Elisabeth Langgässer
Der Gang durch das Ried
Elisabeth Langgässer

 << zurück weiter >> 

XI

das Grundwasser –«, pflegte später der Erlenhöfer zu sagen, wenn Bekannte und Nachbarn sich wunderten, wie das so rasch hätte kommen können, und starrte auf seine Füße . . .

Jawohl, erläuterte regelmäßig die kummervolle Liesa, und jedesmal schien ihr dabei von neuem die Flut bis in die Augen zu steigen – das Grundwasser hatte so heftig wie nie den vorderen Keller erfüllt und die Holztreppe abgerissen, bevor noch die Dränage ihr Werk beginnen konnte. Man mußte Bretter vom Eingang bis zu der Stelle hinüberlegen, wo die Mauer ein wenig vorsprang, und mit Gefäßen das Wasser schöpfen. Ganz hinten stand der Anton, der den Eimer der Liesa, die ihn dem Bauern, der ihn der Kätta reichte, die ihn nach oben schleppte, wo die Großmutter ihn entleerte: »du wirst dich verheben«, sagte die Alte; aber etwas andres geschah, und sie, die Liesa, begreife nicht, wie das hätte passieren können. Als nämlich der Anton bereits auf dem Bauch lag, um den Eimer hinunterzuhangeln und das Wasser nur noch so hoch stand wie ein Kerbkarussell von der Erde aus bis zu den Köpfen der Holzpferde steht – war die Kätta neben das Brett getreten und in die Tiefe gestürzt. »Ich bin auf den Rappen gefallen«, sagte sie nachher in einem fort und schnalzte mit der Zunge. Nun, da ging es denn auch mit hü und hott sehr rasch zum Hoftor hinaus. Zuerst kam das Kind, dann das Fieber und schließlich die Lungenentzündung – oder war alles zusammengekommen und hatte in Fieber und Glut, ja wahrhaftig: in Strömen von Blut, die Kätta fortgeschwemmt, wie einen Korken, der auf den Wellen tanzt? Die Bäuerin hatte freilich gemeint, es wäre ein Pferderücken; daran konnte niemand mehr zweifeln, der zusah, wie sie im Sterben die festgeschlossenen Hände bewegte, als ob ihr zwei stramme Zügel zwischen den Fingern säßen, mit dem Oberkörper geschaukelt hatte und zuletzt mit offenem Mund nach vorne gefallen war. 242

»Kein Wunder!« meinten die Leute und blinzten einander an. »Man hat ja gehört, daß im Spätjahr der eingemauerte Gaul wieder gebumst haben soll.«

»Und diesmal hat er es endlich geschafft«, sagte der Erlenhöfer. »Mein Rappe ist fort –«, er tastete blind nach den Köpfen der Zwillingskinder und erwischte den Lückenbüßer – – die erste Träne, so karg wie alles, was dieser Mann zu vergeben hatte, löste sich ihm von der Wimper; er zwinkerte, sah das Gesicht des Kleinen für den Bruchteil einer Sekunde wie die Sonne im Regentropfen und wischte Bild und Träne gleich wieder unwillig ab: »und auch der hier bleibt nicht mehr lange.«

»Wohin tut Ihr aber den Peter dann?« wollten die Leute wissen.

»Na – wo er von Rechts wegen hingehört«, sagte der Erlenhöfer. »Zu seinem Vater. Wohin denn sonst? oder warum?« schrie er plötzlich, »soll ich eigentlich noch den Josef für diesen Burschen machen?«

»Das wird aber, wie ich ihn kenne, der Lumpenmüller noch weniger wollen«, sagte ein grämlicher Mann.

»Dazu ist er gesetzlich gezwungen«, erwiderte der Bauer.

»Und wenn er ihn schlecht behandelt? ich meine –«, der andere zögerte, schluckte, würgte sein Sacktuch heraus und entfaltete es wie ein Zeitungsblatt, auf dem man das künftige Schicksal des Kindes verzeichnet finden konnte.

»Da macht Euch mal keine Sorgen«, sagte der Erlenhöfer mit dickbelegter Stimme. »Dem geht es überall gut.«

»Und überhaupt«, fuhr die Liesa fort, »hole ich mir den Peter, wenn ich mal heiraten sollte!«

Die Leute drehten auf einen Schlag ihre Köpfe nach dem Mädchen herum und steckten sie wieder zusammen, murmelten, kicherten leise und fragten: »wen hat sie denn?«

»Der Simmermacher Matthias kommt mit der Bandsäge auf den Hof«, platzte der Bauer heraus; es war ihm erst jetzt wieder eingefallen, und wie durch ein plötzlich 243 geöffnetes Wehr schoß alles, was er vergessen hatte, was er unbewußt hatte vergessen wollen, wogegen er sich gestemmt und wie durch einen Riegel heimlich versichert hatte, ohne Hemmungen über ihn. Auch er, jawohl, auch er, der Gerechte, hatte seine Erinnerung, die er verbergen mußte, die er einmauerte wie den Rappen und aufsaugte wie die Dränage das Wasser – und zwischen dem Rappen, dem Wasser und dieser Erinnerung schien dem Bauern eine Verbindung geheimer Art zu bestehen: sie wollten ans Tageslicht, alle drei, und sei es mit Gewalt . . .

In diesem Augenblick fühlte der Mann zum erstenmal seine Schuld. Nicht, daß er auf der bewußten Kerb, die des Simmermacher Matthias Frau als letzte mitgemacht hatte, in jenes Budenmädchen vernarrt war und die halbe Nacht wie ein Toller hinter dem grünen Wagen auf es gelauert hatte – nein, nein, das war das Schlimmste noch nicht, wenn es auch schlimm genug war; und auch dieses nicht, daß die Kätta für jeden Rausch, den er kaufte, die Zeche bezahlen mußte: so war nun mal auf der Erde der Spaß zwischen Männern und Frauen verteilt; er hatte es nicht so eingerichtet, allerdings aber auch niemals bedacht, ob er es ändern könnte. Im Gegenteil. Immer nur drauf und dran – wozu waren die Weiber denn da? doch wenn er ihr manchmal das Leben schwer und sie selber alljährlich schwer gemacht hatte: sein eigenes war ihm nicht süßer und sein Blut nicht heller geworden. Trotzdem – er konnte dem Druck, der auf ihm lastete, Erleichterung verschaffen. Er ging in das Wirtshaus und hörte was Neues, er saß mit andern bei Korn und Kümmel und schimpfte auf dieses Leben: auf das Wetter, auf die Regierung, die Steuern, das Saatgut, die Ernte und den, der sie wachsen ließ; er zählte sein eigenes Dasein mit dem aller Männer zusammen, die dasselbe erhofften wie er – und, vervielfältigt, hatte sein Leben eine größere Wichtigkeit; selbst seine Sorgen waren von allgemeiner 244 Bedeutung und bildeten mit den Sorgen der andern Leute im Ried jene unterirdischen Maulwurfsgänge, welche einst die Oberfläche der Erde gänzlich verändern würden: dann, wenn die Maulwürfe ihren Dreck in Haufen nach oben warfen und jeder Haufen ein kleiner Berg auf der glatten Ebene war. Dies ist seine Hoffnung gewesen, und von Hoffnungen kann einer leben – aber welche Hoffnung hatte die Kätta in ihren vier Wänden gehabt? Keine! gab sich der Bauer zur Antwort, und nicht mehr, wie er wohl sonst ohne Zaudern gesagt haben würde: was kann denn ich dafür? Jawohl: sein eigentlicher Besitz war diese Hoffnung gewesen, und er hatte sie gut zu verbergen gewußt; er hatte sie wie ein Stück Brot in seiner Tasche getragen und hastig, wenn seine Frau nicht hinsah, ein Stück in den Mund gestopft; eine Laterne mit sparsamem Docht war sie für ihn gewesen – und ganz für ihn allein.

Nun sah er die Kätta zum erstenmal richtig, sie, die er um ihren Anteil an ihm geizig betrogen hatte – durch Selbstsucht und Wollust betrogen, aber das erste war schlimmer – und sah sie nicht mehr in Einzelheiten, sondern so, wie sie rundherum war: diese dumpfe, dunkle Gewalt, mit der er zusammen geschlafen, die er in seine Arme gepreßt, beladen, beschattet hatte, hinuntergestoßen und eingemauert in den doppelten Kellerwänden. Dort mochte sie manchmal geklopft und an die Mauer geschlagen haben; doch er: er hatte nichts hören wollen, vielleicht auch nichts hören können, Gott wußte das allein. Nichts denken, nichts hören, nichts sehen, vor allem aber nichts fühlen; nicht wissen, was man verleugnete und dann allmählich vergaß – dies, hatte der Bauer gemeint, wäre die einzige Weise, auf die es sich leben ließe – – und als er so lebte, entzweite er sich mit seinem eigenen Fleisch und verstand sich selber nicht mehr. Bis heute. Heute hatte die Flut ihnen allen Freiheit gegeben und sie herausgelassen: die Frau, das Kind in der Frau, über das sich ein anderer Vater als der, der es 245 blindlings zeugte, nunmehr erbarmen mußte, und das Gedächtnis des Bauern, welches die wahre Kätta wieder ans Tageslicht brachte: stark, blühend und unverletzlich in ihrem Gerechtigkeitssinn, ein wenig neugierig auf den Mann und den großen Hof an dem Altrhein, barmherzig gegen jedes Geschöpf aus lauter Überfluß und mit soviel Milch in den Brüsten begabt, daß sie hinterher noch der Katze ein Schüsselchen vollspritzen konnte. Ihr erstes Kind freilich, den Lückenbüßer, hatte sie noch mit der Flasche gefüttert – und dieser Lückenbüßer, glaubte bis dahin der Bauer, sei der Anfang zu allem Unglück gewesen. Nun aber wußte er: nicht dieses Kind, sondern sein eigener Neid, seine Eifersucht, seine Erbitterung: was? dieses Weibsbild durfte sich's leisten, sich selber so zu verschwenden? – dies war der tiefere Grund. Nun konnte er plötzlich zeugen, und seine Frau wurde fruchtbar unter den zornigen Blitzen, die das Schlafzimmer unheimlich hell und sie selbst immer dunkler machten: schwarz wie die Erde auf seinem Acker nach schweren Regengüssen. Der Lückenbüßer – ja freilich – für diese Sorte, das wußte der Bauer, sagte man »Kinder der Liebe« . . . von seinen eigenen, nun wahrhaftig, kann er das nicht behaupten. Die waren aus Wut und Enttäuschung und wiederkehrendem Trieb gemacht und nur langsam zur Welt gekommen; mit den Zwillingen hatte die Kätta sich zwei Tage herumgezogen, bis sie endlich von ihnen erlöst war. Da verging denn der Frau wohl das Lachen und die Freude an ihrem Mann; aber wie um den Erlenhöfer zu ärgern, floß ihre verlorene Heiterkeit in das Antlitz des Lückenbüßers und sprudelte, ob er hineinschlug, nur um so frischer heraus. Ja, irgendwo, dachte der Bauer, mußte die Kraft, die sie hatte, ihre angeborene Gutherzigkeit und ihre Sinnenlust bleiben – so übertrug sich das alles auf etwas, was außer ihr lebte; auf Landstreicher, Lagermenscher, wie diese Laura eins war, und immer wieder zuerst und zuletzt auf den Peter, den Lückenbüßer. 246

Um den, entsann sich der Bauer, war ja auch zwischen ihnen der letzte Streit gewesen, wo sie den Aladin für das Kind, und er für den Aladin Blumensamen und Stauden gegeben hatte: eines das Lösegeld für das andre – und daß das Lösegeld, das er zahlte, so hoch gewesen war, erfüllte nun den Mann mit unbegreiflicher Freude. Er wußte freilich nicht, daß das Leben, bevor es Abschied nahm von der Kätta, seine Schuld noch auf andere Weise bei ihr beglichen hatte – – und hätte er es gewußt, so wäre ihm jetzt nicht mehr eingefallen, das Schicksal mit sich zusammenzuwerfen, die Achseln zu heben: »wer kann dafür?« und mit feige gekrümmtem Deutedaumen von dem Tisch dieser Herberge fortzugehen: »Bruder, bezahle du!« Doch weil dem, der da hat, noch gegeben wird, erhielt auch die Kätta außer dem Garten, dessen heiß erwartete Blüte, als könne sie nicht rasch genug kommen, in bunten Wachsblumenkränzen vorhergebildet wurde, noch ein anderes Totengeschenk. In der letzten Fiebernacht nämlich, als die Frau bereits auf den innersten Grund ihres Daseins gesunken war und ihre Bewegungen nur noch gedeutet, aber nicht mehr bestimmt werden konnten: »sie reitet –«, sagten die Leute und meinten damit, sie bilde sich's ein, während doch alles, was jetzt geschah, wirklicher war als der Tod: in dieser Nacht widerfuhr der Kätta, daß sie die Schwelle der Haustür kehrte, auf welcher Hasendreck lag, und an die Krummacher-Marie dachte, ihre Freundin, die neulich geäußert hatte, so viele Gewerbescheine wie für den kommenden Winter seien bisher auf dem Kreisamt noch niemals ausgestellt worden. Da war sie ja. »Schönen Meerrettich, Marie? und immer noch unterwegs?«

»Wenn einer am Ofen bleiben kann, besuchen die Feldhasen ihn.«

»Wie komisch du aussiehst, Marie!«

Die andere lachte, in ihrem Gesicht war eine Hasenscharte, die sich jetzt teilte und große, schneeweiße Nagezähne unterm Schnurrbärtchen sehen ließ. 247

»Fort!« sagte die Kätta erschrocken und drohte mit dem Besen – da waren plötzlich außer der Marie noch andere Hasen da, eine ganze Herde von Hasen in alten, schäbigen Pelzen, die ihr die Schwelle beschmutzten und in den Hausflur drängten, der frisch gescheuert war. »Was wollt ihr denn?« schrie die Kätta verzweifelt. »Wenn ihr Hunger habt, geht in den Garten, da steht noch eine Ecke voll Kohl, aber nagt mir die Rosenstämmchen nicht an!« Schon waren die Hasen verschwunden, die Kätta kehrte weiter, doch mochte der Dreck kein Ende nehmen und schien sich unter dem Besen heimtückisch zu vermehren. Sie fegte und fegte, der Schweiß rann ihr langsam in großen, glühenden Strömen den gekrümmten Rücken hinunter, fast wollte die Frau verzweifeln, als sie plötzlich unter den schwarzen Knötchen etwas golden Blitzendes sah. Sie bückte sich tiefer, hob mit zwei Fingern das Goldene aus dem Schmutz und wischte es an der Schürze ab, legte es dann auf die flache Hand und sah mit großer Verwunderung: es war jener Patenpfennig, jene Münze, die sie als Kind im Krieg hatte opfern wollen und die hernach aus Herrn Karlmanns Händen in die Bodenritze gesprungen war. Sie ist also doch nicht verlorengegangen, dachte die Kätta erleichtert und fühlte: nichts war verloren, ob es auch unter Haufen von Schmutz viele Jahre hindurch begraben lag; ja, beinahe kam es ihr vor, als hätte gerade der Schmutz ihre Münze davor bewahrt, für immer abhanden zu kommen und ins Bodenlose zu fallen. Nun aber wollte sie besser auf ihren Dukaten achten – »wer weiß, wozu er noch gut ist«, sagte die Frau und sah auf dem Speicher die Kiste mit dem Papiergeld aus den Inflationsjahren stehen. Ja, ja, so waren sie damals alle betrogen worden; als wäre der Teufel im Spiel gewesen, verwandelte sich, was man angriff, unversehens in Staub: die Kriegsanleihe, der Siegerkranz und schließlich sogar das Vertrauen in Herrn Karlmanns tröstende Worte – – aber zuletzt war es 248 umgekehrt, dachte die Kätta befriedigt und stellte mit einem Seufzer den Besen in die Ecke: zuletzt, da hatte der Böse verloren, und die Münze sprang wieder heraus . . .

Guck, auch die Schwelle war sauber; nun konnten die Gäste kommen. Die Hasengäste, die Hochzeitsgäste, denn sie hatte doch heute Hochzeit, wie? Aber die Schürze! schämte sie sich und begann schon die Bänder aufzuknoten, als sie mit einemmal merkte, daß unter der Schürze kein Kleid und nicht mal ein Hemd mehr war. So lief sie rasch in den Hausflur hinein und wollte die Treppe hinauf: doch in dem Hausflur, an jenem Platz, wo der Eingang zum Munitionskeller gähnte, stand der Eßzimmertisch und spreizte die Beine über der treppenlosen, unzugänglichen Tiefe. Wie leicht könnte da eins hinunterfallen, dachte die Kätta ärgerlich – und auch schade, wenn dem guten Geschirr, mit dem er blitzend beladen war, etwas passieren sollte. Es war doch besser, sie räumte ihn ab – die rote Krummacher-Marie stand plötzlich wieder daneben und reichte ihr Teller und Schüsseln hin, wobei sie so fürchterlich schielte, daß die Kätta nicht wußte, mit welcher Hand sie nun und nun zugreifen sollte. Aber sieh doch: da tat sie ein Messerchen fort und steckte es in den Strumpf, ein Gäbelchen unter die Haare, ein Löffelchen in den Schuh – nein, diese Diebin! das hatte man jetzt von seiner Gutmütigkeit. »Gib das her –«, wollte eben die Bäuerin sagen, als die Krummacher-Marie merkte, daß sie erwischt worden war. Hui, aber nun wurden sie beide zornig und fuhren einander an: »das bißchen Dreck!«rief die Marie höhnisch. »Was?« schrie die Kätta entgegen. »Das ist Silber und kein Alpaka, damit du es nur weißt. Nicht genug, daß du mich voriges Jahr mit den Tulpenzwiebeln hereingelegt hast –«, sie hielt inne und fühlte verwundert, daß das letzte sie schmerzlicher kränkte als all der andere Kram. »Nun höre doch einer!« kreischte die Marie und hob ihre Röcke empor – eine Unzahl von Tulpenzwiebeln kollerte auf die Erde und platzte in 249 gelbroten Blumenblättern, zausig gefleckt, auseinander; mit einem Ruck sprang die Hexe, beide Füße zugleich gebrauchend, auf den herrlichen Hochzeitstisch; ihre Haare fingen zu wabern, ihre Kleider zu wehen an, das Tafeltuch, wie vom Sturmwind ergriffen, schlug sich ringsherum in die Höhe und ging in Flammen auf. Bald war der ganze, beladene Tisch ein einziges Feuermeer; er knisterte, knackte, mit hellem Klirren sprangen die Gläser entzwei, aus der Mitte tönte das Lachen der Feuerhexe heraus, und unter donnerähnlichem Krachen stürzte der Tisch in die Tiefe. Wie aus dem Höllenschlund schlugen die Flammen mit unaufhörlichem Brausen empor; doch war jetzt dem Seufzen des brennenden Holzes noch ein anderer Ton untermischt: ein dumpfes Poltern, ein Trappeln, ein Hufschlag dröhnte herauf – – und senkrecht emporgebäumt, setzte der Rappe seine eisenbeschlagenen Vorderhufe fest auf den steinernen Rand. Ein paar Funken sprühten dabei der Kätta gegen die Schürze; sie klatschte sie aus und sah mit Entzücken dem Befreiten in das Gesicht. Wahrhaftig, noch niemals in ihrem Leben hatte sie etwas Schöneres als diese Augen gesehen: Kastanien in aufgebrochener Schale waren so glänzend und makellos nicht; diese Nüstern: purpurrot bis in die Tiefe, wie die Nüstern von Schaukelpferden, davon sie dem Lückenbüßer eins hätte kaufen mögen; diese Mähne: gelockt und gestrählt wie allerfeinste Seide. »Komm!« sagte der Rappe und stand schon im Hausflur; dabei scharrte er ungeduldig die Steine und senkte den Hals mit der fließenden Mähne fast bis zum Boden hinunter. Sie zögerte noch und fürchtete sich, begriff auch nicht, wie sie hinaufkommen sollte, da er ohne Sattel und Bügel war – aber schon fand sich ein Reitknecht und hielt ihr die Hände unter: guck, dieser Lückenbüßer! immer war er zur Stelle, wenn man ihn brauchen konnte.

Hopp, Galopp, hob sich das Pferdchen auf und tanzte zur Haustür hin, die weit geöffnet war – seltsam: in 250 ihrem Rahmen, welcher sonst nur die alten Erlenbäume und ein Stück Mauer umfaßte, stand ein vollkommen anderes Bild. Zerbrochene Zäune, mit irdenen Töpfen besteckt, denen Böden und Henkel fehlten, gingen kreuz und quer durch den Erlenhof, ohne ihn zu begrenzen; dahinter kamen verwachsene Büsche und unbeschnittene Hecken mit dürren Vogelnestern; dann Bäume mit Mistelballen, dann wiederum Büsche, die so bedeckt von grauem Hexenzwirn waren, daß man unmöglich erkennen konnte, zu welcher Art sie gehörten; auch Wasser zog zwischen alledem durch und bildete trübe Teiche, Rinnsale, Schlangen aus Flut und Schlamm, die sich beständig veränderten und bald hierhin, bald dorthin krochen. Wie soll man nur bloß darüberkommen? wollte die Kätta noch denken – da tat das Pferd einen Satz über Zäune und Hecken hinweg, die Bäuerin hielt sich an seiner Mähne und fühlte, wie ihre Schürzenbänder im Rückenwind flatterten. Neben ihr, vor ihr und hinter ihr lief die mächtige Hasenherde und wollte sie begleiten – nun waren sie schon auf freiem Feld, das Ried, von Abflußgräben und Pappelalleen durchzogen, dehnte sich endlos aus. Dörfer mit roten Ziegeldächern wuchsen blitzgeschwind aus der Erde; zuerst ein spitziger Kirchturm, dann alles übrige, und wurden ebenso rasch wieder hinweggenommen und anderswo aufgebaut. So schnell geht also das Leben vorbei, wenn man es hinter sich hat, dachte die Kätta verwundert und blickte angestrengt auf die Stelle, wo gerade wieder ein Dorf wie Tau verdunstet war: ein paar bucklige alte Weidenweiber standen flüsternd im Kreis herum. Ja, gab es denn gar nichts Beständiges mehr? Sie suchte mit ihren Blicken den Altrhein – aber auch dort schien ihr alles verändert und so ungewohnt, daß sie nicht wußte, wo Heimat und Fremde war: was eine Insel gebildet hatte, sobald der Altrhein gestochen wurde, war noch nichts als ebenes Land – – wir reiten also wahrhaftig zurück, kam es der Bäuerin in den Sinn, und wer weiß, wann das enden mag . . . 251

Doch es endete schon. Sie waren am Wasser, einem riesigen, gelbgrauen Strom, in welchem Fischreiher standen, verzauberten Pflöcken ähnlich, die sich nicht mehr daran erinnern können, Menschen gewesen zu sein. Sehr viele Gefährte gingen im Wasser, meist Flöße, welche von Mövenschmutz wie mit schneeweißem Aussatz bedeckt, sonst aber vollkommen leer und menschenverlassen waren; auch Kähne, am andern Ufer von nackten Riesen gezogen, bewegten sich träge weiter – sie hatten Waffen geladen, ganze Berge von Eisen, lederne Schilde, dazwischen, wie es der Kätta schien, auch sehr viel wertloses Zeug: zerrissene Rollen mit brüchigen Siegeln, so groß wie Kinderköpfe, Bettlaken, welche der Wind ergriff und in das Wasser wehte, wo sie sich über den Wellen blähten und eingestickte Kronen, Früchte und Buchstaben zeigten. An dem wolkigen Himmel kreisten Milane und verdeckten immer wieder die Sonne, wenn sie hervorbrechen wollte – oder sollten es Adler sein? dachte die Frau. Fischadler? Aber sie hatte noch niemals einen wirklichen Adler gesehen und wußte es deshalb nicht. Indem nun der düstere Zug dieser Kähne und Flöße stromabwärts trieb, kam von dem andern Ufer eine breite Fähre herüber und stieß bei ihnen an. »Hast du Geld bei dir?« fragte der Fährmann und drehte sein heiles Auge gegen die Kätta hin. Sie erschrak, denn außer dem Auge war gar nichts in dem Gesicht: keine Haare, kein Fleisch, ja nicht einmal Knochen, sondern nur eine Höhle aus Dunkelheit, in welcher diese Laterne fast blendend leuchtete. »Du weißt es doch«, sagte sie zitternd, »daß ich bloß meine Taufmünze habe.« »Gib her –«, sie griff in die Schürze und brachte das Goldstück hervor; er nahm es entgegen, blickte es an und sah dann auf die Kätta, schien zu vergleichen, nickte ein wenig und warf es in seine Ledertasche, die ihm am Gürtel hing; dann trat er beiseite, das tänzelnde Pferd schoß stürmisch auf die Bohlen, welche unter ihm donnerten; schon waren sie von dem Ufer entfernt, an welchem die 252 Hasenherde stehengeblieben war. Noch einmal drehte die Kätta sich um und sah ihre langen Gesichter, die sie jetzt deutlich erkannte: dies war der Aladin, dieses die Marie und jenes der Scherenschleifer, auch die Laura mußte darunter sein, die Liesa und vieles andere Volk, das sie einst zwischen Tür und Angel getränkt und gefüttert hatte. Sie winkte, jedoch der Abstand vergrößerte sich reißend, gleich mußte die Fähre drüben am andern Ufer sein – aber da war kein Ufer mehr: eine unermeßliche Wasserfläche lag vor dem Kopf ihres Pferdchens, das den gebogenen Hals unbeweglich nach vorne hielt. Auch die Fähre hatte sich mitverwandelt und war ein schlankes, gehöhltes Schiff mit seitlichen Ruderbänken; die Ruder, gleichmäßig eingetaucht von unsichtbaren Händen, gingen, leise rauschend, im Brudertakt. Es war heiß auf dem Wasser, obwohl die Sonne hinter den Wolken stand und der ganze Himmel von einem bleichen und unbestimmbaren Licht durchleuchtet, ja fast durchtränkt wie Schafwolle war, die in dem Bottich schwimmt. Woher diese Hitze? dachte die Kätta und wollte den Fährmann fragen, als sie plötzlich merkte, daß sie allein und das Schiff mit brennenden Fackeln erfüllt war, die in Haufen übereinander lagen. Schon brannten die Wände, die Ruder brannten, obgleich sie doch unaufhörlich in das grauweiße Wasser tauchten, auch die Mähne des Rappen flatterte brennend, ohne sich zu verzehren – und langsam brach eine riesige Sonne durch die drängenden Wolkenschafe. Sie blendete nicht und war sehr kühl, vergrößerte sich, als dehne ihr Kern sie ins Unendliche aus, und ähnelte, ohne im Grunde mit ihm vergleichbar zu sein, dem goldenen Patenpfennig: nicht anders als das Gesicht der Kätta seiner Prägung mußte geähnelt haben, als der Fährmann beide verglich. Nun ist er schon an den Himmel gerückt, durfte die Kätta denken und sah ihn noch einmal auf ihrer Schwelle unter dem Hasenschmutz liegen, wo ihn niemand vermutet hätte. Dann fuhr 253 das ringsherum brennende Schiff in die sanftere Sonne hinein . . .

»So, so, der Simmermacher-Matthias kommt mit der Bandsäge her?« fragten die Leute verwundert. »Und ist nicht mit der Leiche gegangen? Das hätte sich doch gehört.«

»Weil er selber damals im Krankenhaus lag«, erklärte der Erlenhöfer. »Er ist mit der Hand in das Zahnrad gekommen. Das gab eine Blutvergiftung; bis zum Judenknochen mußte der Doktor den rechten Arm abnehmen, und das obere Stück bleibt steif.«

»Der hat aber auch viel Unglück, der Mann«, sagten die Nachbarn und seufzten befriedigt, weil das Unglück so günstig verteilt war. »Dann kann man ja wohl verstehen«, plapperte eine junge Frau mit sommersprossiger Haut und sah ungeniert zu der Liesa hin, »daß er keinen Anspruch mehr macht.«

»Wieso denn?« fuhr sie ihr Mann erschrocken und böse geworden an. »Geld kommt zu Geld. Und die Liesa kriegt sicher eine schöne Zugabe mit.« [Diese Närrin da, ihn so zu blamieren. Dabei wußte doch jeder, daß seine Frau nicht das Salz in der Suppe hatte.]

»Richtig«, sagte der Erlenhöfer. »Jeder kriegt ab und zu. Aber bis nach dem Kartoffelstecken hat das wohl immer noch Zeit.«

»Bis nach dem Häufeln!« schoß es der Liesa unvorsichtig heraus; sie hatte bis dahin selber noch nichts von den Plänen des Schicksals gewußt und hätte, wenn es verlangt worden wäre, aus übermäßiger Freude eine Springprozession gelobt: drei Schritte vor für den Bauern und zwei für sich zurück. Die Leute lachten, an diesem Lachen merkte die Liesa erst, wie eilig sie es hatte, und daß sie nicht hätte sagen sollen: »nach dem Häufeln«, sondern: »ach, übers Jahr, wenn der Bauer wieder was anderes hat.«

»Na, seht ihr«, meinte der Griesgram, den das Schicksal des Lückenbüßers vorhin bekümmert hatte, und hielt 254 sich die schmerzenden Rippen, welche vor Heiterkeit krachten, »kommt einer über den Hund, so kommt er auch über den Schwanz.« Man wußte nicht, meinte er nun die Liesa und ihre hündischen Jahre, oder wollte er sagen, daß bis nach dem Häufeln dem Bauern geholfen sei. Auf jeden Fall nickten die Leute und wischten sich die Augen, welche jetzt allzu leicht tränten und für Lachen und Weinen dasselbe Wasser in den schlabbrigen Säckchen hatten: die Vorfrühlingssonne, launisch und scharf, biß unter ihre Lider; dazu war der süße Johannisbeerwein jedem zu Kopf gestiegen und hatte ihn ganz vergessen gemacht, wie oft das dicke, geschwungene Gläschen von der Liesa gefüllt worden war.

»Habt Ihr denn auch schon Erde gefahren?« fragten die Leute weiter.

»Kurz vor dem Unglück«, sagte der Bauer und sah in seinen Gedanken, was sie so Erde nannten: die Winterasche, verrotteten Abfall aus Küche, Keller und Garten, die Treber, soweit sie die Säue nicht fraßen, und das zusammengekehrte Laub – »ja, unsere Kaut war so voll, daß sie zu stinken anfing. Ich bin durch den Frost auch ganz schön über die Torflöcher weggefahren, das Wetter war wie bestellt.« Er seufzte . . . Blitzte ihm durch den Sinn, daß sein Leben ganz ähnlich gewesen war und Frost gebraucht hatte, eisigen Frost, um über die heimlichen Löcher zu kommen und das Grüne mit Abfall zu decken?

»Freilich«, pflichtete ihm der Mann der sommersprossigen Frau mit großem Eifer bei und stieß ihr in die Rippen, »aber ehe Ihr jetzt ans Pflügen geht, kann mein Appelchen Eurer Liesa helfen, die Quecken herauszuhacken.«

»So?« schrillte das Appelchen lauter, als es unbedingt notwendig war, »und wer sticht mir meinen Spinat?«

»Ich will dir stechen helfen –«, zischte ihr Ehemann wütend und umklammerte ihre Hände so fest, daß die Gelenke knackten. Er hatte Schulden beim Erlenhöfer und 255 dachte, indem er die Frau verlieh, den Zinsfuß herabzusetzen.

»Danke schön«, sagte der Bauer kurz. Das fehlte noch, daß diese Fetthenne da, dieses gesprenkelte Weibsbild vor ihm auf dem Acker herging, wo die Kätta gegangen war und ihm beim Bücken die Wut in das Hirn und die Frühjahrslust in die Lenden trieb. »Nein, nein, ich habe den Anton doch«, wehrte er wieder ab, als der andere zudringlich wurde. »Und die Großmutter weiß noch immer, wo der Stiel an der Harke sitzt.«

»Aber wer kocht dann den Kindern was?« wollte die Fetthenne wissen, die ihr Betragen schon reute.

Der Angeredete hob seine Schultern und erwiderte, grob vor innerer Qual: »die fressen halt den Tag über kalt wie andere Bauernkinder, wenn die Großen am Acker sind.« [Da sieht man es, dachten die Leute empört und sahen einander an: was das für ein Herzloser ist.] Der Erlenhöfer fühlte genau die Wirkung seiner Worte und freute sich darüber. »Maus, Vogel und Bratwurst«, sagte er höhnisch. »Die Maus ist mein Franz, mein Johannes der Vogel, und die Bratwurst macht nachher der Lückenbüßer und schlingt sich noch heiß durchs Gemüse, damit es auch nach was schmeckt.«

»Ich denke, der ist bis dahin schon fort?« fragte der Griesgram drohend.

»Er wird halt den andern meinen, den Kerl mit dem komischen Namen«, sagte der Mann von der Fetthenne leise, nun seinerseits gereizt.

Der Erlenhöfer fuhr jäh herum. »Ach so, es braucht nur ein bißchen zu frieren, damit Ihr aufs Glatteis geht. Aber wißt Ihr, dabei ist schon mancher arg auf den Hintern gefallen.«

»Immer besser, als auf den Kopf zu fallen«, gab der Alte ihm zornig drauf; die Liesa schenkte rasch rundherum ein, die Gläschen erröteten, standen voll Blut und würden überlaufen, wenn man sie nur berührte. »Nein, Bauer«, fuhr er dann ruhiger, doch mit eigentümlichem 256 Lächeln fort – dieses Lächeln traf sich auf böse Weise mit dem schrägen Durchbruch der Sonne, als wollte die helfen und sagen: ich bringe es an den Tag – »nein, auf das Glatteis hat jener Mann, den wir jetzt stillschweigend meinen, wohl eher Euch als uns alle geführt – – ob er nun noch auf dem Hof ist oder schon unterwegs nach dem Ort, woher er gekommen ist und nach dem, der ihn ausgeschickt hatte.« Die andern nickten befriedigt, es waren lauter sehr kleine und mißtrauische Leute: ein Fischer, zwei Gartenbauern, ein Krämer, ein Korbmacher und die Frauen, welche dazugehörten; eine davon war die Schwester von der Frau des Postboten Müller, der trotz der versprochenen Entenjagd, vielmehr, weil sie nachher ins Wasser fiel, den Mund nicht gehalten hatte. Ja, die Reichen und die Verrückten, dachte dies kleine Volk und meinte im Grunde dasselbe damit: die anderen nämlich, die etwas wagten, was sie niemals riskiert haben würden. Nicht: eine Fahne zu haben – denn die hatten sie auch und dazu noch bestimmte Tage, an denen sie aufgerollt wurde – erst recht nicht eine Parole, die das Denken erübrigte, nein! Im Gegenteil: diese Leute besaßen jeder ein Hirn mit doppeltem Boden und würden, wie sich auch immer der allgemeine Zustand nach außen hin ändern mochte, ihr Teil zu denken haben; ja, dieses Denken in Gegensätzen machte die Lust ihres Stammes und ihrer Gemeinschaft aus. Aber sich von dem Gefühl auf die Hörner nehmen zu lassen, einen Trieb zu haben, der anderswohin als in die Betten stieß: das, dünkte ihnen von jeher, konnte nur einer sich leisten, der entweder sehr viel Geld oder keinen Verstand besaß. Gewiß – jene wilden Kerle: der Erlenhöfer, die Freikorpsgranate, der räudige Zacharias und wie sie alle hießen, die da heimlich zusammenkamen, hatten auch wohl ihre Ziele oder taten wenigstens so; es sollte sich nur mal einer mit dem Gutsinspektor des Wagenfeld im Wirtshaus unterhalten: der sagte ihm schon gehörig Bescheid und wußte, wie man die Welt verbessern und den 257 Boden bewirtschaften mußte. Aber trotzdem: dahinter stak noch was anderes und war nicht auszusagen, nicht nachzurechnen, nur einfach zu glauben – nein, und das konnten sie nicht. Alles schön und gut. Wenn der Fischzug kam, den die Propheten verheißen hatten – ihre Netze lagen im Wasser und würden bestimmt nicht reißen; sie rührten sich nicht, sie trübten auch nichts und verbündeten sich mit dem Strom. Das tat nicht weh, das konnte nichts schaden – und wie ihnen ihre Natur das Handeln und Wandeln vorschrieb, welches mehr ein Hoffen und Harren war, so auch ihre Art, sich auszudrücken und beim Sprechen die eigene Ansicht ein wenig zu unterbieten, so daß der andre gezwungen war, noch und noch etwas draufzulegen.

Das machte nun auch der Bauer und gab ihnen, was sie erwartet hatten: »natürlich ist dieser Quartalsnarr fort«, sagte er unbehaglich und dachte für sich: nun gerade nicht. Der geht in den nächsten Tagen aufs Feld, um die Misthaufen auseinanderzuscharren, und setzt ein paar Vogelscheuchen. Dem Anton kann das nur recht sein. Solange sein fauler Bauch sich pflegen und seine Gurgel sich waschen darf, wird er sich dümmer stellen, als polizeilich erlaubt ist. Laut aber sagte er: »ist ja auch gleich. Das wäre noch schöner, im dicken Winter einen Mann vom Ofen zu jagen, noch dazu, wenn er willig und drauf bedacht ist, sich ab und zu nützlich zu machen.«

»Hat er das?« fragten die Leute gespannt.

»Natürlich. Zum Beispiel das Scheunendach haben wir ausgebessert und den Pflug in Ordnung gebracht. Auch mein Jagdgewehr«, fügte er deutlich hinzu und nahm die Fetthenne fest ins Auge, »schießt wieder um die Ecke herum, und meine Brille zum Lesen und Schreiben, ihr werdet es nicht glauben, die sieht das Gras wachsen. Ja.« Er lachte gezwungen, niemand fiel ein, dann sagte er noch für sich: »nur die Dränage freilich – die hätte er besser abdecken sollen, dann wär' meine Kätta noch da.« 258

»Und trotzdem habt Ihr ihn hier behalten?« wollte man hartnäckig wissen.

»Ich sagte doch schon: im Winter –«

»Ja, ja, Ihr seid ein barmherziger Mann«, grinste der alte Griesgram von einem Ohr zum andern und leckte sein Gläschen aus . . .

Nun, das war freilich das allerletzte, was von dem Erlenhöfer behauptet werden konnte, und daß er dem Aladin noch nicht »Adjö« und »Schluß« und »laß es dir gut gehn« gesagt; ja, ihn sogar am Abschied gehindert und ihm dies und das auferlegt hatte, begriff er selber nicht. Vielleicht meinte er, seinen Stolz zu striegeln, indem er dem allgemeinen Geschwätz nicht nachgab oder glaubte, aus Sparsamkeit so zu handeln, wie ein wirklich sparsamer Mann nie würde gehandelt haben – hätte ihm einer jedoch gesagt, daß er der Kätta zuliebe den Kaufpreis der Zornesnacht weder verkleinern noch über den Menschen verfügen wollte, der ihm doch rechtmäßig zugefallen und sein Eigen geworden war, so hätte er nichts damit anzufangen und nichts zu beenden gewußt – – am wenigsten Aladins Dasein, hier auf dem Erlenhof.

So ließ er denn alles gehen wie Regen und Sonnenschein. Zwischen Lichtmeß und Mattheis fror es noch einmal, und statt die Misthaufen zu zerreißen, deckte Aladin sie mit Erde zu. Es war eine mühsame Arbeit, denn man hatte die Dunghügel ziemlich flach und weitläufig über den Acker verteilt, weil niemand mehr so recht an Kälte glauben mochte. Daher zog er sie denn zuerst mit der Mistgabel wieder zusammen, der Boden war frisch und spröde und rauh wie trockenes Brot, aber er atmete schon den Geruch seiner künftigen Fruchtbarkeit aus und blinzelte listig mit gelben Kieseln, Engerlingen und blassen Keimen gegen das wachsende Licht. Bald würde die Erde Neuigkeiten wie eine junge Frau, die nach der Heirat ihr Vaterhaus und die Geschwister besucht, erzählen: es ist im Grunde genau dasselbe, was 259 sie schon in dem eigenen Dorf als Kind geschehen sah, und trotzdem unvergleichbar mit allem Vorhergegangenen; die es erzählt bekommen, empfinden es auch so. Nur die Alten, welche am Fenster sitzen und den Himmel mit ihren Blicken suchen, wissen: die Erde hat immer bloß Eines und weniger noch als die Wolke zu sagen, die sich dehnt und wandert und rinnt. Neuigkeiten? Es gab sie wohl, wenn die Zugvögel wiederkamen . . . Aladin hob den gekrümmten Rücken und sah lange zum Horizont hin – aber wer verstand es: ihr Kru und ihr Kra? Horch! da war wieder das leise Geräusch, das seine Arbeit begleitet hatte, ein schwaches Klappen, ein kurzes Rauschen – er schüttelte sich vor Furcht, weil es dicht hinter ihm war und vor ihm nichts als das dämmernde Land mit ein paar Weidenbäumen – – dann drehte er sich um.

Ein großer Storch, der sich wohl verfrüht und den Kalender vergessen hatte, stand Aug' in Auge mit Aladin. Er mußte ihm auf dem Fuße gefolgt sein und die Larven aufgespießt haben, die in den Erdfurchen lagen und nach oben gekommen waren; nun blickte er diesen Menschen da mit boshaften Augen an, es dünkte wenigstens Aladin so, vielleicht aber war sein Ausdruck nur der einer grenzenlos tiefen Verwunderung über die frostige Leere, in die er geraten war. Hierauf hob er zögernd ein Bein und zog es in das Gefieder, das deutlich zitterte; seine Flügel waren von schmutzigem Weiß, die schwarzen Schwungfedern ausgefetzt, sein Schnabel schien verblaßt. So blieben beide Geschöpfe für eine kleine Weile einander gegenüber: der Vagabund und der trübe Vogel, welcher Stunde und Nest übersehen hatte – dann legte der Storch seinen Kopf zur Seite und klapperte ein paarmal, entfaltete sich und stieß sich ab, Aladin sah in die Höhe und verfolgte ihn mit den Blicken, wie er zum Altrhein flog, die Beine weit von sich gestreckt . . .

Hinter ihm schien sich die Luft zu schließen, als habe ein Kiel ihre Wellen gefurcht; sie war schwerer und 260 fühlbarer, war schon ein Meer, das ferne Güter tauschte und inselhafte Gebilde, Korallenriffe, opalene Buchten und milchige Küstenstreifen zu wechselnden Zeiten erbaute. War die Unruhe in dem Himmel oder der Erde zuerst? »Ich muß fort«, sagte Aladin zögernd noch an demselben Abend; er sagte es mehr zu sich selbst und fast wie eine Frage, »– ich habe den Storch gesehen.« Doch am nächsten Tag war es bitter kalt und auch an den folgenden; am siebenten fanden die Kinder einen lange vermißten Ball und fingen zu spielen an: sie ließen ihn auf die Steinplatten springen und schlugen ihn mit der flachen Hand wieder zur Erde hinunter. Als hätte das Harte und Spröde darauf eine Antwort gegeben, schmolzen die kleinen, dünnen Eistäfelchen hinter dem Hühnerstall bereits ein paar Stunden später und bildeten handgroße Pfützen, in denen Körner und Strohhalme schwammen; von den Dachkandeln rieselte Wasser herunter, die Kohlstrünke in dem Garten perlten vor Feuchtigkeit. »Ich muß fort . . .«, sagte Aladin wieder, als er mit Eimer und Pinsel zum Bootshaus hinüberging, um den größeren Kahn zu teeren. Die Pflasterung endigte hier, und fetter, lehmiger Boden hing sich an seine Schuhe; wo er zum Altrhein hin abfiel, war er von feinen Steinchen durchsetzt und durchwurzelt von Vogelmiere, welche überall ihre winzigen, weißen, duftlosen Sterne geöffnet hatte. Weiter draußen wurden die Weiden schon rot und standen wie Purpurflammen in der rauchfarben wehenden Luft. Der Strom war geschwollen, die Uferbäume versanken fast bis zur Krone im Wasser, in gleicher Höhe mit ihnen trieb ein Boot mit grauem Sackleinwandsegel wie schlafend an ihnen vorbei. Man sah keinen Menschen, vielleicht war es leer und als Wrack von seinem Besitzer am Ende ausgesetzt worden; vielleicht lag er auch flach auf den Brettern und starrte zum Himmel empor.

»Morgen fangen wir an mit Pflügen«, sagte der Bauer unter dem Haustor und deutete schräg nach oben: ein 261 Keil von Wildgänsen zog gerade über den Erlen hin, man hörte ihr rauhes Schreien; ihre zahmen Schwestern verließen den Mist und schlugen mit den Flügeln – wiederum war es, als wäre vom Himmel ein Zeichen gegeben worden, das die Erde beunruhigen mußte. »Ja – aber dann muß ich fort . . .«, erwiderte Aladin.

Doch auch diesmal wurde noch nichts daraus. Die Egge löste den Pflug und die Säemaschine beide ab: zuerst kamen Hafer und Gerste, dann Dickwurz und Sommerweizen; das Korn stand fingerhoch über der Erde, die kleinen Marktbauern säten noch Zwiebeln und Gelberüben frisch aus der Faust, deren Innenfläche sie nachher kratzten, als jucke sie schon das künftige Geld, und stachen den ersten Spinat. Nun war die Natur nicht mehr aufzuhalten, und je länger das Licht sich über den Tag und den Rücken der Pflugtiere dehnte, desto kürzer wurden die Zwischenräume, in welchen sich ihre Erfindungen jagten, ihre Wünsche, ihre Befehle, denen sie Zungen verlieh, wenn das Wasser glitzernde Wirbel und Rinnsale bildete; Hände, die diese Befehle erteilten und sich gedrungen und glasklar aus den Stachelbeerbüschen streckten, aus dem Holunder, den Haselnußsträuchern, wo sie lange, bräunliche Finger in den Südwestwind hielten. Alles, was kam, war jetzt nur noch Folge oder griff als der zweite Satz eines Kanons schon in den ersten ein: wer gepflügt hatte, mußte auch hinterher eggen, und wer geeggt hatte, säen – aber der Ackergoldstern erschien, als die Miere noch lange nicht abgeblüht war, und die Bachstelzen, Finken und Stare, die in der Nähe geblieben waren, überholten da und dort wie aus Scherz den eingewanderten Kiebitz um die glänzende Breite des Stromes – – bis endlich Ackergoldstern und Miere, Bachstelzen, Finken, Stare und Kiebitz nur einen einzigen Frühling schufen, vielmehr aus seiner Lenden Geheimnis in Eins erschaffen wurden, und was man immer berührte, den gleichen Pulsschlag hatte: ob es das Pochen des Spechtes war, das Klappen der Heckenschere, 262 das kurze, unhörbare Degengefecht, welches zwei Rotschwänzchen mitten im Hof einander lieferten, indem sie den fächerförmigen Schwanz gegen die Sonne stellten und, völlig trunken vor Liebe, einander schnäbelten, als wäre Liebe dasselbe wie Haß oder hätte den gleichen Vater . . .

»Nun wird es Zeit, die Kartoffeln zu stecken«, bemerkte der Erlenhöfer und zog ächzend und stöhnend die kotigen Stiefel von seinen Füßen herunter – dabei wurde er wieder einmal an seine Kätta erinnert, der er die Beine, wenn er vom Feld kam, nur einfach hingestreckt hatte. »Das Thomasmehl, hab' ich gesehen, ist ganz gut eingezogen; jetzt bin ich einmal gespannt, was mir die ›Edeltraut‹ trägt.«

Am nächsten Morgen gingen sie alle durch die dampfenden Ackerfurchen; auch die älteren Kinder mußten schon helfen und die Körbe an Ort und Stelle schleppen, damit die Arbeit voranschritt – doch während der Lückenbüßer sich sonst sehr willig und nützlich zeigte, zottelte er, die Nase am Boden, heute hinter den anderen drein und fand bald ein Schneckengehäuse, in dem sich seine Gedanken verliefen, einen Regenwurm, dem er helfen mußte, in das Dunkel zurückzugelangen, bevor die Krähe ihn packte, ja sogar ein Mäusefell, woran nichts als nur noch die Pfötchen hingen: blaß, ausgestreckt nach den vier Winden, in welchen sie, ach, vor wieviel verflossenen Mäusetagen, einhergelaufen waren. »Das ist aber keine Tanzmaus gewesen«, sagte leise das Kind zu Aladin – »die Tanzmäuse, die sind weiß.«

Der Mann hob den Kopf in die Höhe und blickte, schwindlig vom Bücken, gegen die Landstraße hin, welche schnurgerade von Dorf zu Dorf und also von Heimat zu Heimat führte – aber dazwischen war gar nichts wie lauter Unsicherheit, war der feuchte Glanz des zerrissenen Bodens, den die Wintergüsse gelockert hatten, und das fahlbraune Gras der Gräben, das nicht tot und auch noch nicht lebendig war. Auf dieser offenen, atmenden 263 Straße lief gerade ein Wagen daher: ein Wohnwagen, grün gestrichen, mit grauem Plandach darüber. Das Pferd, ein struppiges Knochengestell, sehr klein, mit auffallend großen Ohren – es war also wohl ein Maultier aus der Franzosenzeit – fiel plötzlich aus Trab in Schritt; ein Spitz sprang ihm zwischen den Beinen herum, man hörte sein helles Kläffen, den Ruf des Pferdelenkers und das Knarren der Wagenräder.

Nun hielten auch die anderen Leute in ihrer Arbeit inne und sahen zur Straße hinüber: »da sind sie wieder«, sagte der Bauer – und: »ist das nicht der Wohnwagen-Schneider?« wollte die Liesa wissen, »der den Winter über in Goddelau stand? dem seine Frau soll schon wieder ein Kind bekommen haben, das wäre das neunte jetzt.«

»Ach«, rief der Lückenbüßer erleuchtet, »das hat ihr sicher der Storch gebracht, der neulich hinter dem Aladin her war –«

Die Leute lachten und drehten die Köpfe nach dem Besprochenen um, welcher als einziger weiterschaffte und sich über die Furchen duckte.

»Ob es der Schneider ist, kann ich nicht sagen«, entgegnete der Mann. »Und was das Kinderkriegen betrifft: sowas zählt bei den Wohnwagenleuten gar nicht; die haben heute eins weniger und morgen eines zuviel.«

»Onkel, meinst du damit: sie stehlen sich auch mal eines?« fragte wieder der Lückenbüßer mit glühendem Gesicht.

»Dich sollten sie ruhig mal stehlen«, erwiderte der Bauer, aber weniger scharf als sonst. »Nein, so was!« rief er plötzlich erstaunt, »da kommt ja wahrhaftig das Pack zu uns auf den Acker gezogen.« Es war so. Das Wägelchen stand, aber allerlei Volk, zerlumpt und zerzaust, kletterte eilig herunter und bewegte sich rasch voran: es waren ein Mann und zwei Weiber, deren rotgelbe Kopftücher leuchteten; der Mann blieb am Straßenrand stehen, die Weiber schlenderten langsam mit aufgestützten 264 Armen und frechem Schwung in den Hüften auf die starrenden Leute zu.

»Zigeuner!« schrie die Liesa mit angenehmem Erschrecken. »Hoffentlich hat die Großmutter nicht das Hoftor offengelassen.«

»Los, Anton – jag sie vom Acker herunter«, befahl der Erlenhöfer; die Kinder drängten sich kreischend an Schoß und Beine der Liesa, Aladin hatte sich aufgerichtet und hielt das fahle, verzerrte Gesicht in die Richtung der Wagenweiber – – da sprang, wie aus dem Boden geschossen, ein kleines Mädchen mit spitzem Kinn und unruhigen schwarzen Augen zwischen den Frauen hervor. Sein graues Kittelchen, schmutzig und feucht, als hätte es unter der Erde gelegen, ging ihm bis auf die Füße, welche, ebenso wie die Hände, noch farblos vom Winter her waren: so glich es in allen Stücken jener ganz und gar toten Maus, die der Lückenbüßer gefunden hatte – blaß, ausgestreckt nach den vier Winden, in welchen es, ach, vor wieviel verflossenen Mäusetagen, dahergelaufen war . . .

»Gretel!« hörte sich Aladin rufen; in Wirklichkeit schrie er nicht lauter als das Nagetier, da der Bussard es packte und gleich darauf wieder zurückfallen ließ, weil seine Kehle schon voll war – »fort, Gretel, fort!« Er hob einen Stein und warf ihn nach dem Mädchen: der Stein ging mitten durch dieses Kind, welches sich langsam in Rauch auflöste, einen dünnen, dunklen Hängezopf zeigte und nach Geisterart lautlos verschwand.

»Recht so!« Der Bauer lachte; die beiden Zigeunerinnen wandten sich fluchtartig rückwärts und erreichten schimpfend die Straße, ihre rauhen, rollenden Stimmen vermischten sich mit dem Drohen des Mannes, der etwas zum Acker herüberrief, was aber nun, der Entfernung wegen, kein Mensch mehr verstehen konnte – – dann hatte sie alle im Handumdrehen das Wägelchen wieder aufgenommen und lief auf der Landstraße weiter, ein Wagen wie andere Wagen, deren reifenförmig 265 bespanntes Plandach sich gegen den hellblauen Himmel abhebt, während das Pferdchen dahintrabt und der Spitz in die Höhe springt. Der Bauer beschattete seine Augen und sah ihm lange nach: jetzt war es nur noch ein Kinderspielzeug, das einer aus Garnrollen, Korken und einem Zigarrenkistchen zurechtgezimmert hatte . . .

»Ja, es wird Frühling«, sagte er dann, »und die Vögel, die keine Nester haben, ziehen wieder zum Lager. Dort gibt es Höhlen und Häuser genug, die nicht erst gebaut werden müssen.«

»Sandkuhlen –«, sagte Aladin heiser und fügte nach längerer Pause hinzu: »in denen die Schießpuppen stecken.«

»Schießpuppen?« wollte die Liesa wissen.

»Nun ja«, erklärte der Erlenhöfer. »Künstliche Menschen aus Holz und Pappe, an denen das Schießen geübt wird – Kopfschüsse, Bauchschüsse, alle Sorten, das geniert die Puppen nicht weiter. Die sind es gewohnt, die machen nicht Mucks und stehen wieder auf.«

»Von selber?« fragte der Lückenbüßer und versäumte, den Mund zu schließen. Er bekam keine Antwort, die Arbeit ging weiter, aber langsam, wie unterbrochene Arbeit weiterzugehen pflegt. Dann sagte der Bauer nach kurzer Zeit: »was, Leute, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.« Sie hörten auf und klopften die Erde von ihren Knien herunter, dehnten die Schultern, rückten das Kreuz und hauchten in die Hände. »Hast du den Kaffee schön zugedeckt?« fragte der Anton die Liesa; es war das erste Wort, das er sprach, alles andere ging ihn nichts an. »Mit dem Pferdekolter«, sagte das Mädchen, »und ein Schnäpschen ist auch dabei.« »Von der Leiche her?« grinste der Knecht vergnügt; sein Adamsapfel begann zu wackeln, wie immer, wenn er sich freute. Sie gingen zu dem Fuhrwerk hinüber, der Gaul stand mit eingesunkener Kruppe, als ob er nachdächte, da; kletterten in den Wagen und hoben die Kinder empor; dann zogen die Männer ihr Kneipchen 266 heraus, klappten es auf und schnitten von den bestrichenen Broten mundrechte Stücke herunter; die Kaffeekanne schepperte leise, ein warmer, belebender Duft zog freundlich in alle Nasen, das Mädchen schenkte der Reihe nach ein und reichte jedem sein Kümpchen, dazwischen goß sich der Anton, indem er den Kopf soweit wie möglich zurück in den Nacken legte, das Leichenschnäpschen hinunter. Hierauf war lange nichts weiter zu hören als das Schlucken und Schlürfen der Leute, hernach das Krächzen von ein paar Krähen, die niedrig über den Acker flogen, und das Rätschen des rostigen Feueranzünders, den der Erlenhöfer gebrauchte, um sein Pfeifchen in Gang zu setzen.

»Ob es wahr ist, weiß ich nicht«, sagte der Bauer, »aber ich habe neulich gehört, daß die Gemeinde das Lager in Ordnung bringen will.« Er sah in die blauen Knasterwölkchen, sein Blick, der noch eben den Abstand von dem Pfeifenkopf bis zum Auge hatte, dehnte sich weithin über das Land und wanderte nach Osten.

»Was soll denn da noch in Ordnung kommen –?« fragte Jean-Marie Aladin. »Die Feuerwerker haben gesprengt, die Wellblechbaracken sind abgerissen, der Kasernenkram ist versteigert worden. Kein Brett ist übriggeblieben.«

»Ein Brett vielleicht nicht«, gab der Bauer zurück, »aber manches andere wohl, was besser verschwinden würde. Da steht zum Beispiel das alte Bordell noch, aus dem im Leben nicht mehr ein ordentliches Haus wird. Was sich da einmal abgespielt hat und vielleicht immer noch abspielt – –«, er verstummte und warf einen Blick auf die Kinder, beugte sich dann zu Aladin hin und flüsterte ihm ins Ohr: »dem seine Mutter, die Laura, soll ja in diesen Tagen wiedergekommen sein. Aber glaubt ihr«, setzte er seine Betrachtung mit gewöhnlicher Stimme fort, »daß sie die einzige bleibt?« Er lachte verächtlich und spuckte im Bogen ein Stückchen Tabak aus. »Wo Aas liegt, sammeln die Raben sich –« 267

»Aas . . .?« fragte Aladin bebend.

Er sage nur so, erklärte der Bauer, wie wenn einer ausdrücken möchte: »da läge der Hund begraben . . .«

»Welches Aas denn – und welcher Hund«, fragte Aladin noch einmal, »liegt auf dem Lager begraben?«

»Das Unrecht!« sagte der Erlenhöfer mit feierlicher Stimme.

Sie nickten alle und schwiegen; dann zog noch einmal das große Unrecht an ihrer Seele vorbei:

Ein fernes Trommeln, das in der Nacht ihren Schlaf schon erschüttert hatte, kam unaufhaltsam näher und wurde im Morgenrot abgelöst von schmetternden Flötensignalen, die durch die Wälder peitschten, welche das Lager umgaben. Sie schrien durchdringender, forderten kühner und vereinigten sich mit den Hörnern zu höhnischen Fanfaren; Hörner, Flöten und wiederum Trommeln gingen in Marschtritt über – und hinter unruhigen Gäulen, in deren Mäulern die Trense, an deren Weichen der Sporn lag, tänzelte nun das Heer: das weiße, das gelbe, das braune, das dunkelbraune Besatzungsheer aus Frankreich, Algier, Marokko und von den Ufern des Senegal – Söhne des Mohammed, Söhne der Sonne und Söhne der Vernunft. Eine Wolke von Staub zog vor ihnen her, eine Wolke stand hinter ihnen; aber weder war Gott in der Wolke, die kam, noch war er in jener, die ging. So bewegte sich alles vorüber und verlor sich wie Abendrot: die letzte Kolonne, der letzte Wagen, welcher rasselnd und rappelnd auf hohen Rädern wieder nach Westen jagte. Nichts blieb zurück als die leeren Baracken und der Unrat, der in den Wänden steckte, sich auf den Wegen häufte und in den Kloaken verdarb; doch dieses Nichts aus entleerten Hülsen, Patronen, Zigarettenpapier, Konservendosen, Matratzen und rostigen Eisenspiralen – dies alles: überkrochen von zähen Kasernenwanzen, trug einen mächtigen Namen: es hieß Erinnerung und war stärker als die vergeßliche Gegenwart, welche allzu gern sagte: vorbei! Die da 268 nichts und alles war gleich einer Schlange, aus Kot und Feuer gebildet – diese böse Erinnerung lag auf der Stelle, welche endlich geräumt worden war, und rührte sich nicht fort. Sie schien zu schlafen, vielleicht war sie tot? aber kaum, daß ein Mensch ihren Namen aussprach, so öffnete sie ihr entsetzliches Auge mit dem kalten, bannenden Blick. Dann mußte er willenlos näherkommen, immer näher an sie heran – seine Sohlen traten in leeres Geraschel, in ein unfruchtbares Getöse, einen abgestorbenen Lärm, wie welke Blätter ihn machen. Er schrie – dies war ja die Schlange selber, in deren Eingeweide er stand; die seine Füße umklammert hatte, um sie niemals mehr loszulassen . . .

»Ja, ja. Das hat sich dort eingenistet«, sagte der Bauer endlich und meinte noch immer das Unrecht, drehte die Pfeife um, klopfte sie aus und fuhr mit dem Wischer hinein. »Und wer glaubt, daß dagegen Wanzengas hilft oder daß man es ausschwefeln kann –«

»Wer will denn das?« fragte ihn Aladin.

»Nun, wer? die Gemeinde natürlich. Eine Jugendherberge soll da wohl hin, ein Sportplatz und ein Segelfluglager: lauter saubere Sachen, alles ganz schön, und trotzdem hält sich das nicht.«

Das sähe sie aber nun wirklich nicht ein, entgegnete die Liesa, um auch einmal mitzureden. Der Bauer tue wahrhaftig so, als ob dann ein Erdbeben käme und von sich aus zusammenwürfe, was die Menschen aufgebaut hätten.

»Dazu muß es kein Erdbeben geben«, beharrte der Erlenhöfer und wurde schon ungeduldig. »Aber was sie nicht will, das will sie halt nicht –!«

»Wer denn?«

»Die Erde . . .«, sagte der Mann, und damit war es aus.

Sie stiegen wieder vom Wagen herunter und fingen zu arbeiten an, die Tage waren schon sehr viel länger, man konnte also hoffen, noch heute fertig zu werden. »Er hat aber recht, der Bauer«, sagte plötzlich der Anton nach 269 vielen Stunden zu dem schweigsamen Aladin. »Es gibt Häuser, die ziehen das Unglück an, und Plätze, an denen immer wieder ein neues Unglück passiert.« »Und was könnte einer dagegen tun?« fragte Jean-Marie Aladin. Der andere blickte stumpf auf den Acker, dann gab sein versoffenes Hirn, was es wußte, allmählich her: »zuerst muß es regnen«, erklärte er langsam. »Regen ist gut und wäscht vieles herunter – aber er geht nicht tief.« »Und dann?« »Dann muß eine Träne fallen, die jemand unschuldig weint.« »Ist das alles?« »Das Schwerste kommt noch. Ein Kind muß beim Spielen darüberlaufen, ohne etwas zu wissen, und wegen gar nichts lachen –so ist die Stelle erlöst.«

Jenes Kind, welches rein wegen gar nichts und immer zu lachen vermochte, wurde am Abend des gleichen Tages von seinem Vater geholt; vielleicht gab es außer dem Lager noch andere Stellen auf dieser Welt, denen es notwendig war.

Die Familie saß schon beim Abendessen, als der Hund, bevor noch die Glocke anschlug, ein scharfes Bellen begann, dem das Heulen der Dogge Hero erbitterte Antwort gab. Der Lumpenmüller hielt sie am Halsband und zog ihr die Gurgel zu; ihre Lefzen geiferten vor Erregung, die breitgewölbte Brust drängte vor, die Flanken zitterten.

»Das ist doch –«, sagte der Bauer erstaunt und ließ seinen Löffel fallen; der Teller klirrte, auf seiner Suppe blieb eine Blase stehen.

Auch die Großmutter wußte sofort Bescheid: »mein Sohn!«, sie rieb mit dem Sacktuch rasch den Tropfen von ihrer Bluse ab, der ihr beim Essen immer aus dem lahmen Mundwinkel abwärtsfloß, und erklärte mit hoher Stimme: »gebt mal acht, er bringt sicher die Laura mit, ich schwöre euch aber jetzt schon, daß die nicht zum Heiraten taugt.«

»Ja, Großmutter«, sagte der Bauer, »das kann man nicht früh genug wissen, da habt Ihr vollkommen recht.« Sie 270 lachte geschmeichelt, die Glocke am Hoftor lachte mit ihr zusammen und krächzte noch eine Weile so fort, als die Großmutter schon verstummt war.

»Man muß halt aufmachen – wie es auch ist – –«, stellte der Bauer fest; es klang, als stünde das wilde Heer, das den Schlafnit und seine Reiterin vor wenigen Wochen abgeholt hatte, wieder unter dem Fenster und klopfte zum zweitenmal an. »Aladin!« kreischte die Liesa plötzlich; es war nicht notwendig, ihn zu warnen; er lief bereits die Treppe hinauf, den ersten Absatz, den zweiten, und stemmte die Klappe zurück, die auf den Speicher führte, wo das ausgebesserte Jagdgewehr zwischen den Säcken lehnte. Da war es. Schießen . . . erschießen . . .! dachte er immer wieder, indem er das Schloß entsicherte, einen Sack an die Dachluke schleppte und mühsam, weil er mit beiden Schuhen ein Stück in das Knisternde, Weiche einsank, das verquollene Bodenfenster auf die eiserne Stütze setzte.

Was wollte er denn? Durch die Luke schießen? Dann schoß er in den Himmel hinein – ach! in den Himmel!! Ob vielleicht dort sein Schuß vernommen würde?

Jetzt hatte die Schelle im Hof geendet, man hörte deutlich den Riegel schnappen, verschiedene Stimmen einander durchdringen und Schritte zur Haustür gehen. Aladin schob das Gewehr zurück und stellte es an die Balken; dann sah er mit einem Gefühl der Trauer in dem dumpfigen Raum umher, den die kleine, elektrische Birne nur schwach erleuchtete. Hier war es, wo er im Traum die Krüppelkatze gejagt und den Lückenbüßer ermordet hatte – nein! nein! ihn hatte er nicht ermordet, so wenig wie einer, wenn er auch wollte, das Sonnenlicht an der Mauer mit den Händen auslöschen könnte. Er deckt sie darüber – doch was geschieht? die Hände sind hell geworden und tragen das Sonnenmal. Nicht anders war es ihm selbst ergangen; seine Augen füllten sich wieder mit Tränen und sahen durch diesen Wasserschleier wie durch die Augen des Lückenbüßers: 271 drehten sich dort nicht die silbernen Mäuse, die Tanzmäuse, welche der Kleine mit Brosamen fütterte? Nun würden die Mäuse verhungern müssen, verwesen, wie das entsetzliche Tier, das heute am Acker gefunden wurde – – »das ist aber keine Tanzmaus!« hörte Aladin deutlich das Kind an seiner Seite sagen, »die Tanzmäuse, die sind weiß.« Wahrhaftig: es war keine Tanzmaus gewesen, dieses arme, graue Geschöpf, das in den Furchen gelegen hatte und auf ihn zugeschwebt war; das er verfolgt und vertrieben und nach seinem traurigen Tode, wie oft, in die Kuhle zurückgestoßen und mit Erde beworfen hatte. Mit Erde? Was sagte der Bauer? »Was sie nicht will, das will sie halt nicht« – diese Erde, die eigentlich etwas ganz andres als Kalk und zerfallener Sandstein und lockerer Dünensand ist: sondern Feinkorn aus Gottes Mühlen, welche langsam und sicher mahlen. Diese andere Erde hatte beharrlich das Tote nach oben gebracht – als Katze, als Maus und als kleines Mädchen mit blassen Geisterfüßen; und er, welcher glaubte, der Mensch brauche nur einfach zu wollen, so wolle das übrige auch: ihm war das Schicksal auf seltsame Weise wirklich zu Willen gewesen und hatte nach seinem Vorschlag Katze und Maus gespielt; allerdings so, daß er selber der Gejagte gewesen war. Nun hatte er in dem Zugriff der Höhe – wie die Maus in den Fängen des Bussards – das Ziel und den Anfang erreicht: seine Erde und seine Schuld, die in der Erde begraben lag, so daß das eine nicht ohne das andre gefunden werden konnte – – und damit sich selbst, der aus Schuld und Erde vom Mutterleib an gemacht war. Aus Schuld und Erde. Dies ist das erste, in welchem die Menschen beginnen, und indem sich Aladin mit den beiden wieder einig und einträchtig fühlte, verlor er auch seine Gespenstigkeit und war nicht mehr Katze, Maus oder Name, welcher nur Hülse und Hauch ist; er tat sich mit Haupt und Gliedern zusammen und rückte die abwärtsfliehenden Schultern unter der Jacke zurecht. So stand 272 er da, um gestellt zu werden; er fand sich und wurde gefunden; aus nichts wurde alles – und alles wurde, weil das Licht es getroffen hatte . . .

Dieses Licht, an dem seine Lampe, Aladins Wunderlampe mit dem weiten, schwingenden Bogen, welcher den Horizont abging, sich einst entzündet hatte, sollte jetzt weiterwandern; andere Häuser und Kreaturen würden von ihm getroffen werden – bröckelnde Mauern, auf welche der Schatten eines uralten Nußbaumes fiel; ein Hund, der mit rötlichen Augen den tückischen Kopf zu ihm drehte; Männer mit Händen, die häßlich und dunkel von Druckerschwärze waren. »Adjö –«, sagte Aladin traumverloren, nahm in Gedanken das Jagdgewehr auf und kletterte umständlich wieder herunter, den zweiten Absatz, den ersten, wo das Fenster wie damals geöffnet war, als er den Lückenbüßer verfolgte und die Taube vorbeischießen sah . . .

»Adjö –«, sagte gleichzeitig auch der Bauer zu dem vor Ermüdung und Neugier trunken taumelnden Kind. [Der Alte hätte wahrhaftig die Nacht über hier bleiben können; aber nein, dieser Narr mußte fort.]»Also sei schön brav bei dem Vater – und vergiß die Tante nicht ganz!« setzte er unwillkürlich mit erstickter Stimme hinzu. Sofort fingen alle zu weinen an, die Liesa, der Lückenbüßer, welcher bis dahin ganz froh war, auch die roten Zwillinge weinten aus lauter Nachahmungstrieb – nur die Großmutter, welche erst wissen wollte, worum geweint werden mußte, fragte noch einmal: »hä?« begriff dann und ließ aus den matten, immer entzündeten Augenwinkeln ein wenig Wasser laufen; nicht anders wie sonst, wenn das Wasser in ihre Röcke lief. Als sie zur Haustür kamen, richtete sich die Dogge wie ein Wächter vergangener Tage von der niedergetretenen Steinschwelle auf und winselte geisterhaft. Aladin sah, wie der Lumpenmüller sie mit der Hüfte beiseitedrängte, weil sie nicht Platz machen wollte, und ihr wieder ins Halsband griff. Nun hätte er schießen können – auf die 273 Dogge, den Herrn der Dogge, oder den Herrn des Herrn dieser Dogge und aller geschaffenen Dinge; aber er tat es nicht. Er stand in dem Fenster, die Flinte daneben und wartete, daß das Licht hinausgelassen würde.

»Nein«, hörte er deutlich die Stimme des Bauern unten im Hausflur sagen, »das letzte Kostgeld will ich nicht haben; der Peter hat uns dafür beim Kartoffelstecken geholfen und die Quecken im Gemüs'land gehackt –«. Sein Sprechen verlor sich, man hörte nur noch, daß er was von der Kätta sagte, und dieses unverständliche Murmeln enthielt wohl den wahren Grund.

»Nein, Onkel, die Quecken sind alle noch drin«, schluchzte der Lückenbüßer. »Meine Hacke war viel zu klein.«

»So?« rief der Bauer dagegen, »dann haben wir halt an den Nichtsnutzer da noch eine Erinnerung!« Sie standen jetzt unter der Lampe: der Bauer, das Kind und die Liesa mit dem Fränzchen, dem Hänneschen und der Alten, welche ebenso wie die Zwillingskinder wieder munter und ahnungslos war; auch der Kopf des Anton drehte sich fröhlich auf dem Erpelhals hin und her – daß der Lückenbüßer ein solches Geleit bei seinem Abschied hätte, war nicht vorauszusehen gewesen, als die Kätta ihn, bis an die Scheitelhärchen in das dicke Moltontuch eingeschlagen, auf den Erlenhof mitgebracht hatte. Nun stand er fest auf gelenkigen Beinen und war schon aus drei Paar Hosen spielend herausgewachsen – »Unkraut vergeht nicht«, pflegte der Bauer, wenn das Ziehkind Husten und Schnupfen hatte, achselzuckend zu sagen. Wahrhaftig! es war nicht vergangen, sondern hatte das Haus und den Garten erfüllt; das Kellergewölbe, die Mauern bis unter das dumpfe, verschwiegene Dach waren von ihm durchwurzelt worden – keine Spalte, in die es nicht Einlaß gefunden, die es nicht ausgefüllt, überdrungen und einbezogen hatte. So glich es als Unkraut zugleich dem Wasser, und als Wasser wieder dem Licht – aber wer wußte, ob nicht gerade seine Unkrautnatur es gewesen war, die das Haus, wie den Bahndamm die 274 Sträucher, mit ihren Wurzeln zusammengehalten und am Einsturz gehindert hatte?

Ahnte der Erlenhöfer am Ende diesen Zusammenhang? »Lach noch mal!« sagte er hilflos und faßte dem Kind unters Kinn; dann drehte er ihm mit gewaltsamem Griff das kleine Gesicht nach oben, sodaß der volle Schein der Laterne auf seine Züge fiel, und wiederholte: »du sollst noch mal lachen; der Onkel hat's dir erlaubt.«

»Ich will ja –«, erklärte der Lückenbüßer mit wackliger Tränenstimme; früher, wo er nicht durfte, wäre das Lachen ihm leicht gefallen – jetzt mußte die Liesa ihn kitzeln, damit er den Mund verzog. Endlich aber gelang es ihm doch. Er lächelte. Zwischen den weißen Zähnchen trat die Lücke dunkel und deutlich hervor – nicht mehr lange, so würde das wachsende Leben diese Lücke geschlossen haben, als wäre sie nie gewesen, und andere Zähne von unten her aus dem rosigen Kiefer heben.

»Jetzt müssen wir aber weiter«, sagte der Lumpenmüller. Die Dogge hatte verstanden und tat einen Satz nach dem Hoftor hin, bellte und sprang noch einmal zurück – –

Aladin legte das Jagdgewehr an und zielte nun doch auf den häßlichen Kopf, als er sah, wie das Kind seine Hand auf den Nacken des Hundes legte. Da gingen sie fort: das Kind in der Mitte, rechts die Dogge und links der Mann.

Als der Knecht das Hoftor geschlossen und den Balken vorgelegt hatte, knipste der Bauer die Lampe aus. »Es wird zuviel Licht verschwendet«, hörte ihn Aladin sagen. Nun war es dunkel, bis endlich der Mond einige Stunden später hinter den Erlen heraufkam und sich bemühte, den Glanz zu ersetzen, der fortgewandert war. Er stieg sehr schnell und war schon fast voll – nur wenig fehlte ihm noch . . .

 

Am folgenden Tag nahm auch Aladin Abschied und deutete, als man ihn fragte, »wohin?« mit dem Daumen in jene Richtung, woher er gekommen war. Den 275 Rucksack großartig lüpfend, als wenn dieses grüngraue, magere Ding eine Welt von Erwerbungen trüge, schlenderte er an den Ställen vorüber, zwischen Bootshaus und Kohlgarten hin, stieß die Pforte auf, hörte sie hinter sich schnappen und verfolgte den Weg, der zum Altrhein führte und wie immer ein wenig naß war; mitten darauf, als wäre die Sonne plötzlich heruntergefallen, saß ein gelber Huflattichbusch. Das Wasser zog, wie ihm dünkte, rascher und klarer dahin; die Weidenbäume an seinen Ufern mußten vor wenigen Tagen von den Landarbeitern geköpft worden sein; nun standen sie, ihrer Besen beraubt, wie gefesselte Hexen da. Eine Sumpfmeise plapperte in den Büschen; ihr sinnloses, süßes Geschwätz begleitete Aladin wie ein Kind, das bald näher, bald ferner dahinhüpft und sich endlich im Freien verliert. Auch das Schilf war belebt, obzwar nicht es selber: denn es war von der Kälte her krank und vergrämt; graubärtig, zitternd und ausgemergelt wie ein Großvater hinter Lichtmeß – aber wo es sich mit den schwachen Wurzeln noch in dem Schlammboden festhielt, wohnten schon wieder die wilden Enten und das fröhliche kleine Bläßhuhn; weiter draußen war es geschnitten und hatte Honigfarbe; ein Hauch von Schmieröl lag über dem Wasser und schimmerte wie Perlmutt. Schräg aus der kaum gekräuselten Fläche ragte mit feinem, zerrissenem Gitter eine Fischreuse gegen den Himmel; die dunkeln Torflöcher lagen wie Reste winterlicher Gedanken in dem weiterdrängenden Grün, welches von heute war; welches nichts wußte, nicht tief hinunter und nicht groß in die Höhe ging, aber freundlich und demütig seine Rispen, seinen zarten, biegsamen Halm unter den Wind und die harten Schuhe der Fischer und Korbmacher legte. Dieses Gras war von Wasserbändern durchzogen und durchknüpft von Sumpfdotterblumen, die begierig den ersten Kitzel der Sonne und die faulige Feuchtigkeit nützten, um auf den nierenförmigen Blättern ihre eigelben Blüten auszubreiten; wo auf dem Dammweg 276 der nackte Boden, lehmig und aalglatt, hervortrat, saß stachelig, aber gleichfalls blühend, das frostharte Kreuzkraut und jene Miere, welche die Bauern auch Huhnsdarm nennen, weil seine Ausläufer: dünn, jedoch zähe, den Bauch der Erde erfüllen. Dieses wertlose Zeug, das die bösen Tage mit verschossenem Schopf und gebleichten Lumpen in der Herberge »Schlick und Schlamm« überstanden und dabei sein rotes und weißes Gesicht nach oben gehalten hatte: dies war es, so wollte es Aladin dünken, um dessentwillen der Frühling sich hatte erbitten lassen, zu den Menschen zurückzukehren. Geduld! schien es leise sich selber und dem Himmel gesagt zu haben – und: Hoffnung! hatte das Licht ihm erwidert, als es sich wachsen fühlte, wachsen zwar hinter eisgrauen Wolken, doch mit welch sanfter Gewißheit und liebevoller Gewalt! Nun brannte es schon, denn was wollte es anders als – seiner Natur nach – brennen; und aus Licht und Feuchtigkeit: Grundwasser, Schmelze und leise laufendem Regen, erbaute sich wieder einmal die übrige Natur . . .

Wie Pfeile schnellten die Fische nach oben und schnappten die ersten Insekten, die sich, müde und satt von dem Saft der Zilla, zu weit aus dem Uferwald fortgewagt hatten und von der silbernen Fläche geblendet worden waren; aber obwohl nun der fruchtbare Staub an ihren Füßen verscherzt war, würde im folgenden Frühling das Zilla-Meer nicht begrenzt sein und mit ungeminderter Bläue durch die hellgrauen Stämme leuchten. Diese Eschenbäume, nicht älter geworden seit jener Stunde, da Gustav Adolf, der Schwedenkönig, seine Truppen auf Scheunentoren über den Altrhein flößte – denn sie waren seit vielen Jahren die gleichen schlanken Speere geblieben: hoch, makellos, spätbelaubt – hielten die Wärme gefangen und täuschten den Arbeitslosen, welche hier Blumen pflückten, ganze Säcke voll für den Wochenmarkt und kleine Sträuße, die ihre Kinder in den Weg der Ausflügler hielten, einen frühen Sommertag 277 vor. Die Lauberde glühte und knisterte leise, wenn die Leute ein Stückchen weiterrutschten; sie pflückten im Knien, Gesicht zu Gesicht mit den Bienen, welche dasselbe suchten wie sie und sich erst von der Blüte lösten, wenn sie gebrochen war. Manchmal hob einer den Kopf von der Erde und blinzelte, noch betäubt vom Bücken, nach der Schwedensäule hinüber, auf welcher der steinerne Löwe stand und das Schwert in erhobener Kralle hielt: »vorwärts!« schien er zu sagen – »vorwärts und nicht gezaudert, das Leben vom Stengel zu schneiden!« Sie gehorchten und schleiften die Säcke weiter, die Bienen summten: »kein schönerer Tod«, auf dem Dammweg, der hoch durch das flache Land und fast bis nach Oppenheim führt, rollte, von weitem vernehmbar, eine motorisierte Bandsäge her, die ein riesiger Mann bediente; seine Linke griff in das Steuerrad, die Rechte schien nicht vorhanden zu sein, nur ein Ärmel hing schlaff herunter und wurde manchmal vom Wind bewegt wie Ärmel von Vogelscheuchen.

Als die Bandsäge näherkam, sahen die Leute, daß hinten am Motor ein dunkler Kranz hing, der von Schneeglöckchen aufgehellt wurde. Die Bandsäge stoppte, der Lenker drehte den Kopf nach dem Auwald und rief etwas hinüber; zwei Burschen liefen näher heran: »zu dem Erlenhof wollt Ihr? nein, weiter nach rechts. Hier geht's auf die Knoblauchs-Aue.« Er dankte. Vor einer Stunde habe ein Mann ihm den Weg gewiesen – »halb Zigeuner und halb Soldat«, setzte er noch hinzu. Die Burschen stutzten und blickten sich an: »mit einem Backenbart?« fragte dann einer. »Möglich«, gab der Befragte zurück. »Aber Backenbart oder schlecht rasiert –«, das Beste sei seine Nase gewesen, die wie ein Besenstock aus dem Gestrüpp sah; »da konnte man wohl mit Recht behaupten«, meinte der Simmermacher-Matthias, denn er war es wahrhaftig und hatte auch gleich den versäumten Totenkranz mitgebracht, »der Mann geht der Nase nach.« »Ich glaube eher, der geht um die Ecke«, sagte der eine 278 Bursche zum andern, als die Bandsäge wieder abgerollt war.

»Warum denn?«

»Weil der Mann zuviel weiß. Er hat sich doch unter falschem Namen auf dem Erlenhof eingeschlichen und die Querschläger ausspioniert.«

»Die Querschläger?«

»Ach –«, der andere gähnte. »Hast du Streichhölzer? da, wir teilen.« Er brach eine Zigarette entzwei, sie rauchten dicht an den grünen Fingern, die Nägel waren ganz schwarz von Erde und hier und da eingerissen. »Die Querschläger sind doch die wilden Bauern mit dem Wagenfeld an der Spitze, den sie neulich eingelocht haben. Na, der ist auch schon wieder heraus. Die Regierung getraut sich ja nicht, mal ordentlich zuzugreifen.«

»Wenn halt nichts da ist, um zuzugreifen?«

»Nichts da ist? Man hat eine Liste mit allen Namen gefunden. Die soll in der Lumpenmühle ausgedruckt worden sein.«

»Na also.«

»Was denn: na also?« fuhr der erste gereizt in die Höhe; die Zigarette war bis auf die Kuppe seiner Finger hinabgelaufen, ein langer Aschenstab fiel herunter, das übrige war nichts mehr wert.

Sein Kamerad sah ihm dumm in die Augen. »Das kann uns doch alles egal sein«, sagte er langsam und träge. »Ob die zugreifen oder nicht.«

»Ja? kann es das?« schrie der erste wieder und packte ihn an der Schulter, drehte ihn gegen den Auwald hinüber und sagte mit anderer Stimme: »was kriegst du denn für die Zilla?«

»Für die Zilla?«

»Ja. Für die Zilla!«

»Das weißt du doch. Zehnpfennig das Bündchen.«

»Und die Bauern?«

»Die schlagen noch fünfzehn drauf, weil sie die Säcke zum Markt mitnehmen; das ist das geringste, und wenn 279 die Bündchen nur zwanzig Pfennige bringen, kriegt unsereiner bloß fünf.«

»Am Ende«, sagte der andere kalt, »legst du den Bauern was drauf.« Sie sahen einander feindselig an, wie Menschen blicken können, deren Entzweiung tiefer als der Anlaß dieser Entzweiung liegt; dazu kam, daß sie beide hungrig und frühjahrsmüde waren. »Aber wenn du jetzt glaubst«, fuhr der Kluge fort, »daß ich bloß auf die Bauern schimpfe, so bist du schief gewickelt, mein Lieber, und weißt nicht, worum es mir geht.«

Der Dumme wandte sein Säuglingsgesicht mit der runden Nase dem Kameraden zu – er würde wohl immer gewickelt werden; ob schief, ob gerade: sein Zustand veränderte sich nicht. »Das wäre auch eine Schande«, sagte er dann mit gefetteter Stimme zu dem hitzigen, langen Gefährten, »wo du angewiesen drauf bist.« Er meinte: auf die Bereitschaft des Bauern, die Zilla mitzunehmen, und wackelte wie ein Erpel, der sich anschickt, ins Wasser zu gehen, auf eigentümliche Weise mit dem breiten, hängenden Steiß. »Denn wenn du auch einen Handwagen hättest, so müßtest du doch noch Standgeld bezahlen«, setzte er triumphierend hinzu – »ja, und das könntest du nicht.«

»Da hast du recht.« Der andere nickte. »Weß' Brot ich ess', dessen Lied ich auch sing. Aber freilich sollte nur jeder erst wissen, wessen Brot er eigentlich frißt. Oder glaubst du, die Bauern selbst wüßten das noch? Mahlzeit! das Brot, das sie schmieren, ist auf dem Halm schon verpfändet. Denen bleibt nur das leere Stroh. Ich will dir was sagen«, flüsterte eilig der Kluge und brachte den Mund an das Ohr des Dummen, als wäre dies Ohr die Welt: »wir ziehen alle am gleichen Strang – die Bauern, die Städter, die Arbeitslosen und die es erst morgen erfahren, daß sie welche geworden sind. Nur die Regierung, die zieht nicht mit; die zäumt den Esel am Schwanz auf und wundert sich hinterher, wenn er am Kopfende furzt.« Der Dumme lachte, sein Kamerad tat einen 280 Schritt von ihm fort und endete achselzuckend: »Fehler macht jeder, das ist nicht das Schlimmste, und am Kopf ist ein Esel so gut ein Esel, wie er's am Hinterteil ist. Wenn also einer nur zugreifen wollte, so erführe er vorne und hinten schon, von welcher Natur dieses Tier ist: wo es breckelt und wo es beißt.«

Sie schwiegen, dann meinte der Dumme wieder und war durchaus nicht so dumm, wie sein Gesicht ihn erscheinen ließ: »wenn ich ein Brennscheit zu sägen hätte, so wäre mir auch ein Holzbock lieber als ein Esel, der breckelt und beißt.«

»Ich mache aber den Holzbock nicht für diese feine Regierung«, sagte der andere eigensinnig, »und lasse auf meinem Rücken nicht sägen, ohne rechts und links auszuschlagen.« Er blickte über das freie Feld; ein paar Wolken fuhren, vom Ostwind getrieben, wie zerrissene Träume dahin, die sich suchen und wieder vereinigen, um aus altem Stoff Neues zu bilden . . . neue Träume und neue Tage, wie sie nur der Frühling hervorbringen kann, der sich in allem und nichts wiederholt und das Gleichnis der Völker ist. Von unten her schoß das Getreide den flüchtigen Wolken entgegen, das seßhafte Element; noch konnte sich erst der Däumling in seinen Halmen verbergen; aber bald, wie die Bauernregel es wollte, ein ausgewachsener Rabe . . .

Bald! schien auch der Wind zu flüstern, der die Eschenstämme bewegte, als die Burschen wieder zum Auwald gingen, und in den hellgrauen Kronen jenes Ächzen und Klappern erweckte, welches Aladin durch eine Reihe von Jahren im Ohr behalten hatte. Bald! rauschte das Wasser, das hinter ihm abfloß, denn er wanderte ja stromaufwärts und entfernte sich schon von dem Altrhein und seinen buschigen Ufern, wo die Zilla verblaute, Gespräche verklangen und die Menschen unendlich langsam unter den Horizont gingen – lautlos, als währe ihr Leben schon an die tausend Jahre, aber tausend Jahre seien nicht länger als die Blüte der Zilla gewesen. In 281 dieser Entfernung schmolz alles zusammen: jedes Wort und jede Gebärde verschwisterte sich mit dem nächsten Wort, der folgenden Gebärde . . . bis endlich das ferne Gespräch der Leute in die Bewegung zurückgeholt wurde und die Bewegung in jenen Körper, der sie entlassen hatte. Eine Weile danach glichen alle Gestalten nur noch Bäumen und hockenden Sträuchern, die der Wind im ganzen bewegte – – und wieder nach einer Weile drehte sich Aladin gar nicht mehr um, weil die Kielspur, die er gezogen hatte, bereits vergangen war. Wie eine glatte silberne Fläche lag die Zeit auf dem Erlenhof hinter ihm und hatte sich über der Tiefe geschlossen, die von Keller zu Keller führte, von Abgrund zu Abgrund, von Hölle zu Hölle, wo die Menschen in wildem Knäuel ihre Leiber zusammenpreßten, sich zerfleischten und unter Zittern die Hilfe des andern suchten: Gewehrfeuer schlug an die kalkige Decke, die Pulverkästen waren wie Tiere, welche jederzeit aufbrüllen konnten, das Geisterpferd ging durch die Doppelwände und polterte mit den Hufen. Dann hob sich das Grundwasser wie die Sintflut, und von oben her strömte Regen herunter; die Sintflut verlief sich, das Pulver war naß und Noahs Gesicht von der Träne für immer gezeichnet worden – aber wieder war es das Wasser gewesen, das befreit und gereinigt hatte . . .

Er wanderte weiter, seine Gedanken spielten so leicht wie Libellen über der Silberfläche; ab und zu schnappte ein Fischmaul sie fort, ein Windstoß trieb sie zum Ufer, und schließlich war kein Gedanke mehr dahinten zurückgeblieben.

Gegen Mittag kam er ins erste Dorf. Ein Viehtreiber stand an der Ecke, sein gestreifter Kittel blähte sich leicht über der kurzen Hose, seine Augen, hellblau und stark gewölbt über der dicken Nase, blickten Aladin brüderlich an.

»Bist du auch von der Zunft?«

»Ja – früher –«, erwiderte Aladin. 282

Der andere dachte: ach so, das ist ein Arbeitsloser, und griff in die Hosentasche, holte ein angefettetes Päckchen, es war Wurstbrot in Zeitungspapier, heraus, besann sich und deutete mit dem Kopf nach der nächsten Wirtschaft hinüber: »komm mal mit, wir trinken ein Schöppchen dazu, es muß ja kein Elfer sein.« Er ging voran, und Aladin folgte, aber nicht rasch genug; so blieb er nach alter Gewohnheit stehen und schnalzte mit der Zunge, legte den Stecken auf Aladins Rücken und schlug ihm ganz leicht auf die Schulter: »allez hopp! bis zum Viehmarkt geht es zu Fuß«, scherzte er arglos, schubbste ihn weiter und lenkte ihn in ein großes Gehöft, das auf der Rückseite offen war. Ein paar Holztische, jeder mit einer Bank, waren fest in die Erde gerammt; als Aladin näher herantrat, sah er, daß es Kantinentische aus dem Griesheimer Lager waren, die der Wirt wohl gesteigert hatte. Wie alte Krieger, vernarbt und zerschunden, trugen sie Inschriften, Bilder und die Ziffern von Tagen und Truppenteilen: hier war ein Sergeant mit der Pfeife im Mund und dort ein weibliches Schenkelpaar mit der Unterschrift »Adelaïde« zu sehen; was darüber war, hatte man auszuradieren oder wegzubürsten versucht.

Der Viehtreiber blieb vor der Haustür stehen und legte den Kopf in den Nacken: »Gasthaus zur Fähre« stand auf dem Schild, dessen weißgestrichenes Blech eine Papierrolle vortäuschen sollte, die an den Ecken eingerollt war und geschwungene Buchstaben wies. »Weißt du was: ich glaube, wir bleiben im Hof«, sagte er dann bedächtig. »Die Sonne scheint ja schön warm.« Ohne Aladins Antwort abzuwarten, strebte er einer Bank zu und ließ sich schwerfällig nieder, streckte die Beine aus, lehnte den Stecken an die Schmalseite des verwitterten Tisches und wiegte die Backen auf beiden Fäusten behaglich hin und her – man merkte: jetzt war er erst richtig, wo das Schild ihn hinhaben wollte – – auf einer Fähre zwischen den Ufern, vom Wasser geschaukelt, vom Wind gekühlt, der wie er auf der Wanderschaft war. 283

Eine Frau mit geschulterter Hacke kam hinten aus dem Garten: »was gefällig?«

»Habt Ihr offenen Roten?«

»Ich muß mal sehen.« Sie ging in das Haus und kehrte einige Zeit danach mit zwei Gläsern Weißwein zurück: »es wird ja nichts machen?«

»Nein, nein.«

Sie setzte die Gläser hin: »wohl bekomm's!« Aladin sein's kam gerade auf ›Adelaïde‹ zu stehen. Sie aßen und tranken; auch ein paar Hühner waren herbeigelaufen und pickten die Brotkrümel fort; eines war schamlos nackt an der Brust und widerlich aufgeregt. »Guck mal – ein Federfresser«, bemerkte der Viehtreiber zwischendurch. »Den sollten sie schlachten, der steckt ihnen sonst die übrigen Hühner an.« Der andere nickte, sie schwiegen wieder; zum erstenmal wurde Aladin nicht nach Woher und Wohin gefragt. Bis auf das leise Tucken der Hühner war es vollkommen still in dem großen Hof.

»Die Leute sind auf dem Acker«, sagte der Viehtreiber plötzlich in das tiefe Schweigen hinein, »nur die Frau ist zu Hause geblieben.«

Da kam sie wieder: »noch einen Halben?«

»Ja. Aber auch für den Mann.« Er stand auf, blickte suchend im Hof umher und sah die Brettertür neben dem Mist: ein Herz war hineingeschnitten. »Adjö, ich gehe mal schiffen.«

Die Frau lief ins Haus und war gleich zurück, legte rasch den Arm um Aladins Schultern und setzte das Glas vor ihn hin; dabei preßte sie ihre Brust an den Mann und fragte eilig, weil drüben wieder die Brettertür klappte: »bleibst du nachher ein bißchen da?«

Aladin zuckte, und seine Hand, die das Glas schon ergriffen hatte, verschüttete den Wein; ein Brennen, als ob er gehäutet wäre und die Sonne beschiene das rohe Fleisch, überzog seinen ganzen Körper; er saß an einem Kantinentisch, der mit Unzucht und Schande bedeckt war . . . ringsherum dehnte das öde Land sich von 284 Bordell zu Kaserne und Schreiberstube aus: jede Stube ein dunkler, verlassener Schoß – von Regen durchfeuchtet, von Hitze durchglüht, von scheußlichen Tieren durchlaufen, die aus den Ritzen kamen –.

»Nun also?« fragte die Frau begierig und sah gespannt auf den Finger des Fremdlings, der die verschüttete Flüssigkeit brauchte, um ein Wort auf den Tisch zu schreiben; kaum, daß sie es aber gelesen hatte, fuhr sie gereizt auf ihn los: »Saukerl, den Wein zu verschlabbern, nachher heißt es, das Maß war nicht voll!« Schon hatte sie ihre Schürze ergriffen und das Wort von der Platte hinweggewischt. »Zahlt mal, ich muß in die Küche.«

Der Viehtreiber klappte die Geldkatze auf und warf ihr ein Silberstück hin; sie gab heraus und war schon verschwunden, die Scheidemünzen glitzerten boshaft, ein paar neugeschlagene waren darunter – der Tisch aber zog sich langsam auf seine natürliche Größe zusammen und war nun wieder ein Tisch wie alle anderen Tische, an welchen Soldaten gesessen und mit Messer und Blaustift ihr stumpfes Bedürfnis dem Fichtenholz aufgeprägt hatten . . . Eine Weile noch blieben sie sitzen und tranken ihr Gläschen leer; als sie aufstanden, waren sie leicht berauscht und berührten sich mit den Schultern. »Guck mal – der war nicht so ohne!« scherzte der Viehtreiber lustig und meinte damit den Wein. An dem Hoftor drehten sich beide wie auf Verabredung noch einmal um und lasen das Wirtshausschild: »Gasthaus zur Fähre« – jawohl, es hatte gehalten, was die Inschrift versprochen hatte. Für den Viehtreiber: welcher den Boden angenehm schwanken fühlte und sich, wie alle Geflößten, zwischen Kette und Pfosten befand; für Aladin: den diese Fähre über das Lager gesetzt und, was er in Wirklichkeit suchte, schon hinter ihm abgestoßen und ihm im Rücken gelassen hatte – denn so sicher er dieses Gasthaus nie mehr betreten würde, kehrte die Fähre nicht um.

Auf der Straße nahm dann der Viehtreiber Abschied 285 und wanderte nach Westen, Aladin aber nach Osten weiter, in der Richtung der Lumpenmühle. Es wurde noch wärmer, er zog den Rock aus, von den Äckern riefen die Leute manchmal etwas herüber; galt es ihm oder einem andern oder am Ende nur ihnen selber, weil sie Freude am Rufen hatten? Die Wassergräben standen sehr voll und glänzten wie schneeweiße Windelbänder auf der neugeborenen Erde; das Geleise der Riedbahn war weniger hell und das Gras stand dazwischen tiefer. Gerade zog langsam das Bähnchen mit seinen drei Wagen vorbei; an den schmutzigen Fenstern konnte man deutlich die Bauernweiber erkennen, welche vom Wochenmarkt kamen: ihre Kopftücher hockten sehr eng zusammen und waren wie grauschwarze Krähen in einer Ackerkuhle; die leeren Körbe, einer im andern, bildeten einen Turmbau und wackelten hin und her. Jetzt fuhr mit behäbigem Schnaufen das Riedbähnchen über die Straße, Aladin und ein Radler blieben am Schlagbaum stehen, alle Frauen drehten die Köpfe nach außen, und in dem raschen Vorüberfahren der gleichgeknüpften Tücher kam es Aladin vor, als hätte sein Blick noch ein letztes Mal jene getroffen, die teils tot, teils lebendig, teils so weit entfernt und halb vergessen waren, daß ihr Bild nichts mehr anderes hergab als einen freundlichen Schein: die Kätta, die Liesa, die Krummacher-Marie fuhren schwatzend und nickend an ihm vorbei; auch das Mädchen vom Briefkasten war darunter und hatte auf der Schulter zwei schnäbelnde Tauben sitzen . . .

Dann ging der Schlagbaum langsam empor und Aladin in ein anderes Leben – der Radler war schon davongeschossen und nur noch ein strampelndes Männchen, der Zug eine keuchende Raupe, welche Dampf aus dem Stirnhorn stieß. Die Landstraße krümmte sich, zog sich gerade – nun sah man schon von weitem die Lumpenmühle liegen: ein Würfel, ringsum herausgeschnitten und ganz für sich allein.

Als Aladin näherkam, fiel ihm auf, daß die Augen in 286 diesem Würfel fehlten: alle Fenster waren geschlossen, die Läden vorgelegt. »Peter . . .! Peter . . .!« schrie Aladin angstvoll und rüttelte an der Klinke. Nichts rührte sich, alles blieb still wie zuvor, der große Nußbaum sah kahl und kalt über die blaugraue Mauer. Er hob einen Stein auf und warf ihn verzweifelt gegen die Fensterläden. Es dröhnte, der Stein fiel herunter, das Haus blieb so tot, wie es war. »Peter . . .! Peter . . !« er tobte verzweifelt weiter und trat mit den Stiefeln ans Hoftor; schmiß Stein um Stein, immer größere Brocken und blickte gespannt in die Höhe – ganz oben, fast unter dem Dach, saß ein Fenster, das ohne Läden war und jetzt langsam aufgedrückt wurde. Ein gewaltiger Kopf schob sich fletschend hindurch, eine breite, gewölbte Brust über zitternden Hundepfoten: die Dogge stand mitten im Fensterrahmen und schien das einzige lebende Wesen in diesem Gefängnis zu sein; mehr noch: das Haupt dieses furchtbaren Hauses; sein Herr, welcher alle Bewohner in Ketten geworfen hatte; sein Dämon: ein hundeköpfiger Teufel, der ohne Gnade war.

An allen Gliedern geschüttelt, rannte Aladin fort und weiter; erst bei dem nächsten Dorf hielt er an – vielmehr ein alter Mann hielt ihn an und blies ihm den bissigen Knaster seiner Pfeife in das Gesicht. »Nur immer gemütlich«, brummte er böse, weil ihm Aladin auf den Fuß getreten und sich nicht mal entschuldigt hatte. Der andere stierte starr vor sich hin; er war auf der Flucht, wie konnte da einer: »nur immer gemütlich« sagen. »Komm mal 'rein!« Der Großvater nahm ihn am Ärmel. »Du kannst mir ein Beet umgraben und kriegst dafür Nachtquartier.« Aladin ließ sich willenlos ziehen und folgte ihm in den Hof, welcher ein länglicher Riemen war, an den hinten der Garten stieß. Dieser Garten sah merkwürdig aus. Halb verwildert, halb sorgfältig eingeteilt, war er hier schon besät und dort noch verwuchert von überjährigem Unkraut, auf welchem ein Misthaufen lag; zwei Glasbeete, unter denen Salat wuchs, drängten 287 sich in die Ecke, die an den Hühnerstall stieß; ihre Dächer waren zerbrochen und die Löcher mit Lumpen und Stroh notdürftig zugedeckt; auch ein wenig verschlepptes Hühnerfutter hatte mit dem Salat getrieben und war als Hirse und Gerste verwundert aufgegangen. Einem andern Beet mußten Erbsen nach den Maifrösten zugedacht sein, denn obgleich dieser Monat noch fern und die Erbsen noch nicht vonnöten waren, zogen sich über das schmale Stück Erde schon dünne Zwirnsfäden hin, an welchen Fähnchen aus Seidenpapier und Lappenreste hingen; wenn einst die Erbsen gelegt werden würden, hatten Wind und Regen das ihre getan, um den Vögeln die Angst zu nehmen.

»Hier«, sagte der Alte streng und deutete mit der Pfeife über ein großes Beet hin, »das muß bis zum Abend in Ordnung sein; das Unkraut gräbst du schön unter.« Er gab ihm Spaten und Hacke und ging in das Haus zurück; Aladin setzte den Fuß auf das Eisen und fing zu graben an, doch war die Erde so wild überwachsen, daß er nicht durchkommen konnte. Also riß er zunächst das Schlimmste heraus und warf es auf einen Haufen; darüber verflog eine Stunde, und plötzlich erschien der Alte wieder, eine dampfende Kaffeetasse in beiden Händen tragend, und fuhr Aladin häßlich an: »du solltest das Unkraut doch untergraben, hab' ich dir eben gesagt!«

Der andere blickte über den Spaten. »Es kommt schon«, sagte er leise.

Gleich war der Jähzorn des Alten verraucht: »da, trink mal ein Kümpchen, es tut dir gut.«

»Danke schön. Aber das war nicht nötig«, erwiderte Aladin.

»Wo willst du denn hin?«

»Nach dem Lager.« Aladin nahm einen großen Schluck und verbrühte sich fast den Mund.

Der Großvater nickte, als hätte er auch keine andere Antwort erwartet, und blieb schweigend neben Aladin stehen, bis die Kaffeetasse geleert war. Dann wurde er 288 aber gleich wieder grob: »merk dir's! am Abend ist alles fertig, denn morgen will ich säen!« Er kehrte sich um und wanderte fort; bevor er völlig verschwunden war, sah er noch einmal zurück und drohte mit der Faust. Aladin grub, seine Hände schmerzten und setzten Blasen an: »weiter! weiter!« schrie plötzlich der Alte, der wieder erschienen war. Gleich wird er mir auf den Rücken springen, dachte Aladin unwillkürlich. Er krümmte sich, setzte den Spaten an und warf Brocken um Brocken zur Seite; auch Engerlinge kamen nach oben und fette, farblose Regenwürmer, die er in eine Blechbüchse warf, um sie den Hühnern zu geben. »Recht so«, lobte der Großvater ihn; er war jetzt stehengeblieben und schaute Aladin auf die Hände, auf den Nacken und auf die Füße, befahl ihm, den Spaten kürzer zu fassen, ihn rascher auszukippen, schalt ihn, befeuerte seine Arbeit und schlug ihn mit einer Weidengerte genußvoll auf die Schultern – Aladin ließ es mit sich geschehen und erduldete jene Prüfung, die seine letzte war.

Als es dämmerte, lag das große Stück Land ganz umgegraben da. Kein Unkraut störte, alles war eben, die Krume atmete, Welle an Welle, und wartete auf die Saat. »Nun kannst du mitkommen«, sagte der Alte und bog die Enden der Weidenrute zu einem Kreis zusammen. Sie bückten sich unter der niedrigen Haustür und traten in die Küche: jetzt merkte Aladin erst, daß sein Gastwirt ein Korbmacher war. Auf der Erde lagen rötliche Haufen frisch abgeschnittener Ruten, von den Wänden hing Bast herunter; eine Säule fertiger Körbe und solcher, aus denen, perückenähnlich, noch die starrenden Zweige spießten, war in der Ecke zusammengestellt und selber schon wieder ein Baum. Auf dem Herdfeuer brodelte Suppe in einem eisernen Töpfchen, der Alte hob sie herunter und trug sie auf den Tisch, nahm den Deckel fort, rührte ein paarmal herum und setzte zwei Teller, zwei dünne Löffel, ein Näpfchen mit Salz daneben. »Laß dir's schmecken!« sagte er freundlich und 289 schöpfte die Suppe aus. Geruch von durchwachsenem Räucherspeck, der sich, als er den Deckel abhob, schon angekündigt hatte, verstärkte sich, stieg wie der Geist aus der Flasche und umnebelte Aladin . . .

Sie aßen: anfangs, ohne den Kopf von ihrem Teller zu heben; dann, als er ein wenig gesättigt war, blickte Aladin neugierig auf und sah zu dem Alten hinüber, dessen Blick ihn gerade traf. Das Herz blieb ihm stehen. Dies war sein Vater, der ihn gepeinigt hatte.

»Wo ist das Vieh, das du kaufen solltest?« fragte ihn leise der Alte.

»Das habe ich damals verladen, und es ist angekommen«, flüsterte Aladin.

»Und das übrige Geld?«

»Ich mußte doch fort. Du hättest mich umgebracht.«

»Ja? hätte ich das?« der Alte lachte, sein Bart schlug Flammen, in seinen Händen bog sich die Weidenrute. »Komm her!« befahl er ihm plötzlich. Der Sohn gehorchte, obwohl er fühlte, daß der Vater jetzt nachholen würde, was er damals versäumen mußte. Der Alte sah ihm scharf in die Augen – – nein, nein, es war wohl doch nicht sein Vater, sondern Philipp, der Irrenwärter, mit dem blauen, blendenden Blick.

»Wo ist die Gretel?« fragte er furchtbar; eine Maus lief rasch um den Tisch herum, einmal und zweimal und noch einmal.

»Verloren!« gab ihm der Mörder zur Antwort und spreizte die flachen Hände.

»Dann hast du nicht ordentlich umgegraben«, schrie der Alte ihn heftig an. Aladin schwieg, und der andere milderte sich ein wenig. »Was gibst du mir, wenn ich sie finde?«

»Mein Leben«, sprach der Sohn.

»Das gilt. Darauf trinken wir einen.« Der Alte griff unter den Tisch und holte ein Schnapsglas hervor, eine Flasche mit grünem Bauch – –.

»Komm«, hörte Aladin weit entfernt die Stimme des 290 Korbmachers sagen, »komm, trinke mal tüchtig, dann wird dir besser, du bist keine Arbeit gewöhnt.« Er trank und fühlte ein starkes Feuer durch seine Kehle rinnen. »Was war mir denn?« murmelte er. Der Korbmacher sah ihn nachdenklich an. »Ist dir besser?« Aladin nickte. »Du hast wohl einen Schrecken gehabt?« forschte der Korbmacher weiter. »Vorhin – ich meine: als du so ranntest, ehe du zu mir kamst.« »Ach«, sagte Aladin zitternd: »ich habe den Teufel gesehen.« »Den Teufel?« »Ja. In der Lumpenmühle sah er zum Fenster heraus.« »Da meinst du die Dogge. Das will nichts bedeuten. Wenn der Lumpenmüller verrückt ist, macht er rings an der Mühle die Läden zu, jagt die Hündin zum Speicher hinauf und sperrt sie da oben ein.« »Ist er öfter verrückt?« »Vielleicht zweimal im Monat. Aber manchmal bleibt es auch länger aus und braucht dann seine Zeit.« »Und was tut er denn in dem dunkeln Haus?« fragte ihn Aladin. »Das weiß ich nicht«, sagte der Alte. »Ich bin nicht dabei gewesen.« »Aber ich!« fuhr es Aladin plötzlich heraus. »Er geht zu dem Stall, der kein Stall ist, und druckt Zettel mit Totenköpfen.« »Nun«, sagte der Alte ohne Bewegung, »dann weißt du es ja auch.« Er stieß die Tür zu dem Nebenraum auf, es war eine kleine Kammer, die mit Vorräten angefüllt war: mit langen, geschmeidigen Ruten und schönem, hellgelbem Bast, welcher den Boden bedeckte. »Da kannst du schlafen. Warte. Hier ist noch eine Decke. Gute Nacht.« Er ging leise hinaus.

Aladin zog seine Schuhe ab und legte sich auf die Erde. Es knisterte; wenn er sich drehte, klapperten auch die Zweige, die kleinste Bewegung gab einen Laut – und weil er zuerst an die Dogge, dann an das Kind und die Hand des Kindes auf dem Nacken der Dogge denken mußte, ging das Knistern und Knacken seinen Gedanken in beständigem Wechsel nach; aber endlich schlief er doch ein. Zunächst lag er still, dann begann er zu träumen, die Eschen im Auwald bewegten sich wieder 291 und stießen, wenn der Wind ging, hoch oben aneinander. Er pflückte Blumen, sein Rücken schmerzte, die Schultern taten ihm weh, aber jedesmal, wenn er aufhören wollte, stand der alte Korbmacher hinter ihm und peitschte ihn mit der Rute. »Weiter!« hörte ihn Aladin sagen – da war es der Viehtreiber mit dem Stecken, der ihn zum Lager lenkte. Ein Blöken und Muhen, ein Pferdewiehern kam unter Trommelschlag näher, und in der weißen, staubigen Wolke, welche dem Hauptheer voranging, liefen das Kalb und der Ochse einher, welche Aladin heimführen sollte; Maulesel galoppierten dahinter und trappelten mit den Hufen. Wie? Maulesel? nein! das waren ja Tische, Kantinentische mit hölzernen Beinen; auf dem ersten saß Adelaide und spreizte die mächtigen Schenkel über der schamlosen Platte, die kläglich zerschunden war. »Hopp! allez hopp –«, sie kam näher und näher, mit dem Heulen und Jaulen des wilden Heeres mischten sich klagende Hörner und blitzten, schmetterten, gellten vor Aladins Gesicht. Geblendet fuhr der Schläfer empor und sah, während Schlachthorn und Hussa verstummte, der Jammer sich legte, kein Lüftchen mehr seufzte, in den vollen friedlichen Mond – –.

Seine Kammer war hell, und die Weidenzweige, die an den Wänden lehnten, warfen feine, tiefschwarze Schattenstäbe an den rohen, körnigen Kalk: ein Schattengefängnis schloß Aladin ein und würde sich öffnen, zerfließen und auseinanderweichen, wenn der Mond von Osten nach Westen herübergewandert war. Er hob seine Hände, sie waren ganz leicht und spielten schattenhaft mit den Schatten – auch sie ein Gitter, das lose und sanft auseinanderzufallen bestimmt war und nichts mehr festhalten wollte. Von Stab zu Stab rührte Aladin zart jenen dunkeln, flüchtigen Kerker an, der sein Leben bedeutete; der Mond ging mit, und wie Asche zerfiel die nächtliche Zeit . . . 292

 


 << zurück weiter >>