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Ausmarsch

»Herr Ewald! Sie sollen schleunigst zum Herrn General kommen!« rief an einem schönen Morgen der Sergeant Lewandowsky aus dem Innern des Festungshofes an mein Gitterfenster hinauf, das seit sieben Jahren meine Weltanschauung begrenzte. Was mochte das sein? Was konnte der General so früh von mir wollen? Ich fuhr in die Kleider. In drei Minuten stand ich, den keuchenden Sergeanten hinter mir, vor der hochedlen Greisengestalt meines mir immer väterlich gesinnten Commandanten. Er hielt in seiner Rechten ein grosses entfaltetes Schreiben, seine Augen glänzten in Thränen, und er mass mich von der Sohle bis zum Scheitel. »Da! lesen Sie selber!« sprach er und legte seine zitternde Hand auf meine Schulter. Was mochte das sein? Himmel! es war die Freiheit! Die Freiheit für den Freund und mich, die sieben Jahr in Jugendkraft und Ungeduld immer vergebens erharrte selige Freiheit. Die Freiheit durch Urtel und Recht. Ich stürzte fort. Ich sah und hörte nicht. Ein dicker Hauptmann wollte mich theilnehmend umarmen. Ich wich ihm aus und umarmte statt seiner erst einen Baum, denn den dicken Hauptmann würde ich in meiner Freude todt gedrückt, oder doch bedeutend beschädigt haben. O! wer nicht in den lebensfrohen zwanziger Jahren sieben Jahr schwer gefangen sass, weiss nicht, was Freiheit ist, weiss nicht, was es heisst, wieder Herr seines Willens und seines Stubenschlüssels zu sein.

»Wir sind frei! Frei durch Urtel und Recht,« rief ich dem Freunde zu. Er warf Pinsel und Palette weg und stürzte in meine Arme. »Fort! fort! zum Heimathland, zum Meeresstrand!« jubelten wir Beide. Die Ranzel wurden geschnürt. Wir waren fertig. Wir wollten fort. Da sah Einer den Andern fragend an. Konnten wir so plötzlich von diesem, wenn auch finstern, Aufenthalte scheiden, in welchem wir zu Männern gereift, in welchem wir die ernste, die wahre Anschauung des Lebens gewonnen? Nein. Byrons Worte im Gefangenen von Chillon fielen mir ein:

Und als nun wirklich Männer kamen,
Die meine Fesseln ab mir nahmen,
Da war's, als ob mein Kerker sei
Mir eine theure Siedelei;
Als ob die Männer jetzt nur kämen,
Der zweiten Heimath mich zu nehmen. – –
– – Ja! meine Ketten waren werth mir jetzt.
Gefangenschaft! wie wirkst Du wunderbar!
Denn, als in Freiheit ich nun ward gesetzt,
Mein Abschiedswort ein tiefer Seufzer war!

Wir blieben noch. Ein gutes Wort, an den General gerichtet, erwirkte eine Zusammenkunft mit den leider noch zurückbleibenden Leidensgefährten. In einer der grossen Kasematten ward beim edlen Rheinwein der Tage gedacht, die uns in Freud' und Leid dahin gegangen. Manch' Lied voll Muth und Hoffnung war heut' zu singen erlaubt, und als die Stimmung am fröhlichsten war, nahmen wir die Ränzel wieder auf und schieden. Tücher wehten uns Segen nach, und Kinder, deren Herzen ein Gefangener besonders leicht gewinnt, zogen in Menge eine weite Strecke mit uns und wollten uns nicht lassen. Als wir allein waren, zog Jeder schweigend seines Wegs, denn wohl Jeder gedachte der Seinen und ihrer harrenden Liebe. Ewald trällerte im Takt des frischen Wanderschrittes folgendes Liedchen:

Wer durfte wohl nicht schauen
      Des Jünglings Blick und Tritt,
Wenn er aus fernen Auen
      Beränzelt heimwärts schritt?

Für sich er selig plaudert,
      Und schlendert wie der Bach,
Bei keiner Blum' er zaudert,
      Bei keinem Finkenschlag!

Des Schönen viel erreichet
      Sein Blick auf Höh'n, im Thal,
Doch nichts von Allem gleichet
      Der Kindheit Ideal.

Es lächelt manches Städtchen
      Dem jungen Wandersmann,
Es schaut manch schönes Mädchen
      Ihn holderröthend an;

Doch wie ihr Blick auch brennet,
      Wie blühend ihr Gesicht,
Der, die er seine nennet,
      Der Einz'gen gleicht sie nicht.

Und mit des Stromes Eilen,
      So sehnsuchtsvoll zum Strand,
So zieht er ohne Weilen
      Zum Meer, zum Heimathland.

Schön war am Neckarstrande
      Der Frau'n- und Sängerkreis,
Man singt in keinem Lande
      So schön der Freiheit Preis.

Schön war am Rhein das Leben,
      Voll Lieb' und voll Gesang,
Voll Freundschaft und voll Reben,
      Voll Rechts- und Freiheitsdrang.

Schön war es, zu betreten
      Der Schweizer freie Höh'n,
Bei jedem Schritt zu beten:
      Gott! Deine Welt ist schön!

Doch zehnfach schön ihm schimmert
      Die Heimath jetzt so hehr,
Und seine Seele wimmert:
      Wo ist mein blaues Meer?

»Wo ist mein blaues Meer?« wiederholte tiefaufathmend der Maler. »Es ist doch eigen, Ewald, mit der Liebe, mit der Leidenschaft für das Meer! Auch aus Dir, dem Weitgereisten, spricht stärker als nach den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer, nach dem Rauschen der Wellen, das die Träume des Knaben gewiegt. Sonderbar! Statt dass wir Beide, um der Heimath auf kürzestem Wege zuzueilen, längst hätten links über die Weichsel gehen sollen, schlagen wir uns immer mehr rechts, als wollten wir statt nach Pommern, nach Königsberg.«

Dahin steht auch mein Sinn,« sprach Ewald. »War ich einmal der Heimath lange fern, so könnt' ich mich niemals entschliessen, den kürzesten Weg zu wählen, wenn links und rechts mir noch unbekannte Gegenden lagen. So auch jetzt. Ost- und Westpreussen, die Weichsel-Niederung, Städte wie Königsberg und Danzig sind mir noch völlig fremd, und ich würd' es mir ewig zum Vorwurf machen, diesem Theile des Vaterlandes so nahe gewesen zu sein, und ihn nicht beachtet zu haben. Hab' ich aber diese Gegenden durchwandert, dann kann ich sagen: ich kenne Deutschland. Das heisst:

So weit die deutsche Zunge klingt.
Und Gott im Himmel Lieder singt.

Von Königsberg bis Basel und von Hamburg bis Wien liegt dann keine Stadt von Bedeutung, durch deren Thore und Strassen ich nicht fröhlich gezogen wäre. Wandern ist die Poesie des Lebens. Nur so lange der Mensch wanderlustig ist, ist er jung und frisch an Leib und Seele, und ein beneidenswerthes Geschöpf Gottes. Drum lass uns wandern!«

»Ja! lass uns wandern!« rief der Maler. »Ein langes gemeinschaftliches Schicksal hat mich mit Bruderliebe an Dich gefesselt. Ich ziehe mit Dir, so weit Du willst. Eltern, die unsrer harrten, und deren Tage Gott plötzlich beschliessen könnte, haben wir ja Beide nicht mehr. Die so unsrer harren sind jung und frisch, und können nun wohl noch so viel Wochen warten, als sie lange Jahre vergebens nach uns ausgesehen haben. Nach langer Entbehrung wollen wir im seligen Gefühl der Freiheit den Ostseestrand entlang pilgern und die frische erquickende Seeluft einathmen. Du wirst Stoff zu Liedern, ich zu Bildern finden.«

Während wir so schwatzten, hatten wir einen schönen, schattigen Wald durchzogen, aus welchem ein Mückenschwarm uns tanzend und summend sein freundliches Geleite gab, und erreichten, als es Abend ward, das auf einer Insel im See Barlowitz recht anmuthig gelegene, aber sonst höchst ärmliche Städtchen Stuhm. Die Bewohner Stuhm's vererben vom Vater auf den Sohn die Eigenthümlichkeit, dass sie am Donnerstage vor Pfingsten kein Feuer anmachen, weil an diesem Tage die Stadt fünfmal in einem Jahrhundert fast gänzlich abbrannte. Wir besahen hier die Ruinen einer bereits 1246 zerstörten und nachher unzähligemal wieder erbauten und wieder zerstörten alten Ordensburg, und machten die beiweitem freundlichere Bekanntschaft eines jungen Arztes, der, wie ein Wunderdoctor verehrt, aus weiter Ferne von den Vornehmsten und Geringsten um Rath und Hülfe angefleht wurde. Eine ältliche, sehr vornehme Dame, die wir in Begleitung einer Gesellschafterin von frappirender Schönheit im Gasthofe trafen, redete mich mit den Worten an: »Denken Sie sich, mein Herr! dieser Doctor lässt mich unter Kranken und Lahmen aller Art fast eine Stunde im Vorzimmer warten, und als ich ihm sagen lasse, ich sei die Frau von ...., lässt er bedauern, dass so viele Patienten sich früher bei ihm gemeldet, als ich. Das ist zu arg.« Die Dame liess im höchsten Zorn anspannen und fuhr von dannen, leider in ihrer Gesellschafterin das Malerischste mit sich nehmend, was ich am Weichselstrande gesehen. Als wir später den braven Doctor fragten, ob er kein Mittel wisse, sieben verlorne Jugendjahre uns zurück zu geben, schüttelte er schmerzlich sein Haupt und empfahl uns Ränzel und Wanderstab, Liedes- und Becherklang als Präservative ewiger Jugend für noch rüstige, elastische Naturen.

Wir zogen nun wohlgemuth mit der Weichsel und Nogat zum Strande. Wir sahen das über alle Beschreibung liebliche Marienburg, das wie das Bild eines zarten blonden Mädchens im Gedächtniss des Wanderers lebt und von dem zu reden er sich scheuet, weil er fürchtet, kein Ende zu finden. Wir zogen durch die von Fruchtbarkeit strotzenden Niederungen. Wir sahen und bewunderten die mächtigen Nogat- und Weichsel-Dämme, durch deren Aufschüttung der deutsche Orden erst diese früher morastigen Niederungen für den nun so reichlich lohnenden Ackerbau gewonnen, und erinnerten uns, dass es besonders Meinhard von Querfurt war, der hier vom Jahr 1288–98 segensreich wirkte und sich durch diese Dämme ein ewiges Denkmal setzte. Solche durch Nettigkeit und Sauberkeit der Wohnungen sich überall kundgebende Wohlhabenheit, so heitere Gesichter, solch glattes munteres Vieh war uns im deutschen Norden fast noch nicht vorgekommen. Tausendfach bedauerten wir, dass es uns nicht erlaubt war, auf diesen gesegneten Landstrich, ja selbst nicht einmal auf das historisch und architektonisch so höchst merkwürdige Marienburg so viel Zeit und Aufmerksamkeit zu verwenden, als wir wünschten. Indessen die schweizerartig gebauten allerliebsten Häuser mit den Vorhallen, Gallerien und Ueberbauten, aus welchen oft ein schelmisches rundes Mädchengesicht hervorschaute, veranlassten doch manchen Einspruch, manches Gespräch. Wir fanden Bauerntöchter von gewandter Bildung mit sittigem Anstande am stattlichsten Flügel, und ein freundlich Wort rief die modernsten und lieblichsten Lieder ins Leben. Wir liessen uns erzählen von der wunderbaren Ergiebigkeit des Bodens und von den Schrecknissen der Ueberschwemmung, wenn, wie im vorigen Jahre, die wilde Nogat durch die angstvoll bewachten Dämme bricht. Man schilderte uns mit glücklicher Beredsamkeit das Gewühl und Lärmen, den herzzerreissenden Jammer, wenn die unaufhaltsam gierige, Alles verschlingende Fluth in dunkler kalter Nacht die sorglos Schlummernden überrascht. Uns überlief ein Schaudern, und wir priesen glücklich die Sicherheit der Menschen am Meeresstrande. Aber wie der Nil befruchtet, wo er überschwemmt, so geschieht's auch hier. Nur selten lässt die Ueberschwemmung bedeutende Versandungen zurück. Die fortgerissenen Wohnungen erstehen schöner wieder, und die Spuren der Verwüstung verschwinden schnell, wo, wie hier, Einer dem Andern gern hülfreiche Hand leistet. Selten bei dem Reichthum und Ueberfluss, meist aber bei der Wohlhabenheit, bei dem guten Auskommen wohnt die Zufriedenheit, und bei der Zufriedenheit wohnt gottesfürchtiger, rechtschaffener Sinn. Den fanden wir auch hier. Nicht nur die Bibelsprüche an den Häusern, sondern das Thun und Lassen der Menschen reden davon Zeugniss. Sie geben dem bedürftigen Wanderer, bevor er darum bittet, und kein Bauer der Weichselniederung vergisst bei seinem Einschnitt des Armen, der da kommt, um auf seinem Felde die Nachlese zu halten. Die Hungel- oder Hungerharke, die in Pommern und Mecklenburg leider noch florirt, ist hier völlig unbekannt. Wir zogen nun durch Fischau, das in der letzten polnischen Revolutionszeit durch das nothwendig erschienene grausame Hinopfern vieler übergetretenen Polen eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, und nachdem wir im Kruge zur lahmen Hand des merkwürdigen Namens wegen uns noch einen Erfrischungstrunk hatten geben lassen, erreichten wir, immer auf schöner Chaussée in einer stattlichen Pappelallee zwischen den üppigsten Wiesen dahin schlendernd, das von aussen so unscheinbare, im Innern aber so überaus freundliche, helle, heitere


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