Elisabeth Langgässer
Proserpina
Elisabeth Langgässer

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Dort, wo der üppige Rasen des Gartens von der Nässe der Brunnenwasser getränkt wurde und in tauben Binsen aufzuschießen begann, lagen Grottensteine, unter denen die feuchten und dämmerfarbenen Tiere der Erdmütter hausten: hastige Käfer, welche mit schauerlicher Süße die grabenden Hände besuchen, Unken, deren wimperlose Augen die Feuer der Tiefe zu bergen scheinen, Puppen, Eier und Larven.

Hier war das Gedränge der Unfertigen und die Maskerade des Werdenden. Aus der hohlen Schale des Todes kroch das weiße Fleisch der Maden, das Verhärtete starb ab wie eine Hülsenfrucht, welche die Göttin entgegennimmt, um sie zwischen den Handflächen zu öffnen, und als lebendiger Same floß die Vorgeburt durch die Erde. Doppeldeutig war das blinde Dasein dieser Tiere, und von den gärenden Toten unterschied sich ihre Verwandlung nicht. Hier entsprang das Geschlecht und war Sprung in dem Leben, Schärfe und Milde, Mann und Weib: Arachnes Bräutigam zitterte und rollte als erstarrtes Liebeslos unter die Felsen, wilde Pfade zog die hermaphroditische Schnecke, 40 und nach verschiedenen Seiten krümmte sich, wenn das Eisen ihn traf, der Wurm davon.

Dies war die Aussaat des Hades, und es schien, als ob er selber hindurchgestiegen sei, um sich klein und rührend in den Augen eines Kindes zu spiegeln.

Denn es war nun stark, aber noch schmal genug, sein Haupt zwischen die Steine zu legen, während rings das hohe Gras es beschattete und sein Körper langsam in den Blick gezogen wurde wie eine Raupe, deren Leib dem Ziel der Taster sich hinzukrümmen scheint. Proserpina saß auf den Knien, die Schläfen bedeckt von dem schwarzen Vorfall der Locken, und ruhte bei den Tieren.

Es geschah dies meist um die Mittagsstunde, wenn der Sonnenzeiger die Tageshälfte zerschnitt und das Gefühl ihres Herzens mit sich hinunternahm in den wachsenden Schatten; wenn die Dinge noch einmal an Wärme gewannen und jene Beunruhigung der Lüfte durch die Natur ging, welche eine künftige Verwölkung anzeigt und den unausbleiblichen Heraufzug der Dämmerung.

Sie war Mensch, wenn sie eintrat durch die Mittagspforte, deren glühende Pfeiler sich rasch verengerten und den ätherischen Raum wegnahmen; aber wie Blindschleiche, Eidechse und Wiesel, deren Farbe in den stillern Teil des Lebens übergeht, fühlte sie sich strömend verwandelt werden 41 über der Erdmulde und abstürzen in frühere Formen.

Dieser Zustand fing damit an, daß der Himmel, den sie mit erdwärts gerichteten Augen so erblickte, als ob ihr hundert andere am Ende der Schlangenhaare säßen, wie wolkige Milch gerann und in zerfließenden Bildern – Männer, die ihre Speere kreuzten, segelnden Schiffen und geflügelten Ungeheuern – wogte, während die Gespielen des Gartens vor ihr sich aufzuhellen begannen und pflanzenhaft durch die purpurne Finsternis wucherten.

Nahe den schwärzlichen Asseln, war sie ihnen nicht nahe genug, und um ihresgleichen zu werden, bedurfte es einer tieferen Versenkung: Den gesammelten Einblick verströmend, fühlte sie ihre Glieder entlaufen, die Haut sich verschalen und ihren Körper nacheinander übergehen in Vogel, Reptil und Wassertier, sie bedeckte sich mit Federn, Schuppen und Schleim, sah durch die Augen des Käuzchens, der Lazerte und der tausendspiegeligen Spinne, atmete durch Lunge und Kiemen und kreiste zuletzt wie eine leuchtende Kugel mit zitternden Lichtfäden in sich selbst, angerührt und bewegt von den Kräften des Alls.

Nun wollte sie nichts mehr und genügte sich ganz, aber diese Ruhe war das Schweigen verzauberter Seelen, welche die Würde der Sprache 42 verloren haben. Niemand vermochte sie jetzt noch anzurufen, denn gleich einer Circe, die sich selber verwünscht, war ihr Zeichen die Schlange geworden, die sich in den Schwanz gebissen und ihren Umtrieb geschlossen hat; niemand konnte diese Bezauberung hinwegnehmen, indem er, wie der Engel am Felsengrab, den Tod aufhob samt dem Stein, denn ihre Seele war mitten durch die wandelnden Körper hinabgesunken und hatte sie an Schwere übertroffen.

Wie aber jeder Mensch bei seiner Geburt aus dem erinnernden Schoße alles Vergangene heraufbringt in die letzte Erscheinung, so riß Proserpina in ihrem Abstieg die seufzenden Geschöpfe von Stufe zu Stufe, in ihr fiel die Natur, und dieser Fall endigte erst an der Sanftmut der Moose und den demütigen Gräsern, welche eigne Bewegung nicht haben und nur von den Winden gebogen werden.

Lag sie erst ganz auf dem Grunde, dann konnte es wohl geschehen, daß man durch den Garten ihren Namen rief, ohne daß sie ihn erkannte, sowie sie ihrerseits von den suchenden Frauen nicht erblickt wurde, obgleich sie dicht an ihren Säumen bebte.

Tauchte sie auf, so blieb ihre Seele zurück wie das Bild der Najade, die unter dem Spiegel wohnt; und abschiednehmend über das Wasser gebeugt, 43 hätte sie sich nicht erstaunt, die Fläche leer zu finden.

Wie eine Erscheinung, die keinen Schatten mehr wirft, ging sie davon und nahm am Tisch der Eltern Platz wie ein scheues Tier; sie griff mit kleinem Pulsschlag nach den Speisen, als seien sie ihr verwehrt, und aß nur das Nötigste, so daß die rasche Mutter sie von der Mahlzeit der Erwachsenen auszuschließen drohte – weil aber der weißhaarige Vater für sie bat, nicht anders als einst jener Märchenfürst, dessen Tochter den goldenen Ball an die Tiefe verlor, durfte sie bleiben, und ebenso wird auch wohl Froschkönig bei den Menschen gesessen haben.

Fragten sie die Eltern freundlich nach ihrem Verbleib und den morgendlichen Spielen, dann war ihr, als ob sie von verbotenen Gefährten käme. Sie verstummte angstvoll oder erfand unwahrscheinliche Begegnungen mit Altersgenossinnen, die sie auf der Straße getroffen haben wollte, und versetzte die Ihrigen, welche diese Angaben wohl durchschauten, in aufrichtige Betrübnis über ein offenbar lügenhaftes und verschlossenes Kind.

Trotzdem wagte es niemand, ihr heimlich nachzufolgen und den Aufenthalt ihrer Spiele zu entweihen, weil man wohl fühlen mochte, daß es nicht genügt hätte, um dieses Ortes Erde, Schilf und Wasser zu wissen, und jede Neugier nur enden 44 konnte, wie wenn man einer gefüllten Blüte unzählige Blätter erforschen wollte.

 

Eines Tages, als sich die Schwärmende dem Felsengrab wieder näherte und ihr Herz in grenzenloser Sehnsucht hinwandte zu dem unterirdischen Bräutigam, sah sie das Unerlöste vor sich stehen; aber sie erkannte es nicht, sondern hielt es für den Gärtner.

Es war derselbe, welcher sie damals in die Wildnis der Gefühle hineingeführt hatte und sie jetzt, über den Spaten gebeugt, mit entschlafenen Augen betrachtete. Sie erschrak nicht und ging auf ihn zu, wobei sie die Wahrnehmung machte, daß ihre Schritte in der angehaltenen Stille wie eine Frage klangen. Davon bestürzt, verzögerte sie ihren Gang und blieb auf halbem Wege stehen, so daß sich, über ein Gartenbeet, ihre Blicke begegneten.

Es war zur Mittagsstunde, als Proserpina und Pan einander erblickten, und wie einst die blumenpflückende Kore durch das offene Blütenauge hinabgezogen wurde in die Arme des Todes, sank durch den bewußtlosen Erdgeist die fühlende Seele hinein.

Hier war das Einfalltor der Natur, aber obwohl sie sich am üppigsten verzweigt, wo sie dem Grund am nächsten ist, empfand die Geraubte 45 nichts als jenen vorgeahnten Wirbel, welcher, da er hohl war, sie einzusaugen vermochte, denn die Stimme der Vögel hatte sich in ihre Kehle und der Duft der Blumen in ihren Kelch zurückgezogen, ohne Form und Schönheit stand die Narbe der Welt, weil ihre Blätter sich am eignen Übermaß zurückgeschlagen hatten.

Doch auch des Gärtners Erscheinung drückte nichts und alles aus und war von jener überfüllten Leere, wie sie uns die Völker um das Mittelmeer gebildet haben. Sein Gesicht kam Proserpina vollkommen rund vor, mit kurzer, gerader Nase und starken, aber gleichmäßig gewölbten Lippen; um seine Schläfen krausten sich kleine schwarze Locken, deren jede einzelne für sich zusammengerollt schien, seine Gestalt war mittelgroß und fest, die Hände lagen in tierischer Ruhe sanft und geistesfern um den Schaufelstiel.

Dieser Mensch, welcher Jakob hieß und den Garten im Lauf der wechselnden Jahreszeiten bestellte, mochte eine Weile in seiner Beschäftigung innegehalten und die blutgefüllten Augen von der Erde erhoben haben; vielleicht wartete er auch auf das Geräusch der Schüsseln, die ihm von einer Magd, die er liebte, an den Gartentisch gebracht wurden, oder überdachte die Zeit, welche ihm zur Vollendung seiner Arbeit nötig schien, als er das schweifende Mädchen erblickte – und weil es 46 Proserpina war, wurde er Pan. Sie dagegen, lange schon nicht mehr das Kind dieses Hauses, sondern der Unterwelt, ergriff nicht wie ehemals Besitz von den Geschöpfen, um sie spielerisch zu verwandeln, sondern an ihrer Erscheinung verwandelte sich wie von selbst das Antlitz der Wesen, während sie noch mit leiser Stimme menschliche Worte zu ihnen sprach und sie Vater, Mutter oder Gärtner nannte.

So geschah es, daß in dem zaubrischen Durchgang der Stunde der Knabe und das Kind einander näherten und ihre Gestalt vertauschten – daß ein Gott antwortete, wo der Gärtner gefragt war, und nicht der Baum mit Laub und Krone, sondern seine Dryas, die menschliche Seele, hinuntergegraben wurde in das Schattenreich. Einen Schritt tat Proserpina weiter und fand sich an den Wurzeln der Natur, sie trat zurück in den Ursprung wie die Tiere des Ackers, wenn es Winter wird, und nahm die Säfte ihres Lebens mit sich, damit ihr begrüntes Geheimnis die Blätter fallen ließe und namenlos würde gleich einem herbstlichen Baum, der mitten in dem Sommer jäh abgestorben ist.

Nicht mehr nach eigner Wahl an einen Ort gebunden, der zu benennen war in der Sprache der Menschen und Esche, Weide oder Hasel hieß, glitt sie den Stamm hinunter und fand sich wieder in dem riesigen Geflechte zwischen den wimmelnden Urformen der Erde, dort, wo die Dinge noch keine 47 Bezeichnung haben und unentschlossen zögern, Mann oder Weib zu werden; sie nahm sich keinen Teil mehr, sondern vermählte sich dem Ganzen und hob sich auf – ach, und wer würde sie dort unten erkennen, wo alle Flüsse noch Quelle heißen und alle Pflanzen Keimblatt?

Auf der Schaufel des Pan lag ihr Herz wie eine Zauberwurzel, die man eingraben muß, um über ihrem Hügel der Dämonen habhaft zu werden; ihr Antlitz verging und sank ein wie ein flacher See; zum Kreuzweg der Beschwörung wurden ihre Glieder, und nach seiner Königin mochte Pluto vergebens umherschweifen, denn die er zur Herrscherin erkoren hatte und erhöhen wollte, hatte sich in seinen Purpurfalten verborgen und war gleich ihnen namenlose Kraft geworden.

Sinken, strömen, verwandelt werden. Längst war der kalte Orion unter dem Horizont, und die Plejaden winkten den Schiffern, die Meere zu befahren. Ihre freundlichen Augen spiegelten sich in dem erwärmten Wasser und blickten durch den Wald . . . Dieses Sternbild hat sieben Schwestern. Es heißt auch Glucke, ist golden gefiedert und bleibt am nördlichen Himmel, bis der Tag sich verkürzt und die längere Nacht es wie mit Ruß beschlägt. Dann sitzt die schwarze Henne wieder unten in Hekates Schoß. Sie zählt ihre Küchlein und findet ein achtes, das ihre Fittiche mitgebracht haben, als sie sich 48 falteten. Eine dunkle Schwester, ein dunkles Küchlein, das sich, zitternd vor Kälte, versteckt. Wie kam es herunter? Und wird es bleiben? Oder hat das Wasser wie aus Versehen nur sein Spiegelbild mitgenommen? Orion sucht es, der eisige Jäger; wirft Speer um Speer in die klirrende Erde, in die geschlossene Flut. Endlich ermüdet er, schleudert den letzten, und wo er ein Samenkorn spaltete, tritt sagenhafter Frühling in der ersten Blüte hervor. Sinken, strömen, verwandelt werden . . . 49

 


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