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Kapitel V.
Von den Namen der gemischten Modi und der Relationsbegriffe.

§§ 2. 3 folg. Philal. Bildet aber nicht der Geist die gemischten Ideen, indem er die einfachen, wie es ihm gut scheint, vereinigt, ohne ein wirkliches Muster nötig zu haben, während ihm die einfachen Ideen der Dinge ohne seine Wahl durch das wirkliche Dasein der Dinge zukommen? Sieht man nicht oft, daß die komplexe Idee besteht, bevor die Sache selbst da ist?

Theoph. Wenn sie die Ideen für wirkliche Gedanken nehmen, so haben Sie recht. Aber ich sehe nicht ein, daß es nötig ist, Ihre Unterscheidung anzuwenden, wenn es sich um die Form oder die Möglichkeit dieser Gedanken selbst handelt, und gerade hierum handelt es sich doch in der idealen Welt, die man von der wirklichen Welt unterscheidet. Das wirkliche Dasein der Dinge, die nicht notwendig sind, ist eine Tatsache oder ein historisches Faktum; die Erkenntnis der Möglichkeiten und Notwendigkeiten dagegen (denn notwendig ist das, dessen Gegenteil nicht möglich ist) macht die demonstrativen Wissenschaften aus.

Philal. Aber besteht zwischen der Idee des Tötens und der des Menschen eine engere Verbindung, als zwischen der Idee des Tötens und der des Schafes? Ist Vatermord aus enger verbundenen Begriffen zusammengesetzt, als Kindesmord, und ist das Verbrechen, das die Engländer Stabbing nennen – einen Mord, der durch einen Stoß mit der Spitze des Degens verübt wird und der bei ihnen ein schlimmeres Vergehen ist, als wenn man durch einen Schlag mit der Schneide des Degens tötet –, natürlicher, so daß es einen besonderen Namen und eine besondere Idee verdient hat, die man z. B. der Handlung, ein Schaf zu töten, oder einen Menschen durch einen Schwertstreich zu töten, nicht zugestanden hat?

Theoph. Wenn es sich nur um Möglichkeiten handelt, so sind alle diese Vorstellungen gleich natürlich. Wer gesehen hat, wie man Schafe tötete, hat eine Idee dieser Handlung in Gedanken gehabt, obgleich er ihr keinen Namen gegeben und sie seiner Aufmerksamkeit nicht weiter gewürdigt haben mag. Warum sollen wir uns also auf die Namen beschränken, wenn es sich um die Ideen selbst handelt, und warum sollen wir uns mit dem Wert der Ideen der gemischten Modi im besonderen beschäftigen, wenn es sich um diese Ideen im allgemeinen handelt?

§ 6. Philal. Da die Menschen verschiedene Arten gemischter Modi willkürlich bilden, so hat dies zur Folge, daß man in der einen Sprache Worte findet, für die es in einer anderen Sprache nichts Entsprechendes gibt. Es gibt keine Worte in anderen Sprachen, welche dem bei den Römern gebräuchlichen Wort Versura oder dem Ausdruck Corban entsprechen, dessen sich die Juden bedienten Unter der römischen Versura (wörtlich: Wechsel) ist diejenige Operation zu verstehen, bei welcher man, um eine Schuld zu zahlen, neues Geld borgt, also nur den Gläubiger wechselt. – Corban bedeutet ursprünglich Opfer, dann aber Heiligung oder Bann als Wirkung des Opfers. Man vgl. Flavius Josephus. Contra Apionem, L. I, Cap. 22, p. 453 ed. Huds. (Sch.).. Man übersetzt dreist die lateinischen Wörter Hora, Pes und Libra mit Stunde, Fuß und Pfund, aber die Ideen, die der Römer mit ihnen verband, waren von den unserigen sehr verschieden.

Theoph. Wie ich sehe, wird jetzt vieles von dem, was wir erwähnt haben, als es sich um die Ideen selbst und ihre Arten handelte, wieder zugunsten der Namen dieser Ideen vorgebracht. Was die Namen und die Gebräuche der Menschen betrifft, so ist Ihre Bemerkung gut, aber sie ändert nichts an den Wissenschaften und an der Natur der Dinge. Wer eine allgemeine Grammatik schreiben wollte, würde allerdings gut tun, nicht bloß das Wesen der Sprachen, sondern auch ihre tatsächliche Existenz ins Auge zu fassen und die Grammatiken mehrerer Sprachen zu vergleichen, ebenso wie ein Autor, der eine allgemeine, aus der Vernunft geschöpfte Jurisprudenz schreiben wollte, wohl daran tun würde, Parallelen der Gesetze und Gebräuche der Völker hinzuzufügen, was nicht allein in der Praxis, sondern auch in der rein theoretischen Betrachtung von Nutzen wäre und dem Autor selbst Gelegenheit geben würde, auf verschiedene Erwägungen zu kommen, die ihm ohne dies entgangen sein würden. Indessen kommt es in der Wissenschaft selbst, sofern man sie losgelöst von ihrer Geschichte oder ihrem wirklichen Dasein betrachtet, nicht darauf an, ob die Völker sich dem Vernunftgebot gefügt haben oder nicht.

§ 9. Philal. Die zweifelhafte Bedeutung des Wortes Art ist schuld, daß manche daran Anstoß nehmen, wenn sie die Erklärung hören, daß die Arten der gemischten Modi durch den Verstand gebildet werden. Ich überlasse es indessen anderen, auszudenken, was eigentlich die Grenzen von jeder Sorte oder Art bestimmt, denn für mich sind diese Worte vollkommen gleichbedeutend.

Theoph. Gewöhnlich ist es die Natur der Dinge selbst, die diese Grenzen der Arten, z. B. die Grenzen zwischen Mensch und Tier, zwischen Stoßdegen und Haudegen, bestimmt. Doch gebe ich zu, daß es Begriffe gibt, bei denen in der Tat Willkür im Spiele ist, z. B. wenn es sich darum handelt, die Länge eines Fußes zu bestimmen, denn da die gerade Linie gleichförmig und unbestimmt ist, so sind auf ihr von Natur keine Grenzen verzeichnet. Ebenso gibt es auch unbestimmte und unvollkommene Wesenheiten, bei deren Bestimmung die Meinung mitwirkt, wie wenn man fragt, wie viele Haare man einem Menschen wenigstens lassen muß, damit er nicht kahl sei, welches ein Sophisma der Alten war, durch das man den Gegner in die Enge trieb,

Dum cadat elusus ratione ruentis acervi S. Horaz, Epist. II, 1, V. 45ff.:
»Utor permisso caudaeque pilos ut equinae
Paulatim vello et demo unum, demo etiam unum
Dum cadat elusus ratione ruentis acervi.«
.

Die wahre Antwort aber ist, daß die Natur diesen Begriff nicht bestimmt hat und die Meinung daran ihren Anteil hat, daß es Leute gibt, von denen man zweifelhaft sein kann, ob sie kahl sind oder nicht, und wieder andere, bei denen die Entscheidung zweideutig ausfallen kann und die den einen als kahl, den anderen dagegen nicht dafür gelten werden – wie Sie auch bemerkt hatten, daß ein Pferd, das man in Holland als klein ansieht, in Wales für groß gehalten werden wird Das Argument vom »Haufen«, (»Sorites«), das in seiner ursprünglichen Gestalt auf Zeno von Elea zurückgeht (vgl. Simplicius Phys. 255r) bildet einen bekannten Fangschluß der antiken Eristik; das Argument des Kahlköpfigen führt Diogenes Laertius (II, 108) auf den Megariker Eubulides zurück.. Etwas derartiges kommt selbst bei den einfachen Ideen vor, denn wie ich eben bemerkt habe, sind die äußersten Grenzen der Farben ungewiß. So gibt es denn auch Wesenheiten, die in der Tat zur Hälfte nominal sind und bei denen der Name auf die Definition der Sache von Einfluß ist: wie man z. B. den Grad oder die Würde eines Doktors, Ritters, Botschafters, Königs daran erkennt, daß jemand das anerkannte Recht, sich dieses Namens zu bedienen, erworben hat. Kein fremder Minister, wenn er auch noch so unumschränkte Vollmacht und ein noch so großes Gefolge haben mag, wird als Botschafter gelten, wenn ihm nicht sein Kreditiv diesen Namen verleiht. Aber diese Wesenheiten und Ideen sind in einem etwas anderen Sinn, als dem, den Sie erwähnt haben, als unbestimmt, zweifelhaft, willkürlich oder nominal zu bezeichnen.

§ 10. Philal. Es scheint jedoch, daß oft das Wesen der gemischten Modi, die Sie für nicht willkürlich halten, lediglich durch den Namen erhalten wird: so würden wir z. B. ohne den Namen Triumph kaum eine Vorstellung von dem haben, was bei den Römern bei dieser Gelegenheit vor sich ging.

Theoph. Ich gebe zu, daß der Name dazu dient, die Aufmerksamkeit auf die Dinge zu lenken und die Erinnerung an sie sowie ihre wirkliche Erkenntnis zu bewahren, aber dies hat mit der Frage, um die es sich hier handelt, nichts zu tun und macht die Wesenheiten nicht zu Namenwesen. Ich begreife nicht, warum die Anhänger Ihrer Meinung mit aller Gewalt wollen, daß die Wesenheiten selbst von der Wahl der Namen abhängig sein sollen. Es wäre zu wünschen gewesen, daß euer berühmter Autor, statt darauf zu bestehen, lieber mehr auf das Einzelne der Ideen und Modi eingegangen wäre und deren verschiedene Arten geordnet und entwickelt hätte. Auf diesem Wege wäre ich ihm mit Vergnügen und Nutzen gefolgt, denn es würde uns ohne Zweifel viel Licht verschafft haben.

§ 12. Philal. Wenn wir von einem Pferde oder von Eisen reden, so betrachten wir sie als Dinge, die uns die ursprünglichen Musterbilder unserer Ideen darbieten; wenn wir dagegen von den gemischten Modi oder wenigstens von den wichtigsten dieser Modi, nämlich von den moralischen Wesenheiten, wie von der Gerechtigkeit, der Dankbarkeit, sprechen, so nehmen wir an, daß ihre ursprünglichen Musterbilder sich in unserem Geiste befinden. Darum sprechen wir vom Begriff der Gerechtigkeit und der Mäßigkeit, nicht aber redet man von dem Begriff eines Pferdes und eines Steines.

Theoph. Die Musterbilder der Ideen sind in dem einen Fall ebenso real, wie in dem andern: denn die geistigen Eigenschaften sind nicht weniger real, als die des Körpers. Man kann freilich die Gerechtigkeit nicht sehen, wie man ein Pferd sieht, aber man begreift sie darum nicht weniger, oder vielmehr man begreift sie besser, und sie ist in den Handlungen ebenso enthalten, wie das Gerade und Schiefe in den Bewegungen, gleichviel ob man sie beachtet oder nicht. Und um Ihnen zu zeigen, daß die Menschen, und zwar gerade diejenigen, die in den menschlichen Dingen am fähigsten und erfahrensten sind, hierin meiner Meinung sind, brauche ich mich nur der Autorität der römischen Juristen zu bedienen, denen alle anderen folgen: denn diese nennen jene gemischten Modi oder moralischen Wesenheiten Sachen und insbesondere unkörperliche Sachen. So sind die Servituten (z. B. das Servitut des Durchgangs durch das Nachbargrundstück) bei ihnen res incorporales, an denen es ein Eigentumsrecht gibt, das man durch langen Gebrauch erwerben, das man besitzen und geltend machen kann. Was das Wort Begriff angeht, so haben sehr gescheite Leute es in eben so weitem Sinne, wie das Wort Idee, gebraucht; der lateinische Sprachgebrauch ist dem nicht entgegen, und ich weiß nicht, ob der der Engländer und Franzosen dieser Anwendung widerspricht.

§ 15. Philal. Es ist noch zu bemerken, daß man die Namen der gemischten Modi früher als ihre Ideen kennen lernt; sofern erst der Name erkennen läßt, daß diese Idee bemerkt zu werden verdient.

Theoph. Diese Bemerkung ist gut, obgleich allerdings heutzutage die Kinder mit Hilfe der Namen-Register nicht nur die Namen der Modi, sondern auch die der Substanzen vor den Dingen, ja sogar die Namen der Substanzen früher als die der Modi lernen. Denn es ist ein Fehler eben dieser Namen-Register, daß man in ihnen lediglich die Nomina, nicht aber die Verba aufführt, ohne zu bedenken, daß die Zeitwörter, wiewohl sie Modi bezeichnen, in der Unterhaltung notwendiger sind als die meisten Hauptwörter, die besondere Substanzen bezeichnen.


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