänften tragen lassen. Eines Menschen Tatkraft und Einsicht leidet nicht unter seinen körperlichen Gebrechen; der beste General, den der König von Frankreich gegenwärtig hat, kann sich kaum von der Stelle rühren. Die unmittelbar unter dem Oberbefehlshaber stehen, müssen annähernd von gleichen Fähigkeiten sein und sind in der Regel Männer, die sich durch ihre Verdienste zu jenen Stellungen emporgearbeitet haben. Alle anderen Offiziere sind ihrem Range entsprechend gezwungen, einen so bedeutenden Teil ihres Gehalts auf Kleidung, Ausrüstung und andere, vom zeitgemässen Luxus als notwendig bezeichnete Dinge auszugeben, dass sie nur wenig Geld für Ausschweifungen übrig behalten. Denn in dem Masse, wie sie avancieren und ihr Einkommen steigt, sind sie auch verpflichtet, ihren gesamten äusseren Aufwand zu vergrössern, der stets im richtigen Verhältnis zu ihrem Range stehen muss. Auf diese Weise bleibt die Mehrzahl von ihnen vor Exzessen bewahrt, die ihrer Gesundheit schädlich sein könnten. Indem aber so ihre Verschwendung in andere Bahnen geleitet wird, dient sie dazu, ihren Stolz und ihre Eitelkeit zu erhöhen, und diese sind es ja doch hauptsächlich, was sie dazu antreibt, sich entsprechend dem, wofür sie gern gelten möchten, zu benehmen.

Nichts verfeinert die Menschen mehr als Liebe und Ehrgefühl. Diese beiden bilden ein Äquivalent für viele Tugenden, daher denn die beste Schule des Anstands und guter Sitten Höfe und Armeen sind, – die einen, um die Frauen, die anderen, um die Männer auszubilden. Wonach die Offiziere zivilisierter Nationen im allgemeinen vorzugsweise streben, ist eine gründliche Kenntnis der Welt und des Ehrenkodex, ein gewisses Air von Freimut und Rechtschaffenheit, wie es erfahrenen Kriegsmännern geziemt, und eine solche Mischung von Zurückhaltung und Entschiedenheit, als gerade erforderlich ist, um für höflich und tapfer zu gelten. Nicht eine ausschweifende, sondern eine glänzende Lebensweise ist das Ziel aller vornehmen Offiziere, und der Wunsch der Luxuriösesten in den verschiedenen Rangstufen ist, elegant auftreten zu können und sich in der Vornehmheit ihres Äusseren, ihrer Manieren und Lebensgenüsse sowie in dem Rufe eines sicheren Urteils über ihre gesamte Umgebung gegenseitig zu übertreffen.

Sollte es jedoch unter den Offizieren mehr zuchtlose Leute geben als in anderen Berufsklassen, was nicht der Fall ist, so werden doch selbst die ausschweifendsten unter ihnen Tüchtiges leisten, falls sie nur eine grosse Portion Ehrgefühl besitzen. Dieses ist es, was eine Menge von Fehlern in ihnen verdeckt und aufwiegt, dieses ist es auch, was jeder für sich in Anspruch nimmt, wie vergnügungssüchtig er auch sein mag. Da aber kein Argument so überzeugend ist wie die Erfahrung, so erinnern wir uns einmal dessen, was sich kürzlich in unseren beiden letzten Kriegen mit Frankreich zutrug. Wieviel junge, unreife Leutchen haben wir nicht in unseren Armeen gehabt, die artig erzogen, zierlich gekleidet und gar gewählt in ihren Mahlzeiten waren, und die sich doch allen militärischen Vorschriften mit Mut und Freudigkeit fügten!

Wer so schreckliche Befürchtungen in betreff der entnervenden und verweichlichenden Wirkung des Luxus hegt, der hätte in Flandern und Spanien sehen sollen, wie aufgeputzte Stutzer mit Spitzenhemden und Puderperücken bis dicht vor den Kanonen ebenso gelassen im Feuer standen, als es einem stinkenden Schmutzkerl möglich gewesen wäre, sich seiner Haut zu erwehren, obgleich er sie seit einem Monat nicht gewaschen hätte; er wäre zahllosen rohen Wüstlingen begegnet, die wirklich ihre Gesundheit ruiniert und ihren Körper durch Ausschweifungen mit Wein und Weibern geschwächt hatten und doch ihren Feinden mit Umsicht und Tapferkeit entgegentraten. Ein robuster Körper ist das wenigste, was ein Offizier braucht, und falls Stärke gelegentlich von Nutzen ist, so wird eine sichere Geistesgegenwart, wie sie Aussicht auf Beförderung, Nacheiferung und Ruhmbegierde verleihen, im Nu an die Stelle physischer Kraft treten.

Diejenigen, die ihr Metier verstehen und ein hinreichend lebhaftes Ehrgefühl besitzen, um sich im Augenblick der Gefahr zu bewähren, werden jederzeit fähige Offiziere sein, und ihr Luxus wird, solange sie bloss ihr eigenes Geld ausgeben, der Nation keinen Schaden zufügen.

Hiermit glaube ich alles klargestellt zu haben, was ich in dieser Anmerkung über den Luxus zu sagen vorhatte. Erstens, dass in gewissem Sinne alles und jedes so genannt werden kann, und dass es in einem andern dergleichen überhaupt nicht gibt. Zweitens, dass bei weiser Regierung jedes Volk, ohne dadurch zu verarmen, so sehr in ausländischen Luxusartikeln schwelgen darf, wie es ihm der Verkauf seiner eigenen Produkte gestattet. Und schliesslich, wo die militärischen Angelegenheiten mit der erforderlichen Einsicht betrieben und die Soldaten gut bezahlt und in strenger Disziplin gehalten werden, dass da eine wohlhabende Nation in vollkommener Ruhe und Zufriedenheit leben und dabei allerorts so viel Pracht und Raffiniertheit zeigen darf, wie Menschenwitz ersinnen kann, und doch gleichzeitig ihren Nachbarn furchtbar sein und in die Lage der Bienen in der Fabel gelangen kann, von denen ich sage:

In Krieg und Frieden warb mit Kunst
Manch fremde Macht um ihre Gunst,
Ihr Überfluss an Geld und Leben
Liess immer sie den Ausschlag geben.

Weiteres über den Luxus findet man in den Anmerkungen (M.) und (Q.)

*

(M.) Auch durch den Stolz, den alle schalten.

Stolz oder Selbstgefühl ist jene Naturanlage, vermöge deren sich jeder Sterbliche einbildet, besser und mehr wert zu sein, als ein unparteiischer Beurteiler, der mit allen seinen Eigenschaften und Lebensumständen gründlich bekannt wäre, ihm würde zugestehen können. Wir besitzen keine andere für die Gesellschaft so erspriessliche und für ihr Gedeihen und Blühen so notwendige Eigenschaft wie diese, und doch wird gerade sie am allgemeinsten verabscheut. Sehr bemerkenswert an dieser unserer Anlage ist, dass diejenigen, denen sie am meisten zukommt, am wenigsten bereitwillig sind, sie bei anderen zu ertragen, während die Hässlichkeit anderer Fehler gerade von denen am eifrigsten geleugnet wird, die sich selbst ihrer schuldig machen. Der Keusche hasst alles Unzüchtige, und die Trunksucht verdammt keiner so sehr wie der Mässige; aber niemand ist über seines Nächsten Stolz so empört wie der Allerstolzeste, und wenn irgend jemand ihm verzeihen kann, so ist dies der Bescheidene. Woraus wir, denke ich, folgern dürfen, dass das Schelten aller über ihn ein sicheres Zeichen dafür ist, dass alle an ihm laborieren. Dies wird auch von jedem verständigen Menschen gern zugegeben, und keiner bestreitet, dass er Stolz im allgemeinen besitzt. Handelt es sich aber um spezielle Fälle, so wird man nur wenige finden, die eingestehen werden, dass irgendeine ihrer Handlungen, die man etwa nennt, aus diesem Prinzip entsprungen sei. Ebenso gibt es viele, die einräumen, dass in den Ländern, wo die Sünde herrscht, Stolz und Hoffart die grossen Beförderer des Gewerbes sind, die aber nicht die Notwendigkeit anerkennen mögen, dass in einem sittenreineren, von Demut erfüllten Zeitalter ein beträchtlicher Niedergang allen Gewerbes eintreten müsste.

Der Allmächtige, sagen sie, hat uns mit der Herrschaft über alle Dinge, so Land und Meer hervorbringen oder enthalten, ausgestattet; in keinem dieser beiden findet sich etwas, das nicht zum Nutzen des Menschen gemacht wäre, und sein überragender Scharfsinn und Fleiss wurde ihm gegeben, um das übrige Getier, und was sonst im Bereich seiner Sinne ist, sich dienstbar zu machen. Auf diese Überlegung hin halten sie es für gottlos, sich vorzustellen, dass Bescheidenheit, Mässigkeit und andere sittliche Vorzüge die Menschen vom Genuss jener Lebensfreuden ausschliessen sollten, die den verworfensten Völkern nicht vorenthalten sind, und so schliessen sie denn, dass auch ohne Stolz und Luxus dasselbe verzehrt, getragen und verbraucht, die gleiche Zahl von Arbeitern und Handwerkern beschäftigt werden und eine Nation in jeder Weise ebenso gedeihen könne wie dort, wo jene Laster am verbreitetsten sind.

Was speziell das Tragen von Kleidung anbelangt, so werden sie sich dahin aussprechen, dass der Hochmut, der uns näher ist als unsere Kleider, bloss im Herzen wohnt, und dass oft Lumpen eine grössere Portion davon einhüllen als das prächtigste Gewand. Wie es zweifellos stets tugendhafte Fürsten gegeben habe, die demütigen Sinnes ihre strahlenden Diademe getragen und ihre vielbeneideten Zepter geschwungen haben, so sei es auch höchst wahrscheinlich, dass Gold und Silberbrokat und die reichsten Stickereien ohne eine Spur von Stolz von vielen getragen werden, zu deren Rang und Vermögen sie passen. Kann nicht, sagen sie, ein guter Mensch, wenn er ein sehr hohes Einkommen hat, jedes Jahr einen grösseren Aufwand in Kleidern machen, als er abzutragen vermag, und nichts anderes dabei bezwecken als dies, den Armen Arbeit zu geben, das Gewerbe zu unterstützen und durch Beschäftigung vieler das Wohl des Ganzen zu fördern? Da ausserdem Nahrung und Kleidung unentbehrlich und diejenigen Artikel sind, woran sich hauptsächlich unsere irdischen Sorgen knüpfen, warum sollen da nicht alle Menschen, ohne auch nur eine Idee von hoffärtigem Wesen, einen beträchtlichen Teil ihrer Einnahmen für den einen wie den anderen beiseitelegen? Ja, ist nicht sogar jedes Mitglied der Gesellschaft gewissermassen dazu verpflichtet, nach Vermögen zur Erhaltung des Gewerbezweiges beizutragen, der ihr als Ganzem in so hohem Masse von Nutzen ist? Überdies: anständig aufzutreten ist eine Höflichkeit und oft eine Pflicht, die wir ohne Rücksicht auf uns selbst unserer Umgebung schulden.

Dies sind die Einwände, deren sich hochmütige Moralisten in der Regel bedienen, Leute, die es nicht vertragen können, wenn die Würde ihres Geschlechts kritisiert wird. Falls wir aber einmal genauer zusehen, werden wir ihnen bald gebührend antworten können.

Wären die Menschen nicht allgemein mit sittlichen Fehlern behaftet, so verstehe ich nicht, warum irgend jemand mehr Kleider besitzen sollte, als er nötig hat, läge ihm auch noch soviel daran, das Wohl des Volkes zu fördern. Denn hätte er beim Tragen feinen Seidenstoffes an Stelle einfachen Zeuges, bei der Wahl eines schönen, aparten Tuches statt eines groben weiter nichts im Auge als die Beschäftigung von mehr Leuten und damit das Allgemeinwohl, so würde er sich doch zur Kleidung überhaupt nicht anders stellen können als Patrioten zu den Steuern: sie bezahlen sie bereitwillig, aber keiner gibt mehr, als er muss, besonders wenn alle ihrem Vermögen gemäss eingeschätzt sind, wie es ja in einem recht tugendhaften Zeitalter nicht anders zu erwarten wäre. Ausserdem würde sich in einer solchen goldnen Zeit niemand über seine Verhältnisse anziehen, niemand würde seiner Familie etwas abzwacken, seinen Nächsten betrügen oder übervorteilen, nur um sich schöne Sachen zu kaufen, und infolgedessen würde also nicht mehr halb soviel konsumiert, noch auch der dritte Teil der Leute wie jetzt beschäftigt werden. Um dies aber deutlicher zu machen und zu beweisen, dass für das Bestehen des Gewerbes nichts dem Stolz und der Eitelkeit an Bedeutung gleichkommt, will ich mal untersuchen, worauf es den Menschen bei ihrer äusseren Erscheinung eigentlich ankommt, und feststellen, was uns die tägliche Erfahrung in betreff der Kleidung lehrt.

Kleider wurden überhaupt ursprünglich in zwiefacher Absicht verfertigt: um unsere Nacktheit zu decken, und um unsern Leib gegen das Wetter und andere äussere Unbilden zu schützen. Hierzu hat nun unsere grenzenlose Eitelkeit eine dritte gefügt, nämlich den Schmuck; denn was sonst als ein Übermass dummen Stolzes hätte unsere Vernunft so weit bringen können, dass wir das für schmückend halten, was uns – anders wie bei allen übrigen Tieren, die die Natur selbst ausreichend bekleidet – dauernd an unsere Schwäche und Armut erinnern müsste! Es ist in der Tat zu verwundern, dass ein so hochentwickeltes Geschöpf wie der Mensch, der so viele edle Eigenschaften für sich in Anspruch nimmt, sich so weit erniedrigen und auf das etwas zugutetun sollte, was er einem so unschuldigen und wehrlosen Tiere wie dem Schafe geraubt hat, oder was er dem allerunansehnlichsten Dinge auf Erden, einem sterbenden Wurme, verdankt. Indem er aber auf sein bisschen Beute noch stolz ist, besitzt er die Torheit, über die Hottentotten am äussersten Vorsprung Afrikas zu lachen, die sich mit den Eingeweiden ihrer toten Feinde schmücken, ohne zu bedenken, dass es die Ehrenzeichen ihrer Tapferkeit sind, womit jene Barbaren sich putzen, die wahre spolia opima, und dass ihr Stolz, obgleich roher wie der unsrige, gewiss weniger lächerlich ist, weil ihre Beute von einem edleren Tiere stammt.

Welche Betrachtungen man aber auch in dieser Angelegenheit anstellen möge, – die Welt hat längst hierüber entschieden. Ein gefälliges Äussere ist die Hauptsache, Kleider machen Leute, und wenn man einen Menschen nicht kennt, ehrt man ihn gewöhnlich gemäss seiner Kleidung und sonstiger Dinge, die er bei sich führt: nach deren Eleganz beurteilt man seine Geldverhältnisse, aus der Art, wie er sie trägt, schliesst man auf seinen Verstand. Dieser Umstand veranlasst jeden, der sich seines geringen Wertes bewusst ist, sich wenn irgend möglich besser zu kleiden, als seinem Stande entspricht, besonders in grossen, volksreichen Städten, wo ganz obskure Leute in der Stunde mit ein paar Dutzend Fremden auf einen Bekannten zusammentreffen und daher das Vergnügen haben, von einer überwiegenden Majorität nicht für das, was sie sind, sondern als was sie erscheinen möchten, gehalten zu werden, – und das ist eine stärkere Versuchung zur Eitelkeit, als für die meisten notwendig ist.

Jeder, der gern Szenen aus dem Volksleben beobachtet, kann zu Ostern, Pfingsten und an anderen hohen Festtagen Hunderte von Leuten, besonders Frauen, aus fast den niedersten Schichten sehen, die gut und modern gekleidet gehen. Lässt man sich mit ihnen in ein Gespräch ein und behandelt sie dabei mit mehr Höflichkeit und Respekt, als sie nach eigenem Wissen verdienen, so schämen sie sich gewöhnlich einzugestehen, was sie eigentlich sind, und oft kann man, falls man sie etwas ausfragt, finden, dass sie ängstlich besorgt sind, ihre tägliche Beschäftigung sowie die Gegend, wo sie wohnen, zu verheimlichen. Die Ursache hiervon ist klar: indem sie sich jene Artigkeiten anhören, die ihnen für gewöhnlich nicht gesagt werden, und die sich ihrer Ansicht nach nur für Höherstehende geziemen, haben sie die Genugtuung, sich vorzustellen, dass sie als das erscheinen, was sie zu sein wünschen. Schwachen Gemütern aber verschafft dies ein ebenso wesentliches Lustgefühl, als wenn ihnen jener Wunsch wirklich in Erfüllung ginge. Aus diesem beglückenden Traume lassen sie sich nicht gern aufwecken, und da sie wissen, dass ihre untergeordnete Stellung, falls man sie erführe, sie in unserer Achtung sehr erniedrigen müsste, so hüllen sie sich noch fester in ihre Verkleidung und verwenden alle erdenkliche Vorsicht, um nicht durch eine unnötige Entdeckung das Ansehen zu verlieren, das sie sich durch ihre feine Kleidung erworben zu haben glauben.

Jeder gibt zwar zu, dass wir in betreff der Kleidung und Lebensweise unserer Stellung gemäss auftreten und dem Beispiel der Verständigsten unter den uns an Rang und Einkommen Gleichstehenden folgen sollten. Wie wenige jedoch, die nicht entweder erbärmlich geizig sind, oder als etwas ganz Besonderes gelten möchten, haben sich eines solchen Verhaltens zu rühmen! Wir alle überschätzen uns und streben, es denen so schnell wie möglich nachzumachen, die in irgendeiner Weise höher stehen als wir.

Die ärmste Arbeiterfrau vom ganzen Viertel, der es nicht passt, einen warmen wollenen Kittel zu tragen, wie sie doch könnte, wird sich und ihren Mann aushungern, um sich einen abgelegten Rock und Mantel zu kaufen, der ihr nicht halb so viel nützen kann, denn – bei Gott! – es sieht doch feiner aus. Der Weber, Schuhmacher, Schneider und Barbier, überhaupt jeder niedere Handwerker, der sich knapp etablieren kann, ist dreist genug, um sich mit dem ersten Gelde, das er kriegt, wie ein vermögender Professionist zu kleiden; und der gewöhnliche Kleinhändler wieder nimmt sich für die Garderobe seiner Frau seinen Nachbar zum Muster, der mit derselben Ware im Grossen handelt, wobei er als Grund angibt, dass jener vor zwölf Jahren auch keinen grösseren Laden als er selber hatte. Der Drogist, der Schnitt- und Tuchwarenhändler und andere angesehene Geschäftsinhaber können ihrerseits zwischen sich und den Kaufleuten keinen Unterschied mehr entdecken, so dass sie wie diese sich anziehen und auftreten. Die Kaufmannsgattin, die die Anmassung derer aus dem Handwerksstande nicht ertragen kann, flüchtet daraufhin in das entgegengesetzte Stadtviertel und verschmäht es, einer anderen Mode als der dort herrschenden zu folgen. Diese hochmütige Art alarmiert nun den Hof. Die Damen von Stande erschrecken darob, die Kaufmannsfrauen und -töchter ebenso angezogen zu sehen wie sie selbst: Die Dreistigkeit der Städter, schreien sie, ist unausstehlich. Damenschneider werden herzugeholt, die sich mit allem Eifer der Erfindung neuer Moden widmen müssen, damit sie jederzeit etwas noch nicht Dagewesenes haben, sobald die frechen Spiessbürger wieder anfangen, es jenen nachzutun. Der gleiche Wetteifer verbreitet sich über alle sozialen Schichten in unglaublichem Masse, bis zuletzt den hohen Fürstlichkeiten samt allen Hofschranzen, um die unter ihnen zu übertrumpfen, weiter nichts übrig bleibt, als massenhaftes Geld auf kostbare Gewänder, prächtige Möbel, herrliche Gartenanlagen und fürstlich ausgestattete Paläste auszugeben.

Aus diesem Wettstreit und dauernden Streben, sich gegenseitig auszustechen, folgt auch, dass nach all dem Hin und Her und stetigen Wechsel der Moden, wo neue aufgebracht und alte wieder erneut werden, doch für den Findigen stets ein plus ultra übrigbleibt. Und dies oder wenigstens die Folge davon ist es, was den Armen zu tun gibt, den Gewerbefleiss anspornt und den geschickten Handwerker dazu ermutigt, auf weitere Verbesserungen zu sinnen.

Man könnte einwenden, dass viele der Gebildeten, denen es selbstverständlich ist, sich geschmackvoll anzuziehen, aus reiner Gewohnheit und ohne alle Prätensionen elegant gekleidet gehen, und dass der Vorteil, den das Gewerbe aus ihnen zieht, nicht ihrem Dünkel oder einem Wettstreit unter ihnen zuzuschreiben sei. Darauf antworte ich, dass unmöglicherweise diejenigen, die sich so wenig über ihren Anzug den Kopf zerbrechen, jemals hätten elegante Kleider tragen können, wären nicht Stoffe sowohl wie Schnitte zuerst erfunden worden, um der Eitelkeit anderer zu genügen, die an vornehmer Tracht mehr Gefallen fanden als jene. Abgesehen davon, dass nicht jeder ohne Eitelkeit ist, der es zu sein scheint, sind auch nicht alle Symptome dieses Fehlers leicht herauszufinden; sie sind sehr zahlreich und wechseln mit dem Alter, Naturell, Vermögen und oft auch der körperlichen Konstitution der Menschen.

Der cholerische Stadthauptmann, der es nicht abwarten kann, dass er in Aktion trete, drückt seine Wehrhaftigkeit durch kraftvolle Schritte aus und lässt aus Mangel an Feinden seine Picke vor seines Armes Gewalt erzittern. Sein martialischer Aufputz erfüllt ihn, wie er so daherschreitet, mit unsäglicher geistiger Überlegenheit, in der er nun seinen Laden wie sich selbst ganz vergisst und mit dem Feuer eines sarazenischen Eroberers zu den Balkonen emporblickt. Der phlegmatische Ratsherr dagegen, den sein Alter und Ansehen bereits ehrwürdig machten, begnügt sich damit, für einen einflussreichen Mann gehalten zu werden; da er keinen einfacheren Weg weiss, um seine Eitelkeit zu zeigen, so schaut er, in seinem Wagen sitzend, recht würdig drein, wobei er, an seiner Amtstracht kenntlich, in düsterer Pose die Huldigung entgegennimmt, die ihm die Leute niederen Standes zollen.

Der bartlose Fähnrich markiert eine Gewichtigkeit, als wäre er noch mal so alt, und strebt mit lächerlichem Selbstgefühl, die finstere Miene seines Obersten nachzuahmen, indem er sich dabei fortwährend schmeichelt, dass man aus seinem kühnen Gebaren auf seine Unerschrockenheit schliesse. Das junge Mädchen, in schrecklicher Sorge, dass man sie übersehe, verrät durch die unermüdliche Veränderung ihrer Haltung den lebhaften Wunsch, beobachtet zu werden; sie hascht gewissermassen nach jedermanns Augen und bewirbt sich mit gewinnenden Blicken um die Bewunderung der Zuschauer. Der eingebildete Narr dahingegen steckt eine möglichst süffisante Miene auf; mit der Betrachtung der ihm eigenen Vortrefflichkeit hat er vollauf zu tun, und an öffentlichen Orten zeigt er eine solche Nichtbeachtung anderer, dass der Uneingeweihte denken muss, er glaube allein zu sein.

Dies und dieser Art sind all die verschiedenen, deutlich sichtbaren Anzeichen von Eitelkeit, die jedermann kennt; ob jedoch ein Mensch eitel ist, lässt sich nicht immer so leicht entdecken. Zeigt jemand ein recht humanes Wesen und scheint nicht weiter auf sich eingebildet, noch auch um andere gänzlich unbekümmert zu sein, so sind wir geneigt, ihn für bescheiden zu halten, während er vielleicht bloss müde ist, seiner Eitelkeit zu frönen, und des Genusses überdrüssig wurde. Jenes Zur-Schau-tragen innerer Zufriedenheit, jener lässige Ausdruck sorglosen Gleichmuts, womit man grosse Männer oft in ihrer einfachen Kutsche hingelehnt sieht, sind nicht immer frei von Kunst, wie es den Anschein hat: »Nichts beglückt den Stolzen mehr, als für glücklich gehalten zu werden.«

Einen feingebildeten Herrn erfüllt es mit dem grössten Stolze, wenn er ihn geschickt verdecken kann, und manche sind im Verbergen dieser Schwäche so bewandert, dass, gerade wenn sie ihr am meisten nachgeben, der grosse Haufe denkt, sie besässen sie gar nicht. So nimmt der heuchlerische Höfling, wenn er sich der Öffentlichkeit zeigt, immer ein gewisses Air von Bescheidenheit und Jovialität an, und während er beinahe vor Eitelkeit platzt, scheint er sich tatsächlich seiner Grösse gar nicht bewusst zu sein. Dabei weiss er sehr wohl, dass er durch jene trefflichen Eigenschaften in der Achtung der anderen steigen muss und so seiner Grösse noch etwas zufügt, die freilich schon ohne seine Beihilfe durch die Krönchen an seinem Wagen und Pferdegeschirr wie durch seine übrige Equipierung klar genug ausgedrückt wird.

Wie nun bei solchen die Eitelkeit übersehen, weil sorgsam verborgen wird, so wird sie bei andern überhaupt in Abrede gestellt, obgleich sie sie in deutlichster Weise zeigen oder wenigstens zu zeigen scheinen. Der wohlhabende Pfarrer, dem, gleich den übrigen seines Berufes, Putz, wie ihn Laien tragen, versagt ist, sieht sich mit Eifer nach dem feinsten und besten schwarzen Tuche um, das für Geld zu haben ist, und zeichnet sich durch die Gediegenheit seiner vornehmen, sauberen Kleidung aus. Seine Perücke ist so modern, wie die ihm zukommende Form es gestattet; da ihm aber nur diese vorgeschrieben ist, so bemüht er sich, dass hinsichtlich Haar und Farbe wenige aus den höchsten Kreisen imstande sein sollen, es mit ihm aufzunehmen. Wie sein Anzug ist auch er selbst immer peinlich sauber, sein Gesicht ist stets glatt rasiert, seine schön geformten Nägel sind sorgfältig gepflegt, seine weiche, weisse Hand und ein Brillant vom reinsten Wasser daran, die prächtig zusammen passen, gereichen einander zu erhöhter Zierde. Das Leinenzeug, das er trägt, ist von wunderbarer Zartheit, und er verschmäht es, jemals mit einem schlechteren Hute auszugehen, als ein reicher Bankier an seinem Hochzeitstage mit Stolz tragen würde. Mit allen diesen Feinheiten in der Kleidung verbindet er einen majestätischen Gang und zeigt in seinem ganzen Auftreten etwas Befehlend-Hoheitsvolles. Trotz so vieler gleichzeitigen deutlichen Symptome verbietet uns jedoch die allgemeine Höflichkeit, in irgend etwas von seinem Verhalten ein Resultat des Stolzes zu vermuten. In Anbetracht der Würde seines Berufes gilt bei ihm lediglich als schicklich, was bei andern Eitelkeit beweisen würde, und aus Hochachtung vor seinem Stande sollen wir glauben, dass der verdienstvolle Herr sich, ohne jede Rücksicht auf seine ehrwürdige Person, all diese Mühen und Ausgaben macht, bloss um dem geistlichen Range, dem er angehört, den schuldigen Respekt zu erweisen, und um mit Gottergebenheit seine heiligen Pflichten vor der Verachtung der Spötter zu bewahren. Nun – herzlich gern! Nichts von alledem soll Eitelkeit heissen; man erlaube mir nur zu sagen, dass es ihr für menschliche Begriffe sehr ähnlich sieht.

Sollte ich aber schliesslich auch zugeben, dass es Menschen gibt, die sich in bezug auf Einrichtung, Möbel und Kleidung jede Eleganz leisten und doch keine Eitelkeit in sich haben, so ist doch gewiss, dass, falls alle so wären, jener vorerwähnte Wetteifer aufhören und folglich das Gewerbe, das so sehr auf ihn angewiesen ist, in jeder Branche leiden müsste. Denn sagt man: wenn alle Menschen wirklich tugendhaft wären, so könnten sie doch ohne irgendwelches Eigeninteresse und im Streben, ihren Nächsten zu helfen und das Allgemeinwohl zu fördern, ebensoviel konsumieren, wie sie jetzt aus Selbstliebe und Ehrgeiz tun, – so ist das eine erbärmliche Ausrede und ganz widersinnige Annahme. Da es zu allen Zeiten ehrenhafte Leute gegeben hat, so fehlen sie uns auch ohne Zweifel in der gegenwärtigen nicht völlig. Aber forschen wir doch mal bei den Perückenmachern und Schneidern nach, bei welchen Herren, selbst aus dem höchsten Stande und von bedeutendem Vermögen, sie jemals so uneigennützige Ansichten entdecken konnten. Fragt nur die Spitzenhändler, die Seiden- und Leinenwarenverkäufer, ob nicht die reichsten und meinetwegen auch anständigsten Damen, falls sie gleich bar oder in annehmbarer Zeit bezahlen, ob sie da nicht von Laden zu Laden wandern, um die Preise zu erkunden, und nicht ebensoviel Worte machen und ebensolange mit ihnen handeln, um nur drei oder fünf Groschen an der Elle zu ersparen, wie das ärmste Mädel in der ganzen Stadt. Wollte man behaupten, wenn es solche Leute nicht gibt, so könnte es doch möglicherweise welche geben, dann antworte ich: es ist ebenso möglich, dass Katzen, anstatt Ratten und Mäuse zu töten, sie fütterten und im Hause herumgingen, um ihre Jungen zu nähren und zu pflegen, oder dass ein Habicht, gleich dem Hahn, die Hennen zu ihrem Futter riefe oder ihre Küchlein beschützte, anstatt sie zu verschlingen. Machten sie es aber alle so, dann würden sie eben nicht mehr Katzen und Habichte sein; es verträgt sich nicht mit ihrer Natur, und die Tiergattung, die wir meinen, wenn wir von Katzen und Habichten sprechen, würde ausgestorben sein, sobald es einmal hierzu käme.

*

(N.) Nicht minder dient der Neid sowie
Die Eitelkeit der Industrie.

Neid ist jene niedrige Gesinnung in uns, die bewirkt, dass wir uns ärgern und grämen, wenn wir annehmen müssen, dass ein anderer glücklich ist. Ich glaube nicht, dass es ein zu geistiger Reife gelangtes menschliches Wesen gibt, das nicht irgendeinmal von diesem Gefühle in vollem Ernste erfüllt gewesen wäre, und doch habe ich bis jetzt noch keinen getroffen, der anders als im Scherz einzugestehen wagte, sich seiner schuldig gemacht zu haben. Dass wir uns dieses Fehlers so allgemein schämen, ist jener starken Gewohnheit der Heuchelei zu verdanken, durch deren Hilfe wir von der Wiege an gelernt haben, sogar vor uns selbst die ungeheure Macht und all die verschiedenen Abarten unserer Selbstliebe zu verbergen. Es ist unmöglich, dass ein Mensch einem andern Besseres als sich selbst wünschen sollte, ausser wo er es für ausgeschlossen hält, dass die Erfüllung des betreffenden Wunsches für ihn selbst von Wert wäre. Hieraus vermögen wir leicht zu ersehen, in welcher Weise dieses Gefühl in uns entsteht. Zu diesem Zwecke müssen wir zweierlei in Betracht ziehen. Erstens: so günstig wir von uns selbst denken, so ungünstig denken wir oft mit gleichem Unrecht von unserm Nächsten; und wenn wir vermuten, dass andere etwas geniessen oder geniessen werden, was sie unseres Erachtens nicht verdienen, so beunruhigt uns dies und macht uns ärgerlich über die Ursache dieser Störung. Zweitens: jeder ist seinem Verstande und seinen Neigungen gemäss stets damit beschäftigt, sich selbst das Beste zu wünschen; und wenn wir etwas, was wir gern haben und doch entbehren, im Besitze anderer sehen, so empfinden wir zunächst Ärger darüber, dass wir jenen Gegenstand nicht haben. Dieser Ärger ist unheilbar, solange wir das uns Fehlende noch wertschätzen. Da aber der Selbsterhaltungstrieb nimmer ruht und nicht duldet, dass wir irgendein Mittel unversucht lassen, um ein Übel so weit und sicher wie möglich zu entfernen, so lernen wir durch Erfahrung, dass nichts auf der Welt diesen Ärger so besänftigt wie unser Unwille über diejenigen, die besitzen, was wir schätzen aber entbehren. Dies letzte Gefühl daher nähren und pflegen wir, um uns wenigstens teilweise für die aus jenem ersten entsprungene Bitterkeit zu entschädigen und zu trösten.

Neid ist also ein Gemisch von Ärger und Unwillen, und die Grade dieses Gefühls hängen je nach Umständen hauptsächlich von der Nähe oder Entferntheit der betreffenden Objekte ab. Wenn einer, der zu Fuss gehen muss, einen grossen Mann beneidet, weil er sich einen Wagen mit sechs Pferden hält, so wird dies nie mit der Heftigkeit geschehen oder ihm den Verdruss bereiten wie einem Manne, der selbst einen Wagen hat, aber sich bloss vier Pferde leisten kann. Die Symptome von Neid sind so mannigfach und so schwer zu beschreiben wie die der Pest; manchmal erscheint er in der einen Gestalt, andermal in einer ganz davon verschiedenen. Bei dem schönen Geschlecht ist diese Krankheit sehr verbreitet und zeigt sich sehr deutlich in ihren Meinungen und Urteilen übereinander. An hübschen jungen Weibern kann man diese Eigenschaft oft in besonderem Masse finden; aus keinem andern Prinzip als Neid hassen sie sich häufig auf den ersten Blick tödlich, und man vermag ihnen ihre Empörung und sinnlose Abneigung geradezu am Gesicht abzulesen, falls sie nicht in hohem Grade die Fähigkeit der Verstellung besitzen.

Bei rohen und ungebildeten Leuten ist dieses Gefühl sehr offenkundig, namentlich wenn sie andere ihres Geldes wegen beneiden. Sie ergehen sich über Höhergestellte in Schmähungen, hecheln ihre Fehler durch und bemühen sich, die lobenswertesten Handlungen misszudeuten; sie murren über die Vorsehung und beklagen sich laut, dass die Güter dieser Welt hauptsächlich von denen genossen werden, die sie nicht verdienen. Die gröbere Sorte von ihnen ergreift dieser Affekt oft so heftig, dass sie, hielte sie nicht Furcht vor dem Gesetze zurück, direkt hingehen und diejenigen, denen ihr Neid gilt, schlagen würden, – und das aus keinem andern Anreiz als dem, dass ihr Gefühl sie dazu treibt.

Die Männer der Wissenschaft, die an diesem Übel kranken, zeigen ganz andersartige Symptome. Wenn sie jemanden wegen seiner Talente und Gelehrsamkeit beneiden, so sind sie sorgfältig bemüht, ihre Schwäche zu verbergen, die sie ganz allgemein zur Leugnung und Verkleinerung der von ihnen beneideten Eigenschaften fortzureissen pflegt. Sie lesen seine Werke aufmerksam durch und ärgern sich über jede schöne Stelle, die sie finden; sie spähen lediglich nach Irrtümern und wünschen sich kein grösseres Labsal als einen groben Fehler. In ihrer Kritik sind sie ebenso launenhaft wie streng, machen aus einer Mücke einen Elefanten und mögen nicht den leisesten Schatten eines Fehlers entschuldigen, sondern übertreiben das geringfügigste Versehen zu einem kapitalen Schnitzer.

Der Neid zeigt sich auch bei Tieren. Pferde beweisen ihn durch ihr Bemühen, sich gegenseitig zu überholen, und das lebhafteste wird sich lieber zu Tode hetzen als ein anderes vor sich leiden. Bei Hunden ist dieses Gefühl gleichfalls deutlich zu beobachten; die gewöhnt sind, geliebkost zu werden, werden anderen dieses Glück nimmermehr in Ruhe gönnen. Ich sah mal ein Schosshündchen, das lieber an seinem Futter erstickt wäre, als dass es einem Mitbewerber seines eigenen Geschlechts irgendwas übrig gelassen hätte, und wir können an jenen Geschöpfen oft das gleiche Betragen wahrnehmen, das wir täglich bei kleinen Kindern sehen, die eigensinnig und durch Verhätschelung launenhaft geworden sind. Wenn sie etwa einmal aus Mutwillen das Essen zurückweisen, um das sie gebeten hatten, und wir können sie überzeugen, dass sonst irgendwer, sei es auch Katze oder Hund, es ihnen wegnehmen will, so werden sie sich alsbald besinnen und, selbst widerwillig, zulangen.

Wenn der Neid nicht tief im Menschen wurzelte, so würde er bei Kindern nicht so gewöhnlich sein, und die Jugend würde nicht so allgemein durch Nacheiferung angespornt werden. Die alles für die Gesellschaft Erspriessliche aus einem guten Prinzip ableiten möchten, schreiben den Wetteifer der Schüler einem sittlichen Streben zu; da er Arbeit und Mühe erfordert, so übe, wer sich in dieser Weise betätigt, offenbar eine gewisse Selbstverleugnung. Sehen wir aber näher zu, so werden wir finden, dass dieses Opfer an Ruhe und Bequemlichkeit bloss dem Neid und Ehrgeiz gebracht wird. Wäre nämlich nicht etwas diesen Gefühlen sehr Verwandtes jenem angeblich sittlichen Streben beigemischt, so würde man es unmöglich durch dieselben Mittel, die auch Neid hervorbringen, entstehen lassen und stärken können. Der Knabe, der für seine bessere Leistung belohnt wird, ist sich des Verdrusses bewusst, den er erlebt hätte, falls er zu kurz gekommen wäre. Aus dieser Überlegung heraus strengt er sich an, um nicht von denen überholt zu werden, die er jetzt unter sich erblickt, und je grösser sein Stolz ist, desto mehr Selbstverleugnung wird er üben, um seine Eroberung festzuhalten. Der andere, dem trotz aller Bemühungen der Preis entgangen ist, ist nun betrübt und infolgedessen unwillig über den, den er als Ursache seines Ärgers betrachten muss. Diesen Ärger aber offen zu zeigen, würde ihn lächerlich machen und ihm auch nichts nützen, so dass er sich entweder bescheiden muss, weniger als der andere Knabe geschätzt zu werden, oder gezwungen ist, es durch erneute Anstrengungen weiter zu bringen. Es gilt nun zehn gegen eins, dass der gutmütige, friedfertige und bescheidene Junge das erste wählen und damit gleichgültig und untätig werden wird, während der tückische, empfindliche und zänkische Streber sich unglaublichen Strapazen unterzieht und dann seinerseits den Sieg davonträgt.

Wie der Neid unter Malern sehr verbreitet ist, so ist er auch für ihre Weiterbildung von grossem Nutzen. Ich meine nicht, dass unbedeutende Schmierer grosse Meister beneiden, aber die meisten von ihnen sind doch gegenüber den ihnen zunächst Überlegenen mit diesem Fehler behaftet. Wenn der Schüler eines berühmten Künstlers hervorragendes Talent und aussergewöhnlichen Fleiss besitzt, so betet er zuerst seinen Meister an; indem aber seine Fertigkeit zunimmt, beginnt er unmerklich zu beneiden, wo er vorher bewunderte. Um das Wesen dieses Gefühls und seine von mir geschilderte Zusammensetzung zu erkennen, brauchen wir bloss folgendes zu beachten. Wenn ein Maler es weit genug bringt, um den von ihm Beneideten nicht nur zu erreichen, sondern auch zu übertreffen, dann ist sein Kummer vorüber und sein ganzer Ärger verflogen; und wenn er ihn vorher hasste, so ist er jetzt froh, sein Freund zu sein, falls der andere sich dazu herbeilassen will.

Verheiratete Frauen, die diesen Fehler an sich haben – und nur wenige haben ihn nicht –, sind stets bemüht, in ihren Ehegatten das gleiche Gefühl zu entfachen; wo ihnen dies gelungen ist, haben Neid und Ehrgeiz mehr Männer in Banden gehalten und mehr schlechte Haushalter von Faulheit, Trunksucht und anderen Verirrungen geheilt, als alle Predigten, die seit den Zeiten der Apostel vorgetragen worden sind.

Da ein jeder glücklich sein, Lust empfinden und Unlust soweit wie möglich vermeiden möchte, so gebietet uns die Eigenliebe, jegliches befriedigt erscheinende Geschöpf als einen Rivalen in bezug auf Lebensglück zu betrachten. Die Genugtuung, die uns der Anblick einer Störung jenes Glücks in anderen bereitet, ohne dass uns ein anderer Vorteil als das Vergnügen des Zuschauens daraus erwächst, heisst Schadenfreude, das Motiv dieser Schwäche Bosheit, die also aus der gleichen Wurzel entsprungen ist. Denn gäbe es keinen Neid, so könnte auch keine Bosheit sein. Solange die Leidenschaften noch schlummern, fürchten wir sie auch nicht, und oft glauben Leute, eine solche Charakterschwäche nicht zu besitzen, weil sie ihnen im Augenblick gerade nicht zu schaffen macht.

Ein feingekleideter Herr, der zufällig von einer Kutsche oder Karre über und über beschmutzt wird, wird ausgelacht, und zwar von den unter ihm Stehenden viel mehr als von seinesgleichen, weil jene ihn mehr beneiden; sie wissen, er ärgert sich darüber, und da sie ihn für glücklicher halten als sich selbst, so freuen sie sich zu sehen, wie er nun seinerseits Unangenehmes erlebt. Eine junge Dame aber, falls sie gerade ernst gestimmt ist, lacht ihn nicht aus, sondern bemitleidet ihn, weil ein sauberer Mensch für sie ein erfreulicher Anblick ist, und so ist für Neid kein Raum. Bei Unfällen pflegen wir die davon Betroffenen auszulachen oder zu bemitleiden, je nach dem Vorrat von Bosheit oder Mitgefühl, über den wir verfügen. Wenn jemand stürzt oder sich so unbedeutend verletzt, dass es nicht der Rede wert ist, so lachen wir, und hierbei bewegen uns Mitleid und Bosheit abwechselnd: »Wahrhaftig, mein Herr, es tut mir sehr leid; ich bitte um Entschuldigung, dass ich lachte, ich bin wirklich zu albern«; und dann lachen wir wieder; und abermals: »Es tut mir wahrhaftig sehr leid« – usw. Manche sind so boshaft, dass sie lachen würden, wenn jemand ein Bein bricht, und andere sind wieder so mitfühlend, dass sie einen Menschen wegen des kleinsten Fleckens auf seinem Anzuge bejammern; niemand ist aber so verroht, dass er gar kein Mitleid fühlen könnte, noch irgendwer so gutmütig, dass er nie irgendwelche Schadenfreude empfände. Wie merkwürdig wir doch von unsern Gefühlen beherrscht werden! Wir beneiden einen Menschen, weil er reich ist, und hassen ihn gründlich; werden wir aber seinesgleichen, so sind wir beruhigt, und die geringste Annäherung seinerseits macht uns zu Freunden; bringen wir es aber noch sichtlich weiter als er, so können wir ihn gar wegen seines Missgeschicks bemitleiden. Der Grund, warum wirklich gebildete Menschen weniger neidisch als andere sind, ist der, dass sie selbst viel mehr von sich eingenommen sind als dumme und alberne Leute. Denn obwohl sie dies anderen nicht zeigen, verleiht ihnen doch die Reife ihres Denkens eine Überzeugung von ihrem wahren Werte, wie sie Menschen von schwachem Verstande niemals in sich empfinden können, wenn sie sie auch oft zur Schau tragen.

Der Ostrazismus der Griechen war eine Opferung verdienstvoller Männer zugunsten einer Neidepidemie und wurde oft als unfehlbares Heilmittel verwendet, um die üblen Folgen allgemeiner Unzufriedenheit und Erbitterung zu verhüten oder wieder gutzumachen. Ein staatliches Opfer beschwichtigt oft das Murren eines ganzen Volkes, und spätere Geschlechter wundern sich häufig über derartige Barbareien, die sie unter gleichen Umständen selbst begangen haben würden. Sie sind Komplimente vor der Bosheit der Menschen, der nie besser gedient ist, als wenn sie sehen können, wie ein grosser Mann gedemütigt wird. Wir glauben, Gerechtigkeit zu lieben und Verdienst gern belohnt zu sehen. Falls aber jemand dauernd die höchsten Ehrenstellen einnimmt, so werden wir seiner überdrüssig, suchen nach seinen Fehlern, und können wir keine finden, so nehmen wir an, dass er sie verbirgt, und es wäre zu verwundern, wenn der grösste Teil von uns nicht seine Verabschiedung wünschte. Auf dieses niedrige Spiel sollten selbst die besten Menschen von Seiten aller derer gefasst sein, die nicht ihre nächsten Freunde und Bekannten sind, weil uns nichts unangenehmer ist als wiederholte Ehrenbezeugungen, an denen wir keinen Anteil haben.

Je mehr ein Gefühl aus vielen andern zusammengesetzt ist, um so schwieriger ist es zu definieren, und je grösser die Qualen sind, die es den Menschen verursacht, desto grausamer ist es, es ihnen gegen andere einzuflössen. Daher gibt es denn nichts, was launenhafter und zugleich verhängnisvoller wäre als Eifersucht, die aus Liebe, Hoffnung, Furcht und einem gut Teil Neid besteht. Dieser letztgenannte ist bereits hinreichend behandelt worden, und was ich über die Furcht zu sagen habe, wird der Leser unter Anmerkung (R.) finden. Um nun jenes seltsame Gemisch besser zu erklären, will ich jetzt etwas eingehender über die daran beteiligten Gefühle der Hoffnung und Liebe sprechen.

Hoffen ist Wünschen, und zwar mit einem gewissen Masse von Vertrauen darauf, dass das gewünschte Ereignis eintreten wird. Die Stärke oder Schwäche unserer Hoffnung hängt gänzlich von dem höheren oder geringeren Grade unseres Vertrauens ab, und alles Hoffen schliesst ein Zweifeln ein. Denn steigt unser Vertrauen so hoch, dass es jeden Zweifel ausschliesst, so wird es zur Gewissheit, und wir halten für sicher, was wir vorher nur hofften. Von einem silbernen Tintenfasse kann man sprechen, weil jedermann weiss, was damit gemeint ist, dagegen von einer sicheren Hoffnung nicht. Denn jemand, der ein Adjektiv gebraucht, das den Sinn des betreffenden Substantivs zerstört, kann damit überhaupt nichts meinen; und je genauer wir die Bedeutung des Adjektivs und die des Substantivs kennen, um so greifbarer ist die Sinnlosigkeit des in sich widersprechenden Gesamtausdrucks. Der Grund also, warum es manchen nicht so anstössig ist, einen von sicherer Hoffnung reden zu hören, wie wenn er von heissem Eis oder flüssigem Holz spräche, ist nicht, dass in jener weniger Unsinn als in einem von diesen steckt, sondern dass das Wort Hoffnung, oder vielmehr seine Bedeutung, von den meisten Leuten nicht so deutlich verstanden wird wie die Worte und Bedeutungen von Eis und Holz.

»Liebe« bezeichnet erstens mal Zuneigung, wie sie Eltern und Wärterinnen gegen Kinder und Freunde gegeneinander empfinden. Sie besteht darin, dass man die geliebte Person gern hat und ihr Gutes wünscht. Wir deuten ihre Worte und Handlungen stets in günstigem Sinne und sind geneigt, ihre Fehler, falls wir welche finden, zu entschuldigen und zu verzeihen. Ihr Interesse machen wir, selbst zu unserm Nachteil, in jedem Falle zu dem unsrigen und fühlen uns innerlich befriedigt, wenn wir an ihrem Kummer wie auch an ihrer Freude Anteil nehmen. Was ich eben sagte, ist sehr wohl möglich, wie wenig es auch scheint. Denn wenn wir aufrichtig an eines andern Missgeschick teilnehmen, so macht uns die Eigenliebe glauben, dass unsere Besorgnis diejenige unseres Freundes mildern und verringern muss, und indem diese angenehme Überlegung unsern Kummer besänftigt, entspringt aus unserer Sorge um die geliebte Person eine heimliche Befriedigung.

Zweitens aber verstehen wir unter Liebe eine ihrer Natur nach von allen andern Gefühlen von Freundschaft, Dankbarkeit und Zusammengehörigkeit unterschiedene starke Neigung, die Personen verschiedenen Geschlechts, wenn sie sich gern haben, zueinander empfinden. In dieser Bedeutung ist die Liebe an der Eifersucht beteiligt und ist sie die Wirkung und zugleich glückliche Verhüllung jenes Triebes, der uns dazu drängt, zur Erhaltung unserer Gattung beizutragen. Dieser Trieb ist Männern sowohl wie Frauen, soweit sie körperlich normal sind, ebenso wie der Ernährungstrieb eingeboren, obgleich sie ihn selten vor der Pubertätszeit verspüren. Könnten wir die Natur enthüllen und in ihre dunkelsten Tiefen hineinschauen, dann würden wir die Keime dieses Triebes, schon ehe er hervorbricht, ebenso deutlich sehen können wie die Zähne in einem Embryo, ehe das Zahnfleisch ausgebildet ist. Es gibt nur wenige gesunde Menschen beiderlei Geschlechts, auf die er nicht vor dem zwanzigsten Jahre einen Eindruck gemacht hat. Allein, da Glück und Frieden der bürgerlichen Gesellschaft erfordern, dass dies geheimgehalten und nie öffentlich davon gesprochen werde, so gilt es unter wohlerzogenen Menschen als höchst verbrecherisch, vor andern in deutlichen Worten irgend etwas zu erwähnen, was zu dem Mysterium der Fortpflanzung Bezug hat. So ist es dahin gekommen, dass nun schon der blosse Name dieses Triebes, obwohl er der für die Fortdauer der Menschheit notwendigste ist, verabscheut wird, und »schmutzig« und »gemein« die der Sinnlichkeit gewöhnlich zuerteilten richtigen Ausdrücke sind.

Bei sittenreinen und hochanständigen Menschen verursacht dieser Naturtrieb dem Körper oft beträchtliche Zeit hindurch Störungen, ehe er noch verstanden oder sein Wesen erkannt wird; und es ist bemerkenswert, dass die gesittetsten und gebildetsten in diesem Punkte allgemein am unwissendsten sind. Hier kann ich nun nicht umhin, den Unterschied zwischen dem Menschen im wilden Naturzustande und demselben Geschöpfe innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu betonen. In jenem würden Männer und Weiber, wenn sie roh und in den Künsten der Sitten und Moden ununterrichtet bleiben, alsbald die Ursache jener Störungen herausfinden und wegen schleuniger Abhilfe nicht mehr in Verlegenheit sein als andere Tiere. Überdies ist es nicht wahrscheinlich, dass es ihnen von seiten der Erfahreneren an Vorschrift oder Beispiel fehlen würde. In der bürgerlichen Gesellschaft hingegen, wo die religiösen, gesetzlichen und sittlichen Regeln zu beachten und vor allen Eingebungen der Natur zu befolgen sind, da pflegt man die Jugend beiderlei Geschlechts gegen diesen Trieb zu bewaffnen und zu festigen und wird ihr kunstvoll von Kindheit an eine Bangigkeit vor seinem entferntesten Herannahen beigebracht. Der Trieb selbst und alle seine Symptome werden, obgleich deutlich gefühlt und verstanden, mit Sorgfalt und Strenge unterdrückt; bei Frauen werden sie schlechtweg abgeleugnet und schliesslich bei Gelegenheit hartnäckig bestritten, selbst wenn sie sichtlich davon erfüllt sind. Falls ihre Gesundheit darunter leidet, muss ihnen Medizin helfen, oder sie müssen es stillschweigend ertragen. Jedenfalls ist es das Interesse der Gesellschaft, dass Anstand und Sittlichkeit gewahrt bleiben. Lieber soll ein Weib schmachten, vergehen und sterben als sich auf unerlaubtem Wege eine Erleichterung verschaffen; und bei dem vornehmeren Teil der Menschheit, den Leuten von Geburt und Vermögen, wird erwartet, dass eine Ehe nie ohne ängstliche Rücksicht auf Familie, Versorgung und Ruf eingegangen, die natürliche Neigung aber am wenigsten dabei beachtet werde.

Diejenigen also, die Liebe und sinnlichen Trieb zu Synonymen machen möchten, verwechseln die Wirkung mit ihrer Ursache. So stark ist jedoch die Macht der Erziehung und die uns angelernte Denkgewohnheit, dass manchmal Personen des einen wie des andern Geschlechts tatsächlich verliebt sind, ohne irgendeine fleischliche Begier zu empfinden oder sich über die Absichten der Natur, den von ihr gewollten Zweck, klar zu werden, bei dessen Fehlen sie doch niemals ein derartiges Gefühl verspürt haben würden. Sicherlich gibt es solche, aber auch noch viel mehr, deren Ansprüche auf so geläuterte Vorstellungen lediglich durch Kunst und Verstellung aufrecht erhalten werden. Die wirklich in derart platonischer Weise lieben, sind bei beiden Geschlechtern in der Regel die bleichsüchtigen, schwächlichen Menschen von kaltem, phlegmatischem Naturell; die gesunden und kräftigen von lebhaftem, heissblütigem Temperament tragen nie eine so vergeistigte Liebe mit sich herum, dass sie alle Gedanken und Wünsche in bezug auf das Körperliche ausschlösse. Es sei aber eines Menschen Liebe noch so engelrein und zart: falls er den Ursprung seiner Neigung kennen lernen möchte, soll er sich nur einmal vorstellen, dass ein anderer den Leib der von ihm geliebten Person geniesst, und aus den Qualen, die er bei diesem Gedanken erduldet, wird sich ihm bald die wahre Natur seines Gefühls entdecken; während im Gegenteil Eltern und Freunde eine Befriedigung empfinden, wenn sie an die Freuden und Annehmlichkeiten einer glücklichen Ehe denken, die denen, die sie gern haben, beschert sind.

Die Wahrheitsfreunde, die in der Anatomie des unsichtbaren Teiles im Menschen bewandert sind, werden nicht verkennen, dass diese Liebe, je erhabener und von Sinnlichkeit freier, desto unechter ist und sich um so mehr von ihrem wahren Original und ihrer ursprünglichen Einfachheit entfernt. Die Macht und Einsicht sowohl wie der Fleiss und Eifer der Sozialpädagogen bei der Zivilisation der Gesellschaft ist nirgendwo deutlicher hervorgetreten als in dem erfolgreichen Daraufhinarbeiten, dass unsere Gefühle gegeneinander ausgespielt werden. Indem sie einerseits unserem Stolze schmeichelten und die gute Meinung, die wir von uns haben, noch erhöhten, und uns anderseits mit übermässiger Furcht und tödlichem Abscheu vor Schande erfüllten, haben uns die geschickten Moralisten gelehrt, mit Freudigkeit uns selbst zu bekämpfen und die stärkste unserer Empfindungen, den Geschlechtstrieb, wenn nicht zu unterdrücken, so doch wenigstens zu verbergen und zu verheimlichen, so dass wir sie kaum mehr erkennen, wenn wir sie nun innerlich erleben. Welchen herrlichen Preis wir aber auch für all unsere Selbstverleugnung in Aussicht haben! Es wird kaum jemand so ernsthaft sein und ohne Lächeln daran denken können, dass wir für soviel an uns selbst wie an anderen geübte List und Unaufrichtigkeit keine andere Belohnung zu erwarten haben als die stille Genugtuung, unser Geschlecht erhabener und in grösserem Abstande von den übrigen Tieren erscheinen zu lassen, als der Wirklichkeit entspricht und unser eigenes Bewusstsein uns kündet. Dies ist aber Tatsache, und wir erkennen darin deutlich den Grund, warum es notwendig war, jedes Wort und Betragen hassenswert zu machen, worin wir den eingeborenen Drang entdecken könnten, den wir zur Fortpflanzung unserer Gattung empfinden; und ferner, warum es mit dem schändlichen Namen »Brutalität« gebrandmarkt werden sollte, sich der Heftigkeit einer starken, nur mit grosser Pein zu unterdrückenden Begierde zu überlassen und gleich anderen Tieren dem stärksten der Naturtriebe ohne Maske oder Heuchelei in unschuldiger Weise nachzugeben.

Was wir Liebe nennen, ist also kein echter, sondern ein verfälschter Trieb, oder vielmehr ein Gemisch, eine Zusammenhäufung von verschiedenen, in eins verschmolzenen Gefühlen. Da sie ein durch Sitte und Erziehung entstelltes Naturprodukt ist, so wird ihr wahrer Ursprung und erstes Motiv, wie ich schon andeutete, bei wohlerzogenen Leuten erstickt und fast vor ihnen selbst verborgen. Da ausserdem die von ihr Erfüllten nach Alter, Konstitution, Energie, Temperament, Lebensumständen und Sitten variieren, so hat alles dies zur Folge, dass ihre Wirkungen so verschiedenartig, launenhaft, überraschend und unerklärbar sind.

Dieses Gefühl ist es nun auch, was die Eifersucht so quälend und den Neid darin oft so verhängnisvoll macht; wer sich einbildet, es könne Eifersucht ohne Liebe geben, versteht jenen seelischen Zustand nicht. Es kommt vor, dass Männer nicht die geringste Zuneigung zu ihren Frauen empfinden und doch wegen ihres Betragens ärgerlich über sie sind und mit oder ohne Grund Verdacht gegen sie hegen. Was sie aber in solchen Fällen bewegt, ist ihre Eitelkeit, die Sorge um ihren Ruf. Sie fühlen Hass gegen sie, ohne doch Gewissensbisse zu bekommen; wenn sie in Wut geraten, sind sie imstande, sie zu schlagen und dann befriedigt von dannen zu gehen. Solche Männer passen vielleicht selbst auf ihre Ehehälften auf oder lassen sie von andern beobachten; aber ihre Wachsamkeit ist nicht so intensiv, sie sind in ihren Nachforschungen nicht so eifrig und sorgfältig, noch erfüllt sie die Furcht vor einer Entdeckung mit solcher Herzensangst, wie wenn das Gefühl der Liebe dabei beteiligt ist.

Was mich in dieser Ansicht bestärkt, ist die Tatsache, dass wir zwischen einem Manne und seiner Mätresse etwas derartiges nicht beobachten. Denn wenn seine Liebe vorüber ist und er vermutet, dass sie ihn betrügt, so lässt er sie laufen und zerbricht sich nicht weiter den Kopf über sie; während es selbst für einen verständigen Mann die denkbar grösste Schwierigkeit ist, eine Mätresse aufzugeben, solange er sie noch liebt, was sie sich nun auch mag haben zuschulden kommen lassen. Falls er sie im Zorne schlägt, so beunruhigt ihn dies hinterher; seine Liebe lässt ihn über das ihr angetane Unrecht nachdenken, und er möchte gern wieder mit ihr versöhnt sein. Er mag davon reden, dass er sie hasst, und sie manches Mal von Herzen an den Galgen wünschen; kann er aber seine Schwäche nicht gänzlich überwinden, so wird er sich auch nicht von ihr losmachen können. Obgleich sie seiner Phantasie als unerhört schuldbeladen vorschwebt und er sich entschlossen und tausendmal geschworen hat, ihr nie wieder nahezukommen, – es ist ihm nicht zu trauen. Selbst wenn er von ihrer Untreue völlig überzeugt ist: falls nur seine Liebe fortdauert, hält auch seine Verzweiflung nie so lange an, dass er nicht inmitten ihrer bittersten Anfälle bereut und zwischendurch Hoffnung leuchten sieht. Er macht sich Entschuldigungen für sie zurecht, denkt an Verzeihung und quält sich zu diesem Zwecke ab, um etwas zu finden, wodurch sie ihm weniger schuldvoll erscheinen möchte.

*

(O.) … so angenehm,
So wahrhaft lustvoll und bequem.

Dass das höchste Gut die Lust sei, war die Lehre des Epikur, der jedoch ein durch Selbstbeherrschung, Mässigkeit und andere Tugenden ausgezeichnetes Leben führte, so dass die Menschen späterer Zeiten sich über die Bedeutung des Wortes »Lust« stritten. Die auf Grund der Genügsamkeit des Philosophen argumentierten, sagten, die von Epikur gemeinte Lust sei die Tugend; so behauptet Erasmus in seinen »Gesprächen«, es gäbe keine grösseren Epikureer als die Christen. Andere, die der Zuchtlosigkeit seiner meisten Anhänger gedachten, wollten darauf hinaus, dass er unter Lust nichts anderes verstanden haben könne als ausschliesslich sinnliche und die Befriedigung unserer Begierden. Ich werde ihren Streit nicht entscheiden, sondern bin der Meinung, dass alles, woran die Menschen – ob nun gut oder schlecht – Gefallen finden, als Lust zu bezeichnen sei; und ohne mich weiter auf die Etymologie dieses Wortes einzulassen, glaube ich, ein Mensch kann mit Recht jegliches Lust nennen, wonach ihn gelüstet. Dieser Definition gemäss werden wir nun weiterhin über das für die Menschen Lustvolle ebensowenig wie über ihren Geschmack disputieren: Trahit sua quemque voluptas.

Der lebenslustige und ehrgeizige Genussmensch, obwohl er jeden Verdienstes bar, strebt überall danach, den Vortritt zu haben, und möchte womöglich noch mehr als die über ihm Stehenden ausgezeichnet werden. Er schwärmt für grosse Villen und schöne Gärten, und sein Hauptvergnügen findet er darin, andere in prächtigen Pferden, eleganten Kutschen, einer zahlreichen Dienerschaft und teuren Möbeln zu übertreffen. Zur Befriedigung seiner Sinnlichkeit wünscht er sich anständige, hübsche junge Weiber, verschieden nach Aussehen und Reizen, die seine Grösse anbeten und richtig in ihn verliebt sein sollen. Seinen Keller möchte er mit den besten Marken der Weine aller Länder gefüllt sehen, und bei Tafel verlangt er, sich mit recht vielen Gerichten bedient zu finden, deren jedes eine aparte Auswahl nicht leicht zu schaffender Leckerbissen und ausserdem einen deutlichen Beweis feiner und gediegener Kochkunst darbieten muss, während edle Musik und wohlverhüllte Schmeichelei sein Ohr abwechselnd ergötzen. Er beschäftigt selbst in unbedeutenden Kleinigkeiten ausschliesslich die fähigsten und findigsten Handwerker, auf dass sein Geschmack und Urteil in dem Geringsten, was ihm gehört, ebenso deutlich hervorleuchte, wie sein Reichtum und seine Stellung sich in wichtigeren Dingen ausprägen. Zu seiner Unterhaltung sollen ihm verschiedenerlei geistreiche, witzige, feingebildete Leute zu Gebote stehen, und unter diesen möchte er einige haben, die wegen ihrer Gelehrsamkeit und ihres umfassenden Wissens berühmt sind. Für ernste Angelegenheiten dagegen wünscht er, Männer von Talent und Erfahrung zu finden, die treu und fleissig sind. Die er zu seiner Bedienung braucht, müssen diensteifrig, manierlich und verschwiegen, von angenehmem Äusseren und gewinnendem Wesen sein; was er ausserdem von ihnen fordert, ist respektvolle Sorge um alles, was ihm gehört, Gewandtheit ohne Flüchtigkeit, geräuschlose Eilfertigkeit und unbeschränkter Gehorsam gegen seine Befehle. Nichts ist ihm lästiger, als mit Bedienten sprechen zu müssen, weshalb er nur solche um sich leiden mag, die durch Beobachtung seiner Blicke gelernt haben, ihm seinen Willen von den Augen abzulesen. Er liebt es, an allem, was in seine Nähe kommt, eine aparte Eleganz zu sehen, und bei jeglichem Dinge, das zu seinem persönlichen Gebrauche dient, verlangt er, dass unbedingt peinlichste Sauberkeit herrsche. Die obersten Angestellten in seinem Haushalte sind soweit wie möglich Menschen aus angesehener Familie, von Ehre und gutem Ruf wie auch von Verlässlichkeit, Geschick und Sparsamkeit; denn obgleich er gern von jedem geachtet wird und die Ergebenheit gewöhnlicher Leute mit Freude sieht, so erfüllt ihn doch die ihm von angesehenen Personen dargebrachte Ehrung mit einer Wonne, die alles andere weit übersteigt.

Während er so in einem Meer von Lust und Eitelkeit schwimmt, ist er vollauf damit beschäftigt, seine Begierden aufzureizen und zu befriedigen, und wünscht, die Welt solle ihn für gänzlich frei von Stolz und Genusssucht halten und seine ärgsten Laster in günstigem Sinne deuten; ja, wenn sein Einfluss es durchsetzen kann, möchte er als weise, tapfer, edelgesinnt, gutmütig und als mit allen ihm begehrenswert erscheinenden Tugenden ausgestattet gelten. Auch sollen wir glauben, dass der ihn umgebende Pomp und Luxus ihm durchaus nur eine lästige Plage und all die Herrlichkeit, in der er erscheint, eine verhasste Bürde ist, die nun leider mal von der Höhe seiner Lebenssphäre unzertrennlich ist; dass sein über Durchschnittsmass so hoch erhabener edler Geist weiter emporstrebt und an so niederen Genüssen kein Gefallen finden kann; dass es sein höchster Ehrgeiz ist, das Allgemeinwohl zu fördern, sein grösster Wunsch, sein Land in Blüte und einen jeden darin zufrieden zu sehen. Dieser Art ist das, was Lasterhaften und am Leben Hängenden als lustvoll erscheint, und jeder, der es durch Glück oder eigene Kraft weit genug bringt, um in dieser verfeinerten Weise gleichzeitig die Welt und ihre Achtung zu geniessen, gilt in allen besseren Kreisen des Volkes als vollendet glücklich. –

Anderseits jedoch wollten die meisten alten Philosophen und würdigen Moralisten, besonders die Stoiker, nichts als wahres Gut anerkennen, was einem möglicherweise von andern weggenommen werden könnte. Sie bedachten das Schwankende des Glückes und der Fürstengunst, die Nichtigkeit der Ehre und des Beifalls der Menge, die Unsicherheit des Reichtums und alles irdischen Besitzes und fanden daher wahre Glückseligkeit nur in der ruhigen Heiterkeit eines von Schuld und Ehrsucht freien, zufriedenen Geistes, der nach Überwindung aller sinnlichen Begierden das Lächeln wie das Zürnen des Glückes verachtet und, bloss noch der Kontemplation hingegeben, nichts ersehnt, als was ein jeder sich selbst zu geben vermag: eines Geistes, der, gewappnet mit Mut und Entschlossenheit, gelernt hat, die grössten Verluste gleichmütig zu tragen, Schmerzen ohne Betrübnis zu erdulden und Beleidigungen ohne Unwillen hinzunehmen. Viele haben versichert, diese Höhe der Selbstverleugnung erreicht zu haben, und alsdann waren sie, wenn wir ihnen glauben dürfen, über gewöhnliche Sterbliche erhaben, und ihre Willensstärke erstreckte sich weit über das Mass ihrer ursprünglichen Naturanlage hinaus. Sie konnten der Wut drohender Tyrannen und den schrecklichsten Gefahren ohne Furcht ins Auge sehen; inmitten einer Folterung bewahrten sie ihre Seelenruhe; dem Tode selbst konnten sie unerschrocken entgegentreten und verliessen die Welt nicht mit mehr Widerstreben, als sie beim Eintritt in sie Freude gezeigt hatten.

Diese haben bei den Alten stets den grössten Einfluss ausgeübt. Andere indessen, die auch gerade keine Dummköpfe waren, haben diese Vorschriften als unbrauchbar verworfen, ihre Anschauungen überspannt genannt und sich zu beweisen bemüht, dass, was diese Stoiker von sich behaupteten, menschliche Kraft und Fähigkeit übersteige, und dass mithin die Tugenden, deren sie sich rühmten, nichts anderes sein könnten als hochmütige Ansprüche voll Anmassung und Heuchelei. Trotz dieser Beurteilung jedoch haben überall die ernster gestimmten und die grosse Mehrzahl der weisen Männer aller Zeiten in den wichtigsten Punkten mit den Stoikern übereingestimmt, wie etwa darin, dass aus vergänglichen Dingen kein wahres Glück entspringen kann; dass innerer Friede der grösste Segen ist und kein Sieg dem über unsere Leidenschaften gleichkommt; dass Einsicht, Mässigkeit, Tapferkeit, Demut und andere Geisteszierden der wertvollste Besitz sind; dass keiner, der nicht gut ist, glücklich sein kann, und dass daher die Tugendhaften allein fähig sind, wahre Lust zu geniessen.

Ich erwarte gefragt zu werden, warum ich in der Fabel etwas als wahrhaft lustvoll bezeichnet habe, wenn es dem direkt entgegengesetzt ist, was nach meinem eigenen Zugeständnis die weisen Männer aller Zeiten als das Wertvollste gepriesen haben. Meine Antwort ist: weil ich »lustvoll« nicht Dinge nenne, von denen die Menschen sagen, dass sie es in erster Linie seien, sondern vielmehr solche, die ihnen in Wirklichkeit offenbar die grösste Lust bereiten.

Wie kann ich glauben, ein Mensch finde hauptsächlich an der Ausbildung seines Geistes Gefallen, wenn ich beobachte, wie er im Widerspruch hierzu allerlei Vergnügungen hingegeben ist und Tag für Tag nachjagt? John langt nie vom Pudding zu, ausser gerade so viel, dass man nicht sagen kann, er nähme gar keinen. Dieser kleine Bissen geht ihm – man merkt es deutlich – nach langem Kauen und Würgen wie geschnittenes Stroh herunter. Darauf wirft er sich mit Heisshunger auf den Braten und stopft sich bis zur Gurgel voll. Ist es nicht eine starke Zumutung, von John jeden Tag hören zu müssen, dass Pudding sein Ein und Alles ist und dass er sich aus Braten rein gar nichts macht?

Ich könnte über die Seelenstärke und die Verachtung des Reichtums ebenso viele schöne Redensarten machen wie Seneka und würde es schon für den zehnten Teil seines Einkommens übernehmen, zum Lobe der Armut zweimal soviel zu schreiben wie er. Ich könnte den Weg zum summum bonum ebenso genau vorzeichnen, wie ich meinen Heimweg kenne, und könnte den Leuten erzählen, dass sie, um sich aller irdischen Sorgen zu entäussern, ihre Leidenschaften aufgeben müssen, wie man die Möbel entfernt, um ein Zimmer gründlich zu reinigen. Ich bin auch der vollen Überzeugung, dass die Tücke und die schwersten Schläge des Schicksals einer so aller Furcht, aller Wünsche und Neigungen enthobenen Seele nicht mehr zufügen können, als ein blindes Pferd in einer leeren Scheune auszurichten vermag. In der Theorie von alledem bin ich sehr bewandert, aber die Praxis ist doch recht schwierig; und falls jemand damit umginge, mich zu bestehlen, oder sich erdreistete, mir, wenn ich hungrig bin, mein Essen vor den Augen wegzunehmen, oder auch nur im geringsten daran dächte, mir ins Gesicht zu spucken, so wage ich nicht zu versprechen, wie philosophisch ich mich dann benehmen würde. Dass ich jedoch jeder Laune meiner unruhigen Natur nachgeben muss, wird man sagen, ist kein Argument dafür, dass andere ebensowenig Herr über sich sind. Und daher bin ich denn willens, der Tugend, wo immer ich sie finde, Ehrerbietung zu zollen, aber mit dem Vorbehalt, dass ich nicht verpflichtet bin, irgend etwas als solche zuzulassen, wo ich keinen Verzicht auf persönliche Vorteile sehen kann, oder über eines Menschen Gesinnung bloss nach seinen Worten zu urteilen, wo ich doch sein Leben vor mir habe.

Ich habe alle Berufe und Rangordnungen der Menschen durchforscht und bekenne, ich habe nirgendwo mehr Sittenstrenge oder grössere Verachtung der Lebensgenüsse angetroffen als an einigen Stätten der Frömmigkeit, wo die Leute unter freiem Verzicht auf die Welt keinem andern Geschäfte obliegen als dem, ihre natürlichen Triebe zu unterdrücken. Was kann ein deutlicherer Beweis von vollkommener Keuschheit und fleckenloser Reinheit bei Mann und Weib sein, als wenn man sich in der Blüte der Jugend, wenn die Sinnlichkeit am lebhaftesten ist, von der Gesellschaft anderer abschliesst und sich in freiwilliger Verzichtleistung für das ganze Leben nicht bloss von der Unkeuschheit überhaupt, sondern von jedem noch so erlaubten geschlechtlichen Verkehr fernhält? Die sich des Fleisches und oftmals jeder Art von Nahrung enthalten, möchte man wohl auf dem rechten Wege glauben, um alle fleischlichen Gelüste zu besiegen; und ich könnte fast schwören, dass der nicht um seine Ruhe besorgt ist, der täglich seinen entblössten Rücken und seine Schultern durch unverdiente Schläge verwundet und standhaft um Mitternacht aus seinem Schlafe auffahrend, sein Bett verlässt, um Andacht zu üben. Wer kann sich in der Verachtung von Reichtum und Habsucht mehr hervortun, als wer nicht einmal, auch nicht mit dem Fusse, Gold oder Silber berühren mag? Oder kann sich etwa ein Sterblicher weniger genusssüchtig oder mehr demütig zeigen als der Mann, der in selbstgewählter Armut sich mit Brocken und Abfällen begnügt und jegliches Brot verschmäht, das ihm nicht die Mildtätigkeit anderer hat zukommen lassen?

Derartige schöne Beispiele von Selbstverleugnung würden mich mit höchster Ehrfurcht vor der Sittlichkeit der Menschen erfüllen, wäre ich nicht durch so viele hervorragende und gelehrte Personen davor gewarnt und abgeschreckt, die mir einstimmig berichten, dass ich im Irrtum bin und alles, was ich gesehen habe, Farce und Heuchelei ist: dass, wie engelgleich ihr Lieben auch erscheinen mag, nichts als Zwietracht unter ihnen herrscht, und wie bussfertig die Nonnen und Mönche in ihren Klöstern auch auftreten, doch keines von ihnen seine so teueren Begierden opfert; dass unter den Weibern nicht alle Jungfrauen sind, die als solche gelten, und könnte ich in ihre Geheimnisse blicken und einige ihrer unterirdischen Verliesse untersuchen, ich bald durch Szenen des Schreckens überzeugt werden würde, dass manche von ihnen Mütter gewesen sein müssen; dass ich unter den Männern Verleumdung, Neid und Bosheit im höchsten Masse, sowie Völlerei, Trunksucht und Unzucht, noch scheusslicher als selbst Ehebruch, finden würde; was aber schliesslich die Bettelorden anbetrifft, dass sie sich in nichts als ihren Trachten von andern Vagabunden unterscheiden, die einen mit jammervollem Tone und armseligem Äusseren betrügen und, sobald sie ausser Sicht sind, ihren Jargon beiseite lassen, ihren niederen Trieben folgen und sich zusammen amüsieren.

Wenn die bei jenen religiösen Orden beobachteten strengen Vorschriften und zahlreichen äusseren Anzeichen von Gottergebenheit eine solche harte Beurteilung verdienen, so dürfen wir wohl die Hoffnung aufgeben, irgendwo anders Sittenreinheit anzutreffen. Denn wenn wir den Blick auf das Verhalten der Widersacher und grössten Ankläger jener Geweihten richten, so werden wir nicht einmal den Schein von Selbstverleugnung finden. Die hochehrwürdigen Geistlichen aller Sekten, selbst der reformiertesten Kirchen in allen Ländern, tragen mit dem Cyclops Evangeliophorus dafür Sorge, erstens ut ventri bene sit, und weiterhin ne quid desit iis quae sub ventre sunt. Worauf sie wohl noch zufügen werden: angenehme Wohnungen, schöne Möbel, gute Heizung im Winter, hübsche Gärten im Sommer, gediegene Kleidung und Geld genug, um ihre Kinder aufzuziehen; Vortritt bei allen Gesellschaften, Ehrerbietung von Seiten eines jeden und ferner so viel Frömmigkeit, wie man verlangen kann. Diese eben genannten Dinge bilden für sie den Komfort des Lebens, den der Bescheidenste sich nicht zu beanspruchen schämt, und ohne den sie sich sehr unbehaglich fühlen. Denn sie sind nun mal tatsächlich aus demselben Stoffe gemacht und haben dieselbe verderbte Natur wie andere Menschen, sie sind mit denselben Schwächen geboren, denselben Leidenschaften unterworfen und denselben Versuchungen ausgesetzt. Falls sie daher in ihrem Berufe tüchtig sind und sich des Mordens, Ehebrechens, Schwörens, Trinkens und anderer hässlicher Laster enthalten können, so gilt ihr Leben als makellos und ihr Ruf als untadelhaft. Ihr Beruf macht sie heilig, und trotz der Befriedigung so vieler materiellen Bedürfnisse, trotz des Genusses einer so luxuriösen Behaglichkeit dürfen sie sich einen Wert beilegen, wie ihnen ihr Stolz und ihre Fähigkeiten nur gestatten wollen.

Gegen all dies habe ich an sich nichts einzuwenden, aber ich sehe hier kein Aufgeben selbstischer Neigungen, ohne das doch keine wahre Sittlichkeit sein kann. Welches Opfer bringt man denn, wenn man keinen grösseren Anteil an irdischen Glücksgütern begehrt, als womit jeder vernünftige Mensch zufrieden sein sollte? Enthält es irgendein besonderes Verdienst, keine Verbrechen zu begehen und Anmassungen zu unterlassen, die der guten Sitte widerstreiten, und deren sich kein kluger Mensch schuldig macht, auch wenn er keine Spur von Religiosität besitzt?

Man wird mir freilich sagen, der Grund, warum die Geistlichen so sehr erbittert sind, wenn sie einmal nur im geringsten angegriffen werden, und sich so aller Geduld bar erweisen, wenn man ihre Rechte bestreitet, – der Grund hiervon sei ihre Sorge darum, ihren Stand und Beruf gegen Verachtung zu schützen, und das nicht um ihrer selbst willen, sondern um andern nützlicher zu sein. Es sei dies derselbe Grund, der sie nach Komfort und den Annehmlichkeiten des Lebens trachten lässt. Denn würden sie dulden, dass man sie beschimpft, sich mit einfacherer Kost begnügen und bescheidenere Kleider als andere Leute tragen, so würde die Menge, die nach dem äusserlich Sichtbaren urteilt, geneigt sein zu denken, die Geistlichkeit stände der göttlichen Fürsorge auch nicht näher als anderes Volk, und würde so nicht bloss die einzelne Persönlichkeit niedriger bewerten, sondern auch alle von ihr herkommenden Ermahnungen und Belehrungen verachten. Da dieses treffliche Gegenargument sehr beliebt ist, so will ich seinen Wert näher untersuchen.

Ich bin nicht der Meinung des gelehrten Dr. Eachard, dass Armut in anderer Weise dazu beiträgt, die Geistlichen verächtlich zu machen, als indem sie eine Gelegenheit bietet, ihre schwache Seite zu entdecken. Denn wenn ein Mensch dauernd mit schlechten Verhältnissen kämpft und unfähig ist, das Drückende darin ohne Groll zu tragen, so zeigt er eben, wie unbequem ihm seine Armut ist, wie froh er sein würde, wäre seine Lage eine bessere, und welchen realen Wert die Güter dieser Welt für ihn besitzen. Der Mann, der über die Verachtung des Reichtums und die Eitelkeit irdischer Genüsse predigt, während er zwar einen schlechten, fadenscheinigen Rock trägt, aber nur weil er keinen andern hat, und seinen alten fettigen Hut gleich wegtun würde, wenn ihm jemand einen besseren gäbe; der zu Hause seufzend sein Dünnbier schlürft, aber nur so springt, kann er auswärts ein Glas Wein ergattern; der mit wenig Appetit sein eigenes karges Mahl verzehrt, aber gierig einhaut, wo er seinen Gaumen letzen kann, und bei einer Einladung zu einem glänzenden Diner vor Freude ausser sich gerät: dieser ist es, der verachtet wird, nicht weil er arm ist, sondern weil er nicht versteht, es mit jener Zufriedenheit und Resignation zu sein, die er anderen predigt, wodurch er verrät, wie seine Neigungen seiner Lehre widersprechen. Hingegen, wenn ein Mensch aus Seelengrösse – oder, was auf dasselbe herauskommt, aus verstockter Eitelkeit – sich entschliesst, seine Begierden ernstlich zu unterdrücken, und alle ihm gemachten Anerbietungen von Bequemlichkeit und Luxus zurückweist; wenn er, freiwillige Armut mit Freudigkeit auf sich nehmend, jeden sinnlichen Genuss verwirft und mit dieser Lebensführung schliesslich alle seine Leidenschaften seinem Stolze opfert, alsdann wird das Volk, weit entfernt, ihn zu verachten, bereit sein, ihn zu vergöttern und anzubeten. Wie berühmt haben sich nicht die »kynischen« Philosophen dadurch gemacht, dass sie sich lediglich weigerten, sich zu verstellen und mit Überflüssigem abzugeben! Liess sich nicht der ehrgeizigste Monarch, den die Welt je sah, dazu herbei, Diogenes in seiner Tonne zu besuchen und gekünstelte Unhöflichkeit zu zeigen, das höchste Kompliment, das ein Mann von seinem Stolze machen konnte?

Die Menschen glauben sehr gern jemandem auf sein Wort hin, wenn sie irgendwelche Umstände sehen, die mit dem ihnen Erzählten in Einklang stehen; wenn aber unser Verhalten unserer Rede direkt widerspricht, so gilt es als unverschämt, Glauben zu verlangen. Wenn ein munterer frischer Bursche mit roten Backen und warmen Händen, der gerade von einer schneidigen Waffenübung oder auch von einem kalten Bade kommt, uns bei frostigem Wetter mitteilt, dass ihm am Feuer nichts liege, so sind wir gern bereit, ihm zu glauben, besonders falls er sich wirklich davon abwendet; aus seiner Verfassung ersehen wir, dass er weder Wärmung noch Kleidung braucht. Sollten wir aber dasselbe aus dem Munde eines armen erschöpften Kerls mit geschwollenen Händen und bleichem Gesichte und in dünnem, zerlumptem Anzuge hören, so würden wir kein Wort davon glauben, besonders wenn wir ihn zitternd und fröstelnd nach der sonnigen Bank schleichen sähen; er sage was er wolle, wir würden schliessen, dass ihm warme Kleider und ein gutes Feuer sehr wohltun würden. Die Anwendung hiervon ist leicht, und wenn es daher auf Erden irgendwelche Geistlichen gibt, die im Rufe stehen möchten, das Getriebe der Welt zu verachten und die Seele höher als den Körper zu bewerten, so sollten sie auch davon ablassen, für leibliche Genüsse mehr Interesse zu zeigen als im allgemeinen für geistige. Dann können sie ganz beruhigt sein: wie dürftig auch ihre Lebensverhältnisse sein mögen, keine Armut wird ihnen, solange sie sie heiteren Sinnes tragen, jemals Verachtung zuziehen.

Denken wir uns mal einen Pastor, dem eine kleine, ihm sehr am Herzen liegende Gemeinde anvertraut ist. Mit Eifer und Umsicht predigt, besucht, ermahnt, tadelt er unter seinen Leuten und erweist ihnen, um sie glücklich zu machen, jeden ihm möglichen Liebesdienst. Es ist kein Zweifel, dass ihm die unter seiner Hut Befindlichen sehr zugetan sein müssen. Nun wollen wir auch noch annehmen, dass dieser gute Mann mit Hilfe einiger Selbstverleugnung zufrieden ist, von der Hälfte seines Einkommens zu leben, indem er statt der ihm zustehenden vierzig Pfund nur zwanzig pro Jahr annimmt; ausserdem soll er seine Pfarrkinder so innig lieben, dass er sie nie, was ihm auch in Aussicht stände, verlassen würde, und wäre es selbst ein Bischofsstuhl, was ihm angeboten wird. Ich kann mir nicht helfen: alles dies dürfte eine leichte Aufgabe sein für einen Mann, der Fleischestötung übt und die irdischen Freuden für nichts achtet. Trotz der grossen Entartung des Menschengeschlechts wage ich aber dafür einzustehen, dass ein so opferfreudiger Seelsorger geliebt und geachtet werden und jedermanns Dank haben wird. Ja, ich möchte sogar schwören, sollte er auch noch weiter gehen, über die Hälfte seines schmalen Einkommens den Armen geben, von nichts als Hafermehl und Wasser leben, auf Stroh liegen und das gröbste Tuch, das gemacht wird, tragen: seine niedrige Lebensweise würde doch niemandem zu denken geben, noch ihm selbst oder seinen Standesgenossen anstössig sein; sondern im Gegenteil, seine Armut würde, solange sein Andenken währen sollte, stets nur zu seinem Ruhme erwähnt werden.

Aber – so sagt nun eine weichherzige junge Dame – wenn du auch so gefühllos bist, deinen Pastor darben zu lassen, hast du denn für sein Weib und seine Kinder kein Mitleid im Leibe? Ich bitte dich, was muss denn von vierzig Pfund jährlich übrigbleiben, nachdem sie zweimal so unbarmherzig geteilt worden sind? Oder möchtest du, dass die arme Frau und die unschuldigen Kleinen gleichfalls von Hafermehl und Wasser leben und auf Stroh liegen sollen, du gewissenloser Kerl, mit deinen ganzen Annahmen und Selbstverleugnungen? Ja, ist es denn überhaupt möglich, wenn sie auch alle nach deinem mörderischen Rezept lebten, dass eine Familie mit weniger als zehn Pfund pro Jahr auskommen kann? – Regen Sie sich nur nicht auf, gute Frau Abigail, ich habe eine grössere Achtung vor Ihrem Geschlechte, als dass ich verheirateten Männern eine so dürftige Lebensweise vorschriebe. Aber ich gestehe, ich vergass die Frauen und Kinder; der Hauptgrund war, weil ich dachte, arme Priester könnten keine Verwendung für sie haben. Wer möchte glauben, dass der Geistliche, der andere durch Unterweisung und Beispiel zu belehren hat, nicht imstande wäre, jenen Gelüsten zu widerstehen, die die böse Welt selbst unvernünftig nennt? Wenn ein Lehrling heiratet, ehe er ausgelernt und ihm nicht gerade ein stattliches Vermögen zufällt, was ist der Grund, dass da alle seine Verwandten unwillig über ihn sind und jeder ihn tadelt? Nichts sonst als dies, dass er alsdann ganz mittellos dasteht und, wegen seiner dienstlichen Verpflichtung seinem Meister gegenüber, keine Musse und wohl auch nicht genügend Kenntnisse hat, um eine Familie zu ernähren. Was soll man aber von einem Geistlichen halten, der zwanzig oder meinetwegen vierzig Pfund jährlich besitzt und, weil strikt an alle Obliegenheiten eines Seelsorgers gebunden, wenig Zeit und überhaupt kaum Gelegenheit zu anderweitigem Verdienst hat? Nicht wahr, es ist sehr vernünftig, wenn er heiratet? – Warum aber sollte ein braver junger Mann, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, von erlaubten Lebensfreuden zurückgehalten werden? – Ganz recht; die Ehe ist etwas Erlaubtes, Pferd und Wagen sind es auch; aber was nützt das Leuten, die nicht Geld genug haben, um sich so etwas zu leisten? Wenn er ein Weib haben muss, so mag er sich nach einer mit Geld umsehen oder auf eine bessere Pfründe oder sonst etwas warten, wo er sie dann anständig ernähren und alle Nebenausgaben bestreiten kann. Keine aber, die selbst etwas hat, wird ihn nehmen, und er kann nicht länger warten; er verfügt über einen ausgezeichneten Appetit und zeigt alle Symptome von Gesundheit, und es ist nicht jedermanns Sache, ohne ein Weib zu leben: besser freien, denn Brunst leiden. – Wirklich, eine grossartige Selbstverleugnung! Der brave junge Mann ist sehr gern erbötig, tugendhaft zu sein, aber man muss seinen Neigungen nicht entgegentreten; er verspricht, nie Wilddieb zu werden unter der Bedingung, dass er sein eigenes Wildpret haben soll, und keiner darf zweifeln, dass er, käme es drauf und dran, bereit wäre den Märtyrer zu spielen, obwohl er eingestandenermassen nicht stark genug ist, um geduldig einen geritzten Finger zu ertragen.

Wenn wir sehen, wie so viele Geistliche der Wollust, einem rein tierischen Triebe, ergeben sind und dabei unvermeidlich in Armut geraten, die – ausser wenn sie sie mutiger tragen könnten, als ihr ganzes Verhalten beweist – sie notwendigerweise aller Welt verächtlich machen muss: welchen Glauben müssen wir ihnen dann schenken, wenn sie behaupten, dass sie sich der Welt anpassen, nicht weil ihnen ihre zahlreichen Annehmlichkeiten, Freuden und Genüsse behagen, sondern bloss um ihren Beruf vor Verachtung zu bewahren und anderen dadurch nützlicher zu sein? Haben wir nicht Grund zu glauben, ihre Reden sind voll Heuchelei und Falschheit, und Fleischeslust ist nicht die einzige Begierde, die sie stillen möchten; haben wir nicht anzunehmen, dass die hochmütige Art und die Empfindlichkeit, die gesuchte Eleganz der Kleidung und die Gewähltheit des Gaumens, wie sie die meisten, die sich's leisten können, zeigen, dass alle diese ebenso wie bei andern Leuten ein Resultat von Eitelkeit und Genusssucht sind, und dass also die Geistlichkeit nicht mehr wahren Tugendsinn besitzt als irgendein anderer Stand?

Ich fürchte, indem ich solange bei der Besprechung dessen verweilt habe, was in Wirklichkeit als »Lust« zu bezeichnen ist, habe ich vielen meiner Leser schon wirkliche Unlust bereitet. Ich kann mir aber nicht helfen, es kommt mir da etwas in den Kopf, was mich in dem schon Gesagten bestärkt, und was ich nicht umhin kann zu erwähnen. Es ist folgendes. Ganz allgemein genommen sind überall diejenigen, die andere regieren, mindestens ebenso einsichtig wie die von ihnen Regierten. Wenn wir uns nun aus diesem Grunde die uns Übergeordneten zum Muster nehmen wollen, so brauchen wir unsern Blick bloss einmal auf die sämtlichen Höfe und Regierungen zu richten, die auf Erden existieren. Aus dem Verhalten der Grossen werden wir dann bald ersehen, welcher Ansicht sie sind, und was für Vergnügungen die Höchstgestellten von allen am meisten lieben. Denn falls es überhaupt gestattet ist, nach der Lebensführung der Menschen ihre Neigungen zu beurteilen, kann niemandem weniger Unrecht dadurch geschehen als denen, die die meiste Freiheit haben, zu tun was ihnen beliebt.

Wenn die Höchstgestellten sowohl im geistlichen wie im Laienstande in jeglichem Lande auf irdische Genüsse keinen Wert legten und nicht bestrebt wären, ihren sinnlichen Trieben zu folgen, wenn dies nicht wäre, warum herrschen dann Neid und Rachsucht so sehr unter ihnen und werden alle anderen Leidenschaften an Fürstenhöfen mehr als sonst irgendwo genährt und gepflegt? Warum sind ihre Mahlzeiten und Feste, ihre ganze Lebensweise immer derart, wie sie von den am meisten weltlich gesinnten Leuten desselben Landes gebilligt, begehrt und nachgeahmt werden? Wenn sie unter Verachtung alles äusseren Prunkes lediglich für die Pflege des Geistes schwärmten, warum sollten sie dann von den Genusssüchtigen so viele Lebensbedürfnisse übernehmen und allzeit so bereitwillig auf deren Lieblingspfaden wandeln? Warum sollte ein Lord-Kämmerer oder ein Bischof, der allerhöchste Herr selbst oder der römische Papst, um gut und sittlich zu sein und den Sieg über seine Leidenschaften zu erstreben, höherer Einnahmen, eleganterer Möbel oder zahlreicherer Dienerschaft für seine Person bedürfen als ein Privatmann? Was für eine Tugend ist es eigentlich, deren Übung soviel Pomp und Verschwendung erfordert, wie bei allen Leuten in Machtstellungen zu finden ist? Ein Mensch, der nur ein Gericht bei Tisch hat, hat ebensoviel Gelegenheit, mässig zu leben, wie derjenige, dem dauernd drei Gänge und in jedem ein Dutzend Schüsseln serviert werden; und auf dünner Wolldecke ohne Vorhänge und Baldachin kann einer ebensoviel Geduld üben und ebenso von Selbstverleugnung erfüllt sein wie in einem Sammetbett von sechzehn Fuss Höhe. Die sittlichen Vorzüge des Geistes sind keine Last noch Bürde: mutvoll mag jemand in einem Dachstübchen sein Missgeschick erdulden, Beleidigungen zu Fusse vergeben und keusch sein, hat er auch kein Hemd auf dem Leibe. Und somit werde ich denn nimmermehr glauben, dass man alle Gelehrsamkeit und Religion, die ein Mensch in sich tragen kann, einem einfachen Kahne nicht ebensogut anvertrauen dürfe wie einer sechsruderigen Barke, noch dazu wenn sie bloss vom erzbischöflichen Palais in Lambeth nach der Westminsterabtei überzufahren hat; oder dass Demut eine so gewichtige Tugend ist, dass ein Sechserzug notwendig ist, um sie von der Stelle zu bringen.

Es ist ein ganz nichtssagender Einwand, wenn man behauptet, da die Menschen von ihresgleichen nicht so leicht wie von ihnen Überlegenen regiert werden, so müssten, um die Menge in Ehrfurcht zu halten, die Herrschenden ihrem Äusseren nach vor andern ausgezeichnet sein und daher alle Höhergestellten Ehrenabzeichen und Attribute ihrer Macht an sich haben, die sie von dem grossen Haufen unterscheiden. Erstens mal kann dies nur für ärmliche Fürsten, für schwache und unsichere Regierungen von Nutzen sein, die in tatsächlicher Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens darauf angewiesen sind, vermittels äusserer Schaustellung zustande zu bringen, was ihnen an wirklicher Macht fehlt. So ist der Gouverneur von Batavia in Ostindien gezwungen, eine Pracht und Grossartigkeit weit über seinen Rang hinaus zu entfalten, um den Eingeborenen von Java Furcht einzujagen, die bei genügender Geschicklichkeit und Leitung stark genug wären, um die zehnfache Zahl ihrer Gebieter zu vernichten. Allein, grosse Fürsten und Staaten, die über bedeutende Flotten auf dem Meere und zahlreiche Armeen im Felde verfügen, haben für solche Kunstgriffe keine Verwendung; denn was sie nach aussenhin gefürchtet macht, wird auch nie verfehlen, ihnen zu Hause Sicherheit zu gewähren. – Zweitens: was Leben und Besitz der Bürger vor den Angriffen böser Menschen beschützen muss, ist in allen Gemeinwesen die Strenge der Gesetze und die sorgfältige Ausübung unparteiischer Rechtspflege. Diebstahl, Einbruch und Mord werden nicht durch die Scharlachmäntel der Ratsherren, die goldenen Ketten der Oberrichter und das feine Geschirr ihrer Pferde oder sonst irgendeinen auffallenden Putz verhindert. Solches äussere Gepränge bewährt sich nach ganz anderer Richtung: dem Emporstrebenden ist es eine beredte Lektion, und sein Zweck ist, anzuspornen, nicht abzuschrecken. Moralisch verwahrlosten Menschen aber muss durch strenge Beamte, starke Gefängnisse, wachsame Wärter, durch Henker und Galgen Respekt beigebracht werden. Wenn London nur eine Woche lang ohne Schutzmannschaft zur nächtlichen Bewachung der Häuser wäre, so würde in dieser Zeit die Hälfte aller Bankiers ruiniert sein; und wenn der Lord-Mayor zu seiner Verteidigung weiter nichts als sein riesiges Schwert, sein pompöses Sammetbarett und sein vergoldetes Zepter besässe, so würde er, in seinem Wagen sitzend, bald mitten in den Strassen der City seiner ganzen Staffage entledigt sein.

Aber gesetzt auch, die Augen des Pöbels müssten durch ein prunkvolles Äussere geblendet werden; wenn Tugendübung dennoch das Hauptlebensziel grosser Männer wäre, warum sollte dann ihre Extravaganz auf Dinge ausgedehnt werden, die der grosse Haufe gar nicht versteht, und die den Blicken der Öffentlichkeit gänzlich entzogen sind? Ich meine ihre Privatvergnügungen, den Pomp und Luxus des Speisesaals und des Schlafgemachs und die Kostbarkeiten des Studierzimmers. Wie wenige aus dem Volke wissen, dass es Wein zu einer Guinee die Flasche gibt, dass Vögel, nicht grösser wie eine Lerche, oft für eine halbe Guinee das Stück verkauft werden, oder dass ein einziges Gemälde mehrere tausend Pfund wert sein kann! Ausserdem: ist es denkbar, dass die Menschen, wenn es ihnen selbst kein Vergnügen macht, sich einer politischen Schaustellung wegen so ungeheure Kosten machen und so eifrig dahinter her sein sollten, die Hochachtung derer zu gewinnen, die sie in allem übrigen so sehr verachten? Falls wir aber auch zugeben, dass die Pracht und Eleganz eines Hofes etwas Drückendes seien und lediglich aufgewandt würden, um die königliche Majestät vor Missachtung zu bewahren, können wir dann noch das gleiche von einem halben Dutzend illegitimer Kinder sagen, deren Mehrzahl dem ehebrecherischen Treiben derselben Majestät entstammt und auf Kosten des Volkes erzeugt, erzogen und zu Prinzen gemacht wird? – Es ist nach alledem wohl offenbar, dass dieses In-Ehrfurcht-halten der Menge vermittels distinguierter Lebensgestaltung bloss ein Mantel und Vorwand ist, unter dem die grossen Männer ihre Gesinnungslosigkeit verbergen und allen ihren Leidenschaften ohne Tadel frönen wollen.

Einem Bürgermeister von Amsterdam in seinem einfachen schwarzen Anzuge, begleitet vielleicht von nur einem Bedienten zu Fuss, wird ebensoviel Respekt und mehr Gehorsam erwiesen als einem Lord-Mayor von London mit all seiner glänzenden Ausrüstung und seinem zahlreichen Dienertross. Wo wirkliche Macht vorhanden ist, wäre es lächerlich zu glauben, dass irgendein Masshalten oder eine Strenge in der Lebensführung jemals die Person, in der jene Macht ruht – vom Kaiser bis hinab zum Gerichtsdiener eines Dorfes –, in ihrem Amte verächtlich machen könnte. Cato hatte bei seiner Verwaltung Spaniens, in der er sich soviel Ruhm erwarb, nur drei Bediente um sich, aber hören wir etwas davon, dass deswegen irgendeiner seiner Befehle je vernachlässigt wurde, trotzdem er ausserdem bisweilen der Flasche etwas stark zusprach? Und als jener grosse Mann zu Fuss die glühende Wüste Libyens durchschritt und vor Durst fast ausgedörrt sich weigerte, das ihm gebotene Wasser zu berühren, bevor alle seine Soldaten getrunken hätten, lesen wir da irgendwo, dass dieses heroische Dulden seine Autorität schwächte oder ihn in der Achtung seines Heeres herabsetzte? Was brauchen wir aber so weit abzugehen: seit langem hat es keinen dem Pomp und Luxus weniger ergebenen Fürsten gegeben als Karl XII., den gegenwärtigen König von Schweden, der aus Begeisterung für den Titel eines Helden nicht bloss das Leben seiner Untertanen und das Gedeihen seines Landes, sondern, was bei Herrschern noch ungewöhnlicher ist, auch sein eigenes Wohlbefinden und allen Komfort des Lebens einer unversöhnlichen Rachsucht geopfert hat; dennoch fügt man sich ihm bis zum Ruin seines Volkes, indem man hartnäckig einen Krieg weiterführt, der sein Reich fast schon aufs Äusserste erschöpft hat.

So habe ich also erwiesen, dass für die Menschen unter natürlichen Verhältnissen alles wahrhaft Lustvolle etwas Materielles oder Sinnliches ist, vorausgesetzt, dass wir nach ihrem tatsächlichen Verhalten urteilen. Ich sage: für die Menschen »unter natürlichen Verhältnissen«, weil man von echten, Gott geweihten Christen, die hier allein auszunehmen wären, da sie wiedergeboren und auf übernatürliche Weise der göttlichen Gnade teilhaftig geworden sind, nicht behaupten kann, sie befänden sich unter natürlichen Verhältnissen. – Wie seltsam ist es doch, dass dies von allen so einstimmig geleugnet wird! Man befrage nicht bloss die Geistlichen und Moralisten jeglichen Landes, sondern alle, die reich und mächtig sind, darüber, was wahre Lust sei, und sie werden einem mit den Stoikern entgegnen, dass irdische und vergängliche Dinge kein wirkliches Glück gewähren könnten; dann sehe man aber auf ihr Leben, und man wird entdecken, dass sie an nichts anderem Gefallen finden.

Was sollen wir in diesem Dilemma tun? Sollen wir, nach ihren Handlungen urteilend, so unbarmherzig sein und sagen, dass alle Menschen der Wahrheit Gewalt antun und in Wirklichkeit anderer Meinung sind, sie mögen nun behaupten was sie wollen? Oder sollen wir so einfältig sein, uns auf ihre Äusserungen zu verlassen, und im Glauben an die Echtheit ihrer Gesinnung unsern eigenen Augen nicht trauen? Oder schliesslich, sollen wir uns lieber bemühen, uns selbst und ihnen noch dazu Glauben zu schenken und mit Montaigne sagen, sie bildeten sich ein und seien völlig davon überzeugt, dass sie glauben, was sie doch tatsächlich nicht glauben? Folgendes sind seine Worte: »Einige betrügen ihre Mitmenschen und möchten den Anschein eines Glaubens erwecken, den sie in Wirklichkeit nicht haben; bei weitem die Mehrzahl aber betrügt sich selbst, indem sie nicht bedenkt und sich gründlich überlegt, was es heisst, zu glauben.« Aber dies würde bedeuten, dass alle Menschen entweder Narren oder Betrüger sind, eine Anschauung, die wir nur dadurch umgehen können, dass wir uns dem Ausspruche Bayles anschliessen, den er sich bemüht in seinen Betrachtungen über die Kometen ausführlich zu beweisen: der Mensch sei ein so unergründbares Geschöpf, dass er in den allermeisten Fällen gegen seine Überzeugung handelt; und dies sei so wenig eine Beleidigung, dass es vielmehr ein Kompliment vor der Menschennatur ist, denn entweder müssen wir dies, oder aber etwas Schlimmeres sagen.

Dieser Widerspruch in der Veranlagung des Menschen ist der Grund davon, dass die Sittlichkeit der Theorie nach so wohlbekannt, in der Praxis aber so selten anzutreffen ist. Fragt man mich, wohin man zu blicken habe, um jene leuchtend-schönen Eigenschaften der Staatsminister und der grossen Fürstengünstlinge zu gewahren, die in Dedikationen, Adressen, Nekrologen, Grabschriften und Gedenktafeln so herrlich ausgemalt werden, so antworte ich: ebendort und nirgendwo anders hin. Worin sonst ist die Schönheit einer Statue zu entdecken als in demjenigen ihrer Teile, den man sieht? Lediglich die feingeglättete Aussenseite ist es, was sich der Kunst und Mühe des Bildhauers zu rühmen hat; was sich dem Blicke entzieht, kommt nicht in Betracht. Wollte man den Kopf zerbrechen oder die Brust aufschlagen, um nach Gehirn oder Herz zu forschen, so würde man nur seine Unwissenheit verraten und das Kunstwerk zerstören. Dies hat mich oft veranlasst, die Tugenden grosser Männer unsern riesigen chinesischen Vasen zu vergleichen: sie nehmen sich prachtvoll aus und haben etwas ungemein Dekoratives an sich; ihrer Massigkeit und ihrem Werte nach zu urteilen, möchte man glauben, sie seien sehr nützlich, – aber man schaue in Tausende von ihnen hinein, und man wird nichts darin sehen als Staub und Spinnweben.

*

(P.) … der Arme sogar
Noch besser dran als einst der Reiche war.

Wenn wir die höchstentwickelten Völker bis zu ihrem Ursprung zurück verfolgen, so werden wir finden, dass in den entlegensten Anfängen jeder sozialen Gemeinschaft die Reichsten und Vornehmsten lange Zeit hindurch sehr viele Erleichterungen des Daseins entbehrten, über die jetzt die gewöhnlichsten und dürftigsten Kerle verfügen. Daher gibt es vieles, was einst als luxuriöse Erfindung betrachtet wurde, jetzt aber selbst denjenigen zugestanden wird, die als gar zu arm der öffentlichen Fürsorge unterstehen, – ja, was für so notwendig gehalten wird, dass es unseres Erachtens keinem menschlichen Wesen vorenthalten sein sollte.

In den ältesten Zeiten nährte sich der Mensch zweifellos ohne vorherige Zubereitung von den Früchten der Erde und ruhte gleich anderen Tieren nackend auf dem Schosse ihrer gemeinsamen Mutter. Da alles, was seitdem zur Erleichterung des Daseins geschaffen worden ist, das Resultat von Überlegung, Erfahrung und einiger Anstrengung gewesen sein muss, so verdient es den Namen Luxus in dem Masse, als es besondere Mühe beanspruchte und von der ursprünglichen Einfachheit abwich. Unsere Bewunderung erstreckt sich nie weiter als auf das, was neu ist; dagegen pflegen wir die Besonderheit der uns geläufigen Dinge zu übersehen, selbst wenn sie noch so merkwürdig sind. Es wäre lächerlich, etwas Luxuriöses an der einfachen Kleidung eines Armenhäuslers zu finden, der in seinem dicken Kittel und einem groben Hemd darunter einhergeht. Und doch, welche Menge von Menschen und wie viele verschiedene Gewerbe müssen mit ihren zahlreichen kunstvollen Werkzeugen dazu beitragen, auch nur das gewöhnlichste Yorkshire-Tuch zu erhalten? Welche Überlegung und Findigkeit, was für Mühe und Arbeit und wieviel Zeit muss es gekostet haben, ehe die Menschen es verstanden, eine Saat aufzubringen und ein so nützliches Produkt wie Leinwand zu verfertigen!

Muss das nicht eine töricht anspruchsvolle Gesellschaft sein, bei der dieser wunderbare Artikel nach seiner Herstellung nicht für geeignet gehalten wird, selbst vom Allerärmsten benutzt zu werden, ehe er vollkommene Weisse erlangt hat, was nur unter Mitwirkung aller vier Elemente im Bunde mit sehr viel Fleiss und Geduld zu erreichen ist? Wenn wir ausserdem bedenken, was diese luxuriöse Erfindung kostet und wie kurze Zeit hindurch jene Weisse, in der ihre Schönheit zum Teil besteht, anhält; ferner, dass sie mindestens alle sechs oder sieben Tage der Reinigung bedarf und dadurch dem Träger dauernde Ausgaben verursacht; wenn wir, sage ich, all dies bedenken, muss es uns dann nicht als ein starkes Stück von Extravaganz erscheinen, dass sogar Almosenempfänger nicht bloss ganze aus diesem mühsamen Fabrikate gemachte Gewänder erhalten, sondern diese auch, sobald sie beschmutzt sind, frisch gereinigt bekommen, wobei von einer der sinnreichsten und kompliziertesten Verbindungen Gebrauch gemacht wird, deren sich die Chemie rühmen kann, einer Verbindung, die, mit Feuers Hilfe in Wasser aufgelöst, das kräftigste und doch unschädlichste Reinigungsmittel ergibt, das Menschengeist bisher zu erfinden vermocht hat?

Sicherlich hat es eine Zeit gegeben, wo von solchen Dingen in diesen begeisterten Ausdrücken gesprochen worden ist und ein jeder in dieser Weise gedacht hat. Das Zeitalter aber, in dem wir leben, würde einen Menschen für närrisch erklären, der von Extravaganz spräche, wenn er sähe, wie eine arme Frau ihr billiges Hemd, das sie eine ganze Woche getragen, mit ein bisschen stinkender Seife, zu einem Groschen das Pfund, wieder sauber wäscht.

Das Brauen und das Brotbacken sind nur ganz allmählich zu der gegenwärtigen Vollkommenheit gebracht worden. Sie auf einmal und »a priori« zu erfinden, würde mehr Wissen und tiefere Einsicht in das Wesen der Gärung erfordert haben, als den grössten Philosophen bisher eigen gewesen ist. Trotzdem werden die Früchte dieser beiden Künste jetzt auch den untersten Volksschichten ganz allgemein zuteil, und ein armer Hungerleider weiss keinen demütigeren oder bescheideneren Wunsch zu tun, als um ein Stückchen Brot oder einen Schluck Dünnbier zu bitten.

Der Mensch lernte ferner durch Erfahrung, dass es nichts Weicheres als kleine Vogelfedern und Daunen gäbe, und fand, dass sie zusammengehäuft vermöge ihrer Elastizität jedem aufgelegten Gewichte einen sanften Widerstand entgegensetzten und sich von selbst wieder emporhoben, sobald der Druck vorüber war. Ihre Verwendung als Unterlage beim Schlafen wurde zweifellos zuerst erfunden, um der Eitelkeit und Bequemlichkeit der Reichen und Mächtigen zu dienen. Seit langem aber sind sie etwas so Gewöhnliches geworden, dass fast jeder auf Federbetten liegt und es als elender Notbehelf äusserster Armut gilt, sie durch Wollflocken zu ersetzen. Welche enorme Höhe musste der Luxus erreicht haben, ehe man das Ruhen auf weicher Tierwolle als beschwerlich ansehen konnte!

Von Höhlen, Hütten, Zelten und Baracken, mit denen die Menschheit zuerst auskam, haben wir es zu warmen, wohlgebauten Häusern gebracht, und die primitivsten Stadtwohnungen sind jetzt regelmässige Gebäude, die nach den Gesetzen der Symmetrie und des Stils aufgeführt wurden. Wenn die alten Briten und Gallier ihren Gräbern entsteigen könnten, in welcher Verwirrung würden sie die mächtigen Bauten anstarren, die überall für die Armen errichtet worden sind! Was würden sie zu der Pracht eines Chelsea-College, eines Greenwich-Hospital, oder gar von »Des Invalides« in Paris sagen, zu der sorgfältigen Pflege, dem Überfluss und Pomp, deren sich Leute, die rein gar nichts besitzen, in jenen stattlichen Palästen erfreuen! Die einst die Grössten und Reichsten im Lande waren, würden gewiss mit Recht diejenigen beneiden, die jetzt bei uns glauben, am schlechtesten dran zu sein.

Ein anderer Luxus bei den Armen, der nicht als solcher betrachtet wird und dessen sich jedenfalls im goldenen Zeitalter auch die Wohlhabendsten enthalten haben werden, ist die Verwendung von tierischem Fleisch als Nahrung. Hinsichtlich der Sitten und Gebräuche der Zeit, in der die Menschen leben, fragen sie niemals nach dem wahren Wert und Nutzen einer Sache, sondern urteilen über die Dinge, nicht wie ihre Vernunft, sondern wie die Gewöhnung sie anleitet. Es gab eine Zeit, wo bei der Totenbestattung die Trauerfeierlichkeit unter Verwendung des Feuers vorgenommen und die irdische Hülle selbst des grössten Kaisers zu Asche verbrannt wurde. Vergraben der Leiche in der Erde war damals eine Bestattung für Sklaven oder galt als Strafe für die schlimmsten Missetäter. Heutzutage ist Einscharren das einzig Anständige oder Ehrenvolle, und das Verbrennen des Leichnams bleibt für die schwärzesten Verbrecher aufbewahrt. Manchmal erscheint uns eine Kleinigkeit als etwas Schreckliches, andermal wieder können wir scheusslichen Szenen mit Seelenruhe zusehen. Wenn wir jemanden mit dem Hut auf dem Kopfe in einer Kirche herumgehen sehen, so sind wir empört, auch wenn gerade kein Gottesdienst stattfindet. Wenn wir dagegen Sonntag nachts ein halbes Dutzend betrunkene Burschen auf der Strasse treffen, so macht uns dieser Anblick wenig oder gar keinen Eindruck. Im Falle eine Frau bei einer Lustbarkeit Mannskleider anzieht, gilt das unter Freunden als Ulk, und wer es bedenklich findet, wird für einen kleinlichen Menschen gehalten. Auf der Bühne geschieht es unbeanstandet, und die vornehmsten Damen werden es sich bei einer Schauspielerin gefallen lassen, obgleich ihre Beine vollständig zu sehen sind; wenn dasselbe Weib aber, sobald sie wieder Frauenkleider anhat, einem Manne ihr Bein bis zum Knie hinauf zeigen wollte, so wäre das etwas sehr Anstössiges, und jeder würde sie schamlos nennen.

Ich habe mir oft gedacht, wenn sich die Sitte keine solche Tyrannei gegen uns anmasste, dann könnten sich Menschen von auch nur leidlicher Gutmütigkeit nimmermehr mit der Tötung so vieler Tiere für ihre täglichen Mahlzeiten aussöhnen, solange die gütige Erde sie mit so mannigfachen pflanzlichen Leckerbissen versorgt. Die Vernunft erregt freilich unser Mitgefühl nur sehr schwach, und daher wundere ich mich nicht, dass der Mensch so unvollkommene Geschöpfe wie Krebse, Austern, Schnecken und Fische tatsächlich allgemein so wenig bemitleidet. Da sie stumm sind und ihr innerer Bau wie auch ihre äussere Gestalt von den unsrigen überaus stark abweichen, so drücken sie ihre Empfindungen in einer uns unverständlichen Weise aus. Daher ist es denn nicht befremdlich, dass ihre Qualen unserem Verstande, den sie nicht erreichen können, entgehen; denn nichts rührt unser Mitleid so wirksam, als wenn die Schmerzensäusserungen unsere Sinne unmittelbar erregen. So habe ich gesehen, wie Leute, die auf der Jagd ein halbes Dutzend Hühner mit Vergnügen hätten töten können, bei dem Lärm, den ein Hummer am Spiesse macht, in sichtliche Bewegung gerieten. Bei so hochstehenden Tieren aber wie Schafen und Ochsen, bei denen Herz, Gehirn und Nerven sich so wenig von den unsrigen unterscheiden und der Stoffwechsel, die Sinnesorgane und damit die Empfindungen selbst die gleichen wie bei menschlichen Wesen sind, da kann ich nicht begreifen, wie ein an Blut und Totschlag nicht gewöhnter Mensch fähig ist, den gewaltsamen Tod und seine Qualen ruhig mit anzusehen.

Als Antwort hierauf werden es die meisten für ausreichend halten zu sagen, da zugegebenermassen alle Dinge zum Nutzen des Menschen geschaffen sind, so kann es keine Grausamkeit sein, einem Lebewesen das ihm bestimmte Schicksal zu bereiten. Allein, ich habe Menschen diesen Einwand machen hören, während ihr besseres Bewusstsein ihnen die Falschheit ihrer Behauptung zum Vorwurf machte. Im ganzen Volke ist unter zehn Männern nicht einer, der nicht – ausser wenn er in einem Schlachthofe aufwuchs – eingestehen wird, dass er von allen Berufen nie den eines Schlächters hätte wählen mögen; und ich zweifle, ob irgend jemand das erstemal auch nur ein Hühnchen ohne Widerstreben tötete. Manche Leute sind nicht zu überreden, von einem Tiere zu kosten, das sie gekannt und täglich gesehen haben, solange es am Leben war; andere dehnen ihre Skrupel nicht weiter aus als auf ihr eigenes Federvieh und weigern sich zu essen, was sie selbst fütterten und pflegten. Sie alle jedoch werden tüchtig und ohne Gewissensbisse von Rind- und Hammelfleisch oder Geflügel zulangen, wenn es zu Markte gebracht wird. In diesem Verhalten erscheint, wie mich dünkt, etwas wie ein Bewusstsein von Schuld: es sieht so aus, als ob sie sich bemühten, sich dem Vorwurf eines Verbrechens – das, wie sie wissen, hier irgendwo steckt – dadurch zu entziehen, dass sie seine Ursache soweit wie möglich von sich entfernen; und ich glaube darin einen noch ungeschwächten Rest von ursprünglichem Mitgefühl und Wohlwollen entdecken zu können, den aller willkürliche Zwang der Sitte und alles Übermass von Genusssucht nicht zu zerstören vermochten.

Worauf ich mich hier stütze, wird man mir sagen, ist eine Torheit, deren sich kein Verständiger schuldig macht. Ich gebe das zu; solange es aber einem wirklichen, uns von Natur innewohnenden Gefühle entstammt, genügt es zu dem Beweise, dass wir mit einem Abscheu gegen das Töten und mithin gegen das Essen von Tieren geboren sind. Denn unmöglich kann uns ein natürlicher Drang antreiben, zu tun oder zu verlangen dass andere tun, wogegen wir eine Abneigung haben, es sei so töricht wie es will.

Jedermann weiss, dass Chirurgen bei der Heilung gefährlicher Wunden und Brüche, der Amputation von Gliedern und anderen schrecklichen Operationen oft gezwungen sind, ihren Patienten ausserordentliche Qualen zu bereiten, und dass sie sich, je schlimmere und traurigere Fälle ihnen vorkommen, um so mehr an die Schreie und körperlichen Schmerzen anderer gewöhnen müssen. Aus diesem Grunde erlaubt ihnen unser englisches Recht in grosser Besorgtheit um das Leben der Untertanen nicht, bei einem Schwurgericht über Leben und Tod eines Menschen zu entscheiden, in der Voraussetzung, dass ihre Praxis allein genügt, um bei ihnen jene Zartheit des Empfindens zu schwächen und zu vernichten, ohne die keiner imstande ist, das Leben seiner Mitmenschen richtig zu bewerten. Hätten wir für das, was wir blossen Tieren antun, gar kein Gefühl, und sähe man in ihrer Tötung nichts Grausames, – warum sollten dann nach jenem Rechte von allen Berufen gerade die Schlächter, und nur sie in Gemeinschaft mit den Chirurgen, davon ausgeschlossen sein, als Geschworene mitzuwirken?

Ich will nichts von dem sagen, was Pythagoras und viele andere weise Männer hinsichtlich der Barbarei des Fleischessens geäussert haben; ich bin schon zu weit von meinem Wege abgegangen und werde daher den Leser bitten, wenn er noch mehr darüber hören will, die folgende Fabel durchzulesen, sonst aber, falls er bereits genug hat, sie zu überschlagen, indem ich ihm versichere, dass er mich durch beides in gleicher Weise verpflichtet.

Ein römischer Kaufmann wurde in einem der Punischen Kriege an die Küste Afrikas verschlagen. Er selbst und sein Sklave retteten sich mit grosser Mühe ans Ufer; auf der Suche nach etwas Erquickung trafen sie aber einen Löwen von gewaltiger Grösse. Zufällig war es einer von dem Stamme, der zur Zeit Äsops blühte: einer, der nicht bloss verschiedene Sprachen verstand, sondern ausserdem in menschlichen Angelegenheiten sehr wohl bewandert zu sein schien. Der Sklave machte, dass er auf einen Baum kam, während sein Herr, der sich dort nicht sicher dünkte, und der auch schon viel von der Grossmut der Löwen gehört hatte, mit allen Anzeichen von Furcht und Unterwürfigkeit vor ihm niederfiel. Der Löwe, der sich vor kurzem seinen Bauch gefüllt hatte, gebot ihm, aufzustehen und für eine Weile seine Furcht abzulegen, indem er ihm noch versicherte, dass ihm nichts geschehen würde, falls er ihm einen annehmbaren Grund angeben könnte, warum er nicht gefressen werden sollte. Der Kaufmann gehorchte, und da er nun einige Hoffnung auf Rettung schimmern sah, so gab er einen kläglichen Bericht von dem Schiffbruche, den er erlebt, und bemühte sich, auf diese Weise des Löwen Mitleid zu erregen, indem er seinen Fall mit reichlicher Rede gar trefflich vortrug. Als er aber aus den Mienen der Bestie ersah, dass ihr Schmeichelei und schöne Worte wenig Eindruck machten, nahm er seine Zuflucht zu Argumenten von grösserem Gewichte und demonstrierte aus den Vorzügen und Fähigkeiten des Menschen, wie unwahrscheinlich es doch wäre, dass ihn die Götter nicht zu etwas Besserem bestimmt haben sollten als dazu, von wilden Bestien gefressen zu werden. Nunmehr wurde der Löwe aufmerksamer und liess sich dann und wann zu einer Erwiderung herbei, bis sich zuletzt folgender Dialog zwischen beiden entspann.

»O du nichtiges und begehrliches Tier,« sagte der Löwe »dessen Eitelkeit und Habsucht so gross sind, dass es seinen angestammten Sitz, wo seine Naturbedürfnisse in Fülle gestillt werden könnten, verlässt und sich auf das wilde Meer und gefahrvolle Berge hinauswagt, um schliesslich doch bloss Überflüssiges zu finden, warum willst du eigentlich euer Geschlecht höher als unseres schätzen? Und wenn die Götter euch über alle anderen Kreaturen gestellt haben, warum nahst du dann einer so untergeordneten wie mir mit Bitten?« – »Unsere Überlegenheit« antwortete der Kaufmann »besteht nicht in Körperstärke, sondern in Verstandeskräften. Die Götter haben uns mit einer unsterblichen Seele ausgestattet, die, obwohl unsichtbar, das bessere Teil in uns ist.« – »Ich begehre nichts von dir zu berühren, als was gut zu essen ist. Warum aber bildet ihr euch auf jenen unsichtbaren Teil soviel ein?« – »Weil er unsterblich ist und ihm nach dem Tode für das Verhalten in diesem Leben Belohnungen zuteil werden sollen, so dass der Gerechte im Elysium mit den Heroen und Halbgöttern ewige Ruhe und Heiterkeit geniessen wird.« – »Was für ein Leben hast du geführt?« – »Ich habe die Götter geehrt und mich befleissigt, den Menschen Gutes zu tun.« – »Weshalb fürchtest du dann den Tod, wenn du die Götter für ebenso gerecht hältst, wie du gewesen bist?« – »Ich habe ein Weib und fünf kleine Kinder, die in Not geraten müssen, verlieren sie mich.« – »Ich habe zwei Junge, die noch nicht gross genug sind, um selber für sich zu sorgen, die gerade jetzt Not leiden und unvermeidlich verhungern müssen, wenn ich ihnen nichts verschaffen kann. Deine Kinder werden schon auf irgendeine Weise versorgt werden; jedenfalls wenn ich dich auffresse ebensogut, wie wenn du ertrunken wärst.

Was die Vorzüge unserer beiden Arten voreinander betrifft, so ist bei euch der Wert von etwas stets mit seiner Seltenheit gestiegen; auf eine Million Menschen kommt aber kaum ein Löwe. Übrigens ist in der Hochachtung, die der Mensch vor seinesgleichen zu haben behauptet, nur wenig mehr Wahrheit enthalten, als dem Anteil entspricht, den die Eitelkeit jedes einzelnen daran hat. Närrisch ist es, wenn ihr euch der Liebe und Sorgfalt rühmen wollt, die ihr euren Kindern angedeihen lasst, oder der unablässigen, grossen Mühe, die auf ihre Erziehung verwendet wird. Da der Mensch als das bedürftigste und hilfloseste Tier geboren wird, so ist dies nur ein Naturinstinkt, der von jeher bei allen Lebewesen die Sorge der Eltern um die Schwächen und Bedürfnisse der Nachkommenschaft geregelt hat. Hättet ihr aber eine wahre Achtung für euresgleichen, wie wäre es dann möglich, dass oft zehntausend, und manchmal noch zehnmal mehr, in wenigen Stunden der Laune zweier geopfert werden? Jede Menschenklasse verachtet diejenigen, die unter ihr stehen, und wenn du in die Herzen der Könige und Fürsten schauen könntest, würdest du kaum welche finden, die nicht den grössten Teil der von ihnen Regierten ebenso verachten wie diese das Vieh, das ihnen gehört. Warum sollten denn so viele versuchen, ihren Stamm, wenn auch nur auf illegitimem Wege, von den unsterblichen Göttern abzuleiten; warum sollten sie alle dulden, dass andere vor ihnen niederknien, und mehr oder minder Gefallen daran finden, sich göttliche Ehrungen erweisen zu lassen, wäre es nicht, um dadurch auszudrücken, dass sie höhere Wesen, ein über ihre Untertanen erhabenes Geschlecht seien?

Wild bin ich zwar; kein Geschöpf aber kann grausam genannt werden, das nicht entweder durch Bosheit oder durch Verstocktheit das ihm natürliche Mitleid ausgetilgt hat. Der Löwe jedoch ward ohne Mitgefühl geboren. Wir folgen dem Instinkte unserer Natur; die Götter haben uns dazu bestimmt, von Raub und der Vernichtung anderer Tiere zu leben, und solange wir Totes auffinden können, jagen wir nicht nach Lebendem. Bloss der Mensch, der böse Mensch, vermag mit dem Tode sein Spiel zu treiben. Die Natur lehrte euren Magen, sich mit Pflanzlichem zu begnügen; aber eure unerhörte Sucht nach Abwechslung und eure noch grössere Gier nach Neuerungen haben euch zur Vernichtung von Tieren ohne Recht und Notwendigkeit getrieben und eure Begierden nach jeder Richtung hin, in der eure Eitelkeit und Genusssucht sie wiesen, beeinflusst. Der Löwe hat ein Ferment in sich, das die zäheste Haut und die härtesten Knochen ebenso wie das Fleisch aller Tiere ohne Ausnahme zersetzt. Euer wählerischer Magen dagegen, dessen verdauende Kraft nur unerheblich und schwach ist, mag nicht einmal deren zarteste Teile aufnehmen, wenn nicht über die Hälfte der Verdauungstätigkeit von vornherein durch künstliches Feuer vollbracht worden ist. Und doch, welches Tier ist noch übrig, das ihr nicht den Launen eines verzärtelten Appetits geopfert habt? ›Verzärtelt‹ sage ich; denn was ist des Menschen Hunger mit dem des Löwen verglichen? Der eurige, wenn er am schlimmsten ist, macht euch schwach, der meinige macht mich rasend. Oft habe ich mit Wurzeln und Kräutern seine Heftigkeit zu mildern gesucht; doch vergebens, – nur grosse Mengen von Fleisch können ihn stillen.

Obwohl aber unser Hunger etwas so Qualvolles ist, haben Löwen oft empfangene Wohltaten belohnt. Der undankbare und treulose Mensch hingegen nährt sich vom Schafe, das ihn bekleidet, und verschont auch seine Jungen nicht, die er in Pflege und Obhut genommen hat. Wenn du mir sagst, die Götter machten den Menschen zum Herrn über alle andern Kreaturen, weshalb ist er dann so tyrannisch, sie aus reinem Übermute umzubringen? – Nein, du schwächliches, furchtsames Tier: die Götter haben euch für die Geselligkeit geschaffen und bestimmt, dass Millionen euresgleichen sich in glücklichem Bunde zu dem gewaltigen ›Leviathan‹ zusammenschliessen sollen. Ein einzelner Löwe bedeutet schon etwas unter den geschaffenen Wesen; was aber ist der einzelne Mensch? Ein verschwindend kleiner Teil, ein winziges Atom eines grossen Tieres. Was die Natur beabsichtigt, führt sie aus, und es ist nichts Sicheres, über ihr Vorhaben zu urteilen, ausser nach den Wirkungen, die sie uns sehen lässt. Hätte sie gewollt, dass der Mensch als solcher und vermöge des Vorrangs seines Geschlechts allen andern Tieren gegenüber den grossen Herrn spielen sollte, dann würde der Tiger, ja der Wal und der Adler seiner Stimme gehorchen.

Wenn aber euer Witz und Verstand den unsrigen übersteigt, sollte da der Löwe in Rücksicht auf diese Überlegenheit nicht den Grundsätzen der Menschen folgen, bei denen nichts geheiligter ist als dies, dass das Recht des Stärkeren stets massgebend ist? Ganze Haufen von euch haben schon die Vernichtung eines einzigen geplant und durchgesetzt, nachdem sie zugestanden hatten, dass die Götter ihn zu ihrem Oberhaupte gemacht hätten. Haufenweise hat auch schon oft ein einziger andere zugrunde gerichtet und abgeschlachtet, die er bei denselben Göttern zu verteidigen und zu erhalten geschworen hatte. Nie erkennt der Mensch Überlegenheit ohne Macht an, – warum sollte ich es? Der Vorzug, dessen ich mich rühme, ist offenkundig; alle Tiere zittern beim Anblick des Löwen, nicht bloss aus panischem Schrecken. Die Götter gaben mir Schnelligkeit zum Erjagen und Stärke zum Überwinden all dessen, was mir irgend nahe kommt. Wo ist ein Geschöpf, das Zähne und Klauen hat wie ich? Betrachte die Dicke dieser massigen Kiefer, und wie weit sie sich dehnen; und fühle die Festigkeit dieses sehnigen Halses. Das flüchtigste Reh, der wildeste Eber, das stolzeste Ross und der kräftigste Stier, sie sind meine Beute, wo immer ich sie finde.« – Also sprach der Löwe, der Kaufmann aber fiel in Ohnmacht.

Der Löwe hat meiner Meinung nach allerdings die Sache übertrieben. Allein, ich muss doch gestehen: wenn wir, um das Fleisch der männlichen Tiere zarter zu machen, durch Kastration die Festigkeit verhindert haben, die sämtliche Muskeln und Gewebe sonst erreicht hätten, so scheint mir, es sollte ein menschliches Wesen rühren, wenn es die grausame Sorgfalt bedenkt, mit der sie dann zu Schlachtzwecken gemästet werden. Wenn ein grosser kräftiger Stier, nachdem er der zehnfachen Gewalt von Schlägen, die seinen Mörder getötet haben würden, widerstand, schliesslich betäubt hinfällt und sein gehörnter Kopf mit Stricken am Boden befestigt wird, welcher Sterbliche kann dann, sobald die klaffende Wunde gemacht ist und die Schlagadern durchschnitten sind, ohne mit zu leiden, das schreckliche, von Blutströmen unterbrochene Brüllen hören, die bitterlichen Seufzer, die ihm seine furchtbare Angst auspresst, das dumpfe verzweifelte Stöhnen, das aus der Tiefe seines starken, zitternden Herzens heraufdringt; dazu die krampfhaft heftigen Zuckungen seiner Glieder bemerken und sehen, wie seine Augen, während ihm dampfendes Blut entströmt, trübe und matt werden und er sich windet, keucht und den letzten Todeskampf führt, der sein nahes Ende verkündet? Wenn ein Lebewesen solche überzeugende und unleugbare Beweise seiner Schmerzen, der Qual und Todesangst, die es empfindet, gegeben hat, gibt es da noch einen Anhänger Descartes', der gegen Blutvergiessen so abgehärtet ist, dass er nicht von Erbarmen ergriffen die Philosophie dieses seichten Vernünftlers verwirft?

*

(Q.) … denn alsbald
Lebt man genügsam vom Gehalt.

Wenn Leute ein geringes Einkommen haben und ausserdem auch noch ehrlich sind, dann fangen sie in der Regel an, genügsam zu werden, vorher aber nicht. In der Ethik heisst »Genügsamkeit« dasjenige sittliche Prinzip, kraft dessen sich die Menschen von allem Überflüssigen fernhalten. Unter Verachtung der um des Komforts und Vergnügens willen mühsam verfertigten Kunstprodukte begnügen sie sich mit den Dingen in ihrer natürlichen Einfachheit und bedienen sich dieser ohne eine Spur von Begehrlichkeit mit Mass und Vorsicht. Genügsamkeit in diesem beschränkten Sinne ist. vielleicht seltener, als viele sich vorstellen; was aber im allgemeinen darunter verstanden wird, ist eine häufiger anzutreffende Eigenschaft und besteht in einem »Mittleren« zwischen Verschwendung und Geiz, diesem letzten eher noch näher liegend. In derartig kluger Weise zu wirtschaften, was manche Leute »Sparen« nennen, gilt bekanntlich bei Privatleuten als die sicherste Methode, ihr Vermögen zu vergrössern. Dementsprechend stellen sich manche vor, dieselbe Methode lasse sich ohne Rücksicht auf die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit eines Landes ebensogut im grossen anwenden und müsse bei einer ganzen Nation dieselbe Wirkung haben: die Engländer könnten also z. B. viel wohlhabender sein, als sie sind, wenn sie so genügsam wären wie einige ihrer Nachbarn. Dies ist meiner Ansicht nach ein Irrtum, und um das zu beweisen, möchte ich den Leser zunächst auf das hierüber in Anmerkung (L.) gesagte verweisen und dann folgendermassen fortfahren.

Die Erfahrung lehrt uns erstens, dass die Menschen in ihren Neigungen ebenso voneinander abweichen wie in ihren Wahrnehmungen und Anschauungen: der eine ist verschwenderisch, der andere habgierig, ein dritter »spart« bloss. Zweitens, dass die Menschen ihre Leidenschaften nie oder wenigstens sehr selten auf Grund von Überlegungen oder Vorschriften aufgeben; dass vielmehr, wenn etwas sie von ihren natürlichen Neigungen abziehen soll, dies ein Wechsel in ihren Lebensumständen oder Geldverhältnissen sein muss. Wenn wir über diese Beobachtung nachdenken, werden wir zu folgendem Resultat gelangen. Soll eine Nation in Hülle und Fülle zu leben haben, so müssen die Landesprodukte im Verhältnis zur Einwohnerschaft reichlich und muss daher, was am meisten verbraucht wird, billig sein. Um im Gegensatz hierzu eine Nation als Ganzes genügsam zu machen, müssen die zum Leben notwendigen Artikel selten und mithin teuer sein. Daraus folgt, dass der beste Staatsmann tun mag was er will, – die Verschwendung oder Genügsamkeit eines Volkes als Ganzen muss stets abhängen und wird, ihm zum Trotz, jederzeit geregelt werden lediglich von der Fruchtbarkeit und Produktivität des Landes, der Zahl der Einwohner und den Steuern, die sie zu zahlen haben. Wenn jemand dies bestreitet, so möge er aus der Geschichte beweisen, dass es jemals in einem Lande eine nationale Genügsamkeit ohne nationale Notlage gegeben hat.

Untersuchen wir also, was erforderlich ist, um eine Nation zu Wachstum und Gedeihen zu führen. Die für jegliche menschliche Gemeinschaft zunächst wünschenswerten Segnungen sind ein fruchtbarer Boden und ein günstiges Klima, eine milde Regierung und mehr Land als Leute. Diese Dinge werden die Menschen zufrieden, wohlwollend, zuverlässig und ehrlich machen. In solcher Lage mögen sie, ohne der Allgemeinheit im geringsten zu schaden, so sittenrein wie ihnen möglich und infolgedessen so glücklich sein, wie sie sich nur wünschen können. Künste und Wissenschaften werden sie keine haben, auch nicht länger in Ruhe und Frieden leben, als es ihren Nachbarn gefällt. Sie müssen arm, unwissend und nahezu völlig von dem entblösst sein, was wir den Komfort des Lebens nennen: alle Kardinaltugenden zusammen würden ihnen nicht einmal einen leidlichen Rock oder einen Suppentopf verschaffen. Denn gleichwie man in diesem Zustande träger Behaglichkeit und gedankenloser Unschuld keine grossen Laster zu fürchten braucht, so darf man auch keinerlei besondere Geisteskräfte erwarten. Der Mensch bemüht sich nie um etwas, ausser wenn seine Bedürfnisse ihn dazu antreiben. Solange diese schlummern und nichts da ist, um sie zu erwecken, solange werden auch seine Vorzüge und Fähigkeiten verborgen bleiben, und der ganze plumpe Mechanismus seines Wesens lässt sich bei Ausschaltung seiner Gefühle und Neigungen füglich einer gewaltigen Windmühle bei stillem Wetter vergleichen.

Wünscht man eine Gemeinschaft von Menschen stark und mächtig zu machen, so muss man auf ihre Gefühle einwirken. Man teile das Land, sei es auch noch so spärlich vorhanden, und ihr Besitz wird sie habgierig machen. Man rüttle sie, wenngleich nur im Scherz, mit Belobigungen aus ihrer Trägheit auf, und Stolz wird sie in vollem Ernste in Tätigkeit setzen. Man lehre sie Gewerbe und Handwerk, und man wird Neid und Wetteifer bei ihnen einführen. Um ihre Einnahmen zu vergrössern, begründe man verschiedenartige Fabrikationszweige und lasse den Grund und Boden nirgends unkultiviert. Dem Eigentum gebe man unverletzliche Sicherheit und verleihe Privilegien an alle in gleicher Weise; niemandem gestatte man anders als dem Gesetze gemäss zu handeln, dulde aber völlige Gedankenfreiheit. Denn ein Land, wo jeder, der beschäftigt sein will, erhalten wird und die andern Grundsätze befolgt werden, muss immer dicht bevölkert sein und kann nie Mangel an Menschen haben, solange es deren in der Welt gibt. Will man, dass sie tapfer und kriegerisch seien, so greife man zu militärischer Disziplin, mache guten Gebrauch von ihrer Furchtsamkeit und schmeichle ihrer Eitelkeit mit Kunst und Eifer. Will man aber ausserdem noch eine wohlhabende, kenntnisreiche und gesittete Nation aus ihnen machen, so lehre man ihnen Handel mit fremden Ländern und schicke sie wenn möglich auf das Meer hinaus, zu welchem Zwecke man weder Mühe noch Fleiss spare und sich durch keine Schwierigkeit abschrecken lasse. Dann fördere man die Schifffahrt, begünstige den Kaufmannsstand und unterstütze das Gewerbe in jedem seiner Zweige. Dies wird Reichtum einbringen, und wo dieser ist, werden Künste und Wissenschaften bald folgen. Wenn all das, was ich eben aufzählte, zusammenwirkt und verständig gehandhabt wird, muss es den Staatsmännern gelingen, ein Volk mächtig, angesehen und blühend zu machen.

Wünscht man dagegen eine genügsame und ehrenhafte Gemeinschaft zu begründen, so ist die beste Politik die, die Menschen in ihrer ursprünglichen Einfachheit zu erhalten. Man stehe davon ab, ihre Einnahmen vergrössern zu wollen, und lasse sie nie mit Ausländern in Berührung kommen oder überhaupt mit entbehrlichen Dingen bekannt werden, sondern halte sie von allem entfernt, was ihr Verlangen erregen oder ihren Verstand ausbilden könnte.

Viel Geld und fremde Schätze werden jederzeit verschmähen bei den Menschen einzuziehen, wenn man nicht ihre unzertrennlichen Begleiter Habsucht und Luxus zulässt; wo das Gewerbe in Blüte steht, wird stets Betrug eindringen, und zu gleicher Zeit wohlerzogen und aufrichtig sein ist nichts anderes als ein Widerspruch. Solange daher der Mensch im Wissen fortschreitet und seine Sitten sich veredeln, müssen wir erwarten, gleichzeitig seine Bedürfnisse erweitert, seine Begierden verfeinert und seine Laster vergrössert zu sehen. –

Die Niederländer mögen immerhin, wie sie es denn auch mit Vorliebe tun, ihre gegenwärtige Grösse der Sittenstrenge und Genügsamkeit ihrer Vorfahren zuschreiben. Was aber ihr Land, diesen verächtlichen Flecken Erde, unter den Hauptmächten Europas so angesehen machte, ist ihre sozialpolitische Einsicht gewesen, kraft deren sie dem Güter- und Schiffsverkehr zuliebe alles übrige hintansetzten; es ist die unbeschränkte Gewissensfreiheit, die bei ihnen herrscht, und der unermüdliche Eifer gewesen, mit dem sie sich stets der wirksamsten Mittel bedienten, um den Handel überhaupt zu fördern und auszudehnen.

Es ist bemerkenswert, dass ihre so oft gerühmte Fähigkeit, sich einzuschränken, erst von dem Zeitpunkte an datiert, wo Philipp II. von Spanien sie mit jener beispiellosen Tyrannei zu bedrücken anfing. Ihre Verfassung wurde in Stücke gerissen, ihre Rechte und umfangreichen Privilegien wurden ihnen entzogen, ihre Gesetze mit Füssen getreten. Ein Teil ihres vornehmsten Adels wurde verurteilt und ohne gesetzliches Prozessverfahren hingerichtet. Klagen und Beschwerden bestrafte man ebenso streng wie direkten Widerstand, und wer bei dem Blutbade entkam, wurde von räuberischen Soldaten geplündert. Da dies einem Volke unerträglich war, das von jeher an eine sehr milde Regierung gewöhnt gewesen und grössere Freiheit als irgendeine der benachbarten Nationen genossen hatte, so wollten sie lieber mit den Waffen in den Händen sterben als durch grausame Henker umkommen. Wenn wir die damalige Stärke Spaniens und die traurigen Verhältnisse in den bedrängten Staaten bedenken, werden wir uns keines ungleicheren Kampfes erinnern können. Ihre Tapferkeit und Entschlossenheit waren jedoch so gross, dass allein sieben von jenen Provinzen in gemeinsamem Bunde gegen die grösste und bestdisziplinierte Nation Europas den langwierigsten und blutigsten Krieg zu Ende führten, der in der alten und neuen Geschichte zu finden ist.

Um also nicht ein Opfer des spanischen Wütens zu werden, begnügten sie sich damit, vom dritten Teil ihres Einkommens zu leben und weitaus den grössten Teil ihrer Einnahmen auf die Verteidigung gegen ihre grimmigen Feinde auszugeben. Diese Nöte und Mühsale eines Krieges im Herzen ihres Landes waren es, was ihnen zuerst eine aussergewöhnliche Anspruchslosigkeit in den Lebensbedürfnissen auferlegte, und die Fortdauer dieser schlimmen Zustände über achtzig Jahre hindurch musste sie ihnen dann zur Sitte und Gewohnheit machen. Ihre ganze Kunst des Sparens und alle ihre Entbehrungen hätten sie aber niemals befähigen können, sich gegen einen so mächtigen Feind zu erheben, wenn ihre Rührigkeit in der Förderung der Fischerei und Schiffahrt im allgemeinen nicht geholfen hätte, sie aus der misslichen Lage zu befreien, in der sie sich von Natur aus befanden.

Das Land ist so klein und so volksreich, dass – obgleich kaum ein Zoll breit davon unkultiviert ist – nicht Grund und Boden genug vorhanden ist, um den zehnten Teil der Einwohner zu ernähren. Holland selbst ist voll grosser Flüsse und liegt tiefer als die See, die es bei jeder Flut bedecken und in einem Winter fortspülen würde, wenn nicht ungeheure Deiche und Dämme sie zurückhielten. Deren Ausbesserung sowie die Schleusen, Klappen, Triebwerke und anderes Zubehör, was sie haben müssen, um nicht ertränkt zu werden, verursachen ihnen ein Jahr ums andere grössere Ausgaben, als durch eine allgemeine Landtaxe von vier Schilling pro Pfund gedeckt werden könnten, die von dem Reinertrage in den Einnahmen der Grundbesitzer abzuziehen wären.

Ist es nun zu verwundern, dass Leute unter diesen Umständen sparen, zumal sie nebenbei mit höheren Steuern als irgendeine andere Nation belastet sind? – Warum aber sollen sie dann anderen ein Vorbild sein, deren Lage nicht bloss eine viel glücklichere ist, sondern die selbst viel reicher sind und auf die gleiche Anzahl Menschen über zehnmal soviel Grund und Boden besitzen? Die Niederländer und wir kaufen und verkaufen oft auf denselben Märkten, und insofern kann man unsern Standpunkt denselben nennen. Anderseits sind jedoch die Interessen und sozialpolitischen Absichten der beiden Nationen in bezug auf die eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse ganz verschiedene. Ihr Interesse ist es, genügsam zu sein und wenig auszugeben, weil sie alles ausser Butter, Käse und Fischen von auswärts beziehen müssen; von diesen, besonders dem letzten Artikel, verzehren sie deshalb eine dreimal so grosse Quantität als die gleiche Zahl von Leuten bei uns. Unser Interesse hingegen ist es, eine grosse Menge von Rind- und Hammelfleisch zu essen, um die Landwirte zu erhalten und ferner unsern Grund und Boden zu verbessern, von dem wir genug haben, um uns selbst und noch einmal soviel zu ernähren, wenn er mehr kultiviert wäre. Die Niederländer haben vielleicht mehr Schiffe und mehr bares Geld wie wir; diese sind aber dann lediglich als die Werkzeuge, mit denen sie arbeiten, zu betrachten. So mag ein Fuhrmann mehr Pferde haben als einer von dem Zehnfachen seines Verdienstes, und einem Bankier, der nicht über fünfzehn- oder sechzehnhundert Pfund besitzt, mag im allgemeinen mehr bares Geld zur Verfügung stehen als einem Manne von zweitausend Pfund jährlichem Einkommen. Einer, der drei oder vier Mietskutschen hält, um damit sein Brot zu verdienen, ist im Vergleich zu einem vornehmen Herrn, der sich eine Kutsche zu seinem Vergnügen leistet, was die Niederländer im Vergleich zu uns sind. Da sie selbst nichts als Fische haben, so sind sie Fuhrleute und Spediteure für die übrige Welt, während die Grundlage unseres Handels hauptsächlich unsere eigenen Produkte bilden.

Was wir an den Niederländern selbst beobachten, liefert uns ein weiteres Beispiel dafür, dass die Sparsamkeit eines Volkes als Ganzen durch hohe Steuern, Mangel an Land, überhaupt durch solche Umstände hervorgerufen wird, die eine Verteuerung der Lebensmittel bedingen. In der Provinz Holland herrscht ein enormer Gewerbefleiss und ein unglaublicher Reichtum an Geld. Der Boden ist fast ebenso fruchtbar wie reiner Dünger und, wie ich schon einmal bemerkte, nicht einen Zoll breit unkultiviert. In Geldern und Oberyssel dagegen gibt es kaum irgendwelches Gewerbe und sehr wenig Geld; der Boden ist sehr mittelmässig und weite Strecken Landes liegen unbebaut. Was ist nun die Ursache davon, dass dieselben Niederländer in den beiden letztgenannten Provinzen, obgleich ärmer als in jener ersten, doch gastfreundlicher und weniger geizig sind? Nichts, als dass ihre Steuern auf die meisten Dinge weniger hoch sind und sie im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer über beträchtlich mehr Grund und Boden verfügen. Was man in Holland spart, spart man sich vom Munde ab; Ess- und Trinkwaren und Heizmaterial sind das, was hier am höchsten besteuert wird, aber man trägt bessere Kleider und hat elegantere Möbel als in den anderen Provinzen.

Wer sparsam aus Prinzip ist, ist es in allem; in Holland aber sparen die Leute nur in solchen Dingen, die täglich gebraucht werden und bald aufgezehrt sind. In dem, was Dauer hat, sind sie ganz anders: mit Gemälden und Marmor treiben sie Verschwendung, in ihren Gebäuden und Gartenanlagen sind sie luxuriös bis zur Narrheit. In anderen Ländern kann man stattliche Paläste und Schlösser von grösserer Ausdehnung finden, die den Fürstlichkeiten gehören, was in einer Republik, wo so viel Gleichheit herrscht wie hier, niemand erwarten darf. In ganz Europa aber wird man keine Privatgebäude zu sehen bekommen, die eine so verschwenderische Pracht zeigen wie eine grosse Zahl von Kaufmanns- und andern Herrenhäusern in Amsterdam und einigen andern grossen Städten dieser kleinen Provinz; denn die meisten von denen, die dort ansässig sind, geben auf die Häuser, die sie sich bauen, einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens aus als sonst jemand auf Erden.

Das Volk, von dem ich spreche, war nie in grösserer Bedrängnis, noch war der Stand seiner Angelegenheiten, seitdem es eine Republik bildete, jemals trostloser als im Jahre 1671 und Anfang 1672. Was wir von seinen wirtschaftlichen Verhältnissen und seiner Verfassung mit einiger Sicherheit wissen, ist hauptsächlich Sir William Temple zu verdanken, dessen Aufzeichnungen über die Sitten und die Regierung der Niederländer um jene Zeit gemacht wurden, wie aus einigen Stellen seiner Memoiren hervorgeht. Sie waren damals in der Tat sehr anspruchslos. Obwohl aber die Lage der unteren Volksschichten, auf denen die Hauptlast aller Zölle und Abgaben ruht, vielleicht noch immer die gleiche ist, sind doch die allgemeinen Verhältnisse seit jener Zeit viel günstigere geworden. Infolgedessen ist denn auch in der Haushaltung, der Geselligkeit und der ganzen Lebensweise der besser Situierten seitdem eine grosse Veränderung eingetreten.

Die der Ansicht sind, dass die Genügsamkeit dieses Volkes nicht so sehr einer Notwendigkeit als einer allgemeinen Abneigung gegen Laster und Luxus entstamme, werden uns auf ihre Verwaltungstechnik hinweisen, auf die Knappheit ihrer Gehälter, ihre Vorsicht beim Handeln und beim Einkaufen von Schiffsvorräten und anderen Waren, ihre Achtsamkeit, um nicht von ihren Lieferanten betrogen zu werden, und ihre Strenge gegen solche, die ihre Kontrakte brechen. Was sie auf diese Weise der ehrenhaften Gesinnung der Minister zuschreiben möchten, ist jedoch ganz und gar ihren strikten Vorschriften hinsichtlich der Verwaltung des Staatsschatzes zu verdanken, von denen ihre bewundernswerte Regierungsform keinerlei Abweichung duldet. Einem anständigen Menschen mag freilich im einzelnen Falle das Versprechen eines andern genügen; eine ganze Nation aber sollte nie auf jemandes Ehrlichkeit vertrauen, ausser wenn sie auf Zwang beruht. Denn schlimm steht es um ein Volk und seine Verfassung, wenn sein Wohlergehen auf die Tugend und das Gewissen der Minister und Diplomaten angewiesen ist.

Man ist in den Niederlanden überhaupt darauf bedacht, die Untertanen so anspruchslos wie möglich zu erhalten, nicht weil dies besonders moralisch, sondern weil es, allgemein gesprochen, ihr Interesse ist, wie ich es weiter oben dargelegt habe. Sowie dieses Interesse wechselt, ändern sich daher auch ihre Prinzipien, was an dem folgenden Beispiele zu sehen ist.

Sobald ihre Schiffe aus Ostindien heimkehren, werden den Angestellten der Kompanie ihre Löhne ausgezahlt, wobei viele den grössten Teil dessen empfangen, was sie während sieben oder acht, manche während fünfzehn oder sechzehn Jahren verdient haben. Diesen Leuten liegt nun natürlich nichts näher, als ihr Geld so schnell wie möglich wieder zu verjubeln. Denn da die meisten von ihnen, als sie zuerst in See gingen, heruntergekommene Kerle waren, die bei strenger Disziplin und elender Lebensweise und ohne Geld lange Zeit schwere Arbeiten leisten mussten, so ist nicht viel dazu erforderlich, um sie verschwenderisch zu machen, sobald sie einmal die Hülle und Fülle haben.

Sie verbringen also die Zeit mit Wein, Weib, Gesang, soviel wie Leute ihrer Erziehung und Bildung nur irgend imstande sind, und dürfen, wenn sie sonst keine Verbrechen begehen, mit grösserer Ungebundenheit schwärmen und lärmen, als andern normalerweise gestattet wird. So kann man sie in manchen Städten, von drei oder vier ordinären und selten ganz sauberen Frauenzimmern begleitet, am hellichten Tage, mit einem Geiger voran, brüllend durch die Strassen ziehen sehen. Wenn aber das Geld ihrer Meinung nach auf diesem Wege nicht schnell genug verschwindet, so finden sie schon einen andern heraus und manchmal werfen sie es haufenweise unter den Pöbel. Diese Verrücktheit währt bei den meisten so lange, wie sie noch etwas übrig haben, was immer nur kurze Zeit ist. Man gibt ihnen deshalb den Spottnamen »Sechs-Wochen-Barone«, weil nämlich die Kompanie in der Regel nach Verlauf dieser Frist wieder andere Schiffe zur Abfahrt bereit hat. Hier sind dann die armen Narren, da ihr Geld zu Ende ist, gezwungen, wieder den Dienst anzutreten, und haben nun Musse, ihre Torheit zu bereuen.

In diesem Vorgehen liegt eine zwiefache kluge Berechnung. Erstens: falls jene Seeleute, die sich an das heisse Klima und die ungesunde Luft und Lebensweise gewöhnt haben, genügsam wären und in ihrem eigenen Lande blieben, müsste die Kompanie fortdauernd frische Mannschaften anstellen, von denen – ausser dass sie für ihre Tätigkeit nicht so geeignet wären – in einigen Gegenden Ostindiens kaum die Hälfte am Leben bliebe; und dies würde ihr oft grosse Kosten wie auch Enttäuschungen verursachen. Zweitens kommen so die hohen Summen, die häufig unter die Seeleute verteilt werden, sehr schnell im ganzen Lande in Umlauf, aus dem der grösste Teil des Geldes vermittels hoher Steuern und anderer Abgaben alsbald wieder in den Staatsschatz zurückfliesst.

Um die Streiter für die Nationalgenügsamkeit durch ein anderes Argument davon zu überzeugen, dass ihre Forderungen undurchführbar sind, wollen wir annehmen, dass ich in allem, was ich in Anmerkung ( L.) zugunsten des Luxus und seiner Notwendigkeit für den Bestand des Gewerbes gesagt habe, im Irrtum bin. Demgemäss wollen wir untersuchen, was eine allgemeine Genügsamkeit bei einem Volke wie dem unsrigen bewirken würde, falls sie den Menschen, ob es ihnen nun passt oder nicht, mit Kunst und Geschick aufgezwungen würde. Wir wollen also voraussetzen, alle Leute in Grossbritannien möchten bloss vier Fünftel von dem jetzigen verbrauchen und so ein Fünftel ihres Einkommens beiseitelegen. Ich will nicht davon sprechen, welchen Einfluss dies auf fast jedes Gewerbe sowie auf die Ackerbauer, Viehzüchter und Gutsbesitzer ausüben würde, sondern will den günstigsten Fall annehmen – der jedoch unmöglich ist –, dass es dann noch ebensoviel Arbeit zu tun gäbe und daher noch dieselben Hände beschäftigt würden wie gegenwärtig. Was müsste, ausser wenn das Geld auf einmal ungeheuer im Werte fiele und sich alles sonstige übermässig verteuerte, die Folge hiervon sein? Offenbar dies, dass nach fünf Jahren alle von ihrer Hände Werk Lebenden und die ärmsten Arbeiter – denn auf irgendwelche andere kommt es hier nicht an – ebensoviel an barem Kapital haben würden, wie sie jetzt im ganzen Jahre ausgeben; was, nebenbei bemerkt, mehr Geld wäre, als die Nation je auf einmal besass.

Nunmehr wollen wir, ganz entzückt von diesem Anwachsen des Wohlstandes, die Lage der arbeitenden Klassen in Augenschein nehmen und, aus Erfahrung und unsern täglichen Beobachtungen an ihnen folgernd, beurteilen, welches wohl in solchem Falle ihr Verhalten sein würde. Jedermann weiss, dass es eine ungeheure Zahl von Gesellen im Weber-, Schneider-, Tuchwirkergewerbe und noch bei vielen andern Handwerken gibt. Diese werden, wenn sie bei vier Tagen Arbeit in der Woche auskommen können, kaum zu überreden sein, am fünften auch noch etwas zu tun. Ferner weiss man, dass es Tausende von arbeitenden Männern aller Art gibt, die sich, haben sie auch kaum zu leben, allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzen, sich mit ihren Meistern überwerfen, hungern und Schulden machen, nur um sich Feiertage zu verschaffen. Wenn die Menschen einen so ausserordentlichen Hang zum Müssiggang und Vergnügen haben, aus welchem Grunde sollen wir dann glauben, dass sie arbeiten würden, wären sie nicht durch unmittelbare Notwendigkeit dazu gezwungen? Wenn wir einen Handwerker sehen, der nicht zu bewegen ist, vor Dienstag etwas zu tun, weil er Montag früh noch zwei Schilling von seinem letzten Wochenlohn übrig hat, warum sollen wir uns dann einbilden, er wäre überhaupt dazu zu bringen, falls er fünfzehn oder zwanzig Pfund in der Tasche hat?

Was würde bei diesem Lauf der Dinge aus unserer Industrie werden? Der Kaufmann, der Tuch nach auswärts versenden möchte, müsste es selbst fabrizieren, denn der Tuchmacher kann nun von zwölf Leuten, die bei ihm zu arbeiten pflegten, nicht mehr einen kriegen. Wenn diese Zustände auch nur unter den Schuhmachergesellen und sonst nirgends um sich griffen, so würde in weniger als einem Jahre die Hälfte von uns barfuss gehen. Die meiste und weitaus dringendste Verwendung des Geldes bei einem Volke ist die zur Bezahlung der Arbeit der ärmeren Klassen; und wenn ein wirklicher Mangel daran herrscht, werden ihn diejenigen, die eine grosse Menge Arbeitskräfte zu bezahlen haben, stets zuerst fühlen. Obwohl jedoch die Münze etwas so sehr Notwendiges ist, wäre es bei genügender Sicherheit des Eigentums leichter, ohne Geld zu leben als ohne die Armen; denn wer würde dann arbeiten? Aus diesem Grunde sollte es in jedem Lande so eingerichtet sein, dass die Quantität des zirkulierenden Geldes jederzeit der Anzahl der beschäftigten Hände, der Arbeitslohn aber dem Preise der Nahrungsmittel entspräche. Hieraus ist klar ersichtlich, dass alles, was günstige Lebensbedingungen schafft, die Arbeitskräfte verbilligt, solange gehörig für die Armen gesorgt wird, die einerseits vor dem Verhungern bewahrt bleiben müssen, anderseits jedoch nichts erhalten sollen, wovon sie Ersparnisse machen können. Wenn hier und da einer aus dem niedersten Stande durch ungewöhnlichen Fleiss und fortgesetztes Darben sich aus seinen ursprünglichen Lebensverhältnissen emporarbeitet, so sollte ihn niemand hindern. Es ist ja unleugbar für jede einzelne Person im Gemeinwesen und für jede Privatfamilie das Klügste, wenn sie anspruchslos ist; das Interesse aller wohlhabenden Nationen hingegen ist es, dass die Armen im allgemeinen möglichst wenig müssig gehen, dabei aber ausgeben, was sie verdienen.

Alle Menschen neigen, wie Sir William Temple sehr richtig bemerkt, mehr zu Bequemlichkeit und Vergnügen als zur Arbeit, es sei denn dass Ehrgeiz oder Habsucht sie zu ihr drängt. Die ihren Lebensunterhalt durch ihr Tagewerk erwerben, stehen jedoch selten unter dem Einfluss eines jener beiden Motive, so dass nichts weiter sie dazu antreibt, sich nützlich zu machen, als ihre Armut, die es zwar klug ist zu mildern, töricht aber, ganz zu beseitigen. Das einzige, was einen Mann aus dem Arbeiterstande fleissig machen kann, ist also eine mittlere Menge Geld; denn wie zu wenig ihn seiner Anlage entsprechend entweder zu Stumpfsinn oder Verzweiflung führen wird, so wird zu viel ihn frech und träge machen.

Man würde von den meisten ausgelacht werden, wenn man behaupten wollte, dass zu vieles Geld eine Nation zugrunde richten könne. Und doch ist dies das Schicksal Spaniens gewesen, wie ihm denn auch der gelehrte Don Diego Saavedra den Ruin seines Landes zuschreibt. Der Ertrag des Bodens hat in früheren Zeiten Spanien so wohlhabend gemacht, dass König Ludwig XI. von Frankreich bei seiner Ankunft am Hofe von Toledo über dessen Pracht erstaunt war und meinte, er hätte nie, weder in Europa noch in Asien, etwas damit Vergleichbares gesehen, – er, der diese Länder auf seinen Reisen nach dem Heiligen Lande nach allen Richtungen durchquert hatte. Wenn wir gewissen Schriftstellern glauben dürfen, wurden allein im Königreiche Kastilien für den »Heiligen Krieg« aus allen Teilen der Welt einhunderttausend Fusssoldaten, zehntausend Reiter und sechzigtausend Packwagen zusammengebracht, die Alfonso III. auf eigene Kosten erhielt und täglich, Soldaten wie Offiziere und Prinzen, je nach Rang und Würde besoldete. Sogar bis auf Ferdinand und Isabella herab, die Kolumbus ausrüsteten, und noch einige Zeit nachher war Spanien ein fruchtbares Land, wo Handel und Gewerbe blühten und ein kenntnisreiches, fleissiges Volk lebte. Sobald aber jener enorme Schatz, der mit mehr Wagemut und Grausamkeit, als die Welt bis dahin gesehen hatte, erlangt war, und dessen Erwerb nach der Spanier eigenem Geständnis zwanzig Millionen Indianern das Leben gekostet hatte, sobald dieses Meer von Schätzen sich über sie ergoss, brachte es sie geradezu um Sinn und Verstand, und mit ihrem Gewerbefleiss war es zu Ende. Der Ackersmann verliess seinen Pflug, der Handwerker seine Werkzeuge, der Kaufmann sein Kontor, und jeder ging, der Arbeit überdrüssig, seinen Vergnügungen nach und wurde ein vornehmer Herr. Sie glaubten nun, mit Recht auf alle ihre Nachbarn herabsehen zu dürfen, und meinten, das einzig Lohnende für sie sei jetzt nur noch die Weltherrschaft.

Die Folge davon ist gewesen, dass andere Völker einen Ersatz schafften für das, was ihre eigene Faulheit und Eitelkeit ihnen vorenthielt. Denn als jeder sah, wie trotz aller Schranken, die die Regierung der Ausfuhr baren Kapitals setzen konnte, die Spanier ihr Geld hergaben und es einem mit Gefahr für ihr Leben selbst aufdrängten, da war natürlich alle Welt bemüht, für Spanien zu arbeiten. Das Gold und Silber, das auf diese Weise unter allen Handeltreibenden Ländern Jahr für Jahr zur Verteilung kam, machte alle Dinge teuer und die meisten Nationen Europas gewerbefleissig, bloss nicht seine Eigentümer, die seit ihren grossartigen Erwerbungen dauernd mit verschränkten Armen dasitzen und jedes Jahr in Angst und Ungeduld die Ankunft ihrer Revenüen von auswärts erwarten, um andern bezahlen zu können, was sie bereits verbraucht haben. So ist Spanien durch zu vieles Geld, durch Kolonialwirtschaft und andere Missgriffe, die dabei mitspielten, aus einem fruchtbaren und wohlbevölkerten Lande mit all seinen herrlichen Titeln und Besitzungen zu einem dürren und öden Durchgangsort geworden, den Gold und Silber auf ihrem Wege von Amerika nach der übrigen Welt passieren, und die Nation selbst von einer reichen, lebhaften, fleissigen und arbeitsfrohen zu einem langsamen, trägen und hochmütigen Bettelvolke herabgesunken. – Soviel von Spanien. Das nächste Land, wo das Geld als Produkt betrachtet werden kann, ist Portugal, und die Rolle, die dieses Königreich mit seinem ganzen Golde in Europa spielt, ist wohl nicht gerade beneidenswert.

Die grosse Kunst also, ein Volk glücklich und, wie wir sagen, blühend zu machen, besteht darin, dass jedem Gelegenheit gegeben wird, sich zu beschäftigen. Zu diesem Zwecke lasse man es die erste Sorge der Regierung sein, eine so grosse Mannigfaltigkeit von Gewerben, Künsten und Handwerken zu fördern, wie Menschengeist ersinnen kann; die zweite, Landwirtschaft und Fischerei in allen ihren Zweigen zu unterstützen, damit die gesamte Erde gezwungen sei, sich ebenso wie der Mensch anzustrengen. Denn wie das eine ein unfehlbares Mittel ist, um in ein Land bedeutende Menschenmengen hineinzubringen, so ist das andere die einzige Methode, um sie darin zu erhalten.

Von einer solchen Politik sind Glück und Grösse eines Volkes zu erwarten, nicht aber von dem kleinlichen Gegeneinander-Abwägen von Verschwendung und Genügsamkeit, die stets, den Lebensumständen der Menschen gemäss, ihre eigene Entwicklung nehmen werden. Denn der Wert von Gold und Silber mag nun steigen oder fallen: das Lebensglück einer menschlichen Gesellschaft wird schliesslich immer von dem Ertrag des Erdbodens und der Arbeit des Volkes abhängen, die beide zusammen einen Schatz darstellen, der sicherer, unerschöpflicher und echter ist als das Gold von Brasilien oder das Silber von Potosi.

*

(R.) Nicht mehr gilt es als Ehrensache.

»Ehre« im bildlichen, abstrakten Sinne ist ein Hirngespinst ohne Wahrheit und Wesen, eine Erfindung der Moralisten und Sozialpolitiker und bezeichnet ein gewisses, mit der Religion nicht verwandtes sittliches Prinzip, das sich in manchen Menschen findet und sie an ihre Pflichten und Versprechungen, welcher Art diese auch seien, streng gebunden hält. Wie z. B.: ein Mann von Ehre macht mit andern eine Verschwörung, den König zu ermorden; dann ist er verpflichtet, standhaft dabei auszuharren. Wenn er aber, von Reue oder Mitleid erfasst, über die Scheusslichkeit seines Vorhabens erschrickt, das Komplott verrät und als Zeuge gegen seine Mitverschworenen auftritt, dann verwirkt er seine Ehre, wenigstens bei der Partei, der er angehörte. Der Hauptvorzug dieses Prinzips ist, dass der grosse Haufe davon entblösst und es lediglich bei Leuten aus besserem Stande anzutreffen ist, wie einige Apfelsinen Kerne haben, andere aber nicht, obwohl sie äusserlich gleich erscheinen. In vornehmen Familien gilt es wie die Gicht im allgemeinen als erblich, und alle Lordskinder kommen schon damit auf die Welt. Von manchen, die nie eine Spur davon empfanden, wird es durch Unterhaltungen und Lektüre – besonders von Romanen – erworben, von andern wieder durch Avancement. Nichts aber gibt es, was sein Wachstum mehr befördert als ein Degen, und manche Leute haben bereits beim ersten Tragen eines solchen innerhalb von vierundzwanzig Stunden gefühlt, wie es merklich emporschoss.

Die erste und wichtigste Sorge eines Mannes von Ehre muss die Hütung dieses Prinzips sein; ehe er sie verwirkt, soll er lieber seine Stellung und sein Vermögen, ja das Leben selbst im Stiche lassen. Aus diesem Grunde ist ihm gestattet, sich als einem Besitzer jener unsichtbaren Zierde einen unschätzbaren Wert beizumessen, welche Demut er auch sonst in Gestalt von Wohlerzogenheit zeigen möge. Die einzige Methode aber zur Hütung dieses Prinzips ist, genau dem Ehrenkodex gemäss zu leben, der aus Gesetzen besteht, nach denen er sich zu richten hat: er ist verpflichtet, sich stets des in ihn gesetzten Vertrauens würdig zu erweisen, das Allgemeinwohl seinem eigenen vorzuziehen, keinen Menschen zu belügen oder zu betrügen und von andern keine »Beleidigung« zu dulden, was ein Kunstausdruck für jede Handlung ist, die in der Absicht, ihn herabzusetzen, begangen wird.

Die Ehrenmänner der früheren Zeit, von denen meiner Rechnung nach Don Quichotte der letzte gewesen ist, waren sehr genaue Beobachter aller dieser Gebote und noch vieler mehr, die ich nicht genannt habe. Die modernen scheinen es sich jedoch leichter zu machen; vor dem zuletzt angeführten haben sie noch eine tiefe Ehrfurcht, um die andern kümmern sie sich aber weniger, und jedem, der nur jenem recht strikt Folge leistet, werden unzählige Übertretungen aller übrigen gern verziehen.

Ein Ehrenmann gilt allemal als gerecht; als verständig natürlich auch, denn kein Mensch hat je gehört, dass ein Ehrenmann ein Dummkopf gewesen wäre. Die Gesetze gehen ihn daher nichts an; stets ist ihm erlaubt, sein eigener Richter zu sein. Wenn ihm selbst oder seinem Freunde, seinen Verwandten, seinem Diener, seinem Hunde oder irgendeinem Gegenstande, den er unter seinen ehrenvollen Schutz zu nehmen geruhte, das geringste Unrecht angetan wird, so muss er stracks Genugtuung heischen, und wenn es gar eine »Beleidigung« darstellt und deren Urheber ist gleichfalls ein Ehrenmann, so muss ein Treffen stattfinden. Aus all diesem folgt nun, dass ein Ehrenmann Mut besitzen muss, ohne den sein ganzes Prinzip nicht mehr wert wäre als ein Degen ohne Spitze. Wir wollen also untersuchen, worin der Mut besteht und ob er, wie die meisten wollen, etwas Reales ist, was tapferen Menschen im Unterschiede von ihren übrigen Eigenschaften von Natur aus zukommt, oder nicht.

Es gibt nichts so allgemein Unverfälschtes auf Erden wie die Liebe, die jedes Geschöpf, das ihrer fähig ist, zu sich selbst hegt. Da es ferner keine Liebe ohne gleichzeitiges Streben nach Erhaltung des geliebten Gegenstandes gibt, so wird man in keinem lebenden Wesen etwas finden, was aufrichtiger gemeint wäre als sein Wille, Wunsch und Bemühen, das eigene Selbst zu erhalten. Dies ist das Naturgesetz, kraft dessen kein Geschöpf mit irgendeinem Streben oder Gefühl begabt ist, das nicht entweder direkt oder indirekt auf die Erhaltung seiner selbst oder seiner Gattung abzielte.

Die Mittel, durch die die Natur jedes Lebewesen dazu zwingt, sich dauernd im Sinne der Selbsterhaltung zu betätigen, sind ihm fest eingepflanzt und werden – beim Menschen – Bedürfnisse genannt, die ihn entweder dazu drängen, das zu erstreben, was ihn seiner Meinung nach erhalten oder befriedigen wird, oder ihn anweisen, das zu vermeiden, wovon er sich vorstellt, es könnte ihn belästigen, verletzen oder vernichten. Diese Bedürfnisse oder Gefühle haben alle ihre besonderen Symptome, durch die sie sich denjenigen kundtun, in denen sie erregt werden. Aus der Mannigfaltigkeit der so in uns hervorgebrachten Erregungen sind ihre verschiedenen Benennungen abgeleitet, wie schon bei »Stolz« und »Scham« gezeigt wurde.

Das Gefühl, das uns bei Vermutung herannahenden Unheils erfüllt, heisst Furcht; die dabei entstehende Erregung ist mehr oder minder heftig, und zwar stets im Verhältnis nicht zur Grösse der Gefahr, sondern zur Stärke unserer Vermutung des gefürchteten Unheils, dieses sei nun real oder eingebildet. Da also unsere Furcht immer unserer Vermutung einer Gefahr entspricht, so folgt, dass ein Mensch während der Fortdauer jener Vermutung eine Furcht ebensowenig abschütteln kann wie sein Bein oder seinen Arm. Bei einem Schreckanfall allerdings ist die Vermutung einer Gefahr eine so plötzliche und ergreift uns so lebhaft – manchmal stark genug, um uns das Bewusstsein zu rauben –, dass wir uns oft nachher nicht mehr erinnern, überhaupt eine Vermutung gehabt zu haben. Aus dem Erfolge ergibt sich aber, dass wir sie hatten; denn wie hätten wir erschrecken können, wenn wir nicht vermutet hätten, dass irgendein Übel uns bedrohe?

Die meisten sind der Ansicht, jene Vermutung sei durch Vernunft zu überwinden; ich bin es allerdings nicht. Wer erschreckt worden ist, pflegt einem zu sagen, sobald er sich wieder sammeln, d. h. seine Vernunft gebrauchen konnte, sei seine Vermutung unterdrückt worden. Allein, hier liegt überhaupt keine Unterdrückung vor, denn beim Erschrecken war die Gefahr entweder ganz und gar eingebildet, oder aber sie war schon vorüber, als er seine Vernunft gebrauchen konnte; und wenn er daher findet, dass keine Gefahr besteht, so ist nicht zu verwundern, dass er ihretwegen keine Vermutung hegt. Wenn aber die Gefahr fortdauert, dann möge er von seiner Vernunft Gebrauch machen, und er wird bemerken, dass sie ihm dazu dienen kann, die Grösse und Realität der Gefahr zu prüfen. Wenn er sie kleiner findet, als er glaubte, so wird sich seine Vermutung entsprechend verringern; wenn sich aber die Gefahr als real und als in allen Einzelheiten dieselbe erweist, für die er sie zuerst hielt, dann wird die Vernunft seine Vermutung eher verstärken, anstatt sie abzuschwächen. – Solange nun diese Furcht währt, kann kein Geschöpf angreifenderweise kämpfen. Trotzdem sehen wir täglich, wie Tiere hartnäckig kämpfen und sich zu Tode würgen, so dass irgendein anderer Affekt imstande sein muss, diese Furcht zu überwältigen. Ihr am meisten entgegengesetzt ist die Wut, und um diese gründlich zu erforschen, muss ich bitten, eine andere Abschweifung machen zu dürfen.

Kein Lebewesen kann ohne Nahrung existieren und keine Tiergattung – ich spreche von den höher organisierten – fortbestehen, wenn nicht andauernd ebenso schnell, wie die alten sterben, junge geboren werden. Die erste und heftigste Begierde, die die Natur den Tieren verliehen hat, ist daher der Hunger, die nächste ist der Geschlechtstrieb; die eine drängt sie dazu sich fortzupflanzen, wie die andere ihnen zu essen gebietet. Die Wut ist nun derjenige Affekt, der in uns entsteht, wenn wir in unseren Bestrebungen gestört oder gehemmt werden; durch Anspannung aller Kräfte ermöglicht sie es dem Organismus, sich mit mehr Nachdruck um die Entfernung, Überwindung oder Vernichtung alles dessen zu bemühen, was seiner Selbsterhaltung entgegensteht. Hieraus lässt sich entnehmen, dass die Tiere, solange es sich nicht um Bedrohung oder Angriff auf sie selbst oder das, was sie lieben, oder die Freiheit dieser beiden handelt, dass es dann nichts Nennenswertes gibt, was sie in Wut bringen könnte ausser Hunger oder Geschlechtstrieb. Diese sind es, was sie wild und wütend macht, denn wir dürfen nicht vergessen, dass die Begierden der lebenden Wesen ebenso wirksam, obwohl vielleicht weniger heftig beeinträchtigt werden, solange sie das Gesuchte entbehren und nicht finden können, wie wenn sie am Genusse des ihnen bereits vor Augen Stehenden gehindert werden. Das eben Gesagte wird noch deutlicher werden, wenn wir uns nur an etwas erinnern, was keinem unbekannt sein kann, nämlich an folgendes. Alle Geschöpfe auf Erden leben entweder von deren Früchten und Produkten, oder aber dem Fleische anderer Tiere, ihrer Mitgeschöpfe. Diese letzten, die wir Raubtiere nennen, hat die Natur dementsprechend ausgestattet, hat ihnen Waffen und Stärke gegeben, um diejenigen zu überwältigen und zu zerreissen, die sie ihnen als Nahrung bestimmt hat, und ferner einen viel schärferen Hunger als andern Tieren, die von Kräutern und dergleichen leben. Denn was das erste betrifft: wenn eine Kuh Lämmerfleisch ebenso gern ässe wie in Wirklichkeit Gras, so würde sie bei ihrem tatsächlichen Körperbau, ohne Klauen oder Krallen und bloss mit einer Reihe gleich langer Zähne, sogar unter einer Schafherde verhungern. Zweitens, hinsichtlich der Gefrässigkeit: wenn nicht Erfahrung es schon täte, so könnte unser Verstand uns darüber aufklären, dass der Hunger, der ein Geschöpf veranlassen kann, sich wegen jedes Bissens, den es frisst, anzustrengen, abzuhetzen und Gefahren auszusetzen, dass ein solcher Hunger nagender sein muss als derjenige, der es bloss anweist zu essen, was vor ihm steht und was es durch Niederbeugen erlangen kann. Weiterhin ist zu beachten: wie die Raubtiere einen Instinkt haben, der sie anleitet, die ihnen als Nahrung Dienenden zu verfolgen, aufzuspüren und zu erhaschen, so haben andere gleichfalls einen Instinkt, der sie lehrt, vor den ihnen Nachjagenden auszuweichen, sich zu verbergen und fortzulaufen. Hieraus folgt nun, dass Raubtiere, wenn sie auch noch soviel fressen, doch öfter mit leerem Magen herumlaufen müssen als andere Geschöpfe, deren Nahrungsmittel ihnen weder entfliehen noch Widerstand leisten. Dies muss ihren Hunger sowohl verstärken als verlängern, der dadurch ein dauernder Anreiz zur Wut für sie wird.

Fragt man mich, was diese Wut in Bullen und Hähnen erregt, die bis zum Tode kämpfen und die doch weder Raubtiere noch besonders gefrässig sind, so antworte ich: der Geschlechtstrieb. Die Lebewesen, deren Erbitterung ihrem Hunger entstammt, greifen – die männlichen wie die weiblichen – jegliches an, was sie bewältigen können und kämpfen hartnäckig gegen alle; wohingegen die Tiere, deren Wüten aus sexueller Erregung entspringt, – da es im allgemeinen Männchen sind – hauptsächlich gegen Männchen derselben Gattung losgehen. Andern Geschöpfen mögen sie durch Zufall Schaden zufügen; die Hauptobjekte ihres Hasses sind aber ihre Nebenbuhler, und lediglich diese sind es, gegen die sich ihre Kühnheit und Tapferkeit richtet. Auch finden wir in allen den Tierarten, deren Männchen eine grössere Anzahl von Weibchen zu befriedigen vermögen, bei jenen eine natürliche Überlegenheit der ganzen körperlichen Konstitution stärker ausgeprägt als in andern Arten, deren Männchen sich mit einem oder zwei Weibchen begnügen. Die Gefrässigkeit der Hunde, die doch Haustiere geworden sind, ist sprichwörtlich, und diejenigen von ihnen, die als Fleischfresser kämpfen, würden bald zu Raubtieren werden, wenn wir sie nicht fütterten. Was wir an ihnen beobachten, ist ein voller Beweis für das bisher von mir Angeführte. Die einer echten kämpfenden Rasse angehören, werden – Männchen wie Weibchen – ihrer Gefrässigkeit entsprechend sich lieber töten lassen als sich zurückziehen, nachdem sie sich einmal über etwas hergemacht haben. Da das weibliche Tier geschlechtlich eher noch erregbarer ist als das männliche, so herrscht, von den Sexualorganen abgesehen, in ihrem Körperbau überhaupt kein Unterschied, und das Weibchen ist eher das wildere von beiden. Ein Bulle ist ein ganz furchtbares Tier, solange er abgeschlossen gehalten wird; wo er aber von zwanzig oder mehr Kühen umgeben ist, wird er in kurzem so zahm werden wie eine von diesen, und ein Dutzend Hennen würden den schönsten Hahnenkampf in ganz England verderben. Hirsche und Rehe gelten als keusche und furchtsame Wesen. Sie sind es in der Tat fast das ganze Jahr hindurch ausser zur Brunstzeit; dann werden sie plötzlich erstaunlich mutig und gehen oft gegen ihre eigenen Wärter los.

Dass der Einfluss dieser beiden wichtigsten Begierden, Hunger und Geschlechtstrieb, auf die Sinnesart der Tiere nicht so unbedeutend ist, wie sich manche vorstellen, lässt sich teilweise auch aus unserem eigenen Erleben ableiten. Denn obgleich unser Hunger unendlich viel weniger heftig ist als der von Wölfen und andern gefrässigen Tieren, so sehen wir doch, dass Leute von leidlicher Gesundheit und guter Verdauung sich über Kleinigkeiten leichter aufregen und eher schlechter Laune werden, wenn sie auf ihre Mahlzeit aussergewöhnlich lange warten müssen, als zu irgendeiner andern Zeit. Und obgleich ferner der Geschlechtstrieb beim Menschen nicht so lebhaft wie bei Bullen und andern geilen Tieren ist, so reizt doch nichts Männer wie Weiber eher und heftiger zur Wut, als wenn man ihnen ins Gehege kommt, wo sie ordentlich verliebt sind. Die Schüchternsten und Sittsamsten beiderlei Geschlechts haben sich schon den grössten Gefahren ausgesetzt und alle andern Rücksichten ausser acht gelassen, um die Vernichtung eines Nebenbuhlers zu erreichen.

Bisher habe ich mich zu beweisen bemüht, dass kein Lebewesen angreifenderweise kämpfen kann, solange es Furcht empfindet; dass Furcht durch kein anderes Gefühl unterdrückt werden kann; dass die Wut das ihr am meisten entgegengesetzte und das wirksamste ist, um sie zu überwinden; dass Hunger und Geschlechtstrieb die beiden wichtigsten Begierden sind, die bei einer Hemmung dieses letztgenannte Gefühl erregen können, und dass bei allen wilden Tieren die Neigung zu Wut und Hartnäckigkeit im Kampfe allgemein von der Heftigkeit einer dieser beiden Triebe oder beider zusammen abhängt. Hieraus folgt nun unstreitig, dass, was wir bei lebenden Wesen Mut oder angeborene Tapferkeit nennen, nichts anderes als eine Wirkung der Wut ist, und dass alle wilden und wütenden Tiere entweder sehr gefrässig oder geschlechtlich sehr erregbar, wenn nicht beides zugleich sein müssen.

Nunmehr wollen wir untersuchen, wie wir auf Grund dieser Feststellung über unser eigenes Geschlecht zu urteilen haben. Nach der Zartheit der Haut des Menschen und der Sorgfalt, die jahrelang zu seiner Aufziehung erforderlich ist, nach dem Bau seiner Kiefer, der Gleichheit seiner Zähne, der Breite seiner Nägel und der Schwachheit beider ist es nicht wahrscheinlich, dass ihn die Natur dazu bestimmt haben sollte, vom Raube zu leben. Aus diesem Grunde ist sein Hunger nicht so wütend wie der von Raubtieren. Auch ist der Mensch nicht so hitzig wie andere Tiere, die allgemein dafür gelten; und da er ausserdem in der Herbeischaffung des zum Leben Notwendigen sehr erfinderisch ist, so kann er keinen besonders starken Trieb haben, der seine Wut nähren könnte, und muss infolgedessen ein im ganzen furchtsames Tier sein.

Das eben Gesagte versteht sich lediglich für den Menschen im Zustande der Wildheit; denn wenn wir ihn als Mitglied der Gesellschaft betrachten, als ein Tier, dem man verschiedenerlei beigebracht hat, so finden wir ihn ganz anders geartet. Sobald seine Eitelkeit Spielraum gewinnt und Neid, Habsucht und Ehrgeiz ihn zu ergreifen beginnen, wird er aus seiner natürlichen Unschuld und Gleichgültigkeit aufgeweckt. In dem Masse wie seine Kenntnisse sich erweitern, werden seine Wünsche vermehrt und demgemäss seine Bedürfnisse und Begierden vervielfältigt. Daraus ergibt sich, dass er in deren Verfolgung öfter gehemmt werden und unvergleichlich viel mehr Enttäuschungen, die seine Wut erregen, erleben muss als in seinem früheren Zustande. Der Mensch würde also unbeaufsichtigt gelassen überall da, wo er seinen Gegner überwinden könnte, in kurzer Zeit das schlimmste und verderblichste Geschöpf der Welt werden, falls er kein weiteres Unheil als von der Person, die ihn in Wut brachte, zu fürchten hätte.

Die Hauptsorge aller Obrigkeiten ist daher, seine Wut, soweit sie Schaden stiftet, durch strenge Strafen niederzudrücken und so durch Verstärkung seiner Furcht das Unheil zu verhüten, das sie anrichten könnte. Sobald verschiedene Gesetze zur Verhinderung von Gewalttätigkeiten zu strenger Ausübung gelangen, muss der Selbsterhaltungstrieb ihn lehren, Frieden zu halten; und da jeder so wenig wie möglich beunruhigt zu werden wünscht, so wird seine Furcht dauernd in dem Masse vermehrt und verstärkt werden, wie sein Verstand, seine Erfahrung und Voraussicht zunehmen. Da nun weiter der Mensch in einem zivilisierten Staate unendlich oft zur Wut gereizt werden wird, so muss dann seine Furcht, die jene Wut dämpft, sich ebenfalls häufen und ihn so in kurzer Zeit lehren, sie ganz zu ersticken. Auf diesem Wege wird er schliesslich dahin kommen, gleichsam künstlich eine entgegengesetzte Methode derselben Selbsterhaltung anzuwenden, um derentwillen ihn die Natur vorher neben seinen übrigen Trieben mit der Fähigkeit zur Wut ausgestattet hatte.

Der einzige mit Rücksicht auf die Ruhe und den Frieden der Gesellschaft nützliche Affekt des Menschen ist also seine Furcht; je mehr man sich diese zunutze macht, desto gesitteter und lenkbarer wird er sein. Denn wie vorteilhaft auch die Wut für ihn als Einzelwesen sein mag, die Gesellschaft hat dennoch keinerlei Verwendung dafür. Da sich aber die Natur bei der Bildung der Organismen stets gleich bleibt, so schafft sie alle Tiere denen, die sie erzeugen und gebären, so ähnlich, wie der Ort ihrer Entstehung und die verschiedenen Einflüsse von aussen ihr erlauben; und demgemäss sind alle Menschen, ob nun an Fürstenhöfen oder in Wäldern geboren, des Gefühls der Wut fähig. Wenn dieses – wie es bei allen gelegentlich geschieht – über die ganze Reihe der Befürchtungen, die der Mensch hat, den Sieg davonträgt, alsdann besitzt er wahren Mut und wird ebenso tapfer wie ein Löwe oder Tiger kämpfen, zu einer anderen Zeit aber nicht. Ich werde nun zu beweisen suchen, dass alles, was beim Menschen Mut genannt wird, solange er nicht wütend ist, etwas Unechtes und Künstliches ist.

Einer tüchtigen Staatsleitung ist es zwar möglich, einer Gesellschaft den inneren Frieden zu erhalten, niemand kann aber die Ruhe nach aussen hin für immer sichern. Der soziale Verband mag etwa Gelegenheit haben, seine Grenzen zu erweitern und seine Herrschaft auszudehnen, andere können in sein Gebiet einfallen, oder sonst etwas kann sich ereignen, was den Menschen zum Kampfe zwingt; denn so zivilisiert er auch immer sein mag, er vergisst doch nie, dass Gewalt vor Recht geht. Der Sozialpädagoge muss also jetzt andere Massregeln ergreifen und die Furcht der Menschen etwas abschwächen: er muss sie zu überreden suchen, dass alles, was ihnen früher von der Barbarei des Menschentötens erzählt wurde, hinfällig wird, sobald diese Menschen öffentliche Feinde sind, und dass ihre Gegner weder so gut noch so stark seien wie sie selbst. Im Falle dies geschickt angestellt wird, wird es selten verfehlen, die Verwegensten, Streitsüchtigsten und Listigsten in den Kampf zu treiben; wenn sie aber nicht besser veranlagt sind, möchte ich freilich für ihr Verhalten dabei nicht bürgen. Wenn man sie erst einmal dazu bringen kann, ihre Feinde geringzuschätzen, wird man sie auch bald in die nötige Wut versetzt haben, und solange diese anhält, werden sie allerdings mit grösserer Erbitterung als irgendwelche disziplinierten Truppen fechten. Falls sich aber etwas Unvorhergesehenes ereignet und ein plötzlicher grosser Lärm, ein Sturm oder sonst ein seltsamer oder ungewohnter, bedrohlich erscheinender Vorfall dazwischentritt, so ergreift sie Furcht, entwaffnet ihre Wut und lässt sie bis auf den letzten Mann davonlaufen.

Mit der Tapferkeit als Naturanlage muss es daher, sobald die Leute gescheiter werden, in kurzer Zeit aus sein. Zunächst werden diejenigen, die den Schmerz von Feindesschlägen zu fühlen bekamen, nicht mehr jederzeit glauben, was zu deren Herabsetzung gesagt wird, und meist nicht ohne weiteres in Wut zu bringen sein. Da zweitens die Wut in einer Aufwallung der Säfte besteht, so ist sie ein Affekt von nur kurzer Dauer – ira furor brevis est –, und die Feinde sind, falls sie dem ersten Ansturm des wütenden Haufens widerstanden, hernach gewöhnlich um so besser dran. Drittens: solange die Menschen in Wut sind, ist ihnen mit Rat und Disziplin nicht beizukommen; Kunst oder Anführung wird daher in ihren Schlachten nicht verwendbar sein. Wut, ohne die kein Geschöpf natürliche Tapferkeit besitzt, ist demnach etwas ganz und gar Unbrauchbares in einem Kriege, der vermittels Strategie geführt wird und zu einer regelrechten Kunst geworden ist; so dass die Staatsleitung für diese Art der Tapferkeit einen Ersatz ausfindig machen muss, der die Menschen gleichfalls zum Kämpfen veranlasst.

Jeder der es unternimmt, Menschen zu zivilisieren und zu einer politischen Körperschaft zu vereinigen, muss mit allen ihren Gefühlen und Wünschen, Stärken und Unzulänglichkeiten gründlich bekannt sein und wissen, wie ihre grössten Schwächen zum Vorteil der Allgemeinheit zu verwenden sind. In der »Untersuchung über den Ursprung der Sittlichkeit« habe ich gezeigt, wie leicht die Menschen dahin zu bringen sind, alles zu glauben, was zu ihrem Lobe gesagt wird. Setzen wir nun den Fall, ein Gesetzgeber oder Staatsmann, vor dem sie grosse Ehrfurcht haben, redete ihnen vor, dass sie ein von Wut oder sonstigem Affekte unterschiedenes Tapferkeitsprinzip in sich trügen, das sie befähigte, Gefahren zu verachten und selbst dem Tode furchtlos entgegenzutreten, und dass, die es am ausgeprägtesten hätten, die Wertvollsten ihres Stammes seien. In Anbetracht des oben gesagten ist es nun sehr wahrscheinlich, dass daraufhin die meisten, wenn sie auch nichts von jenem Prinzip verspüren sollten, es als Wahrheit herunterschlucken würden, und dass sich die Eitelsten, von diesem Schmeichelstückchen bewegt und unerfahren in der Unterscheidung der Gefühle, einbilden dürften, sie fühlten, wie es ihre Brust weitet, indem sie nämlich Stolz für Mut halten. Wenn nur einer von zehnen überredet werden kann, öffentlich zu erklären, dass ihm dieses Prinzip innewohnt, und es gegen alle Leugner zu behaupten, dann wird bald ein halbes Dutzend dasselbe versichern. Jeder der es einmal anerkannt hat, ist nun gebunden, und der Volkserzieher hat weiter nichts zu tun, als mit allergrösster Sorgfalt dem Stolze derjenigen zu schmeicheln, die damit prahlen und willens sind, unbedingt daran festzuhalten. Derselbe Stolz, der sie zu Anfang verleitete, wird sie auch nachher noch jederzeit zur Verteidigung ihrer früheren Behauptung zwingen, bis schliesslich ihre Furcht, ihre wahre Gesinnung zu verraten, so gross wird, dass sie sogar die Furcht vor dem Tode überwindet. Man stärke nur des Menschen Stolz, und seine Furcht vor Schande wird stets entsprechend wachsen; denn einen je grösseren Wert ein Mensch sich beimisst, um so mehr Mühe wird er sich geben und um so grösseren Strapazen wird er sich unterziehen, um Schande zu vermeiden.

Die grosse Kunst also, die Menschen mutig zu machen, besteht darin, sie zunächst zu veranlassen, dass sie dieses innerliche Tapferkeitsprinzip anerkennen, und ihnen nachher so viel Furcht vor Schande einzuflössen, wie sie von Natur aus vor dem Tode besitzen. Dass es übrigens Dinge gibt, gegen die der Mensch eine stärkere Abneigung als gegen den Tod hat oder haben kann, beweist der Selbstmord. Wer den Tod freiwillig wählt, muss ihn für etwas weniger Schreckliches halten als das, was er durch ihn vermeidet; denn ob nun das gefürchtete Übel gegenwärtig oder zukünftig, real oder eingebildet ist, niemand würde sich freiwillig töten, ausser um etwas anderes zu vermeiden. Lukretia hielt allen Angriffen des Verführers tapfer stand, selbst als er ihr Leben bedrohte, was beweist, dass sie ihre Tugend höher als jenes hielt. Als er aber drohte, ihren Ruf für ewig zu verderben, gab sie ohne weiteres nach und tötete sich dann, – ein sicheres Zeichen, dass sie ihre Tugend geringer als ihren Ruhm und ihr Leben geringer als beide schätzte. Die Furcht vor dem Tode brachte sie nicht zum Nachgeben, denn sie beschloss lieber zu sterben; und ihre Willfährigkeit ist lediglich als Bestechung zu betrachten, um Tarquinius an der Befleckung ihres Rufes zu verhindern, so dass das Leben nach der Bewertung Lukretias weder die erste noch die zweite Stelle einnahm. – Der Mut, der für eine soziale Gemeinschaft allein von Nutzen ist und der allgemein als echte Tapferkeit bezeichnet wird, ist mithin etwas Künstliches und besteht in einer übergrossen Furcht vor Schande, die Menschen von lebhaftem Selbstgefühl durch Schmeichelei eingeflösst worden ist.

Sobald die Begriffe von Ehre und Schande bei einer sozialen Gemeinschaft Eingang gefunden haben, ist es nicht schwierig, die Menschen zum Kämpfen zu veranlassen. Zunächst trage man Sorge, dass sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt seien; denn kein Mensch kämpft bereitwillig, wenn er sich im Unrecht glaubt. Dann weise man sie darauf hin, dass ihr Eigentum, ihre Altäre, Weiber und Kinder und alles, was ihnen sonst wert und teuer ist, in dem vorliegenden Streite mit betroffen sind oder wenigstens später durch ihn in Mitleidenschaft gezogen werden können. Darauf stecke man ihnen Federn an die Mützen, zeichne sie vor anderen aus, rede vom Geiste der Zusammengehörigkeit, von Vaterlandsliebe, Unerschrockenheit gegenüber dem Feinde, Todesverachtung, vorn Felde der Ehre und was dergleichen Phrasen sind, – und jeder stolze Mann wird die Waffen ergreifen und bis zum Tode kämpfen, ehe er davonläuft, d. h. solange es noch hell ist. Jeder einzelne in einer Armee ist ein Sporn für die andern, und hundert von ihnen, die allein und ohne Zeugen sämtlich Feiglinge sein würden, werden zu Helden durch ihr Zusammensein und aus Furcht, sich der anderen Verachtung zuzuziehen. Um diesen künstlichen Mut zu wahren und zu stärken, sind alle Ausreisser mit schmählichen Strafen zu belegen; die tapfer fochten, müssen, oh nun siegreich oder besiegt, durch Schmeichelei und feierliches Lob ausgezeichnet und diejenigen, die Glieder einbüssten, entschädigt werden. Die aber getötet wurden, müssen vor allen Dingen bedacht, mit vieler Kunst bejammert und in ganz besonderen Wendungen gepriesen werden; denn den Verstorbenen Ehren zu erweisen, wird immer eine sichere Methode sein, um die Lebenden einzufangen.

Wenn ich sage, dass der im Kriege zur Geltung kommende Mut etwas Künstliches ist, so meine ich nicht, dass alle Menschen durch dieselben Mittel gleich tapfer gemacht werden können. Da die Menschen nicht ein gleiches Teil Stolz besitzen und äusserlich wie innerlich voneinander abweichen, so ist es unmöglich, dass sie alle zu demselben Zwecke gleich brauchbar sein sollten. Manche werden in der Musik nie etwas leisten und doch tüchtige Mathematiker abgeben, während andere ausgezeichnet Violine spielen, aber ihr Leben lang Dummköpfe bleiben, sie mögen verkehren mit wem sie wollen. Um indes zu zeigen, dass dies keine Ausflucht ist, will ich unter Absehung von allem bereits über künstlichen Mut gesagten beweisen, dass, was den grössten Helden vom schäbigsten Feigling unterscheidet, etwas ganz und gar Körperliches ist und von der physischen Veranlagung des Menschen abhängt. Was ich meine, wird gewöhnlich als »Konstitution« bezeichnet, worunter man die richtige oder unrichtige Zusammensetzung der Körpersäfte versteht. Die Konstitution, die den Mut begünstigt, besteht in der natürlichen Kräftigkeit, Elastizität und gesunden Beschaffenheit der feineren Bestandteile des Blutes; was wir Beharrlichkeit, Entschlossenheit und Zähigkeit nennen, ist durchaus ihnen zuzuschreiben. Sie sind der einzige der natürlichen und künstlichen Tapferkeit gemeinsame Faktor und für beide das, was die Grundierung für weisse Wände ist, die das Losbröckeln verhindert und die Haltbarkeit bedingt. Dass manche Leute sehr stark, andere sehr wenig über Dinge erschrecken, die ihnen unerwartet und seltsam vorkommen, beruht gleichfalls ganz und gar auf der gesteigerten oder verringerten Agilität jener feineren Bestandteile. Stolz ist bei einem Schreckanfall von keinerlei Nutzen, weil wir während seiner Dauer nicht klar denken können; und dies bildet als anerkannte Minderwertigkeit den Grund, warum die Menschen stets ärgerlich über etwas sind, was sie erschreckte, sobald nur die Überraschung vorbei ist. Wenn daher die Sieger, nachdem sich das Schlachtenglück gewendet hat, kein Pardon geben und sehr grausam sind, so ist das ein Zeichen dafür, dass ihre Feinde ihnen hart zusetzten und sie zuerst in grosse Furcht brachten.

Dass die Entschlossenheit von der Agilität der Blutpartikeln abhängt, geht auch aus den Wirkungen von Spirituosen hervor, deren erhitzende Teilchen bei ihrem Eindringen in das Gehirn jene Partikeln beleben. Sie erzeugen auf diese Weise etwas der Wut Ähnliches, die, wie bereits erwähnt, eine Aufwallung der Körpersäfte ist. Aus diesem Grunde sind die meisten Leute im Rauschzustande empfindlicher und zur Wut geneigter als sonst, und manche werden ohne jegliche Veranlassung geradezu rasend. Man kann auch beobachten, dass Branntwein die Menschen bei demselben Grade von Trunkenheit streitsüchtiger macht als Wein, weil jener eine Unmenge aufreizender Bestandteile enthält, die diesem fehlen. Die Widerstandsfähigkeit der Blutpartikeln ist bei manchen so gering, dass trotz genügenden Selbstgefühls alle Künste umsonst sind, um sie zum Kämpfen und Überwinden ihrer Furchtsamkeit zu bewegen. Allein dies ist ein Mangel in der Beschaffenheit der Säfte, wie andere Leiden Fehler der festen Gewebe sind. Derart zaghafte Leute können, wo eine Gefahr vorliegt, nie ordentlich wütend werden. Trinken macht sie zwar stets kühner, aber selten so beherzt, dass sie jemanden angreifen, ausser wenn es Frauen oder Kinder oder solche sind, die ihnen, wie sie wissen, keinen Widerstand zu leisten wagen. – Die Konstitution wird auch oft von Gesundheit und Krankheit beeinflusst und durch grosse Blutverluste geschädigt, manchmal auch durch Diät gehoben. Dies ist es, was Rochefoucauld meint, wenn er sagt: Eitelkeit, Schamgefühl und vor allem die Konstitution machen sehr oft den Mut der Männer und die Tugend der Frauen aus.

Nichts befestigt den kriegerischen Mut, von dem ich hier spreche, so sehr und zeigt zugleich seine Künstlichkeit so deutlich wie die Übung darin. Denn wenn die Menschen die nötige Disziplin besitzen und alle Werkzeuge des Todes und Mittel der Zerstörung kennen gelernt haben, wenn sie sich an Triumph- und Verzweiflungsschreie, Feuer und Rauch, das Stöhnen der Verwundeten und die stieren Blicke der Sterbenden samt all den mannigfachen Szenen von verstümmelten Leichnamen und blutigen Gliedern zu gewöhnen beginnen, alsdann verlässt ihre Furchtsamkeit sie allmählich: nicht dass sie jetzt vor dem Tode weniger Angst als vorher hätten; sondern da ihnen der Anblick der gleichen Gefahren etwas so Geläufiges geworden ist, so glauben sie nun an deren Realität weniger als bisher. Da sie für jede Belagerung, der sie beiwohnten, für jede Schlacht, die sie mitmachten, entsprechend geachtet werden, so kann es gar nicht anders sein, als dass die verschiedenen Aktionen, an denen sie teilnahmen, ebenso viele sichere Stufen werden, auf denen ihr Stolz emporklimmt. Indem so ihre Furcht vor Schande, die, wie gesagt, stets ihrem Stolze entsprechend wächst, in dem Masse zunimmt, wie ihr Glaube an eine Gefahr abnimmt, so ist nicht zu verwundern, dass die meisten wenig oder gar keine Furcht zu zeigen lernen. Daher sind denn auch manche Generale imstande, inmitten all des Lärms, Schreckens und Wirrwarrs einer Schlacht Geistesgegenwart und heitere Seelenruhe zu bewahren.

Ein so törichtes Wesen ist der Mensch, dass er sich, vom Dunste der Eitelkeit berauscht, in dem Gedanken an das Lob, das ihm dereinst gespendet werden soll, derart zu begeistern vermag, dass er sein gegenwärtiges Leben vernachlässigt, ja sogar den Tod sucht und begehrt, falls er sich nur einbilden kann, dadurch den vorher schon erworbenen Ruhm noch zu erhöhen. Es gibt keinen Gipfel der Selbstverleugnung, den ein Mensch von grosser körperlicher Widerstandsfähigkeit und regem Selbstgefühl nicht erreichen könnte, und keine so heftige Leidenschaft, dass er sie nicht einer anderen noch stärkeren opfern würde. Hier kann ich nun nicht umhin, meiner Verwunderung über die Einfältigkeit mancher guten Leute Ausdruck zu geben. Wenn sie nämlich von der Freude und dem Eifer hören, mit denen heilige Männer bei Verfolgungen für ihren Glauben litten, dann meinen sie, eine solche Standhaftigkeit müsse aller menschlichen Kraft unerreichbar bleiben, wenn ihr nicht vom Himmel wunderbare Hilfe zuteil werde. Wie die meisten sich sträuben, alle Schwächen ihres Geschlechts anzuerkennen, so ist ihnen auch verborgen, zu welchen gewaltigen Leistungen wir von Natur aus befähigt sind; ferner wissen sie nicht, dass manche Menschen von genügend kräftiger Konstitution sich lediglich durch die Stärke ihrer Gefühle in einen Zustand überschwänglicher Begeisterung hineinzuarbeiten vermögen. Und doch hat es gewisslich Menschen gegeben, die, bloss mit Stolz und einem starken Körper ausgestattet, die schlechteste Sache vertreten und Tod und Folterung mit ebensoviel Freudigkeit auf sich genommen haben, wie es der beste der Menschen, erfüllt von Demut und Frömmigkeit, für die allein wahre Religion getan hat.

Zum Beweise dieser Behauptung könnte ich viele Beispiele anführen; ein oder zwei werden aber genügen. Giordano Bruno aus Nola, der jenes gotteslästerliche Machwerk, genannt » Spaccio della bestia trionfante«, schrieb, und der berüchtigte Vanim wurden beide hingerichtet, weil sie den Atheismus öffentlich vertraten und lehrten. Der letztgenannte hätte den Augenblick vor der Hinrichtung begnadigt werden können, wenn er seine Lehre widerrufen hätte; ehe er dies tat, liess er sich aber lieber zu Asche verbrennen. Als er zum Scheiterhaufen ging, war er so weit davon entfernt, irgendwelche Aufregung zu verraten, dass er einem Arzte, den er zufällig kannte, seine Hand reichte mit der Bitte, aus der Regelmässigkeit seines Pulsschlages seine Seelenruhe zu entnehmen; und indem er bei dieser Gelegenheit einen gottlosen Vergleich machte, tat er einen Ausspruch, der zu nichtswürdig ist, um wiedergegeben zu werden. Ausser diesen sei ein gewisser Mahomet Effendi genannt, der, wie uns Sir Paul Ricaut berichtet, in Konstantinopel getötet wurde, weil er einige Sätze gegen das Dasein Gottes geäussert hatte. Auch er hätte sein Leben retten können, dadurch dass er seinen Irrtum bekannte und ihn für die Zukunft aufgab. Er bestand aber lieber auf seinen Gotteslästerungen, indem er sagte, obgleich er keine Belohnung zu erwarten habe, zwänge ihn doch die Liebe zur Wahrheit, um ihretwillen zum Märtyrer zu werden.

Ich habe diese Abschweifung hauptsächlich gemacht, um zu zeigen, welche Kraft der menschlichen Natur innewohnt und was ein Mensch rein als solcher vermöge seines Stolzes oder Selbstgefühls und seiner körperlichen Widerstandsfähigkeit zu vollbringen imstande ist. Durch seine Eitelkeit kann er sicherlich ebenso heftig erregt werden wie ein Löwe durch seine Wut. Aber nicht nur sie, sondern Habgier, Rachsucht, Ehrgeiz und fast jeder Affekt, Mitleid nicht ausgenommen, können bei ungewöhnlicher Stärke über seine Furcht die Oberhand gewinnen und so bei ihm an Stelle von Tapferkeit treten, ja sogar von ihm selbst dafür gehalten werden, wie die Erfahrung einen jeden täglich lehren muss, der den Motiven menschlicher Handlungen nachspürt. Damit wir aber deutlicher erkennen, worauf sich dieses vorgebliche Prinzip gründet, wollen wir uns einmal die Handhabung militärischer Angelegenheiten besehen; wir werden dann finden, dass das Selbstgefühl nirgends so offen wie hier unterstützt wird. Was die Kleidung betrifft, so ist sie selbst bei den untersten Linienoffizieren kostbarer oder wenigstens bunter und eleganter, als sie in der Regel von anderen Leuten vom Vier- oder Fünffachen ihres Einkommens getragen wird. Die meisten von ihnen in ganz Europa, besonders die Familie haben und kaum auskommen können, würden froh sein, wenn sie weniger darauf auszugeben brauchten; sie werden aber dazu gezwungen, um ihr Selbstgefühl aufrechtzuerhalten, was ihnen jedoch gar nicht zu Bewusstsein kommt.

Nirgends sind aber die Mittel und Wege, um das Selbstgefühl des Menschen anzufachen und ihn dadurch einzufangen, deutlicher sichtbar als in der Behandlung der gemeinen Soldaten, auf deren Eitelkeit – da ihrer so viele nötig sind – auf die denkbar billigste Weise eingewirkt werden muss. Dinge, an die wir gewöhnt sind, pflegen uns nicht mehr aufzufallen; denn welcher Sterbliche, der nie einen Soldaten gesehen hätte, könnte sich sonst ohne Lachen einen mit so viel buntem Zeug und affektiertem Putz ausstaffierten Menschen ansehen? Das elendeste Fabrikat, das aus Wolle gemacht und ziegelrot gefärbt werden kann, lässt er sich gern gefallen, weil es eine Nachahmung von Scharlach- oder rosenrotem Tuche ist; und um zu erreichen, dass er sich für geringe oder gar keine Kosten soviel wie möglich wie ein Offizier vorkommt, wird sein Hut an Stelle von Silber- oder Goldborte mit weisser oder gelber Wollschnur besetzt, für die andere Leute verdienen würden, nach Bedlam ins Irrenhaus zu kommen. Und doch haben diese schönen Lockmittelchen nebst dem Lärm, den man auf einem Kalbsfell macht, tatsächlich mehr Männer herumgekriegt und dem Verderben geweiht, als alle unwiderstehlichen Blicke und bezaubernden Stimmen der Frauen je im Scherze töteten. Heute legt der Schweintreiber seinen roten Rock an und glaubt jedem in vollem Ernste, der ihn einen »Herrn« tituliert, und zwei Tage später gibt ihm der Sergeant Schinder eine schallende Ohrfeige, weil er sein Gewehr einen Zoll höher hält, als er soll. Welche Würde dieser Stand in Wahrheit in sich trägt, erhellt daraus, dass es bei dem Rekrutenmangel in den beiden letzten Kriegen den Offizieren erlaubt war, Leute in die Armee aufzunehmen, die des Einbruchs und anderer Kapitalverbrechen überführt waren, was beweist, dass Soldat-werden als ein Vorzug gilt, der gleich hinter Hängen kommt. Ein Kavallerist ist noch schlechter dran als ein Fusssoldat, denn während seiner Mussestunden hat er noch die Demütigung, einem Pferde, das mehr Geld als er verbraucht, den Diener abzugeben. Wenn man alles dies bedenkt, ihre Behandlung von Seiten der Offiziere, ihre Besoldung und wie man für sie sorgt, solange man ihrer nicht bedarf, muss man sich da nicht wundern, dass es solche einfältige Kerle geben kann, die stolz sind, wenn man sie »die Herren Soldaten« nennt? Indes, gäbe es die nicht, so würde keine Kunst, Disziplin und Bezahlung imstande sein, sie so tapfer zu machen, wie Tausende von ihnen sind.

Fragen wir, welche Wirkung die Tapferkeit des Menschen beim Fehlen anderer Eigenschaften, die ihn besänftigten, ausserhalb einer Armee haben würde, so finden wir, dass sie der bürgerlichen Gesellschaft grossen Schaden zufügen würde. Denn falls der Mensch seine ganze Furcht überwinden könnte, so würde man von nichts als von Räubereien, Morden und Gewalttätigkeiten aller Art hören, und mutige Männer wären den Riesen in den Romanen zu vergleichen. Aus sozialpädagogischen Rücksichten kam es daher zur Begründung eines Prinzips im Menschen, das einer mittleren Veranlagung entsprach: eines Gemisches von Gerechtigkeit, Redlichkeit und den übrigen sittlichen Vorzügen, verbunden mit Mut; und alle, denen es innewohnte, bildeten sich demgemäss zu fahrenden Rittern aus. Sie taten unglaublich viel Gutes in der Welt, indem sie Ungeheuer zähmten, die Bedrängten erlösten und die Unterdrücker töteten. Nachdem aber allen Drachen die Flügel abgehauen, die Riesen umgebracht und die schönen Fräuleins allerorts in Freiheit gesetzt waren – einige wenige in Spanien und Italien ausgenommen, die noch von ihren Ungeheuern gefangen gehalten blieben – nachdem, wie gesagt, dies alles geschehen, ist die Ritterwürde, mit der der alte Ehrbegriff verbunden war, für einige Zeit beiseite gelegt worden. Sie war, gleich der damaligen Bewaffnung, sehr massig und schwer. Die vielen ihr anhängenden Tugenden machten sie höchst lästig; und da die Menschen mit der Zeit immer klüger werden, so ward das Ehrenprinzip im Anfang des letzten Jahrhunderts gänzlich umgeschmolzen und nach einem neuen Muster gebildet. Dahinein tat man die gleiche Menge von Mut, das halbe Quantum Redlichkeit und ein klein wenig Gerechtigkeit, aber nicht ein bisschen von irgendeiner andern Tugend, wodurch es nun, im Vergleich zu früher, gar sehr bequem und handlich wurde. Es ist aber doch so beschaffen, dass man ohne es in einem grossen Staate nicht würde leben können, denn es ist das Bindemittel aller Geselligkeit. Obgleich es sich der Hauptsache nach aus unsern Schwächen ableitet, hat doch keine, wenigstens keine mir bekannte Tugend gleich erfolgreich an der Zivilisation der Menschheit mitgewirkt, die innerhalb grosser Gemeinschaften bald zu tyrannischen Schurken und zu verräterischen Sklaven ausarten würde, wenn die »Ehre« keinen Platz mehr bei uns fände.

Was die damit verknüpfte Verpflichtung zum Zweikampf anlangt, so bedauere ich die Unglücklichen, denen sie zufällt. Jedoch zu sagen, dass die mit solcher Schuld Behafteten irregeleitet sind oder den Ehrbegriff falsch auffassen, ist lächerlich; denn entweder gibt es überhaupt keine Ehre, oder sie lehrt die Menschen, sich über Beleidigungen zu ärgern und Forderungen anzunehmen. Wer über das Duell spottet, bedenkt nicht, welchen Vorteil die Gesellschaft aus diesem Brauche zieht. Wenn jeder unmanierliche Bursche reden dürfte, wie es ihm passt, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, so würde es mit aller Unterhaltung zu Ende sein. Manche Leute versichern uns mit grossem Ernst, dass die Griechen und Römer doch so tapfere Männer waren und trotzdem nichts vom Duell wussten, ausser wo sie für ihr Vaterland stritten. Das ist freilich sehr richtig; daher führten aber auch die homerischen Könige und Fürsten eine unfeinere Sprache untereinander, als unsere Dienstmänner und Droschkenkutscher sich gefallen lassen würden.

Wünscht man die Duelle zu verhindern, so übe man gegen keinen Nachsicht, der sich in dieser Beziehung vergeht, mache die Gesetze hiergegen so streng wie möglich, schaffe aber nicht die Sache selbst, die Duellsitte, ab. Dies wird nicht bloss ihre Häufigkeit verringern, sondern auch die Gesellschaft im allgemeinen heben und verfeinern, indem es die Kühnsten und Mächtigsten in ihrem Benehmen vorsichtig und besonnen macht. Nichts versittlicht den Menschen so sehr wie seine Furcht, und wenn nicht alle – wie Lord Rochester sagt –, so würden doch wenigstens die meisten Feiglinge sein, wenn sie dürften. Die Befürchtung, zur Rechenschaft gezogen zu werden, hält aber eine Unmenge in Schranken, und es gibt Tausende von manierlichen und feingebildeten Herren in Europa, die ohnedem freche und unerträgliche Narren wären. Ausserdem: wenn es nicht Sitte wäre, Genugtuung für Beleidigungen zu verlangen, gegen die das Gesetz nicht vorgehen kann, so würde zwanzigmal so viel Unheil angerichtet werden wie jetzt, oder aber man müsste zur Erhaltung des Friedens das Zwanzigfache von Schutzleuten und andern Beamten haben. Obgleich das Duell nur selten vorkommt, ist es allerdings ein bedauerlicher Übelstand, unter dem das Volk und in der Regel besonders die davon betroffenen Familien leiden. Indes, es kann eben kein vollkommenes Glück in dieser Welt geben, und alles Gute hat seine Schattenseiten. Die Tat selbst ist freilich zu verdammen; wenn sich aber weit mehr als dreissig im Lande in einem Jahre selbst umbringen, und noch nicht halb so viel von andern getötet werden, so kann man, denke ich, nicht sagen, dass die Menschen ihren Nächsten weniger lieben als sich selbst. Wenn in zwölf Monaten vielleicht ein halbes Dutzend Menschen geopfert werden, um ein so wertvolles Gut wie feine Manieren, angenehme Unterhaltung, überhaupt den Segen der Geselligkeit zu erlangen, so ist zu verwundern, wie ein Volk noch darüber murren kann, das oft so gern bereit ist, ebensoviel tausend in wenigen Stunden preiszugeben und manchmal zu verlieren, ohne zu wissen, ob etwas Gutes dabei herauskommt oder nicht.

Ich möchte nicht, dass jemand, der über den niedrigen Ursprung der Ehre nachdenkt, sich darüber beklagt, betrogen und von schlauen Sozialpolitikern eingefangen worden zu sein. Ich bitte vielmehr jeden, davon überzeugt zu sein, dass die Leiter bürgerlicher Gesellschaften, überhaupt alle Leute in angesehenen Stellungen in noch höherem Grade Sklaven ihrer Eitelkeit sind als alle übrigen. Wären manche grossen Männer nicht so masslos eitel, und jeder verstände, sein Leben in Ruhe zu gemessen, wer möchte dann Lord-Kanzler von England oder Premierminister in Frankreich oder, was noch aufreibender und nicht den sechsten Teil so einträglich ist, Präsident der Generalstaaten von Holland sein? Die Dienste, die sich alle Menschen gegenseitig leisten, sind die Grundlage der sozialen Gemeinschaft. Den Grossen schmeichelt man nicht umsonst mit ihrer hohen Geburt. Es geschieht, um ihr Selbstgefühl zu reizen und sie zu ruhmvollen Taten zu begeistern, wenn wir ihre Abstammung preisen, ob sie es nun verdient oder nicht; und schon manchen Männern hat man wegen der Vornehmheit ihrer Familie und des Verdienstes ihrer Vorfahren Komplimente gemacht, wo doch im ganzen Stammbaum nicht zwei zu finden waren, die nicht verliebte Narren, einfältige Frömmler, notorische Feiglinge oder wüste Hurenjäger gewesen wären. Die festgewurzelte Eitelkeit, die von den bereits mit Titeln Versehenen unzertrennlich ist, veranlasst sie oft, ebensosehr danach zu streben, ihrer nicht unwürdig zu erscheinen, als der noch frische Ehrgeiz andern, die noch keine Titel haben, sich aber welche verdienen wollen, unermüdlichen Fleiss verleiht. Wenn ein vornehmer Herr zum Baron oder Grafen gemacht wird, so ist dies in vieler Hinsicht ein ebenso starker Antrieb für ihn, wie es Rock und Mantel für einen jungen Studenten sind, der neu inskribiert worden ist.

Das einzig Gewichtige, was sich gegen den modernen Begriff der Ehre sagen lässt, ist dies, dass er der Religion direkt widerstreitet. Die eine gebietet uns, Unrecht mit Geduld zu tragen, die andere sagt, wenn wir uns nicht dagegen auflehnen, sind wir nicht wert zu leben. Die Religion befiehlt uns, alle Rache Gott zu überlassen, die Ehre fordert, sie niemandem als nur uns selbst anzuvertrauen, sogar auch, wenn das Gesetz für uns eintreten würde; die Religion sagt klar und deutlich, dass wir nicht töten sollen, die Ehre rechtfertigt es ganz offen; die Religion verbietet jedes Blutvergiessen, um was es sich auch handeln möge, die Ehre zwingt uns wegen der geringsten Kleinigkeit zum Kampfe, die Religion beruht auf Demut, die Ehre auf Stolz: wie sie zu vereinigen seien, muss ich Klügeren, als ich bin, überlassen.

Der Grund, warum so wenige Menschen wahre Sittlichkeit und so viele wahre Ehre besitzen, ist der, dass die ganze Belohnung für eine sittliche Tat in dem angenehmen Gefühle ihrer Vollbringung besteht, woraus sich die meisten Leute nur sehr wenig machen. Der Zwang hingegen, den ein Mann von Ehre seinen Begierden nach einer Richtung hin antut, wird durch die Befriedigung, die er in einer andern gewinnt, unmittelbar aufgewogen, und was seine Habsucht oder sonst eine seiner Leidenschaften einbüsst, erhält sein Selbstgefühl doppelt wieder zurückbezahlt. Ausserdem darf man sich vom Standpunkt der Ehre aus immer noch vieles erlauben, von dem der Sittlichkeit nichts. Ein Ehrenmann soll nicht lügen oder betrügen; er muss pünktlich bezahlen, was er beim Spiel schuldig blieb, obgleich der Gläubiger nichts dazu vorzuzeigen hat; er darf aber trinken und fluchen und bei allen Handwerkern in der Stadt Schulden machen, ohne sich um ihre Mahnungen zu kümmern. Ein Ehrenmann muss treu für König und Vaterland eintreten, solange er in ihren Diensten steht; wenn er sich aber schlecht behandelt glaubt, so darf er sich davonmachen und ihnen so viel Böses tun wie er kann. Ein Ehrenmann soll nie aus Gewinnsucht seinen Glauben wechseln, aber er darf so gottlos sein, wie's ihm passt und braucht in der Praxis nie welchen zu zeigen. Er soll seines Freundes Weib, Tochter, Schwester, oder wer sonst seiner Obhut anvertraut ist, nicht nachstellen, kann sich aber sonst schlafen legen mit wem er will.

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(S.) Nicht Maler werden mehr bekannt,
Steinschneider, Schnitzer nicht genannt.

Zweifellos würden Ehrlichkeit und Genügsamkeit als Nationalcharakter unter anderm dazu führen, dass keine neuen Häuser gebaut, und keine neuen Materialien dazu verwendet werden würden, solange die alten noch etwas taugten. Dadurch würden drei Viertel aller Steinmetzen, Zimmerleute und Maurer arbeitslos werden; und nachdem einmal der Baubetrieb ganz gestört wäre, was würde dann aus der Malerei, Schnitzerei und andern dem Luxus dienenden Künsten werden, die von allen denjenigen Gesetzgebern sorgfältig unterdrückt worden sind, die eine sanfte und ehrliche einer grossen und wohlhabenden Gesellschaft vorzogen und bestrebt waren, ihre Untertanen lieber tugendhaft als reich zu machen. Ein Gesetz des Lykurg schrieb vor, dass die Decken der spartanischen Häuser bloss mit der Axt gearbeitet und ihre Türen und Tore bloss mit der Säge gleich gemacht werden sollten. Dies war, wie Plutarch sagt, nicht ohne geheimen Sinn. Denn wenn Epamtnondas, als er einige seiner Freunde zu Tische lud, mit so viel Herzlichkeit sagen konnte: »Kommt, ihr Herren, und seid beruhigt; nie wird sich Verräterei bei einem so ärmlichen Mahle wie diesem einfinden«, – sollte da nicht jener grosse Gesetzgeber aller Wahrscheinlichkeit nach geglaubt haben, dass Üppigkeit und Überfluss in solche unansehnlichen Häuser nie würden einziehen können?

Dem Könige Leotichidas, dem ersten dieses Namens, war nach dem Berichte desselben Schriftstellers der Anblick von Holzschnitzerei etwas so Ungewohntes, dass er bei seinem Aufenthalte in Korinth sehr überrascht war, in einem prächtigen Zimmer Wände und Decke so fein gearbeitet zu sehen, weshalb er seinen Wirt fragte, ob denn in seinem Lande die Bäume in dieser Art und Weise wüchsen. –

Der gleiche Arbeitsmangel würde in unzähligen Berufen Platz greifen, und die Gold- und Seidenstickerei und andere Künste – wie es in der Fabel heisst – würden sehr bald gerechten Grund zum Klagen haben. Denn nachdem einerseits infolge der massenhaften Auswanderung der Preis von Land und Häusern sehr gefallen wäre, und da anderseits jeder es verabscheuen würde, auf anderm als streng rechtlichem Wege etwas zu verdienen, so würden ohne Eitelkeit und Verschwendungssucht wahrscheinlich nicht viele imstande sein, gold- und silberdurchwirktes Tuch oder kostbare Brokatstoffe zu tragen. Demgemäss würden dann nicht bloss die Weber, sondern auch die Silberspinner, Plattierer und andere Metallarbeiter in kurzer Zeit unter dieser Genügsamkeit zu leiden haben.

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(T.) … deren Gatte
Für sie den Staat geschädigt hatte.

Was bei uns die Verbrecher auf ihrem Wege zum Galgen als die Ursache ihres vorzeitigen Endes hauptsächlich anzuklagen pflegen, ist nächst der Vernachlässigung des Sabbats ihr Umgang mit schlechten Weibern, d. h. mit Huren; und es scheint mir fraglos, dass unter den gewöhnlichen Vagabunden viele ihr Leben dran wagen, um sich ihre ordinären Liebschaften leisten zu können. Die Worte aber, die die Gelegenheit zu dieser Anmerkung gegeben haben, können uns als Hinweis darauf dienen, dass Männer in angesehener Stellung von ihren Ehefrauen oft zu so gefährlichen Unternehmungen veranlasst und zu so verderblichen Massregeln gedrängt werden, wie sie ihnen die raffinierteste Mätresse nimmermehr hätte aufschwatzen können. Ich habe bereits dargelegt, dass die schlechtesten Weiber, die Verworfensten ihres Geschlechts, zum Verbrauche sowohl von Luxusartikeln wie auch von zum Leben Notwendigem beitragen und dadurch vielen friedfertigen, fleissigen Leuten mit forthelfen, die hart arbeiten, um ihre Familien zu ernähren, und nichts Schlimmeres beabsichtigen als den Erwerb eines anständigen Lebensunterhalts. Trotzdem sollte man sie abschaffen, sagt mancher Wohlgesinnte: Wenn jede gemeine Weibsperson fort und das Land von aller Unzucht befreit sein wird, so wird ihm Gott der Allmächtige Segnungen zuteil werden lassen, die unermesslich vielmehr Nutzen bringen als jetzt das ganze Dirnenwesen. – Dies mag wahr sein; es lässt sich aber beweisen, dass, ob es nun eine Prostitution gibt oder nicht, nichts den Schaden wieder würde gutmachen können, den das Gewerbe erleiden müsste, wenn alle diejenigen ihres Geschlechts, denen das Glück der Ehe beschert ist, so handeln und sich benehmen wollten, wie ein vernünftiger und anständiger Mensch es billigen würde.

Es ist unheimlich, wievielerlei Arbeit geleistet und welche Menge von Händen beschäftigt wird, um der Modesucht und dem Luxus der Frauen zu genügen. Wenn bloss die verheirateten unter ihnen auf Vernunft und triftige Gegengründe hören, sich mit der ersten abschlägigen Antwort begnügen und nie ein zweites Mal um etwas bitten wollten, was ihnen einmal verweigert worden war, – wenn die verheirateten Frauen dies täten und dann nicht mehr Geld ausgäben, als dem Wissen und Willen ihrer Ehemänner entspräche, so würde der Verbrauch von tausend Dingen, die sie jetzt verwenden, um mindestens ein Viertel verringert werden. Man gehe nur einmal von Haus zu Haus und beobachte die Art und Weise der Leute auch bloss im Mittelstande, von angesehenen Kaufleuten, die zwei- oder dreihundert Pfund im Jahre ausgeben. Man wird dann finden, dass die Frauen, wenn sie zehn Kleider haben, von denen zwei oder drei kaum getragen sind, es für ein genügendes Anrecht auf neue halten, wenn sie sagen können, dass sie keinen Rock oder Mantel besitzen, in dem sie nicht schon oft, besonders in der Kirche, gesehen worden sind und bekannt erscheinen; wobei ich aber nicht von verschwenderischen, verdrehten Frauen spreche, sondern von solchen, die als verständig und massig in ihren Ansprüchen gelten.

Vergegenwärtigen wir uns demgemäss, wie es in den höchsten Kreisen aussieht, wo die kostbarsten Kleider nur eine Kleinigkeit gegenüber ihren andern Ausgaben sind – Möbel aller Art, Equipagen, Juwelen und Bauten der vornehmen Leute nicht zu vergessen –, so kommen wir zu dem Resultat, dass der besagte vierte Teil für das Gewerbe ganz ausserordentlich ins Gewicht fällt, und dass sein Verlust für eine Nation wie die unsrige ein Unglück sein würde, wie man sich ein grösseres gar nicht vorstellen kann, nicht einmal eine furchtbare Seuche ausgenommen. Denn der Tod von einer halben Million Menschen wäre nicht imstande, dein Reiche auch nur den zehnten Teil so verhängnisvoll zu werden wie die gleiche Anzahl unbeschäftigter Armer, die nun mit einem Male noch die Menge derer vermehren würde, die der Gesellschaft bereits auf diese oder jene Weise zur Last fallen.

Es gibt einzelne Männer, die wirklich ein tiefes Gefühl für ihre Frauen empfinden und sie aufrichtig lieb haben. Andere sind gleichgültiger und kümmern sich wenig um weibliche Wesen, sind aber doch scheinbar glücklich verheiratet und lieben aus Eitelkeit: eine hübsche Frau ist ihnen etwas Erfreuliches, etwa wie einem eingebildeten Narren ein schönes Pferd, nicht weil er Verwendung dafür hat, sondern weil es ihm gehört. Das Vergnügen liegt dabei im Bewusstsein des unbestreitbaren Besitzes und dem, was hieraus folgt, nämlich dem Gedanken an die grossartigen Vorstellungen, die sich seiner Meinung nach andere von seinem Glücke machen. Beide Arten von Männern können sehr verschwenderisch gegen ihre Frauen sein und, indem sie oft ihren Wünschen zuvorkommen, sie schneller, als sie zu bitten vermögen, mit neuen Kleidern und andern Kostbarkeiten überhäufen; die Mehrzahl aber ist doch zu gescheit, um den Extravaganzen ihrer Frauen so weit nachzugeben, dass sie ihnen gleich alles schenken, woran ihre Phantasie Gefallen findet.

Es ist unglaublich, in welcher enormen Menge Kleidungsstücke wie auch Schmucksachen von Frauen gekauft und getragen werden, zu denen sie bloss dadurch kommen konnten, dass sie ihre Familien darben liessen, die Marktpreise falsch angaben und in anderer Weise ihre Ehemänner betrogen und bestahlen. Andere machen ihre Männer durch fortwährendes Hin- und Herzerren mürbe und nachgiebig und kriegen durch Ausdauer und unermüdliches Bitten schliesslich den hartnäckigsten Kerl unter. Eine dritte Art wieder wird bei einer abschlägigen Antwort geradezu rasend und poltert und schimpft einfach so lange herum, bis sie den armen Schluckern das Gewünschte abgejagt hat; während Tausende es durch blosses Schwatzen und Bereden verstehen, über die gewichtigsten Gründe und nachdrücklichst wiederholten Weigerungen den Sieg davonzutragen. Besonders die jung und hübsch sind, lachen aller Vorhaltungen und Abweisungen und machen sich selten ein Gewissen daraus, die intimsten Augenblicke des Ehelebens zur Förderung kleinlicher Interessen zu benutzen. Hier könnte ich mich, wäre es der Ort dafür, in lebhaften Anklagen gegen jene schlechten, jene gemeinen Weiber ergehen, die kalten Herzens ihre Künste und trügerischen Reize gegen unsere Stärke und Vorsicht entfalten und ihren Ehemännern gegenüber die Dirnen spielen! Ja, sie ist schlimmer als eine Hure, die sich nicht scheut, um niedriger, unedler Zwecke willen die heiligen Bräuche der Liebe zu profanieren und zu beschmutzen: die zuerst leidenschaftliche Wünsche in uns erregt und auch selbst von heissem Verlangen erfüllt scheint, dann aber, bloss um sich ein Geschenk zu sichern, mit uns und unserer Verliebtheit ein grausames Spiel treibt, indem sie, in erheuchelten Gefühlen schwelgend, voller List den Augenblick abpasst, wo die Männer am wenigsten etwas verweigern können.

Ich bitte, diese kleine Abschweifung zu entschuldigen, und ersuche den erfahrenen Leser, was betreffs der Hauptsache gesagt worden ist, gehörig in Betracht zu ziehen und sich dann der irdischen Glücksgüter zu erinnern, die man nicht bloss täglich in Gratulationen und Tischreden nennen hört, wenn die Leute sorglos und vergnügt sind, sondern um die auch von Geistlichen jeder Art und Klasse in Kirchen und andern religiösen Versammlungen ernst und feierlich gebeten wird. Sobald er alles dies zusammennimmt und seine Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben in Übereinstimmung damit und ohne Vorurteil zu deuten versucht, wird er, wie ich mir schmeichle, zugeben müssen, dass ein beträchtlicher Teil dessen, worin das Gedeihen Londons, überhaupt des ganzen Gewerbes und folglich das Ansehen, die Stärke und Sicherheit und alle weltlichen Interessen der Nation bestehen, durchaus von der Betrügerei und Verschlagenheit der Frauen abhängig ist; und dass Demut und Zufriedenheit, Sanftmut und Gehorsam gegen verständige Ehemänner, Genügsamkeit und alle übrigen Tugenden in höchster Ausbildung unmöglich auch nur den tausendsten Teil soviel zur Begründung eines reichen, mächtigen und, wie man sagt, blühenden Staates beitragen können, als dies gerade von den schlechtesten Eigenschaften der Frauen zu erwarten ist.

Zweifellos werden viele meiner Leser über diese Behauptung erschreckt sein, wenn sie die Konsequenzen bedenken, die daraus gezogen werden können. Man wird mich fragen, ob denn die Menschen in einem volksreichen, wohlhabenden und weitausgedehnten Staate nicht ebenso moralisch sein können wie in einem kleinen, ärmlichen Ländchen, das nur schwach bevölkert ist; und falls dies möglich, ob es nicht die Pflicht aller Regierenden ist, ihre Untertanen in bezug auf Anzahl und Reichtum auf einer möglichst tiefen Stufe zu halten. Antworte ich hierauf mit »Ja«, so würde das ein Eingeständnis meines Irrtums bedeuten; verneine ich es, so dürften meine Anschauungen wohl als gottlos oder wenigstens als für alle grossen sozialen Gemeinschaften gefährlich bezeichnet werden. Da sich derartige Zweifel selbst für einen wohlmeinenden Leser nicht bloss an dieser Stelle des Buches, sondern auch an vielen andern erheben dürften, so will ich mich hier noch genauer erklären und mich zum Beweise der Vereinbarkeit meiner Ansicht mit Vernunft und strengster Sittlichkeit bemühen, die Bedenken zu heben, die ihm gelegentlich aufgestiegen sein mögen.

Als ersten Grundsatz stelle ich auf, dass es in allen – grossen und kleinen – Gemeinschaften die Pflicht eines jeden Mitgliedes ist, sittlich-gut zu sein, dass die Tugend gefördert, dem Laster gesteuert, den Gesetzen gehorcht und die Übertreter bestraft werden sollten. Hiernach behaupte ich: wenn wir sowohl die alte wie die neue Geschichte zu Rate ziehen und betrachten, was alles in der Welt vorgefallen ist, so werden wir finden, dass die menschliche Natur seit Adams Fall stets dieselbe gewesen ist, und dass ihre starken und schwachen Seiten von jeher und allerorts, ohne jede Rücksicht auf Zeit, Klima und Religion, deutlich hervorgetreten sind. Ich habe niemals gesagt oder mir eingebildet, dass es in einem grossen und mächtigen Königreiche nicht ebensogut tugendhafte Menschen geben könne wie im dürftigsten Gemeinwesen; wohl bin ich aber der Ansicht, dass keine Gesellschaft sich zu einem so grossen und mächtigen Reiche entwickeln oder, wenn dies geschehen, in ihrer Grösse und Macht beträchtliche Zeit hindurch verharren könne, wenn die Menschen keine Laster hätten.

Dies wird, denke ich, in dem ganzen vorliegenden Buche zur Genüge erwiesen; und da die menschliche Natur auch weiterhin dieselbe bleiben dürfte, die sie nun schon seit so vielen tausend Jahren gewesen ist, so haben wir nicht viel Grund zu der Vermutung, dass sie sich etwa in Zukunft, solange die Welt bestehen wird, noch ändern möchte. Und so vermag ich denn nicht zu sehen, wieso es unmoralisch ist, die Menschen über den Ursprung und die Gewalt jener Gefühle aufzuklären, die sie so oft, selbst ohne ihr Wissen, mit sich fortreissen, oder wieso es gottlos ist, sie zur Wachsamkeit gegen sich selbst und die geheimen Ränke der Selbstliebe zu mahnen, und sie den Unterschied zu lehren zwischen solchen Handlungen, die einem Siege über unsere Leidenschaften entspringen, und solchen, die bloss das Resultat eines Sieges der einen Leidenschaft über eine andere sind: das heisst also zwischen wahrer und falscher Sittlichkeit. Es ist ein trefflicher Ausspruch eines würdigen Theologen, dass trotz der vielen auf dem Gebiete der Selbstliebe gemachten Entdeckungen noch unendlich viel terra incognita übrig ist. – Welches Unrecht füge ich nun einem Menschen zu, wenn ich ihn dahin bringe, sich genauer kennen zu lernen als vorher? Wir hängen aber eben alle so sehr an dem für uns Schmeichelhaften, dass wir uns niemals an einer Wahrheit zu erfreuen vermögen, die etwas Demütigendes enthält; und ich glaube nicht, dass die Unsterblichkeit der Seele, eine lange vor dem Christentum aufgestellte Lehre, in die Gedanken der Menschen jemals eine so allgemeine Aufnahme gefunden hätte, wäre sie nicht etwas Angenehmes, was für das ganze Geschlecht, die Gemeinsten und Erbärmlichsten nicht ausgeschlossen, eine grosse Auszeichnung und Schmeichelei enthält.

Jeder hört gern von dem, womit er sich beschäftigt, in lobendem Sinne sprechen, und sogar Gerichtsbüttel, Gefängniswärter und selbst der Henker möchten, dass man vorteilhaft über ihren Beruf denkt, ja sogar Diebe und Einbrecher achten ihresgleichen höher als ehrliche Leute. Und offen gestanden: ich glaube, es war hauptsächlich Selbstliebe, was diesem Werkchen – so wie es vor dem letzten Druck war – so viele Feinde verschafft hat. Jeder betrachtet es als eine ihm zugefügte Beleidigung, weil es der Würde und Erhabenheit der Menschheit, dieser herrlich-hehren Gemeinschaft, zu der er gehört, einigen Abbruch tut. Wenn ich sage, dass ohne Laster eine Gesellschaft nicht zu Macht und Reichtum und auf den Gipfel irdischen Ruhmes gelangen kann, so denke ich doch, ich heisse die Menschen damit ebensowenig lasterhaft sein, wie ich sie heisse streitsüchtig und habgierig sein, wenn ich behaupte, der Juristenstand könnte nicht so blühen und gedeihen, wenn es nicht zahllose selbstsüchtige und zänkische Leute gäbe.

Da aber nichts die Irrtümlichkeit meiner Ansichten deutlicher beweisen würde, als wenn sie allgemeine Zustimmung erhielten, so erwarte ich auch durchaus nicht den Beifall der Menge. Ich schreibe nicht für die Vielen, noch suche ich nach Anhängern, ausser unter den Wenigen, die abstrakt denken können und geistig über dem grossen Haufen stehen. Zeigte ich auch den Weg zu weltlicher Grösse, so habe ich doch dem Pfade zur Tugend stets unbedenklich den Vorzug gegeben.

Will man, dass Betrug und Luxus weichen, dass Gleichgültigkeit und Unglaube verschwinden und das Volk im grossen und ganzen fromm, gut und sittenrein werde, so zerschlage man die Druckerpressen, schmelze die Lettern ein und verbrenne alle Bücher im Lande ausser denen in den Universitäten, wo man sie fürsorglich verwahrt und keinen Band in Privathänden duldet, es sei denn eine Bibel. Man vernichte den Fremdenverkehr, verhindere allen Handel mit dem Auslande und erlaube keinen Schiffen ausser Fischerbooten, in See zu gehen und wieder heimzukehren. Der Geistlichkeit, dem Könige und den Baronen gebe man ihre alten Privilegien, Prärogative und Besitzungen zurück. Man baue neue Kirchen und wandle alles erreichbare Geld in kirchliche Gebrauchsgegenstände um, errichte Klöster und Armenhäuser im Überfluss und lasse keine Gemeinde ohne eine Armenschule. Man gebe Gesetze gegen die Verschwendung und härte die Jugend gegen Strapazen ab, erfülle sie mit den höchsten und edelsten Vorstellungen von Ehre und Schande, von Freundschaft und Heldentum und führe ideelle Belohnungen für sie in grosser Zahl ein. Dann lasse man die Geistlichen andern Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung predigen, sich selbst aber so viel Freiheiten herausnehmen, wie sie wollen; man gewähre ihnen absolute Herrschaft in der Regelung staatlicher Angelegenheiten und mache niemanden zum Finanzminister, der nicht Bischof ist.

Durch solche frommen Bemühungen und gesunden Einrichtungen würde sich die ganze Szenerie bald ändern. Die habgierigen, unzufriedenen und ehrgeizigen Streber würden zum grössten Teil auswandern, freche Betrüger würden haufenweise die Stadt verlassen und sich im Lande verteilen, Handwerker würden den Pflug ergreifen, Kaufleute Viehzucht treiben, und das in Lust und Sünden versunkene Jerusalem würde – ganz ohne Hungersnot, Krieg, Seuche oder sonstiges Unglück – in einfachster Weise gesäubert sein und für immer aufhören, seinen Beherrschern gefährlich zu werden. Das in dieser glücklichen Weise reformierte Reich würde nun nirgends mehr dicht bevölkert und alles zum Leben des Menschen Notwendige billig und im Überfluss vorhanden sein. Ja, das Geld, diese Wurzel so unzähliger Übel, würde vielmehr sehr selten sein und auch kaum entbehrt werden, da jetzt alle die Früchte ihrer eigenen Arbeit geniessen und, ob nun Lord oder Bauer, unterschiedslos unser eigenes Fabrikat ohne fremde Beigabe tragen würden. Es ist gar nicht anders möglich, als dass ein solcher Wechsel der Verhältnisse die Sitten eines Volkes beeinflussen und die Menschen ehrlich, treu und anspruchslos machen müsste. Dann hätten wir wohl auch gerechten Grund, von der nächsten Generation eine gesündere und kräftigere Nachkommenschaft zu erwarten als gegenwärtig, ein harmloses, unschuldiges und gutmütiges Volk, das die Lehre vom passiven Gehorsam oder irgendwelche andern orthodoxen Sätze nie bestreiten würde, sondern der Obrigkeit streng ergeben und in Glaubenssachen stets eines Sinnes wäre.

Mir ist so, als würde ich hier von einem Anhänger Epikurs unterbrochen, der für den Notfall einer kleinen Stärkung stets etwas Kaviar und Champagner bereitstehen hat, und der mir nun erklärt, eine gute und rechtschaffene Gesinnung sei billiger zu haben als für den Ruin eines Volkes und den Verzicht auf allen Komfort des Lebens; Wahrung von Freiheit und Recht sei auch ohne List und Betrug möglich, und die Menschen könnten, auch ohne ein Sklavendasein zu führen, gute Untertanen sein und gottgefällig leben, ohne von Pfaffen beherrscht zu werden. Er wird mir ferner sagen, dass lediglich diejenigen zu Sparsamkeit und Genügsamkeit verpflichtet sind, deren Verhältnisse es erfordern, wer aber ein hohes Einkommen hat, seinem Vaterlande einen Dienst erweist, wenn er sich sein Leben dementsprechend einrichtet; was ihn selbst beträfe, so sei er so weit Herr seiner Begierden, dass er im Notfalle auf jegliches verzichten könne: wo echter Bordeaux nicht zu haben sei, könne er sich auch mit billigerem Rotwein, falls er gut und kräftig, begnügen; schon manchen Morgen habe er an Stelle von altem Rheinwein mit leichtem Mosel vorliebgenommen und nach Tisch Cyperwein und selbst Madeira gegeben, wenn er viele eingeladen hatte, da es ihm als Verschwendung erschienen wäre, Tokaier aufzufahren; alles freiwillige Märtyrertum sei jedoch Aberglauben, wie er sich bloss für Eiferer und Schwärmer schickt. Er wird Lord Shaftesbury gegen mich anführen und mir erklären, dass die Menschen auch ohne Selbstverleugnung in Sittlichkeit und Eintracht zu leben vermöchten, dass es ein Schimpf für die Tugend sei, sie als unerreichbar darzustellen, und dass ich einen Popanz daraus mache, um die Leute wie vor etwas Unmöglichem zurückzuschrecken. Er für sein Teil könne sehr wohl Gott dienen und sich doch gleichzeitig an seinen Werken erfreuen; auch wird er nichts von dem vergessen, was ich auf Seite 111 in dieser Sache geäussert habe. Schliesslich wird er mich fragen, ob nicht bei allem Bemühen, Unglauben und Unmoral zu unterdrücken und den Ruhm Gottes zu verbreiten, ob nicht gleichzeitig trotz alledem die Gesetzgebung, die hohe Volksvertretung selbst, deutlich genug zu erkennen gibt, dass ihr nichts so sehr am Herzen liegt wie das Gedeihen und Wohlergehen der Untertanen: des Volkes Reichtum, Kraft und Ansehen und was sonst als wahres Interesse des Landes bezeichnet wird; ferner, ob die frömmsten und gelehrtesten unserer Prälaten in ihrer grossen Besorgnis um unser Seelenheil, wenn sie Gott bitten, dass er ihre wie unser aller Herzen von der Welt und den Fleischeslüsten abwenden möge, ob sie ihn da nicht in demselben Gebete eindringlich ersuchen, irdischen Segen und zeitliches Glück in Fülle über unser teures Land auszugiessen.

Dies ist die Art, wie sich nicht bloss die notorisch sittlich Haltlosen, sondern die Menschen im allgemeinen zu rechtfertigen, zu entschuldigen und zu verteidigen pflegen, wenn man einmal ihr innerstes Wesen zu ergründen unternimmt und ihr wahres Interesse an geistigen Dingen festzustellen sucht, indem man zusieht, worauf eigentlich ihr ganzes Sinnen und Trachten in Wirklichkeit geht. In dem beschämenden Bewusstsein ihrer vielen Schwächen streben alle Menschen danach, sich und ihre hässliche Blösse voreinander zu verbergen, und indem sie ihres Herzens wahre Triebe in das Flitterkleid geselliger Neigungen und aufrichtiger Sorge um das Allgemeinwohl einhüllen, hoffen sie, ihre ganze Selbstsucht und sittliche Verkommenheit verstecken zu können, während sie doch innerlich fühlen, wie sehr sie an ihren geliebten Begierden hängen und offenbar unfähig sind, den rauhen, beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln.

Was nun die beiden letzterwähnten Punkte anlangt, so gestehe ich, sie haben etwas sehr Verwirrendes an sich. Auf die Fragen jenes Epikureers sehe ich mich gezwungen, in bejahendem Sinne zu antworten; und wenn ich nicht – was Gott verhüte – die Aufrichtigkeit der Könige, Bischöfe und der ganzen gesetzgebenden Gewalt in Zweifel ziehen will, so behält der Einwand Recht gegen mich. Alles was ich meinerseits sagen kann, ist dies, dass der ganze Komplex der nun einmal gegebenen Tatsachen etwas enthält, was menschliche Fassungskraft übersteigt. Um aber den Leser noch zu überzeugen, dass dies keine Ausflucht ist, will ich das Unbegreifliche daran durch die folgende Parabel erläutern.

Im grauen Altertume lebte, wie man uns berichtet, ein gar seltsames Volk, das viel von Gott und göttlichen Dingen sprach und allem äusseren Anschein nach grösstenteils auch wirklich fromm war. Sein grösster sittlicher Fehler war Durst, ihn zu stillen, eine schreckliche Sünde; doch war man darin einig, dass jeder schon mehr oder weniger durstig geboren sei. Ein bescheidenes Mass von Dünnbier war jedem erlaubt, und wer behauptete, ganz und gar ohne welches leben zu können, galt als Heuchler, Zyniker oder Verrückter; die aber ihre Vorliebe dafür eingestanden und es im Übermass tranken, nannte man gottlose Menschen. Dabei wurde jedoch das Bier selbst als Gabe des Himmels angesehen, deren man sich, ohne Unrecht zu tun, bedienen dürfe: alle Sünde lag im Missbrauch, im inneren Drange nach seinem Genuss. Wer, um seinen Durst zu löschen, den Becher bis auf den letzten Tropfen leerte, beging ein scheussliches Verbrechen, während andere grosse Mengen schuldlos vertilgten, wenn sie es nur mit Vorsicht und bloss deshalb taten, um ihren Teint zu verbessern.

Sie brauten nicht nur für sich, sondern auch für andere Länder, und für das Dünnbier, das sie nach auswärts sandten, brachten sie grosse Lieferungen von westfälischem Schinken, Rinderzungen, Rauchfleisch und Bratwürsten zurück, auch Rollheringe, Bücklinge, Kaviar, Anchovis und andere Genüsse, zu denen ihr Getränk leicht und angenehm hinunterging. Solche, die über einen grossen Vorrat von Dünnbier verfügten, ohne ihn zu verwenden, wurden allgemein beneidet und zugleich von der öffentlichen Meinung sehr ungünstig beurteilt; denn jeder glaubte sich benachteiligt, dem nicht eine genügende Portion davon zugefallen war. Das grösste Unglück, das ihnen ihrer Ansicht nach begegnen konnte, war, wenn sie ihre Hopfen- und Gerstevorräte nicht los wurden, und je mehr sie jährlich davon verbrauchten, um so mehr schien ihnen das Land zu blühen und zu gedeihen.

Die Regierung hatte hinsichtlich der Art der importierten Waren höchst weise Bestimmungen getroffen, nämlich die Einfuhr von Salz und Pfeffer kräftig unterstützt und auf alles hohe Zölle eingeführt, was nicht stark gewürzt und dem Verkauf ihres Hopfens und ihrer Gerste irgendwie ungünstig war. Die »Lenker des Staatsschiffes« machten überall, wo sie öffentlich auftraten, den Eindruck, als seien sie allen Durstes frei und ledig; auch erliessen sie mancherlei Gesetze, um seine Verbreitung zu hindern und die Elenden, die ihn ohne Scheu zu stillen wagten, zu bestrafen. Wenn man ihr Privatleben untersuchte und ihr ganzes Tun und Lassen genau beobachtete, dann freilich schienen sie ihr Dünnbier sehr zu lieben oder wenigstens reichlicher davon zu trinken als andere, jedoch stets unter dem Vorwande, dass die Verbesserung des Teints bei ihnen grössere Flüssigkeitsmengen beanspruche als bei den von ihnen Regierten. Dabei pflegten sie es so darzustellen, als wenn es ihnen ohne jedes Eigeninteresse hauptsächlich am Herzen liege, ihren Untertanen im allgemeinen eine grosse Menge Dünnbiers und einen starken Absatz ihrer Hopfen- und Gerstevorräte zu sichern.

Da das Bier jedem zugänglich war, so sprachen ihm die Geistlichen ebenso zu wie die Laienschaft, und zwar manche von ihnen sehr tüchtig. Indes lag ihnen doch allen daran, vermöge ihres Berufes für weniger durstig gehalten zu werden als die andern, und nimmermehr hätten sie zugegeben, dass sie welches tränken, ausser um ihren Teint zu verbessern. Sobald sie sich aber zu gemeinsamer Andacht vereinigten, waren sie aufrichtiger. Dann bekannten sie, Geistliche wie Laien, offen und ehrlich, dass sie vom Höchsten bis zum Niedrigsten durstig seien, dass ihnen an der Verbesserung des Teints in Wahrheit durchaus nichts liege, ihr ganzes Sinnen und Trachten vielmehr auf Dünnbier und Stillung ihres Durstes gerichtet sei, wie sehr sie auch stets das Gegenteil davon behaupten möchten. Sonderbarerweise galt es jedoch als höchst frevelhaft, jemandem aus solchen Wahrheiten einen Vorwurf zu machen und sich ausserhalb des Gotteshauses auf jene Bekenntnisse zu berufen; einen Menschen durstig zu nennen, wäre dann eine fürchterliche Beleidigung gewesen, selbst wenn er Dünnbier fassweise getrunken hätte. Das Hauptthema der Priester blieb immer das grosse Übel »Durst« und die Verblendung, die darin liege, ihn zu stillen. Sie ermahnten ihre Hörer, seinen Lockungen zu widerstehen, ergingen sich in Schmähungen gegen das Dünnbier und versicherten ihnen, dass es ein Gift sei, wenn man es seines Wohlgeschmackes wegen oder in anderer Absicht als zur Verbesserung des Teints geniesse.

In ihren Dankgebeten priesen sie den Himmel für die reichliche Fülle vortrefflichen Dünnbiers, die ihnen beschert worden sei, obschon sie es so wenig verdient und immer nur ihren Durst damit gestillt hätten, während sie doch so fest überzeugt seien, dass sie einen besseren Gebrauch davon machen sollten. Nachdem sie für diese Missetaten Verzeihung erfleht hatten, baten sie Gott, er möge ihren Durst vermindern und ihnen Stärke verleihen, um seinem Drängen widerstehen zu können. Inmitten ihrer eifrigsten Bussübungen und demütigsten Gebete vergassen sie aber niemals ihr Dünnbier und baten, es möchte ihnen doch immer recht reichlich zuteil werden, wobei sie feierlich gelobten, dass sie, trotz aller bisherigen Verfehlung in diesem Punkte, in Zukunft keinen Tropfen mehr davon trinken würden, es sei denn in der Absicht, ihren Teint zu verbessern.

So lauteten ihre stehenden Bittgesuche an den Himmel, die alle nach einer Schablone waren. Nachdem sie diese nun Hunderte von Jahren hindurch unverändert angewendet hatten, kamen einige von ihnen auf den Gedanken, dass die Götter, die die Zukunft kennten und wüssten, die im Juni gehörten Gelübde würden ihnen auch im folgenden Januar wieder gemacht werden, – dass sie auf jene Gelübde nicht mehr gäben als wir auf die hohlen Anpreisungen, mit denen uns die Leute ihre Waren, heute für Geld, morgen für nichts, anzubieten pflegen. Sie begannen ihre Gebete oft sehr geheimnisvoll und sprachen vielerlei Tiefsinniges; doch waren sie der Welt nie soweit entfremdet, um nicht mit der Bitte an die Götter zu schliessen, dass sie doch das Braugewerbe in allen Zweigen segnen und gedeihen lassen und zum allgemeinen Besten den Verbrauch von Hopfen und Gerste steigern möchten.

*

(V.) Sie, aller Strebsamkeit Verderb,
Zufriedenheit.

Mir ist von vielen gesagt worden, der Verderb der Strebsamkeit sei Trägheit und nicht Zufriedenheit. Zum Beweise meiner Behauptung, die manchen paradox erscheint, will ich daher Trägheit und Zufriedenheit gesondert behandeln und danach von der Strebsamkeit sprechen, damit sich der Leser ein Urteil darüber bilden möge, welche von jenen beiden dieser letzten am meisten entgegengesetzt ist.

Trägheit ist eine Abneigung gegen Tätigkeit, im allgemeinen verbunden mit einem übertriebenen Bedürfnis nach Ruhe: träge ist jeder, der ohne Abhaltung durch irgendeine andere Beschäftigung jegliche Arbeit, die er in seinem oder fremdem Interesse leisten sollte, zurückweist oder beiseite wirft. Wir nennen selten jemanden träge, den wir nicht als unter uns stehend betrachten, und von dem wir nicht eine Dienstleistung erwarten. Kinder halten ihre Eltern nicht für träge, auch Diener nicht ihre Herren. Ein vornehmer Herr kann so abscheulich bequem und faul sein, dass er sich, obwohl jung und kräftig, nicht einmal seine Schuhe selbst anziehen mag; trotzdem wird ihn deshalb niemand träge nennen, falls er sich einen Bedienten oder sonst jemanden halten kann, der es für ihn tut.

Dryden hat uns in der Person eines üppigen Ägypterkönigs ein vorzügliches Beispiel übermässiger Faulheit gegeben. Nachdem Seine Majestät etlichen seiner Günstlinge ansehnliche Geschenke überwiesen hat, wird ihm von einigen seiner obersten Hofbeamten eine Urkunde vorgelegt, die er zur Bestätigung seiner Schenkung zu unterzeichnen hat. Zuerst schreitet er offenbar sehr missgestimmt ein paar mal auf und ab, setzt sich dann scheinbar ermüdet hin und ergreift schliesslich mit unsäglichem Widerwillen gegen die ihm bevorstehende Tätigkeit die Feder. Dabei bricht er in laute Klagen über die Länge des Wortes » Ptolemäus« aus und zeigt grossen Kummer darüber, dass er keinen kurzen einsilbigen Namen habe, der ihm, wie er meint, endlose Mühen ersparen würde.

Oft schelten wir andere Menschen träge, weil wir es selbst sind. Als vor einigen Tagen zwei junge Mädchen beim Häkeln zusammensassen, sagte die eine zur andern: »Es kommt aber scheusslich kalt zur Tür herein; du hast's näher, Schwester, bitte mach' zu.« Die andere, die die jüngere war, liess sich in der Tat dazu herbei, einen Blick nach der Tür zu werfen, blieb aber ruhig sitzen und sagte nichts. Die ältere rief ihr nun noch zwei- oder dreimal zu; da aber die andere keine Antwort gab, auch nicht daran dachte aufzustehen, so erhob sie sich schliesslich voller Wut und schloss die Tür selbst. Als sie zurückkam und sich wieder hinsetzte, warf sie der andern einen bitterbösen Blick zu und sagte: »Weiss Gott, Betti, ich brächte es wirklich nicht fertig, so faul zu sein wie du«, womit es ihr solcher Ernst war, dass sie ganz rot dabei wurde. Die jüngere hätte allerdings aufstehen sollen; hätte aber die ältere ihre Mühe nicht überschätzt, so würde sie, ohne erst viel Worte zu verlieren, die Tür selbst geschlossen haben, sobald ihr die Kälte unangenehm wurde. Sie war nicht mehr als einen Schritt weiter von der Tür entfernt als ihre Schwester, und was das Alter betrifft, so waren sie kaum elf Monate auseinander und beide unter zwanzig. Es dürfte wohl schwer zu entscheiden sein, welche die faulere von beiden war.

Es gibt Tausende von armen Kerlen, die sich fast für ein Nichts zuschanden arbeiten, weil sie nicht nachdenken und nicht wissen, was ihre Arbeit wert ist; während andere, die schlau sind und ihre Leistung richtig einzuschätzen verstehen, es verschmähen, sich schlecht bezahlen zu lassen, nicht weil sie überhaupt träge sind, sondern weil sie den Wert ihrer Arbeit nicht wollen herunterdrücken lassen. – Ein Herr vom Lande sieht hinter der Börse einen Dienstmann, die Hände in den Taschen, auf und ab spazieren. »Hört mal, guter Freund« sagt er »wollt Ihr mit diesem Briefe für mich nach Bow-Church gehen? Ich will Euch einen Groschen geben.« – »Mit dem grössten Vergnügen, mein Herr« erwidert der andere »aber bloss für zwei Groschen.« Da ihm diese verweigert wurden, drehte er dem Herrn den Rücken und sagte, lieber täte er gar nichts als umsonst arbeiten. Dem Herrn seinerseits erschien es als unerhörte Faulheit bei einem Dienstmann, lieber für nichts herumzuschlendern als mit geringer Mühe einen Groschen zu verdienen. Ein paar Stunden später sass er gerade mit einigen Freunden in einem Gasthause in der City, als einem von ihnen einfällt, dass er vergessen habe, einen Wechsel holen zu lassen, der noch dieselbe Nacht mit der Post fortgehen sollte. Er erschrak nun nicht wenig und fragte unverzüglich, ob nicht irgendjemand so schnell wie möglich für ihn nach Hackney gehen könne. Es war schon zehn Uhr durch, eine sehr regnerische Nacht mitten im Winter, und alle Dienstmänner in der Umgebung waren bereits schlafen gegangen. Der Herr wurde aber sehr unruhig und meinte, er müsse jemanden schicken, es koste was es wolle. Schliesslich sagte ihm einer der Kellner, der seine Aufregung sah, dass er einen Dienstmann wisse, der sich aufmachen würde, wenn das Geschäft sich lohnte. »Sich lohnte« rief der Herr voll Eifer »das will ich meinen; wenn du jemanden weisst, mein Lieber, so sage ihm, er soll sich eilen soviel er kann; ich werde ihm eine Krone geben, wenn er um zwölf Uhr wieder zurück ist.« – Der Kellner erhielt nun seine Anweisung, verliess das Zimmer und kam in einer knappen Viertelstunde mit der willkommenen Nachricht zurück, dass der Auftrag mit grösster Pünktlichkeit erledigt werden würde. Die Gesellschaft unterhielt sich einstweilen wie bisher, als es aber auf zwölf zu ging, wurden die Uhren hervorgezogen, und die Rückkehr des Dienstmanns war das einzige Thema. Einige meinten, er könne noch kommen, ehe es geschlagen habe, andere hielten dies für ausgeschlossen, – und gerade fehlen bloss noch drei Minuten zu zwölf, als der wackere Bote ganz erhitzt eintritt, vom Regen bis auf die Haut durchnässt und über und über in Schweiss gebadet. Er hatte nichts Trockenes mehr an sich ausser dem Inneren seines Notizbuches, woraus er den gewünschten Wechsel hervorzog, den er auf Anweisung des Kellners dem Herrn, dem er gehörte, überreichte. Dieser, hocherfreut über die schnelle Erledigung, gab ihm die versprochene Krone, während ein anderer ihm einen Humpen füllte und die ganze Gesellschaft seinen Eifer rühmte. Wie der Mensch nun näher ans Licht kommt, erkennt ihn der zuerst erwähnte Herr vom Lande zu seinem grossen Erstaunen als denselben Dienstmann, der sich geweigert hatte, einen Groschen zu verdienen, und den er für den faulsten aller Sterblichen hielt.

Diese Geschichte lehrt uns, dass wir diejenigen, die aus Mangel an Gelegenheit zu einer lohnenden Beschäftigung untätig bleiben, nicht mit solchen verwechseln dürfen, die aus Schwerfälligkeit in ihrer Faulheit verharren und lieber hungern als sich aufrütteln. Machen wir diese Unterscheidung nicht, so müssen wir alle Welt für mehr oder weniger träge erklären, je nach der Höhe der Belohnung, die einer für seine Leistung beansprucht; dann kann man aber auch den Strebsamsten träge nennen.

Unter Zufriedenheit verstehe ich jene ruhige Heiterkeit des Geistes, in der sich die Menschen befinden, wenn sie sich für glücklich halten und in ihrer gegenwärtigen Lage zu verharren wünschen. Dies schliesst einen günstigen Zustand der gegenwärtigen Lebensverhältnisse und eine Stimmung friedlicher Ruhe ein, die den Menschen fremd bleibt, solange sie darum bemüht sind, ihre Lage zu verbessern. Vom Standpunkte moralischer Billigung aus ist ein solches Verhalten etwas sehr Schwankendes und Unbestimmtes; denn entsprechend, wie eines Menschen Verhältnisse sich ändern, wird man es an ihm entweder loben oder tadeln.

Ein unverheirateter Mann, der in einem schweren Berufe hart arbeitet, beerbt einen Verwandten, so dass er jährlich hundert Pfund Zinsen hat. Dieser Glücksfall macht ihn bald der Arbeit überdrüssig, und da er nicht strebsam genug ist, um sich in der Welt vorwärts zu bringen, so beschliesst er, überhaupt nichts mehr zu tun und von seinen Renten zu leben. Solange er damit auskommt, seine Steuern zahlt und niemanden schädigt, wird man ihn einen ehrlichen, friedlichen Menschen nennen. Der Krämer, seine Wirtin, der Schneider und andere teilen sich in sein Geld, und die Gesellschaft zieht jedes Jahr ihren Nutzen aus seinem Vermögen. Wollte er dagegen in seinem eigenen oder einem anderen Fache arbeiten, so müsste er anderen im Wege sein, und irgend jemand würde um ebensoviel, wie er erwirbt, weniger verdienen. Wenn er also auch der ärgste Faulpelz der Welt wäre, fünfzehn von vierundzwanzig Stunden im Bett läge und die übrige Zeit nichts täte als Herumschlendern, so würde ihn doch kein Mensch tadeln, und seine stumpfsinnige Art und Weise erhielte den ehrenden Namen Zufriedenheit.

Wenn aber derselbe Mann heiratet, drei oder vier Kinder zeugt und weiter so gedankenlos dahinlebt, wenn er sich mit dem, was er hat, begnügt und sich wie bisher dem Müssiggange hingibt, ohne einen Groschen zu verdienen, – dann werden zunächst seine Verwandten und später seine sämtlichen Bekannten über seine Nachlässigkeit ungehalten werden, Sie sehen voraus, dass seine Einnahmen nicht ausreichen werden, um so viele Kinder anständig zu erziehen, und fürchten zum Teil, diese möchten ihnen wenn nicht zur Last fallen, so doch zur Unehre gereichen. Nachdem sie sich diese Befürchtungen einige Zeit lang untereinander zugeflüstert haben, nimmt ihn sein Onkel Kratzig einmal ordentlich vor, wobei er ihm folgende schöne Rede hält: »Aber lieber Neffe, immer noch unbeschäftigt? Pfui! Ich verstehe gar nicht, womit du eigentlich deine Zeit zubringst. Wenn du nicht in deinem eigenen Fache arbeiten willst, so gibt's doch noch eine Menge anderer Möglichkeiten, wie man sich einen Groschen verdienen kann. Wenn du auch deine hundert Pfund jährlich hast, deine Ausgaben vergrössern sich jedes Jahr, und was willst du denn machen, wenn deine Kinder erwachsen sind? Ich habe noch mehr Vermögen als du; wie du siehst, gebe ich aber deshalb mein Geschäft nicht auf, ja ich versichere dich, wenn ich auch noch soviel hätte, ich könnte kein solches Leben führen wie du. Es geht mich eigentlich nichts an, das stimmt; aber alle Leute reden darüber, dass es eine Schande für einen jungen Menschen wie dich ist, wenn er gesund und kräftig ist und keinen Finger rührt, um sich etwas zu verdienen.« – Wenn diese Ermahnungen ihn nicht bessern und er noch ein halbes Jahr länger ohne Arbeit ist, so spricht die ganze Nachbarschaft von ihm, und dieselben Eigenschaften, für die er einst den Namen eines ruhigen, zufriedenen Menschen erhielt, ziehen ihm jetzt den Ruf zu, der schlechteste Ehemann und faulste Bursche auf Erden zu sein. Hieraus geht nun deutlich hervor, dass wir, wenn wir ein Verhalten gut oder schlecht nennen, lediglich den Schaden oder Nutzen in Betracht ziehen, den es der Allgemeinheit, nicht aber der betreffenden Person selbst zufügt.

»Fleiss« und »Strebsamkeit« werden oft unterschiedslos zur Bezeichnung derselben Sache gebraucht; doch bedeuten sie durchaus zweierlei. Ein armer Kerl kann sowohl fleissig wie auch begabt, ein sparsamer, arbeitsfreudiger Mensch sein und doch, ohne eine Besserung seiner Verhältnisse zu wünschen, mit seiner gegenwärtigen Lage zufrieden sein. Strebsamkeit schliesst aber ausser jenen Eigenschaften noch eine gewisse Gewinnsucht und ein unermüdliches Streben ein, weiter vorwärtszukommen. Wenn jemandem der normale Verdienst in seinem Berufe oder auch sein Anteil an einem Geschäfte zu gering vorkommt, so gibt es zwei Wege für ihn, um den Namen eines Strebsamen zu verdienen. Er muss entweder findig genug sein, um aussergewöhnliche, aber lohnende Methoden zur Vergrösserung seines Geschäfts oder seiner Einnahmen zu entdecken, oder aber jenem Mangel durch eine Vielheit von Beschäftigungen abzuhelfen wissen. Wenn ein Kaufmann sich bemüht, seinen Laden in Ordnung zu halten und seine Kunden aufmerksam zu bedienen, so ist er ein fleissiger Geschäftsmann. Wenn er aber ausserdem besondere Sorgfalt darauf verwendet, mit demselben Vorteil eine bessere Ware als seine Konkurrenten zu verkaufen, oder wenn er durch zuvorkommendes oder sonst ein Verhalten, das ihm viel Kundschaft einbringt, alles nur Mögliche tut, um Käufer in sein Haus zu ziehen, so kann man ihn strebsam nennen. Ein Flickschuster ist, obgleich er kaum die Hälfte des Tages beschäftigt ist, ein fleissiger Mann, wenn er seine Arbeit nicht vernachlässigt und sich beeilt, sobald er zu tun hat. Wenn er aber in der freien Zeit Botengänge macht, Schuhnägel verfertigt oder als Nachtwächter geht, dann sagt man von ihm, dass er strebsam ist.

Zieht man das in dieser Anmerkung gesagte gehörig in Erwägung, so kommt man zu dem Resultat, dass entweder Trägheit und Zufriedenheit sehr nahe verwandt sind, oder wenn ein grosser Unterschied zwischen ihnen besteht, dass diese der Strebsamkeit mehr entgegengesetzt ist als jene.

*

(X.) Für Tugend hat's
In grossen Staaten nicht viel Platz.

Dies mag vielleicht, nicht zutreffen, wo die Menschen mit einem Leben in Armut und Mühsal zufrieden sind; wenn sie aber ihre Ruhe und Bequemlichkeit haben und gleichzeitig eine reiche, mächtige und blühende sowie kriegstüchtige Nation bilden wollen, dann ist es unbedingt richtig. Man hört oft von der grossartigen Rolle sprechen, die die Spartaner trotz ihrer ungewöhnlichen Genügsamkeit und anderer hohen sittlichen Vorzüge unter sämtlichen Volksstämmen Griechenlands spielten. Sicherlich gab es aber nie eine Nation, deren Ruhm eitler gewesen wäre als der ihrige. Die ganze Herrlichkeit ihres Daseins hatte kaum den Wert einer Theaterdekoration, und das einzige, worauf sie stolz sein konnten, war ihre Bedürfnislosigkeit. Auswärts waren sie in der Tat ebenso gefürchtet wie geachtet; ihre Tapferkeit und Erfahrung in kriegerischen Dingen wurden so gerühmt, dass ihre Nachbarn nicht bloss ihre Freundschaft und Hilfe in ihren Kriegen suchten, sondern schon zufrieden waren und sich des Sieges sicher glaubten, wenn sie nur einen spartanischen General als Anführer ihres Heeres bekommen konnten. Ihre Disziplin war aber so streng, ihre ganze Lebensweise so aller Freuden und Annehmlichkeiten bar, dass sich der Anspruchsloseste von uns weigern würde, sich dem Drucke derart sonderlicher Gesetze zu unterwerfen. Es herrschte vollkommene Gleichheit unter ihnen. Gold- und Silbermünzen waren verboten; ihr Geld aber bestand aus Eisen, um es recht massig und dabei gering im Werte zu machen. Um zwanzig oder dreissig Pfund aufzubewahren, bedurfte es eines ziemlich grossen Zimmers, und um diese Summe zu transportieren, nicht weniger als eines Joches Ochsen. Ein anderes ihrer Mittel gegen den Luxus war die gemeinsame Einnahme der Mahlzeiten; das Verbot, allein zu Hause zu speisen, war so streng, dass Agis, einer ihrer Könige, von den Polemarchen abschlägig beschieden wurde, als er bei der Rückkehr von seinem Siege über die Athener mit seiner Gemahlin allein zu speisen wünschte.

Bei der Erziehung der jungen Leute, sagt Plutarch, war es ihre Hauptsorge, gute Untertanen aus ihnen zu machen, sie zum Ertragen langer und ermüdender Märsche zu befähigen und sie dahin zu bringen, dass sie stets als Sieger aus der Schlacht heimkehrten. Wenn sie zwölf Jahre alt waren, mussten sie in kleinen Gruppen zusammenwohnen. Ihre Betten bestanden aus Binsen, wie sie an den Ufern des Flusses Eurotas wuchsen; die scharfen Spitzen mussten sie ohne Hilfe eines Messers mit den Händen abreissen, und bei strenger Kälte setzten sie zur Warmhaltung ihren Binsen etwas Distelwolle zu. Aus all diesem geht hervor, dass kein Volk auf Erden je weniger verweichlicht war. Da ihnen jedoch alle Annehmlichkeiten des Lebens ferngehalten wurden, so blieb ihnen als Lohn für ihre vielen Entbehrungen weiter nichts als der Ruhm, ein kriegstüchtiges, gegen Anstrengungen und Strapazen abgehärtetes Volk zu sein. Für dieses Glück dürften sich aber unter den geschilderten Bedingungen die meisten Leute bedanken: und wenn sie die Herren der Welt gewesen wären, – solange sie von deren Genüssen nicht mehr gehabt hätten, würden die Engländer sie schwerlich um ihre Grösse beneidet haben. Was die Menschen heutzutage verlangen, ist in Anmerkung (O.) zur Genüge gezeigt worden, wo ich von dem »wahrhaft Lustvollen« gehandelt habe.

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(Y.) Mit möglichstem Komfort zu leben.

Dass solche Ausdrücke wie »anständig« und »komfortabel« sehr unbestimmt und nicht zu verstehen sind, wenn man nicht mit der Stellung und den Verhältnissen der Personen, die sie gebrauchen, bekannt ist, darauf habe ich bereits in Anmerkung (L.) hingewiesen. Der Goldarbeiter, Seidenhändler oder sonst ein angesehener Geschäftsinhaber, der sich mit drei- bis viertausend Pfund etabliert hat, muss täglich seine zwei Fleischspeisen und Sonntags noch etwas ganz Besonderes haben. Seine Frau beansprucht zwei oder drei elegant möblierte Zimmer und, wenn sie in die Wochen kommt, schön geblümte Betten; den nächsten Sommer muss ihr dann ein Haus oder mindestens eine sehr anständige Wohnung auf dem Lande zur Verfügung stehen. Ein Mann, der ausserhalb der Stadt zu tun hat, muss ein Pferd haben, sein Diener auch eins. Falls sein Geschäft leidlich geht, erwartet er, in acht bis zehn Jahren sich einen Wagen halten zu können. Dabei hofft er aber auch, nachdem er sich, wie er sagt, zwei- oder dreiundzwanzig Jahre geschunden hat, seinem ältesten Sohne noch mal wenigstens tausend Pfund pro Jahr und seinen andern Kindern je zwei- bis dreitausend Pfund zur Begründung einer Existenz hinterlassen zu können. Und wenn Leute in solchen Verhältnissen bei der Bitte um ihr »täglich Brot« nicht grössere Ansprüche machen, so gelten sie allgemein noch als ziemlich bescheiden. Man nenne dies Hoffart, Luxus, Verschwendung oder wie man will; jedenfalls lässt sich nicht sagen, wie es in der Hauptstadt eines blühenden Landes anders zugehen sollte. Die Angehörigen der niederen Klassen müssen mit weniger kostspieligem Komfort zufrieden sein, während es sich die besser Situierten nicht werden nehmen lassen, mehr darauf auszugeben. Manche Leute halten es für eine Sache des Anstands, von silbernen Tellern zu essen, und rechnen eine Kutsche mit sechs Pferden zu den notwendigen Annehmlichkeiten des Lebens; und wenn ein Junker nicht mindestens seine drei- bis viertausend Pfund jährlich zu verzehren hat, so gilt Seine Gnaden als armer Mann.

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Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches ist mir von verschiedenen Seiten der sichere Ruin vorgehalten worden, der dem Volke infolge von übertriebenem Luxus bevorstehe, obgleich ich bereits gezeigt habe, welche Einschränkungen in dieser Beziehung zu machen seien. Damit mich nun der Leser in Zukunft hierin nicht missverstehe, will ich auf diese – in der vorliegenden wie in den früheren Auflagen von mir gemachten – Einschränkungen und Vorbehalte hier noch einmal hinweisen. Ich bin überzeugt, dass sie bei genügender Beachtung allen begründeten Tadel aufheben und verschiedene Einwürfe beseitigen werden, die sonst gegen mich erhoben werden könnten. – Als Grundsätze, von denen man nie abgehen dürfe, habe ich aufgestellt, dass die ärmeren Klassen streng zum Arbeiten angehalten werden müssen, und dass es die Klugheit gebiete, ihre Armut zu mildern, dass es jedoch Torheit sei, diese ganz zu beseitigen; dass Landwirtschaft und Fischerei in allen ihren Zweigen gefördert werden sollten, um die Lebensmittel und dadurch die Arbeit billig zu machen. Ich habe ausserdem als einen für den Bestand der Gesellschaft notwendigen Faktor die Unwissenheit genannt. Aus all diesem geht nun deutlich hervor, dass ich mir niemals eingebildet haben kann, Luxus sei etwas, was im ganzen Lande herrschend werden solle. Ich habe ferner verlangt, dass das Eigentum wohl gehütet, das Recht unparteiisch ausgeübt und das Interesse der Nation stets im Auge behalten werde. Was ich aber am meisten betont und mehr als einmal wiederholt habe, ist die hohe Bedeutung der Handelsbilanz und der Sorgfalt, mit der die Gesetzgebung darüber zu wachen hat, dass die jährliche Einfuhr die Ausfuhr nicht übersteige. Wo dies beachtet und das sonst von mir Erwähnte nicht vernachlässigt wird, da wird, wie ich noch immer behaupte, das Land durch das Eindringen von Luxus nicht zugrunde gerichtet werden. Hochentwickelt ist dieser stets nur in sehr volksreichen Ländern und auch da bloss in den oberen Schichten; und je umfangreicher diese sind, um so ausgedehnter müssen im Verhältnis die untersten sein, die Basis, auf der alle andern ruhen, nämlich die grosse Masse der arbeitenden Bevölkerung.

Wer es andern in besseren Vermögensverhältnissen gar zu eifrig nachzumachen sucht, hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn er sich dabei ruiniert. Das ist aber kein Grund gegen den Luxus; denn wer zum Auskommen hat und über seine Verhältnisse hinaus lebt, ist ein Narr. Manche vornehmen Leute mögen sich drei oder vier Kutschen und sechs Pferde halten und gleichzeitig für ihre Kinder Geld zurücklegen, während ein junger Geschäftsinhaber Bankerott macht, wenn er sich einen einzigen Gaul hält. Bei einer wohlhabenden Nation kann es an Leuten, die ihr Geld vergeuden, nie fehlen; ich kenne aber keine Stadt, in der es so viel Verschwender gäbe, dass nicht habgierige Menschen genug da wären, um die Zahl jener auszugleichen. Während ein alter Kaufmann falliert, weil er lange Zeit zu leichtsinnig oder zu sorglos gewesen ist, kann sich ein junger Anfänger, der in dieselbe Branche eintritt, noch vor seinem vierzigsten Jahre ein Vermögen erwerben, indem er sparsam und fleissig ist. Übrigens wirken die Schwächen der Menschen auch oft sozusagen durch Kontrast: manche beschränkten Geister können es niemals zu etwas bringen, weil sie allzu knickrig sind, während andere mit freierem Blick Reichtümer erwerben, indem sie ihr Geld gern und scheinbar unbedacht ausgeben. Änderungen in den Vermögensverhältnissen der Menschen sind nun einmal notwendig; und sie mögen noch so beklagenswert sein, sie sind für die Gesellschaft nicht verderblicher als der Tod eines ihrer individuellen Mitglieder. Taufen sind der richtige Ersatz für Begräbnisse. Die unter dem Missgeschick anderer unmittelbar zu leiden haben, sind immer sehr betrübt und beklagen sich weidlich; die aber gut dabei abschneiden, und solche sind stets vorhanden, halten den Mund, weil es als schimpflich gilt, aus dem Unglück und den Verlusten seines Nächsten Vorteil zu ziehen. Ein solches abwechselndes Steigen und Fallen ist wie ein Rad, das durch seine fortwährenden Umdrehungen die ganze Maschinerie in Bewegung setzt. Den Philosophen, die ihre Gedanken über die engen Grenzen des zunächst vor ihnen liegenden hinaus richten, erscheinen die Wechselfälle im bürgerlichen Gemeinschaftsleben nicht anders als die Hebungen und Senkungen der Lungen, von denen bei den höheren Tieren die einen einen ebenso wesentlichen Teil der Atmung ausmachen wie die andern; so dass das Wogen des ewig schwankenden Glücks für den sozialen Organismus dasselbe bedeutet, was die leichtbewegliche Luft für die lebenden Wesen.

Geiz und Verschwendung sind also für die Gesellschaft gleich unentbehrlich. Dass die Menschen in manchen Ländern besser leben als in andern, entspringt aus dem Unterschied der Verhältnisse, soweit sie zu jenen beiden Lastern disponieren, und beruht auf der Ungleichheit sowohl der sozialen Lebensbedingungen wie auch der natürlichen Veranlagung der einzelnen Völker. Ich bitte den aufmerksamen Leser zu entschuldigen, wenn ich ihm hier einiges kurz ins Gedächtnis zurückrufe, was ich bereits ausführlicher in Anmerkung (Q.) dargelegt habe. Mehr Geld als Land, hohe Steuern und knappe Lebensmittel, Fleiss, Unverdrossenheit, ein tätiges, rühriges Wesen, ein mürrisches, verschlossenes Temperament, ferner hohes Alter, Erfahrung, weite Handelsbeziehungen, durch eigene Arbeit erworbener Reichtum, wohl behütetes Recht und Eigentum, – alle diese Dinge disponieren zum Geiz. Anderseits: Gleichgültigkeit, Zufriedenheit, Gutmütigkeit, ein offenes Wesen, Jugend, Leichtsinn, willkürliche Rechtsausübung, leicht erworbenes Geld, reichliche Lebensmittel und Unsicherheit des Eigentums sind Verhältnisse, die die Menschen zur Verschwendung geneigt machen. Wo am meisten von jenen zuerst genannten vorhanden ist, wird Geiz das vorherrschende Laster sein, – Verschwendung dagegen, wo diese letzten überwiegen. Nationale Genügsamkeit ohne nationalen Notstand hat es aber niemals gegeben, noch wird es sie je geben.

Luxusgesetze mögen für ein in Armut lebendes Volk von Nutzen sein: nach schweren Kriegszeiten, Pestilenz oder Hungersnot, wenn die Arbeit geruht hat und die ärmeren Klassen ihren Beschäftigungen entzogen worden sind; sie in einem wohlhabenden Lande einzuführen, ist dagegen eine verfehlte Methode, seine Interessen zu wahren. Ich will meine Anmerkungen zum »Unzufriedenen Bienenstock« schliessen, indem ich die Vorkämpfer der nationalen Genügsamkeit versichere, dass es den Persern und andern asiatischen Völkern unmöglich wäre, so enorme Mengen feinen englischen Tuches zu kaufen, wenn wir unsere Frauen mit weniger Schiffsladungen orientalischer Seide ausstaffieren wollten.


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