Elisabeth Langgässer
Der Gang durch das Ried
Elisabeth Langgässer

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IV

»guten tag

Hinter dem zweiten Dorf, das Aladin durchwandert und im Rücken gelassen hatte, lag eine Lumpenmühle. Der Besitzer schenkte auch Bier aus, obwohl ihm die Konzession schon zweimal entzogen, wieder bewilligt und jetzt aufs neue verweigert worden war: wie man munkelte, weil hier politische Bünde, die den Umsturz betrieben, zusammenkamen – nun ja, die Mauern waren mit Totenköpfen bemalt: »laß sie, mein Haus ist mein Haus, und wer kann einem heute beweisen, ob Freund oder Feind auf die Wand geschmiert hat? es gibt ja gar keine Häuser, die von der Gemeindewahl her nicht angepinselt sind. Wie?« Aladin nickte verständnislos und sah dem Wirt auf die rote Hand, die ein Glas Milch vor ihn schob.

»Tut mir leid, aber ohne die Konzession . . .« er lauerte ein wenig, »ich hätte noch einen Privatschnaps hier.«

»Ach, Milch ist gut«, sagte Aladin träge.

»So«, lachte der andere feindlich, »aber sitzt mir nicht da den Stuhl für dreizehn Pfennige durch, oder ist noch etwas gefällig?« Er klopfte jetzt seine Pfeife aus, fuhr mit dem Wischer hinein und trommelte ungeduldig ein paarmal auf den Tisch; dann, ohne die Antwort abzuwarten, rief er dem Hund am Ofen: »Hero, hierher!« Eine Dogge mit schwarzen Rückenstreifen erhob sich gähnend, kam groß wie ein Füllen, tückisch und leise herbei. »Auf!« Hero ging hoch und legte die Vorderpfoten fest auf die Brust ihres Herrn. Man sah jetzt, daß es ein Weibchen war, welches kürzlich geworfen hatte. »Kusch!« zitternd sackte sie nieder und streckte sich der Länge nach aus; es schien fast, als wüchse das Tier, indem es die Vorderbeine aus seinem Körper schob. »Bis nachher.« Der Wirt verließ den Raum, und Aladin blieb allein.

Er trank seine Milch, sah die Wände an. Ein paar Reklameschilder: Bier, Kornbrand und Dreschmaschinen 46 betreffend, rechts von dem Ofen ein Fahrplan, links eine Karte der Gegend, unterhielten den Aladin. Man mußte doch einmal sehen – er wollte den Platz verlassen, als die Dogge zu knurren begann. »Kss, kss«, ihre Zähne entblößten sich, ein Speichelfaden floß nieder. Nun merkte der Mann, wie sie jede Bewegung verfolgte und mit der Hand, die das Milchglas hob, in die Tasche griff, Brot herausnahm, beharrlich wanderte. Es war klar, sie bewachte ihn hier wie einen Gefangenen und würde ihn niederreißen, wenn er entfliehen wollte. Pah – fliehen. Man blieb und befreundete sich, nicht wahr, du Mistvieh da? Man kroch unter, wo Menschen waren, und zahlte, was sie verlangten, die Wirte, die Händler, die Mädchen, die nachts in den Fenstern lagen. »Pst, komm doch, mein Tierchen«, er warf ihm das Brot vor die Schnauze; es drehte den Kopf ab und wollte es nicht, schien es kaum zu bemerken. Wie? nicht einmal der Hund nahm einen Bissen Brot von dem armen Aladin? Gut, selber fressen macht fett. Er bückte sich langsam herunter und hob mit erloschenem Herzen das Brot von der Erde auf, zerbröckelte es mechanisch und steckte das beschmutzte gedankenlos in den Mund; dann bedeckte er sich mit der Mütze und stand auf, die Gefahr nicht beachtend, in der er sich befand. Auch der Hund erhob sich, schien aber verändert und stieß ihn mit der Schnauze ein paarmal gegen das Knie; der andere wartete, duldete es – nun war es, als ob zwei Tiere einander beschnupperten . . .

Erst später gab Hero Laut; ein Schatten ging an dem Fenster vorüber, dessen kleine quadratische Scheiben mit Bleistücken eingefaßt waren; gleich danach trat der Wirt in die Stube und hielt einen Pack Zettel in Händen, noch naß von der Druckerschwärze, die heftig duftete.

»Meine Schuldigkeit?« fragte Aladin und griff in die Hosentasche; der Wirt bewegte die Lippen und sah durch die blinden Scheiben, in denen jetzt rötliches Licht stand, 47 das über den Hof herkam. Sein dünnes, rotblondes Haar fiel seitlich über die Stirne, wo eine große Narbe die Braue spaltete und ihren buschigen Bogen jähzornig unterbrach, der abgewandte Nacken mit dem allzu kurzen Halse wuchs breit aus dem farbigen Kragen, die Schultern hingen nach abwärts, der Rücken war schon gerundet, obwohl der Mann die Vierzig kaum überschritten hatte. Weil er unaufhörlich den Mund bewegte, fragte Aladin noch einmal, was er ihm schuldig sei.

Jetzt bemerkte der Gastwirt ihn endlich: »ihr seid wohl noch ein Franzose?«

»Wieso?« gab Aladin töricht zurück.

»Nun, der Waffenrock da –« er packte ihn und schüttelte ihn wie rasend, biß die Zähne fest aufeinander und fing in schluchzenden Stößen krampfhaft zu lachen an. Davon angesteckt, lachte auch Aladin, sie lachten miteinander, die Dogge fiel heulend ein, und der Raum schien zusammenzustürzen, sie unter sich zu begraben. »Dreizehn Pfennige . . . und die Frau«, sagte der Gastwirt ermattet und fügte, während das Lachen ihm noch einmal aufstieß, hinzu: »seid Ihr mir schuldig, Monsieur. Merci, zwei Pfennige hier retour.« Er schob ihm ein Kupferstück hin und fragte geheimnisvoll: »kennt Ihr den Dodot aus Nantes?« Nun starrte er wieder das Fenster an. »Es war eine gute Frau, da soll mir keiner was sagen.«

»Und Ihr hattet Gefangene hier auf dem Hof?« erkundigte sich der andere.

»Ja, aber dies war später – ich meine die Einquartierung.« Aladin versuchte nachzudenken, doch fand er keinen Zusammenhang zwischen sich, der Frau und den Pfennigen, die er entrichtet hatte. »Na, adjö denn«,sagte er langsam in die dämmernde Stube hinein. Der Gastwirt ging mit auf den Hof hinaus und schrie nach der Richtung des roten Scheines: »Fritz, zumachen!« Eine Stalltür schloß lautlos ihr Oberteil, doch hatte Aladin 48 wahrgenommen, daß sich allerhand schwarze Geräte, wie ihm dünkte: kleine Maschinen und Kästen dahinter befanden. Sie waren jetzt unter dem Nußbaum an der Südwand des Hofes angelangt und scharrten mit den Füßen die leeren, braungrünen Schalen gedankenlos auseinander.

»Ihr kennt also nicht den Dodot?« fragte der Mann mit der Narbe wieder und setzte heftig hinzu: »macht, daß Ihr weiter kommt!«

»Weil ich den Dodot nicht kenne?« gab Aladin böse zurück.

»Weil ich Euch nicht kenne, und Ihr kennt mich nicht und kennt nicht den Dodot aus Nantes!«

»Was hat er Euch denn getan?« fragte der Mann vertraulich. Er erhielt einen Stoß in den Rücken und stand auf der frostigen Straße, die immer weiterlief. Ein Lastauto kam ihm entgegen und hatte schon Licht in den Augen, es wurde jetzt sehr frühe finster, man kam aus der Stube und war im Dunkeln, bevor man sich's versah. Eine Kirchturmuhr schickte fünf Schläge herüber. Zeit genug, in das nächste Dorf zu tippeln, um dort über Nacht zu bleiben. Warum fuhr er nicht mit der Riedbahn, sondern drückte die spitze Nase an jedem Fenster platt? Was suchte er denn in den Zimmern, die ihm vorüberschwammen? Wie ein Kalb, das man fortgeführt hat von seiner braunen Mutter, blieb er plötzlich am Wege stehen und sagte mit kläglicher Stimme: »Heimweh«, dann »mal du pays« laut in den Abend hinein. Also heim nach Frankreich? Er stemmte sich und fühlte einen Strick, der ihn woanders hinriß. Wohin denn? Dies alles war Lager und ewige Kaserne, war Einquartierung und Grenzgebiet, auf dem Unrecht um Unrecht geschah. Zum Beispiel die Druckerei in der Lumpenmühle dahinten . . . Geh zum Teufel, was kümmert sie ihn? Und sollte er Dodot kennen, da er den eigenen Namen nicht einmal und nicht die Straße kannte, die ihn zähe hinter sich her zog? Ein paar Radfahrer überholten ihn 49 und streiften ihm fast den Ellenbogen. Ein zumpelnder Bauernwagen, mit Dickwurz und Hacken beladen, ließ ein paar Knollen fallen, das Pferd, ein Knochengestell mit etwas Haut darüber, öffnete umständlich seine Hinterbacken und tat noch etwas dazu.

»Wollt Ihr mit?« schrie der Bauer oben. Aladin kletterte hoch; dabei fühlte er, wie ihm ein Nagel durch seine Schuhsohlen stieß. Als er bei ihm war, merkte der Bauer erst, daß er eigentlich einen andern gemeint und einen Unbekannten sich aufgeladen hatte. In Gottes Namen, er drehte die Peitsche und schlug mit dem splittrigen Stock auf die hopsende Mähre ein.

»Woher kommt Ihr denn?«

»Aus der Lumpenmühle.«

»So. Seid Ihr der fremde Knecht . . .«, er zögerte, seine Augenwinkel begannen vor Neugier zu glitzern.

»Fritz?« fragte Aladin barsch.

»Ja, der in der Zeitung gestanden hat und bei den Fememorden –« nun hieb ihm die eigene Kühnheit wie ein Falldeckel gegen das Maul, – »ich meine, der da früher in was verwickelt war?«

Aladin überlegte. »Nein«, sagte er dann leise. »Ich glaube, der bin ich nicht.«

Der Bauer dachte, er ist es also, und bekam ein wenig Respekt vor seiner fremden Fuhre. »Dann kennt Ihr den Sparren des Müllers auch?« fragte er, Mund und Nase gegen den Wind gestellt.

»Den Dodot?«

Der Bauer lachte, verschluckte sich, wischte ein Tränchen aus: »den hat es nie gegeben. Die Sache ist so: seine Frau war schon immer ein bißchen komisch und vor Freude ganz aus dem Häuschen, als die Franzosen kamen. Warum, weiß keiner. Der Wirt, wenn sie lachte – und wißt Ihr, die lachte sehr gerne – schlug ihr jedesmal in die Zähne und schämte sich hinterher. Nun, es passierte nichts weiter. Die Soldaten wechselten immerzu, sie gingen und kamen und gingen wieder, es 50 war schon nichts Neues mehr. Bis dann vor ein paar Jahren die letzte Einquartierung beim Lumpenmüller lag; es wurden Manöver abgehalten, der General von Mainz und viele Stabsoffiziere zogen den Rummel auf. Da war denn auch ein Franzose dabei, den seine Frau besuchte – nein, Dodot hieß er bestimmt nicht – und die Wirtin muß durch das Schlüsselloch etwas gesehen haben. Kurz und gut, am folgenden Tag fing sie an, mit dem Hund zu spielen, es war die Mutter der ›Hero‹, [so sprach es der Bauer aus] die der Alte jetzt in der Mühle hat. Beiß, beiß, sie hetzte das Vieh so lange, bis es ihr die Strümpfe zerriß. Das ging neun Monate so; ihre Beine, die Arme, die Hände waren immerzu aufgebissen. Ihr Mann hätte gern das Tier erschossen oder, weil es so viel gekostet hatte, irgendwohin verkauft. Na, das war nicht zu machen; die Leute wußten bereits, worauf es dressiert worden war, und der Mann dachte wohl: wenn die Zeit erst um ist . . ., gut endlich kam das Kind.« Der Bauer riß den Wagen beiseite, ein Auto schoß unverschämt nahe an der dürren Stute vorbei. »Ja, also das Kind, ein Junge, kam mit zwei Zähnen zur Welt. Die Hebamme sagte nichts, doch als er gestillt werden sollte, fing die Mutter zu schreien an. Ihr könnt Euch das andere denken. ›Was ist mit dem Bub, du Dreckmensch?‹ ›Der ist von dem Dodot aus Nantes.‹ So zu lügen, – sie wollte wahrscheinlich fort und sah jetzt Gelegenheit. ›Der kürzeste Weg nach Nantes führt über das Lager‹ soviel ich weiß, soll damals der Mann gesagt haben, bevor er sie hinausschmiß. Dahin ging sie denn auch, da gehörte sie hin, das war soweit alles gut. Nur der Bub lag jetzt noch im Weg herum, Glück hatte der: die Schwester vom Lumpenmüller, die auf dem Erlenhof wohnt und dort verheiratet ist . . .« Der Bauer zog plötzlich die Zügel an und fragte, während der Wagen stieß und blöde stehenblieb: »hä, dahin wollt Ihr wohl?« Aladin gab keine Antwort, saß still und drehte die Daumen. 51

»Ihr habt dort was auszurichten?«

»Mhm.«

»Oder bringt Ihr das Kostgeld hin?«

»Nein, nein.«

»Dann – ist vielleicht eine Versammlung beim Wirt?«

»Alles möglich.«

»Aber die Konzession?«

»Er hätte noch einen Privatschnaps da . . .«

»Guckguck.« Der Bauer pfiff durch die Zähne. »Dann seht Ihr auch den Bub. Wie es so geht: die Kätta, das is nämlich seine Schwester, war jahrelang kinderlos und nahm den Kleinen mit. Bums, hatte sie selbst eines sitzen, eh der Junge ein Jahr alt war, und von da ab flutschte es immerzu, jetzt sind es schon ihrer vier. Nun, der Peter hat es nicht schlecht, nur verstecken sie ihn ein wenig, bis ihm die Milchzähne ausgefallen und neue gewachsen sind. Ihr müßt nämlich wissen, daß ihm der Doktor die ersten Zähnchen herauszog, damit er sie nicht verschluckte; als dann die andern kamen, blieb unten eine Lücke und ein Unname obendrein: die Leute nennen das Kind den ›Lückenbüßer‹; versteht Ihr: erstmals, weil die Kätta ihn mitnahm, um einen Buben zu haben; dann weil er halt mit der Lücke für das Unglück büßen muß.«

»Das ist nicht schön«, sagte Aladin stumpf.

»Och, die Leute meinen's nicht böse. Überhaupt ist keiner hier in der Gegend, der nicht seinen Spitznamen hat. Zum Beispiel . . .«, er führte noch andere an, das nächste Dorf brach mit kleinen Lichtern und dem Schein eines Kandelabers schräg über den Feldern auf.

»Hier muß ich Euch absetzen«, sagte der Bauer, »aber paßt einmal Obacht«, er zog seinen Käs' umständlich aus der Tasche. »Jetzt ist es halb sechs. In einer Viertelstunde kommt die letzte Post mit dem Motorrad durch und fährt an den Einzelhöfen vorbei. Wenn Ihr ein Trinkgeld gebt, nimmt Euch der Mann auf dem Soziussitz mit, Ihr braucht ihm ja nicht zu erzählen«, jetzt 52 blinkelte er lustig, »daß Ihr einer mit doppeltem Boden seid. Hä – Fritz? oder wie Ihr sonst heißt.«

»Wie heiße ich denn?«fragte Aladin und lauerte seinem Namen auf wie ein Stallknecht dem Pferd, das er zureiten soll, wenn es nach hinten schmeißt.

Der Bauer wich aus. »Steig mal herunter, ich muß in die Seitengasse.«

Aladin krabbelte mühsam vom Wagen; er hielt noch immer die Flasche im Arm und spürte wieder den Nagel im Schuh, den er vergessen hatte.

»Der Kasten ist vorne am Rathaus; da stellt Euch hin, wenn geleert wird.«

Die Karre humpelte rasch davon, und humpel, pumpel, ging Aladin geduldig der Nase nach. Von Zeit zu Zeit lag das Knüppelpflaster im Pfützenlicht einer Laterne; wie breite Fischköpfe traten die Steine hervor. Wo eine Tür aufging, roch es nach Bratkartoffeln; den Bierkrug in dreckigen Händen, lief ein Junge zum Wirtshaus hinüber; der Laden bimmelte unaufhörlich, und Frauen mit Einkaufsnetzen standen stur vor der Theke, stierten gebannt auf die blitzende Messingwaage und hatten acht, daß der Kaufmann noch eine Scheibe Tilsiter draufgab: »nicht lauter Rinde, Herr Guthier« – Herr Guthier schnitt sich fast in den Daumen, hob zierlich den Käse herunter und leckte die Fingerspitzen. »Mein Mann ist der Meinung, der wird sich schnärren, wenn erst das Konsumgeschäft hier eingerichtet ist«, sagte laut ein knochiges Weibsbild zu einer buckligen alten Frau, indem es den Laden verließ. »Alle Arbeiter – n' Abend, Herr Lehrer . . .«, ein schneidiger junger Mann gab ihren Gruß zurück und klapperte laut in dem Rudel der schwarzen Trikots einher, die aus der Turnstunde kamen . . . »find't Ihr das richtig, Schmitten, daß die Mädchen so nackig gehen? Nachher heißt es: die Lehrerkrankheit; na, Gott sei Dank ist mein Lieschen an Ostern herausgekommen.«

»Was mein Enkel, der Turnwart, ist«, erwiderte die 53 Bucklige, »der hat gesagt, daß die Brücke nach hinten gar nicht gesund sein soll, das gibt bloß ein hohles Kreuz.«

Ihre Begleiterin spitzte: »bleibt er denn noch bei den freien Turnern, wo er jetzt Bahnassistent ist? Die besseren Leute, hab ich gehört . . .«

»Ja«, murrte die Alte dagegen, »das habe ich auch schon gesagt. Und wenn er meint, daß er dadurch rascher zum Bauen kommt: die Genossenschaft hat ihm erklärt, es geht der Reihe nach.« Sie brabbelte noch weiter, die Dürre hieb fest dazwischen, es war nun Zeit, daß ihr Mann an die Stelle des andern rückte.

Eine Kuh brüllte laut durch die Dunkelheit und war schon ein Stück Jammer, bevor man wußte, warum; dann tauchte das Löbchen Bär samt seinem Stecken auf und traktierte sie mit Schlägen, die immer in gleichem Abstand auf ihre Knochen fielen.

»Löbchen, der Schabbes hat angefangen!« rief ihm ein Trüppchen von Burschen zu, die vor den Chaplinplakaten des Kinos räkelten, das nur Samstags und Sonntags spielte.

»So is recht«, schimpfte giftig der alte Mann in die glühenden Zigarettenspitzen vor den schwarzen Mäulern hinein, »ihr habt ja immer Schabbes, das ist euch gerade gebacken, daß ihr nichts schaffen müßt.«

»Mach dir mal keinen Flecken in's Hemd«, schrie ein Arbeitsloser zurück, die andern begannen zu grölen, die Kuh war weitergetuttelt, das Löbchen stehengeblieben und fuchtelte herum. Der Bursche von vornhin löste sich ab: »Na, gib mir mal Feuer, Löbchen –« der Jude rätschte das Feuerzeug an, sein stoppeliges Gesicht mit den vertrockneten Beerenaugen sah hinter dem Benzin zerknittert und armselig aus.

»Wer schafft nicht gerne?« fragte der Junge ganz dicht vor seiner Brust.

»Gott, der Gerechte, was hab' ich gesagt«, erwiderte das Löbchen. »Arbeit ist eine Strafe; wer's kann, der ernährt sich auch so.« 54

»Das will ich meinen«, sagte der Bursche und spuckte den Sutter aus.

»Du, Löbchen, nimm dich in acht vor dem Heiner . . ., der ist ausgesteuert seit heute«, bemerkte der Feldschütz Müller, der gerade vorüberkam.

»Soll er gehen bloß für das Essen und helfen, das Ried entwässern, soll er torfstechen, soll er baggern«, rief das gerettete Löbchen und strebte zu seiner Kuh, die an der nächsten Ecke den Mut zu marschieren verloren hatte und auf ihn wartete. Tock, tock, schlug sein Stecken wieder gemächlich wie Holz auf Holz; aus der Ferne knatterte eilig das Motorrad heran, schon rückte ein heller Streifen gegen den Dorfausgang vor, jetzt bohrte sich grelles Licht zwischen die Häuser hinein, jetzt schwankte es über dem Pflaster und schäumte in den Dellen, riß die Sprünge auf, putzte die Löcher . . . ein Mädchen rannte zum Kasten hin und sah rasch noch einmal die Karte an: zwei schnäbelnde Turteltauben auf einem Vergißmeinnichtkörbchen, ganz dick aus farbiger Glimmerkruste, die silbrig glitzelte . . . dann war die Maschine da, eine Uniform und ein Mann darin mit Briefsack und Ledergamaschen; das Motorrad stoppte und stand.

Der Beamte stemmte den Sack auf, es war nur weniges Zeug in dem gefräßigen Schlund, hauptsächlich Steuerbeschwerden und drei, vier Krakelbriefe, das Mädchen warf seine Karte dazu; man sah ihm an, daß es dachte: ob sie morgen auch ankommen wird, was, immerhin noch besser, als dem Has' an den Schwanz gebunden.

»No, Gretchen, schon wieder dem Schatz geschrieben?« fragte der Mann nach seiner Gewohnheit, indem er den Kasten entleerte, und: »schafft denn dein Hannes noch?« »Der ist jetzt beim Opel in Rüsselsheim und steht sich in der Woche auf fünfunddreißig Mark.«

»Dann bring ihn mal dazu, daß er dich heiert, Gretchen, das tut nicht solange gut!«

Sie wurde platschrot, man merkte es an der Stimme: 55

»Das hab ich nicht nötig, Gott sei Dank; ich bin ja ordentlich, Gott sei Dank, ich bin ja nicht so eine.«

Der Postbote sah ihr gegen den Leib. »Na, gewiß, fünf Monate hat's wohl noch Zeit«, taxierte er ab, »aber sicher ist sicher, und hinterher war er's nicht.«

»Ihr könnt mich ja . . .« zischte das Mädchen und bemerkte jetzt erst den Aladin, der dumm danebenstand.

»Ja«, sagte der Fremde betulich, als hätte er dreinzureden, »Ihr könnt mich ja mitnehmen, nicht wahr, Ihr fahrt doch zum Erlenhof. Ich meine: nicht umsonst«, setzte er eifrig hinzu, als er die Blicke der Leute sah, die plötzlich wieder zusammengehörten und ihn argwöhnisch musterten.

»Meint'wegen«, sagte der Postbote dann und hatte es eilig, fortzukommen, »'n Abend, Gretchen, schlaf schön«, er schloß den Kasten zu und schwang sich über das Rad.

Der Motor knuffte und knotterte, zog an und fuhr los wie geschmiert. Zuerst standen Aladins Beine ab, dann fand er was für die Füße und stellte sie darauf. Die scharfe Nachtluft griff zu und fauchte in seine Ohren, sprang in die Ärmellöcher und stellte die Härchen auf seiner Haut, die sich mit Grieß bedeckte – hu, dies hier war anders als vorhin auf der schuckelnden Bauernkarre. Gut, hinter dem breiten Lederrücken ein bißchen Schutz zu finden; gut, solch einen Rücken zu haben: rutsch mir den Buckel hinunter; er, Aladin, hatte das nicht. Er war hohl wie ein Backtrog dahinten – nur nicht umsehen; wer sich umsah, um den war's schon geschehen. »Nehmt mich mal fest um die Taille«, brüllte ihm der da vorne zu, »jetzt kommen die Wasserlöcher.« Aladin legte den Arm um ihn; den rechten; im linken hielt er die Flasche wie ein zerbrechliches Wickelkind. »Nicht so zimperlich, bist ja kein Mädchen  . . .« Hupp, hupp, da ging es schon los, »und auf dem Tanzboden sind wir hier nicht.«

Die letzten Häuser bröckelten ab, das Dorf wich auseinander, da war noch eine Scheune, eine Tankstation und 56 ein Wellblechding mit schwarzem Blitz: Hochspannung, Lebensgefahr; dann Telegraphenstangen, dann Pappeln, dann machte der Weg eine Schleife, die von Schotter eingefaßt war; ein Stück, das nur Weg sein wollte, leg dich mal fest in die Kurve, lief vor der Laterne her, rechts und links war gar nichts oder vielmehr: das ging einen gar nichts an. Herum, und den zweiten Gang eingeschaltet; die Maschine ruckte, bollerte los und schaffte die Steigung zum Dammweg hinan, dessen Weidenbäume den Himmel kehrten, der Mond war ihnen im Rücken, ein Viertelmond, scharf herausgeschnitten, die Sterne prägten sich ein. Der Wind kam wieder auf und spülte Geruch von Wasser her; eine bleierne breite Bahn, die sich schwach an den Rändern bewegte, ging schon lange zu linker Hand hin: der Altrhein, gegen die niederen Buckel versumpfter Weidenwälder und das Gitter der Schilfgräser abgesetzt, die so hoch wie ein Mann in Schaftstiefeln, manchmal noch höher sind . . .

Es gab einen Ruck in Aladin. Warum denn; das bißchen Wasser, nicht mal der richtige Rhein. Doch konnte er nicht verhindern, daß sein Kopf sich seitwärts drehte. Ein Floß trieb langsam herunter; es war nur ein Schatten, ganz wesenlos, mit einem rötlichen Schein darauf, der aus dem Schifferzelt kam . . . Die Fährenglocke meldete sich und schrie nach der Überfahrt; als sie ausgebimmelt hatte, versuchte sie es wieder, diesmal sehr kurz und heftig, wie einer, der schon weiß, daß er enttäuscht werden wird. Das Motorrad fuhr etwas langsamer; »will der Postbote übersetzen?«, rief eine besoffene Stimme. Als Antwort gab der Beamte Gas und ratterte davon; er stand nicht gut mit dem Fährmann, der ihn jedesmal ausquetschen wollte, wo das französische Kabel läge, es müßte doch noch zu flicken sein, oder hätten sie alles zerstört? Na, so dumm war er auch nicht, daß er noch immer nicht wußte, wohin der Hase lief. Was da gebrütet wurde, auf den verkrachten Höfen der adligen Grundbesitzer, in den Dorfschänken, wo die Bauern 57 verbiestert zusammenhockten – das mochten jetzt noch Windeier sein, wenn man die Schale zerstieß. Aber später; er grübelte, zog das Bürstchen auf der Oberlippe ein . . . Man kam aus der Scheiße nicht mehr heraus, seit der Mobilmachung 14. Militär war schon immer hier gewesen, die Bevölkerung lebte davon: »Lieschen, pack mal die Rübenblätter, das geht als Spinat auf das Lager!« Geländeübung, Rekruten im Frieden, Gefangene im Krieg, hernach die Besatzung, das riß nicht ab, Soldaten, Soldaten, Soldaten. Die Uniform wechselte, weiter nichts; die Geschütze wurden verbessert, jeder Lausbub wußte Bescheid mit Gewehren: ob der Schlagbolzen nicht zu kurz, die Scharnierwelle abgenutzt war. Einem Schulkind durchlöcherte während der Pause eine Kugel das Fußgelenk; weiß der Teufel, wieso, sie schossen damals in einer ganz anderen Gegend . . . aber als dann die Dinger stumm geworden, die Franzosen abgerückt waren, schien es, als wäre was fort, das von jeher dazugehörte. Hui, wie die Schupo empfangen wurde, als sie in Worms und Mainz über die Brücken ritt! Hurra und hoch und die Wacht am Rhein – na, die Begeisterung legte sich bald; dem einen war sie nicht stramm genug, die andern wollten bemerken, daß das Knüppelchen immer nach rechts fiel . . .

»Verdammt nochmal, halt deine Lenkstange grad«, sagte der Mann in die Gegend; es war nicht nötig, sich zu ermahnen. Ein Gaul, der richtig im Futter stand, nicht zu reichlich und nicht zu mager, lief schon der Leine nach. Rechts und links war nichts für einen zu suchen, das ging einen gar nichts an. Am besten, man stellte sich blind und taub und so dumm, wie sich's nun mal gehörte. Der da hinten auf seinem Soziussitz war sicher auch so ein Schlauer, einer von diesen Brüdern, die sie unter sich einen »Stecker« nannten: wenn die Leitung umgelegt wurde, der paßte überall rein. Der Postbote drosselte plötzlich ab und setzte ein Bein auf die Erde. »Was wollt Ihr denn auf dem Erlenhof?« fragte er 58 ungehalten. Es war finster bis auf die Laterne, welche stumpfsinnig ihren harten Schein, wie ein Ochse den Schädel, voranstieß und doch nichts erleuchtete.

»Ich komme von dahinten«, erwiderte Aladin und deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück.

»Und?« bohrte der Postbote weiter.

»Von der Lumpenmühle«, gab er noch zu, obwohl die Waagschale für sein Gefühl schon aufgestoßen war.

»Das ist doch keine Antwort . . .« Aladin schwieg. »Na schön, dann lauft halt zu Fuß. Unsereiner muß schließlich wissen, wen er sich aufgepackt hat.«

»Lieber nicht . . .«, sagte Aladin böse und schlug damit ahnungslos in die Kerbe des andern ein. Der Postbote stutzte und dachte nach. »Klar«, schloß er seine Gedanken ab und drehte sich um, dann wieder nach vorne und warf den Motor an.

Halt, jetzt weiß ich es wieder, jetzt kommt es mir, dachte Aladin ganz erleichtert und begann, geschwätzig zu werden. »Ach, ich war doch in was verwickelt . . . verwickelt . . .« sagte er noch einmal und blieb hilflos mittendrin stecken.

»In was Politisches?« fragte der vorne, als wolle er eben sein Büchelchen nehmen, um Aladin aufzuschreiben.

»Ich weiß nicht«, verfiel der andere und glotzte vor sich hin.

Verkehrt herum, sagte der Postbote sich, du hast es falsch angefangen. »Das ist ja nichts Schlimmes«, strich er ihn wieder glatt, »das geht ja vielen so. Und jetzt sind sie wohl hinter Euch her?«

»Ja – jetzt bin ich hinter mir her«, entgegnete Aladin.

Der ist gerissen, dachte der Bote, der verdreht mir die Worte im Mund. Er nahm einen neuen Anlauf: »Ihr braucht mir ja nichts zu erzählen; was los ist, weiß ich auch so. Wer aus der Mühle kommt, hat schon sein Teil zu bestellen – oder nicht?« Er wartete, nickte dem andern aufmunternd und pfiffig zu. Bestellen? Aladin zuckte zusammen, begann an den Fingern zu zählen. 59 »Ja, ich soll Erdöl bestellen, er hat doch Erdöl, der Erlenhöfer?«

Erdöl! Jetzt war er dahintergekommen, wie sie das Kabel nannten, fiel es dem Postboten ein. »Jawohl, wer die Nase am Boden hält, der kann es nicht verfehlen.« Sie lachten aneinander vorbei, der Beamte dachte, du hältst das Maul und machst dich nicht unbeliebt. Viel zu wissen, kann keinesfalls schaden. Es kommt nur darauf an, mit dem Dietrich an der richtigen Ecke zu stehen. »Sitz mal auf, der Motor verkühlt sich noch!« Sie fuhren weiter; der Strom rückte ab und kam wieder her; jenseits war die Naturschutzinsel mit dem ungerodeten Wald. Jetzt stand der bittere Efeusaft tief unten in den Wurzeln, ach, meine Finger sind taub vor Kälte, bald wird es richtig frieren; die Wildgänse sind schon eingefallen, ich möchte gern auf die Jagd, ja mit wem denn, da ist der Erlenhof endlich, das Licht aus der Küche dahinten schmeckt so von weitem wie Schnaps . . .

 

Die Zugschelle an dem Hoftor warf sich hin, warf sich her und versuchte mit ihrer Altweiberstimme den Todesschrei einer Sau zuzudecken, die drinnen geschlachtet wurde. Weil aber das Schwein und die Schelle gerade auf einer Tonhöhe waren, gelang es ihr erst darüberzukommen, als die Stimme schwächer wurde und zu vergehen anfing. Die Magd rührte schneller und schneller um; das Schwein, das bis dahin über dem Blut wie ein hölzerner Sägebock stand, sackte seitwärts, rutschte und wurde blaß um den Rüssel, der Knecht ließ los, rannte zum Hoftor hin und stieß den Riegel fort, hob den Querbalken, stemmte die Schulter an und öffnete weit für das Motorrad, das langsam einfuhr, als ob da ein Triumphbogen wäre, eine Ehrenpforte, jawohl, wir sind es: die Behörde, der Reichsbeamte, na – wird es bald mit dem Schnaps! Der Postbote fand seine Laune wieder, als er sah, daß er unvermutet in ein Schlachtfest gefallen war. »Guck mal«, wies er dem Aladin – sie 60 drehten gerade sauber den letzten Bogen ab – »ein Mäßchen Fleisch in einem Kumpf Hosen, wie?«, er meinte den Knecht, der das Hoftor ein- und den spitzen Hintern hinausschob, wobei sein Nacken verschwand. Verschiedene Lichter durchdrangen einander; die einen standen fest und warfen den kalten Schein aus elektrischen Birnen mit flachem Teller darüber auf die Hausschwelle, unter dem Scheunendach und zwischen den Holzgestellen des Bootshauses, dessen Tür man geöffnet, aus der Waschküche, wo gefeuert wurde, anteilnahmlos hervor; andere wieder, Karbid- und Petroleumfunzeln, beunruhigten die Wände; sie flackerten, blakten, gingen hoch, gingen aus oder liefen herum – an dem Staketenzaun mit den aufgestülpten Krügen vorbei, dem Schuppen, wo Pflug und Egge, ein paar Stallketten, Sensen und Harken Eisen in Eisen schnitten und ein zerlegtes Fahrrad sich an den Zusammenhang seiner Teile nicht mehr erinnern konnte; trafen hier eine Hand und dort eine Männerschürze, ein Paar bespritzte Schuhe und brachten den Hof und seinen Besitzer, den die Nacht und die Schreie eingeschluckt hatten, allmählich wieder hervor . . .

Der Bauer wischte das Messer ab, er hatte selbst geschlachtet und kam auf den Postboten zu: »da wundert Ihr Euch, ja, ich mich auch – sie muß was gefressen haben, die Sau, wir nehmen gleich mal den Magen aus – Sakrament, wo bleibt denn das heiße Wasser?« Aus der Waschküche schwankte ein Bottich her, den eine stockige Alte mit einem Ausdruck, als schlecke sie Dornen, und eine Junge trug, der das Gewicht des Wassers die Schulter heruntermühte. »Ihr habt wohl erst noch den Brunnen gebohrt . . .« Nun schrabbten sie gemeinsam die starren Borsten herunter; die Bäuerin, jene Junge, ächzte ein wenig dabei; sie war kurzatmig seit dem ersten Kind, das ihr das Zwerchfell verschoben hatte, und rührte sich deshalb nicht gern. Dann packten sie das Schwein an seinen speckigen Hespen und klatschten es 61 herum; indem sie sich wieder bückten, bemerkte Aladin einen feuchten schweißigen Glanz auf dem Scheitel der jungen Frau; das Haar, wie zwei Rabenflügel, hing schwer und blauschwarz herunter und roch nach Feldmäusen, wie ihm dünkte . . . pfui Teufel, ihm wurde schlecht. Trotzdem enthielt er sich nicht, sie unentwegt anzustarren; ja, das war alles eins, ob man die Erde hier aufgrub und ein Steckenpferd zwischen den Beinen hielt oder solch eine nachts auseinanderbrach.

»Gib mal den Leuten zu essen, Liesa, und auch was zu trinken dazu!« rief jetzt die Bäuerin schmerzlich, als täte ihr alles weh, »oder wollt ihr auf's Wellfleisch warten?« Der Postbote sah den Fremden an. Der bleibt sowieso da, dachte er neidisch; nein, du läßt es dir nicht entgehen. »Wißt ihr was«, rief er froh, weil ihm plötzlich einfiel, wie er es anstellen könnte, »ich fahre noch rasch bis zum letzten Hof, obwohl ich dort eigentlich nichts zu bestellen hätte. Nur aus Gefälligkeit, wißt ihr, will ich hinüberjockeln, der Mann gibt mir öfter die Sachen für das Finanzamt mit. Ach, da hätte ich's bald vergessen . . .«, er knöpfte die Jacke auf: »hier ist was vom Amtsgericht.«

»Es wird nicht eilen«, knurrte der Bauer, »leg's mal aufs Fensterbrett.« Sie zogen die weiche, weiße Sau gemeinsam aus dem Bottich und wuchteten sie empor. Der Erlenhöfer begann sie aufzubrechen und auszuweiden, das Fett riß durch, und das Motorrad bellte, von neuem stöhnte das Hoftor, nun fuhr der Bote davon.

Aladin stand noch immer steif neben dem Wasserbottich und sah verwundert die Borsten an, die ihn gräulich und dick erfüllten. Da müßten doch schwarze Haare schwimmen –? überlegte er mühsam. Er hatte doch schwarze Haare gesehen, die wie ein Mäusefell stanken! Sein Magen stülpte sich um und leerte plötzlich den Rest der genossenen Vespermilch aus; danach war ihm besser, ein ziehender leichter Schmerz von dem Nacken herauf betäubte ihn, die Haare waren fort . . . Alles war 62 fort: das Ekelgefühl, die Frau und sein Freund auf dem Motorrad, der ihn verborgen hatte: da stand er nun nackt und allein. Den Binder gerückt und geräuspert – he, sieht mich denn niemand an? Nun, auch gut; wer nicht vorhanden ist, muß keine Steuern bezahlen. Wie war das: nicht vorhanden? Am Ende noch gar nicht geboren? er kicherte, rieb sich die Fingerknöchel und ließ sie behaglich knacken. Ja, nimm nur den Schweinebauch aus, du findest mich nicht darin. Ratsch, 'raus mit dem Fett, 'raus mit den Nieren, 'raus mit dem Schweineherz . . .

»Jetzt kommt der Magen, jetzt wissen wir gleich, was sie gefressen hat!« rief der Bauer zur Waschküche hin; indessen ging der Knecht mit den Wurstblasen über den Hof, die hellen Häute schienen für sich allein zu schweben: füllt ihr uns nichts in den Wanst, so geben wir auch nichts her!

Nur frisch hintennach gelaufen, befahl sich Aladin. Laß dich ausstopfen, schlotternder Schwartemagen, laß dich zubinden oben und unten – gepfeffert und gesalzen, gebeizt in der Räucherkammer, so wird es wohl richtig sein.

»Was hab ich gesagt«, schrie der Bauer mit bös verzerrtem Gesicht. An der Tür zu dem Waschhaus traf er auf Aladin. »Kommt mal mit«, rief er heftig, »kommt alle mal her und seht euch sowas an!« Die Magd zog den Schürhaken ab und trat die Kesseltür zu; das fiebrig gefleckte Gesicht der Erlenhöferin kehrte naß aus dem Feuerkreis; die scharfe Alte ließ einen Zahn und den Zeigefinger sehen; von der Seite reckte der Knecht den Erpelhals herein und stieß die Tüte mit dem Gewürz in der Geschwindigkeit um; das hitzige Zeug riß ihnen die Schleimhäute auf, sie niesten, daß ihre Rippen krachten, hatschi, Gesundheit, prost Erlenhöfer!

»Ja, prost«, eine Glaskugel flog auf den Tisch und rollte herunter, schlug an den Steinplatten auf. »Das war es, jetzt ist die Sache rund, jetzt weiß ich, wer mir die Sau 63 unters Messer getrieben hat. Fressen soll sie der Bankert, ins Maul stopfen werd ich sie ihm. Peter!«

Die Bäuerin bückte sich und nahm den Klicker rasch in die Hand: »Der war ja schon seit dem Frühjahr fort . . .«

»Egal, er hat ihn im Stall verloren.«

»Du willst den Peter bloß wieder schlagen«, murrte die Frau verdrossen und ließ die kalte Kugel zwischen Brust und Strickjacke gleiten.

»Gib den Säuklicker her«, – sie rangen, er griff hinunter, sie wurde rot, es hing alles so tief bei ihr; da war die Kugel, ganz angewärmt, der Bauer sah sie an: Grün und Gelb war hindurchgeschossen, eine blaue Spindel inmitten, wie die Glasbläser das wohl machten? und daran krepierte das Vieh.

»Onkel, mißt du die Würstchen jetzt an?« schrie eine Knabenstimme. Zwei Kinder kamen herangewackelt und hielten sich rechts und links an einem größeren fest, das eben gerufen hatte; es war bloßfüßig, während die andern ihre Strümpfe heruntertraten, und krümmte die langen Zehen von den rissigen Steinplatten fort.

»Ob ich dir anmessen werde?!« knallte der Bauer zurück; die Frau zog heftig das Kleinvolk an sich und stopfte jedem ein Zuckerstück aus der Dose neben den Kaffeetassen in den schläfrig speichelnden Mund.

»Wem gehört denn das?« – eine dürre Hand mit breiten Fingerspateln hielt dem Buben etwas entgegen.

»Mein Klicker, mein Klicker!«

»Jawohl, der ist dein . . . da hast du ihn«, er schlug ihm in das Gesicht, »jetzt steck ihn dir ein und das noch dazu . . .«, sein Handrücken klatschte aufs neue dem Kleinen gegen den Mund. Der hätte sich gerne gefreut, weil seine Kugel da war und mußte doch schon weinen – so lachte er unter Tränen und wehrte die Schläge ab; doch weil er Knuffe und Kummer in diesem Haus gewohnt war und selten so etwas Schönes wie eine Glaskugel kriegte, überwog sein Glück, und er lachte weiter, verschluckte die Tropfen, die längs seiner Nase in den 64 offenen Mund herunterrannen und hielt das helle Gesicht geduldig dem Onkel hin; nun glich es einer Quelle, die in der Mittagssonne funkelnd am Stein herausspringt und rechts und links Gräser und Blumen näßt. Die kleineren Kinder heulten mit und bläkten jämmerlich; der Große wollte sie trösten und gab seine Kugel her, die das Jüngste sogleich beleckte. Darüber geriet er aufs neue ins Kichern, als ob man ihn kitzelte. Man konnte ihm anmerken, daß überhaupt das Lachen leicht bei ihm losging und nur darauf lauerte, aus den Backengrübchen zu kommen. Wie nach alter Gewohnheit, schlug ihm der Bauer noch ein paarmal über den Kopf – der Junge, als ob ihm erst jetzt zum Bewußtsein käme, warum, deckte eilig die Hände über den Mund. Schon vergaß er es aber wieder und ließ eine Lücke beim Lachen sehen – der Lückenbüßer, das ist er, durchfuhr es Aladin.

In diesem Augenblick zuckte der Bauer argwöhnisch auf ihn los: »Wer seid Ihr denn und wo kommt Ihr her?«

»Das darf ich Euch erst sagen, wenn wir alleine sind«, flüsterte Aladin.

Der Erlenhöfer verfärbte sich: »hier kann jeder zuhören, Dummkopf«, erwiderte er grob, »hier wird nichts versteckelt – oder?« er blickte im Kreis herum.

Der Andre ersah seinen Vorteil. »Na«, deutete er mit dem Daumen auf den gaffenden Lückenbüßer, »wo der herkommt, kommt auch noch anderes her, das Ihr . . . verstecken müßt.«

Dem Bauern klappte jählings der Unterkiefer hinab: »kommt mal mit mir!« Sie gingen über den Hof und in das Haus hinein. In dem Flur blieb der Bauer stehen und ließ die Türe offen; das elektrische Licht überm Eingang beleuchtete ihn schwach, weiter draußen sah man die kahlen Wipfel sehr alter Ulmen und Erlen über die Hofmauer ragen; sie waren unwirklich nahe und verzweigten die blassen Kronen an einem dunkleren Himmel . . . der erste Schnee dieses Jahres hatte sich 65 abgelöst und war dort hängengeblieben; die Erde fühlte ihn kaum.

»Was ist also?« fragte der Bauer hastig. Aladin schob seine Schulterblätter an der kalkigen Wand entlang. »Wird's bald?« Der Fremde knöpfte die Joppe auf und holte den Paß hervor. Was er sagen wollte, wußte er nicht – sein Kopf war wieder einmal gänzlich abhanden gekommen, nein, nicht abhanden, vielmehr mit Watte: mit weißer, juckender Watte schön lose ausgestopft; verflucht, nicht mal kratzen konnte man sich, das Knochendach lag darüber. Zupf, wenn er sie nur herausholen könnte . . . »Gebt mir mal eine Gabel!« brüllte der Fremde laut.

»Ach so, in die Küche wollt Ihr? Ja freilich, hier ist kein Licht.« Er machte die Tür auf und knackte die Deckenbeleuchtung an: es war sehr viel Kupfer hier innen, ganze Reihen von Kesseln und Tiegeln, auch ein Mörser mit einem Klöppel darin: »habt Ihr das Pulver erfunden?«

»Seid doch still!« fuhr der Erlenhöfer empor und schlug die Läden an.

»Da!« Jean-Marie Aladin hielt ihm den Paß entgegen und sah eine dicke Spinne, die aus Wut und Enttäuschung gemacht war, von der Stirne des Erlenhöfers bis zu den Mundwinkeln laufen.

»Der Paß ist aber falsch«, sprach er dann triumphierend. Als sei mit diesem Geständnis die Bremse losgegangen, fuhr die rasselnde Litanei, die er sich eingeübt hatte, wie ein leerer Wagen den Knüppeldamm seiner schäbigen Phantasie und Vorstellungskraft hinunter: »ich komme nämlich mit einem Gruß von dem Lumpenmüller, versteht Ihr? ich war vor einiger Zeit in etwas verwickelt, ja, ja; in etwas Politisches, wißt Ihr, und nun sind sie hinter mir her. Ihr müßt mich verstecken den Winter über, ich kann Euch behilflich sein . . .«

Der andere sah ihm scharf in die Augen: »und Euer richtiger Name?«

Der Wagen hopste, ein Wasserloch, ein schwarzer 66 Spritzer schlug als Gelächter hoch: »der sitzt in dem Munitionsgebäude auf seinem alten Tornister; mhm, dort ist er sitzengeblieben.«

»So, so, in dem Munitionsgebäude. Versteht Ihr denn etwas davon?«

»Wovon?«

»Nun, von Bomben und Handgranaten«, sagte der Bauer gereizt.

»Ich glaube schon«, meinte Aladin.

»Dann brauchen wir noch ein paar Leute, die ein Kabel ausflicken könnten.«

»Ach, das machen wir lieber allein.«

»Auch gut . . .«, der Bauer lachte ein wenig, wurde gleich darauf wieder mürrisch und fügte drohend hinzu: »aber zahlen kann ich Euch nichts dafür; Ihr müßt zufrieden sein, wenn Ihr Essen und Unterschlupf habt.«

»Nun, Geld«, der Fremde blies durch die Nase, »Geld habe ich genug.«

»Ja«, sagte der Bauer listig, »das habe ich gleich gesehen, als Ihr zum Hoftor hereinkamt.«

Aladin wand sich geschmeichelt an der ausgeworfenen Angel: »wenn ich Euch mal mit was dienen kann . . .«, er tastete nach der Brieftasche und holte sie wichtig heraus.

Dem Bauern fiel die Lippe herunter: »Ist das alles?«

Der andere bebte. Er mußte doch hierbleiben, was denn, er konnte doch nicht mehr zurück. So tippte er dem Erlenhöfer geheimnisvoll gegen die Brust: »Wer wird denn wohl alles mit sich tragen? Ihr doch auch nicht?« Da gäbe es Winkel genug, ein Erdloch sei nicht mal das schlechteste, den Sand darüber geworfen und einen Stecken dazu, damit man es wiederfände.

Der Bauer dachte, er hat mich zum besten, ich muß schon offener sein. »Na, wenn Ihr Bescheid wißt, . . .« er zögerte, zuckte und blieb mitten in seinem Entschluß noch einmal mißtrauisch stecken. »Habt Ihr denn gar keinen Ausweis von – der Organisation?« 67

»Nein«, sagte der Fremde verstockt.

In diesem Augenblick preschte von ferne das Motorrad heran. Ja, in Dreiteufelsnamen, den hatte er ganz vergessen, durchfuhr es den Erlenhöfer, der konnte ihm wohl ein Licht aufstecken; den Scheffel, es drunter zu stellen, besaß er selber schon.

»Ich will mal rasch nach dem Wurstkessel sehen«, sagte der Bauer eilig. »Die stopfen mir immer zuviel Majoran in die Leberwürste hinein.« Also ist es entschieden, ich bleibe hier, dachte Aladin ganz erleichtert.

An der Haustür kam ihnen schon der Duft der Metzelsuppe entgegen, die Kinder rannten mit blutigen Mäulern herum, weil ihnen eben der Knecht die Würstchen angemessen hatte, und spielten Wolf, indem sie die Zähne zeigten.

»Geht nur schon in die Waschküche vor«, befahl der Erlenhöfer, »ich komme gleich hinterher.«

Der Fremde trat beflissen hinzu: »Aladin ist mein Name.« Er sprach ihn zum erstenmal deutsch aus, merkte es aber nicht . . .

»Er nennt sich Aladin«, flüsterte draußen der Bauer dem Postbeamten ins Ohr. »Heut' so und morgen anders«, orakelte der Bote und wollte schlauer sein als diese Brüder von Grundbesitzern und dicken Bauern da.

»Ach, ich weiß, von Aladins Wunderlampe hat mir die Liesa erzählt«, schrie drinnen der Lückenbüßer, als sei ihm der Mann schon vertraut. »Das war nämlich so . . .«

»Was ist da weiter zu sagen«, der Postmensch überlegte. »Ich habe ihn aufgelesen und unterwegs gemerkt, daß er genau weiß, was er will.« Ein Windstoß fuhr um die Ecke, wo beide Männer standen; der eine dachte, von dem da bekomme ich nichts heraus, und wenn ich ihm den Finger in seine Gurgel stecke; der andere: wird's mit dem Wellfleisch nicht bald, in der Waschküche klappert es schon, die fangen zu essen an.

Die Magd stellte tiefe Teller auf und legte Brot dazu, dann schöpfte sie aus und schob auch dem Aladin etwas 68 hin. Dicke Fettaugen schwammen oben, nein, so einem schönen Mädchen war er noch nie begegnet, was die für Locken hatte! Nach den ersten Löffeln wußte er aber: es war nur der Hunger gewesen, wieso denn, ein bißchen Perubalsam, und onduliert war sie auch. Nun schlürften sie schweigsam die heiße Brühe, der Postbote und der Erlenhöfer waren gleichfalls hinzugekommen, der alten Frau floß immer die Suppe am rechten Mundwinkel heraus; er stand schief und war so hängen geblieben seit ihrem Schlaganfall. Hernach gab es Wellfleisch und Sauerkraut; es schmeckte fett und fade, man mußte gehörig salzen und stieß hinterher kräftig auf. Die Männer kippten ihr Gläschen mit einem Schubs hinunter und tranken gleich wieder eines; die Frauen schüttelten sich und machten »ah«, wenn das Feuer ihren Magen angewärmt hatte.

»Nun muß ich aber gehen«, stöhnte der Bote befriedigt und zog die knirschende Lederjacke fest über seinen Bauch.

»Ja, geht nur.« Sie standen alle auf, der Erlenhöfer nahm jetzt erst das Schreiben, das die Post ihm zugeschickt hatte, vom Fensterbord herunter.

»Los, Liesa, bring die Kinder ins Bett«, sagte die Bäuerin weinerlich, »und hol mir den Kleinen herunter.«

»Sie haben mich zum Schöffen bestimmt«, teilte der Erlenhöfer dem drucksenden Boten mit, der nicht von der Stelle wich, bevor er wußte, was los war.

»Nehmt Ihr's an?« fragte jener hochachtungsvoll.

»Das ist gesetzlich, und dann: im Winter geht es ja auch mit der Arbeit; dazu ist jetzt einer mehr im Haus, der schaffen helfen kann.«

»Ja, ja, schickt Gott ein Häschen, so schickt er auch ein Gräschen«, versetzte der Beamte; es paßte zwar nicht ganz, war aber doch ein Wort, zu welchem man nicken konnte, wie es die Leute nun taten. »Also haltet Euere Ohren schön steif«, verabschiedete sich die Reichspost von ihrem Passagier. »Gute Nacht beisammen!« der Mann 69 ging hinaus; das Mädchen fing sich die Kinder ein, die an dem klebrigen Rand der Schnapsgläser suckelten; die Alte räumte das Eßgeschirr ab, der Knecht mit dem Knorpelhals schob zu den Ställen hin, die Bäuerin blieb sitzen, beide Hände in ihrem Schoß, der matt auseinanderklaffte . . .

Auf der Straße brüllte das Motorrad und setzte wieder aus, renommierte aufs neue: hoho, hielt plötzlich und stand auf der Stelle.

»Vorerst mal melde ich ihn nicht an«, knurrte der Erlenhöfer, »wer weiß denn, wie lange er bleiben wird, und ob man gut mit ihm fährt. Was meint Ihr?«

Der Postbote bückte sich tief zu seinem Rad herunter. »Das geht mich nichts an –«

»Nein, nein . . . Was ist denn nur mit der Maschine los?«

»Ich weiß nicht recht.«

»Hört mal, wenn wir geräuchert haben, gebe ich Euch ein paar Würste mit, es kann auch ein Schinken dabei sein, was?«

Der Beamte warf seinen Kopf zurück und richtete sich auf. »Das ist ja alles ganz schön und gut, aber annehmen darf ich nichts.«

»Und sonst?«

»Ich hätte schon einen Wunsch . . .«, er starrte jetzt, Mund und Nase offen, mit geblähten Nüstern zum Altrhein hinüber und zog den Gürtel an.

Der Erlenhöfer kam dicht herbei und legte seinen Schnurrbart an das Ohr des anderen Mannes, das die Postmütze halb verdeckte.

»Nun, sagt doch schon . . .«, flüsterte er.

»Nehmt mich mal mit auf die Jagd!« platzte der Bote heraus und schluckte heftig danach.

Der Erlenhöfer lachte. »Könnt Ihr denn schießen?«

»Das will ich meinen, vom Militär her, sie hatten mich damals, wartet mal: 17 auf 18 war es, gerade noch geschnappt.«

Nun waren die beiden Gesicht an Gesicht. Das des 70 Bauern hing ganz voll Fleisch, obwohl es fast mager war; wie in Schnüren, in Adersäckchen, hing es eingebunden herunter; es war gefährliches Fleisch: grau und schon ausgeleiert, doch zornig in den Rillen, der ganze Mann wie Pulver, das naß geworden war. Auch der Postbote deckte jetzt seine Visage wie ein Blatt beim Kartenspiel auf: hineingetreten hatte man ihn, als es im Wachsen gewesen war; lauter Wünsche standen darin, die sich geduckt und kusch gemacht hatten, bevor sie ans Tageslicht kamen; wie verprügelte Hunde warteten sie schon auf die nächsten Schläge und bissen vom Futternapf weg, was kleiner war als sie. Ein paar Kratzer Güte dazwischen, um die Augenwinkel herum, und ein paar Brocken Freude, die unter den Backen saßen, vermochten nicht viel zu ändern – er war zu kurz gekommen, jawohl, und stand nun vor dem Bauern wie ein Kind vor dem Weihnachtsmann, an den es im Grunde schon gar nicht mehr glaubt, dem es den Wattebart abreißen möchte und die Rute vor seine Schuhe schmeißen, aber halt! der hat ja den Sack.

»Na gut, dann kommt mal mit mir«, sagte der Erlenhöfer, »ich wollte mir sowieso dieser Tage noch ein paar Wildenten holen, die treiben uns schön vor die Flinte, wenn das Wasser zusammenfriert.« Er schnalzte mit der Zunge, stieß den Zwetschgenschnaps noch einmal auf und fragte nebenbei: »Ein Schießeisen habt Ihr wohl nicht?«

»Nein, woher denn?«

»Ach nein, woher denn?«wiederholte der Bauer höhnisch und fügte, sich mäßigend, in anderem Tonfall hinzu: »Von Glück könnt Ihr sagen, daß Ihr jetzt kommt und nicht im nächsten Jahr. Ich kann die Jagd nicht mehr halten, die kostet mich zu viel . . . Ach, Ihr meint wohl«, schrie er zornig heraus, obwohl sich der andere gar nicht muckste, »ich spucke bloß in die hohle Hand, und es wachsen Rüben darauf! Ja, Scheiße, wenn die Steuern nicht wären! die fressen mich noch von dem Hof.« Der 71 Postbote dachte: die Rüben, die haben wir gefressen, und du, alter Gauner, hast Plus gemacht, in dem Krieg und der Inflation. Sie haßten sich jetzt, und ihre Gedanken fuhren deutlich aus ihrer Stirn und aufeinander los: Der weiß noch lange nicht, wie Margarine schmeckt . . .

›Ja, die Beamten! Wer hat, der hat, und das wenige hat er sicher . . .‹

›Ich muß mir einfach abziehen lassen, der kann noch immer beschummeln, wenn er es schlau anfängt . . .‹

›So ist es recht, nur feste das Fell übern Kopf gezogen und die Kuh solange gemolken, bis das Kalb daneben verreckt.‹ »Na, das wird auch wieder mal anders«, schloß der Bauer laut seine Sorgenkette. »Aber vorher gehen wir schießen, was? Meine alte Büchse steht noch am Boden, die könnt Ihr gerne haben; ich wollt' sie schon lange putzen, nun ist ja Gelegenheit.«

»Besten Dank auch im voraus, adjö; ich kriege heute was auf den Kopf von wegen Verspätung und so.«

»Na, wie denn, wenn die Maschine kaputt ist«, grinste der Erlenhöfer.

Er stand noch lange am Hoftor und sah dem Boten nach. Dabei überlegte er und hatte, indem er sich über den Strom, durch den Tang, durch das Geglitsche, die Strudel des heutigen Abends mühte, manchmal was Festes in Händen: Postbote war nicht schlecht, und soviel er wußte, war der mal früher beim Telegraphenamt. Da sollte er doch wohl Morseapparate und alte Telefone bekommen können, wie? Kleinigkeit. Und sein Schwager stand bei der Polizei, war Wachtmeister in der Unterkunft. Die hatten von allem zu allen Zeiten das neueste Kaliber, da wurde nur einfach bestellt, und meistens wußte die linke Hand nicht, was die rechte hereingeholt hatte. Wenn man da rankommen könnte . . . Ja. Und dann Aladin. Dem wird er gleich morgen die Büchse zu putzen geben – daran erkennt er den Mann. Auch so ein Lückenbüßer, der nicht weiß, wo er hingehört. Hol' sie der Satan alle, und seine Weiber dazu. Wenn er jetzt zu 72 der Frau hineinkommt, wird sie gleich wieder jammern: laß mich, wo doch der Kleine noch nicht mal abgestillt ist. Dabei kriegt der Bub schon den zweiten Zahn und müßte weg von ihr; aber nein, sie hat zuviel Milch, jedesmal drückt sie der Katze noch ein ganzes Schüsselchen aus. Die schleckt, und der Mann kommt zu kurz oder nimmt sich sein Teil, wenn es sein muß – dann geht die Frau nachher tagelang mit der Faust im Rücken herum und spricht kein Wort mehr mit ihm.

Die Schwiegermutter am Halse zu haben, war auch keine Kleinigkeit, besonders jetzt, wo sie nicht mehr ganz dicht im Oberstübchen ist.

Bleibt noch die Liesa, das arme Stück; sie und der Erlenhöfer sind Nachgeschwisterkinder. Bös ist der mitgespielt worden, wenn man sich's recht überlegt. Freilich: was hatte die Närrin sich auch mit einem Franzosen abzugeben? Krank wurde sie, jahrelang ist sie nach Worms zu einem Spezialarzt gefahren, der sie spritzte und wieder spritzte. Immer da und dort einen Pickel, nasse Augen, was an dem Mund – sie ließen das Mädchen kein Brot mehr schneiden, es durfte nicht kochen, nicht melken, nur Feldarbeit machen, den Boden schrubben und hatte wie ein Hund ihr eigenes Eßgeschirr. Schon zweimal ist sie im Altrhein gewesen. Sie lag den Winter über mit Gliederschmerzen im Bett, stand im Frühjahr auf, und im Sommer versuchte sie es wieder. Das Wasser war aber zu seicht. So ging sie bis zur Strommitte hin, trat dort auf einen Kadaver, in dem die Aale schon wimmelten, und schrie wie verrückt um Hilfe. Eine Badegesellschaft hörte sie und schleppte sie ans Ufer. Es waren Burschen und Mädchen aus dem nächsten Dorf gewesen, die sich halbtot lachen wollten, wie eine so blödsinnig wäre. Nun hatte sie zu dem Unglück auch noch den Spott zu tragen, war übrigens bald danach ausgeheilt, wie der Doktor bescheinigte. Was half es? Es biß doch keiner mehr an, obwohl sie ein paar Äcker und eine Hypothek hat, die jederzeit kündbar ist. Er tut, was er 73 kann, der Erlenhöfer: zu jedem Viehmarkt in Frankfurt und Worms hat er sie mitgenommen, doch der Schinder selbst will sie nicht haben. Dabei ist sie ein stattliches Mädchen, ein bißchen zu dick um den Hintern. Manchem gefällt so was grade. Nein, nein, er kriegt nicht heraus, was mit ihr und den Männern los ist. Ein Wunder eigentlich, daß sie so freundlich und gut bleibt; kein böses Wort läßt sie hören. Sie wird wohl ein wenig dumm sein . . . der Erlenhöfer gähnte und sog mit offenem Mund die schwache Luftbewegung in seinen Rachen ein.

Das schmeckte nach ausgelassenem Talg, der Wind kam also von Osten her, aus der Richtung der Seifenfabrik. Klares Wetter. Er blickte zum Himmel hinauf und glaubte, noch niemals so viele Sterne beieinander gesehen zu haben. Wie das funkelte, schwindlig konnte man werden; ob es wohl einen Menschen gab, der sie alle mit Namen kannte? Dort war der große Wagen; sieben Sterne machen ihn aus. Ach, über der Deichsel das Reiterchen nimmt er heute zum erstenmal mit bloßem Auge wahr. Weitsichtig ist er geworden, und über vierzig Jahre hat er auf seinem Buckel; immer eingespannt ist er gewesen, die andern zogen mit. Das nennt sich nun Sternbild, das nennt sich Wagen, und jeder Stern ist vom nächsten für immer und ewig getrennt. Als ob die da oben wüßten, daß sie zusammengehören! Aber wir . . . wir bilden's uns ein.

Der Bauer rieb sich die Schultern, es schuckerte ihn vor Kälte, warum stand er denn eigentlich hier? da drinnen ging sicher alles verkehrt, wenn er nicht hinterher war. Der Hof lag jetzt dunkel, die Küche hell, dort wusch die Alte Geschirr ab, krach, wieder ein Teller am Boden, wir haben's ja zum Zerschmeißen, kann denn die Liesa nicht helfen, wo steckt das faule Mensch?

»Die bringt die Kinder ins Bett«, rief die Kätta leise dagegen; sie hatte gerade den Säugling von ihrer Brust genommen, es stand noch ein Tropfen darauf. »Komm, 74 mach ein Bäuerchen«, bettelte sie; der Junge wollte nicht mehr und stemmte die kleine Faust fest gegen den Warzenhof.

»So laß ihn doch«, murrte der Erlenhöfer; sie duckte sich zusammen und wischte mit ihrem Hemd das Mäulchen des Kindes ab: »sieh mal, was er am Kopf hat! Ob ich ihm Umschläge mache?«

»Das ist Milchschorf und gar nichts weiter, das wundert mich überhaupt nicht.«

»Sag nur noch, daß ich schuld bin –«

»Jawohl, das bist du!« Die Eheleute zitterten beide und sahen sich über dem Scheitel des Kindes wie wilde Tiere an; dann legte die Kätta den Bub in den Schoß und knöpfte das Achselhemd zu.

So ist das doch nicht immer gewesen, dachte der Erlenhöfer. Die war doch auch einmal anders und hat mich bald aufgefressen, wenn ich was von ihr wollte. Erst als der Lückenbüßer, dieser Fetzen Unglück, ins Haus kam und die andern Kinder wie an der Schnur, eins, zwei, drei hinter sich herzog, hat sich alles geändert, er weiß es. Nun ja, von Anfang an mocht' er den Buben nicht leiden: immer lachen, schon in den Windeln, und immer an falscher Stelle, als täte er's ihm zum Tort. Dabei hat die Kätta ihn lieber als ihre eigene Brut und hält die Kinder nur deshalb solange an der Brust, damit nicht gleich wieder eins kommt. Er ahnt es schon seit Jahren: sie fürchtet ihn, wie sie als Mädchen ihren Bruder gefürchtet hat, und muß Lunte gerochen haben, obwohl sie nicht wissen kann, was unten im Keller liegt.

Ach, Aladin. Richtig, den hatte er fast schon vergessen, obwohl der Mann mit hängenden Armen geduldig im Waschhaus stand.

»Hat die Liesa Euch oben die Kammer gerichtet?«

»Nein«, fuhr die Frau dazwischen, »ich denke, wenn er schon hierbleibt, dann schläft er bei dem Knecht.«

[Daß der ihn ausquetscht – auf keinen Fall.]

»Das geht nicht, der Aladin schafft nicht um Lohn, der«, 75 spaßte der Bauer martialisch, »zahlt uns noch etwas zu. Wie, Freundchen, hab ich recht?«

»Ja«, sagte Aladin langsam, »bezahlen muß ich wohl irgendwann mal, das wird nun nicht anders gehen.«

Schön dumm, dachte der Bauer; die Frau sah mißtrauisch auf. Was hatten die beiden? was wollten die? Auch ein Heimlicher war das, genau wie ihr Mann, wie alle Männer heute, die zusammen im Schützengraben gehockt und nichts vergessen hatten. Das ging immer so weiter, erst Kriegerverein, dann hieß es Frontsoldaten, und heute hatte jeder schon wieder die Uniform an. In der Wirtschaft klumpte das fest beieinander, das heckte Pläne aus, von denen die Frauen nichts wissen durften – hier auf dem Erlenhof war es besonders schlimm, da schlich einer sich um den andern wie die Katz um den heißen Brei.

Sie hob das schlafende Kind auf: »wo bleibt denn nur die Liesa? sicher erzählt sie dem Peter was und kann keinen Knoten machen.« Sie gingen alle hinaus, vor der Tür stand noch immer der Wasserbottich, leert ihn denn keiner, das Holz wird ja stockig – sie kippten ihn um und stellten ihn gegen die Mauer, das Wasser rann über die Erde hin, die angefroren war.

Ein Bett, ein Bett, dachte Aladin, um drin allein zu sein. Keinen Traum, kein Mädchen, nein, gar nichts; nur die Knochen zusammenrücken, die harten, haarigen Beine wie die Grille fest aneinanderreiben; sich selber haben, ist immer das Beste. Das Sicherste ist es auch. So, da wären wir also. Da ist der Hausflur. Warm, wenn man von draußen kommt.

»Mutter, klopf doch der Liesa mal«, rief die Bäuerin in die Küche.

»Hä?« fragte die Alte, begriff hinterher und stieß mit dem Besenstiel ein paarmal an die Decke. Von oben pochte leise ein Stiefelabsatz dagegen; gleich darauf kam das Mädchen herunter.

»Hol Bettwäsche, Liesa, die kleingewürfelte, und richte 76 dem Mann die Kammer mit den Einmachgläsern vom vorigen Jahr, der Waschkrug steht unten im Schrank, ich glaube, die Schüssel hat einen Sprung: wenn sie rinnt, nimm die aus der Küche.« [Warum sieht sie mich denn so entgeistert an? Was ist los? Ach, freilich: ihr Kerl hat da oben gelegen, sechs Jahre ist das nun her, eine schöne Zeit, doch wenn eine so dumm ist wie die, bleibt alles, wie es war.]

»Ich bringe den Aladin rauf«, sagte der Erlenhöfer, »und zeige ihm rasch noch die alte Büchse, die unter den Dachsparren steht. Der Postbote will mit mir schießen gehen, vielleicht kriegt der Mann das Ding zurecht. Der Abzug bleibt immer hängen.«

Kriegt er's, dann weiß ich, woran ich bin, dachte die Bäuerin und haßte Aladin schon.

Da gingen sie nun die Treppe hoch, jetzt waren es zwei Paar Hosenbeine – Mannsvolk, das fand sich zusammen und ließ die Weiber allein.

»Das Haus ist sehr alt«, erklärte der Erlenhöfer. »Das hat vor dem Schwedenkrieg schon an dieser Stelle gestanden.«

Er schaltete Licht ein, während sie stiegen, eine Katze sprang über die Stufen, in den Wänden grieselte es von aufgestörten Mäusen.

»Viel Militär hat hier schon gelegen und sich die Gurgel geputzt. Franzosen und Spanier und Schweden und zuletzt wieder Franzosen. Zu allerletzt aber«, ein wildes Lachen fuhr quer durch sein Gesicht, es sah aus, als ob es blitzte; gleich wird es donnern, dachte der andre – da standen sie schon im Dunkeln.

Kurzschluß? »Verflucht! Habt Ihr Streichhölzer bei Euch? wartet mal, dort an dem Zähler ist ein Kästchen mit Sicherungen.« Sie waren jetzt unter der Falltür, die auf den Speicher führte. Der Erlenhöfer stemmte sie auf, Geruch von Holz strömte nieder, ein flimmerndes Viereck stanzte sich ein: die offene Bodenluke.

»Freischar und schwarze Gerechtigkeit«, zischelte leise 77 der Bauer, »mag ja für eine Weile ganz gut gewesen sein, aber nun –« er wechselte aus, die Patrone schlug auf den Boden, »nun kommt eine andere Zeit. Das wird aufhören, daß der Jud seine Finger im Viehhandel hat und immer die erste Hypothek auf allen Höfen im Land. Dazu Zinsen, daß einer verrecken kann . . .«, er redete weiter, versuchte die nächste, dann noch eine Sicherung . . . »nur, ohne Gewalt geht es nicht, sag ich dir, am Ende platzt immer die Bombe, und wenn die Zündschnur so lang wie von hier nach Goddelau ist.«

Da fuhr das Licht an. Ganz plötzlich. Sie standen wie begossen, mit Blinzelaugen, da.

Die kurze Leiter hinauf und rechterhand angeknipst. »Gebt acht auf die Mehlsäcke, stäubt Euch nicht an.« Sie gingen nach hinten, mußten sich bücken, das Dach fiel steil herunter. »Hier ist die Büchse –«Aladin nahm sie entgegen.

[Wie der sie anfaßt! Der kennt die Griffe, das ist ein alter Soldat.]

»Na, so sehr alt ist die noch nicht«, grinste der fremde Mann. Sie lachten beide: wir wissen Bescheid; aber sicher ist sicher, und besser, man macht sich etwas vor.

»Die kriege ich wieder in Ordnung«, sagte Jean-Marie Aladin. Er hielt sie hoch, blies darüber und bewegte sie hin und her – es sah aus, als ob er was Lebendes in seinen Fingern hätte, einen Menschen: ein Kind, eine junge Frau, die ihm willig nachgab und folgte.

»Ich nehme sie mit nach unten«, flüsterte Aladin, »und fange gleich morgen an.«

»Recht so.« Sie kletterten jetzt, das Gesicht nach dem Speicher gerichtet, die Leiter wieder abwärts; die Falltür schnappte, zwölf Stufen tiefer ging eine andere Tür auf; sie führte in Aladins Kammer, die Liesa kam oben heraus.

»So weit wär' alles in Ordnung«, sagte das Mädchen leise. »Ich muß nur noch Wasser holen.«

»Gute Nacht denn.« Der Bauer drehte sich um, seine 78 Freundlichkeit war wieder abgefallen wie der Kniddel vom Hundeschwanz.

Aladin schob in das Zimmer. Klein war es: Schrank und Waschtisch, ein Stuhl, das eiserne Bett hatten eben darin Platz. Wie der frische Bezug nach Seife roch – er lehnte die Waffe vorsichtig an und setzte sich auf die Kante, begann seine Stiefel aufzuschnüren, trat den einen fest mit dem anderen ab. Indem kam das Mädchen wieder herbei und stellte die Waschkanne hin.

»Braucht Ihr noch etwas?«

»Nein, nein . . .« Er faßte den zweiten Schuh und zog ihn mit einem Ruck vom Fuß, hob den Nacken: sie war ja noch immer da, was wollte die denn von ihm?

»Also dann schlaft schön.«

»Danke.«

»– – Wie heißt Ihr denn eigentlich?«

»Aladin, sagt' ich doch schon.«

»Nein, ich meine: vorher.« Er stutzte. »Euern Vornamen meine ich.«

»Ach so, ich heiße Jean.«

Sie zuckte zusammen, wurde rot und hinterher blaß um den Mund. »Ich habe auch mal einen gekannt, der Jean geheißen hat.«

»Ja, ja, Jean heißen viele.«

»Gelt – Jean kann wohl jeder heißen. Hier herum und in Worms und Mainz heißen sie öfter so.«

»Ach«, ging es Aladin plötzlich auf, »du hast wohl mal einen Schatz gehabt, der Jean geheißen hat?«

»Ja, ich hab' mal so einen Schatz gehabt.« Da stand sie und starrte gegen das Bett; rund war sie um und um, mit zierlichen Gelenken, verlassen war sie auch.

»Na, es wird schon wieder ein anderer kommen.«

»Meint Ihr?« Jetzt rollten zwei Tränen an ihren Backen herunter.

Armes Luder. Gar keinen Stolz hatte die. Was einer ihr sagte, das glaubte sie auch; er merkte: mit der machte jeder, was er gerade wollte. 79

»Da . . .«, langsam kam sie näher und brachte was unter der Schürze hervor. Es war ein rotbrauner Apfel, ein wenig angestoßen, er streckte die Hand aus, sie legte ihn aber nicht hinein, sondern auf den Stuhl neben dem Bett.

»Das – soll gesund sein vorm Schlafen.«

»Danke schön«, sagte er scheu.

Warum hat er sie nicht um die Taille genommen, da geht sie aus der Tür. Ach, gut so. Im Sitzen aß er den Apfel mit den schwärzlichen Flecken auf. Manchmal mußte er spucken, es kam ihm Grieß auf die Zunge, mitten drin saß ein Wurm. Den Grutzen warf er unter das Bett, die Kleider über den Stuhl. Huh, wie eisig die Laken waren, morgen wird er die Liesa bitten, daß sie ihm einen Backstein hineinlegt. Er schauderte, rieb seinen Körper, ganz fremd war er sich selber. Allmählich erwärmte die Leinwand sich, er fühlte, wie angenehm rauh sie war, daß sie hier und dort Knötchen hatte. Über ihm trappelte es. Das mußte die Katze sein, sie hatte sich auf dem Speicher gefangen, als die Männer herunterstiegen und die Falltür zugeschnappt war . . .

Er stand auf, das träumte er aber bereits, und ging wieder zum Boden hinauf.

Da war sie, die Mäusefängerin. Jetzt sah man, warum sie so lärmte. Sie humpelte auf drei Beinen, das vierte war gebrochen und klapperte wie ein Trommelschlegel immer hinter den anderen drein; ganz für sich ging der Knochen daran, einen Marsch zu schlagen, und schreckte die Katze, die ihm entfliehen wollte; es sah komisch aus, wie Aladin fand, und obwohl das Tierchen ihn dauerte, war er versucht, es zu jagen – immer rund auf dem Speicher herum. Dort stand ja auch das Mädchen; unter den Dachsparren war es und hatte die Schürze voll Zwetschgen; die Katze lief durch seine Beine hindurch, er wollte ihm in die Schürze greifen, da griff er in lauter Luft. Nun zerfloß es schielend, aus allen Ecken miaute die Krüppelkatze, durch die 80 Bodenluke am Dach sah der Lückenbüßer herein. Sein Gesicht war so hell, daß der Speicher davon erleuchtet wurde, das Balkenholz klärte sich, man bemerkte die Fasern und Knorren, der Raum wurde durchsichtig, sauber, als ob die Zimmerleute ihn eben verlassen hätten. »Was tust du denn dort oben?« rief Aladin hinauf.

»Ich suche mein Kätzchen.« Der Mann erschrak. Nun kam es ans Tageslicht.

»Wie heißt denn dein Kätzchen?«

»Gretel.«

»So heißt doch kein Kätzchen.«

»Doch, die Menschenkätzchen, die heißen so.«

Aladin mußte lachen; nein, so was: Menschenkätzchen. Der Junge lachte auch. In lauter kleinen Tönen kullerte das und tropfte. Der Träumer stellte sich drunter und wusch Gesicht und Hände – »das ist Wachsregen!« rief der Lückenbüßer. Da kam auch schon die Katze herbei und hielt ihr Bein in das Wasser, alle Leute kamen: der Erlenhöfer, seine Frau, der Knecht und die Alte, das nahm kein Ende, noch andere liefen hinzu, auch das Mädchen am Briefkasten war jetzt dabei und brachte einen Eimer, der lustig schebberte. Immer lauter und härter wurde der Ton, immer heller das Lachen des Lückenbüßers, jetzt waren beide schon eines; in dem Hof ging die Pumpe, die Häckselmaschine rätschte, ein Wagen fuhr auf das Feld.

Tag. Es war Tag. Der dritte Morgen, an dem er erwachte, ohne sich zu erinnern, wo seine Füße lagen. 81

 


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