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Kapitel VI.
Von den Namen der Substanzen.

§ 1. Philal. Die Gattungen und Spezies der Substanzen, wie der anderen Wesen, sind nur Arten. Die Sonnen z. B. sind eine Art von Sternen, d. h. es sind Fixsterne, denn man nimmt nicht ohne Grund an, daß jeder Fixstern jemand, der sich in der richtigen Entfernung von ihm befände, als eine Sonne erscheinen würde. § 2. Nun ist das, was jede Art begrenzt, ihre Wesenheit. § 3. Diese wird erkannt entweder durch das Innere ihrer Bildung oder durch äußere Merkmale, kraft derer wir sie zu erkennen und mit einem bestimmten Namen zu bezeichnen vermögen. So kann man die Uhr des Straßburger Münsters entweder in der Weise des Uhrmachers kennen, der sie verfertigt hat, oder in der Weise eines Zuschauers, der ihre Verrichtungen sieht.

Theoph. Wenn Sie sich so ausdrücken, habe ich nichts dagegen einzuwenden.

Philal. Ich drücke mich auf eine Weise aus, die geeignet ist, unsere Streitigkeiten nicht wieder aufleben zu lassen. Ich füge jetzt hinzu, daß sich die Wesenheit nur auf die Arten bezieht und daß den Individuen nichts wesentlich ist. Ein Unglücksfall oder eine Krankheit kann meine Hautfarbe oder meine Gestalt verändern, ein Fieber oder ein Fall kann mir die Vernunft oder das Gedächtnis rauben, ein Schlagfluß kann mich dazu bringen, daß ich weder Empfindung noch Verstand noch Leben habe. Fragt man mich, ob es mir wesentlich ist, Vernunft zu haben, so werde ich mit Nein antworten.

Theoph. Ich glaube, daß die Individuen wesentliche Bestimmungen besitzen, und zwar mehr, als man denkt. Es ist den Substanzen wesentlich, tätig zu sein, den geschaffenen Substanzen, zu leiden, den Geistern, zu denken, den Körpern, Ausdehnung und Bewegung zu haben. D. h. es gibt Arten oder Spezies, denen ein Individuum (wenigstens innerhalb der natürlichen Ordnung) beständig zugehören muß, wenn es ihnen einmal zugehört hat, welche Umwälzungen auch in der Natur vorfallen mögen. Es gibt aber auch Arten oder Spezies, die, wie ich zugestehe, den Individuen zufällig sind, und in diesem Falle können sie aufhören, dieser Art anzugehören. So kann man aufhören gesund, schön, weise, ja auch sichtbar und fühlbar zu sein, man hört aber nicht auf, Leben, Organe und Bewußtsein zu haben. Ich habe schon früher hinlänglich erklärt, warum es den Menschen so scheint, als ob das Leben und das Denken mitunter erlöschen, obgleich in Wahrheit beides fortdauert und seine Wirkung tut.

§ 8. Philal. Zahlreiche Individuen, die man unter einen gemeinsamen Namen zusammenfaßt und als einer einzigen Art zugehörig betrachtet, haben doch sehr verschiedene Eigenschaften, die von ihren realen (besonderen) Beschaffenheiten abhangen. Jeder, der sich mit der Untersuchung der Naturkörper beschäftigt, bemerkt dies ohne Mühe, und die Chemiker überzeugen sich davon oft durch ärgerliche Erfahrungen, indem sie vergeblich in einem Stück Spiesglanz, Schwefel und Vitriol die Eigenschaften suchen, die sie in anderen Stücken dieser Mineralien gefunden haben.

Theoph. Das ist vollkommen richtig, und ich wüßte selbst hiervon zu erzählen; auch hat man ganze Bücher de infido experimentorum chymicorum successu ( über den unsicheren Erfolg chemischer Experimente) geschrieben. Die Täuschung geschieht aber dadurch, daß man diese Körper für gleichartig oder einförmig hält, während sie mehr, als man denkt, Mischungen sind; denn was die ungleichmäßigen Körper betrifft, so wundert man sich bei ihnen nicht, Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Exemplaren wahrzunehmen, und die Ärzte wissen nur gar zu wohl, wie verschieden die Temperamente und das Naturell der menschlichen Körper sind. Man wird, mit einem Worte, niemals die letzten logischen Arten finden, wie ich schon früher bemerkt habe; und niemals sind zwei wirkliche und vollständige Individuen derselben Art einander vollkommen gleich.

Philal. Wir bemerken nicht alle diese Unterschiede, weil wir nicht die kleinen Teile, folglich auch nicht die innere Bildung der Dinge kennen. So können wir uns denn auch ihrer nicht bedienen, um die Arten oder Spezies der Dinge zu bestimmen, und wenn wir dies nach jenen Wesenheiten oder nach dem, was die Schulen substantielle Formen nennen, tun wollten, so würden wir wie ein Blinder sein, der die Körper nach den Farben ordnen wollte. § 11. Wir kennen nicht einmal die Wesenheiten der Geister, wir können uns nicht verschiedene spezifische Ideen von den Engeln bilden, obschon wir wissen, daß es verschiedene Arten von Geistern geben muß. Auch scheinen wir in unseren Ideen zwischen Gott und den Geistern, was die Zahl der einfachen Ideen betrifft, aus denen wir den Begriff beider bilden, keinen Unterschied zu machen: mit der einzigen Ausnahme, daß wir Gott die Unendlichkeit beilegen.

Theoph. Es gibt in meinem Systeme noch einen anderen Unterschied zwischen Gott und den geschaffenen Geistern, daß nämlich meiner Ansicht nach alle geschaffenen Geister Körper haben müssen, ganz wie unsere Seele einen solchen hat.

§ 12. Philal. Wenigstens glaube ich, daß zwischen den Körpern und den Geistern darin eine Analogie besteht, daß so wie es in der Mannigfaltigkeit der körperlichen Welt kein Leeres gibt, so auch in den vernünftigen Geschöpfen keine geringere Mannigfaltigkeit besteht. Fängt man von uns an und geht bis zu den niedrigsten Wesen, so ergibt sich ein Abstieg in sehr kleinen Abstufungen mittels einer ununterbrochenen Reihe von Dingen, die bei jedem Übergang nur sehr wenig voneinander verschieden sind. Es gibt Fische, die Flügel haben und denen die Luft nicht fremd ist, und es gibt Vögel, die im Wasser wohnen, kaltes Blut wie die Fische haben und deren Fleisch ihnen im Geschmack so gleicht, daß man den gewissenhaften Leuten erlaubt, während der Fastentage davon zu essen. Es gibt Tiere, welche sich der Art der Vögel und der der Säugetiere so nähern, daß sie zwischen ihnen die Mitte halten. Die Amphibien hängen ebenso sehr mit den Landtieren wie mit den Wassertieren zusammen. Die Seekälber leben auf der Erde und im Meer, und die Meerschweine haben heißes Blut und Eingeweide wie ein Schwein. Um nicht von dem zu sprechen, was man von den Seemenschen erzählt, so gibt es Tiere, die ebensoviel Erkenntnis und Vernunft zu haben scheinen, als manche Wesen, die man Menschen nennt; und zwischen den Tieren und den Pflanzen besteht eine so große Verwandtschaft, daß, wenn Sie das Unvollkommenste des einen Reiches und das Vollkommenste des anderen Reiches nehmen, Sie kaum eine bedeutende Verschiedenheit zwischen ihnen bemerken werden. Bis wir also zu den niedrigsten und am wenigsten organisierten Teilen der Materie kommen, werden wir überall finden, daß die Arten miteinander verknüpft sind und sich nur durch fast unmerkliche Abstufungen voneinander unterscheiden. Und wenn wir die unendliche Weisheit und Macht des Urhebers aller Dinge erwägen, so haben wir Grund zu denken, daß es sowohl der prachtvollen Harmonie des Weltalls und seinem großen Plane, als auch der unendlichen Güte seines obersten Baumeisters angemessen sei, daß die verschiedenen Arten der Geschöpfe sich ebenso allmählich von uns bis zu seiner unendlichen Vollkommenheit erheben. Wir haben also Ursache, überzeugt zu sein, daß es weit mehr Arten von Geschöpfen über uns gibt, als unter uns, weil wir von Gottes unendlichem Wesen an Vollkommenheitsgraden viel weiter entfernt sind, als von dem, was sich dem Nichts am meisten nähert. Indessen haben wir keine klare und deutliche Idee von allen diesen verschiedenen Arten.

Theoph. Ich hatte beabsichtigt, an einer anderen Stelle ähnliche Gedanken auszusprechen, wie Sie sie soeben entwickelt haben; ich freue mich aber, daß man mir zuvorkommt, wenn ich sehe, daß man die Dinge besser sagt, als ich es zu tun hätte hoffen können. Scharfsinnige Philosophen haben die Frage behandelt, utrum detur vacuum formarum, d. h. ob es mögliche Arten gibt, die gleichwohl nicht wirklich existieren und die die Natur scheinbar vergessen hat. Ich habe Ursachen, zu glauben, daß nicht alle möglichen Arten auch miteinander-möglich (kompossibel) sind, d. h. daß sie im Weltall, so groß es auch ist, nicht zusammenbestehen können: und dies gilt nicht nur hinsichtlich der Dinge, die zur nämlichen Zeit zusammen da sind, sondern auch hinsichtlich der gesamten Folge der Dinge, d. h. es gibt, glaube ich, notwendig Arten, die niemals gewesen sind und niemals sein werden, da sie sich mit derjenigen Folge der Geschöpfe, die Gott gewählt hat, nicht vertragen Zum Begriff des »Compossiblen« vgl. ob. Anm. 119 (Buch II).. Ich glaube aber, daß alle Dinge, welche die vollkommene Harmonie des Weltalls in sich aufnehmen konnte, in ihm enthalten sind. Dieser nämlichen Harmonie entspricht es, daß es zwischen Geschöpfen, die einander fernstehen, Geschöpfe mittlerer Art gibt, wenn dies auch nicht immer auf demselben Weltkörper oder im selben System der Fall ist; auch steht bisweilen etwas hinsichtlich gewisser Umstände in der Mitte zwischen zwei Arten, nicht aber hinsichtlich anderer. Die Vögel, die in anderer Hinsicht vom Menschen so verschieden sind, kommen ihm doch in bezug auf die Sprache nah; wenn aber die Affen wie die Papageien sprechen könnten, so würden sie viel weiter gelangen. Das Gesetz der Stetigkeit bringt es mit sich, daß die Natur in der Ordnung, die sie befolgt, keine Lücke läßt, aber nicht jede Form oder Art paßt für jedwede Ordnung Über die Anwendung des Kontinuitätsprinzips auf die Systematik der Lebewesen vgl. bes. Leibniz' Brief an Varignon (Band II, 74 ff., 556 ff.). Was die Geister oder Genien betrifft, so glaube ich, daß es, um etwas von den Vollkommenheiten der Geister über uns zu begreifen, sehr dienlich sein wird, sich zugleich eine höhere Vollkommenheit der körperlichen Organe, als wir sie besitzen, vorzustellen – meiner Ansicht gemäß, daß alle geschaffenen Geister organische Körper haben, deren Vollkommenheit der der Intelligenz oder des Geistes gemäß ist, welcher sich kraft der prästabilierten Harmonie in diesem Körper befindet. An diesem Punkte wird die lebendigste und reichste Phantasie und, um mich eines italienischen Ausdrucks zu bedienen, den ich nicht gut anders ausdrücken kann, l'invenzione la più vaga, so recht angebracht sein, um uns über uns selbst zu erheben, Auch wird das, was ich gesagt habe, um mein System der Harmonie zu rechtfertigen, das die göttlichen Vollkommenheiten über alle Vorstellungen hinaus, die man sich jemals von ihnen gemacht hat, erhebt, gleichfalls dazu dienen, daß man auch von den Geschöpfen unvergleichlich höhere Ideen faßt, als man sie bisher gehabt hat.

§ 14. Philal. Um darauf zurückzukommen, wie gering, selbst wenn es sich um die Substanzen handelt, die Realität der Arten ist, so frage ich Sie, ob Wasser und Eis von verschiedener Art sind?

Theoph. Und ich frage meinerseits, ob das im Tiegel geschmolzene Gold und das zu einem Barren wieder erstarrte Gold von derselben Art sind?

Philal. Der antwortet nicht auf die Frage, welcher eine neue auf wirft und » litem lite resolvit« Horaz, Satiren, Buch II, 3, V. 103 (Sch.).. Sie werden indessen daraus erkennen, daß die Zurückführung der Dinge auf Arten sich einzig und allein auf die Ideen bezieht, die wir von ihnen haben und dies genügt auch, um sie durch Namen zu unterscheiden; wenn wir aber voraussetzen, daß diese Unterscheidung sich auf ihre wirkliche innere Bildung gründet und die Natur die wirklichen Dinge nach ihren realen Wesenheiten in ebensoviel Arten unterscheidet, wie wir selbst sie vermöge dieser oder jener Namen in Arten sondern, so werden wir uns dadurch großen Mißverständnissen aussetzen.

Theoph. In dem Ausdruck Art oder Wesen von verschiedener Art liegt eine gewisse Zweideutigkeit, die alle diese Schwierigkeiten verursacht; und wenn wir sie gehoben haben, wird hier kein anderer Streit mehr, als vielleicht über den Namen, stattfinden. Man kann die Art im mathematischen und physischen Sinne nehmen. Im streng mathematischen Sinne macht der geringste Unterschied, der bewirkt, daß zwei Dinge nicht in allen Stücken einander ähnlich sind, daß sie sich der Art nach unterscheiden. So sind in der Geometrie alle Kreise von derselben Art, denn sie sind alle vollkommen ähnlich, und aus demselben Grunde sind auch alle Parabeln von derselben Art; aber das gleiche gilt nicht von den Ellipsen und Hyperbeln, denn von ihnen gibt es eine unendliche Menge von Klassen oder Arten, wenngleich jede Art wieder unendlich viele Exemplare in sich faßt. Alle die unzähligen Ellipsen, bei denen die Entfernung der Brennpunkte zur Entfernung der Scheitelpunkt dasselbe Verhältnis hat, sind von ein und derselben Art; da aber die Verhältnisse dieser Entfernungen nur der Größe nach voneinander abweichen, so folgt, daß alle diese unendlichen Arten von Ellipsen nur eine Gattung ausmachen, und es hier weiter keine Unterteilungen mehr gibt. Ein Oval mit drei Brennpunkten hingegen würde statt dessen sogar eine Unendlichkeit solcher Gattungen und eine unendlich-unendliche Zahl von Arten in sich schließen, insofern jede Gattung eine einfach-unendliche Zahl von Arten in sich enthält. In diesem Sinne werden zwei physische Individuen einander niemals vollkommen ähnlich sein; ja, was mehr sagen will, dasselbe Individuum wird von einer Art zur anderen übergehen, denn es ist sich selbst niemals länger als einen Augenblick in allem ähnlich. Wenn aber physische Arten aufgestellt werden, so verbindet man damit nicht diesen strengen Sinn, und es hängt von uns ab, zu sagen, daß eine Masse, die wir in ihre erste Form zurückbringen können, für uns von derselben Art bleibt. So sagen wir, daß das Wasser, das Gold, das Quecksilber, das gewöhnliche Kochsalz der Art nach dieselben bleiben und sich unter den gewöhnlichen Veränderungen nur verstecken; in den organischen Körpern aber, d. h. in den Pflanzen und Tierarten definieren wir die Art durch die Abkunft, so daß alles Gleichartige, das von demselben Ursprung oder Samen herstammt oder herstammen könnte, von ein und derselben Art sein würde. Beim Menschen hält man sich außer an seine Abkunft, noch an seine Eigenschaft, ein Vernunftwesen zu sein, und wenngleich es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang den Tieren ähnlich bleiben, so setzt man doch voraus, daß dies nicht an dem Mangel des Vermögens oder des Prinzips, sondern an den Hindernissen liegt, die dieses Vermögen hemmen. Doch hat man sich noch nicht hinsichtlich aller äußeren Bedingungen entschieden, die man für hinreichend annehmen will, um diese Voraussetzung zu verstatten. Welche Regeln indessen die Menschen für ihre Bezeichnungen und für die Rechte, die sie an Namen heften, auch immer aufstellen mögen, so werden diese Regeln, wenn sie nur in sich zusammenhängend, einheitlich und verständlich sind, wohlgegründet sein, so daß sie sich keine Arten werden vorstellen können, als diejenigen, die die Natur, die selbst die Möglichkeiten umfaßt, schon vor ihnen gemacht oder unterschieden hat. Was das Innere betrifft, so kann, wenngleich es keine äußere Erscheinung gibt, die nicht in der inneren Beschaffenheit gegründet ist, nichtsdestoweniger eine und dieselbe Erscheinung mitunter aus zwei verschiedenen Beschaffenheiten entspringen: doch wird es in diesem Falle etwas Gemeinsames geben, was wir in der Philosophie die nächste formelle Ursache nennen. Aber wenn dies auch nicht der Fall wäre, wie z. B. nach Mariotte Edmé Mariotte (1620(?)-1684) (vgl. Band I, S. 266 f.); Oeuvres divisées en deux tomes, Leide 1717. das Blau des Regenbogens einen ganz anderen Ursprung, als das Blau eines Türkises hat, ohne daß hier eine gemeinsame formelle Ursache obwaltete (worin ich nicht seiner Meinung bin), und wenn man zugäbe, daß manche erscheinende Qualitäten, an die wir uns bei der Namengebung halten, innerlich nichts miteinander gemein haben, so würden doch unsere Definitionen nichtsdestoweniger in den wirklichen Arten begründet sein, denn die Phänomene selbst sind Realitäten. Wir können also sagen, daß alles, was wir mit Wahrheit unterscheiden oder vergleichen, auch in der Natur unterschieden oder zusammenstimmend ist, wiewohl die Natur Unterscheidungen und Vergleichungen hat, die wir nicht kennen und die besser sein können, als die unserigen. Auch wird es noch vieler Mühe und Erfahrung bedürfen, um die Gattungen und Arten auf eine der Natur annähernd gleiche Weise zu bestimmen. Die neueren Botaniker glauben, daß die Unterscheidungen, die sich auf die Form der Blüten stützen, der natürlichen Ordnung am nächsten kommen Dieses Prinzip der Systematik war zu Leibniz' Zeiten insbesondere von Jean Bauhin in seiner »Historia plantarum universalis« durchzuführen versucht worden.. Aber sie finden hierin doch noch große Schwierigkeiten und es wäre gut, die Vergleichungen und Anordnungen nicht nur nach einem einzigen Einteilungsgrund zu machen Seine eigene Auffassung über die Methode der Botanik hat Leibniz in einem Briefe an Gackenholtz vom 23. April 1701 eingehend dargelegt und begründet (Dutens II, P. II, S. 169 ff.). – wie es z. B. der eben erwähnte Gesichtspunkt ist, der aus der Betrachtung der Blüten stammt und der vielleicht bis jetzt am angemessensten ist, um ein erträgliches und für die Lernenden bequemes System zustande zu bringen, – sondern noch andere Einteilungsgründe, die sich auf die anderen Teile und Lebensverhältnisse der Pflanzen stützen, heranzuziehen. Hierbei verdient jeder Einteilungsgrund seine besonderen Tabellen, ohne deren Hilfe man sich viele untergeordnete Gattungen und viele Vergleichungspunkte, Unterscheidungen und nützliche Beobachtungen entgehen lassen würde. Je mehr man indessen in die Entstehung der Arten eindringen, und je mehr man in den Einteilungen die erforderlichen Bedingungen einhalten wird, desto mehr wird man sich der natürlichen Ordnung nähern. Wenn daher die Vermutung einiger einsichtigen Leute sich als wahr herausstellen sollte, daß es in der Pflanze außer dem Korn oder dem bekannten, dem Ei des Tieres entsprechenden Samen noch einen anderen Samen gibt, der den Namen des männlichen Samens verdienen würde, nämlich einen Blütenstaub (Pollen), der sehr oft sichtbar, mitunter aber (wie dies bei manchen Pflanzen beim Samenkorn selbst der Fall ist) auch unsichtbar ist, und der durch den Wind oder andere regelmäßig eintretende Umstände verbreitet und mit dem Samenkorn in Verbindung gebracht wird; wenn es weiter wahr wäre, daß dieser Samen mitunter von der nämlichen Pflanze kommt, mitunter aber auch (wie beim Hanf) aus einer benachbarten Pflanze derselben Art entsteht, welch letztere somit ein Analogon zu dem männlichen Faktor bilden würde, wenngleich der weibliche Same vielleicht niemals völlig eben dieses Pollens entbehrte –, wenn das sage ich, sich als wahr herausstellen würde, und wenn die Art der Fortpflanzung bei den Pflanzen uns genauer bekannt würde, so zweifle ich nicht, daß die Unterschiede, die sich hierbei bemerken ließen, einen Grund zu sehr natürlichen Einteilungen abgeben würden Man vgl. den angeführten Brief an Gackenholtz (Dutens II, 2, 173): »Einer neuen Vergleichung der Pflanzen, die von besonderer Wichtigkeit zu werden verspricht, werden (falls sie sich weiter bestätigen) die Beobachtungen über die Doppelgeschlechtigkeit der Pflanzen zu Gute kommen, mit denen hauptsächlich Rudolph Jacob Camerarius, ein ausgezeichneter Naturforscher, begonnen hat, und die jetzt Burkard, ein junger, in diesem Forschungsgebiet rühmlich bekannter Mann, der neulich hierüber einen Brief an mich schrieb, fortzusetzen gedenkt. Denn in dem sehr feinen Pollen der Pflanzen sehen sie ein Analogon des männlichen Samens und bestreiten, daß er in irgendeiner Pflanze fehlen könne, wenngleich er nicht immer mit bloßem Auge wahrgenommen wird; für die Aufnahme des Pollens aber seien Kapseln vorhanden, die dem weiblichen »Ei zu vergleichen seien« etc. – Rudolf Jacob Camerarius (1665-1721); seine »Epistola de sexu plantarum« ist Tübingen 1694 erschienen.. Und wenn wir den durchdringenden Scharfblick höherer Geister hätten und eine genügend tiefe Einsicht in die Dinge besäßen, so würden wir vielleicht für jede Spezies feststehende Attribute finden, die allen ihren Individuen gemeinsam sind, und die in demselben lebendigen Organismus, welche Veränderungen oder Umwandlungen ihm auch begegnen mögen, stets bestehen bleiben; wie in der bekanntesten physischen Spezies, nämlich der menschlichen, die Vernunft ein solches feststehendes Attribut ist, das jedem Individuum unverlierbar zukommt, obschon man es nicht immer gewahr werden kann. In Ermangelung dieser Erkenntnisse jedoch bedienen wir uns derjenigen Attribute, welche uns die bequemsten scheinen, um die Dinge zu unterscheiden und zu vergleichen und mit einem Wort ihre Arten und Klassen zu erkennen, und diese Attribute haben immer ihre realen Grundlagen.

§ 14. Philal. Um die substantiellen Wesen gemäß der gewöhnlichen Voraussetzung zu unterscheiden, daß es bestimmte Wesenheiten oder genaue Formen der Dinge gäbe, durch welche alle bestehenden Individuen von Natur in Arten unterschieden werden, müßte man erstlich versichert sein, § 15, daß die Natur sich bei der Hervorbringung der Dinge immer vorsetzt, sie an bestimmten und feststehenden Wesenheiten, wie an Musterbildern, teilnehmen zu lassen und zweitens, § 16, daß die Natur diesen Zweck immer erreicht. Die Mißgeburten aber geben uns Anlaß, an dem einen wie an dem anderen zu zweifeln. § 17. Drittens müßte man bestimmen, ob diese Mißgeburten nicht wirklich eine besondere neue Art bilden, denn wir finden, daß manche von ihnen nur sehr wenig oder gar nichts von den Eigenschaften besitzen, die, wie man annimmt, ein Ergebnis der Wesenheit derjenigen Art sind, von der sie abstammen, und der sie kraft ihrer Geburt anzugehören scheinen.

Theoph. Wenn es sich darum handelt, zu bestimmen, ob die Mißgeburten eine besondere Art ausmachen, so ist man oft auf Vermutungen angewiesen. Dies zeigt, daß man sich hierbei nicht auf die äußeren Kennzeichen beschränkt, da man vielmehr erraten möchte, ob die innere Natur, die den Individuen einer bestimmten Art gemeinsam ist (wie z. B. die Vernunft beim Menschen), wie die Abstammung es vermuten läßt, auch solchen Individuen zukommt, bei denen ein Teil der äußeren Kennzeichen fehlt, die sich bei dieser Art gewöhnlich finden. Aber unsere Ungewißheit hat mit der Natur der Dinge nichts zu schaffen, und wenn es eine solche innere Naturbeschaffenheit gibt, so wird sie sich bei der Mißgeburt finden oder nicht finden, wir mögen es nun wissen oder nicht. Findet sich nun in ihr die innere Natur keiner bekannten Art, so wird die Mißgeburt eine eigene Art bilden können. Wenn dagegen in den Arten, um die es sich handelt, eine solche innere Natur überhaupt nicht bestünde und wenn man sich auch nicht lediglich an das bloße Kennzeichen der Geburt halten wollte, so müßten die äußeren Merkmale allein die Art bestimmen, und die Mißgeburten würden alsdann, da sie sich in diesen Merkmalen von der Art entfernen, zu ihr nicht gehören, es sei denn, daß man die Art auf etwas unbestimmte Weise verstünde und ihr einen gewissen Spielraum gäbe: und in diesem Falle würde unsere Mühe, die Art erraten zu wollen, gleichfalls eitel sein. Alle Ihre Einwände gegen die Ableitung der Arten aus den inneren realen Wesenheiten wollen vielleicht eben dies besagen. Sie müßten also beweisen, daß es kein gemeinsames inneres spezifisches Kennzeichen gibt, wenn das gesamte Äußere ein solches Kennzeichen nicht mehr darbietet. Aber das Gegenteil findet sich bei der menschlichen Spezies, da hier mitunter Kinder, die irgendeine Monstrosität besitzen, in ein Alter gelangen, wo sie Vernunft zeigen. Warum könnte bei anderen Arten nicht etwas Ähnliches vorkommen? Freilich können wir, aus Mangel an Kenntnis [dieser inneren Beschaffenheit] uns ihrer auch nicht zur Definition der Arten bedienen: das Äußere liefert uns hier Ersatz, wenngleich wir zugeben müssen, daß es zu einer exakten Definition nicht genügt und daß selbst die Nominaldefinitionen in solchen Fällen nur Vermutungen sind und, wie ich schon früher gesagt habe, mitunter nur als vorläufige gelten dürfen. So könnte man z. B. die Mittel finden, das Gold dergestalt nachzumachen, daß es allen Proben, die man bis jetzt dafür hat, genügen würde; aber man könnte alsdann auch eine neue Art der Prüfung entdecken, die uns ein Mittel gewährte, das natürliche Gold von diesem künstlich gemachten Gold zu unterscheiden. Alte Urkunden schreiben dem Kurfürsten August von Sachsen das eine wie das andere zu Der hier gemeinte August von Sachsen ist der erste dieses Namens, Sohn Heinrichs des Frommen und Bruder Moritzens, der von 1553-1586 regierte und mit seiner Gemahlin Anna von Dänemark die Liebe zur Alchymie teilte (Sch.)., aber ich erlaube mir nicht, diese Tatsache zu verbürgen. Hätte es indessen damit seine Richtigkeit, so könnten wir vom Golde eine vollkommenere Definition haben, als gegenwärtig, und wenn das künstliche Gold in Menge und billig herstellbar wäre, wie die Alchimisten es behaupten, so würde diese neue Probe von Wichtigkeit sein, denn man würde der Menschheit dadurch den Vorteil erhalten, welchen uns das natürliche Gold im Verkehr durch seine Seltenheit gewährt, indem es uns einen Stoff gibt, der dauerhaft, gleichförmig, leicht zu teilen und wiederzuerkennen ist und der auch in kleinem Umfange wertvoll ist. Ich will mich dieser Gelegenheit bedienen, um eine Schwierigkeit zu heben (man sehe den § 50 des Kapitels über die Namen der Substanzen bei dem Verfasser der Abhandlung über den Verstand). Man wendet ein, daß der Satz: alles Gold ist feuerbeständig, wenn man unter der Idee des Goldes eine Vereinigung bestimmter Eigenschaften versteht, unter denen die Feuerbeständigkeit mit einbegriffen ist, nur ein identischer und leerer Satz sei, wie wenn man sagte, das Feuerbeständige ist feuerbeständig; versteht man aber unter Gold ein substantielles, mit einer gewissen inneren Wesenheit begabtes Ding, von welcher die Feuerbeständigkeit eine Folge ist, so spricht man unverständlich, denn diese wirkliche Wesenheit ist gänzlich unbekannt. Darauf antworte ich, daß der Körper, der mit dieser inneren Beschaffenheit begabt ist, durch andere äußere Kennzeichen, bei denen die Feuerbeständigkeit nicht mit inbegriffen ist, bezeichnet ist, – wie wenn jemand sagte: der schwerste aller Körper ist auch einer der feuerbeständigsten. Aber alles dies ist nur vorläufig, denn man könnte einmal einen flüchtigen Körper finden, der, gleich einem neuen Quecksilber, schwerer sein könnte, als das Gold, und auf dem das Gold schwämme, wie das Blei auf unserem Quecksilber schwimmt.

§ 19. Philal. Allerdings können wir auf diese Art niemals die Zahl der Eigenschaften, welche von der wirklichen Wesenheit des Goldes abhangen, genau erkennen, es sei denn, daß wir die Wesenheit des Goldes selbst erkennten. § 21. Wenn wir uns indessen streng auf gewisse Eigenschaften beschränken, so wird das für uns hinreichen, um genaue Nominaldefinitionen zu erhalten, welche uns für die Gegenwart dienen, wobei es uns frei steht, die Bedeutung der Worte zu verändern, wenn ein neuer nützlicher Unterscheidungsgrund entdeckt werden sollte. Aber diese Definition muß wenigstens dem Wortgebrauch entsprechen und an Stelle des Wortes selbst gesetzt werden können. Dies dient dazu, diejenigen zu widerlegen, die behaupten, daß die Ausdehnung die Wesenheit des Körpers ausmache: denn wenn man sagt, daß ein Körper einem anderen einen Anstoß gibt, so wäre es eine offenbare Ungereimtheit, wenn man in diesem Satze an Stelle des Körpers die Ausdehnung setzte und also sagen würde, daß eine Ausdehnung eine andere vermöge eines Stoßes in Bewegung setzt, denn hierzu bedarf es noch der Widerstandskraft. Ebensowenig wird man sagen, daß die Vernunft oder das, was den Menschen vernünftig macht, Unterhaltung pflegt, denn auch die Vernunft macht nicht das ganze Wesen des Menschen aus; es sind die vernünftigen lebendigen Wesen, die miteinander der Unterhaltung pflegen.

Theoph. Ich glaube, Sie haben recht, denn die Gegenstände der abstrakten und unvollständigen Ideen genügen nicht, um die Subjekte aller Tätigkeiten, die in den Dingen vor sich gehen, zu bezeichnen. Doch glaube ich, daß man bei allen Geistern, die einander ihre Gedanken mitteilen können, von Unterhaltung sprechen kann. Die Scholastiker sind in großer Verlegenheit darüber, wie die Engel dies zu tun vermögen, aber wenn sie ihnen, wie ich, nach dem Vorgang der Alten feine Körper zuschreiben würden, so würde darin keine Schwierigkeit mehr sein.

§ 22. Philal. Es gibt Geschöpfe, die eine der unsrigen ähnliche Gestalt haben, aber mit Haaren bedeckt sind und nicht den Gebrauch der Sprache und der Vernunft haben. Es gibt unter uns Schwachsinnige, die vollkommen die nämliche Gestalt wie wir haben, denen aber die Vernunft fehlt und von denen einige nicht den Gebrauch der Sprache besitzen. Es gibt, wie man sagt, Geschöpfe, welche mit dem Gebrauch der Sprache und der Vernunft begabt und uns auch in ihrer Gestalt in allen Stücken ähnlich sind, außer daß sie haarige Schweife haben; wenigstens ist es nicht unmöglich, daß es solche Geschöpfe gebe. Es gibt solche, bei denen die Männchen keinen Bart haben und wiederum andere, bei denen die Weibchen ihn haben. Fragt man nun, ob alle diese Geschöpfe Menschen sind oder nicht, ob sie zur menschlichen Spezies gehören, so bezieht sich offenbar diese Frage nur auf die Nominaldefinition oder auf die komplexe Idee, die wir uns bilden, und die wir mit diesem Namen bezeichnen. Denn die innere Wesenheit ist uns vollständig unbekannt, obgleich wir Grund haben, anzunehmen, daß da, wo die Fähigkeiten oder auch die äußere Gestalt so unterschieden sind, die innere Beschaffenheit nicht dieselbe sein wird.

Theoph. Ich glaube, daß wir, was den Menschen betrifft, eine Definition haben, welche zugleich real und nominal ist, denn nichts kann dem Menschen so wesentlich sein, als die Vernunft, und sie läßt sich gewöhnlich wohl erkennen. Darum können neben ihr der Bart und der Schweif nicht in Betracht kommen. Ein Waldmensch und ein behaarter Mensch lassen sich als Menschen erkennen und das Fell eines Affen ist kein Grund, jemand von der Menschheit auszuschließen. Die Blödsinnigen ermangeln des Gebrauches der Vernunft; da wir aber aus Erfahrung wissen, daß die Vernunft oft gebunden ist und nach außen hin nicht in die Erscheinung treten kann, und daß dies auch bei Menschen vorkommt, die früher Vernunft gezeigt haben und sie künftig noch zeigen werden, so nehmen wir der Wahrscheinlichkeit gemäß das gleiche auch von diesen Blödsinnigen, auf andere Kennzeichen hin, nämlich auf die der körperlichen Gestalt hin, an. Lediglich auf Grund dieser Kennzeichen, im Verein mit denen der Abstammung setzt man voraus, daß die Kinder Menschen sind und Vernunft zeigen werden, und man täuscht sich darin selten. Gäbe es aber vernünftige lebendige Wesen, die eine von der unserigen nur wenig unterschiedene Gestalt besäßen, so würden wir in Verlegenheit sein. Man sieht daraus, daß unsere Definitionen, wenn sie von dem Äußeren der Körper abhangen, unvollkommene und vorläufige sind. Wenn sich jemand für einen Engel ausgäbe und Dinge wüßte oder verrichten könnte, die unsere Kräfte übersteigen, so würde er sich Glauben verschaffen können. Wenn ein anderer, wie Gonzales, mittels einer außerordentlichen Maschinerie aus dem Monde käme und uns glaubhafte Dinge von seinem Geburtslande erzählte, so würde er für einen Mondbewohner gelten, und doch könnte man ihm, wenngleich er auf unserem Weltkörper ein Fremder wäre, Heimats- und Bürgerrechte nebst dem Titel eines Menschen bewilligen; wenn er aber die Taufe verlangte und als Proselyt unseres Glaubens aufgenommen werden wollte, so würden sich unter den Theologen wohl große Streitigkeiten erheben. Und wenn der Verkehr mit jenen Planetenbewohnern, die nach Huyghens' Meinung denen unserer Erde ganz ähnlich sind S. Huyghens, Cosmotheoros sive de terris coelestibus earumque ornatu conjecturae, der 1698 als posthumes Werk erschien., offen wäre, so würde die Frage, ob wir über unsere Erdkugel hinaus für die Ausbreitung unseres Glaubens Sorge tragen müßten, ein allgemeines Konzil verdienen. Manche würden hierbei ohne Zweifel behaupten, daß, da die vernünftigen lebendigen Wesen dieser Gebiete nicht von Adams Rasse wären, sie auch an der Erlösung durch Jesus Christus keinen Teil hätten; andere aber würden vielleicht sagen, daß wir weder genau wissen, wo Adam immer gewesen ist, noch was aus seiner Nachkommenschaft geworden ist, wie es denn sogar Theologen gegeben hat, die geglaubt haben, daß der Mond der Ort des Paradieses gewesen sei. Man würde daher vielleicht durch Stimmenmehrheit als das Sicherste beschließen, jene Geschöpfe, von denen es zweifelhaft wäre, ob sie Menschen seien, unter der Bedingung zu taufen, daß sie der Taufe fähig sind; ich zweifle aber, daß man sich entschließen würde, sie zu Priestern der katholischen Kirche zu machen, weil ihre Weihen immer ungewiß sein würden und man gemäß der Vorstellungsart dieser Kirche, das Volk der Gefahr eines materiellen Götzendienstes aussetzen würde. Glücklicherweise enthebt uns die Natur der Dinge all dieser Verlegenheiten; doch haben solche seltsamen Fiktionen in der Spekulation ihren Nutzen, um das Wesen unserer Ideen genau zu erkennen.

§ 23. Philal. Vielleicht würden sich manche – nicht nur bei theologischen Streitfragen, sondern auch in anderen Fällen – nach der Rasse richten und erklären, daß die Fortpflanzung, die bei den Tieren durch die Paarung des Männchens und des Weibchens, bei den Pflanzen mittels der Samen erfolgt, die als wirklich vorausgesetzten Arten in ihrer Besonderung und in ihrer Ganzheit erhält. Aber dieses Merkmal würde nur hinreichen, um die Arten der Tiere und der Vegetabilien festzustellen. Was soll man mit den übrigen machen? Ja es reicht nicht einmal für jene aus, denn wenn man der Geschichte glauben darf, sind Frauen durch Affen geschwängert worden. Da entsteht also eine neue Frage, zu welcher Art ein solches Erzeugnis gehören soll. Es gibt Maulesel und Jumarts (man vergleiche das etymologische Lexikon von Menage) Gilles Menage (1613-1692); Dictionnaire étymologique, Paris 1650., von denen die ersteren von einem Esel und einer Stute, die letzteren von einem Stier und einer Eselin erzeugt sind. Ich habe ein Tier gesehen, das von einer Katze und von einer Ratte erzeugt war und sichtbare Kennzeichen dieser beiden Tiere an sich trug. Fügt man hierzu noch die mißgeborenen Erzeugnisse, so wird man finden, daß es sehr schwer hält, die Art durch die Zeugung zu bestimmen: denn soll ich vielleicht, wenn es hierfür kein anderes Mittel gibt, nach Indien gehen, um den Vater und die Mutter eines Tigers und den Samen der Teepflanze zu sehen, oder könnte ich nicht auch auf andere Weise beurteilen, ob die Individuen, die von dort zu uns gelangen, zu jenen Arten gehören?

Theoph. Die Abkunft oder Rasse ergibt wenigstens eine starke Vermutung, d. h. einen vorläufigen Beweis, und ich habe schon gesagt, daß unsere Kennzeichen sehr oft nur mutmaßliche sind. Mitunter wird die Rasse durch die Gestalt Lügen gestraft, wenn das Kind dem Vater und der Mutter unähnlich ist, und die Mischung in der Gestalt ist nicht immer das Kennzeichen der Mischung der Rassen; denn es kann geschehen, daß ein Muttertier ein Wesen zur Welt bringt, das einer fremden Art anzugehören scheint, wobei indes die Abweichung lediglich durch die Einbildungskraft der Mutter verursacht ist, um nicht von dem zu sprechen, was man Mondkalb nennt. Aber wie man doch vorläufig die Art nach der Rasse beurteilt, so schließt man auch von der Art auf die Rasse. Denn als man einmal dem König Johann Kasimir von Polen ein Kind brachte, das man im Walde unter den Bären gefunden hatte und das von deren Manieren viel an sich hatte, endlich aber sich doch als ein vernünftiges Wesen erkennen ließ, so trug man kein Bedenken, es zur Rasse Adams zu rechnen und es auf den Namen Joseph zu taufen, wiewohl vielleicht unter der Bedingung: si baptizatus non es (wenn du noch nicht getauft bist), nach dem Gebrauch der römischen Kirche; weil es ja nach der Taufe durch einen Bären hätte geraubt sein können. Man kennt die Wirkungen der Vermischungen von Tieren noch nicht genug und tötet oft die Mißgeburten, statt sie aufzuziehen, abgesehen davon, daß sie ohnehin nicht lange zu leben pflegen. Man glaubt, daß die Tiere, die aus einer Mischung hervorgegangen sind, sich nicht vermehren, indessen schreibt Strabo den Mauleseln von Kappadozien die Fortpflanzung zu, und aus China schreibt man mir, daß es in der benachbarten Tatarei eine besondere Rasse von Mauleseln gebe; auch sehen wir, daß die gemischten Arten bei den Pflanzen fähig sind, ihre neue Art zu erhalten. Bei den Tieren weiß man nicht immer recht, ob das Männchen oder das Weibchen oder beide zusammen oder keins von beiden am meisten die Art bestimmen. Die Lehre von dem weiblichen Ei, die der verstorbene Kerkring so berühmt gemacht hatte Kerkring, Ichnographia anthropogeniae seu conformatio foetus ab ovo, Amstelod. 1671., schien dem männlichen Teil bei der Zeugung keine andere Rolle zuzuweisen, als sie der Regen bei den Pflanzen spielt, der dem Samen dazu verhilft, aufzugehen und sich aus der Erde zu erheben nach den Versen des Virgil, welche die Priscillianer anzuführen pflegten:

Dum Pater omnipotens fecundis imbribus aether
Conjugis in laetae gremium descendit et omnes
Magnus alit magno commistus corpore foetus Vergil, Georgica II, 325-327. – Die gnostische Sekte der Priscillianer knüpfte an diese Verse ein religiöses Dogma, indem sie sie in ihrer Weise deutete. Die Nachricht, daß die Priscillianer sich dieser Verse zur Begründung ihrer Haeresie und behufs geschlechtlicher Licenzen bedient haben, stammt aus Hieronymus (Epist. 133 ad Ctesiphontem, S. 1029a des ersten Bandes der Vallarsiusschen Ausgabe (Sch.)..

Der Mann würde mit einem Worte gemäß dieser Hypothese nicht mehr als der Regen leisten; aber Leeuwenhoeck hat die Ehre des männlichen Geschlechts wiederhergestellt und seinerseits das weibliche herabgesetzt, das nach ihm keine andere Funktion besitzt, als die Erde für den Samen hat, indem sie ihm den Ort und die Nahrung gewährt; was selbst dann stattfinden könnte, wenn man die Theorie von den Eiern aufrechterhielte Zu diesem Streit der »Animalculisten« und »Ovisten« hat sich Leibniz in dem oben angeführten Briefe an Gackenholtz (vgl. Anm. 37) geäußert. »Wenn die Beobachtungen (des Camerarius) sich weiter bestätigen werden – so heißt es hier – so werden sie die Versöhnung zwischen der Theorie Kerckrings und der Theorie Leeuwenhoekes fördern helfen, die mir immer höchst wahrscheinlich erschienen ist … Man ersieht hieraus, ein wie weites Feld sich hier für die Vergleichung der Pflanzen eröffnet, das von weit größerer Bedeutung ist, als die bloße Betrachtung der Blüten, wenngleich es weniger betreten und bei der Enge unserer Erfahrung von geringerem Umfange ist.« Zum Ganzen s. auch Leibniz' Brief an Bourguet vom 5. August 1715; Gerh. III, 579. Über Leeuwenhoek vgl. Band II, S. 247, 262, 364; seine Abhandlung »De natis e semine genitali animalculis« ist in der »Philosophical Transactions« (Dezember 1677 – Februar 1678) erschienen.. Dies hindert aber nicht, daß die Einbildungskraft der Frau auf die Form des Fötus einen großen Einfluß hat, auch wenn man voraussetzen wollte, daß das Lebewesen selbst bereits von dem Mann herstammt. Denn der Zustand, in dem die Frau sich hierbei befindet, ist ein solcher, der zu einer großen normalen Veränderung bestimmt und daher auch für abnorme Veränderungen um so leichter empfänglich ist. Man versichert, daß infolge der Einbildung einer Dame von Stande, die sich an einem Krüppel versehen hatte, dem Fötus, der seiner fertigen Bildung schon sehr nahe war, die eine Hand fehlte, welche Hand sich nachher bei der Nachgeburt gefunden haben soll; doch bedarf dies freilich erst der Bestätigung. Vielleicht wird jemand auch einmal behaupten, daß, wenn auch die Seele nur von einem Geschlecht herkommen kann, doch beide Geschlechter einen organischen Bestandteil zur Bildung des Körpers hergeben, so daß aus zwei Körpern einer entsteht; ebenso wie z. B. der Seidenwurm gleichsam ein doppeltes Tier ist und unter der Form der Raupe ein fliegendes Insekt in sich schließt: so sehr sind wir noch über einen so wichtigen Gegenstand im Dunklen. Vielleicht wird uns einmal die Analogie der Pflanzen darüber Licht geben, aber gegenwärtig sind wir auch über die Entstehung der Pflanzen selbst kaum unterrichtet und die Vermutung, daß der Staub, den man hierbei bemerkt, dem menschlichen Samen entsprechen könnte, ist noch nicht recht aufgeklärt. Übrigens ergibt oft ein Pflanzenschößling eine neue und vollständige Pflanze, wofür man noch keine Analogie bei den Tieren kennt; man kann daher auch nicht sagen, daß der Fuß des Tieres ein Tier ist, wie jeder Zweig eines Baumes eine Pflanze zu sein scheint, die für sich allein fähig ist, Früchte zu bringen. Auch haben die Mischungen der Arten und selbst die Veränderungen innerhalb derselben Art bei den Pflanzen oft großen Erfolg. Vielleicht sind oder waren die Tierarten zu irgendeiner Zeit oder an irgendeinem Ort des Universums der Veränderung mehr unterworfen, oder werden es dereinst mehr sein, als sie es gegenwärtig bei uns sind, und manche Tiere, die, wie der Löwe, der Tiger und der Luchs, etwas von der Katze haben, könnten ehemals zur selben Rasse gehört haben und jetzt gleichsam neue Unterarten der alten Spezies der Katzen bilden. So komme ich immer auf das zurück, was ich schon mehr als einmal gesagt habe, daß unsere Bestimmungen der physischen Arten vorläufige und unseren Kenntnissen entsprechende sind Vgl. hierzu bes. Leibniz' Brief an Varignon, Band II, S. 74 ff., 556 ff..

§ 24. Philal. Wenigstens haben die Menschen, wenn sie ihre Einteilung der Arten vornahmen, niemals an die substantiellen Formen gedacht, mit Ausnahme derjenigen, die gerade an dem Ort der Welt, an dem wir uns befinden, unsere Schulsprache gelernt haben.

Theoph. Seit kurzem scheint der Ausdruck substantielle Formen bei manchen Leuten in Verruf gekommen zu sein, und man schämt sich, von ihnen zu reden; doch ist auch dies vielleicht mehr Sache der Mode als der Vernunft. Die Scholastiker haben oft zur Unzeit einen allgemeinen Begriff gebraucht, wenn es sich darum handelte, besondere Erscheinungen zu erklären, aber dieser Mißbrauch hebt die Sache selbst nicht auf. Die menschliche Seele bringt die Zuversichtlichkeit einiger unserer neueren Philosophen etwas in Verlegenheit. Manche von ihnen erklären sie für die Form des Menschen, aber zugleich auch für die einzige substantielle Form der uns bekannten Natur. In dieser Weise spricht sich Descartes aus, der dem Regius eine Rüge dafür erteilte, daß er der Seele diese Beschaffenheit einer substantiellen Form bestritt und leugnete, daß der Mensch ein unum per se, ein mit einer wahrhaften Einheit begabtes Wesen sei. Manche glauben, daß dieser ausgezeichnete Mann aus Politik so gehandelt habe, aber ich zweifle ein wenig daran, weil ich glaube, daß er hierin recht hatte Der Cartesianer Henry Le Roi (lat. Regius), Professor der Philosophie in Utrecht, war einer der ersten akademischen Lehrer der Cartesischen Philosophie. Durch seine These, daß Seele und Körper nur ein »Unum per accidens« bilden, wurde er in einen heftigen persönlichen und literarischen Streit mit Gisbert Voëtius, der ebenfalls an der Universität Utrecht lehrte, verwickelt. Descartes hat gegen die Fassung, die Regius seiner Lehre vom Verhältnis von Seele und Leib gegeben hatte, sogleich in einem Briefe an Regius von Mitte Dezember 1641 protestiert; s. Correspondance ed Adam – Tannéry III, 459 ff. (Epistolae, ed. Clerselier Amstelod. 1668, Band I Nr. 90).. Aber man sollte nicht dem Menschen allein dies Vorrecht geben, wie wenn die Natur übers Knie gebrochen wäre. Wir haben Grund zu der Annahme, daß es eine Unendlichkeit von Seelen oder, allgemeiner zu reden, von ursprünglichen Entelechien gibt, die etwas der Perzeption und dem Triebe Analoges besitzen und die sämtlich substantielle Formen der Körper sind und stets bleiben. Es gibt freilich manche Arten, die dem Anschein nach kein unum per se sind, d. h. Körper, die nicht mit einer wahrhaften Einheit oder mit einem unteilbaren Wesen, das ihr ganzes Tätigkeitsprinzip ausmacht, begabt sind, – so wenig, wie eine Mühle oder eine Uhr dies sein könnten. Von dieser Art könnten die Salze, die Mineralien und die Metalle, d. h. einfache Aggregate oder Massen sein, in denen eine gewisse Regelmäßigkeit herrscht. Aber die Körper der einen und der anderen Art, d. h. die beseelten Körper sowohl wie die unbelebten Aggregate werden durch ihren inneren Bau spezifiziert sein, da selbst bei denen, welche belebt sind, die Seele und der Mechanismus, jedes für sich, zur Bestimmung genügen, denn sie stimmen vollkommen miteinander überein und bringen sich, wenngleich sie keinen unmittelbaren Einfluß aufeinander haben, wechselweise zum Ausdruck, indem die Seele alles das, was der Körper in der Vielheit verteilt hat, in eine vollkommene Einheit zusammengefaßt besitzt. Wenn es sich also um die Anordnung der Arten handelt, so ist der Streit um die substantiellen Formen unnütz, obgleich es aus anderen Gründen wichtig ist, zu erkennen, ob und wie es deren gibt, denn ohne diese Erkenntnis bleibt man in der intellektuellen Welt ein Fremdling. Übrigens haben die Griechen und Araber von diesen Formen ebensogut wie die Europäer gesprochen, und wenn die große Masse von ihnen nicht spricht, so redet sie ebensowenig von der Algebra oder von inkommensurablen Größen.

§ 25. Philal. Die Sprachen sind vor den Wissenschaften gebildet worden, und das unwissende, ungelehrte Volk hat die Dinge unter gewisse Arten gebracht.

Theoph. Allerdings, aber die Gelehrten berichtigen die populären Begriffe. Die Chemiker haben genaue Mittel gefunden, die Metalle zu unterscheiden und zu trennen, die Botaniker haben die Wissenschaft von den Pflanzen wunderbar bereichert, und die Erfahrungen, die man an den Insekten gemacht hat, haben uns in der Kenntnis der Tiere eine neue Bahn eröffnet; doch sind wir noch weit von der Hälfte unserer Laufbahn entfernt.

§ 26. Philal. Wenn die Arten ein Werk der Natur wären, so könnten sie von verschiedenen Personen nicht so verschieden aufgefaßt werden. Der Mensch erscheint dem einen als ein zweifüßiges lebendiges Wesen ohne Federn und mit großen Nägeln, und der andere fügt nach tieferer Untersuchung noch die Vernunft dazu. Viele Leute bestimmen indessen die Arten der Tiere mehr nach ihrer äußeren Gestalt als nach ihrer Abkunft, denn man hat es mehr als einmal in Frage gestellt, ob gewisse menschliche Geburten zur Taufe zugelassen werden sollten oder nicht, bloß aus dem Grunde, weil ihre äußere Bildung von der gewöhnlichen Form der Kinder abwich, ohne daß man wußte, ob sie nicht ebensogut zur Vernunft fähig wären, wie Kinder, die in einer anderen Form gegossen sind, – denn unter diesen finden sich manche, die, wenngleich von anerkannt menschlicher Gestalt, ihr ganzes Leben lang doch niemals imstande sind, soviel Vernunft zu zeigen, wie ein Affe oder Elefant, und die niemals ein Zeichen geben, daß sie von einer vernünftigen Seele regiert werden. Hieraus ergibt sich offenbar, daß die äußere Form, von der man allein etwas zu sagen wußte, und nicht die Fähigkeit der Vernunft, von der niemand wissen kann, ob sie zu ihrer Zeit fehlen wird, oder nicht zum wesentlichen Merkmal der menschlichen Gattung gemacht worden ist. In diesen Fällen sind denn auch die gescheitesten Theologen und Juristen gezwungen, auf ihre von ihnen so hoch verehrte Definition des Menschen als eines vernünftigen lebendigen Wesens zu verzichten und an deren Stelle irgendeine andere Wesensbestimmung der Menschenart zu setzen. Menage (Menagiana Tom. I, pag. 278 der holländischen Ausgabe von 1694) führt uns das Beispiel eines gewissen Abbé de St. Martin an, das berichtet zu werden verdient. »Als dieser Abbé de St. Martin – so erzählt er – zur Welt kam, hatte er so wenig die Gestalt eines Menschen, daß er eher einer Mißgeburt glich. Man beratschlagte einige Zeit, ob man ihn taufen sollte. Er wurde indessen getauft und man erklärte ihn vorläufig, d. h. bis die Zeit erkennen lassen würde, was er wäre, für einen Menschen. Er war von Natur so mißgestaltet, daß man ihn sein ganzes Leben den Abbé Malotru nannte. Er war aus Caen.« Da haben wir ein Kind, das einfach wegen seiner Gestalt nahe daran war, von der Menschenart ausgeschlossen zu werden. Es kam, so wie es war, mit genauer Not davon, und sicherlich würde eine noch etwas entstelltere Gestalt es dieses Vorrechts für immer beraubt haben, indem man es als ein Wesen, das nicht für einen Menschen gelten dürfe, hätte zugrunde gehen lassen. Und doch kann man keinen Grund angeben, warum in ihm, wenn seine Gesichtszüge ein wenig mehr verzerrt gewesen wären, keine vernünftige Seele hätte wohnen können, – warum ein etwas längeres Gesicht oder eine plattere Nase oder ein etwas mehr gespaltener Mund nicht ebensowohl, wie seine sonstige unregelmäßige Gestalt mit einer Seele hätten zusammenbestehen können, und mit den Fertigkeiten, die ihr, so entstellt er immer war, doch fähig machten, eine kirchliche Würde zu bekleiden.

Theoph. Bisher hat man noch kein vernünftiges lebendiges Wesen gefunden, dessen äußere Gestalt von der unseren sehr verschieden gewesen wäre; darum wurden, wenn es sich darum handelte, ein Kind zu taufen, Abstammung und Gestalt immer nur als Kennzeichen angesehen, um zu entscheiden, ob es ein vernünftiges Wesen sei oder nicht. So haben denn die Theologen und Juristen nicht nötig gehabt, deshalb der von ihnen so hoch verehrten Definition zu entsagen.

§ 27. Philal. Wenn aber jene Mißgeburt, von der Licetus im 3. Kap. des 1. Buches redet Fortunius Licetus, De monstrorum causis, natura et differentiis, Patavii 1634., die den Kopf eines Menschen und den Leib eines Schweines hatte, oder andere Mißgeburten, welche auf Menschenleibern Hunde- und Pferdeköpfe usw. hatten, am Leben erhalten worden wären und hätten reden können, so würde die Schwierigkeit größer gewesen sein.

Theoph. Ich gebe das zu, und wenn dies vorkäme und jemand so aussähe, wie ein gewisser Schriftsteller, ein Mönch aus alter Zeit, Hans Kalb genannt, der sich in einem Buche, das er schrieb, mit einem Kalbskopf abmalte, die Feder in der Hand, was einige lächerlicherweise glauben machte, daß er wirklich einen Kalbskopf gehabt hätte, wenn, sage ich, dies vorkäme, so würde man künftig behutsamer sein, Mißgeburten abzutun. Denn die Vernunft würde allem Anschein nach bei Theologen und Juristen trotz der Gestalt, ja trotz allen anatomischen Unterschieden, die die Ärzte entdecken könnten, das Übergewicht behalten. Diese Unterschiede würden dem betreffenden Wesen die Eigenschaft, ein Mensch zu sein, so wenig rauben, wie jene Umkehrung der Eingeweide bei einem Menschen, dessen Obduktion Bekannte von mir in Paris mitangesehen haben und die viel Aufsehen erregt hat, wo die Natur

»Peu sage et sans doute en débauche
Placa le foye au costé gauche
Et de même vice versa
Le coeur à la droite plaça«

– wenn ich mich recht der Verse erinnere, welche der verstorbene Alliot (ein wegen seiner geschickten Behandlung des Krebses berühmter Arzt) Vgl. über ihn die »Biographie universelle« von Michaud (Paris 1854, Band I, S. 302). (Sch.), über dieses Wunder gemacht hatte und mir zeigte. Freilich gilt dies nur, sofern die Verschiedenheit der Bildung bei den vernünftigen Wesen nicht zu weit geht und man nicht etwa in die Zeit zurückkommt, wo die Tiere sprachen; denn sonst würden wir unser besonderes Vorrecht der Vernunft verlieren und man müßte fortan freilich aufmerksamer auf die Geburt und das Äußere sein, um die Abkömmlinge Adams von denen unterscheiden zu können, die etwa von einem Könige oder Patriarchen irgendeines afrikanischen Affenstaates abstammen möchten. Unser gelehrter Autor hat recht mit der Bemerkung (§ 29), daß, wenn die Eselin des Bileam auch ihr ganzes Leben lang ebenso vernünftig geredet hätte, wie sie es das eine Mal mit ihrem Herrn tat (vorausgesetzt, daß es nicht eine prophetische Vision gewesen ist), sie doch stets nur mit großer Mühe Sitz und Stimme unter den Frauen erhalten hätte.

Philal. Wie ich sehe, lachen Sie, und vielleicht lachte der Verfasser auch; aber ernstlich gesprochen, sehen Sie doch wohl ein, daß man nicht immer bestimmte Grenzen für die Arten festsetzen kann.

Theoph. Das habe ich Ihnen schon zugegeben; denn wenn es sich um Erdichtungen und die bloße Möglichkeit der Dinge handelt, können die Übergänge von Art zu Art unmerklich sein, und sie unterscheiden wollen, wäre mitunter ungefähr ebenso, wie wenn man entscheiden wollte, wieviel Haare man einem Menschen lassen muß, damit er nicht kahlköpfig sei. Diese Unentschiedenheit würde selbst dann bestehen, wenn wir die innere Beschaffenheit der Geschöpfe, um die es sich handelt, vollständig kennten. Aber ich sehe nicht ein, warum nicht trotzdem die Dinge unabhängig vom Verstande reale Wesenheiten besitzen und wir diese nicht auch erkennen sollten. Freilich würde es sich mit den Benennungen und Abgrenzungen der Arten mitunter ebenso wie mit den Benennungen der Maße und Gewichte verhalten, wo man, um feste Grenzen zu erhalten, seine Wahl treffen muß. Für gewöhnlich ist indessen so etwas nicht zu fürchten, da die Arten, die einander zu nahe stehen, sich kaum nebeneinander vorfinden.

§ 28. Philal. Wie es scheint, stimmen wir hier im Grunde überein, wiewohl wir in der Ausdrucksweise etwas voneinander abweichen. Auch gebe ich Ihnen zu, daß in der Benennung der Substanzen weniger Willkür herrscht, als in den Namen der zusammengesetzten Modi. Denn man verfällt kaum auf den Gedanken, das Blöken eines Schafes mit der Gestalt des Pferdes oder die Farbe des Bleies mit der Schwere und Feuerfestigkeit des Goldes zu verbinden, sondern kopiert lieber die Natur.

Theoph. Dies kommt nicht sowohl daher, daß man bei den Substanzen nur auf das, was tatsächlich existiert, achtet, als daher, daß man bei den Ideen physischer Dinge (die man kaum jemals von Grund aus begreift) nicht sicher ist, ob ihre Verknüpfung möglich und nützlich ist, es sei denn, daß das wirkliche Dasein uns hierfür Gewähr leistet. Dies gilt indessen auch für die Modi: nicht nur, wenn ihre Dunkelheit uns, wie es mitunter in der Physik vorkommt, undurchdringlich ist, sondern auch, wenn es uns schwer fällt, sie zu durchdringen, wofür die Geometrie genug Beispiele darbietet. Denn in beiden Wissenschaften steht es nicht bei uns, nach Belieben Kombinationen zu machen, sonst hätte man das Recht, von regelmäßigen Dekaedern zu reden und könnte in einem Halbkreise, wie es in ihm einen Mittelpunkt der Schwere gibt, so auch einen Mittelpunkt der Größe suchen. Denn es ist in der Tat auffallend, daß es in ihm den einen gibt, den andern aber nicht geben kann. Wie nun bei den Modi die Kombinationen nicht immer willkürlich sind, so findet sich im Gegensatz dazu, daß sie dies mitunter bei den Substanzen sind; und oft hängt es von uns ab, irgendwelche Eigenschaften zu kombinieren und auf diese Weise substantielle Wesen vor aller Erfahrung zu definieren, wenn man diese Eigenschaften hinlänglich kennt, um über die Möglichkeit der Kombination urteilen zu können. So können Gärtner, die in der künstlichen Zucht erfahren sind, mit gutem Grund und Erfolg sich die Erzeugung irgendeiner neuen Art zum Ziel setzen und ihr im voraus einen Namen geben.

§ 29. Philal. Sie werden mir immerhin zugestehen, daß, wenn es sich um die Definition der Arten handelt, die Zahl der Ideen, welche man kombiniert, von dem verschiedenen Fleiße, dem Eifer oder der Laune dessen abhängt, der diese Kombination bildet. Wie man sich zur Bestimmung der Pflanzen- und Tierarten am häufigsten nach der Gestalt richtet, hält man sich bei den meisten Naturkörpern, die nicht durch Samen hervorgebracht werden, vor allem an die Farbe. § 30. In Wahrheit freilich gibt das sehr oft nur verworrene, grobe und ungenaue Begriffe, und über die genaue Zahl der einfachen Ideen oder Eigenschaften, die dieser oder jener Art mit diesem oder jenem Namen zukommen, herrscht keineswegs Übereinstimmung, denn es bedarf vieler Mühe, Geschicklichkeit und Zeit, um die einfachen Ideen zu finden, die in ihr beständig verbunden sind. Für gewöhnlich genügen indes in der Unterhaltung wenige Eigenschaften, aus denen sich jene ungenauen Definitionen zusammensetzen, aber trotz des Geschreies über die Gattungen und Arten sind doch die Formen, von denen man in den Schulen so viel gesprochen hat, nur Chimären, die nicht im mindesten dazu dienen, uns in die Erkenntnis spezifischer Wesenheiten einzuführen.

Theoph. Wer irgendeine mögliche Kombination von Ideen macht, begeht hierin, oder auch darin, daß er ihr einen Namen gibt, keinen Irrtum; er irrt aber, wenn er glaubt, daß dasjenige, was er sich vorstellt, genau dasselbe sei, wie das, was andere und Erfahrenere unter demselben Namen oder in demselben Körper sich vorstellen. Er denkt sich vielleicht eine zu allgemeine Gattung statt einer anderen spezielleren. In diesem allen liegt nichts, was der Schulmeinung widerspricht, und ich sehe nicht ein, warum Sie hier Ihren Angriff gegen die Gattungen, Arten und Formen wiederholen, da Sie doch selbst Gattungen, Arten, ja selbst innere Wesenheiten oder Formen anerkennen müssen, von denen man freilich nicht behauptet, daß man sie zur Erkenntnis der spezifischen Natur der Sache brauchen könne, weil man eingesteht, über sie selbst noch in Unkenntnis zu sein.

§ 30. Philal. Wenigstens ist klar, daß die Grenzen, die wir den Arten anweisen, nicht genau denen entsprechen, welche durch die Natur gesetzt sind. Denn bei unserem Bedürfnis allgemeiner Namen zum augenblicklichen Gebrauch bemühen wir uns nicht, die Eigenschaften der Arten zu entdecken, welche uns ihre wesentlichen Unterschiede und Übereinstimmungen besser erkennen lassen würden, sondern wir selbst stellen die Einteilung in Arten nach gewissen, jedermann in die Augen fallenden Erscheinungen an, um dadurch mit anderen leichter verkehren zu können.

Theoph. Wenn wir Ideen, die miteinander verträglich sind, verbinden, so sind die Grenzen, die wir den Arten anweisen, immer genau der Natur gemäß, und wenn wir darauf achten, solche Ideen miteinander zu verbinden, die sich in der Wirklichkeit zusammenfinden, so stimmen unsere Begriffe auch mit der Erfahrung überein. Betrachten wir diese Verbindungen, was die tatsächlichen Körper angeht, nur als vorläufig, vorbehaltlich weiterer Entdeckungen, die die vergangene oder künftige Erfahrung uns lehren kann und überlassen wir, wenn es sich um die genaue Feststellung des Sinnes handelt, den man allgemein mit einem Worte verbindet, diese Bestimmung den Sachkundigen: so werden wir hierbei in keine Täuschung verfallen. Die Natur kann alsdann vollständigere und passendere Ideen liefern, aber sie wird die unsrigen, die gut und natürlich, wenngleich vielleicht nicht die besten und die natürlichsten sind, nicht Lügen strafen.

§ 32. Philal. Unsere Gattungsbegriffe von den Substanzen, wie z. B. der des Metalls, folgen nicht genau den Mustern, die ihnen von der Natur vorgezeichnet sind, da man keinen Körper finden kann, welcher einfach die Dehnbarkeit und Schmelzbarkeit ohne andere Eigenschaften besitzt.

Theoph. Solche Muster verlangt man auch nicht und hätte auch keinen Grund, sie zu verlangen; auch sind sie selbst bei den deutlichsten Begriffen nicht vorhanden. Man findet niemals eine Zahl, an der nichts als die Vielheit überhaupt zu bemerken wäre; kein Ausgedehntes, das nur Ausdehnung, keinen Körper, der nur Widerstandskraft ohne alle anderen Eigenschaften besäße: und wenn die spezifischen Unterschiede positiv und einander entgegengesetzt sind, so muß die Gattung zwischen beiden ihre Wahl treffen.

Philal. Wenn also jemand sich einbildet, daß ein Mensch, ein Pferd, eine Pflanze usw. sich durch reale von der Natur gebildete Wesenheiten voneinander unterscheiden, so muß er sich die Natur als sehr freigebig mit dergleichen realen Wesenheiten vorstellen, wenn sie deren eine für den Körper, eine andere für das Tier und noch eine andere für das Pferd hervorbringt und alle diese Wesenheiten freigebig dem Bucephalus mitteilt. Statt dessen sind jedoch Gattungen und Arten nichts weiter, als Zeichen, die mehr oder weniger in sich begreifen.

Theoph. Wenn Sie die realen Wesenheiten als substantielle Muster von solcher Art denken, daß sie schlechthin einen Körper ohne alle sonstigen Bestimmungen, ein Tier ohne jede spezifische Eigenart, ein Pferd ohne irgendwelche individuellen Eigenschaften bedeuten sollten, so haben Sie recht, sie als Chimären zu behandeln. Niemand aber, selbst nicht die größten Realisten der Vergangenheit, hat, denke ich, behauptet, daß es ebenso viele, sich auf das gattungsmäßige Merkmal beschränkende Substanzen gebe, als es Gattungen gibt. Doch folgt daraus, daß die allgemeinen Wesenheiten nicht solche Substanzen sind, keineswegs, daß sie bloße Zeichen sind; denn ich habe Sie schon mehrmals darauf hingewiesen, daß sie Möglichkeiten in den Ähnlichkeiten der Dinge sind. So folgt ja z. B. auch daraus, daß die Farben nicht immer Substanzen oder für sich darstellbare Farbstoffe sind, nicht, daß sie bloß in der Einbildung bestehen. Übrigens kann man sich die Natur nicht zu freigebig denken, sie ist dies über all das hinaus, was wir nur immer erfinden mögen, und alle miteinander in ihrem Wettstreit verträglichen Möglichkeiten finden sich auf der großen Bühne ihrer Darstellungen verwirklicht. Früher gab es bei den Philosophen zwei Axiomen: das der Realisten schien die Natur zur Verschwenderin zu machen, das der Nominalisten sie für geizig zu erklären. Das eine behauptet, daß die Natur kein Leeres duldet, das andere, daß sie nichts umsonst tut. Diese beiden Axiome sind gut, wenn man sie recht versteht, – denn die Natur ist wie ein guter Haushalter, der dort, wo dies am Platze ist, spart, um zu rechter Zeit und am gehörigen Orte freigebig zu sein. Sie ist großartig in den Wirkungen und sparsam in den Ursachen, die sie hierfür verwendet.

§ 34. Philal. Ohne uns weiter mit dem Streite über die wirklichen Wesenheiten zu unterhalten, genügt es, den Zweck der Sprache und den Gebrauch der Worte festzuhalten, welcher darin besteht, unsere Gedanken abgekürzt auszudrücken. Wenn ich zu jemand von einer Art Vögel sprechen will, die drei bis vier Fuß hoch sind, deren Haut mit einem Mittelding von Federn und Haaren bedeckt ist, die von dunkelbrauner Farbe und ohne Flügel sind, statt dieser aber zwei oder drei kleine Äste, ähnlich wie Pfriemenkrautzweige, besitzen, welche ihnen bis unten hin hangen, die lange und dicke Beine, Füße mit nur drei Krallen und keinen Schwanz haben, so bin ich genötigt, diese Beschreibung zu geben, um mich dadurch anderen verständlich zu machen. Sagt man mir aber, daß der Name dieses Tieres Kasuar ist, so kann ich mich dann dieses Namens bedienen, um im Gespräch jene ganze zusammengesetzte Idee zu bezeichnen.

Theoph. Vielleicht würde eine sehr genaue Idee der Hautbedeckung dieses Tieres oder eines anderen Teiles von ihm für sich allein bereits genügen, um es von allen anderen Tieren zu unterscheiden, wie man den Herkules an seiner Fußspur erkannte und wie man den Löwen nach dem lateinischen Sprichwort an seiner Klaue erkennt. Je mehr Bestimmungen man indessen zusammenfaßt, um so weniger ist die Definition eine nur vorläufige.

§35. Philal. Wir können in diesem Falle ohne Nachteil für die Sache aus unserer Idee einige Merkmale fortlassen; wenn aber die Natur solche Merkmale fortläßt, so ist es fraglich, ob dann die Art noch bestehen bleibt. Wenn es z. B. einen Körper gäbe, der alle Eigenschaften des Goldes, ausgenommen die Dehnbarkeit, hätte, würde es Gold sein? Dies zu entscheiden hängt von den Menschen ab: sie sind es also, welche die Arten der Dinge bestimmen.

Theoph. Keineswegs; vielmehr würden sie in einem solchen Falle nur den Namen bestimmen. Doch würde eine derartige Erfahrung uns lehren, daß die Dehnbarkeit mit den übrigen Eigenschaften des Goldes in ihrer Gesamtheit nicht in notwendiger Verbindung steht. Sie würde uns also eine neue Möglichkeit und folglich eine neue Art kennen lehren. Was das brüchige und spröde Gold betrifft, so kommt dies nur von den Zusätzen her und kann vor den anderen Goldproben nicht bestehen: denn die Probierkapelle und das Antimon nehmen ihm diese Sprödigkeit.

§ 36. Philal. Aus unserer Lehre folgt etwas, was sehr seltsam erscheinen wird: daß nämlich jede abstrakte Idee, die einen bestimmten Namen hat, eine bestimmte Art bildet. Aber was will man dabei tun, wenn die Natur es so verlangt? Ich möchte wissen, warum ein Bologneser Hund und ein Windhund nicht ebenso verschiedene Arten sein sollen, als ein Hühnerhund und ein Elefant.

Theoph. Ich habe vorher die verschiedenen Bedeutungen, in denen man das Wort Art gebraucht, unterschieden. Nimmt man es logisch oder vielmehr mathematisch, so kann die geringste Unähnlichkeit genügen; so daß also jede verschiedene Idee eine andere Art liefern wird, wobei es nicht darauf ankommt, ob sie einen Namen hat oder nicht. Aber im physischen Sinne hält man sich nicht bei jedweder Abweichung auf und redet – entweder bestimmt, wenn es sich nur um die Erscheinungen, oder vermutungsweise, wenn es sich um die innere Wahrheit der Dinge handelt – von einer wesentlichen und unveränderlichen Natur, die man in den Dingen voraussetzt, wie dies beim Menschen die Vernunft ist. Man setzt also voraus, daß dasjenige, was nur durch zufällige Änderungen voneinander verschieden ist, wie das Wasser und das Eis, das Quecksilber in seiner flüssigen Form und im Sublimat, von derselben Art ist; und bei den organischen Körpern sieht man gewöhnlich als vorläufiges Kennzeichen der Identität der Art die gleiche Abstammung oder Rasse, bei den gleichförmigsten Körpern aber die Reproduktion an. Allerdings kann man darüber, weil man das Innere der Dinge nicht kennt, kein ganz genaues Urteil fällen, doch urteilt man, wie ich schon mehr als einmal gesagt habe, vorläufig und oft vermutungsweise. Will man indessen aus Vorsicht, um nur ganz Gewisses zu sagen, bloß vom Äußeren reden, so bleibt hier ein gewisser Spielraum übrig, und in diesem Falle darüber zu streiten, ob ein Unterschied spezifisch ist oder nicht, wäre ein Wortstreit. In diesem Sinne findet unter den Hunden ein so großer Unterschied statt, daß man sehr wohl sagen kann, die englischen Doggen und die Bologneser Hündchen gehörten verschiedenen Arten an. Doch ist es nicht unmöglich, daß sie von derselben oder von einer ähnlichen entfernten Rasse sind, die man finden würde, wenn man sehr weit zurückgehen könnte und daß daher ihre Voreltern einander ähnlich oder dieselben gewesen sind, nach großen Veränderungen aber einige aus der Nachkommenschaft größer, andere kleiner geworden sind. Man kann sogar, ohne wider die Vernunft zu verstoßen, auch glauben, daß sie eine innere, feststehende, spezifische Wesenheit gemein haben, die nicht mehr in weitere Unterabteilungen zerfällt, oder die sich außer bei ihnen, nicht mehr bei anderen Naturen findet, und die daher nur noch zufällige Variationen aufweist: obgleich wir freilich auch keinen Grund zu dem Schlüsse haben, daß dies bei allem dem, was wir die unterste Art ( species infima) nennen, notwendig der Fall sein müsse. Doch besteht nicht der geringste Anschein dafür, daß ein Hühnerhund und ein Elefant zu derselben Rasse gehören und eine solche spezifische Natur miteinander gemein haben. So kann man bei den verschiedenen Hundesorten, wenn man nach der äußeren Erscheinung urteilt, die Arten unterscheiden, und wenn man von der inneren Wesenheit spricht, darüber im Zweifel sein; vergleicht man aber den Hund und den Elefanten, so hat man keinen Grund, ihnen äußerlich oder innerlich Merkmale zuzuschreiben, die sie als Wesen derselben Art erscheinen lassen könnten. Also besteht hier kein Grund, gegenüber unserer Annahme zweifelhaft zu sein. Auch beim Menschen könnte man die Arten, wenn man sie im logischen Sinne nimmt, unterscheiden, und wenn man beim Äußeren stehen bliebe, könnte man auch im physischen Sinne Verschiedenheiten ausfinden, welche als spezifische gelten könnten. So hat es einen Reisenden gegeben, welcher annahm, daß die Neger, die Chinesen und endlich die Amerikaner weder untereinander noch mit den uns gleichenden Völkern von gleicher Rasse wären. Da man indessen die innere Wesenheit des Menschen, d. h. die Vernunft, kennt, die im selben Menschen verharrt und sich bei allen Menschen findet, und sonst kein anderes feststehendes, innerliches Merkmal an ihm bemerkt, das eine weitere Unterteilung begründen könnte, so haben wir keinen Grund zu dem Urteil, daß es unter den Menschen der innerlichen Wahrheit nach einen spezifischen wesentlichen Unterschied geben könne, während sich zwischen Mensch und Tier ein solcher findet – vorausgesetzt, daß die Tiere nach dem, was ich früher auseinandergesetzt, sich lediglich empirisch verhalten, wie in der Tat die Erfahrung zu keinem anderen Urteil hierüber Anlaß gibt.

§39. Philal. Nehmen wir als Beispiel ein Werk der Kunst, dessen innerer Bau uns bekannt ist. Eine Uhr, die nur die Stunden zeigt, und eine Uhr, die schlägt, sind für diejenigen, die zu ihrer Bezeichnung nur einen Namen haben, von derselben Art; für den indes, der zur Bezeichnung der ersteren das Wort Zeigeruhr, zur Bezeichnung der letzteren das Wort Schlaguhr besitzt, sind beide, in Hinsicht auf ihn, verschiedene Arten. Also ist es der Name und nicht die innere Einrichtung, was eine neue Art ausmacht, sonst würde es zu viele Arten geben. Es gibt Uhren mit vier Rädern und andere mit fünf; einige haben Schnüre und Spindeln und andere nicht; in einigen geht die Unruhe frei, in anderen wird sie durch eine Spiralfeder und in noch anderen durch Schweineborsten in Bewegung gesetzt; aber genügt einer dieser Umstände, um einen spezifischen Unterschied zu begründen? Ich sage: nein, so lange diese Uhren im Namen übereinkommen.

Theoph. Und ich möchte diese Frage doch bejahen: denn ohne mich bei den Namen aufzuhalten, möchte ich die Verschiedenheiten des Werkes und vor allem den Unterschied der Unruhe in Erwägung ziehen; denn seitdem man bei dieser eine Springfeder anwendet, die die Schwingungen nach den eigenen regelt und sie hierdurch gleichmäßiger macht, haben sich die Taschenuhren ganz umgewandelt und sind unvergleichlich richtiger geworden. Ich habe früher sogar einmal ein anderes Prinzip der Gleichmäßigkeit bemerkt, das man bei den Uhren anwenden könnte.

Philal. Will jemand Einteilungen machen, die sich auf die ihm bekannten Unterschiede in der inneren Gestaltung gründen, so kann er dies tun; das würden indessen nicht verschiedene Arten sein für Leute, welche jenen inneren Bau nicht kennen.

Theoph. Ich sehe nicht ein, warum man bei Ihnen die Kräfte, die Wahrheiten und die Arten immer von unserer Meinung oder Erkenntnis abhängig machen will. Sie liegen in der Natur, mögen wir nun von ihnen wissen und sie anerkennen oder nicht. Wollte man sich anders ausdrücken, so hieße dies, die Namen der Dinge und den angenommenen Sprachgebrauch ohne Not ändern. Bisher werden die Menschen wohl immer geglaubt haben, daß es verschiedene Arten von Uhren gibt, ohne sich darum zu bekümmern, worin ihre Verschiedenheit besteht, und wie man diese Arten benennen könnte.

Philal. Gleichwohl haben Sie noch vor Kurzem anerkannt, daß man sich, wenn man die physischen Arten nach der äußeren Erscheinung unterscheiden will, wo man es angemessen findet, eine willkürliche Beschränkung auferlegt, je nachdem man den Unterschied als mehr oder minder bedeutend ansieht und je nach dem Zweck, den man gerade im Auge hat. Auch haben Sie sich selbst des Vergleichs mit Gewichten und Maßen bedient, welche man nach dem Belieben der Menschen regelt und benennt.

Theoph. Jawohl, seitdem ich Sie zu verstehen angefangen habe. Man kann zwischen den spezifischen Unterschieden rein logischer Art, bei denen die geringste Abweichung von der angegebenen Definition, so zufällig sie auch sein mag, genügt, eine neue Art zu begründen, und den spezifischen Unterschieden,/ die rein physisch und auf das unveränderliche Wesen der Dinge gegründet sind, ein Mittelding setzen, das sich aber freilich nicht genau bestimmen läßt. Man richtet sich dann nach den wichtigsten Erscheinungen, die freilich nicht durchaus unwandelbar sind, sich aber doch auch nicht leicht ändern, sofern die eine Eigenschaft sich mehr als eine andere dem Wesentlichen nähert. Da nun hierbei auch der eine Kenner weiter gehen kann, als ein anderer, so scheint die Sache freilich willkürlich und relativ; und es erscheint bequem, auch die Namen nach diesen hauptsächlichen Verschiedenheiten einzurichten. Man könnte daher sagen, daß dies spezifische Unterschiede des bürgerlichen Lebens und nominelle Arten sind, die man nicht mit dem verwechseln muß, was ich vorher Nominaldefinition genannt habe, denn diese haben sowohl bei den spezifischen Unterschieden logischer wie physischer Art statt. Übrigens können, außer dem gewöhnlichen Sprachgebrauch, die Gesetze selbst die Bedeutungen der Worte autoritativ festsetzen, und dann würden die Arten gesetzliche werden, wie in denjenigen Verträgen, welche man nominati nennt, d. h. solchen, die auf einen besonderen Namen gehen. So läßt z. B. das römische Recht die Mannbarkeit mit zurückgelegtem vierzehnten Jahr anfangen. Alle diese Erwägungen nun sind zwar nicht zu verachten, doch sehe ich nicht ein, daß sie hier von großem Nutzen sind, denn abgesehen davon, daß Sie sie bisweilen, wie mir scheint, dort angewandt haben, wo sie keinen Nutzen haben konnten, so kann man zu fast demselben Ergebnis auch durch die Erwägung gelangen, daß es von den Menschen abhängt, in den Unterabteilungen, soweit es ihnen zweckmäßig erscheint, weiterzugehen, und von noch weiteren Unterschieden abzusehen, ohne daß man sie darum zu leugnen brauchte, und daß es auch von ihnen abhängt, das Bestimmte für das Unbestimmte zu wählen, um Begriffe und Maße, indem man ihnen Namen gibt, festzusetzen.

Philal. Ich freue mich, daß wir hier einander nicht mehr so fern stehen, als es den Anschein hatte. § 41. Sie werden mir auch, soviel ich sehe, zugeben, daß die Werke der Kunst – entgegen der Ansicht mancher Philosophen – ebensogut wie die der Natur, Arten bilden. § 42. Aber bevor wir die Namen der Substanzen verlassen, will ich noch hinzufügen, daß von allen unseren verschiedenen Ideen lediglich die Ideen der Substanzen Eigennamen oder individuelle Namen besitzen; denn es kommt selten vor, daß man nötig hätte, eine individuelle Eigenschaft oder einen individuellen Vorfall häufig zu erwähnen. Außerdem vergehen die individuellen Handlungen sogleich, und die Verbindung der Umstände, die bei ihnen zusammentreffen, ist nicht, wie bei den Substanzen, von Bestand.

Theoph. Es gibt indessen Fälle, in denen sich die Notwendigkeit ergab, sich eines individuellen Vorfalls zu erinnern, und in denen man ihm eine Bezeichnung gegeben hat; somit ist Ihre Regel im ganzen genommen richtig, aber sie erleidet Ausnahmen. Solche Fälle liefert uns die Religion: so feiern wir z. B. jährlich das Andenken an die Geburt Jesu Christi; die Griechen nannten diese Begebenheit Theogonie und die Anbetung der Weisen Epiphanie. Ferner nannten die Hebräer Passah das Fest von dem Umgang des Engels, der die Erstgeburt der Ägypter tötete, ohne die der Hebräer anzurühren: ein Ereignis, dessen Andenken sie alle Jahre feiern mußten. Was die Arten der künstlich erzeugten Dinge betrifft, so haben die scholastischen Philosophen Bedenken getragen, sie unter ihre Prädikamente aufzunehmen; aber ihre Bedenklichkeit hierin war kaum nötig, da diese Tafeln der Prädikamente eben dazu dienen sollten, eine allgemeine Musterung über unsere Ideen zu halten. Es ist indessen gut, den Unterschied zu erkennen, der zwischen den vollkommenen Substanzen und den Anhäufungen von Substanzen ( aggregata) besteht, welch letztere substantielle Wesen sind, die durch die Natur oder durch die Kunst des Menschen zusammengefügt sind. Denn auch die Natur liefert solche Zusammensetzungen: z. B. alle diejenigen Körper, deren Mischung, um die Sprache unserer Philosophen zu reden, unvollkommen ist ( imperfecte mixta), die kein unum per se bilden und in sich keine vollkommene Einheit besitzen. Meiner Meinung nach sind freilich auch die vier Körper, die sie »Elemente« nennen und für einfach halten, wie auch die Salze, die Metalle und andere Körper, die sie für vollkommen vermischt halten und denen sie ihre »Temperamente« beilegen, gleichfalls kein unum per se, zumal man annehmen muß, daß sie nur dem Scheine nach einförmig und gleichartig sind; ja selbst ein völlig gleichartiger Körper würde darum nicht aufhören, ein Aggregat zu sein. Die vollkommene Einheit kommt mit einem Wort nur den beseelten oder mit ursprünglichen Entelechien begabten Körpern zu; denn diese Entelechien sind den Seelen analog und ebenso unteilbar und unvergänglich wie sie. Auch habe ich schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß ihre organischen Körper in der Tat Maschinen sind, welche aber die künstlichen, von uns erfundenen Maschinen so weit übertreffen, als der Erfinder der natürlichen uns übertrifft. Denn diese natürlichen Maschinen sind ebenso unvergänglich wie die Seelen, und wie die Seele, so dauert auch das lebendige Wesen beständig fort. Es geht hier (um mich durch ein passendes Beispiel, so lächerlich es auch ist, besser verständlich zu machen) wie mit dem Harlekin, als man ihn auf der Bühne entkleiden wollte, wobei man aber nie zu Ende gelangen konnte, weil er ich weiß nicht wieviel Kleider übereinander anhatte. Freilich sind diese ins Unendliche gehenden Ineinanderfaltungen organischer Körper, die in einem lebendigen Wesen enthalten sind, einander nicht so ähnlich, noch liegen sie so, wie Kleidungsstücke einfach übereinander; denn die Kunst der Natur ist von einer ganz anderen Feinheit. Aus alledem erkennt man, daß die Philosophen durchaus nicht so unrecht gehabt haben, zwischen den Werken der Kunst und den mit einer wahrhaften Einheit begabten natürlichen Körpern einen so großen Unterschied zu machen. Aber unserer Zeit erst war es vorbehalten, dies Geheimnis zu enthüllen und dessen Wichtigkeit und Folgen begreiflich zu machen, um die natürliche Theologie und das, was man Pneumatik (Lehre vom Geist) nennt, in einer Weise zu begründen, die wahrhaft natürlich und dem, was wir erfahrungsmäßig feststellen und verstehen können, gemäß ist, und die von den wichtigen Betrachtungen, die sich hieraus ergeben müssen, nichts verloren gehen läßt, sondern sie vielmehr hervorhebt, wie dies durch das System der prästabilierten Harmonie geschieht. Einen besseren Abschluß als diesen, können wir, wie ich glaube, dieser langen Erörterung über die Namen der Substanzen nicht geben.


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