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Was sie nie vergessen

Fortune la Pearle bahnte sich seinen Weg durch den Schnee, stöhnend, kämpfend, sein Unglück, Alaska, Nome, die Karten und den Mann, den sein Messer gefällt hatte, verfluchend. Das warme Blut gefror auf seinen Händen, und der ganze Auftritt stand immer noch mit grellen Farben vor seinen Augen – der Mann, der sich an der Tischkante hielt und langsam zu Boden sank, und die Karten, die nach allen Seiten flogen, der Schauder, der sich schnell durch den ganzen Raum fortpflanzte, und die tiefe Stille; die Croupiers, die nicht mehr riefen, und das Rasseln der Jetons, das plötzlich verstummte; die entsetzten Gesichter, der endlose Augenblick der Stille und dann endlich das mächtige Gebrüll von Mord und die Rachewoge, die über ihm zusammenschlug und die ganze Stadt rasend hinter ihm hertrieb.

»Die Hölle ist losgelassen«, spottete er, während er sich in der Dunkelheit seitwärts wandte und ans Ufer stürzte.

In den offnen Türen schimmerte Licht, und aus Zelten, Hütten und Tanzlokalen kamen die Leute herausgeschossen, um sich an der wilden Jagd zu beteiligen. Die Rufe der Männer und das Heulen der Hunde erklang in seinen Ohren und trieb ihn noch mehr an. Er lief. Die Geräusche wurden undeutlicher, und die Verfolger verstreuten sich in unnützer Wut und zwecklosem Suchen. Aber ein Schatten heftete sich an seine Fersen. Er warf einen Blick über die Schulter zurück und sah ihn bald, wie sich seine unsicheren Umrisse von einem großen, freien Schneefeld abzeichneten, bald wie er mit dem tieferen Schatten einer Hütte oder mit dem eines an Land gezogenen Bootes verschwamm.

Vor Schwäche fluchte Fortune la Pearle wie ein Weib, fast mit Tränen in der Stimme, eine Folge der Erschöpfung, und stürzte sich noch tiefer in die Wirrnis von Eisschollen, Zelten und Durchgängen. Er stolperte über ausgespannte Leinen und Gepäckhaufen, fiel über völlig sinnlos angebrachte Zeltpardunen und -pflöcke und stürzte immer wieder auf gefrorenen Abladeplätzen und über Treibholzstapel. Manchmal, wenn er meinte, entkommen zu sein, verlangsamte er seine Schritte, während ihm schwarz vor Augen wurde, so qualvoll hämmerte das Herz in seiner Brust, und sein Atem war kurz und schwer, als sollte er ersticken; aber immer wieder tauchte der Schatten aus dem Dunkel auf und zwang ihn, den Lauf mit derselben Schnelligkeit fortzusetzen.

Da erhob sich blitzschnell ein neuer Gedanke in seinem Hirn, und ihm folgte der Aberglauben, der ihn mit seiner eiskalten Hand packte. Die Beharrlichkeit des Schattens wurde ihm, dem Spieler, zum Symbol. Schweigsam, unerbittlich, unentrinnbar, wurde er ihm wie das Schicksal, das bei der letzten Wegbiegung wartet, wo Gewinn und Verlust abgerechnet werden. Fortune la Pearle glaubte an die seltenen Augenblicke, in denen auf viele Dinge Licht geworfen wird and der Verstand Zeit und Raum abschleudert, um sich nackt in die Ewigkeit zu erheben und in dem offenen Buch des Geschicks die Tatsachen zu lesen. Daß jetzt ein solcher Augenblick gekommen war, bezweifelte er nicht, und als er landeinwärts und über die schneebedeckte Tundra eilte, erschrak er nicht, als er sah, wie der Schatten festere Formen annahm und ihm näher auf den Leib rückte. Von einem seltsamen Gefühl der Ohnmacht beschwert, blieb er mitten in der weißen Einöde stehen und machte hastig kehrt. Seine rechte Hand fuhr aus dem Fäustling, und ein schußbereiter Revolver funkelte im Sternenlicht.

»Schieß nicht! Ich hab' kein Gewehr!«

Der Schatten hatte jetzt feste Formen angenommen, und beim Klang der menschlichen Stimme begannen Fortune la Pearle die Knie zu zittern, und die plötzliche Erleichterung wirkte so stark, daß ihm beinahe übel wurde.

Vielleicht kam es anders, weil Uri Bram an diesem Abend kein Gewehr bei sich hatte, als er auf dem harten Ufer des Eldorado saß und einen Mord geschehen sah. Das ist wohl auch die Ursache, daß er bald darauf auf die »Lange Reise« zog, mit einem Begleiter, mit dem er nur sehr wenig Berührungspunkte hatte. Wie dem aber nun auch sein mochte, so brummte er jedenfalls noch einmal:

»Schieß nicht! Kannst du nicht sehen, daß ich kein Schießeisen habe?«

»Warum bist du dann aber hinter mir her, zum Kuckuck noch mal?« fragte der Spieler und senkte seinen Revolver.

Uri Bram zuckte die Achseln. »Das kann ja einerlei sein. Ich will, daß du mit mir kommst!«

»Wohin?«

»Nach meiner Hütte, am Rande des Lagers.«

Aber Fortune la Pearle stieß seinen Mokassinabsatz in den Schnee und rief seine verschiedenen Götter zu Zeugen von Uri Brams Verrücktheit an.

»Wer bist du?« sagte er. »Und wer bin ich, daß ich meinen Kopf auf deinen Befehl in die Schlinge stecken soll?«

»Ich bin Uri Bram,« sagte der andere schlicht, »und meine Hütte liegt drüben am Rande des Lagers. Ich weiß nicht, wer du bist, aber du hast einem lebendigen Mann die Seele zum Körper hinausgejagt, ja – dein Ärmel ist rot von Blut – und du bist wie ein neuer Kain, gegen den die Hand der Menschen erhoben ist, und der keine Stätte findet, wo er sein Haupt niederlegen kann. Schau, ich hab' eine Hütte –«

»Bei der Liebe deiner Mutter, Mann, so halt doch das Maul«, fiel Fortune la Pearle ihm ins Wort. »Sonst endet es damit, daß ich dich zu einem neuen Abel mache, und zwar aus reiner Freude an der Sache. Ja, Gott helfe mir – wenn ich es nicht tue! Tausend Mann sind hinter mir her, suchen mich, was soll ich da mit deiner Hütte? Ich will weg von hier, weg! Weg! Verfluchtes Schwein! Ich hätte Lust, umzukehren, wie ein Toller auf sie loszugehen, ein paar Stück von ihnen mit mir zu nehmen, diese Schweine! Ein einziger, herrlicher Kampf und dann fertig mit der ganzen verfluchten Geschichte! Es ist ein dreckiges Spiel, das Leben, ich hab' es satt!«

Er hielt inne, entsetzt, gelähmt von seiner grenzenlosen Verlassenheit, und Uri Bram nahm den Augenblick wahr. Er war sonst kein Mann vieler Worte, und die Rede, die er jetzt hielt, war die längste, die er je in seinem Leben gehalten hatte, außer der, die er viel später und an einer ganz andern Stelle noch halten sollte.

»Deshalb erzähle ich dir ja von meiner Hütte. Ich kann dich dort so verstecken, daß sie dich nie finden. Ich habe eine Unmenge Proviant. Sonst entkommst du nie. Es gibt keine Hunde, nichts, und das Meer ist zugefroren. St. Michael ist die nächste Poststation, und dort posaunen sie die Neuigkeit aus, ehe du da bist, und ebenso steht es mit dem Hafen von Anvik – nein, du hast nicht die geringste Möglichkeit! Es ist besser, du bleibst bei mir, bis der Rauch sich verzogen hat. Ehe ein Monat vergangen ist, haben sie dich schon über dem Wettrennen nach York oder Gott weiß was sonst vergessen, und du kannst direkt vor ihrer Nase losziehen, ohne daß sie sich im geringsten darum kümmern. Ich habe meine eigenen Ideen in bezug auf Gerechtigkeit. Als ich dir vom Eldorado am Flußufer entlang nachlief, geschah es nicht, um dich zu fangen und dich der Obrigkeit zu übergeben. Ich habe, wie gesagt, meine Ideen, aber ganz andere.«

Der Mörder zog schweigend ein Gebetbuch aus der Tasche. Und während das Nordlicht gelb im Nordosten schimmerte, entblößten die beiden Männer im Frost ihre Häupter und faßten mit bloßen Händen das heilige Buch; Fortune la Pearle ließ Uri Bram das, was er gesagt, beschwören, ein Eid, den Uri Bram nie zu brechen gedachte und auch nie brach.

In der Tür zur Hütte zauderte der Spieler einen Augenblick verwundert, was für ein merkwürdiger Mann ihm zu Hilfe gekommen war, und sein Gemüt wurde von Zweifel erfüllt. Als aber Licht angezündet wurde, sah er, daß es eine sehr gemütliche Hütte war, ohne andere Bewohner, und er drehte sich hastig eine Zigarette, während der andere Kaffee bereitete. Seine Muskeln erschlafften in der Wärme, er lehnte sich mit angenommener Gleichgültigkeit zurück und studierte durch die Rauchringe aufmerksam das Gesicht Uri Brams. Es war ein starkes Gesicht, aber die Stärke in ihm war von der besonderen Art, die sich selbst genügt und keine Verbindung mit etwas anderm hat. Die Furchen darin waren tief, fast wie Narben, und nicht die geringste Spur von Sympathie oder Humor milderte die harten Züge. Die Augen schimmerten kalt und grau unter den dichten, buschigen Brauen. Unter den hohen Backenknochen lagen tiefe Höhlen, die dem Gesicht etwas Abstoßendes verliehen. Kinn und Untergesicht deuteten auf ein Zielbewußtsein, das, wie die schmale Stirn bezeugte, sehr einseitig und, wenn nötig, schonungslos war. Alles war hart und barsch – die Nase, die Lippen, die Stimme, der Zug um den Mund. Dieses Gesicht zeugte davon, daß hier ein Mann war, der viel allein lebte und nicht gewohnt war, die Welt um Rat zu fragen; ein Mann, der des Nachts oft mit den Engeln kämpfte und dem neuen Tag mit zusammengebissenen Zähnen entgegenging, damit niemand von seinem Kampfe etwas ahnte. Sein Wesen war eng, aber tief, und Fortune, dessen eigenes Verhältnis zur Menschheit weit und flach war, konnte ihn nicht verstehen. Hätte Uri gesungen, wenn er froh, hätte er geseufzt, wenn er betrübt war, so würde er es verstanden haben; jetzt aber konnte er die rätselhaften Gesichtszüge nicht deuten und die Seele, die dahinter lag, nicht ermessen.

»Hilf mir, Mann«, gebot Uri, als sie ihre Tassen geleert hatten. »Wir müssen uns auf Besuch vorbereiten.«

Fortune half dem andern, und er tat es sehr vernünftig. Die Bettstelle nahm eine Ecke an der Rückwand der Hütte ein. Sie war sehr primitiv, ihr Boden bestand aus Brettern aus Treibholz, die mit Moos bedeckt waren. Am Fußende standen die Enden dieser Bretter in ungleicher Länge hervor. Uri riß das Moos auf der der Wand zunächst befindlichen Seite fort und entfernte drei von den Brettern. Die ungleichen Enden wurden abgesägt und wieder so angebracht, daß die vorspringenden Reihen nicht unterbrochen wurden.

Fortune holte aus der Vorratskammer einige Mehlsäcke und legte sie unter der Öffnung auf den Fußboden. Obendrauf legte Uri ein paar lange Seesäcke, und hierüber breitete er dann mehrere Lagen Moos und Decken. Und hier konnte Fortune liegen, während der Schlafsack über die ganze Bettstelle von einer Seite zur andern gebreitet wurde, so daß jeder, der sie sah, sie für leer halten mußte.

In den folgenden Wochen erschienen mehrere Besucher in der Hütte. Keine Hütte und kein Zelt entging dieser Untersuchung. Aber Fortune lag ungestört in seinem engen Versteck, und im übrigen interessierte sich auch niemand besonders für Uri Brams Hütte, denn sie war wohl die letzte Stelle auf Erden, wo man erwarten konnte, John Randolphs Mörder zu finden. Abgesehen von diesen Unterbrechungen faulenzte Fortune in der Hütte, legte eine Patience nach der andern und rauchte zahllose Zigaretten. Obwohl er bei seinem flüchtigen Naturell Heiterkeit, Scherz und Lachen liebte, gewöhnte er sich doch schnell an Uris Schweigsamkeit. Sie sprachen nie miteinander, außer, um darüber zu diskutieren, was seine Verfolger unternahmen oder vorhatten, wie die Wege waren und wie die Hunde im Preise standen, und das taten sie auch nur in langen Abständen und mit so wenig Worten wie möglich.

Aber Fortune begann ein System auszuarbeiten und tat Stunde auf Stunde, Tag für Tag nichts, als Karten zu mischen und zu geben, Karten zu mischen und zu geben, und er schrieb die Karten in langen Reihen auf und mischte und gab wieder. Schließlich aber begann selbst diese Beschäftigung ihr Interesse für ihn zu verlieren, und, den Kopf über den Tisch gebeugt, saß er da und malte sich die lustigen Lokale aus, die die ganze Nacht geöffnet waren, wo Croupiers und Inspektoren scharenweise arbeiteten, und wo das Klappern der Roulettekugel nie verstummte. In solchen Augenblicken fühlte er sich von seiner Einsamkeit und dem Gefühl, daß alles für ihn fehlgeschlagen war, gelähmt, und er konnte stundenlang in derselben Stellung dasitzen, ohne auch nur mit den Augen zu blinzeln oder sich zu regen. Dann wieder machte sich eine lang zurückgedämmte Bitterkeit in leidenschaftlichen Ausbrüchen Luft, denn er war alles eher als zufrieden mit seinem jetzigen Leben.

»Das Leben ist ein dreckiges Spiel«, lautete seine beständige Klage, und dies Thema variierte er ins Unendliche.

»Ich habe nie eine ehrliche Chance gehabt«, klagte er. »Von Geburt an bin ich genarrt worden, und selbst die Milch in der Brust meiner Mutter war verfälscht. Ihr hat man falsche Würfel gegeben, als sie mitspielen sollte, und meine Geburt war der Beweis dafür, daß sie verloren hatte.

Aber das war noch kein Grund, daß sie mich hassen sollte, und doch tat sie es – ja, sie tat es! Warum gab sie mir keine Chance? Warum gab die Welt mir keine? Warum kam ich in Seattle auf den Hund? Warum reiste ich im Zwischendeck nach Nome und lebte wie ein Schwein? Warum ging ich ins Eldorado? Ich wollte zum Großen Peter und ging nur hinein, um mir ein Streichholz geben zu lassen. Warum hatte ich Lust zu rauchen? Da siehst du! Alles arbeitete zusammen und paßte zueinander – das kleinste bißchen. Ja, und schon ehe ich geboren wurde! Ich möchte alles Gold, auf das ich mir je Hoffnung gemacht habe, wetten, daß es schon so war, ehe ich geboren wurde. Woher kam es, daß John Randolph Streit mit mir anfangen und erdolcht werden mußte? Verdammt noch mal! Er hatte es verdient! Warum konnte er nicht sein Maul halten und mir eine Chance geben? Er wußte, daß ich beinahe fertig war. Warum hielt er nicht die Finger davon? Ja, warum? Warum? Warum?« Und Fortune la Pearle wälzte sich auf dem Fußboden, während er seine zwecklosen Fragen an die ganze Weltordnung stellte.

Bei solchen Ausbrüchen sagte Uri nicht ein Wort und gab kein Lebenszeichen – es war nur, als ob seine grauen Augen, wie aus Mangel an Interesse, schlaff und trübe würden.

Diese beiden Männer hatten nichts miteinander gemein; darüber war Fortune sich hinreichend klar, und er fragte sich öfters, warum Uri ihm eigentlich geholfen haben mochte.

Aber schließlich war das Warten zu Ende. Selbst der Blutdurst einer ganzen Gesellschaft hält nicht ihrem Golddurst stand. Die Ermordung John Randolphs war bereits in die Annalen des Lagers eingetragen, und dabei blieb es. Wäre der Mörder erschienen, so würden die Leute in Nome sicher um die Wette gerannt sein, um der Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen. Aber die Frage, wo Fortune la Pearle geblieben war, interessierte sie nicht mehr. In den Flußbetten und an den roten Ufern gab es Gold, und wenn das Meer wieder eisfrei wurde, wollten die Männer, deren Beutel jetzt wohlgefüllt waren, dorthin fahren, wo die Annehmlichkeiten des Lebens für einen lächerlich niedrigen Preis zu kaufen waren.

So half Fortune denn eines Nachts Uri Bram die Hunde vor den Schlitten zu schirren und alles festzuzurren, und dann folgten die beiden der winterlichen Schlittenspur südwärts übers Eis. Aber es ging nicht weit nach Süden, denn bei St. Michael bogen sie nach Osten ab landeinwärts, gingen über die Wasserscheide und erreichten den Yukon bei Anvik, viele hundert Meilen von seiner Mündung. Dann ging es immer weiter, nach Nordosten, bei Koyokuk, Tanana und Minook vorbei, bis sie den großen Bogen beim Fort Yukon hinter sich gelassen, den nördlichen Polarkreis überschritten und ihn noch einmal auf dem Wege nach Süden über Yukon Flats passiert hatten. Es war eine sehr ermüdende Reise, und Fortune würde sich gewundert haben, warum der andere sie machte, hätte Uri ihm nicht erklärt, daß er einige Claims und Arbeiter bei Eagle habe. Eagle lag direkt an der Grenze; ein paar Meilen weiter wehte die britische Flagge über den Baracken des Fort Cudahy. Dann kamen Dawson, Pelly, Five Fingers, Windy Arm, Caribou Crossing, Linderman, Chilcoot und Dyea.

An dem Morgen, als sie Eagle passiert hatten, waren sie früh auf den Beinen. Es war die letzte Nacht, die sie gemeinsam im Zelt verbracht hatten, und jetzt sollte jeder seines Weges gehen. Fortune war es sehr leicht ums Herz. Eine Verheißung von Frühling ruhte über dem Lande, und die Tage begannen länger zu werden. Der Weg führte jetzt auf kanadisches Gebiet hinüber. Die Freiheit war nahe, die Sonne wollte wiederkehren, und mit jedem Tag kam er der großen Welt draußen näher. Außerdem hatte er reichlich Bewegungsfreiheit und konnte sich die Zukunft wieder in strahlenden Purpurfarben malen. Beim Frühstück pfiff er und sang Bruchstücke fröhlicher Lieder, während Uri die Hunde anschirrte und seine Sachen packte. Als aber alles fertig war, und Fortune schon der Boden unter den Füßen brannte, zog Uri einen Baumklotz ans Feuer und setzte sich.

»Hast du je vom ›Weg der toten Pferde‹ gehört?«

Er blickte sinnend auf, und Fortune schüttelte den Kopf, während er innerlich wütend über die Verzögerung war.

»Es geschieht zuweilen, daß man Leute unter Verhältnissen trifft, die man nie vergißt«, fuhr Uri fort, und er sprach leise und sehr langsam. »Ja, und unter solchen Verhältnissen traf ich einmal einen Mann auf dem ›Weg der toten Pferde‹. Im Jahre 1897 seine Ausrüstung über den weißen Paß zu schaffen, gehörte zu den Dingen, die den Mut manches Mannes knickten; es hatte seinen Grund, daß sie dem Weg den Namen gaben. Die Pferde starben wie die Fliegen beim ersten Frost, und von Skaguay bis Bennett lagen sie haufenweise da und verwesten. Sie starben auf dem Felsen, sie wurden auf dem Gipfel vergiftet; sie fielen aus Nahrungsmangel bei den Seen; sie stürzten neben der Schlittenbahn, wenn es eine gab, oder sie gingen durch; im Fluß ertranken sie mit ihrer Last auf dem Rücken oder zerschmetterten an den Steinen; sie brachen sich die Beine in den Spalten, und den Rücken, wenn sie sich mit ihrer Last überschlugen; sie versanken im Morast oder erstickten im Schlamm, und die Eingeweide wurden ihnen in den Mooren von den Markpfählen, die aufrecht im Schlamm standen, zerrissen; die Leute schossen sie nieder, ließen sie sich zu Tode rackern, und wenn sie fertig waren, kehrten sie an den Strand zurück, um neue Pferde zu kaufen. Manche gaben sich nicht einmal die Mühe, sie zu erschießen, sondern rissen ihnen nur Sättel und Hufeisen ab und ließen sie liegen, wo sie niedergestürzt waren. Ihre Herzen wurden hart wie Stein – wenn sie nicht ganz den Mut verloren, sie wurden wie Tiere, diese Männer auf dem ›Weg der toten Pferde‹.

Dort war es, wo ich einen Mann mit einem Herzen und einer Geduld wie Christus fand. Und er spielte ehrliches Spiel. Wenn er sich zur Mittagszeit ausruhte, nahm er den Pferden ihre Last ab, so daß auch sie sich ausruhen konnten. Er bezahlte fünfzig Dollar für hundert Pfund Futter und noch mehr. Er nahm sein eigenes Bettzeug, um ihnen den Rücken zu verbinden, wenn sie sich wundgeritten hatten. Andere Männer ließen die Sättel sich Löcher fressen, so groß wie Wassereimer, und manche ließen die Tiere, wenn sie die Hufeisen verloren hatten, traben, bis ihre Hufe bis aufs blutige Fleisch abgenutzt waren. Er verwandte seinen letzten Dollar für Hufeisennägel. Ich weiß es, denn wir schliefen im selben Bett, aßen aus demselben Topf und wurden wie Brüder dort, wo Männer das Dasein nicht mehr ertragen konnten und mit Gotteslästerungen auf den Lippen starben. Nie war er zu müde, um einen Riemen zu lockern oder einen Sattelgurt anzuziehen, und oft hatte er Tränen in den Augen, wenn er das hoffnungslose Elend sah. An einer besonders steilen Stelle, wo die Tiere sich auf die Hinterbeine stellten und die Vorderbeine wie Katzen hoben, um über die Felswand zu gelangen, war der Weg mit Leichen von Pferden übersät, die nicht hatten hinüberkommen können. Und da stand er nun, mitten in diesem Höllengestank, stets bereit, sie im rechten Augenblick mit einem freundlichen Zuruf zu ermuntern und von hinten nachzuschieben, bis alle hinüber waren. Und als eines von ihnen im Schlamm versank, versperrte er den Weg, bis es wieder herausgezogen war, und keiner wagte es, ihn anzutreiben.

Als wir das Ende des Weges erreichten, kam ein Mann, der fünfzig Pferde zu Tode gepeinigt hatte, und wollte kaufen, aber wir sahen ihn an und unsere Tiere – Berg- und Präriepferde aus dem östlichen Oregon. Er bot uns fünftausend. – Und wir waren vollkommen ausgesogen, aber wir dachten an das giftige Gras auf dem Gipfel und an den Übergang bei dem Felsen. Und der Mann, der mein Bruder war, sprach nicht ein Wort, sondern teilte die Tiere zwischen uns – und er sah mich an, und wir verstanden uns. Und dann trieb er die meinen nach der einen Seite und ich die seinen nach der andern Seite. Und wir nahmen unsere Büchsen und erschossen sie, während der Mann, der fünfzig Pferde getötet hatte, uns verfluchte, bis er ganz trocken im Halse war. Aber der Mann, mit dem ich Brüderschaft geschlossen hatte auf dem ›Weg der toten Pferde‹ – –«

»Ja, der Mann war natürlich John Randolph.« Fortune beendete den Satz für ihn, und ein spöttischer Klang war in seiner Stimme.

Uri nickte und sagte: »Es freut mich, daß du mich verstanden hast.«

»Ich bin bereit«, antwortete Fortune, und sein Gesicht nahm den alten, müden, bitteren Ausdruck an. »Los, aber mach' schnell.«

Uri Bram erhob sich. »Ich habe mein ganzes Leben lang an Gott geglaubt. Ich glaube, er liebt Gerechtigkeit. Er sieht in diesem Augenblick auf uns herab und wählt zwischen uns. Er wartet darauf, daß sein Wille durch meinen rechten Arm erfüllt werde. Und so stark ist mein Glaube, daß ich uns beiden dieselbe Chance geben und ihn zwischen uns richten lassen will.«

Fortunes Herz klopfte vor Freude bei diesen Worten. Er wußte nicht viel von Uris Gott, aber er glaubte an das Glück, und das Glück war auf seiner Seite gewesen seit dem Abend, als er am Ufer über den Schnee lief. »Aber wir haben nur eine Schußwaffe«, wandte er ein.

»Wir schießen nacheinander«, sagte Uri, indem er den Revolver des andern untersuchte.

»Und die Karten sollen entscheiden.«

Fortunes Blut wurde heiß, und als Uri nickte, zog er die Karten aus der Tasche. Sicher: das Glück würde ihn nicht im Stiche lassen. Er dachte an die Sonne, die jetzt zurückkehrte, nahm die Karten ab und zitterte vor Freude, als er sah, daß er geben sollte. Er mischte und gab, und Uri legte den Pik-Buben auf. Dann legten sie die Karten auf den Tisch. Uri hatte nicht einen einzigen Trumpf, er selber hingegen As und Zwei. Die große Welt schien ihm sehr nahe, als sie die fünfzig Schritte abzumessen begannen.

»Wenn Gott seine Hand zurückhält und du mich triffst, sind Hunde und Ausrüstung dein. Du wirst in meiner Tasche eine ausgefertigte Übertragungsurkunde finden«, erklärte Uri, der aufrecht dastand und seine Brust breit der Kugel bot.

Fortune riß sich mit einer hastigen Bewegung vom Anblick der Sonne los, die auf das Wasser schien, und zielte. Er war sehr vorsichtig. Zweimal senkte er den Revolver, als der Frühlingswind die Kiefern erzittern ließ. Das dritte Mal aber beugte er das Knie, faßte den Revolver mit beiden Händen und drückte ab. Uri drehte sich halb herum, hob beide Arme und sank in den Schnee. Fortune wußte, daß er ihn zu weit seitwärts getroffen hatte – sonst hätte der Mann sich nicht gedreht.

Als Uri die Herrschaft über seine Glieder wiedergewonnen hatte und mühselig auf die Füße kam, hätte Fortune am liebsten noch einmal geschossen. Aber er schob den Gedanken von sich. Das Glück war ihm schon günstig gewesen. Und betrog er jetzt, so würde er es bei einer andern Gelegenheit bezahlen müssen. Nein, ehrliches Spiel. Außerdem war Uri schwer verwundet und konnte unmöglich den schweren Revolver lange genug halten, um richtig zu zielen.

»Und wo ist dein Gott jetzt?« spottete er, indem er dem Verwundeten den Revolver reichte.

Und Uri antwortete: »Gott hat noch nicht gesprochen. Sei bereit, das Urteil zu hören.«

Fortune wandte sich ihm halb zu, drehte aber die Brust seitwärts, um ein kleines Ziel zu bieten. Uri wankte wie ein Betrunkener, wartete aber auch eine kurze Pause zwischen den leichten Windstößen ab. Der Revolver war sehr schwer, und wie Fortune vermutet hatte, war er im Zweifel, ob er ihn halten könnte. Aber er hob ihn mit ausgestrecktem Arm über den Kopf und senkte ihn dann langsam. In dem Augenblick, als Fortunes linke Brust und das Zielkorn eine Linie mit seinem Auge bildeten, drückte er ab. Fortune drehte sich nicht, aber das heitere San Franzisko verwischte sich und verblaßte, und während der sonnige Schnee immer schwärzer wurde, hauchte er seinen letzten Fluch gegen das Dasein, das er nicht zu benutzen verstanden hatte.


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