Viktor von Knobelsdorff
Unter Zuchthäuslern und Kavalieren
Viktor von Knobelsdorff

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Silhouetten und Ereignisse

Zwei Glaubensartikel. – Von zwei Zeitungen. – Gestern noch auf stolzen Rossen. – Ein aussichtsloses Unternehmen. – In tyrannos. – Instanzenpolonaise. – Beim Natschalnik. – Principiis obsta! – Der Geist Friedrichs des Großen. – Vier Forderungen. – Selbstregierung. – Der Besuch des Gubernators. – Zuchthausrevirement. – Meine Intervention. – Ein ungeschriebenes Gesetz. – Versammlungen und Forderungen. – Die Aufklärung der Wachtsoldaten. – Das Kriegsziel. – Heilige Flamme, glüh', glüh' und verlösche nie! – Neue Sitten. – Ein einflußreicher Freund. – Eine interessante Zelle. – Zwei Exzellenzen. – Hungerstreik. – Die Befreiung von den Fesseln. – Die Militärkommission. – Das Ehrenwort der Sieben. – Si duo idem faciunt. – Mut in der Brust. – Der Wiedereinzug der abgesetzten Beamtenschaft. – Regen in der Dürre. – Eine Beratungsstelle für Deserteure. – Zwei inhaltsreiche Visitenkarten. – Kostümwechsel. – So leb' denn wohl, du stilles Haus!

Schuld am Kriege hat immer der andere. Diese Regel gilt allgemein. Gälte sie nicht, gäbe es keine Kriege. Das wußten die Russen, und so traf die Deutschen die Schuld. Daß es sich tatsächlich aber um in der Entwicklung der Menschheit ruhende Gesetze handelt – das wird wohlweislich verschwiegen. Das Vaterland muß verteidigt werden, heißt der zweite Satz. Gälte auch er nicht, so gäbe es gleichfalls keine Kriege. Auch dies wußten die Russen, und in flammenden Worten wurde zur Verteidigung der Heimat aufgerufen. Das weitere ist allen bekannt.

Wenige aber werden wissen, daß eines Tages der Regierungsanzeiger die Nachricht brachte: die Sträflinge des Xstadter Zuchthauses haben unter sich eine Sammlung veranstaltet und von dem durch Zwangsarbeit mühselig Verdienten einen Teil der Regierung, sagen wir: fürs Rote Kreuz, zur Verfügung gestellt. Diese Nachricht brachte der Regierungsanzeiger. Eine bewunderungswürdige Opferfreudigkeit, schrieb er dazu, der Nachahmung wert; deutlich zeige sie die Einmütigkeit aller russischen Söhne, in diesem Kampfe zusammenzustehen, und nichts beweise mehr, als diese Tat der Ausgestoßenen, wie in allen Kreisen volkstümlich dieser von einem frechen Feinde aufgezwungene Krieg sei.

Bald darauf brachte das Blatt in der Spalte: »Orden« die Verleihung eines Heiligen der soundsovielten Stufe an den Direktor der Strafanstalt, die eine so rühmliche Gesinnung an den Tag gelegt hatte, zur allgemeinen Kenntnis. Pardautz! das schlug ein. Ich lasse es dahingestellt, was als der stärkste Anreiz wirkte bei dem, was nun folgte: das gute Beispiel, das Lob des Regierungsanzeigers, der Orden – kurz und gut, der Regierungsanzeiger war in den nächsten Tagen wiederholt in der Lage, zu melden, daß auch die Sträflinge dieser und jener Anstalt sich von gleicher Opferwilligkeit wie die von Xstadt gezeigt hätten, ja, daß die meisten der zur Verfügung gestellten Summen die Zeichnung des Xstadter Zuchthauses überträfen. Den Namen des Jaroslawler Zwangsarbeits-Gefängnisses aber vermißte der interessierte Leser. Aus dem Grabe der Zuchthäusler kam auch nicht eine Kopeke.

Ob der Natschalnik sich selbst sagte, daß das unmöglich einen guten Eindruck machen könne; ob es die oberste Verwaltungsbehörde aller Strafanstalten ihm nahe legte, daß der Name seiner Anstalt in der Gabenliste fehle; ob er sich einen gewaltigen Eindruck davon versprach, wenn auch der Name seines Zuchthauses mit einer stattlichen Summe genannt wurde, ich weiß es nicht: ich weiß nur, daß er zur Zeichnung eines Beitrages aufforderte, um ihn dem bedrohten Vaterlande zum Zeichen der Hingabe zu opfern. Hohngelächter war die Antwort. Dies konnte er unmöglich in der Gabenliste buchen lassen. Fürs Rote Kreuz, aber auch nur fürs Rote Kreuz, da wäre vielleicht etwas zu haben, aber ohne Gegenleistung auch dafür nicht eine rote Kopeke.

Was sie wollten? Zeitungen! Zeitungen aller Parteien und jeder beliebigen Stadt. Ausgeschlossen. Dann gäbe es auch kein Geld; und sie wüßten nicht, ob das ein gutes Licht auf ihn werfen würde. Na ja, die täglichen Telegramme mit den Siegesnachrichten könnten wir haben. Das ist immerhin schon etwas: wir werden sehen, wieviel auf dieses Anerbieten hin zusammenkommt.

Die gezeichnete Summe war so klein, daß sie als Herausforderung wirken mußte. »Ihr müßt mehr geben!« – »Bewilligt die Zeitungen!« – »Nun denn, um Euch zu zeigen, daß ich ein milder Herr bin; den Regierungsanzeiger und den ›Invaliden‹ sollt Ihr haben. Das ist mein letztes Wort.« Die Katorschanje zeichneten fürs Rote Kreuz. Jaroslawl prunkte in der Liste. Regierungsanzeiger und Rußkij Invalid durften bestellt werden.

Die Revolution hatte ihr Aussehen verändert. Wir tragen ja auch nicht zu allen Jahreszeiten den gleichen Rock; das neue Gewand befremdete mich daher nicht. Ein Blick in den Inhalt aber zeigte, daß in Rußland das unterste zu oberst gekehrt war. –


Die Natschalstwo des Zuchthauses war über Nacht ganz klein geworden. Die Wärter siezten uns mit einem Mal und auch die unfreundlichen Hofhunde – so hieß der technische Ausdruck im Zuchthausjargon – die uns beim Spaziergang bewachten, wagten kein Wort zu sagen, wenn wir miteinander sprachen oder sogar – horribile dictu! – zu zweien nebeneinander gingen. Das gute Beispiel kam von oben, vom Natschalnik. Der Mann, der mutig genug war, mich anzubrüllen und mit Karzer zu bedrohen, weil ich einmal einen Knopf am Kragen meiner Bluse offen hatte, als er unerwartet die Zelle betrat, er fand auch jetzt Gelegenheit zu rühmlichen Taten: betrank sich mit den freigelassenen Sträflingen im Kontor und stellte sich mit jedermann auf du und du. »Brüder,« entschuldigte er sein früheres Verhalten, »wir sind alle Menschen: jeder hat seine Fehler: verzeiht mir, wenn ich Euch beleidigt habe. Prost!« Und sie verziehen ihm.

Jeder weitere Tag brachte neue Freilassungen. Die Zellen rings um mich begannen auszusterben. Im Geschäftszimmer tagte eine Kommission, die immer noch neue ›politische‹ Verbrecher entdeckte und freiließ. Obwohl ich weder der Brandstiftung, der Hehlerei in Tateinheit mit Raub, weder eines Sittlichkeitsverbrechens, noch der Falschmünzerei angeklagt und wegen eines dieser Vergehen verurteilt worden war, so beschloß ich doch, die Kommission aufzusuchen, um meine Freilassung zu erreichen. Ich pfiff.

Wenn ein Sträfling etwas wollte, so hatte er bescheiden an die Tür zu klopfen. Paßte es dem Nasiratel, so fragte er nach dem Begehr. Paßte es ihm nicht, und manchen paßte es nie, ließ er den Katorschanin weiterklopfen und zeigte ihn dann wegen Lärmens in der Zelle an. Das gab regelmäßig Arrest. Auch ich klopfte natürlich stets, nur bei einem nicht, den pfiff ich zur stets erneuten Freude des ganzen Korpus III wie einen Hund heran. Das hat mir viele Sympathien eingebracht. Unhörbar schlich der Aufseher von Zellentür zu Zellentür, geräuschlos bewegte er den Schieber am Guckloch, und wehe dem, den er bei irgend einem und sei es noch so kleinen Verstoße gegen die Zuchthausordnung ertappte. Karzer war ihm gewiß. Gegen mich hegte er einen ohnmächtigen Groll. Gleich das erste Begegnungsgefecht hatte für ihn mit einer schweren Niederlage geendet. Als er das erste Mal zum Obisk in unserer Zelle war, gelang es ihm, ihr in wenigen Minuten das Aussehen eines Schweinestalles zu geben. Es kostete den Ordnungsfanatiker Bochmann eine ungeheure Selbstüberwindung, daß er diesem Vertreter des ›strengen‹ Regimes nicht an die Kehle sprang. Alles, was in der Zelle war, lag durcheinandergewühlt auf dem Boden; das blanke Kupfer trug die Spuren seiner schmutzigen Finger. »Verfluchter Hund!« murmelte der Pan in ingrimmiger Wut, als sich die Tür wieder geschlossen hatte. »Was tun?« fuhr er resigniert fort, und die Schatten bitterer Qual verdüsterten seine Züge. »Der Nasiratel wird gleich selbst Ordnung machen,« versicherte ich. »Der Nasiratel?« mich traf ein Blick, der an meinem Verstande zweifelte. Ich klopfte. Der Oberaufseher öffnete die Klappe. »Was is' los?« – »Ich lasse den Starschi bitten, sofort persönlich herzukommen.« – »Weshalb?« – »Ich will ihn fragen, ob das ein neuer Befehl ist, daß beim Obisk die Zelle so zugerichtet werden soll, als ob ein Schwein darin gehaust hätte, und ob es Vorschrift geworden ist, dah die Nasiratel dabei mit schmutzigen Fingern unser reines Geschirr zu besudeln haben?« – »Was?« staunte der Oberaufseher, der vorhin nicht einen Blick in die Zelle geworfen hatte, weil er von der Brüstung herunter mit irgend jemandem sprach, »was?« – »Ja, das will ich fragen,« beharrte ich. »Wozu?« – »Wenn das Vorschrift ist, dann werde ich die Sachen aufheben, andernfalls aber werde ich den Starschi bitten, dem Nasiratel zu befehlen, alles wieder auf seinen Platz zu stellen.«

Wie erinnerlich, war der Starschi mein Freund. Er war ein ruhiger älterer Mann, der seine Leute an der Strippe hatte und die Sträflinge nie schikanierte. Das kann auch dir an den Kragen gehen, sagte sich der Ötdjälonnüj: denn anstatt aufzupassen, hatte er sich unterhalten. »Was hast Du da gemacht?« fragte er den Nasiratel, indem er tat, als ob er die Unordnung in unserer Zelle soeben selber entdeckt hätte. »Stell schnell die Sachen wieder ordentlich hin!« befahl er, schloß auf, und die Angst vor Strafwache, Arrest und Lohnabzug half dem Aufseher beim Aufräumen. »Danke!« sagte ich, als er fertig war, und der Oberaufseher glaubte, ich zolle seiner Energie Anerkennung, der Nasiratel aber, daß ich ihn verhöhnte.

Einige Wochen später – er hatte gerade Dienst – klopfte ich. Er kam nicht. Die Tür mit Trommelfeuer zu belegen, das hätte mich totsicher in Arrest gebracht. Ich signalisierte daher nach rechts und links: »Ihr habt gehört, daß ich geklopft habe?« – »Ja.« – »Gut.« Ich mußte mir erst die Zeugen sichern; stand Aussage gegen Aussage, bekam der Aufseher recht, und die Strafe erhöhte sich. Ich pfiff. Tatitata, schmetterte es gellend durch den Spalt an der Klappe in die Stille des weitläufigen Gebäudes, Tatitata! Mit einem Sprunge war er da. »Du warst's!« triumphierte er. »Ja,« bestätigte ich, »ich weiß nicht, ob der Natschalnik Sie dafür beloben wird, wenn er erfährt, daß Sie sich geweigert haben, die Proschenje, auf die er wartet, in Empfang zu nehmen.« Es gelang mir späterhin, ihn noch ein paarmal schwer zu kränken. –

»Da ist der Hund,« sagte der Pan, als der Nasiratel den Kopf in der Tür zeigte. »Ich möchte zum Natschalnik!« Das war der vorgeschriebene Weg: der Aufseher meldet den Wunsch dem Oberaufseher, dieser dem Starschi, der wieder dem Pomoschtschnik vom Dienst und dieser läßt ihn dann auf irgend eine geheimnisvolle Weise, die ich nie ergründet habe, an den Natschalnik gelangen. Dieser setzt Tag und Stunde der Audienz fest, und über Pomoschtschnik, Starschi, Oberaufseher, Aufseher gelangt der Bescheid zum Sträfling, der zur befohlenen Stunde unter abermaliger Inanspruchnahme von Aufseher, Oberaufseher, Starschi, Pomoschtschnik und einer besonderen Wache hingeführt und wieder zurückgebracht wird. »Bitte!« schmeichelte die Stimme des Kerkermeisters; er schloß auf, und damit waren alle Formalitäten, um zum Natschalnik zu gelangen, erledigt.


Die Fabrikanlagen trennten die Einzelzellen von der Wolgafront. Dort lagen die ›Allgemeinen Kammern‹ (Säle, die zur Unterbringung ganzer Sträflingskompagnien hinreichten) und der Sitz der Zuchthausverwaltung. Auf den ersten Blick war zu erkennen, daß die organisierte Unordnung, die sonst herrschte, einem Chaos Platz gemacht hatte. Das Durcheinander von Akten, Papier und Büchern, halbgefüllten und leeren Teegläsern, Staub, Asche und Zigarettenüberresten bildete mit dem von Schmutz starrenden Fußboden, den auf Tischen und niedrigen Regalen sitzenden, sich unterhaltenden und nichtstuenden Beamten und Schreibern eine treffliche Illustration der ›Neuen Ordnung‹. Auch die allgemeine Gleichheit fand in dem Bilde charakteristischen Ausdruck: die Oberbeamten durften in militärischer Haltung den entlassenen Sträflingen, die sich auf den Stühlen breit machten, Rede und Antwort stehen. Als ich das alles sah, wurde mir klar, daß diese ungebundenen Geister vergebens nach der Vollendung reiner Höhe streben. Aber durch den Krieg an vielerlei Schrecken gewöhnt, faßte ich mir ein Herz und fragte irgendwen nach dem Natschalnik, weil mir eine innere Stimme sagte, daß er irgendwo zwischen Zigaretten, Wodka, Akten, Teegläsern und Betrunkenen zu finden sein müsse. Richtig! er war da. Sofort brachte ich meine Frage an: »Weshalb werde ich nicht freigelassen?« Dabei wies ich auf den Regierungserlaß in den ›Nachrichten‹ in dem mich die amnestierten Paragraphen von aller Schuld und Sühne freisprachen. Der Natschalnik, der mit der verstaubten Literatur in seinem Kontor eine verzweifelte Ähnlichkeit bekommen hatte, verriet mir, daß ein Delegat des Kriegsministeriums gegen meine Freilassung Widerspruch erhoben habe. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als meinem höchsten Vorgesetzten eine Abschiedsverbeugung zu machen und dabei in Ermangelung von Sporen mit den Ketten zu klappern. Ich hatte das eklig 'raus. –


Die Allgemeinen Kammern, mit ihrer Anhäufung von Verbrechern jeder Art auf engstem Raume, bildeten das unerschöpfliche Reservoir, aus dem der Strom der revolutionären Freiheit immer neue Nahrung sog, um schließlich so anzuschwellen, daß er die letzten Dämme der alten Ordnung zerbrach. Er warf sie nieder, weil überall das Leben den gleichen Gesetzen gehorcht. Die kraftlose Zuchthausverwaltung hatte in, wie sie glaubte, kleinen Dingen den Sträflingen nachgegeben, um sich dadurch, wie sie hoffte, von weitergehenden Zugeständnissen, die die Strafanstalt lediglich zu einem Asyl für Obdachlose machen mußten, freikaufen zu können. Hatte die Revolutions-Regierung zunächst nur die politischen Verbrecher amnestiert, so sah sie sich alsbald gezwungen, dem Drängen der Demagogen nachzugeben, die die Sache der übrigen Gesetzesbrecher zu ihrer eigenen machten, und im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eine erweiterte Amnestie in Aussicht zu stellen. Damit legte sie den Grundstein zu ihrem Sturz. Dienstag, den 3. April, hieß es, erscheint die Amnestie. Aber wir hatten erst Anfang März! Solange sollen wir noch warten? Unerträglicher Gedanke. Soldaten- und Arbeiter-Abgeordnete vom Ausführenden Komitee jenseits der Wolga werden zitiert, bearbeitet, die Unsinnigkeit dieses Ansinnens wird ihnen bewiesen und die sofortige Freilassung gefordert.

Das ist mir auch späterhin in den anderen Gefängnissen, die mich als Gast sahen, aufgefallen: stets war der Wunsch der Sträflinge den ›Volks‹-Beauftragten Befehl! Die waren immer für ihre besten Truppen zu haben, unsere Fürsten – leider – nicht. Ihre Schuld war es daher, daß sie so sang- und klanglos von der Bildfläche verschwanden. Hätten sie »als König zu denken, zu leben und zu sterben« vermocht, wären sie Persönlichkeiten gewesen, die diese Dreifaltigkeit in sich einten, sie säßen – es ist nicht unwahrscheinlich – alle noch auf ihren Thronen. Wer aber für seine Sache nicht mehr einzusetzen wußte, als die Unterschrift unter die Abdankungsurkunde, dem wurde nicht ganz ohne Unrecht zugerufen: gehabt Euch wohl, edler Herr! –

Die Leute vom Revolutionären Komitee hielten den Wunsch der Katorschanje für berechtigt, und da sie sich ihnen im Glanze ihrer Macht zu zeigen wünschten, beraumten sie für den Nachmittag desselben Tages eine Versammlung aller Sträflinge an.

In dieser wurde beschlossen:

  1. 1.das gesamte Zuchthaus-Personal legt die Waffen ab;
  2. die Sträflinge verwalten und regieren sich selbst;
  3. die Amnestie hat sich unterschiedslos auf alle unter dem alten Regime Verurteilten zu erstrecken:
  4. die Beschlüsse treten sofort in Kraft.

Die Jaroslawler Komitee-Mitglieder sagten zu allem Ja und Amen. Die Mehrheit hatte es beschlossen. Der Wille der Mehrheit mußte geschehen. Der Wahnsinn war Methode geworden.

Nur ein Bedenken kannten die Abgeordneten vom Arbeiter- und Soldatenrat, ein einziges, kleines Bedenken: gefährdeten sie auch nicht durch die Beschlüsse ihre eigene Stellung? Denn die Regel lautet: mag's tausendmal Verrat an allem sein, es soll geschehen, wenn es dir nützt; was allen frommt, das bleibe ungetan, wenn du dir dabei selber schadest. In Moskau, hieß es, wären längst schon alle frei. Wie aber, wenn in Petrograd ein gleiches für Jaroslawl nicht gebilligt würde? Da ist es vielleicht ratsam anzufragen; bei einem Nein auf die in Petrograd zu weisen.

»Brüder,« sagt der Präsident, »Euer Wille geschehe. Doch ich habe eine Bitte an Euch, nur eine einzige kleine Bitte. Seht, ich könnte es Euch befehlen, denn alle Gewalt hat uns das Volk übertragen. Aber ich tue es nicht, das verfluchte alte Regime mit seinem Zwang das ist dahin, ich bitte Euch lediglich: geduldet Euch noch eine kleine Weile! Wir fragen inzwischen in Petrograd rasch telegraphisch an, ob wir Euch heute schon die Freiheit geben dürfen und bringen dann selber Euch die Antwort her. Bis dahin mögt Ihr hier so tun, wie Ihr beschlossen habt.« –


»Organisiert euch!« das war das Modewort des Tages geworden. Die Sträflinge organisierten sich. Es gab ein Ausführendes Komitee, es gab Delegierte und vor allen Dingen gab es Versammlungen. Wenn doch all die Zeit, die ans feile Wort verschwendet wird, in nutzbringender Arbeit zum allgemeinen Besten verwendet würde! Es gäbe keine soziale Frage mehr, das ist gewiß. –

Die Beamtenschaft legte die Waffen ab und tat gemeinsam mit den Sträflingen Dienst. Der vereinfachte sich. Die Katorschanje hatten das ›Ehrenwort‹ gegeben, nicht auszurücken. Die Zellentüren wurden geöffnet. Der Verkehr innerhalb des Zuchthauses war frei. In jedem Flügel war ein Delegat für die Ordnung verantwortlich. Ein Beamter, von zwei Sträflingen begleitet, machte morgens und abends die Pawierka. Der Schließerdienst war fast überflüssig geworden.

Fast: die freigewordenen Zellen hatten sich mit neuen Insassen gefüllt, Männern, deren Dienstlaufbahn sonst nicht mit dem Zuchthaus zu enden pflegt. Gleich bei Beginn der Revolution war der Oberpräsident des Gouvernements, Gubernator heißt es im Russischen, Fürst Obolenskij (wenn ich nicht irre)Im diplomatisch-statistischen Jahrbuch für 1916 wird Graf Tatischtschew als Gouverneur genannt. Ich konnte mich seinerzeit nur auf die Angaben von Nasirateln und Sträflingen stützen. Es bleibt somit die Begebenheit, der Name zerfließt in Schall und Rauch. geflohen. Ich habe auch die zweifelhafte Ehre, ihn zu kennen. Gelegentlich eines Zuchthaus-Besuches wurden ihm die Raritäten der Strafanstalt vorgeführt. Ich gehörte zu den Schaustücken, die man gesehen haben mußte. Mit großem Gefolge betrat er meine Zelle; der Rest seiner Umgebung drängte sich vor der Tür. »Achtung!« kommandierte der Kommandant des Korpus III. »Gesundheit!« grüßte der Natschalnik. »Ich wünsche Euer Hohen Exzellenz Gesundheit,« betete der Pan seine Formel her. »Guten Tag,« erwiderte ich deutsch.

Eine sehr große, sehr gut sitzende Uniform stand vor mir. Ein Gesicht, an die geistlosen anglo-amerikanischen Gefrieser erinnernd, ragte aus dem Kragen hervor. Ein paar blank geputzte Knöpfe stellten die Augen dar. Im übrigen war die Puppe stumm. Nachdem sie längere Zeit in der Zelle gestanden und sich an meinem Anblick geweidet hatte, bewegte sie sich wieder zur Tür hinaus. Da es im Zuchthaus nicht Sitte war, Besuche zu erwidern, so bin ich Seiner Hohen Exzellenz, dem Fürsten Obolenskij, den meinen schuldig geblieben.

Diesen pflichtbewußten Beamten hatten die neuen Gewalthaber zu ihrem Leidwesen nicht erwischt. Dafür hatten sie den Polizeipräsidenten, den Gendarmerieobersten, zahlreiche Beamte der Ochrana und wen sie sonst noch fassen konnten, in den sicheren Gewahrsam des Zuchthauses gebracht. Diese Leute mußten bewacht werden.

Außer ihnen ein lieber Kerl. Ein im ersten Freiheitstaumel von interessierter Seite eingebrachter Beschluß hatte allen Beamten des Zuchthauses Amnestie gewährt, nur einem nicht, dem Zuchthaus-Arzt. Eine der ersten Taten der Sträflinge und die einzige, mit der ich mich rückhaltlos einverstanden erklärte, war die Festsetzung dieses ›Massenmörders‹. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Da er einer der gewissenlosesten Menschen war, die ich kenne, so wird er wohl frei gekommen sein.

Auch die Korridorschtschiki, die ihre Kameraden bestahlen und schikanierten, wo sie konnten, wenn sie nicht bestochen wurden, wurden hinter Schloß und Riegel gesetzt. Nun hatten sie Muße, über eine gerechtere Verteilung des Essens nachzudenken.

Das diebische Küchenpersonal, das sich vom Besten der Zuchthaus-Vorräte mästete und die übrigen Katorschanje mit dem fütterte, was es selbst nicht hinunterwürgen konnte, wurde durch die ersetzt, die am lautesten über die Verpflegung geschimpft hatten. Aber das Essen wurde nicht besser. Dafür erschien es unregelmäßig; es wurde bisweilen 400 nachmittags, ehe es kam. Es verschlechterte sich sogar noch, und dann stellte sich heraus, daß die, die alles besser wußten und am meisten getobt hatten, und auf Grund dieses Verdienstes und Befähigungsnachweises die Interessen der Gesamtheit wahrnehmen sollten, viel ärger stahlen und noch mehr auf ihren Vorteil bedacht waren, als dies je die Leute in den alten Zeiten gewagt hatten.

Auch sonst stellten sich gleich in den ersten Tagen der neuen Selbstverwaltung zahlreiche Mißstände heraus. Die Posten der Korridorschtschiki, zu deren Aufgaben auch das Ausgießen und Reinigen der Koteimer gehörte, waren nicht mehr besetzt worden, denn die sich selbst regierenden Sträflinge hatten niemanden gefunden, der ein Amt angenommm hätte, das irgendwelche wirkliche Arbeitsleistung im Gesamtinteresse erforderte. Wie einst in Brest-Litowsk, so herrschte jetzt auch hier völlige Selbstbedienung, die nach den Bedürfnissen und nach den Auffassungen von Reinlichkeit in den einzelnen Zellen eine sehr verschiedene war.

Das Zuchthaus hatte keine Kanalisation, Kot und Jauche wurden täglich abgefahren. Jetzt aber ruhte jegliche Arbeit, und wir drohten im Schmutz zu ersticken.

Ich muß es leider eingestehen: ich war ein angesehener Mann im Katorschnaja Tjurma. Viele hatten mir schon zu Zeiten der alten Regierung nicht geglaubt, daß ich ein politischer Verbrecher sei; der Zar werde einen feindlichen Offizier, einen Flieger noch dazu, ins Zuchthaus sperren, nur weil er Feind sei! Das sollte ich anderen vorreden: nee, nee, ich müsse ganz was Dolles gemacht haben!

Als sich nun bei der Amnestie der politischen Verbrecher die Türen des Gefängnisses nicht auch mir geöffnet hatten, da galt es als erwiesen, daß ich Dinge auf dem Kerbholz haben müßte, an die nur ein ganz schwerer Junge sich herangetraut haben konnte, denn die Quittung dafür war ja allen lesbar: am Galgen vorbei, ins Zuchthaus, lebenslänglich. Wohl war ich Feind, und solange Rußland mit uns im Kampfe stand, mußte ich mich jedes Geschehens freuen, das seine Niederlage beschleunigte. Aber in den russischen Untergang mit hineingezogen zu werden, dazu verspürte ich keinerlei Neigung. Ich machte daher den einflußreichsten Delegaten klar, daß keiner vom ganzen Zuchthause lebend herauskommen werde, wenn erst mal das große Sterben mit Typhus, Cholera und Pest bei uns seinen Einzug gehalten haben werde. Was meine Worte vielleicht nicht vermochten, die Furcht vor dem Tode, der Selbsterhaltungstrieb brachten es fertig, daß eine Stunde nach meiner grausigen Schilderung mit der Leerung des Sammelbeckens begonnen und in der Folge für die prompte Abfuhr des Kots gesorgt wurde. Im übrigen ließ ich die Bande machen, was sie wollte. Mich ging es nichts an. Ich hatte nur über meine Person zu wachen, und das war in den ersten Tagen der Selbstverwaltung dringend nötig.


Die Revolutions-Regierung hatte einen Heidenschreck bekommen, als sie in der Zeitung las, daß da und dort die Gefängnisse geöffnet worden waren, und ihr Inhalt sich auf die Straße ergossen hatte. Nach dem ungeschriebenen Gesetz aller Revolutionen ist der im Recht, der eine Regierung stürzt und damit selbst zur Macht gelangt. Die von der Entente ausgehaltene Kerenskij-Regierung hatte die Zarenherrschaft nur ein wenig beseitigen und, sich an ihre Stelle setzend, nur das tun wollen, was man eine kleine Schiebung nennt. Bei diesem Unterfangen hatte sie aber den nicht unwichtigen Umstand übersehen, daß sie jeder Gruppe und jedem Grüppchen, das sich in demselben Taschenspielerstück versuchen wollte, automatisch das Recht einräumte, mit ihr ebenso zu verfahren, wie sie selbst zur Herrschaft gelangt war. Das fiel ihr nun und natürlich zu spät ein. Sie hatte jetzt nur noch die Wahl, entweder sofort abzutreten und die Unentwegtesten ans Ruder zu lassen, oder ihr Verschwinden noch ein wenig hinauszuzögern. Ein anderer Entschluß war nicht zu fassen.

Da nun die »Regierung von Rußlands besten Söhnen« an der Macht bleiben wollte, sah sie sich gezwungen, die Forderung der Freilassung sämtlicher Sträflinge abzulehnen. Bevor sie aber ihre Antwort bekannt werden ließ, legte sie zunächst eine Kompagnie Infanterie als Wache ins Zuchthaus. Dann kam vom Ausführenden Komitee der abschlägige telephonische Bescheid. Auf zur Protest-Versammlung! Die Realpolitiker aber entdeckten aufs neue ihr patriotisches Herz. Die Parole vom ersten Revolutionstage: Kampf den Deutschen bis aufs Messer! die sie längst alle wieder vergessen hatten, wurde aus der Erinnerung ausgegraben und von einem Häuflein als Leiter benutzt, mit deren Hilfe sie hofften, in das goldene Land der Freiheit jenseits der Gefängnismauern herabklettern zu können. Ja, wir haben gesündigt, gestanden sie: aber was sollen wir hier tatenlos sitzen, laßt uns an die Front! Als Soldaten wollen wir sühnen, was wir als Bürger gefehlt. Die Forderung: wer gewillt sei, an der Front zu kämpfen, der solle sofort freigelassen werden, wurde an das Ausführende Komitee gerichtet.

Was konnte man bis zum Eingang einer Antwort tun? Man konnte das Eisenband, das einzelnen Zellen außen vorlag, abschrauben: in der Schlosserei lag Werkzeug genug. Man konnte die in der Wand eingelassenen Eisenstangen, die Stützen von Tisch und eingemauertem Sitz, abbrechen. Ein wenig Schrauben hier, ein wenig Zerren und Treten da, und du hattest, was du wolltest: etwas, das weniger beachtlichen Gründen eher Geltung zu schaffen vermochte.

Am Nachmittag wurde erneut eine Versammlung einberufen. In ihr wurde erklärt: das Zusammenarbeiten mit der alten Beamtenschaft sei für jeden anständigen Zuchthäusler zur Unmöglichkeit geworden. Die neue Regierung habe bewiesen, daß sie nicht besser, nein, schlimmer als die des Zaren sei. Einem zielbewußten Anhänger, der ›Wahren Freiheit‹ sei es daher nicht mehr möglich, weiter mit der Natschalstwo zusammen zu wirken. Die Nasiratel sollten sich noch heute zum Teufel scheren und wenn sich noch einer im Zuchthaus blicken ließe, dann wollten sie ihn totschlagen. Das war der Beschluß.

Die Aufseher verschwanden. Die Wachtkompagnie blieb. Rings um den ganzen Zuchthausbereich standen ihre Posten. Eine starke Wache, sechzig bis achtzig Mann, wurde in den Korpus III gelegt. Der freie Verkehr wurde nicht gehindert, aber überall standen die Doppelposten. Die Bereitschaft lagerte dicht gedrängt im untersten Flur. Das war Grund genug, um sich wieder zu versammeln. Beschluß: bewaffnete Soldaten sind ein Zeichen von Mißtrauen. Die Katorschanje können sich allein regieren, ohne Nasiratel und ohne Soldaten. Die Wache ist ›aufzuklären‹ und zum Ablegen der Waffen zu bewegen.

Es dauerte nicht lange, und die Wache war aufgeklärt. Die Soldaten verbrüderten sich mit den Sträflingen in den Zellen. Die Waffen lagen irgendwo auf einem Haufen, nur einige ganz besonders Mißtrauische hatten sie mit in die Zellen genommen. Am Mittag des folgenden Tages wurde die Kompagnie abgelöst. In mehr als zweihundert urteilslose Schädel war Verwirrung getragen. Die gleiche Zahl rückte an, und das Ergebnis war dasselbe. So ging es Tag um Tag. Vier Ersatz-Regimenter Infanterie lagen in Jaroslawl. Es dauerte nicht lange, und alle Truppenteile waren in Fäulnisherde umgewandelt. – Draußen, außerhalb der Mauern, wurden die Massen mit Wort und Schrift aufgepeitscht. Es ging um Sieg oder Niederlage, dessen war sich die Entente bewußt. Nein! bei ihr ging es nur um den Sieg! Um nichts anderes. Ihre Staatsmänner kannten nur ein Ziel: den Sieg; ein Wollen: den Sieg: ein einziges Mittel, um zum gewollten Ziel zu gelangen: den Sieg. Nichts anderes kannten sie. Das ›Oder‹ kannten nur die unfähigen Erben Bismarck'scher Staatskunst, die bei uns am Ruder saßen und uns damit in sichere Niederlage stürzen mußten. Mußten! Wer Raum in seinem Kopfe für ein ›Oder‹ hat, hat sich als Staatsmann selbst gerichtet: gewogen und zu leicht befunden. Weil die Entente den Sieg wollte, mußte Rußland an der Stange bleiben, mußte die neue Regierung, als Knecht der Entente, das Volk immer weiter in den Abgrund treiben.

Organisiert euch! Kampf den Deutschen bis aufs Messer! Immer wieder wurde diese Losung ins Volk geworfen. Kämpfen aber heißt: ran an den Feind! Mit brausendem Ura wurde die Ansprache eines Offiziers aufgenommen, der zum Eintritt in die Armee aufforderte. Gelang es erst 'mal, auf diese Weise herauszukommen, dann würde sich das Weitere schon finden. Zunächst aber galt es, durch eine Tat zu beweisen, daß selbstverständlicher Deutschenhaß in der Brust eines jeden schlummerte.

Ich saß in der Zelle und schrieb an einem Bericht. Irgend jemand machte sich an der Zellentür zu schaffen. Ich drehte mich um und sah, wie einer die Klappe zuwarf. Im nächsten Augenblick bewegte sich ein Schlüssel, das Schloß ächzte, der Riegel schob sich vor, ich war eingeschlossen. Ich stand auf. Vor meiner Tür stand ein Sträfling Wache. Er gehörte zur Miliz; das war die aus den Sträflingen gebildete Zuchthaus-Polizei. Schritte entfernten sich, und eine mir bekannte Stimme grollte: »Verfluchtes Schwein! Totschlagen sollte man die deutschen Hunde alle.« Es war der Augenakrobat. Wie mochte er das Schlüsselloch gefunden haben?

»Was ist los?« Der Offizier hätte befohlen, mich einzuschließen; ich sei kein freier Katorschanin, ich sei Feind. Ich schrieb weiter. Meine Freunde, die beiden Delegaten, der Kommandant der Miliz und ein Ukrainer, kamen, um mir das Neueste zu erzählen. »Nanu?« – »Warum sperrt Ihr mich wieder ein?« – »Wer hat Sie eingesperrt?« – »Ich weiß nicht; aber der mit den Augen kegeln kann, der war dabei.« – »Genosse, hol den Schlüssel,« befahl der Kommandeur der Zuchthausgarde. »Gleiches Recht für alle,« fuhr er zu mir gewandt fort, »ohne meine Erlaubnis wird niemand eingeschlossen.« Die Tür wurde geöffnet.


Der freie Verkehr von Zelle zu Zelle hatte seine Vor- und Nachteile. Es wurde gestohlen. Wer die Zelle verließ, ohne sie verschlossen zu haben, büßte unweigerlich seine wenigen Habseligkeiten ein. Der eiserne Zusammenhalt im Korpus III hatte sich gelockert. Neue Sitten waren aufgekommen. Sich in aller Freundschaft zu bestehlen, war erlaubt. Es galt zwar nicht als fair, das wäre zu viel gesagt, aber es war ein schöner Brauch.

Der Pan war infolge der vielen Aufregung krank geworden und lag drüben im Lazarett. Ich mußte mein Eigentum selbst hüten. In der Hauptsache bestand es aus Lebensmitteln. Die Revolution hatte die Aussichten auf die nächste Wipiska auf den St. Nimmerleinstag verschoben, und das Gedächtnis versagte, wenn es sich an die letzte erinnern sollte. Mit dieser zarten Umschreibung will ich andeuten, daß ich den üblichen Hunger hatte. Ich habe vorweg genommen, daß es mir gelungen war, ein wenig für mich zu sorgen. Da war ein Soldat eingeliefert worden: lebenslängliche Zwangsarbeit. Er hatte einen Arm verloren. Ich weiß nicht, was ihn ins Zuchthaus gebracht hatte. Er hatte ein nicht unsympathisches Gesicht und war ein ruhiger Mann. Seit einigen Monaten hauste er am gleichen Korridor wie ich. Sein Tabakvorrat war ihm gelegentlich ausgegangen. Auf seine Bitte schickte ich ihm 1/8 Pfd. Machorka und einen Bogen Papier. Jetzt war er Delegat. Er saß im Kontor und überwachte die Ausgaben; ohne seine Unterschrift rollte keine Kopeke aus dem Kassenschrank der Zuchthaus-Verwaltung. »Ich möchte Wipiska haben,« sagte ich ihm. »Wieviel?« fragte er. »Dreißig Rubel.« Er unterschrieb den Bon, und so kam ich in den Besitz von Butter, Eiern, Käse, Speck, Tee, Tabak und Zigarettenpapier. –

Es ist nicht gut, daß der Mensch sich zu viel mit irdischem Gut behängt, das war des Lebens Leitstern für die meisten Katorschanje. Dafür schätzten sie den Besitz an anderen. Stets waren sie bereit, in dessen Genuß einzutreten und sich des doppelten Vorteils zu erfreuen, ihn ohne jegliche Mühe des Erwerbes zu haben. Vielleicht weil die Mehrzahl von ihnen so dachte, vielleicht auch, weil meine Zelle den nicht ganz unbegründeten Ruf der Gastfreiheit hatte, vielleicht auch, weil ich jedem meiner ›Kollegen‹ unter irgend einem Gesichtspunkte sehenswert war, kurz, der Zusammenfluß dieser drei Annahmen ergoß sich als stattlicher Strom in meine Zelle. Es herrschte ein fast beständiges Kommen und Gehen. Viele kamen und bedankten sich bei mir, weil sie Deutschland ihre sicher nun bald bevorstehende Befreiung zu danken hätten; bedankten sich, weil sie das wenige, was sie wußten, von irgendwohin verschlagenen Deutschen hatten. Das war ja alles ganz schön und gut, aber wenn man selber schon ein, zwei Jahre lang in unterschiedlichen Gefängnissen mit jeder Art Halunken zusammenlebte, dann mußten die ständigen Besuche an jeglichem Interesse verlieren und konnten schließlich nur noch störend empfunden werden. Ich sah mich daher gezwungen, den Strom der Besucher stark einzudämmen. Ich ließ mich einschließen und war nur für diejenigen zu sprechen, die mir paßten. Das ist nun wieder ein wenig zuviel gesagt, denn es gab nur einen einzigen Menschen im ganzen Zuchthaus, auf den diese Bedingung zutraf, jenen grundehrlichen und durch und durch anständigen Mann, der das Herausbringen meiner Tagebücher aus dem Gefängnis übernahm und den lediglich die einäugige russische Justiz seiner Freiheit beraubt hatte. Diese Maßnahme erlaubte mir den im wesentlichen ungestörten Genuß meiner Wipiska, hielt unerwünschte Besucher fern und ermöglichte, die Zelle zu verlassen, wann ich es wollte.


Die Umwandlung des Zuchthauses in eine Herberge für zwangsweise Obdachlose hatte mich in näheren Verkehr mit einem Balten gebracht. Herr v. Grotthuß war einige sechzig Jahre alt, Staatsrat, Exzellenz gewesen. Seine Aburteilung war im Zusammenhang mit dem Mjassojedoff'schen Spionage-Prozeß erfolgt, der zu Beginn des Krieges in Rußland großes Aufsehen erregt haben soll. Seinen Angehörigen ist es später gelungen, seine Rehabilitierung durchzusetzen. In der Erzählung von Anekdoten war er Meister; über sein Vaterland sprach er mit der gebührenden Zurückhaltung, die dem Feinde, mir gegenüber, am Platze war. Außer Herrn v. Grotthuß hatten wir noch eine Exzellenz im Zuchthaus, den Verteidiger von Kowno, General der Infanterie Gregorijeff. Ob der Zar um diesen General wohl zu beneiden war? Man habe ihn zum Sündenbock für den Fall der Festung gemacht, sagte er. Aber wenn ihm auch jetzt die Gnade Seiner Majestät des Kaisers entzogen sei, so werde sie ihm doch wieder leuchten, so hoffte er. In allen Wechselfällen des Geschicks jedoch werde er seinem Herrscherhaus treu ergeben sein. So klang Sr. Exzellenz Rede vor der Revolution. Die Gesinnung, die sich in diesen Worten äußerte, mußte auch ein Gegner anerkennen. Nun kam die Probe aufs Exempel, die Umwälzung. Mir hat es meine Kinderstube verboten, die gestürzten Größen in der Form des Umganges ihr Versinken in das Nichts empfinden zu lassen: dabei war ich Feind, ein Feind, der nie ein Hehl daraus gemacht hatte, daß er es sei. Die Russen dachten anders. Vor der Revolution verneigte sich Seine Exzellenz tief vor jedem Nasiratel, und zog dabei die Mütze wie ein Schulbub. Jetzt aber grüßte Seine Exzellenz die machtlose Natschalstwo nicht mehr. Jetzt grüßte der General der Infanterie seine Kollegen, die Sträflinge, und ganz besonders ehrerbietig die von ihnen, die Soldat gewesen waren. Von weitem schon schwang er die Mütze; ein joviales Mützenschwenken, wenn er irgendeinem Katorschanin begegnete, eins, das unverkennbar Hochachtung ausdrückte, wenn die Kopfbedeckung sich vor einem Gesicht senkte, in dem nicht gleich zu lesen war, ob es in ihm noch einen Burschui oder noch weniger als seinesgleichen sah. Nein, wie er vertraulich den Kerlen auf die Schulter klopfen konnte! Prachtvoll geradezu! Vielleicht muß man russischer General und Hohe Exzellenz gewesen sein, um das zu können.

Die Revolutions-Regierung war, wie ich berichtete, zu Anfang etwas schwerhörig, was eine allgemeine Amnestie anging. In einer der Versammlungen, die sie forderte, trat auch Exzellenz Gregorijeff als Redner auf. Es mußte ihm wohl unbekannt gewesen sein, daß der Staatsanwalt auftragsgemäß nur die entlassen konnte, auf welche die Amnestie sich erstreckte, denn sonst hätte die ehemalige Stütze von Thron und Altar doch nicht vorschlagen können: »Wenn der Prokuror uns nicht alle freiläßt, dann wollen wir ihn selber einsperren!« Nicht übel, was? »Kameraden,« empfahl er sich zum Schluß dem allgemeinen Wohlwollen, »ich bin in meinem Herzen schon immer Anarchist gewesen. Aber unter dem verruchten alten System – dem er vierzig lange Jahre gedient hatte! – konnte ich mein Innerstes nicht offenbaren.« – »Herr General!« – die republikanische Höflichkeit gebietet die Anrede mit dem Range und wendet sich verächtlich von jedem Titel – erhob sich ein ehemaliger Soldat, »Sie brauchen vor uns keine Angst zu haben. Wir tun Ihnen nichts, wenngleich Sie das nicht verdient haben. Vor einem Jahre noch sprachen Sie anders. Ich kenne Sie doch von Kowno her. Genossen!« fuhr er fort, »wir wollen ihm nichts tun, obgleich er mich in Katorga gebracht hat. Erlaubt mir aber, daß ich vor ihm ausspucke.« Wie gesagt, so manche Russen dachten anders. –


Weg von hier! Das war der Gedanke, der in allen Gesprächen, in allen Versammlungen und in allen Forderungen immer wieder auftauchte. Weg von hier! Im Zuchthaus begann es zu gären. Läßt man uns nicht gutwillig hinaus, gut, dann gehen wir mit Gewalt! hieß der Satz, für den nunmehr Stimmung gemacht wurde. Er hatte große Zugkraft. Nur schwer noch gelang es den besonneneren Elementen, die Masse in Zaum zu halten. Als letztes friedliches Mittel, um unsere Freilassung zu erwirken, wollen wir in den Hungerstreik treten, wurde verkündet. Was jeder an Brot, Tee, Zucker und sonstigem Eßbaren besaß, wurde ins Geschäftszimmer gebracht, und die Wohnung des Natschalniks mit den Nahrungsmitteln verbarrikadiert. Die Wachkompagnie, vom 209. Ersatz-Regiment gestellt, mit ihrem Führer an der Spitze, unterstützte die Forderung der Sträflinge, indem sie sich gleichfalls am Hungerstreik beteiligte und ihre Verpflegung zum allgemeinen Haufen warf. Gegen 900 vormittags begann der Streik. Gegen 1100 vormittags war er zu Ende. Eine Militär-Kommission würde zunächst die für den Dienst im Heere Tauglichen aussuchen, die übrigen möchten sich noch ein wenig gedulden.

Um weiter zur allgemeinen Beruhigung beizutragen, wurde ein Regierungs-Erlaß sofort zur Ausführung gebracht: am 30. März 1917 wurden uns die Handfesseln, am 2. April die Fußfesseln abgenommen. Amboß, Stemmeisen und Kammer arbeiteten um die Wette. Die Ketten sanken in den Staub. Ich habe die meinen zwei Jahre weniger einige Tage getragen.

Die Militär-Kommission erschien. Je nach Wunsch schrieb sie die einen für sofort einstellungsfähig, andere für tauglich nach drei Monaten Erholungsurlaub. Viele aber erklärten: Soldaten werden wir nicht! Wir wollen nichts anderes als freigelassen werden: das wollen wir! Der Pan erhielt drei Monate Erholungsurlaub. Aber wo sollte er ihn verbringen? Geld besaß er nicht. Nach Hause konnte er nicht. Wovon sollte er leben? Die meisten befanden sich in gleicher Lage. Ich weiß nicht, wie das Ausführende Komitee den Leuten half.

Die Mitglieder der Militär-Kommission waren taktvolle Menschen; ich konnte das an den russischen Offizieren gelegentlich schon loben! Es war am späten Abend; sie ließen sich meine Zelle aufschließen und traten ein. Ein Haufen Sträflinge umdrängte sie. Keins von den Kommissions-Mitgliedern grüßte. Dafür starrten sie mich an, starrten mich an, wie eben nur ein Russe einen Menschen anstarrt. Schließlich sagte einer von meinen russischen Kameraden, der die Abzeichen eines Obersten trug, zu den herumstehenden Zuchthäuslern: »Für den scheint AlexandraAlexandra Feodorowna, geb. Prinzessin Alix von Hessen und bei Rhein, Kaiserin von Rußland. nichts getan zu haben, daß er hier noch sitzt.«

Das Erscheinen der Militär-Kommission hatte die Wogen des Patriotismus erneut hochgehen lassen, wenigstens für zwei Tage. Am dritten Tage hatten die Gemüter sich wieder beruhigt.

Ich überlegte, was ich für Aussichten hätte, wenn ich jetzt ausrückte. Ich kam zum Schluß, daß alles fürs Mißlingen sprach. Auch ein freundliches Anerbieten, Mitglied einer Räuber- und Diebesbande zu werden, schlug ich aus. Die Tage wurden lang. Das Leben inmitten der wüsten Unordnung wurde immer widerwärtiger. Um mir ein wenig Unterhaltung zu verschaffen, setzte ich eine Beschwerde auf und trug sie nach dem Geschäftszimmer. Dort herrschte große Aufregung. Sieben Zuchthäusler waren trotz »Ehrenwort« ausgerückt. Den Mitgliedern vom Arbeiter- und Soldatenrat fehlten die Pelze und Pelzmützen, die sie im Vorzimmer aufgehängt hatten. In diese gehüllt, hatten die Sieben dem Zuchthaus Lebewohl gesagt.

Zu den Kennzeichen eines gemeinen Charakters und beschränkten Kopfes gehört der Neid, die Sucht, über das Eigentum eines Dritten, also über etwas, das dir garnicht gehört, verfügen zu wollen. Kommunalisierung, Sozialisierung, Kommunismus scheinen in der Praxis nur Umschreibungen zu sein für eine Reihe der niedrigsten menschlichen Eigenschaften, und das Bekenntnis zu ihnen spricht eben nicht für die Güte der menschlichen Natur. Gleichzeitig bildet es einen trefflichen Beleg dafür, daß für die Masse Verstand ein in keiner Weise vermißter Bedarfsartikel ist; daß, um Menschen zu führen, es weiser ist, sich auf ihre geradezu gigantische Dummheit zu verlassen, als Eigenschaften bei der Menge zu suchen, die sie ihrer Natur nach garnicht haben kann. Das weiß jeder Gimpelfänger, und das ist sein Rezept: sieh! der hat und du hast nicht; du mußt ihm nehmen, dann hast du auch; du greifst zu und hast am Ende nichts; nur einer hat, sitzt im Trockenen und lacht sich ins Fäustchen, sitzt in fetter Pfründe als Vollstecker deines Willens, der genau der seine ist: ohne Wissen, ohne Können, ohne Mühe, ohne Arbeit dorthin zu gelangen, wo sonst nur der Bewährte sitzt. Du aber bleibst an deinem Platz – wenn du nicht tiefer sinkst! – zerfressen von des Lebens Kümmernissen, mit wirrem Sinn, das Herz vergiftet. Auch das ist überall das gleiche: wehe dir, wenn du dem, den du emporgehoben hast, ein gleiches wie den andern tust! Dann sind sie da, des Menschen alte Rechte, das Recht auf Eigentum und auf Gesetz. Wie waren die Leute zur Macht gekommen, die jetzt Regierung spielen wollten? Sie nahmen, was ihnen keiner wehrte. Wie waren die Katorschanje zu den Pelzen gekommen? Sie nahmen sich, was ihnen keiner wehrte. Wo liegt der Unterschied? Nun hießen sie Diebe, weil sie die Pelze sich genommen hatten. Die Logik verstehe, wer will. Im Zuchthaus war nicht einer, der den Besitzwechsel nicht recht und billig fand. Die waren sachverständig und irrten sicher nicht in ihrem Urteil. Was sie von ihresgleichen schied, von den Gesinnungsgenossen, die erfolgreich waren, war nur die Mauer, nicht die Tat. Deshalb verurteilten sie das Ausführende Komitee, weil es Diebstahl nannte, was es mit gleichem Rechte selbst getan: sich etwas angeeignet hatte, das ihm nicht gehörte.


So ungerührt die Mitglieder vom Arbeiter- und Soldatenrat sich zeigten, wenn es darum ging, den Burschui zu entrubeln oder seine Wohnungen mit Beschlag zu belegen, so empfindlich waren sie, wenn es sich um ihren eigenen Beutel handelte. Das war sogleich zu spüren. Jetzt, wo die Hauptschreier in Truppenteile eingereiht waren, glaubten sie um so mutiger gegen die vorgehen zu können, die ihnen gar nichts getan hatten, nämlich gegen die, die ruhig im Zuchthaus saßen und auf die allgemeine Amnestie warteten. Als erste Maßnahme wurde die alte Beamtenschaft wieder eingesetzt. Das hatte wenig zu sagen, solange sie sich nicht innerhalb der Zuchthausmauern zeigte. Aber sie sollte wieder Dienst tun. Dazu mußte sie herein ins Gefängnis. Bei uns im Korpus III gestaltete sich der Wiedereinzug der Aufseher so:

Eine Kompagnie, die als besonders zuverlässig galt, wurde auf dem Innenhof aufgestellt. Die Mannschaften bildeten eine Kette und schloßen das Gebäude ein. Dann wurden die Gewehre geladen. Für Augenblicke vergaß ich völlig, daß ich Feind war: ich war um das Leben der Leute besorgt, die da unten mit den Flinten hantierten. Ein Wunder geschah: keinem passierte etwas dabei. Ich atmete auf. Der Feldwebel auch, der mir gegenüber kommandierte. Einem Teil der vortrefflichen Soldaten hatte er selbst die Knarre schußfertig gemacht, jedem zweiten eine Ladehemmung beseitigt. Nun waren sie so weit. Manche standen mit Gewehr bei Fuß, andere hielten die Mündung drohend nach oben. Sie sahen aus wie unsere verflossene Reichswehr: bewaffnet, aber ungefährlich. Das einzige, was an ihnen Besorgnis einflößen konnte, war ihre Unkenntnis der Waffe. Wie leicht konnte ein Schuß losgehen, und wer garantierte dann dafür, daß er niemanden verletzte? Nun konnten die Nasiratel kommen. Sie kamen. Eine ganze Division rückte an. Ich hatte nie geahnt, daß es so viele Aufseher gab. Ein Starschi führte sie an. Ras, dwa, tri, tschetüre dröhnten ihre Schritte auf dem Zement. Nun traten sie ein. Im untersten Korridor stand ein Zug Infanterie. Ein Offizier befehligte ihn. Das beruhigte die klopfenden Herzen der Nasiratel. Auf der anderen Seite, den Soldaten gegenüber, standen einige Sträflinge. Standen mit den Händen in den Hosentaschen und sahen sich die alten Bekannten an. »Geht in Eure Zellen!« forderte ein Starschi die Katorschanje auf. »Was?« fragte mein Freund Rogoschkin, Räuber oder Mörder im Zivilberuf, jetzt Zellennachbar links von mir, nahm den Starschi vorn am Schlunks und haute ihm zwei gewaltige Ohrfeigen, eine rechts und eine links. Das war das Zeichen zur Flucht für die Nasiratel. Gleichzeitig erhob sich ein Höllenlärm im ganzen Hause. Kupferne Wasserkrüge schlugen gegen die eisenbeschlagenen Türen, Waschbecken rasselten auf dem Beton, »daloi!« brüllte es aus drei Stockwerken, und dazu schrillten die Alarmsignale wie irrsinnig. »Freier Abzug für die Aufseher!« flehte der befehligende Offizier. Hei, wie sie rennen können! Zwanzig mit einemmal speit die Tür unten aus. Die Soldaten draußen kriegen einen Heidenschreck. Die Katorschanje brechen aus! denken sie, dann aber sehen sie die Nasiratel um die Ecke brausen. Peng! ging ein Gewehr los, und das Echo der hohen Mauern machte einen Kanonenschuß daraus. Die Soldaten standen wie gelähmt. Dann rückten sie ab. Die achtzig Mann im Hause blieben.

Er hätte sonst für die Aufrechterhaltung der Ordnung nicht einstehen können, deshalb mußte er die Nasiratel laufen lassen, meinte der Offizier. Alles blieb beim alten. In meinen Notizen steht: »Es ist zum Speien.« Vier von denen, die ausgerückt waren, brachten ihr Ehrenwort zurück. Sie waren einigermaßen enttäuscht. Sie hatten sich die goldene Freiheit ein wenig anders vorgestellt.

Eine Merkwürdigkeit darf ich keinesfalls unterschlagen: wiederholt erhielt ich in diesen Tagen den Besuch von Offizieren, die es ihrem ganzen Benehmen nach auch waren. Den wenigen, die sich auch als Feinde wie ein Gentleman benahmen, glaube ich das Bekenntnis an dieser Stelle schuldig zu sein, daß sie erquickend wirkten wie Regen in der Dürre. Gern schlägt man sich nur mit seinesgleichen! Der zweifelhafte Ruhm, »weiß, aber Franzose« zu sein, sollte niemandes Ehrgeiz wecken, und das Vorrecht, sich auch an Wehrlosen vergreifen zu dürfen, das darf allgemein ohne Bedenken den Landsleuten der Sieger vom »Baralong«19. August 1915: Die Besatzung des britischen Hilfskreuzers »Baralong« ermordete die wehrlos im Wasser schwimmende Mannschaft des in den Grund gebohrten deutschen U-Bootes »U 27«. eingeräumt werden. Das sind so einige unverbindliche Ratschläge, erteilt zur Erleichterung internationaler Verständigung.


Meine Aufzeichnungen in Jaroslawl reichen bis zum 13. April 1917. An diesem Tage verschwand mein letztes Tagebuch. Schweren Herzens gab ich es fort. Ich mußte mitten im Satz abbrechen. In den nächsten Tagen hatte ich viele Audienzen zu erteilen, um von zur Front abgehenden Sträflingen die Versicherung entgegen zu nehmen, daß sie gegen Deutschland nicht kämpfen würden: sollte Mißgeschick es jedoch wollen, daß sie in die Kampfzone gebracht würden, dann bäten sie um Verhaltungsmaßregeln für den Fall ihrer glücklichen Gefangennahme. Die wurden bereitwillig erteilt.

Mit dieser Tätigkeit hielt das Schicksal meine Katorga-Mission wohl für beendet, denn ein paar Tage später sorgte es für meine anderweitige Unterkunft. Um mich nicht allzusehr zu erschrecken, hatte es Boten vorausgesandt, die mich auf kommende Geschehnisse vorbereiten sollten. Eines schönen Tages, mitten im größten Revolutionstrubel, erhielt ich durch den Staatsanwalt zwei Visitenkarten zugestellt. Sie waren zwar nicht an mich gerichtet, aber ihren Inhalt begrüßte ich mit tausend Freuden. Schwester E. v. P., die, wie ich mit Vergnügen sah, auch dem Französischen mit Energie zu Leibe ging, schrieb: »Je vous prie de dire à monsieur von K. 1000 Grüße d'une soeur allemande, qui lui envoit ces affaires; et de lui dire, qu'on ne l'oubliera pas. Je vous remercie infiniment, Mde.« Herr Edvard Saltoft, Représentant p. i de la Croix Rouge Danoise en Russie teilte mit: »Madame, j'ai l'honneur de vous envoiyer les vêtements pour le lieutenant Knobelsdorff.« Eine Dame also, wahrscheinlich auch vom Roten Kreuz, hatte Kleider für mich und sollte sie mir zustellen: was in meiner Macht stand, sollte schon geschehen, um in ihren Besitz zu gelangen. Ich schrieb an alle Welt, an alte und neue Gewalten, ließ telephonieren und siehe da, sie kamen, die zwei kleinen Strohschachteln, die die Schätze bargen. Mein Herz schlug höher. Ein Delegat erzählte mir obendrein, ich käme in ein Gefangenenlager. Endlich unter Menschen!

Dienstag, den 17. April, wurde ich nach dem Geschäftszimmer gerufen. Konvoi-Soldaten waren da. Sie sollten mich nach der Kommandantur bringen. Aber ehe es soweit war, hatte ich noch allerlei zu ordnen. Den Pan setzte ich zum Erben aller meiner Habseligkeiten ein, die in der Zelle waren. Hierauf kam er mit, um mir zu helfen. Im Zimmer des Natschalniks zog ich mich um; zog den blauen Mannschafts-Waffenrock an: die schwarze Mannschafts-Hose, die immerhin bis über die Wade reichte; die prächtigen Schwedenschuhe, die über den Strümpfen saßen, als müßte es so sein. Setzte die Feldmütze auf. Ach, sie war viel zu klein! Das reine Cerevis. Ich wollte doch auf keinen Kommers! Nein, die mußte wieder 'rein in den Koffer. Ich griff statt ihrer zu der Pelzmütze. Die paßte. Dann zog ich den Mantel an. Auch der saß. ›Brötchen‹ hatte er auch, wie der Rock.

Mein Schneider würde mich ausgelacht haben, wenn er das gesehen hätte. Uhr und Kette, die sich all die Zeit über im Kassenschrank gut ausgeruht hatten, ich konnte sie wieder in Gebrauch nehmen. Sie stammten noch aus meines Vaters Leutnants- und Feldzugstagen und waren mir daher besonders ans Herz gewachsen. Ich habe sie auch späterhin zurückgebracht. Auch das E. K. war noch da. So, nun war ich fertig. Ein Taschentuch hatte ich eingesteckt. Die Handschuhe hielt ich in der Hand. Der Pan hatte die Strohdeckel wieder aufeinandergepaßt und zugeschnallt. Mein Reisegepäck stand bereit.

Jetzt hatte ich nur noch mein Vermögen abzuheben, das in den letzten Monaten endlich gewachsen war, und dann konnte ich mit meinen drei Mann Gefolge neuen Erlebnissen entgegengehen. Ich ging zum Kassenbeamten. »Wieviel Geld habe ich noch?« – »Hundert und soundsoviel Rubel.« – »Schön, bitte geben Sie mir hundertfünfundzwanzig. Den Rest übertragen Sie auf das Konto von Bochmann.« Die Augen vom Pan strahlten. Schließlich forderte ich noch mein Arbeitsbuch und die erarbeiteten Kapitalien. Das Original müsse bei den Akten bleiben, erklärte der Beamte; er ließ mir eine Zweitausfertigung ausstellen. Zu guter Letzt bescheinigte ich, daß ich nichts mehr zu fordern habe. Dann ergriffen die Konvoi-Soldaten mein Gepäck, und wir marschierten ab.


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