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Kapitel VII.
Von den Partikeln.

§ 1. Philal. Außer den Worten, welche dazu dienen, die Ideen zu benennen, hat man solche nötig, welche den Zusammenhang der Ideen oder der Sätze bezeichnen. Das ist, das ist nicht, sind die allgemeinen Zeichen der Bejahung oder der Verneinung. Außer den einzelnen Satzteilen aber verbindet der Geist auch ganze Urteile oder Sätze, § 2, indem er hierfür Worte gebraucht, die den Zusammenhang der verschiedenen Bejahungen und Verneinungen ausdrücken und die man Partikeln zu nennen pflegt. In ihrem richtigen Gebrauch besteht hauptsächlich die Kunst des Wohlredens. Damit also die Schlußfolgerungen methodische Folgerichtigkeit haben, braucht man Ausdrücke, welche den Zusammenhang, die Einschränkung, den Unterschied, den Gegensatz, den Nachdruck usw. anzeigen, und wenn man sich dabei irrt, bringt man den Zuhörer in Verwirrung.

Theoph. Ich gestehe, daß die Partikel von großem Nutzen sind, aber ob die Kunst des Wohlredens auf ihnen hauptsächlich beruht, weiß ich doch nicht. Wenn jemand nur Aphorismen gäbe oder abgesonderte Thesen, – wie dies auf den Universitäten oft geschieht, oder in dem, was die Juristen ein artikuliertes Buch zu nennen pflegen, oder in den Artikeln, die man den Zeugen vorlegt, – so kann man sich hierbei, wenn man nur die Sätze gut ordnet, fast ebenso verständlich machen, als wenn man Verbindungen und Partikeln beifügt; denn der Leser ergänzt beides. Dagegen gestehe ich, daß es ihn verwirren müßte, wenn man die Partikeln falsch anwenden wollte, und zwar viel mehr, als wenn man sie ausließe. Auch scheint es mir, daß die Partikeln nicht nur die Teile einer Rede, die sich aus einzelnen Sätzen, noch auch lediglich die Teile eines Satzes, der sich aus einzelnen Ideen zusammensetzt, miteinander verknüpfen, sondern auch die Teile der Idee selbst, sofern diese sich auf verschiedene Arten aus der Kombination anderer Ideen ergibt. Und zwar wird diese letztere Verknüpfung durch die Präpositionen bezeichnet, während die Adverbien auf der Bejahung und Verneinung, die im Verbum ausgedrückt wird, und die Konjunktionen auf die Verbindung verschiedener Bejahungen oder Verneinungen von Einfluß sind. Aber dies alles haben Sie ohne Zweifel schon selbst bemerkt, wenn auch Ihre Worte anders zu lauten scheinen Leibniz selbst hat die »Analysis der Partikeln« als eine Aufgabe der allgemeinen Grammatik bezeichnet und in Angriff genommen; vgl. Opusc. et fragm. inédits, éd. Couturat, S. 287ff..

§ 3. Philal. Der Teil der Grammatik, der die Partikeln behandelt, ist weniger ausgebildet worden, als der, welcher die Fälle, die Geschlechter, die Modi, die Zeiten, die Gerundien und Supina der Reihe nach darstellt. Allerdings hat man in einigen Sprachen auch die Partikeln mittels genauer Untereinteilungen mit scheinbar großer Genauigkeit unter Titel gebracht. Aber diese Listen durchzulaufen, genügt noch nicht; vielmehr muß man über seine eigenen Gedanken reflektieren, um die Formen, welche der Geist beim Denken gebraucht, zu beobachten; denn die Partikeln sind ganz ebenso Merkzeichen der geistigen Tätigkeit.

Theoph. Die Lehre von den Partikeln ist allerdings wichtig, und ich wünschte, daß man sie mehr im einzelnen bearbeitete. Denn nichts würde geeigneter sein, die verschiedenen Formen des Verstandes erkennbar zu machen. Die Geschlechter bedeuten für die philosophische Grammatik nichts, die Kasus aber entsprechen den Präpositionen, und oft steckt die Präposition im Worte selbst und ist gleichsam in ihm aufgegangen, während andere Partikeln in den Flexionen der Verba versteckt sind.

§ 4. Philal. Um die Partikeln richtig zu erklären, genügt es nicht (wie es gewöhnlich in den Wörterbüchern geschieht), sie mit den Worten einer anderen Sprache, die ihnen am nächsten kommen, wiederzugeben; denn ihr genauer Sinn ist in der einen wie in der anderen Sprache gleich schwer zu verstehen, abgesehen davon, daß die Bedeutungen verwandter Wörter in zwei Sprachen nicht immer genau dieselben sind und auch innerhalb ein und derselben Sprache wechseln. Ich erinnere mich, daß es in der hebräischen Sprache eine Partikel von einem einzigen Buchstaben gibt, von der man mehr als fünfzig Bedeutungen aufzählt Es ist damit das aus einem Konsonanten bestehende Umstandswort ל gemeint (Sch.).

Theoph. Es haben sich Gelehrte damit befaßt, eigene Abhandlungen über die Partikeln des Lateinischen, Griechischen und des Hebräischen zu verfassen und der berühmte Jurist Strauchius hat ein Buch über den Gebrauch der Partikeln in der Jurisprudenz, in welcher ihre Bedeutung von nicht geringem Gewicht ist, geschrieben »Lexicon particularum juris sive de usu et efficacia quorundam syncategorematum et particularum indeclinabilium«. Joh. Strauch (1612-1680) ist Leibnizens Oheim von mütterlicher Seite gewesen; vgl. Guhrauers Leibniz' Biographie I, 35 (Sch.).. Doch sucht man sie gewöhnlich mehr durch Beispiele und Synonyme zu erklären, als durch deutliche Begriffe. Auch kann man für sie nicht immer eine allgemeine oder formelle Bedeutung, wie der verstorbene Bohlius Samuel Bohlius (1611-1639) Professor in Rostock, der sich um das Studium des Hebräischen in Deutschland sehr verdient gemacht hat, wird von Leibniz wegen seiner Arbeiten über die Lehre von den hebräischen Vokal- und Akzentzeichen erwähnt (Dutens V, 190) (Sch.). es nannte, finden, die allen Beispielen Genüge leisten könnte; aber dessenungeachtet könnte man immer alle Anwendungen eines Wortes auf eine bestimmte Zahl von Bedeutungen zurückführen; und ebendies sollte man auch tun.

§ 5. Philal. In der Tat übertrifft die Zahl der Bedeutungen die der Partikeln beträchtlich. Im Englischen hat die Partikel » but« sehr verschiedene Bedeutungen: 1. wenn ich sage: but to say no more, so bedeutet das: aber um nicht mehr zu sagen, als wenn diese Partikel bezeichnete, daß der Geist auf seinem Wege, bevor er ihn durchmessen, innehält. Aber wenn ich sage: 2. I saw but two planets, d. h. ich sah nur zwei Planeten, so schränkt der Geist das, was er sagen will, auf das, was er bezeichnet, mit Ausschluß alles übrigen ein. Und wenn ich sage: 3. you pray, but it is not, that God would bring you to the true religion, but that he would confirm you in your own, d. h. »Ihr betet zu Gott, aber nicht, daß er Euch zur Erkenntnis der wahren Religion bringe, sondern daß er Euch in eurer eigenen Religion befestige«, so bezeichnet das erste dieser but (= aber) eine Annahme des Geistes, die anders ist, als sie sein sollte, während das zweite but (= sondern) anzeigt, daß der Geist zwischen dem folgenden und dem vorausgehenden Satze einen direkten Gegensatz macht. 4. All animals have sense, but a dog is an animal, d. h. alle Tiere haben Empfindung, nun ist aber der Hund ein Tier. Hier bezeichnet die Partikel die Verbindung des Untersatzes mit dem Obersatze.

Theoph. Das französische mais kann in allen diesen Fällen, den zweiten ausgenommen, für » but« gesetzt werden; während die deutsche Partikel »allein«, die eine Mischung der französischen Worte mais und seulement bedeutet, zweifelsohne in all diesen Beispielen, das letzte ausgenommen, wo man noch ein wenig zweifelhaft sein könnte, an seine Stelle treten könnte. Auch wird mais im Deutschen bald durch aber, bald durch sondern wiedergegeben, welches letztere eine Trennung oder Scheidung bezeichnet und sich der Partikel allein annähert. Um die Partikeln richtig zu erklären, genügt es jedoch nicht, eine abstrakte Erklärung von ihnen zu geben, wie wir es hier eben getan haben, sondern man muß zu einer Umschreibung schreiten, die an ihre Stelle gesetzt werden kann, wie die Definition an Stelle des Definierten treten kann. Wenn man sich die Mühe geben wollte, diese einsetzbaren Umschreibungen bei allen Partikeln, so weit sie dessen fähig sind, aufzusuchen und festzusetzen, so wird man ihre Bedeutungen damit bestimmt haben. Versuchen wir in unseren vier Beispielen uns dem zu nähern. Im ersten will man sagen: Zunächst soll nur hiervon die Rede sein und von nichts mehr (non più); im zweiten: Ich sah nur zwei Planeten und nicht mehr; im dritten: Ihr bittet Gott nur darum, nämlich in eurer Religion befestigt zu werden, und um nicht mehr; im vierten ist es, als ob man sagte: Alle Tiere haben Empfindungen, das allein hat man in Betracht zu ziehen und braucht nicht mehr. Der Hund ist ein Tier, also hat er Empfindung. Somit bezeichnen alle diese Beispiele Einschränkungen und ein Non plus ultra, sei es in den Dingen, sei es in der Rede. Auch bedeutet but ein Ende, eine Grenze unserer Laufbahn: als wollte man sagen: Halt, da sind wir, oder [in französischer Sprache]: nous sommes arrivés à notre but. But, Bute ist ein altes deutsches Wort, welches etwas Festes, einen Standort bedeutet. Beuten (ein veraltetes Wort, welches sich noch in einigen Kirchengesängen findet) heißt verweilen beuten = beiten; vgl. Grimm, Deutsches Wörterbuch (sub. v. »beiten«): »Dieses uralten starken Worts gehn wir seit dem 17. 18. Jahrh. verlustig und ersetzen es überall durch das ungefügere, oft doppelsinnige »warten« oder durch »harren« und »verziehen«; die oberdeutsche Volkssprache bewahrt es noch heute. Luther kannte und gebrauchte es, doch nicht in der Bibel. beiten ist bleiben manere, warten ist exspectare, attendere«.. Das mais hat seinen Ursprung von magis, wie wenn jemand sagen wollte: » Was das weitere angeht, so muß man das lassen,« was ebensoviel heißt, als: es braucht nicht mehr, es ist genug, kommen wir zu etwas anderem, oder das ist etwas anderes. Da aber der Sprachgebrauch auf wunderliche Art wechselt, so müßte man mit den Beispielen sehr ins einzelne gehen, um die Bedeutungen der Partikeln ordentlich zu bestimmen. Im Französischen vermeidet man das doppelte mais durch ein cepedant und würde sagen: Vous priez, cependant ce n'est pas pour obtenir la vérité, mais pour être confirmé dans votre opinion. (Ihr bittet, indessen nicht um die Wahrheit zu erlangen, sondern um in eurer Meinung befestigt zu werden.) Das sed der Lateiner wurde früher oft durch ains ausgedrückt, welches das anzi der Italiener ist, und die Franzosen haben, indem sie das Wort beseitigt haben, ihre Sprache um einen brauchbaren Ausdruck gebracht. Z. B. Il n'y avait rien de sûr, cependant on était persuadé de ce que je vous ai mandé, parce qu'on aime à croire ce qu'on souhaite, mais il s'est trouvé que ce n'éait pas cela, ains plutôt etc.

§ 6. Philal. Meine Absicht war, diesen Gegenstand nur ganz leicht zu berühren. Ich will noch hinzufügen, daß oft die Partikeln – sei es allgemein, sei es nur in einer bestimmten Konstruktion – den Sinn eines ganzen Satzes in sich schließen.

Theoph. Soll dieser Sinn indes ein vollständiger sein, so liegt hierbei, glaube ich, eine Art Ellipse vor; sonst können meiner Ansicht nach nur die Ausrufungswörter für sich allein Bestand haben und in einem Worte alles sagen, wie: Ach, Wehe. Denn wenn man » aber« sagt, ohne etwas anderes hinzuzufügen, so ist dies eine Ellipse, als sagte man etwa: Aber wir wollen erst abwarten und uns nicht vergeblich mit falschen Hoffnungen schmeicheln. Etwas dem Ähnliches gibt es im nisi der Lateiner; si nisi non esset, wenn es kein Aber gäbe. Übrigens wäre es mir ganz recht gewesen, wenn Sie auf die mancherlei Wendungen des Geistes, die in dem Gebrauch, den er von den Partikeln macht, wunderbar hervortreten, etwas mehr im einzelnen eingegangen wären. Aber da wir Grund zur Eile haben, um diese Untersuchung der Worte zu beenden und wieder zu den Dingen zurückzukommen, so will ich Sie hier nicht weiter aufhalten, obwohl ich wirklich glaube, daß die Sprachen der beste Spiegel des menschlichen Geistes sind und daß eine genaue Analyse der Wortbedeutungen besser als alles andere die Verrichtungen des Verstandes erkennen lassen würde.


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