Viktor von Knobelsdorff
Unter Zuchthäuslern und Kavalieren
Viktor von Knobelsdorff

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Das Grab der Zuchthäusler

Der Empfang. – Zwei lettische Revolutionäre. – Obisk. – Das Bad. – Spaziergang. – Die Zuchthausküche. – Wipiska. – Njätu! – Gottesdienst. – Zwangsarbeit. – In der Nr. 34. – Der Besuch der Prinzessin Croy. – Quousque tandem?

Wir mußten uns völlig entkleiden. »Maul auf!« – »Zunge hoch!« – »Kehrt! Rumpf vorwärts beugt!« Nichts blieb undurchsucht. Dann erhielten wir neue Sachen. Die schließbaren Handfesseln wurden mir abgenommen, und meine Gelenke in solides Eisen geschmiedet. Rauf in den zweiten Stock, rein in die Zelle! Von Fresken keine Rede; die kahle, weißgetünchte Wand starrte mich an.

Sonntag mittag werde ich in der Nr. 10 einquartiert. Die Strafzelle liegt im Halbdunkel. Zwei Reihen starker Eisenstäbe halten vor dem kleinen Fenster Wache. Die Tür sichern besondere Riegel. Das alles sind Maßnahmen, die zu meiner Besserung getroffen sind. Aus gleichem Grunde wird weder Tee noch Zucker für mich für erforderlich gehalten. Nach Ablauf von drei Wochen werde ich nach Nr. 3 versetzt. Ein Terrorist, der Bomben warf, wird mein Gefährte. Er ist gleich mir gefesselt, aber nicht gebändigt; ein wildes Tier, das knirschend seine Ketten trägt. Beim Baden lerne ich den Fürsten Surowsky kennen. Ob er mit mir die Zelle teilen dürfte? »Später!« lautet die Antwort: d. h. auf deutsch: »nein!«

Der 29. August brachte mich nach der Nr. 29. Zwei Männer, ein großer und ein kleiner, mit langen grauen Vollbärten, empfingen mich. Das waren zwei lettische Revolutionäre: Sabak und Malta. »Ich sagte erst kürzlich zu Sabak,« begrüßte mich Malta, »es müßte doch sehr interessant sein, mit Ihnen sich zu unterhalten, und schon sind Sie da!« – »Ja, das sagte er,« bestätigte Sabak. Beide sprachen Deutsch, Malta fließend. Ich wurde köstlich bewirtet. Die Nachmittags-Uborka hatte soeben das warme Wasser gebracht, und von der letzten WipiskaAusschreibung; hier Bestellung und Lieferung des erlaubten Verpflegungszuschusses. her stammten noch Weißbrot und Zucker. Im zehnten Jahre saßen die zwei im Zuchthaus, unermüdliche Arbeiter, unerschütterliche Optimisten. Die letzte Revolution hatte sie hierher geführt.

Sabak war seines Zeichens Schuster. Mitglied der lettischen Partei, war er auch aller Vergehen, die in seinem Wohnbezirke von den Aufständischen begangen worden waren, angeklagt, aber keines überführt worden. Was sollte das Kriegsgericht mit ihm machen? Es steckte ihn auf Lebenszeit ins Zuchthaus. Vielleicht gab ihn später ein Manifest wieder frei.

Malta war Bauer, Volksschullehrer und obendrein Phantast. Als Abkömmling von Sklaven und Knechten empfand er den Haß des Paria gegen den Herrn im gleichen Maße wie seine Genossen, und da er intelligenter als die Mehrzahl von ihnen war, verstand er es auch, den Neid zu schüren. Er arbeitete nach dem alten Rezept: »Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit!« Und wie das nun so geht: die Leute halten von der Wahrheit nichts. Der Irrtum aber führte sie zu Plünderung und Blutvergießen. Dafür mußte er büßen.

Sabak war Junggeselle. Malta hatte Frau und Kinder; beide standen an der Schwelle der sechzig. Dem Zusammenleben mit ihnen danke ich vieles Wissen und Verstehen. –

»Achtung!« rief der Aufseher vom Korridordienst, schloß auf, und der Otdjälonnüj trat mit zwei weiteren Aufsehern zum Obisk ein. »Anzug aus!« Dies war für Malta und Sabak leichter als für mich. Die acht Jahre Hand- und Fußfesseln lagen bereits hinter ihnen, und jetzt sind sie in der auch von mir erstrebten untersten Stufe der ›Gebesserten‹. Die Kleider werden durchsucht, und was nicht niet- und nagelfest ist, wird vom Platz gerückt. Unsere Aufgabe bleibt es, alles wieder in Ordnung zu bringen und Kupferkanne, Becher und Teller erneuten Glanz zu verleihen. Von außen hat alles zu leuchten. Nach der innerlichen Sauberkeit fragt niemand. Das Geschirr wird zu Rußlands Symbol: der äußere Glanz verdeckt die innere Fäulnis. Es hat sich seit Potemkin nichts geändert: der Schein regiert. –

Ich werde mich jetzt wohl wieder anziehen müssen.

Man unterhält sich nicht mit Damen, die das hier lesen, wenn man in Unterhosen steht! Auch sonst scheint mir die Gewandung nicht ganz angemessen. Also vervollständige ich sie im Augenblick. Gleich bin ich fertig. Die schwarzen Manchesterhosen knöpfe ich rasch von innen zu; die Fußfesseln gestatten keinen andern Schnitt. Jetzt schnell die Bluse an! Ich schließe sie mit Bündchen rechts und links und an den Ärmeln; auch dies verlangen die Ketten. Die Fußlappen ziehe ich ein wenig glatt, und angezogen bin ich. –

Diese sorgfältige Toilette hätte ich mir ruhig sparen sollen, denn draußen ruft der Nasiratel »Banja!« Baden! Ich nehme das Handtuch, steige rasselnd die schmale, eiserne Treppe nach dem untersten Korridor hinunter und trete in Reih und Glied. »Zu einem – Marsch!« befiehlt der Starschi, und wir passieren den bewachten und bewehrten Ausgang. Gleichzeitig werden wir zum zweitenmal gezählt. Zwei Revolver halten uns im Schach; ein Schießgewehr verfolgt uns vom Wachtturm, und weiteren Mordwerkzeugen aller Art können wir auf unserem kurzen Wege nicht entgehen.

»An die Kübel!« Ich stürze den kleinen, runden Holzbottich über mich: Tod den Läusen! »Auf ins Dampfbad!« Danke. Es gibt Nasen, die gegen den dort herrschenden Duft unempfindlich sind; meine nicht. Ich tröste mich mit dem Bewußtsein, daß auch die Entsagung Charaktere erzieht.

Indessen nicht in der Förderung der Reinlichkeit liegt der Wert des Bades, nein, in der Möglichkeit, das Neueste zu erfahren. Wehe dem, der als Spitzel entlarvt wird! Er ist geächtet. Er muß allein wohnen, spazierengehen und baden. Sein Leben ist verwirkt. Wer ihn zu fassen kriegt, erwürgt ihn oder schlägt ihn tot.

»Konschatj!« befiehlt der Bademeister. Wir empfangen frische, d. h. durchaus nicht: saubere Wäsche und stehen nach zwanzig Minuten wieder in der Zelle. –

Zunächst mal werden Hemd und Unterhose nach Läusen abgesucht. Die Jagd ist mühsam, aber stets ertragreich. Wir werden gestört. »Gulatj!« Spazieren! wird befohlen. Dreißig Minuten dauert das Vergnügen. Mit sechsundneunzig Schritten bist du um das Dreieck 'rum. Stumm folgt einer dem andern; hinter dem Brandstifter der Räuber und hinter diesem der Schreckensmann. Heute marschiert ein ›Politischer‹ vor mir, und morgen schreite ich dem Lustmörder voran. Mit einem Wort: ich bewege mich inmitten meiner Kameraden.

Ja, wie kommen denn Mörder ins Zuchthaus? Gilt nicht auch hier: was dem einen recht ist, ist dem andern billig? Nein, beileibe nicht! Das Reich des weißen Zaren kennt keine Todesstrafe. Die haben nur Barbarenländer wie z. B. Deutschland, das schamlos genug ist, jährlich etwa fünfzehn Mörder köpfen zu lassen. In dem Kulturstaate Rußland dagegen werden durchschnittlich nur etwas über hundert Menschen im Jahre gehangen, da aus irgendeinem Grunde ständig über ein oder auch mehrere Gouvernements der Belagerungszustand verhängt ist, der für einzelne Vergehen eine Strafverschärfung mit sich bringt. Du hast als blutbefleckter, zwanzigfacher Mörder nur Katorga zu fürchten; doch will es dein Mißgeschick, so genügt es, den Widersacher im Zorn zu erschlagen und du baumelst am Galgen. –

›Die Flucht in die Öffentlichkeit‹ hat mich für kurze Zeit die Zellenluft vergessen lassen. Die sehr einfachen Sitten meiner Kameraden sowie die ständige Anwesenheit jenes Möbels, das der Russe Paraschka, der Engländer W. C. nennt, gestatten mir nicht, sie als Wohlgeruch zu bezeichnen. Da ferner das dem C. zugehörige W. fehlt, und die Benutzung von Papier verboten ist, so sind alle die Erwägungen zutreffend, die mir ein Atmen in reinem Ozon nicht zubilligen; zumal wenn sie den Umstand zu berücksichtigen wissen, daß ich mit Ausnahme des seltenen Kirchgangs, des wöchentlichen Bades und des kurzen Spaziergangs ständig an die Zelle gefesselt bin.

Auch das hier verabreichte Essen trägt nicht dazu bei, der Nase mit lieblichen Düften zu schmeicheln. Die einzige Abwechslung in der Speisenfolge besteht lediglich in der Beigabe einer größeren oder geringeren Menge besonders nahrhafter Steinchen. Sie knirschen zwischen den Zähnen wie ein Bauernwagen im märkischen Sand. Aber das mag noch hingehen.

Viel schlimmer ist es, daß ich die Küche bei unlauterem Wettbewerb ertappt habe! In unlauterem Wettbewerb mit einem Rieselfeld. Daß es nicht riecht wie ein parfümiertes Bad, das ist sein gutes Recht. Ihm hierin Konkurrenz zu machen, das ist doch Unrecht von der Zuchthausküche, nicht wahr? Und wie macht sie das? Sie schmeißt in die Suppe aus fauligem Unkraut SnjätkiFische, eine Art Stichlinge (glaube ich): sie stanken etwa so, wie ich mir das von der Pest vorstelle. hinein!

Die ist dann an den beiden Fastentagen, dem Mittwoch und dem Freitag, von stinkender Jauche nicht zu unterscheiden. Damit bin ich um das Menü herum. An dir nun aber ist's, zu zeigen, ob dich der Ekel oder du ihn würgst. –

Im Zuchthaus fasten! Zweihundert Tage im Jahr – es können einige mehr, vielleicht auch einige weniger sein – hungern, die übrige Zeit nur hungrig sein, das halten auch die kräftigsten Katorschanje nicht aus. Zum Hunger gesellen sich Krankheiten, und um die Menschen zu zermürben, tritt noch mancherlei hinzu, von dem ich schweigen will. ...

Wie behauptet wird, konnte Jaroslawl lange Zeit hindurch mit einem jährlichen Abgang von 50-60% an Todesfällen rechnen. Es trug daher nicht zu Unrecht – wie mir scheint – den Ehrentitel: Grab der Zuchthäusler.

Wer von seinen Angehörigen nicht unterstützt wird, wer die Qual, mit gefesselten Händen zu arbeiten, nicht auf sich nimmt, wer somit die Mittel nicht besitzt, seine Nahrung zu verbessern, der geht rettungslos zugrunde.

Deshalb ist es gestattet, in gewissen Grenzen Lebensmittel sich zu kaufen.

Allmonatlich einmal findet die ›Wipiska‹ statt. Ein Katorschanin wandert mit Bestellbuch, Rechenmaschine, Tinte und Feder von Zelle zu Zelle und notiert die Aufträge. Laut Vorschrift dürfen sie zehn Kopeken für den Tag nicht übersteigen, und 1,20 Rubel im Monat ist die Höchstgrenze für Tabak, Schreibpapier und den Brief. Wie gesagt, das steht in der Vorschrift. Ein Monat nun, ist drei oder auch sieben Wochen lang, mitunter auch noch länger. Das allerdings steht nicht in der Vorschrift, das lehrt die Erfahrung. Am Ausgabetag ziehen wir mit unseren Schätzen reich beladen, freudig erregt, der heimischen Zelle zu und sind für die nächsten Wochen dem Zuchthausessen nicht ganz wehrlos preisgegeben.

Ich habe auch eine Postkarte erstanden. Sie soll ins neutrale Ausland gehen. Der direkte Weg in die Heimat scheint verschlossen, sonst hätte sie sich wohl längst gerührt. Ein Jahr ist dahingegangen, und ich habe von Hause nichts gehört. Ich wußte es damals noch nicht: Schwachheit, dein Name heißt Deutsche Regierung! Siebenundsechzig Tage habe ich gebraucht, um auf dem Instanzenwege zu meiner Karte zu gelangen. Immer hieß es: budet! posdno! patom! szejtschasz! Nicht aus bösem Willen etwa – wer wird denn auch immer gleich das Schlechteste denken – nein, das ist Geschäftsgewohnheit; denn der Starschi, der höchste Vorgesetzte im täglichen Einerlei, ist sozusagen mein Freund.

Auch neue Schuhe hat er mir zugesichert. Meine hatten keine Sohlen mehr.

Innerhalb dreier Wochen war es meinen rastlosen Bemühungen zunächst gelungen, die drei Nasiratel unseres Korridors, den Otdjälonnüj und den Starschi für die Neubeschaffung zu gewinnen. Inzwischen hatte ich mir aus einem Lappen und Tütenpapier eine Notsohle hergestellt und so konnte ich auf dieser Grundlage die Ankunft der neuen in Ruhe erwarten. »Njätu!« Haben noch keine! wurde ich inzwischen vertröstet. Endlich kamen welche. Sie waren so breit, daß ich mit beiden Füßen in einem Platz hatte, und so kurz, daß ich die Wahl hatte, entweder auf den Zehenspitzen oder auf den Hacken zu laufen. Größere? Njätu! Nach drei Wochen fand sich schließlich ein Paar, zwei linke, die zwar auch noch zu kurz, aber immerhin besser als meine sohlenlosen waren. Ich behielt sie einstweilen. Endlich, fünfzig Tage nach dem ersten Anfordern, habe ich passende Schuhe erhalten. Sie gehören verschiedenen Paaren an, das versteht sich! 365 Katorschanje sind in unserem Korpus III, rund 1200 insgesamt im hiesigen Zuchthaus untergebracht, aber es ist unmöglich, ein Paar ordentliche Schuhe zu bekommen. Njätu! Haben keine! –

Die neuen Schuhe an den Füßen, wanderte ich zum Gottesdienst. Für uns römische Katholiken fand er in einem der Sträflingssäle statt. Ein Tisch wurde zum Altar hergerichtet, und die Messe begann. Der Kirchendiener trug über seinem Anzug einen kurzen, weißen Chorrock vom Schnitt eines Damenhemdes; in dieser Verkleidung amtierte er. In Deutschland hätte der Staatsanwalt eine Profanation des Gottesdienstes darin erblickt. Hier fiel es niemandem auf. Der Messe folgte die Predigt.

Wer kann eine Predigt wiedergeben, die er nicht versteht; eine Predigt, die die Zuhörer von ihren Plätzen reißt, die den Atem keuchend gehen läßt, die bleichen Wangen purpurn färbt, Tränen in die Augen preßt, die Hand zur Faust ballt und dem Andächtigen einen Fluch auf die Lippen treibt! Eine Predigt, in der die Erregung sich zu Wellen türmt, gegen unsichtbare Felsen brandet, prasselnd zusammenstürzt, zurückebbt, lawinenartig von neuem anschwillt und donnernd alles in sich zu begraben droht; schließlich wie durch magische Gewalt plötzlich in ihrem Lauf gehemmt wird und sich in einen stillen See verwandelt, auf dessen glattem Spiegel der Hauch einer letzten, fernen Welle sich am Ufer bricht. –

Die Arbeit nimmt mich wieder gefangen. Wie Tüten geklebt werden, das brauche ich wohl nicht zu erzählen. Aber welche Schätze damit zu erwerben sind, das will ich verraten: vielleicht gelüstet es diesen oder jenen, seinen kümmerlichen Broterwerb aufzugeben und umzusatteln.

Ich setze als bekannt voraus, daß jedermann weiß, daß es große und kleine Tüten gibt, solche aus dickem und dünnem Papier, endlich einfache und gefaltete. Ich warne vor denen aus dünnem Papier und im besonderen vor den gefalteten und dünnen. Denn ihre Herstellung kostet Zeit, und Zeit ist auch beim Tütenkleben Geld.

Unsere Tagesleistung betrug durchschnittlich drei Pud, von den einfachen, dicken und großen, selbstverständlich.

Der Arbeitslohn ist so verschieden wie die Tüten. Außerdem schwankt er.

Woraus erhellt, daß die Nationalökonomie in Rußland auch schon erfunden ist, obwohl gewichtige Gründe dagegen sprechen. Für das Pud werden drei bis sechs Kopeken im Durchschnitt bezahlt. Nun hat das Pud zwar bloß vierzig russische Pfund (zu 409 Gramm), trotzdem kannst du, bereits bei einer Mindestarbeitszeit von nur zwölf Stunden täglich, vielleicht zwei Rubel im Monat verdienen. Von diesen zwei Rubeln erhältst du einen ausgezahlt. Das ist nicht ganz wörtlich zu verstehen. Es will nur soviel sagen, daß du die Hälfte des erworbenen Geldes bei einer Wipiska verbrauchen darfst. Die andere wird aufgehoben. Sie wandert mit dem Katorschanin, wenn seine Strafe erst verbüßt ist, nach Sibirien. Dort aber bleibt er, und so ist es begreiflich, daß bei diesem ständigen Zufluß an Kapital Sibirien das Mutterland in vielem schon überholt hat.

Gesetzlich bin ich zur Arbeit gezwungen. Streik wird mit Arrest und Prügel geahndet. Laut Vorschrift soll es nur bis hundert Hiebe geben, laut Vorschrift! Sei es nun, daß sie gerade nicht zur Hand ist, sei es, daß der, der zählen soll, nicht zählen kann, es werden eben mehr, wie mir Empfänger berichtet haben. Im Krankenhaus wird dann wieder das Fleisch zusammengeflickt, falls es ganz auseinandergeplatzt sein sollte; für gewöhnlich aber verläßt man sich auf die Heilkraft der Arrestzelle, die den Prügeln als lindernde Medizin beizugeben nicht verabsäumt wird.

In Rußland hat das Gesetz mit dem Leben im allgemeinen nichts zu tun. Daß trotzdem Leute bestraft und eingesperrt werden, ist sozusagen auch nur ein Zeichen der herrschenden Armut. Es wird daher nicht wundernehmen, daß auch das Leben im Zuchthaus mit dem Gesetz nicht ganz in Einklang steht.

Die strengsten Strafen bestehen hier wie draußen; Strafen, die wohl verhängt, aber nicht immer vollzogen werden. Dafür ist jeder Beamte Gesetz. Was der eine erlaubt, verbietet der andere. Ist das Gesetz mild, so ist der Beamte eine Bestie; ist das Gesetz unmenschlich, du kannst sicher sein, der Beamte, der es vollstrecken soll, hilft dir, es zu umgehen. Das aber ist keineswegs eine Regel ohne Ausnahme, denn die Regel ist Willkür, und die Ausnahme ist es auch. Auf diesem sumpfigen Boden ruht der russische Reichsmorast. Nirgends ist Sicherheit, alles ist ungewiß. – Am 25. Juni 1916 hielt ich meinen Einzug in die Nr. 34. Fast zehn Monate war es möglich, daß wir zu dritt in der 29 hausten. Mit einemmal geht's nicht mehr. Weil es also nicht angängig ist, daß drei zusammenwohnen, mußte einer von uns weg, und der war ich. Der Starschi bringt mich bei einem kleinen Polen, mit dem gewiß nicht slavischen Namen Bochmann, unter. Er spricht kein deutsches Wort. Russisch ist unsere Verkehrssprache. So alt wie ich, und nach seinen Angaben politischer Verbrecher, gleich mir zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, ißt er neun Jahre schon russisches Zuchthausessen. Wer ahnt in Deutschland, was das heißt! Er lebt in der Gedankenwelt des Proletariers; nichts ist für ihn gut genug; höchste Ansprüche, kleinste Leistungen; Rechte, aber keine Pflichten; ungewiß ist das Morgen, du mußt der Stunde leben. Trotzdem vertrugen wir uns. –

Am 14. September, dem russischen 1., soll es der Vorschrift gemäß die Wintersachen geben. Nicht wahr, wir sind uns darin einig, daß von Wintersachen an diesem Tage nicht die Rede war. Immerhin erhielten wir sie bereits am nächsten Badetage. Ich gab das Drillichzeug, das ich ohne Unterbrechung vier Monate lang getragen hatte, ab und erhielt eine neue schwarze Bluse, sowie alte, aber ungeflickte Hosen.

Ich war gerade damit beschäftigt, die Hose mit aller Sorgfalt von zahllosen Läuse-Eiern zu befreien, da ging die Klappe in der Zellentür auf, und ein Gesicht sah herein. Das war der Starschi. Ich fragte ihn sofort, wann denn Wipiska sein werde; wir hätten zwar erst den 19., aber nunmehr solle ja zweimal monatlich Wipiska sein, wie dies doch der Natschalnik bereits Anfang August befohlen habe. Der Starschi wußte es nicht, denn im Kontor war das Problem noch immer ungelöst, wieviel Tage ein halber Monat hat. Bochmann wollte eine andere Matratze von ihm haben. Der Oberfeldwebel warf einen Blick auch auf meine, dann befahl er, für uns beide nicht nur neue Matratzen, sondern auch neue Decken zu bringen. Bis jetzt waren diese Wünsche stets an dem gescheitert: Njätu! Binnen zwei Minuten waren wir neu ausstaffiert. Nanu? Was war denn los? Es hieß, der Gefängnisinspektor käme. Nicht wahr, der Potemkin hat ein zähes Leben?

Das Mittagessen nahm seinen regelmäßigen Verlauf: ich warf es umgehend in die Paraschka und freute mich ob des mißglückten Anschlags auf meinen Magen. Das üppige Mahl war vorbei. Wir putzten das Kupfer. Der Aufseher vom Dienst kam. Ich solle meine Mütze nehmen! D. h.: es geht nach dem Geschäftszimmer. Aha, da hat dir wohl MülmannWilhelm v. Mülmann, vordem Major u. Bataillonskommandeur im Infanterie-Regiment Großherzog Friedrich Franz II. v. Mecklenburg-Schwerin (4. Brandenburgisches) Nr. 24. wieder Geld geschickt, dachte ich. Mein lieber alter Kommandeur sorgte nämlich aus der Ferne für mich wie ein Vater. Aber es ging nicht ins Kontor. Der Natschalnik selbst öffnete die Tür seines Dienstzimmers und ließ mich herein. Russische Uniformen füllten den Raum. Am Fenster erblickte ich einen Herrn in Zivil und neben ihm stand eine Dame in grauem, eleganten Kleid. Ich war durchaus nicht im Bilde, was das Ganze vorzustellen habe.

Die Dame sprach mich an und sagte, sie wäre vom österreichischen Roten Kreuz und in Vertretung deutscher Schwestern hier; sie habe Auftrag, mir aus der Heimat Grüße zu bestellen und auch den Dank des Vaterlandes auszusprechen. Ich verbeugte mich.

Zur Bekräftigung ihrer Worte reichte mir die Prinzessin Croy zwei Schreiben. Ein Abteilungschef aus dem Kriegs-Ministerium spendete mit Schreibmaschine allen Gefangenen Dank. Das gleiche tat der Kammerherr v. Spitzemberg vom Kabinette Ihrer Majestät. Ich reichte die Schreiben zurück. Das hatte ich nicht verdient.

»Was weiß man denn von mir in Deutschland?« fragte ich die Prinzessin Croy. »Es geht das Gerücht, daß Ihnen ein galizischer Priester Proklamationen gegeben hat,« antwortete sie. »Was?« fragte ich. Ich sah sie an. Nein, sie wollte mich wirklich nicht verhöhnen. Ich berichtete meine Erlebnisse.

Was ich zu essen bekäme? »Zu essen?« fragte ich unwillkürlich voller Erstaunen, dann fiel mir ein, daß, was im Eimer lag, mein Essen war. Ob ich auch Fleisch bekäme? »Ein Stück, so groß wie Ihre Brosche.« – »Dreimal wöchentlich!« behauptete der Gefängnis-Inspektor. Aus Eins mach' Drei! Die Fastentage hatte er vergessen.

Ob ich mir nicht Bücher kaufen dürfte, fragte ich. »Ja,« sagte der Inspektor, »aber keine Belletristik.« Scherzfrage: werde ich je ein Buch erhalten?

Das habe ich ja ganz vergessen zu erzählen: also ich werde gefragt, was es zu essen gibt, und da übersetzt ein General der Prinzessin aus der Vorschrift, was es geben soll! Bitte: ich werde gefragt, und ein anderer, ein Offizier, ein Mann, der keine Ahnung hat, wie es in einem russischen Zuchthause zugeht, liest aus einem Buche vor, was ich bekommen soll! »Du chou«, übersetzt er. »Kohl. Kraut?« frage ich. Ich kenne doch die russischen Leckereien. In Stryj und in Cholm habe ich alle Tage Krautsuppe gegessen. Nun soll das hier mit einemmal Krautsuppe sein!

Den abgeblühten Löwenzahn und das übrige verfaulte Gemüse Kraut zu nennen, das war ein starkes Stück! Aber vielleicht bekamen die Herren auch einmal ›du chou‹zu essen!

Bei den wiederholten Versuchen, meine Lage zu bessern, erntete die Prinzessin Croy von den Russen nur Körbe. Stets hieß es: die Vorschriften erlauben es nicht. Meine Zeit war um. Ich half der Prinzessin in den Pelz. »Das werde ich nie vergessen!« dankte sie.

Den ganzen Herbst und Winter hindurch wartete ich auf irgend eine günstige Folge des Roten-Kreuz- Besuches. Sie blieb aus. Große Dinge aber warfen ihre Schatten voraus.

Zum zweiten Male in der Weltgeschichte hatte im vorigen Jahre der Winter das weite, russische Reich gerettet und hatte uns nicht erlaubt, die unglückliche Lage Rußlands auszunutzen. Aus allen Winkeln des berstenden Riesenbaues kamen nun geschäftige Leute herausgekrochen, die mit allen ihren Kräften ein gänzliches Zusammenstürzen des wankenden Gebäudes verhindern wollten. Vereine und Verbände bildeten sich, um die Armee mit den notwendigen Kriegsbedürfnissen, das Volk mit dem zum Leben Unerläßlichen zu versorgen. Gleichzeitig wurden alle Maßnahmen getroffen, um der geschwächten Front neue Kräfte zuzuführen. Zum ersten Male wieder seit langen Jahren arbeiteten Regierung und Volk in derselben Willensrichtung, und was beim Anbruch des Winters zur Revolution zu führen schien, das wurde in den Dienst des Vaterlandes gestellt und so die innere Krise überwunden. Der Lohn für die getane Arbeit blieb nicht aus. Es gelang im Sommer, das Ansehen der eigenen Waffen wieder herzustellen, dem Feinde empfindlichsten Abbruch zu tun und damit dem Bundesgenossen im Augenblicke höchster Not rettend beizustehen.

Es gelang aber nicht, den Volkskörper von dem eiternden Geschwür der Beamtenschaft zu befreien, an die Stelle der alles korrumpierenden Bestechlichkeit die Ehrlichkeit zu setzen, und dem russischen Volke die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit dieses Krieges zum Bewußtsein zu bringen.

Wer führt denn den Krieg? Die russische Regierung führt ihn, der von der »Nowoje Wremja« beherrschte panslavistische Klüngel, den die britische Politik geschickt für ihre Zwecke auszunutzen weiß, nicht aber die Nation, das heilige Rußland, das von einer Idee getragene Volk. Die Furcht vor der Rache der Regierung treibt Rußlands Söhne in den Kampf, und zum Schrecken gesellt sich ein mit allen Mitteln künstlich geschürter Haß gegen alles Deutsche. In Petrograd wagt kein Russe mehr, einen Balten zu grüßen, aus Furcht, nach Sibirien verbannt zu werden, und keine Gemeinheit wird verschmäht, keine Dummheit ist zu albern, um sie nicht in den Dienst dieses fanatischen Hasses zu stellen. Jede Ungesetzlichkeit, soweit sie sich gegen Deutsche richtet, wird gut geheißen. Unzählig sind die Opfer einer bestellten Justiz.

Denn nicht umsonst ist Rußland mit Frankreich verbündet! Von ihm hat es hassen gelernt, an die Stelle des Verstandes den Gefühlsrausch zu setzen. Haß ist das treibende Moment in der französischen Politik, und Haß gegen das Deutschtum treibt die Vertreter des Panslavismus in diese Orgie von Wahnsinn und Verbrechen hinein, die augenblicklich im Gewande der Vaterlandsliebe in Rußland gefeiert wird. Sie wird nicht ohne Folgen bleiben!

Milliarde auf Milliarde wird zur Staatsschuld getürmt, ohne daß der Regierung das Gewissen erwacht. Millionen und Abermillionen deutschen Besitzes werden blind in den Rachen einer nimmersatten Menge geworfen, und damit wird der schrankenlosen Habgier willfährig Tür und Tor geöffnet. Beutelüstern blickt die Kanaille bereits um sich, bereit, bei erstbester Gelegenheit sich auf ihre Opfer zu stürzen. Schon mehren sich die Gerüchte von Aufstandsversuchen in allen großen Städten. Die Nachricht von massenhaften Gehorsamsverweigerungen des Militärs findet im ganzen Reiche Glauben. Streik der Polizei: das Unerhörte wird Ereignis. Dementis auf Dementis erscheinen im Regierungsanzeiger und werfen grelle Lichter auf die Lage. Vergeblich erheben die Besonnenen im Volke ihre Stimme und warnen vor einer Fortsetzung des Krieges, die Rußland tiefer und immer tiefer in Not und Elend und damit ins Verderben stürzen muß. Allgemein im Volke ist das Verlangen nach Frieden, baldigem Frieden, um nicht in den Strudel des Bürgerkrieges hineingerissen zu werden. Aber noch immer herrscht die allmächtige Nowoje Wremja, noch hat die Regierung das Heft in Händen; doch von Tag zu Tag schwillt die Zahl derer an, die erkennt, daß Rußland in diesem Kriege das willenlose Werkzeug Englands ist, daß »faire triompher le droit et la justice« die Selbstvernichtung des Russen-Reiches bedeutet: den Verfall seines Ansehens und die völlige Zerrüttung im Innern.

Der Tag, der die Unzufriedenen erkennen läßt, daß sie nicht schwächer als die Regierung sind, der Tag – bringt die Revolution!

Dann aber wird Rußland ernten, was es im Kriege gesät. Nicht umsonst hat die fanatische Verschleuderung deutschen Besitzes die Gier gereizt. Verlangend sehen alle, die leer ausgegangen sind, nach dem Kronseigentum und beanspruchen gleichfalls ihren Beuteanteil – die Umwälzung alles Bestehenden.


(Bis hierher reichen die fortlaufenden Aufzeichnungen des Tagebuchs. Das Folgende ist 1919/20 in der Heimat geschrieben. Es stützt sich auf gelegentliche Notizen.)


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