Viktor von Knobelsdorff
Unter Zuchthäuslern und Kavalieren
Viktor von Knobelsdorff

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In den Fängen der Gerechtigkeit

Erste Eindrücke. – Ein Morgenkaffee. – Feldgericht. – Ins Hauptquartier. – Ein Verhör. – Im Bereich von deutschem Beefsteak mit Makkaroni. – Fiat justitia! – Zu mitternächtiger Stunde. – So lebt denn wohl! – In den Händen der Zivilgewalt.

Ruville drückt dem Anführer den Kinderschreck in die Hand: »Bitte!«, zieht dann sein Zigarettenetui, bietet an, und die Freundschaft ist gemacht. Inzwischen sind Ueberstiefel und Kombination sowie Ruville's Schafpelz aus dem Hause geholt worden, und nun gehen wir die paar Schritte bis zum nächsten Wege. Dort hält ein mit Heu beladener Schlitten. Wir klettern hinauf. Ein russischer Soldat hilft uns. Die Kosaken eskortieren. Sie benehmen sich musterhaft. Wie viele sind es? Eins, zwei, drei, neun, da sind auch noch ein paar, im ganzen sechzehn. Nun, das können wir verlangen.

Wo sind wir? Die Stellungen der Russen liegen in unserem Rücken, abseits ihrer Hauptetappenstraße haben sie uns gehascht. Weshalb fraß der Motor? Kein Schuß hat ihn verletzt. »Ist das ein dummes Volk, die Kosaken! Warum haben sie Sie gefangen genommen? Sie hätten Sie doch ruhig laufen lassen sollen!« eröffnet der russische Soldat die Unterhaltung. »Ja, besser wär's; dagegen ist gar nichts zu sagen,« lache ich.

Nach langer Fahrt kommen wir in einem Gebirgsdorfe an; es ist voller Kosaken. Vor einem Hause erwarten uns ein paar Offiziere. Wir grüßen. Die Russen grüßen. Bei der Innenwache wird uns vorläufiger Aufenthalt zugewiesen. Ein Offizier stellt durch einen jüdischen Dolmetscher Namen und Truppenteil von uns fest. Dann verabschiedet er sich. Die Wache setzt uns Tee vor. »Wird bald Frieden sein?« fragt der jüdische Soldat. Wir vertrösten auf das Frühjahr. Keine Spur von Feindschaft ist bei den Mannschaften zu bemerken.

Offiziere erscheinen. Einer spricht Deutsch. Er setzt uns auseinander, daß die Russen die Deutschen nicht lieben. Krupp müsse zerstört werden, alles, alles in Essen. Sie, die Russen, würden es auch tun! Seine Begeisterung steckte mich an und verführte mich zu meinem ersten Landes- und Hochverrat: auf dem Wege nach Westfalen würden sie wahrscheinlich über unsere Armee stolpern, aber ich hoffe, daß sie das nicht weiter aufhalten werde. Mein schamloses Bekenntnis dämpfte die Unternehmungslust des Sprechers, seine Kameraden mischten sich ein, und ließen sich den Hergang unserer Gefangennahme erzählen. »Mehr als seine Pflicht könne man nicht tun,« ließen sie uns sagen, versicherten uns ihrer Sympathien und sprachen uns ihr Bedauern über unser Mißgeschick aus. Gentlemen in anderer Uniform! Eine Ordonnanz trat ein. Einer der Offiziere schickte uns eine Büchse mit Zucker und Tee und ein Stück Käse zum Abendbrot. Wir fanden es rührend.

Ein Schlitten war vorgefahren. Platz nehmen! hieß es. Ein Kosak saß hinter uns, einer uns gegenüber, ein dritter neben dem Kutscher. Weitere Sieben eskortierten. Es ging zum nächsten Stabe.

Die sinkende Sonne hatte einer empfindlichen Kühle Platz gemacht. Bald aber ließ die Kälte nach, und es fing an zu schneien. Der Weg wand sich in unzähligen Krümmungen durch die Berge. Bald lief er eng eingekeilt zwischen ihnen hindurch, bald führte er an Steilabfällen vorbei. Wenn überhaupt mit einiger Aussicht auf Erfolg etwas ins Werk gesetzt werden sollte, dann mußte es hier geschehen und zwar sofort. Diese Ueberlegung fand ihr jähes Ende durch eine Kosakensotnie, die uns an einer Wegeverbreiterung in die Mitte nahm. Es war wie verhext.

Nach einer endlosen Fahrt halten wir in einem trüb daliegenden Dorfe vor einem Hause. Zwei Kraftwagen warten am Eingang. Wir werden in einen Raum geführt, der voller Schreiber, Soldaten und Kosaken ist. Ein Kraftwagenführer setzt uns Tee vor. Am Nachbartisch wird etwas vorgelesen. Da geht eine Tür auf. Alles fährt herum. Ich sehe, wie blitzschnell ein großer, bedruckter Zettel unter dem Tisch verschwindet. Aha, die Flugblätter!

Ein Generalstabsoffizier ist eingetreten und läßt sich den Inhalt unserer Taschen vorzeigen. »Haben Sie noch etwas?« – »Nein.« Damit ist die Leibesvisitation in fairer Weise erledigt. Auch mein deutsch-russisch-polnisches Wörterbuch mit seinem fast rein militärischen Inhalt durfte ich behalten. Der Generalstäbler hatte es richtig eingeschätzt: es war Mist, sogar die Wortbedeutungen waren falsch.

In der anstoßenden Kammer erwartet uns der Divisionskommandeur. Während er mit großen Schritten auf und ab geht, fragt er uns: »Warum haben Sie das getan?« und zeigt dabei auf ein Flugblatt. Anklagend blickt es vom einzigen Tisch der Stube herüber. »Alles kann man tun, aber das nicht!« fährt er fort. Er sieht mich an. »Weil es befohlen war,« antworte ich. – »Ich weiß nicht, was man wird mit Ihnen machen. Vielleicht wird man Sie schießen tot.« Dann befahl er nach einer Pause: »Schreiben Sie Ihre Namen!« Wir taten es. »Es ist gut.« –

Qualm und verbrauchte Luft schlugen uns entgegen, als wir unser Nachtquartier betraten. Auf einem großen Herde brannte ein Feuer. Kosaken hockten auf dem Fußboden. In einem Bett lag die Bauersfrau mit ihrer fünf- bis sechsjährigen Tochter, auf einer Streu daneben ein Fähnrich und einige Soldaten der k.u.k. Armee. Der Fähnrich tat – wie er erzählte – seit etwa vier Wochen in den Karpathen Dienst und – seufzte nach Frieden. Ein Fähnrich, der nach Frieden seufzt! Bei uns wäre er ein Museumsstück und als solches wertvoll gewesen. Zum Ausgleich hatten unsere Bundesgenossen wahrscheinlich einen als Schaustück stehen, der nach Kampf und Sieg sich sehnte?

Ruville streckte sich aufs Stroh. Mir war es zu eklig. Ich setzte mich an den Tisch, stützte die Arme auf und grübelte. Endlich wurde es Morgen. Die Frau erhob sich und kochte Milch. Ich trank einen großen Topf voll. »Glückliche Reise!« wünschte sie, als wir gingen.

Unser Schlitten führte uns unaufhörlich an russischen Kolonnen vorbei; es waren die Verstärkungen für die bedrohte Front. Gestern sah ich sie vom Flugzeug aus ihr zustreben, heute streiften mich ihre Mäntel. Mittags trafen wir in Wygoda ein.

In dem mit Soldaten aller Art überfüllten Saale eines Gasthofs warteten wir stundenlang. Die Soldaten waren wie Kinder. Auch bärtige Landwehrleute unterschieden sich in ihrem Wesen in nichts von Kindern. Endlich wurde uns ein anderer Raum zugewiesen. Da wir mittlerweile Hunger bekommen hatten, fingen wir an, an unserem Käse zu nagen. Dankbar gedachten wir des freundlichen Gebers. Da tat sich die Tür auf: der Herr Ortspfarrer schickte uns ein reichliches Mittagessen. Im Vertrauen auf seine Tüte bat ich um Wasser, Seife und ein Handtuch. Wir erhielten auch dieses. In dankbarer Erinnerung gedenke ich seiner. Nachdem wir gegessen hatten, wurde uns das Gefangenenmittagbrot gebracht: ein Eßnapf warmer Suppe. Wir schenkten sie unserer Kosakenwache. Um die armen Kerle kümmerte sich anscheinend niemand.

Am Nachmittag ging es zur Bahn. Wir stiegen ein. Es war nicht gerade üppig: Viehwagen ohne Heizung. Der Deutschenfresser von gestern – er fuhr nach dem Süden auf Urlaub – erschien und sicherte uns ab nächster Station einen besseren Wagen zu. Dann instruierte er unsere Wache. Beim nächsten Halt zogen wir in einen Viehwagen mit eisernem Ofen um. Das war entschieden eine Verbesserung. Noch am späten Abend gelang es unserem Zug, in Stryj einzutreffen.

Nun ging's zur Gefangenen-Sammelstelle, einem Schulhause. In einem unsagbar verwahrlosten Zimmer zu ebener Erde wurden wir eingesperrt. Posten vor die Tür, Posten vor die Fenster. Ein eisernes Bettgestell mit Matratze und eine Chaiselongue blickten uns verheißungsvoll an. Ruville warf sich aufs Bett, fuhr aber gleich wieder in die Höhe, denn es war hart, hart wie gefrorene Erde. Beim zweitenmal ging er vorsichtiger zu Werke: er schlich sich wie ein Indianer an, und ehe die Sprungfedern es sich versehen hatten, lag er auf ihnen. Mir war alles zu schmutzig. Der Dreck widerte mich an. Um ihn zu bekämpfen, zog ich auf Entdeckungen aus. Ich fand einen russischen Soldatenmantel und ein Stück Plüsch. Damit ließ sich etwas anfangen. Dann machte ich mich daran, eine Lage ausfindig zu machen, die es erlaubte, auf der Chaiselongue zu liegen, ohne herunterzufallen. Sie bestand im wesentlichen aus einem sehr schmalen Rande und einer schiefen Ebene. Ich gestehe, daß die Lösung dieses Problems mir nicht gelang.

Kaum war es hell geworden, als ich nach einem Hause geführt wurde, vor dem ein Posten stand. Wir gingen hinein. Vor einem Zimmer stand ein Posten mit gezogenem Säbel. Ich trat ein. Am Schreibtisch saß ein Offizier mit den Abzeichen eines Obersten. Der Oberst stand auf, sah mich an und gab mir die Hand. »Bitte, setzen Sie sich!« Lange Zeit ließ er den Blick nicht von mir, dann versenkte er ihn in das aufgeschlagen vor ihm liegende Buch. Wieder sah er mich lange und forschend an, seufzte und sagte: »So jung, so jung und schon sterben müssen!« – »Weshalb?« fragte ich. »Warum haben Sie die Proklamationen abgeworfen? Warum haben Sie keine Bomben geworfen, dann wäre Ihnen nichts geschehen!« – »Weil es befohlen war.« – »Aber wie können Sie solche Proklamationen abwerfen? Ich habe bis jetzt vor den Deutschen immer Hochachtung gehabt. Auch meine Frau ist eine Deutsche.« Er reicht mir ein Familienbild herüber: er und seine Frau im Kreise von erwachsenen Söhnen. »Aber solche Proklamationen! Das ist eine Gemeinheit! Alles ist erlogen!« Er sagt es schmerzerfüllt: vorwurfsvoll trifft mich sein Blick. »Wie können Sie solche Sachen schreiben!« Das ist nicht der feindliche Offizier, der zu mir spricht, es spricht der Mensch zum Menschen. »Ich kenne den Inhalt der Flugblätter nicht. Ich habe sie erhalten, als ich startbereit in der Maschine saß. Ich spreche weder, noch schreibe ich Russisch.« – »Weshalb haben Sie denn überhaupt welche mitgenommen?« – »Das gehört zu unserem Dienst: ich durfte die Flugblätter der Österreicher nicht ablehnen.« – »Aus welchem Grunde werfen Sie Proklamationen für die Österreicher ab?« – »Wir liegen mit einem österreichischen General-Kommando zusammen.« – »Sind Sie ihm unterstellt?« – »Nein, aber wir haben Weisung, die in unseren Rahmen fallenden Aufträge mitzuerledigen.« – »Dann scheint der Fall doch etwas anders zu liegen,« spricht der Oberst mehr vor sich hin, als zu mir gewandt, nimmt das Buch wieder zur Hand, liest, sieht mich daraufhin lange, lange an, liest nochmals das Flugblatt und sagt schließlich, zwar mit Bedauern, aber er spricht es: »Sie müssen sterben. Sind Sie verheiratet? Wollen Sie nach Hause schreiben? Ich werde den Brief besorgen.« Nein, das bin ich nicht. Aber meine Mutter wird wissen wollen, wie ich geendigt. Ich bitte um Papier und Tinte und schreibe:

»Infolge Motordefekts über den Karpathen mußten wir notlanden.«

»Haben Sie schon gefrühstückt?« fragt der Oberst. »Nein,« antworte ich. »Ich werde Frühstück besorgen, ich muß dann noch das Protokoll aufnehmen,« fügt er im Fortgehen hinzu, »der Dolmetscher muß gleich kommen: ich kann nicht Deutsch genug.« Ich verbeuge mich im Sitzen und fahre fort:

»Weil ich für das österreichische Korps Hofmann Flugblätter abgeworfen habe, soll ich nun erschossen werden. Hab' Dank für alles Gute! Viktor.«

Der Kaffee wurde gebracht. Auch der Oberst trat ein. Ein jüdischer Arzt in Uniform begleitete ihn. Das war der Dolmetscher. Jetzt wurde es ernst.

Für mich lagen die Dinge einfach. Ich hatte auf Fragen zu antworten, aber so zu antworten, daß ich dem Standrecht entging. Zum Glück war der Dolmetscher vortrefflich. Das Protokoll war geschrieben. Was nun?

Der Oberst erklärte, das Untersuchungsergebnis sogleich dem General vorlegen zu wollen; nach seiner Ansicht käme standrechtliche Erschießung nicht mehr in Frage. Er ging. Nach einer Weile erschien er mit dem General, und ich erhielt den Bescheid, das Protokoll werde höheren Orts zur Entscheidung vorgelegt werden. Den Inhalt der Flugblätter erfuhr ich nicht.

Ob ich hinreichend mit Geld versehen sei, fragte mich der Oberst, als sich der General entfernt hatte, er stelle seine Börse zur Verfügung. Ich lehnte dankend ab. Dafür bat ich, daß unser Aufenthaltsraum gereinigt und auch geheizt würde. Der Oberst versprach es, und mit widerstreitenden Gefühlen verabschiedete ich mich von dem älteren Kameraden der feindlichen Armee.

Unter Bedeckung wurde ich nach unserer Behausung zurückgebracht, unter Bedeckung wurde jetzt Ruville zum Verhör geführt. Er wurde gleich mit Kaffee empfangen, und von Erschießen sprach kein Mensch. Der Oberst las ihm meine Aussage vor, wie er mir berichtete, und er hatte nichts anderes zu tun, als sich ihr anzuschließen. Dann schrieb er einen beruhigenden Brief nach Haus. Ich saß inzwischen in der kalten Stube und wartete auf sein Wiederkommen. Endlich kam er. Das war überstanden. Aber entschieden war noch nichts.

Unsere Lage besserte sich. Unser Zimmer wurde gereinigt und geheizt, und bald darauf brachten zwei Ordonnanzen das Mittagessen. Es war stets gut und überaus reichlich und bestand in der den russischen Offizieren verabreichten Kost. Auch abends aßen wir warm. So gut haben wir nie wieder gelebt.

Auch sonst wurden mir verwöhnt. Das gefrorene Wasser zum Waschen brachte uns jeden Morgen unser Freund, der Choleriker. Dann wischte er den Fußboden mit dem Seifenwasser auf; unser Waschbecken wurde zum Aufwascheimer degradiert. Mit gleicher Inbrunst nahm er sich der Heizung an. Er war ein biederer Landwehrmann aus dem Saratowschen Gouvernement. Ließ sich der Ortskommandant blicken, ein bärtiger Oberst, mit dem wir in den ersten Tagen auch einige Worte wechselten – die Unterhaltung war schwierig: der Herr Oberst sprachen keine Fremdsprache, und wir konnten nur russisch lächeln – dann flüchtete der Choleriker zu uns. Hier war er vor den Ohrfeigen Sr. Hochgeboren sicher: mochte die Wache mit ihnen vorlieb nehmen! Wenn man aus unserer überhitzten Mißhandlungsatmosphäre kommt und dann sieht, wie hier mehr als vierzigjährige Landwehrleute beim geringsten Anlaß von Sr. Wohlgeboren, Sr. Hochwohlgeboren und Sr. Hochgeboren mit Ohrfeigen traktiert werden, ohne daß auch nur ein Hahn danach kräht, dann versteht man, daß das Uebertreiben nach der anderen Seite, wie es bei uns geschieht, von zwei Uebeln doch das kleinere ist.

Bisweilen kam einer von den Wachtmannschaften. Wir unterhielten uns mit den Leuten, so gut es ging. Voller Stolz zeigten sie uns ihre schönen Mäntel und ihre warmen Pelzmützen: fünfzig Kopeken bekamen sie monatliche Kriegslöhnung und alles hatten sie vom Zaren. Zu Hause hatten sie es nicht so gut. Sie waren dankbar wie Kinder, Naturkinder! Auch ihre Offiziere waren, nun wie soll ich es nennen – von jener Harmlosigkeit, die das Fehlen jeglicher Kinderstube verleiht. Sie kamen zu zweien und dreien, grüßten nicht und sprachen keinen Ton; dafür stellten sie sich, bis ihnen die Beine vom Stehen weh taten, ins Zimmer und glotzten uns an. Als sie das erstemal eintraten, waren wir noch höflich: wir standen auf und hofften, daß die feindlichen Uniformen irgend ein Lebenszeichen von Erziehung geben würden. Weit gefehlt! Sie starrten uns unentwegt an und kurierten damit rasch unseren Wahn. In der Folge taten wir, als ob niemand im Zimmer wäre.

Ich habe hier ein wenig vorgegriffen, denn in den ersten Tagen zeigte sich niemand. Wir warteten. Das war unsere Hauptbeschäftigung. Wir wußten damals noch nicht, daß wir es auf diesem Gebiete zur Meisterschaft bringen sollten. Der achtundzwanzigste Januar verging, der neunundzwanzigste auch, der dreißigste kam. Ein Wachthabender und eine Abteilung Soldaten erschienen und führten uns nach einem stattlichen Hause. Dann ging es durch ein großes Zimmer mit einem langen Tisch und vielen Stühlen nach einer anstoßenden kleineren Stube. Dort harrten wir der Dinge, die da kommen sollten. Ein Wachthabender und sechs Soldaten halfen uns dabei. Nebenan wurde mit Tisch und Stühlen herumgerückt. Das Rücken hörte auf. Mehrere Personen traten ein. Dann herrschte Ruhe.

Ein Gendarm rief uns hinein. Der Tisch stand jetzt vor den drei Fenstern. Fünf Offiziere saßen an ihm. Ein besonderer Tisch gehörte dem Protokollführer, ein weiterer dem Dolmetscher. Wir stellten uns den Richtern gegenüber auf. Unsere Verbeugung wurde mit einiger Verlegenheit erwidert. Hinter uns standen in zwei Gliedern Soldaten und Gendarmen. Wir hatten uns vor einem Feldgericht zu verantworten. Zunächst wurde der Dolmetscher vereidigt. Ein Pope in feierlichem Ornat sprach die Formel vor, der Dolmetscher wiederholte sie und küßte dann zum Zeichen seines Gelöbnisses die ihm gereichte Bibel. Der Geistliche trat ab. Der Vorsitzende eröffnete die Verhandlung. Er las die Anklage vor. Sie war lang.

Mag sie lang oder kurz sein! Darauf kommt es gar nicht an, auch nicht darauf, was sie enthält. Worauf es aber ankommt, ist: das den Umständen nach günstigste Urteil sich zu sichern. Mehr ist auf dieser Erde nicht zu erreichen. Oder glaubt jemand, ›Recht‹ finden zu können? Soll es wirklich erwachsene Menschen geben, die dieses trügerischste aller Phantome für greifbare Wirklichkeit halten? Mit welchem Organ wollen sie es erkennen? Mit dem Verstand? Mit der Vernunft? Mit dem Gefühl, mit dem Gewissen? Verstand und Vernunft sind beschränkt und irren. Das Gefühl wird getäuscht, und aufs Gewissen ist kein Verlaß. »D'après les divers besoins c'est une science, d'étendre les liens de notre conscience et de rectifier le mal de notre action avec la pureté de notre intention.« Ich weiß, ein Lied davon zu singen.

Was ist Wahrheit? Wir wissen es nicht. Wüßten wir's, dann wüßten wir auch, was Recht ist. Mithin gibt es auch keine gerechten Gesetze: sie werden es erst durch ihre Befolgung. Bleibt also die Fähigkeit, gegen geschriebenes und ungeschriebenes, gegen äußeres und inneres Gesetz zu verstoßen. Wollen wir den Verstoß ›Unrecht‹ nennen, ich will es gelten lassen: ich mag ums Wort nicht feilschen.

Diese Erkenntnis auf unseren Fall angewandt, erhellt die Lage mit einem Schlage: wir konnten unsererseits noch so sehr im Rechte sein, es wurde sofort zum Unrecht, wenn wir durch unser Tun irgend welche Paragraphen des Feindes umgerannt hatten: »Vérité en deçà des Pyrenées, erreur au-delà!« Das wußte ich. Trotzdem wollte ich auch vom Gegner nicht schuldig befunden werden. Darum mußte gekämpft werden.

Mit wem hatte ich es zu tun? Wer stand mir gegenüber? In der richtigen Beantwortung der Frage lag das Urteil. Ein Oberst, ein Oberstleutnant, zwei Kapitäne und ein Stabskapitän: das hatte gar nichts zu sagen. Wer steckte in den Uniformen?

Mein Auge prüft den Vorsitzenden. Die bleichen, eingefallenen Wangen, der lohende Blick des Fanatikers stempeln den Obersten zum erklärten Feind. Er war Feind, nichts als Feind. Gegen den half keine Vernunft und keine Einsicht. Für ihn gab es nur ein Recht, sein Recht, das sich auf sein Gesetzbuch stützte.

Mit Gründen war bei ihm nichts auszurichten. Vielleicht war er beim Gefühl zu fassen durch blind geheucheltes Vertrauen in seine Unparteilichkeit? Es war zu versuchen. Überstimmt mußte er werden, erkannte ich mit einem Schlage, das war das einzige Mittel, um uns zum ›Recht‹ zu verhelfen.

Die vier Beisitzer machten ernste Gesichter. In keines Blick stand das vorgefaßte Urteil. Sie waren gekommen, um zu hören und zu richten. Deren Spruch konnte ich bilden und damit die Stimmenmehrheit erlangen. Ob er aber den Stürmen der Urteilsberatung und -Begründung standhalten würde, diese Frage war weder mit ja noch mit nein zu beantworten. Das fühlte ich bereits, obwohl ich noch nicht wußte, daß von nun an nichts gewisser als das Ungewisse sein sollte. –

Welcher Tatbestand nun lag der Anklage zugrunde? Zum Aufklärungsfluge für mein A.O.K. startbereit in der Maschine sitzend, erhielt ich von einem österreichischen General-Kommando Flugblätter mit dem Auftrage, sie abzuwerfen. Daß dies geschah, dafür war ich verantwortlich. Also führte ich den Befehl aus und damit war ich meiner Verantwortung ledig.

Den Inhalt der Flugblätter hatte das österreichische General-Kommando zu verantworten. Worin auch immer er bestehen mochte, er mußte so beschaffen sein, daß er durch einen preußischen Offizier verbreitet werden konnte. Das war die selbstverständliche Voraussetzung. Für mich dagegen bestand keine dienstliche Verpflichtung, mich über ihn zu unterrichten. Privater Neugierde nachzugeben, war unter den Umständen, unter denen der Flug angetreten wurde, nicht möglich. Ich handelte also nicht nur auf Befehl, sondern auch im guten Glauben. Das war, nicht mehr und nicht weniger, also das, was man so die Wahrheit zu nennen pflegt.

Aber leider ist es ebenso wahr: »Wer im Felde den Zaren beleidigt oder verleumdet, wer falsche Gerüchte ausstreut, um die Regierung als verbrecherisch und schädlich hinzustellen, wer in Kriegszeiten das Volk aufwiegelt und durch Versprechungen zum Aufstand reizt, wer der Truppe Meuterei und Aufruhr predigt, wird mit dem Tode bestraft.«

All dieser Dinge angeklagt, standen wir vor den Richtern. Da ich die Flugblätter abgeworfen hatte, hatte ich jetzt auch dafür einzustehen. Konnte ich unser Handeln verteidigen, oder sollte ich es bleiben lassen? Erklärte ich: »Meine Herren! Als Soldat habe ich einen erhaltenen Befehl ausgeführt. Wenn Sie das für einen zureichenden Grund halten, um uns zu verurteilen, so mögen Sie es tun. Wir können Sie daran nicht hindern.« So hieße das, sich selbst das Todesurteil sprechen. Die andere Partei sagt: »Nicht wir halten das als zureichenden Grund, sondern das Gesetz. Die Tat besteht, und wie sie zu sühnen ist, schreibt das Gesetz vor. Wir haben lediglich das Gesetz anzuwenden.«

Weshalb sollte ich mir selbst das Todesurteil sprechen? Weil eine österreichische Kommando-Behörde verkommen genug war, den schweigenden Gehorsam preußischer Offiziere in der schamlosesten Weise auszunutzen? Weil vielleicht Stellen, die selbst in einem hundertjährigen Kriege nie dazu kommen, auch nur ein Haar ihres Schädels zu gefährden, unverantwortlich leichtsinnig ihren Dienst getan haben? Fällt mir gar nicht ein! Ich habe mich zwar in diesen Augenblicken geschämt, daß wir Halunken Bundesgenossen und Kameraden nennen, aber mit diesen Gefühlen werden keine Geschäfte gemacht. Ich entschloß mich daher, alles zu verteidigen, was überhaupt zu verteidigen war.

Zu verteidigen! Heißt das verteidigen: »Ich bedauere, die Frage nicht beantworten zu können!«? Das war mein zweites, drittes Wort. Heißt das verteidigen: verschweigen, was uns nützen konnte? Das war meine Verteidigung. Mir schwindelt's heute noch, wenn ich daran denke.

»Gestehen Sie wenigstens, daß die Flugblätter ein Verbrechen sind!« Wir selbst waren bereits keine Verbrecher mehr. »Verbrechen? Nein. Hängen Sie sie niedriger.« – »Aber Sie werden doch gestehen, daß die Aufforderung zu Meuterei und Aufruhr im Angesicht des Feindes ein Verbrechen ist?« – »Nein; in diesem Zusammenhange nicht. Ich habe die Überzeugung, daß durch diese Flugblätter auch nicht ein einziger russischer Soldat zum Ungehorsam verleitet wird.« – »Warum werfen Sie sie dann ab?« – »Ich kenne die Absichten nicht, die mit diesen Flugblättern verfolgt werden. Ich weiß nur, daß wir genug Papier und Flugzeuge haben, um auf Ihre Front täglich Flugblätter regnen zu lassen. Warum tun wir es nicht?« So begann der Kampf, ob die Flugblätter ein Verbrechen sind. Ich behauptete nach und nach alles, nur nicht, daß die Flugblätter ein Verbrechen sind; dies eingestehen, hieß alles verlieren. Schließlich wurde der Verhandlungsführer müde. Das Gericht unterbrach die Sitzung, um eine Mittagspause von 1½ Stunden zu machen. Es war 100 nachmittags.

Seit 830 vormittags stand ich im Kreuzfeuer der Fragen, die uns zu Verbrechern machen wollten. Gefrühstückt hatten wir noch nicht. Ich triumphierte. Nach dem Mittagessen pflegt auch den härtesten Richter eine etwas mildere Stimmung anzuwandeln. Wie die Menschen verschieden sind! Andere bauen auf ›ihr gutes Recht‹, ich baue mit größerem Vertrauen auf ein gutes Mittagessen. Zu Hause angekommen, warf ich mich aufs Bett. Ich war fertig. Mein Schädel rauchte. Nach einer halben Stunde hatte ich mich erholt. Das Mittagessen war da, und nun wurde zunächst einmal gegessen. »Du hast Dir widersprochen,« rekapitulierte Ruville. »Stimmt! Aber was soll ich machen? Mach' es anders. Es ist das einzige Mittel, durchzukommen.« ›Sucht nur die Menschen zu verwirren, sie zu befriedigen, ist schwer!‹, so lautet das Rezept.

»Sie bleiben also dabei, daß die Proklamationen kein Verbrechen sind?« – »Jawohl.« Jetzt kam Ruville an die Reihe. Er schloß sich bedingungslos dem an, was ich bereits ausgesagt hatte. Damit war seine Vernehmung beendigt. »Haben Sie noch irgend etwas zu bemerken?« Jetzt kam mein letztes Zuckerwerk. »Meine Herren! Wir bedauern beide, in einer so unerfreulichen Angelegenheit vor Ihnen zu stehen. Wir hoffen jedoch, daß die Verhandlung Ihnen einen Einblick in unsere peinliche Lage gewährt hat und sind sicher, bei Ihnen Verständnis für unsere Situation zu finden. Es würde uns daher als Angehörigen eines der alten preußischen Regimenter, als Gliedern uralter Adels- und Soldatengeschlechter überaus schmerzlich sein, ein nicht freisprechendes Urteil von Ihnen, unseren russischen Kameraden, entgegenzunehmen.« Ich verbeugte mich. Ruville verbeugte sich. Wir gingen in das anstoßende einfenstrige Zimmer.

Es war noch immer ungeheizt. Aber zunächst merkte ich es nicht. Die Uhr zeigte 250 nachmittags. Eine Stunde verging. Es fing an zu dunkeln. Wir fingen an zu frieren. Zu was für einem Urteil würden die Richter gelangen? Hatte ich sie richtig, hatte ich sie falsch behandelt? Tod wie Freispruch, beides schien mir möglich. Indessen drückte sich die zweite Stunde an den Wänden herum und wollte nicht zur Tür hinaus. Die Kälte wurde zudringlicher und rückte näher.

Zum Sterben hatte ich am Nachmittag des 30. Januar gar keine Lust. Wofür? fragte ich mich immer wieder und wieder, wofür? War da nicht der klare Befehl, die Flugblätter mitzunehmen und über den russischen Stellungen abzuwerfen? Was war da anderes zu tun, als zu gehorchen? War das denn 'was Neues? »Wer als Überläufer sein Gewehr mitbringt, erhält sieben Rubel,« das flatterte in Russisch-Polen aus dem Flugzeug. »Der Kalif hat den heiligen Krieg gegen Engländer und Franzosen erklärt,« das war für die Mohammedaner bestimmt. »Belgien ist genommen, die Franzosen sind geschlagen,« das bekam der östliche Nachbar. »In den masurischen Sümpfen versank eine Armee,« las der westliche. Das machte man so im Nebenamt. Dazu startete keine Maschine. Nun ging's um eines solchen Wisches willen um Leben oder Tod: ging darum, weil die Suppe auszulöffeln war, die ein anderer eingebrockt hatte. Dem konnte keiner. Der saß in Sicherheit da hinten, und wir durften uns an ihr den Magen verderben. Woher sollten wir wissen, daß die österreichischen Brocken giftig sind? Die Suppe sah aus wie immer. Fragten wir unseren Ia oder Chef, ob auch alles in Ordnung sei und wir ruhig essen könnten?

Die dritte Stunde schlich ins Zimmer, dann blieb sie zwischen Tür und Mauer stehen und rührte sich nicht. Mit ihr kam die Dunkelheit. Sie schwang sich auf die in der einen Stubenecke übereinander getürmten Sessel und Stühle und blieb dort lautlos sitzen.

Trübe Gedanken meldeten sich; wir suchten sie durch eine Zigarette zu bannen. Die lauernde Kälte war hungrig. Sie sah das Feuer und preßte sich an uns. In einem Augenblick hatte sie das bißchen Wärme verzehrt, das sich auf unsere Lippen geflüchtet hatte. Die herrschende Dunkelheit machte sie kühner und löste ihre Scham. Sie setzte sich auf unsere Kniee, schlang ihre Arme um unseren Nacken, und unaufhörliche, frostige Schauer sagten uns, daß sie uns küßte.

»Totgeschossen sollst du werden,« setzten meine Gedanken die Unterhaltung fort, »wie ein Pferd. Hast du sie nicht am Wege liegen sehen? Denkst du denn, du bist der einzige, der sang- und klanglos irgendwo verscharrt wird?«

Die dritte Stunde öffnete weit den Mund. Dann gähnte sie. Hierauf ging sie ein paar leise Schritte, wie um sich die Beine zu vertreten, dann blieb sie wieder stehen.

»Ihr hättet ja abstürzen können,« warf ich mir vor. »Warum habt ihr die Maschine nicht etwas steiler eingestellt? Da wär't ihr längst tot und brauchtet jetzt nicht zu frieren. ›Im Dienst tödlich verunglückt,‹ das steht in derselben Spalte mit: ›Es starben den Heldentod.‹ Das hat doch mehr Sinn, als wegen eines halben Dutzend Paragraphen, die ihr nicht kanntet, erschossen zu werden.« Oh, ich unterhielt mich gut!

Ruville schien auch nicht gerade Ballerinnerungen nachzuhängen. Um was es ging, das hatte ich ihm verschwiegen. Ich hatte nur angedeutet, daß unsere Aktien unter Pari ständen.

Das ganze Gerichtsverfahren schien mir nicht mehr als eine Form, die nötig war, weil irgend jemand sich scheute, die Verantwortung für unseren Tod ohne genügende Deckung auf sich zu nehmen. Denn das stand doch fest, wenigstens nach meiner Auffassung: entweder hatten wir durch Nichtachtung eines internationalen Abkommens ein Verbrechen begangen, dann waren wir dem Gesetz verfallen, und jeder Truppenkommandeur, jeder Soldat hatte das Recht, uns totzuschießen. Das war nur billig. Das hatte Sinn und Verstand. Oder wir hatten gegen keinen internationalen Vertrag verstoßen: dann waren wir wie andere Kriegsgefangene zu behandeln. Denn, ob ich als feindlicher Soldat einen totschieße, totsteche, totschlage, ob ich Brot backe oder Flugblätter abwerfe, das ist alles ganz gleichgültig: ich tue den mir befohlenen Dienst.

Wie kommt man dann dazu, nachträglich irgend etwas davon auszunehmen? Warum wird der Gegner nicht vorher benachrichtigt, wenn man glaubt, zu Repressalien greifen zu müssen? Jedes Verfahren gegen uns, das sich nicht auf beiderseitigen Brauch, auf eine erfolgte Warnung gründete, war eine Vergewaltigung. Es ist natürlich ein Witz, im Kriege, ›Gewalt!‹ zu schreien, aber das Gericht legt den Witz nahe.

Wenn ich Truppenführer bin und den Tod zweier feindlicher Offiziere für notwendig halte, dann befehle ich ihn. Dazu brauche ich weder ein Protokoll, noch eine Gerichtsverhandlung, noch sonst irgend eine Amme. Brauche ich sie, dann bin ich alles andere, nur kein Mann, kein Soldat, vielleicht ein altes Weib, wahrscheinlich aber ein Halunke. Was hatte ich von unserem unsichtbaren Gegner zu halten? Darüber grübelte ich.

Die dritte Stunde lehnte jetzt an der Tür. Sie war vom Stehen müde geworden. Ich bot ihr keinen Stuhl. Endlich ging sie. Da kam die vierte. Sie tastete sich im Zimmer zurecht und blieb dann unbeweglich stehen. Besuch kam: eine kleine Petroleumlampe trat ins Zimmer. Als die Dunkelheit sie sah, zog sie ihre langen Beine hoch, raffte den Rock und hockte weiter in ihrer Ecke, hoch auf Sesseln und Stühlen. Die Lampe kletterte auf einen niedrigen Schrank, setzte sich in eine Ecke und rauchte.

Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut. Sofort hatte die Wache die Ohren an der Tür. Eine Stimme diktierte. Über drei Stunden hatte die Urteilsberatung gedauert! Was brachten die nächsten Minuten? Die Minuten dehnten sich zur Stunde. »Charascho! Charascho!« rief uns leise ein junger Soldat zu; sein Gesicht strahlte. Ich suchte im Wörterbuch. Ich suchte unter Gefängnis, unter Festung, unter Brot, Legt die Waffen nieder! und unter steinernes Kloster. Charascho fand ich nicht. Ich begann zu fragen, zu fragen in meinem fünf Tage alten Russisch. Auf alle Fragen nickten die Soldaten mit dem Kopfe: Ja. »Frei?« – »Ja.« – »Gefängnis?« – »Ja.« – »Erschießen?« – »Ja!« An vielem hatte ich mich schon versucht, aber das begriff ich nicht. Zum hundertsten Male sah ich nach der Uhr: 700 abends. Bald darauf rief uns ein Gendarm ins Gerichtszimmer. Die Gesichter der Beisitzer blickten heller. Die Miene des Vorsitzenden spiegelte Genugtuung und Unzufriedenheit wieder. Er erhob sich und las das Urteil vor, Satz für Satz. Der Dolmetscher übersetzte. Zug um Zug. Wußte er einen Ausdruck nicht, so half ich, wie in der Verhandlung, ein. Bisweilen sprachen wir Französisch.

Ueber vier ungebrochene Bogenseiten erstreckte sich das Urteil. Es hatte uns schuldig befunden, schuldig der fahrlässigen Verbreitung aufrührerischer Schriften. Ich wurde zu 2 Jahren Festungshaft verurteilt, Ruville wegen Beihilfe zu 1 Jahr und 4 Monaten. Wir hatten das Recht, innerhalb 24 Stunden Berufung einzulegen.

Legten wir Berufung ein, dann legte der Gerichtsherr selbstverständlich auch Berufung ein. Den Zauber kannte ich. Ich war doch nicht umsonst Gerichtsoffizier gewesen. Festungshaft oder Gefangenenlager: der eine Apfel war so sauer wie der andere. Mehr war nicht zu erreichen. Das war gewiß. Was sollte da eine zweite Verhandlung? Wer bürgte uns dafür, daß bei abermaligem Schütteln nicht eine ganz faule Frucht vom Baume der Erkenntnis fiel? Da war es besser, nicht wählerisch zu sein und zu essen, was es gab.

»Wir verzichten auf das Recht der Berufung,« erklärte ich, »da wir die Ueberzeugung gewonnen haben, nicht ›gerechter‹ beurteilt werden zu können, als es heute geschah. Ich habe dafür eine Bitte. Ich bitte, unserem Ober-Kommando-Ost, Exzellenz v. Hindenburg, eine kurze Meldung über unsere erfolgte Verurteilung schicken zu dürfen, und ferner bitte ich, dieser Meldung ein Flugblatt beilegen und die Paragraphen anführen zu dürfen, auf Grund deren wir verurteilt worden sind.« Der Oberst überlegte eine Weile; dann versprach er uns, morgen den Dolmetscher zur Abfassung der Meldung zu schicken.

Das Feldgericht hatte gesprochen. Jetzt traten die Richter an uns heran und drückten uns warm die Hand. »Wußten Sie, daß es um Ihr Leben ging?« fragte einer der Herren durch den Dolmetscher. »Ja,« erwiderte ich. – Das war des Feldzugs übelster Tag. Was waren schwere Notlandung und dergleichen Scherze, was Feuer aus allen Kalibern und von allen Seiten, was Luftgefechte mit überlegenen Gegnern gegen diese inquisitorischen Fragen, die mich wie hungrige Haie umschwärmt und gierig nach mir geschnappt hatten! Ich schüttelte mich vor Grauen, und ich schäumte vor Wut. Denn wem dankte ich die Marter dieses unendlich langen und peinvollen Tages? Wem dankte ich es, daß ich in dem zermürbenden Kampf der Gerichtsverhandlung immer wieder all diese unerbittlich hämmernden und bohrenden Fragen abzuwehren hatte, die – trotz ihrer schonenden Form – allein durch ihre Stellung schon, ehrlose Gesinnung bei dem Gefragten notwendig voraussetzen mußten? Wem dankte ich das alles? Den sauberen Herren der k. u. k. Armee, die sich nicht scheuten, preußische Offiziere hinterrücks in ihresgleichen umzufälschen: in eine unkriegerische Herde uniformierter Operettenfiguren, die sich zwar nicht auf den Kampf, wohl aber auf's Ausrücken verstanden, und die anscheinend nichts dabei fanden, den Feind aus sicherem Versteck heraus mit Dreck zu bewerfen. So sahen die Leute von nahem aus, mit denen mir uns verbündet hatten. Was Wunder, daß die Russen uns anfangs mit ihnen auf eine Stufe stellten!

Am nächsten Vormittag erschien der Dolmetscher. Wir schrieben die kurze Meldung an das A.O.K. Vielleicht erreichte sie ihren Zweck? Dann plauderten wir noch ein wenig. »Haben Sie auch Geld genug?« fragte der Dolmetscher. »Darf ich Ihnen meine Mittel zur Verfügung stellen?« Nun, viel war es gerade nicht: was man so bei sich hatte. Aber das würde wohl fürs erste langen. Wir lehnten dankend ab. Allein der Dolmetscher ruhte nicht eher, als bis wir wenigstens 25 Rubel ›für alle Fälle‹ von ihm angenommen hatten. Ohne Quittung und ohne Schuldschein! Dann richtete er uns von dem Obersten, der uns zuerst vernommen und bewirtet hatte, Glückwünsche ›zu dem überaus milden Urteil‹ aus. »Der Herr Oberst hofft, daß das Urteil auch bestätigt werden möge!« setzte er noch hinzu, dann verabschiedete er sich. Wir haben von beiden nichts wieder gehört. –

Die ersten Februartage warteten wir geduldig auf die Bestätigung des Urteils. Um die Zeit nicht lang werden zu lassen, begannen wir ein humoristisches Tagebuch, rechneten halbe Tage lang Gleichungen, und die übrigen Stunden benutzte ich dazu, um mit Hilfe meines Wörterbuchs Russisch lesen und schreiben zu lernen. Die Bestätigung des Urteils aber kam nicht.

Eines Abends bei der Rückkehr von einem notwendigen Gange (diese Gänge wurden stets in Begleitung von vier Soldaten mit Schieß- und Stechinstrumenten unternommen) sah ich inmitten eines Trupps gefangener Österreicher Kitty,Maximilian Freiherr v. Kettler, Leutnant, Feld-Flieger-Abteilung 30; vordem Königin Augusta-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 4. die Asphaltblume, und Renesse.v. Renesse, Leutnant in der gleichen Fliegerabteilung. Das war ein so groteskes Bild, daß ich lachen mußte. Renesse erblickte mich zuerst. »Knobelsdorff!« rief er im Tone höchsten Erstaunens. Es war nicht möglich, ein weiteres Wort zu wechseln. Drinnen sagte ich zu Ruville: »Kitty und Renesse stehen draußen. Macht in acht Tagen zwei Maschinen.« –

Vierzehn Tage lagen hinter dem Gerichtstag, und wir wußten immer noch nicht, woran wir waren. Da erschien eines Tages ein Deutsch-Russe. Er erzählte uns, daß wir nur im günstigsten Fall darauf rechnen könnten, unsere Festungshaft abzubrummen. Kein Mensch verstände es, wie das Gericht zu einem so milden Urteil habe kommen können.

Einige Tage später wechselte ich einige Worte mit einem Reserve-Offizier. »Für den Gerichtsherrn muß doch auch ein kurzfristiger Termin gesetzt sein, innerhalb dessen er sich für Verwerfung oder Bestätigung des Urteils entscheiden muß?« fragte ich ihn. – »Sie sind hier nicht in Deutschland,« erwiderte er; »vielleicht gibt es eine solche Bestimmung, ich weiß es nicht, aber um Vorschriften kümmert sich bei uns kein Mensch.« Nun, dann hatten wir ja noch Zeit.

Wieder einige Tage später sprach ich mit einem Stabskapitän der Artillerie. »Se. Exzellenz will an Ihnen beiden ein Exempel statuieren!« – »Warum?« – »Dann werden Sie das Abwerfen von Proklamationen einstellen!« Se. Exzellenz war, wenn ich nicht irre, der Führer der 8. russischen, der Karpathen-Armee. Also Seine Exzellenz wollten ein Exempel statuieren. Die Rechnung schien nicht aufzugehen. Das Gewarte darauf aber war nachgerade unerträglich geworden.

Da erschien am 27. Februar 400 morgens der Kommandanturadjutant und forderte uns auf, uns anzukleiden; es ginge fort. Vier Landwehrleute nahmen uns in die Mitte. Am Bahnhof froren wir erst eine Weile in der winterlichen Morgenluft, dann stiegen wir in den Wagen. Diesmal war es ein leerer Sanitätswagen mit eisernem Ofen. Als der Zug sich in Bewegung setzte, zeigte sich der Adjutant und stellte fest, daß wir sicher untergebracht waren. Er hatte uns richtig abgeliefert. Sein Dienst war zu Ende. Wir legten uns auf die hölzernen Pritschen.

Zu unseren Füßen verbreitete sich bald eine behagliche Wärme. Dafür sorgten unsere Begleitmannschaften. Alle vier waren brave Bauern aus dem Saratowschen Gouvernement. Soldatoff hieß der Anführer. Er konnte lesen und schreiben. »Wohin geht die Reise?« – »Nikolai Nikolajewitsch.« – Also ins Große Hauptquartier! Wir tranken Tee und aßen Schwarzbrot. Soldatoff und seine Kameraden hatten uns dazu eingeladen. Wir selbst hatten nichts. Gegen Mittag kamen wir in Lemberg an.

Der Bahnhofskommandant schickt uns in den großen Wartesaal zum Essen. Wir nehmen an einem kleinen Tische Platz. Um uns herum steht mit aufgepflanztem Bajonett unsere Leibgarde, Soldatoff mit gezogenem Säbel.

Wir sitzen inmitten russischer Offiziere aller Grade und Waffen. Viele haben ihre Frauen bei sich. Wie sie essen! Man darf nicht hinsehen: es ist genug, daß man sie hört. Der Kellner bringt die Rechnung. Ich bezahle. Das gefällt Soldatoff nicht. Er will, daß wir kostenlos zu essen bekommen. Aber es ist niemand da, der die Abfindung an den Wirt regeln kann oder will, und so bleibt es, wie es ist.

Am späten Nachmittag werden wir in einen D-Zug gesetzt. Ein Abteil erster Klasse nimmt uns auf. Zärtlich streichen unsere Begleiter über die weichen, roten Polster. So etwas Schönes haben sie noch nicht gesehen. –

Am späten Abend treffen wir in Brody ein. Dort wird uns ein russischer Schlafwagen zugewiesen. Wir trinken Tee und essen Brot und Wurst. Diesmal machen wir die Wirte.

In Sdolbunowo verlassen wir den bequemen Wagen. Es ist Mittag geworden. Wo wird heute für uns der Tisch gedeckt sein? Die Frage läßt Soldatoff nicht zur Ruhe kommen. Schließlich machen wir uns auf den Weg und erreichen nach zwanzig Minuten Marsch die Wohnung des Ortskommandanten. Der Ortskommandant schickt uns zurück. Er hat nichts. Nach weiteren zwanzig Minuten sind wir wieder am alten Platz. Wir haben uns etwas Bewegung gemacht und nun warten wir wieder.

Soldatoff nutzt die Zeit und verhandelt mit dem Stationsvorsteher. Der weist ihn ans Rote Kreuz. Das soll uns verpflegen. In einem unbrauchbar gewordenen Eisenbahnwagen ist es untergebracht. Wir treten ein. Eine ältere, rundliche Frau sitzt auf einem Stuhl und hat die Hände im Schoß. Eine zweite ist im Begriff fortzugehen. Auf einem kleinen Tisch summt ein Samowar. Neben ihm steht ein etwa achtzehnjähriges, blondes Mädchen. Wir grüßen. Ueberrascht sehen uns die Frauen an, purpurn färben sich die Wangen der jungen Russin. Soldatoff erklärt unser Erscheinen. Nach kurzer Beratung werden zwei Konservenbüchsen geöffnet und für einen Augenblick in heißes Wasser gestellt. Ich weiß nicht, ob wir verhungert aussahen. Jedenfalls war unser Appetit nicht groß. Ich schiebe es auf unser Aussehen: die Konservenbüchsen waren kaum in das heiße Wasser gestellt worden, als sie auch schon herausgenommen und uns vorgesetzt wurden. Ich tauche die Gabel in den Inhalt. Kaltes Kraut mit fettigem Fleisch verrät hie und da, daß es soeben angewärmt worden ist. Ich führe die Gabel zum zweiten Male zum Munde. Brrr! das schmeckt gar nicht, aber auch gar nicht.

Unsere Leibwache redet anscheinend Propaganda für uns. Teilnehmend hören die Helferinnen zu, dann entfernt sich eine der Frauen mit freundlichem Kopfnicken. Wir erwidern den Gruß und stochern weiter in unseren Blechbüchsen herum. Das junge Mädchen bereitet Tee. Sie ist ungewöhnlich schön.

Der Bahnhof wimmelt von Soldaten. Unaufhörlich kommen Züge an und halten mehr oder weniger lange. Im Roten Kreuz sind zwei deutsche Offiziere! Die mußte man gesehen haben! An Tür- und Fensterscheiben drücken sich die Nasen neugieriger Soldaten platt. Da Zureden sie nicht verscheucht, nagelt die freundliche, rundliche Frau Zeitungen vor Tür und Fenster. Sinnlos scheint uns der Krieg.

Der Tee ist fertig, aber wir sind es mit unseren Büchsen nicht. »Nehmt!« sage ich und drücke mit dem Mut der Verzweiflung meine Leckerei der Wache in die Hand. Ruville tut das gleiche. Wie es den Braven schmeckt! Herrlich! Ja, das gab es nicht zu Hause.

Eine Uniformbluse mit den Abzeichen eines Kapitäns trug das junge Mädchen. Gewiß, sie war eine gute Patriotin; aber ihre blauen Augen schimmerten feucht, wenn sie mit uns sprach. Ob sie in uns zwei böse Feinde sahen?

Ein Stationsbeamter tritt ein. Wir müßten sofort weiter. Sofort! Dienstfertig belädt sich die Wache mit unserem Gepäck. Zum Abschiednehmen bleibt keine Zeit. Der Beamte drängt. Kann Dir die Hand nicht geben, leb' wohl! Du lieber Kapitän! Im Hinausgehen werfe ich noch rasch einen Rubelschein auf den Tisch: »Fürs Rote Kreuz!« und erhalte selber von der zurückgekehrten Helferin ein kleines Paket in die Hand gedrückt. »Vielen Dank!« Wir klettern über die Geleise in den neuen Zug.

Wieder nimmt uns ein Schlafwagen auf. Ich anerkenne das: wir fahren sehr anständig. Soldatoff und seine Begleiter strahlen. Ein Oberst kommt. Soldatoff meldet: »Zwei vom Feldgericht verurteilte deutsche Flieger.« – »Bomben?« fragt der Oberst. – »Proklamazi,« antworte ich. – »Weshalb fliegen Sie? Bleiben Sie auf der Erde!« mißbilligt der Oberst. Dann geht er. –

Ich öffne das erhaltene Paket. Mehrere Koteletts versprechen ein gutes Abendbrot. –

Ein junger Fliegeroffizier setzt sich zu uns. Soldatoff rutscht auf seinem Platz hin und her. Er hat Anweisung, jede Verbindung von uns mit der Außenwelt zu verhindern. Er macht darauf aufmerksam. »Ja, ich gehe gleich!« antwortet unser neuer Bekannter vom russischen Konkurrenzunternehmen. Vorher aber läßt er es sich nicht nehmen, uns zu Kaffee und Pfannkuchen einzuladen. Das stellt sich aber erst heraus, als es ans Zahlen geht. Wir schüttelten ihm die Hand und wünschten – wie üblich – Hals- und Beinbruch. Soldatoff atmete auf. Der Zug war voller Offiziere. Wie leicht konnte uns einer befreien! Dann aber wurde er degradiert. Wem durfte man trauen?

Wir fuhren – wenn ich nicht irre – über Kowel, Brest-Litowsk, Lutow. Abends waren wir in Lublin. Soldatoff ging zum Bahnhofskommandanten. Wir verließen den Zug und stiegen wieder in einen geheizten Schlafwagen. Bald darauf schickte uns der Kommandant ein gutes, warmes Abendbrot. Niemand konnte es besser haben! –

Am 1. März gegen 800 vormittags trafen wir in Cholm ein. Ein langer Fußmarsch brachte uns nach dem Gebäude, in dem der Stab der Süd-West-Front seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Wir wurden in den Aufenthaltsraum des Ordonnanzoffiziers vom Dienst geführt. Außer diesem waren noch einige Offiziere anwesend. Generalstabsordonnanzen halfen uns beim Ablegen. Dann verschwanden sie.

Wir hatten gegrüßt. Die Russen hatten sich verbeugt. Der Ordonnanzoffizier vom Dienst kam auf uns zu und stellte sich vor: Fürst T..... Wir nannten unsere Namen und reichten einander die Hand. –

Ein Oberstleutnant vom Generalstabe trat ein, groß, bleiches Gesicht, brutale Züge. Er schickte Ruville hinaus. Dann befahl er: »Kommen Sie hierher und setzen Sie sich!« Ich setzte mich an den Tisch. Der Oberstleutnant nahm mir gegenüber Platz. Eine dreifache Mauer russischer Offiziere umgab uns. Der Ordonnanzoffizier vom Dienst hatte sich in eine Ecke zurückgezogen. Er saß auf einem mit schwarzem Leder bezogenen Sofa und hielt eine große Zeitung vor sein Gesicht. »Wie heißen Sie?« fragte der Oberstleutnant. – »v. Knobelsdorff.« – »Dienstgrad und Truppenteil?« – »Oberleutnant, Feld-Flieger-Abteilung 30.« – »So? Warum haben Sie da eine 24 auf den Achselstücken?« – »Ich trage Regimentsuniform.« – »Garde?« – »Nein.« – »Warum tragen Sie nicht Fliegeruniform?« – »Meine ist genau so gut.« Der Fürst in seiner Ecke lächelt über die Zeitung herüber: der Oberstleutnant aber bekommt einen roten Kopf.

»Nun, ich will Ihnen mal 'was sagen,« fuhr er im Verhör fort, »Sie wissen doch, daß Sie totgeschossen werden sollen?« Ich verbeugte mich zustimmend. »Ich werde Ihnen jetzt eine Reihe von Fragen vorlegen: wenn Sie die beantworten, können Sie Ihr Leben retten! Ich kann das tun,« sagte er weiter, »denn in unseren Augen sind Sie kein Offizier. Ein Mensch, der solche Proklamationen verbreitet, in schlechtem Russisch geschrieben, mit Fehlern, alles erlogen und alles gemein, das ist doch kein Offizier!« Das alles genierte er sich nicht, mir zu sagen. Was wollte er? Wurde ich denn durch diese Worte degradiert, oder verwandelten sie den Sprecher aus einem Offizier in einen dummen und frechen Halunken? Ich sagte nichts. Das ärgerte den Generalstäbler. Von den Keulenschlägen seiner Worte hatte er eine andere Wirkung erwartet. Ich sah ihn an, nun, wie man so jemanden ansieht, an dessen gesundem Verstande man zweifelt. Er kochte vor Wut. Aber da ihm mein Schweigen keine Angriffsfläche bot, so mußte er sich bezwingen, und konnte mich nur mit heiserer Stimme anbellen: »Woher kommt Hindenburg?« Was wollte er mit der Frage? Ich wußte nicht, daß den Russen vor kurzem zum zweiten Male an den Masurischen Seen das Fell gegerbt worden war. »Aus Hannover,« antwortete ich. »Was heißt das? Was hat er da gemacht?« – »Das weiß ich nicht, Herr Oberstleutnant: er war dort in Pension,« erklärte ich mit verbindlicher Liebenswürdigkeit im Tone höflichen Bedauerns. »So, in Pension war er? Wie kann er da jetzt das Oberkommando haben?!« In der Frage lag der Vorwurf der Lüge. Stirb', wer sterben will: ich aber wollte leben bleiben, und da beging ich Hochverrat und gestand: »Unsere Generale pflegen mit der Dienststelle nicht auch gleichzeitig den Verstand zu verlieren!« Da schlägt's Dreizehn. Mit offenem Munde starrt mich mein Inquisitor an. Dann faßt er sich und fragt: »Wo haben Sie die vielen Offiziere her?« – »Aus der Rangliste.« versicherte ich auf gut Glück. »Sie haben aber doch viel mehr!« wurde ich belehrt. »So?« sagte ich, »nun, dann werden wohl wieder welche befördert worden sein.« Wagte ich es etwa, mich über meinen Erpresser lustig zu machen? Zweifelnd sah er mich an: aber das konnte ja unmöglich sein: er war doch Oberstleutnant im Generalstabe der Obersten Kommandobehörde! Da verstand sich der schuldige Respekt von selbst, und so fragte er weiter: »Wo haben Sie die vielen Regimenter her?« – »Die haben wir aufgestellt, Herr Oberstleutnant!« – »Ich will wissen, wie Sie das gemacht haben? Sie haben und kennen doch Ihre Mobilmachungsvorschriften?« – »Manche ja.« – »Also, was steht da drin?« – »Wie man's macht.« – »Wenn Sie nicht antworten, werden Sie erschossen! Wollen Sie antworten?« – »Nein! Kein Offizier würde Auskunft geben, und ich erst recht nicht.« Der Oberstleutnant malt ein Kreuz auf den leeren Bogen neben meinen Namen. Dann wiederholt er: »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie für uns kein Offizier sind! Also kann ich Ihnen die Fragen vorlegen!« – »Ich bitte um Vergebung,« erwidere ich, »aber ich habe bisher nicht gewußt, daß mich S. M. der Russische Kaiser zum Offizier ernannt hat.«

Der Oberstleutnant wechselte einige Worte mit den Umstehenden. Mit mir sei überhaupt nicht zu reden, verleumdete er mich, wie ich später erfuhr. Dabei hatte ich fast auf jede Frage bereitwilligst Auskunft erteilt! Mein Leben stand doch in Gefahr! Das war nun der Dank! Indessen, ich würde dem feindlichen Generalstabe Unrecht tun, wenn ich verschweigen wollte, daß der Oberstleutnant, um mir Gelegenheit zu geben, den schlechten Eindruck zu verwischen, den das Kreuz auf dem leeren Bogen machte, mich weiter fragte: »Wo kommen Sie her?« – »Aus Munkacs,« verriet ich. Eine Karte vom Kriegsschauplatz, die unsere Truppenverteilung zeigt, liegt neben dem leeren Bogen. Der Oberstleutnant wirft einen Blick auf die Karte, dann fragt er: »Wo waren Sie vorher?« Sollst du gleich erfahren! »In Lask, Sdunska Wola, Piotrtow, Pabianice, Lodz, Lowicz: Sie kennen wohl auch die Gegend?« Jedes Wort ein für die Russen unglückliches Gefecht, das Ganze: das Scheitern ihrer Offensive. Oh, er kannte die Gegend! »Wie sind Sie nach Munkacs gekommen?« – »Mit der Bahn, Herr Oberstleutnant! « – »Ich will wissen, auf welchem Wege?« Aha! »Ich kann die Frage nicht beantworten, Herr Oberstleutnant!« – »Sie wollen also nicht?« – »Nein.« Ich bekomme mein zweites Kreuz.

Der Oberstleutnant schickt einen Offizier mit einem Auftrage fort. »Wie stark ist Ihre Armee?« wendet er sich wieder an mich. »Ich kann die Frage nicht beantworten, Herr Oberstleutnant!« – »Sie wollen nicht?« donnert er. Ich bekomme das dritte Kreuz. »Gut! Sie werden unweigerlich erschossen, wenn Sie die Frage nicht beantworten!« Ruville tritt ein. Der Oberstleutnant sitzt mit dem Rücken zu ihm. »Ich bedauere, auch keine Frage beantworten zu können, von deren Beantwortung ich den geringsten persönlichen Vorteil habe.« – »Aus welchen Truppenteilen besteht Ihre Armee?« Na, nun war es ganz klar, die Leute hatten einen Narren gegen mich losgelassen. »Das weiß ich nicht.« – »Das heißt, Sie wollen nicht antworten?« – »Nein. Ich will nicht.« Da bekomme ich mein viertes Kreuz. Mehr durfte er wohl nicht verteilen? Er ist am Ende seiner Kunst. »Sie können gehen!« fauchte er mich noch an. Ich ging.

Ich wurde über den Flur in einen gleichfalls mehrfenstrigen Raum geführt. Generalstabs- und Armeeoffiziere waren dort tätig. Ich verbeugte mich. Die Russen gaben mir die Hand. »Haben Sie schon gefrühstückt?« fragte mich ein mit dem Ordnen von Telegrammen beschäftigter Kapitän. Ich verneinte und fügte hinzu, daß auch unsere Begleitmannschaften noch nichts bekommen hätten. Da verließ er das Zimmer, und bald darauf brachte eine Ordonnanz Tee, Wurst, Brot und Butter. Ich aß und trank. Niemand störte mich. Ich überdachte das eben Erlebte, und Groll erfüllte mich. Was hatte ich denn getan, daß ich mir solche Worte und Zumutungen gefallen lassen mußte? Wenn man schon von Staats wegen eine Erziehung erhielt, die einem eine äußerliche, durch jeden Lümmel anzutastende und zu besudelnde Ehre aufnötigte, dann in Drei-Deiwels-Namen mußte man sie auch jederzeit schützen können! Da nun aber diese äußerliche Ehre nicht in dem besteht, was ich tue, sondern in dem, was einer von oder zu mir sagt, so mußte ich, bei der außerordentlich leichten Verletzbarkeit dieses Luxusartikels, als sein Träger auch so behütet werden, daß ich selbst niemals die Veranlassung zu einem Angriff auf sie werden konnte.

Dazu gehört in erster Linie, daß ich nicht in Lagen gebracht werde, die einem Dritten auch nur den Schein eines berechtigten Angriffs lassen. Daß ich selbst mich nicht in solche Verlegenheiten bringe, dafür sorge ich allein. Aber wie es nun einmal in der Welt zugeht: wer in der vordersten Linie ficht, bekommt die Wunden und die Salve übers Grab, und die weit vom Schuß sind, ernten der Mühen Lohn, die Ehren und die Güter – so war es auch hier nur natürlich, daß wir von denen, die uns schützen sollten, schuldig gemacht und dann der Pein überlassen wurden.

»Wollen Sie eine Zeitung haben?« unterbricht der Fürst, der ins Zimmer getreten ist, meine Grübeleien. »Gern.« Er bringt mir die »Frankfurter Zeitung« vom 17. Februar. Das war die neueste. Nach einer Weile kommt er mit dem Kommandeur der Leibhusaren wieder. Wir plaudern.

Ein Oberstleutnant im Mantel tritt zu uns. Unter den offenen Klappen sind die Generalstabsschnüre sichtbar. Er stellt sich vor und gibt mir die Hand. Der Chef des Nachrichtenwesens steht vor mir. Von ihm erfahre ich, daß der Kapitän, der mich so freundlich bewirtete, der Kommandeur der Fliegerei ist.

»Man hat Ihnen vorhin einige Fragen vorgelegt?« erkundigt sich der Chef des Nachrichtenwesens. Das war Wasser auf meine Mühle. »Ein Oberstleutnant des Generalstabes hat sich dabei in einer Weise mir gegenüber benommen, wie niemals ein feindlicher Offizier oder Soldat von uns behandelt werden würde. Es ist beispiellos, wie ich als wehrloser, feindlicher Offizier beschimpft worden bin!« Der Nachrichtenchef nimmt den Kneifer ab, setzt ihn wieder auf und sagt: »Sie dürfen das nicht so nehmen. Nachrichten über den Feind sind uns wichtig. Sie wissen nicht, ob mein Kollege nicht Auftrag hatte, schonungslos vorzugehen. Vielleicht leidet er selbst darunter, Ihnen solche Fragen vorlegen zu müssen.« – »Herr Oberstleutnant, ich will Ihnen alles gern glauben. Aber zwischen Schonungslosigkeit und unerhörter Behandlung besteht ein großer Unterschied. Nach unserer Auffassung hat sich der Herr nicht wie ein Gentleman benommen.« – »Es tut mir sehr leid, daß Sie so schlecht behandelt worden sind. Aber glauben Sie mir, mein Kollege tut auch nur seinen Dienst,« entschuldigte ihn abermals der Chef des Nachrichtenwesens. Dann setzte er sich zu mir und erkundigte sich nach meiner Dienstlaufbahn. Hierauf erzählte er mir die seine. Wir führten eine lange Unterhaltung.

Soldatoff meldete sich. Ich wurde zum Etappenkommandanten geführt. Nach halbstündigem Marsche langten wir vor dem Kommandanturgebäude an. Der Kommandant stand im Begriffe fortzugehen. Was sollte er mit mir machen? Kommt Zeit, kommt Rat. Er ging.

Ich setzte mich auf einen Stuhl. Ein Landwehrmann der Etappentruppen stand mit aufgepflanztem Bajonett im Zimmer und bewachte mich. Nach einer Stunde wurde er abgelöst. Hierbei vergaß er, dem neu aufgezogenen Posten die Patronen auszuhändigen. »Patroni!« erinnerte ich. Verlegen kam der Landwehrmann zurück und händigte die Patronen seinem Kameraden aus. Nun, ich wollte schon aufpassen, daß mir nichts geschah. Hatte ich nicht auch Soldatoff und seine drei Begleiter sicher bis hierher gebracht! Das hatte uns zu Freunden gemacht. Ich habe mich von den guten Kerlen nicht verabschieden können. Ob sie zurück auch so bequem gefahren sind? –

Die Sonne sank. Ein nicht mehr ganz junges Mädchen, es konnte auch eine junge Frau sein, trat in Begleitung eines etwa dreijährigen Knaben ein. Sie sah mich sitzen, zögerte und ging vorbei. »Edjä Kommendant?« – wo ist der Kommandant? fragte sie im Nebenzimmer, kam zurück, blickte nochmals zu mir herüber und verließ das Zimmer. Kommandeuse? fragte ich mich. Es dauerte nicht lange, da war sie wieder da. »Ihr könnt den Wagen und die Pferde bekommen,« sprach sie Deutsch in den Fernsprecher, sprach noch etwas, hing den Hörer an und ging. –

Soldaten brachten ein Feldbett. Der Kommandant erschien, entnahm seinem Schreibtisch einige Papiere und setzte sich zu den Offizieren und Schreibern nebenan.

Es mochte gegen 800 abends sein. Da kam die Kommandeuse zum drittenmal. »Kommendant sdjäß?« – ist der Kommandant hier? rief sie ins Nebenzimmer herein. Der kleine Kommandant jedoch wartete die Antwort nicht ab, sprang auf seinen Vater zu und zerrte ihn zu uns herüber. »George, George!« ermahnte ihn die Mutter und versuchte vergeblich, den Knirps zwischen den Beinen des Oberstleutnants einzufangen. Ich mußte lachen. »Haben Sie schon gegessen?« wandte sie sich plötzlich an mich. »Nein.« antwortete ich. »Er hat noch nicht gegessen,« sagte sie zum Kommandanten. »Wir werden einen Burschen schicken, was wollen Sie haben?« – »Kann er mir Brot und Wurst besorgen?« – »Aber gern!« – »Bitte, hier ist Geld.« Der Kommandant nahm den Fünfrubelschein. Dann drängte er sacht Frau und Kind zur Tür hinaus. »Auf Wiedersehen!« grüßte sie. »Noch vielen herzlichen Dank!« erwiderte ich.

Geraume Zeit verstrich. Dann brachte ein Soldat deutsches Beefsteak und Makkaroni sowie zwei große Semmeln und Wurst. Das überschießende Geld erhielt ich zurück. Der Mann bekam ein Trinkgeld und verschwand.

Es war 1000 geworden. Ich wollte das Zimmer verlassen. Zwei Landwehrleute begleiteten mich. Zwischen größeren Gebäuden standen da und dort fensterlose Holzhäuschen. Auf ein solches schritt der vor mir gehende Wachmann zu. Dann öffnete er die Tür. Der Mond schien hell. Der Fußboden des Raumes war mit Sand bestreut. Das war die ganze Ausstattung. Man mußte sich da drinnen höllisch vorsehen. Ich bekam einen Heidenschreck und ging wieder. In Stryj war diese Angelegenheit schon zum Grauen, nur bei Tage betretbar und mit der Gewandtheit eines Akrobaten. Das Gelände hier mußte auch erst bei anderer Beleuchtung erkundet werden.

Ich legte mich auf das Feldbett. Mein braver Ledermantel übernahm die gewohnte Rolle als Schlafdecke.

Wo mochte Ruville sein? Ich mußte wissen, wie es ihm ergangen war. Ich schlief ein. Ich wurde geweckt. Der Kommandant hatte einen genialen Einfall gehabt. Die Geschäftsräume der Etappen-Kommandantur befanden sich in den Kasernements. Wo Kasernen sind, sind auch Arrestzellen. Ich wanderte über den mondbeschienenen Hof nach der Arrestanstalt. Erst ging es durch einen großen Raum, in dem Soldaten auf dem Fußboden lagen und schnarchten. Wir stiegen über sie hinweg. Dann ging es in einen Flur hinein in eine Zelle. Die Unterbringung war komfortabel gegen die der Soldaten: auf einer hölzernen Pritsche lag eine Strohmatte! Im übrigen herrschte ein bestialischer Gestank in dieser Luxuskabine. Das vergitterte Fenster war mit Gips luftdicht verschlossen und ließ sich nicht öffnen. –

Ich erwachte erst, als es schon hell war. Ich verlangte Wasser zum Waschen. Der Arrest-Aufseher, ein freundlicher Unteroffizier, brachte einen Augenblick später das Gewünschte. Dann ging ich über den Flur auf Erkundung. Ich entdeckte zwei, in eine Steinplatte geschlagene, runde Löcher. Ich wußte Bescheid. Das war ja viel besser, als in Stryj!

Ich setzte mich wieder auf meine Pritsche und überdachte die Lage. Vom Denken bekam ich Hunger. Ich machte mich an den Rest meines gestrigen Abendbrots: die eine Semmel und die Hälfte der Wurst bildeten ein leckeres Frühstück. Es wurde Mittag. Der Arrest-Aufseher reichte das Essen hinein: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Der Nachmittag verging. Der Abend kam. Mit ihm das Abendbrot: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Ich legte mich schlafen. Es war kalt.

Um nächsten Morgen aß ich den Rest meiner Wurst und meine nunmehr altbackene zweite Semmel.

Im Laufe des Vormittags erschien ein General in Begleitung eines Unteroffiziers, der zwei Worte Deutsch sprach. Mit Hilfe meines Wörterbuchs versuchte ich, dem General auf seine Frage zu sagen, daß ich vom Kriegsgericht in Stryj zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt worden sei, daß aber über den gleichen Fall noch einmal verhandelt werden solle.

Ruville hatte mich sprechen hören und schickte nach Handtuch und Seife. Wir waren also sozusagen wieder zusammen. Zu Mittag erhielt ich: deutsches Beefsteak und Makkaroni; am Abend: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Am nächsten Morgen reichte mir der Arrest-Aufseher eine große Semmel herein.

Gegen Mittag erschien der General wieder, diesmal in Begleitung des Chefs des Nachrichtenwesens und des Etappenkommandanten. Der General war kein General, sondern eine Hohe Exzellenz. Der Chef des Nachrichtenwesens dolmetschte Sr. Exzellenz, weshalb ich hier wäre. Exzellenz mißbilligten die Unterbringung. Wir seien als Offiziere zu behandeln! »Zu Befehl. Ew. Hohe Exzellenz!« Die Russen verließen die Zelle.

Ruville wurde gerufen. Mit ihm stellten sich zwei Strauchdiebe ein. Sie stellten sich vor. »Du bist Flieger? « – in der k. u. k. Armee besteht die ekelhafte Gewohnheit, daß sich alles duzt – fragte der eine Ruville, als er dessen Abzeichen erblickte, »ich auch.«– »Ja,« antwortete Ruville. »Wir sind heruntergeschossen worden,« erklärte das andere Inkognito. Es war den beiden gelungen, weit vom Feind zu landen: schließlich sind sie trotz ihrer Verkleidung aufgegriffen worden. »Was wir durchgemacht haben!« bedauerten sie sich; »steckt in unserer Haut!« dachte ich.

Se. Exzellenz kam wieder. Ob wir Wünsche hätten? Die Österreicher baten um Wäsche und ich, ob das Fenster nicht geöffnet werden könnte. Ob wir kein Geld brauchten? Die Österreicher baten darum, sie hätten sich völlig verausgabt. Ich hatte noch über hundert Mark. In den nächsten Tagen mußte sich zudem unser Los entscheiden, und dann gab es entweder den Gefangenensold oder eine Kugel. Ich lehnte daher ab: das war natürlich eine Dummheit. Ich wollte lediglich mein Geld gewechselt haben. Schön. Ich sollte es zur Kommandantur schicken, ich würde den Tageskurs dafür erhalten.

Zum Schluß erklärte Se. Exzellenz, auch das neue Gericht werde zwar streng, aber unparteiisch unseren Fall noch einmal richten: Unrecht wolle man uns nicht tun. Der Chef des Nachrichtenwesens dolmetschte Sr. Exzellenz, daß wir mit dem gleichen Vertrauen, das wir dem ersten Gericht entgegengebracht hätten, auch dem zweiten entgegensähen. »Ich hoffe,« verabschiedete sich Se. Exzellenz, »daß wir uns das nächstemal unter glücklicheren Umständen wiedersehen!«

Ruville und ich verbeugten uns. Die Herren der k. u. k. Armee dagegen waren vor Strammheit mittlerweile völlig zu Bildsäulen erstarrt. Krampfhaft hielten sie die ganze Zeit die Hände an der Hosennaht. Damit war die äußerste Grenze der Devotion erreicht. Jetzt hatten sie nur noch die Wahl, bauch- oder rücklings umzufallen. Merkwürdigerweise taten sie es nicht. Ich war enttäuscht, denn ich hatte darauf gewartet. –

Se. Exzellenz hatte es sich angelegen sein lassen, unsere Lage nach Möglichkeit zu verbessern. Wenn man die Bemühungen sieht, berührt einen der Vorwurf peinlich: »Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß Sie in Deutschland unsere Kosakenoffiziere nicht gut behandeln. Aber ich hoffe, daß dies bald abgestellt sein wird.« –

Ruville und die Österreicher saßen wieder in ihren Zellen. Das Mittagessen kam: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Am Nachmittag wurde das Fenster geöffnet. Endlich! Der Abend brachte: deutsches Beefsteak und Makkaroni.

Die Nacht verging. Wieder waren wir der Entscheidung einen Tag näher gekommen.

Die Morgensemmel hatte ich verzehrt, auch das Mittagbrot: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Am Abend aß ich: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Der nächste Vormittag brachte die Morgensemmel und zu Mittag kam: deutsches Beefsteak und Makkaroni.

Am Nachmittag wurden Ruville und ich in einem der größeren Holzhäuser, in einem zweifenstrigen Zimmer untergebracht. Die Einrichtung bestand in der Aussicht nach Süden, auf den Kasernenhof. Die Tür zum Nebenzimmer stand auf. In der Tür stand ein Posten. Im Nebenzimmer lag die Wache.

Gegen Abend wurden ein Tisch und zwei Stühle gebracht. Auch zwei Betten fanden sich ein: drei Bretter, die einst bessere Tage gesehen hatten, lagen auf eisernen Gestellen. Sogar Strohsack und Kopfpolster nebst Leintüchern und Kissenbezügen wurden uns geliefert, und der Etappenkommandant selbst ließ es sich nicht nehmen, nach uns zu sehen. Stolz wies er auf die Strohsäcke und nannte sie ›Matratzen‹. »Lutsche!« lächelte er dazu; als er sich verabschiedete, gab er uns die Hand. Wir nahmen alles als günstiges Vorzeichen: die zweite Gerichtsverhandlung konnte so schlimm nicht werden. –

Das Arrangement der Betten gefiel mir nicht. Mißtrauisch betrachtete ich die tapezierte Wand. Dann rückte ich meins schräg ins Zimmer herein. Ruville verachtete diese Vorsichtsmaßregel. Dafür bissen ihn auch bereits in der ersten Nacht die Tapetenflundern. Mich erst in der nächsten. –

Ich schilderte meine Erlebnisse. Ruville war es besser ergangen. Das Frage- und Antwortspiel hatte der Chef des Nachrichtenwesens selbst geleitet, und der hatte ihm nicht gesagt, daß er ein Halunke sei. Dann wurde er bei den Schreibern im Kommandanturgebäude untergebracht. Hier trank er zum Willkommen zwanzig Glas Tee, vertilgte wacker den Kuchen, der ihm von allen Seiten angeboten wurde und rauchte schließlich im Laufe des Nachmittags fünfzig Zigaretten. Jeder hatte sich verpflichtet gefühlt, ihm eine Freundlichkeit zu erweisen. Alle waren, ohne Ausnahme, famose Kerls.

Das Abendbrot kam: deutsches Beefsteak und Makkaroni. Oh, Brillat-Savarin! Am nächsten Vormittag entdeckte ich die Beefsteakfabrik: das war die Küche der Kommandanturschreiber: ein winziger Flur trennte sie von uns.

An der Spitze dieses Unternehmens stand Weinka, der Gentlemankoch. Er sah aus wie ein Marquis: wie eine Mischung von Giampietro und dem Ober aus der ›Queen‹. Er hatte bei den Preobraschenzen gedient und war ein intelligenter, ganz famoser Mensch. Der Verfertiger der deutschen Beefsteaks war Pawel. Er hatte bisweilen Heimweh nach seiner Frau. Dann standen ihm Tränen in den Augen, am Nachmittag. Am Abend fing er sich aus lauter Sehnsucht ein Mädchen ein. Am nächsten Morgen war das Heimweh verflogen, und seine Augen glänzten wieder. Der Dritte im Bunde war Michail, der Lebemann. Er sprach kein Wort und besorgte alles. Einen Sommer war er als Erntearbeiter in Deutschland gewesen. Dort hatte er an einem Sonntage in der Dorfschenke getanzt! Das war die tollste Ausschweifung, der er sich je hingegeben. Jetzt war er verheiratet, hatte drei Kinder, zwei Pferde und eine Kuh. Am ersten Osterfeiertag besuchte er seine Frau. Am zweiten besuchte sie ihn und brachte uns selbstgebackenen Kuchen mit. Als Vierter gehörte ein sibirischer Schütze dazu. Ich vergaß jeden zweiten Tag seinen Namen, und heute fällt er mir auch nicht ein. Wie die anderen drei, war auch er ein prächtiger Kerl.

Die Küche lieferte uns morgens, mittags, nachmittags und abends Tee, mittags außerdem noch Krautsuppe und deutsches Beefsteak und abends wieder deutsches Beefsteak. Nach vierzehn Tagen konnte ich kein deutsches Beefsteak mehr sehen; an achtundzwanzig hatte ich gegessen. Zum Glück war stets der Posten und die Wache da. Die fütterten wir, um unseren Köchen nicht wehe zu tun. Von ihnen erfuhren wir, daß der Arrest- Aufseher unsere Morgensemmel aus seiner Tasche bezahlt hatte. Wir haben ihn nie wieder gesehen. Namenlos taucht er im Geschehen unter, um für alle Zeit in dankbarer Erinnerung zu leben.

Drei Wochen waren wir bereits in Cholm. Die zweite Verhandlung aber fand nicht statt. So hatten wir Muße genug, unsere Gegner näher kennen zu lernen. Ab und an gingen wir auf dem Kasernenhofe spazieren und sahen dem kleinen Kommandanten zu, wenn er im Sande spielte. Dabei erfuhren wir, daß seine Mutter keine Mutter, die junge Frau keine Frau, die Kommandeuse keine Kommandeuse, sondern die Erzieherin war. Von diesem Schicksalsschlage erholten wir uns rasch.

Einen Freund hatten wir auch; das war der polnische Doktor. Deutschenfreund war er gerade nicht. Da wir aber Soldaten und keine Politiker waren, hielt er uns für Menschen. Zeitungen wollte er uns besorgen, wenn keine deutschen, so doch wenigstens französische; wir hatten die Erlaubnis vom Chef des Generalstabes dazu: dem waren wir unterstellt. Aber in Cholm war nichts zu haben. »Herrschaften,« sagte der Doktor, »ich bin traurig; Zeitungen habe ich nicht bekommen, auch keine Zeitschrift.« –

Eines Tages trat beim Spaziergang ein junger Soldat auf uns zu und salutierte. Er hatte sich vom Posten unsere, natürlich bekannte, Geschichte erzählen lassen. Er wünsche Sr. Hochwohlgeboren alles Gute, sagte er. Ich gab ihm die Hand. Ein Franzose würde das nicht getan haben, ein Deutscher allerdings auch nicht: dafür sind wir bereits zu kultiviert und zivilisiert.

Bald darauf grüßte mich ein Soldat mit drei Georgskreuzen. Ich sprach einige Worte mit ihm, gratulierte ihm zu seinen Auszeichnungen und gab ihm die Hand. Sein Gesicht strahlte.

Vier Klassen Georgskreuze gibt es für Mannschaften, vier für Offiziere. Sie sind noch wertloser als unser Eisernes Kreuz. Das ist der Zug der Zeit. Wir leben im Zeitalter der Entwertung. Es gibt noch eine Lesart, die lautet: wir leben im Zeitalter des Wertzuwachses.

Unser Obermusikmeister, ein braver Mann, spielt in einer Waldecke mit seiner Kapelle: »Siehst de nich, da kimmt er,« oder sonst eine aufpeitschende Weise, als mein Regiment im Sturm Bailly nimmt. Ein Geschoß verirrt sich zur Musik. Ein Mann fällt. Der Obermusikmeister bekommt das E.K.II: für die Kapelle. Der Regimentskommandeur, ein vorbildlich tapferer Soldat, erhält das E.K.I. »Ich trage es: fürs Regiment,« sagte er mir gewissermaßen als Entschuldigung: er selbst ist sich noch keines persönlichen Verdienstes bewußt. Die Bundesfürsten und Bündnishäuptlinge – ich weiß nicht, ob auch die Bürgermeister der drei freien Städte – ,legen' die E.K.II und I ,an': für ihre tapferen Truppen. –

Wer ist nicht außer sich vor Freude! Du tust etwas. Man gibt dir das Kreuz. Einem anderen auch. Der aber hat gar nichts getan, womit er es verdient hätte: und die Ausnahme scheint es, wenn er sich schämt, ohne Grund belohnt zu werden. Doch recht betrachtet, hat er zu Scham auch keinerlei Veranlassung: denn nicht die Tat verschafft dem Kreuze Wert, beileibe nicht! Dm Wert allein erhält es durch den Inhaber. Ob ich wohl in der Annahme fehlgreife, daß es nicht sonderlich viele sind, die sich in den ersten sechs Feldzugsmonaten das E.K.I selbst verdient haben? Ich glaube: nein. So mancher aber, mancher hat es: 'für'!

Der Frankfurter Friede ließ vor fünfundvierzig Jahren Offiziere, die den ganzen Feldzug mitgemacht und ihre Pflicht nicht versäumt hatten, ohne Kreuz nach Hause kommen! Im Kriege wird gefochten, und wo gefochten wird, da gibt es Wunden, gibt's den Tod. Das ist doch klar. Der Weg aber, der von einfacher Pflichterfüllung bis zur Auszeichnung vor dem Feinde führt, ist lang, und nicht jedem lacht das Glück. Heute? Die Truppe ist im Gefecht gewesen. Jeder ist ein Held. Das mag pädagogisch sein, aber wahr ist es nicht. Deshalb wohl regnet es Kreuze, und selbst hinten, weit hinten beim Troß, der Feldpost, die ganze Etappenstraße entlang ist der Regen sichtbar. Denn nicht mehr das Verdienst verschafft dir heute das Kreuz, nein, das besorgen die Statuten. Weshalb gebt ihr denn den Leuten, die mit dem Feinde nichts zu tun haben, nicht irgend etwas anderes? Gebt ihr im Frieden dem Chef des Stabes und dem Registrator beim Generalkommando denselben Orden? So wie ihr's jetzt im Kriege macht, zeigt ihr euch gleichermaßen ungerecht und urteilslos. Leute aber, die kein Urteil haben, nennt man wie? Dumm. Gut. Zwischen Auszeichnung vor dem Feinde und bloßer Feldzugsteilnahme reinlich zu scheiden, ist ein Gebot der Billigkeit. Aber nicht wahr, das schert uns nicht! Wer selbstverständlich seine Pflicht tut, tut sie auch ohne Aussicht auf ein Kreuz und tut auch mehr als seine Pflicht; der Leute sind wir sicher; auf die kommt es nicht an. Die andern gilt es an der Stange festzuhalten; die brauchen wir; drum kriegen sie's.

»Mehr als seine Pflicht,« sagte ich vorhin: um mich dem Sprachgebrauche anzuschließen. Gibt's denn begrenzte Pflicht? »Das ist nicht mein Tisch,« sagt der Kellner in der Kneipe und schickt einen anderen. Was aber ist Auszeichnung? Ein Vergleichswert. Mehr nicht. Genug davon!

»Ist das wahr,« fragt mich ein Soldat, »daß Sie den Gefangenen die Nasen und die Ohren abschneiden?« – »Was?« frage ich, »wer hat Euch denn das erzählt?« – »Unsere Offiziere sagen es und machen uns damit Angst. Wir würden gar nicht angreifen und einfach überlaufen, wenn Sie uns nichts täten.« – »Ihr braucht keine Angst zu haben. Glaubt Ihr denn jeden Unsinn?« – »Ich möchte es auch nicht glauben,« zweifelt noch immer der Soldat. »Ich habe Hunderte von Euch gesehen und ich kann Euch nur sagen, die Leute hatten alles: Nasen, Ohren, Kopf, Beine, Hände, Essen und Zigaretten. Was macht Ihr denn hier?« – »Ich bin krank.« – »Was fehlt Dir denn?« – »Nu, so: krank: ich werde doch nicht dumm sein und mich da totschießen lassen gehen. Die haben mir doch gar nichts getan: wozu soll ich da hingehen? Jetzt bin ich krank. Aber wenn Sie sagen, daß uns nichts geschieht, dann können wir, wenn es wärmer wird, uns ergeben. Jetzt ist es hier noch besser.« – »Was machen die andern?« – »Die sind auch krank.« Ein Sanitäts-Unteroffizier zeigte sich in der Tür eines Holzhauses. Die 'Kranken' machten lange Gesichter und fingen an, jämmerlich zu husten. Nie ward mir so klar wie hier: Kriegsdienst, das ist Herrendienst! –

Wand an Wand mit uns wohnte ein russischer Offizier. In seiner dienstfreien Zeit pfiff er: »Puppchen, du bist mein Augenstern.« Eines Tages zog er aus. Noch am selben Nachmittag belegten wir sein Zimmer mit Beschlag. Weinka ergriff den Tisch, Pawel, Michail und der Sibiriake bemächtigten sich unserer Betten, die Wache half auch, und innerhalb dreier Minuten waren wir umgezogen. Wir öffneten die Fenster, richteten uns einen Liegestuhl ein, und genossen die Aussicht. Am Nachmittag erblickten wir unser Dschäwuschka in Uniform zu Pferde. Sie ritt wie ein Kosak. Dschäwuschka heißt Mädchen: so hatten wir die Exkommandeuse getauft.

Neben unserem großen dreifenstrigen Zimmer lag ein nach Osten gelegenes einfenstriges. Eines Vormittags pfiff dort jemand: »Gott erhalte Franz den Kaiser.« Ruville und mir stand der Sinn gerade nicht nach österreichischen Bekanntschaften, aber schließlich mußte man doch wissen, wer da war. »Rutsch ein bißchen,« sagte ich zu dem Landwehrmann, der Wache stand, »ich muß wissen, wer da steckt!« Ich stellte den Posten vor die andere Tür, und dort bewachte er uns weiter. Ein österreichischer Waffenrock hing über einer Stuhllehne: am Kragen waren die Abzeichen eines Ballonfahrers angebracht. Den Luftschiffer selbst konnte ich nicht sehen. Ich berichtete. Ruville guckte auch. Wir beschlossen, die Unterhaltung nicht zu eröffnen. Im Nebenzimmer sprach jemand. »Julius Nimmerreiter« oder so ähnlich antwortete eine Stimme. Drüben, fünfhundert Meter jenseits der Straße, am Gouvernementspalast musste man sie deutlich hören können. Wir lachten und beschlossen, mit dem Julius doch zu sprechen. Schritte entfernten sich aus dem Nebenzimmer.

»Halloh!« rief ich. Ein blaues Auge blickte durchs Schlüsselloch. Dann sprach ein Mund jenseits der Tür: »Hier Hauptmann Julius Nimmerreiter.« – »Hier Knobelsdorff,« antwortete ich. »Wos: Ludendorff!« – »Nee: Knobelsdorff,« sagte ich: »dann ist noch Ruville hier. Wir sind Flieger aus den Karpathen. Wo kommen Sie her?« – »Aus Przemysl.« Dann erzählte er, in der Festung sei nichts mehr zu essen. Man wolle einen großen Ausfall machen und sich durchschlagen. Er sei mit noch einem aufgestiegen, in der Hoffnung, irgendwo bei Krakau landen zu können, »Was für Wind hatten Sie denn?« fragte ich. »Westwind.« Donnerwetter! Wie jemand im Luftballon mit Westwind nach Westen kommen will, das war mir schleierhaft. »Was für Wind?« fragte ich zurück. »Westwind.« – »Wie wollen Sie denn da nach Krakau kommen? Ostwind müssen Sie doch haben, Ostwind! Mit Westwind kommen Sie ja geradezu nach Kiew oder Moskau und schmeißen am Ende noch den Ural um!« – »Es war halt kei ondrer Wind: vielleicht kam'n wir doch irgendwo bei unsren Trupen on.« Deiwel auch! Die verstanden das Geschäft! Darüber waren Ruville und ich uns einig.

Pawel brachte das Essen. Wir unterbrachen die Unterhaltung. »Was haben Sie denn da gutes zu essen?« fragte ich wieder durchs Schlüsselloch. »Ich hab' hier so ahn Faschiertes.« antwortete der Hauptmann »Nicht wahr, ist ausgezeichnet? Bleiben Sie noch ein paar Wochen hier! Ich bestell's Ihnen alle Tage,« redete ich ihm zu. »Zu essen hab' ich g'nug. Ich hab' auch noch Dauerwurst und Sardinen. Wollen S' was abhaben?« – »Schön. Schicken Sie es, bitte, herüber.« Die Vorräte aus der Hungerfestung Przemysl mussten aufgegessen werden. Was an uns lag, in die Hände der Russen sollte nichts fallen.

Am nächsten Tage mußten wir wieder unser Südzimmer beziehen. Soldaten kamen und brachten eine Menge der von mir gerühmten Betten. Wir bekamen Julius Nimmerreiter zu Gesicht. Er war genährt, wie ich in meinen besten Tagen. Nur habe ich niemals behauptet, aus einer Hungerfestung zu stammen. Was war denn los?

»Ja, wissen S', wir sind nämlich mehrere g'wesen. Vielleicht haben's' die andern auch g'fang'n?« Da kamen sie, die Freiballonführer, die mit Westwind nach Westen gelangen wollten. Keiner fehlte. Keiner von den Beobachtungsoffizieren. Alle waren sie da. Die Luftschifferabteilung von Przemysl war vollzählig versammelt. Wir wußten genug. Das Schicksal der Festung war besiegelt.

Eines Tages besuchte uns ein Generalstabsoberst. »Ist es wahr, daß Sie an Hindenburg geschrieben haben, daß Sie verurteilt worden sind?« fragte er mich. »Jawohl,« erwiderte ich. »S. M. der Kaiser ist sehr böse darüber, daß deutsche Offiziere die Proklamationen abgeworfen haben. S. M. hält das Urteil für zu milde! S. M. der Kaiser hat ein neues Gericht befohlen.« – »Was wir getan haben, bleibt unverrückbar dasselbe, Herr Oberst! Niemand kann daran etwas ändern, und wir haben nichts als unsern Dienst getan!« Ich mußte die Vorgänge erzählen. »Dann möchte ich wünschen, daß alles gut abgehen möge – menschlich gesprochen,« verabschiedete sich der Oberst, gab uns die Hand und ging.

Kurze Zeit darauf wurden wir nach der Etappenkommandantur gerufen. Es war nach Ostern. Dienstlich wurde uns mitgeteilt, daß der Zar das erste Urteil aufgehoben und ein neues Gericht befohlen habe. Wir bescheinigten die Kenntnisnahme. Endlich sollte die Entscheidung fallen! Aber sie fiel nicht.

Dafür hatte ich die wirkliche Etappenkommandeuse und ihr befreundete Damen gesehen. Die Luft verwandelte sich in ein Duftmeer, sobald sich eine von ihnen blicken ließ. Ich bin ein Anhänger des Wohlgeruchs, aber wenn man von dir sagen kann: du riechst nach Parfüm, dann verstehst du nicht, es zu gebrauchen. Die Kleider? Wenn man sie hier nicht mehr trug, wurden sie wahrscheinlich in Berlin modern. Die Figuren? Groß, stark, schwammig; ohne Korsage dreimal so breit. Nicht geschenkt möchte ich diese Walküren haben, und wenn sie das doppelte Kommißvermögen hätten! Eine Pad war in den weichen Boden getreten, wenn eine von ihnen vorüberschwebte, Donnerwetter ja! Wie Mizzi Kelleni das Gleichgewichtswunder fertigbrachte, mit ihren schlanken Fesselchen zu stehen und zu gehen, das war ein Rätsel. Hier waren ihre Antipoden. Diese Säulen mußten jeden Stiefel nach einstündiger Tragezeit aus der Façon rücken. O, Kapitän, was hast du für Schwestern!

Der März war zu Ende. Unser Geld auch. Ich schrieb an den Chef des Stabes und bat um den zuständigen Gefangenensold. Keine Antwort. Neun Apriltage waren vorüber gegangen, unsere Seife wurde kleiner und kleiner, unsere Wäsche wurde längst nicht mehr in der Stadt gewaschen (Weinka und Pawel besorgten dies jetzt), unsere Laune wurde schlechter und schlechter, da erwachte ich am zehnten April davon, weil eine ungewöhnliche Tätigkeit in der Küche und im großen Zimmer herrschte. »Philipp« – so nämlich hatte ich Ruville vor acht Jahren getauft – »heute ist die zweite Verhandlung,« weckte ich ihn. »Wie kommst Du darauf?« gähnte er zurück. »Na, bitte, sieh Dich um: Weinka und Pawel putzen Fenster (das hatten sie nicht einmal zu Ostern getan), Michail schleppt dauernd Wasser, der Sibiriake hat sogar einen Besen in der Hand, und da kommen die Schreiber mit einem großen Tisch und Stühlen.« –- »Hallo!« rief ich einen von ihnen an. »Tschto budit? Was ist los?« Der Schreiber kam herein. Er hielt mehrere große Bogen Schreib- und Löschpapier in der Hand. »Kanzelaria budit, wir richten eine Schreibstube ein,« antwortete er. Dabei sah er uns mit einem unendlich traurigen und wehmütigen Gesicht an. Er brachte kein Wort mehr heraus. Also, es war klar: heute war die zweite Verhandlung und zwar im großen Zimmer. Unsere Küchenleute ließen sich nicht blicken. »Pawel!« rief ich. Pawel kam. Was war aus unserem lustigen Pawel geworden! Sein Blick suchte den Boden, und er hatte ein Gesicht aufgesteckt, ja das kann ich nicht beschreiben. Mir fehlen dazu die nötigen weinerlichen Ausdrücke. »Wadi,« sagte ich. »i Tschai; Waschwasser und Tee!« Michail kam. Er brachte Wasser. Wir schlüpften aus dem Schlafanzug. Wir frühstückten. Ein Trupp Landwehrleute von mindestens zwanzig Mann unter dem Kommando eines Feldwebels war damit beschäftigt, den Kasernenhof in der nächsten Umgebung unseres Hauses zu fegen. Der Kasernenhof wurde nie gefegt. Es waren also unerhörte Ereignisse zu erwarten.

Der Etappenkommandant erschien im neuen Rock und mit sämtlichen Orden. Er überzeugte sich davon, daß auch alles in Ordnung sei. Ich fragte ihn, ob heute die zweite Verhandlung stattfinde. »Ja,« sagte er, gab uns wieder die Hand und ging. Eine Verstärkung der Wache rückte an. Für einen Augenblick zeigte sich das Gesicht eines Stabsoffiziers in der Tür. Ruville sah, wie ich grüßen wollte: er drehte sich um, doch da war es schon verschwunden. Ich aber hatte genug gesehen: die Verhandlung konnte ausfallen. Das Todesurteil war bereits gesprochen. Merkwürdig, wie gleichgültig mir das heute war. Die Entscheidung war da. Alles war gut. »Du, ein Kosak ist auch dabei,« sagte ich zu Ruville. Ich sah einen in langem, schwarzem Rock vorbeistreifen. »Wo?« fragte Ruville. »Er ist schon weg.« antwortete ich.

Wir sollten ins große Zimmer. Da saßen sie, die Richter, fünf, wie beim ersten Gericht, an der Schmalwand, den Tisch vor sich. Wir verbeugten uns. Die Richter erwiderten den Gruß nicht, der Dolmetscher tat es. Er stand mit dem Rücken zum Fenster. Es war der Chef des Nachrichtenwesens. Der Wachthabende und drei Mann traten hinter uns. Der Vorsitzende wies auf die beiden Stühle, die den Richtern gegenüberstanden. Wir setzten uns. Dann stand er auf. Wir standen auch auf. Der Vorsitzende verlas die Anklage. Hart war die Stimme, schonungslos, jedes Wort ein Keulenschlag. Die Betonung stempelte jede Silbe zu vernichtendem Urteil. Wie die Sprache, so der Mann. Schroff und kantig stand er da, ein Fels, an dem sich die Brandung bricht. Seine blauen Augen blitzten kälter und härter als Diamanten durch das Augenglas und verstärkten in dem vollen Gesicht die Züge ausgesprochener Rücksichtslosigkeit. Vom Hals blinkte ein Kreuz, von der Brust ein zweites. Der Mann hatte Geschmack. Die Beisitzer hatten keinen. Orden rechts, Orden links, Abzeichen rechts, Abzeichen links. Die Leute sahen aus wie ein Kaiserbild. Nun gehören ja Orden zum Anzug wie Ballschmuck zur eleganten Frau. Peudern aber, das ist ein Zeichen mangelnder Geschmackskultur. In Rußland, versteht sich, peudert alles. Wer in irgend einem bestimmten Lyceum war, trägt ein Abzeichen auf der Brust. Wessen Regiment 100 Jahre alt ist, trägt ein Abzeichen auf der Brust. Und so geht das fort. Stundenlang. Ich glaubte immer, bei uns wäre schon das non plus ultra erreicht. Man hat ja keine Ahnung!

Die Herren sehen bleich, fast möchte ich sagen: etwas übernächtig aus. Wer sind die Kavaliere? Der Vorsitzende ist der Kommandant des Hauptquartiers. Der Mann ist brauchbar: macht alles. Ich möchte die Verantwortung sehen, die er nicht übernimmt. Rechts neben ihm sitzt der Kommandeur eines Kosaken-Regiments, Donscher oder Kubanscher, ich weiß es nicht mehr. Er sitzt da, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Er guckt zum Fenster hinaus und denkt vielleicht dasselbe wie ich: »Wozu um alles in der Welt soll ich mich hier langweilen? Es ist ja alles klar: der Zar hat das erste Urteil aufgehoben, weil er es zu milde fand: also müssen die beiden erledigt werden. Da ist doch kein Wort mehr darüber zu verlieren!« Links vom Kommandanten sitzt der Kommandeur der Infanterie-Stabswache. Halsorden natürlich. Dienstgrad Hauptmann: hier heißt es Kapitän. Links von ihm, an der Schmalseite des Tisches, ein Generalstäbler; Rang: Stabskapitän. Ihm gegenüber der Kommandant der Radio-Großstation. Halsorden. Klar! Im übrigen Kapitän.

Jetzt kommen wir zum heitereren Teil. Der Dolmetscher übersetzt die Anklage. Satz für Satz. Die Russen haben sogar noch ein paar Vergehen mehr herausgefunden. Urkundenfälscher waren wir auch geworden. Die Organisation gab es nicht in Rußland. »Also war es was?« Ein Name, den es gar nicht gibt, steht unter einem Schriftstück, das du nicht verfaßt hast, und verspricht bei Aufruhr und Meuterei und allem, was dazu gehört, jedwede Unterstützung? Urkundenfälschung natürlich!

Verteidigung: »Schuldig?« – »Nein!« – »Nein? Was können Sie denn dagegen vorbringen?« Der Vorsitzende bricht seinen Bleistift durch und gibt die eine Hälfte dem Kommandeur der Stabswache. Der Kosak braucht keinen. Der Radiomann hat einen. Ich greife in die Tasche und reiche dem Generalstäbler den mir von meinem alten Kommandeur, Oberstleutnant v. Wrisberg, im vorigen Jahr nebst guten Zigaretten nach Russisch-Polen geschickten. Ob er sich die Verwendung gedacht hat, als er ihn einpackte?

Du sprichst einen Satz. Er wird übersetzt. Du sprichst den nächsten. Er wird übersetzt. In dieser Weise geht es fort. Zum Glück geht es nicht weit.

Der Generalstäbler will mich belehren, daß ich unter allen Umständen die Verpflichtung gehabt hätte, mich über den Inhalt der Flugblätter zu unterrichten. Das sagt ein Soldat, ein Generalstäbler! Stellt in Rußland der Untergebene den Vorgesetzten oder den Befehlsüberbringer über einen klaren Befehl zur Rede? In Deutschland nicht. Ich soll Flugblätter abwerfen. Ich bitte um Vergebung, das begreife ich. Was ist da noch zu fragen? Im besten Fall kannst du noch hinzufügen: »Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin!« Doch das habe ich während des Exerzierens nie gehört. Die komischen Leute bei uns, die führten immer nur ohne Widerrede aus, was befohlen wurde. Manchmal allerdings schimpften sie auch. Das war im Manöver. Dann wurde der Führer abgesägt. Aber nicht von denen, die schimpften. Das tat ein ganz anderer. Der meinte: »Wenn man sich jemals mit höherer Truppenführung beschäftigt hat, Exzellenz, dann!« Väterchen Bülow war deutlicher: »Ich mißbillige,« sagte er, und über die Goldplomben rollte der Zylinder. Ja, so kannte ich es. Mit einemmal soll es anders gewesen sein.

»Was bezweckten Sie denn mit den Proklamationen?« unterbricht der Vorsitzende, »wollten Sie uns damit schaden?« Dies fragte nicht etwa ein Narr, sondern der Kommandant des Hauptquartiers, d. h. die Frage bedeutete den Tod. »Es ist Krieg, Herr Oberst!« übersetzt der Dolmetscher. »Ich komme als Feind,« fährt er fort: »ich kann unmöglich annehmen, daß die Flugblätter uns schaden sollen,« wird gedolmetscht. »Wenn sie überhaupt schaden sollen, dann sollen sie natürlich Ihnen schaden!« Der Satz ist übersetzt. »Das ist doch selbstverständlich!« Dieser auch. Der Vorsitzende erhebt sich. In seinem Gesicht steht: es ist alles klar. Mit einer Handbewegung entläßt er uns. Wir verlassen mit dem Chef des Nachrichtenwesens und der Wache das Sitzungszimmer.

Wir setzen uns zu dritt auf unsere Betten. Der Chef zieht seine Zigarrentasche. Drei kleine Importen stecken drin. »Bitte!« Ich verzichte. Ruville dankt gleichfalls. Ich reiche dem Chef des Nachrichtenwesens Feuer. »Eigentlich sollte ich unter den Richtern sitzen,« erzählt er, »aber ich habe abgelehnt. Als Dolmetscher haben Sie mehr Nutzen von mir. Ich kenne meine Kameraden. Zwar wollte ich heute nach Lemberg fahren, aber ich habe es auf morgen verschoben.« Ruville ist voller Hoffnung und spricht von der Verhandlung. »Ich bin doch keine Kontrollstation für ein General-Kommando!« werfe ich ein; »mir ist völlig unverständlich, wie der Herr vom Generalstabe eine solche Auffassung äußern kann.« – »Bringen Sie's nachher an!« rät der Chef des Nachrichtenwesens. Nachher! Eine Viertelstunde war vorüber. Ich wusste Bescheid.

Wir wurden wieder in das Gerichtszimmer gerufen. Die Richter standen. Wir standen auch. Am Fenster stand der Dolmetscher. Der Vorsitzende verlas das Urteil. In ganzen, in halben Sätzen, in einzelnen Worten. Seine Sprache war womöglich noch härter geworden. Der Dolmetscher übersetzte die Worte, die halben, die ganzen Sätze. Kalt blickte uns der Vorsitzende an. Der Kosak sah zum Fenster hinaus. Die andern drei mieden mein Auge. Wir waren schuldig. Nun, ich schreibe doch kein Gebetbuch, sonst wäre jetzt hier eine Litanei am Platze. Die Litanei, ich meine das Sündenregister, fällt daher aus. Also: Tod! Wir standen in gemäßigt dienstlicher Haltung, mit geschlossenen Hacken. Das hatten wir so ausgemacht: denn an eine für solche Fälle vorgesehene Anweisung des Exerzier-Reglements konnte ich mich nicht erinnern.

Nein, was hatten wir nicht Schreckliches begangen! Ausgeschlossen, daß ich das alles behielt. Vom Rechte sprach diesmal kein Mensch. Was sollte es auch in der Verhandlung? Was ist denn Recht? Das, was wir nicht haben. Trotzdem sprechen wir heutzutage vom modernen Rechtsstaat. Des Menschen Gedanken eilen der Zeit voraus. Hinkten sie nach, gäbe es keinen Fortschritt. Herrschte früher die reine Willkür, so regiert heute die Macht die Stunde. Es ist daher nur folgerichtig, wenn die Resultante bestehender Machtverhältnisse zum Rechte wird und des Rechtes Namen trägt. Wir hatten keine Macht, also auch kein Recht. Das bekamen wir zu spüren und konnten es uns einprägen, falls wir etwa töricht genug waren, es nicht von selbst zu wissen. Nun sagt zwar Pascal: »Da die Menschen der Gerechtigkeit nicht gehorchen wollen, so haben sie die Macht gerecht gemacht.« Indes die Meinung läuft auf falscher Fährte. Denn nicht ums Wollen handelt es sich, nein, ums Können! Woraus bei einiger Überlegung sich ergibt: was wir da Recht zu nennen pflegen, heißt zwar so, zum Rechte aber wird es dadurch nicht. Und dabei wollen wir uns beruhigen.

Das Urteil war gefällt. Der Tod war da. Er traf mich in der besten Stunde. »Eine Berufung ist nicht mehr möglich.« dolmetschte der Chef des Nachrichtenwesens. »Haben Sie an das Gericht noch eine Frage?« lautete der nächste Satz. Ja, die habe ich. »Es wird uns somit unterstellt, daß wir den Inhalt der Flugblätter kannten und verantwortlich für ihn sind?« An der eisernen Stirn des Vorsitzenden zerschellen Wahrheit und Tat, und wie Fanfarenruf verkündet das »Ja« des Obersten den Sieg des Rechts. –

»Das hätte ich nicht erwartet!« sagt Ruville, steckt die Hände in die Hosentaschen und starrt durchs Fenster. »Philipp!« ermunterte ich ihn. »Kopf hoch!« Dann macht er kehrt, wirft sich aufs Bett und starrt gegen die Decke. Die Hände hat er noch immer in den Hosentaschen. Das war ein etwas harter Schlag. Er mußte sich erst ein bißchen erholen. »Jetzt hilft nur noch ein Wunder,« stellte ich fest: »es ist aus. Na, wir wollen den Leuten 'was vorsterben! Deiwel auch! Die Augen sollen ihnen übergehen!« Ruville sprang auf. Weinka erschien. Pawel erschien. Michail erschien. Der Sibiriake kam. Die ganze Wache war da. Rings um uns ein Tränenstrom. Ich mußte lachen. Da standen die bärtigen Landwehrleute und weinten und weinten. Pawels Augen hatten sich in die Quellen zweier Gebirgsbäche verwandelt. Wenn das so weiter ging, konnten mir uns auf die Stühle stellen. »Was ist?« fragte Weinka. Es gelang ihm nicht, seine Tränen zurückzuhalten. »Tod!« sagte ich. »Nein.« schüttelte er mit dem Kopf, und der Mund sprach: »Nein! Nein! Nein!« Wir trösteten die guten Kerls. Sie waren doch geradezu rührend.

Was ein Russe von mir noch zu sehen bekommen konnte, das war ein lachender, preußischer Offizier. Das stand fest. Die Würfel waren gefallen. Alles war heiter und schmerzlos, und die Brust war so weit, so frei und so leicht. Mit dem Todesurteil hatte ich die Nichtigleiten des Lebens abgestreift. Jetzt hieß es: »Stirb' und werde!« Ich war bereit. –

Am Nachmittag des 30. Januar dagegen, da hatte ich mich noch mit allerlei Ballast geschleppt. Wenn ich jetzt daran und an die widerliche Kälte dachte, die damals herrschte, sowie an das ekelhafte Gewarte auf den Lohn für den anstrengenden Eiertanz, den ich da stundenlang aufgeführt hatte, dann war das gar nicht zu vergleichen mit der prompten Arbeit von heute. Der Oberst hier lieferte saubere Ware. Innerhalb fünfzig Minuten waren wir schwer angeklagt, beinahe gehört und sicher verurteilt. Von Fabrikschund konnte hier keine Rede sein. Das Urteil war gezimmert. »Haben sie's nicht selbst eingestanden: schaden wollten sie uns. Ich bitte Sie, meine Herren, der Feind will uns schaden! Ist so etwas in der Welt denkbar? Ein Feind, der einem schaden will! Na, da soll doch dieser und jener! Und die Kerle gestehen es obendrein auch noch ein! Ohne Schamgefühl! Meine Herren! Ich stelle fest: ein Feind, der nicht nützt, der schadet. Das wollten die beiden. Volenti non fit iniuria. Also sterben sie.« Ungefähr mit diesen Worten, denke ich, wird der Vorsitzende die Urteilsberatung eröffnet und vielleicht auch gleichzeitig geschlossen haben. Mir war unendlich wohl. Siebzig Tage hatten wir auf die Entscheidung gewartet. Jetzt war sie da.

Ich dachte an Mizzi Kellenyi; sie würde mir hoffentlich verzeihen. Ich hatte ihr für den Nachmittag des 25. versprochen, sie nach Vàsàros namèny zu bringen. Ob sie wohl böse war, weil ich nicht Wort gehalten hatte? Man soll nie etwas versprechen!

Es war Mittag geworden. Unsere Wache verabschiedete sich mit Tränen in den Augen. Weinka brachte die Krautsuppe, Pawel das deutsche Beefsteak. Wir aßen. »Das wäre nicht schlecht, wenn sie uns jetzt ein anständiges Essen von Borchardt schickten,« schlug ich vor. »Wenn es durchaus sein muß, würde ich ein Frühstück bei Kannenberg auch annehmen,« gestand Ruville. Er war wieder der alte.

Das war ausgemacht: sterben wollten wir, bildschön! Ruville war sich noch nicht ganz klar, ob es chic wäre, dies mit der Zigarette in der Hand zu tun. Ueber die Unerläßlichkeit des Monokels waren wir uns einig.

»Kuck!« sagte ich, »was kommt da?« Ein Offizier mit seiner Frau stieg die drei Stufen hoch, die zur Küche führten. Da standen sie vor uns. Wir standen auf. »Brauchen Sie ein Messer?« begann die Gattin des augenblicklich feindlichen Kameraden die Unterhaltung. Ich war starr. Glaubte sie etwa, daß wir das deutsche Beefsteak mit dem Messer fraßen und die Makkaroni mit 'ner Schere schnitten? Dann lachte ich: »Nein. Vielen Dank. Beim besten Willen nicht. Was sollen wir mit der Säge?« – »Man hat mir gesagt, ich soll so fragen. Wir möchten nämlich gern wissen, was das Gericht gesagt hat?« – »Oh, nichts besonderes, – es hat auf Tod erkannt.« »Nein!« entsetzte sie sich. Ihr Gesicht wurde fahl, Tränen glänzten in ihren Augen. »Aber das ist nicht möglich!« – »Gewiß!« versicherte ich. Sie war groß, fast so groß wie ich. Mitte zwanzig. »Nein! Das kann ich nicht glauben; das ist ganz unmöglich!« sagte das lebende Sachet, und die Tränen lösten sich von den dunklen, großen Augen. Wir sprachen noch ein paar Worte. Dann verabschiedete sie sich. Wir bekamen eine weiche Hand. Mit einem Kuß bestätigten wir den Empfang. Sie nickte noch einmal: dann entzog sie ein Schuppen unserem Blick.

Unser bester Freund von den Schreibern kam. Er war etwas jünger als ich, in Petrograd verheiratet, hatte einen Lungenschuß erhalten, rauchte wie ein Schornstein und war stets guter Dinge. Unserer Küche wollte er nicht glauben, daß wir zum Tode verurteilt worden waren. Wir bestätigten es. Mit Tränen in den Augen umarmte und küßte er uns wiederholt. Dann ging er.

Ruville hatte sich wieder aufs Bett gelegt und verdaute das Todesurteil. Ich hatte zu tun. Da waren noch einige Schlußmeldungen aufzusetzen: an die Abteilung, aus Höflichkeit auch ans Regiment. Die Russen würden sie wohl befördern. Den Gefallen konnten sie uns ruhig tun. Blieben dann noch einige Briefe zu schreiben: vor dem nach Hause graute mir. Aber ich hatte ja schon einmal vorgeübt.

Was kam denn da? Sah das nicht aus wie ein halbes Armeekorps? Also zunächst ein Posten vor die Fenster. Dann füllte sich die Wachstube, und ein Gedränge herrschte in ihr wie beim Regimentsball im Kasino. Ob die Leute etwa glaubten, wir würden wie die Hasen auf der Jagd vor dem Tode ausreißen? Wenn wir das gewollt hätten, dann hätten wir es längst versucht. Doch der Gedanke hielt uns zurück, daß man dann vielleicht hätte glauben können, wir scheuten das zweite Gericht. Es war, meine ich heute, eine Dummheit, daß wir blieben. Was gingen uns die Gedanken der Russen an? Wir hatten unsere und sie ihre. Damals aber hielt mich noch die erhaltene Dressur mit eisernem Griff: du sollst auch den Schein der Feigheit meiden! Ruville dachte nicht anders. Richtiger wäre es gewesen, die Feigheit ruhig scheinen zu lassen, wenn wir nur in ihrem Schatten glatt nach Hause gekommen wären. –

Dschäwuschka machte mit dem kleinen Kommandanten Fensterpromenade. Ich öffnete das Fenster. Das Armeekorps wurde unruhig. »Guten Tag!« rief ich; »vorhin war die zweite Verhandlung. Tod. Schicken Sie mir doch, bitte, ein bißchen Schreibpapier!« Meine Worte ließen den vor dem Fenster stehenden Posten erstarren. Im Vergleich zu ihm mußte Frau Lot nach ihrem Schlaganfall beweglich wie eine Filmfigur gewesen sein; so starr war der Krieger. Was sollte er tun? Sollte er schießen, sollte er stechen oder sollte er beides zugleich versuchen? Dann fiel ihm ein: für den Fall war er nicht instruiert. Er war gerettet. Da kam der Etappen-Kommandant. Dschäwuschka kam mit ihm. Der kleine Kommandant auch. »Tod?« Der Oberstleutnant schüttelte den Kopf. »Die Russen bringen keine Offiziere um!« übersetzte unsere Freundin. »Ja, tut mir leid, aber zum Tode verurteilt sind wir. Ohne jegliche Berufung. Gar nichts zu machen.« Ich bat um Papier. Viel Papier. Große Bogen. Der Kommandant versprach es und verabschiedete sich mit freundlichem Händedruck. Auch Dschäwuschka gab uns die Hand. Es war das erstemal. Die Hand war fest und warm. –

Im Haus herrschte eine Atmosphäre wie nach einem Trauerfall. Totenstille. Betrübte Gesichter. Man konnte uns für die herzlosen Wächter einer Schar zum Tode Verurteilter halten. Das hatten die Russen davon, daß sie uns nicht freisprachen! Jetzt konnten sie über sich nachdenken. War ihnen ganz recht, wenn sie sich dabei nicht gefielen. –-

Der Kommandant brachte das Papier. Ruville schrieb einen glänzenden Brief an seine Mutter. Ich machte mein Testament. Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Von mir selbst bescheinigt! Dem Regiment stiftete ich einen silbernen Becher; auf ihm sollte stehen:

»Auf's Wohl des Vaterlandes heute froh getrunken! Für's Wohl des Vaterlandes morgen stolz gesunken! So haben wir's gehalten. – Tut's wie wir Alten!«

Dann setzte ich die Meldungen an Abteilung und Regiment auf. Wir schrieben bis abends um Zehn.

Im Laufe des Nachmittags hatten wir den größten Teil unseres Besitzes an das vierblättrige Kleeblatt verschenkt. Den Rest unserer Habe wollten wir erst fortgeben, wenn es endgültig ans Sterben ging.

Ich schlief traumlos. Plötzlich weckte mich der Lärm, den das alarmierte Armeekorps im Nachbarzimmer machte. Ich machte die Augen auf und sah den Chef des Nachrichtenwesens vor mir stehen. Was wollte er mitten in der Nacht? Sollten wir uns zur Reise nach dem Jenseits fertig machen? »Ich bitte Herrn Oberstleutnant, Platz zu nehmen. Wir sind sofort angezogen,« lud ich ihn ein. – »Bleiben Sie liegen!« wehrte der Oberstleutnant ab: »ich habe soeben erfahren, daß der Ober-Kommandierende das Todesurteil nicht bestätigt, sondern in lebenslängliche Zwangsarbeit abgeändert hat. Der Herr Stabschef hat mir erlaubt, Sie sofort zu benachrichtigen.« – »Aber das ist ja viel schlimmer,« lehnte ich ab: »warum erschießt man uns denn nicht?« – »Sie wären gehangen worden,« belehrte der Oberstleutnant, »für die Vergehen pflegen wir zu hängen. Zwangsarbeit nämlich ist durchaus nicht schlimmer, im Gegenteil: besser! Ich wäre sonst nicht hierher gekommen, um Ihnen das mitzuteilen.« Ich dankte für die Freundlichkeit, dann fuhr ich fort: »Wir hatten uns schon auf den Tod gefreut! Nun wird es nichts damit, und mein schönes Gedicht ist ganz umsonst geschrieben: ich muß es Ihnen wenigstens vorlesen, Herr Oberstleutnant!« Ich ergriff mein Testament und trug den im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte verfaßten Vers vor. »Ich habe mich gefreut, so tapfere Offiziere, die den Tod so gar nicht fürchten, kennen gelernt zu haben: aber auch die russischen Offiziere wissen zu sterben!« Mit diesen Worten entfernte sich der Chef des Nachrichtenwesens.

»Philipp, gib mir die Hand!« sagte ich: »das Wunder ist geschehen. Was aber kommt nu?« Weinka erschien in Unterhosen. Pawel erschien. Michail erschien. Der Sibiriake stand auch im Zimmer. »Was ist los?« – »Wir bleiben leben. Schießen ist nicht. Aufhängen auch nicht. Gefängnis.« Die guten Kerle strahlen.

Mit dem Schlafen war es vorbei. Lebenslängliche Zwangsarbeit! Das hatte mir bis jetzt noch kein Knobelsdorff vorgemacht. Einer war gestorben nach jahrelanger Gefangenschaft auf dem Königstein. Das war im Siebenjährigen Kriege. Mein Artikel war neu. Den führte die Familie nicht. Lebenslängliche Zwangsarbeit! Meinetwegen auch zweimal, wenn wir nur siegen, dachte ich.

An einem Sonntag waren wir zu neuem Leben geboren worden. Wir waren also Sonntagskinder. Es war am 11. April, 100 nachts, als uns die Nachricht gebracht wurde. Was Wunder, daß das neue Leben wie ein Aprilscherz begann! Vielleicht – endet es auch so. –

»Herrschaften,« sagte der polnische Doktor, der in Begleitung eines russischen Offiziers erschien, »wie fühlen Sie sich?« – »Danke für die Nachfrage. Ausgezeichnet.« – »Das ist vom psychologischen Standpunkte aus sehr interessant,« stellte der Doktor fest. Wir waren auch die geeigneten Studienobjekte: Hans-Carl v. Ruville und Viktor v. Knobelsdorff! Jedem Psychiater gewachsen. »Wissen Sie schon,« fuhr er fort, »das Urteil ist abgeändert worden!« – »Ja, und das hat uns den ganzen Schlaf verdorben. Das konnte man uns auch heute mitteilen. Immerhin, es war gut gemeint.« – »Das ist aber doch besser als aufhängen!« erklärte der Doktor: »vielleicht kommt auch noch ein Manifest? In Rußland gibt es oft Manifeste! Herrschaften, ich freue mich, daß Sie leben!« –

Um 1100 vormittags teilte uns die Etappenkommandantur dienstlich und schriftlich mit, daß der Gerichtsherr, der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte an der Süd-West-Front, Generaladjutant Iwanoff, das Todesurteil in lebenslängliche Zwangsarbeit abgeändert habe. Wir bescheinigten die Kenntnisnahme.

Mittags war Gesellschaft beim Etappenkommandanten. Die Damen ließen es sich nicht nehmen, uns persönlich Torte und Vanilleeis zu bringen.

Am nächsten Tage bekamen wir von ihnen Fleischpasteten. Schlagt die Hände über dem Kopf zusammen, Philister! Am Nachmittag berichteten wir nach Haus von unserer neuen sozialen Stellung: durch einen Federzug waren wir Eigentum des russischen Staates geworden.

Am 13. April wanderten wir aus den Händen der Militärgewalt in die der Zivilbehörde. Die Abschiedsmahlzeit begann wie gewöhnlich mit Krautsuppe: indessen deutsches Beefsteak gab es nicht. Die Küche hatte sich in Unkosten gestürzt und unser Fleisch gebraten! Unser bester Freund kam. Er umarmte und küßte uns zum letztenmal und schenkte dann jedem ein Fünfzigkopekenstück. Die Küche stiftete Tee und Zucker. Mein Herz krampfte sich zusammen. Was waren das für rührende Kerle!

Ein Wagen fuhr vor. Der Etappenkommandant tauchte auf. Wir verabschiedeten uns von ihm, bedankten uns nochmals für all die vielen Freundlichkeiten, drückten allen Soldaten, Wachtmannschaften, Weinka, Pawel, Michail und dem Sibiriaken zum letztenmal die Hand, und dann wurden wir von vier Landwehrleuten in die Mitte genommen und zogen ins neue Leben hinaus.

Hinter uns rollte der Wagen. Er war für unser ›Gepäck‹ bestimmt. Wir gingen die schmutzige Straße entlang. Wir sahen Dschäwuschka zum letztenmal. Sie fuhr die jungen Pferde. Wir zogen durch die ganze Stadt. Das Gouvernement lag am andern Ende.

Wir betraten einen Vorraum im ersten Stock. Geschäftszimmer rechts und links. Das Personal umdrängte uns. Ein sehr niedliches Tippfräulein wurde vor ihm hergeschoben. Sie blieb zwei Schritte vor uns stehen. Mit ihren roten Lippen saugte sie am rechten Handrücken. Ihre braunen Augen sahen uns unverwandt an. Wir sagten nichts. Sie wurde noch einen Schritt näher geschoben. Das hieß: sie sollte mit uns sprechen. Sie trug ein goldenes Uhrarmband und Ringe, dazu Schmuck, der augenscheinlich in keinem Verhältnis zu ihrem Diensteinkommen stand. Kleine Favoritin! dachte ich.

Ein höherer Beamter betrat den Vorraum. Mißbilligend sah er uns auf dem Tische sitzen. Wir sollten wenigstens unsere Kopfbedeckung abnehmen. Vorwurfsvoll wies er auf das in einer Ecke angebrachte Heiligenbild. Die Russen nämlich stehen vor Heiligenbildern unbedeckten Hauptes. Vielleicht stammte es aus der Fabrik eines jüdischen Fabrikanten? Wer kann es wissen? Geschäft ist Geschäft. Dann kommen die Christen und nehmen Mützen und Hüte ab. Wir taten dem Manne den Gefallen und nahmen den orthodoxen Glauben an. Fliegerkappe und Sturzhelm wurden abgeschnallt. Das Heiligenbild hatte seine Macht erwiesen. Blau, rot und golden steckte es im Rahmen. Der Heilige sah aus wie seine Kollegen: Elmsstrahlen standen über seinem Kopfe. Von der Schule wußte ich aber: das ist der Heiligenschein. Ich habe keinen.

Die kleine Favoritin war sehr elegant. Die Eleganz war Chic. Der Chic des Gelbsterns. Nummer 42. Die Spitzen ihrer Brüste bohrten sich in die Seide der Bluse. Unter ihrem blauen Rock, geschlitzt, zum Knöpfen, trug sie sicher nicht mehr als die breiten Spitzen der Hemdhose. Sie nahm für einen Augenblick die purpurnen Lippen von der Hand und fragte mit wohlklingender Stimme: »Sie sind Preußen?« – »Ja, kleine Maus!« sagte ich. »Wir sehen zum ersten Male preußische Offiziere,« sprach der volle Mund, dann drängte sich eine kleine, spitze, rote Zunge durch zwei Reihen weißer Puppenzähne und pickte an dem Rücken der rechten Hand. »Gefallen sie Ihnen?« fragte ich. Ihre Augen träumten. Da sagte sie plötzlich: »Die Österreicher sind viel tapferer als Sie! Die bekommen wir oft zu sehen. Die Preußen laufen fort, drum können wir sie nicht fangen.« – »Glänzend!« sagte ich, »ich wage nicht zu widersprechen. Wir laufen, was wir können, und die Russen immer vor uns her.« Wir lachten. Dann pustete ich ihr ein paar neugierige Locken aus der Stirn. Sie nahm's nicht übel. Wie sollte sie auch! War ich denn ein Frosch? Ich weiß doch, was sich schickt. Eine Glocke schrillte. Das Personal beschenkte uns noch rasch mit Zigaretten, ehe es auseinanderstob. –

Zwei Mädelchen tippten nebenan das Urteil ab. Eine diktierte, eine schrieb. Nach jedem Vergehen sahen sie uns teilnahmsvoll an. Auf diese Weise nahm das Diktat viel Zeit in Anspruch. –

Wir waren entlassen. Mit dem Zug um Fünf sollten wir heute noch nach Bjäla. Ein Landwehrmann vorn, einer rechts, einer links, wir in der Mitte, der Wachthabende hinten, dann kam der Wagen, so ging es zunächst zum Polizeibüro.

Ein Polizeigewaltiger lehnte an einem Tische. Unser bester Freund hatte sich eingefunden und übernahm die Vorstellung. Daraufhin wurden uns Stühle angeboten. Die Aufnahme unseres Signalements dauerte lange. Inzwischen schlug es Fünf. Mit Bjäla war es also heute nichts.


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