Elisabeth Langgässer
Proserpina
Elisabeth Langgässer

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Es war in den ersten Tagen des Advents, als das Kind die alte Gärtnerin und ihren Herdkreis wiedersah.

Schon in der Frühe eines milchweißen Morgens, den die Sonne nur zögernd lichtete, hatte ihm die Mutter von der Absicht eines Besuches bei der wunderlichen Frau gesprochen und statt der leichten Spielschuhe jene gefütterten Stiefelchen an die Füße gezogen, die einen Ausgang versprachen und mit heiterem Knarren seine Schritte begleiteten. Auf einen kurzen Silberblick folgend, hatte sich der Nachmittag wieder bewölkt; es lag Schnee in der Luft und die Ahnung einer Milde, die in zarten Flocken heruntertauen würde.

Wie es häufig geschieht, fiel jene Erwartung der Natur mit der Jahreszeit und den Gedanken der Menschen zusammen und mochte die Hausfrau an das nahe Fest erinnert haben, denn früher als sonst begann sie vorzusorgen, und auch der angekündigte Besuch galt einer Erforschung von Wünschen, die man der Alten aufreden mußte, weil die furchtbare Bedürfnislosigkeit des Greisentums keinen Wechsel mehr duldete.

Vielleicht, um Proserpina hinzulenken auf die 97 Freude des Gebens, besprach sich die Mutter bereits auf dem Weg mit ihr und zog sie liebevoll in die Umwelt menschlicher Güte; ernsthaft das Wort an sie richtend, schien sie sich Rat bei ihrem Kind zu holen, und eifrig erörterten beide, ob es wohl angemessen sei, das zerrissene Schultertuch der Gärtnerin mit einem neuen zu vertauschen oder die zerbrochenen Töpfe und schadhaften Gartengeräte heimlich zu ersetzen.

Als man sich indessen dem verfallenen Wohnhaus näherte, das im Sommer, von Blättern und Bienen umrauscht, einem Hügelgrab geglichen hatte, nun aber wie die Wohnung des Winters selber war, von welcher Schlaf und trostlose Öde sich über den Garten zu verbreiten schienen, erschauerte das Herz des Kindes und fühlte zum erstenmal jenen eisigen Raum, in welchem Greise mit Göttern zusammenwohnen – besitzlos und allmächtig. Es verstummte, und selbst, als die Alte ihnen mit geschwätziger Freundlichkeit, welche den Zweck des Besuches erraten mochte, aus der Türe entgegenkam, blieb es in Gedanken versunken, die wie stille Gewässer waren, über denen sich in kalten Nächten die Kristalle zusammenschließen.

Zu dem Herdfeuer tretend, dessen Schein in dem rasch sich verdunkelnden Nachmittag schon rötlich über den Boden fiel, wären Mutter und Kind fast zurückgewichen vor der Luft, die ihnen 98 entgegenschlug und eine Mischung all jener Dünste enthielt, die sich auf Küche, Keller und Stallung sonst verteilen.

Als hätte sich das Leben aus Furcht vor den kommenden Frösten dicht aneinandergedrängt, hockten wie gramvolle Laren die Hühner auf dem strohbeworfenen Boden, den eine Ziege, die in der Ecke angepflockt war, mit ängstlichen Nüstern prüfte; Gerste und Hülsenfrucht stand in offenen Säcken an der Mauerwand; von den Wänden hing, um sie vor Nässe zu schützen, in einzelnen Schnüren die Fülle des gelblichen Bastes und von den Balken gedörrtes Fleisch herunter, das mit Salz, wie mit Rauhreif, bedeckt und in den seltsamsten Formen zusammengekrümmt war.

Erschrocken fuhren jetzt die Vögel auf, und während Proserpinas Mutter ein Fenster öffnete, um das Geflügel hinauszuscheuchen, ergriff die Alte, böse blickend, einen Krug und stieg in den Keller hinunter, wobei sie auf jeder Stufe, einen Fuß neben den anderen setzend, mit sinnlosem Kichern verweilte; die Mutter seufzte; ging hin und her und ordnete, den gröbsten Unrat lichtend, Tisch und Bänke, bat Proserpina, ihr zu helfen, und gab dem Kind einen Besen, scherzhaft bemerkend, dies sei wohl das nächtliche Reitpferd der Alten, das bei dem Galopp über Hügel und Hecken seine Mähne gelassen habe. 99

Ihn ungeschickt über den Boden führend, brachte Proserpina seltsame, doch ihr vertraute Dinge ans Licht, welche die Mutter, unwillig halb und halb erstaunt, betrachtete: Reste von schwarzen Gewitterkerzen, zerstochene Kartenblätter und wächserne Herzen, die in der Nähe des Feuers ihre Form verloren hatten und fratzenhaft ausgelaufen waren.

Dabei geschah es, gerade als die Gärtnerin, den gefüllten Krug in Händen, wieder eintrat, daß Proserpina einen leichten Anstoß verspürte und dem Besen eine glänzende Glaskugel entrollte, welche, der Bodensenkung folgend, unhörbar gegen das Fenster lief.

Weil niemand diesen Vorgang bemerkte, vielmehr die Mutter, sich zu der Alten setzend, dem Kind befahl, sich allein zu vergnügen, schlich Proserpina denselben Weg, den die Kugel genommen hatte – und in dem aufdämmernden Gefühl eines Unrechts, das sie begehen wollte, kam es ihr vor, sie wäre katzenköpfig und wandelte ebenso lautlos dahin wie nun das schimmernde Glas. An der Fensterbank angekommen, stellte sie leise den Fuß auf die Gefangene, um sie unbemerkt aufzuheben, und fühlte, scheinbar vertieft in den Anblick der kauenden Ziege, die glatte Rundung mit heimlichem Beben; die Gärtnerin aber, im Glauben, daß das Mädchen sich langweile, hob von den Schränken 100 in der Nähe des Herdes ihre staubigen Schätze: Muscheln und Ammonshörner und jene in Flaschen gelassenen Schiffe, die das Kind schon kannte, rückte den Stuhl vor das Fenster und humpelte wieder davon.

Gehorsam nahm Proserpina die Muscheln entgegen und hielt sie an die flaumige Höhle des Ohres; sie versank im neptunischen Rauschen und hörte die Rede der beiden Frauen nicht mehr.

Sehr bald überkam sie ein inneres Wogen, das sich brausend verstärkte und wie die Brandung des Schlafes an ihre Sinne rollte; fernher vernahm sie die Stimme des Gärtners, der ihr von dem uralten Meer erzählte, das einst diese Gegend bedeckte; ein langsam sich drehender Wirbel begann sie anzusaugen, sie fühlte Algen im Haar und glitt an Schiffen hinunter, die mit gefalteten Segeln in blaugrünem Wasser schwammen; blaßrosige Schleier von farbig zerfließenden Tieren berührten sie zärtlich und legten sich ihr an den Körper, als ob sie ihn lange schon suchten – da schlug ihre Schläfe plötzlich hart an dem Meeresgrund auf.

Proserpina erwachte und fand sich am Boden liegend, das Zimmer war leer, und es schien spät zu sein, obwohl eine weißliche Helle gespenstisch den Raum erfüllte. Mit einem Schrei fuhr das Kind in die Höhe und hielt, von Schlaf, Triumph und wilder Freude trunken, in der Hand die Kugel, die 101 es beim Fallen gegriffen haben mußte; sie stand geheimnisvoll im letzten Tagesschein, der auch Proserpinas Finger noch schwach umleuchtete, und offenbarte allmählich den Zauber ihrer Tiefe:

In einer kristallenen Höhle, aus der keine Wiederkehr war, weil sie die flüchtenden Blicke an der glänzenden Rundung brach und weiter ins Innere führte, entsprangen opalblaue Flüsse, die sich kreisend ergossen, und zwischen ihnen ruhte, siderischen Bildern ähnlich, ein Zwillingspaar goldener Fische, die, reglos gekrümmt, in der Mitte der Ströme verharrten.

Es war eine einfache Murmel, nicht anders als jene, mit welcher die Knaben spielen; für Proserpina aber ihres Traumes Vermächtnis und ein Unterpfand wirkender Geister. Wie ein Perlenfischer, der die schönste im Mund verbirgt, um sie für sich zu behalten, beschloß sie, den Schatz zu verschweigen; die eigene Kühnheit als reißendes Segel gebrauchend, beging sie, ohne zu zögern, den ersten Raub ihres Lebens und nahm die Kugel an sich, die sie von dem Grund ihrer Meere gehoben hatte.

Nicht lange darauf erschien die Mutter wieder, gefolgt von der Alten, die eine Lampe trug und den Rundgang mit heftiger Abwehr begleitet haben mußte, denn immer noch zitterte ihr zahnloser Mund und widersprach freundlichen Vorschlägen, 102 die längst verklungen waren. Sie zu beruhigen, fragte die Mutter darauf, ob ihr denn lieber wäre, man trüge etwas hinweg, als daß sich ihr Hausrat vermehre – verstummte jedoch vor dem furchtbaren Auge der Alten, das sich zuerst auf die Mutter, dann aber wahrhaft entsetzlich auf Proserpina richtete und um alles zu wissen schien. Von dem schwelenden Licht getroffen, vergor es in schwimmendem Weiß wie das erhobene Auge von trostlos erblindeten Pferden; als hätte der bläuliche Apfel die Iris nach hinten gewendet, war Kern und Begrenzung verschwunden, und wie, wenn des Schlafenden Lid in die Höhe gezogen und dem Mondgestirn offen wird, belebte sich langsam die Fläche mit schwimmenden Bildern, dem Strandgut der flutenden Seele, die gräßliche Träume ans Ufer der Wirklichkeit warf.

So starrte sie eine Weile Proserpina an wie eine Zauberin, die, hilflos gefesselt an den Umkreis des Bösen, ihre Kunst nicht gebrauchen kann, fiel dann in sich zusammen und stand weder Rede noch Antwort mehr.

Sehr weit und traurig schlug auf entferntem Kirchturm eine Uhr; es wehte kalt durch die offene Türe, und geisterhaft huschten die Hühner mit schläfrigen Flügeln herein. Proserpina fühlte die tastende Hand ihrer Mutter, den Pelz und die wollige Mütze, umfaßte die Kühle der gläsernen 103 Kugel und trat in den Steinflur hinaus. Die weißliche Helle, der Widerspruch des Abends, verstärkte sich immer mehr, und plötzlich drang mächtige Blendung breit aus dem ruhenden Garten: Ein Wunder war lautlos geschehen und hatte die mühsame Erde ins unbegrenzt Klare gedehnt; sie lag im ersten Schnee, der fast nur Milde war und himmlische Gewährung.

Den Fuß von der Treppe, die nicht mehr schallte, lösend, sanken Mutter und Kind in Schweigen. Es war so vollkommen still, daß aus dem Ohr Erinnerung stieg, leicht und unbehindert, weil kein Geräusch mehr dagegenstand, Erinnerung, die sich Proserpina anbot, der Nymphe des Gartens, die endlich unhörbar geworden war.

Sie horchte und fand den Weg zum Innenraum der Töne; er war nicht zu verfehlen, denn ihn erfragen, hieß: schweigen, und ihn gehen: selber verschwiegen werden; weil aber der tiefe Schnee den Schritt vor der Frage hinwegnahm, war das Kind schon geleitet, noch ehe es wußte, wohin. Ein leichtes Knistern nur verlor sich in seinem Gehör und war bereits wie jenes, das Blitzen voranläuft, Erscheinung und Form geworden – Kristalle der Oberwelt brachen und bildeten jählings die innere Höhle des Schweigens, den Ort, wo die goldenen Fische in der Mitte der Ströme verharren.

Nun, da der Winterhimmel die Landschaft 104 überwölbte und keinen Ausweg ließ, schien jedes Geräusch gefangen und ging im Wendekreis, lief rund und pflanzte sich nicht mehr fort wie der stürmende Pfeil; denn Helios hatte den Bogen gesenkt und war in den Wassern ertrunken. Was einst dahinflog aus der Kraft des Sommers – die Vielfalt der Bewegung, die sich anstößt und weitergibt, Gespräche der Natur und des Menschen unendlicher Kanon – dies alles wandelte jetzt umeinander und hatte, wie sphärische Körper, die tönende Bahn seines Laufes als Bild in der Kugel gelassen.

Proserpina sah und hörte, und beides war eins geworden: die gläserne Murmel und diese Wintererde, die sich geöffnet hatte: durchsichtig bis zum Grunde, wohin sich das Schweigen zurückzog. Nicht, daß das Kind um jenes Gleichnis wußte und es zu deuten verstand; es fühlte nur schwach, aber ungemein zart und empfindlich, die schwebende Waage der Welt.

Den dichten Schneebehang verwachsener Büsche streifend, erstaunte das Kind, daß nicht die berührten Zweige, vielmehr die ferneren ein feines Rieseln begannen, das aus sich selber fortlief und den Eindruck erweckte, als ob die wirkliche Schöpfung, ihr Flüstern und Kreisen, erst hinter dem Wald der Erscheinungen läge – doch weil derselbe gelichtet war und darum sehr viel leichter, 105 weit rascher als im Sommer erschüttert werden könne.

Mit einemmal war, bedeckt von der flaumigen Hülle, die Erde tief geworden; und das braungefleckte Blatt, das im Hinweg unter Proserpinas Füßen geknistert hatte, schien als Vampir oder Löwe, als Pardel oder Drache nach unten entrückt zu sein, gefährlich sich krümmend in schwärzlicher Feuchte. Ein alter Rechen ragte aus dem Schnee; er hatte sich kopfüber festgebissen mit den rostigen Zähnen, zwischen welchen noch Stroh oder Moos hängen mochte oder ein gefallener Apfel samt seinem Gehäuse voll Maden versehentlich eingeklemmt wurde. Ihm nachzudenken war, wie wenn man vor dem Schlafen die Augen fest auf das Kissen drückte und aus dem Kreisen des Blutes phantastische Bilder las – nur daß jetzt nicht allein das Gesicht, sondern auch das geschärfte und durch die Totenstille bis zum Zerreißen angespannte Ohr Verborgenes aufnahm und Nachlese hielt unter den schlummernden Kindern der Erde:

Hier war die Hecke, durch die im Spätherbst noch der Igel schlüpfte, beladen mit blaugrünen Zwetschen, die er wie Beutestücke auf seinen Lanzen trug; dort jener höckerige Stein, in dem die Kröte gesessen hatte, schleimglänzend und feist von Schnecken, die ihren Bauch bewohnten; und auf dem Seitenpfad drüben, der zu dem 106 Ziehbrunnen führte, die Stelle, wo täglich eine Eidechse erschienen war, ein huschender Blitz, der die Büsche zerteilte und dann, wie aus feinen Erzen, ganz unbeweglich verharrte – betäubt von der Sonne bis auf die pochende Kehle.

Sie alle mußten jetzt schlafen; das hatte ihr Jakob erzählt und leise hinzugefügt, daß man keins dieser Tiere erwecken oder vorzeitig ausgraben dürfe, da es sonst nicht mehr Ruhe fände und dem Frevler die Herzgrube beschwere, sobald er sich niederlege; es schwölle dann an mit zottigen Kämmen und Klauen und sauge sein bestes Blut, weil sonst keine Nahrung mehr wäre, ohne sichtbare Wunde aus.

Hätte aber einer das Glück und fände um diese Zeit die abgestreifte Haut einer Schlange, einen Maulwurfzahn oder dreierlei Flocken vom Winterpelz der Hasen, Eichhörnchen und Füchse, so könne er große Dinge damit wirken und auf die Fährte vergrabener Schätze kommen – wozu freilich noch der Name des Natternkönigs gehöre, den er vergessen habe. Doch möchte ein Mensch ihn erfahren, so brauche er bloß an dem kürzesten Tag des Jahres aufs Feld hinauszugehen und in der Dämmerung einen Kreis in den Schnee zu ziehen, worauf sich derselbe wie weißer Rauch erhöbe und die Gestalt einer Schlange bilde, die das gekrönte Haupt in Ringen über die Erde führe. 107

Alsdann müsse der Mensch ein Knie vor ihr beugen und dreimal sagen: »Ich grüße dich, Natternkönig.« Der König würde fragen: »Warum hast du mich aufgeweckt?« Der Mensch hinwieder: »Dein Reich ist angebrochen.« Hierauf die Schlange: »Ist denn das Licht gestorben?« »Es ist erloschen am kürzesten Tag des Jahres.«

Wenn der Beschwörer dies ausgesprochen habe, müsse er eilends das Gesicht mit den Händen bedecken und sich zu Boden werfen, denn nun erhöbe sich ein gewaltiger Sturm, in dem das Wehklagen aller Geschöpfe über der Erde wie mit menschlicher Stimme enthalten sei. Dies dauerte aber nicht lange und würde abgelöst von einer großen Stille.

Jetzt solle der Mensch den Schlangenkönig bitten, ihm gegen die Augen zu hauchen, sie aufschlagen und hin zu dem Erdkreis sehen. Dort säße nun ein dunkler, aber schöner Mann, das Haupt geschmückt mit einem Flammenreif, und hielte einen Stab in der Hand, welcher oben gespalten sei und in der Gabelung einen Apfel trüge, so daß also Zepter und Kugel in ihm vereinigt wären.

Um ihn versammelt, fände man seinen Hof, die unterirdischen Tiere: Gewürm aller Arten, Erdspinnen, Unken und Maulwurfsgrillen, die von eigenem Feuer leuchteten und einen starken Schein über den abgeschmolzenen Boden und den Schnee 108 weiter draußen würfen – rötlichen Glanz, der die Schollen und Steine durchdringe und in der Tiefe das Gold, die fremden Münzen, Waffen und Krüge sichtbar mache, die hier allerorten vergraben seien.

Nun dürfe der Mensch für die Botschaft, die er gebracht, eine Bitte tun. Aber einfältig sei es, andres zu wünschen als den Namen des Natternkönigs; denn angesprochen über Zahn und Schlangenhaut, bevor man dieselben zur Nacht unters Kissen lege, lasse er alle Schätze bis Lichtmeß im Traum ihren Fundort zeigen – so nämlich, daß der Mensch die Erde offen sähe.

Als bis zu dieser Stelle von Jakobs Erzählung Proserpina nachgedacht hatte, erfaßte sie plötzlich ein leichter Schwindel, derart, als ob der Garten um sie gekreist hätte und seine Pforte mit einemmal hinter ihr wäre.

Das mochte wohl daher rühren, daß die Mutter unversehens ihre Hand ablöste, um dem Kind auf dem Weg zum Ausgang voranzugehen; vielleicht war auch das Mädchen im Gehen eingeschlafen und fand sich nun, kurz vorm Erwachen, in jener Lage, die wir alle kennen: wir heben die Füße und kommen doch nicht weiter, denn jeder Schritt scheint uns zurückzuführen.

Schon war die Mutter hinter mächtigen Hängen verschwunden und hatte das Kind zwischen 109 Himmel und Erde verloren – da geschah es Proserpina, daß sie ihr Mühen empfand wie ein Tänzer auf rollender Kugel. Ganz unbestimmt sah sie die kleine Gestalt eines Mädchens, welches sie früher schon einmal erblickt haben mußte; ihr dünkte: am Ausgang der Stadt, wo eine wandernde Truppe einst hohe Seile gespannt und abends im Feuerschein zu grellen Flöten getanzt und gesungen hatte – einen flimmernden Körper, der sich mit zarten Füßen auf einer Weltkugel hielt und sie fortbewegte. Sehr deutlich entsann sich Proserpina nun, daß diese von himmlischem Blau und ganz übersät mit Sternen gewesen war, ja fast den Eindruck erweckt hatte, als ob sie durchsichtig wäre.

Wie damals ein fremdes Mädchen, so bog jetzt das Kind seinen Nacken zu dem gewölbten Glanz vor seinen Sohlen hinunter; es breitete spielend die Arme aus, dann spreizte es langsam die Hände und hob, die es eigentlich meinte: die gläserne Murmel mit fragendem Lächeln empor. Doch wie betroffen von überaus klarer Antwort blieb es tiefatmend stehen. So gibt das Spiegelbild unser forschendes Angesicht wieder und ahmt uns geduldig dieselben Bewegungen nach, wie nun die große Erde sich in der schimmernden Kugel unendlich leise verfing.

Indem sie Proserpina zwischen zwei Fingern 110 rollte, geschah ihr zuerst, als ob sie im Widerschein den ganzen Garten trüge samt seinen zitternden Bäumen; hierauf erschloß er sich mühelos und stand wie das Haus der Fische weit in die erschöpfte Tiefe und in den Schlummer der Tiere offen, bis endlich das Reich und die Herrschaft in der Kugel zusammenfielen: Wer sie besaß, dem war die Wintererde und auch der Apfel des Natternkönigs eigen; wohin sie immer entlaufen und wo sie endigen mochte – stets würde sie an ein Geheimnis, an Muschel und Feuerstein, rühren.

Nun glaubte das Kind auch zu wissen, weshalb die Gärtnerin es so böse betrachtet, doch keinen Versuch gemacht hatte, ihm den Raub wieder abzunehmen: es mußte die Macht der Alten sein, die fortgetragen wurde, eine Macht, die das Mädchen an seinen stummen Gefährten, an Kellerfrüchten und Pflanzensamen zu erproben dachte – frei schaltend unter Geschöpfen, die von den wirkenden Kräften schon lange abgelöst und daher hilflos waren, vergessen wie die Puppe, wenn der Faden, an welchem sie aufhing, reißt; wie die Erdfrucht, deren Stiel verdorrte, und die fastende Fledermaus, wenn ihr Gerippe nur noch locker die Haut bewohnt.

Ganz zu beherrschen, die sich nicht regen konnten, obwohl sie im Innersten den Lebenskeim bewahrten, erschien dem Cereskind süß, trotzdem 111 es nicht wußte, warum; wohl möglich, daß es ahnte, wie leicht es nun war, jene Schwachen, von denen nichts blieb als der Name, zu seinem Dienst zu verführen.

Jetzt nämlich, da Kufe und Kelter zur Ruhe gegangen waren, stieg auch die müde Natur in den Schoß der Bilder hinunter und ließ den Menschen von ihren holden Formen nur die Erinnerung und Worte, die vom Gebrauch zugleich ermattet und süßer, wie Blumen zwischen den Lippen und Früchte in Körben, waren: Reseda, Kirsche, Rose, Oleander . . .

Am tiefsten schlummert sie in schon verwandelten Namen: Getreide heißt nun Brot und Traube Wein – doch leicht erweckbar in solchen, die vor dem Aufbruch stehen oder im Tausch der Formen begriffen sind. Was nicht mehr Raupe heißt und noch nicht Schmetterling: die Puppe wurde im Winter Proserpinas liebstes Spielzeug, und mit unzähligen Namen sprach sie das Cereskind an; es fand sie überall und rollte die Kugel nach ihr, nach jenem Zwischending der reifenden Natur, das, wie die Hörner der Schnecke, nach beiden Seiten wies, noch zögernd, wohin es sich wenden und welche Bildung es wählen würde, gleichgültig dagegen, wie man es nennen mochte, solange nicht sein Flügel, von dem wärmenden Licht gezogen, in silbriger Bläue oder heiterem Gelb, in Purpur 112 und Braun ausschlug und jeder Name bis dahin der düstere Name Plutos, des Natternkönigs, war.

 

Zu Hause angekommen, verbarg das Kind seine Murmel an wechselnden Orten, die es wie kleine, feuchte Flecke in seinem Gedächtnis hütete – und ähnlich den Zauberkreisen, von welchen Jakob gesprochen hatte, schien seiner Phantasie darüber ein Schneerauch zu wölken und fließender Gestalten willkürliche Formen zu bilden.

Zuerst erkor es die Grottensteine, die bis vor kurzem von dem Wasser des zierlichen Brunnens, den man jetzt abgestellt hatte, getroffen worden waren, nun aber, durchnäßt von den schmelzenden Flocken, als kleine Tropfhöhlen rieselten und das geschwärzte Moos wie Tierpelze über sich zogen.

Am frühen Nachmittag, wenn eine matte Sonne das schauernde Gefühl mit ihrer Gegenwart wärmte, schlich sich das Kind in den Garten und hob, ein lüsterner Engel, die Felsgebilde empor. Da lagen wie plötzlich geronnene Träume die starren Käfer in ihrer zerbrochenen Rüstung; erschrocknes Gewürm suchte, eilig sich krümmend, ins Dunkel zurückzugelangen; ein kleines Posthorn fing ängstlich zu schleimen an.

Nun tauchte das Kind seine winterlich blasse Hand, grausam und leichthin lächelnd, in das 113 erweckte Reich; es legte nachdenklich die rosig sich ringelnden Würmer als Schmuck um seine Gelenke, entließ die Lebendigen wieder; hob dann eine flache Grube im bröckligen Erdboden aus und setzte die Kugel hinein. Hierauf bedeckte es ihre Rundung mit winzigen Flügelschalen, die wie verlorene Schilde von abgekämpften Kriegern rings unter den Steinen lagen, streute dämmernde Muscheln darüber – sehr kleine Gebilde in abendlichen Farben –, überdachte die Höhlung wieder und saß noch lange träumend mit aufgestütztem Kinn an dem Hügel, bis die Kälte es fortwies.

Niemals erlaubte es aber, daß seine Kugel länger als einige Tage an ihrem Zufluchtsort schlummerte, sondern wechselte ihn bald wieder gegen einen anderen aus, wobei es ihm nicht auf die Sicherheit des Verstecks ankam, vielmehr nur auf den Hauch und das Geheimnis desselben, fast könnte man sagen: auf die Geister, die jenen Ort umschwebten und, was ihm anvertraut wurde, den Blicken der Menschen verhüllten.

Ein solcher war auch das Kellergewölbe, in welchem der Geruch des klarer gärenden Weines sich mit dem Duft der Äpfel so schwer und üppig vermischte, daß eine Kerzenflamme, wenn man sie hereinbrachte, ihren Lichtkern verkleinerte, weshalb es dem Kind noch verboten war, allein hinunterzusteigen und es nur herzklopfend einen 114 Befehl übertrat, der ihm seine tiefe Vernunft durch belasteten Atem und matten Pulsschlag bewies.

War es schon unbeschreiblich, die Dunkelheit zu fühlen und ihre weiche Fülle, wie der tastende Säugling die Brüste, mit beiden Händen zu greifen, so noch viel wunderbarer, den sich erhellenden Sinnen allmählich nachzugehen und langsam zu unterscheiden, was vorher nur Ahnung gewesen war: Zuerst die mächtigen Augen der silbernen Nachbarkatze, die, zitternd verehrt von angstvollen Nagern, als Kellergottheit in einer Nische saß und eigenes Licht zu verbreiten schien; hierauf das milde Feuer der edlen Goldparmänen, das rostige Grau der Reinetten und die hohe Röte der Rubinäpfel, die in gesonderten Lagen das reine Stroh bedeckten und, jede Berührung vermeidend, in sich selber ausreifen wollten; zuletzt die Winterfrüchte in ihren stumpfen Farben: Erdknollen und gelbe Rüben, die von dem Sturz aus den Säcken noch nachzudonnern schienen, und Weißkraut, dessen Blätter mit Händen und Knien zu pressen sich Proserpina niemals versagte – in tiefer Kehle lachend, wenn seine Säfte knirschten und sein hartes Fleisch unter ihren Fingerspitzen krachte, als ob die ganze Wollust der Natur in seine Rundung eingegangen und fest geworden wäre.

In diesem Raum, der ebensosehr nach alten Mauern und Mäusen wie nach Pomonens Körben, 115 nach den verschweißten Röcken der erdäpfelfahrenden Bauern wie nach den Händen der Mutter, wenn sie Messer und Bohne hielt, rochen, überkam das Kind jene Wonne, die es in Jakobs Hütte schon oft empfunden hatte, wenn seine Sinne den Nektar des irdischen Daseins tranken; nur daß jetzt Proserpinas Wille zugleich auch auf Herrschaft bedacht war und dies um so eher vermochte, als hier kein lebendiger Same verschüttet werden konnte, vielmehr, was man immer berührte, schon ausgestaltet war.

Ergriff sie das Larvenhafte, weil es auf seinem Weg den Tod erst sichtbar machte und ihn in verkohlten Formen deutlich hinter sich ließ, so auch die höchste Vollendung der eingeernteten Gabe, die nicht zerfallen durfte und zurück in den Mutterschoß kehren, damit sich der Mensch sein Feuer in der frostigen Zeit erhalte, er, welcher von allen Geschöpfen im Spätherbst seinen Anteil mit Netz und Jagdgerät fordert, die Fische in Öl und das Wildbret auf Eis vor der Verwesung bewahrt, die Früchte im dicklichen Zuckersaft hütet und das eingesalzene Kraut mit Brettern und Steinen belastet.

Ob es das Mädchen verlockte, den angehaltenen Tod, aus welchem der Mensch sich Leben und Wärme ißt, zu befreien? Wie um ein Orakel zu fragen, ließ es die gläserne Kugel leis gegen die 116 Katze rollen, und spielend ergriff sie das leuchtende Tier, bewegte sie bald in dieser, bald auch in jener Richtung, bis sie sich endlich zu den Einmachkrügen oder den Apfelbetten verlief. Dann hob das Kind die Murmel zu der erwählten Stätte, gesellte sie den Parmänen, die es als süßes Gebirge verräterisch über sie häufte, ein anderes Mal den Kartoffeln, den blinden Erdbewohnern – und indem es ihre weißlichen Augen reinigte und gegen die Kellerluke wandte, dachte es mit bebendem Entzücken daran, daß bald ihre Triebe ausschlagen und seine Kugel wie von sprossendem Gras umgeben sein würde; entließ es jedoch die Murmel aus der Gesellschaft der Äpfel und sah, daß die goldenen Schwestern dort, wo sie angerührt waren, von weicher Fäulnis ergriffen und einer sanften Verwesung schon überliefert wurden, so schwelgte es nicht weniger in unbegreiflicher Freude, welche beide Erscheinungen wollte und frevelhaft Tod und Leben, die jetzt noch bewußtlos Geeinten, nach Willkür unterschied.

Ob es nun Keller oder Garten war, die trockene Luft der Bodenkammer, in welcher die gelben Nüsse allmählich dunkelten und der alte Zirkel des Vaters ein Spinngewebe, das zwischen seinen Armen flatterte, auszumessen schien, oder der scharfe Duft einer frisch geteerten Holzhütte in den Maisfeldern an der Ostwand des Hauses – stets 117 quollen dort Hekates Brüste von schwarzer Muttermilch über und nährten Proserpinas Findling, das zaubrische Abbild der Erde, mit den Penaten zusammen; sie speisten die mächtigen Ströme der ruhelos wandernden Kugel, vertieften den Schlummer der Fische und lenkten die Bahn ihres Laufes in sich erfüllenden Kreisen.

 

Indem nun die Murmel ihre Wege ging und bald hierhin, bald dorthin zurückkehrte, umgab sie für das Mädchen ein Zauber der Erfahrung, und es war ihm, als ob sie, wie die honigtragende Biene, das Gedächtnis der Orte bewahre, an denen sie geruht und Staub empfangen hatte. Ja, als es eines Abends, den heimlichen Wunsch im Herzen, sie möge nun selber erraten, wohin ihre Sternenbahn sie noch zu führen gedenke, die Kugel im Garten bewegte, entlief sie seinen Blicken mit einer solchen Eile, daß das Kind nicht zu folgen vermochte, vielmehr nur die Richtung faßte, in welcher sie weggeeilt war und nachdenklich in das Haus zurückkehrte.

Da über Nacht ein Regenschauer fiel, war jede Spur verschwunden, als es am nächsten Morgen den Weg seiner Murmel verfolgte und auf dem schmalen Pfad der Rückerinnerung in ein Gebüsch gelangte, das von drei niedrigen schwarzen 118 Tannen gebildet wurde. Den feurigen Schmerz nicht achtend, welche ihre Nadeln ihm zufügten, kroch das Mädchen darunter und fand sich in einem trockenen kleinen Raum, dessen bräunlicher Boden angenehm knisterte und von Wärme zu rauchen schien.

Indem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, erblickten sie bald den Umriß der gläsernen Kugel, die sich nur schwach von einem hellen Fleck, der an den Rändern aufgewellt war, abhob; und hingekrümmt, erkannte es ihn als einen jener Pläne, die, schön getuscht, unter den Händen des Vaters hervorgingen. Diesen hier mochte der Wind ergriffen und auf durchnäßten Flügeln hinabgetragen haben: Seine Linien waren verwischt; die Maße tief erblaßt, als wären sie, an den begrenzten Raum gewöhnt, sich ihrer wahren Größe entsetzt bewußt geworden; und Erdfarbe, Ocker und Rot, hatte die reinlichen Felder auf dem Papier überschwemmt.

Nichts konnte an diesem Bauplan die Neugier des Kindes reizen; als es ihn jedoch unter der Kugel hervorzog und wendete, lag ein zierliches Gebilde vor seinen Augen, das reizvoll verkörperte, was der nüchterne Grundriß meinte.

Es stellte den offenen Anbau zu einem Gartensaal vor, der, wie sich das Kind aus Tischgesprächen der Eltern erinnerte, vergrößert werden 119 sollte – eine Aufgabe, die der Vater, welcher sonst nur öffentliche Gebäude zu entwerfen pflegte, aus Gefälligkeit gegen den ihm befreundeten Besitzer unentgeltlich übernommen hatte.

Nun war es ihm stets, und so auch hier, eine liebe Gewohnheit, die Entwürfe räumlich erstehen zu lassen, sie zwischen dichtbelaubte Bäume oder vor schattierte Hügel zu setzen und ihre Umgebung mit lustwandelnden Menschen, Hündchen und Pferden zu beleben – denn obwohl er sich dieser Spielerei als einer kindlichen Zwecklosigkeit bewußt sein mochte, wirkte doch unter der Gestalt des ernsten, festen Mannes ein überaus heller und leichter, fast ungebundener Geist, der ihn früher in allen Großstädten umhergetrieben hatte, jetzt aber dem Herdfeuer glich, das nur noch manchmal leise zuckt und über den Estrich die Bilder der glühenden Flamme wirft. Auch war der Vater der einzige im Haus, der Musik liebte und eignen Melodien stundenlang nachzugehen pflegte, die Behauptung bestätigend, daß Architektur und Musik Schwesterkünste seien.

Dabei konnte es wohl geschehen, daß ein flüchtig angeschlagenes Motiv ihm den Schlüssel zu schwierigen Entwürfen gab und er sich vom Flügel hinweg zu seinen Plänen wandte, um sie nach ihrer Vollendung mit ebenjener Melodie zu signieren, die ihm Anlaß der Erleuchtung geworden war – – 120 und als Proserpina nun den Bauplan zu betrachten und näher zu prüfen begann, fand sie richtig unter der Bildseite jene wohlbekannten fünf Linien wieder, welche von dem Gesang der auf und nieder steigenden Noten leise zu zittern schienen.

Einen Augenblick lang schwangen ihre Blicke an den vertrauten Zeichen wie abwärts hängende Meisen, übersahen ein Wort, das darunter seine rankenden Formen webte, und flatterten dann höher, um, als ob Leimruten sie gefesselt hielten, auf der Schilderei zu verharren, die in Wasserfarben ausgeführt und, weil das Blatt auf der Rückseite gelegen hatte, verhältnismäßig gut erhalten war; eine zarte Verwischung diente nur dazu, ihren eigentümlichen Reiz zu erhöhen und in abendrötlichen Wolken alles zusammenzuschließen: Gebäude, Laub und festlich feiernde Menschen.

An einen großen Saal, dessen gut gegliederte Fenster bis auf den Boden gingen – zwei von ihnen waren als Flügeltüren zurückgeschlagen –, schloß eine Halle sich an, von schlanken Pfeilern getragen und mit einer breiten Treppe verbunden, welche herunter in einen Garten leitete, der seinerseits wieder von Blattwerk überdacht war, rankendem Wein, der den immer heller werdenden Dreiklang der Freude vollendete und ins Freie führte. 121

Überall waren kleine Tische aufgestellt, an welchen Gäste saßen oder standen – und eine Gruppe näher betrachtend, erstaunte Proserpina über ihren fremdartigen Aufzug, der sie in Tracht und Haltung halb Tieren, halb Menschen ähnlich machte: Junge Männer mit Kränzen auf dem Haupt und Fellen um die Hüften hielten flache Schalen hinauf, tranken oder waren schlafend hingesunken; andere liefen mit Krügen umher, schenkten aus oder beugten sich über die Schulter der Jünglinge, und mit Entsetzen gewahrte das Kind, daß diese Diener gehörnt waren und der untere Teil ihres Körpers in Bocksfüßen endigte – Gestalten, die es sonst nur auf Bildern Satans und seiner Gesellen zu sehen gewohnt war und von einem Tafelgemälde in der Pfarrkirche her kannte, dem dreigeteilten Ölbild eines alten Meisters, der die Höllenqual der Verdammten am linken Seitenflügel schilderte. Jene Menschen dagegen schienen nicht zu leiden; vielmehr wandten einige das lachende Antlitz dem Garten zu, wo gelbgelockte Mädchen sich in rasendem Reigen drehten, Pauken und Tamburine über selige Häupter haltend.

In der offenen Tür des Gartensaals lehnte, die gebogene Hüfte leicht angestützt, der Wirt: ein unbekleideter, sehr schöner Mann mit weichen Formen, der in der einen Hand einen umlaubten Stab trug, die andere dagegen niedersenkte, eine 122 brennende Fackel zur Erde neigend, die er mit schmerzlich wildem Ausdruck betrachtete. Sofort erinnerte sich Proserpina, daß, wie ihr die Mutter bei einem gemeinsamen Friedhofsgang einst erklärt hatte, die gesenkte Fackel den Tod bedeute – auf welche Weise aber der erhobene, herrlich geschmückte Stab und das ausgelassene Treiben ringsumher dazu stimmte, verstand sie nicht.

Immer wieder kehrten ihre Blicke, so sehr auch Einzelheiten sie ablenkten und gesonderte Gruppen ihre Neugier erregen wollten, zu jener rätselhaften Gestalt zurück, die ihr größer und mächtiger erschien als alle übrigen, geheimer Mittelpunkt der Freuden und Herrscher über die Bekränzten, über Männer, Jünglinge und Frauen. Vor allem waren es seine Zeichen, die ihre Aufmerksamkeit fesselten und einander zu ergänzen, ja, ihr vertraulich zuzuwinken und sie aufzufordern schienen, sich ihrer zu erinnern – bis plötzlich ein greller Blitzstrahl die beiden stürzend verband und der Lichtbogen falscher Erkenntnis die Seele des Kindes verblendete:

Dieser fürstlich erhobene Stab, den die gewundene Rebe, am Ende sich gabelnd, umschlang – was war er wohl anders als das Zepter des Natternkönigs, der den Tag auslöscht und seine Flamme herunterstößt in Nacht und Finsternis? Jener Mann in der Türe: Er mußte es selber sein, 123 der große Schlangengott, den man knieend verehrte, wenn er die Fackel senkte, um der Erde Innerstes zu durchleuchten und ihre Schätze sichtbar zu machen. Ihm dankten die Männer das reiche Dasein, ihm jubelten die tanzenden Frauen zu; doch auch die teuflischen Diener gehorchten ihm als Herrn und waren seiner Winke gewärtig.

Dies auszudenken, schien Proserpina Frevel – noch ahnte sie nicht, an wem –, und halb verlockt von einer Lästerung, um welche ihr Geist schon kämpfte, während ihr Herz widerstand, kehrte sie zu der Betrachtung der schwebenden Melodie zurück, die sie als solche wohl erkannte, wenn ihr auch die Deutung der Noten noch fremd war.

Nur daß sie Musik darstellten, wußte das Kind, und eine Verbindung suchend zwischen ihr und dem Inhalt der Zeichnung, erfüllten sich seine Ohren langsam und immer stärker mit den rauhen, schluchzenden und wilden Tönen, die zur Zeit der Weinlese und des Maskentreibens an seinem Elternhaus vorüberzogen.

Zum erstenmal fühlte Proserpina eine tiefe und süße Verwandtschaft mit ihres Vaters Sprache, einen brausenden Flügelschlag, der sie hinunterriß in das dröhnende Meer der ungeborenen Namen, dorthin, wo die schwellenden Lippen des flutüberschäumten Tritonen das blökende Muschelhorn blasen, doch auch der hohe Arion die himmlische 124 Leier schlägt. Diesen freilich erkannte sie nicht und ahnte nichts von dem Gericht, das die Musik über das Ungesagte und Unaussprechliche hält; von den strengen und reinen Gesetzen, die ihren Leib erbauen und ihn die nämliche Ätherbahn führen, auf der die Gestirne wandeln.

Zwischen beiden steht die menschliche Sprache, aus Wasser und Geist geboren – und mochte Proserpina als ihres Vaters Tochter auch diesem angehören, so war sie doch sehr viel mehr das Kind der ummauerten Flamme, die von Reisig und Erde qualmt und mit gefräßigem Heulen den Zug der Lemuren begleitet, die ihren Weg durch sie nehmen.

Wohl hörte ihr Ohr Melodie, aber nur solche, wie sie die Elemente machen und die Trunkenheit menschlicher Herzen hervorbringt, wenn sie zum Feuer des Weines, zum Flattersturm des Tanzes, in die Woge der Begeisterung und zur Liebe des Abgrunds kehrt.

Eine dumpfe, eintönig wiederkehrende Musik schien aus den schwarzen Zeichen ununterbrochen zu strömen und hinabzustürzen wie die Regenflut von Gewitterwolken; wie Nachtwind von hängenden Zweigen und wie das Abtropfen schmelzender Flocken von der Dachtraufe, denen man so lange lauscht, bis sie ein Lied anheben und in verständlichen Worten zu reden beginnen. 125

Verhüllt und leise klagend, schwoll ihr Gesang vorüber und hatte keine Gestalt als die der brauenden Lüfte – – doch als ob ein tollkühner Frevler den schweigsamen Hügelelfen die Nebelkappe entrissen und sie gezwungen hätte, ihm deutliche Antwort zu geben, erstarrten mit einemmal die überirdischen Zeichen und blieben schwarzgesichtig, entlarvt und rundhäuptig stehen. Ein Wort hatte sie getroffen und ihre Bedeutung enträtselt; wie Proserpina dünkte: ein Name, der unter den fünf Linien, üppig geschwungen, ruhte und, aus wenigen Silben bestehend, jetzt erst in ihren Augen sich zusammenzuschließen begann.

Das Wort hieß Evoe.

Sehr langsam die Lippen bewegend, wiederholte das Kind mit Erstaunen die weither kommenden Laute, und wie auf den Knien der Mutter, wo das kranke Mädchen sich übte, fuhr es mit fühlsamen Fingern die kurze Zeile entlang und wiegte das schattige Haupt im Takte hin und her. Dies also war der Ruf, mit welchem das Volk seinen Herrscher, den Natternkönig, begrüßte; es war der geheiligte Name des finsteren Unterweltfürsten, von welchem Jakob erzählte – – und der ihn wußte und kannte, der ihn beschworen und »der Erde entrissen hatte, was der Himmel nicht geben wollte«, war – hier durchfuhr die Getäuschte eines reißenden Schmerzes Feuer – der liebend verehrte Vater. 126

Als hätten vergiftete Pfeile das reinste Gefühl und die zärtlichste Stelle ihres gläubigen Herzens getroffen, schrie Proserpina leise empor und griff in rasendem Jähzorn den zierlichen Bauplan an. Die sonst wie weiches Dunkel, aus Ahnung in Ahnung fließend und schuldlos versinkend, war: die ach so leicht entführte und sinnliche Tochter der Ceres stand hell wie eine Mänade in scharfen Seelengluten und sah in das blasse Gemälde wie durch einen höllischen Spiegel aus brennenden Eiskristallen; sie hielt ihn in flackernden Händen und wußte nicht, ob die schneidende Qual, die von den Rändern strömte, Frost oder Flamme war – aber wie das einmal entzündete Feuer nicht nur den Kern dessen verzehrt, was es umschlossen hat, sondern auch noch den Umkreis des Heilen und Lebendigen zu sich biegt, so stürzte das letzte Vertrauen auf eine himmlische Güte, welche gleichzeitig Gericht und oberstes Gesetz für Proserpina war, in die erleuchtete Tiefe, und das gläserne Lächeln des Bösen warf das zerstörte Weltbild noch einmal höhnisch zurück, ehe es wie warmer Hauch verging.

Mit Nägeln und Zähnen riß Proserpina den Bauplan in Stücke und trennte in schmerzlicher Lust dem schönen Schlangenkönig Glied von Glied, wobei sie ihn leiden, altern und die Gestalt dessen annehmen sah, von dem sie, wie sie glaubte, 127 betrogen worden war; dann raffte sie bis auf das Wort Evoe die kleinen Papierfetzen auf, wirbelte sie empor, und die Äste empfingen als Winterschnee das stille Bekenntnis eines leidenden Menschen, welcher wahrlich ein Geheimnis wußte und hütete – ein anderes freilich, als Proserpina ahnen konnte.

Ja, hätte sich ihr jetzt, als ihrem wilden Herzen die Worte ihres Vaters aus weiter Ferne ertönten, auch seine müde Gestalt, sein schon vergehendes Bild im Innern dargestellt: der Anblick eines Gelösten, zu dem die Güter des Lebens wie zahme Tauben kommen, weil er sie nicht mehr greift, sondern, Abschied von ihnen nehmend, als Boten gebraucht und mit entbundenen Kräften gefahrlos schalten und walten darf; hätte sie fassen können, was der Vater, ein Sohn jenes rheinischen Landes, das den duldenden Erlöser mit dem Zeichen des Kelterers, der zugleich Traube ist, meint; was der langsam Verlöschende ausdrücken wollte mit der Gestalt eines Gottes, der Tod und Leben in einem spendete – vielleicht wäre, wie Pan ihr Führer nach unten hatte sein müssen, das Rauschwort Evoe der Flügel gewesen, der sie wieder nach oben gerissen und unter den Menschen niedergelassen hätte.

Wer kann freilich sagen, daß er die Wege der Schuld zu kennen glaube, und wer dürfte sich 128 anmaßen, über ein Herz zu richten, dem sich der kindliche Glaube an eine Vaterschaft trübte, die ihm bis dahin Himmel und Hort – erhaben und gütig – gewesen war? Denn der einen größeren Namen darstellen und faßbar machen sollte, war vielleicht selber getrübt; nur wenig, aber doch so viel, daß die langsam zerfließende Wolke der Vergangenheit ihn den Augen seines Kindes verhüllen konnte.

Jetzt war die Stunde gekommen, in welcher der Abgrund selber die Granatfrucht vor Proserpinas Füße rollte und sie unbedacht vortrat aus seinen Purpurfalten, um den Blutapfel aufzuheben, worin der Biß ihrer Zähne stehenbleiben und sie verraten sollte, als sie ihn kostete und die Macht mit dem Herrscher zu teilen glaubte. Doch sie teilte sich selbst und entzweite die unschuldig atmende Natur in sich, indem sie den Winterschlaf des Gehorsams, der sie in Kälte und Finsternis vor dem Tode bewahrt hätte, unterbrach – frierend und nackt stand sie zum erstenmal zwischen Gut und Böse, ward unterschieden, indem sie unterschied, und fiel im Erwachen den Aufgeweckten anheim: Maulwurfsgrille und Igel, von denen die Sage erzählte, daß sie, einmal gestört, dem Frevler die Herzgrube beschwerten und ihm das Leben nähmen. 129

Noch war sie freilich behütet, und das harte Haus des Winters schloß die gefährlichen Kräfte in Eis und Mauerwerk ein; nichts als der rauhe Schall und Namen der Dinge schlug an die Steinwände an, und das Freudewort Evoe ging wie eine Klapper durch die Kammern, eine dürre Mohnkapsel mit lärmendem Schlaf . . .

Aus dem Tannendickicht, wo die Fischkugel liegengeblieben war, kam es hervor; zuerst eine Seifenblase ohne Stiel, die sich auf Proserpinas Lippen formte, dann fest und schließlich ein kleiner Zauberstab wurde.

Mit ihm berührte sie das Vorgeformte: Sie hob die spitzen Hüte von den Glashyazinthen ab und sah aus den blassen Wurzeln die Kraft nach oben ziehen, wo sie verfrüht eine schamlose Blüte trieb; sammelte auf heimlichen Wegen, was ihr, wie dem Rutengänger das eingeschlossene Wasser, begegnete – kalte Puppen und metallene Blindschleichen, die unter ihrem Hauch und an der Wärme des Ofens aus ihren Särgen krochen; aber auch die Meise fand sie, starr auf dem Rücken liegend, und die traurige Nebelkrähe mit dem erblaßten Schnabel, der sich matt in die Krume bohrte, aus der er das Gift genommen hatte.

Wolkige Tage kamen und lösten sich widerstrebend aus der Schürze der Nacht; verkürzten, gekrümmt, ihre eigene Dauer und bogen sich 130 trostlos, noch ehe die Sonne ging, wieder hinab. Das Wasser gefror, die Fische sanken zum Grund, und die Algen standen still. Jeder Körper zog sich zusammen, das Dichte wurde fest und das Feste spröd: wenn man es anschlug, sprang seine Rinde und klaffte wie altes Gestein, das vom Eis auseinandergetrieben und von der Schmelze bedroht wird.

Manchmal donnerte es in Proserpinas Ohren, als ob in den Aufbruch der Toten die große Tuba sich mische: sie lauschte und erschrak, weil des Vaters Worte herankamen wie Brüllen aus einem Horn; der Engel aber, der es an die geborstenen Lippen hielt, blieb unsichtbar hinterm Eisgebirge. Zuletzt ward auch der mahnende Donner schwächer und klang nur noch leise nach wie das Klopfen des Imkers am Bienenkorb, wenn er prüft, ob sein Volk nicht erfroren sei; dann bebte die goldene Königin und tauchte tiefer zum Honiggrund.

Bald herrschte sie, bald schien sie eins mit den Unterirdischen – und war sie zuerst noch umhergeschweift und jeder Ahnung spürsam nachgezogen, so wurde jetzt der Kreis, den sie beschrieb, immer enger, und ihre Füße, die den Boden gekostet hatten wie das Insekt den losen Stand der Pollen, ruhten und sanken ein . . .

In dieser Zeit wurde wenig nach dem Kinde gefragt – sei es, daß andere Sorge das 131 schweigende Haus erfüllte oder daß im Spiel mit den Puppen und Schleichen sich Proserpina anglich: starr, unzerbrechlich und braun wie die Täfelung wurde, von der das Gesicht der Kauernden sich nicht abhob, während ihre Lippen unhörbar den Faden spannen, der sie einhüllte und ungreifbar machte.

Bald war sie sicher, nicht mehr gerufen zu werden; doch sprach sie nur immer leiser und stärker in sich hinein. Sie gab den Tieren seltsame Befehle und ernannte Trabanten und Diener unter Asseln, Spinnen und Küchenschaben; ja selbst die Skelette der zarten Grillen, die sie nicht fand, aber sich vorstellte als kleine Schreie im dürren Gras, schickte sie aus, um das Stumme zu erschrecken und anzuspringen.

So wurde sie, wie in einem Höhlengrab hockend, von Gedanken überlaufen, die käfergleich aus ihrem Munde fielen und wieder zu den Ohren hineinkrochen; sie fühlte die schreckliche Leere des eigenen Gaumengewölbes, das keinen Widerhall tönte, weil jeder Tröstung von außen die Schar ihrer eigenen Worte gewaffnet entgegenstand, und siebte alle Geräusche, so daß nur die leisesten eindringen konnten: das ekle Surren der sterbenden Winterfliege, sehr deutliche Schläge von tödlich erkrankenden Pulsen und der stete Zerfall eines Hauses, in dessen Schränken der Holzwurm und auf 132 dessen Dach in Proserpinas Träumen der alte Drache wohnte, welcher Ziegel um Ziegel herunterwarf.

 

Nicht lange danach änderten sich die Verhältnisse des Elternhauses, ohne daß Proserpina, nach innen gewandt, etwas andres vernommen hätte als einen sanften Tumult, ein Reden, Raunen und dann ein fremdes Gesicht: eine neue Dienerin, die weicher und langsamer ging als alle früheren Mädchen, in eine beklemmende Wolke von scharfen Gerüchen gehüllt war und ab und zu Gläser und kleine, geschliffene Flaschen auf einem weiß bedeckten Brett nach oben trug.

Sie schien auf das Kind nicht zu achten, streifte es nur manchmal mit nachdenklichen und, wie Proserpina meinte, bedeutungsvollen Blicken, wie sie Engel in Rosa und Blau auf glänzenden Hauchbildern haben, und setzte ihm Spielzeug und Speise in himmlischer Unwissenheit, gleichmäßig verteilt und gezuckert, mit flachem Lächeln hin. Sie ahnte nichts von Proserpina, und weil die Mutter jetzt selten zugegen war, geschah es, daß die kleinen Gewohnheiten des Kindes, die bei Tisch ernsthaft beachtet und als geheime Lockung stets abgeändert wurden, in Vergessenheit kamen: die rote Kirsche im süßen Brei, die bunte Eiermütze und 133 die alte Kindertasse der Mutter mit dem stürmischen Reiter auf einem Apfelschimmel, dessen Mähne mit goldenen Glöckchen durchflochten war.

Nichts blieb mehr als die Regelmäßigkeit der Stunde und das wohl zubereitete Mahl unter den Augen dieser Frau, deren Hände herrisch waren, während in ihre gerundeten Backen eine abgemessene Röte stieg und der Mund sich verkleinerte, ja oft auf lächerliche Weise sich vorzuschieben schien. Bald haßte Proserpina sie, ohne zu wissen warum, und träumte davon, die Vollkommenheit dieses milden Geschöpfes zu zerstören, der Weißlichblonden, die bei der Suppe von frommen Kindern erzählte und dem Vater mit seltsamen Düften und böse funkelnden Tränken so nahe kommen durfte.

Von der Mutter zurückgewiesen, der sie mit zornigen Worten nichtssagende Dinge klagte, erschien ihr das fremde Mädchen als Inbegriff der Menschen, die alle schlimmen Triebe: Haß, Leidenschaft und schwarze Zauberei, ach, und die arme, dunkle, verworfene Natur streng zu ermahnen wissen und selber schuldig sind – so daß schließlich alle, die Proserpina früher unter dem Bild der Vollendung gesehen hatte, eins wurden mit dieser Dienerin: Vater, Mutter und die sagenhafte Frau auf dem Grundstück des alten Schlosses, dessen Giebel im entlaubten Winter sichtbar wurde. 134

Manchmal geschah es auch, daß Proserpina mit der Fremden ins Freie ging und ihren Weg unmerklich zu dem Besitztum der Gärtnerin hinzulenken wußte, wo sie dann an der Pforte unter mancherlei Vorwänden ihrer Feindin entschlüpfte, bei der Alten niedersaß und mit entzücktem Grauen jene Hände betrachtete, in denen die menschliche Form so unbegreiflich verstümmelt und die Verletzung des Rausches furchtbar gerächt worden war. Die schwarzen Stümpfe bebend anzufühlen und das entstellte Gesicht eines Waisenmädchens, das man der Gärtnerin in Pflegschaft gegeben hatte, zu liebkosen, war bald Proserpinas heimliche Wonne; sie verglich den entsetzlichen Anblick des ängstlich erhobenen Hauptes, in dessen kurzer Nase die dünne Scheidewand fehlte, mit einer großen Blüte, und obwohl sich die Arme jedesmal zu entfernen strebte, wenn Proserpina eintrat – sie wurde übrigens bald darauf aus den düsteren Mauern genommen –, gab ihr zertrümmertes Dasein dem Kind einen Anreiz, zu kommen, der immer stärker wurde.

 

Indem Proserpina langsam verwilderte, auf Zerstörung ausging und böse wurde, zerfiel auch die Ordnung des Elternhauses unmerklich mehr und mehr, als würfe der kindliche Dämon die 135 guten Penaten um. Bald geriet ein Fest in Vergessenheit, bald starb ein alter Brauch, oder eine holde Sitte wurde nicht mehr geübt; ja selbst des Vaters Geburtstag, der sonst wie strahlende Sonne alle Hausbewohner erfreute und so nahe an Proserpinas Geburtsstunde heranrückte, daß er sie oft sein Zwillingsschwesterchen nannte, schien wunderlich getrübt.

Zwar dufteten wie immer die vorgetriebenen Blumen, und das Lieblingsgebäck des Vaters: kleine, scharf gewürzte und dunkel gebräunte Mandelmännchen, wurde unter alle verteilt –, niemals aber waren die gabenspendenden Hände ihres weißhaarigen Freundes der Tochter so fremd erschienen. Es waren Hände, die nur noch geben konnten, ganz hoch durchblaut von dem Geäst der Adern und so vom Fleisch gefallen, daß der Ehering, der zuerst an den Mittelfinger gewandert war, auch dort keinen Halt mehr hatte, sondern zu Boden fiel und von der erblaßten Mutter schweigend verwahrt wurde.

Einige Male war es Proserpina, als winke sie der Vater heran – sie lief begierig näher, empfing eine matte Liebkosung oder die Hälfte einer Frucht, drängte sich, das Gesicht verbergend, an seine Brust und mußte schließlich mit sanfter Gewalt hinweggeführt und zu Bett gebracht werden, wo sie unter Tränen des Zornes und der Enttäuschung 136 einschlief, bis sie der Schein ihres eigenen Lebenslichtes am nächsten Morgen weckte.

Geblendet sah sie in den Kern der Flamme, die von einem kleinen Spiegel, dem Proserpina zugewandt erwachte, zurückgeworfen wurde. Weil er an Schnüren hing und leicht nach vorne geneigt war, gab er ein seltsam geschrägtes und weichendes Bild der Dinge, die sich wie furchtsame Schafe in ihm versammelt hatten. Allmählich drangen sie vor – doch nicht sie selbst, sondern nur ihre Bilder; und plötzlich fühlte Proserpina, daß ihr das Lebenslicht im Rücken stand und sie die Geschenke der Mutter zuerst aus dem Spiegel empfing: den großen Veilchentopf, der jedes Jahr hier blühte, die Flasche mit Himbeersaft, Säckchen voll bunter Murmeln, Sandalen und Bilderbücher.

Schlaftrunken prüfte sie noch, was unter die Lider wollte, als mit dem erweiterten Auge ein Gesicht auf sie zukam, das einer Puppe gehörte, die grelläugig unter weißblonden Strähnen herüberstarrte.

Sie war das Geschenk der neuen Dienerin, welche, ohne Wissen um Proserpinas Puppenhaß, den Lederbalg aufgeputzt und ihm aus eigenen Haaren eine Perücke hatte anfertigen lassen, nun aber mit ängstlichen Blicken zu dem Gabentisch trat und die heftige Gebärde verfolgte, mit der sich das Kind herumwarf, den Hals der Puppe 137 umklammerte, sodann die braunen Hände um ihren Scheitel legte und, furchtbar lächelnd, ihr Haar aufwühlte, riß und zerrte, bis der Leim der Perücke zu knistern begann. Weil aber nichts weiter geschah, vielmehr Proserpina die Puppe mit gespreizten und, wie es schien, vorsichtigen Fingern wieder an die Wand lehnte, erklärte man sich jene grausame Zärtlichkeit als übergroße Freude und fragte ihr nicht nach.

Es kam die Frühstücksstunde, an welcher der Vater teilnahm, den süßen Kuchen zerlegte, in den nach alter Sitte das kleinste Geschenk eingebacken wurde, und dem Kind jene Scheibe auf den Teller gab, die durch eine dunkle Erhöhung die Stelle anzeigte, wo es verborgen war: ein hölzernes Tier, ein Herz aus Rosenquarz oder ein zierliches Löffelchen – Dinge, die das Kind sowohl durch die überraschende Art, wie sie ans Tageslicht kamen, als auch durch ihre Winzigkeit entzückten, ja zu seinen besonderen Lieblingen machten.

Diesmal war es, wohlverwahrt in festverschlossenem Kästchen, ein hübsches Taschenmesser mit Perlmutterbelag und gefährlich blitzenden Klingen, deren Gebrauch der Vater dem Töchterchen erklärte, wobei sich herausstellte, daß gerade mit dieser Gabe ein brennender Wunsch des Kindes glücklich erfüllt worden war. Während man nämlich am gleichen Abend noch die Bilderbücher und 138 das Spielzeug in den Schränken verwahrte, durften weder Messer noch Puppe hinweggenommen werden – sondern in den Scharnieren geneigt, blieb das scheußliche Nachbild des Menschen auf steifen Beinen sitzen, versuchte ein künstliches Lächeln und hielt das kleine Messer quer über seinem Schoß.

Sehr leise und verstohlen übte sich allmählich das Kind an der Wehrlosen: Es schnitt ihr zuerst in den bläulichen Saum ihres Kleides, fügte ihr da und dort unmerkliche Wunden zu, kürzte ihre Zöpfe und wagte es schließlich, mit der Messerspitze die rötlichen Nasenlöcher aufzustoßen, wodurch das zerstörte Gesicht so totenähnlich wurde, daß die entsetzte Kleine die Puppe hinwegzuschaffen und ganz zu vernichten beschloß. Noch ahnte sie eigentlich nicht, was sie im Innersten antrieb – nur, daß die Verhaßte begraben werden mußte, erwog sie und schlich sich deshalb am darauffolgenden Abend mit ihr zum Tannendickicht.

Schon roch die Erde nach Wasser und aufgelösten Salzen; ein wilder Duft von Keimen stieg aus der gelockerten Scholle und machte Proserpina rasend. Sie kniete heftig nieder, und in dem dumpfen Gefühl, daß mit der Zerstörung des Hauptes das Wesentliche getan sei, entriß sie ihm zuerst den blassen Schleier der Haare und hob, wie einen Deckel, den oberen Teil des Kopfes vom knirschenden Rande ab. 139

Nun war das Antlitz entblößt und schien gewaltiger, ja unter der hohen Stirn begegneten ihr die Augen: rund, vorgewölbt und drohend in tödlich erstarrter Bläue, wie Richter ihres Tuns. Von jähem Schrecken entgeistert, stieß Proserpina, in die leere Haupthöhle greifend, die gräßlich blauen Kugeln an ihren Drähten heraus, rechtfertigte ihr Gefühl an den leblosen Federn und Schrauben und warf selbst ihre Furcht so schnell in die Flamme der Rachsucht, daß keine Besinnung mehr blieb.

Nichts, was da lag, glich jetzt mehr einer Puppe, viel weniger einem Menschen, als ihre noch unberührte, noch verhüllte Körperlichkeit: die häßliche Form eines Kindes mit allzu schmalen Schultern und ungeschweiften Hüften, die von verdickten Beinen, wie von Säulen, getragen wurden. Blitzartig erfaßte das Mädchen, was unter den sorgsam genähten, verzierten Rüschen lag; und war bis dahin sein Brennen nur geistiges Feuer gewesen, so schmolzen, von ihm ergriffen, jetzt auch noch andere Kräfte in dem erhitzten Blut. Begierde, die Puppe nackt zu sehen, vermischte sich mit der Freude, sie gliedweis zu zerstören; und wie die steigende Sonne im furchtbaren Hingang des Eises die wilden Säfte anzieht und auf der Bahn der Vernichtung zugleich dem Leben begegnet – schoß nun aus Frost und Flamme, aus Haß und Liebeszorn mänadenhafte Wollust rasch in Proserpinas Hände. 140

Es war bereits so dunkel im Schatten der Tannenhöhle, daß ihre Finsternis wie Wärme wirkte und die Ahnung eines ringsum geschlossenen Raumes erzeugte, einer tiefen Umarmung, die nach Erde schmeckte und voller Vorgefühl war. Entschlossen zum Äußersten, warf jetzt Proserpina das unscharfe Messer zu Boden und faßte, berauscht von dem Duft des frühlingshaft harzenden Holzes, die Puppe um den Leib – dann plötzlich, fremden Schauern ohnmächtig hingegeben, riß das Kind unter kleinen Schreien die zarten Gewänder in Fetzen und fühlte die Lederhaut.

Vielleicht, daß seine Seele noch einmal warnend am Rand der jungen Missetat bebte: Proserpina hielt ein, ihr Rasen gewaltsam zügelnd, und wog die letzte Bereitschaft, als ob sie das Werkzeug trüge, still auf der flachen Hand.

Ein Rabe flog dicht vorüber und krächzte im Jammerton; das Kind erschrak, und im Schrecken bewegten sich wieder die Säfte und fingen aufs neue zu glühen und rascher zu kreisen an: Mit einemmal sah das Mädchen die nächtliche Kammer im Juli, wo es die badende Magd geängstigt und ihr enthülltes Geheimnis erlöschend betrachtet hatte; es sah die Brüste wieder und jenes Fleisch, das zum Schoß hin sich trauernd verschattete; es glaubte die Schenkel zu fühlen, wie sie, einander bergend, ihr Innerstes verhielten, und glitt 141 unmerklich weiter in traumhaft Nachgelebtes, wo es, von diesem Trugbild nun nicht mehr unterschieden, eins mit ihm werden mußte.

Verstoßen von Pan, dem Geliebten, war es des letzten Sommers versunkenes Idol und trug als schwärende Gifte die nachgereiften Seufzer und sinnlosen Liebesworte von damals in dem Blut; doch weil sie, um zu bleiben, nicht Kernhaus und Hüllkelch hatten und nicht in beruhigten Früchten die furchtbaren Kräfte lassen konnten, ergoß sich als geistige Täuschung in die dünne Schale des Wortes, was von der Erinnrung gezogen und angerufen wurde.

Verwünschend und selber verwunschen, sah sie den Treulosen wandern, sich an dem Herdfeuer knien und hart verurteilt werden; der Magd auf tiefere Weise als jemals vorher verbunden, so nämlich: daß Haß und Begierde in ihrem Namen sich trafen wie der hackende Schnabel des Vogels sich mit dem weichlichen Obst – erschien ihr das fremde Mädchen als Nebenbuhlerin und reinere Geliebte der offenbarten Gottheit, die durch den Mund des Vaters zu ihr gesprochen hatte; ihr Sinnbild war aber die Puppe, entstellt und hingegeben, damit die Eifersucht der kleinen Unterweltgöttin mit ihr verfahre wie Tote, die würgend wiederkehren.

Jetzt suchte sie also nur noch Vernichtung und Geschlecht. Sie fühlte aus platzenden Nähten das142 feine Sägemehl rieseln und hielt die zuckenden Hände bald unter sein trauriges Strömen, bald griff sie in die Wunde und faßte das Lockere an; ja, schien es aufzuhalten, damit die pralle Fülle noch eine Weile bliebe. Nicht zufällig glitt sie dabei der trunkenen Vorstellung zu, es könne vielleicht, was sie so grauenvoll anzog, schwach unterschieden sein; weil aber zugleich ihre Seele den Wunsch ins Dunkel zurückzog, ward er dort hemmungsloser und führte die zaubernden Sinne zu jenem Kreuzweg hin, wo die festen Schenkel der Puppe, stumpf aneinanderstoßend, jene alte Erkenntnis versprachen, die schon dem ersten Kinde süß und verboten war.

Arme Proserpina! Wie vom Biß der Schlange getroffen, fuhr sie zurück und erkannte das schauerliche Nichts: Sie erschrak an dem Anblick der madenhaften und ganz geschlechtslosen Puppe, wie nur ein stürmisches Herz jemals erschrocken ist.

Dann, als ob nichts wie Jähzorn sie angetrieben hätte, umklammerte sie fester die schlecht vernähten Beine und riß sie mit Gewalt unter schluchzendem Lachen entzwei, um endlich, ernüchtert vom kreischenden Bersten des Leders, sich selbst zum Abscheu zu werden und – wie wir tun, wenn wir ein ekles Tier nur halb zu Tode trafen – das Messer zu ergreifen und, blindlings wütend, völlig zu zerfetzen, was am Verenden war. 143

Dann warf sie die Erde darüber und stieß das Werkzeug hinein; erschauerte vor Kälte und plötzlich rinnendem Schweiß; kroch zitternd durch das Dickicht, wobei sie die dürren Nadeln wie scharfe Vorwürfe spürte, und lief erschöpft nach Hause, um der geängstigten Mutter starr in den Armen zu liegen.

Man brachte sie zur Ruhe, doch nur in den machtlosen Frieden des weiß umgitterten Bettes, wo sie in Krämpfe verfiel, hart mit den Zähnen knirschte und, wenn durch lindernde Tropfen der Anfall wieder gelöst war, das Freudewort Evoe schrie, das sie so oft wiederholte, bis die pflegenden Frauen den Vater riefen, damit er es ihnen deute.

Durch wogende Fieberschleier sah ihn Proserpina am niedrigen Fußende stehen. Er war so weiß wie das Leinen und schien sich unaufhörlich noch heller zu verklären, um wie die Sonne selber, dann aber, langsam trübend, wie zartes Milchglas zu werden, das die Bewegung der Mutter schattenhaft einfallen ließ, ja, endlich von ihr durchwandelt wurde.

Doch nicht von ihr allein – allmählich ging ein Zug von sonderbaren Gestalten sehr deutlich durch ihn hin:

Voran die gemordete Puppe, auf einem Drachen reitend, der einen Weg von Unrat, wie Mohnsamen, 144 hinter sich ließ; auf seiner Spur der Gärtner, von rasselndem Bast umwunden, gefolgt von der lockigen Magd, die sich im Tanzschritt bewegte und flammende Röcke trug, nach denen der Natternkönig bald mit dem Stab zu schlagen, bald schlangenköpfig zu beißen und hündisch zu haschen suchte; dann eine rollende Murmel, auf welcher das Kind ohne Nasenwand mit traurigem Lächeln schwebte, und zum Beschluß die Alte, umflattert von schielenden Hühnern, die sich neugierig näher und näher drängten und, »Missetat!« – »Missetat!« kreischend, mit ihren Flügeln schlugen, bis endlich ein ferner Hahn in den Wolken zu krähen anfing.

 

Wie einst aus den Fiebern der frühesten Kindheit, erwachte Proserpina wieder und lag mit geschlossenen Augen, ermattet und für ihr Gefühl scheinbar gerettet, da. Doch der himmlische Vogel verstummte nicht; vielmehr überhob sich die Stimme und wurde dringender; sie schwoll und verwehte wieder, als ob sie der Wind verschlüge, und stand mit einemmal dicht unter dem Schlafzimmerfenster, wo sie sich von neuem verstärkte und endlich aufwärts raste in heulendem Diskant.

Jetzt saß das Kind auf den Knien und schaute zum Garten hinaus, der sich verändert hatte und 145 ungeduldig bebte; noch waren aber die jungen Sträucher entlaubt, wenn auch ihre glänzenden Knospen schon mächtig zum Aufbruch trieben, und ließen den Blick zur Straße frei.

Dort wogte, vom Hügel her kommend, ein schauerlicher Strom tierähnlicher Menschen vorüber. Ein Weib trat aus der Reihe, zog sich mit beiden Händen gewaltsam am Gitter empor und starrte Proserpina an. Ihr Gesicht war flach und gewöhnlich, von fahlen Strähnen umgeben und vollkommen ausdruckslos; es war gemischt aus Nichtsein und überholten Formen, die, öde wie eine Ruine, von dem bildenden Leben verlassen und durchgeistert von frühen Gestalten waren – doch wie in zerbrochenen Kellern oft noch der Duft des Weines, Rausch oder Verbrechen steht, war in den braunen Höhlen der Blick zurückgeblieben: zwei Augen von greller Bläue durchdrangen die Zerstörung und schienen dem schuldigen Kinde die Wiederkehr des Frevels zu bedeuten.

Zuerst erfaßte sie nichts, als das, was vor ihr war: die eingebildete oder wirkliche Drohung einer hilflos zerfallenen Frau; wie aber die Zeit verrann – man konnte kaum von ihr reden, doch Proserpina dünkte sie ewig –, schien das azurene Leuchten noch von viel weiterher und schließlich so nahe zu kommen, daß es wie kalter Blitzstrahl zuletzt in sie selber schlug und ihr ein Gefühl mitteilte, 146 als ob ihr in der Stirn zwei gläserne Kugeln säßen und unter ihren Lidern wie harte Fremdkörper rollten.

Dann sah sie, wie das Weib zurückgezogen wurde und, widerwillig sich wendend, zornige Flüche ausstieß, die ihm wie Geifer vom Munde rannen; hierauf entfernte sich die düstere Reihe wieder und nahm von neuem ihren Gesang auf, bis endlich auch dieser schwächer wurde und in der Ferne verklang.

Ein Erdarbeiter ging vorüber, hielt seinen Karren an und rief, zuerst zum Berg und dann zur Straße deutend, neugierigen Frauen, die sich versammelt hatten, unflätige Worte zu, wobei er mit rohem Lachen sich flach vor die Stirne schlug.

Da wußte das Kind, daß es die ersten Züge der Irren waren, die ihre Burg in Besitz genommen hatten. Es legte sich müde zurück in seine Einsamkeit, die nun so verlassen von Furcht und Freude war wie der abgeschmolzene Ring, in dem der Schlangengott wohnt. 147

 


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