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Der Mann mit der Schmarre

Jacob Kent hatte all seine Tage an Geiz gekrankt. Der hatte wieder ein chronisches Mißtrauen zur Folge, und dadurch war sein Charakter so boshaft geworden, daß es sehr unangenehm war, mit ihm zu tun zu haben. Er hatte auch eine Neigung zum Schlafwandeln und war sehr eigensinnig, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Von Haus aus war er Weber gewesen, bis das Klondike-Fieber ihn gepackt und vom Webstuhl gerissen hatte. Seine Hütte stand mittwegs zwischen der Handelsstation Sixty Mile und dem Stuart, und die Männer, die die Schlittenspur nach Dawson zu ziehen pflegten, verglichen ihn einem Raubritter, der in seiner festen Burg droben saß und Zoll von den Karawanen forderte, die seine schlechtgehaltenen Wege benutzten. Da es einige historische Voraussetzungen erforderte, sich diese Gestalt vorzustellen, waren die weniger gebildeten Wanderer vom Stuart geneigt, ihn auf eine noch primitivere Art und Weise zu beschreiben, bei der besonders viel kräftige Beiworte verwendet wurden.

Diese Hütte war, nebenbei bemerkt, nicht seine eigene, sondern vor einigen Jahren von ein paar Leuten erbaut worden, die sich ihren Lebensunterhalt mit Goldgraben verdient hatten. Es waren außerordentlich gastfreie junge Leute gewesen, und als sie die Hütte verlassen hatten, pflegten immer noch Reisende, die den Weg kannten, bei Einbruch der Dunkelheit dorthin zu kommen. Sie lag sehr bequem, denn sie ersparte ihnen Zeit und Mühe des Zeltaufschlagens; und es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß der letzte Mann jeweils einen hübschen kleinen Stapel Brennholz für den nächsten hinterließ. Kaum eine Nacht verging, ohne daß bis zu zwei Dutzend Männer Schutz in der Hütte suchten. Jacob Kent, der dies beobachtet hatte, nutzte die Macht des Besitzes aus und blieb in ihr wohnen. Von jetzt an mußten die müden Reisenden eine Abgabe von einem Dollar für den Mann bezahlen, um auf dem Fußboden schlafen zu dürfen, und Jacob Kent wog nie den Goldstaub ab, ohne im Gewicht zu betrügen. Außerdem sorgte er stets dafür, daß seine Gäste, die kamen und gingen, für ihn Brennholz hackten und Wasser trugen. Es war der reine Raub, aber seine Opfer waren großzügig, und wenn sie ihn auch haßten, so erlaubten sie ihm doch, in seinen Sünden zu gedeihen.

An einem Aprilnachmittage saß er vor seiner Tür – genau wie eine raublustige Spinne – und wunderte sich, daß die zurückgekehrte Sonne so warm brannte, während er gleichzeitig die Schlittenbahn hinabblickte, um nach etwaigen Fremden Ausschau zu halten. Der Yukon lag zu seinen Füßen, ein Meer von Eis, das bei den beiden großen Biegungen im Norden und Süden verschwand und reichlich zwei Meilen von Ufer zu Ufer maß. Über diese rauhe Fläche führte die schmale, eingesunkene Schlittenbahn, achtzehn Zoll breit und zweitausend Meilen lang, von denen jeder Fuß mehr Flüche gehört hatte als jeder andere Weg innerhalb und außerhalb der Christenheit.

Jacob Kent war heute besonders guter Laune. Er hatte in der letzten Nacht einen Rekord aufgestellt und seine Gastfreiheit an ganze achtundzwanzig Gäste verkauft. Allerdings war es recht unangenehm gewesen, und vier hatten die ganze Nacht unter seiner Koje geschnarcht, anderseits aber hatte es dem Sack, in dem er seinen Goldstaub aufbewahrte, recht gut getan. Dieser Sack mit seiner glitzernden gelben Herrlichkeit war die größte Freude seines Daseins und die größte Plage zugleich. In seiner Enge wohnten Himmelreich und Hölle. Da es nach der Natur der Sache kein Privatleben in seiner Hütte mit ihrem einzigen Zimmer gab, quälte ihn eine ständige Furcht vor Dieben. Für diese bärtigen Fremden, die aussahen, als wären sie zu allem fähig, wäre es ungeheuer leicht gewesen, damit durchzubrennen. Das war auch sein gewöhnlicher Traum, und diese bösen Träume pflegten ihn zu wecken. Eine auserwählte Versammlung solcher Räuber suchte ihn im Traume heim, und er war allmählich ganz vertraut mit ihnen geworden, namentlich mit dem sonderbaren Anführer mit der furchtbaren Schmarre auf der rechten Backe. Der Bursche war der Beharrlichste von der ganzen Bande, und aus Furcht vor ihm hatte Jacob Kent bei Tage schon mehrere Dutzend Verstecke in der Hütte und um sie herum gesucht. Wenn er ein solches Versteck gefunden hatte, atmete er ein paar Nächte leichter, um dann wieder den Mann mit der Schmarre auf frischer Tat zu ergreifen, wie er den Sack hervorzog. Erwachte er dann mitten in dem üblichen Kampfe, so stand er auf und schaffte den Sack in ein neues, noch sinnreicheres Versteck.

Nicht, daß er ein Opfer von Traumgesichten gewesen wäre; aber er glaubte an Anzeichen und Gedankenübertragung und meinte, daß diese Räuber, die in seinen Träumen auftraten, eine Astralprojektion von wirklichen Menschen wären, die in solchen Augenblicken – wo ihr Körper sich auch zufällig befinden mochte – im Geiste berieten, wie sie sich seines Schatzes bemächtigen könnten. Und die Folge war, daß er die Unglücklichen, die über seine Schwelle traten, weiter brandschatzte und gleichzeitig seine eigene Sorge mit jedem Goldkörnchen, das in den Sack kam, vermehrte.

Wie Jacob Kent so dasaß und sich sonnte, hatte er plötzlich einen Einfall, der ihn aufspringen ließ. Alle Lebensfreude hatte für ihn in einem beständigen Wiegen und Wiegen von Goldstaub gegipfelt; aber auf diese angenehme Beschäftigung war ein Schatten gefallen, den zu vertreiben er bisher nicht imstande gewesen war. Seine Goldwage war ganz klein, er konnte in der Tat höchstens anderthalb Pfund – achtzehn Unzen – darauf abwiegen, während der gesammelte Schatz etwa dreieindrittelmal so viel betrug. Es war ihm nie möglich gewesen, alles auf einmal zu wiegen, und deshalb meinte er von einer neuen und höchst erbaulichen Betrachtung abgeschnitten zu sein. Diese Tatsache hatte ihm die halbe Besitzerfreude verdorben, ja, er fühlte, daß dieses elende Hindernis tatsächlich den Besitz sowohl entwirklichte wie verringerte. Die Lösung dieses Problems war es, die ihm durch den Kopf geschossen war und ihn aufspringen ließ. Er sah sich sorgfältig forschend nach beiden Richtungen um. Es war nichts zu sehen, und er ging hinein.

In wenigen Minuten hatte er den Tisch abgeräumt und die Wage darauf gesetzt. Auf die eine Wagschale legte er die gestempelten Gewichte, die fünfzehn Unzen ausmachten, und balancierte die Wage dann mit Goldstaub auf der andern Wagschale aus. Dann vertauschte er die Gewichte mit Goldstaub und hatte jetzt genau dreißig Unzen auf der Wage. Diese dreißig Unzen tat er dann in die eine Wagschale und balancierte sie wieder mit mehr Goldstaub aus. Jetzt war sein Vorrat an Goldstaub erschöpft, und er schwitzte stark. Er zitterte vor Entzücken und war überglücklich. Dennoch schüttelte er den Sack gründlich, um auch das letzte Stäubchen herauszubekommen, bis das Gleichgewicht gestört war und die eine Seite der Wage niedersank. Aber mit Hilfe von einigen wenigen Körnern, die er in die andere Schale legte, wurde das Gleichgewicht wieder hergestellt. Mit zurückgebogenem Kopf, starr vor Entzücken, stand er da. Der Sack war leer, aber die Möglichkeiten, die die Wage bot, waren jetzt unbegrenzt. Er konnte jeden Betrag auf ihr wiegen, vom kleinsten Gran bis zu vielen Pfunden. Mammon packte sein Herz mit brennenden Fingern. Die Sonne setzte ihren Weg nach Westen fort, bis sie durch die offene Tür hereinschimmerte und ihre Strahlen gerade auf die Wage mit ihrer goldenen Last fielen. Wie die goldenen Brüste einer bronzenen Kleopatra warfen die köstlichen Hügel das Licht mit sanfter Wärme zurück. Zeit und Raum existierten nicht mehr für ihn.

»Donnerwetter – da hast du ja ein nettes Häufchen Gold, he?«

Jacob Kent drehte sich um, während er gleichzeitig die Hand nach seiner doppelläufigen Büchse ausstreckte, die neben ihm stand. Als sein Blick aber auf das Gesicht des ungebetenen Gastes fiel, taumelte er schwindlig zurück.

Das war ja der Mann mit der Schmarre!

Der Mann betrachtete ihn neugierig.

»Nur ruhig!« sagte er mit einer abwehrenden Handbewegung. »Du brauchst nicht zu fürchten, daß ich deinem verdammten Goldstaub etwas tue.

Du bist ein komischer Kauz, weißt du«, fügte er nachdenklich hinzu, als er Jacob Kents zitternde Knie und den Schweiß sah, der ihm über das Gesicht troff.

»Warum nimmst du dich nicht zusammen und sagst was?« fuhr er fort, während der andere mühsam nach Luft rang. »Hast du ein Schloß vors Maul gekriegt? Ist was in dir kaputt gegangen?«

»W–w–wo hast du die gekriegt?« brachte Jacob Kent schließlich heraus, indem er mit seinem zitternden Zeigefinger auf die unheimliche Schmarre auf der Wange des andern wies.

»Die hat mir ein Schiffskamerad mit einem Marlspiker versetzt. Und da du ja jetzt wieder zu dir gekommen zu sein scheinst, so möchte ich doch fragen, was das dich angeht. Das hätte ich gern gewußt – was geht das dich an? Zum Teufel – tut sie dir was? Ist sie nicht fein genug für einen Herrn wie dich? Das hätte ich gern gewußt!«

»Nein, nein«, antwortete Jacob Kent, indem er mit einem krampfhaften Lächeln auf den Stuhl sank. »Ich dachte nur – –«

»Hast du je etwas Ähnliches gesehen?« fuhr der andere streitlustig fort.

»Nein!«

»Macht sie sich nicht hübsch?«

»Ja.« Jacob Kent nickte beifällig, entschlossen, sich seinem merkwürdigen Gast zu fügen, aber vollkommen unvorbereitet auf den Ausbruch, der das Ergebnis seines Versuchs, sich angenehm zu machen, sein sollte.

»Du verfluchter, grützefressender Sohn eines Seeigels! Wie kommst du dazu, zu sagen, die abscheulichste Verunstaltung, mit der Gott je einen Mann hat herumlaufen lassen, sei hübsch? Wie meinst du das, du – –«

Und dann stürzte sich dieser hitzige Mann des Meeres in einen Strom orientalischer Gotteslästerungen und brachte Gott und Teufel, Stammbäume und Menschen, Bilder und Ungeheuer auf so echt primitive Männerart durcheinander, daß Jacob Kent ganz gelähmt war. Die Arme wie zur Abwehr eines Schlages erhoben, fuhr er zurück. So vollkommen hilflos stand er da, daß der andere mitten in einem großartigen Satz innehielt und in ein Hohngelächter ausbrach.

»Die Sonne hat der Schlittenspur den Boden weggeschmolzen«, sagte der Mann mit der Schmarre, als er vor Lachen wieder sprechen konnte. »Und ich hoffe, du wirst es zu schätzen wissen, daß du dadurch Gelegenheit bekommst, mit einem Mann mit einer solchen Fratze zu verkehren. Jetzt mach' ein bißchen Dampf in deinem Feuerkasten dort. Ich muß die Hunde abschirren, und dann sollen sie zu fressen haben. Spar' nicht mit Holz, Verehrtester, wo das herkommt, wächst mehr, und du hast massenhaft Zeit, deine Axt zu traktieren. Und wenn du schon mal dabei bist, dann ist es am besten, wenn du auch gleich einen Eimer Wasser holst. So, ein bißchen fix jetzt – sonst mach' ich dir Beine – zum Teufel!«

Es war wirklich etwas ganz Unerhörtes: Jacob Kent machte Feuer, hackte Holz und holte Wasser – kurz, er verrichtete alle grobe Arbeit für einen Gast! Ehe Jim Cardegee Dawson verlassen hatte, waren ihm die Ohren vollgeblasen worden von dem Sündenregister dieses Shylocks der Landstraße, und unterwegs hatten die zahlreichen Opfer ihm immer mehr von seinen Verbrechen erzählt. Aber Jim Cardegee, der wie alle Seeleute einen Spaß zu schätzen wußte, war, als er in die Hütte trat, fest entschlossen gewesen, dem Manne, der sie bewohnte, zu zeigen, was eine Harke war. Daß ihm dies über alles Erwarten geglückt war, sah er natürlich sofort, wenn er auch keine Ahnung hatte, welche Rolle die Schmarre auf seiner Backe dabei spielte. Obwohl er es nicht verstand, sah er aber doch den Schrecken, den sie erregte, und beschloß, das ebenso schonungslos auszunutzen, wie ein moderner Kaufmann eine besonders ausgesuchte Ware auszunutzen gedenkt.

»Das muß ich sagen – du kannst schon was schaffen, wenn es sein muß«, sagte er bewundernd, während er zusah, wie sein Wirt arbeitete. »Du hättest wirklich nie zum Goldgraben ausziehen sollen – nein, wirklich nicht! Dich hat Gott ja zum Gastwirt geschaffen. Ich hab' so oft die andern oben und unten am Fluß von dir schwatzen hören, aber ich glaubte nie, daß du so ein fixer Kerl wärst, nee, wahrhaftig nicht!«

Jacob Kent spürte einen wütenden Drang, seine Schrotbüchse an dem andern zu probieren, aber der Zauber, den die Schmarre auf ihn ausübte, war zu stark. Dies war der wirkliche Mann mit der Schmarre, der Mann, der ihn so oft in seinen phantastischen Träumen beraubt hatte. Dies war die Verkörperung des Geschöpfes, dessen Astralleib ihm in seinen Träumen erschienen war, dies war der Mann, der so oft Arges gegen seinen Schatz im Schilde geführt hatte, und deshalb – er konnte keinen andern Schluß ziehen –, deshalb war dieser Mann mit der furchtbaren Schmarre jetzt in eigener Person gekommen, um ihm sein Eigentum zu rauben. Und diese Schmarre! Er konnte den Blick ebensowenig von ihr lassen, wie er sein Herz zum Stillstand bringen konnte. So sehr er sich auch bemühte, suchten seine Augen doch immer wieder den einen Punkt – so unvermeidlich wie die Kompaßnadel den Pol.

»Stört sie dich?« fragte Jim Cardegee plötzlich mit Donnerstimme, als er von den Decken aufsah, die er gerade auf dem Fußboden ausbreitete, und dem starren Blick des andern begegnete. »Ich glaube, du tust am besten, jetzt die Klappe zuzumachen, die Laterne abzublenden und dich in die Koje zu legen, wenn sie dir so verflucht schlecht bekommt. Na, los jetzt, alter Schuft, oder soll ich dir erst Beine machen – in drei Teufels Namen!«

Jacob Kent war so nervös, daß er dreimal blasen mußte, um die Tranlampe auszulöschen. Dann verkroch er sich in seine Decken, ohne auch nur die Mokassins auszuziehen.

Der Seemann schnarchte bald heiter auf seinem harten Lager auf dem Fußboden, während Kent, die eine Hand an der Büchse, in die Finsternis starrte, fest entschlossen, die ganze Nacht kein Auge zuzutun. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, seinen Goldsack beiseitezuschaffen, der jetzt im Munitionskasten am Kopfende seiner Koje lag. So sehr er sich aber auch bemühte, wach zu bleiben, schlief er doch schließlich ein, die Seele schwer mit dem Gewicht des Goldstaubes belastet. Wäre er nicht unversehens in dieser Verfassung eingeschlafen, so würde der Dämon des Schlafwandelns nicht geweckt worden und Jim Cardegee nicht am nächsten Tage mit einem Waschzuber auf die Goldsuche gegangen sein.

Das Feuer kämpfte einen hoffnungslosen Kampf, erstarb aber ganz, während der Frost durch die mit Moos verstopften Ritzen zwischen den Baumstämmen hereindrang und die Luft im Raume eisig kalt machte. Die Hunde draußen hörten auf zu heulen, sie lagen zusammengekrochen im Schnee und träumten von einem Himmel, der voller Lachse war, und in dem es keine Schlittenführer und andere gestrenge Herren gab. Im Hause lag der Seemann regungslos, während sein Wirt sich ruhelos hin und her wälzte, eine Beute seltsam phantastischer Träume. Als die Mitternacht sich näherte, warf er plötzlich die Decke ab und stand auf. Es war höchst merkwürdig, daß er das tun konnte, ohne auch nur Licht zu machen. Vielleicht war es die Dunkelheit, die ihn mit geschlossenen Augen herumgehen ließ, vielleicht auch die Furcht vor der furchtbaren Schmarre auf der Wange des Gastes; wie dem aber auch sein mochte, Tatsache war jedenfalls, daß er mit geschlossenen Augen den Munitionskasten öffnete, eine schwere Menge Goldstaub in die beiden Läufe seiner Büchse stopfte, ohne auch nur das geringste zu verstreuen, ihn mit dem Wischer feststampfte, dann die Waffe fortstellte und wieder in seine Koje kroch.

Kaum berührte das Tageslicht mit seinen stahlgrauen Fingern das Pergamentfenster, als Jacob Kent erwachte. Er drehte sich auf die Seite, stützte sich auf den Ellbogen, hob den Deckel des Munitionskastens und guckte hinein. Was er hier sah oder nicht sah, übte eine merkwürdige Wirkung auf ihn aus, namentlich in Anbetracht seines nervösen Temperaments. Er betrachtete den Schlafenden auf dem Fußboden, schloß vorsichtig den Kasten und wälzte sich auf den Rücken. Eine ungewöhnliche Ruhe legte sich über seine Züge. Nicht ein Muskel zitterte, und nicht das geringste Zeichen von Aufregung oder Nervosität war zu bemerken. Er lag lange da und bedachte die Sache, und als er schließlich aufstand und in der Hütte umherzugehen begann, tat er es ruhig und beherrscht, ohne Lärm oder Eile.

Zufällig war ein schwerer Holzpflock gerade über Jim Cardegees Kopf an der Balkendecke eingeschlagen. Mit großer Vorsicht schlang Jacob Kent ein Stück halbzölligen Manilaseiles um den Pflock, so daß beide Enden auf den Boden herabhingen. Das eine Ende band er sich selbst um den Leib, und aus dem andern machte er eine Schlinge. Dann spannte er den Hahn seiner Büchse und legte sie in Reichweite neben einen Haufen Elchlederriemen. Mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft zwang er sich, die Schmarre anzusehen, legte dem Schlafenden die Schlinge um den Hals und zog sie zusammen, indem er sich mit seinem ganzen Gewicht zurückwarf, während er gleichzeitig die Büchse ergriff und auf den Seemann richtete.

Jim Cardegee erwachte halb erstickt und starrte verwirrt in die beiden Stahlrohre.

»Wo ist es?« fragte Kent, das Seil lockernd.

»Du verdammter – uh –«

Jacob Kent warf sich wieder zurück, so daß der andere fast erstickte.

»Du verfluchtes Schwein – uh –«

»Wo ist es?« wiederholte Kent.

»Was?« fragte Cardegee, sobald er Luft bekommen konnte.

»Der Goldstaub.«

»Was für Goldstaub?« fragte der verdutzte Seemann.

»Das weißt du sehr gut – mein Goldstaub.«

»Ich hab' nichts davon gesehen. Wofür hältst du mich denn? Vielleicht für einen Geldschrank? Und was habe ich übrigens damit zu schaffen?«

»Vielleicht weißt du es, und vielleicht auch nicht; aber jedenfalls schnür' ich dir den Hals zu, bis du es weißt. Und wenn du die Hand hebst, schieß ich dir eine Kugel vor den Kopf.«

»Laß nach!« brüllte Cardegee, als der andere das Seil straffte.

Kent lockerte das Seil, und der Seemann wand und drehte seinen Hals, um ihn freizubekommen, bis es ihm glückte, die Schlinge unter das Kinn zu schieben.

»Na?« fragte Kent, auf die Enthüllung wartend.

Aber Cardegee grinste.

»Häng' mich nur, du verfluchter alter Pottkieker!«

Und wie der Seemann es vorausgesehen hatte, wurde jetzt das Trauerspiel zum Schwank. Cardegee war der Schwerere von beiden, und Kent konnte ihn nicht vom Boden heben, obgleich er sich mit seinem ganzen Körper hintenüberwarf. Er spannte seine Kräfte bis zum äußersten an, aber die Füße des Seemanns blieben auf dem Boden, so daß sie einen Teil seines Gewichtes trugen, das im übrigen von der Schlinge unter seinem Kopf gehalten wurde.

Da Kent ihn nicht vom Boden heben konnte, klammerte er sich an ihn, fest entschlossen, ihn langsam zu erwürgen und ihn zu zwingen, zu sagen, was er mit dem Schatz gemacht hatte. Aber der Mann mit der Schmarre wollte sich nicht erwürgen lassen. Es vergingen zehn, zwölf, fünfzehn Minuten, dann ließ Jacob Kent verzweifelt seinen Gefangenen los.

»Na schön«, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wenn ich dich nicht hängen kann, kann ich dich doch erschießen. Es gibt ja Leute, die nicht zum Hängen geboren sind.«

»Und du richtest deinen Fußboden hier schön zu.«

Cardegee versuchte Zeit zu gewinnen. »Hör' mal – ich will dir was sagen –, jetzt werden wir uns mal hübsch die Köpfe zerbrechen, um rauszukriegen, was wir tun sollen. Du hast etwas Goldstaub verloren. Du sagst, daß ich weiß, wo er ist, und ich sage, daß ich es nicht weiß. Jetzt wollen wir mal die Höhe bestimmen und dann den Kurs danach setzen –«

»Quatsch!« fiel ihm der andere ins Wort, »jeden Kurs, der gefahren wird, bestimme ich. Und wenn du dich von der Stelle rührst, kriegst du eine Kugel in den Leib, und das so sicher wie nur was.«

»Beim Heil meiner Mutter –«

»Der Gott gnädig sein möge, wenn sie dich liebt. Also! Ach du möchtest –?« Der Seemann hatte sich angeschickt, sich zur Wehr zu setzen, aber Jacob Kent kam ihm zuvor und drückte ihm die kalte Mündung gegen die Stirn. »Lieg jetzt still! Wenn du dich nur um ein Haarbreit rührst, ist es aus mit dir.«

Es war eine ziemlich mühselige Arbeit, da er die ganze Zeit darauf achten mußte, sich nie mehr von dem Gewehr zu entfernen, als daß er den Drücker erreichen konnte, aber er war nicht umsonst Weber, und in wenigen Minuten hatte er den Seemann an Händen und Füßen gebunden. Dann schleppte er ihn vor die Tür und legte ihn neben die Hütte, wo er die Aussicht über den Fluß hatte und sehen konnte, wie die Sonne sich zum Meridian emporarbeitete.

»Ich gebe dir Frist bis Mittag und dann –«

»Was dann?«

»Dann schicke ich dich stantepeh in die Hölle. Wenn du aber gestehst, will ich dich hier behalten, bis die nächste Abteilung von der reitenden Polizei vorbeikommt.«

»Gott strafe mich, wenn das nicht eine schöne Erklärung ist! Da bin ich – unschuldig wie ein Lamm, und da bist du, mit einem Loch im Kopf und ganz versessen darauf, es mit mir anzulegen und mich in die Hölle zu expedieren, du verdammter alter Räuber! Du –«

Jim Cardegee schüttete einen Sack von Flüchen aus, daß er sich selber übertraf. Jacob Kent holte sich einen Schemel heraus, um sie in Ruhe genießen zu können. Als der Seemann alle erdenkbaren Kombinationen seines Wortschatzes erschöpft hatte, begann er im stillen gründlich über die Sache nachzudenken und verfolgte dabei beständig mit den Augen die Sonne, die sich mit unziemlicher Eile über den östlichen Himmelsbogen emporarbeitete. Seine Hunde, die erstaunt waren, daß sie noch immer nicht vor den Schlitten gespannt wurden, umdrängten ihn. Seine Hilflosigkeit machte einen starken Eindruck auf die Tiere. Sie fühlten, daß etwas nicht in Ordnung war, wenn sie auch nicht wußten, was. Und sie scharten sich um ihn und gaben heulend ihr Mitgefühl zu erkennen.

»Hopp! Los, ihr Siwashs!« rief er, trat, sich wie ein Wurm windend, nach ihnen und merkte, daß er direkt am Rande eines Erdlochs lag. Sobald die Tiere auseinander gejagt waren, begann er darüber nachzudenken, welchen Wert das Erdloch für ihn haben mochte, das er zwar nicht sah, dessen Vorhandensein er aber fühlte. Und es dauerte auch nicht lange, bis er zu dem Ergebnis gelangte. Er sagte sich, daß die Menschen ihrer Natur nach faul sind. Sie tun nicht mehr, als sie notgedrungen tun müssen. Wenn sie eine Hütte bauen, müssen sie Erde aufs Dach legen. Von dieser Voraussetzung aus gelangte er zu dem logischen Schluß, daß man die Erde nicht weiter trug, als unbedingt notwendig war, deshalb lag er am Rande des Loches, dem die Erde entnommen war, die das Dach von Jacob Kents Hütte bildete. Bei richtiger Ausnutzung dieses Wissens, sagte er sich, könnte er dadurch einen Aufschub erlangen, und jetzt wandte er seine Aufmerksamkeit den Elchlederriemen zu, mit denen er gebunden war. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt, und sie waren naß von der Berührung mit dem Schnee. Er wußte, daß ungegerbtes Leder, wenn es feucht wurde, dehnbar war, und versuchte, es ohne sichtbare Anstrengung immer mehr zu strecken.

Mit gierigen Augen folgte er der Schlittenspur, und als er in der Richtung von Sixty Mile einen Augenblick einen dunklen Fleck vor dem weißen Hintergrund einer Eisstauung auftauchen sah, warf er einen besorgten Blick auf die Sonne. Sie hatte jetzt fast den Zenit erreicht. Immer wieder sah er den schwarzen Fleck sich über die Eisbänke arbeiten und in Senkungen zwischen ihnen verschwinden, aber er wagte nur einen flüchtigen Blick hinüberzuwerfen, aus Furcht, den Verdacht seines Feindes zu erregen. Als Jacob Kent sich einmal erhob und aufmerksam die Schlittenspur entlangblickte, wurde Cardegee sehr ängstlich, aber der Hundeschlitten befand sich gerade auf einer Strecke, die parallel mit einer Eisstauung lief, und er blieb daher außer Sicht, bis die Gefahr überstanden war.

»Ich will dich dafür hängen sehen«, drohte Cardegee, um die Aufmerksamkeit des andern auf sich zu lenken. »Und du wirst dafür in der Hölle schmoren – ja, das kannst du mir glauben.«

»Sag' mal,« rief er nach einer Pause, »glaubst du an Gespenster?« Jacob Kent fuhr zusammen, und Cardegee, der sah, daß er auf der richtigen Fährte war, fuhr fort: »Weißt du, ein Gespenst darf einem Mann erscheinen, der sein Wort nicht hält, und du kannst mich nicht vor acht Glasen – ich meine vor zwölf Uhr – krepieren lassen, verstanden? Denn wenn du es tust, so kann es sein, daß ich dir erscheinen werde. Hörst du, eine Minute, eine Sekunde vor der Zeit – und ich erscheine dir – so wahr mir Gott helfe!«

Jacob Kent sah unschlüssig aus, wagte aber nichts zu sagen.

»Wie steht es mit deinem Chronometer? Wie ist deine Länge? Wie kannst du wissen, daß deine Zwiebel richtig geht?« fuhr Cardegee fort, in der eitlen Hoffnung, seinen Henker um ein paar Minuten zu betrügen. »Richtest du dich nach der Zeit der Polizei oder nach der der Company? Denn wenn du's auch nur eine Sekunde vor zwölf tust, so kriegst du nie Frieden vor mir, das sage ich dir im voraus. Ich komme wieder, und wenn du nicht genau weißt, wie spät es ist, wie kannst du dann sicher sein? Ich frage dich, wie kannst du sicher sein?«

»Ich werde schon aufpassen«, antwortete Jacob Kent. »Ich habe eine Sonnenuhr hier.«

»Quatsch! Der Kompaß hat zweiunddreißig Grad Deklination.«

»Die sind genau vermerkt.«

»Wie hast du das gemacht? Nach dem Kompaß?«

»Nee, nach dem Nordstern.«

»Ist das genau?«

»Vollkommen.«

Cardegee stöhnte und warf einen verstohlenen Blick auf die Schlittenspur. Der Schlitten hatte jetzt einen Hang erreicht, er war kaum noch zwei Kilometer entfernt, und die Hunde liefen in vollem Trabe, leicht und ohne Anstrengung.

»Wie weit sind die Schatten noch von der Linie entfernt?«

Kent trat an die primitive Uhr und studierte sie. »Drei Zoll«, erklärte er nach sorgfältiger Untersuchung.

»Sag' mal, du wirst doch wohl acht Glasen rufen, ehe du schießt, nicht wahr?«

Kent bejahte es und versank wieder in Schweigen; die Riemen um Cardegees Handgelenke dehnten sich langsam, und er bekam schon allmählich die Hände frei.

»Sag«, wie weit sind die Schatten jetzt?«

»Einen Zoll.«

Der Seemann machte eine leichte Drehung, um sicher zu sein, daß er im rechten Augenblick in das Loch fallen konnte, und schob sich gleichzeitig die erste Schlinge über die Hände.

»Wie weit?«

»Einen halben Zoll.« In diesem Augenblick hörte Kent das knirschende Geräusch von Schlittenkufen und wandte sich der Schlittenspur zu. Der Mann, der dort angefahren kam, lag bäuchlings auf dem Schlitten, und die Hunde flogen die gerade Strecke zur Hütte heran. Kent drehte sich hastig um und hob sein Gewehr an die Schulter.

»Es ist noch nicht acht Glasen!« wandte Cardegee ein. »Und ich werde dir erscheinen – verlaß dich drauf.«

Jacob Kent bedachte sich. Er stand neben der Sonnenuhr, vielleicht zehn Schritt von seinem Opfer. Der Mann auf dem Schlitten mußte gesehen haben, daß etwas Ungewöhnliches im Gange war, denn er erhob sich auf die Knie und peitschte wie toll auf seine Hunde los.

Die Schatten erreichten die Linie, und Kent blickte den Lauf entlang.

»Bist du bereit?« sagte er feierlich. »Acht Gl–«

Aber den Bruchteil einer Sekunde zu früh war Cardegee rücklings in das Loch gerollt. Kent nahm den Finger vom Drücker und lief hin.

Päng! Die Büchse explodierte dem Seemann, der sich erhob, mitten ins Gesicht. Aber es kam kein Rauch aus der Mündung, dagegen eine mächtige Flamme in der Nähe des Kolbens, und Jacob Kent fiel. Die Hunde stürzten den Hang herauf, schleppten den Schlitten über ihn hinweg, und der Fahrer sprang im selben Augenblick ab, als Cardegee seine Hände frei bekam und aus dem Loch kletterte.

»Jim!« Der andere kannte ihn. »Was ist hier los?«

»Was los ist? Ach, nichts, das sind nur Kleinigkeiten, die ich für meine Gesundheit tue. Was los ist, du verfluchter Idiot? Was los ist, fragst du? Mach' mir die Hände frei, oder ich zeig' dir, was eine Schwarte ist! Ein bißchen schnell – wenn du nicht willst, daß ich ein Deck mit dir scheuere!«

»Huh!« fügte er hinzu, während der andere ihn mit seinem Klappmesser befreite. »Was los ist, das möchte ich selber gern wissen. Kannst du es mir vielleicht sagen, du Esel?«

Als sie Jacob Kent auf die Seite drehten, war er mausetot. Die Büchse, ein altertümlicher, schwerer Vorderlader, lag neben ihm. Stahl und Holz waren auseinandergesprengt. Das Ende des rechten Laufes zeigte einen klaffenden Riß, der mehrere Zoll lang war. Der Seemann hob ihn neugierig auf. Ein glitzernder Strom von Goldstaub lief durch den Sprung heraus, und im selben Augenblick verstand Jim Cardegee den Zusammenhang.

»Weiß der Teufel,« brüllte er, »das ist doch die Höhe! Hier ist sein verfluchter Goldstaub. Gott strafe mich und dich dazu, Charley, wenn du nicht gleich läufst und einen Waschzuber holst!«


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