Egon Erwin Kisch
Die Abenteuer in Prag
Egon Erwin Kisch

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II.
Verlauf einer Jugend

Oh, über den Niedergang des Bärengeschlechtes! Heute gehört es zu jenen überflüssigen Füllseln der zoologischen Gärten, welche unseren Fleischbestand vermindern, und – der Wohltat fleischloser Tage verständnislos gegenüberstehend – ihre Pranken nach den Kindern vor dem Gitter ausstrecken.

Und einst? Kriegsberichterstatter Tacitus meldet der »Germania«, daß der Bär von den Barbaren als König der Tiere angesehen und dem Gotte Tor geweiht war, und die Blätter der hellenischen Mythologie verzeichnen das Gerücht, daß er der Waldgöttin Artemis heilig sei. Nach der Depossedierung von Tor und Artemis hörte naturgemäß auch des Bären sakrosankte Stellung auf: Kaiser, Könige, Herzoge und Fürsten nahmen ihn, der in so vornehmen Häusern angestellt gewesen war, mit Vergnügen in ihre Dienste, umsomehr, als er von mächtiger Stärke war, was in den Zeiten des Nahkampfes Gefallen erregen mußte. Selbst für geweihte Herren galt der Beiname »der Bär« als hohe Ehre, und sie führten sein Bildnis im Wappen. Aber dann – Undank ist der Welten Lohn! – kamen die Söhne der Fürsten, reformsüchtig, voll Abneigung gegen die alten Domestiken. Sie fanden den braven Bären plump, täppisch und honigleckerisch, kündigten ihm die Stellung als adeliges Wappentier und Sinnbild, engagierten an seine Stelle Adler und Löwen.

Von Kavalieren abgelehnt, übernehmen den Bären die Städte. In Bärenzwingern hielten sie ihn sozusagen als lebendes Wappentier, und führten sein Konterfei im Schilde. Sogar die Reichs- und Residenzhauptstadt Berlin. Aber auch in dieser Stellung konnte sich der ehrliche Bursche zumeist nicht halten. Die Entlassungsgründe dürften in den verleumderischen Behauptungen der Schmähschrift »Reineke Voß« zu suchen sein, von der sich die Stadtgemeinden den Bären aufbinden ließen, daß sich Meister Petz von irgend 42 einem Fuchsen das Fell habe über die Ohren ziehen lassen. Oder vielleicht mochte die Bürgerschaft irgendwie fühlen, daß die zottige, ungelenke, willig am Gängelbande trottende und auch nicht allzu gebildete Tiergestalt ein wenig ihr eigenes Abbild sei.

Was tut man mit einem vakant gewordenen Angestellten der Stadtgemeinde? Die einzelnen Bürger verpflichten den Stellungslosen an ihre Häuser. Auch in Prag. Bewilligt war ihnen solcher adeliger Häuserschmuck schon von Wenzel IV.: »allmeniclich ire Helme und Schilte an den Hevsern in derselben Stat zu Prage vorwappen und malen môgen von allermeniclich ungehindert.« Und so ist der Bär, der einst an Artemis Seite durch die dichten Haine des Olympos lief und mit Donar in kymbrischen Wäldern jagte, dessen Namen Könige und Herzoge als Ehrentitel führten, dem mächtige Städte Ehrenplätze und Ehrenmahlzeiten gewährt hatten, heute dazu verurteilt, ein armseliges Dasein als Haustier auf der Haustür zu fristen, und altersgrauen Bürgerhäusern auf dem Bergstein, in der Grube, in der Michaels- und Eisengasse, im Thein- und im Ledergäßchen als Hüter zu dienen, als einzige Zier.

Ausläufer seiner aristokratischen Vergangenheit waren in Prag der Bärenhof des Wrbaschen Palais, dessen Gruppen im Lapidarium der Stadt Prag zur ewigen Ruhe beigesetzt wurden, und das jetzt hinter der Pförtnerwohnung des Kinskyparkes deponierte Slawata-Tor zum »Schönen Garten«, der rechts vom Smichower Palakybrückenkopfe im 17. Jahrhundert eine Zierde Prags war, dann zur Pribamschen Kattunfabrik und jetzt zu einem scheußlichen Komplex von Neubauten wurde. An die Zeit seines kommunalen Ansehens mag vielleicht noch der Steinbrunnen vor der Smichower Albrechtskaserne gemahnen: Hier recken sich drei Bären aufrecht im Rasenbeet, das sonst niemand betreten darf.

Das eine der Prager Bärenhäuser, es steht in der Kleinseitner Brückengasse, und ist mir noch aus der 43 großen Zeit im Gedächtnis, da der bucklige Rudolf Mrva, genannt »Rigoletto von Toscana« von Omladinisten unter dem Weihnachtsbaum erdolcht wurde, und, ich ein Knabe, abenteuerbegierig und wundererwartend in der Nähe der Mordstätte umherstrich. Und in den drei anderen Häusern, deren Wahrzeichen Bärendenkmale sind, habe ich viel Zeit meines Prager Lebens gelassen.

Das Bierlokal »Zu den zwei kleinen schwarzen Bärlein«, »U Medvidku« auf dem Bergstein wird mancher kennen. Ein altes Empiregitter im Torbogen und darüber zwei possierliche Bärenbabys aus Stein, die sich mit Blicken den Inhalt des Futternapfes in ihrer Mitte streitigmachen. An sechs Jahrhunderte steht dieses pensionierte Bräuhaus im alten Gewande hier, nur im Innern hat es allerhand sehr durchgreifende Veränderungen durchgemacht. In den letzten Jahrzehnten hat es einem Tingel-Tangel als Obdach gedient, einer ganz volkstümlichen Singspielhalle. In den großen Bogenfenstern klebten freigebige Photographien draller Chansonetten und Tänzerinnen, das Doppelbild der beiden dicken Brüder Hartmann, der Direktoren dieses Theaters, und ihrer korpulenten Frauen, eine Kostümaufnahme des urwüchsigen Hauskomikers und Darstellers Prager Typen, Hermann Zefi, die Volkssänger Ferda Kohout und Rak, selbst der alte Sodoma und sein Schwager Polda Schmid, der noch mit dem im Suff verkommenen jungtschechischen Abgeordneten, Dr. Unger, in der Schenke »Zum Bataillon« zusammengekommen war, und das Schicksal des gesunkenen Volkstribunen und das seiner Zechkumpane in einem Einakter formuliert und dargestellt hat. Von den Lieblingen der Stammgäste sind viele gestorben, darunter einer der beiden Hartmanns und der alte Schmid, die anderen Komiker haben dem Podium den Rücken gekehrt und sind aus der Oeffentlichkeit verschwunden, und nur den weiblichen Stars von einst kann man hie und da in der Nacht begegnen. 44

Wenn das Programm abgewickelt war, vereinigten sich im gewölbten Saale Publikum und Künstler um einen langen Tisch allabendlich zu einer intimen Kneipe. Den hochheiligen Kantus, mit dem der Kommers inzipiert wurde, kann ich noch heute auswendig, aber die ethymologische Deutung der Worte und ihre Uebersetzung würde mir unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten:

U Nedvidku, na Perštýně
tam je immer rajtajtaj
každý drží levanduli
a špurtuje candrnaj.

Natürlich waren bei diesen zwanglosen Unterhaltungen die Plätze neben den temperamentvollsten und jüngsten der Soubretten sehr gesucht, und oft genug hat es Verstimmungen und Tätlichkeiten wegen der Sitzordnung gegeben. Auch gab es manchesmal Eifersuchtskonflikte, wenn jemand mit einer der Damen in den »Dschungel« verschwand, ein kleines Nebenlokal, in dem man vollkommen ungestört sein konnte, wenn man sich die Protektion des Kellners erkauft hatte.

Aber nicht immer waren die Zurückgebliebenen eifersüchtig. Die edelste Haltung eines Bräutigams habe ich hier erlebt, als hier einmal Sonntag nachts nach Abwicklung des Programmes ein Polterabend gefeiert wurde: Karl L., der beliebte Sänger des Ensembles wird morgen vormittag seine langjährige Engagementskollegin Wlasta heiraten. Natürlich frozzelt man die Braut, die auf dem Schoß zweier Gäste sitzt und sich von ihnen den Hof machen läßt, und den Bräutigam, der den Rest seines Junggesellentums in schwarzem Bier ersäufen will. Mau uzt ihn hauptsächlich, indem man ihm Witze über die Naivität der Braut und über ihre voraussichtliche Treue zuruft. Schließlich wird's dem braven Karl doch zu bunt. Er schlägt mit der flachen Hand auf die Tischplatte, daß 45 die Gläser klirren. Unter atemloser Spannung schreit er's über die Korona:

»Von morgen ab ist Schluß mit diesem Sauleben, Wlasta! Wenn du heut' mit jemandem in den ›Dschungel‹ gehen willst, – meinetwegen. Aber von morgen ab bist du meine Frau, verstanden?«

Nach dieser schönen und energischen Rede stärkte er sich mit einem Trunk, und auch die anderen hoben beifällig die Gläser. So zechte man bis zur Hochzeitsstunde, (wenn auch die Braut größtenteils nicht im Saale war).

Ein anderes Haus, das ein Bär hütet, steht im Theinhof, wenn man aus der Stupartsgasse kommt, links. Welch ein schönes Tier ist das! In die Ecke des Hauses ist eine Nische gehöhlt, und darin reckt sich ein Tanzbär auf den Hinterfüßen in die Höhe, den Rachen weit geöffnet. Doch ist keine Angst vonnöten: Der bärbeißige Geselle ist gefesselt, an seiner linken Vorderpranke ist ein Ring festgeschmiedet, von dem sich über seinen Nacken die Eisenkette bis zu einem in die Fassade eingelassenen Ring schlingt. Vor wem gibt er hier seine Vorstellung? Einst wollte er vielleicht die Aufmerksamkeit der Pennäler auf sich lenken, der Füchse und Burschen der grün-silber-blauen »Normania«, die voll Herzklopfen hierher ins Gasthaus »Zum Tunnel« schlichen, um sich beim Bier laut und männlich zu gebärden und »Frei ist der Bursch« zu singen – ganz wie er selbst, der Bär, der sich auf die Hinterbeine stellt, in die Höhe reckt und den Mund zum Brüllen aufreißt, aber doch gefesselt ist und angeschmiedet. Dann wollte er vielleicht, als schon das »Tunnel« in der Wertung der Behörden zur schlimmsten Spelunke Prags avanciert war, irgend einen Stammgast anrufen, mit dem er einst von Jahrmarkt zu Jahrmarkt gezogen war; aber während damals der Bär im Innern der Bude gekauert und gefressen hatte, dieweil der Ausrufer mit geöffnetem Munde auf dem Platze stand, war es nun 46 umgekehrt. Und jetzt? Jetzt sieht Atta Troll allabendlich junge Paare im Nachbarhause verschwinden, in das Hotel Ungelt, und er öffnet den Rachen, sicherlich einen weithin rollenden Sehnsuchtsseufzer auszustoßen nach Mumma, seiner fernen Geliebten.

Bis zu dieser Zeile waren obige Bemerkungen zur bärischen Genealogie und Hausgeschichte in einem Zeitungsartikel veröffentlicht worden, als sich schon Zuschriften erhoben, ich sei einer Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge schuldig. Sie alle machten mir denselben Vorwurf, eine Zuschrift des alten Ottomar Keindl wurde sogar zu meiner Schande öffentlich kundgetan (»Bohemia«, vom 22. August 1917) und in der Zuschrift einer Dame wurde ziemlich unverblümt erklärt, ich hätte nicht aus Vergeßlichkeit, sondern aus Verkommenheit das wichtigste Bärenhaus nicht aufgezählt. Der Schlußpassus des Damenbriefes lautete nämlich: ». . . . daß Sie auch, um des prächtigen Renaissanceportals willen, das Haus »zu den zwei goldenen Bären« in der Melantrichgasse (gegenüber dem Schwibbogen des Michaelsklosters) hätten erwähnen sollen, wenn es auch keine Spelunke enthält.«

Gewiß, meine Gnädigste, ich hätte es erwähnen sollen! Ich hätte mich sogar nicht mit dem Epitheton »prächtig« begnügen müssen, sondern auch eine ganze Reihe von Daten anführen können, die darüber belehren, daß manches der Häuser, an denen man entweder achtlos vorbeigeht oder denen man bestenfalls eine billige ästhetische Erkenntnis als Almosen zuwirft, ihr unerhörtes Lebensschicksal haben. Was weiß ich nicht alles über das Bärenhaus in der Melantrichgasse, gegenüber dem Schwibbogen des Michaelsklosters! Der im Weltkriege gefallene Kunsthistoriker der Wiener Universität, Oskar Pollak, widmet in seinen »Studien zur Geschichte der Architektur Prags« diesem Hause die liebevollsten Seiten und Bilder und nennt dessen Portal »das einzige in Prag, das eine solche Formfülle 47 aufweist; es steckt noch etwas von der Phantasie romantischer Steinmetzen darin, die ganze Fassaden mit ihren reichen und mannigfaltigen Gebilden umspannen.« Wenzel Jansa hat den Hauseingang, in den er sein blitzsauberes Stubenmädchen mit einem Dackel gestellt hat, zum Modell eines bekannten Bildes gemacht, die von V. V. Stěch redigierte Sammlung »Kunstdenkmäler« verwertet das Portal als Buchumschlag auf allen Bändchen dieser Edition, die vom deutschen Ortsrate Prags herausgegebene Werbeschrift »Prag als deutsche Hochschulstadt« tut im kunstgeschichtlichen Kapitel von der Architektonik dieses Hauses ruhmvolle Erwähnung, Willi Handl hat in der »Neuen Freien Presse« die Schönheit des Baues feuilletonistisch gepriesen, Ruth berichtet in seiner »Chronik der Stadt Prag« von interessanten Besitzern und Bewohnern des Hauses, darunter dem Verleger der Böhmischen Landesordnung von 1556, Johann Kosořsky aus Kosoř, und von dem Maler des deutschen Ständischen Theaters, Anton Sachetti, von dessen Panorama Prags sich im Stiegenhaus des Prager städtischen Museums eine Kopie vorfindet, und der städtische Archivar J. Herain berichtet in einer spaltenlangen, enthusiastischen Schilderung dieses Hauses, auch über dessen einstige Besitzer, über Georg Brünhauser, der im 14. Jahrhundert Eigentümer war, über den »Bürgermeister Johann Nastojte vom goldenen Bären«, der beim Trauerzug für König Ladislaus den Reichsapfel tragen durfte, und über den Altstädter Primator Johann Kirchmayer von Reichwitz, – lauter Bürgermeister.

Und ebensoviel wie über das Portal und die Geschichte des Hauses wird in Topographien und Kunstgeschichten über die Loggien und Arkaden im Hofe darin geschrieben, und das Projekt, diesen gegen das Ledergäßchen hin (die »Lederhausgasse« des Dichters Alfred Meißner) freizulegen, wurde schon im Schoße des Stadtrates erwogen. Auch von den unterirdischen Gängen, die zur Mariensäule auf dem Altstädter Ring 48 und sogar bis in die Theinkirche zur Grabstätte Tycho de Brahes führen sollen, könnte einiges erzählt werden.

Jedoch: all das ist interessant, aber langweilig. Und ich will, meine Gnädigste, Ihren liebenswürdigen Brief nicht durch Aufzählung kunsthistorischer und historischer Tatsachen bestrafen. Ich hätte auch nicht so vielerlei mitzuteilen gewußt, wenn ich nicht diesmal – im wörtlichen Sinne des Wortes –»pro domo« gesprochen hätte. Denn das Haus, das Sie »prächtig« finden, ist – nicht erst seit diesem Jahrhundert – im Besitze meiner Familie, und ich könnte darüber vielerlei Persönliches erzählen, »wenn es auch keine Spelunke enthält«.

Zum Beispiel, gnädige Frau, die sensationelle Tatsache, daß ich darin geboren bin, welchen Vorfall nachstehendes, bisher uneröffnetes Dokument mit gebührender Ausführlichkeit schildert, die Stelle eines Glückwunschbriefes, den mir meine Mutter etwelche Jahrzehnte später am Jahrestag in die Ferne sandte: »Solche Erlebnisse vergißt eine Mutter nicht – wie wenn es heute wäre, ist mir alles vor Augen. Du bist mir, l. Egon, (bis meschommen) an einem Mittwochnachmittag geboren, um vier Uhr, bei herrlichem Frühlingswetter. Eine Stunde vorher hatte ich noch mit Onkel Semi aus dem Fenster auf die Straße hinuntergesprochen, als er um vier Uhr im Geschäft die Nachricht bekam, daß du angekommen bist, sagte er: ›Unmöglich, ich hab' doch die Ernestine jetzt gesprochen!‹ Und die Hebamme, eine Frau Rosenthal, sagte mir, du hättest ein Grübchen im Nabel, du wirst ein Herzganeff sein.«

Das Geschäft meines Vaters und des erwähnten Onkels befand sich im selben Haus, gerade unter unserer Wohnung. Es war ein Tuchgeschäft, und hieß »S. Kisch & Bruder«, genau ein Laden, wie er in Balzacs »Haus zur ballspielenden Katze« geschildert ist. Dort unten, zwischen Ballen von Cheviot, Kammgarn, Pejacevic, habe ich meine frühe Jugend verbracht, alle Schneider 49 Böhmens habe ich dort unten kennen gelernt und viele berühmte Kundschaften, die Generäle Philippovich und Graf Grünne, den Baron Ladislaus Rieger, auf den vor dem Geschäfte immer eine Menge Neugieriger wartete, den Dichter S. Kohn, »Verfasser des ›Gabriel‹«, der aus unserem Geschäft neben vielen Stoffen auch den Stoff zur Humoreske »Die beiden Antipoden« (»Prager Ghettobilder«, Reclams Universalbibliothek) bezogen hat, und den Bankier Gustav Mayer, Chef der Wechselstube »Mayer und Morgenstern« auf dem Wenzelsplatz, der bis zu seiner Verhaftung unter Betrugsverdacht ein täglicher Schachpartner meines Vaters, aber im Geschäft seine penibelste Kundschaft war, und später der Schriftsteller Gustav Meyrink wurde.

Dort unten habe ich mich an der bunten Tafel mit den hundertzwei Farbennüancen erfreut, welche die Adjustierungsvorschrift für die Aufschläge der k. k. und k. und k. Regimenter festgesetzt hatte, und dort unten habe ich als ganz kleiner Bub mein erstes Verbrechen begangen – nichts geringeres als eine Münzfälschung:

Die Tuchmuster, die man den Reisenden auf die Tour mitgab, hatten rechts oben ein kreisrundes Blättchen aufgeklebt, das in Buchstabenschrift Preis und Nummer der Ware enthielt. Zur Herstellung dieser Blättchen war eine Stanze da. Wenn man diese Stanze auf den braunen Einlagskarton des Kopierbuches preßte, so entstanden die schönsten Kupferkreuzer, von denen man einen auf die Straße legen, und die Passanten beobachten konnte, wie sie ihn als Kupferkreuzer aufhoben und als Kartonblättchen wegwarfen. Von guten Einzelerfolgen aufgestachelt, versuchte ich es einmal mit einer Massenaktion, hunderte solcher papierener Kupferkreise streute ich auf das Trottoir, sah aus dem Fenster zu, wie die Leute sich bückten, sich ihres Hereinfalls schämten oder aber schimpften, oh, es schimpften viele, die Flüche vereinigten sich zu einem Massenfluch, Gruppen vereinigten sich zu einer 50 Massengruppe, ein ahnungsloser Mann schaute aus einem Fenster des ehemaligen Michaelsklosters, die Menge glaubte ein höhnisches Lachen an ihm zu sehen, aha, das ist der Urheber des Bubenstücks, man rief ihm etwas zu, jetzt lachte er wahrscheinlich wirklich, man wollte in das Haus, hastig schloß der Hausmeister das Tor, man rannte an, Polizei kam . . .

Ich stand kreidebleich hinter einem Fenstervorhang unseres Speisezimmers, meine Mutter wollte auch sehen, was es auf der Straße gebe, ich beschwor sie, sich vom Fenster zu entfernen, und erklärte ihr Grund und Urheber der Erregung. Mama beruhigte mich lächelnd: es wird schon etwas anderes los sein. Sie glaubte mir nicht, – nie hat mir jemand geglaubt!

Im 16. Jahrhundert ist an das ursprüngliche Hans links neben dem Portal ein Vorbau für Geschäftslokale angefügt worden. Das Dach dieses Vorbaues ist glatt, hat beinahe die Größe eines Tennisplatzes und ist von einer Balustrade umsäumt, so daß es der Balkon für unsere Wohnung im ersten Stockwerke war. Was für uns Brüder und unsere Mitschüler diese Terrasse war, gehört der Chronik der Melantrichgasse an. Mit Wut und Neugierde starrten die Nachbarn aus ihren Fenstern auf die Ereignisse in dem steinernen Garten. Dort hielten wir, mit Fechtmasken und Plastrons angetan, Paukstunden und Generalproben zu Bestimmungspartien und Säbelduellen ab. Im Winter schütteten wir Wasser auf und führten, als es festgefroren war, auf Schlittschuhen unterschiedliche Kurven und Sprünge aus. Auf dem Fensterbrett der Wohnung stand man auf den Händen und ließ sich zum Entsetzen des auf der Gasse angesammelten Publikums nach außen überschlagen; das bot gar keine Gefahr, da schon anderthalb Meter tiefer der Balkon war, aber von unten sah dies einem selbstmörderischen Uebermut gleich. An die Wand malten wir 1897 mit schwarzer Tusche, roter Metalltinte und goldener Jahrmarktsbronze schöne Couleurstudenten, und diese Fresken, die 51 selbst für pechgefüllte Eierschalen nicht erreichbar waren, blieben viel, viel länger da, als die schlichte, gelbe Straßentafel mit der schwarzen Aufschrift »Ledergäßchen« . . . Wenn wir für die Gründung des großen Fußballklubs trainierten, der übrigens noch heute besteht, dann flog der Lederball hie und da klirrend auf den Mittagstisch einer gegenüberwohnenden Bürgerfamilie, oder auf die Gasse, der Straßenjugend eine willkommene Kickgelegenheit bietend, wodurch das zum Holen des Balles beorderte Mitglied unserer Mannschaft oft eine zeitraubende und mühevolle Arbeit mir dem Abfangen hatte.

Aber das waren alles nur Freiluftvorübungen für die ernste Beschäftigung zwischen den vier Mauern. In den gewölbten Riesenzimmern der alten Wohnung ging es hoch her. In dem einen hat zur Zeit, da aus nationalen Gründen kein Gastwirt sein Lokal als Mensurbude zur Verfügung stellen wollte, mein Bruder Mensuren und seinen Weltrekord an Mensuren geschlagen, bis das Blut auf die Zimmerdecke spritzte und Ohren und Nasenspitzen auf die Schränke flogen. Das zweite Zimmer war mein Wirkungsbereich; es hatte einen separaten Eingang . . . Im dritten, das als Speisezimmer eine solidere Vergangenheit gehabt hatte, und einen langen Eichentisch besaß, kneipte eine Pennälerblase von Mitschülern meines Bruders aus alten Zierhumpen, vor überraschenden Ueberfällen der Professoren sicher. Im vierten bildete ein Bruder mit Klubkollegen, lampenzertrümmernd, Fenster zerschlagend und Möbel zerschmetternd seine Künste als Mittelstürmer aus. Und der letzte der Brüder, der noch klein war, hatte sich alle Lausejungen der Gegend ins Kinderzimmer zu Gaste geladen, und zu den harmlosen Vergnügungen dieser vornehmen Gesellschaft gehörte es, in den Parkettboden Gruben für Kugelspiele zu bohren.

War es also nicht ärger als eine Spelunke, gnädige Frau? Und damit Sie in dieser Schilderung, mit der ich Ihrem Wunsche nach Vervollständigung reichlich 52 Rechnung getragen zu haben hoffe, nicht wieder etwas vermissen, will ich gleich Ihre Frage vorwegnehmen, was denn die Mutter dazu gesagt habe. Was konnte sie sagen? Wir alle waren hoffnungslos unverbesserliche Lausbuben, und war es nicht besser, es passierte uns zu Hause ein kleiner Unfall, als der Ambulanzwagen der Rettungsstation schaffte einen von uns mit gebrochenem Pedale vom Fußballplatz nach Hause, oder man müßte der Mutter schonend beibringen, daß einer ihrer Söhne mit einer »leichten« Mensurwunde auf der chirurgischen Klinik liege?

Uebrigens ist von dem Nichtvorhandensein einer Spelunke in diesem Hause nicht jeder so überzeugt gewesen, wie Sie, gnädige Frau. Sie können dies aus einem Vorfall ersehen, der von derber Situationskomik war. Einer meiner Brüder hatte einen neuen Mitschüler bekommen, zu dessen Charakteristik es gehörte, daß er mit rotem Regenschirm und leichtgläubigem Gemüt von einem Landgymnasium in die Prager Oktava gekommen war, und hier nun den Gegenstand von allerhand Frozzeleien bildete. Einmal ging er in der Nacht mit Mitschülern durch die enge Melantrichgasse, und diese pfiffen natürlich im Vorbeigehen vor unserem Hause ihren Signalpfiff. Ein ihm unbekannter meiner Brüder tauchte im Fensterrahmen auf. »Ist die Wanda frei?« fragte man von unten.

»Nein, sie ist heute zu Hause geblieben; ihr Mann ist angekommen,« erwiderte die Fensterstimme, die Situation erfassend.

»Danke.« Die Horde ging ernsten Gesichtes weiter. Aber dem Burschen vom Lande, der soviel von den Ausschweifungen der Hauptstadt gehört hatte, ließ es keine Ruhe. Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll, wollte er wissen, was da oben los sei. Man wich der Beantwortung aus: »Aber gar nichts . . .« Er gab sich nicht zufrieden. Zu Hause holte er seinen Zimmerkollegen aus, und nach langem Drängen und nach Erhalt eines feierlichen geschworenen 53 Stillschweigenversprechens verriet ihm dieser Adresse und Geheimnis des Hauses: Pst, es ist das Stelldichein der feinen Herrenwelt mit alleinstehenden Damen der bürgerlichen Gesellschaft und mit Frauen, deren Männer verreist sind. Auch die Usancen wurden ihm erklärt: wieviel man als Eintrittsgeld zahle, daß man nur einzeln und immer Punkt drei Viertel einer Stunde kommen müsse, zum Beispiel um drei Viertel zehn, drei Viertel elf oder drei Viertel zwölf, daß man dreimal fest an der Klingel ziehen, der öffnenden Bedienerin eine Krone in die Hand drücken und das Losungswort zurufen müsse: »Rotes Separé!«

Eine Aufrichtigkeit ist der anderen wert, und der Mann vom flachen Land beichtete nun seinerseits, daß er sich morgen um drei Viertel zehn das Lokal ansehen werde. Natürlich wurde nun die Hausmeisterin entsprechend instruiert, und einige Kollegen für diese Stunde ins Bärenhaus zu Gaste gebeten. Punkt drei Viertel zehn Uhr schellte die Klingel heftig und dreimal. Atemlos lauschend vernahmen wir, wie die robuste Hausmeisterin die Parole vom Roten Separé im Sinne der Instruktion mit wuchtigen Besenhieben gegen den Eindringling beantwortete und ihn heftig auf die Straße stieß. Der Unglückliche hatte sich noch nicht von diesem Schrecken erholt, als sich aus den dunklen Fenstern, an den Goldbären vorbei, aus Kannen und Waschtassen ein derartiger Wasserfall ergoß, daß er nicht einmal Zeit hatte, seinen prächtigen roten Regenschirm aufzuspannen. Dazu kreischten wir mit verstellten Stimmen: »Verfluchter Polizeispion! Wir werden dir's schon zeigen, du Spitzel.«

Er rannte davon. Und hat nie des peinlichen Mißverständnisses Erwähnung getan, das ihn bei seinem ersten Besuche des Großstadtpfuhles betroffen hatte; nur zu seinem Zimmerkollegen äußerte er auf dessen Frage so nebenbei, man habe ihn für einen Detektiv gehalten und nicht eingelassen. 54

*

Bis zu meinem zehnten Lebensjahre bin ich in Klöstern erzogen worden. Die ersten drei Volksschulklassen erledigte ich im Servitenkloster zu St. Michael in der Schwefelgasse; dort hatte im dritten Stock ein uralter Herr Seidl eine Privatschule inne, und in einem Schulzimmer wurden etwa ein Dutzend Buben gemeinsam in die Wissensgebiete der fünf Volksschulklassen eingeführt. Fast alle wohnten beim Herrn Schuldirektor, und so ging ich immer allein aus der Schule nach Hause und hatte keinen einzigen Schulfreund. Auch einige ältere Zimmerherren hatte Herr Seidl in Kost und Quartier, wohl größtenteils Studenten, die sich in freien Stunden das pädagogische Vergnügen machten, ihren Hauswirt oder einen ihrer Zimmerkollegen in der Lehrtätigkeit abzulösen und ein bißchen den Herrn Lehrer zu spielen. Einigen von ihnen bin ich später im Leben begegnet und habe mich niemals ohne einen Schauer des Respektes vorbeigedrückt.

Neun Jahre alt, kam ich in die Piaristenschule. Der Moment meines Eintrittes in die Oeffentlichkeit bleibt mir für ewig unvergeßlich. Zum erstenmal war ich blamiert, war ich im fremden Milieu fünfzig neugierigen Blicken, war ich der Lächerlichkeit hilflos preisgegeben, spürte ich von allen Seiten Feindseligkeit gegen den Eindringling. So wie Charles Bovarys Lebensroman beginnt, begann auch der meine.

Bei mir zu Hause hatte man vorausgesetzt, daß der Unterricht, so wie in der Seidlschen Privatschule, auch bei den Piaristen erst um neun Uhr morgens beginne. So kam ich um drei Viertel neun Uhr in die Klasse, mitten in den Unterricht. Wer sich erinnert (und wer erinnert sich nicht!), wie willkommen jede noch so geringe Ablenkung vom Unterricht in einer Schulklasse ist, wer es noch weiß, welches Aufsehen der Eintritt eines Zuspätkommenden oder des Schuldieners darstellt, und wer hiezu die Sensation addiert, die die 55 Ankunft eines Neuen verursacht, kann sich ungefähr ausmalen, wie ich, ein bisher völlig Unbekannter, der noch vor wenigen Sekunden unschlüssig und fremd auf dem menschenleeren Gang gestanden war, von Blicken gemustert, durchbohrt, seziert, vom Lachen und Lächeln zerfleischt wurde.

Schon drei Jahre, also ein Drittel ihres Lebens, saßen die Buben, die sich nach mir die Hälse ausrenkten, auf gleichen Bänken. Sie trugen alle schöne blaue Matrosenanzüge, wohnten in einem Bezirk, und die aus dem Stadtpark verhielten sich exklusiv gegen die aus der Bredauergasse, während die aus der Mariengasse die vom Heuwagsplatz verachten durften, und die, die sich in den Ferien in Heringsdorf getroffen hatten, bildeten eine geschlossene, noble Gruppe, während die Sommergäste von St. Wolfgang naturgemäß über ihre Mitschüler in Schandau die Achsel zuckten, und kaum einer auf gleicher Basis mit einem verkehrt hätte, dessen Eltern für diesen Sommer bloß Salesl als Erholungsort bestimmt hatten.

Ich aber kam aus der Altstadt, so daß keiner der vielen ein Bekannter, ein Nachbarskind war, ich trug keineswegs einen Matrosenanzug und meiner Familie Sommersejour war Krtsch, Wschenor oder Libotz. Ich glaube an jenem Moment, als ich die Türe des gefüllten Schulzimmers betrat, muß es mir impressionell klar geworden sein, daß all das etwas Schmähliches sei. Ich war ein Neuling. Vielleicht waren viele andere da, die gleichfalls erst heuer eingetreten, aber so glücklich gewesen waren, rechtzeitig, also eine Stunde vor mir zu kommen. Ich weiß es nicht, ich habe es nie erfahren. Ich bin und bleibe für die damalige vierte Piaristenklasse der Neue. Wahrscheinlich haben sich die anderen Neulinge an dem Hohn am intensivsten beteiligt: wie gesagt, ich weiß es nicht. Was ich überhaupt seit jenem Momente weiß, ist: daß man zum ersten Male nie zu spät kommen darf. Das habe ich mir 56 zunutze gemacht. Als ich zum erstenmal Stellung in einer Redaktion fand, wurde mir ein Zimmer angewiesen, das ich mit einem aus Dresden engagierten Herrn teilen sollte. Morgen um elf Uhr werde er seinen Dienst antreten, ich möge um die gleiche Zeit da sein. Ich aber, von jenem Schulantritt gewitzigt, war schon um halb elf Uhr da, und als er kam, stellte er sich mir, der ich recht erbeingesessen an meinem Tische saß, respektvoll vor. Durch Jahre behandelte er mich als den rangälteren Kollegen, und wahrscheinlich erfährt er erst heute, dieses lesend, daß mein Vorsprung im Rang – nur eine halbe Stunde betrug.

Aber ich schweife ab, ich bin mit der Schilderung des martervollen Moments meines Schuleintrittes noch lange nicht fertig. Während ich damals an der Tür stand, begann sich unter dem Einfluß der alles durchbohrenden Blicke der anderen und meines eigenen nichtsdurchbohrenden Gefühles mein Strumpfband zu lockern. Genau so, wie sich mir auch noch heute die Krawatte verschiebt oder ein Schuhsenkel öffnet, wenn ich mich eindringlich gemustert fühle. (Auch bei Frauen kann solch suggestives Anstarren gute Wirkung haben.)

Also, damals rutschte mir der Strumpf hinunter. Ob das die Argusaugen meiner lieben Mitschüler von selbst bemerkten, oder ob ich durch einen Versuch die nackte Wade wieder mit dem Strumpfe zu bedecken das Signal zum Huronengebrüll gab, ist nicht wichtig. Wichtig ist eben nur das Huronengebrüll. Ich hörte es damals, ich hörte es durch mein ganzes Leben und ich fürchte es wiederzuhören, bis ich in die versammelte Hölle komme, als Neuer, um drei Viertel neun.

Sonst erinnere ich mich, obwohl ich mich an alles erinnere, an nicht viel. Die Patres hießen Gardavsky, Kabrhel, Nazhan Grün, Hezky und Masch. das Schüleralphabet begann, wie überall, mir den Namen: »Abeles, Aurednicek, Beck, Benischek, Bloch, Bloch. Bloch . . .« »Piaristen – schlechte Christen!« 57

Durch das breite Portal und die Torhalle, von der aus der uns fremde Klostergang abzweigte, ging man dem Garten (im Frühling Seidenraupen) entlang, in den rechtwinkelig gebogenen Schulgang. Links war die 1. Klasse (Gaschitschka) und an der Krümmung die dritte. Dann kamen – auf dem eigentlichen Korridor – die drei anderen Schulstuben, als erste jene der vierten Klasse, in der ich auf dem Pranger stand. An der Wand hing eine Darstellung der Fabrikation von Stahlfedern und die üblichen Bilder. Auch eine plastische Reliefkarte von Böhmen war da, Werk eines Lehrers.

Zu Beginn des Unterrichtes wurde immer gebetet. Zum Zeigen auf der Landkarte hatte der Lehrer einen langen Stock, aber er verwendete ihn oft auch wenn anderes als Erdkunde geprüft wurde, und dann schmerzten die Finger und Handflächen sehr. Manche Schüler gingen nachmittags nach der Schule ins Klostergebäude, wo sie beim Herrn Lehrer noch Wiederholungsunterricht nahmen; man nannte das »ins Privat gehen« und diese Privatschüler waren besondere Musterknaben.

Wie die ganze Piaristenschule ein rudimentäres Ueberbleibsel des längst nicht mehr vorhandenen Piaristengymnasiums war, so waren auch diese Privatstunden die Reste jenes Privatissimums der piaristischen Gymnasialprofessoren, über das sich Fritz Mauthner mit Worten, wie »Lumperei« &c. aufregt. »Mein Zorn gegen die Schulkorruption, von diesen Privatstunden entfacht, hat vorgehalten, und heute noch predige ich bei jeder Gelegenheit das Ideal, die Gerechtigkeit, das unzulänglich gesicherte Ideal des Staates, wenigstens in der Schule gelten zu lassen.« (Fritz Mauthner, »Erinnerungen«, Bd. I., S. 45). Wie hätte sich der streitbare Fritz Mauthner erst ereifert, wenn er in unserer Zeit zu den Piaristen gegangen wäre, da die einzige Milderung, die er dem Privatissimum zubilligte, die unentgeltliche Teilnahme von 58 mittellosen Schülern, auch nicht mehr in Kraft war. Für jeden der Privatgänger, die von den Lehrern aus besonderen Familien ausgesucht waren, mußte mit einem Monatssalair das Recht erkauft sein, sich nach Schulschluß im Wohnzimmer des Lehrers die Hausaufgaben diktieren zu lassen und dafür lauter Einser aufs Zeugnis zu bekommen.

Wir anderen zogen nach der Schule in Horden zu Balatka, wo die neuesten Münchener Bilderbogen ausgestellt waren. Vor dem Schulgebäude fingen oft Tschechen mit uns Streit an: es waren Buben aus der Uebungsschule der Lehrerbildungsanstalt von nebenan, und eigentlich selbst Musterknaben, gleichsam die Piaristenschüler unter den Tschechen, – mit den Wilden aus dem Stadtpark und von der »Kanada« nicht zu vergleichen. Sie griffen uns nur an, weil das nationale Pflicht war, dabei hatten sie wahrscheinlich mehr Angst als meine Mitschüler. Die liefen zumeist davon. Ich aber versuchte es, mich ihnen zu stellen, wahrscheinlich, um durch Heldenmut die Schmach meines ersten Auftretens abzuwaschen. Nun, man anerkannte meinen Mut, benützte mich als Rückendeckung, aber ich wurde dadurch nicht um ein Gran gesellschaftsfähiger. Paßte doch meine Rauflust genau zu dem ersten Eindruck, den ich gemacht hatte: ein Lausbub.

Vielleicht bilde ich mir das nur ein: Aber seit jenem Tage, da ich zuspät gekommen war, leide ich an einem Minderwertigkeitskomplex, seit jenem Tage ist mein Leben darauf gerichtet, den schlechten Eindruck von damals zu verwischen. Bei denen, die in Binz ihre Ferien verbrachten, und bei denen, die ins Privat gingen, ist es mir nie gelungen. Und immer von neuem verfluche ich die drei Viertelstunden, um die ich zu spät kam, und die ich nicht einholen kann.

Vor ein paar Tagen habe ich einen einstigen Mitschüler getroffen, dessen Sohn die vierte Volksschulklasse wohl schon längst hinter sich hat. Er wollte mir eine Probe seines Gedächtnisses geben: 59

»Du bist gleich das erstemal zuspät gekommen, und der Strumpf ist dir hinuntergerutscht. Daran erinnerst du dich gewiß nicht mehr!«

Ja, ja, ich erinnere mich.

*

Im Stadtpark zwischen dem Neuen Deutschen Theater und der verlängerten Promenade waren noch keine Blumenbeete, keine Kieswege, kein Botanikerdenkmal. Nein, ein großer, sandiger Platz bis zum Gitter der Parkstraße, eine breite Heckenanlage entlang. Eintritt verboten! Ein winziger Fußpfad führt durch das Gestrüpp zu einer Bude, die für uns geheimnisvoll ist, ein Blockhaus oder eine Hazienda, obwohl wir eigentlich wissen, daß Schubkarren und ein Spritzenschlauch davor liegen und die Bretterbude nichts weiter als die Requisiten der Gärtner enthält.

Der große Sandplatz ist eine Welt.

Andere Planeten sind die anderen Teile des Stadtparks: Die Promenade, die ein unterlegter Text des Castaldo-Marsches, der Regimentsmelodie der Prager Kinder besingt:

Frau Kohn, Frau Plohn, Frau Klepetař
Verstellen daselbst die ganze Passage –

Dort sitzen Frauen mit Handarbeiten auf den Gartenstühlen, zu deren Besetzung man aus der Ledertasche des braunen Fräuleins um einen Kreuzer die Legitimation erhält; kleine Kinder nimmt man auf den Schoß und braucht nichts für sie zu zahlen, aber kaum ist das Sesselfräulein außer Sehweite, okkupiert das Kind drei Stühle. Die »Männerscheue« geht vorüber mit einem roten Sonnenschirm, den sie vors Gesicht hält; ihr Männerhaß erstreckt sich auch auf Kinder männlichen Geschlechtes, und so laufen ihr immer zwei von verschiedenen Seiten entgegen, daß sie nicht weiß, 60 wohin sie ihren roten Schild wenden soll. Dann keift sie. Der lange Stadtparkdichter, »Doktor« Kohn, ist vorgebeugten Oberkörpers zu einer Bank gerudert, von Gymnasiasten umgeben, die ihm Schnelldichteaufgaben stellen, ihn bewundern und verspotten.

Ebenso weltentfernt ist der Spielplatz der Babies, der Gouvernantenknaben und – pfui! – der kleinen Mädchen, auf der Unteren Promenade, beim Affenkäfig, gegen den Heuwagsplatz zu. Dort sind die gesitteten Knaben, die »Patzigmacher«. Sie spielen »Nationale« (Abkürzung von »Nationalitäten«) und stehen über einen Ball gebeugt, atemlos auf das Stichwort des Satzes harrend »Jetzt kommt daran deeer – Apache!«

Das hat doch gar keinen Sinn! Aber die Mädchen sind noch blöder, sie hüpfen entweder über die Springschnur oder hopsen auf einem Bein in »Himmel und Hölle« oder schließen sich gar zu einem Kreis und singen:

Mariechen saß auf einem Stein,
                          einem Stein, einem Stein,
Und kämmte sich ihr blondes Haar,
                          blondes Haar,
Da kommt ihr Bruder Karl herein, (!)
                          Karl herein, Karl herein,
Mariechen, warum weinest du,
                          weinest du?

Es kommt dann noch dümmer. Er ersticht sie, glaub' ich, weil sie morgen sterben muß.

Unendlich weit ist auch der Teich, in den sich ein Wasserfall stürzt, an dem ein Bretzelmann Ringelbretzel auf einem Stock aufgesteckt hat und drei Stück um einen Kreuzer verkauft oder einen großen, salzigen Knusperbretzel um zwei Kreuzer, ein Weib mit roten, grünen, blauen Gasballons zu zehn Kreuzer das Stück, der Mandoletti hält kandierte Orangenschalen und der 61 Zuckerlmann »Brustzucker« feil, fünffarbig, nach Seife schmeckend, dicke Bürger füttern die Schwäne und den Storch mit Bretzeln, und Mädchenkinder in weißen Kleidchen mit Socken und weißen Schuhen pressen die Stirn fest an die kühle, glatte Geländerstange und starren in das Wasser, das unverständlich dunkel ist.

Der Kranich steht den ganzen Tag auf einem Bein. Auch hat er nur ein Auge. Mitgebracht hat ihn der Afrikareisende Holub aus irgendeinem ganz, ganz fernen Land, wohin wir bald fahren werden, wilde Abenteuer zu bestehen.

Um sechs Uhr abends kommt der Wächter Kakitz, ihn zum Schlafengehen abzuholen, hinterdrein jagt eine gröhlende Stadtparkjugend. Ist es doch freudig erregend, einen afrikanischen Vogel über das Pflaster der Rosengasse in die Mariengasse stolzieren zu sehen, wo er in einem braven Zinshause wohnt, wie ehrliche, erbeingesessene Bürger Prags.

Aber von dem allen wollte ich ja gar nicht erzählen, ich wollte von der Sandfläche beim Theater sprechen, die der Spielplatz war. Nichts mehr von ihm ist erhalten. Höchstens steht noch dort, wo seine Grenze war, an der Bredanergasse, der brave Kiosk von Reinhardt oder Widtmann, wo man um zwei Kreuzer Sodawasser, um drei Kreuzer Zitronen und um vier Kreuzer Himbeerlimonade kaufte.

In der Mitte des Platzes war ewiges Lärmen, Laufen und Streiten, aber nur innerhalb der Gruppen. Um die Nachbargruppen scherte man sich nicht, gleichgültig, ob es Tschechen oder Deutsche waren. Die Schauplätze der nationalen Kriege waren anderswo. Hier war Burgfrieden – von der Angst vor dem storchähnlichen Parkwächter veranlaßt, der hier mit seinem Krautwächterschwerte Angst und Anstand erregte. 62

Man spielte Schlagball, »großen Passak«, wie es in Prag hieß, und später auch Fußball. So sehr man sich einschränkte und so sehr sich die Spielgebiete der verschiedenen Mannschaften kreuz und quer überschnitten, an der Platzfrage und am Vorhandensein geschlossener Teams scheiterte doch die Möglichkeit, daß alles bloß Schlagball, »Goalangriff«, oder »Doppelgoal« hätte spielen können, so festliche Wettspiele wie auf der »Kanada«, dem Kanahlischen Garten in Weinberge.

Zum Glück gab es für den Stadtpark Spiele, die weniger Raumentfaltung erforderten. Am Rand standen Bänke. Diese bestieg man wie ein Perd (Herrensitz) und spielte »Kudla«. Man öffnete das Taschenmesser, daß Klinge und Griff einen stumpfen Winkel bildeten, stellte es auf die Bank und gab dem Griff mit dem Zeigefinger einen Schwung, daß es sich einmal überschlug. Bohrte sich die Spitze ein, so galt dies ein Point und man durfte weiterspielen. Fiel es auf die Bank, mußte man »aussteigen«. Wenn man das im rechten Winkel geöffnete Messer von Brusthöhe aus so auf die Bank warf, daß es sich einbohrte, wurde mit dem Finger gemessen, wie hoch der untere Teil des Griffes vom Niveau der Bank stecke. Zahl der Fingerbreiten ist gleich Zahl der Punkte. War das Messer ganz ausgeklappt – gestreckter Winkel – und es bohrte sich beim Fallen ein, galt dies 50. Man spielte bis 100. Tücke des Objektes ist: wenn sich die Messerspitzen verbiegen, abbrechen oder stumpf werden. Dann kommt es nicht zum Endresultat.

Man spielte »Kugeln«. A) Tschukes. Man wirft aus der geschlossenen Hand vier Kugeln so in die Grube, daß sie wieder herausrollen. Dann tut es der zweite, der dritte, der vierte und der fünfte Partner. Es ist nun dabei die Kunst, nicht zu schwach und nicht zu stark zu werfen, denn wenn die Kugel nicht aus der Grube rollt, so muß sie darin bleiben und ist für den Spieler verloren; fällt sie aber zu weit, ist die wichtigste Chance 63 verpaßt. Denn derjenige, dessen Kugeln der Grube am nächsten sind, hat den Anstoß. Er stößt seine Kugeln in das Loch. Gelingt es ihm, kann er sie einstecken und die nächstnahe schieben. Verfehlt er einmal, steigt er aus. Weltkriege entspinnen sich ob der Frage, wer der Nächste ist. B) Lapeta. Man wirft oder rollt eine Kugel von einer Linie gegen die Grube. Wer dem Loch am nächsten gekommen ist, hat Vorhand. Rest: wie oben. C) Gino. Dazu ist es nötig, daß in der Parkstraße ein Neubau aufgeführt wird. Denn man bedarf eines Ziegelsteines. Eine Halbellipse, etwa einen Meter breit, zwei Meter lang, ein Labyrinth von Kanälen und Löchern wird in die Erde gegraben. Am oberen offenen Ende der Ellipse wird der Ziegel auf eine Unterlage von Steinen so gelegt, daß er längsseits eine gegen den Gino geneigte Ebene bildet. Von dort läßt man die Kugel zielend in die Rinnen und Rillen und Löcher hinabrollen. Des nächsten Spielers Streben hat nun darauf gerichtet zu sein, seine auf die gleiche Art zum Rollen gebrachte Kugel so zu lenken, daß sie die andere, bereits im Graben befindliche, trifft. Vermag er's, so ist sie sein. Trifft er sie aber nicht, bleibt sie im Labyrinth liegen, dem Dritten, Vierten, Fünften zum Ziel oder zur Beute. Gelingt es einem aber gar, seine Kugel in der Kassa zu landen, dem schwerst zugänglichen, besonders versteckten Loch, dann sind alle, alle im Gino befindlichen Kugeln sein.

Ja, es gibt ungeheuere Gewinste im Spiel. In einen Sack steckt man die gewonnenen Kugeln und verkauft sie für bares Geld. Nominalwert: sechs Kugeln für einen Kreuzer.

Ist kein Kugelvorrat da, behilft man sich mit Steinen. Da gibt es keinen Geldgewinn. Aber doch ist »Plichta«, auch »Drabky«, anderwärts »Bärentreiben« genannt, ein schönes Spiel. Fünf Kiesel werden auf die Bank gelegt, dann schmeißt man jeden einzeln in die Höhe und hat einen andern mit derselben Hand 64 aufzuheben, bevor man den ersten fängt. Am Schluß wirft man alle fünf Steinchen vom Handrücken in die flache Hand. Es gibt beneidete Meister dieser Kunst. Jongleure, die mit brennenden Fackeln hantieren, könnten von ihnen lernen.

Wenn man »Räuber und Pola« (Verstümmelung von »Polizei«, häufig auch in »Trela« verballhornt) spielte, dann raste man mit geballten Fäusten, wie man es von den Leichtathleten gesehen, mit verschwitztem Leibchen, das wir patzig »Sweater« nannten, ein Taschentuch in den Mund gepreßt, als eine wilde Jagd über die Promenade, durch das Birkenwäldchen, entlang der Bolzanogasse, am Verzehrungssteuermann und dem Habichtskäfig, gegenüber dem Franz Josefs-Bahnhof vorbei und durch Gestrüpp davon, um wieder in der »Rada« zu landen. Manchmal aber wurde man von den Trelas eingeholt und erwischt, besonders wenn man sich aus Gründen der Romantik in der Grotte neben dem Teich verbarg, jener Grotte, die man zehn Jahre später zu anderer Tageszeit und aus anderen Gründen wieder aufsuchte, trotzdem eine Kelle den Eingang symbolisch versperrte, und nun die Angst vor dem Trela begründeter gewesen wäre.

*

Wenn man die Zeit kulturgeschichtlich festlegen will, welche die Neige des 19. Jahrhunderts und die Kindheit der Soldaten von 1914 war, so darf man unter keinen Umständen verschweigen, daß die Helden des Weltkrieges zwanzig Jahre vorher von einer großen Leidenschaft bewegt waren, von der Liebe zu den Reklamebildern.

Für eine jüngere Lesergeneration sei gleich von allem Anfang an festgestellt, daß die Reklamebilder der Neunzigerjahre mit den heutigen Reklamemarken gar nichts zu tun haben. Aber auch nicht das geringste! 65 Die Reklamemarken sind bloß die Wiederkehr der Briefoblate aus der Biedermeierzeit, sie sichern den Verschluß des Briefumschlages, sie bekunden manchmal die nationale oder humanitäre Gesinnung des Absenders, sie sollen künstlerische Zier des Briefes sein, – kurzum, sie dienen einem Zweck, sie sind verwendbar. Unverwendbar aber, ziellos, wie das Leben des kleinen Sammlers selbst, schön und praktisch unverwendbar wie die Blumen, ein Sammelobjekt an sich, das war das Reklamebild.

Jeder zweite Junge hatte eine ganze Sammlung, tausend, zweitausend Stück, und es gab Champions, die geradezu eine Gemäldegalerie von Reklamebildern besaßen. Woher diese Menge der Bilder kam, ist eines der Welträtsel. Wohl: Zu jeder Tafel Schokolade, in jede Büchse Kakao, in jeden Karton Malzkaffee, in jedes Gebinde von Suppenwürze-Flakons, in jedes Päckchen Zichorie, in jede Schachtel mit Waschpulver, zu jeder Tube von Zahnpasta hatte sich die Fabrik ein Bildel bei uns eingelegt. Und wir haben auch außerdem wacker gebettelt. Obwohl ich gerne fünfzig Heller für Bonbons opfere, mit denen ich mir dann die Gunst selbst der sprödesten Frau erkaufen kann, kann ich noch heute kaum ein Schokoladen- oder Kanditengeschäft in Prag ohne Herzklopfen betreten: Der genius loci ruft beschämende Erinnerungen wach, vielleicht fürchte ich, wenn ich auch heute als ehrfurchtgebietende 50 Heller-Kundschaft am Ladentisch stehe, daß man mich wieder hinauswerfen oder wenigstens als jenen unverschämten kleinen Bilderschnorrer von einst erkennen und mit ironischem Lächeln bedienen könnte. Vom Betteln allein kann man natürlich nicht reich werden, auch nicht reich an Reklamebildern. Die Greislerin mußte der Köchin bei jedem Einkauf ein Bild für uns übergeben, aber dafür war die Köchin an diese Einkaufsquelle gebunden. Wehe ihr, wenn sie um der billigeren Preise oder der schönen Augen eines Höcklers willen unserer Bilderlieferantin weitergegangen wäre. 66

Also es gab der Bezugsmöglichkeiten genug. Trotzdem, trotzdem werde ich nie begreifen, wo diese ungeheuren Bildermengen zusammenkamen, selbst wenn die Eltern und Verwandten des Sammlers so opferfreudig gewesen wären, nur bei Reklamebilder liefernden Firmen einzukaufen und möglichst viel. So drängt sich, angesichts des Umstandes, daß die Zahl der im Umlauf befindlichen Bilder doch dem Konsum der angepriesenen Ware entsprechen muß, die für die Geschichte der Ernährungswissenschaft hochwichtige Vermutung auf, daß das Geschlecht des Weltkrieges in seiner Jugend ausschließlich mit Zichorie, Malzkaffee, Suppenwürze, Fleischextrakt, Waschpulver, Zahnpasta, Mandelseife und Seidenblusen genährt wurde.

Ueberhaupt ist die Geschichte des Reklamebildes voll von Mysterien. Worin bestand ihre Werttheorie? Es hat nie so etwas wie einen Senfkatalog der Philatelisten gegeben. Wie wäre dies auch möglich! Ein Reklamebild kann nicht außer Gebrauch gesetzt werden, weil es nie im Gebrauch war, es kann nie einen Fehldruck aufweisen, weil es zumeist selbst ein Fehldruck, es kann nie als »Ganzsache« höher gewertet werden, weil es immer eine Ganzsache ist. Selbst Raritäten und Seltenheiten waren in unserer Branche ein recht wechselnder Begriff: während z. B. nicht plötzlich eine neue Edition von Originalen der Kirchenstaatsmarken oder jener des Fürstentums Thurn-Taxis den Markenmarkt überschwemmen kann, ist es keineswegs ausgeschlossen, daß heute die Serie »Europäische Hauptstädte« von Suchard, die »Bilder aus deutschen Märchen« von Franck, die »Gekrönten Häupter« von Schicht oder die »Vexierbilder« von Liebig sehr begehrt sind, hoch im Kurse stehen, während sich morgen eine neue Quelle erschließt, eine gütige Verkäuferin in einem Schokoladengeschäft, welche uns einen Stoß von Ansichten von Madrid und Stockholm, »Aschenbrödel mußte allein zu Hause bleiben« und »Wo ist der Maler« in die Hand drückt. So ist der Reklamebildermarkt ein getreues Bild 67 der großen Börse. Nur Angebot und Nachfrage, nur Bedarf und Ware entscheiden, individuelle Neigungen und Liebhaberwerte existieren nicht, täglich gibt es Schwankungen und stündlich kann Baisse und Hausse kommen, Katastrophen wie im L'Argent.

Das Bild selbst interessiert uns nicht, und ich glaube nicht, daß jemals jemand gelesen hat, daß das Schneehuhn, das auf einem Gletscher voll Zahnpastatuben dargestellt war, auch auf die Namen »Tetrao alpinus« und »Perdrix blanche« hört. Ebensowenig wird wohl einer der Sammler auf der Rückseite der Bildchen die Rezepte zur Herstellung von Fleischbrühe, die Aufklärungen über das Präparat der von uns so oft genannten Fabrik oder die gewiß begeisterten Atteste der Spezialärzte gelesen haben, wenn sie auch in seiner »Reklamebibliothek« tausendmal wiederkehrten. Was für uns allein wichtig war, war die Vervollständigung eines »Satzes«. Der Laie geht irrwahnbefangen durchs Leben: er glaubt, daß man sich das fehlende Stück einer Serie leicht verschaffen kann, indem man es einfach gegen ein anderes eintauscht. Wahnsinn! Oft muß man wochenlang im Stadtpark, in der Schule, in der Turnhalle Recherchen anstellen, bis man erfährt, wer sich im Besitz des Liebigbildes »Beim Ronacher« (Nr. 6 der Serie »Wiener Leben«) befindet oder gar das letzte Stück des Zyklus »Die Entdeckung des Seeweges nach Indien« sein Eigen nennt, den Einzug Vasco da Gamas in Lissabon. Und gibt es denn dann der Eigentümer gegen den schäbigen Zweikampf Telramunds mit Lohengrin her? Gewiß, ich leugne nicht, daß auch dies theoretisch möglich wäre. (Wenn ihm nämlich zufällig gerade dieses Stück im Opernsatz fehlen würde. Ausgerechnet!) Aber im allgemeinen verlangt er ganz andere Preise. Teils, weil er die verzweifelte Notlage des Kauflustigen erkennt, teils, weil ihm selbst zur Vervollständigung des Vasco da Gama-Satzes nur wenige Einheiten fehlen, und sich durch die Veräußerung eines Blattes diese Hoffnung auf den lückenlosen Serienbesitz 68 verringert. Also verlangt er das Sternbild des Steinbockes, des Krebses, der Zwillinge und der Jungfrau, ferner den Forgeron-Häringskönig, den Tintenfisch und den Malarmat-Panzerfisch, das Pfirsichfest der japanischen Mädchen und womöglich noch »Die Erfindung der Photographie durch J. Daguerre.« Na, die Fische könnte man ihm ja gegebenenfalls überlassen, denn man hat fast die ganze Meeresfauna doppelt. Auch der Daguerre ließe sich verschmerzen, da der Käufer nur einen oder zwei berühmte Erfinder und hier keine Chance für ein Serienspiel hat. Meinetwegen! Aber kann ich die japanische Serie verstümmeln, die ich mit Emsigkeit und Ausdauer zur Vollständigkeit gebracht habe, darf ich ihm eine Jungfrau und Zwillinge schenken, da mein Tierkreis doch schon fast geschlossen ist? Er ist gemein, unverschämt.

Anderseits aber: »Vasco da Gama!« Was soll ich tun?

*

Manchmal aber zogen wir nach der Schule aus, um neue Pfade zu entdecken.

War es der Trieb, der zu Erstbesteigungen veranlaßt, war es Entdeckersehnsucht, war es Hintertreppenromantik wörtlichen Sinnes oder der Wunsch, tiefer in die Geheimnisse einzudringen, die sich ganz bestimmt hinter den gedunkelten Fassaden der Häuser verbergen?

Der Fremde geht durch Straßen. Der autochthone Bürger benützt außer diesen hie und da auch das Durchhaus, wenn es ihm den Weg verkürzt, oder aber wenn er seiner Frau, die vom Lande ist, mit seiner Kenntnis der großstädtischen Lokalgeographie imponieren will. Ist sie jedoch eine Einheimische, und will den Weg durch ein Haus nehmen, so wehrt er ihr dies galant: »Mit der Fahne zieht man nicht durchs Durchhaus!« 69 – Der Liebhaber sucht hier im Nebel seinen Weg, weil die Laternen in den Gassen lästig viel Licht verbreiten.

Wir Knaben aber, auf Entdeckungsfahrten ziehend, benützen die Straße nur, um nach Häusern mit einem zweiten Ausgang oder gar einem dritten zu fahnden. Ideelles Ergebnis der Suche mochte uns ein »Fuchsloch« sein, jenes Verbrecherhaus aus Hackländers »Europäischem Sklavenleben«, oder eine geheimnisvolle Villa, in die Stuart Webbs dringt, – obwohl Hackländers Romane schon damals längst gestorben und Ernst Reichers Films noch lange ungeboren waren (Gott sei Dank!).

Die Stadt leistete uns Gewähr dafür, daß wir fanden. Auch die Durchhäuser unterliegen dem Gesetze der Kontinuität, eines greift in das andere über, und man kann durch ganze Stadtteile Prags gehen, ohne die offene Straße zu etwas anderem als zum bloßen Ueberschreiten benützen zu müssen, sozusagen auf dem Landwege. Gegenüber der Piaristenschule, aus der wir kommen, tauchen wir in das Haus Herrengasse Nr. 10 und gelangen durch das Tor der Schwarzen Rose wieder an die Oberfläche. Vom Graben geht man durch das Pariser Gäßchen, den kleinen Basar. (Er ist mit Glas gedeckt, ein Markenhändler hat Kuverts im Auslagsschrein, die zehn verschiedene Briefmarken zum Gesamtpreise von fünf Kreuzern enthalten; zwei davon kleben außen und betreffs der übrigen ist den Erwägungen freier Spielraum gelassen. Auch ein Sodawasserverschleiß mit aparten Mischungen ist da, und ein Bierausschank mit Typen betrunkener Markthelfer. Man kann natürlich ebenso gut durch den großen Basar gehen, wo man das dieswöchentliche Panorama-Programm mit der Karl Mayschen Realität vergleichen kann. Das Haus neben dem kleinen Basar, wo die Niederlage von Singers Nähmaschinen ist, hält seinen Ausgang auf den Obstmarkt zumeist verschlossen, und seit 1897 waren auch nur 70 wenige Gäste des Café Kontinental so glücklich, direkt aus dem Kaffeehaus auf den Obstmarkt hinausgelassen zu werden, da das Kolowratsche Palais in friedlicheren Zeiten seine Rückseite immer versperrt hält.

Ueberquert man den Obstmarkt, so hat man die Wahl zwischen vier Durchhäusern, die in die Zeltnergasse führen. Waghalsig muß man sein, um durch das äußerst rechte zu gehen, durch das Nachtlokal»Zum Kranz«. Daneben führt das zweite unter dem Café London und hat einen versteckten Seitenraum. Im dritten kann man manchmal Studenten in Vollwichs Fiaker besteigen sehen und Nummer 4 ist das »Stockhaus«. Alle zwischen der Mündung dieser in die Zeltnergasse und dem Ring gelegenen Höfe sind gleichfalls durchgangsfähig, aber obwohl sie scheinbar parallel zu den vorigen verlaufen, führen weder Altstädter Durchhaus, noch Sixtenhaus, noch die zumeist versperrten vier anderen auf den Obstmarkt, sondern in das Gemsengäßchen, an dessen gerüchtereicher Goldschmiede wir oft neugierig vorüberschleichen.

Von der anderen Seite führt der Straßenzug der Nichtstraßen weiter: Wenn das rückwärtige Tor des Adelskasinos geöffnet ist, durch das einst die Turn-Taxis'schen Postkutschen in ihre Remisen rollten, kann man in die Stupartsgasse schlüpfen, sonst muß man das Schrameksche Durchhaus benützen, wo die Photographien von Chansonettenbusen und Chansonettenbeinen dazu veranlassen, sich die Herrlichkeiten des »Chantans Sykora« phantastisch auszumalen.

Weiter kann man durch den »Tunnel« in den Theinhof. Gegenüber der Handelsakademie und neben der technischen Volksschule führt ein Durchgang, halb Gasse – halb Durchhaus, nicht Fleisch noch Fisch, vom Fleischmarkt in die Fischmarktgasse.

Nordwärts vordringend kann man von der Langengasse aus die Kastullusgasse auf dreien solcher subkutaner Wege erreichen (Nr. 11, 45, 47), die allerdings 71 erst wenige Kühne unversehrt beschritten haben, und auch die Fortsetzung in die Basteigasse ist nicht ungefährlich.

Unendlich ist der Durchhäusergürtel von der Galligasse ins Aegidyviertel und über dieses hinaus. Von der Eisengasse kommt man durch den Bierausschank Schlechta in einem rechtwinkeligen und loggiengeschmückten Häuserweg, von der Galligasse durch das Leberhaus, das schon 1356 ein Durchhaus war, oder durch das neue Gebäude »Zum Schleier« ins Ledergäßchen. Von dort wissen Kenner der Verhältnisse einen gedeckten Weg, der unter den Lauben des Altstädter Rings neben der Weinstube Binder mündet, ober man kann vom Ledergäßchen auch in andere Richtung hinaus, durch Melantrichs Geburtshaus »Zu den Kamelen« in die Schwefelgasse und von dort durch das Täubelhaus oder – an glücklichen Tagen – durch das Servitenkloster von St. Michael in die Michaelsgasse, und dann weiter durch die »Eiserne Türe« oder durch das Hlavsa-Gäßchen, dessen Flur ein würdiges Entree für das Altstädter Kaffeehaus ist, in die Aegidygasse. Von den Lauben des Grünmarktes aus führt, weiter gegen den Kohlmarkt zu, noch ein zweites Durchhaus in die Michaelsgasse, eng, gleichzeitig Vorhof zum Marktcafé Californien und auch Magazin für Verkaufsstände und Riesenschirme der Marktweiber. Seine weite, klösterlich anmutende Dependance führt neben dem Café »Zum grünen Adler« aus der Michaelsgasse in die Aegidygasse; ein Orgelbauer, ein Gemmenschneider und ein Präparator übten hier ihre besonderen Gewerbe aus und wir bestaunten ausgestopftes Getier. Das Eckhaus der Wejwoda- und Aegidygasse, auf dem ein Relief des 17. Jahrhunderts zwei moderne Tennisrackets zeigt, ist gleichfalls ein Durchhaus, und auch das Dominikanerkloster. (Karlsgasse–Husgasse.) Die Staussche Bierniederlage hat ein – ach, fast immer versperrtes! – Hintergebäude neben der Deutschen Technik in der Husgasse, durch das man in die 72 Liliengasse kann; eine Abzweigung dieses Laufgrabens führt in die Kettengasse. Gegenüber ihrer Mündung ist der vor 17 Jahren stark frequentiert gewesene Gang der St. Wenzelsvorschußkassa. Uebrigens dient der Hof des anschließenden Eckhauses der Ketten- und Liliengasse als Entlastung für den Passantenverkehr des schmalen Teiles der Kettengasse. Fortsetzung folgt durch den Annahof; einer seiner beiden Durchgänge zeigt die verdorrte Hand des Frevlers, der sich hier an dem Schmuck der Madonna vergreifen wollte. Von der Annagasse und vom Annaplatz nach rechts in die Karlsgasse, vom Annaplatz durch das gräflich Pachtasche Palais, das herrlichste und verwahrloseste Prager Barockhaus, nach links in die Naprstekgasse . . . und so fort. Die Durchhäuserlinie der Konvikts- und Bartholomäusgasse bilden die Fortsetzung auf die linke Seite des Netzes, das dreiköpfige Klementinen gegen die rechte.

Gewiß, für uns Knaben ist jedes Durchhaus durchaus jeder Gasse vorzuziehen, sogar die nüchterne Linie durch Neubauten.

Aber wichtig sind diese Durchhäuser im allgemeinen für uns nicht.

Muß man sich doch vor Augen halten, daß es vier Kategorien gibt: 1. Freiwillig gestatteter Durchgang. – 2. Bis auf Widerruf gestatteter Durchgang. – 3. Verbotener Durchgang. – 4. Gar keine Tafel.

Nur die beiden letzten Arten sind für uns von Reiz. Hier kommt zum Trieb nach Erschließung der inneren Materie und nach Entschleierung der Intimität, dem Enträtselungsdrang der Menschheit, noch der Kitzel des Verbotenen hinzu. Jede Frau, die sich vor dem Hauseingang oder im Hofe zu schaffen macht, kann die Hausmeisterin sein und Böses gegen uns im Schilde führen.

Von jeder Pawlatsche, unter der wir forschend schleichen, kann in gehässigster Absicht der Inhalt eines üblen Gefäßes über unsere Häupter geschüttet werden. 73

Der Argus mag argwöhnen, daß wir gewöhnliche Lausbuben seien, die hereinkommen, den Handwagen als Schaukel, die Teppichstange zum Ueben der Kippe und die Deichsel der Streifwagen zum Versuch der Bauchwelle, die Kurbel der Wäschemangel als Drehorgel, die Kisten als Ritterburgen und jeden Winkel als Anstandsort zu gebrauchen. Oder haßt uns des Hauses redlicher Hüter bloß deshalb, weil wir ohne Zugehörigkeit zum Hauswesen, den Kot der Straße auf die Fliesen tragen, die seiner Obhut anvertraut sind? Schreit er uns bloß deshalb so wütend an, um uns vor der Wiederkehr abzuschrecken und so zu verhindern, daß der Durchgang ein Servitut werde? Dann würde, oh Schrecken! das stille Haus über Nacht zur Straße, zum Korso . . . die Hausmeisterin des verbotenen Durchganges im Zigeunergäßchen wird vielleicht nach einem Rencontre mit uns von schrecklichen Träumen geplagt: Leichenzüge fahren durch den Hof, ein Aufzug mit historischen Gruppen zieht durch den dunklen, engen Gang, die goldenen Speichen einer Hofkalesche verfangen sich an der Kurbel der Wäschemangel, der Sokolkongreß tagt in dem Höfchen und führt auf der Teppichstange und der Wagendeichsel turnerische Uebungen vor, auf den Kisten steht eine wirkliche Ritterburg, geharnischte Ritter hoch zu Roß rennen sie mit gefällten Lanzen an, und an den Wänden ist eine lange Reihe von Menschen angestellt, um sie zu besudeln – –

Man tut uns unrecht, wenn man uns für Gassenbuben hält. Wir sind Antigassenbuben, sind Durchhäuserbuben. Wir haben hier keinerlei Unfug vor. Unser Sinnen geht nur dahin, ein Hintertürchen zu entdecken, durch das sich plötzlich der Eingang in eine neue Welt öffnet, einen ungeahnten Erdteil, eine herrliche Stadt, ein prächtiges Boulevard: – – das Kotzengäßchen. Fürwahr, unsere Besuche sind harmlos. Niemand aber glaubt uns das, und so müssen wir uns vor Verdächtigungen der Hausbesorger und Hausbewohner 74 schützen, indem wir – den Topf des Damokles mißachtend, der über unseren Häuptern schwebt, – mit kecken Schritten und harmloser Miene in das fremde Tor eintreten: so, als ob wir hier zu Hause wären. Die Freude an der gelungenen Ueberlistung erhöht den Entdeckerstolz.

An welch herrliche Durchhäuser weiß ich mich noch aus meiner Jugendzeit zu erinnern: Allein am kleinen Ring kenne ich sechs: Parallel zum Richterschen Durchhaus führt (aus dem Durchgang des Altstädter Kaffeehauses) ein Seitengang in den Hausflur neben der Calveschen Buchhandlung, daneben hat das Eckhaus der Karlsgasse einen wegsamen Pfad, das Postamt kann zur Erreichung des Leonardiplatzes benützt werden, die halbkreisförmige Passage, die neben der »Minuta« unter die Lauben läuft, kennt jedermann, wogegen jener stockdunkle Minenstollen, der zwischen »Goldenem Fasan« und »Grünem Frosch« seinen Eingang und im Rathausgäßchen seinen Ausgang hat, zur Freude des Hausmeisters terra incognita ist.

Gegenüber dem »Platteis«, dem Boulevard unter den Durchhäusern, liegt der Häuserblock, in dem Mozart und, dementsprechend später, der »Klub deutscher Künstlerinnen« für die Hebung der Kunst wirkten. Das weiß ja jedes Kind, aber alle Ausgänge, den auf den Bergstein, den auf den Kohlmarkt, den in die Schalgengasse und den ins Martinsgäßchen kennt vielleicht nicht einmal die Klubfunktionärin. Schon mancher, der von der Zeltnergasse ins Landesgericht eintrat und es nicht so bald zu verlassen glaubte, hat dann doch ein Hintertürchen gefunden, das ihn auf den Obstmarkt brachte. Auch die Polizeidirektion ist als Verbindung zwischen Bartholomäusgasse und Postgasse zu verwenden, – wir machten aber keinen Gebrauch davon. Ebensowenig haben wir je das Piaristenkloster benützt, Gymnasialprofessoren und Volksschullehrer schienen uns erschreckliche Hüter. Die Postdirektion dagegen begingen wir 75 gerne und häufig, bevor die Schalterhalle geschaffen wurde, die ein Verkehrshindernis für den Fußweg Heinrichsgasse–Bredauergasse bildet. Na, vielleicht mußte das sein. Aber warum hält denn die Finanzlandesdirektion nicht immer ihre Tore auf den Josefsplatz, der Pořitsch in die Reitergasse und Hibenergasse offen? Hier könnte man so schön »Räuber und Polizei« spielen, wenn die Behörde nicht solcherart die schöne Gelegenheit zur Förderung der Jugendspiele versperrte. Kann man unter solchen Umständen z. B. vom Brauhaus Rozvařil (Florenzgasse und Pořitsch) mehr Toleranz verlangen?

Terrassenförmig ansteigend ist der Weg durch das Emaus-Kloster ein Unikum. Schön wie das Alchimistengäßchen ist die Häuserverbindung zwischen Frantischek und dem Klostergäßchen bei der Agneskirche. Das Agneskloster selbst verzweigt sich vom Frantischek durch eine Menge von Höfen mit Glockengießereien, Mistwagenburgen, Schlossereien, Steinmetzwerkstätten und dergleichen in die Agnesgasse. Aehnlich im Milieu und damit auch dem Durchhaus ähnlich, in dem Raskolnikoff seinen Raub versteckte, ist nahe davon ein Häuserstollen zwischen Ziegengasse und Gemeindehofgasse. Auf dem Wenzelsplatz ist außer den Passagen nur ein Durchhaus: der Korridor zum Jungmannsplatz. Vornehm, verboten und stark benützt ist der Durchgang von der Opatowitzergasse in die Brenntegasse. Durch das Grenzhaus des Petersplatzes und der Tuchmachergasse kann man, an überreichen, barocken Loggien vorbei, in die Petersgasse gelangen. Das Deutsche Haus hat auch einen bummelpolitisch wichtigen Ausgang auf den Heuwagsplatz neben der Produktenbörse. Das Piccolomini-Palais auf dem Graben endet ruhmlos in die Sackgasse bei der Reitschule in die Herrengasse, mitten durchs »Carolinum« verläuft die Sprachgrenze und verhindert seine Benützung als Durchhaus, zum Bier im »Goldenen Kreuzel« kann man von der Nekasalkagasse oder von der Heinrichsgasse gehen, von Wein, Weib und 76 Gesang aus dem Seilergäßchen in die Rittergasse, das Durchhaus durch den »Konvikt« ist besonders durch die vielen Gipsabgüsse interessant, die im Hofe stehen. An der Biegung der Benediktsgasse steht ein großes Haus, durch das man sich – von »Schuha« kommend – unbemerkt in die Elisabethgasse schleichen kann. Fast jedes Hotel an der Peripherie der Stadt hat zwei Ausgänge.

Das linke Moldauufer ist ein Kapitel für sich. Die meisten Adelspaläste haben romantische Hintertürchen und versteckte Seitenwege, oft durch die Gärten führend. Die Hofburg ist ein großes Durchhaus . . . Neben dem Thun-Hohensteinschen Palais in der Spornergasse steigt ein Tunnel durchs Redemptoristenkloster sanft gegen die alte Schloßstiege an. Vom Malteserplatz in die Karmelitergasse führt außer den Wegen durchs Hotel Garni und Hotel Post, die wir oftmals benützt haben, noch ein dritter; anderseits kann man durch das sagenumsponnene »Sieben-Teufel«-Haus zum Grandprioratspalast. Den Gang durch das einstige Hotel Bad zur Insel Kampa werden gewiegte Pfadfinder schon längst ausfindig gemacht haben. Durch Zeughaus, aber auch durch das Haus des Photographen Eckert – Vorsicht! Bissiger Hausmeister! – kann man gegen die Kampa zu, durch das Oberlandesgerichtshaus vom Radetzkyplatz in die Spornergasse, gegenüber durchs Statthaltereigebäude auf dem Fünfkirchenplatz, und von hier im Wege des Landtages, aus dem ersten Stock – herrlich! – in die Thomasgasse. Vom Radetzkyplatz zum Fünfkirchenplatz kann man durch den »Montag«, von der Wälschen Gasse zum Kleinseitner Ring durch die Torbögen des Postamtes. Im Garten des Renthauses auf der Kleinseite hielt Klofac einmal ein Meeting ab, die deutschen Zeitungsberichterstatter, die durch das Renthausgärtchen eingetreten waren, mußten im weiteren Verlaufe des Meetings dieses durch die Spornergasse verlassen.

In der Kriminalistik der letzten Jahre haben die Durchhäuser (wenn man von dem lumpigen Totschlag 77 an der Kellnerin Kotab im Platteis, von dem inoriginellen Raubmord an der Pfandleiherin Anna Nepomucky im »Borschhof« am 19. Jänner 1918 und von den täglichen Nahrungsmittelgeschäften in der Altstädter Markthalle absieht) nur einmal eine größere Rolle gespielt: Nach dem Raubmord am Gastwirt Jellinek in Smichow ist Litera in die Palackystraße entflohen; zur Strafe wurde das Durchhaus beseitigt und zur Vermeidung künftiger Mordtaten steht heute ein Volkskino an der Stelle des Gasthausgartens. Sonst sind Kinotheater nicht grundsätzliche Gegner von zwei Ausgängen; siehe: Lidobio, Konvikt, Lucerna, Passage &c. &c. Auf den bekannten Großstadtschwindel, den Besitzer einer Ware vor einem Hause warten zu lassen und mit seinem Paket durch einen zweiten Hauseingang zu verschwinden, fällt in Prag wohl nicht einmal ein fremder Bauer hinein – auch er weiß, daß Prag die Stadt der Durchhäuser ist.

Daß in die vorstehende Monographie etwa auch der neue Durchhäusertyp, die »Passagen«, einbezogen werden sollen, wird kein echter Prager verlangen. Was sind sie denn, diese Passagen, he? Ganz gewöhnliche, moderne Straßen, die sich mit einem Dache maskieren, damit man sie mit unseren guten, alten Durchhäusern verwechsle. Wo aber haben sie denn den Märchenzauber der Prager Höfe, wo haben sie die geheimnisvollen Ein- und Ausgänge, wo den Zerberus – Hausmeister, der mit dem Besen den Eintritt verwehrt, und wo vor allem die unwiderstehlich einladende Tafel: »Durchgang verboten. – Průchod zakázán!«?

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Wir lasen Karl May.

In den Cordilleren, am Rio de la Plata, im Lande des Mahdi, im wilden Kurdistan, auf der Strecke von Bagdad nach Stambul, im Reiche des silbernen Löwen 78 kannten wir uns unvergleichlich besser aus als in den inzwischen verblichenen, im damaligen Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern. Die Biographien von Sam Hawkins (sprich: Haffkins), Old Death (sprich: Däat), Old Wabbles, Old Surehands, Old Firehand, des blau-roten Methusalem, Hadschi Halef Omar ben Abbul Abbas Ibn, des roten Gentleman Winnetou, Ikwehtsivas, des Utah-Häuptlinas Tusagha-Saritsch, – genauer wußten wir sie als Schillers, Grillparzers, Lenaus. Mit der Naturgeschichte der Prärie und der Sahara waren wir vertrauter, als mit jener Pokornys, und die nur für den echten Araber aussprechbare und deshalb als Schiboleth angewandte Sure des Todes konnten wir fließender hersagen, als die im »Kanon der für den Lehrplan der dritten Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte«.

Kein Wunder, denn wir hatten während der Schulstunden einen der Fehsenfeldschen Bände unter der Bank aufgeschlagen, die Zehn-Uhr-Pause wurde für die Fortsetzung der Lektüre geopfert, und der Weg von der Schule nach Hause wurde im Schnellschritt zurückgelegt, weil man daheim in dem Buche weiterlesen konnte. Allerdings mußte man dieses mit den Deckeln von Putzkers Historischem Handatlas maskieren, um bei den Eltern den Glauben zu erwecken, man sei über ein Lehrbuch gebeugt.

Praktikum: oben auf dem Belvedereplateau, damals noch nicht planiert. Zur Seite des Hauptweges ein breiter Straßengraben, vier Meter tief, die Wände von ausladenden Büschen bestanden. So waren wir unten vor Blicken der Spaziergänger geschützt, ungestört konnten wir unseren Kriegsrat abhalten, in eine alte Tabakspfeife stopften wir Gras und rauchten das Calumet. Jeder trug seinen Prärienamen, – »Old Shatterhand« durfte freilich keiner heißen, das hätte der Ehre zuviel und die Herrschaft über uns gewährt, und wir waren also antimonarchistischer als Leonhard 79 Franks »Räuberbande«. In Scouts, Comanchen und Apachen teilten wir uns ein, was allerdings nicht ganz im Geiste unseres Autors war, bei dem immer die Feinde unterlagen, so überlegen sie auch manchmal waren. In solchem Falle fachten sie eben in einer Falle ihr Lagerfeuer an, und Winnetou, den Hügel beschleichend, wunderte sich selbst über die Wiederholung der strategischen Situation: »Uff,« flüsterte Winnetou, »schon wieder ein Talkessel.«

Im Oktober 1918 kam folgende Botschaft zu uns: Old Shatterhand war auf dem Kriegspfade in Prag angekommen. May führte hier persönlich einen Rechtsstreit gegen einen tschechischen Verleger wegen der Uebersetzung seiner Bücher; der Prozeß endete mit einem Vergleich.

Im Hotel de Saxe wohnte er, und der Portier wurde von kurzhosigen Greenhorns überlaufen. Sie alle kamen, den kühnen Präriehelden zu sehen, den sie früher oder später weit übertrumpfen wollten. Zitternd empfingen wir die Botschaft, wir mögen zum Herrn Doktor ins Zimmer kommen. Er machte uns geheimnisvolle Andeutungen über ein entsetzliches Ende, das Hadschi Halef Omar genommen habe, über eine Goldgrube, die er vor kurzem im Llano Estacado entdeckte, deren Ausbeutung aber gefahrdrohend sei. Etcetera. Mir, als dem Sprecher der Schüler, hat er zum Andenken »Old Surehand«, Band III, geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse, dem Trapperhut, den Mokkasins und Henrys Revolver vorfindet. Dazu schrieb er: »Das Leben ist ein Kampf; ich lebe, nur zu kämpfen, ich sterbe, nur zu siegen.« Später fand ich den Spruch in Goethes Werken wieder.

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Gewiß war es nur die Ansichtskarte, die 1897 den Wiener Reichsrat so populär machte, den 80 Griechentempel am Franzensring zum Volkshause ganz Oesterreichs, die Themen und die Abgeordneten in allgemeines Interesse rückten, und die parlamentarischen Vorgänge in ganz Oesterreich stürmische Resonanz finden ließ.

Dem zufälligen Entwicklungsstadium des Ansichtskartensammelns dankten Abgeordnete ihre Prügel, Duelle und Bedeutung, dem eben modern gewordenen Ansichtskartengenre dankten Minister ihren Sturz, Kaufläden in Graz, Prag und anderwärts ihre Plünderung, Ausnahmsgerichte ihr Entstehen, Gefängnisse ihre Ueberfüllung! Die Postkarte mit den Gesamtansichten von Dörfern und Städten, den Chromolithographien von Kapellen, Plätzen, Villen und anderen Sehenswürdigkeiten war schon ein Gegenstand allgemeiner Sammelwut, die Spezialisierung hatte kommen müssen. Und sie war gekommen! An Stelle der photographischen Ansichten wurde die politische Ansicht auf der Postkarte veranschaulicht. Eichenlaub, germanische Göttergestalten, Runen, Kornblumen, der nationale Dreifarb bildeten Umrahmungen für idealisierte Bilder konnationaler Abgeordneter, neben welche ein sehr markanter Satz aus einer ihrer Reden gedruckt war. Zerrbilder gaben den Gegner der Lächerlichkeit preis.

Diese Gegner waren oft hochgestellte Persönlichkeiten, und das war der Behörde nicht recht. Sie tat also, was sie immer tut, sie konfiszierte, und erzielte damit, was immer damit erzielt wird: Dinge, die sonst ungeachtet geblieben wären, nebelverdeckte Hintergrundsfiguren mit Kaiser Franz Josefs-Bart &c. wurden nun beachtet. Die verbotenen Karten erhielten besonderen Sammelwert, der Handel mit ihnen wurde schwunghaft. Man stellte eigens recht radikale Postkarten her, damit ein Verbot ihnen Wert verleihe.

Den Poststempel durften die beschlagnahmten Karten freilich nicht erlangen. Natürlich erhielten sie 81 den Poststempel doch. Denn es wurde nun recht zur Sammelsehnsucht, auf den von staatlichen Aemtern verbotenen Karten den Stempel von staatlichen Aemtern zu besitzen. Wenn man keinen befreundeten Postbeamten besaß, der das besorgte, so mußte man die Postkarte mit den beklebten Marken (Briefporto!) in einen geschlossenen Briefumschlag stecken: aus diesem war auf der rechten Seite ein Rechteck ausgeschnitten, daß die Marken der Karte freiblieben. Wütend mußte der Postbedienstete aus dem gegnerischen Lager seine Stampiglie auf die verbotene Karte setzen, die er zwar nicht sah, aber von der er wohl wußte, daß es eine verbotene sei. Aesthetisch wurde die Karte dadurch nicht gehoben, oft kam der »Brief« recht zerknittert an, auch propagandistisch ist es gleich, ob eine Karte Poststempel trägt oder nicht, das Geld für die doppelte Frankierung ist hinausgeworfen, – aber wer wagt es, die Psychologie des Sammlers ergründen zu wollen!

Natürlich waren das Hauptziel der kartographischen Angriffe Ministerpräsident Graf Kasimir Badeni und seine Sprachenverordnungen. Ewig wurde er mit einer winzigen Tschapka karikiert, die wie ein Clownhütchen auf der Glatze saß. Als die deutsche Obstruktion einsetzte, und die Lage des Premiers kritisch wurde, lag der Witz nahe, ein Zerrbild des Grafen herzustellen, wie er sich mit strampelnden Beinen aus einer Tonne voll Wiener Galläpfeltinte herauszuarbeiten versucht. Und darunter die schadenfrohe, verspätete Warnung: »Bade-ni(e) in der Tinte!«

Je kritischer sich die Lage der Regierung gestaltete, desto besser paßte dieses Wort und desto größer war der Absatz dieser Karte. Oder umgekehrt. Nachahmungen und Varianten treten auf den Plan, und es ergibt sich der Fall, daß man über die gesamte Tätigkeit einer Regierung einen lückenlosen Detailbericht in Form eines Ansichtskartenalbums vorlegen könnte. Wir finden auf den Karten nicht nur des Grafen karikiertes Bild, wir sehen die Polizei ins Abgeordnetenhaus 82 dringen, wir finden »Parlamentarische Stilleben« mit gezücktem Messer, zerbrochener Präsidentenglocke, spritzenden Sodawasserflaschen, fliegenden Tintenfässern, erhobenen Pultdeckeln, zerrissener Geschäftsordnung und schallenden Kindertrompeten, wir erblicken ernste Apotheosen mit den »drei für ewig Unzertrennlichen«, Schönerer, Wolf und Iro, wir erhalten eine Darstellung des Pistolenduells zwischen Badeni und Wolf, Schriftleiter Hofer aus Eger blickt aus Kerkergittern ungebrochen auf die treuen Waffenbrüder. Die deutsche alma mater dolorosa Prags zeigt wegen Studentenstreiks und Akademikertag leere Bänke und am Katheder hängt ein Zettel: »Der Herr Professor liest heut' kein Kollegium . . .« Abgeordneter Lecher hält seine zwölfstündige Obstruktionsrede über das Ausgleichsprovisorium mit Ungarn. Im böhmischen Landtag ruft Wolf den gereimten Imperativ ins hohe Haus: »Slavný sněme, pack' mer z'samm' und geh' me!« Der Kampf gegen Rom wird behandelt, und hagere Jesuitengestalten auf bissigen Schwarz-Weiß-Kärtchen schickt »Der Scherer« aus Innsbruck ins Reich. Jeder Volkstag, jedes Sängerfest, jede Abgeordnetenwahl, jeder Schutzverein, jede Protestversammlung, jede Studentenvereinigung, jeder Bauerntag, jeder Sängerkampf und jedes Wetturnen haben ihre Postkarten, die Wotan, Germania oder St. Michael mit dem Flammenschwerte zeigen, Vorkämpfer aus deutschen Freiheitskämpfen erleben neue Wirkungen, denn ihr Bild erscheint auf den Karten. Die Porträts der »volkstümlichen« Abgeordneten, deren Namen man bisher nie gehört hatte, werden auf Ansichtskarten vervielfältigt.

Bis am vorletzten Novembertag die ersehnte Demission erfolgt und die Ansichtskarten »Badenis Glück und Ende« veranschaulichen können. Karikaturen beenden den Kampf, so wie sie ihn eingeleitet haben. Graf Badeni reitet, die Kontuszowka-Flasche umgehängt und die ramponierte »eiserne Faust« am Sattel 83 befestigt, gen Galizien, wo ein Statthalterthron für ihn bereit steht. »So leb' denn wohl, du stilles Haus«, ruft er nach rückwärts gewandt dem Hansenschen Bau zu, dessen »Stille« ihm wohl noch lange in die Ohren klingen wird. Und auf einer modernen Karte sieht man ihn wieder mit der Tintentonne; er ist endlich herausgekrochen, triefend und traurig steht er da: »Endlich komm' ich aus der Tinte.«

Stürme verebben nicht rasch. Schon werden neue Karten gedruckt, und zeigen die Podiebradka, die deutsche Minoritätsschule in Wrschowitz, das Hans der Schlaraffia, das Wort »provokace«, den Graben und den Wenzelsplatz, Prag 1897. Dann geht auch das vorüber.

Und nach zwanzig Jahren tritt an die Stelle der politischen, nationalen Ansichtskarte die Feldpostkarte, was eine naturnotwendige Entwicklung ist.

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Mein altes neues Theater! Jawohl, mit mir ist es geworden.

Da ist zuerst die Kinderzeit – Weihnachtsvorstellung. War das ein Erwarten, war das ein Vorbereiten! Was weißt denn du, du abonnementverpflichteter Theaterbesucher, der der Direktion pflichtschuldig deine Serie absitzt, aus deinem Bureaurock in den Smoking schlüpfest, rasch in die »Neuner« springst, um abgehetzt vom Kampf ums Dasein dasein zu können, wenn Premiere ist und in den Zwischenakten von Politik und Börse und anderen Wichtigkeiten sprichst, – was weißt du heute noch von den Gefühlen, die dich bewegten, als du zum erstenmal ins Theater durftest!

Ach, das Hoffen, Fürchten und Sorgen! Schon eine Woche – oder war's ein Jahr? – vorher ging es zu Hause an. »Schön die Suppe aufessen, sonst darfst du nicht ins Theater!« Oder: »Du weinst wie ein 84 Gaschkind und willst schon ins Theater gehen?« Aber endlich kam der Weihnachtstag, man war ein Mann und durfte ins Theater – ganz wie Papa und Mama. Immer näher kam das schöne Haus, das man vom Stadtpark her schon kannte. Aber heute sah es ganz anders aus: So große Kugeln brannten darauf und zwei oder drei Polizeimänner davor und viele Menschen gingen hinein.

Und erst drinnen! Ach, das kann man gar nicht erzählen, wie schön das war. Da waren hunderttausend Millionen Menschen darin, lauter Kinder und manche saßen unten in so langen Reihen nebeneinander und manche wieder in solchen kleinen Zimmerchen an der Wand und achtzig solche Stockwerke waren da und zwischen den Sitzen unten waren Gassen und dort waren Diener, die waren schöner angezogen als der feine Portier in der Hibernergasse, und so viel Lichter brannten da und Engelchen hielten sie, die waren sehr schön, und da war der Vorhang, da war ein Dichter mit einer Leier darauf, und viele schöne Menschen, und dann klingelte es und es wurde dunkel, aber ich fürchtete mich gar nicht, es dauerte ja nur ein ganz kleines bißerl, und dann ging der Vorhang auf . . . Ah! Da war die Fee, nun sah ich sie zum erstenmal, von der ich schon so oft gehört, und dann kam der brave Karl und weinte, weil ihm der Vater gestorben war, und die Fee hörte ihn und versprach ihm zu helfen. Da klatschten wir alle in die Hände, denn das war sehr schön von der Fee, und dann sagte sie dem Karl, er solle hinter dem Strauch graben, und verschwand. Wie dann der Karl zu graben begann, kamen drei dumme Kerle, die waren aber mordsdumm, und lachten ihn aus. Aber der Karl grub weiter, bis er – natürlich Sie lachen, Herr Kritiker!

Es war wirklich ein riesig schönes Stück, was verstehen denn Sie!

Am Tage nach der Vorstellung begann eine neue Zeit für die Kinderstube. Die Zinnsoldaten wurden 85 Schauspieler; die Puppe war die Fee, alles mußte Theater spielen. Und ich begrub ein Ideal meiner bisherigen Kinderzeit, indem ich mich nun definitiv entschloß, nicht mehr Pferdebahnkondukteur werden zu wollen, sondern ein Schauspieler, wie Thaller, Schlesinger und Löwe!

Was ist die zweite Epoche im Leben? Nach der Kindervorstellung kommt die Schülervorstellung. Die klassizistische Periode. Schiller, Götz von Berlichingen und dergleichen. Gereifte Männer von zehn Jahren waren wir, mit »Sie« sprachen uns die Lehrer an. »Staberl auf Reisen« wurde vom nachmittäglichen »Wilhelm Tell« verdrängt, »Zwerg Nase« von »Maria Stuart«, wir wollten nicht mehr Gustav Löwe werden, sondern Max Piccolomini, nicht mehr Willi Thaller, sondern Arnold Melchthal. Wild entschlossen lief ich zu Hause umher und ließ brüllend die Warnung an die Familienangehörigen ergehen: »Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!« Aus dem Wäscheschrank trat ich, in ein Leintuch gehüllt, hervor und offenbarte mit Grabesstimme meiner Mutter zu ihrem unverhohlenen Erstaunen die furchtbare Wahrheit:

»Ich bin deine Bertha nicht,
Bin die Ahnfrau dieses Hauses,
Deine Mutter, Sündensohn.«

So ging es, bis wir Quintaner wurden. Dritte Periode: Abendvorstellung. Jetzt interessierte uns schon der Georg im »Götz« und die Thekla nicht mehr ganz so intensiv wie ihre Darstellerinnen. Und auch bei den männlichen Gestalten identifizierten wir nicht mehr Rolle und Darsteller, sondern übten scharfe Kritik. Nicht immer kamen Kirch, Lützenkirchen, John oder Moissi mit den besten Noten davon. Ein »Verein zur Hebung literarisch Gesunkener und zur Rettung des deutschen Dramas« entstand in unserer Klasse, in den 86 Schulpausen übten wir mit unseren Havelocks den Faltenwurf der Toga und mit Stentorstimme verlangte jeder die Anerkennung seines dramatischen Könnens: »Mitschüler! Freunde! Römer! Hört mich an!« Wenn wir aber in Wohnungen unserer Mitschüler »probten«, dann liefen die Hausbewohner, durch das Gebrüll entsetzt, verstört zusammen, im ersten Stockwerke unter uns bröckelte Mörtel vom Plafond, die Möbel wackelten und stürzten, vor dem Hause sammelten sich Menschen und schrien nach Ambulanzwagen, Zwangsjacke, Polizei oder Gemeindetruhe, und den Eltern unseres mitschülerischen Gastgebers, die natürlich ahnungslos außerhalb des Hauses weilten, wurde bei ihrer Rückkehr brüsk, erbarmungslos die Wohnung gekündigt. Banausenvolk!

Der Theaterbesuch war unser Sport, unsere Leidenschaft. Stehgalerie, Stehgalerie! Du schönste Jugenderinnerung. Hoch vom Olymp herab ward uns die Freude, ward uns der Jugendgöttertrank beschert. Schon um drei Viertel vier Uhr wurden wir in der Stenographiestunde unruhig, die Bücher wurden unter der Bank gepackt, und mit dem Glockenzeichen des Schuldieners jagten wir im Galopp hinaus zum Theater, um uns zwei Stunden vor der Türe zu drängen, zu balgen, zu schwitzen, zu dulden und zu leiden. Realschüler und »Gimpeln« fochten hier ihre Kriege aus, französische Tiernamen flogen hinüber, lateinische Schimpfworte zurück. Die Technik des Anstellens war eine eigene Kunst. Der kleine Anton, der behend durch die Füße der anderen durchzuschlüpfen wußte, hatte das Geld – die Zahl unserer Gruppe multipliziert mit zwanzig Kreuzern – in der geballten Faust, Artur, der gefürchtete Mittelhalf, war breitspurig und gefahrdrohend hinter ihm, »stand Mauer«. Bis dann um sechs Uhr die Türe – gewöhnlich mit Scheibenklirren und Splitterregen – geöffnet wurde. Husch, war der Anton am Schalter, die Karten waren im Nu verteilt, und schon raste die wilde Jagd die 87 Stiegen empor, dem Billetteur wurde die Karte zugeworfen, und in dem linken Korb landeten wir, wo sich die Galerie bedeutender Zeitgenossen ein Rendezvous zu geben pflegte. (Novizen eilen immer in die Mitte.)

Wer vorne an der Brüstung stand, der setzte sich immer aufs Geländer. Bis der alte Galeriediener Wenzel kam und kneifend dies verbot. Der alte Wenzel hätte gerne gut deutsch gesprochen, und weil er das Wort »Klandr« als verstümmelten Dialektausdruck erkannte, so rief er immer laut und vornehm:

»Geh'n S' herunter vom Kalender.«

Auch Fehden gab es im linken Korb, wenn Outsider sich auf unseren Stammplatz eindrängten, wo auch einige Hochschüler ständige Gäste waren. Einmal bei einem Kainz-Gastspiel gab es zwischen uns und solchen Zugereisten einen argen Konflikt. Schimpfworte pfiffen kreuz und quer. Einer von uns machte die Bemerkung, daß Kainz von ungebildeten Lackeln gar nicht verstanden werden könne. Da kam aus Feindesmund die Antwort:

»Kainz ist ein Idiot.«

Totenstille. Ein Sakrileg, eine Majestätsbeleidigung, wie es die Galerie gräßlicher nie gehört. Kreidebleich sprang Techn. Lackner auf den Frechling zu: »Sie sind ein Idiot«, und haute ihm eine auf den Mund, der da gelästert hatte.

»Protokoll, fortgesetzt in der Ehrenangelegenheit zwischen M. U. C. X. Y. und Techn. Lackner, Prag, ›Zum Herzog Przemysl‹. Bei der Austragung des Ehrenhandels durch Waffen wurde Techn. Lackner im fünfzehnten Gang für kampfunfähig erklärt. Hiermit erscheint die Angelegenheit in ritterlicher Weise erledigt. Gelesen und gefertigt.«

Wenn auch der Säbelhieb nur ein halbflacher war – es hat doch einer für Kainz sein Blut verspritzt, und Kainz hat wohl nie etwas davon erfahren.

Ein junger Mann kam immer spät und abgehetzt, – man sah, daß er direkt aus dem Geschäfte hierher 88 gelaufen war. Und doch war immer rings um ihn ein freier Platz, er blieb vom Gedränge verschont. Weshalb? Der Jüngling – wir wollen ihn wahrheitsgemäß Orenstein nennen – war Angestellter der Oelfirma Porges in Karolinental und roch penetrant nach Petroleum. Deshalb stand er in üblem Geruche und einmal faßte sich einer das Herz und sagte zu ihm:

»Sie, Orenstein, weshalb kommen Sie eigentlich her? Sie verstehen doch gar nichts vom Theater und stinken tun Sie auch!«

Was Orenstein erwiderte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß wir bald erfuhren, daß er doch etwas vom Theater verstehe, denn er wurde bald Schauspieler in Berlin, Harden belobte ihn hoch, und binnen kurzem war er Direktor dreier großer Theater in Berlin. Freilich heißt er nicht mehr Orenstein, sondern Meinhard, und wenn er auch mit allen Salben geschmiert ist – mit Petroleum nicht mehr.

Auch unsere Zeit der Klassiker ging vorüber, auch die Zeit der Galerie. Wir wurden Premierentiger, zuerst waren es Ibsen und Hauptmann, später Sudermann und Philippi, dann kamen sukzessive Blumenthal-Kadelburg und – Flegeljahre! – Operetten, Ballett daran, und bald waren wir so dekadent geworden, daß uns an der Monna Vana alles andere mehr interessierte als der Mantel. Es ging bergab mit uns: Zuerst Sitzgalerie, dann erste Galerie, dann Stehparterre und schließlich waren wir – parterre. Bis die Zeit kam, da andere Sorgen die Lust am Theater ganz verdrängten.

Aber wenn ich manchmal zu dir in Erfüllung meiner Berufspflicht zu Gaste komme, du altes neues deutsches Theater, dann schweift mein Blick voll sehnsüchtigem Verlangen hinauf in die lichten Regionen, in denen ich als junger Bursch thronte, und inbrünstig dankbar grüße ich dich, Gefährte meiner Jugend! 89

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Der Lehrkörper der Zivilschwimmschule, nie wird er aus meinen ehrfürchtigen Erinnerungen schwinden: die Schwimmeister Nemec, Gebert, Plaß und Křiž, der Spiegelaufseher Fiala und der Bademeister Silnoušek. Aber auch die beiden Brüder Smolik und der alte Svoboda, welche die Schiffskapitäne auf den Ueberfuhrskähnen waren und um zwei Kreuzer das Ruder führen ließen.

Alle trugen eine rotweiß gestreifte Uniform, und wir hatten heillosen Respekt vor ihr. Wenn auch kein Degen an ihrer Seite baumelte.

Hoch oben thronte aber, im Atrium des hölzernen Tempels, den Dombaumeister Kranner geschaffen hatte, die Gottheit: Direktor Christen. Man wußte, daß sein Reich über die Bretterwelt hinausrage, bis zur runden Magdalenenkapelle der Cyriaken und weiter in die Belvederelehne hinein, in irgendein Gebiet, wohin es für uns nicht Einblick noch Eingang gab.

Wer sich versündigt hatte gegen die Gesetzestafeln, die gedruckt an den Wänden hingen, der wurde die Bretterstufen hinaufgeführt vor ihn, den Obersten der Richter. Nackt sah man sich vor ihm, triefend von Reue, Zerknirschung und Moldauwasser, zitternd und zähneklappernd vor Angst und Kälte, rot von Scham und Sonnenbrand und harrte des Richterspruches. Er aber stand da, mit seinem Namen, seinem grauen Vollbart und seinen blauen, guten Augen, eine biblische Gestalt. Milde gab er eine Rüge. Oder er verwies den Sünder für zwei, für drei Tage aus dem Paradiese.

Das war hart. Es hieß Abschied nehmen von der Welt der Trampoline, der beiden Sprungbretter, der Leiter, der Barriere, der Quellwasser- und Flußwasserdusche, des wackligen Barrens, des ächzenden Recks und der hohen Ringe, der Seelentränker, Boote und Jollen, des Spiegels und der Moldau, der Sandbank und der Wehr, der Wettläufe auf heißen Brettern und des Wettschwimmens im kalten Wasser, der Kopfsprünge 90 und der Saltomortale, des Leintuchs und der Schwimmhose, der Kastanienbäume und des Kiesweges, des Trinkgeldes und der Grobheiten.

Schwimmschulzeit! Alles fließt . . . Die Strömung ist stark, aus den Löchern der Duscheröhren strömt der Regen, quillt der Segen, und die Sonne ahmt ihnen nach; sie schickt ihre Strahlen auf die jungen Menschenkörper, welche braungebrannt sein wollen, wie die Apachen und Sioux-Indianer Karl Mays.

Das Leben ist eine Wasserpantomime, und die Menschheit teilt sich in zwei Gruppen, in Freischwimmer und Schwimmschüler.

Natürlich sind diese Hauptgruppen in verschiedene Subspezies geteilt: Die Freischwimmer gliedern sich in Abonnenten und Besitzer von Tageskarten. Die Abonnenten haben in den weitläufigen einstöckigen Flügelbauten ständige Auskleideräume, sie können ihre Schwimmsachen darin lassen, ihren Schlüssel neben das Eingangstor der Halle hängen und, wenn sie der reiferen Jugend angehören, aus den Fenstern (wenigstens vom Gebäude Nemec-Gebert aus) Intimitäten der Damenabteilung erhaschen. Aber die Besitzer eben gelöster Eintrittskarten leben unten in den Niederungen, sie sind Nomaden, wohnen heute da und morgen dort, müssen oft lange warten, bis eine Hütte frei wird, müssen diese mit wildfremden Individuen anderer Völkerschaften teilen und haben auch sonst kein schönes Leben: Wenn sie im Sommeranzug am Spiegel vorbei zu der ihnen angewiesenen Kabine gehen oder gar, an die Barriere gelehnt, auf das Freiwerden einer Kabine harren, springt aus dem Hinterhalt plötzlich ein junger Uebermut mit hochgezogenen Knien neben ihnen ins Wasser, daß seine vier Buchstaben gemeinsam auf den Spiegel klatschen, und das Wasser Hemd und Kleider der Ahnungslosen anspritzt. Denn die Elemente hassen das Gebilde der Menschenhand. Eine dritte Spielart der Freischwimmer sind die beglaubigten Meister des Wassers: Sie haben die 91 Schwimmeisterprüfung abgelegt, indem sie bis zur Karlsbrücke, von dort stromabwärts zu der (seither entschlafenen) Pilotenbrücke, zurück zur Schwimmschule und in dieser zwanzigmal den Rand des Spiegels entlang schwammen. Man zeigt sie einander, scheuer Bewunderung voll.

Die Kaulquappen, jene Menschenkinder, die noch ihre ersten Gehversuche im Wasser machen, sind in mancherlei Entwicklungsstadien zu beobachten. Erste Lektion: Der Schwimmlehrer zeigt ihnen am Lande Hand- und Fußtempo, schnallt ihnen den Gurt um, der an einer Stange hängt. Fortschritt: Noch an der Stange, aber der Schwimmeister schiebt sie an der Barriere fort, das sogenannte »Rutschen«. Weiterer Fortschritt: Die Stange entfällt, man wird an einem Gängelbande gezerrt, der »schweren Gurte«; aber noch darf man die Tempi bloß auf das Aviso des rotweiß gestreiften Professors machen: Aaaajns, zweidrei! Dann kommt die »leichte Gurte«, bloß zu Sicherheitszwecken locker in der Hand des Lehrers gehalten, dann wird man »spiegelfrei« und darf sich unangeseilt, aber noch unter Aufsicht des Meisters, innerhalb des Bretterrahmens als Freischwimmer aufspielen, und schließlich macht man die Vorproben in die Moldau hinaus, von einem Kahn begleitet, in dem der Schwimmeister und irgend ein Busenfreund des Adepten sitzen. Bis endlich die Stunde der Reife schlägt: Freischwimmprüfung. Diesmal sitzt neben dem Schwimmeister auch Seine Hoheit der Herr Direktor in dem Begleitkahn, der neben dem Prüfling bis zum Kettensteg (auch du schaukelst nicht mehr unter dem Schritt der Passanten, oh Kettensteg!) und zurück zur Schwimmschule fährt. wo man noch einen Spiegel zu schwimmen hat. Dann kriecht der Schwergeprüfte aus dem Wasser, alle Gäste laufen zusammen, der Direktor hält eine tiefempfundene Ansprache, warnt vor allem Schönen, reicht die Hand, man zahlt zwanzig Kronen Taxe, und dem Schwimmeister ein Abfindungstrinkgeld und ist frei. 92

Jetzt erst beginnt das feuchtfröhliche Sein: Man kann mit gehobenen Zeigefingern – alle Lehren von aaajns, zweidrei verachtend – Wassertreten, das Matrosenschwimmen mit abwechselnd vorgelegten Armen üben, einem ruhigen, alten Herrn, der zum Schutze seiner Ohren eine Gummikappe angezogen hat, auf den Kopf springen, mit einem Schustersprung irgendeinen trockenen Patron jählings bespritzen, oder sich schwimmend von rückwärts gegen einen ahnungslosen Freund anschleichen, um ihn durch einen energischen Druck auf beide Schultern unter die Oberfläche des Wassers zu befördern, was man das »Passakgeben« nennt.

Man kann »unversehens« in vollem Laufe gegen einen wasserscheuen Freischwimmer, der immer behutsam von der Stiege ins Wasser zu kriechen pflegt und sich dabei sorgsam Achselhöhlen und Brust befeuchtet, so heftig anstoßen, daß er von den Brettern ins Wasser taumelt.

Man kann sich von den Ringen in die Moldau plumpsen lassen.

Man kann einen Seelentränker kippen, um ihn dann wieder flottzukriegen und sich mit der Sisiphus-Arbeit abzumühen, ihn mit der gehöhlten Hand leer zu schöpfen.

Man kann den Ueberfuhrskähnen den Weg verlegen oder unter ihnen durchschwimmen.

Man kann in dem toten Wasser zwischen Schwimmschulbrettern und Belvederehang winzige Fische ins Taschentuch fangen.

Man kann zur Militärschwimmschule schwimmen und sich unter ihr ahnungsloses Publikum mischen, ohne als feindlicher Ausländer erkannt zu werden.

Man kann sich auf die vorbeifahrenden Flösse schwingen oder auf die, die drüben vor dem Lannaschen Holzgarten verankert liegen. 93

Man kann auch einen Kahn mieten und ihn auf das Wehr ziehen, das schrille Pfeifen des auf der Karlsbrücke oder bei der Trnkamühle postierten Wachmannes mit befriedigtem Lächeln überhörend, und kann durch die Schleuse fahren.

All das und viel mehr ist verboten, und man hat uns schlimme Beispiele erzählt. Generationen wissen, daß hier Prinz Benjamin Rohan und ein Herr Hock ertrunken sind, wir sind gewarnt, daß man nicht unter die Bretter schwimmen darf, nicht mit vollem Magen ins Wasser steigen, sich vor dem Krampf und vor Sonnenstich auf dem Kopfe hüten muß. Die Moldau ist trüb und schmutzig und verdächtige Objekte schwimmen einher, Doktor Altschul erhebt in seinen Sanitätsberichten Kassandrarufe von der Typhusgefährlichkeit des noch unkanalisierten Stromes, und wir, die wir die »Meyriade« auswendig können, könnten uns berechnen, daß das Prager Flußwasser noch schneller ins Jenseits befördern muß, als das Prager Trinkwasser, das »nach wenigen Minuten wirkt.« Aber wir sind jung und schlürfen das Moldauwasser in vollen Zügen. Selbst die Späne, die man sich fortwährend in die nackten Sohlen einrennt, halten uns nicht von den Wettläufen auf den heißen Brettern ab: Wozu ist Doktor Bunzel da, der »Dornauszieher«?

Wenn die Eltern nicht im Dreherpark vor der Anstalt warten und uns in die Kabinen jagen, so läßt man die Zeit des Abendbrotes verstreichen und schert sich den Teufel darum, ob sie sich daheim zu Tode ängstigen und uns mit Ohrfeigen empfangen werden.

Auch Regen, Blitz und Donner vertreiben uns nicht aus dem Wasser. Im Gegenteil.

Die Wassertemperatur, die neben dem Eingang täglich in großen Ziffern verkündet wird, interessiert uns wenig; vom Tage an, da die Sträflinge unter Anleitung der Schwimmeister das Wassertheater zu Ende gezimmert haben, bis zum herbstlichen Schluß der Saison sind wir tägliche Gäste. 94

Wir kommen direkt aus der Schule und bleiben bis zur Dämmerung.

Dann ziehen wir uns hastig an, die Oesen der Schuhe mißachtend, und nur schnell die Schnürsenkel knüpfend.

Mit Schrecken erkennen wir, daß uns ein Taschendieb unseres ganzen geringen Bargeldes beraubt hat.

Nur einen Kreuzer hat er uns in der Geldbörse gelassen, für die Brückenmaut, – ein schöner Brauch der alten Schwimmschuldiebe.

*

Eine Terrasse, aus zwei Flächen gebildet.

Unten, in der ersten, steht die Arena. Sie ist jetzt gesperrt, schreiben wir doch Winter. Bis der Sommer kommt, wird wieder der horizontale Rolladen, der hier Dach ist, geöffnet werden, der alte, schnaufelnde Herr Schlesinger wird Direktor, oder aber – als bevollmächtigter Minister Angelo Neumanns – Regisseur Hopp. Wolzogen wird mit Laura und dem Ueberbrettl kommen samt Oskar Straus und Leo Heller, bei »Familie Wawroch« wird es sozialistische Unruhen und Verhaftungen geben, Zwerenz, Niese und Dirkens werden von dem Auditorium erweckter Strohwitwer bejubelt werden, Treumann wird im Maxim und in den Prager Kontoristinnenherzen sehr intim sein, und kein Mensch wird ahnen, daß Paulsen, der mit geschlossenen Fersen und Fußspitzen zum Takte des Liedes »Lindemann, Lindemann, was geh'n dich denn die Mädels an« auf dem Podium umherhüpft, vielleicht schon in zehn Jahren tragische Heldenväter im Burgtheater spielen muß, welche wirklich die Mädels nichts angehen. Man wird bedauern, daß Herr Hofer, des edlen Wolf Bär Pfefferkorn braver Verkörperer, nach Schluß der Spielzeit wieder nach Teplitz zurückkehrt. 95 In den Logen werden Sommerkavaliere sitzen und auffällig in dem Momente von ihrem Platz verschwinden, wenn die kleine Freundin ihre Rolle als Lolo, Dodo oder Joujou zu Ende gespielt hat. Aber wehe dem Lebemann, wenn ihn Direktor Schlesinger bei der Damengarderobe erwischt. Der wird zwar bloß ausrufen »Mein Bordell ist doch kein Theater!«, aber er verdreht nur die Worte und meint es umgekehrt.

Auch das Sommerfest der Weinberger Deutschen werden wir erleben, und es wird wieder intimer, billiger, in sich geschlossener sein, als das große Frühlingsfest. Doppelt bunte Flaggen, Wimpel und Buden werden für die hier fehlende Schönheit des Kasinogartens einen Ersatz finden lassen, und Dilettanten werden als Vortragskünstler oder als Zeichner der Ansichtskarten mehr oder minder zur Geltung kommen.

Das ist alles Zukunftsmusik. Einstweilen ist das Theater noch winterlich gesperrt, und die Tische und Stühle der Restauration davor halten, aufeinander gelagert und zusammengekauert wie frierende Asylisten, unter der Veranda ihren Winterschlaf. Trostlos, öde und kahl ist es hier.

Aber gehet nur die wenigen Holzstufen hinauf zur zweiten Ebene, da werdet ihr Leben genug finden. Gleich links in dem gedeckten Raum zwischen der Herren- und der Damen-Wärmestube walten die Männer ihres Amtes, die mit großen Schlüsseln die Schlittschuhe an eure Füße schrauben. Vorausgesetzt, daß ihr mit »Merkur« oder »Halifax« gekommen seid. Habt ihr aber, ihr Reichen, bei eurem Kommen ein Paar Schnürstiefel unter dem Arm gehabt, an die, invisibiliter et inseparabiliter die kostbaren »Jacksan« festgeschmiedet sind, dann bedürft ihr keines Schlittschuhschlüssels und keiner Hilfeleistung von fremder Hand.

Der Kavalier ist daran kenntlich, daß er eine Pelzmütze trägt und den Winterrock in der Garderobe anlegt. Dagegen behält er die Handschuhe an. Manchmal 96 trägt er auch einen kurzen Stadtpelz, dann ist er schon gar ein Kavalier. In der Nähe der Wärmestube schleifen die Kinder. Schleifen? Sie haben die Füße so nach außen gedreht, daß die inneren Knöchel den Erdboden berühren und die Schlittschuhe flach auf der Eisfläche liegen. So hatschen die Kinder auf dem Eise umher, den Großen zum Hindernis. Da ist es doch noch viel gescheiter, wenn man so ein Baby in den Schlitten setzt und von einem der Garderobebeamten einige Male um die Eisbahn fahren läßt. Aber auch das stört die Künste der Bogenschleifer und mehr als einmal fluchen diese, daß für die Rotznasen »Lhotka« noch lange gut genug wäre.

Das ist aber übertrieben. Bei »Lhotka«, an der Ecke der Wassergasse und des Wenzelsplatzes, möchte man nicht bloß das Schleifen, sondern sogar das Rutschen als »glatte Unmöglichkeit« bezeichnen, wenn hier das Wort »glatt« nicht fehl am Orte wäre. Es sind lauter Sandhügel dort, und wo kein Sandhügel ist, steht ein Baum, gegen den man anrennt. Außerdem ist dort das Publikum sehr minderer Natur. Die Kinder hätten ganz recht, wenn sie gegen eine solche Verbannung zu »Lhotka« mit dem Hinweis erwidern würden, daß ja die erwachsenen Künstler auf die Primatoreninsel oder auf die Judeninsel auswandern können. Das tun aber die Stammgäste des Heinegartens auch nicht, denn die Judeninsel ist zu weit und die Primatoreninsel zu exklusiv. »Heine« aber ist die Schleifbahn der Mittelklasse.

Sie hat ihre Geographie. In der Mitte der linken Begrenzungslinie (vom Eingang aus gesehen) ist die offene Holzbude, in der eine Drehorgel die Musik besorgt. Wohingegen die Gouvernanten in der Wärmestube sitzen und einen Tauchnitzband lesen. Die Mädchen schleifen zu zweit oder einzeln, wenn sie die Möglichkeit ersehnen, von einem jungen Mann »um eine Runde« gebeten zu werden. Sind sie aber noch in dem Alter, da man die Sehnsucht nach der Annäherung eines Burschen nicht einmal den Freundinnen einzugestehen wagt, dann 97 fassen sich fünf, sechs oder noch mehr Mitschülerinnen bei der Hand und bilden eine Kette und stören die Bewegungsfreiheit auf dem Eise. Oben, hart an der Mauer, haben die Kunstläufer ihre Probebühne. Neidisch-neugierig umstehen sie die Novizen der Bahn und lassen anerkennende oder abfällige Bemerkungen von großer Sachverständigkeit darüber fallen, daß dieser Doppeldreier zu eckig, der Schlingenachter geradezu paragraphenähnlich, die Wende viel zu linear oder die Pirouette zu wenig spiral ist, wogegen ihnen das holländische Paarlaufen ziemlich gleichmäßig, der Dreischrittwalzer äußerst rhythmisch und der Kadettensprung sehr graziös erscheint. Wenn sich aber einer von den Schlittschuhschmocks, den Alles-besser-Könnern, tüchtig blamiert oder gar hinpurzelt, so nützt ihm kein erstaunt-unwilliges Kopfschütteln über das »zufällige« Mißlingen der Figur, er wird mit höhnischer Ostentation ausgelacht. Es gibt auch »Eisflöhe«, ganz kleine Buben oder Mädchen, die bessere Künste können, als die Erwachsenen und todsicher in wenigen Jahren als Meister dastehen werden, da sie doch schon an den Kindesbeinen die »Schecksen« angeschnallt hatten.

Die Eisbahn ist die oberste Hochfläche des Heinegartenkomplexes. Aber alles in der Welt ist relativ, und sie ist doch nur eine Tiefebene, und die Passanten der Zizka-, Pschtroß- und Manesgasse schauen sehr von oben auf sie herab. Diese Straßen sind nur auf einer Seite bebaut, die andere ist durch Bretter oder eine Barriere begrenzt, auf die sich die Zuschauer lehnen. Dezemberkälte hält sie nicht ab, stundenlang hinunterzusehen. Sie haben ein lebendes Bild vor sich, aber nicht eine jener sklavisch gestellten, starren Figurengruppen, welche viel lebloser sind, als das gemalte Original; nein, hier ist eine vom Bauernbreughel oder von Teniers gemalte Eisszenerie in die Realität gesprungen. Die aufsteigenden Grenzwände des Platzes sind der Rahmen, die glatte Bahn die Leinwand und jede der Figuren bewegt sich in den Linien, Farben, Wesenszügen und 98 Windungen, die ihr der Maler vorgezeichnet hat. Die Töne der Drehorgel dringen nicht bis hinauf zu dem hohen Beschauer. Er sieht nur die Musik, den unsichtbaren Rhythmus, in dem sich alles wiegt, und es scheint ihm, als ob da unten eine geheime Vereinbarung für den Takt aller Bewegungen getroffen worden wäre; sogar die Schneeflocken, die sich in Schlingen und Doppelschlingen auf die Pelzkragen und Pelze der Läufer niederlassen, glaubt der Zuschauer in dem rhythmischen Komplott, – wie sich's auch das Kinopublikum nicht anders denken kann, als daß der Mondscheinspaziergang der jungen Marquise mit dem mecklenburgischen Fischerbuben bei derselben Melodie stattgefunden haben muß, die eben der ahnungslos blinde Klavierspieler zufällig auf die Tasten haut.

*

Reinlich, bescheiden, ein Bettler an der Straßenecke, aber nicht von jener Gattung, die ihr Gebrest dem Passanten an die Brust setzt: »Geld oder Sterben«.

So sah ich das kleine Plakat wieder. Darüber, darunter, daneben schrien und wogten Kinoaffichen; Rowdies auf gebäumtem Pferd, Gerippe auf Trapez, eine bleichschöne Frau fällt sterbend zu Boden, grauer Vater beugt sich konvulsivisch schluchzend über sie. Intrigant blickt höhnisch auf die Gruppe. Vierfarbendruck, sehr grell, packender Titel, Angabe der Filmlänge in Kilometern, gigantische Buchstaben.

Lockt das noch? Haben wir nicht alle schauerlichere Dramen erlebt? Haben wir nicht Väter, Brüder und Söhne ins Feld ziehen gesehen und nicht mehr wiederkehren? Oder übermütige Freunde, die blind, siech und verkrüppelt zurückkamen? Nun, doch lockt das Kino. In einer kleinen Donaustadt, wo ein Jahr lang die Serben in die Fenster schossen und dann einige Monate die Rumänen, in dieser kleinen Stadt, die eine Armee der 99 Deutschen, eine Armee der Oesterreicher, eine Armee der Bulgaren, eine Armee der Serben und eine Armee der Rumänen in ihren Gassen gesehen hatte, in dieser kleinen Stadt, welche Flußübergänge auf Pontons und Monitoren, Montierung und Abfeuern von Zweiundvierzigern erlebt hatte, drängte sich – als sie befreit war – alles ins Kino, um die Fahrküchen eines Regiments in Galizien, den Stab eines Brigadiers in der Bukowina oder »Lehmann lernt boxen« zu sehen.

Im Kino spielt Musik, Samtfauteuils sind da, es ist dunkel, man kann sich mit der Geliebten unterhalten, ohne zu sprechen (Worte entfernen, Schweigen nähert!), die Detektivs haben in fremden Häusern geheime Gänge und vermauerte Aufzüge vorbereitet, Verbrecher schreiben – sich selbst entlarvend – Tagebücher, und Pferdeherden rasen über die Prärie. Bewegung ist alles!

Aber was will der Bettler in diesem Rummel, was will das kleine, weiße, rechteckige, bildlose, flüsternde Plakat: »Panorama«. Mitleidig liest man den Text: »Ungarn (Quellengebiet der Theiß). – Geöffnet von 9 Uhr früh bis 8 Uhr abends.«

Und man lächelt. Im Lichtspielhause sind die Suaheli, die auf ihren Kanoe durch die Stromschnellen von Unguja rasen (der Operateur kurbelt noch schneller) die langweilige, aber um des Theorems »Wissenschaftlicher Wert des Kinos« willen unvermeidliche Einleitungsnummer. Und im Panorama werden die Quellen der Theiß geboten! Nur die Quellen der Theiß. Unbeweglich. Eine Woche lang das gleiche Programm. Das Kino spielt bloß am Abend, das Panorama ist von 9 Uhr früh bis 8 Uhr abends geöffnet. Wer hat bei Tag Zeit?

Das Lächeln wird Erinnerung, eine bordeauxrote Plüschportiere hebt sich zur Seite, eine halbdunkle Räumlichkeit hebt uns in sich. Gucklöcher schieben 100 sich vor die Augen, und die Jugendzeit ist eine kreisförmig geschlossene Holzwand, in die wir lugen.

Reisen! Gewesener Traum unseres Seins, Zweck und Erfolg unserer Lektüre von Wörishöffer, Cooper, Gerstäcker und May. Motiv unserer Panoramabesuche. Ersparte zehn Kreuzer, Neugierde, was das nächstwöchige Programm bringen werde.

Mechanisch sind wir im »Großen Basar«. Das Panorama ist aber übersiedelt. Freilich, lange Zeiten sind vergangen. Gewiß wird auch der geräumige Holzzylinder, hinter dem wir Geheimnisse vermuten, verschwunden sein, denn die Miete ist teuer. Man wird wohl jetzt in einem kleinen Zimmer entlang der Wände sitzen, wie in Berlin an den Panographenautomaten oder in Wien am Pathéfon. Und kein Besucher wird sich mehr blicken lassen, und das Unternehmen dankt nur dem Trägheitsmoment sein Fortbestehen.

Aber dem ist nicht so. Wenn man glaubt, daß sich die Welt geändert habe, so ist das nichts mehr als der Beweis dafür, daß man sich selbst geändert hat. »Wirklich lieben konnte man nur in den Achtzigerjahren . . .« Braucht man erst hinzuzufügen, daß der, der diesen Satz sprechen könnte, ein alter Herr sei, älter an Seele als an Leib? Ich werde sentimental? Sei es!

Wie einst sind stereoskopische Doppelbilder vergilbt im Auslagekasten des Panoramas, und Ansichtskarten aus Paris, Rom, Tabor und dem Böhmerwald. Wie einst: die Kassa beim Eingang, an der ein kleiner Gymnasiast stolz seine Schülerlegitimation zückt. Wie einst: Halbdunkel eines Kirchenschiffes. Und wie einst – welch erstaunliche Ueberraschung! – ein sehr guter Besuch.

Ich kenne dich, alter Mann, der du deine bebrillten Augen an die Okulare pressest, ich kenne dich, obwohl ich dich nie gesehen. Du hast von fremden Welten geträumt, als du noch nicht bei der Bezirksdirektion warst, und hast dich durch Panoramabesuche für deine Reisen 101 in die Ferne vorbereitet und dir deine Ziele ausgewählt. Und hast alle die Fahrten wirklich getan, da du hier saßest. Du kennst die Welt, du lebst jetzt mitten im Quellengebiet der Theiß und wenn du von dannen gehen wirst in deine Finanzbezirksdirektion, dann bist du reicher als die Frau von Loewenstein, die wirklich in Aegypten war.

Ich kenne auch euch, ihr beiden Jungen, die ihr Schulbücher unter den Popo geschoben habt, um, ohne Aufstehen zu müssen, ins Okular schauen zu können. Ihr seid Nikolanderrealschüler, und ich weiß auch, warum ihr euch wiederholt mit scheuem Blick nach dem Fräulein in der Kassa umgewendet: Der Zyklus ist schon einmal an euch vorübergezogen, und ihr schaut ihn widerrechtlich zum zweitenmale an.

Das kleine Mädchen, das oft zapplig und neugierig aufspringt, um zu sehen, welche landschaftliche Reize ihre neben ihr sitzende Mama vor sich hat, darf gewiß nicht ins Kino, weil ihr die flackernde Unruhe der Bilder nicht gut tut. – Der Piaristenpater will ein Stündchen ruhig verbringen, – im Café, im Kino, im Theater fiele er auf in seinem geistlichen Gewand. – Der Kommandant der einstigen Prager Bürgergarde ist auch da. Wohl aus Protest gegen die Zeit, aus Mauerblümchenopposition gegen ihr Fortschreiten.

Ich sehe nur ein Segment des Zuschauerkreises; auch auf der anderen Seite des Bogens mögen Typen sitzen.

Die Landschaften, in die man schaut, sind alle vom gleichen grellen Sonnenlicht überflutet, das Innere der Holzfällerhütte, wie das Kruzifix auf dem Berge, denn im Innern des Holzrondeaus brennt eine gelbe Gasflamme, die ihre Helle gerecht und gleichmäßig verteilt. Alles ist vergrößert und äußerst plastisch – das alte Wunder des Stereoskops: Bekanntlich sehen wir mit einem Auge alles wie ein Bild, flächenmäßig, erst das Zusammenwirken beider Augen, von denen jedes das 102 passende Bild eines Gegenstandes vor sich hat, gibt das körperliche Sehen, stereoskopische Auffassen. (stereos = hart, körperlich.) Diese Plastik hat das Panorama vor dem Kino voraus, und seine Vergrößerung und Verdeutlichung sogar vor der Natur. In Wien pilgern Sonntags Tausende auf den Kahlenberg, und gehen, statt die wundervolle Aussicht zu betrachten, in die Panoramabude, wo sie – – die Gondeln auf dem Kanal von Venedig sehen. Die Photographien sind ausgefärbt. Alles in schönster Ordnung. Wie ist das Gras? Das Gras ist grün. Wie sind die Bäume? Die Bäume sind auch grün. Wie sind die Gesichter? Die Gesichter sind rosarot, wenn sie nicht schokoladenbraun sind. Wie sind die Pyramiden? Die Pyramiden sind chromgelb und der Erdboden ist auch chromgelb. Himmel und Amazonenstrom und Quellen der Theiß und Rose des Straßburger Münsters sind allesamt grünlichblau. Soweit die Farbe am Glas der Diapositive haftet.

Sie haftet nicht allzu gut. Und im Himmel ist Glas, als ob es zu regnen beginnen wollte, und auf der Nase des greisen Abessinniers glitzert ein Tautropfen und auf der Wiese auch einer. Das Unzulängliche, hier wird's Natürliches. Von Panorama zu Panorama reist die Bilderserie, wie einst die Reisegesellschaft des Photographen von Land zu Land reiste. Sie ist erstarrt in ihrer Bewegung, wie das Türkenmädchen, das mit einem Oelkrug auf dem Kopf eilig vor dir auf der gewölbten Brücke . . . steht. Aus anderen Zeiten in andere Zeiten reisen diese Reisebilder.

Die Toiletten der abgebildeten Badegäste und der unvermeidlichen Gattin des Herrn Stereoskopeurs (du kennst sie schon von einem Kraal in Turkestan, einem Indertempel &c.) verraten das Alter der Aufnahmen.

Damen in Puffärmeln, Schnepfentaillen und Gainsborough-Hüten sehen heute wie Dienstmädchen in Sonntagsputz aus. Bevor ein Bild verschwindet, was jede halbe Minute erfolgt, kündigt ein Glockenzeichen den Wechsel gütigst an: Wirf rasch noch einen letzten 103 Blick auf die Bauerntype vor dir, bevor sie verschwindet! Dann rückt das Uhrwerk, das Bild wackelt und du siehst es mit Schmerz für immer scheiden. Nein, nicht für immer! So unerbittlich ist das Schicksal im Panorama denn doch nicht. Du kannst, wenn dir die Bauerntype so wichtig ist, noch immer einen Blick auf sie werfen, indem du nun in das Okular schaust, das links neben dir ist.

Eine Dame geht fort, ich spüre ihren Hauch, drehe mich um und grüße: Es ist Fräulein Bessie Anscherlik, gefolgt von einem gelb egalisierten Fähnrich, der aus dem Quellengebiet der Theiß stammt und jetzt den Brückelkopf von Ephraim Löbl bewacht. Fräulein Bessie dankt meinem Gruß mit einem indignierten Blick, denn sie denkt:

»Nicht einmal im Panorama ist man vor Bekannten sicher.«

*

Alle Todesstrafen standen auf das Fußballspiel, alle Todesstrafen, die die Schule zu vergeben hat: strenges Prüfen, Karzer, Repetieren, Ausschluß.

Weh dem, der spielt! Und alle spielen.

Was bedeuten die ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen, zweimal je fünfunddreißig Minuten der Gelegenheit nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen! Zweimal fünfunddreißig Minuten? Nein, uns schlug keine Stunde, uns pfiff kein Schiedsrichter Halftime und Time. Wir spielten von zwei Uhr nachmittags, bis der Abenddämmer das Feld belegte. Wer physisch nicht mehr weiterkonnte, ausgepumpt war bis aufs Letzte – immer noch konnte er einen verantwortungsvollen, aufregungsreichen, aber nicht so bewegten Posten erhaschen, wenn er den Torwächter bat: »Laß mich ins Goal.« 104

So streng waren ja die Ressorts nicht geschieden, die Spezialisierung noch nicht so weit gediehen.

Ueberall spielten wir. »Mein Feld ist die Welt«. Im Stadtpark fing es an. Der Ball war noch kein echter. Entweder eine Fetzenkugel, von vier Plüschsektoren eingefaßt, zwei schwarzen, einem roten und einem braunen; ad hoc gekauft, Preis sechs Kreuzer. Oder ein Gummiball, ein großer, mit Kinderbildern bemalt, oder ein kleiner roter oder ein wirklicher Tennisball. Die Fleckenkugel ging rasch in Fransen. Die Gummibälle bekamen Luft – zuerst eine kleine Einsenkung, die man mit gehöhlter Hand vorsichtig und doch vergeblich zu runden versuchte, dann größere Gruben, und dann war es ein formloser Fetzen, den man mehr auf den Stiefelspitzen trug als stieß.

Flog ein Ball ins Gebüsch oder in den Rasen oder über den Spielplatz hinaus, eilig hieß es ihn holen, denn war der Wächter schneller als wir, steckte er ihn in die Tasche, und verzweifelt standen wir da.

Hatten wir einmal einen wirklichen Fußball, von Fiedler auf dem Wenzelsplatz, dann spielten wir schon regelrecht, auch Wettspiele. Freilich ließ man alle Vorsichtsmaßregeln walten. In der Zeitung waren oft alle zweiundzwanzig Spieler bloß mit Pseudonymen aufgezählt. Zum Spielplatz wählte man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des Dejwitzer Exerzierfeldes und des Invalidenplatzes (der Teil, der hart an die Heinesche Besitzung grenzt, war immer von Schülerteams bevölkert), um vor den Blicken eines vielleicht patrouillierenden Professors möglichst gedeckt zu sein. Die Mannschaftssitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der Kleinseite, von Bubentsch, von Dejwitz und Karolinenthal statt.

Verborgen lebten wir unserem Gottesdienst, denn die Alten haßten ihn und wollten ihn ausrotten. »Verrohung der Jugend«, schrien die Ethiker. »Die eingeschleppte englische Krankheit«, schalten die Turner und 105 antizipierten das Gott-strafe-England. »Vernachlässigung der Schule«, zeterten (mit weniger Unrecht) die Pädagogen. »Ein gefährliches Spiel«, ängstigten sich die Eltern und lasen uns nachdrücklich aus der Lokalchronik vor. wenn sich jemand beim Fußball einen Arm oder ein Bein gebrochen hatte. »Einseitige Ausbildung der Fußmuskulatur«, dozierten die Mediziner.

Es war eine Einheitsfront der Alten gegen die Jungen. Komische Blüten zeitigte die Verfolgungswut. In der Schule saß ein Krepierl, kurzsichtig, schmalbrüstig, und ein Stucker. Er war jungfräulich keusch, d. h. er hatte noch nie einen Fußball berührt. Aber sein Name war »Eisenstein«, und so hießen zufällig auch drei große Footballer, die immer in der Zeitung standen. Und der arme Eisenstein mußte diese Namensgleichheit bitter büßen. Die Professoren schikanierten ihn, inquisitorisch wurde er geprüft, und immer und immer wieder bekam er zu hören: »Freilich, Fußballspielen, das können Sie.«

Als einmal zur Rettung der von uns wegen des Fußballverbotes gemiedenen Jugendspiele doch einmal ein Wettspiel zweier Mannschaften bewilligt wurde, warf der Turnlehrer bei Besprechung des Matches dem besten Stürmer vor, daß er beim Dribbeln eine schlechte – Körperhaltung einnehme. »Hohles Kreuz, das ist die Hauptsache!«

Wie lachten wir über diese Idee, in Habtacht-Stellung zu dribbeln, wie lachten wir über den öffentlich zur Diskussion gestellten Vorschlag eines Schulhygienikers, man möge, um Füße und Hände in gleichem Maße auszubilden, mitten während des Wettspieles nach jedem Goal Hantelübungen einführen . . . Wir lachten. Wir scherten uns um keine Kritik, keinen Vorschlag, keine Gefahr, und gingen zum Spiel.

Zu Hause schon warf man sich in Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen, zog darüber den Schulanzug an, stapfte, trotz sengender 106 Sonnenglut, in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den Invalidenplatz, auf den Dejwitzer Exerzierplatz, auf die Holleschowitzer Heide, in den Kanalschen Garten. Dort zog man die Straßenkleider hastig aus, warf sie zu zwei Haufen übereinander, die sechs Meter voneinander entfernt und durch einen mit dem Stiefelabsatz gezogenen Strich miteinander verbunden waren. Dieses war das Tor. Flog der Ball über die Kleider, schrien die einen: »Goal!«, die anderen »Out«, und man einigte sich auf »Stange«, was zwar realiter nicht als Erfolg gezählt wurde, aber moralisch.

Der Fußball gehörte einem Mitschüler, die Reparaturen seiner irdischen Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden aus vereinigten Taschengeldern bestritten, und wenn man sich vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen nageln ließ, konnte man schon in dem Wahne leben, ein Paar englischer Treter sein eigen zu nennen. Man bedurfte keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man bedurfte keiner Ankleidekabinen, keiner verschließbaren Utensilienkästen, keines Goalrichters. Selbst ohne Unparteiischen spielten wir oft, war aber einer da, so wurde er als parteiisch beschimpft, als bestochen (!), und man stritt wegen jedes Corners.

Respektvoll dagegen und schrankenlos bewundernd sahen Schüler zu Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn solch einer der »erstklassigen Menschen« im Schulhofe oder auf dem Korridor eine Orangenschale gut in die Höhe kickte, dann ging ein Murmeln der Bewunderung durch die Reihen.

Man sprach vom Zentern, Dribbeln, Stopen, Fälschen, Shooten, Kombinieren, Passen und Rempeln, von Umpiren, Off-Side, Centerhalf, Challange-Cup, Oxfords, Chromleder, Elfyardstößen, Balltechnik, Niedergesäß, Many, Franzi und Pepi Friedl, Görner, Rolf Kinzel, sprach vom Leipziger »Wacker«, von Kralle von den Berliner »Preußen«, von der Papierform des 107 Budapesti-Torna-Klub, wartete atemlos vor der Tagblattredaktion in erregten Gruppen auf die Telegramme mit den Resultaten.

Man träumte, ein Großer zu werden im Fußballreich. Lief abends glühend und allein durch die Gassen, einen imaginären Ball vor den einwärts gerichteten Fußspitzen, hart an einer imaginären Outlinie, dribbelte an einem imaginären Halfback vorbei, ein imaginäres Publikum, tausendköpfig, zehntausendköpfig, feuerte an, »hipp, hipp,« schrien die vorgebeugten Menschen und die Barriere bog sich, der nachlaufende Deckungsmann blieb »trop« zurück, der Endback wurde zur Seite gerempelt, ein imaginärer Goalmann lauerte, kauerte, schauerte mit unendlich weit geöffneten Armen und geballten Fäusten, aber er konnte den übermächtigen, haarscharfen und gut gefälschten Stoß nicht halten. Goal!

*

Das Vergnügen in den Prager Straßen zu promenieren, hat man ganz umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine Brücke zu gehen, die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch teurer ist als die Prager Brücken.

Für die Armen ist die Karlsbrücke da. Die ist unentgeltlich geblieben.

Man stelle sich vor, daß auf der Potsdamer Brücke jeder Passant stehen bleiben, jedes Auto halten müßte, um zwei Pfennige zu bezahlen oder fünf. Oder auf London Bridge, die noch etwas größer ist, als unsere Moldaubrücken.

Aber für die Verkehrshemmung bei Entrichtung des Brückenzolles wird uns doch ein Aequivalent geboten. Das sind die Straßenbilder und Geschichten, die sich auf diese Institution gründen. 108

Ein Bettelweib fleht die Gnade des Brückentyrannen an. Ein kleines Kindermädchen nimmt den ihr anvertrauten fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm. Ein Gamin schlängelt sich zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke. Ein Pepik springt vor dem Mauthäuschen auf die Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen. All das geschieht, um den Brückenkreuzer zu ersparen.

Dagegen hat ein Einjährig-Freiwilliger den Brückenkreuzer prinzipiell – »ich lasse mir nichts schenken« – bezahlt, obwohl ihn die Uniform zu freiem Eintritt berechtigte. Der Jungtürke, der es absolut nicht begreifen konnte, wie jemand von ihm auf offener Brücke gebieterisch ein Bakschisch zu heischen wage, schlug so entrüstet Krach, daß ihm eine hundertköpfige Menschenmenge zu Hilfe kam. Der uralte Ulk angeheiterter Menschen, im Gänsemarsch über die Brücke zu ziehen, mit der Bemerkung, daß der Letzte zahlen werde, ist bei den Mauteinnehmern nichts weniger als beliebt; diese müssen sich die Mühe nehmen, die Teilnehmer des Zuges genau zu zählen, zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte gewöhnlich davon, so daß ein Rechenfehler ohnehin gleichgültig ist. Es gibt viel solcher Spässe.

Rückte da einer in Zivilkleidern, nur an der über dem linken Ohr baumelnden Mütze als Infanterist kenntlich, vom Ernteurlaub in Prag ein. Auf dem Smichower Ufer streckte ihm der Zöllner begehrlich die Hand entgegen. Der Urlauber aber verweigerte die Zahlung des Tributes. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen Kreuzer zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit Mütze und Erlaubnisschein als Angehöriger der Armee. Bereits hatte sich ein stattliches Häuflein von Zuschauern um die streitenden Parteien geschart, was den Konflikt verschärfte. Prestige war zu wahren, der Brückenmann bestand auf seinem Geld, der Halbsoldat auf seinem 109 Schein. Ein Leutnant kam vorüber und, um sein Herz für die Mannschaft öffentlich zu erweisen, legte er für den Urlauber die strittigen zwei Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde nieder. Der also Losgekaufte aber setzte seinen Weg nicht sogleich fort, sondern ging in die genau dem Mauthäuschen gegenüber gelegene Tabaktrafik. Er kaufte sich für die ersparten zwei Heller zwei »Drama«-Zigaretten und zog, die eine zufrieden im Munde haltend, die andere kokett hinter dem Ohr, unter dem Lachen des Publikums so stolz über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer über die endlich niedergelassene Zugbrücke des Feindes einrückten. Ein Witzbold zahlte an jedem Ersten mit einem Hundertguldenschein. Der Brückenmann hatte die Mühe, der Passant die Lacher auf seiner Seite. Bis er aber eines schönen Tages den Inhalt eines großen Sackes zu übernehmen hatte: wohlgezählte 9999 Kreuzer!

Ein Kommilitone hatte zweihundert Kronen zur Bezahlung seiner Schulden erhalten. Auf der Bude auf der Judeninsel gab er davon Kenntnis, und sofort war ein Plan gegen den Mann von der Franzensbrücke, einen alten Feind, ausgeheckt. Zehn Burschen wurden je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, selbstverständlich erst nachdem sie sich »auf Grand-Cerevis« (die Eidesformel am Biertisch) und mit sämtlichen »großen Ehrenwörtern« verpflichtet hatten, sie unverzüglich wieder zurückzustellen. Nun ging es dem Brückenhause zu. Der erste reichte dem Zöllner die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller zurück. Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere Hände dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der war entsetzt. »Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,« wandte er ein. – »Wir kennen einander doch gar nicht,« war die Antwort. Nun wollte er mit großmütiger Gebärde die Entrichtung erlassen. Aber die Studenten wollten sich keinesfalls der Prager Bürgerpflicht entziehen, bestanden drauf, den Stadtsäckel nicht 110 zu schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem Konflikt ein Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch und den Rolladen hinunterließ. Da mußten die Zehn denn doch von dannen, ohne ihrer Bürgerpflicht Genüge getan zu haben. Worüber sich der Stadtbedienstete hinter seinem Rolladen wahrscheinlich ins Fäustchen lachte. Die anderen auch.

Einmal kamen wir nächtlicherweile zum Kleinseitner Brückenkopf des Kettensteges, der Mauteinnehmer schlief bereits und an seinem Fenster war der Holzladen geschlossen, denn drüben am anderen Ufer versah sein Kollege – wie allnächtlich – für ihn den Dienst. Einer von uns, übermütig in Laune, legte still einen Kreuzer auf das Brett vor dem geschlossenen Schalter. Wir mögen ihm in einer Distanz von einigen Schritten über den Steg folgen. Bei der Josefstädter Brückenmündung streckte ihm der Mautner die gehöhlte Hand entgegen. Unser Freund tat sehr erstaunt: »Ich werde doch nicht zweimal zahlen, man zahlt doch nur beim Betreten der Brücke.«

»Drüben ist ja das Mauthaus geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.«

»Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Ich habe dort bezahlt, wie ich immer beim Betreten der Brücke bezahle.«

»Das ist eine Lüge . . .«

Krawall. Wachmann. Mein Freund fordert die Sicherstellung des Brückenwächters, da er von diesem durch das Wort Lüge beleidigt worden sei. Der Zöllner leugnet nicht:

»Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben, und das ist eine Lüge.«

Der Beschuldigte verlangt nun erregt, der Polizist möge konstatieren, ob der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde bei der Gerichtsverhandlung das wichtigste Moment sein. Der Wachmann sieht das ein, ist bereit, 111 zum jenseitigen Ende der Brücke zu gehen. Der Zöllner, eine allfällige Beeinflussung des Schutzmannes zu vermeiden, geht mit. Wir hinterdrein. Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite ist, erblickt man das künftige Corpus delicti: der Kreuzer liegt friedlich auf dem Schalterbrett. Majestätisch ist die Handbewegung, mit der unser Freund auf ihn weist. Der Brückner ist geschlagen. Schon will er mit mißmutiger Gebärde den Kreuzer an sich nehmen, da springt unser Kamerad hinzu und steckt ihn ein:

»Ueber eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, gehe ich nicht.« Zu uns: »Wir gehen über die Elisabethbrücke.« Und zum verdutzt dastehenden Zöllner: »Auf diese Weise treiben Sie alle Ihre Kundschaften der Konkurrenz in die Arme.«

*

An Zeiten im Felde, an die Stunden des Sturmes und der verwendeten Bajonette, an die Tage des Trommelfeuers, an die Wochen der Kavernen, an die Monate vor dem Drahtverhau, an die Jahre des Mordens mögen wir – und wir hoffen es – einst vergessen. Nie aber können uns die Sekunden aus der Erinnerung gleiten, die der Professor zwischen dem Namensaufruf unseres Vordermannes im Schüleralphabet und unserem eigenen verstreichen ließ.

Siebenjähriger Krieg. So lange saßen wir in unseren Linien in der »Nikolander« . . ., jeder hatte nur ein Grabenstück von kaum einem halben Meter Breite für sich, der Nachbarplänkler stieß mit dem Ellenbogen an den unseren, und oben auf der dominierenden Höhe des Monte Kathedro saß der Feind, wir waren von ihm eingesehen, er belauerte uns und betrommelte uns aus allen Kalibern, so wie wir ihn belauerten und betrommelten. Tief innerlich mochte er uns ein Freund 112 sein, der Feind. Mochte den Krieg verfluchen wie wir, mochte uns lieben, aber er stand auf seinem Posten gegen uns, befohlen und verpflichtet, so wie wir – ausgerichtet, aufgedeckt und angeschlossen – ihm in fester Linie gegenüber saßen wider unseren eigenen Willen.

Länger hielt sich der Feind als wir. Wir wurden außer Gefecht gesetzt, neue Marschbataillone langten an (mit immer kleiner werdenden Ständen, wie ich mir sagen ließ), aber schließlich verstummte auch der Feind. Zu lange dauerte dieser Krieg.

Feindliche Verlustlisten werden nicht ausgegeben. So weiß ich wenig von eurem Schicksal, ihr lieben Feinde!

Du bist tot, graubärtiger Direktor, vor dessen Stimme die Anstalt zitterte, als du im stürmischen Winter von 97 die Kornblumen aus deutschen Knopflöchern der Schüler rissest und schriest, daß wir Oesterreicher seien und keine Preußen.

Auch du bist längst gefallen, kleiner Adam Riese mit den kindlichen Gebärden und dem Schnalzen der Zunge, mit den abgehackten Sätzen, die uns den Kopf abhackten: »Na ja, versteht's nicht,« sagtest du, und man saß in der Bank.

Auch du schwingst nicht mehr deinen Kalabreser in der Rechten, nicht mehr deinen Knotenstock in der Linken, setzest deine Unterschrift nicht mehr in bizarren Schnörkeln auf Hunderte von Schulzeugnissen, schreitest nicht mehr mit gedehnten Schritten und ausladendem Rockaufschlag durch die Gassen, du, unser Zeichenlehrer, den wir liebten, weil er sich über die Urteile des Direktors lustig machte.

Ein arges Schicksal erlittest du, anderer Mathematiklehrer, der seinen Kleinseitner Dialekt mit nervösem Zucken der Nase samt Brille und die Prüfung mit ungeduldigem Ausklopfen des Bleistiftes begleitete, 113 der schon liebevoll die große, dicke Sechs in sein Notizbuch malte, bevor er noch dem Schüler die Frage gestellt. »Sie müssen sich gewönnen,« war deine ständige Redensart. Unserer Weisheit letzter Schluß war dein: »Bitt Sie, setz' sich.« Berühmt war dein Ausspruch: »Ein Realschüler ohne Reißbrett ist kein Reißbrett,« und jenes Wort, mit dem du zur Zeit des Herero-Aufstandes einen unserer übertrieben lauten Heiterkeitsausbrüche in die Schranken wiesest: »Bitt' Sie, Sie benehmen sich ja wie die Herores!« – Die Kriegspsychose des Friedens befiel dich, und als dir der apokalyptische Schuldiener läutete, konntest du nicht, den Maurerruf »padla« verhöhnend, das Signal ignorieren. Die Kelle fiel aus deiner Hand.

Nun schläfst auch du, Professor der darstellenden Geometrie, der du unausgeschlafen in den Zeichensaal kamst und in jeder Stunde, das ganze Jahr hindurch, immer die drei Ersten des Alphabets zur Tafel riefst, ihnen drei Durchdringungen zu zeichnen befahlst und dann sanft einnicktest. Die anderen Schüler hatten zu zeichnen, und natürlich wurde nach allen Regeln der Kunst geschwindelt. Wie lachten wir uns ins Fäustchen! Aber wir merkten nicht, daß wir ehrliche Arbeit leisteten, da sich bei der verschiedenartigen Form und Größe der Figuren andere Ergebnisse zeigen, also ein mechanisches Kopieren ausgeschlossen war, und eine Unklarheit dem Scharfblick des Professors bei der Korrektur nicht entgehen konnte. So lernten wir durch den Schwindel die Fehler zu vermeiden, während wir bei wachsamer Kontrolle vielleicht nur ehrliche Fehler zu machen gelernt hätten. Ob das deine pädagogische Methode war, und wir die Gefoppten?

Auf dem Ida der Professoren für Geographie und Geschichte warst du Zeus, Schleuderer der Blitze, Hüter der Gerechtigkeit und Besänftiger der Elemente, und nun deckt auch dich die Erde wie alle Irdischen! Dich, der du so anders warst als alle anderen. Aufwärts gestrafft trugst du deinen Körper bis ins Alter, 114 tadellos, sorgfältig war dein Gewand, und dein leichtes Räuspern war für den, dem es galt, das Knacken des Faszesbündels. In elegantem, kleinem Notizbuche lebte der Wahlspruch »Vive la bagatelle«, und es bleibt ewig unvergeßlich, wenn du es in Stirnhöhe hieltest, und, über die goldene Brille auswärts schielend, ernst, mit feierlicher Ironie einem armen Examinanden sein Sündenregister vorlasest: »Hat am 27. Oktober, um Viertel elf Uhr das Penal fallen lassen. – Wußte am dritten April die Hochzeiten der Luxemburger nicht . . .«

Berühmtheit in der Schülerwelt, Held von tausend Schülerwitzen, Gesamtbild aller Fehlleistungen in psychoanalytischem Sinne, dich, Naturgeschichtler, beziehe ich ein in mein Gebet. Die ängstliche Gebärde, ob dein Anzug geschlossen sei, gemeinsam mit dem Flickwort »da«, zwischen jedes Satzfragment eingeschoben, riefen unseren Spott hervor. Dein Vortrag war voll von Kontaminationen, der Ammoniak »reizt die Tränendrüsen zum Husten«, »ich sitze da in meinem Kabinette und pfeife da meine Rauche.« Oh weh, jemand unterbrach deinen Vortrag, indem er im Pokorny blätterte, mit dem Federstiel spielte u. dgl. Da entstand solches: »Die Luftröhre beginnt im Kehlkopf und endet im After . . . Leutl'n schaut's euch das zu Hause an.« Oder: Die Känguruhs leben in dorfartigen Ansiedlungen in Ostafrika, einige tändeln mit den Federstielen, und bringen lebendige Junge zur Welt.« Einmal trug er vor, daß der Löwe in »Canada« vorkomme. »Kenede« besserte die Klasse durch Zwischenrufe aus, denn wir hatten eben gelernt, daß im Englischen das »a« wie »e« auszusprechen sei. »Na, ich bin da kein Englishman,« entschuldigte sich Tiesel nervös, und zu unserer hellen Freude sagte er von nun an, nicht bloß »Kenede«, sondern auch »Peneme« und »Grenede«. – Bekannt waren tausend seiner Sätze solcher Art: »Ich werde sehen, ob ich Lump werd' mit dir fertig werden.« – »In der letzten Bank sitzt ein 115 Herr, ich will seinen Namen nicht nennen, sein Anfangsbuchstabe ist Humpoletz.«

Lehrer der tschechischen Sprache, seltsamer Nachfolger Nerudas an unserer Anstalt, du ließest uns gereimte Zauberregeln singen (l, t, en – Partizipien – haben kurze, kurze, kurze Endungen – so wie ten) und drohtest uns an, wir müßten alle in die Hölle kommen, weil der liebe Gott doch nicht unseretwegen deutsch lernen werde. Du bist nun im Himmel. Dein Unfall (du stolpertest in der Kremenetzgasse über ein Bandel und wurdest tödlich verletzt in den Flur des Bräuhauses »Zum Fleck« getragen) hat uns alle erschüttert, Houzvicka!

»Bouda« mit dem Rübezahlbarte, du bist tot und fassest keine schlanken Schüler bei der Prüfung begütigend und zärtlich am Handgelenk. Du bist tot, der adelige Chemiker mit dem Wiener Dialekt und dem Schimpfwort »dummer Bub« ist es auch, und viele, viele andere.

Andere sind vermißt. Wo steckt der knebelbärtige, blonde Turnlehrer, dessen Anrede »Sie Flegel, Sie« und dessen Strafe »hintern Ofen, marsch!« hieß? Auch wo der Professor der Physik ist, weiß ich nicht, der Herr mit dem spitzigen, böhmischen Akzent, in dem er häufig genug den Tristan- und Isolde-Satz sprach: »Sie, das hört sich ja recht trist an und i sollte Sie eigentlich durchfallen lassen.« Oder das Stereotype: »Geh'n S' zugrund'«, was wie ein Fluch klingt, aber bloß der Auftrag war, beim Optiker Grund einen physikalischen Apparat zu holen. Aehnlich war's gemeint, wenn es hieß: »Alle, die mir noch einmal mit einer alten Auflage kommen, spazieren in den Ofen.« Auch der Deutschprofessor ist mir seit Jahren verschollen, der auf Stimmungsgehalt entscheidenden Wert legte, und sogar einen Exkurs über die erste Lautverschiebung mit der lyrischen Schilderung einer Wanderung in Sizilien, der Pinien und Orangen einleitete. Und der Professor und Freund alles 116 Französischen mit hohen Stöckelschuhen und blondgefärbtem Haar und Henryquatre?

Wenige von den Feinden aus unserer Jugendzeit stehen noch an der Front in der Nikolandergasse und ich beneide sie nicht um ihren Dienst.

Liebe ich sie doch alle noch heute, die Todfeinde aus den Knabenjahren, die ich schon liebte, als ich sie befehdete. Liebe ich sie doch noch heute, obwohl ich zugebe, daß sich seit den Jahren dieser Schule, von denen Popper-Lynkeus in seiner Selbstbiographie spricht, bis zu meiner Anstaltszeit nicht allzu viel an Fachkenntnis und Pädagogik geändert hat. Schreibe ich doch noch heute diese Zeilen des Gedenkens nicht ohne frommen Schauder nieder, wie ich auch nicht ohne Scheu an die Tabelle mit den Sprechstunden, an den Stundenplan, an das große und an das kleine Klassenbuch zurückdenke, an das Warten im Schulhof, bis die große Uhr drei Viertel auf acht oder auf drei Viertel zwei zeigte, und die Türe geöffnet wurde, an die Buttersemmeln um drei Kreuzer, an die Schinkensemmeln um fünf, an die Schülerbibliothek, an die Pumpe im Hof, an die Jugendspiele, Kneipzeitungen, Versetzungsprüfungen, an die Kommerskassa mit zehn Hellern Wochenbeitrag und besonderen Taxen für bewilligtes Abschreiben und Abzeichnen und für ein von Laienrichtern festgestelltes »vorzüglich« und für das ausgestellte Maturatableau, auf dem unsere Photographien zu sehen waren, Smoking, weiches Frackhemd. An die alljährlichen Schlußkneipen, zu denen mit traurigem Gesicht die Durchgefallenen kamen und mit zweifelnd-verzweifeltem jene, die immerhin doch noch zur »Reparatur« verurteilt waren, zur Wiederholungsprüfung nach den Ferien.

Wie wünschte ich, daß all dies Gewesene, all dies tausendfach Nachgeträumte wieder einmal Gegenwart sei! Es wäre herrlich, wenn alle Absolventen einer Schule verpflichtet wären, zeit ihres Lebens einen Tag im Jahre die Anstalt zu besuchen und allen Punkten 117 der Disziplinarordnung, der Einteilung des Stundenplanes, den Eintragungen ins Klassenbuch und der Prüfungen unterworfen zu sein. Wenn das »toujours reviendre« auch für die Schule gälte, die man so abrupt verlassen und seither nie mehr wiedergesehen hat.

Dieser Augenblick der Entfernung, diese Losreißung vom Gewohnten und Erfüllung von Glück kann ein Menschenleben aus dem Gleichgewicht bringen. Wie entsinne ich mich jener Stunde! Ich hatte trotz einstimmigem Abraten, lockenden Versprechungen für den Fall meines Rücktrittes und trotz fürchterlichen Drohungen für den Fall meines Nichtrücktrittes maturiert, und war durchgekommen. (Gottes Gnade, meine Frechheit, Güte der Professoren, Hilfe meiner Mitschüler, und die Tatsache, daß mein Prüfungsgenosse noch weniger wußte als ich, hatten das bewirkt).

Unten erwartete mich die Spielvereinigung »Sturm« vollzählig und aufgeregt. Bis jetzt war ich unter Pseudonymen Ballwart und Kapitän gewesen, wenn ich schulfrei, Hochschüler würde, könnte ich zum Obmann, und die Vereinigung zum behördlich konzessionierten Ballspielklub aufrücken. Daher wurde ich jubelnd empfangen, als Eskorte wälzten sich die Klubkollegen mit mir durch die Straßen. In der Obstgasse kam mir meine Mutter entgegen, die es vor Aufregung zu Hause beim Knödelkochen nicht ausgehalten hatte. Die Kameraden stürzten auf sie zu, streckten ihr die Hände entgegen und schrien Gratulationen. Da verklärte sich das Gesicht meiner Mutter, und glückstrahlend rief sie mir zu:

»Ist es wirklich wahr? Du hast Reparatur?«

*

Unser Leben in der Schule – in der »Meyeriade« war es besungen. Auch anderwärts hat dieses Epos, 118 das in köstlichen Hexametern wie kein zweites Buch den Uebermut der Schulstunden besingt, seine jubelnden Bewunderer gefunden, es hat den Ruhm von Kortums »Jobsiade« verdunkelt, neben dem ersten Teil des »Faust« und Schillers »Wilhelm Tell« ist Oskar Kraus' »Meyrias« das weitestverbreitete Bändchen von Reclams Universalbibliothek geworden. Aber nirgends kann der Humor des Reclambändchens Nr. 2980 auf so volles Verständnis getroffen sein, wie in der Prager Mittelschülerwelt, wo man auch die epische Wiedergabe des tschechisch-deutschen Idioms zu würdigen wußte, wo Worte, wie »Katinko, přineste kafe«, »Schkubanken«, »Kolatschen« und »Dalken« zur Erklärung keiner Fußnote bedurft hätten, wo man die lokalen Anspielungen verstand, und das furchtbare Giftfläschchen, das der Tod in der Hand hält: Prager Trinkwasser . . .

Das erste Exemplar, das uns in die Hand kam, war noch die selten gewordene Erstausgabe, bei Schmelkes gedruckt, mit dem Untertitel »Facta et ficta ex vita clarissimis magistri historiae« und mit dem Motto »Multis ille bonis flebilis occidit« versehen. Und bald darauf beschafften wir uns das Reclambändchen, machten textkritische Vergleiche, lernten eifrig neue Schülerstreiche und lachten fachmännisch über die mißglückten Kriegslisten des vielgequälten Professors Meyer und über die goldig blödsinnigen Ausreden der zu Prüfenden. Eine unnachahmliche Groteske ist der Gesang vom rothaarumwallten Kronberger, der hinter dem Ofenschirm zu bellen beginnt und durch freche Ausreden dem armen Alten noch Angst einjagt:

»Ich und gebellt? Bin ich denn ein Hund, daß Sie so etwas sagen?
Also Sie haben Hund mich geschimpft, das erfährt der Direktor!« 119

Meyer wird immer ängstlicher, verrennt sich beim Rückzug, und bringt schließlich nur die Worte hervor:

»Eigentlich hat ja jemand gesungen, ich sag' nicht, daß Du's warst.
Aber hinter dem Schirm warst Du, das kannst Du nicht leugnen. –
»Eben den hab' ich gesucht, der gesungen hat, weil es mir auch schien . . .«

Der Zweikampf zwischen Jeiteles und Tatschner! Wie Jeiteles plötzlich spasseshalber zu Boden fällt, die Füße von sich streckt und die Augen verdreht! Und der Schrecken des guten Professors über den Totschlag in seiner Stunde:

»Tatschner, Du elender Knabe – no schau und der Ruchlose lacht noch,
Hat ihn ermordet und lacht! Na, das ist doch eigentlich sehr gut.«

Das Kapitel vom bengalischen Feuerwerk, die Travestien auf Homers klassische Ueberschriften in den Kapiteln »Kataloges ton neon« in dem freilich an Stelle der iliadischen Aufzählung der Schiffe eine meyriadische Aufzählung der Jünglinge steht, oder »Mache epitais nausin«, wo der Schiffsort Homers durch einen . . . anderen ersetzt ist!

In der Kneipzeitung der Grabengymnasium-Sexta, in der das Epos 1888 zum ersten Male erschien, war der Geschichtsprofessor, in dessen Unterrichtsstunden das »Treiben und Steeren« vor sich ging, noch mit seinem wahren wirklichen Namen genannt. Nur einige Gesänge zählte damals die »Seidliade«. Vervollständigt erschien dann die Schmelkessche gedruckte Ausgabe zur Maturakneipe, und von dort hat sie Philipp Reclam jun. in die Unsterblichkeit seiner Universalbibliothek übernommen. 120

Allerdings sind bei Reclam einige Zensuränderungen vorgenommen worden. So darf Jeiteles die liebliche Dienstmagd nur in die Wangen kneifen. In den auf den Professor Meyer bezogenen Versen:

»Und er stieg aus dem Bett mit leisem Tritte, um ja nicht
Sie zu erwecken, die holde Gemahlin, die neben ihm ruhte,
Und er ergriff das weiße Gefäß, das unter dem Bett stand
Schnell mit der zitternden Hand, denn furchtbar war er erschrocken.«

mußte die Aenderung platzgreifen: »Und er ergriff das sliwowitzbergende Fläschchen«. Der Hintere wurde hie und da in einen Hosenboden verwandelt, und der liebe Gott im letzten Gesang in einen Himmelsdirektor. Den elften Gesang, der vom angebundenen Kater unter dem Katheder handelt, und die Folgen dieser Szene, die im zwanzigsten Gesang geschildert werden, dürfte der Autor aus freien Stücken hinzugefügt, beziehungsweise geändert haben, und auch die Striche im Namensverzeichnis der reisigen Sextaner sind wohl des Autors Autozensur.

Es ist für einen Prager vielleicht besonders interessant, die Namen der Helden zu lesen und ihre Charakteristik im Epos mit ihren nachmaligen Schicksalen zu vergleichen. »Otto Pohl, der gefährliche Witzeverfertiger, mager vom Denken«, er ist Pressechef im ersten deutschösterreichischen Staatsamte des Aeußeren geworden. »Orlik, der Künstler« – er ist es geblieben. »Erhard Glaser, der sanfte«, ist ein gestrenger Oberstabsarzt, Dozent für Hygiene an der Wiener Universität und auch Doktor der Philosophie, etwas, was der Autor der »Meyriade« nicht geworden ist. Oskar Kraus ist zwar ordentlicher Professor der Philosophie, aber Doktor juris. Jaro Fürth ist am Deutschen Volkstheater in Wien einer der feinsten 121 Schauspieler, die wir haben. Hugo Gehorsam ist sozialdemokratischer Führer in Prag, Emil Fischl, der Primus der Klasse, ist sich treu geblieben und hat sub auspiciis promoviert. »Chlapetz, der gute Rufer im Streit, die Nase nach aufwärts«, dürfte sich im Krieg als solcher bewährt haben, denn er avancierte zum k. u. k. Oberstleutnant; »Kaiser, der dicke«, ist gleichfalls Stabsoffizier; Dr. Heinrich Weiß und Dr. Emil Klapp sind Advokaten in Wien. Kronberger hat ein Posamentengeschäft in der Melantrichgasse, Koch, der »dämliche Jüngling« ist – politischer Beamter, »Steiner, der Tänzer«, ist kein anderer als Dr. Artur Friedrich Steiner von der Finanzprokuratur. »Cohn mit C«, der große Versetzer, wohnhaft im Leihamt, ist in Zwittau (Mähren) als reicher Advokat wohnhaft, »Kohn mit K«, der gewöhnliche »Kohnus vulgaris« ist Landarzt, »Müller, der reinliche Jüngling«, Sektionsrat in Wien. »Grab mit dem freundlich gerundeten Bäuchlein« (der bekannte Großindustrielle Dr. Hugo Grab in Prag) dürfte es behalten haben. Tatschner ist Arzt in Niederösterreich, Donebauer Staatsbahnrat in Pilsen. Lederer auch, der Held, »der Listen ersinnende Streiter«, hat sich von der Medizin der Anglobank zugewendet und ist Prokurist. Keller wurde Professor in Deutschland, Rölz aber Zuckerfabriksdirektor in Fuskirchen, Karl Heller, der in seiner Studentenzeit zu der von Dr. Meißner, Dedic, Pohl, Tschuppik, Dr. Soukup, Tomasek, Sviha, Fritz Eidlitz, Hermyl Cohn, Nemec und Modracek, deutsch und tschechisch geschriebenen »Akademie« gehörte, ist Advokat und sozialistischer Parteimann in Teplitz. Auch Fanta, »der Liliputaner«, Eidlitz, Bergmann und Beck, der die Werke von Kant las, und eifrig »grübelte«, sind Advokaten geworden, Guth Dermathologe in Kairo. Jeiteles hat seinen durch das Epos so berühmt gewordenen Namen geändert und wurde Kinderarzt, Bondy, »der Schwarze«, Landarzt, Tauber Frauenarzt, Langendorf Kaufmann und Lange Postbeamter, 122 Taussig, der Dichter und Verfasser des Trauergesanges für Professor Seidel, vulgo Meyer – wurde Zahnarzt.

Schmelkes fiel als Hauptmann in Serbien 1914 und Paul Grünwald ist schon vier Jahre nach der Matura tragisch aus dem Leben geschieden. Was aus Wanke mit dem herrlichen Bart wurde, aus dem langen Slabihoudek, aus Dolezal, Kamillo Tichy und Propper, dem trefflichen Redner, ist nicht sicherzustellen gewesen.

Der Autor selbst hat seiner travestierten Ilias keine »Odyssee« hinzugefügt. Leider, leider hat er sich der Wissenschaft zugewendet und betreibt abstrakte Philosophie. Sein Werk über Professor Franz Brentano ist eben erschienen, aber ich werde es nicht lesen. Dem Buche über Professor Meyer wird es doch nicht zu vergleichen sein!

Professor Oskar Kraus hat für die Ueberlassung des Epos, das heute in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet ist, von Reclam bloß fünfundsiebzig Mark und fünfzig Freiexemplare erhalten, als Kraus später, schon lange nach dem Riesenerfolg des Büchleins, an den Verlag die Bitte richtete, ihm die bisher erschienene Reclambibliothek als Honorar zu geben, wurde dieses Ansuchen nicht erfüllt. Aber er kann sein größtes Honorar darin finden, daß die Prophezeiung, die er ironisch im Olympos den großen Homer zum eben entschlafenen Meyer sprechen läßt, partiell bereits in Erfüllung gegangen ist: Dreißig Jahre lang ist die »Meyrias« schon unsterblich, und wer sie auch fürderhin lesen wird, muß in ein Gelächter ausbrechen, gegen das das homerische viel weiter zurückbleibt, als die homerischen Hexameter gegen die Kraus'schen.

*

Eine Bauernregel der Prager Gesellschaft hat in der Zeit meiner Flegeljahre besagt: um sich in der Abituriententanzstunde nicht zu blamieren, lerne man zuvor auf der »Klamovka« tanzen. 123

An diesen Rat mußte ich viele Jahre später bei den ersten Stunden des Reitunterrichtes denken: »Du mußt ohne Steigbügel und ohne Sattel beginnen, um dich an den Schenkeldruck zu gewöhnen.« Natürlich wird man als sattelloser Anfänger leicht hinuntergeschleudert und bricht das Genick. Zwar würde man den Schenkeldruck für künftighin nicht vergessen, aber man krallt auf kein Pferd mehr.

Auch einen Witz gibt es, von einem rauhen Junggesellen, der sich vor seiner bevorstehenden Ehe verzweifelt fürchtet, weil er nie mit einer Frau zärtlich beisammen war und weil er noch nie seine Wohnung mit einem Lebewesen geteilt hat, also nicht weiß, ob er das zu ertragen vermöge. Sein Freund rät ihm, sich zunächst eine Ziege zu kaufen, sich an ihr mit freundlichen Worten einzuüben und das Alleinsein abzugewöhnen. Nach Wochen trifft der Ratgeber seinen Freund wieder: »Hast du geheiratet?« – »Oh nein! So lange die Ziege lebt, heirate ich nicht . . .«

So war es mit der Klamovka. Wer dorthin tanzen lernen ging, der lernte das Tanzen glänzend, wie man das Reiten lernt, wenn man ohne Sattel, ohne Steigbügel begann, und keinen schweren Sturz erlebte. Niemals vergißt man den Schenkeldruck. Aber man wurde eben als Anfänger auch in der Klamovka leicht aus der Bahn geschleudert, und brach das Genick.

Nur wenige von jenen, die dort die Meisterschaft im Tanz errungen hatten, legten hernach noch Wert darauf, in blöden Tanzstunden mit gezierten Backfischen ihre Fertigkeit zu erweisen. »So lange die Ziege lebt, heirate ich nicht«. So lange die Klamovka lebte, bin ich nicht in die Abituriententanzstunde gegangen.

So lange die Klamovka lebte . . . Jetzt ist sie tot.

Westspitze Prags. Dort geht die Prager Sonne unter. Endstation der Elektrischen, die Smichow und Koschir durchquert.

Ueber dem Gittertor steht heute noch die Aufschrift »Klamovka« in so großen Goldlettern, daß jeder 124 erkennen müßte, die hohe, von buntbedoldeten Zweigen überhangene Mauer umschließe weder öffentliche Anlagen noch Privatpark. Sondern, daß es offenbar ein Wirtshausschild ist, das dringlich zum Eintritt lädt.

Aber das Tor ist versperrt, keine Klingel vorhanden, einen öffnenden Pförtner herbeizurufen. Und. selbst wenn man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende Seitentürchen entdecken würde, so fände man nur einen Zettel, der Fremden den Eintritt verbietet. Versperrtes Tor, Fremdenverbot, wie reimt sich das auf die einladende Firmatafel? Wirtshausgarten oder Herrschaftspark?

Beides oder keines von beiden. Zu Zeiten des Rokoko haben hier die Grafen und Gräfinnen Clam lustwandelt, im Schweizer Schützenhäuschen schoß man auf bewegliche Ziele, im Musikpavillon spielte Graf Christian mit seinen Töchtern Louise und Jeanette ein Trio (während seine erklärte Amante, Madame Josefa Duschek-Hambacher, drüben im Winzerhaus »Bertramka«, das er ihr gekauft hatte, mit dem Kompositeur Wolfgang Amadé Mozart zärtlich war), im »Himmelchen«, dem gewölbten Kapellenbau, durch dessen sternförmige Löcher in der Kuppel das Himmelslicht strahlt, schäkerte man mit Kavalieren, vor Gitterstäben freute man sich der Bären und der Wölfe, im Eselsstall der Eselsbabies. Als die Gräfin Christiane Anno 1793 von dem furchtbaren Schicksalsschlage betroffen wurde, daß ihr brasilianischer Kolibri starb, so errichtete sie dem winzigen Vögelchen ein mächtiges Grabmal mit einer massiven Steinbank daneben. General Eduard Clam-Gallas aber setzte hier seinem Schlachtroß »Cassil« ein Denkmal: einen aus Stein gemeißelten Pferdetrog aus hohem Sockel, auf dem Zaumzeug und die Porträtbüste des edlen Toten in Stein gehauen sind.

Letztes aristokratisches Abenteuer im Park: Der Einjährig-Freiwillige Prinz Wilhelm Auersperg war im Mai 1877 als Korporal vom Tag im Dienst gewesen; als er in der Post, die er an seine Kameraden 125 auszuteilen hatte, einen Brief seiner Verlobten an Leopold Grafen Kolowrat fand. Er öffnete das Kuvert und beim Duell, das tags darauf stattfand, fiel er. Kolowrat flüchtete nach Amerika.

Von da ab wird die Geschichte des Parks bürgerlich, ja sogar proletarisch. Der gräfliche Park geht an einen Gastwirt über, der in der Mitte des Komplexes ein Wirtshaus mit Tanzsaal erbaut.

Der alte Hlavacek, Bürgermeister von Koschiř, hatte kein Glück mit dem Geschäft. Für die jeunesse d'orée seiner Vorstadt genügte die Sklenařka, und das Bedürfnis nach einem Park ist bei Liebenden von der Stadtperipherie nicht so brennend, wie im Zentrum. Vom Zentrum aber bis an die Westspitze Prags zu marschieren – das war zuviel verlangt. So baute Herr Hlavacek auf eigene Kosten eine elektrische Straßenbahn von Smichow hierher, und wirklich kamen nun am Sonntag die Pärchen, um im Saale zu tanzen und während der Pausen in dem herrlichen Freiluftseparée beisammen zu sein. Aber der Besuch bürgerte sich so langsam ein, daß sich der Ankauf des Adelsparkes, der Bau der Wirtschaft und gar der der Straßenbahn nicht rentieren konnte, und der erste bürgerliche Besitzer des Clamschen Gartens schoß sich verzweifelt eine Revolverkugel durch den Kopf. Unter der Regierung seines Sohnes aber drang die Kunde von der guten Musik, dem glatten Parkett und der Ungestörtheit im Garten ins Volk, die Klamovkabahn wurde verstadtlicht, und am Sonntagnachmittag bewegten sich Wallfahrten in das Tanzlokal am Fuße des Weißen Berges.

Dienstmädchen, Näherinnen, Burschen und Mädel aus dem Volk, man tanzte Quadrille und Beseda und Walzer, besonders schlürfend den Sechsschrittwalzer, der »Na šest« heißt, und die Prager Spielart des Onestap, den »Šlapak« mit langgezogenen, langsamen Schritten bei der Linksdrehung, die Augen in echter oder erheuchelter Verzückung geschlossen. 126

Ein Vollgefühl des Wonneschauers hält rings den ganzen Saal gepackt, man geht, man dreht sich nun im Takt zur Melodie des Gassenhauers.

Die Schulter zuckt, das Auge schließt sich, die Sohle liebkost das Parkett, Musik und Lust und Weib ergießt sich mit dir bis in den Garten, Duft umfließt dich, und Strauch ist Kuß, und Nacht ist Bett.

Steil standen die Christusakazien empor, die Syringensträucher schlugen Duftwellen ins Gesicht, silbern glänzte das Laub der Rotbuche, die Kastanienbäume wölbten sich als Trauhimmel über die Paare, Ahornsträucher und Hagedornbüsche sind undurchdringlich und mit Blüten behangen. Die Wege sind nicht mehr von eines Herrschaftsgärtners Hand scharf begrenzt und kiesbestreut, auch auf ihrem Sand sproßt Gras, man merkt es gar nicht, wenn man einen Schritt vom Wege macht, den Rasen betritt, die Beete . . . Es ist auch nicht verboten. Der Park hat sich der Feudalherrschaft entrungen, er kehrt zur Natur zurück, er ist wie der verwilderte Garten »Paradoue«, durch den der sündhafte Priester Mouret irrte, und er will ganz Urwald werden.

Die Liebespaare haben keine Zeit, diesen Befreiungskrieg zu sehen, sie würdigen wohl auch die Blütenpracht nicht, aber ohne daß sie's wissen, zieht sie die Landschaft in ihren Frühlingskampf.

Hingabe der Natur an die Natur, vollendete Harmonie zwischen Fühlen und Umwelt, ein ungeheucheltes, unberechnetes Sicheinanderschenken, höchste Moral in gegenseitigem Vertrauen, Lieben und Erfüllen, wie man es nur im manuellen Proletariat findet. Anders wird es nur, wenn hier eine andere Gesellschaftsschicht irgendwie in Erscheinung tritt. Dann ist Prostitution.

Auch die Klamovka, so lyrisch und sentimental sie war, ist oft zum Tanzboden des Klassenkampfes geworden. Plattenbrüder, arbeitsscheues Lumpenproletariat von den Koschiřer Nachbarspelunken, kamen 127 manchmal hierher, suchten »Remonten«, sie als Gemeinschaftsgut »do party« zu geben, und drohten einer Widersetzlichen, sie im Teich der »Šmulyřka« zu ertränken, wie sie es schon getan hatten; da kam es zu Krawallen. Und innerliche Katastrophen fanden statt, wenn Gents aus der Bourgeoisie auftauchten, in jungen Mädchen die Sehnsüchte nach Gummiradler, Weinstube, Lunapark, Hippodrom, Montmartre und Kley-Diamanten entfachten, sie wegtrieben von der Liebe.

Kalkulierte beispielsweise ein Artillerie-Freiwilliger, seine Uniform werde ihm siegendes Liebesglück verschaffen, und war in den Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt war Sensation. Hierher, wo schon die Uniform eines Infanterie-Pferdewärters Mädchenherzen galvanisiert, hierher kommt ein Einjährig-Freiwilliger mit linearem Scheitel, schwarzen Spiegeln um Fuß und Unterschenkeln, klingende Silbersporen, verschnürte Schützenschnur um den kurzen, braunen, prallen Waffenrock, goldene Spange, goldene Knöpfe, hellblaue Kammgarnhose, vorschriftswidriger Flitterstern auf zinnoberrotem Kragen.

Er kam in den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Wählte sich ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste prophezeien, daß es gar bald von der blonden Jarmila den von allen angestrebten Titel »Hvězda Klamovky« erben werde.

Er tanzte, tanzte wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der Liebhaber der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in dem Saalteile, der durch Säulen vom Tanzboden geschieden und für die Biertische reserviert war.

Acht Uhr, eben Tanzpause, ging er zu dem Mädel, das glückstrahlend mit ihrem goldstrotzenden Tänzer promenierte.

»Komm' nach Hause, Božka«

»Ich will nicht.« 128

»Um neun muß ich doch im Elektrizitätswerk sein. Sonst wirft man mich hinaus.«

»Wird man dich halt hinauswerfen!«

»Was redest du . . .? Du weißt doch, daß meine Mutter beim Direktor war, damit ich die Stelle bekomme.«

»Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.«

Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn das Orchester hatte das Volkslied von den blauen Augen zu spielen begonnen. Der Monteur empfindet das Schmerzliche von Božkas letzten Worten doppelt schmerzlich, weil es in den Armen des anderen gesagt ist, weil er fühlt, daß das Mädel, ihn abweisend, dem anderen eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich die zwei jetzt fester aneinanderschmiegen, und vielleicht über ihn, den heimgeschickten Dritten, lächeln. Er geht zu seinem Platz zurück. Er ist sehr blaß.

»Du kannst ja gehen,« hat Božena behauptet. Nein, allein fortgehen kann er nicht. Sonst geht sie mit dem Kanonier in den Garten, geht . . . mit . . . ihm . . . nach Hause, und dann lächeln die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. Alle Stammgäste der Klamovka würden lachen, über ihn, den Wurzen: »Führt ein Mädel zum Tanz, damit es mit einem anderen nach Hause gehen könne!«

So bleibt er sitzen. Es schlägt neun Uhr. Das ist die Stunde, zu der er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sich's nicht anmerken lassen, wie sehr ihm die Musik das Herz durchsägt, die seiner Freundin und doch nicht ihm zum Tanze aufspielt. Aber man merkt's ihm an, und ein Freund, vorbeitanzend, »ruft ihm zu: »Was liegt an einem Mädel!« Der Monteur wiederholt sich diese Maxime zur eigenen Tröstung.

Späte, späte Nacht ist, da er mit Božka nach Hause geht. Ein glücklicher Liebender, war er gekommen, ein arbeitender Mensch. Und jetzt weiß er, daß er ein 129 Stellungsloser ist, weiß er, daß sein Mädel mit dem Freiwilligen ein Stelldichein verabredet hat, er weiß gar wohl, daß alles aus ist, und in seinem Munde ist es heiß.

Es war zum letztenmal, daß er mit Božka heimging. Es war zum letzten Male, daß er auf der Klamovka getanzt hat.

Auch wenn das breite Gittertor nicht bald darauf für alle Tanzhungrigen für immer geschlossen worden wäre, weil die Barmherzigen Brüder die Besitzung angekauft haben, der junge Monteur würde nicht mehr zum Tanze hingehen. Er verkehrt jetzt in anderen Lokalen. Fast täglich mit einem anderen Mädel. Und wenn jetzt jemand seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert er sie noch auf, den Blick zu erwidern. – Hat auch gar nichts dagegen, wenn sie mit jemanden den ganzen Abend tanzt, ja selbst, wenn sie mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet nicht mehr, als Geprellter zu gelten. Er will nur Geld haben.

»Was liegt an einem Mädel!« Das Wort, mit dem er sich damals zu trösten versuchte, ist seine Lebensdevise geworden . . .

Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man wollte es etwa als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden auch die Božka (die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf die Klamovka!) zu seiner Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige tanzt aber schon lange nicht mehr mit ihr.

Das war so einer von den Romanen, die wir im Clamschen Garten erlebt haben. Hingekommen waren wir, um für die Abituriententanzstunde zu lernen. Wir lernten aber, daß die erste Liebe nicht dazu da sein muß, sich in ödem Ballgespräch, raffiniertem Kokettieren, Fächerspiel, Stammbuchversen und Kotillonbändern zu erschöpfen, daß es auch eine Liebe gibt, die keine Spielerei, keine Berechnung und keine Abwägung 130 der Konsequenzen kennt, eine junge Liebe, die glücklich machen kann und unglücklich für ein Leben.

Diese Träne sei dem Andenken der Klamovka geweiht! Und wenn ich ihrer gedenke, so stehen nicht so sehr das »Himmelchen«, der Eselsstall, die Grabmäler für Kolibri und Leibroß und nicht einmal die wunderbar leuchtenden Akazienbäume so sehr vor meinem Auge, wie die Sträucher, in denen der junge Monteur liebend glücklich war, und die Stelle im Saal, wo er blaß und tränend seinem davontanzenden Liebesglück nachschaute.

Es muß übrigens nicht gerade ein Monteur gewesen sein.

*

Mag die Matura auch heute noch ein genau so jäher Wendepunkt sein, wie zu unserer Zeit, – heute sind doch schon an der Kurve Vorsichtsmaßregeln getroffen, welche schwere Unfälle verhüten. Wenn dem nicht so wäre, so würde der nachstehende Bericht nicht geschrieben worden sein, der von armen Schwindlern, Einbrechern, Urkundenfälschern und Dieben aus Verzweiflung handelt. Von jungen Leuten, die zitternd verbrecherische Gewalt und betrügerische Kniffe anwandten, um den Paß für die Reife ins Leben zu erringen, und sich dann dort im Leben so ehrlich und tüchtig ihren Platz erwarben – zumindest so ehrlich und so tüchtig wie die Musterknaben.

Man kann heute die Wahrheit erzählen, ohne befürchten zu müssen, den Nachfahren zu schaden. Es gibt wohl keine Reprobierung auf sechs Monate mehr, man kann nicht mehr »aus« einem Gegenstand für ein Jahr durchfallen. Die Matura ist nicht mehr ein solches Purgatorio voll Gefahren und Foltern, wie sie es einst war, sie endet nicht mehr mit Selbstmorden und die heutigen Abiturienten werden nicht ihr ganzes 131 Leben lang bedrückt, schweißgebadet und stöhnend von den Stunden dieses Examens träumen, wie es die heutigen Hofräte tun. Ja, selbst mancher Kompagniekommandant, der sich am Abend vor dem Sturze voll gräßlicher Ahnungen, schmerzlicher Berechnungen in seiner Kaverne wälzte, konnte im endlichen Schlaf der Nacht nur von einem quälenden Alpdruck gepeinigt werden: er sah sich als Prüfling vor der Maturakommission.

Ueber die Beherrschung eines Lehrstoffes von sieben oder acht Jahren in einigen Stunden Rechenschaft zu geben! Ueber einen Stoff, der die Formel der Hyperbel, die Daten aus der Regierungszeit Nebukadnezars, den Autor des »Walthariliedes«, die Reflexe des Konkavspiegels, die Herstellung des Chloralcyamids, die Biographie von Scarron, die Flächen und Kanten des Pentagondodekaeders, die Anwendung des »Gerund«, die Projektion einer Durchdringung zweier abgeflachter Kegel und tausende solcher Dinge umfaßte, die eben die Reife des Menschen beweisen. Niemand war dieses Besitzes sicher. So half man sich eben mit all dem, was ein Euphemismus als »Schwindeln« bezeichnete, für das aber das Strafgesetzbuch weniger milde Ausdrücke kennt. Manchem gesetzten Mann mag es heute noch schwindeln, wenn er denkt, in welche Gefahren ihn seinerzeit das Schwindeln bei der Reifeprüfung führte. Und er mag finden, wenn er sich's so recht bedenkt, daß er den Schwerverbrecher auf der Anklagebank in tiefstmenschlichem Sinne als seinen Bruder anzusprechen hat: Was du getan hast, um Geld zu gewinnen, habe ich getan, um nicht ein Jahr zu verlieren. Litte ich Not wie du, täte ich das gleiche wie du, wenn ich noch den Mut meiner Jugend hätte. Du warst ein Außenseiter der Gesellschaft von Kindheit an, weil du einem Bettlergeschlecht entstammtest, dein Milieu wies dir unerbittlich den Weg, – aber ich, dem fremde Hände ein weißes Bett bereiteten und die Kleider bügelten, der in der Gesellschaft lebte und leben wollte, 132 daß sich ihm ihre Türen noch weiter öffneten, ich habe keine milderen Umstände wie du, du Edler gegen mich!

Abiturientenklasse. Eine gewöhnliche Schularbeit aus Mathematik. Man hat zwei Stunden zur Ausarbeitung der vier Beispiele, denn der Professor hat sich vom Naturgeschichtslehrer die nachfolgende Stunde ausgeborgt. Man schwitzt und spekuliert über den Beispielen, man läßt abschreib-lüsterne Augen zum Nachbarn und zum Vordermann schweifen, man fleht den Hintermann um einen Schwindelzettel an und sucht auf der Manschette die Formel der Parabel oder blättert in einem bibliophilen Kunstwerk, einem handschriftlich vervielfältigten winzigen Formelbuch, das an einem langen durch den rechten Aermel und unter dem Rock zur linken Hosentasche führenden Zwirnfaden befestigt ist. (Kommt der Professor in die Nähe, so zieht man in der linken Hosentasche den Faden und das Büchlein verschwindet im Aermel.) Das sind alte Tricks, deren Handhabung keine Schwierigkeiten mehr macht, zu denen man aber alle Nerven anspannen muß. Daher die bekannte atemlose Ruhe der Schularbeitenstunden, gegen welche sich die Stille auf dem Kokelberg bei Weimar geradezu als Trommelfeuer ausnimmt.

Aber heute ist die Aufmerksamkeit geteilt. Denn droben auf dem hohen Throne sitzt der Professor und benützt die ruhige Doppelstunde, um eine wichtige Arbeit zu erledigen. Zwei aufgeschlagene Lehrbücher liegen vor ihm, eine Reihe von Zetteln hat er vor sich ausgebreitet und auf einen großen Bogen Papier schreibt er mit feierlicher Hand. Wir wissen, um was es sich handelt. Er stellt die mathematischen Themen für die schriftliche Matura reinschriftlich zusammen. Dreißig Beispiele. Sie gehen versiegelt an den Landesschulrat ab, der drei davon auswählt und den Bogen, mit großem Amtssiegel verschlossen, wieder zurückschickt. Bei der Matura wird ihn der Professor wieder 133 öffnen, nachdem sich ein Schüler von der Unversehrtheit des Siegellackes überzeugt hat.

Gegen Anfang der zweiten Stunde ruft der Professor den Primus zu sich, der eben seine Arbeit abgegeben hat. »Holen Sie vom Pražák (der Papierhändler drüben) ein großes Kuvert und sagen Sie dem Schuldiener, daß er aus der Direktionskanzlei Petschaft und Siegellack bringen soll.«

»Vier Kuverts kaufen!« raunt dem davoneilenden Primus der Repetent zu, der Obmann der Kommerskassa und als solcher Leiter des Maturaschwindels ist. (Eigentlich ist es umgekehrt.)

Der Professor steckt den Bogen in den Umschlag, schreibt mit feierlicher Schrift »An den hochlöblichen k. u. k. Landesschulrat des Königreiches Böhmen« darauf, klebt das Kuvert zu, hält Siegellack in eine Flamme. Unsere Hoffnungen tropfen in Gestalt roten Wachses auf das Papier, flackern noch einmal auf, verlöschen, und unsere Verzweiflung drückt ihren Stempel auf die erkaltende, erstarrende Materie.

Die Schularbeit ist zu Ende. Zwei Vorzugsschüler tragen die abgelieferten Hefte in das Kabinett und sehen, wie der Professor das wichtige Schriftstück in seinen Schrank legt und diesen zusperrt. Morgen wird er es wegschicken oder vielleicht schon am Nachmittag. Wir wissen nicht, ob er Zeit hat. Wir wissen nur, daß wir keine haben.

Mittags, wenn alle das Klassenzimmer verlassen, bleibt ein Waghalsiger darin. Er hat ein kostbares Kleinod in der Tasche: den Nachschlüssel zum Schrank. Vor grauen Jahren hat eine heute ergraute Generation von Abiturienten sich in seinen Besitz gesetzt und nun erbt er sich von Geschlecht zu Geschlecht fort. Der Mutige, das Herz in den Hosen, lauert, bis der Direktor zum Essen geht. Nun ist das unendlich weitläufige, vor zehn Minuten noch von erregtem Leben erfüllt gewesene Gebäude menschenleer. Der Schlüsselbewahrer schleicht – wißt ihr, wohin er schleicht? 134 Ueber den geheiligten Korridor des Lehrkörpers zum Kabinett des Mathematiklehrers. Das hat der Schuldiener, der mit uns unter einer Decke spielt – dreihundert Kronen hat uns diese Mitwirkung gekostet! – offen gelassen. Der Kasten wird aufgesperrt und der schicksalsschwere Briefumschlag zu dem versammelten Komitee gebracht, das aufgeregt im Extrazimmer der Spelunke harrt.

Am aufgeregtesten ist der Schuldiener, der Petschaft und Siegellack aus der Direktionskanzlei gebracht hat und der gerne als ehrlicher Mann ein ruhiges Leben gefristet hätte, wenn nicht seine Frau entschieden und unwiderlegbar für den Verdienst von dreihundert Kronen wäre.

Das Kuvert wird auf den Tisch gelegt und ein gewiegter Schriftfälscher (in jeder Klasse gibt es Meister, die die Unterschrift der einzelnen Professoren besser verfertigen können als diese selbst), malt Strich für Strich die Adresse ab: »An den hochlöblichen . . .«

Gelungen! Ein Meisterwerk! Selbst der Schuldiener ist erstaunt und sein Gewissen beruhigt sich um 50 Prozent. Wir aber halten 100 Prozent Wahrscheinlichkeit (ist gleich: Gewißheit) in der Hand, daß wir die schriftliche Maturitätsprüfung aus Mathematik bestehen werden. Jetzt ist die Arbeit leicht: Der Umschlag wird aufgeschnitten, die dreißig Themen werden rasch abgeschrieben, das Original in das gefälschte Kuvert gesteckt, versiegelt. Jetzt lodert der Siegellack in rotem Jubel, flackert wie eine Fahne, und der Sieg stempelt unsere Freude.

Am Abend sitzt die ganze Klasse im Saale des Hotels Platteis und läßt sich vom Primus die Auflösungen der dreißig Beispiele diktieren. Er diktiert einigen Schwächeren kleinere Fehler, die sie dann bei der Matura in die Arbeit setzen, und wieder wegstreichen müssen, variiert die Rechnungsarten, kurzum, man tut alles, um die Glaubwürdigkeit unserer verblüffenden mathematischen Kenntnisse darzutun. 135

Von Darstellender Geometrie hat niemand, der die Realschule absolviert und seit der Sekunda Hunderte von Doppelstunden dieses Gegenstandes abgebüßt hat, eine rechte Ahnung. Nur du, lieber Leser, bist natürlich die rühmende Ausnahme. Du hast dir nie die zwanzig Zeichnungen, die im Jahre abzugeben sind, von irgend einem Schüler der höheren Klasse um zwei bis drei Kronen anfertigen lassen, nicht wahr? – Du hast, wenn du zur Tafel gerufen worden bist, dir nicht noch schnell von deinem Nachbarn zuraunen lassen, daß du jetzt L mit Z verbinden und halbieren mußt? Und hast dann auch nicht, wie von ungefähr, das Kreidekistchen zu Boden geworfen, damit einige Hilfsbereite die Kreidestücke aufheben und dir dabei den weiteren Vorgang zuflüstern?

Ich aber und meine Mitschüler hatten vor nichts so viel Angst, wie vor der Schriftlichen aus Darstellender Geometrie. Aber wir hatten vorgesorgt, jawohl!

Unsere Röcke waren von Muttern präpariert, das Futter losgetrennt und statt der Nähte gab es Druckknöpfe. So konnte man gegebenenfalls ein ganzes Zeichenblatt unzerknittert und unbemerkbar unter dem Rock zwischen Tuch und Futter ins Klassenzimmer tragen. Woher wir es nahmen?

Ganz einfach. Kurz nachdem bei der Prüfung die Themen ausgegeben worden waren, meldete sich ein kränklicher Schüler hinaus. Der warf den Kalodont-Karton, der sonst zum Schutze der Tuben dient, diesmal aber den Zettel mit den Themen enthielt, aus dem Fenster in den Lichthof. Dort harrte längst ein Mitschüler, der zur Matura nicht zugelassen worden war, hob den Kassiber auf und rannte zu einem Radfahrer, der in das Schwindelbureau fuhr.

Dort hatte jeder der Maturanten sein anderes Ich. Techniker arbeiteten hier, je einer für einen. Ein Künstler auf dem Gebiete der Deskriptive stand vor 136 der Tafel und diktierte den Dreiecken, Kurvenlinealen, Nullerzirkeln und Reißfedern deren Tätigkeit: »Verlängerung der Geraden bis zum Schnittpunkt mit der X-Achse. Man errichtet in diesem Punkte eine Senkrechte auf die Achse und sucht den Fußpunkt in der ersten Projektion. Habt's ihr das? Mit A-Strich bezeichnen!«

Gegen elf Uhr vormittags, noch früher manchmal, waren die Probleme gelöst und auf einen geheimen Ort gepascht, der durch eine Reihe von Konstruktionen vorher noch geheimnisvoller gemacht worden war. Dann ging unten einer unserer Retter am sommerlichen Fenster vorbei und pfiff sorglos und fröhlich:

»Daisy, Daisy, schön wird die Hochzeit sein . . .«

Das war das Signal. Und der »Prof«, der sich an unserer Aufregung geweidet hatte, mit der wir Linien und Kreise (zusammenhanglos) aufs Papier gekritzelt hatten, und nun bei dem fröhlichen Pfeifen auf der Straße ein Aufhorchen bemerkt haben mochte, faßte dieses nicht ganz richtig auf und bemerkte hämisch: »Ja, ja, die haben's gut, die pfeifen sich ein Liedel.«

Drei Stunden hatten wir geschuftet, was Wunder, daß jetzt der Moment eintrat, den Schiller besingt: »Der Mann muß hinaus . . .« Einer nach dem anderen meldete sich. Draußen am Korridor ging der Supplent auf und ab und achtete darauf, daß man mit niemanden spreche, den Korridor nicht verlasse, sondern direkt auf jenen Ort gehe, – der unsere Arbeit barg. Das Zeichenblatt im Futter, kehrte man zurück. An den Stuhl gelehnt (im Zeichensaal gibt es keine Bänke) stand die Zeichenmappe. In die ließ man behutsam das kostbare Papier aus dem Rockfutter rutschen, nahm seelenruhig die Mappe auf den Tisch und spannte das fertige Blatt auf, als ob es ein leerer neuer Bogen Zeichenpapier wäre. Zu gegebener Zeit gab man ihn ab. 137

*

Buttersemmeln sind nur dazu da, um Uebersetzungen ins Französische und Englische ins Klassenzimmer zu schmuggeln.

In der Herstellung kleiner Miniaturdiktionäre ist die deutsche Buchdruckerkunst sehr weit vorgeschritten.

Bei der mündlichen Matura ist längst Marconi vorgeahnt und übertroffen worden. Manchmal sind es auch – Heil ihnen! – die Professoren selbst, die das Häufchen Unglück decken, das vor der Tafel steht, und dem armen Examinanden einsagen, damit er sie nicht blamiere.

Dann ist endlich alles vorüber, der Freispruch verkündet, ungeheuren Jubels voll, der Zylinder und Bratenrock Lügen straft, stürmt man über die Stiegen des Schulgebäudes ins Freie.

Dort stehen Verwandte, Gruppen von Couleurstudenten, bisherige Mitschüler haben schon Kappe und Band an, man wird von neuen Freunden gekeilt, von alten Feinden kontrahiert.

*

. . . kontrahiert. Aber wo schlug man die Mensuren? Die Beantwortung der Frage ist lokalpolitisch, kommunalhistorisch interessanter als man denken möchte, sie ergibt eine Geschichte bizarrer Schlupfwinkel. Von einer Spelunke zur anderen übersiedelte man, um zu fechten, denn nur ein Wirt, dem es schlecht ging, versuchte, sein Lokal vermietend, das so mit dem nationalen Standpunkt für verbindlich zu erklären: »Af se jen rozsekaji,« – »Mögen sie sich nur zerhacken!« Machten ihm Stammgäste energische Vorwürfe oder stellte der Vorstadtverein, der abends auf dem Mensurboden zusammenkam, ein Ultimatum, oder kam die Polizei, so mußten die Koffer mit Plastrons, 138 Verbandzeug, Paukhandschuhen, dem »Franzosen«, den blutkrustenbedeckten Gemeinschaftshosen u. dgl. gepackt und von dannen geschleppt werden. »Das sind die Prager Studenten, zum Tor hinaus es geht . . .«.

Karl Hans Strobl hat in der »Vaclavbude« der längst assanierten Josefstadt das typische Milieu der Prager Mensur getreulich konterfeit, die Mischung von Elendenkirchweih, romantischer Phrasengläubigkeit und der Mystik der Prager Kulisse, die stinkige, stickige Atmosphäre, die venerisch erkrankte Kellnerin, Straßentypen im Nachbarraum – das war das Feld der Ehre, hier schlug man »Pro patria«-»Suiten«, hier holte man sich die Renommierschmisse fürs Leben. Und auch das Feldspital für Verwundete, den einsamen »Schipkapaß« in der entlegenen Scharka, Dejwitz Nr. 56, Liegenschaft »Zlatnice«, den Osman Pascha recte Moriz Milde auch als Kampfplatz für die höchst ungefährlichen Pistolenduelle verwenden ließ (nur einmal wurde unglücklicherweise und zum Entsetzen der Beteiligten eine Kuh getroffen) hat Strobl gut gesehen.

Im Altertum des Prager Mensurwesens waren die Lokale noch solider Natur. Auf der Bastei, der breiten Umwallung, die von der Karlshofer Kirche zum Korntor, von da zum Roßtor und weit über das Poritscher Tor hinaus bis zur Moldau führte, stand einmal das »Café Bohemia«. In der Hibernergasse, die freilich anders aussah als heute. Der Staatsbahnhof stand dort, wo er heute steht, und doch war er nicht in der Mitte der Stadt, sondern an ihrer Peripherie. Um für seine Einrichtung Raum zu schaffen, hatte ein Stück der Basteimauer fallen müssen. Rings umher aber stand der Wall noch breit und hoch, und an guten Frühlingstagen konnte man geputzte Bewohner Alt-Prags die Serpentine hinaufstolzieren sehen, die von der Hibernergasse auf die Bastei führte. Dort oben, im Café Bohemia konnte man einen braven Kaffee schlürfen und allvorzeitisch große Kipfel und Mundsemmeln dazu essen, und hatte einen endlos weiten 139 Ausblick auf die Wiesen und Felder, gegen die Wiener Reichsstraße, jenem Gebiete zu, auf dem sich heute Zizkow und ein Teil von Weinberge breitmacht. Vom Kaffeehaus aus konnte man dann auf der Steinbrücke über den Bahnhof hinweg längs der Florenzgasse bis nun Poritscher Tor promenieren. Im ersten Stock des Cafés war ein großer Saal, der manches Kränzchen und manchen Kommers sah, wie jenen denkwürdigen, der im Feber 1863 den Staatsminister Schmerling in Prag begrüßte.

Hier focht man am Anfang der Sechzigerjahre die ersten Mensuren. Gleich nach dem Krieg, dem lombardischen Feldzug. Die Studenten, deren Organisationen im Jahre 1849 hinter den Kerkermauern von Munkacs und Komorn begraben worden waren, nützten den etwas freiheitlicheren Wind, der in Oesterreich nach dem verlorenen Kriege zu wehen begann. Das im Sommer 1859 im Gasthaus »Zum Hopfenstock« an der Ecke der Bodička- und Hopfenstockgasse errichtete »Bierherzogtum Lichenhain unter Thus I.« war die erste studentische Geselligkeitsvereinigung, die schwarzen Seidenkappen, welche die »Tabularotundisten« 1860 in ihrem Kneiplokale »Zum Kleeblatt« (Ecke Teingasse und Fleischmarkt) und bald auch auf der Straße trugen, der Anbeginn des Farbentragens. Bald darauf fing das Mensurwesen an. Bernhard Stall, ein junger Westfale, der in Bonn aktiv gewesen war, wandelte die »Tabula Rotunda« in die Verbindung »Rugia« um und die schlug mit der »Franconia« Partien. Kein Lied, kein Heldenbuch meldet die Namen der ersten Kämpen.

Die erste Burschenschaftermensur, über die noch Auszeichnungen vorhanden sind, ist am 6. Juni 1861 ausgetragen worden. Zwischen einem Mitgliede der »Carolina«, die bisher in einem anderen Basteilokale, im Café Schubert, zwischen Roßtor und Korntor (etwa dort, wo heute die Celakovskyanlagen sind) mit stumpfen Klingen und in Körben gepaukt hatte, und 140 einem Aktiven der »Albia« auf deren Bude. Die Mensurbücher notieren: »Paukanten: Bursche Albert Liberda (Carolinae) und Bursche Johann Tröger (Albiae); Sekundanten Ernst Hauer (Albiae) und Karl Rösch (Karolinae); Unparteiischer: Julius Zuleger (Franko-Arminial). Mensur zweiten Grades. Liberda abgeführt; zwei Nadelstiche.«

Der Schauplatz dieser Mensur und nachher ungezählter anderer war wohl der schönste und romantischeste, den man sich überhaupt denken kann; das Lustschlößchen »Amerika« in der Karlshofergasse. Das hätte sich Kilian Ignaz Dienzenhofer nicht im Traume einfallen lassen, als er für den Grafen Michna das eigenwilligste Meisterwerk seiner Architektonik schuf, das hätte sich Meister Johannes Schorr bei aller seiner Phantasie nicht denken können, als er hier die Fresken malte, das hätte Mathias Braun nicht ahnen können, als er die wundervollen Räume mit Reliefs, Statuen und Vasen schmückte, daß das alles einstmals ein Wirtshaus werden würde. Daß im barocken Prunksaal mit Kreidestrichen der Kampfplatz für Mensuren abgegrenzt, Aktive, Beleger, Hospitanten, Konkneipanten, Bader und der Mensurpepik in mehr oder minder schmutzigen Stiefeln geschäftig hantieren, Unparteiische kommandieren, Sekundanten protestieren, geschärfte Schlägerklingen gebunden sein und die mit Kolophoniumduft, Blut- und Karbolgeruch &c. geschwängerte Luft sausend durchfahren, Eisenhiebe schallend auf Klingen, Köpfe, Binden, Bandagen, Arme, Körbe, Brust, Nasen und Wangen rasseln werden, Blut auf Boden und Wände gespritzt würde, und sogar das gräfliche Schloß einen Kneipnamen erhielte. (»Jméno ›Amerika‹ dali letokradku buršácí později, když tu byla hospoda«. Ruth, Chronik Prags. S. 149.) Die »Albia« hatte hier ihre Bude und der Wirt besaß zwei entzückende Töchter. (Vom redaktionellen Nebentisch her bittet mich der alte Hermann Katz, der bei meinen fortwährenden Fragen nach dem studentischen Turniersaal 141 des »Amerika« erinnerungsschwelgend seine Pfeife ausgehen ließ, ich möchte besonders der älteren der beiden Wirtstöchter, der Karla, ein Wort besonderen Lobes weihen.)

Die technischen Korps »Frankonia« und »Suevia« fochten inzwischen in dem Brettergasthaus »Smetanka« auf den freien Gründen zwischen Zizkow und Weinberge, und die »Austria« pflegte ihre Waffengänge im einstigen Gasthaus Eggenberg auszutragen, das hinter dem Anjezder Tor auf einer Anhöhe vor dem Kinskygarten stand.

Die Waffe, deren man sich bediente, war eine lokale Erfindung, die unter dem Namen »Prager Waffe« – im Studentenjargon »Prager Plempe« – an Deutschlands hohen Schulen als Eigentümlichkeit der Studenten Prags bekannt war. Sie war nicht Säbel, noch Schläger, sondern beides. Der alte ständische Fechtmeister in Prag, Maitre de Gros, lehrte nämlich nur das Säbelfechten, und so mußte man eine Kombination des Säbels mit dem studentischen Schläger erfinden, und versah den Säbelgriff mit einer geraden Schlägerklinge. Siebzehn Jahre schlug man mit diesem Unikum. Dann kam die Kultur auch nach Prag, und man focht Schläger wie anderwärts in der feinen Welt. In dem Paukbuch des akademischen Korps »Austria« (S. 102 und 103) ist über die erste Schlägermensur in Prag folgende Aufzeichnung zu finden. »Anerkennungshatz des akademischen Korp ›Moldavia‹ (Prag) auf Korbschläger in den D. C.-Verband. Erste Mensuren nach dem Prager Paukkomment auf Korbschläger. – Mensur auf Korbschläger, 15 Minuten gefochten am 8. Juni 1877 im Gasthaus Eggenberg zwischen Herrn Phil. Cand. Josef Neuwirth, ›Austria‹-Prag und ›Saxoniae‹-Wien und Herrn Med. Stud. Rudolf Eckstein, ›Moldaviae‹-Prag. Als Sekundanten fungierten Jur. Ludwig Stümmer (›Moldaviae‹) und Med. Karl Renn (›Austriae‹), als Unparteiischer M. U. C. Alois Pessina und als Paukarzt M. U. C. 142 Carl Zoerkler. Die Mensur endete unentschieden.« – Die erste burschenschaftliche Schlägermensur fand am 2. April 1880 in dem Gasthaus »Zur slawischen Linde« in der Inselgasse (heute: Smetanagasse) statt: Eduard Gerson von der »Alemannia« focht sie mit dem Prager »Teutonen« und Wiener »Alben« Paul von Portheim, der jung verstorben ist, und dessen posthume Gedichtsammlung »Silentium!« Bewunderung erweckte.

Eine Zeitlang – so um die Zeit der Kuchelbader Schlacht – gab es Störungen des studentischen Waffentums. Die Tschechen störten die »Salamander« – das war der damalige Ausdruck für das spätere »buršák« – bei deren Zusammenkünften, die Polizei witterte Konventikel großdeutscher Natur. So zogen die wehrhaften Mannen aus den Toren Prags »in die Wüste« hinaus, und in den vergilbten Mensurbüchern stehen auswärtige Gasthausnamen zu lesen, so »Zum Prokop dem Kleinen« in Nusle, »Karl IV.« in Wrschowitz, das »Mäuseloch« in Straschnitz, »Bellevue« in Nusle, »Georg von Podiebrad« in Koschir, der Pavillon im Paradiesgarten, die »Nusler Mühle« u. dgl. Verfallene Einkehrhäuser da draußen, Spelunken stinkigster Art im verröchelnden Assanierungsrayon, – so wurde die Herrlichkeit im Schlosse »Amerika« reichlich gebüßt. Der Anlaß einer Ehrenangelegenheit und seiner Behandlung nach den Ehrenkodices von Barbasetti, Bolgar und Hergsell, die Feierlichkeit, mit der bei »Kontrahage-Bestimmungspartien« der eine Paukant zum anderen den Wunsch geäußert hatte, »ich wünsche mit Ihnen zu hängen«, die Ernsthaftigkeit von »p. p. Suiten«, zu denen die Kartellcouleurs aus österreichischen und deutschen Universitäten nach Prag gekommen waren, die »Exklusivität« und »Feudalität« der Korps und die Personen der Mensurgegner, sie waren zur Lokalität nicht mehr homogen. Der Schreiber dieser Zeilen hat u. a. im Ausschank eines jüdischen Branntweinhändlers in der Zigeunergasse gegen den Obmann des völkisch-antisemitischen Lese- und Redevereines 143 »Germania«, in der Garage eines deutschen Hotels auf der Unteren Neustadt gegen einen Herrn, der heute im tschechisch-nationalen Leben der Republik eine Rolle spielt, und gegen einen zionistischen Arzt aus Czernowitz in einem verfallenen Klostertrakt gefochten.

Und selbst auf diesen klandestynen Fechtplätzen war des Bleibens nicht lange, Polizei und Gendarmerie fanden alle diese Unterschlüpfe nach und nach heraus. Wenn auch mancher eindringende Polizeibeamte (zur Widerlegung der Ausrede, man habe nur mit stumpfen Klingen den Fechtsport geübt) mit verräterischem Wohlgefallen und verdächtiger Sachkenntnis die Mensurspeere aus dem Handgelenk pfeifen ließ, – was half das, er mußte die schönen Waffen doch konfiszieren, und die Türen des Polizeimuseums sind mit saisierten Schlägern und Säbeln dekoriert.

Auf der Sklenarka in Wolschau fand einst eine Partie statt, bei der ein Mitglied der Korona nach Leibeskräften Klavier drosch, um das Klingen der Klingen zu übertönen, das den im Nebensaale tanzenden Gästen verdächtig gewesen wäre. Aber die hatten trotzdem herausgebracht, daß nebenan die Musik bloß zum Waffentanz aufspiele, und die Polizei drang in den Saal, mitten während eines Radetzkymarsches mit Tiefquart. Sicherstellung, Konfiskationen, Polizeirapport, Zeitung. Und ein amerikanisches Blatt brachte eine zweiseitige Illustration dieser Szene mit dem Sensationstitel: »Ein tödlich verlaufenes Duell unter Musikbegleitung in Prag.« Auf dieser phantasievollen Zeichnung ist das Orchester zu sehen, welches mit seinem Lärm den Lärm der Säbel zu übertönen hat, der Duellant, der mit durchbohrtem Herzen zu Boden sinkt, die entsetzte Korona, die eindringende Polizei, und der Nachbarsaal, durch dessen geöffnete Türe man Paare in Frack und Balltoiletten elegant tanzen sieht – das Publikum der Sklenarka in Straschnitz. 144

*

Die Albrechtskaserne in Smichow: ein Karree von vier langgestreckten Gebäuden, von dem jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine der vier Aufschriften trägt: »Westkaserne«, »Südkaserne«, »Stabskaserne« und »Nordkaserne«.

Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein k. u. k. Infanterist auf die Frage, welches die Weltgegenden seien, geantwortet hat:

»Nord, Süd, West und Stab.«

Das Stabsgebäude, das zum Fehler in dieser Antwort Anlaß gab, füllt nicht die ganze Ostseite des Kasernvierecks aus: an der Ecke der Petrinergasse und der Königsstraße steht noch ein nettes quadratisches Häuschen. »Arrestgebäude« ist oberhalb jenes Tores zu lesen.

Die Fenster sind vergittert, auf den Stufen, die zum Eingang emporführen, stand oder saß ein Soldat mit grauen Aufschlägen, dem goldbeadlerten Tschako und Patronentaschen. Er stand da, das Nahen des Inspektionsoffiziers schnell dem Gefreiten melden zu können, der Wachkommandant war.

In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer gehütet – zweihundertsechzig Tage Arrest hatte ich in der kurzen Zeit abzubüßen, da ich beim k. u. k. Infanterieregiment Prinz Johann Georg von Sachsen Nr. 11 meiner Dienstpflicht Genüge tat. Lang, lang ist's her, und vieles hat sich seither verändert, auch andere Arreste habe ich seither kennen gelernt.

Aber an dem Eckhäuschen der Petringasse und Smichower Königsstraße gehe ich nie ohne stummes Schaudern vorbei. Ich habe in einem Buche und in mehreren Geschichten Heiteres von meinen beim Militär verübten Streichen erzählt. Aber den Strafvollzug habe ich immer nur mit kurzen Worten gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei gewesen. Die »Festungstid« war die böseste Zeit meines Lebens. 145

Am Anfang kam ich nur zu »Verschärftem Arrest« in die vergitterte Villa. Das besagt: Ich »durfte« mit den anderen Kameraden auf dem Sandberg exerzieren, ich »durfte« an dem Unterricht der Taktik, des Heerwesens, des Militärgeschäftsstils, der Terrainlehre, des Waffenwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn um fünf Uhr abends die anderen schlafen gehen konnten, dann mußte ich in den Arrest. Später kam ich mit höherem Strafgrad zum »Strengen Arrest« in das Nordosthäuschen. Da machte ich die Beschäftigung der anderen nicht mehr mit und blieb von früh bis abends und von abends bis früh im dunklen Loch allein.

In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, die wäre zu schnell kaput gewesen. Ich mußte von irgend einem Infanteristen dessen ärgste Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum Exerzieren oder zum »Ritt«, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht angezogen hätte: breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die, wie verlautete, auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als Menageschale, als Waschschüssel und noch zu etwas verwendet werden konnte. In diesem Aufzug marschierte ich über den Hof, zunächst aus dem Bereich der Freiwilligenschule und später, – als ich aus dieser ausgeschlossen war – aus dem Kompagnierayon in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der Tageskorporal, der mich bei der Wache gegen Quittung abzuliefern hatte.

Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußte auf den Stabsführer gewartet werden, der die Profoßendienste im Regiment versah, und herbeigeholt wurde. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir abgenommen: ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm abgeschnitten werden. Alle diese Maßnahmen haben prophylaktischen Charakter; das Erhängen soll dem Häftling erschwert 146 werden. (Aber derjenige, der noch nicht an Selbstmord denkt, muß durch diese Vorkehrungen auf solche Gedanken kommen.)

Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet, und die zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor.

Vier kahle Mauern, in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die aufgeklappten Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht zwölfmal, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht.

Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht, denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift oder Papier waren mir gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten. Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun mir die hinaufgezogenen Füße weh, vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu denken. Kalt ist es auch.

Muß mir eine Beschäftigung suchen, zu der man keiner Utensilien bedarf: ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf die Zellentüre. Der Posten, der draußen auf und ab geht, kommt herbei und fragt von außen nach meinem Begehr. »Ich will trinken,« erkläre ich.

Der Infanterist: »Warte einen Augenblick.« Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum Wachkommandanten hinunterführt. Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte, der Gefreite-Wachkommandant kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache.

»Was wollen Sie?« fragt der mich unwillig – gestörte Kartenpartie! – durch die verschlossene Türe. 147

Nochmals habe ich zu melden, daß ich trinken möchte.

»Treten Sie drei Schritte zurück,« befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt und mich dadurch der Möglichkeit begeben habe, mich aus der Zelle auf die Wache zu stürzen. Dann öffnete er, ich kann hinaustreten. Dreier scharfgeladener Gewehre Mündungen sind gegen mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden Schrittes, den ich mache; die Patronentaschen des Wachkommandanten, seines Begleiters, sowie des Korridorpostens sind offen . . .

Am Ende des Ganges auf dem Fensterbrett steht ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von Dunstobst verwendet. Alle Arrestanten trinken aus diesem Einmachglas, Papillarlinien der Finger sind darauf und Lippenabdrücke. Zu Füßen des Fensterbrettes eine Kanne, aus der ich mir eingieße, und recht viel trinke, im Vorrat. Auch meine Notdurft verrichte ich bei dieser Gelegenheit, um den Herrn Gefreiten nicht noch einmal bemühen zu müssen. Während ich getrunken habe, während ich vorsichtig auf dem Mauergerand sitze, der die Massenlatrine umsäumt, bin ich ein Fixstern, und ein Planetarium von Gewehrmündungen kreist mir jeder Bewegung, die ich mache. Ward je in dieser Laun' . . .?

Dann bin ich wieder mit mir eingemauert. Draußen in der Freiheit mag noch ein abendlicher Lichtstreifen auf den Straßen sein, Gitter und Rolladen mühen sich nicht mehr, diesen Rest aufzufangen und in mein Heim zu werfen. Auch kein Straßenlärm tönt zu mir, ich werfe mich auf die Pritsche, in meine Wange dringt ein Spahn, über die Hand kriechen Wanzen. Morgen nehme ich mir Handschuhe mit.

»Gewehr herauauaus!« Letzter Gruß des Tages, neun Uhr. Die Retraite trüb und melancholisch zittert in die Dunkelheit; am guten Klang höre ich, daß sie 148 heute Hornist Peter von der 15. Kompagnie bläst. Ein Mordsgauner, Kameradschaftsdiebstähle verübt er täglich, aber blasen kann er, das muß ihm der Neid lassen. Ich weiß, vor dem Kasernentor stehen Liebespaare und der letzte Akkord des Zapfenstreiches ist ihr letzter Kuß für heute.

Abgeblasen. Wachkommandant bringt mir die dünne Kavalettdecke. Ich wickle sie um meine Füße, versuche einzuschlafen. Vergeblich.

Gewöhnlich kommt ein nächtlicher Besuch. Der Kaserninspektions-Offizier geht inspizieren. Mancher ist freundlich, aber wenn er meinen Namen hört, bricht die Freundlichkeit ab. Besser ein Dieb als ein »Anarchist«. Der Herr Leutnant schaut sich forschend um, schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann geht auch er.

Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner Bekannten, und läßt mich, wenn die Kaserninspektion das Arrestgebäude verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Dort brennt wenigstens ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer Kohle in Glut versetzt, und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache Revanche verspricht.

Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben sich – wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist – hier ein Stelldichein gegeben und spielen Karten. Die Arrestanten sind prachtvolle Burschen, Freiheitsfanatiker, Anti-Autoritäre, Gleichheitsschwärmer, voll Haß gegen Duckmäuser und Streber und Militarismus, wenn auch nicht aus politischer Ueberzeugung oder aus sozial bewußten Gründen, wenn auch nur aus persönlicher Veranlagung und Ressentiment. Sie haben mir viel von kostbarem Haß gegen die privilegierte Gesellschaftsordnung gegeben, und ich danke es ihnen ehrlich. Und ich weiß auch, daß sie sich – was das Kommunistische Manifest auch sagen mag – nicht zu 149 reaktionären Umtrieben erkaufen lassen werden, wenn die Stunde der sozialen Erhebung kommt.

Ein Jahr nach abgebüßter Militärzeit kam ich aus Berlin nach Prag zurück, hier als Lokalreporter tätig zu sein, und traf oft viele meiner Kollegen aus dem Arrestgebäude wieder. Die einzigen Bekannten aus meiner Friedenskriegszeit, die mir wert geblieben sind.

 


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