Elisabeth Langgässer
Der Gang durch das Ried
Elisabeth Langgässer

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VIII

das jahr ging aufs Ende, der Schimmelpelz wuchs in den Nüssen, manchmal zog sich der Himmel zusammen und war wie geronnene Milch; dann schneite es flüchtig, der Schnee taute weg, und eine wolkige Nässe blieb über dem feuchten Land. Die Äpfel setzten Rostflecken an, den Kartoffeln trieben die Augen aus, und in der Ecke des Hofes rauchte der warme Mist. Am Nachmittag fiel die Sonne dorthin und warf eine Handvoll Gold über den körnigen Dreck; dann wanderte sie zu den Pfützen, deren Ränder mit Spatzen besiedelt und von Geschrei überschüttet waren; sie kroch den Ställen vorüber bis zu der Hochwassermarke und war mit einemmal fort. Nun wurde es vollkommen finster, kein Stern kam durch, doch es fror auch nicht, und nichts wurde weggeschwemmt: die Hasenlosung blieb auf den Feldern und das welke Laub in den Krautgärten liegen – alles zerfiel in sich, wurde faul, verrottete, wenn es aus Holz, und vergor, wenn es saftig war. Hob sich morgens der Nebel fort, so schmeckte die Luft nach Hefe; das Tageslicht sickerte träg in brüchige Mauerstellen und machte nichts gegenwärtig; aber was schon ewig vergangen war, erhielt sich noch sehr lange als angewärmter Lemur: es häufte sich in Winkeln, brach auf wie Madeneier aus regnerischen Sommern und rann mit dem Speichelfaden aus dem Bartgestrüpp alter Männer, die ihre Erzählung beendet hatten und die kaltgewordene Asche ihrer wertlosen kleinen Pfeifen auf dem Wirtshaustisch ausklopfen mußten . . .

»Ja, ja, so ging es dazumal her«, sagte der eine und meinte damit die Zeit der Heeresbesatzung; noch einmal schnitt jener Korporal, von dem die Rede gewesen war, eine Fratze unter dem Käppi und lief dann grünlichblau an. Er verlor sich, es kamen andre Gespenster, schal wie verschüttetes Bier, und brachten den Duft ihrer Taten mit, die so billig waren wie sie, diese marokkanischen Söldner mit den nackten Maultiergebissen. Dahinter tauchte unter dem Helm das Antlitz des Krieges auf, 153 das Antlitz aller Kriege; seine haarige Brust, bald im Ringelpanzer, bald in dem Waffenrock; seine Arme und Beine, dürr, aber kräftig, und gewohnt, ihre Beute festzuhalten, komme, was kommen mag. Auf dem Stahlhelm des letzten stand groß »VERSAILLES«; er hatte sich breit und bequem in der Wirtsstube niedergelassen und schien nicht mehr weichen zu wollen . . . Die Männer rauchten verbissen weiter und rückten die Schultern zusammen, aber man sah es deutlich, es kam nichts Rechtes heraus. Auch ein paar Junge waren – unwirklich wirklich – darunter. Sie hielten ihren Kopf in den Händen und drehten ihn wie eine Kegelkugel bedächtig hin und her. Um jeden dieser Köpfe lag eine weiße Binde, unter welcher das Blut vorquoll und immer in gleichem Abstand auf die hölzernen Dielen klopfte. Dieses Geräusch, ganz regelmäßig, war das einzige, was die Zeit maß – sonst gab es nichts: keine Sanduhr und keinen Tageskalender. Jetzt erhob sich, wie schon öfter, wenn sie beisammensaßen, einer der jungen Burschen, trat auf den Versailler Krieg zu und gab ihm den Kopf zum halten – der nahm ihn entgegen, nickte befriedigt und legte seine Finger in die blutenden Schläfenlöcher; dabei entging ihm, daß ringsum die Männer heimliche Fahnen entrollten und eine Stimme »Schlageter« sagte; die andern zuckten zusammen; die Stimme drängte und sprach, daß man etwas riskieren müsse, ehe alles verloren sei.

Ob denn morgen wirklich geheimer Appell beim Erlenhöfer wäre?

So wahr dieser nasse Fetzen Papier in der Lumpenmühle gedruckt sei! es stimmte: der Totenkopf da mit den gekreuzten Knochen ließ keinen Zweifel zu. Dieses Zeichen wanderte nämlich mit jeder nächsten Versammlung in der Richtung des Uhrzeigers weiter; nun war es bereits in der letzten Ecke, links unten, angelangt . . .

 

»Parole?« fragte der Erlenhöfer unter dem alten 154 Steintor und sprang mit dem Schein der Karbidlaterne jedem Ankömmling in das Gesicht – wie der Totenkopf, so stand auch der Mond bereits im letzten Viertel, doch war er in dieser Nacht noch dichter als jener verhüllt.

»Drei Meter sechzig«, erwiderten alle; dies war die Ziffer der Hochwassermarke und zugleich die letzte Parole vor der allerletzten, die »Priesterwald« hieß, wie der Wagenfeld angesagt hatte. Das Haus lag vollkommen finster von dem Erdgeschoß bis zu dem Giebel. Aber der Bauer wußte, daß es nur zugehängt war, wie ein Etappengebäude im Krieg, wenn Fliegerangriff drohte – einerlei, alle waren im Bett außer der Schwiegermutter, die gehorsam, ohne zu fragen, warum, in der Küche bei Kerzenlicht Waffeln buk: er sah sie, wie sie den Stockzahn fest auf die Lippe setzte, wenn der flüssige Teig unter Zischen in das gefettete Eisen rann. Auch die Kätta sah er und wußte, sie warf sich auf ihrem Bett hin und her, setzte sich hoch und löste den Zopf, um ihn von neuem zu flechten, nahm das Kind aus dem Waschkorb, gab ihm zu trinken und horchte auf jedes Geräusch:

Jetzt ging eine Tür – nein, es war nur der Wind – es pfiff im Kamin, ein Brocken rollte abwärts, als wäre der Schwarze oben; an eine Fensterscheibe schlug leise ein Steinchen an. Dies war das Zeichen für Aladin – sie wußte es plötzlich so scharf und deutlich, als hätte es ihr gegolten, und warf sich auf die Knie; über ihr in der Kammer bewegte sich ein Schritt. Die Bohlen knackten, wie Fußboden knackt, wenn Männer leise sein wollen, sie sprang aus dem Bett, riß die Tür auf und stand im Dunkeln vor Aladin, der heftig zusammenzuckte. Weil die hölzernen Fensterrahmen des Schlafzimmers leicht auseinanderklafften, sah jeder den Umriß des andern in einem Schein, der kein Licht, sondern unbestimmt, wie er selber war, ein fahles stehendes Wasser, das ihnen bis zum Hals ging und sie zugleich lüstern verband. Der Mann stand still und bewegte sich nicht; er wußte, wenn 155 er sich rührte, würde er an etwas Weiches stoßen, an eine Brust, eine Hüfte, die ihn rettungslos sinken machte – auch die Frau verharrte ohne ein Wort und schien vergessen zu haben, was sie Aladin fragen wollte; dabei hellte ihr Hemd sich in der Gewöhnung an die Dunkelheit immer stärker auf, das Haar darüber hing willenlos schwer fast bis zum Schoß herunter und roch, wie es Aladin vorkam, nach verqualmtem Kartoffelkraut; ja, die ganze Frau war nichts anderes als ein unsichtbar brennender Reisighaufen, aus welchem in jedem Augenblick die Flamme hervorschießen konnte. Eine gierige Freude durchzuckte den Mann und machte ihn leise schwanken – – da plötzlich, als ob diese schwache Bewegung die Aufmerksamkeit eines Wächters erregt hätte, heulte kurz und erstickt ein Hund. Die Dogge des Lumpenmüllers! stach es in Aladins Hirn. Gleichzeitig fühlte er sich am Ausgang seiner Verwirrung:

in der Wirtsstube an dem Weg durch das Ried, deren niedrige Fensterscheiben mit Bleistückchen eingefaßt waren; er sah, wie Kinder durch rußiges Glas eine Sonnenfinsternis sehen, den Schatten des zornigen Mannes vor dem Stall mit den Druckermaschinen und wurde wieder gefragt, ob der Dodot aus Nantes ihm bekannt sei. Jetzt wußte er aber bereits viel besser den ganzen Zusammenhang. Eine blasse, graublaue Heeresschlange, die von dem französischen Lager kam, wand sich langsam und zäh durch die Lumpenmühle und kroch nach Westen hinüber – unzählige Dodots marschierten vorbei – – er war der letzte: es gab den gesuchten Dodot zwar gar nicht, doch weil Aladin eben namenlos war, ergriff ihn das Schicksal und setzte ihn ein, wo eine Lücke gefüllt, ein Unrecht gesühnt werden mußte. Nichts weiter, Aladin? wirklich – nichts weiter? Noch einmal bebte der Grund seiner Füße, verfinsterte sich das ganze Gemälde und riß, als ob feuerflüssige Ströme seine Kruste durchbrochen hätten, da und dort blendender auf: er war selber das Unrecht, war eins mit dem 156 Schicksal, und die Tür, durch welche er gehen mußte, um zu sich selbst zu kommen, schlug wieder von innen nach außen. Noch ahnte er freilich kaum, was früher mit ihm geschehen war – nur, daß sich ihm, als er sich selber entfliehen und namenlos werden wollte, alle Dinge entgegenstellten, um ihn dreierlei zu fragen: wer bin ich? wo hast du mich vorher gesehen? und wohin gehören wir? In diesem Augenblick, der keiner war, weil er schneller als ein Blitz in der Nacht und scheinbar gedankenloser als jener vorüberging, sah Aladin sein bisheriges Leben als ein Webstück, dessen Beginn sich im Lager festgeklemmt hatte. Dort saß Aladin auf dem Tornister und wartete, bis er käme – er, welcher sich immer weiter von seinem Schatten entfernte und bald nicht mehr Aladin hieß. Einst, wenn sein richtiger Name als Schnalle an jenem Band saß, würde er umkehren müssen; der andere stünde auf, um das Webstück zusammenzuhaken, und nun liefe es rund um das ganze Land: von dem Lager über das Ried und wieder zu dem Lager zurück – – und liefe zuletzt ganz allein . . .

»Fort!« sagte die Bäuerin leise; auch sie schien den Hund gehört zu haben und war vor Schrecken erstarrt. Denn sie wußte, was heute, wie immer, käme, wenn nicht ein Wunder geschah: der rote Mann mit der Narbe: ihr Bruder, den Hund am Halsband haltend, stiege die Treppe hinauf und ginge zum Bettchen des Lückenbüßers, höbe langsam ein brennendes Licht und sähe ihn qualerfüllt an. Er zittere heftig, die Dogge gleichfalls, und löse die Hand von dem Genick des Hundes, als erwäge er, endlich zu sagen: beiß. Dann werde die Dogge wie immer ihre furchtbaren Zähne entblößen, das Kind aber schliefe weiter, und sein Vater schöbe ihm widerwillig die Decke über die kleine Brust, welche allzu oft nackend lag. Zuletzt aber – plötzlich trat sie zurück und zog die Schlafzimmertür zu, während Aladin weiter hinunterstieg – zuletzt aber würde er weinen. Dies war das Schlimmste. Er schlich von dem Bett, aus der 157 Kammer und aus dem Wohnhaus und klinkte die Waschküche auf. Dort warf er sich auf den steinernen Boden und heulte die ganze Nacht. Der Hund stand aufmerksam neben ihm und ließ keinen Menschen heran. So ging es jedesmal zu, wenn er das Kostgeld brachte . . .

Da – dies war seine Stimme: »zurück!« ein Mann hatte aufgeschrien, es mußte Aladin sein, der Bauer rief undeutlich etwas dazu, dann gingen alle fort und zogen die Haustüre bei, ihre Schritte verklangen, die Frau holte Atem und fühlte: eine Gefahr war vorüber und hatte nur die Pfosten wie der Racheengel gestreift . . . Der kleine Gerechte da oben schlief weiter, ein anderes Blut war dazwischengetreten und hatte sich vor ihn gestellt. Aladin. Vor dem kleinen stand der größere Lückenbüßer und deckte mit seinem Rücken den Mann mit der Dogge ab, die Lumpenmühle, das Hinterland und seine verzweifelten Söhne, die sich jetzt, bis an die Zähne bewaffnet, durch das uralte Steintor drängten, das die Schweden schon angewetzt hatten:

Der räudige Zacharias, ein dicker kleiner Bauer, der sich ohne Aufhören kratzte, seit er im Weltkrieg zwei Tage lang bis zum Hals in einem Trichter voll Schlamm gestanden und einen Wespenschwarm abgewehrt hatte, dessen Erdloch zerstört worden war –

Der Epaulettenfritz, ein Hausierer, der beim Ausbruch der Revolution in Frankfurt am Main gehandelt, die Entwaffnung der Heimkehrer angesehen und darüber seinen Verstand zum Teil verloren hatte; mit seinem Hausiererstecken war er auf Schritt und Tritt dem Soldatenrat nachgegangen und hatte die schmutzigen Epauletten an der eisernen Zwinge aufgespießt. Noch heute stach er gewohnheitsmäßig in jeden Blätterhaufen, an dem er vorüberkam, und trug, wie man erzählte, so ein paar Epauletten an einem silbernen Kettchen beständig unter dem Hemd. Von seiner Großmutter her, die eine getaufte Rabbinertochter aus Worms gewesen war, hatte er jüdisches Blut in den Adern, das schon seit 158 Menschengedenken den Sockel des Doms umspülte; in seinem Urväterhaus sollte nach alter Sage der vierte Kaiser Heinrich auf der Flucht nach Lüttich genächtigt habenq2. . .

Dann war noch der Heerwurm da, der Feldschütze, den sie so nannten, weil er jedesmal, wenn was passierte, Schlag zwölf Uhr mittags im Dorf erschien, wiewohl die Leute wußten, daß er draußen auf ihren Äckern war. So geschah es am Tag von Sarajewo: zwei Buben, die Lappinglöcher gegraben und ausgehoben hatten, begegneten ihm mit der Beute und wollten schon Fersengeld geben, als sie sahen, daß er sich wie ein Wölkchen in der Hitze löste und schwand. Auf diese Erscheinung hin befragt, erklärte der Feldschütze: ja, das sei möglich; er habe gerade sehr stark nach dem Anschlagbrett am Gemeindehaus und also nach jener Stelle gedacht, wo die Buben gestanden hatten. Das gleiche wiederholte sich dann, als der Bürgermeister des Dorfes fiel: genau um die zwölfte Stunde – die Turmuhr hatte soeben den letzten Schlag getan – erschien der Heerwurm am Fenster der Bürgermeisterei und klopfte dem ersten Schreiber; noch heute war in dem Grundbuch die Tintenfahne zu sehen, die der Schrecken bei jenem ausgelöst hatte. Das ging so weiter. Vor Mißernten, Feuersbrünsten, dem Ausbruch der Revolution, allemal war der Heerwurm dem Lauf des Schicksals voran und bewegte sich also ganz wie jene Naturerscheinung, die ihm den Namen gegeben hatte: stets übersteigt ein Würmchen das nächste und zieht seinen weißen Körper dem düsteren Haupte nach; so bewegt sich das Ganze weiter . . .

Auch die Kellerassel war wieder darunter, der Sohn des Totengräbers, welcher gleichzeitig eine Tankstelle hatte und eigenes Schmieröl nach dunkeln Rezepten, jeden Monat ein anderes, fabrizierte; die Assel, sein einziges Kind, mußte ihm dabei helfen – weil sie den ganzen Tag in der Kellerwerkstatt verbrachte, war ihre Haut so weiß wie ein frischgestochener Spargel; Wimpern und Brauen fehlten fast ganz in dem fetten, zarten Gesicht, 159 und die Augen waren so unbestimmt, daß sie für blind gelten konnten. Wie der Farbstoff, so mangelte diesem Burschen auch jeglicher Widerstand: schon in der Schule hatten ihm die Kameraden den Daumen bald nach dieser, bald nach jener Richtung gedreht – stets folgte er und verbog sich bis zur Unkenntlichkeit. Weil er blöde schien, aber schlau war und eben jene Kunst, sich nachzugeben, besaß, verwandte man ihn als Horcher. »Noch ein bißchen Oberöl, Herr?« fragte er leise, während er an der Tankstation den Brennstoff einlaufen ließ und: »schlechte Autostraßen, ja, ja – –«, worauf fast jeder mit ihm ein Gespräch über Umsatzsteuern, Gemeindegelder, Versicherungen und Kassenbetrug begann; das war, als ob der Blasse dem andern ein größeres Geldstück zum Kleinmachen hingereicht hätte: und nun bekäme er Wechselgeld in verschiedenster Münze zurück; er brauchte bloß seine weiche Hand mit den schwarzgeränderten Fingernägeln ein bißchen aufzumachen, und schon klinkerte, klapperte alles darin, was er nur haben wollte . . .

Das Licht in der Faust des Erlenhöfers sprang immer Neue an und fischte Gesicht um Gesicht aus der leise bewegten Flut – jedesmal war es zuerst eine zerrissene Scheibe mit ausgehöhlten Kratern, dann schloß sich die Oberfläche zusammen und schien zu sich selber gekommen zu sein, zu ihrer Geschichte, ihrem Gesetz und ihrer besonderen Schwere. Ein Ruck, ein Zuck, und jetzt wieder einer: und es hing der Nächste von ihnen an der Angel jener Parole, die den Hochwasserstand bezeichnete – doch die Fische, die da der Bauer nach rückwärts in seinen Nachen warf, kamen nun erst ins eigene Element und zappelten nicht mehr. Schwertfische, Haifische, Sägefische: dies war wohl kein Süßwasser, welches sie aufnahm, es war die bittere Schicksalswoge, die ein ganzes Volk überdrungen hatte, schon gab es mehr Fische als Wassertropfen, und später würden die Fische von dem Bewußtsein leben, einmal eins mit dem 160 Schicksal gewesen zu sein . . . Bald murmelte, bebte, zitterte, schwankte der angefüllte Hof. Wenn der Bauer mit der Laterne an dem Haufen vorbeiging, so blitzte dort eine Schuppenhand, hier eine metallische Flosse, ein fürchterliches Gebiß, ein schmaler Beutemund auf, der nach ihm zu schnappen schien; doch stand er, wie jetzt, auf dem Holzstoß oben und leuchtete mit gekrümmtem Rücken und ausgestreckter Flamme ihre Gestalten an, so war er mehr als sie alle und fühlte: er hatte den Fischzug im Netz, er brauchte nur anzuziehen, und alle gingen mit. Ein wildes Entzücken fuhr ihm vom Kreuz in die ermatteten Lenden. Hoho – auch junge Lachse und Steigaale waren darunter: weithergewanderte Tiere, denen die Woge süß, die Ruhe bitter schmeckte. Verwegene Kerle – der Separatistenlouis, der den Verräter von Pirmasens hatte verbrennen helfen, erschießen, löchern, zertreten wie eine Bettkammerwanze  . . .

die Freikorpsgranate, ein lediger Lehrer, den sie so nannten, weil er, als er in Schlesien kämpfte, beim Abzug der ersten Handgranate an dem Achselstück hängengeblieben war; gerade im letzten Augenblick kriegte er sie noch frei – doch fing er seit jener Sache jeden Satz nur unter Gestolpere an, verhedderte sich und blubberte dann um so gewaltsamer los; war, was er sagen wollte, jedoch erst mal abgerissen, so gab es kein Halten mehr. Dieser Mann war wohl der zornigste von allen zornigen Männern, die hier zusammenkamen, es sei denn, der Kerl von der Fähre überholte ihn noch darin.

Da ging er: ein riesiger Affe auf allzu kurzen Beinen, seine Hände berührten den Unterschenkel, wenn er sie fallen ließ. Bei der Begrüßung mußte er öfter den Kopf ganz herüberdrehen – er war nämlich einäugig, hatte das andre verloren, als er noch Schifferknecht auf dem Rhein war und während der Ruhrbesetzung einem flüchtigen Patrioten zum Nachbarufer half. Doch diese Flucht war gemeldet worden; drüben empfing sie ein Hafenwächter mit lustigen kleinen Schüssen, er selbst 161 nahm ein Ruder, sprang los und schlug den Franzosen nieder. Der schlief am längsten; er aber auch nicht wenig. Ob er vorher oder zuletzt erst verwundet worden war, wußte er später nicht mehr. Sein Nasenbein war zerschmettert, das linke Auge fort. Kameraden hatten ihn bei den Beinen in einen Lagerschuppen gezogen und dort verborgen gehalten; eine Hebamme, die mit der Tasche vorbeikam, mußte ihn joden, verbinden und täglich nach ihm sehen. Dieser Zyklop, dem die Nase fehlte, war derart grauenvoll anzuschauen, daß man, von seinem Anblick so schnell zurückgeschlagen, wie man ihn aufgefaßt hatte, selbst versäumte, ihm einen Spitznamen zu geben . . . das hieß aber, daß er für immer zwischen den Ufern dahintrieb, von dem ersten vollkommen losgebunden, an dem zweiten nicht mehr gelandet. Deshalb umgab ihn die Einsamkeit wie kaum einen anderen Menschen. Stieß er abends in dem Novembernebel das Floß mit der Stange ab, so schien es, als ob eine Feuersäule, von düsterem Rauch umhüllt, über dem Wasser schwebte; zwar war der glühende Kern verborgen, doch fühlte ihn jeder, der übersetzte, wenn der Fährmann die Hand aus dem Nebel brachte, um das Fahrgeld einzukassieren. Nur noch der Lumpenmüller war ebenso einsam wie er und hatte dasselbe verloren: seinen Augapfel, seine Schönheit, die Hälfte seines Gesichts. Vielleicht rührte es daher, daß beide sich suchten: als ob sie einander ergänzen und ihr zerstörtes Leben wie zwei Nußschalen aneinanderhalten, es schließen müßten mit dieser Freundschaft, die eigentlich gar keine war –

»Was macht denn dein Bankert?« fragte der Fährmann gespenstisch und drehte das heile Auge dem Lumpenmüller zu; das war, als ob ein Scheinwerfer langsam über den Himmel gewandert und an dem einzigen Ort, wo es sich lohnte, sein Licht hinzuwerfen, stehengeblieben sei.

Der andere zuckte zusammen und blinzelte gegen den 162 Schein. »Was soll er schon machen?« stöhnte er leise. »Lachen wird er – nur immerzu lachen – –«

»Wie seine Mutter«, nickte der Fährmann, »das schwarze Hurenmensch.«

Es war wieder dunkel, der kleine Silberfisch fort, der da plötzlich hinaufgeschnellt war, doch schien dies Gespräch über ihn der Grund gewesen zu sein, weshalb die zwei Männer sich trafen; mehr noch: der ganze Hof war dieser paar Sätze wegen überschwemmt und zum See geworden, damit sich jenes Geschöpf einmal der Finsternis zeige – das Kleinste dem Größten, der Grund dem Abgrund, der Silberling dem Blut . . .

Dann öffnete sich, wie verabredet war, der Laden am Küchenfenster, ein rötlich flackerndes Viereck setzte sich scharf in die Mauer ein, der Erlenhöfer sprang von dem Holzstoß, daß die Scheite zusammenrutschten, und löschte die Laterne; gleichzeitig wurde das Tor geschlossen, die Männer drängten einander, wie sich Holzstückchen in einen Wirbel drängen, auf die unruhige Helle zu und in den düsteren Hausflur, der aufgerissen schien; eine Steinplatte war herausgehoben, die unter ihr liegende Falltür zurückgeschlagen und hochgestemmt, daneben stand eine Erdöllampe und blakte mit stinkendem Docht gegen den Glaszylinder, der unaufhörlich rußte. Ein Schacht ging tief in die Erde hinunter, treppenlos, nur zu gewinnen durch ein oben verhaktes Seil. Aladin starrte gebannt darauf hin – das hatte er doch schon geträumt. Ein dunkles Haus, das Haus hat ein Loch, in dem Loch hängt ein Seil und führt in den Keller, eine Lampe steht auf den Fliesen . . . »ach, Aladins Wunderlampe, von der mir die Liesa erzählt hat«, drang wieder die Stimme des Lückenbüßers durch sein verwölktes Gehirn. Inzwischen ließen die Leute sich langsam an dem schwingenden Tau hinunter: zuerst der Heerwurm, hierauf die Assel, welche mehr glitschte als kletterte und im Augenblick unten war, während der Epaulettenfritz sich in den eigenen Beinen verstrickte 163 und bei der Hälfte des Seils nicht mehr weiterzukönnen glaubte; dann alle andern, zuletzt der Bauer, den Korb mit den warmen Waffeln im Arm, zu der Schwiegermutter zurückgewendet, welche oben die Lampe aufnahm:

»also zuerst die Falltür zu, den Stein darübergeschoben und in der Küche bleiben, bis gegen den Flur geklopft wird – –«

»Hä?« fragte die Alte geduldig und nickte gleich hinterher; ihre Augen, rot von der Schlaflosigkeit wie die Augen kranker Kaninchen, sahen ihn ausdruckslos an.

»Wie?« fragte der Schwiegersohn barsch, als ob er sie abhören wolle.

»Erst die Falltür zu und den Stein darüber«, wiederholte das arme Gespenst; dann plötzlich, als ob es begriffen hätte, was er eigentlich damit sagte, kroch leise aus seinem Blick eine hinterhältige Freude; es war gar nichts: ein Fünkchen wie Hexenfeuer tief hinten in dem verwunschenen Wald . . . davor sprang ein boshafter kleiner Zwerg und rieb sich die dürren Hände: hab ich dich, hab ich euch alle –!

Wenn die uns jetzt nicht mehr aufmacht, durchzuckte es flüchtig den Erlenhöfer. »Na, Mutter, dann seid mal schön brav«, sagte er bittend; es war schon vorüber, das Funkeln weg, eine gute Frau ließ ihre Söhne hinunter . . .

Wohin? He, Aladin! Freundchen, wohin? Er sah in einen Abgrund; dies war der erste, in welchen er, ohne sich abzuwenden, nach seiner Verfinsterung blickte: eine ungeheure Bewegung ordnete sich wie Schlangen, die auseinanderkriechen. Kreisende Häupter, verschobene Schultern und einander verdeckende Hände bewegten sich unruhig vor brennendem Wachs hin und her; nach Art von Wallfahrtskerzen gewundene Lichterhaufen erhellten einen zerschundenen Tisch, auf welchem Weingläser standen und eine riesige Karte lag, die durch Armeepistolen, welche die Ecken beschwerten, am Zusammenrollen gehindert wurde. An der Wand lehnten 164 Karabiner und Infanteriegewehre. Sie waren wie Ährenhucken gegeneinandergestellt; unwillkürlich sah man sich um, wo die Kompagnie, zu der sie gehörten, lagerte und welche Nummer sie hätte. Weiter hinten in einem Gang, der endlos ins Dunkel zu führen schien und so niedrig war, daß man ihn nur gebückt, fast kriechend, verfolgen konnte, sah man kleine hölzerne Kästen mit Gurten an beiden Seiten; sie schienen das Körperlichste in diesem Raum zu sein und drückten eine Entschlußkraft aus, welche durch nichts übertroffen, noch aufgehalten wurde. An ihrem unumstößlichen Dasein entleerte sich alles Lebendige bis auf die Nagelprobe; ja, als dann der Bauer den Wein einschenkte, der außerhalb der Flasche nur noch ein Jahrgang war, und die Waffeln herumgereicht wurden, aus denen ein unbestimmbarer Duft nach Hochzeiten, Kindtaufe, Konfirmation oder ähnlichen Festen stieg, griff eine Fröhlichkeit Platz, die ebenso leise wie schrecklich war: als hätte der Tod eine Tafel von Gästen plötzlich nach unten entrückt, und nun schmausten sie, ohne zu wissen, daß sich ihr Zustand verändert hatte, ganz wie Lebendige weiter – nur waren sie noch viel einiger, als es vorher jemals gedacht werden konnte, und wurden im Fortfall des Fleisches einander wieder so ähnlich wie Ungeborene. Wie sie da saßen – jeder das Ende im Nacken, das hieß aber: hinter sich –, konnte alles aus ihnen werden. Noch hielt zwar das Schicksal die Hand über dem Würfelbecher, in welchem es sie gesammelt hatte, und in der Dunkelheit sahen die Würfel einander nicht in die Augen; bald würden sie aber geschüttelt und auf die Platte geworfen werden – dann erwies es sich, wer im Aufsprung mit der Sechs nach oben gekehrt worden war. Für Prophezeiung blieb Raum genug, denn alles, was werden sollte, wurde nur, weil es vorausgesagt war, und Gewißheit schien aus ganz anderm Stoff als alle Gewißheit früher zu sein: wer sie zu haben glaubte, hatte sie nie besessen, und wer ständig hinter ihr herlief, lief immer an ihr 165 vorbei. So war Verzweiflung und Glaube jetzt eins wie vor dem Jüngsten Gericht, und hatten früher die Menschen in sich die Zeit fortbewegt, so bewegte sich nun am Ende die Zeit wie von allein und nahm die letzten Geschöpfe auf ihrem Flügelrad mit. Das rollte und rollte, beschrieb einen Kreis und kam dabei voran . . .

»Wo habt Ihr Euch denn den Kabelweg von dem Lager aus laufen gedacht?« fragte der Fährmann plötzlich den benachbarten Aladin  . . .

Mit einem Schlag wurde alles still und schaute auf den Fremden; das war, als hätte er sich unter lauter Trolle gemischt, und nun forschten sie: bist du auch einer von uns? und stellten ihn auf die Probe. Die Probe! Er schwankte und hielt sich am Stuhl, erhob sich langsam und fühlte von neuem, daß der Doppelgänger auf dem Tornister das laufende Band seines Weges heimtückisch festgeklemmt hatte. Reißen und wieder dran reißen! Blitz, Blitz und Blitz fuhr mit blendender Helle und fast metallischem Krachen gnadelos durch sein Gehirn. Das Munitionsgebäude im Lager und dieser Pulverkeller wurden zu Spiegelbildern; wie er, so stand jetzt der Mann von dem Kalbfelltornister auf und blickte ihn schauerlich an:

»Au clair de la lune,
mon ami Pierrot
 . . .«

»Ich heiße Peter«, hörte sich Aladin sagen; von dem Gewölbe fiel dieser Name wie tausendfacher Donner und hatte ihn schon begraben.

»prêtez-moi ta plume,
pour écrire un mot!
«

»Die Feder her –!« keuchte der Mann und tastete blind nach dem Rotstift . . . »jetzt sollt ihr alle erfahren –«, er endete nicht, sondern stürzte, die Arme vorgestreckt, über die Karte, verdrehte die Augen und lag dann im Starrkrampf, steif wie ein eben gefällter Baum, auf dem befleckten Tisch. In dem nächsten Augenblick griff ihm 166 der Fährmann fest unter Genick und Beine und hob ihn wie eine Puppe empor; dann trug er ihn durch die Brandung der Leute, welche unwillig auseinanderwichen, und legte ihn auf eine Pferdedecke, die neben dem zugemauerten Eingang zum eigentlichen Keller ihr vergessenes Dasein führte; setzte die Fingerspitzen auf Aladins gelbe Schläfen und fing ihn zu streichen an.

»Hat er das öfter?« fragte man tückisch den wehrlosen Erlenhöfer.

»Ich – habe bis jetzt noch nichts gemerkt«, gab der Bauer unruhig zurück; seine Nase war weiß geworden, er fühlte das Mißtrauen ringsum und rückte von Aladin ab. »Ich bin ja schließlich kein Krankenbruder, und wenn einer«, sagte er grob, »den Finger fest am Gewehrabzug hat, so kann ich es mir nicht denken, daß er ihn im Hintern zerbricht.«

»Ja? hat er ihn fest am Abzug?« begann eine scharfe Stimme. Sie gehörte dem Gutsinspektor des Herrn von Wagenfeld, einem Menschen, der erst vorhanden war, sobald er den Mund auftat: dann aber so sehr, daß sich jeder, der ihn angreifen wollte, schnitt.

Der Bauer zuckte die Achseln. »Er ist der beste Schlosser, der mir jemals begegnet ist, und auf Gewehre versteht er sich, als wäre der Mann schon als Kind mit ihnen umgegangen.«

»Das meine ich nicht«, fuhr der andere fort und behielt den Bauern im Auge – »ich möchte wissen, ob er pariert, oder, ob er [hier wurde die Stimme zu Eis] auch einer von diesen Querschlägern ist, die niemals abwarten können.«

Kaum war das ausgesprochen, als sich bereits zwei Haufen im Handumdrehen gebildet hatten – um den Erlenhöfer die Alten: zerfetzte Bäume, schiefe Staketenzäune und abgebrochene Harken; um den Inspektor die Jüngeren: Grünholz, in welchem der Saft bis an die Augen stand.

»Wir sind doch alle, denk ich, nur auf Parole hier«, bellte 167 der Fährmann gereizt aus dem Dunkeln und half Aladin hoch, der sich plötzlich erbrach und wieder zu sich kam:

Da – hatte sich was geändert, seit er zusammengefallen war, wie? Da war eine Sache entschieden worden; aber wen ging sie eigentlich an?

»Nur«, setzte der Fährmann drohend seine Betrachtungen fort und wischte dem Fremden behutsam das überströmte Gesicht ab, »daß der Herr von Wagenfeld fehlt, der sie ausgegeben und angezettelt –«

»Und ausgezettelt hab ich sie!« lachte der Lumpenmüller; dieses Lachen kam leise und fern wie aus einer Stallecke her, wo ein Irrer soeben den Strohwisch entzündet und den Ansprung der Flamme beobachtet hatte.

»Ja. Ausgezettelt hast du sie«, hieb ihm die flache Klinge des Verwalters über den Mund. »Und den Baron haben heute früh die Kriminaler geholt.« Er sagte es ruhig, ohne Absicht auf Wirkung, trotzdem war eine Bombe gefallen und hatte die Männer da an die Wand, dort an die Flintenhucken geschleudert, hier tiefer in die Stühle gedrückt, dort auf die Pulverkisten; einige krümmten die Hand hinters Ohr, als ob sie plötzlich ertaubt, andere hielten den Mund weit offen, als ob sie verdammt worden wären, das Gehörte, wie Brunnenmäuler ihr Wasser, tatenlos ausfließen zu lassen. »Parole –«, flüsterte der Verwalter in das schreckliche Schweigen hinein. »Parole ist gut, wenn man weiß, wo sie herkommt – und schlecht, wenn sie illegal ist wie ein Bankert, der dem Tambourmajor aus dem Sack fällt – –«

»Wie . . . wie . . . ein . . . Lückenbüßer!« brüllte und tobte der Lumpenmüller; in seinem Kopf war die Bombe geplatzt, und alles flog durcheinander: der Tambourmajor und Aladin und jener Dodot aus Nantes  . . . irgendeinen mußte er packen, egal, wer der richtige war. Da . . . da . . . der Karabiner . . . und dort die Visage von jenem Kerl, der ihn rasend machte wie nichts auf Welt: das mußte zusammen, das sollte sich küssen, daß die Weiber in ihren Betten schrien – –! er brach durch die Leute, man 168 hielt ihn fest, er ruderte wie ein Schwimmer, der am Ertrinken ist und das Ufer schon vor sich sieht – noch einen Stoß und noch einen; jetzt hatte er mit der linken Hand den Karabiner herangerissen, Aladin wich in den Gang zurück – –

»Nicht schießen! die Pulverkästen!« schrie der Bauer mit heiserer Stimme und fühlte dabei, daß er schrie wie im Traum: lautlos erstickend an diesem Schrei, der nichts mehr aufhalten konnte . . .

Ein dumpfer Schlag. Und ein zweiter. Dann heult eine Autohupe, als ob sie nicht enden wolle. Krach. Bum. Und noch einmal: bum, bum, bum. In dem Keller war Totenstille – darüber zitterte leise das Haus wie ein Hirsch, der von Hunden umstellt ist.

»Die Schupo«, sagte ein Mann mit ausgetrockneter Stimme.

»Schupo!« flüsterten alle gehorsam; das körperlose Echo seufzte dem Schrecken nach; der letzte Schrecken hatte den ersten wie das As den Herzkönig überdeckt, ihn verdunkelt und klein gemacht.

Ein zweiter Mann sagte: »aus!«

Ein dritter: »ich aber nicht«, und schien das verlorene Kartenpäckchen zu sich heranzuziehen.

Ein vierter: »nun fängt es an.«

Dann wieder Stille. Knisterndes Wachs. [Mischt einer die Kartenblätter? Schwarz: Schippe; Rot: Eckstein; Schwarz, Rot: Kreuz, Herz . . . wo ist der König? Der König ist fort und unter den Tisch gefallen, dahin, wo Schuhe bei Schuhen stehen.] Nicht rühren. Oder doch nur so wenig, daß man vor Schrecken nicht einfror, daß man dem Lumpenmüller nicht gleichsah, der wie eine Fratze um Mitternacht stehengeblieben war . . .

Der Fährmann erhob sich und ging zu ihm hin – dabei setzte er seine Füße, als wäre der ganze Boden aus unsicher tragendem Eis, nahm dem Lumpenmüller die Flinte ab und reichte sie langsam der Freikorpsgranate, die sie zu den übrigen stellte; dann blies er vor ihm das 169 Wachslicht aus und nötigte ihn auf den Stuhl. Der Lumpenmüller ließ es geschehen – und auch dies, daß der Freund ihm die Hände über der Tischplatte kreuzte . . .

Indessen hatte die Polizei das Hoftor aufgeschlagen, zwei Mann an dem Eingang zurückgelassen, zwei andere vor das Bootshaus am hinteren Ausgang gestellt, von wo das Gelände sich abwärtssenkte und ein schmaler schlammiger Fußpfad allmählich zum Altrhein führte. Die übrigen rannten gegen die Haustür, der Wachtmeister warf sich dagegen und stürzte, da sie nur angelehnt war, der Länge nach in den Flur; ein folgender Mann überholte ihn und prallte, weil er nicht bremsen konnte, an dem Rücken des ersten auf; der nächste lief weiter, stolperte, fluchte; verdammter Scheißdreck, da war eine Steinplatte lose und hätte ihn beinahe umgekippt. Knack – endlich hatte der letzte den Knipser gefunden und angedreht, wie aus einer Wannenbrause schoß das Licht von der Decke herunter und duschte die Tapferen ab.

Sie blinzelten blöde: regt sich denn keiner in diesem Rattenloch?

[O lala, dachte Aladin unten, so hatte er schon einmal in einem schwarzen Steinhaus gesessen – und Würmerbrot in den Händen zerbröckelt, bis es sich klärte und Manna wurde. Manna. Bald kam es hervor.]

Da ist die Küche. Wer sitzt denn dort hinten bei der Petroleumfunzel? »Na, guten Abend, Mutter. Ja, gelt, wenn Besuch kommt, wackelt das Pfännchen. Wo ist Euer Schwiegersohn?«

Keine Antwort.

Der Wachtmeister wurde verlegen und polterte dann, weil die Alte ihm leid tat, mit dem Knüppel zum Sacke heraus: »wir wollen ihn nämlich holen, den Ludwig; das heißt«, verbesserte er sich rasch, da sie ihn unverwandt ansah, »wir wollen die ganze Versammlung ausheben – ja – ja«, er strich sich den Schnurrbart, »zum Ausheben sind wir da.« 170

Nichts. Wieder nichts.

Aufmunternd fuhr er fort: »nun, nun, so schlimm wird's nicht werden –«, der Mund blieb ihm offen, ja träumte er denn; die lachte ihn wohl noch aus! Richtig. Wie eine Grille im Backtrog geigte ihr Hohn auf dem zitternden Bogen der angespannten Kehle; ihre Schultern hüpften, der kleine Kopf wiegte sich hin und her.

»Den Ludwig?« seufzte sie endlich mit innigem Behagen; »den hebt ihr nicht aus. Der ist hinten im Schuppen und hackt sich die Schießfinger ab.«

Der Wachtmeister sah seine Leute, die Leute sahen den Wachtmeister an; dann sagte einer von ihnen: »ich glaube, sie meint ihren Stiefbruder jetzt, dem Hubach Ännchen seinen. Mein Muttervater hat mir erzählt, als die Preußen den ausheben wollten, hat er die Hand auf den Holzblock gelegt und ist in Blut geschwommen, ehe sich's einer versah. Das war nämlich drüben in Mainz –«, er stockte, wollte die Sache begründen: »wo manche heute noch Scheißpreußen sagen.«

»Wir sind aber doch keine Preußen«, gab der Wachtmeister hilflos zurück, die Kerle grinsten, er kollerte los: »und wenn sich die Alte verrückt stellt, so wollen wir ihr mal zeigen, daß es auch ohne sie geht. Allons! ein Mann bleibt hier unten, die andern die Treppe hinauf!«

Indessen rumpelte es an der Haustür, die Leute vom hinteren Ausgang brachten den Anton heran, vielmehr ein Geschöpf in Unterhosen und grünkariertem Flanellhemd, das unter ihrem Griff wie ein magerer Erpel zappelte, krächzte und sich erbärmlich wand. Man hatte ihm abends ein Kotelett mit sehr viel Fett gegeben und hinterher, weil ihm übel wurde, eine Flasche Schnaps in den Arm gedrückt; die mußte er peu à peu in seinen Bauch haben gluckern lassen, denn er war im Pferdestall eingeschlafen, bis ihn das Dröhnen am Hoftor zwar nicht erweckte, doch zu sich brachte: verdammt, so ein Aas hatte Kolik bekommen und schlug mit den Hufen um sich, daß die Bretterwand nur so krachte – – 171 »auf!« schien der Gaul zu sagen und trat ihm gegen die Seite: kein Gaul mehr, sondern ein Polizist, der den Erschrockenen hochzog und unter die Pumpe zerrte, deren Arm ein andrer bewegte, während das Wasser wie toll aus ihrem Schandmaul platschte.

»Los, also leg mal dein Ei!« fuhr ihn der Wachtmeister an. »Wo ist der Bauer mit der Versammlung? Habt ihr auch Waffen hier?«

»Ja, ja – ein Jagdgewehr steht auf dem Speicher«, japste der Anton kläglich und strich sich die kalten Tropfen von dem Wirbel über die Nase herunter; nun wußte er selbst nicht mehr, was Rotz und was Wasser war.

»Jagdgewehr!«grunzte der andere wütend. »Steckt denn die ganze Bagage mit dem Bauer unter der Decke?«

»Nä, nur die Kätta«, sagte der Olwel einfach und fügte, während sich die Soldaten vor Lachen schüttelten, mit schlauem Zwinkern hinzu: »die aber heute nacht auch nicht.«

»Aha, da guckt der Schwanz aus dem Nest. Na also, endlich fällt es dir ein.«

»Man hat mir nämlich vorm Schlafengehen zu schwer zu essen gegeben. Kraut und Rüben, Schinken und Speck. Kraut, Rüben, Schinken und Speck, alles in einen Magen. Aber jetzt sortiert es sich wieder.«

»Siehst du, Fritz, er denkt mit dem Bauch«, sagte einer der Leute bewundernd.

»Was herauskommt, ist auch danach«, erwiderte ihm jener.

»Und der Bauer?« bohrte der Wachtmeister weiter; die Großmutter stellte plötzlich den Kopf wie ein achtsames Zirkuspferd; es war, als hätte sie Straußenfedern und kleine Glöckchen darauf, die unruhig klingelten.

Der Knecht dachte nach. »Ja, so. Der hat mir gestern abend gesagt, daß er zur Schilfinsel fährt, wißt ihr, dort, wo der Strich von den Rotaugen ist, um die letzte Fischreuse auszunehmen. Ich habe ihm frisches Karbid in die Laterne getan und die Schaftenstiefel geschmiert – das 172 Boot wird sicher noch draußen sein, denn der blaue Emailleeimer«, er blickte in der Küche umher, »ja, der ist auch fort. Es stimmt.«

»Gar nichts stimmt!« brüllte der Wachtmeister los. »Wir werden das ganze Haus durchsuchen, kein Winkel wird ausgelassen.«

»Das tut nur mal!« sagte von oben eine ruhige, schlafwarme Stimme. Die Kätta kam die Treppe herunter, vollkommen angezogen; nur daran, daß sich ein Zopf von dem Haarknoten abgelöst hatte, sah man, daß sie das Ganze mit fliegenden Händen aufgesteckt und nicht mehr geprüft haben mußte.

»Die sagt jetzt natürlich dasselbe«, bemerkte ein Schupomann. »Man hätte sie alle trennen müssen, ehe einer vom andern was hörte.«

»Ja – hätte! hätte!« ächzte der Wachtmeister außer sich – »wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätt' er den Hasen gekriegt.« Plötzlich durchfuhr ihn ein schlauer Gedanke: »kein Gefackel, Kätta!« sagte er rasch. »Der Wagenfeld sitzt im Kittchen und hat die Verbindung mit deinem Mann und alles übrige zugegeben.«

»Das ist recht«, erwiderte sie. »Dann könnt ihr euch selber mal überzeugen, daß die Zinsen für dieses Quartal zu hoch gegriffen sind.«

So ein schlaues Mensch. Ob die sich verstellt, oder ob sie wirklich nichts weiß? »Allerdings. Das wollen wir kontrollier'n. Wo ist denn der Schlüssel zum Schreibschrank?«

»Den hat natürlich mein Mann.«

»Aha. Und dein Mann ist fischen gegangen, hab' ich mir sagen lassen.«

»Nein, nein, er hebt bloß die Reusen aus, ehe das Wasser zufriert. Wer nämlich was ausheben will«, fügte sie deutlich hinzu, »der muß sich allemal eilen.«

»Oder er schlägt«, schrie der Wachtmeister zornig, »das Eis mit der Axt auseinander. Los, Leute!«

Kaum drei Minuten danach krachte der 173 Schreibschrank zusammen, die guten Messingbeschläge, verbeult wie geprügelte Hunde, jammerten gegen das splitternde Holz, eine Schublade brach in der Mitte entzwei und ließ den Inhalt zu Boden fallen: alte Rechnungen, Inflationsgeldscheine und gebündelte Feldpostkarten, ein Kettenbrief, wer ihn unterbricht, hat sieben Jahre Unglück, etwas Klirrendes lärmte dazwischen: das eiserne Kreuz des Bauern stieß an den Granatsplitter an, der, um als Briefbeschwerer zu dienen, auf einem Brettchen festgemacht war – »konfisziert!« sagte wichtig ein Schupomann und schien den Hochverrat in Person mit diesem Gegenstand einzustecken. Der Wachtmeister scharrte mit seinen Stiefeln den Haufen auseinander. Nichts Verdächtiges. Aber es machte ihm Spaß, auf Befehl von oben was kleinzuhauen, was zu zerschmeißen und sich dabei ganz ordentlich vorzukommen.

Jetzt sah er die Kätta an: »tut mir leid. Aber was sein muß, muß sein.«

»Freilich«, erwiderte sie mit ihrer tiefen Stimme; ihre Mundwinkel waren abwärts gezogen, die Augen weit aufgegangen, wie eine schimmernde Natter lag der befreite Zopf um den weißen, gedrungenen Hals.

»Ihr seid ja vernünftig«, sagte der Mann und fror plötzlich unter der Uniform. »Ihr seid ja mehr als vernünftig –«, er wollte den Kopf zur Seite wenden, aber sie hielt ihn beharrlich mit ihren Blicken fest, ohne daß sich ein Zug in ihrem Gesicht veränderte; dabei breitete sich das verrückte Lächeln – es war jedoch mehr ein stummes und rasendes Gelächter – immer weiter und weiter aus.

[Das ist ja, um Gotteswillen . . . das ist ja schon eine Tote, nein, mehr noch: eine geträumte Tote, welcher die Schuhe landauswärts stehen, das Gesicht in den Nacken gedreht – –]

»Es kann Euch schließlich nicht einerlei sein, wenn alles hier kaputt geht«, stotterte mühsam der Mann und fühlte seine Zunge wie den Wetzstein im Schlockerfaß 174 klappern, wenn das Sichelweib ihn auf den Acker trägt. Sichelweib, Schlockerfaß, Wetzstein – da war keine Antwort zu kriegen. Wie die Mutter, genau so die Tochter. Als ob man den Erdboden fragt . . . Gut. Zum Kaputtmachen sind wir ja da. Nun dachte er nicht weiter, sondern trat auf den klaffenden Schrank ein, als wolle er unter dem Trümmerhaufen jenen Funken wiedererwecken, der ihn vorher wollüstig brannte; doch zwischen Vorher und Nachher war die bleiche Lache zusammengelaufen und löschte ihn wieder aus . . .

»Horch!« jauchzte leise der Lückenbüßer und setzte sich steil in dem Eisenbett auf, das er nachts mit der Liesa teilte – – »horch! horch! der eingemauerte Gaul bummert unten im Keller.«

Das Mädchen hielt ihm den Mund zu und griff dabei, weil er schon kicherte, in seine klaffenden Zähnchen; die roten Zwillinge wachten auf und fingen zu weinen an, nur das zweitjüngste Kind, ein finsteres Mädchen, dessen Haare ins Kastanienbraun spielten, schlief, leise stöhnend, weiter; seine Brauen zuckten, das kleine Gesicht war wie von Gewitter erhellt.

»Glaubst du, der Onkel läßt ihn heraus?« drängte er aufgeregt weiter.

»Ich weiß nicht«, sagte die Liesa stumpf und umklammerte, starr vor Entsetzen, ihre kaltgewordenen Knie. Sie hatte schon lange wachgelegen und sich nicht zu rühren gewagt. Denn ob, was da rumorte, ein Gespenst war oder aus Fleisch und Bein – sie wußte: wie sie's auch machte, immer machte sie's falsch.

»Aber jetzt – jetzt kommt er die Treppe herauf – wir müssen ihm Zucker geben!« Sein Jubelschrei wurde verschlungen von dem jähen Kreischen des Mädchens, die Tür flog zurück; ein sinnlos schrillendes Huhn suchte da und dort seine Küchlein zu decken, eines guckte ihr immer wieder unter dem Flügel hervor: es war der Lückenbüßer, dessen Lachen in grenzenlose Enttäuschung überzugehen drohte; aber schon war ihm auch dieses 175 recht, weil sich nun seine Liesa vor dem Geisterpferd nicht mehr zu fürchten brauchte.

»Wißt ihr«, schrie er durchdringend in das allgemeine Getöse hinein, »wir glaubten, der eingemauerte Rappe käme vom Keller herauf [ich wollte ihn gerne reiten –]«, setzte er für sich selber mit leiser Stimme hinzu.

Der Wachtmeister spitzte die Ohren und schob einen Kameraden, der die weinende Liesa unter der Decke an den Zehen zu kitzeln versuchte, mit dem Gewehrkolben ab. »Einen Rappen habt ihr im Keller? seit wann denn?«

»Ach. Doch schon lange. Seit dieses Haus hier gebaut ist.«

»So, so. Und der bummert manchmal da unten?«

»Ja. Aber ich habe noch nichts gemerkt. Er tut's nur in den zwölf Nächten, hat mir der Onkel gesagt.«

»Warum denn?«

»Weil da«, erklärte der Kleine wichtig, »immer der Alte vorbeizieht, dem unser Rappe gehört.«

»Der Alte?«

»Freilich«, sagte das Kind und wurde ungeduldig. »Der schlägt dreimal gegen das Tor und ruft ihn bei seinem Namen. Schlafnit! ruft er ihm zu.«

Der Wachtmeister schreckte auf: »das ist ja ein guter Name. Den merken wir uns mal. Weißt du was: du kannst mich begleiten und mir weiter sol' Sachen erzählen. Man sieht es dir ordentlich an, daß du kein Dummer bist.«

»Och«, strahlte der Lückenbüßer, »die Liesa weiß aber noch mehr. Die ganze Tausend und eine Nacht«, er hielt inne und sah das Mädchen an: ihre Augen schienen zu schreien, das runde Gesicht war mit Röte bedeckt, der Mund zusammengepreßt – still! still sein! flehte es stumm aus jeder einzelnen Pore – – »aber das sind ja bloß Märchen«, schloß der Lückenbüßer bedächtig: »das von Aladins Wunderlampe zum Beispiel. Oder nicht?« er blinzelte schlau zu dem dicken Mann in der Uniform auf und setzte freundlich hinzu: »ich habe mal 176 auf der Kerb einen hölzernen Lukas gesehen, der euch sehr ähnlich war. Den hauten die Buben fest auf den Kopf, dann flog hinten die Kugel hoch.« »Nein, sowas«, sagte der Mann verdutzt, »sowas hat mir noch keiner gesagt.« Er nahm den Kleinen am Händchen – »aber erst zieht er noch Schuhe an!« flehte die Liesa schluchzend und steckte sie ihm an die Füße, umwickelte seinen Hals mit einem wollenen Strumpf und ließ ihn in ihre Strickjacke schlüpfen, die an dem Bettgestell hing; dabei blickte sie ihn beschwörend an, ohne ein Wort zu wagen.

»Also komm!« Der Mann und das Kind gingen die Treppe hinauf, mit jedem Schritt, den es machte, klapperten seine Sohlen, weil die Schuhe nicht zugeknöpft waren . . . Der Wachtmeister stieß die Tür zu Aladins Kammer auf: »wer schläft denn da?«

»Niemand.«

Der andere stutzte: »das machst du mir nicht weis.« Er nahm den Rasierapparat in die Hände und schraubte ihn auseinander; an der Klinge klebten noch ein paar Härchen, das schmutzige Seifenschälchen war rings am Rande verkrustet, im Waschkrug stand eisiges Wasser, ein Handtuch hing an der Wand. Plötzlich griff er dem Kind unters Kinn und hob sein Gesicht in die Höhe; der Kleine öffnete leicht und wie in Abwehr die Lippen, dabei schimmerten seine Zähne, die Lücke dunkelte zart und fast geheimnisvoll in der Purpurhöhle des Mundes . . . »Du kriegst auch was, wenn du mir alles verrätst –«

[»Nichts verraten!« flüsterte Aladin. »Ich will dir die Glasorgel spielen.«]

»Also sag's schon: wer schläft denn da?«

»Niemand. Der Niemand schläft da«, erwiderte das Kind. »Aber wenn Ihr durchaus noch was wissen wollt: meine Tante hat mal leise gesagt, sechs Jahre sind das nun her, daß der Liesa ihr Schatz hier geschlafen hat, doch wenn eine so dumm ist wie die, bleibt alles, wie es war.

Nichts zu machen. Da geht es zum Boden hinauf. Los, 177 über die Hühnerleiter. Der Lückenbüßer kletterte hastig die schmalen Sprossen voran, dabei verlor er den linken Schuh und humpelte auf dem Speicher herum wie das Kätzchen aus Aladins Traum. Der Wachtmeister stach mit dem Seitengewehr in die Saatkornsäcke hinein. Sie rieselten aus, was weiter? Doch in dem leisen Rauschen einer Saat, die nicht aufgehen konnte, vielmehr auf einem anderen Acker einst würde aufgehen müssen, drehte sich plötzlich das ganze Haus wie eine Hexenschaukel, deren Wände beweglich sind:

Noch standen die Dachsparren über dem Mann, aber schon glitten sie abwärts, das Kellergewölbe hob sich herauf und lastete auf ihm; eine Mäusefalle, welche sein Fuß unversehens berührte, schnappte heftig neben ihmzu . . .

»Wo führt diese Tür denn eigentlich hin?« fragte einer der Schupoleute den beigebundenen Knecht, der hörbar zitterte.

»Nirgends. Das war mal der Eingang zu dem tiefergelegenen Keller, von dem aus ein unterirdischer Gang bis an den Altrhein führte, als das Haus noch befestigt war. Aber soweit ich zurückdenken kann, ist er vermauert gewesen, damit der obere Keller, wenn das Grundwasser steigt, nicht ersäuft.«

»Ihr habt doch eine Dränage, wie?«

»Die brauchen wir sowieso. Die hat schon der Großvater hier auf dem Hof – wann war das doch? wartet mal: ich glaube, in den achtziger Jahren mit sehr viel Geld anlegen lassen.«

Sie gingen weiter, von dem Apfel- in den Kartoffelkeller und in den ausgeschwefelten Teil, wo ein paar Weinfässer lagen – – die Verschwörer hörten sie rumpeln und gegen die Doppelwand schlagen; es polterte, dröhnte, bumste, als trabe das schwarze Pferd zwischen den Mauern einher, um den Weg ins Freie zu suchen; und an dem dumpfen, verhaltenen Lärm empfanden sie ihre Stille so sehr, daß, wenn einer ein Wort gesprochen hätte: ihr Trommelfell wäre zerplatzt. 178

Mit einemmal legte die Freikorpsgranate die Beine auf den Tisch und schnürte die Stiefel auf, zog sie ab und schlich sich in Strümpfen zu den Gewehrhucken hin, nahm Waffe um Waffe, verteilte sie, indem er dem ersten winkte, sie weiterwandern zu lassen, und sah mit zufriedenem Blick, wie die Flinten sich gleichmäßig vorwärtsbewegten; nur dort, wo der Lumpenmüller in tiefer Erstarrung saß, unterbrachen sie ihren Zug und schnellten wie springende Salme über die immer noch leblos und friedlich gekreuzten Hände. Das letzte Gewehr fiel an Aladin. Es hatte den weitesten Weg gehabt und war trotzdem noch zeitig gekommen. Er nahm es wie alle anderen Männer und stellte es zwischen die Knie – dabei merkte er, daß es eine von jenen Flinten war, die er neulich ausgeputzt hatte. Als habe er einen Beweis in Händen, drehte er leise das schimmernde Rohr wie ein Verliebter sein Mädchen: er gehörte dazu, das war nun gewiß. Er: Peter. Peter . . . Schaffner . . . dämmerte es herauf.

Die Wachshaufen waren schon niedergeschmolzen, als das Gepolter sich langsam entfernte und abzubröckeln begann. »Führt dieser Gang da noch immer ans Wasser?« flüsterte heimlich der Gutsinspektor dem Erlenhöfer ins Ohr und deutete mit dem eckigen Kopf in der Richtung der Pulverkästen.

Der Bauer hob seine Schultern: »das schon. Aber weiter hinten ist er vollkommen zugeschüttet. Da müßte man tagelang schippen – und übrigens hat sich das Ufer verändert, seit der Neurhein gestochen ist.« Er kniff die Augen zusammen, auf der Netzhaut schwang innen ein flimmerndes Lichtchen zwischen dürrem Wassergras hin und her: nun sah er die Schilfinsel vor sich, wo er am Abend seine Laterne an einen Weidenzweig aufgehängt und das Boot an dem Stamm befestigt hatte – es gab da, bei niedrigem Wasserstand, eine Furt nach dem Ufer zurück, die ihm allein bekannt und mit Schifferstiefeln bis in den Schritt gerade noch zu begehen war. Die 179 Laterne schaukelte stärker, weil der Frühwind die Zweige bewegte – –

Wie der Bauer, so starrte der Wachtmeister lange auf den eingesunkenen Streifen des vergessenen, bleischweren Stromes, über dem sich wie schauernde Reiherflügel die Ahnung der Morgendämmerung hob, zog die Koppel fester über den Bauch und folgte der Hand des Knechtes, der ihm den unruhigen Stern in den schwarzen Schilfkolben wies: dort sei der Bauer zu finden.

»Ja, ja.«

Ob er abwarten wolle, bis er zurück sei?

Nein, dazu hätte er keinen Befehl. Auch ginge der Bauer allein ihn nichts an, und daß hier keine Versammlung wäre, davon sei er ja nun überzeugt.

Sie stolperten gegen das Haus zurück, zwischen Schuppen und Waschküche hin, der Hof war erleuchtet, die Schupomänner standen im Kreis um den Lückenbüßer, der Wachtmeister kam an ihnen vorbei und klinkte die Haustür auf, um der Großmutter gute Nacht zu sagen – dabei vergriff er sich in den Schaltern und drehte das Hoflicht ab, der Kleine lief eilig hinzu und machte den Hausflur hell: nun schien es in dem raschen und blendenden Wechsel von Licht und Dunkel, als ginge das Licht von dem Kind aus und folgte ihm treulich nach, wie den andern ihr Schatten folgte.

»Denn Adjö!« rief der Wachtmeister in die Küche; es kam keine Antwort zurück. Die Petroleumleuchte war ausgegangen, nur das Herdfeuer leckte den Boden ab wie ein verzauberter Hund, den die Alte im Ofenloch eingesperrt hatte und mit dem Schürhaken reizte, die rote Zunge zu zeigen.

»Adjö, Herr Wachtmeister«, sagte das Kind. »Es ist doch schade, daß Ihr es bloß wart und nicht der eingemauerte Gaul die Kellertreppe heraufkam.«

»Ach so. Du wolltest ja auf ihm reiten«, erinnerte sich der Soldat. »Na, denn komm mal her –«, er bückte sich ächzend und ließ sich auf alle Viere, der Kleine trieb 180 ihn mit hü und hott durch den Flur und zur Haustür hinaus, die Mannschaft saß bereits auf dem Wagen, der kaltgewordene Motor kam langsam ins Leben zurück und fing zu laufen an, das Auto zitterte, hupte, ruckte –

»Los, Kerle!« sagte der Wachtmeister noch, da war es schon fortgeschossen wie eine Mondrakete; jetzt sah man ihm auf den Rücken, den die Schlußlichter hüpfend verblendeten, es wurde kleiner und kleiner, nun war es so klein wie der Lückenbüßer; der Lückenbüßer am Hoftor war ebenso groß wie der Wagen und im nächsten Augenblick größer als die bewaffnete, große Gewalt, welche klein und stinkend davonfuhr, als wäre sie Luzifer selbst . . .

»Jetzt sind sie fort«, sagte plötzlich der Fährmann und beugte sich lauschend nach vorne, als ob er ein unsichtbar schwimmendes Floß mit der Stange vom Ufer abgedrückt hätte.

»Fort . . .«, seufzte die ganze Runde.

Der Fährmann sank tiefer in sich zusammen und stach mit dem heilen Auge durchdringend im Kreis umher, tat einen langgezogenen Pfiff und fing mit lässig leiernder Stimme ein Kinderliedchen an: eines von jenen Dingern, deren Kehrreim im Weitergehen wie ein Dorfklatsch anschwillt und dicker wird, bis das Ganze endlich zerplatzt.

»Es kam eine Maus gegangen
In unser Kornehaus,
Die nahm das Korn gefangen
In unserm Kornehaus.«

Er hielt inne; die Runde räusperte sich und murmelte, gluckste wie Wasser, das gegen die Grundmauern klopft:

»Die Maus das Korn,
Ist alles verlorn
In unserm Kornehaus.«

Ein neuer Pfiff – und mit heiteren Zähnen: 181

»Kam eine Ratz gegangen
In unser Kornehaus,
Die nahm die Maus gefangen
In unserm Kornehaus.«

»Hui, habt Ihr's gehört, Gevatter! da geht der Schwanz um die Ecke.« Die Männer stießen grinsend einander in die Seite und wiegten die Ratz mit der Maus, die Maus mit dem Korn zusammen:

»Die Ratz die Maus,
Die Maus das Korn,
Ist alles verlorn
In unserm Kornehaus.«

Dann wurden die Tiere größer: ein Hund, ein Fuchs, ein Wolf und ein Bär trabten traumhaft zum Kornehaus; sie stellten den Haarpelz einander entgegen und verschlangen einer den andern mit fletschendem Gebiß – aber immer, während ein Kleiner durch den Bauch des Größeren ging, wurde der Größere zart wie Milchglas und ließ den Schatten des Kleinen durch seine Lenden wandern. Zuletzt kam der Knecht, nahm den Bär, und die Magd nahm den Knecht gefangen: ihr Schoß war die Dunkelheit selbst und gestattete kein Entrinnen mehr. Er fraß den Knecht und die Tiere und fraß das Kornehaus –

»Die Magd den Knecht,
Der Knecht den Bär,
Der Bär den Wolf,
Der Wolf den Fuchs,
Der Fuchs den Hund,
Der Hund die Katz,
Die Katz die Ratz,
Die Ratz die Maus –
Ist alles verlorn
In unserm Kornehaus.« 182

Gluck, schluck; glick, schlick – das läpperte, schleckerte, schluckte leise und atmete seufzend aus. Einen Augenblick lang war nichts weiter zu hören als das letzte Schmatzen der Runde, ein schluchzender Rülpser, ein Scharren, ein kurzes Stühlerücken – – dann riß der Lumpenmüller das Schießgewehr seines Nachbarn blitzschnell zu sich heran und feuerte gegen die Decke; es krachte, ihm dünkte, dies sei seine Brust, welche so fürchterlich dröhnte. Er schrie vor Entzücken und lachte laut; dieses Lachen kollerte anfangs wie ein Gewitterschlag los, überholte sich, brach als ein Wildbach in das zerrissene Strombett des allgemeinen Gelächters und mündete, langsam sich glättend, in dem Delta der letzten Erschöpfung, die, bleich und flach wie das Morgengefühl dieser grauen, abnehmenden Tage, durch den Kanal des Entsetzens in das Meer der Enttäuschung trat . . .

Ein kühler Luftzug wehte von oben in das Kellergewölbe herunter, die Steinplatte war hinweggeschoben, die Alte hatte sie mühsam, in der Meinung, ihr Schwiegersohn habe geklopft, mit den krummen Händen beiseitegeschafft, die Falltür aufgestemmt. Wie die Zunge eines Gehängten streckte das Seil sich hinunter und holte die Männer empor: den Heerwurm, die Freikorpsgranate und alle übrigen Seelen, welche sich leise und schattenhaft aus dem Bauch jenes Weibes verloren, das sie verschlungen hatte und nun aufs neue gebar, um in der Geburt seiner Kinder sich zu erhellen und milchig zu werden: zart und gesichtlos wie Manna aus diesem Kornehaus . . .

 

So begann der folgende Tag: durchsilberter Bodennebel mit einem Geschmack nach Rauhreif wölkte der Sonne entgegen; das Feste blieb unten liegen und zeichnete wie mit hartem Stift die Rippen der Dickwurzblätter; das Leichte, Wäßrige, Nebelhafte, stieg den Menschen bis unter die Augen und machte sie unwirklicher als das 183 Gras, dessen Dasein niemand mehr fühlte. Aber endlich trennten sich beide Sphären: das Feste beeilte sich, fester zu werden, das Leichte löste sich auf, in der Mitte, – unter dem eisklaren Himmel und über der spröden Erde – ging das Leben deutlich dahin. Der Bauer schirrte die Pferde an den größeren Leiterwagen und fuhr mit dem Knecht zum Odenwald, wo er gesteigertes Holz aufladen und gegen Abend heimbringen wollte; die Bäuerin hatte Wäsche und hing nachher mit der Liesa die größeren Stücke auf: »gib mal acht, wenn der Wind so stehen bleibt, ist am Abend alles getrocknet«; die Großmutter kochte Kartoffelsuppe mit sehr viel Rauchfleisch darin, die Kinder halfen ihr schälen und leckten die Speckrinden ab – nur Aladin blieb verschwunden, als habe sich diese Nacht geweigert, ihn herzugeben oder handle noch mit dem Tag um seine Kaufsumme: um den Preis, für den sie ihn lassen wolle. Er stak in dem vorderen Keller, in dem hinteren stak die Flintenkugel, die der Lumpenmüller hineingejagt hatte. Wäre man auf den Gedanken gekommen, eine gerade Linie von ihr zu dem Mann zu ziehen, so stand sie in Kopfhöhe mit dem Menschen, den sie eigentlich hätte treffen sollen. Aber Aladin bückte sich tiefer. Gleich war er fertig mit seinem Werk, der Glasharmonika, und rückte auf einem Lattenbrett die Weingläser noch ein wenig zwischen Korkstopfen hin und her, die ihren Fuß zu halten bestimmt und da und dort etwas zu locker waren. Dann füllte er vorsichtig Wasser ein und begann, die Tonleiter abzustimmen, indem er die Finger benetzte, den Rand der Gläser entlangfuhr und ihnen ein Seufzen entlockte, bald diesem Glas etwas Flüssigkeit zugab, bald jenem etwas entnahm. Nun schien er befriedigt, nickte ein paarmal und lauschte in sich hinein; es war deutlich: er suchte nach einem Lied und konnte keines finden. Gequält betrachtete er seine Hände, als ob es an ihnen läge, und zuckte betroffen zurück: sie waren anders geworden, geschmeidiger, wie ihm dünkte – nicht schöner, 184 aber vertrauter und zuverlässiger; man mußte sie nicht mehr verstecken, die abgebissenen Nägel waren gleichmäßig nachgewachsen, ihre Monde traten hervor . . . Noch einmal setzte er sie an die Gläser: eine unterirdische Melodie begann sich leise zu bilden – sie zögerte noch, sie ging unruhig zwischen dunklem Gestein hin und her, das ihr Kristall überdeckte; ihre eigene Reinheit erschreckte sie und redete, daß sie unwürdig wäre, jemals ins Helle zu kommen, aber schon hatte das Licht sie getroffen, und an dem Ausgang der Quelle waren Licht und Wasserkristall nicht mehr zu unterscheiden – geblendet, blendete sie zurück und füllte Aladins Augen mit unbegreiflichen Tränen. Nein: später. Später würde er spielen, wenn das Kind und die Liesa kämen, um das Konzert zu hören . . .

Indessen war in der Küche das Mittagsbrot fertig geworden, die Wäsche im Grasgarten aufgehängt.

»Jean!« rief das Mädchen leise die Kellertreppe hinab.

»Ich kann noch nicht!«

»Was denn?«

»Spielen –«

»Aber du sollst doch zum Essen kommen.«

»Ach, bring es mir herunter!«

Sie verschwand, eine Weile darauf erschien sie wieder am Eingang und hielt einen hochgefüllten Teller vorsichtig in beiden Händen – die Bäuerin war es gewohnt, daß Aladin öfter ausblieb und sein Essen im Werkzeugschuppen bekam; so fiel es ihr auch diesmal nicht auf, daß das Mädchen die Suppe davontrug, wie einer von des Elias Raben das rettende Wüstenbrot. Er blickte empor, sie wurde verlegen und ließ die Brühe über den Rand und ihre Finger schwappen. Aladin ging ihr langsam die halbe Treppe entgegen und bemerkte plötzlich mit leichtem Erstaunen, daß sie das rosa Korallenkettchen, seit er es ihr geschenkt hatte, trug. Er schob es hinweg, es war warm von der Haut, und küßte sie auf die Stelle, wo es noch eben lag; sie rührte sich nicht und 185 hielt den Teller krampfhaft in ihren Händen, als ob es wichtiger wäre, die Suppe nicht zu verschütten, als Aladin abzuwehren. Jetzt fühlte er erst seine Macht und bekam Lust, zu spielen. Aber nicht mit der Liesa – nein, mit sich selbst, ganz ähnlich wie eine Katze, die, wenn sie den Garnknäuel rollt, nur sich selber empfindet und meint. So hob er denn den Löffel heraus und führte ihn zum Munde; das Mädchen wartete still und geduldig, bis er das Mittagsmahl ausgeschöpft und den Tellergrund freigelegt hatte.

»Willst du die Glasorgel sehen?« fragte Aladin flüsternd und hielt sie fest, als hätte sie fortlaufen wollen.

»Ja«, gab sie hilflos zurück, »doch der Peter muß auch dabei sein.«

»Warum holst du ihn nicht?« hauchte Aladin und ließ die Arme sinken – aber anstatt ihm davonzugehen, verharrte sie auf der Treppenstufe, als wäre sie angenagelt.

»Nein – ohne den Peter geht es nicht«, sagte Aladin ohne Übergang und hatte Mitleid mit ihr. Das Spiel war schon aus, und ein andres fing an; er wußte selber nicht, was ihm die Lust, dieses arme, geschlagene Tier zu quälen, plötzlich wie einen Stein vom Brett hinweggenommen hatte. Sie seufzte, es hörte sich an, als ob ein Kind aus dem Schlafe erwache, und lächelte ihm zu. Dieses Lächeln war unvergleichbar mit dem Lächeln des Lückenbüßers: es war so demütig, daß es schmerzte, und nicht anders, als hätte ein Hündchen mit seinem Schweif gewedelt. »Geh!« sagte Aladin grob. Sie sah ihn verständnislos an. »Also bis nachher!«fügte er noch, wieder freundlich geworden, hinzu.

Dann stieg er in den Keller zurück und ließ von neuem die Hände über den Gläsern schweben, ohne den Rand zu berühren; dabei öffnete er den Mund und schien Musik zu vernehmen, die nicht zu verleiblichen war. Immer stärker bewegten sich seine Hände und kamen den Gläsern näher, immer kleiner und kleiner wurde, ganz ähnlich wie bei Insekten, die den Aufsitz über der Blüte 186 suchen, der Kreis, den sie beschrieben, bis endlich der erste Ton aus der Glasharmonika sprang, zitternd wie rieselndes Licht auf nassen Kieselsteinen. Gleichzeitig hatte der Spieler den Kopf zurückgeworfen und sah dem Kind und der Liesa entgegen, die am Eingang erschienen waren, den Ton als Begrüßung empfingen und sich auf Fußspitzen vorwärtsbewegten; der Lückenbüßer steckte dabei die kleine Faust in den offenen Mund, sei es aus lauter Verwunderung, oder weil er sonst wie ein Käfigvogel in den Jubel eingestimmt hätte.

Den Blick auf das strahlende Kind gerichtet, ließ Aladin Ton um Ton aus der Glasharmonika quellen, aus der Himmelsorgel, der Wasserviola, und spielte nicht anders als Wind und Wellen in Laub und Stromschilf spielen:

Eine wilde Gewalt mit dunklem Gesicht hob sich undeutlich, formlos vergehend, aus dem unruhigen Element und blickte sehnsüchtig durch das Gitter des hochgeschossenen Röhrichts, das sich leise klirrend bewegte; Hände mit Schwimmhaut zwischen den Fingern teilten wieder und wieder die Gräser, das Gesicht wurde heller, blieb länger stehen, gewann an Umriß und schien eine Klage aus dem offenen Mund zu verströmen; diese Klage wurde zum Lied und empfing, indem sie an Umfang verlor, einen Inhalt: eine vertraute Süße, die von Menschen geschmeckt werden konnte; sie begnügte sich, einen einfachen Weg hinauf und hinab zu gehen, und hielt sich in seinen Rändern. Nun trat immer klarer das Lied hervor, das Element blieb zurück und rauschte nur noch von ferne; gewiß, es sättigte dieses Lied aus unergründlichen Quellen, aber schon waren die Quellen sich selbst zurückgegeben und ruhten in ihrem Grunde, das Lied stieg empor, wie die Lerche aus dem Schoß der Finsternis steigt, und schwebte in zarter Bläue; ein Kranz von kristallenen Wolken vertiefte mit sanftem Leuchten das azurene Himmelsgewölbe, und aus dem Himmelsgewölbe sank es langsam, als wären die Kräfte des Äthers in ihm zusammengeschmolzen, wieder zur Erde zurück . . . 187 das Mädchen bewegte die Lippen und summte mit rauher, unreiner Stimme, was die Glasorgel vorgespielt hatte: »wo findet die Seele die Heimat, die Ruh – –«

Der Lückenbüßer betrachtete sie mit zärtlichen Liebesaugen – es war seine Art, das Schwache vor dem Stärkeren zu beschützen, indem er es schöner fand. Nun hatte die Glasorgel ausgesungen, Aladin blickte den Kleinen und sagte: »wünsch' dir was!«

Was wünschen. Das Kind nahm die Faust von dem Mund, und gleich war er bis zum Gaumen erfüllt von zahllosen kleinen Liedern: das Männlein im Walde . . . nein: guter Mond, und: kommt ein Vogel geflogen – auch Weihnachtslieder fielen ihm ein, die Liesa hatte gesagt, es sei nicht mehr lange hin. »Weißt du was: spiel doch einfach alles!« platzte er endlich heraus.

Noch einmal schien der Glasorgelmann sein Lied von dem Antlitz des Lückenbüßers wie der Spieler vom Notenblatt abzulesen, dann schloß er die Augen und sah im Purpur des eingeblendeten Lichtes, ganz ferne und erst im Werden begriffen, das Bild eines kleinen Knaben, der, mit den Gliedmaßen rudernd, in bleichem Fruchtwasser schwamm. Er begann zu spielen, das Wasser floß ab, und von oben strömte ein anderes wie schießende Lichtspeere auf das Kind, welches zu lächeln anfing und das Gesicht zu ihm drehte; er erschrak: dieses Kind war er selbst, obwohl er keinerlei Ähnlichkeit mit sich entdecken konnte. Ihm grauste, doch spielte er weiter, als ob dies die Rettung wäre. Nun lag der Knabe mitten im Kern des niedergeflossenen Lichtes, das Licht wurde dunkelgelb, grenzte sich ab und war eine schmale Insel aus Stroh, die dem Knaben als Lagerstatt diente, die Glasorgel tönte: »ihr Kinderlein kommet –«

Ein tiefer Wald wuchs um Knabe und Stroh, die Sonne fleckte den Boden, eine Glockenblume stand blau und allein vor dem erschrockenen Knaben; sie lockte ihn, zog ihn geheimnisvoll an, er wurde zur Biene und suchte den Schoß der schrecklich-schönen Blume: »sum, sum, 188 sum, Bienchen summ herum«, sang die Glasharmonika leise, leise, bis der Wald sich verfärbte und, Bein an Bein, die Hagebuttenmännchen auf braunen Büschen brannten . . .

Es nachtete schon, der Wald wurde kahl, von den Ästen regnete Blatt um Blatt, ihn fror: er war nackt, und blinzelnde Augen sahen ihn durch die Zweige durchdringend und sonderbar an. Die Glasorgel fragte ihn, ob er wisse, wieviel Sterne am Himmel stehen, doch der Knabe verbarg sein dunkles Gesicht und betete: »guter Mond!«

Da ging er auf und war voll und so groß, daß er die Sterne alle in seinen Mantel nahm; er war ein Schäfer, die Orgel sang milder, und aus der Silberherde der Lämmer kam ein Muttertier mit gefüllten Zitzen und war die Milchstraße über dem Knaben, der auf dem Rücken lag, trank und trank, bis er plötzlich mit böser Freude die spitzen, brüchigen Zähne in das zarte Gehänge schlug. Eine Klage schrie von Himmel zu Himmel, er stürzte, und während die Glasorgel drohend von dem schwarzen und weißen Schaf vor der Kammer der Kinder erzählte, erhob sich eine andere Bläue und stand mit vier kahlen, beworfenen Mauern um ein schmutziges, kleines Bettchen, worüber Schmeißfliegen krochen  . . . Er griff nach ihnen, sie flogen auf und stießen gegen das Fenster, es knallte leise, das Glas beschlug sich, und augenblicklich rann Regen herunter, ein Duft von blühenden Nägelchen erfüllte die Kinderkammer, die Brummfliegen waren verschwunden, und ein Maikäfer krabbelte ihm mit feinen Widerhäkchen über das schauernde Fleisch.

Er stöhnte leise, vergriff sich ein paarmal und ließ dann das alte Liedchen perlen:

»Maikäfer flieg,
Dein Vater ist im Krieg –«

Die Töne vereinzelten plötzlich und setzten sich tropfenweise nebeneinander ab; bald waren es keine Töne 189 mehr, sondern harte, splitternde Teilchen, die die Glasorgel losgesprengt hatte; jetzt Hagelkörner, jetzt feine Geschosse mit rasend sich drehender Spitze und verborgen glühendem Kern:

»Deine Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt –«

Doch schon lange war in dem wütenden Kampf der abgerissenen Töne die Melodie verlorengegangen und flatterte nur noch manchmal, wie ein Fähnlein über dem Knäuel sich zerfleischender Krieger flattert, aus Aladins Händen hervor – – sie wollte wieder beginnen, da war es dem Spieler zumute, als ob er Harz oder Honig an seinen Fingern hätte: eine falsche Haut, wie er meinte, die ihm übergezogen wäre, um ihn am Spielen zu hindern. Er hob sie entsetzt in die Höhe und dicht vor seine Augen: richtig, es waren Maikäferfüße mit winzigen Widerhaken, nun sah er es deutlich und schrie und schrie – dann ballte er sie zusammen und hieb wie verrückt in die Gläser ein – so! so! von den Stengeln knackten die klirrenden Kelche ab – er lachte – sein Lachen vermischte sich grell mit dem Weinen des Lückenbüßers und dem kläglichen Wimmern des Mädchens, dann stieß er mit seinen Schuhen das Instrument zu Boden und trampelte auf den Scherben herum, es knackte wie Eis, bald würde es tauen, schon war sein ganzes Gesicht mit stürzendem Wasser bedeckt, auch seine Hände, worin es lag, mußten zersprungen sein . . . Pfui, da war plötzlich das Klebrige wieder. Er leckte: ein seltsam vertrauter Geschmack trat ihm rätselhaft auf die Zunge – Blut! wußte er im Dunkeln und leckte hastig weiter, doch es quoll ihm zwischen den Fingern hervor und wollte kein Ende finden – – war es Blut oder waren es Tränen? Seine Tränen und jenes Blut an den Händen flossen in eines zusammen und konnten von keiner Macht dieser Erde mehr unterschieden werden. 190

 


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