Elisabeth Langgässer
Der Gang durch das Ried
Elisabeth Langgässer

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VI

drei laken, drei Kissenbezüge, ein Inlett, sechs Küchenhandtücher – was könnten wir sonst noch brauchen?« Die Liesa sah von dem Zettel auf, ihr Mund stand offen vom Schreiben. Zwei Sachen auf einmal zu tun, ging über ihre Kräfte. So mußte die Bäuerin selbst überlegen, was ihr der Mann von Worms noch etwa mitbringen könnte . . .

»Unsre Egge hat eine Raffel, wie die Großmutter, wenn sie den Mund auftut; und einen Traktor möchte ich kaufen, der mir den Pflug auf das Feld schleppt«, sagte der Erlenhöfer zu dem klopfenden, feilenden, bohrenden und ölenden Aladin. »Die Genossenschaft hat mich beauftragt, einen Dreschsatz für sie zu besorgen, da ist alles in allem: Dreschmaschine, Strohpresse, Korngebläse und manchmal auch eine Waage. Wenn ich nun einen Traktor habe, so leihe ich ihn rundherum aus, um den Dreschsatz damit zu treiben. So kommt man auf alle Höfe und erfährt, wo der Barthel den Most holt . . .«

»Oder Erdöl«, versteifte sich Aladin.

»Oder Erdöl«, blinkte der Bauer zurück, dem der Postbote diesen Ausdruck vorgestern zugesteckt hatte. »Nun, das weißt du ja selber am besten«, fuhr er, äußerlich achtungsvoll, fort. [Wie er sich aufblähte, dieser Kerl, diese schäbige Hungerwanze.] »Wo das Kabel zerstört ist, erfahre ich morgen, wenn der Müllerkarl mit mir schießen geht. Wir müssen uns dranhalten, ehe der Frost die Erde überglast.«

Er sah durch das Schuppenfenster, draußen roch es nach Schnee, wie schon seit einigen Tagen, doch der Wind stand dem Flockenfall noch entgegen und hielt ihn wider Erwarten an.

»Zuerst aber wird es wohl schneien, und dann wieder Tauwetter geben«, fügte er langsam hinzu, hob eine Nuß von dem Fußboden auf und zerknackte sie zwischen den Zähnen; das Holz war noch frisch, und das Häutchen saß locker und weiß um den süßen Kern. Ich muß den 94 Obstwein auf andere Fässer ziehen, dachte der Erlenhöfer, und Kalk in den Keller stellen, damit er die Feuchtigkeit aufnimmt und die Gurken nicht kanig werden. Den Gravensteiner sollten wir rasch verkaufen und frisches Stroh auf die Latten legen, das alte, hab' ich gesehen, ist ganz voll Mäusedreck. Wo das Ungeziefer nur immer herkommt? Jedes Frühjahr ersäuft doch die Brut, wenn das Wasser über die Dämme geht – aber nein, wie Wegerich bleibt es im Boden und löchert ihn heimlich aus.«

»Hast du die Hochwassermarke an unserem Hoftor gesehen?« fragte der Erlenhöfer, als ob der andere mitgedacht habe und bis hierhin gefolgt sein könnte. Aladin war noch beim Wetter: daß es schneien und hinterher tauen würde; so fand er die Frage in Ordnung und schüttelte den Kopf. Zwei Mann hoch sei dann und dann das Wasser im Hof gestanden. Sein Großvater habe hernach die Dränage anlegen lassen, doch wäre der vordere Keller immer ein wenig voll. »Die Munitionskisten freilich sind sicher,« setzte er flüsternd hinzu, »obwohl sie dort stehen, wo der Keller noch einmal hinuntergeht und doppelte Mauern hat. Wahrscheinlich war das der älteste Teil, das Haus soll nämlich in früheren Zeiten befestigt gewesen sein. Wenn es wahr ist, was die Leute erzählen, so ist in den Doppelwänden ein Rappe eingemauert; in den zwölf Nächten, sagen sie, donnert er mit den Hufen des öfteren gegen die Steine und will ins Freie hinaus. Gott weiß, was die hören, der Anton, die Kätta und meine Schwiegermutter; mir und der Liesa hat er sich bis jetzt noch nicht gemeldet.«

»Ich habe auch mal so bumsen hören, ohne zu wissen, woher«, sagte Jean-Marie Aladin. »Das war, als ich über das Lager ging, wo noch jetzt meine Sachen liegen. Ach, Ihr wißt wohl nicht, daß ich dort in Diensten gewesen bin? Bei der Reichsvermögensstelle war ich für kurze Zeit.« 95

Der Bauer schnappte nach jedem Bissen, der ihm da zuflog, und schnappte noch immer, als Aladin schon verstummt war.

»Von daher stammt auch mein Paß.« Maul zu, das war das letzte.

»Und wo warst du denn vorher?« fragte der Erlenhöfer.

Keine Antwort.

»Und nachher? Nach der Räumung?«

Jean-Marie Aladin schwieg.

Der Bauer drückte den Zeigefinger gedankenvoll gegen ein Nasenloch und blähte das andere auf. »Manchmal will es mir vorkommen, Jean, als wärest du hier aus der Gegend.«

Bum, bum, da hört er es wieder, da spricht es ihn wieder an.

Der Erlenhöfer gab Leine nach – wenn er jetzt falsch getippt hat, ist es ein für allemal aus. »Ich meine ja nur: wir verstehen uns, Jean, als ob wir Milchbrüder wären –«

»Wenn zwei Füchse aus einem Kübel saufen und die Gans auf dem Melkstuhl sitzt«, erwiderte Aladin grob.

Der Bauer grinste; so was gefiel ihm; genau so würde er selber sagen, wenn er nicht antworten wollte. »Nein, aber die Weinkarte saufen wir durch, wenn wir nächsten Montag nach Worms zur Grünen Woche fahren!« Der sollte noch sprechen lernen, dem steckt er die Flasche zwischen die Zähne, bis der Jahrgang anfängt, in Zungen zu reden. Das wäre ja gelacht. »Ich nehme das kleine Lieferauto und lade Kartoffeln und Äpfel ein, die sowieso bestellt sind. Wir packen hernach die Einkäufe drauf; meine Frau und die Liesa werden schon wissen, was sie unbedingt haben müssen.«

»Na schön«, überlegte Aladin, »ich selber will mir ja auch eine neue Montur besorgen und etwas Leibwäsche, bis mir mein Hauptmann den Koffer herüberschickt.«

Nun war es der Bauer, der sich befahl, den Atem anzuhalten. 96

»Ja«, schwatzte Aladin weiter, »jetzt ist es noch zu gefährlich, um eine Verbindung zu suchen. Man muß Ordre abwarten, nicht wahr. Ordre ist alles, sage ich Euch, auf Ordre kommt es an . . . Strammstehen!« schrie er plötzlich. Der Bauer fuhr unwillkürlich mit der Hand an die Hosennaht. »Seht Ihr, nun seid Ihr hereingefallen . . .«, gluckerte Aladin. »Wir sind uns nämlich sehr ähnlich, mein Offizier und ich.«

»Ach so.« Der Bauer versuchte nachzudenken; es ging langsam. Erst sah er die Kätta, wie sie ihn nachts an dem Hemdsärmel zupfte und was von einem Schleifer erzählte, der den Aladin kennen wollte, vielmehr mit einem andern verwechselt haben müsse, wie ein Mädchen den Bettschatz in Pirmasens. Dann die Geschichte von Pirmasens. Nein, die gehörte gar nicht hierher. Auch nicht die Sache mit Nothnagels Margret, die falsche Zwillinge kriegte. Aber soviel war immerhin sicher: es handelte sich um zwei. Zwei Enden hatte die Sache, wie jede überhaupt, wenn man sie recht besah; nur wußte er noch nicht, wie er sie anzwirbeln sollte.

»Na, dann mußt du dich wohl gelegentlich mit dem Offizier auseinandersetzen.«

»Ja, ja – auseinandersetzen. Auseinandersetzen muß ich mich mal, das hab' ich mir auch so gedacht. Und wenn ich mich dann richtig auseinandergesetzt haben werde, kommt vielleicht ein Dritter heraus.«

»War denn noch ein Dritter dabei?« fragte der Bauer gespannt. »Oder habt ihr zusammen etwas pexiert, und du stehst gerade dafür?«

»Mag sein. Mag auch anders sein«, erwiderte Aladin. »Nur nicht rückwärts sehn, immer so weiter, zuletzt kommt ein Jesusjen 'raus.«

»Schönes Jesusjen«, spuckte der Bauer verächtlich und nahm gedankenlos ein Stück Kordel in seine Hände, das auf dem Werkzeugtisch lag.

»Gib mal acht, jetzt lernst du ein Schifferstückchen.« Er knotete es zusammen und strammte es über die Hände, 97 als hätte er Wolle zu halten, die jemand abwickeln sollte. »Ich schlinge einmal um« [er schlang aber blitzschnell zweimal und setzte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand auf die Stelle, wo jetzt der Doppelfaden in sich gehenkelt war]. Mit der Linken zog er ihn wieder an: »schneide mal mitten durch.« Aladin tat es; der Doppelfaden war an zwei Enden offen. »Paß auf, nun knibbeln wir um die Wette, du mit den Fingern an deinem Ende, und ich nehme mein's in den Mund und kaue die Kordel zusammen. Das geht glatt wie Lottchen, man sieht keinen Knoten, und ich bin eher fertig, ob du es glaubst oder nicht.« Die Männer duckten sich etwas und fingen an dem Stückchen gemeinsam zu murksen an; in der Ecke raspelte eine Maus und nahm ihre Arbeit so wichtig, daß sie alle Vorsicht vergaß. »Aus ist es . . .« Der Erlenhöfer wies seine Kordel her: sie war zusammengewachsen, man sah weder Knoten noch Ansatz; der Mund blieb Aladin offen, so etwas gab es doch nicht. »Da staunst du!« Der Bauer spuckte den Henkel im Bogen auf den Tisch. »Ganz einfach . . .«, erklärte er und setzte dem anderen die Sache auseinander: »– – dann ziehst du zwischen den Zähnen das aufgeschnittene Endchen heraus, das Verbindungsstückchen, verstehst du, und fertig ist die Laube.«

»Zweimal schlingen, den Henkel im Mund behalten«, wiederholte Aladin . . . »richtig: den Henkel im Mund behalten . . . Zweimal schlingen, den Henkel im Mund behalten  . . .«, er ließ sich nach hinten fallen und plumpste auf einen Schemel, fing wie rasend zu lachen an.

»Was ist?!« schrie der Erlenhöfer.

Aladin stöhnte und wand sich und wischte die Lachtränen ab: »ätsch, Bauer, ätsch –«, sagte er dann still.

Der Erlenhöfer verstand. Dummer Bauer – pfiffig wollte er sein und ging doch allemal nur an der Schnur, die durch den Nasenring führte. Dabei ließ er's an Vorsicht nicht fehlen, an Neugierde sicher nicht: zu dem Riedbaron ist er heimlich gefahren – wann war es doch? 98 wenn er nicht irrt, gleich zu Anfang der vorigen Woche – und hat sich dort Instruktionen geholt, den heimlich entwendeten Paß des Aladin vorgezeigt. Recht so, der Paß war falsch und wahrscheinlich im Ruhrkampf ausgestellt worden, um heraus- und hereinzuwechseln. [Hat sich was: Ruhrkampf, das weiß er nun allerdings besser als dieser Herr, der sich damals in Nauheim auskuriert hat.] Einerlei – sonst stimmte alles. Mit Gewehren geht Aladin großartig um, und das Kabel zog er ihm glatt auf der Vermessungskarte von dem Lager nach Gerau hin. Daß er von keiner Partei kommt, macht ihn vertrauenswürdig; so muß er wohl einer von ihnen sein: von den Querschlägern, von den Totenköpfen, die linker Hand über den Zetteln stehen, welche heimlich ausgedruckt werden – für das Ried in der Lumpenmühle bei seinem zornigen Schwager, dem der Haß die Kehle zerdrückt. Der weiß, was gespielt wird; ihm selber aber wird das Maul schön sauber gehalten. Dafür heißt er denn auch Vertrauensmann und kriegt eine Laus nach der andern in seinen Pelz gesetzt. Zuerst Beiträge zahlen, na Kleinigkeit: wir haben's ja, meine Herrn. Hernach das Amt im Gemeinderat. Wer sich's leisten kann, macht sich unbeliebt, das hat er jetzt niedergelegt. Der Katze die Schelle anhängen, war niemals ein Bauernstück – dann schon lieber das Pulver im Keller haben und fest darauf gesessen; wenn es pumpert, kann er ja sagen, daß er Erbsen gegessen hat. Und schließlich noch zu dem kleinen den großen Lückenbüßer – – denn, daß ihm der wie der Heilige Geist in die Schoten geraten ist, nä, das glaubt er nun wirklich nicht. Glauben hin, Glauben her, darauf kommt es nicht an. Er will ernten, was er gesät hat, und zahlt er in eine Versicherung, so darf sie nicht pleite gehen. Sind seine Schulden erst umgelegt, die Hypotheken gestrichen, die Steuern abgemagert und die Einfuhrzölle geschwollen, so wird er nicht hinterher fragen, wie alles gekommen ist. Keine Sorgen möcht' er endlich mal haben, dem Laubfrosch ans 99 Wetterglas klopfen und seinen Mist in Ruhe durch das Bretterloch fallen lassen . . .

Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg; der Bauer sieht ihn vor sich:

Dicke Erde, fette glänzende Erde klumpt schwer an seinen Schuhen; jetzt pflügt er, jetzt ist er selber dem eigenen Pflug vorgespannt, und ein anderer schwingt die Peitsche, immer weiter, immer nur weiter. Schön steht das Getreide; ach was, der Weizen ist auf dem Halm gepfändet, in den Mieten faulen die gelben Kartoffeln, weil die Entwässerungsgräben nicht durchgezogen werden, und den Weißkohl holen die Bauern nicht eher, bis die Köpfe im Nachtfrost geplatzt sind – die Sauerkrautfabriken zahlen ja doch nichts dafür und nehmen hernach den Leuten soviel Geld für das Dreckzeug ab, daß der Arbeiter seinen Finger hineinsteckt, wenn er Fleisch dazu fressen will. Der Arbeiter kann nichts mehr kaufen, und das Rad dreht sich rückwärts, immer zurück: der Kaufmann macht seine Bude zu, der Großhandel geht in die Brüche und mit ihm die Industrie; dann schreien sie oben: Dumping! Dumping! hinaus auf die Märkte, Bauer! Der Bauer braucht Kali. Kali ist teuer und wächst im Syndikat. Also Geld auf das Haus und Geld auf den Weizen und Geld auf den Boden genommen. Das Geld will zurück. Das Geld frißt sich durch. Durch den Weizen, das Haus, zuletzt durch die Erde, worauf es gebaut worden ist. Jetzt ist der Bauer am Ende, das Geld ist am Anfang; die Hand, die das Geld hat, dreht das Rad von vorne an. Zwischen Speiche und Speiche liegt Erde. Fette glänzende Ackererde: Erde aus Japan, aus China, aus Irland und Brasilien, die Erde dreht sich, das Rad dreht sich auch, der Bauer ist die Nabe der Welt. Der Reisbauer, Weinbauer, Weizenbauer, der Kartoffelbauer im Ried . . . in dem grünen Ried, dem durchwässerten Ried, das aus Schilf und Getreide, aus Krume und Sand, aus Arbeitern, Bauern und Fischern gemacht ist, aus Dörfern und Fabriken – – 100

Die Erde ist fett, die Erde ist lehmig und hängt sich an die Räder, der Himmel sehr hoch, nur schwach bewölkt und entleert von den Durchzugsvögeln. Nun sind sie mit ihrem Lieferauto auf dem Weg nach Worms. Es geht nach Südwesten, wenn nicht der Horizont wäre, könnte man endlos weit sehen. Nur im Osten führt eine blaue Welle von Waldbergen ihren Geländestrom bald höher, bald tiefer dahin. Man sieht sie von allen Riedorten aus: den Frankenstein und den Felsberg mit seiner Handvoll Häusern, den Malchen – schneidest du ihn heraus, so denkst du, es ist der Vesuv. Und wer oben steht, dort auf den Höhenwegen, dem zeigt sich das Land wie ein Teller, auf den man Kresse gesät hat, beworfen mit unregelmäßigen Dörfern aus einer Spielzeugschachtel. Es sind Backsteinbauten, mit Ziegeln gedeckt, mitten drin ist der Kirchturm, daneben das Schulhaus, von Dorf zu Dorf läuft schnurgerade ein Weg, der von hohen Pappeln besäumt wird. An manchen Stellen blitzt Wasser auf, das sind die großen Tümpel, die Löcher, wo Torfstücke ausgestochen und Weidenzweige gehauen werden, um Kiepen und Körbe zu flechten. Wie von dem Glasbläser hingezogen, schlingt sich der Altrhein durch die Gebüsche. Jetzt teilt er sich und umarmt eine Aue, jetzt wieder und wieder eine; seine Strömung geht langsam, langsamer, leiser; gleich wird er einschlafen, auslaufen, stehen wie die Räder an ihrem Wagen, der sich schwer durch die tiefen Furchen der Kuhfuhrwerke müht . . .

Die Männer sprangen herunter; der Bauer trug heute sein Jägerhütchen und hatte die graugrüne Joppe mit den Hornknöpfen angezogen. Hinten auf den Kartoffelsäcken lagen, die Läufe zusammengeschnürt, ein paar Hasen mit struppigem Fell; ihre Mäuler waren geronnen, die Augen, wie schlecht geputztes Glas, verschmiert und ohne Spiegel. Gleich sammelte sich ein Krähenschwarm und hob sich erst mißmutig fort, als Aladin in die Hände klatschte – er war wohl der einzige, welcher 101 hier so etwas wie Furcht und Schrecken empfand. Das schwarze Gesindel schimpfte, den toten Hasen war alles egal, die kannten keine Angst mehr, was sollte ihnen auch jetzt noch geschehen. »Du könntest mir ruhig mal helfen, Jean!« Sie schlossen die Werkzeugkasten auf, klappten die Motorhaube zurück und reinigten den Vergaser. »Im nächsten Ort müssen wir tanken«, knurrte der Erlenhöfer. »Wir machen ja sowieso Station, um in der ›Schifferlust‹ die Krummen abzuliefern.« Sie holperten weiter, der Strom roch nach Rauch, am Ufer war eine Feuerstelle, neben der ein paar Unentwegte ihr Klepperzelt aufgeschlagen und den Wimpel an dünner Stange in die Erde gestoßen hatten. Etwas weiter ab, mit dem Rücken zu ihnen, stand, grau vor dem grauen Wasser, ein unbeweglicher Angler; wer ihn so sah, mußte denken, man könne Bretter mit Badeverboten und Haken in seinen Kopf einschlagen, ohne daß er es merkte. In den Besatzungsjahren hatten hier, Sommer für Sommer, die Franzosen am Ufer gesessen und den Strom von gefräßigen Hechten und schmutzigen Weißlingen ausgeräumt – ein Räuber fing den andern: der Soldat den Hecht, und der Hecht den Weißling; es wurden deshalb nicht weniger, es war genug Laich in den Bäuchen gewesen, so geht es überall zu. Die armen Leute freilich waren damals nicht schlecht gefahren. Wo alles fischte, fischten auch sie – man konnte nicht sagen: im Trüben – und holten sich ihren Anteil am großen Beutezug. Jedes Unrecht schließt seinen Vergleich mit der Gerechtigkeit; jeder Reiter hat seinen Mantelzipfel, woran der Bettler ihn packen kann, sonst stünde die Welt nicht mehr . . .

Sie steht bald über tiefem, bald über seichtem, verschlammtem Grund wie der Pfahlbau der Kanuhäuser, die dem nächsten Dorf vorgelagert und Eigentum der Vereine, des Schwimmklubs, der freien Turnerschaft sind: ein jedes ist das beste, das feinste, getraue dich mal zu landen, wenn du kein Mitglied bist! Jetzt waren sie 102 zugeschlossen, das Wasser stand hier sehr niedrig, und aus dem gesenkten Spiegel traten, mit Schleim überzogen, die Grundbalken, Pfosten und Bohlen hervor; in ihrem Bauch, auf den Holzgestellen, hielten die Kähne den Winterschlaf: die Ruderboote, die Paddelboote, mit Segeltuch zugedeckt wie der ganze Sommer, das ganze Land, das unter dem Herbsthimmel lag.

Eine Taubenschar knatterte jäh durch ihn hin und riß ein eisblaues Loch in die Luft, die sich allmählich klärte und die letzte Feuchtigkeit niederschlug; es wurde ein wenig kälter; den Pferden an einem Kohlenfuhrwerk, das dem Auto entgegenkam, stand der Atem steif vor den Mäulern. Der Fuhrmann fluchte, er hatte gedöst, nun konnte er auf dem schmalen Weg seinen Wagen nicht mehr zur Seite reißen; das Auto bremste und bockte zurück, der Bauer brüllte, Aladin auch, inzwischen ließ der Fuhrmann mit umgedrehter Peitsche seine Wut an den Gäulen aus.

»Verdammte Sauerei!« schrie drüben der Erlenhöfer und meinte zuerst sein eigenes Pech, dann die Hiebe und ganz zuletzt auch den Mann, der über allem thronte. Es war eine Jammergestalt mit tauber Nasenspitze, ein kleiner Kohlenhändler, der sein bißchen Dreck in der Frühe, man konnte schon sagen, des Nachts an dem Gernsheimer Hafen abgeholt hatte und nun zentnerweise im Ried verkaufte; feste Kundschaft gab es für ihn nicht mehr, weil er das Geld nicht hatte, den Schuppen vollzulegen; auch wäre ihm dann gleich der Kuckuck darauf geflogen und hätte sich in die Eierbriketts und das wenige Spanholz gesetzt.

Das Auto hatte geschleudert und war mit der Hinterachse ein Stück in den Graben gerutscht. Der Kohlenmann kletterte deshalb von seiner Kiste herunter, half es anschieben, keuchte dabei und blies dem Erlenhöfer seinen Fuselgestank ins Gesicht.

»So kommst du im Leben nicht vorwärts«, sagte der Bauer feindlich und spuckte neben ihm hin. Der 103 Fuhrmann stemmte von neuem an – »gleich sind wir ja drüber . . .«, der Wagen hob sich und fand seinen Standort wieder.

»Ich meine doch: mit dem Branntwein, der dir morgens schon aus dem Hals hängt.«

Der andere stierte ihn blöde an, seine Augen, wie gebrochener Glimmer, waren denen der Hasen ähnlich, nur hier und dort blinkte ein Stecknadelkopf von Leben in ihnen auf, das sie böse und ängstlich machte . . . »Was soll mir denn . . . soll mir denn sonst. . . aus meinem Halse hängen?« stotterte mühsam der Mann; nun merkte man erst richtig, daß er sternhagelvoll war. »Jedem hängt . . . etwas anderes 'raus. Wenn du klein bist, hängt dir dein Hemdzipfel 'raus  . . . hernach der Schwamm an der Schiefertafel . . . der eine hängt später 'ne Fahne 'raus . . . der andere seine Partei . . . und wenn einer nichts mehr zu fressen hat – hängt ihm die Zunge zum Hals heraus. Wenn ihm die Zunge heraushängt . . . hängt er sich selber heraus . . . und wenn er sich selber heraushängt: hängt ihm der Branntwein zum Hals heraus.« Er wartete auf Beifall und fuhr, als der ausblieb, mit heiserer Säuferstimme, halb frech, halb weinerlich, fort: »in Mainz, bei den Katholischen drüben, hab' ich mal in der Kirche ein Bild gesehen, worauf Männer in Kutten waren, die einen Ausweis im Munde hatten. Der hing ihnen wie eine Rolle heraus, und ich denke, darauf steht geschrieben, wer sie waren und was sie wollten. So einen Zettel, wißt Ihr, . . . so einen Zettel möcht ich mal haben . . . dann ginge es mir gut . . . Dreckbauer!« kreischte er unvermittelt. Der Erlenhöfer wandte sich um, er war im Begriff, in das Auto zu klettern, und hatte schon nicht mehr gehört, was der Esel da breckelte.

»Allons, hopp, auf den Wagen, Jean!«befahl er mit spöttischer Stimme. Jetzt wurde der Betrunkene hell, trat vor, blickte Aladin an. »Ach, sieh mal da, du bist auch so einer«, sagte er leise und blickte tückisch wie ein Pferd, wenn es beißen will. 104

Aladin schauderte. »Was für einer?«

»Eine Schnapsidee bist du, auf Urlaub; los, geh in die Flasche, den Stöpsel zu und einen Zettel darauf geklebt, damit sie dich nicht verwechseln!« er retirierte, griff nach der Peitsche und trieb lachend sein Fuhrwerk an. Der Verspottete wollte hinter ihm her, da donnerte schon das Auto, er sprang zurück, im Fahren hinauf, der Bauer gab Vollgas, sie rannten weiter, ein Fischernetz blähte sich über den Himmel, die Korkstücke bebten, das Garn war zerrissen, der Wind fuhr hinein, hob die Erlenstöcke, zwischen denen es ausgespannt war . . . jetzt wird es uns fangen, Masche an Masche zuckte vor Aladins Augen – ach nein, das steht überm Uferweg, wir kommen links vorbei . . .

Ein paar Gänse mußten durchaus noch die Straße überqueren, sie waren schon unbeholfen, denn Martin stand vor der Tür; daher schaffte es auch die letzte nicht mehr und endete unter dem Wagen. Man hörte nicht mal was knirschen, so gepolstert war sie gewesen. »Prost Mahlzeit!« Der Bauer hielt an, hob sie auf und warf sie, klatsch, zu den Hasen – die Fette zu den Feigen; nur nicht lange gefackelt – die Wildgänse wissen, warum sie Flügel haben. Ihre Schwestern schnatterten schrecklich und hatten schon vorher geahnt, wie alles kommen mußte; sie besprachen hernach diesen Fall noch vierundzwanzig Stunden, bis sie selbst unterm Messer waren. Ein Ententümpel bewegte sich, die blaugrünen Tiere hoben die Köpfe und tauchten wieder unter; ein braunes flog mit gestrecktem Hals über die Weiden hin und brach durch das dürre Schilf in den langsam fließenden Strom.

Kohlrübenäcker, von Abflußgräben durchzogen, trugen sich dunkel in fahles Grün und Wasserflächen ein, die Häuser flockten ihr trübes Rot und ein schmutziges Gelb dazwischen, es war sehr still, wenn nicht der Motor gebollert hätte, wären, man konnte sich's denken, die Räder imstande gewesen, das Laufen zu vergessen. Sie 105 liefen auch so schon nicht sehr schnell; ein Radfahrer kam hinterher und hängte sich, ohne zu fragen, an; dann, weil er merkte, daß seine Beine ihn rascher voranbringen konnten, ließ er los und strampelte höhnisch vorbei; auf der Landstraße blickte ein altes Weib, das Pferdemist in den Eimer schippte, dem Auto entgegen, bückte sich wieder und nahm noch in aller Ruhe einen körnigen Apfel auf . . .

Weil hier die Seitenpfade aus den Äckern zu münden beginnen, belebte sich der Boden mit Weizenstroh, Dickwurzblättern, Kuhfladen, Kaliflecken und uraltem Zeitungspapier. Eine Spatzengesellschaft flog ärgerlich und aufgeregt auseinander, dann hinter dem Auto wieder zusammen, und untersuchte schimpfend, ob der Dreck sich verändert hätte; bald liefen ihnen auch Hühner entgegen, sie mußten vorsichtig fahren, es war jetzt schon riskanter, so ein Federvieh einzuwalzen. Da und dort stiegen Rauchfahnen kümmerlich und gerade über den Dächern hoch; darunter ward Schweinefutter gekocht, das Mittagessen war nicht so wichtig, Kaffee und Brot tat es auch, erst abends gab es Suppe; die Schulkinder gingen gar nicht nach Hause, sondern spielten Fußball, bis nachmittags die erste Stunde begann. Immer näher . . . die Häuser blickten mit scharfen Augen her, es waren Bauernhäuser, Arbeiter gäbe es wenige hier, wenn nicht jeder Bauer zugleich ein armer Arbeiter wäre: blas mir mal in die Flöte, vielleicht fällt ein Markstück heraus . . .

Im Sommer ist es besser. Dann kommen aufs Wochenende die Darmstädter und die Frankfurter her; vor den Wirtshäusern stehen in langer Reihe die kleinen Landstraßenfrösche: die »Hanomags« und die »DKW«, auch ein fetter »Opel«, ein »Adler« dazwischen, manchmal sogar ein »Mercedes«, zu dem ein Betriebsrat oder ein Bonze oder beides zusammen gehört. Bis in die Nacht hinein steigt Fleisch in die Boote, Fleisch in das Wasser – sehen erst nur noch die Köpfe heraus, so ist kein Unterschied 106 mehr. In den Wirtshauspfannen brutzeln die Fische, hernach wird getanzt, die Dorfmädchen können das Neueste und haben Dauerwellen wie gebogenes Blech in dem Haar. Inzwischen sorgen die Fortbildungsschüler für ein paar Autopannen; der Installateur will auch was verdienen, das ist nur recht und billig. und gibt ihnen fünf Prozent; wer anstellig ist und sparsam, kann es in ein paar Sommern zu einem Fahrrad bringen und hat noch zwanglos dazu gelernt, wie der Mensch zu was eigenem kommt . . . Hoppla, noch einmal angezogen, der Motor möchte und kann nicht mehr, es waren nur noch zehn Meter bis zu dem rotgelben Säulchen, dem Bauern wurde ganz schlecht vor Zorn, doch es half nichts, er mußte herunter, Aladin gleichfalls; ja, Umgang mit Maschinen erzieht: die kannst du nicht schinden, die sagen nein und fragen nichts nach der Obrigkeit, die haben mal Geld gekostet, das macht sie so penibel. »Wir müssen das Aas zur Tankstation drücken« – doch das ging auch nicht, so kamen sie beide wie andere Leute zu Fuß in dem Wirtshaus an.

Sie traten ein; linker Hand in dem Flur lag die Küche; nichts rührte sich drinnen, es klapperte nichts. Rechts war die Gaststube:

»Guten Morgen!« [Die Wirtin hinter dem Schanktisch sah kaum von dem Strickstrumpf auf; es war ihr groß an der Stirn zu lesen, daß sie dachte: wenn die nur ja nicht was Warmes von mir wollen.]

»No, Lenchen?« fragte der Erlenhöfer und warf großspurig seinen Lederhandschuh auf einen Wirtshaustisch. »Ach, der Philipp –!« das Lenchen erhob sich mühsam; was, war das schon wieder hops? Er ärgerte sich: der letzte Patenlöffel für den Buben stand noch aus; die Kätta hatte ihn zwar erinnert – Weiberkram, ihm schenkte auch keiner was, und soweit war ja wohl die Verwandtschaft mit dem Schwippschwager seiner Frau nicht her. Nun kam auch der Wirt herbei; er hatte in einer Ecke gesessen und für zwei Reisende den dritten 107 Mann beim Kartenspiel gemacht – die hockten jetzt schon für zwei Kirsch und zwei Kümmel eine gute Stunde herum; die hatten ihr Fixum, die konnten sich's leisten, ihm seine Zeit zu stehlen. »Noch ein Bier!« rief der eine. Der andere kniff. Von seinem Fixum kann er nicht leben; so will er die Woche mit Sparsamkeit und Gottesfurcht beginnen.

Die Männer gaben einander die Hand: »Wie geht's denn, Philipp, was macht die Kätta? Sind die Kinder auch schön gesund?«

»Danke der Nachfrage. Alles munter. Eine Sau ist mir neulich krepiert – der Peter hat dem Vieh einen Klicker zu fressen gegeben . . . Hier ist mein neuer Knecht, Jean heißt er. Ja. Und was gibt's denn bei euch?«

»Ach –«, der Mann sah die Frau an, die Frau den Mann. »Ein Christkindchen gibt es wieder einmal – was soll's denn auch sonst geben?«

»Na«, protzte das Lenchen beleidigt, »das ist doch noch immer besser als ein goldenes Nichtschen, was, und ein silbernes Warteinweilchen.«

Ob sie den Löffel meint, dachte der Bauer. Jetzt gerade nicht, fest auf die Zunge gebissen und die Hand in dem Sack behalten.

Gleich danach wurde sie rot. Nun glaubte sicher der Erlenhöfer, sie hätte drauf angespielt, daß die Kätta solange kinderlos war. Inzwischen war aber dem Bauern das Auto eingefallen, und wie er mit seinen Hasen den Löffel gutmachen könnte.

»Ach«, sagte er ganz erleichtert – wer läßt sich denn gerne lumpen –, »komm doch mal mit mir, Jakob, und hilf uns den Wagen zur Tankstation bringen, ein paar Meter vor dem Haus ist die Karre stehengeblieben. Ich habe Kartoffeln und Äpfel darauf, auch drei Hasen, den dritten kriegst du umsonst – das Herz ist für mein Gödchen.«

Dem andern zog sich der Mund in die Breite; ihm dämmerte, daß seine Frau auf einen Busch geklopft hatte, 108 und siehst du – da springt schon was 'raus. »No, ein Hasenherz soll er nicht kriegen – Philippchen!« Unter dem Tisch in der Ecke kroch ein eingehäkelter Vierbeiner vor, in seinem Wollkopf saßen zwei Knöpfe mit blanken Messingrändern, die Backen waren beängstigend rot, gleich würden sie auseinanderplatzen, da: unter dem Nasenklicker sprang schon ein saftiger Riß von einem Ohr zum andern. Die Frau hob ihn auf und wischte ihn ab. Er grunzte dabei, für einen Moment kam sein Gesicht zum Vorschein, dann bohrte er eigensinnig den Kopf in ihren Schoß und konnte durch nichts bewogen werden, seinem Paten die Hand zu geben. Die Mutter entschuldigte ihn, gleichzeitig tat es ihr gut, daß ihr der Bub noch gehörte.

»Nein«, sagte der Bauer verdrossen, »das Hasenherz braucht er nicht erst zu kriegen, das hat er ja schon –«, er packte den Jungen und preßte dem schreienden Ungetüm mit der Faust das winzige Kinn zurück, es sah aus, als wolle er ihn zerdrücken, ihn fressen, hinmachen, »was denn, komm her!« Nun nahm er ihn unter den Schultern und ließ ihn Glocke läuten, schwang ihn höher, kugelte ihn herum und kitzelte ihm die Kehle: quieks, noch einmal quieks, das Kind wurde blau und kam schon hinter den Atem, die Frau blickte giftig, was fiel denn dem ein, und sieh doch mal den Knecht, wie der die Augen verdrehte – –

Ihr Mann stieß sie heimlich gegen die Seite. Nur nichts verderben, um Gottes willen, er hat noch kein Bier für den Winter bestellt, von Wein überhaupt nicht zu reden. Der reiche Schwippschwager muß ihm helfen; ein Kind kann er immer wieder machen, Kapital wächst ihm nicht in den Lenden.

»Da –!« plötzlich setzte der Bauer den Burschen auf die Erde; der Kleine strebte zur Mutter hin, es war ihm wohl gar nicht soviel geschehen, nun stand ihr Leib von neuem wie die Weltkugel über ihm. »Also los, zu dem Auto.« Die Männer verschwanden, nach längerer Zeit 109 klappte draußen die Stalltür, der Gaul ging am Fenster vorüber, sie mußten wohl vorspannen, weil der Bauer zu schwer geladen hatte. Die Frau strickte weiter, zwei rechts, zwei links, die Reisenden packten zusammen, wollten bezahlen, da war eine Masche gefallen, die sie erst aufnehmen mußte, inzwischen hatte das Kind nach dem ausgestandenen Schrecken einen Bach auf den Boden gemacht. Wo anfangen? ihre Hände tapperten fahrig herum – »Drecksack, willst du gleich kommen . . . Zwei Kirsch, zwei Kümmel, ein Bier macht zusammen . . .«, sie kassierte, zerrte den Buben hoch, sie konnte ihn jetzt nicht mehr heben, der Junge brüllte und schlug dagegen, im Augenblick war er nur noch ein zwanzigpfündiges Bündel für sie, in dem eine Kindertrompete stak, die von oben bis unten ging. Der jüngere Reisende blickte gehässig, der ältere schadenfroh hin: »nur so weiter, Lenchen, sind es erst sechse, so hauen sie sich selber aufs Dach, und du kannst sitzenbleiben und jedes Jahr einen Speckring schön auf den andern legen.«

»Klar«, sagte die Wirtin böse, »und ihr habt bis dahin Plattfüße weg und schlagt eure Alimente gleich auf den Köper drauf . . .« Sie bückte sich, nahm einen Scheuerlappen, der neben dem Ausschank lag, und begann aufzuwischen . . .

Draußen rann das Benzin in den Tank, der Erlenhöfer fragte so nebenbei: »was macht denn mein Cousin? ich meine: dein Bruder, der Heinrich in Ockenheim? Hast du den Keller schon voll?« Jener Heinrich war der Mann der Base seiner Frau und wiederum der Bruder dieses Jakob vor seinen Augen – er mußte sich jedesmal erst besinnen, um welche Ecke herum die Verwandtschaft eigentlich lag.

Der andere schrak zusammen. »Ja – hat dir die Bawett denn nichts geschrieben?«

»Nein. Bloß gewundert haben wir uns, daß wir dieses Jahr nicht in den Wingert geladen worden sind.«

Der Wirt blies die mageren Backen auf und prustete 110 heraus: »da hätte dich schon die Gemeinde selber zur Lese laden müssen. Sie hat den Jahrgang gesteigert, es war freilich nicht viel zu holen. Zuerst hat der Maifrost was abgesetzt, hernach das Ungeziefer. Die Blüte war ganz verregnet, das bißchen Sonne hat hinterher die Perkel nicht süßen können. Hätte dem Heinrich wenigstens einer die Spritzfässer aufgefüllt – du weißt ja, die Lage an sich ist nicht schlecht. Um so schlechter für ihn: als er anfing zu wackeln, wartete jeder schon drauf, daß er sie wegschnappen möchte. Man kann es den Leuten nicht mal verdenken. Heute ich und morgen du. Es kommt bloß darauf an, wer dem andern zuerst auf den Deckel gibt.«

»Na, und die Großkellerei, an die er geliefert hat?«

»Die verliert nichts. Im Gegenteil. Die hat ihm ja systematisch den Preis heruntergedrückt und unterbietet ihn jetzt noch einmal, wenn sie mit der Gemeinde verhandelt.« Er lachte kurz. »Einen Ratskeller wird die nicht auftun wollen mit den paar Fudern Wein, so hat sie im Grund nur den Büttel für den reichen Mann gemacht.« Der Bauer kaute sein Bärtchen, besann sich, wollte was fragen, nein, lieber nicht – da rutschte es ihm doch noch heraus: »sag mal, soviel ich weiß, sind sie beide in einer Partei: der Jean Baptiste Zöll und dein Bruder?«

»Mag sein. Jetzt wird der Heinrich ja wissen, wo unsereins hingehört.«

»So, so.«

Der Wirt sah das Meßglas an, eben lief es zu Ende, er drehte ab und hing den Schlauch in die Säule, klappte zu: »also viermal fünf Liter – –«, ihm gegenüber war ein Gesicht zu lauter Stein geworden, jetzt auch die Brust, von den Hüften abwärts stand der Bauer auf einem Sockel, da war nichts zu machen, alles vorbei, verflucht und verdammt, er will gerne verrecken, weil er jetzt schreien darf: »jawohl, er weiß es! Ich weiß es auch! Laß die Hasen oben, du Schweißhund! Du und die adligen Hofbesitzer, ihr könnt uns kleine Leute nur 111 brauchen, wenn die Saisonarbeiter zwei Pfennige mehr verlangen und wir die Streikbrecher stellen sollen. Dafür sind wir euch gut genug. Den Buckel könnt ihr uns 'runterrutschen . . .!« Er schrie und schrie in den Motor, in die Räder, die schon im Rollen waren, da fuhr er, der Geldsack, der große Herr, der Herrgott auf Erden; er sah ihm nach, wie er einmal als Kind dem Schützenkönig auf den Rücken gesehen hatte. Der wollte ihm einen Taler aus seiner Kette schenken, ganz fest versprochen hatte er's ihm, das wußte er nachher nicht mehr, als er besoffen war, und da ihn bei seiner Abfahrt der Kleine erinnern wollte, stieß er ihn in den Dreck. In den Dreck gehört er, jetzt weiß er's, der leere Beutel zieht abwärts, der volle bleibt immer oben – – »herunter mit dir, herunter!« brüllte der Wirt verzweifelt. Aus. Das verpuffte, das ging in die Luft. Dem es galt, der war so nicht herabzuholen. Er nahm seine Knochen zusammen. »Scheißleben –«, hinter dem Auto strichen die Gase ab . . .

Alles eins, dachte oben der Bauer. Wenn das Hemd mir näher ist als der Rock und das Hemd ein Loch hat, hol mich der Teufel, so mache ich Flicken aus meinem Rock und setze sie in das Hemd. Er wurde ganz fröhlich, der Weg war zwar schlecht, doch der Wagen lief ohne Mucken; gestern erst hatte Aladin das Motoröl gewechselt. Sie fuhren die Wasser- und Weidenschleife in großem Bogen entlang, im Westen schwärmte ein Vogelheer über dem Altrhein hoch, es waren Milane und Krähen; wenn die Krähe stürzte, stieg der Milan mit hellem Schrei noch ein Stück in die Höhe, der Raubvogel über die Bettelliese und zeichnete große Spiralen an den geläuterten Himmel, die, wenn sie vollendet waren, wie eine Kielspur noch weiter zu strömen und nur langsam zu schwinden schienen . . .

Die Luft war zitterig, in dem Strom floß ein Gegenbild: schwamm ein Schlepper rheinabwärts; man sah keinen Menschen, nur reine Bewegung – woher sie kam, war 112 verborgen; der Hafen, das Meer erwarteten sie und machten sie jetzt schon still. Bloß an den Uferborden erwies es sich, welch eine Kraft den Spiegel beunruhigt hatte. Hier wurde die lockere Erde von dem Wellengang angestoßen, die Brandung rollte darüber, der Sand rutschte abwärts, Kiesel trat vor, die Brandung zurück – – doch die Erde hatte den Glanz der kurzen Berührung behalten, über ihr bebten die leeren Zweige, die Wurzeln bebten mit . . .

Nun wechselten Jean und der Bauer den Platz. Aladin führte das Steuerrad, die Gegend lag flach wie ein Blechkuchen da, in welchen man Streifen geschnitten hatte, es gab keine Frage, die Richtung war nicht zu verfehlen, an seiner linken Schläfe schob sich die Sonne vorbei und rückte ihm langsam in das Gesicht.

Auf dieser Seite, dem Rhein abgewandt, legt schwarzer Tannenwald eine Grenze zwischen Bergzug und Ebene ein. Über ihm wellte das letzte Braun der Laubbäume herbstlich dahin und mündete weiter oben in violettem Dunst, der sich löste, lila und reihergrau wurde und in milchiges Blau überging, um auf dem Kamm des Gebirges wieder fest und gekerbt und dunkel zu werden: dunkel gegen den Äther, an dem er wie Molke gerann. Der Tag wurde hart und hell wie ein Messer, er biß ihnen in die Hände, in die Füße und in die Eingeweide, jetzt wäre ein Zwetschgenschnaps gut gewesen, ein Schinkenbrot, besser noch Rippchen und Kraut oder Eier mit Speck in die Pfanne geschlagen; fort war das erste Frühstück, das nächste Dorf kam heran – ach was, fahr weiter, sie ratterten durch. Das Pflaster war besser als anderswo, die Häuser hatten Fachwerk und in der Hauptstraße Läden, die städtisch aufgetakelt, mit Strümpfen, Baskenmützen und Stoffen ausgelegt waren. Zwischendurch kam ein Torweg, der stank von Fellen; eine Kornwaage war auf ein Hausschild gemalt; Vieh wurde ausgeladen, hernach meckerte, quiekste und muhte es in den Seitenstraßen. Ein Mann aus dem Stamme Juda lief hinter 113 zwei kleinen Kindern her, die auf krummen Beinen davonzustreben und einen verläpperten Zuckerklumpen auseinanderzubrechen suchten. Sah man andere Leute genauer an, so war es häufig dasselbe: Fell-, Vieh- und Getreidehandel liegt hier in Erzväterhänden, das Volk war seßhaft geworden, das Geld ist noch immer auf Wanderschaft, das rollt von alleine, macht Junge und wirft die Feinde zu Boden, ehe sie sich's versehen.

Nun entfernte sich langsam der Altrhein, sanken Weiden- und Moorbrüche weg von ihnen und gingen unter den Horizont; der Bauer lenkte wieder; der Boden wurde schwärzer, wurde schwer und von Steinen durchzogen. Wo er frisch gepflügt, umgebrochen oder glatt geeggt, sauber zutage trat, sah er aus, als ob man ihn eben mit Schmieröl begossen hätte. Klares Land, klare Leute. Die Männer auf ihren Leiterwagen saßen locker und fest zugleich vor dem Pfuhlfaß, den Düngersäcken. Sie haben runde Schädel, die Ohren sind am richtigen Platz, jede Stirn ist ein Brückenbogen, den Augen machst du nichts vor: die sind weitsichtig, Vogelaugen, welche hier auf die Maus und dort auf den Fisch und immer zum Grunde schießen. Das Land fängt hier an, sich stärker zu gliedern, sich aufzurichten. Die Gräben verschwinden, dafür heben sich Pappeln stracks in die Höhe und stehen wie Schildwachen da: Achtung, die Luft weht jetzt schärfer. Das ist nicht nur die Luft über Feldern, wo das junge Getreide atmet; das ist Atem aus den Fabriken, deren Schornsteine da beginnen, wo die Pappelalleen zu Ende laufen und die schmutzigen Zuckerrüben auf die Förderschnecke gekippt, in die Wasserbottiche übergeleitet, geschrubbt und gehäckselt werden.

Der Bauer ließ mit der rechten Hand das Steuerrad los und deutete, als ob ihm jetzt seine Peitsche zwischen den Fingern steckte, über die Rübenfelder: »da sieh her, das gäbe noch eine Ernte, wenn die Leute sie abliefern dürften! geht aber nicht, denn wir sind ja gezwungen, von außen einzuführen – und unsereiner«, nun griff er 114 wieder ins Rad, »muß froh sein, wenn das Getreide schlecht steht, damit die Preise mal anziehn.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Aladin, stumpf vor Kälte.

»Aber ich«, gab der Bauer zurück.

»Na, wieso denn?« fragte der andere gereizt und widerwillig; ihm war, als ob man ihn angekratzt hätte; eine eben verschorfte Stelle fing wieder zu brennen an – diese Stelle saß aber nicht mehr so, daß man sie antippen konnte und sagen konnte: hier. Die war größer geworden, die war ein Brand, der den ganzen Menschen ergriffen hatte, nun gab es kein Wissen mehr, das ihn nicht überall anstieß, ihn störte, schüttelte, anschrie: Obacht! Komm hinter das Ganze, so kommst du hinter dich selbst! Er wollte ja gar nicht –

»Wieso denn?« nahm der Bauer den Faden auf. »Wieso ich das alles verstehe?« er bremste, sie standen auf freiem Feld, obwohl kein Wind ging, war es, als käme Geruch aus Südwesten, Geruch von der großen Wasserstraße, von anderen Ländern, anderen Menschen, die weiter waren als sie. »Paß auf, das will ich dir mal erklären. Da ist mein Haus –«, er deutete auf die flache Hand, die rauh und zerschnitten war –, »hier sind die Ställe, da sind die Äcker, ein paar Wiesen gehören auch noch dazu. Der Keller hat Grundwasser trotz der Dränage, da kannst du nichts ändern, so war es schon immer, und daß die besten Äcker im Frühjahr überschwemmt sind, daß sie schwer zu pflügen sind, spät im Jahr trocknen und die Saat oft umkommt, wird immer so bleiben; du mußt dich plagen, da ist nichts zu wollen, das Wetter kannst du nicht machen, im Samen steckst du nicht drin. Nun gut. Aber jetzt kommt es plötzlich anders. Jetzt kriegt das Haus einen großen Riß, der geht von oben bis unten. Du schmierst ihn aus, er ist wieder da, eine Wand will sich senken, die Ziegel fallen vom Dach. Die Wand wird gestützt, du stemmst dich dagegen, du fühlst, wie's wo wackelt, du weißt nicht recht, wo. Dein Nachbar kommt gelaufen, dem geht es genau so wie dir. Also 115 liegt's nicht am Haus, sondern liegt am Boden. Der Boden wackelt, das Haus wackelt mit –«

»Dann müßt ihr euch eben fragen«, quälte sich Aladin angestrengt, »warum der Boden wackelt.«

»Nein«, sagte der Bauer störrisch, »bis aufs letzte fragt immer nur der, der nichts zu verlieren hat. Ich frage ja auch nach dem ersten nicht: warum mir nämlich mein Haus und meine Äcker gehören. Das ist so. Das muß so bleiben. Und weil es so bleiben muß«, – der Bauer lächelte listig, seine Augen verschwanden, zwei Katzenpupillen trugen sich quergestrichen unter den Brauen ein –, »will ich nicht wissen, warum.«

»Weißt du's, dann könntest du's ändern«, versetzte der andere nur so hin, erschrak jedoch hinterher; wem sagte er denn das?

»Vielleicht. Aber fängst du erst an, zu ändern, so hörst du sobald nicht mehr auf – und am Ende bist du selber geändert, herumgestülpt wie ein Handschuh, dem das Futter nach außen steht.« Sein Blick war verschwunden, ganz eingekniffen, er sah wohl was, doch sagte er es nicht, er verbot sich selber, zu sehen. »Nein, nein, ich bin nicht neugierig, weißt du; ich habe auch keine Zeit zu verlieren. Wer nachdenkt, wenn ein Gewitter kommt, dem werden die Garben naß.«

»Und wer obenhin pflügt«, fuhr Aladin fort, »dem trägt die Erde schlecht. Er hat weniger Brot, und das wenige bleibt nicht bei ihm. Andere werden kommen und nehmen es ihm aus der Hand.«

»Welche andern?« stutzte der Bauer.

In Aladins Kopf hob ein Licht an; kein Licht, es war noch ein Fünkchen, ganz hinten in einem Stollen, es schwankte herauf und herunter – irgend jemand schien es zu halten und ihm damit zuzuwinken – – »Die«, hörte er sich sagen, »bei denen es schon früher und stärker gewackelt hat.«

Der Bauer drehte sich langsam um, seine Augen gingen ganz ruhig und groß und fürchterlich heil auseinander: 116 »Glaubst du, ich weiß das nicht«, sagte er leise, »daß der Erdbebenherd woanders ist? dort liegt er –«, da waren die Schlote; sehr weit, man sah keinen Rauch. »Doch die dort wohnen, das sind dieselben, die uns im Krieg auf die Höfe kamen, um nach Butter und Eiern zu fragen. Der Hunger hatte sie fragen gelehrt, sie fragten weiter, warum, warum: ist das Leben so schlecht und die Ernte gut, warum bauen wir Zuckerrüben, die nachher verfüttert werden; sie fragen uns noch so lange, bis kein Stein auf dem andern steht.«

»Man hört auch mal auf, zu fragen«, erwiderte Aladin.

»Ja. Wenn man sich fürchtet. Die fürchten gar nichts. Wozu auch? zum Fürchten mußt du was haben, was du nicht hergeben willst.«

»So müßt ihr mit ihnen teilen, damit sie das Gruseln lernen«, sagte Jean-Marie Aladin.

»Das Beste kann ich nicht teilen«, erwiderte der Bauer. »Meine Kinder nicht, meine Frau nicht und die ewige Seligkeit.«

»Die werden sie wohl auch nicht haben wollen –.«

Der Erlenhöfer schwieg. »Das verstehst du nicht«, sagte er endlich. Seine Stirn war senkrecht entzweigeschnitten, dahinter zuckte es. Proletenpack. Bauer bleibt Bauer. Das bindet sich nicht, das geht nicht in eins und hält noch bis zum Verrecken was Eigenes in der Faust . . . Der da neben ihm sitzt, dieser Habenichts hier, den der Wind aus den Kleidern gestoßen hat, ist sein Gesinnungsgenosse. Wie man heute so liest. So steht es gedruckt. Befehl ist Befehl; der Befehl kommt von oben; der ihn gab, wird wissen, warum. Heruntergeschluckt. Aber heut ist nicht morgen. Was Gedrucktes kannst du zerreißen, den Schuldschein darfst du ins Feuer schmeißen, wenn er beglichen ist. Packt der Bauer einmal die Sense, um was andres als Korn zu schneiden – dann packt er sie richtig, dann macht er es gut. Doch macht er es nicht lange: von Schnitt zu Schnitt muß die Sache beendet sein. Eine Ernte fällt aus. Das kann er ertragen. 117 Die nächste muß wieder herein. Alles andere ist ein Nichts dagegen. Und stürzt ihm das Dach überm Kopf zusammen, so weiß er: es war nichts Fremdes, was ihn erschlagen hat . . .

Jetzt bin ich erst fort, dachte Aladin schwindlig, jetzt liegt etwas hinter mir.

Sie fuhren weiter, es war ihm, als schlüge sich langsam eine große Tür zurück, sie ging nach außen wie Gasthaustüren, hinter denen kein Bleiben ist. Erst war da nur eine Spalte, sie blendete ihn, er fürchtete sich, er blinzelte, aber er wußte schon: er würde sich gewöhnen. Im Vorwärtseilen, im Näherrollen, kamen ihm Land und Leute wie lauter Hände entgegen; die Hände faßten ihn, rückten ihm Kopf und Arme und Beine zurecht; hier hatte das Herz zu liegen, hier der Magen, das Eingeweide. Zuletzt würde wohl auch sein Name in das Ganze hineingelassen und vorsichtig, wie eine Schelle, an langem Faden dahin gesetzt werden, wo jetzt noch ein Loch war, ein Garnichts; er brauchte nur abzuwarten, einen Fuß vor den andern zu setzen, das Schicksal hatte ihn schon auf ein laufendes Band gestellt. Das Band lief zurück, er kam vorwärts; wenn wieder das Band am Anfang war, war er am Ende. Den richtigen Punkt konnte er nicht mehr verfehlen . . .

»In Gernsheim essen wir aber was«, schrie ihm der Bauer ins Ohr. »Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.«

»Zusammen«, erwiderte Aladin.

»Das war keine Einladung«, sagte der andere deutlich.

Ach so, da bist du, da bin ich. Zusammen fressen, apart bezahlen. Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben – doch auch das Leben wird nicht geschenkt. Das hat seinen Preis, da gilt eine Münze, worauf jeder den eigenen Kopf und seine Jahre prägt. Ein anderer kann dir nichts pumpen, du kannst dir nichts zulegen: auskommen mußt du mit deinem Kapital. Er war es zufrieden. Er war überhaupt zufrieden: daß er da saß; daß 118 der Tag so hell und das Land so sauber gepflügt war; daß es durchzogene Straßen hatte, eine breiter, die andere schmäler. Er hätte sie nachfahren mögen, wie ein Kind, das die Erdkarte nachfährt und noch nichts von dem Globus weiß. Da liegt alles in einer Ebene und deckt sich mit seiner Erfahrung, die vom Haus bis zur Schule geht. Auch die dünne Bleistiftlinie des Kabelwegs fiel ihm nun wieder ein; die gehörte dazu, die paßte hierher, wenn sie auch anderswo lief. Ein Weg war was Gutes – woher er kam, wohin er führte, war Aladin jetzt nicht so wichtig. Keiner führt aus der Welt, und wenn du marschierst, fühlst du rechts und links noch die Schultern der Männer, die ihn gehauen haben. Ihn zu Ende zu gehen – darauf kam es an. Mit einemmal wußte er deutlich, daß alles mit ihm ging: der Strom und die Bodenschätze, die er hinuntertrug; das Erz, welches ausgeschachtet; der Wald, der abgeflößt wurde; die Schiffer, die Kumpels, die Bauern selbst, die unruhig geworden waren. Wer heute unterwegs war, der wanderte nicht mehr allein. Der hörte was trommeln, der sah eine Fahne: die Fahne fuhr über den Himmel hinweg, sie blendete noch, sie machte Wind, und das Trommeln ging dumpf durcheinander. Doch die Füße fanden von selbst den Takt –, sie marschierten in großen, versprengten, geheimen Bataillonen . . .

»Erst schneiden oder essen?« schrie ihm plötzlich der Bauer ins Ohr. Sie rollten schon über das Pflaster, in den Fenstern einer Fabrik zuckten Treibriemen hin und her.

»Erst schneiden«, erwiderte Aladin.

»Erst essen«, sagte der Bauer »Kartoffeln und Äpfel absetzen, können wir dreimal so rasch, wenn unsere Hände warm sind.« [In den »Vater Rhein?«, in den »Deutschen Kaiser?« überlegte er stillschweigend weiter.] Er war fort von der Kätta, war schiefgeladen und fiel immer wieder zur Seite, wo seine Geldbörse stak. Schließlich landeten sie aber doch in einer Schifferschenke, ganz in der Nähe des Hafens, der schon verdrossen und kalt nach 119 Winteranfang aussah und von ein paar elenden Hunden gelangweilt umstrichen wurde. Eine rauchige, dicke Kapuze aus Wärme und Essengeruch fiel beim Hereinkommen über sie, der Eisenofen krachte, ihre Backen sprangen vor Hitze auf – der Weg, welchen jeder noch vor sich hatte, war eingeschnurrt bis auf das Stück, das vom Munde zum Teller lief. Dann bückten sie sich darüber und schippten, ohne den Kopf zu heben, die Bratkartoffeln, den Schinken und Feldsalat in sich hinein; der Wirt stellte Bier daneben: »zum Wohl!« Sie brummten zufrieden und tasteten nach dem Henkel, bliesen die Schaumkappe fort und nahmen einen Schluck, der den Pfeffer aus ihrer Kehle schwemmte und sie mit sich und der Welt auf eine Weise versöhnte, als wären alle Männer Brüder vorm Schoppenglas. Hernach stopfte der Bauer sein Pfeifchen, Aladin winkte Zigarren herbei, sie begannen zu rauchen, die Wirtshausluft hing greifbar in dem Zimmer; jeder schnitt sich davon einen Ranken herunter, bald war alles verbraucht, doch bevor man die Hitze herausließ, nahmen lieber die Gäste das Ausgespuckte noch einmal zwischen die Zähne und kauten es gründlicher durch.

An dem Nebentisch saßen Männer von einem Kohlenschlepper und erzählten reihum jene Witze, die von Basel bis Rotterdam gehen. Jeder hatte den seinen – wenn ihn ein anderer wegnahm, trat sein geprellter Besitzer dem Räuber in den Bauch. Der Jüngste war jetzt an der Reihe und gab ein Scherzrätsel auf, das mit vielen Vergleichen und einem Kennwort um seine Hand geschlungen und so fein durchgedreht war, daß ein alter Unflat dazwischenfuhr und, schnippschnapp, die Kordel entzweischnitt, indem er die Lösung verriet. Ein schadenfrohes Gelächter platschte rings um den Wirtshaustisch los. Dem Jungen kamen vor Wut die Tränen, seine Gefährten bogen sich weit auf den wackligen Stühlen zurück und schmetterten gegen die Decke, als ob dort oben die Witze wie Luftballone hingen, die durchgegangen waren. 120

»Geh mal links um die Wirtschaft, dann wieder rechts, hernach geradeaus«, sagte der Alte spöttisch. »Dann kommst du, wo sich die Feldwege teilen, zum scheelen Appolonchen; dem sieh nur unter die Röcke, da kannst du mehr Witze finden, als Brombeeren an den Hecken sind, wenn es Ostern gegraupelt hat.«

»Aber nimm dich in acht«, fiel ein anderer ein, »daß dir's nicht geht wie dem schönen Willi, der zu weit marschierte und unversehens bis an den Wallfahrtsort kam. Was dem dort bei der Maria in Einsiedeln zustieß, weiß keiner – nur daß er nachher zwei Wachsfüße kaufte und in die Kapelle trug. Eine einzige Fahrt hat er noch mitgemacht; ganz lustig ist er gewesen, bloß wenn ihn einer fragte, was er gegen die Mädchen, die Karten und gegen das Saufen hätte, sagte er jedesmal, er wäre zu weit gegangen und habe um eine Ecke geguckt, hinter welcher was anderes stand, als er erwartet hätte.«

»Was stand denn dort?« fragte der Junge blöde; die Männer rückten behaglich zusammen und scheuerten ihre Schultern im Wams; wenn der Schnaps unterm Nabel brannte, begann das Rädchen im Kopf zu schnurren und drehte Schiffergarn. Aladin schaute hin, auch der Bauer hing seine Ohren an; sowas hört man nicht alle Tage. Der Erzähler beugte sich vor und nahm den Jungen aufs Korn: »was der dort sah, willst du wissen«?

Der andere fragte, angenehm schnuckernd: »sah er den Knochenmann?«

»Schlimmer.«

»Den Teufel?«

»Noch schlimmer!«

»Dann weiß ich nichts mehr.«

Der erste stand auf, zog die Fäuste aus seinen Hosentaschen und ging um den Tisch herum; die Schiffer sahen ihm zu wie einem, der gleich etwas zaubern wird. Nun legte er dem Jungen die Hände auf die Schultern: »hä?« zitterte der Kleine; er war zusammengefallen wie ein Hefekuchen im Wind. 121

»Sich selber hat er gesehen . . . bäh!«

Alle fielen aufs neue in ihren Stühlen zurück, als hätten sie eben Seil gezogen, und der am anderen Ende habe plötzlich losgelassen.

Ein Stuhl schlug zur Erde, Aladin seiner, der Fremde stand an dem Schiffertisch, die Runde glotzte ihn an.

»Und dann? Was ist dann aus dem Willi geworden, als die Fahrt zu Ende gewesen war?«

Der Erzähler kniff die Augen zu und verschränkte die kurzen Arme: »ach, du willst uns wohl einen Schnaps spendieren, weil du so neugierig bist? Herr Wirt – –?«

Ein Bauch schob sich langsam hinter der Theke hervor, so dick, wie ihn im Ort nur noch der Pfarrer hatte, eine böse, helle Stimme drang piepsig durch den Koloß, der weiter oben zu einem Busen geworfen und unter dem Kinn wie ein Halstuch in Falten gewickelt war: »was beliebt?«

»Eine Lage Schnaps für die Runde – der Herr dort zahlt sie uns aus.«

Der Wirt sah von einem zum andern, seine Augen stachen den Fremden an, ob der wohl Blut lassen würde. »Meinen Knecht hat keiner zum besten zu halten«, sagte der Erlenhöfer; er war sitzengeblieben und rührte sich nicht, Aladin stand wie in neuen Schuhen, sehr nobel, unsicher, da.

Der Wirt schob seine Jacke zurück. Über festen zwerghaften Händen setzten starke Knöchel und Arme an, die gewohnt waren, Bierfässer abzurollen und Gäste hinauszubefördern. »Nur immer gemütlich«, sagte er leise; seine Stimme quatschte und knallte zugleich wie eine Schneebeere, die man zertritt, Sie war gefährlich; man wußte noch nicht, wer über ihr ausglitschen würde  . . .

Die Schiffer murrten; an Land ging es sich schlechter als auf dem Schaukelboden des Schiffes, der ihnen vertraut war und sie einander zuwarf. Hier bröckelten sie auseinander – ihr Geschimpfe selbst kollerte abwärts wie Brocken von einem Gebäude, das ins Trümmern 122 gekommen ist, weil andere Schwingungsgesetze ihm seine eignen gekreuzt und die Wellen aufgebäumt haben. Inzwischen hatte der Wirt in Ruhe abgeschätzt, wo die fettere Weide lag. Die Kundschaft vom Schiff, so sagt er sich selbst, kann er nicht überwintern, die bringt ihm keine Versammlung in seinen Bürgersaal und wird, sobald sie ins Städtchen kommt, unbrauchbar wie Kartoffeln, die zu nahe am Kellerloch liegen: die kriegt Augen, treibt böse Keime aus und sticht in den Frieden der Leute. Eine Hafenwirtschaft soll rasch ihre Belegschaft wechseln. Das Hausschild hat zu bleiben: »Zum goldenen Fischzug« – nur dürfen die Fische nicht merken, daß sie geschuppt worden sind, und kommen sie wieder ins Wasser, so muß einer dem andern erzählen, wie sanft man ihnen den Rücken gestreichelt und den Rogen ausgequetscht hat. »Ich weiß wohl«, sagte er ölig, »die Herrn Landwirte stehen sich auch nicht zum besten, die wackeln gleichfalls, das ist nicht wie früher, wo einer nur so spendieren konnte . . .«

Der Erlenhöfer fiel prompt herein: daß sich der Wirt erlaubte, ihn mit dem Schifferpack in einem Atem zu nennen! »Auf eine Lage Schnaps kommt mir's noch lange nicht an –.« Er warf ein Silberstück auf den Tisch – »bloß abzwingen laß ich mir nichts.«

»Versteht sich –«, nickte der Wirt zurück und hatte schon die Gläser im Gänsemarsch hingestellt – »besonders wenn man weiß«, – nun drehte er sich langsam herum und zeigte den Schiffern sein Mondgesicht, dessen Mund auseinanderging – »daß die Kerle ja doch nicht halten, was sie versprochen haben.« Wie ein Blitz fuhren alle Gläschen herauf und waren ausgeleert; die Männer zahlten und nahmen die Kappe vom Nagel, in der nächsten Minute waren sie draußen, am Boden lag Spucke, ein Eichelhäher, als Jäger maskiert, grüne Joppe, spitziges Hütchen, trat auf dem Wandregal über dem Tisch jetzt erst ganz deutlich hervor; man glaubte sein boshaftes Keckern zu hören, der Bauer starrte ihn an . . . 123

Vor der Theke, die Hände über dem Bauch, stand der Wirt, stand ein weichlicher Stromgott. Sein Gesicht war beständig im Fließen und spiegelte gleichmäßig wieder, was von außen in es hineinkam. Die Wanduhr schlug Mittag, aus einer Kirche läutete kurz und heftig, dreimal abgesetzt, dann in einem hin, der »Engel des Herrn«, klagte aus und hinterließ ein Gefühl von Leere in dem verbrauchten Raum. »Ihr wolltet ja wohl wissen, was aus dem schönen Willi vom Kohlendampfer geworden ist?« fragte der Wirt nur so hin – –, seine Frage klang in dem Zimmer, das aus lauter Gehör erbaut zu sein schien, wie Wirtshausstuben es sind, als ob er aus Mutwillen jene Glocke, die ausgeläutet war, noch einmal gezogen hätte.

Sie fuhren zusammen – gleich würde der Pfarrer, der Teufel oder der Tod oder Schlimmeres um die Ecke kommen, die den schönen Willi verschluckte.

»Das weiß nämlich keiner. Das kann ich Euch nicht sagen«, wischte der Wirt seine Rede wie verschütteten Bierschaum fort. »Pschütt, war er weg. Verwandte hatte er nicht, wenigstens wußte niemand davon. Nur komisch, daß ihn bis heute keiner vergessen kann . . .«

»Der kommt noch mal wieder; verlaßt Euch drauf«, sagte der Erlenhöfer. »Wer fortläuft, läuft immer im Kreis herum und fängt an, wo er aufgehört hat.«

»Ja – wenn er nicht den Boden unter den Füßen verliert«, erwiderte der Wirt. »Das haben wir schon in der Schule gelernt, daß, wenn einer immer der Nase nachginge, er zuletzt wieder landen müßte, wo er begonnen hat.«

»Weil die Erde rund ist –«

»Sich rundherum dreht – –«, ergänzte der Wassergott.

Sie schwiegen; dann sagte Aladin: »es muß auch mal eine Straße geben, die aus dem Kreis herausführt. Man muß mal was Neues denken können, was noch niemals gewesen ist.«

»Na, so laß dich auf den Mond hinaufschießen –«, sagte der Erlenhöfer. 124

»Und dann fällt er doch wieder«, gluckste der Wirt, »in die Kanone zurück, aus der er gekommen ist.«

[Woher wußte er? beide erschraken; der Wirt stand ruhig an die Theke gelehnt, nur sein Fett war in leisem Zittern begriffen: ein Wasserspiegel, der alles aufnimmt und den Schall von einem Ufer zum andern hinüberträgt.]

»Und – die bewußte Ecke, um welche der Willi ging?« fragte Aladin endlich weiter.

»Um die kann keiner schießen«, entgegnete der Wirt. »Um die muß jeder allein.«

»Und kommt nicht wieder?«

»Ich sagte doch schon: er kommt nicht wieder, wenn er den Boden verliert.«

»Wie meint Ihr denn das schon wieder?« fragte der Bauer gelangweilt; er hatte seine Börse gezogen; was: Weg und Ecke und Boden, der war wohl verrückt geworden und hatte sich seinen Verstand durch die Gurgel hinuntergeschwemmt. Immer prosten, das Schiffervolk animieren, das war das Ende davon.

Der Wirt ging an ihren Tisch hinüber wie ein Fisch, der zum Laichen ins Süßwasser kommt. »Ihr wollt sagen« plapperte Aladin in die glasblauen Augen des Fetten hinein, als sei er aufgefordert, sich zu der Sache zu äußern: »wenn er gestorben ist.«

»Dann hat er doch nicht den Boden verloren«, bellte der Erlenhöfer gereizt. »Verbrennen ist doch nicht Mode bei uns, und stirbt ein Bauer, na, was denn: ein andrer ackert ihn um. Dann kommt er wieder zum Vorschein, manchmal auch nicht, es ist einerlei, und am Jüngsten Tag, hat mein Vater gesagt, wird er nicht bei seinem Namen gerufen, sondern bei seinem Hof und bei der Gemarkung, wo er begraben liegt.« Er stand auf, wollte zahlen. Aladin sagte: »ein Name ist auch gar nichts. Den kriegst du mal per Zufall, den kannst du wieder verlieren. Das ist schlimm, doch ist es nicht schlimmer, als wenn du dein Geld verlierst.« »Halt das Maul«, fuhr der 125 Bauer ihn an – seine Augen begannen zu flimmern, er hatte wohl zu hastig getrunken, nun war ihm, als ob er auf Wasser sähe – auf lauter Wasser – – und ihrer beider Reden stiegen wie Blasen empor . . .

»Er hat recht«, sprach der Wirt jetzt gedehnt, »er hat recht, dieser Mann da, der mich gefragt hat, was für 'ne Ecke das ist. Ein Name hat nichts zu bedeuten, wenn du ihn freiwillig hergibst [genau so wie dein Geld, wenn du es fortschmeißen kannst]. Wer beides hergibt, kommt um die Ecke auf Nimmerwiedersehen. Ich weiß ja nicht, ob der Mann das will – oder«, grinste der Hafenwirt, »ob er ihn vorläufig abmontiert hat wie ein Überläufer das Nummernschild von seinem Regiment. Egal. Das tun jetzt viele. Das hat der Krieg so mit sich gebracht und nachher die Revolution. Wer mal ins Massengrab schaute, der scheißt auf das Erbbegräbnis und hält gegen Tod und Teufel mit allen andern zusammen – je mehr, desto lieber: einer ist gar nichts; der zweite heißt Genosse, das hört sich schon besser an. Das geht so weiter, das nennt sich Bewegung. Die Bewegung marschiert. Du marschierst mit.«

»Doch kommt's noch drauf an, wohin man marschiert«, bockte der Erlenhöfer.

»Das wissen die meisten selber nicht; die geben sich auf, na, wenn schon, die werden mitgenommen. Der eine nach rechts, der andre nach links – hierzulande, bei uns, ist die Wasserscheide, ein Drittes gibt es nicht mehr.«

»Ja, unsere feine Regierung –«, sagte der Erlenhöfer; er hatte jetzt wieder Grund gefaßt, handgreiflich hielt vor dem Fenster ein verrotteter Lagerschuppen die schwarze Totenkopf-Fahne zum Bodenloch hinaus; gegenüber lief eine Planke, die mit Hämmern und Sicheln bedeckt war, die Hafengebäude entlang. »Erst den Leuten Geld in die Hände stopfen für die Entwässerungsgräben, ihnen goldene Berge versprechen und sie in Schulden stürzen – nachher zahlt sich's nicht aus, der Staat läßt 126 pfänden – – und inzwischen schließen die Dörfer ihr Hochwassertor, stellen Posten auf und merken nicht, daß die Flut von ganz woanders herkommt.«

»Sie merken es schon«, gab der Wirt zurück und fegte ein Häufchen Krümeln vom Tisch; die Tür ging wieder auf und brachte kalte Luft samt ein paar Leuten herein – »aber wer am Wasser sitzt, ist es gewöhnt, daß es steigt und fällt und auch mal wieder abfließt . . . Moment, ihr Herren!« rief er hinüber, »und seht ihr«, wandte er sich den beiden wieder zu, »wenn einer hier zu putschen versuchte, so ist das gar nicht anders, als wenn er ins Wasser schlüge . . .«

»Lappärsche!« fauchte der Bauer.

»Das Wasser fließt weiter, dem macht das nichts aus, das hat schon viele Schlepper auf seinem Rücken getragen; ja, ja: die Wasserstraßen, das sind die wahren Straßen, die sind von gestern und heut.«

»Es gibt auch Straßen von morgen«, sagte Jean-Marie Aladin. »Die Autostraßen, die Flugzeugstraßen und die Raketenstraßen, die jetzt der Opel in Rüsselsheim da drüben ausprobiert –«

»Straßen hin, Straßen her«; der Erlenhöfer zahlte, Aladin tat desgleichen – »und die Lage«, erinnerte ihn der Bauer; Aladin schob ihm vom Wechselgeld den ausgelegten Betrag hinüber, er tat es ungern, der Hafenwirt grinste: verdammt, kam dem Erlenhöfer jetzt bei, da stand er auf einer Stufe mit seinem Gelegenheitsknecht. »War ja nur Spaß.« Er knipste die Geldstücke fort. »Platz da!« obwohl ihm keiner im Weg stand, stieß er den Ellenbogen nach etwas, was ihn verhinderte, sich so in die Brust zu werfen, wie er es gern wollte . . .

 

»Platz da, mein Lieber! Nicht so herumstehn!« gab der Herr von Wagenfeld einen Anstoß, den er von hinten empfangen hatte, an seinen Schuldner weiter: der Erlenhöfer drehte sich um; in demselben Augenblick rollte der Weg von Gernsheim nach Worms wie das 127 Transparent in der Haupthalle, wo sie standen, schmal und bestürzend, knatternd und schwarz von Buchstaben, Ziffernkolonnen, hoch über ihn hinweg: er war da, war in Worms an der Bauernfront, die von Schmiedeeisen und Stahlguß blitzte – von Drillmaschinen und Säescharen, deren Klauen auf glasharten Spitzen standen, von ungeduldigen Pflügen mit Häufelkörpern und scharfen tartarischen Jätemessern, die nach Erde zu beben schienen; sehr schweren Zickzackschleifbogeneggen mit Schneide- und Grubberzinken oder Ackereggen aus Stahl, deren Zähne direkt aus dem Eisen herausgeschlagen waren, als ob sie Wieland der Schmied auf dem Amboß gearbeitet hätte; von Jagdgewehren und leichten Büchsen, Patronen, Schrotkörnern, Bügeln und Läufen: an der Front, wo sich seinesgleichen im Tontaubenschießen übte und der trockene kurze Einschlag von dem Wimmern des Radios begleitet wurde; wo Generalstabskarten der Statistik verlorene Stellungen mit Lügenfähnchen besteckten und das behäbige Train der Futtermittel- und Düngersäcke seinen heftigen, starken Geruch mit Gestank aus den Tierkäfigen mischte . . .

»Tag, Herr Baron –«, der Bauer stand gerade; seine Hand zuckte unwillkürlich nach der Brieftasche hin, wo die letzte Quittung seiner fälligen Zinszahlung stecken sollte. Auf halbem Weg ließ er sie wieder sinken und schlug die stumpfen Nägel fest in den Daumenballen. [Thomasmehl und Kainit ging es ihm durch den Sinn, als er von unten herauf den festgespannten Bauch des gnädigen Herrn erblickte.]

»Na, Erlenhöfer, immer noch munter! Immer schön bei Leibe und fest daran, den Betrieb auf der Höhe zu halten?«

»Ja, ja« – der andere schluckte – »man würgt sich so durch, was soll man denn machen; meine Egge ist schon lange kaputt – wenn ich könnte, kauft' ich mir gleich so eine kombinierte mit Messer- und Löffelzinken, die mir die steckengebliebnen Kartoffeln aus dem 128 verdammten Lehmboden holt«. Seine Stimme war dick geworden, er räusperte sich, der Baron strich den Schnurrbart und sagte gemütlich: »habt Ihr ja gar nicht nötig. Habt ja drei Weiber; die schaffen umsonst, die haltet mal tüchtig an!« Er lachte, dem Bauern verzog sich der Mund. [Gott sei Dank, war Aladin abgedrängt worden; das fehlte noch, daß der Baron ihn bei der Viehzählung da als Luxusgaul notierte.] »Na, also. Ihr habt es immer noch gut. Ihr könnt Schritt halten mit Euern Kräften, mit Euerm Acker und Euerm Vermögen – aber wir: von uns wird alles verlangt.« Er nahm die Schultern zurück, sein Hals in dem hohen Kragen lief rotgeschwollen an. »Bei uns heißt es: Mustergüter . . .« sie waren weitergegangen und standen jetzt bei den Traktoren, das Milchglas der Hallendecke goß fremdartig kahles und kaltes Licht auf die großen Maschinen herunter. »Wir müssen das Neueste ausprobieren – für wen baut es denn sonst auch die Industrie? Die Industrie – ich will gewiß nichts dagegen sagen, wenn mein Schwiegersohn tüchtig verdient – kniet der Regierung auf; die guckt uns über die Schulter und läßt sich Gewerkschaftstarife diktieren, so hoch, daß die Maschinen bald billiger sind als die Landarbeiter, als dieses faule Gesindel, das mein Großvater noch vor den Pflug gespannt hat, um die besseren Pferde zu schonen.« Er sah mit stumpfen Augen in den Glanz der Traktoren hinein. »Paßt mal auf!« schrie er plötzlich geblendet wie ein Ochse, wenn ihm das Messer jäh in den Nacken fährt – »die erfinden immer so weiter, bis die Knechte abgeschafft sind. Und wo bleiben wir Herren dann, frage ich Euch?! Monteurkittel an, den Betriebsleiter machen, damit die Arbeitslosen hernach das Geld einscheffeln, das wir gebuttert haben. Die gehen ins Schwimmbad, die spielen Fußball, hernach sieht es so aus«: – er streckte die flachen Hände vor; sie waren hart, aber lang und schön; fast genierte der Bauer sich – »hier ist das Gut; das Gut ist fast leer, weil die Maschinen alles allein und noch viel besser machen. Der Verwalter ist ein 129 Diplomingenieur, ein paar Werkmeister gehn ihm zur Hand, die anderen sind Getreidearbeiter, wie sie drüben in Rußland sagen. Alles wird kontrolliert, alles steht unter Licht wie Hühnerfarmställe, damit wir Tag und Nacht Eier legen; die Wetterwarte macht uns den Regen, die Landwirtschaftskammer weiß schon im Herbst, wieviel Weizen wir abliefern müssen, und verbessert die Rasse auf dem Papier: aus jedem deutschen Hammel wird ein Merinoschaf.«

Der Erlenhöfer grinste. Das war ja nun stark übertrieben, doch tat es ihm wohl, daß der Gutsbesitzer per »wir« und »unser« sprach.

»Und hier«, fuhr der andere böse fort – seine Stimme wischte dem Bauern wie ein Scheuerlappen über den Mund – »hier« [nun da war gar nichts, da war seine Hand – so ein Herr sagt nur: hier, und unsereiner nickt, dachte der Erlenhöfer], »hier ist die Stadt und der Landtag, da lungern sie auf den Bänken herum, die teuern Parlamentarier, und draußen lungern die Arbeitslosen . . .«, er kratzte sich mit der andern Hand kräftig am Hinterkopf, wo noch ein Haarbüschel saß; darüber wölbte sich die glattgebuckelte Glatze, er war mit seinen Betrachtungen, verdammt noch mal, abgerutscht und wieder an dem Punkt, wo er begonnen hatte, die Sache herauszuknobeln. »Also kurz und gut, es kommt darauf an, Land und Leute zusammenzubringen«, schloß er ärgerlich seinen Sermon. [Dein Land – und was für Leute? durchfuhr es den Erlenhöfer; auf irgendeine Weise war der verschwundene Aladin, der Habenichts, in das Gespräch gemischt und setzte seine Gedanken in dem Schädel des Bauern fort. Das war so, als ob ihm ein Sandkorn dort eingedrungen wäre: ein Sandkorn ist gar nichts unter dem Fuß – ein Sandkorn sprengt dir das Hirn auseinander, wenn es einmal den Weg dahin fand . . .]

Sie wurden weitergeschoben, der Gutsbesitzer grüßte in einem fort, indem er mit zwei Fingern an seine Melone griff, der Bauer wußte nicht: war er entlassen, aber 130 jedesmal, wenn er adieu sagen wollte, richtete der Baron wieder das Wort an ihn – obwohl sie sich nicht eben besonders leiden mochten, blieben sie halt zusammen; keiner fragte, warum, doch war es ihnen beiden, als ob jeder dem andern oder sich selbst noch irgend was zu beweisen hätte, etwas klarzumachen, vielleicht auch, weil sie im Grunde denselben Acker pflügten.

Dieser Acker war groß, sie merkten es jetzt erst, als sie nicht mehr der Furche nach, sondern rechts und links durch die Säle gingen, wo so viel zu sehen, zu lernen war, daß ihnen der Kopf zu dröhnen begann; durch das Hauptquartier, wo auf sauberen Karten ihre Feldschlacht geschlagen wurde und mit jeder Schwenkung des Ganzen die nächste Formation fest in die frühere hakte; wo alles Zusammenhang hatte: Maschinen, Richtpreise, Zölle, Syndikate, Trusts und Börsenaktionen und wieder ihr eigenes Leben, ihr abgegrenztes Leben, das wie ein Blasebalg aufgepumpt wurde und sich mit Stürmen füllte, die aus jeder Weltgegend kamen. Mit einemmal war alles offen, keine Deckung, kein Schutz von vier Wänden mehr: Parolen knallten von den Plakaten, es knatterte, pfiff und sauste um ihre kleinen Gestalten, die miteinander verschmelzen mußten, um nicht durchlöchert zu werden – denn was sie bedrohte, bedrängte, war ebenfalls verbündet, war eine gesichtslose Kraft aus genau bemessenen Kräften, ein Tank, der gleichzeitig walzte, sich vorwärts bewegte und schoß. Wie Stafettenläufer schloß sich Verband an Verband. Jeder trommelte, rannte, reichte die Schlegel rasch an den Nächsten weiter – wären sie blind gewesen, so hätten sie sich an dem Schlag erkannt, der ihnen gemeinsam war und jegliches Bedürfnis wie Wasser vom Felsen brach: an die Ackergeräte schoben sich Räume mit Fahrrädern, Waschmaschinen, Konserven und Weckapparaten; elektrischen Bügeleisen, mechanischen Feueranzündern und blinkenden Mokkamühlen; mit Korkziehern, Dosenöffnern, vernickelten Schüsselhaltern – – der eigentliche 131 Schauplatz ging in die Etappe über, wo Bedürfnisse ausspioniert oder aufgedrungen wurden . . . und noch im Hinterland: in den Schänken – dem hessischen Weindorf, dem bayrischen Bräustübl – drängte sich die blondgelockte Reklame hinzu; empfahl, deutsche Weine zu trinken und nahrhaftes Ammenbier; stellte Aschbecher auf, gab sich ehrlich und locker, vermummt und geschürzt, treuherzig und pfiffig zugleich; selbst die Bläser- und Schlagzeugkapelle auf dekoriertem Podium schien im Einklang mit ihr zu stehen: brachte bald einen Tusch und bald einen Schlager, dazwischen die Vaterlandshymne, hinter welcher die Industriebataillone mit knatternden Fahnen marschierten – über alles der Stahl, über alles das Eisen, die Dreschmaschinen, Traktoren, Brutkästen, Ventilatoren und Desinfektionsapparate für bessere Gasthaustoiletten, auf welche die Hofhühner flattern, um den natürlichen Mist zu vermehren, der in Gartengemüse umgesetzt wird und die Blumenkohlköpfe verdirbt . . .

Tusch, noch einmal Tusch, als der Wagenfeld in das Weindorf kam. Er war Ehrenprotektor des Ganzen, obwohl er weit mehr von der Jagd verstand als von der Landwirtschaft. Militärischen Gruß – ein gefällig schielendes Mädchen in Winzerinnentracht nahm ihm eilfertig Hut und Mantel ab und legte ihm eine Weinkarte vor, die er, Monokel im Auge, genießerisch studierte, obwohl er sie auswendig kannte. Dann, ohne den Blick zu heben, bestellte er Niersteiner Warte, den guten Gesellschaftswein, mit dem er stets zu beginnen pflegte – »zwei Gläser dazu – –«. Der Erlenhöfer biß auf die Unterlippe – war das nun eigentlich eine Ehre oder wurde er abgerichtet als Tanzbär, als Pudelhund? Dort drüben saß Aladin und zwinkerte ihm zu. Das hieß: ich inkommodiere dich nicht. Na schön, er kann sich ja setzen, er ist ja ein freier Mann. Freier Mann auf der Scholle. Verschuldete Scholle. Scheißdreck, jetzt denkt er nicht dran. 132

»Prost –«

»Prost, Herr Baron, auf Ihr Wohl, Herr Baron!«

Der andere winkte ab. »Auf das Wohl der Heimat«, sagte er laut und hob das Glas wie einer, der eine Versammlung eröffnet, die ohne ihn nicht stattfinden kann; seine Basedowaugen traten hervor, der Adamsapfel des Bauern blieb gleichfalls nicht zurück. Sie tranken, ein Bläser glaubte, nun sei das Vaterlandslied wieder fällig, der Kapellmeister klopfte dagegen, er wußte, der Baron litt an Rheuma und stand nicht gerne auf.

»Daß es mal besser wird«, sagte der Bauer.

»Und bald –«, fuhr sein Partner fort [in Gedanken setzte jeder hinzu: zuerst für mich, dann für dich].

»Zum Wohl«, sagte mürrisch die Winzerin, die den andern Teil des Sälchens versah, und stellte, zornig klirrend, Glas und Flasche vor Aladin hin. Sie ärgerte sich, weil ihre Kollegin, das dicke Magdalenchen, von allen Männern gepatscht, in die vollen Waden gepetzt und abgewogen wurde. Ihr Lattengestell war sicher – – plötzlich fuhr sie zusammen und wurde heiß auf dem Rücken: Aladins Hand hatte ungeschickt ihren hageren Arm gestreichelt. Sie zuckte nachträglich noch einmal mit schlechtgespielter Entrüstung zusammen und sah den Gast mit verkniffenem Mund wie ein Stück Schlachtvieh an. Seine Augen trafen die ihrigen, eine unverschämte Frage lag offen darin zutage; in den Winkeln war aber noch anderes: Mißtrauen, Neugierde spritzte scharf und hurtig aus den Ecken, dann ließ Aladin scheinbar absichtslos ein Geldstück zur Erde fallen, bückte sich und umschloß ihren Schuh, griff nicht höher, fühlte die weibliche Wärme und das Dunkel, das unter den Röcken war, während sie angewurzelt auf seinen Schädel blickte, auf die dichten gebäumten Haare mit dem wenigen Grau darin. Jetzt gab er sie frei, sie zischte irgendwas und fuhr wie ein Insekt, das man aus den Fingern läßt, los. Gleich darauf kam sie wieder angeschnurrt, stieß ihm Brötchen hin, deutete gegen den 133 Tisch, wo ihre Kollegin bediente: »da sitzt der Baron von Wagenfeld, der macht jeden dumm, wenn er will.«

»So«, sagte er unbeteiligt.

»Der mit dem Juxglas im Auge«, flüsterte sie geheimnisvoll und wollte sich wichtig tun.

Endlich schaute er hin. »Den Erlenhöfer macht er nicht dumm.«

Sie riß ihren Mund auf. »Ach – das ist der Erlenhöfer? Der mit dem schönen Hof und dem häßlichen Schuldenbuckel?«

»Das geht mich nichts an«, sagte Aladin grob.

Das Mädchen erschrak. Es sah schon: auch mit dem da wurde es nichts. »Ich meine ja nur –«, sie verschluckte sich – »die Leute sagen nämlich, der muß nach der Pfeife tanzen, auf der ihm ein anderer vorspielt; der hat einen Ring in der Nase und geht nicht, wohin er will.«

»Was für anderer? was für ein Ring?« fragte Aladin aufgeschreckt.

»Gleich –«, sagte sie erfreut und war schon wieder fort.

Er sah hinüber – –

Der Bauer und der Baron waren nah zusammengerückt; der Baron hielt den Mund an die Schläfe des Bauern:«ich sage Euch, es wird höchste Zeit. Der Plan ist fix und fertig; unsre Leute sind vorbereitet, jeder Querschläger weiß, wo er stehen soll. Parole: Priesterwald.«

»Und die Schutzpolizei?«

»Macht mit.«

»Das glaube ich aber nicht«, sagte der Bauer bedenklich.

»Natürlich«, murrte der erste gereizt, »schießt sie nicht in die blaue Luft; sie muß einen Anlaß haben – –«, er meckerte trocken – »nur immer die Ruhe! Dieser Anlaß ist es ja eben, der uns zwei Fliegen, versteht Ihr, mit einer Klappe schlägt. Läßt sich der Rote erst einmal reizen, so haben wir, wie man das nennt, den juristischen Unterbau; läßt er sich nicht: na, auch gut – dann war's nicht so gemeint, und wir haben nur für den Fall des Falles die Unsrigen einexerziert.« 134

»Zum Schutz der Verfassung –«

»Versteht sich.«

»Und der Ehemann«, sagte der Bauer behaglich, »macht seiner Frau noch das Bett, wohinein sich ein anderer legt.« Sie kollerten los, prost Weimar, und tranken einander zu; das Magdalenchen setzte bereits die dritte Flasche hin, jetzt war es Niersteiner Domtal, der Baron spülte langsam den Mund und schmeckte genießerisch ab, zog den feinen Geruch in die Nase und stellte sie dann witternd wie ein Jagdhund gegen den Wind: »die betten wir schon um, die Germania, da verlaßt Euch drauf – – und sehr bald!« Etwas Wein war danebengeflossen, er tunkte den Zeigefinger und zog eine Brust auf den Holztisch, machte zwei Punkte hinein . . .

Die hagere Winzerin wischte gerade, bevor sie dem Aladin das nächste Glas kredenzte, sehr ausführlich mit dem Tuch herum und flüsterte dabei: »mein Bruder sagt, was der Wagenfeld ist, der hat alle Kleinbauern fest in der Hand –«

»Ach, besser er, als der Jude –«

»Den braucht er als Mittelsmann.«

Aladin schaute hinüber, doch drängten sich gerade sehr viele Menschen vorbei. Bald sah er nur eine Glatze, bald eine gerundete Schulter, jetzt kam ein Gesicht wie der Mond durch die Wolken: es war gerötet und heiter mit kindlich strengen Augen; noch ein Blick: zwischen den Brauen kroch es schmerzlich in sich zusammen, als habe die wehe Lust, zu leben und lebend zerfleischt zu werden, dort ihren Sitz aufgeschlagen –.

»Wenn ich könnte«, knurrte der Wagenfeld, »verzichtete ich für dieses Quartal auf Eure Zinsen –«, er hieb auf den Tisch, daß die Weingläser wackelten, und lachte hinterher, damit die Leute sich einbilden sollten, es sei nur zum Spaß geschehn, »– aber jetzt bin ich selbst in der Klemme. Ja, da staunt Ihr. Gelt, das versteht Ihr nicht. Ihr glaubt alle, je größer das Landgut, desto näher ist Kanaan. Einen Augenblick!« fuhr er heftig fort, als er 135 sah, daß der Bauer ablehnen wollte. »Ich will Euch nur ein Beispiel für viele andere nennen . . . Ihr wißt, daß der Grundbesitz hierzulande früher vor allem Weizen gebaut hat, daneben auch Kartoffeln: den Ackersegen, die Edeltraut, die Odenwälder Blaue – na, von der bin ich wieder abgekommen – und natürlich sehr viele Äpfel, ja, das versteht sich von selbst. Also Weizen und Äpfel, nicht wahr? Dazu noch Zuckerrüben, weil die der Fruchtfolge nach auf den gleichen Boden gehören. Nun, vor dem Krieg hielt sich das auch alles ganz schön die Waage; das Gut war ein großer Apfelkuchen, die Rüben gaben den Zucker dazu, der Weizen die Unterlage. Hernach aber wurde das anders –«

»Durch den Zucker«, nickte der Bauer hinein.

»Na, seht Ihr. Der Zuckerbau wurde beschränkt, weil wir von draußen einführen mußten; dafür trieb man zum Ausgleich den Preis in die Höhe, rund hundertfünfzig Prozent – ohne Sack und Steuer gerechnet – liegt er nun über dem Vorkriegspreis, alle schrien hurra, ich alter Esel desgleichen, weil ja zu meinem Gut noch ein paar Enklaven gehören [hier im Südwesten und über dem Rhein], wo ich Rüben anbauen ließ. Eine Zeitlang ging das auch wunderschön, wir haben Geld gescheffelt, Euch kann ich das ja sagen, bis wir merkten, wie plötzlich die Preise für Weizen und Inlandobst fielen, weil der Verbraucher, wenn er Gelee auf dem Brot oder Weizengebäck verzehren wollte, den Zuckerlöffel so teuer bezahlte, daß er nicht mehr ans Essen kam. Und damit haben wir Grundbesitzer uns selber ins Fleisch geschnitten.«

»Ja – eins hängt am andern«, sagte der Bauer.

»Aber wir«, erhitzte sich der Baron, »wir Großen tragen den Gegensatz in der Wirtschaftspolitik aus. Die kleinen Obstbauern, seht Ihr, machen Hungermärsche aufs Kreisamt, die Rübenbauern verrecken und holen die Ernte nicht heim, weil die Konservenfabrik ihnen nichts mehr abkaufen kann. Das liegt zutage, das leuchtet ein, da wird Unterstützung gegeben.« 136

»Unterstützung! –«, fauchte der Erlenhöfer verächtlich durch die Nase. Der Wagenfeld dachte: warum nicht; kommt bloß darauf an, wieviel. Laut sagte er: »das ist es ja eben; ein Loch wird zugestopft, indem man ein anderes aufreißt. Und stütze ich auf der einen Seite die Zuckerpolitik, so geht mir drüben mein Weizen flöten. Die Marmeladenfabrik zahlt mir ganz einfach nichts aus. Jeder sieht nur, soweit seine Nase reicht – –«

»Es müßte halt einer für alle sehen«, meinte der Erlenhöfer. »Der Staat –«, er schwieg; seufzte nach . . .

»Auf heute abend also«, zischelte leise die Winzerin dem Aladin in den Nacken, während sie ihm den Mantel hielt.

»Gleich hinter dem Dom, eine Querstraße links –«

»Ja, ja . . .«, log Aladin.

Der Baron war ebenfalls aufgestanden, die Kapelle spielte wie rasend ein Potpourri herunter: das rheinische Mädchen beim rheinischen Wein ging stracks in Burg Stolzenfels über – er nahm die Brust heraus, fuhr mit zwei Fingern durch seinen hohen Kragen und brüllte dem Bauern ins Ohr: »es hat einmal einen Franzmann gegeben, der unsere Grenze versaut hat. Ludwig XIV. Hol ihn der Satan. Aber einen Ausspruch hat er getan, der kann mir imponieren: ›der Staat, das bin ich!‹ Adjö, Erlenhöfer.«

Ein paar Forstleute waren hereingekommen, frische Burschen mit Apfelbacken, die sich beim Schießen erhitzt haben mußten, denn Gesprächsbrocken über Gewehre und eine neue Erfindung, die es ermöglichen sollte, auf ein Filmband zu schießen, das durch den Einschlag abgestoppt wurde, flogen munter umher, trafen Aladins Ohr, auch der Bauer horchte, jetzt nicht mehr ein Bauer, vielmehr Nimrod im Erlengehölz – – das Gespräch überpurzelte sich und schlug noch ein paar Haken, sie folgten der Schweißspur und kamen zur Jagdabteilung, sogleich war die Luft verändert: streng, bitter und martialisch, jedes Gesicht geronnen, jede 137 Heiterkeit festgeklebt, als sei sie wie eine Fliege den beringten Baumstamm hinaufgelaufen und nicht mehr weitergekommen. Ziel und Einschlag stand jeder Begierde voran; Geld wurde klappernd und klimpernd wie Murmeln hingegeben, um neue Schüsse zu kaufen; Tontauben zogen starr, ihres Schicksals gewärtig, vorüber und scherbten gehorsam entzwei, erlitten mit tödlichem Ernst ihren Puppentod, welchen die Männer um bare Münze kauften; Tod und Triumph stand in großen, barbarischen Hirschgeweihen über ausgerichteten Scheiteln; jeder war ein Gehörnter, von der eigenen Lust betrogen, die sich selber gleich wieder aufhob und minderte, wie Dianas Mond, wenn er voll gewesen war. Nebenan schien die Flüchtige dauerhafter und hatte sich mit dem Licht verbündet: zwar herrschte gerade Dunkelheit, weil ein Jagdfilm mit Hirschen und Rehen stürmisch vorübereilte – doch jedesmal, wenn der Schuß auf die Leinwand prallte, erstarrte das Bild, lief nicht weiter und legte die Wunde bloß: ein Lichtauge hinter dem Hirschentod, ein Auge vor dem Jäger – sieh her, wohin du geschossen hast! Hier auf das Blatt und hier in den Vorderlauf und immer nur auf dich . . .

»Saubere Sache«, staunte der Erlenhöfer. Die Vorführung wurde abgebrochen, weil irgendwas nicht stimmte; ein Techniker kam mit angestrengtem Gesicht hinter der Schießwand hervor und redete auf den Veranstalter ein, dem allmählich das forsche Lächeln durch zwei standhafte Mundfalten abwärtslief, wie langsam schmelzender Schnee. »Kleinigkeit«, sagte er dann betont, »– einen Augenblick, meine Herren.« Licht flammte ärgerlich auf wie in der Kinopause, die Leute rafften ernüchtert ihre nackten Gesichter zusammen, einige schoben zur Tür hin, ein paar andere ballten sich dichter zuhauf, der Baron trat leutselig vor den Erfinder und griff ihm ins Knopfloch: »ja, ja.« Sofort war der andere auf dem Qui vive und bewegte sich leicht in den Hüften; es sah aus, als ob er sich fangen müßte; schon hatte er 138 sich wieder: »gleich geht es weiter« – es war auch so. Bald knackten wieder die Läufe, der Wagenfeld schoß für die Ehre, die übrigen um ihr Geld.

Jetzt standen der Erlenhöfer und Aladin dicht beieinander. Blattschuß – – sie hatten beide zu gleicher Zeit abgedrückt, nun beanspruchte jeder das Meisterstück und schob dem andern den Einschlag, zwei oder drei Millimeter rechts von dem gelungenen, zu. Schließlich gab Aladin nach: laß doch; der Film rollte weiter, er selber rollte und hatte nicht Lust, auf irgendwas zu bestehen  . . . Der nächste Streifen zeigte Verbrecher, die durch winklige Höfe, an Mauern vorbei, die Feuerleiter hinauf, über Hausdächer flüchteten. Er war für die Schupo gedacht und schon sehr abgelaufen; Regen floß flimmernd herunter . . . Aladin starrte gebannt darauf hin: da – da! – – dies war er selber; so rannte er über das Lager, zwischen brandigen Mauern, bröckelnden Schuppen und braunem Eisenkraut – haltet ihn!! rief es hinter ihm her, dröhnte es, donnerte es von der Brust bis hinauf zu dem brüchigen Schädel. Er legte an und schoß auf sich selbst. Ein Knall, und das Bild blieb stehen. Zu spät: der Verbrecher war weitergelaufen, von dem Hausdach blickte jetzt freundlich ein schwarzes Kätzchen herunter, das ihm gleich nachgekommen und stehengeblieben war. Das Traumkätzchen. »Gretel!« schrie Aladin. Die Leute brüllten vor Lachen. »Is sie so eine Katz, deine Gretel?« fragte gutmütig ein soldatischer Bursche, »dann hast du ja schön ins Schwarze getroffen –«

»Das hab' ich –«, das Schießen ging weiter, peng – peng – peng – peng, der Erlenhöfer und Aladin wurden zum Ausgang geschoben – – »Narr!« sagte der Bauer böse. Unter der Tür stieß er wieder »pardon« auf den Baron. »Also nächste Woche kommen bei Euch die Vertrauensleute zusammen«, flüsterte eilig der Wagenfeld. »Die Weiber und Knechte schafft Ihr ins Bett.«

»Versteht sich –«

»Und haltet das Pulver trocken!« sie lachten einander an. 139

Die Kälte auf der Straße schien nachgelassen zu haben, als sie ins Freie kamen; oder waren sie warm von dem Wein? Gerade leerten sich die Fabriken, ein Menschenstrom spülte die beiden, wie die Brandung das Treibholz, gleichgültig gegen den Bordrand der schmalen, sauberen Straßen und warf sie zuletzt an den Dom. Sie sahen empor, als ob eine Faust ihnen unter das Kinn gestoßen, sie aufgerichtet hätte. Da war die Domwand, und hier waren sie – aber schon in dem nächsten Augenblick waren sie nicht mehr da. Weil sie nicht fassen konnten, was ihnen begegnete, wurden sie selber erfaßt. Wie eine Schimäre verschluckte sie das Unbegreifliche, der Bauer wollte gerade noch denken: wie lange die Katholischen wohl daran gebaut haben mögen? doch war er schon hinter der Frage, bevor er sie begann. Das Genick tat ihm weh, er konnte nicht anders: er mußte so stehenbleiben, wie seine Vorfahren einst vor dem Kaiser gestanden hatten . . .

Gnade! ein feines Messer fuhr Aladin zwischen die Rippen und bohrte sich in sein Herz. Tief innen rieselte es. Nicht nachgeben. Nicht darauf hören. Hören und Wissen war eins.

Der Dom sah herunter. Er wartete nicht, obwohl er aus Warten erbaut war. Voller Gedanken, dachte er nichts; er wußte nichts, weil er das Wissen selbst, und rächte nichts, weil das Gericht in ihm vollzogen war. Dann läutete er. Das war, als ob er sich selber aufhob, um sich noch einmal zu erbauen und alles, was jener Schall bedeckte, in seinen Leib zu verwandeln: die Häuser, welche sich dicht an seine Flanken drängten, ihre Seufzer, ihr Geschrei, ihre Flüche, ihre geheimen Laster; dann weiter draußen die Brücke, den Strom mit seinen Schleppern; das Ackerland, Kraut und Unkraut, das, verbrannt, in den Himmel rauchte, und jenes Land, das noch tiefer lag, von keiner Pflugschar berührt und dennoch mit Blut gesättigt, mit Schuld um Schuld beladen . . . 140

Nun waren Aladin und der Bauer mitten in diesem anderen Dom. Sie berührten einander, es war sehr eng, viele Menschen, auch solche mit Vogelköpfen, und manche, deren Körper in einen Pferdeleib überging, drängten sich unruhig hinein. Sie traten auf Dickwurzblätter, in denen Grundwasser ruhte, ein Löwe ging leise an ihnen vorbei und leckte Aladins Hand. Der ganze Raum war von Zwielicht erfüllt, er kämpfte dagegen, er suchte es auszulöschen, indem er körnige Felsplatten, Steine und rohbehauene Dinge wie Brocken in ein Wasserbett schob; doch quoll es wieder aus allen Ritzen, es bildete Lachen, fleckte die Wände und brachte hier einen Taufstein, dort eine Stufe hervor. Wo solch eine Lache zusammenlief, standen überall Taubenfüße; den Körper der Tiere sah man nicht, weil das Licht ihn verschluckt haben mußte. Alles war innen und außen zugleich. Wer einen Pfeiler berührte, ertastete sein eigenes Gebein; wessen Fuß an eine Erhöhung stieß, fühlte, wie er dem Stein traumhaft im Wege war. Indessen wurde ein großer Reif in dem Domschiff zusammengeschlagen; er schien eine Krone zu werden – zwar hörte man kein Hämmern und nahm keine Hände wahr, doch sah man die Arbeit weiterrücken, ihn wachsen, sich krümmen und wie eine Schlange rubinene Augen öffnen.

»Für wen, glaubst du, ist diese Krone bestimmt?« fragte der Bauer den Aladin.

Für wen? der andere staunte. »Für einen wäre sie viel zu groß«, erwiderte er endlich.

Der erste fuhr fort: »und wer trägt sie dann?«

»Nun – alle zusammen«, sprach Aladin.

»Wer: alle?« Der Bauer ließ jetzt nicht locker; gleichzeitig fühlten sie beide, wie sie von hinten her näher geschoben und von der Seite herangepreßt wurden; das Gedränge war nun so fürchterlich, daß die Vogelköpfe zu schrillen begannen und der Löwe ein Murren ausstieß, das wie Donner durch das Gewölbe lief. In diesem Augenblick bewegte sich die Krone; sie fuhr zusammen, 141 umklammerte alles und preßte Menschen und Tiere in ihr metallenes Rund – gleichzeitig schossen die Tiergesichter, durch den furchtbaren Druck genötigt, aus dem umspannenden Reif. Aladin wurde als letzter in die Krone hineingestoßen, dann schlug sie wie eine Pforte zu, die ihm die Ferse wegnahm, es dröhnte noch einmal von außen dagegen, der Ton verzitterte, summte – – die Domglocke hatte ausgeläutet, Aladin fühlte nun erst, daß ihn der Bauer umklammerte – »das macht mich immer schwindlig, so in die Höhe zu sehen«, sagte der Erlenhöfer.

Eine Schneeflocke saß ihm zwischen den Brauen, eine zweite auf seinem Hut. Wie Rauchkristall stand der Himmel über der Stadt und dem Dom; alles rückte zusammen und erwartete, daß er sich löse; noch zögerte er aber und häufte Wolke auf Wolke – dann endlich gab er sich nach. Es schneite . . . Der erste Schnee dieses Jahres kam feierlich herunter, als wisse er, daß er schon lange von den Menschen erwartet wurde. »Der bleibt jetzt liegen«, sagte der Bauer. »Wir fahren noch diesen Abend, wenn die Sachen besorgt sind, zurück, damit das Auto nicht stockt. Übrigens ist heute Volkszählung, weißt du –«, er lächelte verschmitzt. »Die Kätta denkt nicht anders, als daß wir in Worms übernachten und uns hier angeben werden –«

»Dann zählen sie manchen Wanderer nicht«, erwiderte Aladin; durch seine Gedanken lief wieder der Weg, auf dem sie gekommen waren. Viele Wagenspuren durchfurchten ihn und überschnitten einander; dann folgten Hufe und Pferdeleiber, der Löwe, die Taubenfüße, auch menschliche Füße trugen sich ein: er sah seine eigenen Sohlen und erschrak darüber, daß sie so scharf von den übrigen abgesetzt waren. Da verschwanden sie langsam unter dem Schnee, sie wurden weicher, ihr dunkles Bild verklärte sich allmählich, bald mußten sie ganz verweht sein, ausgelöscht unter dem einen, alles bedeckenden Tuch. So war es recht. Er dehnte sich leise unter der 142 alten Joppe und stäubte die Flocken ab. Immer dichter wirbelten sie herunter – »wer die erst zählen müßte«, durchzuckte es Aladin.

Der Himmel gab her, was er hatte. Die Erde nahm es auf und ahmte ihn damit nach. Als es ausgeschneit hatte, schien Oben und Unten, Helle und Dunkel vertauscht zu sein. Der flache Bogen des Mondes führte das Nachtgestirn nieder, der Mann im Mond trat heraus und stellte sich neben die Weidenstümpfe, denen er ähnlich war. Ein paarmal rutschte der Wagen in überschneite Löcher und glitt an den Wegerändern, dann wurde, nach dem Ried zu, die Schneedecke wieder dünner, das Dunkle trat feucht und gereinigt hervor, die Luft war sehr milde, es schien fast, als hätten die Flocken jede Härte herausgenommen. Noch trieben einige Wolken an dem erschöpften Himmel, aber hier und dort brach schon zitterndes Licht mit dem bläulichen Funkeln der Wintersterne durch das schwimmende Nachtgewölbe.

Bei dem Erlenhof angekommen, torkelten die zwei Männer wie trunken von dem Wagen; der Hund schlug an und verstummte; weiter draußen, wo die Gemeindewiese an das Grundstück des Bauern grenzte, setzte ein anderes Bellen sich fort – der Schäfer hatte die Herde noch einmal hinausgetrieben, damit sie das letzte Gras mitnehme und die Erde mit Schafdung decke. Als Aladin morgens das Fenster aufstieß, sah er die Rücken der Tiere wie ein Hügelgebirge, auf das es geschneit hat, Welle um Welle daliegen. In ihren Leibern schien jede Bewegung zur Ruhe gekommen zu sein. 143

 


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