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Der österreichische Kaiserstaat

Wie der österreichische Kaiserstaat wurde

Ein Jahr nach Joseph II., seinem Gönner, stirbt Mozart 1791. In seinem »Requiem« verhaucht der Schwanengesang der Barockzeit. In demselben Jahr endet der letzte Türkenkrieg; Laudon nimmt Belgrad; in den Kämpfen tut sich ein junger Leutnant hervor: Radetzky. Im nächsten Jahr, 1792, übersiedelt Beethoven nach Wien, in seine geistige Heimat. Der moderne romantische Mensch. Die alte Größe ist tot, die Epoche der Gegenreformation, der glanzvollen katholischen Kultur; das große Heldenzeitalter Österreichs im Kampf gegen die Türken und Feinde der Christenheit; die Barockzeit. Der Bildersturm unter Joseph II. hat sie gestürzt. Damit hat sich Österreich fast selbst gestürzt. Die liberalen Tendenzen des Josephinismus waren ein Abirren von dem Lebensgesetz und der providentiellen Sendung Österreichs und darum ein Unglück. Da erhob sich aber auch schon der verleugnete Geist zur Abwehr und stellte die Verbindung mit dem Ewigen wieder her. Es ist die Romantik, die den Kampf gegen Josephinismus, Aufklärung und französische Revolution aufnimmt – ihr tiefster Sinn. Sie ist nicht bloß Zeiterscheinung; sie ist fortwirkendes Prinzip. Eine völlig neue Zeit beginnt. Aus ihrem Schoß hebt sich eine neue Glorie: die österreichische Kaiserzeit. Wie immer ist das tiefste Wiederbesinnen mit Not und Heimsuchung verknüpft. Das Heldenzeitalter der Türkenkriege ist vorbei – ein neues Heldenzeitalter beginnt im Kampf gegen Napoleon. Wieder erfüllt sich das alte Gesetz: Österreich dem Untergang nahe und damit zugleich seiner Auferstehung. Es ist unüberwindlich, wenn es als Bollwerk der katholischen Kultur seiner heiligen Sendung treu bleibt. Es überwindet alle Revolutionen, die sich naturgemäß immer wieder gegen seinen Bestand richten.

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Kaiser Josef II. als Pflüger.
(Gemälde von Emil Pirchan. Verlag V. A Seck, Wien.)

Französische Revolutionsheere ziehen den Rhein abwärts; die alte Herrlichkeit wird weggeschwemmt, der glanzvolle Bonner Hof des geistlichen kölnischen Kurfürsten Maximilian Franz, eines Bruders Joseph II., ist nicht mehr; Beethoven, der Schützling des Fürsten, hat sich aus seiner Vaterstadt Bonn eben nach Wien gerettet. Der Kampf der legitimen Mächte gegen die Revolution beginnt, der erste Koalitionskrieg, den Frankreich gegen Österreich ansagt. In demselben denkwürdigen Jahr 1792 wird Franz II., Sohn und Nachfolger Leopold II., zu Frankfurt am Main gekrönt; es ist die letzte deutsche Kaiserkrönung. Der Ratgeber des Kaisers ist Thugut, ein mit Unrecht vielfach verlästerter, an Geist und Charakter hervorragender Mann, höchst patriotisch gesinnt für Österreich und das alte Reich. Die Fortschritte der verbündeten Heere, es handelt sich vor allem um die Preußen und Österreicher, sind langsam. Vor allem deshalb, weil Preußen nur zum Schein mittut und den Krieg auf Österreich allein abwälzen will. Die Kanonade von Valmy ist ein Scheingefecht, aus dem sich die Preußen eiligst zurückziehen; die alleinstehenden Österreicher siegen immerhin bei Jemappes und dann bei Neerwinden, wo unter den Führern zum erstenmal Erzherzog Karl auftaucht. Auch das Reich sollte ein Heer aufstellen, aber es versagt gänzlich. Es mutet grotesk an, daß für jede Kanone Durchgangszoll erhoben wurde und die Zollverhandlungen so umständlich waren, daß Fouragelieferungen oft erst ans Ziel kamen, wenn Freund und Feind schon abgezogen waren. Blitzartig erhellt daraus die Unhaltbarkeit der Zustände.

Nach dem Tode Ludwig XVI. auf dem Schafott 1793 und der unglücklichen Maria Antoinette 1794 erklärt Frankreich allen Mächten den Krieg. Preußen hingegen, das nur mehr gegen Sold kämpft, will sich zurückziehen und läßt Österreich am Rhein im Stich. 1795 schließt es den Schmachfrieden von Basel und stürzt dadurch Deutschland in das Elend der Napoleonzeit von 1805 bis 1813. In seiner Konvention mit dem Erbfeind überläßt es Frankreich das linke Rheinufer, anerkennt die Herrschaft Napoleons in Deutschland und erhält dafür Hannover. Es ist geschichtlich nachgewiesen, daß es schon bei Valmy geheime Verhandlungen mit den Franzosen pflegte, und verhindern wollte, daß der Kaiser Elsaß wieder erobert; dabei suchte es alle Welt glauben zu machen, daß die Schuld aller Versäumnisse an Österreich liege. Das Urteil Europas über den Verrat an Kaiser und Reich faßt der britische Staatssekretär Fox in die Worte zusammen: »Nur Preußen war es vorbehalten, bis zur letzten Stufe der Unehre zu fallen ...« Auch die wiederholte Teilung Polens fällt überwiegend Preußen zur Last. Nur widerstrebend hat sich Maria Theresia 1772 einen Gebietsteil aufdrängen lassen; sie fühlte, daß es sich rächen müsse, einen Staat zu zerreißen, der dem lateinischen Kulturkreis angehört; ein weiterer Teil kam 1795 bei der dritten und gänzlichen Aufteilung hinzu; während aber die Polen in Rußland und in Preußen unter den Popen, beziehungsweise Pastoren russifiziert und germanisiert wurden, durften sie in dem österreichischen Galizien und Lodomerien bleiben, was sie waren, nämlich Polen.

Nach dem Ausscheiden Preußens mußte Österreich an zwei Fronten kämpfen; siegreich am Rhein, muß es in Italien zurückweichen, wo Napoleon eingreift; in dem Frieden zu Campoformio 1797 verzichtet der Kaiser gegen den Rat Thuguts auf Belgien und Mailand und erhält dafür Venedig und Dalmatien. Zum erstenmal erklingt Haydns »Gott erhalte« in den Rhythmen des Tantum ergo; aus religiösen Empfindungen steigt die österreichische Volkshymne empor.

Die Zeiten waren tief ernst; ein zweiter Koalitionskrieg entwickelte sich – mit Hilfe der Russen gewann Österreich Oberitalien wieder zurück; doch die Entscheidungsschlacht bei Marengo 1800 fiel unglücklich aus; die Franzosen drangen auch durch Süddeutschland vor; von Preußen und anderen deutschen Fürsten unterstützt, konnte Napoleon seine Herrschaft in Deutschland befestigen. Als 1804 der Konsul Bonaparte sich in Paris die Kaiserkrone aufsetzt, in der Meinung, das Reich Karls des Großen zu erneuern und somit den Traum der französischen Könige zu verwirklichen, entschließt sich der Kaiser Franz, die österreichischen Länder als Kaisertum zu erklären und als Franz I. den erblichen Kaisertitel von Österreich anzunehmen. Es geschah aus der Erwägung, daß die deutsche Kaiserwürde bei dem Umsturz aller Verhältnisse jede Bedeutung verloren hatte, und daß ihre Funktionen tatsächlich längst auf Österreich als selbständige kriegführende Macht übergegangen war. Schon aus Prestigegründen konnte und wollte der österreichische Herrscher nicht hinter dem Usurpator im Range zurückstehen, dessen napoleonisches Kaisertum freilich nicht das Geringste mit der Krone Karls des Großen zu tun hatte, sondern der Willkürakt eines Gewalthabers war. Die Niederlegung der römisch-deutschen Kaiserwürde war nur eine Frage der Zeit und erfolgte tatsächlich zwei Jahre später, 1806, nach Errichtung des Rheinbundes, den die deutschen Fürsten mit Napoleon schlossen.

Das Reich war vollständig aufgelöst und jedes rechtliche Band mit dem römisch-deutschen Kaiser zerrissen. Der Rheinbund unter der Führung Napoleons und im Einverständnis mit Preußen war geradezu auf Vernichtung und Aufteilung Österreichs gerichtet. In dem dritten Koalitionskrieg von 1805, also ein Jahr vorher, den England, Rußland und Österreich unternahmen, führte Napoleon seinen Stoß vor allem gegen Österreich; Bayern und Württemberg machten gemeinsame Sache mit ihm; Preußen stand untätig abseits. Die englische Flotte unter Nelson wurde bei Trafalgar fast vernichtet; die Russen und Österreicher werden bei Austerlitz in der sogenannten »Dreikaiserschlacht« vollständig geschlagen. Russische Tornister und tote Österreicher bedeckten das Schlachtfeld! Wien war nicht zu halten; Napoleon nahm sein Hauptquartier in Schönbrunn. Französische Offiziere waren fast das einzige Publikum bei der Aufführung von Beethovens »Fidelio« im Theater an der Wien, drei Tage nach Austerlitz. Im Preßburger Frieden mußte Österreich auf Italien verzichten, Tirol an Bayern geben, die Vorlande an Württemberg und Baden; außerdem nahmen Bayern und Württemberg den Königstitel an. Sie wußten, daß es nicht dabei bleiben könne, und daß der Kaiser das Recht wieder herstellen werde; sie wurden darum seine Feinde und hielten sich an Napoleon. Das ist der Grund des Rheinbundes. Mit dem Preßburger Frieden war das Reich zertrümmert. Unter furchtbaren Wehen rang sich der Kaiserstaat Österreich empor.

Die Vaterländische Bewegung um 1809

Große geschichtliche Augenblicke sind immer vaterländische Augenblicke. Eine vaterländisch-österreichische Begeisterung war aufgeflammt wie nie zuvor. In der universalen Weltmonarchie der Barockzeit weitete sich das Gefühl religiös und kosmisch in alle Glorien des Himmels, aus dem es durch den Josephinismus unsanft herabgestürzt wurde; Joseph II. huldigte dem Irrtum, die übervölkische österreichische Monarchie sei ein deutscher Einheitsstaat; erst in der Franzosenzeit, unter dem Kaisertum Österreichs, dieser Weltmonarchie im Kleinen, brach der österreichische Patriotismus durch, der den ganzen Völkerstaat umfaßte. Aus Blut und Tränen, aus Not und Gefahr einer eisernen Zeit wird die Einheit von Volk und Staat geschweißt; der Wille ist es, der beides bejaht und die Nation bildet; man fühlte österreichisch und vaterländisch und sonst nichts.

Man hätte es aber nicht so tief empfinden können, wenn es nicht zugleich auf dem ewigen Grund gebaut wäre, auf der katholischen Renaissance, die 1808 geboren wird. In diesem Jahr kam ein Mann in das gottlos gewordene Wien, der die besondere Gabe hatte, dem Volk ins Gemüt zu sehen und den schlummernden Funken zu wecken. Er war ein Siebenundfünfzigjähriger und selbst ein Kind aus dem Volke. Sein heller Blick erkannte auf der Straße jeden Selbstmörder und Verzweifelten; mit einem freundlichen Wort oder einer Prise Tabak hat er Zahllose gerettet. Er war es, der das Bekehrungswerk im großen Stil durchführte, die Rekatholisierung Wiens. Es war Klemens Maria Hofbauer, der 1909 heilig gesprochen wurde, der erste österreichische Heilige seit Leopold, dem Schutzpatron. Hofbauer ist der Anfang jener österreichtreuen konservativen und traditionsbewußten Richtung, die bis in die Gegenwart führt. Sie ist die Überwindung des Josephinismus und seiner modernen sogenannten freisinnigen Abarten.

1808 ist auch das Geburtsjahr der Romantik in Österreich, die dieselben Ziele hat, vaterländisch, religiös und österreichisch. Damit wird die österreichische Dichtung auf mehr als ein Jahrhundert hinaus bestimmt. In diesem Jahr war nämlich Friedrich von Schlegel, das Haupt der deutschen Romantik nach Wien übersiedelt, acht Tage nach seinem Übertritt zum Katholizismus. »Kein zweites Weimar, sondern etwas Größeres, Imposanteres sollte hier werden«, war sein Programm. Eine vaterländisch österreichische Dichtung war erwacht, es gab keine andere. Der Salon der Karoline Pichler, die Jugenderinnerungen an Maria Theresia pflegte und mit ihren Romanen ein Beispiel gab, war der Sammelpunkt der verwandten Geister, ebenso wie der Salon Schlegels und seiner berühmten Gattin Dorothea, wo Hofbauer beinahe täglich Gast war. Zu dieser romantischen Schule gehörten Hormayr als Heimatdichter, der den Tiroler Freiheitskampf 1802 von der Wiener Staatskanzlei aus organisierte; Collin, der Dichter der österreichischen Freiheitslieder; Castelli, der Schöpfer des österreichischen Kriegsliedes, der deshalb von Napoleon geächtet war; der alte Haschka, der die Urform der Volkshymne verfaßt hatte; Fellinger; Hammer-Purgstall, der Orientalist; Ladislaus von Pyrker, der große Ependichter; und viele deutsche Patrioten, die auf Österreich sahen oder hier eine zweite Heimat fanden. So Zacharias Werner, der »Schicksalsdramatiker«, der hier Priester wurde; Adam Müller, der die Staatsideen der Romantik entwickelte; der heldische Dichter Theodor von Körner; zeitweilig auch Joseph von Eichendorff, dessen unsterbliche Erzählung »Aus dem Leben eines Taugenichts« den Sehnsuchtslaut nach Österreich als Bekenntnis birgt; der »Nazarener« Overbeck; Friedrich von Gentz, der spätere Staatspublizist Metternichs u. v. a. Selbst Arndt, Freiherr von Stein, Heinrich von Kleist, der phantastische E. Th. A. Hoffmann, Brentano und Novalis setzten ihre Hoffnung auf Wien und Österreich. Madame de Stael, eine Gegnerin Napoleons, kam mit August von Schlegel zu Besuch und widmete dem romantischen Wien ein begeistertes Kapitel ihres Buches über »Deutschland«.

1802 und 1805 hatten Österreich niedergeworfen, aber nicht gebrochen. Man wußte, die letzte Entscheidung war nicht gefallen, ein neuer Krieg war unvermeidlich; man arbeitete im stillen an der Reorganisation der Armee. »Österreicher beugen nicht ins Joch – Die alte Kraft, sie lebet noch«, sang Collin in seinen österreichischen Wehrmannsliedern. Die österreichischen Kriegs- und Freiheitslieder, die den deutschen vorangingen, bewiesen, daß das ganze Volk von dem gleichen Gedanken beseelt war, von Passau bis Siebenbürgen; aus eigener Kraft wollte sich Österreich erheben und abermals allein den Kampf gegen den Welteroberer aufnehmen, der auf dem Gipfel seiner Macht stand und als höchstes Ziel erstrebte: die Vernichtung Österreichs.

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Staatskanzler Fürst Metternich.
(Stich von Prinzhofer & Bauer nach Thomas Lawrence. Porträtsammlung der Nationalbibliothek, Wien.)

Schon seit 1808 wußte Metternich in Paris, daß Napoleon einen neuen Krieg gegen Österreich im Sinn habe, der auch schon im nächsten Frühjahr 1809 erklärt wurde. Man war darauf gefaßt, und die Kriegsbegeisterung war so groß, daß sie sofort im Lied ausströmte. »Den Stutzen her, beim Sackera«, erscholl es in Tirol, wo das Spingenser Schlachtlied und andere Wehrlieder Andreas Hofer und seine Getreuen im Abwehrkampf gegen die Franzosen und Bayern befeuern und das Kruzifix voranzieht in den drei Siegen am Berge Isel. »Tolle Post hört man soeben, Krieg hat Frankreich angesagt ...« In allen Tonarten geht das Echo liedmäßig von Mund zu Mund: »Kaiser Franz läßt abermals in das Feld marschieren ...« Und dann heißt es wieder: »Ihr Patrioten, bestellt mir guten Wein!« Oder: »Auf, auf Ihr Brüder, zieht ins Feld den Weg zu Ehr' und Ruhm!« Bis zu den Szekler Husaren geht der Weckruf.

Man hofft Preußen mitzureißen, das sich mit den Russen eingelassen und 1806 bei Jena und Auerstädt von den Franzosen vernichtend geschlagen wurde. Walter Scott drückte seine Schadenfreude darüber aus, daß Preußen den »verdienten Lohn für seine Untreue und Selbstsucht« erhalten habe. Allerdings hat sich auch dort unter Freiherr von Stein und dem edlen Fichte ein innerer Wandel vollzogen. »Es hängt von Euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die Letzten eines nichtachtungswürdigen Geschlechtes oder die Ersten einer glorreichen Zukunft ...« war die Mahnung Fichtes an das preußische Volk. Aber Friedrich Wilhelm III. war nicht zu bewegen. Vernichtend, was Arndt über Friedrich II. und die preußische Politik sagte: »Fremd war ihr Sinn allem, was Deutsch heißt, und ist es noch.« Preußen dachte mit Napoleon an die Aufteilung Österreichs. Als Napoleon 1807 die Aufteilung Preußens erwog und mit der Rückgabe Schlesiens Österreich für den Plan gewinnen wollte, lehnte Kaiser Franz ab. Es war der Fehler österreichischer Politiker, daß sie, mit Ausnahme Maria Theresias, Preußen nie durchschaut haben. So hatten sie sich auch 1809 verrechnet.

Erzherzog Karl wird bei Regensburg zurückgeworfen und sammelt sich am linken Donauufer, während Napoleon direkt auf Wien stößt und sein Hauptquartier wieder in Schönbrunn aufschlägt. Aus der Lobau greift er bei Aspern und Eßling am 21. Mai an. Zehnmal wird Aspern erstürmt und wieder verloren. Die geharnischten Reiterregimenter werden von dem mörderischen Feuer der Österreicher auf 15 Schritt Entfernung niedergemäht. Ein Riesenkampf, geradezu homerisch, der sich am folgenden Tag fortsetzt. Es gelingt die Schiffbrücke zu zerstören und Napoleon von seiner Operationsbasis abzuschneiden. Mit der Fahne eines Regiments in der Hand entscheidet Erzherzog Karl den Sieg. Napoleon, der nach der Schlacht in einen todähnlichen Schlaf versinkt, ist zum erstenmal geschlagen. Sein Stern erbleicht. Das ist die Bedeutung des Tages.

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Erzherzog Karl in der Schlacht bei Aspern, 22. Mai 1809.
(Karl Blaas. Kunstverlag Wolfrum, Wien.)

In der ländlichen Verträumtheit seines Mariahilfer Hauses singt Vater Haydn dreimal hintereinander seine Volkshymne, ehe er stirbt. Französische Offiziere geleiten den Altmeister am 31. Mai zu Grabe. Bald darauf wendet sich bei Wagram das Kriegsglück. Österreich verliert im Friedensschluß nun auch Salzburg an Bayern, es wird vom Meer abgeschnitten und muß Tirol seinem Schicksal überlassen. Andreas Hofer und Peter Mayr erleiden zu Mantua den Tod. Die Trauer Tirols klingt im Andre-Hofer-Lied fort. Der Staatskrach 1811 ist die Folge von neun Kriegsjahren gegen den »Sohn der Revolution«. Er konnte Österreich nicht unterkriegen, also versuchte er es mit einer Heirat. Er warb um die Kaisertochter Maria Louise, um durch die Verbindung mit dem ältesten Herrschergeschlecht Europas die Legitimität zu erlangen, die ihm fehlte. Die Erzherzogin brachte das Opfer dem Vaterland, um diesem einen neuen Krieg zu ersparen. Der einzige Sohn aus dieser Ehe, als »L'Aiglon« besungen, beschloß 1832 zu Schönbrunn sein junges, innerlich verwaistes, wunschverzehrtes Leben wie »ein junger Adler im Käfig«.

Österreich in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813

Erfroren und verhungert schlichen die elenden Trümmer der großen Armee Napoleons Ende 1812 aus dem verunglückten russischen Feldzug durch die Straßen Berlins, wo sie Spott, Mitleid und Schadenfreude erweckten. »Trommler ohne Trommelstock, Kürassier im Weiberrock, Ritter ohne Schwert, Reiter ohne Pferd – mit Mann und Roß und Wagen, so hat sie Gott geschlagen!« Europa atmete auf, alles fühlte, daß die Erlösung nicht fern sei.

Bei Ausbruch des Russischen Krieges hatte Preußen mit Napoleon gemeinsame Sache gemacht und Truppen gestellt, um sich auf Kosten desselben Rußlands, dem es im Tilsiter Frieden von 1807 sein Fortbestehen verdankte, zu bereichern; »es bettelte förmlich um Kurland und Livland«, wie Napoleon bemerkte. Nach dem Rückzug Napoleons schlug es sich auf Seite Rußlands und verlangte im Fall der Erhebung die Einverleibung Sachsens (Vertrag zu Kalisch vom 13. Februar 1813), versicherte aber zugleich Napoleon seine Bundestreue. Der preußische Geschichtsschreiber Konstantin Frantz sagt über diese Doppelzüngigkeit und Ländergier, es sei »preußische Politik, aber wahrlich keine deutsche, sondern geradezu – undeutsch«. Die deutsche Freiheitsbewegung war unaufhaltsam; nach dem Beispiel der österreichischen Freiheitssänger erklangen nun die Begeisterungslieder von Fouqué: »Frischauf zum fröhlichen Jagen!«; von Arndt: »Was blasen die Trompeten? Husaren heraus!«; die schwermütigen Weisen von Schenkendorf; die »Geharnischten Sonette« von Rückert; vor allem »Leier und Schwert« des jungen Theodor Körner, der eigentlich zur österreichischen Literatur gehört. Die Erhebung nahm von Schlesien ihren Anfang, die verbündeten Russen waren bereits im Anmarsch, der Preußenkönig mußte mit, ob er wollte oder nicht. Napoleon hatte eine neue Armee aus der Erde gestampft, halbe Kinder, und stand plötzlich bei Jena, wo die Jenenser Studenten ausgezogen waren; bei Lützen (Groß-Görschen) schlug er anfangs Mai die Preußen trotz Blücher, York und Gneisenau und bald darauf bei Bautzen die Russen. Das Lützowsche Freikorps ward aufgerieben, Körner tödlich verwundet. Die deutsche Bewegung war niedergeschlagen.

Alles kam jetzt auf Österreich an, bei dem allein die Entscheidung lag, und das von beiden Kriegsparteien angerufen wurde. Die preußische (kleindeutsche) Geschichtsschreibung behauptete allerdings: »von Deutschland hätte Preußen nichts zu hoffen, auch von Österreich nicht«, das neutral geblieben war und sich angeblich für seine Vermittlung »angemessene Gebietsvergrößerungen« zusichern lassen wollte. Die Wahrheit ist, daß Franz I. den bestehenden Friedensbund mit Napoleon nicht als bloßen Fetzen Papier behandeln konnte; er machte Vorschläge an Frankreich zur Herstellung des allgemeinen Friedens und des europäischen Gleichgewichtes und hatte nur das Seine zurückgefordert, vor allem die illyrischen Provinzen. Er trug durch Metternich eine »bewaffnete Vermittlung« an. Es war vielleicht der großartigste Augenblick im Leben des Kaisers, das überkommene Amt des Rechts und der Gerechtigkeit zum Schutz des Schwächeren zu üben, um sich mit der ganzen Macht gegen den widerstrebenden Teil zu wenden. Die Waage der Gerechtigkeit zu halten, ist ja die providentielle Sendung Österreichs in der Welt. Wenn Napoleon annahm, dann war das frühere Bündnis ohne Vertragsbruch erledigt.

Mit dieser Mission wurde Metternich betraut, der sich mit Napoleon wohl verstand und als Meisterdiplomat Miturheber dieses Vorschlags war. Es war Gepflogenheit geworden, für die auswärtigen Angelegenheiten einen eigenen Minister zu bestellen; das war zuerst Graf Stadion und jetzt Graf Metternich, der nach der Einnahme von Paris in den Fürstenstand erhoben wurde. In Dresden, wo ihn Napoleon empfing, setzte Metternich seinen Vorschlag in einer höchst dramatischen Unterredung durch, die neun Stunden dauert. Im Verlauf dieser Szene sagt Napoleon: »Ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen.« Dabei wirft er den Hut in die Ecke. »Öffnen wir die Türen«, rief Metternich bewegt, »und mögen Ihre Worte von einem Ende Frankreichs bis zum anderen ertönen!« Napoleon erwidert, er habe die Franzosen geschont und die Deutschen und Polen geopfert, 300.000 Mann in Rußland, darunter nur 30.000 Franzosen. Schließlich nahm Napoleon den Vorschlag an unter der Bedingung eines Waffenstillstandes bis 10. August, den er ungenützt verstreichen ließ; noch in der Nacht vom 10. zum 11. August verkünden Feuerzeichen auf den Bergen den Ausbruch des Krieges, der sich zuerst gegen Dresden hinzieht und dann am 16. und 18. Oktober in der Ebene bei Leipzig zur Entscheidung kommt.

Metternich hatte Friedensbedingungen entworfen, die in der Drei-Monarchenzusammenkunft zu Teplitz beschlossen werden: kein Ländererwerb (auch nicht für Preußen, das Hannover zurückgeben soll); Wiederherstellung von Österreich, Preußen und Frankreich wie vor 1805; Auflösung des Rheinbundes; das alte Reich soll nicht wieder aufgerichtet, sondern durch ein Bundesverhältnis ersetzt werden. Als viertes Glied der Allianz erscheint England, das eben in Spanien bei Vittoria unter Wellington einen entscheidenden Sieg errungen hat. Beethoven hat diesem Ereignis eine Schlachtensymphonie gewidmet, die mit Mälzels »Panharmonikon«, ein mechanischer Musikapparat, auf Reisen geht und am Wiener Kongreß Paradestück ist.

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Der Wiener Kongreß vom 1. November 1814 bis 10. Juni 1815.
(Jean Baptiste Isabey. Nationalbibliothek, Wien.)

Wenn auch Preußen in seiner Geschichtsschreibung das Verdienst der deutschen Befreiung für sich allein in Anspruch nimmt, so steht dennoch geschichtlich fest, daß Österreich den Hauptanteil daran hatte und die Entscheidung herbeiführte. Das geht nicht nur daraus hervor, daß von den 470.000 Mann verbündeter Truppen Österreich beinahe die Hälfte, und Preußen nur ein Viertel stellte, sondern vor allem aus der maßgebenden Tatsache, daß Fürst Karl Schwarzenberg den Oberbefehl führte und Graf Radetzky, dessen Name seit den letzten Türkenkriegen immer mehr Klang bekam, den Generalstabsplan ausgearbeitet hatte, was selbst in der älteren preußischen Geschichte anerkennend vermerkt wird, während es in österreichischen Lehrbüchern vergessen scheint und auch bei der Jahrhundertfeier der Völkerschlacht nicht mehr gegenwärtig war, wo Preußen allein das große Wort führte und die österreichischen Vertreter nicht einmal zu Worte kamen. »Was hat der Österreicher da zu sagen, packt den Österreicher beim Kragen«, schrieb Gerhard Hauptmann in seinem Jahrhundertfestspiel.

Ohne daß das Verdienst preußischer Generale, vor allem Blüchers, des »Marschall Vorwärts«, geschmälert werden soll, darf auf die geschichtliche Tatsache hingewiesen werden, daß das Gelingen des großen Unternehmens sowohl der ausgleichenden, zwischen den Gegensätzen vermittelnden, überragenden Persönlichkeit Schwarzenbergs, als auch in entscheidender Weise dem Operationsplan Radetzkys zugeschrieben werden muß. Dieser Plan hatte zum Ziel das feindliche Feldherrnzelt, die Vernichtung der gegnerischen Hauptmacht und die Aufnahme der unbedingten Offensive, wobei stets dem angegriffenen Teil durch die Offensive der Nichtangegriffenen beigesprungen werden soll. Der Aufmarsch vor Leipzig war konzentrisch gedacht; die Hauptarmee, die Österreicher, im Süden; im Norden die preußische und russische, sowie die Armee unter dem schwedischen Prinzen Bernadotte, der sich aber als unzuverlässig erwies. Obschon die Österreicher auf ungünstigem, wasserreichem Terrain kämpften, konnte die eingekreiste Armee Napoleons am zweiten Kampftag zum Weichen gebracht werden. Am dritten befand sie sich in regelloser Flucht. Nun beeilten sich die Rheinbundfürsten der Allianz beizutreten mit Ausnahme des Königs von Sachsen, der glaubte, Napoleon die Treue halten zu müssen. Dafür wurde er in Leipzig als Gefangener erklärt; sein Land gedachte Preußen einzustecken.

Zu Neujahr 1814 marschierten die verbündeten Heere auf Paris. Nur mit Mühe konnte Metternich den Plan Blüchers, Paris zu zerstören, verhindern. Der Kunst dieses genialen Staatsmannes war es gelungen, Frankreich von Napoleon zu trennen und diesen in Fontainebleau zur Abdankung zugunsten Ludwig XVIII. aus dem Hause Bourbon zu zwingen. Nur konnte er nicht verhindern, daß Elba als selbständiges Fürstentum Napoleon zugewiesen wurde; er sagte damals schon die Wiederkehr Napoleons und den neuen Krieg voraus. Daß Österreich in diesen großen Tagen der Völkerbefreiung und der Wiederherstellung der Rechtsordnung die führende und entscheidende Rolle zukam, geht auch überzeugend daraus hervor, daß Wien für den kommenden Kongreß über die Neuordnung der verfügbaren Ländermasse ausersehen wurde. Nach dem militärischen, politischen und finanziellen Zusammenbruch war Österreich wieder die erste Macht Europas. An ihm war, wie einst die Türken, nun auch der Dämon Napoleon gescheitert.

Der Wiener Kongreß

Auf Vorschlag Metternichs beschlossen die verbündeten Herrscher nach der Einnahme von Paris, ganz Europa zu einer Zusammenkunft nach Wien einzuladen, um gemeinsam die Liquidation der napoleonischen Konkursmasse vorzunehmen und der Landkarte ein neues Gesicht zu geben. Dabei sollten die Macht- und Rechtsverhältnisse, wie sie vor 1805 bestanden, in der Hauptsache maßgebend sein und damit das »europäische Gleichgewicht« wieder hergestellt werden. Große Gebiete waren frei geworden, über die zu bestimmen war: Deutschland westlich der Elbe, Belgien, Holland, die italienischen Länder. Das war der Wiener Kongreß, der im Herbst l814 mit einem Reigen von Festlichkeiten eröffnet wurde. Voran ging zu Ehren der gekrönten Häupter eine »Fidelio«-Aufführung am 26. September. Auch der Beginn der Beratungen im November wurde feierlich eingeleitet durch Beethovens Musik im großen Redoutensaal, und zwar durch seine Kantate »der glorreiche Augenblick«, seine Siebente Symphonie und seine Schlachtenmusik »Wellingtons Sieg«. Es war zugleich der glorreiche Augenblick im Leben Beethovens, der sich »von Kaiser und Königen hatte die Kur machen lassen«. Was Namen und Rang hatte, strömte in Wien zusammen, Fürsten und Staatsmänner, Gesandtschaften aller Art, aber auch Glücksritter und Abenteurer, alle Nationen – die glänzendste Versammlung seit Jahrhunderten. Das Gemälde von Isabey zeigt uns den Kongreßsaal am Ballhausplatz, Weiß und Gold, Zopfstil im Überging zum Empire; und in dem Personenkreis um den Beratungstisch die aufrechte Mittelpunkterscheinung Metternichs, den nicht minder gewandten Talleyrand, Wellington, Fürst Rasumoffsky, dessen Palais der Schauplatz glänzendster Musikfeste war und zum Schluß abbrannte; dann Fürst Hardenberg von Berlin, Wilhelm von Humboldt, Friedrich von Gentz als die geistreichsten Köpfe. Ein Fest jagte das andere: théâtre paré, Maskenbälle, Schlittenfahrten, Feuerwerke, Jagden usw. In der Hofburg residierten nicht weniger als acht gekrönte Häupter; dem kaiserlichen Hausherrn kostete der Kongreß allerdings 30 Millionen Gulden. Die Kehrseite des Glanzes war eine furchtbare Teuerung; der junge Grillparzer wohnte mit seiner Mutter in einer Küche im Schottenhof, weil er keine erschwingliche Wohnung fand. Die Gewinnsucht war so verderblich, daß Beethoven, obschon ihn die Kongreßzeit hochbrachte, sich zu dem galligen Wort hinreißen ließ: »Alles Lump von unten bis oben!«

Vom Wiener Kongreß hat man gewöhnlich nur die glänzende Schauseite im Auge und begnügt sich, das geistreiche Witzwort des 80jährigen Fürsten von Ligne, der den Kongreß mit Bonmots würzte, zu wiederholen: »Der Kongreß tanzt, aber er geht nicht!« Dabei übersieht man die gewaltigen Probleme, die irgendwie gelöst werden mußten, und die inneren Schwierigkeiten, die sich der Lösung entgegentürmen. Die Gegensätze prallen aufeinander, jeder Teil möchte für sich so viel herausschlagen als nur möglich auf Kosten des Rechts und des Schwächeren. Rußland will ganz Polen für sich, Preußen ganz Sachsen. Schließlich nimmt es die Hälfte, dazu die geistlichen Fürstentümer am Rhein und Westfalen; der slawische Namen Preußen gilt für das ganze Ländergebiet. Goethe dichtet voll Entrüstung: »Verflucht sei, wer mit überfrechem Mut, das, was der Korse-franke tat, nun als Deutscher tut ...« Er schildert den preußischen Adler: »Schwarz, Schnabel auseinandergesperrt, rote Zunge herausgestreckt, immer bereitwillige Krallen – es wird niemand recht wohl, der ihn ansieht.« Bayern muß zwar Tirol, Vorarlberg und Salzburg wieder hergeben, wird aber dafür mit Würzburg, Rheinpfalz und Schwaben entschädigt; Württemberg beharrt auf seinen napoleonischen Besitzerweiterungen; kleinere Fürstentümer verschwinden. Österreich erhält außer Dalmatien und Venedig die Lombardei und seinen übrigen italienischen Besitz zurück.

Beinahe wäre es unter den Kongreßmächten zum Kriege gekommen; er wurde dadurch vermieden, daß die Gelüste Rußlands und Preußens befriedigt wurden und Österreich auf die Wiederherstellung Polens verzichtete.

Wie eine Bombe platzte die Nachricht herein von Napoleons Rückkehr nach Paris. Es kam zu dem von Metternich prophezeiten neuen Krieg, der mit dem Sieg Wellingtons und Blüchers bei Waterloo endete. Die Herrschaft der »Hundert Tage« war erledigt; ein englisches Schiff brachte Napoleon als »Aufrührer und Hochverräter« nach der fernen Insel St. Helena. Die verbündeten Monarchen diktierten in Paris den zweiten Pariser Frieden, Herbst 1815. Dort wurde auf Anregung des Kaisers Alexander von Rußland in einem feierlichen Akt am 26. September die Heilige Allianz begründet, ein Bund der drei Monarchen von Rußland, Preußen und Österreich auf allgemein christlicher Grundlage, »um den Frieden für ewige Zeiten zu sichern und Kriege und Revolutionen zu verhindern«. Alexander stand damals unter dem Einfluß einer Frau Krüdener, die eine religiös-philanthropische, mystische Richtung vertrat, etwas, das man heute Pazifismus nennen würde. Auch in der Schrift »Europa und die Christenheit« von Novalis kommt der Gedanke der Heiligen Allianz zum Ausdruck. Das begreifliche Friedensbedürfnis der Welt drückt sich darin aus. Der Sache fehlte freilich die höhere Sanktion, die nur der Papst geben konnte. Und dann würde es etwas gewesen sein, was der Idee der alten heiligen Krone entsprach, die Idee des göttlichen Rechts als die Quelle des Völkerrechts und des Friedens. Wie aber wäre das möglich gewesen unter den drei Vertretern so verschiedener Bekenntnisse? Die Allianz war nur eine schwächliche Wiederholung der abendländischen Idee.

Die Idee des christlichen Abendlandes beruht auf dem Grundsatz: alle Macht kommt von Gott. Demnach gibt die Kirche die Weihe des Rechts, der weltliche Kaiser ist zum Hüter dieses Rechts und somit des sittlich-religiösen göttlichen Gesetzes bestellt. Die Frage kehrt immer wieder, warum Franz I. nach der Völkerschlacht oder am Kongreß nicht die römische Kaiserwürde erneuert hat. Sang doch damals aus allen Herzen das Lied Schenkendorfs: »Wollt Ihr keinen Kaiser küren?« Niemand dachte an Preußen, alle dachten an den Kaiser von Österreich. Er hielt sich korrekt an die Friedensvereinbarungen, demnach das alte Reich nicht ausgerichtet werden sollte. Doch zeigte sich am Kongreß, dessen Fortgang durch die »Hundert Tage« nicht wesentlich unterbrochen war, schon die große Schwierigkeit: es war kein Oberhaupt da, das früher unbestritten der römische Kaiser war. Kaiser und Könige galten nun gleich, Österreich ging nach dem Alphabet voran, als Austria. Statt des »Reichs« wurde der Deutsche Bund gegründet mit dem Bundestag in der Krönungsstadt Frankfurt a. M. unter dem Vorsitz Österreichs, eine ständige Versammlung von Regierungsvertretern der 39 Bundesstaaten, wobei Österreich und Preußen nur mit den Teilen dem Bund angehörten, die früher im Reich vertreten waren. Vom alten Reich war nur das Föderativsystem geblieben ohne das Recht selbständiger Kriegsführung und Bündnisschließung, was eine Festigung gegen früher bedeutete. Dieses Recht stand nur Österreich und Preußen zu als europäische Großmächte. Niemand war befriedigt von dem Kongreßergebnis, wenn auch das Möglichste getan war, um einen dauernden Frieden zu sichern.

Warum sich Franz I. scheute, die römische Kaiserwürde zu erneuern, die so nahe lag? Zur psychologischen Beurteilung darf nicht übersehen werden, daß der Josephinismus mit der Zerstörung der Barocktradition das österreichische Bewußtsein der »triumphierenden lateinischen Monarchie«, die Österreich geworden war, verschüttet hatte. In dieser Nachwirkung zeigt sich das ganze Unheil, das Joseph II. widerwillen heraufbeschworen hatte. Auch als österreichischer Kaiser hat Franz I. eine Kaiserkrönung versäumt oder vermieden. Die österreichische Monarchie blieb unfertig; die Ungarn haben sie eigentlich nie anerkannt. Ganz anders würde es gewesen sein, wenn man nicht wie im Westfälischen Frieden auch am Wiener Kongreß es unterlassen hätte, das Haupt der Christenheit, den Papst in den Vorsitz zu bitten. Daran nicht gedacht zu haben, war das eigentliche Gebrechen des Kongresses und die historische Schuld Metternichs. Der heimliche Josephinismus. Darum blieben die tiefsten Probleme ungelöst, die Kaiserfrage, das heilige Recht, das allein Frieden und Ordnung geben konnte. Das neue Europa saß zu Wien am Kongreßtisch mit allen Keimen nationaler Explosivkräfte. Napoleon war niedergerungen. Undurchschaut saß der neue Gegner am Tisch: Preußen.

System Metternich

Metternich, zu Koblenz am Rhein geboren, der am meisten gehaßte Staatsmann, war weitaus besser als sein Ruf. Einer der genialsten Diplomaten überhaupt, hat er 40 Jahre lang, bis zu seinem Sturz im Jahre 1848, österreichische Politik gemacht, seit 1821 unumschränkter Haus-, Hof- und Staatskanzler. Man warf ihm Absolutismus vor, Unterdrückung der Freiheit. Das ist nicht richtig. Er war nur gescheiter als seine Gegner, die »nicht weiter als ihre Nase gesehn«, wie er nach seinem Sturz richtig bemerkte. Er wollte ständische Verfassung und auf den alten Landtagen aufbauen, die als Landstände für die Interessen des Volkes ungleich mehr taten als die liberalen, sogenannten »konstitutionellen« oder parlamentarischen Verfassungen mit frei gewählten Volksvertretern nach englischem Muster. Frankreich ging mit dem Beispiel voran, ein Vermächtnis der Revolution, die mit dem Parlament begonnen hatte auf Grund des Buches » Esprit des lois« von Montesquieu, der die englische Verfassung zur Nachahmung empfahl. Dagegen hatte Metternich recht: was für England paßt, ist darum nicht auch für anderswo gut. Aber die Zeit war für den liberalen Schwindel. Wer dagegen war, galt als »Verräter«. So der russische Staatsrat und Dichter Kotzebue, der darum von dem Burschenschafter Sand 1819 erdolcht wurde. Die Universitäten waren der Nährboden des wilden Treibens. Die Unzufriedenheit mit dem Kongreßergebnis eines »Deutschen Bundes« fand Ausdruck auf dem Wartburgfest 1817. Man feierte den 300. Jahrestag der Reformation, gründete Burschenschaften, schwärmte von einem einigen Reich; wobei es auf eine Verherrlichung des Protestantismus hinauslief und unbewußt zu Preußen hintrieb, das sich als dessen Beschützer fühlte.

Gegen diese Umtriebe richteten sich die Karlsbader Beschlüsse von 1819 und die Wiener Schlußakte von 1820, die als Schutzwehr der Regierungen Zensur und Polizeigewalt vorsahen, Beaufsichtigung der Universitäten usw. Metternich hatte das »Gespenst des Liberalismus« klar gesehen; er meinte, daß »mit dem politischen Frieden der moralische erreicht sei«, und betonte sehr richtig: »Soll Freiheit aufgeführt werden, so lege man Ordnung zugrunde, nicht umgekehrt; auf Freiheit läßt sich nichts stellen.« Die deutsche Frage glaubte er durch den Staatenbund gelöst zu haben: »Der Wiederaufbau kann nur auf den alten Fundamenten stattfinden.« Er dachte, Weltordnung hergestellt zu haben; doch der Pferdefuß war der heimliche Josephinismus: »Alles für das Volk, doch nichts durch das Volk«, also Staatsallmacht; die Kirchenverstaatlichungsgesetze bestanden fort, damit war auch die Erziehung gehemmt. Mit Zensur und Polizei allein und einem subalternen Beamtenapparat läßt sich indessen keine »Weltordnung« schaffen; sie blieb doch nur System, und auch die besten Systeme hinken.

Es war der Fehler Metternichs, daß er die Forderung der Zeit nicht recht begriff. Es war die tiefe und berechtigte Sehnsucht des Volkes nach dem alten Reich. Im Befreiungskampf war das Gefühl der Gemeinsamkeit erwacht, die doch wenigstens als Idee im alten Reich vorhanden und verkörpert war. Das Oberhaupt war der erste Souverän der Welt – der Bundestag war kein Ersatz, sondern eine Polizeianstalt. Zentralstellen, wie das Reichsgericht und der Reichshofrat, waren nicht mehr. Und was die einzelnen Regierungen betrifft, so hatte man nicht die üble Rolle der Fürsten vergessen, die in der napoleonischen Zeit ihre Untertanen dem französischen Kaiser verkauften und nur auf Gebietsvergrößerung bedacht waren. Uhland gab dieser Volksstimmung in herrlichen Versen Ausdruck. Was man unter einem »freien und einigen Deutschland« verstand, war die Wiederherstellung der alten Kaiserwürde. Daß Kaiser Franz sie 1815 nicht wiederherstellte, war die große Enttäuschung. Seine Reise zum Kongreß in Aachen 1818 den Rhein hinab war ein Triumphzug. Man hätte verstehen müssen, was das Volk erwartete. Max von Schenkendorf, der Preuße, drückte es aus: »Die Völker alle schauten – zur Kaiserburg nach Wien – ob jener, dem sie trauten – zur Krönung möchte ziehn.« Collin sang es schon 1809 in seinen Wehrmannsliedern, und Friedrich von Schlegel forderte 1810 in seinen »Vorlesungen über neuere Geschichte« die Wiederherstellung des römischen Kaisertums. Daß diese Sehnsucht nicht befriedigt wurde, hatte zur Folge, daß man allmählich das Heil von Preußen erwartete.

Es war der Grundfehler der Metternichschen Politik, daß der große Staatskanzler nur eine französische Gefahr fürchtete und blind war für die preußische. Auch dann noch, als die Denkschrift des preußischen Staatsmannes Eichhorn die Grundzüge der preußischen Politik verraten hatte. Darin ist der Bruch mit Österreich vorgesehen; man will für den eintretenden Fall möglichst viele Bundesländer auf die Seite Preußens ziehen. Zu diesem Zweck entwirft man für die protestantischen Länder ein Schreckbild des katholischen Österreichs und der österreichischen Heere, von denen es heißt, sie seien aus entsetzlichen Elementen zusammengesetzt. Die Ereignisse des wahres 1813 werden so dargestellt, als ob Preußen der Retter Deutschlands gewesen wäre; wenn überhaupt, ist nur von Deutsch-Österreich die Rede, nicht von seinen nichtdeutschen Völkern, die geholfen haben, Deutschland zu befreien. Preußen soll als Bollwerk deutschen Wesens erscheinen, als Inbegriff alles dessen, was deutscher Geist und deutsche Wissenschaft hervorgebracht haben. Auch in die Vergangenheit zurück sollte dieser Beweis geführt werden, damit alles zum Heile Deutschlands erscheine, was gegen Haus Österreich ist. Die Eichhornsche Denkschrift hat den Krieg 1866 vorbereitet, »den eintretenden Fall«.

Berlin sollte als »Metropole der Intelligenz« gelten. Die 1810 gegründete Berliner Universität pflegte den Geist der Denkschrift. Hier lehrte der pantheistische Philosoph Hegel, der den Staat zur Gottheit erhob und zugleich der Vater des Marxismus ward. Hier wurde der verpönte Liberalismus getarnt als Nationalgedanke, der seinen Ursprung hatte in dem deutschen Gemeingefühl gegen Napoleon und von Fichte, Jahn und Arndt verherrlicht wurde. Nun ging die Nationalidee, die ursprünglich die alte Kaiserwürde anstrebte, in der Richtung des Wartburgfestes, sie wurde protestantisch und weiterhin preußisch. Zu diesem kleindeutschen nationalliberalen Sinne wurde auch Geschichte gelehrt, die den deutschen Beruf Preußens gegen Österreich herausstellen sollte. Preußen hat außerordentlich viel getan zu seiner Geschichtsverherrlichung; auch andere Staaten, wie zum Beispiel Frankreich, haben die eigene Geschichtsschreibung mit der Spitze gegen Österreich gefördert. Die Hauptvertreter der kleindeutschen antiösterreichischen Geschichtsschreibung waren der Reihe nach Ranke, Häusser, Droysen, Sybel und Treitschke. So wurde die studierende Jugend in Abneigung gegen Österreich erzogen. Immer mehr verblaßte die Idee des römisch-deutschen Reiches und des Kaisers als Reichsoberhaupt.

Es war die größte Versäumnisschuld Metternichs, der Rührigkeit Preußens in der Geschichtsschreibung gegenüber nichts getan zu haben. Er sagte 1828: »Der Historiker für die Zeit, die ich durchlebt, ist noch nicht geboren.« Das mag richtig sein; aber statt Talente zu fördern, hat er sie unterdrückt. Kein Staat darf mit solcher Genugtuung auf seine Geschichte zurückblicken wie Österreich, das immer nur das Recht vertreten hat, nicht die Gewalt. »Gerechtigkeit ist die Grundlage des Reiches«, ließ der Kaiser auf sein Franzenstor schreiben. Wieviel Unheil wäre erspart geblieben, wenn die Regierung die österreichische Geschichtsschreibung gefördert hätte, wie es Preußen tat, um die allgemeine Meinung preußisch zu beeinflussen. Nach preußischem Muster wurde das Schulwesen in ganz Deutschland eingerichtet, auch in Österreich. Die aus Berlin verschriebenen Schulmänner brachten den preußischen Geist auch in unsere Lehrbücher. Die fremden Werke liberaler und preußischer Richtung wurden unsere Bildungsquelle. Hier liegt die Ursache der späteren Selbstentfremdung Österreichs. Die Metternichzeit muß daher als eine Zeit des geistigen Stillstandes und des Rückganges bezeichnet werden. Um so mehr wurde das Leibliche gepflegt. Die »Backhendlzeit«, das »Phäakentum« und Grillparzers Ausspruch vom »Capua der Geister« kennzeichnen die Lage. Jeder französische Blaustrumpf ward bei Metternich empfangen; die großen heimischen Talente waren ihm verdächtig. Die Ungeschicklichkeit der Zensur und des Polizeiministers Sedlnitzky erklärt zur Genüge die Auflehnung so guter Patrioten, wie Grillparzer, Sebastian Brunner, Bauernfeld, Lenau, auch eines Anastasius Grün, der mit seiner politischen Dichtung zum offenen Kampf überging. Alles Zurückgestaute explodierte 1848, allerdings ohne leitenden höheren Gedanken. Der geistige Tiefstand machte es zu einem Pöbelereignis und einer Angelegenheit unreifer Hirne.

Bürgerlich und romantisch

Die selige Biedermeierzeit

Trotz Zensur und Polizei hatte sich in den Zwanziger- und Dreißigerjahren ein kultureller Hochstand und ein echt bürgerlicher Stil ausgebildet, den man Biedermeier nennt. So heißt die ganze Epoche nach der Kongreßzeit bis zum Tode des Kaisers Franz 1835. Die Zeit von 1835 bis zur Märzrevolution 1848 pflegt man den von schärferem politischen Wind durchwehten Vormärz zu nennen.

Die Adelspaläste, einst Schauplatz großer Musikfeste, hatten sich geschlossen; die Sparsamkeit nach dem Kongreß vereinfachte selbst den Empirestil der Napoleonzeit, die verbürgerlichten biederen Formen der Kirschholz- und Mahagonimöbel in unerdenklicher Fülle, die kleidsamen Moden, erhielten eben den Namen Biedermeier. Das vornehmste Zimmer dieser Art war das Arbeitszimmer des Kaisers Franz. Der Bürgersalon war die Pflegestätte der Kunst geworden, die des einstigen Rückhalts an die Staatsmächte entbehrte, und frei in sich schwebte. Es war die Zeit der Schwestern Fröhlich mit ihrem berühmten Personenkreis, der uns in den Bildern des Malerpoeten Moriz von Schwind, in charaktervollen Porträts von Waldmüller und Kupelwieser, in den Miniatüren von Füger und Daffinger, in den Lithographien von Kriehuber entgegentritt. »Bürgerlich und romantisch« nennt der spöttische Bauernfeld diese Epoche, die uns innerlich so nahe steht.

Die Romantik setzte die katholische Kultur der Barockzeit gegen den Josephinismus geistig fort. In persönlicher Verinnerlichung. Beethoven bringt ihr Wesen auf die entscheidende Formel: »Ausdruck des Seelenlebens.« Auf einsamer Höhe in seiner Taubheit erhebt der heroische Überwinder den Triumphgesang seiner »Neunten«. Er kannte noch wie Vater Haydn die Gunst der Mächtigen. Schubert, der Sänger der Müllerlieder und der Winterreise, gibt der österreichischen Seelenwundheit ihren tiefsten Klang; in Not und Entbehrung geht er dahin und starb früh, 1828, ein Jahr nach Beethoven, nur in engeren Freundeskreisen gekannt und gefeiert in fröhlichen Zusammenkünften, »Schubertiaden« benannt. Ein verwandter Ton bricht auf, wehmütig heitere Weisen von Lanner-Strauß, der Urlaut Österreichs im Dreivierteltakt, echt volkstümlich und beglückend fort und fort – – Und über alles das österreichische Weltweihnachtslied »Stille Nacht«, 1818 gedichtet von dem Salzburger Priester Mohr und vertont von dem Lehrer Gruber.

siehe Bildunterschrift

Ein Wiener Bürgersalon mit Schubert, Sänger Vogl, den Schwestern Fröhlich und anderen Berühmtheiten der Zeit.
(Moritz von Schwind. Verlag L. Angerer & Göschl, Wien, 16.)

Am meisten litt unter der Ungunst der Verhältnisse Österreichs klassischer Dichter Franz Grillparzer. »Wer unter solchen Umständen nicht ganz den Mut verliert, ist wahrlich eine Art Held«, klagt er. Er gibt der romantischen Empfindung den Ausdruck der Zeit, echt österreichisch in dem Wort von »des Innern stillem Frieden und der schuldbefreiten Brust!« Kathi Fröhlich, seine »ewige Braut«, ist Urbild seiner antiken Frauengestalten, die echte Wienerinnen sind. Seine klassischen Dramen sind österreichisch wie der Theseustempel, wie die Biedermeier-Architektur von Nobile und Kornhäusel, das Gloriette, die arkadische Landschaft von Schönbrunn bis zum Kahlenberg. Seinen »König Ottokar« rettet die Kaiserin 1824 vor der Zensur. Seine Geschichtsdramen, vor allem sein »Bruderzwist in Habsburg« enthalten österreichische Staatsphilosophie und rechtfertigen die Bezeichnung: österreichischer Shakespeare. Nicht an Weimar will er gemessen sein, er und Raimund haben ihren Standort zwischen Shakespeare und Calderon. Barocktradition in beiden mit der Problemstellung wie in Mozarts Zauberflöte: die sittliche Kraft siegt über das Böse. Grillparzers »Traum ein Leben« und die unsterblichen, ewig jungen Märchendramen des gemütstiefen Volkspoeten Raimund weisen am stärksten diese österreichische Barockbeziehung auf.

Wie die Besten seiner Zeit sehnt sich Grillparzer fort aus der Enge in ein erträumtes Deutschland, das nur in der Phantasie lebt. Und vergießt am Tische Goethes Tränen der Enttäuschung und Sehnsucht. In der Ferne weiß er erst, was Österreich ist. In dieser Zwiespältigkeit liegt das, was man die »österreichische Seelenwundheit« nennen kann, an der viele leiden bis heute. Sie war die Folge der künstlichen Abschnürung und des Josephinismus im Gegensatz zur Weltoffenheit der barocken Universalmonarchie. So litt auch der umherirrende, umschattete große Romantiker Lenau, den es immer zurückruft. Oder wie der Schlesier Joseph von Eichendorff, der »letzte Ritter der Romantik«, der in preußischen Staatsdienst getreten ist, und dessen Dichterherz sich in Sehnsucht verzehrt: »Ich weiß nicht, welche Zauberei dort ist, aber ich werde mein Heimweh nach Wien nicht los und kann mich hier in Berlin noch immer nicht zurechtfinden. Es ist und bleibt mir hier alles fremd; politische Gesinnung, ja selbst die allgemeine Fertigkeit, über Kunst und Wissenschaft abzusprechen, erschreckt und stört mich mehr als es erfreut, denn es scheint mir wenig Liebe darin zu sein. – – – eine noch so geringe Anstellung in Wien – – – und ich fliege mit unbeschreiblicher Freude in mein liebes, altes Österreich zurück.« Die Zeit des Kaisers Franz I., also die Zeit des jungen Kaiserstaates, erscheint somit als das goldene Zeitalter der vaterländisch-österreichischen Kunst und Dichtung. Dreihundert Balladendichter zählt man, unter ihnen Zedlitz, J. G. Seidl, Joh. Nep. Vogl; das echt österreichische Seelengut ihrer besten volkstümlichen Schöpfungen müßte unvergessen bleiben.

Österreichische Geschichtsschreibung wurde versäumt, das ist beklagenswert – aber in Dramen und Dichtungen und in der Historienmalerei von Peter Krafft bis Makart ist sie künstlerische Anschauung geworden. Führich führt in der religiösen Malerei, der romantische Schwind siegt in der präraffaelitischen Malerei Englands; Peter Krafft malt österreichische Geschichte, Peter Fendi malt biedermeierliches Genre, Danhauser gesellschaftliche Szenen und vornehme Altwiener Räume, Gauermann, Waldmüller altösterreichische Landschaft, Thomas Ender Alpenpanoramen. Zauner, der Schöpfer des Kaiser-Joseph-Denkmales, und Canova, dem wir das schöne Christinengrabmal in der Augustinerkirche und die Theseusgruppe, für die ursprünglich der Theseustempel gebaut wurde, verdanken, gehören noch der Empirezeit an; Fernkorn, der das Erzherzog-Karl- und Prinz-Eugen-Denkmal schuf, fällt in die Zeit Franz Joseph I.; die Biedermeierzeit trieb keine nennenswerte Plastik; sie neigte zur gemütlichen Kunst aus häuslichem Bedarf und handwerklichem Gewissen; die Blüte des österreichischen Kunstgewerbes hat hier ihre Wurzeln.

Bald hatte sich in der stillen Biedermeierzeit Österreich von den tiefen Wunden der Napoleonzeit erholt, dank der Ruhe und Ordnung zusammen mit den tiefen Hilfsquellen des Volkstums und der reich gesegneten Natur. Lebensfrohes Behagen war die Signatur der Biedermeierzeit; mochten es auch manche als phäakenhaft empfinden – das Glück war in Österreich zu Hause. Der mustergültige Repräsentant der franziszeischen Zeit war Kaiser Franz I. selbst. Seine ungewöhnlich feine, vornehme Erscheinung verband beides: volkstümliche Schlichtheit mit der vollendeten Würde eines ersten Monarchen Europas. Er sprach mit Vorliebe den leichten, eleganten Wiener Dialekt; sein berühmtes Lieblingswort, mit dem er in stundenlangen Audienzen seine Bittsteller tröstete, lautete: »Wir werden's schon machen.« Er war einer der volkstümlichsten Kaiser: »Vater Franz« nannte ihn der Volksmund. Die Liebe galt seiner Person, nicht aber seiner Regierung. Als er starb ging ein Schatten über Österreich. Sein Sohn und Nachfolger Ferdinand wurde der »Gütige« genannt. Er vermochte nichts zu ändern trotz der Sturmzeichen, die bedeutsam sind für den »Vormärz«.

Vormärz

Vormärz heißt die Zeit Ferdinands des Gütigen, von 1835 bis zu den Märztagen von 1848, eine Zeit geheimer Gärung und politischer Spannung, die zur Explosion trieb.

Im Jahre 1830 war in Frankreich die sogenannte Juli-Revolution ausgebrochen, die zur Vertreibung der Bourbonen führte, ein republikanischer Aufbruch als Resultat des parlamentarischen Liberalismus, wie Metternich richtig vorausgesehen. Eine Nachwirkung in Deutschland war die republikanisch-sozialistische Kundgebung des Hambacher Konstitutionsfestes in der Pfalz am 1. Mai 1832. Infolgedessen kam es anfangs 1834 zu sechs neuen Artikeln der Bundesverfassung, die die gewaltsame Unterdrückung verschärften, aber nicht die Ursachen der Unzufriedenheit beseitigten.

Metternich, der den Liberalismus so »treu bekämpfte«, hat ihn durch sein »System« nur gestärkt. Österreich war wirtschaftlich emporgeblüht, die Kaiserstadt Wien fühlte sich als Weltstadt, die neuen Erfindungen brachten neuen Aufschwung: die ersten Schienenstränge führten von Wien nach Böhmen in vier Linien und eine nach Deutschland; der Deutschböhme Ressel erfand 1827 die Schiffsschraube; in Galizien entstehen die ersten Erdölraffinerien, die erste Petroleumlampe an Stelle der alten Ölbeleuchtung bedeutet eine Umwälzung; der Tiroler Joseph Madersperger konstruiert die erste Nähmaschine, ein anderer Tiroler, Peter Mitterhofer, die erste Schreibmaschine aus Holz; Joseph Petzval die ersten photographischen Apparate, um nur einige österreichische Erfindungen aus dieser Zeit zu nennen. 1844 beginnt Karl von Ghega den genialen Bahnbau über den Semmering. Eisenbahnbauten, Gewerbeausstellungen, Fabriksgründungen zeitigen ein neues Problem: die Arbeiterfrage, dabei übersieht man, daß die Kinderschuhe nicht mehr für die Erwachsenen passen; bei aller materiellen Wohlfahrt stellen sich soziale Gegensätze ein und ein tiefes Mißbehagen, das seine Spitze gegen den allmächtigen Staatslenker Metternich richtet.

siehe Bildunterschrift

Das Kreuz, Episode aus dem Befreiungskampf Tirols 1809.
(Museum der Stadt Wien. Albin Egger-Lienz.)

Auch in Ungarn und Böhmen rührt sich die national-freiheitliche Bewegung als eine Folge des »Deutschen Bundes« – einem römischen Kaisertum hätten sie sich widerstandslos gefügt. Besonders in Ungarn machten sich auch gegen den Gesamtnamen Österreich nationale Unabhängigkeitsbestrebungen geltend: am Landtage wurde die lateinische Staatssprache durch die magyarische ersetzt – der große Széchenyi hatte die geistige und kulturelle Erweckung Ungarns im großen Stil unternommen; hier setzte, im Gegensatz zu seiner Absicht, im Vormärz die revolutionäre Arbeit der Umsturzmänner von 1848, Kossuth und Graf Batthyany, ein.

Überall in Europa krachte es in den Fugen. Belgien riß sich von Holland los; Polen machte einen mißglückten Erhebungsversuch; Griechenland befreite sich von der Türkenherrschaft; Rußland macht Ansprüche auf Konstantinopel und begründet es als Schutzmacht der griechischen Kirche; die Mächte treten dagegen auf, ein allgemeiner Konflikt droht. Österreich als Allianzmacht an Seite Rußlands kommt in eine isolierte Lage; Preußen tut ein übriges hinzu; Metternich strebt ein Zusammengehen aller an, kann sich aber nicht durchsetzen. Auch in Italien regt sich eine nationale Bewegung durch die freimaurerische Geheimgesellschaft der Carbonari; einer von ihnen, Sylvio Pellico, schreibt ein Buch über seine Haft am Spielberg, das beweisen soll, daß Österreich die Nationen unterdrücke. Der französische Einfluß stand hinter dem Treiben und sucht Österreich, das 1831 zugunsten des bedrohten Kirchenstaates intervenieren mußte, in Italien zu bekämpfen. Das sind Erscheinungen, die sich erst später verhängnisvoll auswirken.

Entscheidend dabei ist die Haltung Preußens, die der scharfsinnige Metternich erst erkannt hat, als es zu spät war. Zugleich offenbart sich die Kehrseite des »Systems«, das nur im Verwalten bestand und nicht im Schaffen, somit die schöpferische Tat anderen überließ und dadurch ins Hintertreffen kam. Die Entlegenheit der rheinischen und westfälischen Provinz Preußens legte es nahe, die Zollschranken der Zwischenländer zu beseitigen im Wege eines Zollvereins, dessen Vorkämpfer der Nationalökonom Friedrich List war, der sich bei Metternich nicht durchsetzen konnte. Nach und nach war es Preußen gelungen, die deutschen Staaten in sein vorteilhaftes Zollsystem einzubeziehen – und Österreich davon auszuschließen. 1833 waren bereits die deutschen Länder in Handelssachen von Preußen abhängig, ein Bund im Bunde, handelspolitisch schon »Klein-Deutschland«, das Österreich als Ausland betrachtete. Im Zollverein von 1833 war gewissermaßen die Entscheidung von 1866 gefallen. Unausdenkbar große Perspektiven, wenn der Zollverein von Österreich ausgegangen wäre!

Nicht nur im Schulwesen und im Wirtschaftsverkehr wurde Preußen tonangebend; auch militärisch war es vorbildlich geworden. Durch Militärkonventionen und Heereseinrichtungen nach preußischem Muster waren die deutschen Kleinstaaten, ohne es zu merken, in Abhängigkeit von Preußen gekommen und waren darum den Ereignissen von 1866 gegenüber ohnmächtig. Die deutschen Fürsten sahen das Netz nicht, das um sie gesponnen wurde. Sie kannten die Wahrheit der Geschichte nicht, die sie lehren hätte können, daß Österreich stets die Rechtsidee verteidigte, während Preußen Angriffspolitik verfolgte und sich stets durch Eroberungskriege vergrößert hatte, wogegen Österreich seit Ferdinand II. sich nicht nur nicht erweitert, sondern auch die deutschen Vorlande eingebüßt hatte, nicht zu reden von Schlesien. Trotzdem war bei vielen Fürsten das Mißtrauen gegen Österreich nicht geringer als gegen Preußen, woran die herkömmlichen Geschichtslügen Schuld tragen; die Verhältnisse waren den meisten völlig dunkel.

In dem latenten Gegensatz ist der Unterschied der religiösen Bekenntnisse wohl der tiefste geheime Grund. Die Bundesakte sprechen die Gleichberechtigung der Bekenntnisse aus. Es ging in Frieden bis zum kirchlichen Zwist 1837. Der Erzbischof von Köln sprach sich im Sinne der Kirche gegen die Mischehen aus; Friedrich Wilhelm III. ließ ihn deshalb in die Festung Minden bringen. Die rheinischen Provinzen, die sich von Preußen wie erobertes Land behandelt fühlten, gerieten in Gärung. Selbst der protestantische Historiker Böhmer sah in Preußen den Todfeind der politischen wie kirchlichen Freiheit der deutschen Nation.

Schon die Eichhornsche Denkschrift betonte, Preußen müsse als der protestantische Staat erscheinen. Der Haß gegen den Katholizismus brach offen aus. Es wurden nur mehr protestantische Lehrer an den Universitäten angestellt, weil »unter den Katholiken keine tüchtigen Kräfte zu finden seien«. Auch die leitenden Stellen wurden Katholiken verschlossen – schon Friedrich II. hatte darüber Vorschriften gemacht – die Imparität ist eine Überlieferung Preußens. Um so mehr hätte Österreich für die Katholiken Deutschlands eintreten müssen, die ihre Hoffnung auf den Kaiser setzten. Aber der heimliche Josephinismus verhinderte dies. Man billigte vielmehr alles, was gegen das »ultramontane« Österreich gesagt wurde, und bildete sich sogar noch etwas ein auf diese »Unparteilichkeit«! So stärkte der Josephinismus nur den Gegner. Das Urteil über ihn und über das System sprach Graf Thun im Jahre 1850: »Es müssen alle Staaten einem Zustand innerer Auflösung entgegensehen, wenn die religiöse Überzeugung ihre Macht über die Gemüter verloren hat.«

»Politisch Lied – ein garstig Lied« ist ein Kind dieser Zeit. Mit Goethe war 1832 der klassische Geist erloschen. Das »Junge Deutschland« mit Heine, Börne, Gutzkow spottete über die Romantik und machte Revolutionsliteratur. »Reißt die Kreuze aus der Erden – alle sollen Schwerter werden« brüllte Herwegh. »Deutschland, Deutschland über alles« sang Hoffmann von Fallersleben. In Österreich war es der hochbegabte Anastasius Grün (Anton Graf Auersperg), der Schule machte und mit seinen politisch freisinnigen Tendenzpoesien: »Spaziergänge eines Wiener Poeten«, »Schutt«, »Nibelungen im Frack« Aufsehen erregte. Wenn die Bücher auch im Ausland gedruckt werden mußten, so wurden sie vielleicht deswegen um so eifriger gelesen. Das einst blühende Wiener Verlagswesen fiel gänzlich der Bedeutungslosigkeit anheim. Adalbert Stifter, der Erzieher Österreichs, schuf noch im stillen seine »Studien«, in denen das seelenvolle Bild Österreichs lebt. Die Muse Raimunds war ins Reich der Geister geflüchtet – ein roherer Geschmack erquickte sich an »Lumpazivagabundus«; der gallige Nestroy und der stichelnde Bauernfeld führten dicht an die Revolution von 1848 heran.


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