Elisabeth Langgässer
Der Gang durch das Ried
Elisabeth Langgässer

 << zurück weiter >> 

IX

dass die Liesa eine Woche danach in Aladins Bett lag und wartete, während er mit den zerschnittenen Fingern sich abmühte, in die Erdölflasche ein Segelschiff einzubauen, war wieder einer von jenen Späßen, die das Schicksal mit ihr zu machen pflegte, wenn es auch hätte anders und besser kommen können. Vielleicht hing alles an jenem Wort, das der Bauer zu sagen vergessen hatte, als er vom Holzsteigern heimkam; aber er war so müde gewesen, daß es ihm wie ein Scheit vom Wagen nach hinten abgerutscht war. Hernach dachte er zwar noch ein paarmal an den Simmermacher Matthias, bei dem er die Bandsäge, wenn sie nächstens auf den Riedhöfen reihum fahre, auch für den seinen gemietet hatte; er sah die saubere Sägemühle mit dem blitzenden, großen Betrieb und erinnerte sich an das kurze Gespräch, mit dem sie die Maschine und den Lärm überschrien hatten:

Warum ist der Matthes nicht diesen Herbst wieder mit der Frau auf die Kerb gekommen?

Heia, den Fuß weg! Da poltert ein Stück herunter. Ob denn der Bauer nicht wisse, daß sie vor gut einem halben Jahr begraben worden sei? Ja, ja, das Kind hatte quergelegen, und die Hebamme wollte alles allein und ohne Doktor machen – schließlich war es zu spät für beide.

Ach, das täte ihm aber leid. Da wär er jetzt wirklich erschrocken. Also nichts für ungut –.

Nein, nein. Das Eisen zischte, Holzgeruch war in der Luft, zwei Arbeiter, die einen Balken trugen, riefen einander, toll von der eigenen Kraft, irgendein Witzwort zu. Ob eigentlich die Liesa noch nicht geheiratet hätte? sagte seinerseits nun der Matthes und sah angestrengt zu den Arbeitern hin, als müsse sein Blick ihnen tragen helfen – die wäre doch wohl an der Reihe, oder – er lachte leise – gäbe er sie nicht her?

Wie? hergeben? noch was dazu! fuhr es dem Bauern heraus. Er meine, verbesserte er sich rasch, sie kriegt noch ein schönes Stück Geld zu ihrer Aussteuer mit. 191

So, so. Es wäre übrigens möglich, daß er selbst mit der Bandsäge käme; sein alter Knecht habe sich letztesmal die Gicht auf dem Motor geholt.

Ja, dann solle er aber vorher noch eine Postkarte schreiben; die Weibsleute regten sich sonst zu sehr auf, wenn sie gar nichts gebacken hätten . . .

Weiß der Teufel, warum er dieses Gespräch nicht gleich der Kätta erzählte; mag sein, daß er nichts verreden wollte und selber kaum daran glaubte, daß seine Last ihm jemals erleichtert werden könnte. Dabei war er doch wirklich noch nicht so alt und hatte auf der vorletzten Kerb den ganzen Schießbudenkram wie nichts zusammengeschossen: Tonpfeifen, schwingende Pendel und zuletzt das Nachttöpfchen unter dem Hintern des Alabastersäuglings in dem sich drehenden Stühlchen – alles dem Budenfräulein zuliebe mit den knalligen Kohlenaugen. Das war eine: »bitte, mein Herr, Sie dürfen noch einmal. Aber schießen Sie doch, das kostet fast gar nichts. Immer ins Schwarze hinein!« Ganz heiß wurde ihm, wenn er heute dran dachte, wie er damals gezielt und immer dazwischen, wenn das Fräulein die Büchse aufs neue lud, ihre Äpfel betrachtet hatte, die sich unter der roten Satinbluse mit jeder Bewegung der Arme aufreizend hoben und senkten. Die Kätta, nun ja, war im siebenten Monat mit ihrem Jüngsten gewesen – er ließ sich eigentlich nicht sehr gerne an diese Kirchweih erinnern, welche also die letzte gewesen war, die des Simmermacher Matthias' Frau, bevor sie sich legte, mitgemacht hatte . . . und so gründete dieses Vergessen wohl tiefer, als er sich selber gestand.

Vergessen. Das war es. Einmal vergessen will jeder und vergißt, daß Vergessen noch immer mit Vergeben zusammengehört. Der Aladin wollte es, und die Liesa wollte es endlich auch. Jeder was andres – das schien zu genügen, um beieinander zu liegen.

Aber noch war es gar nicht so weit. In dem Lichtkreis jener Petroleumlampe, die in den Keller geleuchtet 192 hatte und ihren abgeblendeten Schein auf die Arbeit des Mannes warf – der Laden an seinem Kammerfenster war nämlich nicht ganz zu schließen und verriet Drinnen an Draußen – sah das Mädchen, wie Aladins schwarzer, sehr hoch gebäumter Wirbel sich über die Hände beugte. Die Hände. Ihr dünkte, das wäre das einzige, was sie wirklich an Aladin kannte. Es war auch das erste: sie dachte zurück und stand in dem Werkzeugschuppen, wo er rasch etwas zugedeckt hatte – »wie ein Mädchen, das Windeln näht«, hatte sie damals gesagt und: daß er ein Heimlicher wäre. Hernach war ihr öfter noch aufgefallen, wie er immer die Hände wegtat, sie bald in die Taschen steckte, bald auf den Rücken legte – bis er es endlich vergaß und die Glasharmonika spielte.

Sie seufzte in der Erinnerung, der Mann blickte auf, doch ging noch sein Auge nur bis zum Horizont jener Segel, die er zusammengefaltet in den Hals der Ölflasche schob, und sagte gedankenlos: »gleich  . . .« Ein Leimtopf stand vor ihm, der fade Geruch vermischte sich mit dem Hauch der Melonen, die auf dem Kleiderschrank lagen; eine Laubsäge, Scheren und kleine Nägel, Garnrollen, buntes Papier und Korkstopfen türmten sich auf. Dies war das Chaos hier draußen – und drinnen in der Flasche stand hinter dickem, grünlichem Glas eine geordnete Welt. Sie schlief noch, aber sie war schon fertig wie der Schmetterling in der Puppe, wo Flügel an Flügel ruht; sie wartete nur darauf, sich mächtig zu entfalten und, über sich selbst verwundert, in all ihren Teilen zu stehen; nein, nicht mehr in ihren Teilen, sondern als Ganzes im Ganzen: unteilbar und unzerstückbar wie Liebe oder Haß.

Das Kleinste und das Größte: von der Mastspitze bis zu dem Küchenjungen, stand fest an seinem Platz; die winzigen Deckmatrosen mit ihren Stecknadelköpfen mußten, als Aladin sie auf dem Wunderschiff anbringen wollte, mit der Pinzette angefaßt werden; nun erwarteten sie geduldig den ersten günstigen Wind. Was hatte also noch zu geschehen? Nichts, als daß Aladin jetzt die 193 Seidenfäden anzog, an welchem Segel und Maste unsichtbar festgemacht waren: dann würden die weißen Läppchen sich blähen, die Mannschaft würde bemerkbar und der Klabautermann auf der Leiter wie ein Feuerchen fühlbar werden. Aber Aladin wollte nicht. Wie neulich, als er die Glasorgel spielte, hatte er Angst vor dem, was da herauskommen konnte; undeutlich fühlte er, daß diese Dinge, sobald er sie losließ, ihm nicht mehr gehörten und eine Gewalt besaßen, wie der Stein, der ins Rollen gerät: die Gewalt war wohl immer schon in dem Stein, aber sie wurde erst mächtig, wenn er sich vorwärtsbewegte.

Also legte er vorsichtig jene Flasche auf den Hocker zu seinen Füßen und betrachtete sie wie ein Zauberlehrling, der alle Kreise gezogen, die magischen Zeichen gesetzt und die Stunde erwartet hat: nun fehlte nichts mehr außer dem Wort, das die Linien lebendig machte. »Siehst du«, erläuterte Aladin und wurde plötzlich gesprächig, »wenn ich die Fäden jetzt spanne und alles hochgeht, wird man erst sehen, ob kein Fehler daran ist, wie?« Die Liesa nickte, er schwatzte weiter: »dann werden die Fäden zusammengezwirbelt und durch den Korken gezogen –«, er hob ihn auf und prüfte das Loch, durch welches sie laufen sollten, nahm eine Stricknadel, stach noch ein paarmal und fuhr in seiner Belehrung fort: »zuletzt wird die Flasche zugestöpselt und ringsherum versiegelt. Hinterher weiß natürlich kein Mensch, wie das alles in sie hineinkam.«

Die Liesa dachte angestrengt nach und sagte dann einfach: »mach schon . . .«

Er nickte abwesend, legte die Fäden, die aus dem Flaschenhals hingen, behutsam nebeneinander und spann seinen Satz zu Ende: »nun, für den, der es weiß, ist die Sache ganz einfach; aber – – das Schiff herauszubekommen, wenn es erst einmal drinnen ist –«, er vollendete nicht und sah flehend zu der Frau in dem Bett hinüber. 194

Sie fühlte, daß er sich fürchtete, ohne zu wissen, warum, und erwiderte einfältig, wie ihre Art war: »ja, wozu soll's denn auch wieder heraus? und übrigens«, fuhr sie gelassen fort, »kann einer ja immer die Flasche zerschlagen, wenn es ihm nicht mehr paßt.«

»Ja«, sagte Aladin ganz erleichtert, »zerschlagen kann man sie immer noch, das geht keinen Menschen was an.« Er wurde fröhlich und schien es jetzt eilig zu haben, mit der Sache fertig zu werden, kramte Siegellack aus dem Haufen, entzündete eine Kerze und blies die Petroleumlampe aus; das Eisenbett ächzte, er drehte behutsam das Stäbchen über der kleinen Lampe, der Lack fing zu schmelzen, zu duften an – unversehens fiel ihm ein glühender Tropfen auf die lose liegende Hand. Er schrie unterdrückt, der Schmerz ließ schon nach, doch ein brausendes Brennen umhüllte ihn plötzlich vom Scheitel bis zur Sohle. Er stand auf und drehte sich langsam, als wäre er völlig im Dunkeln, mit ausgestreckten Armen ganz um sich selber herum; das Zimmer schien seine Wände zu neigen und ihn wollüstig anzuhauchen – ja: diese Wollust hatte schon immer unter der Blumentapete und den blassen Ranken genistet; sie kam aus den Ecken und kroch wie Weihrauch über den beuligen Boden; sie war ein Tier mit gewaltigen Zotten, dem die Milch zu lange im Euter gestanden und ihn entzündet hatte; eine Hexe war sie mit nacktem Bauch, unter welchem die abgestorbene Frucht schrecklich nach vorne trat . . .

»Jean!« flüsterte das Mädchen – es war, als ob sie ihm helfen wollte, den Weg zu dem Bett zu finden.

Wie vorher sagte Aladin: »gleich«, und blieb mit gesenktem Kopf in der Mitte des Zimmers stehen.

»Warum kommst du denn nicht?«

»Ich bin doch schon da.«

»Bist du?«

Er gab keine Antwort mehr, weil er fühlte, daß das, was ihn jetzt überdrang, nichts mit der Liesa zu tun hatte 195 – viel eher [Erinnerung sprang ihm weich und beißend in den Nacken] mit der Kätta aus jener Verschwörernacht, welche die Frau auf ihn zugetrieben und ihm ihren qualmenden Duft wie Kartoffelrauch hingeweht hatte. Mit der Kätta? nein. Auch mit der hatte das nichts zu tun. Das war nicht genug, das peitschte nicht so und kam nicht von einem oder von zwei oder von tausend Weibern – das ging mit ihm durch und hinter ihm her: tapp, tapp, in dem Unterholz . . . tapp, tapp, das gespenstische Mütterchen aus dem Lagerwald hatte ihn wieder und ritt auf ihm Huckepack . . . es wurde schwerer und schwerer und war schon kein Mütterchen mehr – –

Aladin brach in die Knie und rutschte zu dem Hocker: das Messer! hier war das Messer, und ihm auf dem Rücken der Werwolf, der ihm die buschige Rute zwischen die Beine klemmte – so, so: er faßte die Klinge – nun mit der linken Hand rückwärts über die rechte Schulter – das Messer flog durch die Stube und bohrte sich in die Dielen, Aladin fühlte den Werwolf von seinen Schultern gleiten und drehte sich vorsichtig um.

Fort. Fort und nichts mehr zu sehen. Alles wie weggeblasen. Die Kerze flackerte, in dem Bett lag eine wartende Frau . . .

Er ging hinüber und faßte sie an: »da bin ich«, sagte er leise. Sie rührte sich nicht, ihre runden Arme ruhten rechts und links auf der Decke, an dem Fußende traten die Zehen hervor, sonst war alles gleich, und selbst ihr Busen schien nicht vorhanden zu sein. Ein wenig enttäuscht, fing Aladin an, ihre Nachtjacke aufzuknöpfen und schob die Träger des Taghemds ohne Freude oder Erwartung von den schrägen Schultern herunter – ja, anders hatte er sie sich auch gar nicht vorgestellt: die großen, fast überreifen und seitlich quellenden Brüste mit dem bräunlichen Warzenhof; fast hätte er schwören mögen, sie seien ihm schon lange vertraut und überdrüssig gewesen. Er kannte sie, wahrhaftig, und wußte auch 196 plötzlich, woher: genau so sah jener Apfel aus, den sie am ersten Abend auf seinen Stuhl gelegt hatte, damit er einen gesunden Schlaf und gute Träume bekäme – süß, ohne Kraft und ein wenig fleckig, mitten drin saß ein Wurm.

Er zog sich aus, sie rückte beiseite, er legte sich neben sie. Nun wandte sie ihr Gesicht herum: in der ungewissen Beleuchtung und den großen, zuckenden Schatten, die die kleine Stearinkerze warf, unter aufgelösten, sehr lockigen Haaren, die jünger waren als sie, kam das Mädchen ihm wieder so fremd und vielversprechend vor, daß seine Begierde von neuem erwachte und er mit roher Bewegung in dieses glatte Gesicht griff, es mit der Handfläche streichelte, wie ein Bauer das Fohlenmaul. Es war naß. Er fuhr überrascht zurück und beugte sich wieder vor – sie weinte, wie Kinder weinen können, ohne den Mund zu verziehen.

»Liesa?« fragte er eingeschüchtert.

»Jean –!« gab sie mit rauher, gebrochener Stimme, fast unverständlich, zurück.

»Was hast du denn?«

»Jean«, und jetzt wieder »Jean!« – nichts weiter als jener Name, doch es war nicht Aladin seiner, er fühlte es, eine wilde Freude überkam ihn mit dieser Erkenntnis. Aber um seiner Sache auch wirklich sicher zu sein, tastete er mit schon erlöstem Gefühl sehr scheu nach dem Schoß des Mädchens, das ihn abwehrte, stärker weinte, und nur immer wieder den Namen jenes Jean in die Dunkelheit schluchzte: eines weit entfernten, vergeßlichen Menschen, den der Krieg hierher versprengt hatte und wieder mit sich fortnahm, als es ihm so gefiel.

»Komm mal her«, sagte Aladin brüderlich und schloß sie fest in die Arme; das Mädchen gab sich besinnungslos nach und drängte sich zitternd hinein; schon weinte es leiser, man merkte, das Weinen tat ihm bereits nicht mehr weh.

Warum war er so dumm? nun konnte er haben, was 197 einen Mann wieder froh macht und seine Grillen vertreibt. Aber seltsam: es reizte ihn nicht. Nein, nein – er mochte nicht dieser Jean sein, für den ihn die Liesa jetzt sicher, wenn er nur wollte, genommen hätte; er mochte überhaupt kein anderer Mensch mehr sein, als der, der er wirklich war – noch hatte er freilich nichts anderes als seinen Namen gefunden, aber ihm dünkte, das sei schon genug, damit alles, was zu diesem Namen gehörte, wie der Hund auf den Pfiff gesprungen käme. Oder, dachte er ganz tief innen, und wagte es wirklich zu denken: vielleicht war auch der Name das letzte, was ihm gegeben wurde, und er selber war bereits fertig bis eben auf diesen Namen, der ihn ansprach, weil er vorhanden war – wie man ein Kind nicht zu taufen vermag, ehe es abgenabelt und sein eigener Schreihals ist! Er war es. Er war er selber. Er hing nicht mehr an der Nabelschnur des Lagermütterchens, und das laufende Band, das er festgeklemmt glaubte, nahm nur einen anderen Weg: wie der Blutkreis des neugeborenen Kindes trat es mächtig mitten durch seine Lunge und weitete ihm das Herz . . .

»Wo ist er denn hin, dein Jean?« fragte Aladin die schluchzende Liesa und schaukelte sie in den Armen, bis sich ihr Weinen verlor.

»Ich weiß nicht. Das ist es ja eben –«, seufzte sie ratlos zurück.

»Und er hat dir keinmal geschrieben?«

»Doch. Schlimm genug. Denn da wußten wir endlich, wie der Jean noch außerdem hieß.«

»Wie denn? Wie hieß er denn außerdem?« flüsterte Aladin bebend; nun würde er gleich erfahren, wessen Stellvertreter er war.

»Dodot. Ja. Dodot, und war aus Nantes.«

»Den – hat es doch niemals gegeben?«

»Natürlich«, sagte die Liesa beleidigt, »natürlich hat es den Dodot gegeben, erstensmal, weil das Herr Karlmann, der den Brief herausknobelte, so gesagt hat, und zweitens –« 198

»Nun?« drängte Aladin.

»Wäre«, sagte sie rasch, »doch der Lückenbüßer nicht da, wenn es den Dodot nicht gäbe.«

»Ach so.« Er pfiff durch die Zähne, es war aber mehr ein Zischen wie geängstigte Tiere es haben. »War der Dodot dort einquartiert?« Aladin deutete mit dem Daumen in irgendeiner Richtung und meinte die Lumpenmühle.

Das Mädchen verstand ihn und sagte heftig, als ob er ihr hätte was rauben wollen: »keinen halben Tag. Aber eine wie die, ich meine die Laura, das schlechte Mensch, nimmt sich das auch beim Kartoffelhacken, nur so im Bücken, mit.«

»Ja?« fragte Aladin böse und rückte von der Schwätzerin ab; daß der Lückenbüßer, sein Freundchen, nur so im Vorbeigehen mitgenommen und aufgelesen wurde, erfüllte sein Eingeweide mit Wut und fleckte ihm die Schläfen. Er hätte schlagen mögen – aber seltsamerweise nicht jene Laura, sondern diese hier, die doch nichts weiter tat, als daß sie den Kleinen beschützte, wenn immer es notwendig war. Beschützen, dachte er eifersüchtig und fühlte, daß kein andrer als er dieses Kind zu beschützen hatte: Aladin, welcher so schattenhaft wie dieser Dodot aus Nantes war, der gleichfalls vom Lager herkam und durch die Riedhöfe ging; so vergeßlich wie jener – nein! Nein, dieses nicht. Nein und nein. Er wollte nicht mehr vergessen; er hatte das eigentlich niemals gewollt und sah jetzt ganz deutlich, daß ihn sein Weg bereits um die Hälfte des Kreises, den er gehen mußte, geleitet hatte – schon stand er wieder Gesicht zu Gesicht mit seinem Doppelgänger – – noch war zwar der Doppelgänger sehr weit, sehr klein . . . oder wurde er immer kleiner, je näher Aladin kam? Nicht Aladin: Peter. Peter Schaffner. Erinnerungsfetzen trieben wie Vögel durch sein wolkiges, trübes Gehirn und suchten furchtsam ihr Nest; der Mann bog sich hilfesuchend in die flockigen, hellen Haare der Frau und atmete tief, wie ein träumender Mensch, ihren reinen, sinnlichen Duft: 199

Es war Frühling, er kniete im Auwald und pflückte die blaue Zilla, an deren traubiger Blüte Biene um Biene hing. Der ganze Boden war leis überläutet, er brummte und summte und roch nach den Salzen, die das Wasser ihm aufgelöst hatte; die Eschen klapperten oben in den noch blattlosen Kronen mit schwachem, hellem Ächzen, wenn der Wind ging, gegeneinander und ließen in ihren Lücken seidigen Himmel sehen . . .

»Deswegen hab' ich das Kind ja so lieb!«murmelte müde die Liesa; sie war am Einschlafen, ihre Worte schlossen ein andres Gespräch als jenes mit Aladin ab: es war das Gespräch ihres armen Lebens, nicht neu und nicht seltsam, aber für sie ein Anlaß ohne Ende.

»Ist der Dodot denn wirklich sein Vater?« flüsterte Aladin.

»Seine Mutter hat es doch selber behauptet.«

»Ja, die Mutter ist allemal sicher«, wiederholte der Fremdling die Redensart des alten Scherenschleifers; fast gleichzeitig fiel ihm ein, daß damit nichts dafür und dagegen, aber eher etwas dagegen gesagt war, und er fügte, weil es schon sinnlos schien, was sie beide hier redeten, noch sinnloser hinzu: »wenn überhaupt die Laura seine richtige Mutter ist.«

»Hä?« fragte das Mädchen erschrocken und setzte sich noch einmal auf; das war doch zu arg, was der Mann da sagte, und wenn sie auch von der Schule her wußte, daß sie selber nicht allzuviel Grips unter den Haaren hatte – der war wohl völlig verrückt. »Aber woher denn –«, stammelte sie.

Er sah vor sich hin und trällerte sorglos, da ihm nichts Besseres einfiel: »der Wind, der Wind – das himmlische Kind – –«

Dann sprang er plötzlich, ganz nackt, wie er war, mit beiden Füßen vom Bett herunter und entzündete wieder die Erdöllampe; ihr Schein fiel fett und golden auf seine behaarte, sehr dunkle Brust und machte, mit dem Schatten dahinter, einen flößenden Riesen aus ihm, der bis zu 200 den Hüften im Strom stand; die ganze Stube schwankte und schwamm auf das Segelschiff zu, das jetzt seine Flügel entfaltete und die grünliche Flasche erfüllte: die Flasche und das Segelschiff drinnen wurden in Aladins Augen größer und wichtiger als die Lust seiner Lenden, als sein Hirn, das nach Erinnerung suchte und sie immer wieder, wie Land an das Meer, wenn das Blut, seine Flut, stieg, hergeben mußte.

Dieses Segelschiff aber war außer Gefahr. Das stand hinter Glas, das war unberührbar, es war gerettetes Strandgut und gleichzeitig niemals verlorengegangen – wahrhaftig, es war sein Gedächtnis, an dem nicht ein Tüpfelchen fehlte; versiegelt und ausgespannt an unsichtbaren Fäden, die die Farbe des Glases hatten, konnte nichts mehr daran geändert werden, nichts weggenommen und seltsamerweise auch nichts hinzugefügt, obgleich man doch hätte annehmen sollen, daß Erinnerung etwas wäre, das man beliebig vermehren könne; das da säße wie ein Reptil, dem der Kehlsack schwillt, wenn man es ansieht; das man am besten verbirgt und das trotzdem noch in der dunkeln Tasche wie ein Heckpfennig wuchert und manchem Menschen das Innenfutter zerreißt. Es gab also, dachte der Mann verwundert, vielleicht zweierlei Art von Gedächtnis: eines, das man verstecken mußte und das, indem man es fortschob, nur um so kräftiger trieb; das Krällchen und Wurzeln hatte, die sich überall festhalten konnten; dessen Same so günstig beschaffen war, daß er selbst durch den fressenden Vogel ging, ganz unversehrt wieder herauskam und auf die Erde fiel. Doch das andre Gedächtnis – er sah in die Flasche und ging mit seinen Blicken den Linien des Segelschiffs nach – dieses andere half einem Mann und trug ihn sicher weiter; das hielt ihn aufrecht wie jene Steinchen, die im Gehörwasser schwimmen; es war seinen Handlungen, was die Scheide dem Gürtelmesser ist: etwas, wohin sie jederzeit wieder zurückkehren konnten. Das zweite Gedächtnis schien also in allem viel mehr 201 eins mit seinem Träger zu sein – oder gab es am Ende gar keine zwei, und es kam beides auf eins heraus, wenn nur der Mensch mit sich selber und seiner Erinnerung einig war?

Er war es. Er war entschlossen, die Erinnerung auszuhalten, die das Segelschiff auf dem Rücken trug. »Hör mal«, sagte er zu der Liesa – seine Worte kamen undeutlich her, weil er bereits das Hemd über den Strubbelkopf zerrte – »ich möchte dir alles erzählen«, er setzte sich, fuhr in die Unterhosen, zog die Socken an und trat in die Stiefel, »was ich so von mir weiß.« Sie gab keine Antwort, er schnürte eifrig, zuerst den rechten, hierauf den linken, die Häkchen knackten: »aber der Anfang, siehst du, der Anfang fehlt mir noch.« Wo war seine Jacke? Sie lag auf dem Bett; er nahm sie herunter und schlüpfte hinein; dann drängte er die schlafende Liesa ein wenig nach der Wand hin, sie rückte beiseite, wie sie das tat, wenn der Lückenbüßer sie anstieß – und dieses bewußtlose Rücken schien Aladin zu genügen, ihr sein Schicksal anzuvertrauen. Nichts weiter: sie war ihm der Eisenofen, in welchen die Gänsehirtin hineinkriecht, um ihren Spruch herzusagen – ein wertloses, armes Gerät, dazu nütze, damit man es ansprach und sich erleichterte; aber schon während er anfing, fühlte er, daß nur diese allein: diese Frau, die sich ihrer selbst bis in den Schlaf und die Ruhe des Schlafes völlig entledigt hatte, seine Beichte abnehmen konnte . . .

Sie atmete tief, er besann sich und ließ wie an seufzenden Seilen den Eimer zugrunde gleiten:

Da stand eine dünne Schicht Wasser, die von Kröten und Schlangen bewegt, jedoch durch ein paar Algen und Moos am Verfaulen gehindert wurde. Ein schmaler, schleimender Ring aus ungewiß leuchtendem Licht umgab die Wasserfläche; es ging von der runden Mauerung aus und ließ die Fugen und Ritze der Feldsteine sichtbar werden; weiter hinauf war alles ganz dunkel und wohl auch abgetrocknet: diese finstere Trockenheit 202 dünkte ihm ärger als alles da unten zu sein. Dies war wohl kein anderer Brunnen als jener, welcher Aladin auf dem Lager im Traum umschlossen hatte – – damals, erinnerte sich der Mann, war er vollkommen ohne Feuchte und von Ratten bevölkert gewesen. Dann mußte das Grundwasser wieder gestiegen und der Boden zu seiner Natur zurückgebracht worden sein; es war derselbe, auf welchem der Dom samt seinen Tieren gestanden hatte: samt den Pferdemenschen, dem Löwen, der seine hängende Hand mit der Zunge angerührt hatte. Diese Tiere, schrecklich in ihrer Weise, schienen gleichwohl, wie sie einander folgten, eine Ordnung geheimer, höherer Art, als sie selber waren, zu bilden. Die ersten waren die schlimmsten, weil sie die glättesten waren; sie schlüpften ihm, wenn er sie fassen wollte, zwischen den Fingern durch, verloren sich, tauchten wieder herauf und waren trügerisch da: jetzt hatte er sie, doch während er noch die Zappelnden zu umschließen suchte, bedeckten sie sich mit Federn und schlugen mit den Flügeln; seine Hand wurde rot und entsetzlich roh, es war nicht mehr die seine, sondern die Hand seines Vaters, der ihn zwingen wollte, ihm ähnlich zu werden:

»Siehst du, mein Vater schlachtete gern«, begann er seine Erzählung. »Eigentlich weiß ich sonst gar nichts von ihm, kein Gesicht und nicht, wie die Mutter ihn rief, aber das Messer sehe ich noch und die Augen von einem Huhn, das rasch noch vor Angst ein Ei herausließ – von da ab kriegte ich selber Lust und probierte das Schlachten aus. Zuerst an Regenwürmern und Mäusen, danach an einem Laubfrosch; der Vater sagte mir dann, die Frösche müsse man mit einem Strohhalm so lange aufblasen, bis sie platzten, das sei die richtige Art.«

Er schwieg eine Weile, in seinen Ohren war das Geschrei vieler Tiere; es gackerte, quiekte und klagte; tiefroter Nebel hing stinkend und schwer wie ein Vorhang an jeder Tür – – dann tat sich ein großer Küchenraum auf, in dem Kessel brodelten Würste, in gemuldeten, 203 hölzernen Austragschiffchen lagen Fettbrocken, rauchte das Eingeweide: Herz, Leber, Nieren und Lunge, alles war übereinandergeschoben und nicht mehr an seiner Stelle, aber trotzdem lebte noch jedes Stück und lebte mit sich allein. Es war sehr still, nur das Wasser zischte, das Feuer knatterte leise – und plötzlich war außer ihm ein anderer Knabe da: schön wie ein Verkündigungsengel, doch schielte er ein wenig und trug in der rechten Hand eine graue Brennesselstaude. Sofort fing das Schweineherz in der Mulde stärker zu klopfen an, wie ein Blasebalg blähte die Lunge sich und sank in sich zusammen, auch der Magen zuckte und rieb seine Wände wie zwei Mühlsteine gegeneinander. Der fremde Knabe kam näher und mit ihm ein eigentümlicher Duft und ein summendes, feines Geräusch – nun sah der Schlächtersohn über dem Haupt des außergewöhnlichen Kindes einen Kranz von Schmeißfliegen schweben und wich furchtsam vor ihm zurück. Doch der andere richtete seine Augen, die das einzig Unschöne an ihm waren, beständig auf den Gefährten und drängte ihn gegen die Wand; dann hob er die Brennesselstaude und peitschte ihm das Geschlecht. In demselben Augenblick wurde es finster, nur die Fleischmulden schimmerten schwach und ließen in dem verdorbenen Licht ihr Eingeweide sehen, der Satansengel trieb ihn voran und zwang ihn, sich zu entleeren; er verunreinigte Leber, Herz, Lunge und Nieren und sank nach vollbrachtem Verbrechen laut schreiend in die Knie; die Dunkelheit hellte sich langsam auf, der Knabe war fort, doch die Faust des Vaters hielt den Entsetzten am Genick und schüttelte, stieß ihn zur Erde, auf die steinernen Fließen hinunter . . . Dieser Vater: Schlag, Stoß und mit frischer Gewalt wieder ein neuer Schlag, dazwischen ein helles Heulen – – ›Vorwärts‹, erzählte Aladin weiter, als habe er das Vorhergegangne mit lauten Worten berichtet, ›vorwärts – die Hände hier auf den Fleischklotz! was! willst du nicht zucken? ob ich sie abschlagen werde?‹ 204

Oh! Oh! dann nahm er ein kleines Beilchen, ich glaube, es war zum Holzspalten da und tat, als wolle er hacken. ›Nein‹, sagte er rasch, ›das geht nicht gleich durch. Ich will doch Mitleid haben. Hier, meine Rinderaxt: paß einmal auf. Da – fühle nur ruhig an die Schneide. Ach was, ich werde dich heute nicht hacken. Vielleicht morgen, vielleicht auch noch später.‹ Dann setzte er sich auf den Holzklotz und hob mich auf seinen Schoß. ›Wir wollen zuerst ein Schlachthaus bauen. Weißt du, eines mit vielen Zimmern‹, grinste der Vater vertraulich. ›Das soll in lauter Nußbäumen stehen, damit es schön dunkel drin ist.‹

Und ich: ›Wir lassen die Läden herunter und stecken Lichter an.‹

›Zuerst kommt ein Flur, du gehst immer voraus, ich mit dem Beil hinterher. Hernach ein Zimmer mit lauter Bildern, die sehen uns alle an.‹

›Und weiter?‹

›Ein Schreibkabinett, wie's der alte Wagenfeld hat. Dort nimmst du die Feder zur Hand und schreibst, es wäre dir recht, von mir geschlachtet zu werden. Das wäre das zweite . . .‹

›Das dritte Zimmer?‹

›Hat rote Polstermöbel.‹

›Das vierte?‹

›Ich weiß noch nicht. Eins hinterm andern – zuerst den Stich in die Kehle, dann umrühren, ausbluten lassen . . . das letzte Zimmer ist schwarz.‹

›Sind wir allein in dem letzten Zimmer?‹

›Ja. Denn der dort ist, der zählt nicht mit. Der ist immerzu dort und schon hier. Weg!‹ sagte er plötzlich böse und zuckte mit seinem Kopf zur Seite; das Feuer unter dem Kessel sprang lustig in die Höhe, als hätte man unversehens etwas hineingepfeffert. So war das –«

Aladin warf sich herum, das Mädchen seufzte und zog die Decke über den Schlafkameraden, dabei mußte es fühlen, daß es ein anderer als der gewohnte war, denn 205 es erwachte, stieß mit den Beinen an die harten Knie des Mannes und erschrak nicht weniger und nicht mehr, als wenn der Gaul aus dem Keller bei ihr gelegen hätte. »Pst«, flüsterte Aladin ängstlich; sie schrie überhaupt nicht, obwohl sie den Mund krampfhaft geöffnet hatte: der Schrecken war so groß, daß er den Schrei in die Kehle hinabstieß und sie zusammenpreßte. »Ich bin es doch«, bettelte er und setzte voll Demut hinzu: »nur ich – der Lückenbüßer.«

Allmählich kam sie zu sich, der Eimer, den er hinabgelassen, schwebte langsam wieder herauf, er beugte sich über den Rand und sah auf den Wasserspiegel ihres freundlichen, runden Gesichts: sie hatte geschlafen, doch noch im Schlummer war ihr Gehorsam so groß gewesen, daß alles in sie hineingeflossen und bei ihr geblieben war.

»Kennst du mich jetzt?«

Sie nickte. »Ja«, sagte sie dann und noch einmal: »Ja . . .«, dieses letzte Ja schien aus lauter Vertrauen und Liebe gemacht zu sein. Wahrhaftig: sie war hierhergekommen, um jenem Mann zu gehören und hatte es auch vollbracht. Oder nicht? ein schmerzliches Reißen flog plötzlich durch ihren Körper und verbreitete sich wie ein Brand in ihrem Inneren – dann trat es als Lächeln auf ihren Mund und erlosch in zwei dicken Tränen, die ihr über die Backen rollten . . .

»Warum weinst du denn wieder?« seufzte er traurig. »Ist es wegen dem Dodot?«

»Nein.«

»Wegen mir?«

Sie schüttelte rasch den Kopf und sagte: »Ja – aber anders, als du dir denken kannst.«

»Anders?« forschte er ratlos und nahm sie um die Mitte, wie Männer mit Frauen zu tun pflegen, wenn ihnen nichts Besseres einfällt. Aber kaum, daß er eben in kleiner Münze ihre Freundschaft zu lohnen suchte, wußte er, daß ihm noch niemals ein Mensch so nahe gewesen 206 war. Ergriffen, begann er von neuem, in das seltsame Mädchen zu dringen: »Warum also? und wieso denn anders?«

Sie hob ihre Augen auf, wurde rot und sagte dann einfach: »Weil du so gut bist. Weil du besser bist als der Dodot aus Nantes und dem Peter das Schiff schenken willst.«

»Ach«, flüsterte er und begann, am ganzen Leibe zu zittern, »ich bin doch nicht gut. Ich bin doch nicht besser – im Gegenteil – –«

»Doch«, unterbrach sie ihn heftig, ganz gegen ihre sonstige Art. »Du wärest nicht fortgegangen.«

»Alle Männer tun das«, sagte er dumpf. »Ob sie Kinder lebendigmachen – – oder tot, wenn die Lust sie treibt.«

»Aber dann hättest du dich erinnert und wärest zurückgekommen.«

Er schwieg, betroffen von dieser Wahrheit, dann fragte er ablenkend: »möchtest du denn, daß der Dodot aus Nantes wiederkäme?«

Sie wollte antworten: ja natürlich, oder sonst etwas Ähnliches, was ihr seit damals beständig bei der Hand war – aber wie denn? Sie konnte es nicht. Eine grenzenlose Erleichterung ergriff langsam von ihr Besitz und trat an die Stelle von allem, was ihr eben noch wünschbar erschienen war – »nein«, sagte sie unendlich erstaunt. »Wahrhaftiger Gott im Himmel.«

Sie schwiegen und ließen, jeder für sich, die Seile weiterlaufen; hernach fuhr die Liesa bedächtig fort: »Du bist es und bist es auch nicht.«

»Wer denn? wer bin ich und bin es nicht?« fragte der Mann und wußte bereits, was sie ihm antworten würde.

Sie erwiderte: »Dodot« – ihr Mund blieb offen, wie er es eben gewesen war, um den einzigen Namen zu formen; fast schien es, als ob er um seinetwillen in all diesen schlechten Jahren so hätte verharren müssen.

Also wirklich. Er, Aladin, stand hier für einen ganz anderen Menschen: für einen, der Schuld ohne Sühne im 207 Heereszug hatte wie Maultierdreck hinter sich liegen lassen und seiner Wege gegangen war. Er folgte ihm, ein Soldat wie jener, und trat in seine Stapfen. Aber während der erste wesenlos wurde und hinter den Horizont sank – war er der Vater des Lückenbüßers oder war er's am Ende nicht? – nahm der zweite geheimnisvoll zu und wurde dichter und immer schwerer, als habe sich ihm mit jedem Schritt die fette, fruchtbare Erde an seine Sohlen gehängt. Zuletzt war er stehengeblieben und hatte sich selber gestellt. Wie heißest du? Peter Schaffner. Geboren? Im Ried. Und woher dann in französischem Lagerdienst? Er wußte es nicht. Es fehlte ihm noch, wie ihm dieses und jenes fehlte. Nur seinen Namen und seine Schuld hatte er ganz gewiß und hatte beides in einem – so sicher, wie jemand, der »Adam« sagt, auch den Sündenfall mitbekommt. Nun stand er für niemand mehr außer sich selbst; doch merkwürdig: kaum, daß ihm eben, als er zu wandern begonnen hatte, jener Aladin schon wie der Werwolf ächzend vom Rücken glitt, hatte er auf dem Erlenhof hier den Dodot aufgelesen: »Jean«, hörte er wieder die Liesa sagen, »Jean kann doch wohl jeder heißen? Nicht wahr: hier herum und in Worms und Mainz heißen sie öfter so?« Dies war in der ersten Nacht gewesen, als das Mädchen ihm Wasser zum Waschen und den Apfel zum Träumen brachte – und in der letzten, welche die Liesa mit ihrem Geliebten teilte, hatte sich jener Dodot in Schäume zurückverwandelt. Aladin, Dodot, Peter. Zuletzt wird er gar noch gezwungen sein, den kleinen Lückenbüßer auf seine Schultern zu nehmen; wie?

Er lachte laut und belustigt, die Liesa war es zufrieden und fuhr mit ihren Vergleichen fort: »Soldat ist Soldat. Das macht schon der Rock und wie einer leben muß. Bald hier und bald dort, das ist nun nicht anders; sich dranhängen hat keinen Zweck.«

Ebenso leicht, wie das Mädchen den Dodot, gab sich nun Aladin gleichfalls auf und erwiderte: »Krieg ist 208 Krieg. Wenn er fertig ist, fängt er von neuem an und hat immer die letzte Kugel für den nächsten zurückgelassen.«

»Ja, ja – so ist das«, sagte die Liesa gesättigt, ohne den Mann zu verstehen. Ihr Schicksal hatte nun Sinn erhalten; es war was wie Blühen, Befruchtetwerden und Unter-die-Sichel-Kommen.

»Darum muß ich auch bald wieder fort«, sagte Aladin, über sich selbst verwundert, und schloß damit ihrer beider Leben in einem einzigen Bogen: zum letztenmal spielte er Dodot und wurde, indem er die Stellvertretung des fremden Soldaten aushielt, in sich zurückgeworfen.

»So? mußt du?« fragte das Mädchen und griff nach dem braunen Mantel, in welchem es zu ihm geschlichen war. Der Fensterladen klapperte wieder, wie immer, wenn Wind von Westen aufkam, Aladin blies aufs neue die Erdöllampe aus und schob den wackligen Riegel der Kammertür zurück. »Gute Nacht –«, sie reichte ihm rasch ihre Hand und hatte es eilig, hinunter zu kommen; er nahm sie und ließ sie gleich wieder fallen wie einer, der fremdes Gut aus Versehen mit aufgelesen hat: ach, dachte er traurig, war nicht am Ende er selber nur ein Zufall, ein Fehlschuß, ein Blindgänger, eine Frage, die ohne Erwiderung blieb? Die Treppe knackte leise in langen Zwischenräumen; er stand in der Tür und horchte, bis unten die Klinke ging. Zurückgekehrt, tastete er nach einer Streichholzschachtel und rührte die Flasche an. Dies war die Antwort. Er beugte sich zärtlich auf das kühle, grünliche Glas hinunter und legte die Wange daran; dann hob er das Ding von dem Schemel auf und trug es hinüber zum Bett.

So verbrachte ein Mann den Rest dieser windigen, alles entwurzelnden Nacht mit seiner Vergangenheit. 209

 


 << zurück weiter >>