Egon Erwin Kisch
Aus Prager Gassen und Nächten
Egon Erwin Kisch

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Arrestgebäude

Die Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden, von denen jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine der vier Aufschriften trägt: »Westkaserne«, »Südkaserne«, »Stabsgebäude« und »Nordkaserne«.

Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf die Frage, welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat:

»Nord, Süd, West und Stab.«

Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß gab, füllt nicht die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An der Ecke der Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein entzückendes, quadratisches Häuschen: »Arrestgebäude« ist oberhalb des Tores zu lesen.

Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum Eingang hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen Aufschlägen, Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht da, um das Nahen des inspizierenden Offiziers schnell dem Gefreiten melden zu können, der Wachkommandant ist.

In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer gehütet. Lang, lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles geändert und es ist nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann hat dieses Feuilleton nur den Charakter einer Reminiszenz, erzählt nur Gewesenes.

An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei. Ich habe in einem meiner Bücher und in vielen Geschichten heiteres von meinen beim Militär verübten Streichen erzählt. Aber die Strafen habe ich immer nur mit kurzen Worten gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei gewesen. Meine »Festungstid« war die böseste Zeit meines Lebens.

Am Anfang kam ich nur zu »verschärftem Arrest« in das vergitterte Haus. Das heißt: Ich »durfte« auf dem Sandberg mit den anderen Kameraden exerzieren, »durfte« an dem Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens, des Militärgeschäftsstils, des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn um fünf 167 Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, dann mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren Strafe, zum »strengen Arrest« in das Nordost-Häuschen. Da machte ich die Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb von früh bis abends und von abends bis früh im dunklen Loch.

In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, denn die wäre schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem Putzer dessen ärgste Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum Exerzieren oder zum »Ritt«, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht angezogen hätte: Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die – wie verlautete – auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet werden konnte.

In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem Bereiche der Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern hatte.

Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt machen und auf den Stabsführer warten, der die Profoßendienste im Regiment versieht. Der wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir abgenommen, ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm abgeschnitten werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. Derjenige, der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese Vorkehrungen leicht auf solche Gedanken kommen.

Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet und die zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor.

Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. Vier kahle Mauern und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die offenen Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht zwölffach, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht. 168 Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht, denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, noch Papier wäre mir gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten. Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh, vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu denken. Kalt ist es auch.

So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man keiner Utensilien bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf meine Tür. Der Posten, der draußen mit aufgepflanztem Bajonett auf und ab geht, kommt herbei und fragt mich nach meinem Begehr. »Ich will trinken,« erkläre ich.

»Warte einen Augenblick,« gibt mir der Infanterist zur Antwort.

Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum Wachkommandanten hinunterführt.

Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der Gefreite-Wachkommandant kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache.

»Was wollen Sie?« fragt er mich durch die verschlossene Türe.

»Ich will trinken,« melde ich nochmals.

»Treten Sie zurück,« befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe.

Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen dreier Gewehre sind auf mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant und sein Begleiter, sowie der Korridorposten haben die linke Patronentasche offen, in der die scharfen Wachpatronen stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem Obst verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. Darunter steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während ich trinke, lassen mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge.

Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, wenn es neun Uhr abends ist und der Hornist vor dem Kasernentore die trüben Klänge der Retraite bläst: dann bringt 169 er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich einhülle und vergeblich zu schlafen versuche.

Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. Der Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut sich forschend um und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann geht auch er.

Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende das Arrestgebäude verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Unten brennt wenigstens ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer Kohle in Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben sich – wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist – hier ein Stelldichein gegeben und spielen Karten.

Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, der zwar beim 73. Infanterieregiment in Karolinental diente, aber in den Arrest der Albrechtskaserne gebracht worden war, weil der sicherer ist. Nach Ablauf meiner Dienstzeit habe ich ihn noch zweimal getroffen: Einmal im Sicherheitsbureau der Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte bei der Verhandlung, in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit dem ich mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist mir zweimal »im Zivil« begegnet. Einmal traf ich ihn in der Strafanstalt Pankratz, ein zweites Mal vor drei Jahren bei den Bummelkrawallen auf dem Graben, wo er mich herzlich begrüßte. Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt und der Beruf als »empörte Volksmenge« nährt nicht mehr seinen Mann. Und vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse Zajiček wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und beschaulichen Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem seinerzeitigen Sejour im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes mehr ist. 170



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