Gottfried Keller
Martin Salander
Gottfried Keller

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7

Martin säumte nun nicht, seine Handelsgeschäfte wieder aufzunehmen, das heißt sich für deren Fortführung auf dem Platze Münsterburg einzurichten. Er mietete die nötigen Räume für Kontor und Magazine, und bald saß auch ein Schreiber am Pult und lief ein Lehrling ab und zu. Frau Marie bat sehr, ihr die kleine Handelsanstalt im Hause zu lassen, und er tat es mit Vergnügen, da er ihr gewisse Gegenstände zuzuweisen gedachte, deren Bewältigung ihm selbst zu umständlich und wenig lohnend schien. Aber es stellte sich heraus, daß die wackere Frau nicht so leicht auf alles einging, sondern bereits so gut ihre Grundsätze besaß wie ein altbewährtes Handelshaus. Sie wollte sich mit nicht vielen, aber als gut bekannten Waren begnügen, für welche sie eine sichere Kundschaft wußte; diese vermehrte sich unausgesetzt, aber gemächlich und ohne Gedränge, so daß sie nie genötigt war, den Bedarf in ungeordneter Weise zu decken; kurz, ihr Geschäft war eines von denen, welche man ein stilles Goldgrüblein zu nennen pflegt.

Der Mann hütete sich, sie hierin zu stören, und ließ sie gerne fernerhin ihre besondere Rechnung führen, die er geprüft und in Ordnung gefunden hatte. Freilich mußte er dabei die buchmäßigen Posten des Soll und Haben aus ihren verschiedenen Heften und Büchelchen zusammensuchen, und Marie Salander schaute ihm etwas ängstlich zu, was wohl herauskommen werde; doch lachte sie vergnügt, als schließlich bis auf den letzten Franken alles in schwarzer und roter Tinte an seinem Orte stand, mit Bilanz und Nachweis.

So hauste Martin Salander mit den Seinen wieder auf altem Grunde und konnte beruhigt in die Welt und in die Jahre hinausschauen, soweit es der Mensch verlangen kann; denn wer auch nicht Welt und Zeit zu überholen strebte, dem kamen sie von selbst vor die Füße gerollt.

Trotz der Täuschung, die ihm auf seinem Sonntagsspaziergang ins Volk so trübselig zerflossen war, mußte er die Augen doch wieder auf die öffentlichen Dinge richten und sich näher mit ihnen vertraut machen, wie sie sich nun darstellten. Die neue Verfassung, die die Münsterburger angenommen hatten, wurde von den vorgeschrittensten Staats- und Gesellschaftsfreunden fremder Länder als etwas Zufriedenstellendes belobt, womit sich erreichen lasse, was man mit Entschlossenheit wolle; und die gleichen Grundsätze, welche man dem Volke in einem gemäßigten, ja bescheidenen Sinne hatte belieben können, sollten schon in ihrer jetzigen wörtlichen Gestalt genügen, von Tag zu Tag die ungeheuersten Veränderungen einzuführen, an welche dasselbe Volk nicht gedacht hatte. In diesen ersten Jahren summte es denn auch wie ein Bienenkorb von Gesetzesvorschlägen und Abstimmungen, und Salander sah mit Verwunderung, wie im Halbdunkel eines Bierstübchens zwei Projektenmacher den Entwurf eines kleinen, Millionen kostenden Gesetzes oder Volksbeschlusses fix und fertig formulieren konnten, ohne daß die vom Volke gewählte Regierung ein Wort dazu zu sagen bekam. Dazu erhielten die massenhaften Wahlen aller kleinen und großen Beamten in Verwaltung, Gericht, Schule und Gemeinde, sich in kurzen Zwischenräumen drängend, die stimmberechtigte Bevölkerung unaufhörlich auf den Beinen, und da Martin Salander keine dieser Pflichten versäumte, so befand er sich unvermerkt mitten in der Strömung. Um sich besser zu unterrichten, besuchte er die politischen Versammlungen, fing an mitzureden und Vorschläge zu machen, und da seine Unabhängigkeit bekannt war und man daher wußte, daß er für sich nichts wollte, wurde er in allerhand Ausschüsse gewählt, deren Arbeiten er sich mit ehrlichem Eifer unterzog, obgleich ein Umherreisen im Lande damit verbunden und er eigentlich kein Vagant war.

Auf diesem weitläufigen Wege geriet er in die unmittelbare Volksleitung oder unterschlächtige Regierung hinein, welche in Gestalt von Wanderlehrern dem Volke die schwierigeren Punkte seiner Selbstbestimmung zu erklären, das heißt vom übel unterrichteten an das besser zu unterrichtende Volk zu appellieren hatte.

Zwar gab es Gegenstände, die ihm selber nicht recht geläufig waren, weshalb er sich vorher rasch mit ihnen bekanntmachen oder die gedruckten Aktenstücke auf Treu und Glauben verteidigen mußte. Indessen ließ er sich dergleichen nicht oft zuschulden kommen, während er es an anderen häufiger beobachtete. Zuweilen wollte ihn eine trübe Ahnung beschleichen, als ob das Personal der politischen Ober-, Mittel- und Unterstreber gegen früher im ganzen ein klein wenig gesunken wäre, so daß die etwas geringere Beschaffenheit der einen Schicht diejenige der anderen bedinge und erkläre.

Allein er faßte bald wieder guten Mut, auf den unverlierbaren guten Ackergrund des Volkes vertrauend, der stets wieder geradgewachsene hohe Halme hervorbringe. Und er gelobte dann, obschon nun kein Jüngling mehr, auf sich selbst zu achten, wissentlich nie ein gemeiner Streber zu werden und das gedachte Niveau nicht auch herunterdrücken zu helfen.

So löblichem Vorsatze getreu erlebte er aber nochmals einen Verdruß, ähnlich demjenigen des ersten Spazierganges nach seiner Rückkehr aus Brasilien. Ebenfalls an einem Sonntagnachmittage wohnte er in seinem eigenen Heimatorte der Besprechung einer Nahrungsfrage bei, die in allen Kulturstaaten dieselbe ist und die gleiche neutrale und rein sachliche Behandlung erfährt. Hier aber handelte es sich um den Vorschlag einer nicht nur absonderlichen, sondern ganz unsinnigen Einrichtung, die ein einzelner Kopf ausgeheckt und die in der Gegend einigen Anklang gefunden hatte. Martin Salander sollte im Einverständnis mit seinen Freunden dagegen auftreten. Erst hörte er die Begründung des Vorschlages und eine Anzahl weiterer Reden an, in welchen von ungeschulten, meist jüngeren Leuten statt eingehender Gründe nur immer das Wort Republik, republikanisch, Würde des Republikaners usw. vorgebracht und geschrien wurde. Dieses Pochen auf die Republik bei jedem passenden und unpassenden Anlaß hatte ihn schon lange betrübt, gerade weil er ein aufrichtiger Republikaner war in Ansehung seines Vaterlandes. Als er sich nun zu seinem Votum erhob, fühlte er sich gedrungen, eine diesfällige Ansprache vorauszuschicken, zumal ihm die anwesende Mannschaft einer wohlgemeinten Belehrung bedürftig schien.

»Liebe Mitbürger!« begann er mit möglichster Ruhe, »ehe ich meine abweichenden Ansichten von der vorwürfigen Sache darlege, kann ich nicht umhin, das auch mir teure Wort Republik zu berühren, das wir jetzt seit einer Stunde gewiß zwei Dutzend Male gehört haben. Unsere Vorfahren haben seit bald sechshundert Jahren die Republik in heißen Schlachten begründet und befestigt, ohne das Wort je in den Mund zu nehmen, und die vielen alten Bundesbriefe und Landbücher enthalten es nicht. Erst später haben es die Patrizier und Bürger der herrschenden Städte für sich angewendet, um mit dem schönen Wort ihrer irdischen Herrlichkeit einen antiken Glanz zu verleihen. Wir haben es jetzt im Sprachgebrauch, aber nicht zum Mißbrauch. Mich will bedünken, wer es immer im Munde führt und dabei auf die Brust klopft, könne ebensogut sich der Gleisnerei schuldig machen wie jeder andere Pharisäer oder Mucker! Doch damit haben wir jetzt nichts zu schaffen; nur darauf möchte ich aufmerksam machen, werte Mitbürger, daß auch der Republikaner alles, was er braucht, erwerben muß und nicht mit Worten bezahlen kann; über Naturgesetze hat die Republik nicht abzustimmen, die Vorsehung legt ihr den Plan über die dem Landwirte nützliche Witterung der Jahreszeiten so wenig zur Annahme oder Verwerfung vor als den Untertanen der Könige und diesen selbst, und der Weltverkehr kümmert sich nicht um die Staatsformen der Länder und Weltteile, die er durchbraust. Dies wollte ich mir zu bemerken erlauben, ehe ich zur Eröffnung meiner Ansicht übergehe und dabei mich mehr mit den faktischen Verhältnissen beschäftige, als bisher geschehen ist.«

Die unerwartete Predigt war nicht wohl angebracht. Nachdem schon früher ein Murren vernommen worden, unterbrach jetzt einer den Sprecher und verlangte das Wort: Es schiene wieder einmal Eile zu haben mit der Reaktion! Kaum seien einige Jahre dahingeschwunden, so möge ein Kind dieser Landesgegend, ein ehemaliges Mitglied der Volksschule, freilich jetzt in goldenen Ketten hängend, so vermöge Herr Martin Salander das Wort Republik nicht mehr zu vertragen! Unter solchen Umständen sei denjenigen, die sich noch dazu bekennen, nicht zuzumuten, in ernster Volksverhandlung Reden der Feindseligkeit anzuhören. Wenn sonst niemand mehr zu sprechen wünsche, so trage man auf Schluß der Diskussion und Abstimmung an.

Salander, der stehengeblieben, wollte mit gehobener Stimme fortfahren. Einige, die aus der Sache nicht klug wurden, unterstützten ihn, andere, denen der Sinn seiner Rede ebenfalls zu hoch gewesen, aber verdächtig schien, ereiferten sich dagegen; es entstand ein Wirrwarr, in welchem diejenigen obsiegten, welche ihn wohl verstanden, wie Martin es meinte, aber eben das von ihm Gemeinte haßten und nicht leiden wollten.

Das Wort blieb ihm entzogen, ein Gegenantrag wurde nicht gestellt und die betreffende Sache für geschlossen erklärt. Sie fiel freilich im weiteren Verlaufe später unrühmlich dahin; Martin Salander hingegen war heute um eine Erfahrung reicher. Er verließ das Haus und das ansehnliche Dorf, ohne weiter jemand zu sehen, und anstatt die Bahn zu benutzen, auf welcher er gekommen, schlug er einen Fußweg ein, der quer durch Felder und Wälder nach Münsterburg führte.

Auf diesem einsamen Gange konnte er überlegen, inwiefern es nicht nur für den höheren Staatsmann, sondern auch für den Volksmann zweckmäßig sei, moralische Aufrichtigkeiten zu unterdrücken. Am Ende, dachte er, bin ich doch froh, daß ich es gesagt habe! Etwas bleibt davon doch hängen; und wenn sie mich nach ihrem Sinne in die Zeitungen tun, so will ich erst laut predigen, daß der Name Republik kein Stein sei, den man dem Volke für Brot geben dürfe.

Das redliche Vorhaben erhellte ihm das etwas verdrossene Gemüt; rüstigen Schrittes bestieg er die Anhöhen, die ihn noch von der Stadt trennten, und der lange Hochsommertag ließ ihn vor Sonnenuntergang die Scheitelhöhe erreichen, wo seiner eine seltsame Überraschung wartete. Auf einer frischgemähten Wiese, zum Teil von Gehölz umgeben, hatte der Wirt des nahen Hofes eine kleine Lustbarkeit aufgeschlagen, indem er im Schatten der Bäume einige lange Tische hinstellte und auf die Wiese einen großen Bottich umstürzte. Auf diesem saßen drei bescheidene Musikanten, die eine gemächliche Tanzmusik aufführten. Martin hatte die durch die stille Luft fast sehnsüchtig klingende Kunstlosigkeit schon ein Weilchen vernommen; jetzt erblickte er ein junges Völkchen, welches in lockerem Ringe und freien Gruppen um den Bottich herumtanzte, ohne allen Lärm, im goldenen Abendschein, daß die verlängerten Schatten der Tänzer auf dem grüngoldenen Boden mitspielten.

Salander ergötzte sich an dem Anblick.

»Ein Bild wie aus einer andern Welt!« dachte er, »wie friedlich und grundvergnügt! Was mag das nur für eine Gesellschaft sein? Die meisten sind gut gekleidet, einige zierlich, andere schlichter! Junge Mädchen, junge Knaben!«

Aber wie erstaunte er, als er nähertretend seine eigenen Töchter erkannte, die jetzt, im Alter von achtzehn bis neunzehn Jahren, schlank und anmutig, an der Seite von jüngeren Knaben sich drehten, die nicht minder hübsch aussahen und schon hoch aufgeschossen waren, wie die Mädchen.

Salander konnte nicht umhin, das erste Paar, Netti und ihren Knaben, mit den Blicken zu verfolgen und den munteren Tänzer näher ins Auge zu fassen. Es war, wie gesagt, ein feingelenker Bursche, dessen blonde Haarwellen im Sonnengolde flogen und schimmerten.

Indem er dem Paare nachblickte, verlor er dasselbe aus den Augen und suchte daher das andere Mädchen, Setti, das er von weitem bemerkt hatte. Und soeben kam es hervorgeschwebt, aber, wie ihn dünkte, mit dem gleichen Jüngling, demselben Goldhaar wie Netti.

»Die Wetterhexen haben schöne Anlagen!« fuhr es ihm durch den Sinn, »die verstehen es ja schon vortrefflich, die Knaben auszuwechseln! Da muß man doch ein wenig zusehen!«

Er ließ das Pärchen vorbeigehen und schaute ihm genau nach, indessen von der andern Seite her wiederum Netti, immer mit dem gleichen Cherub zur Seite, anrückte, diesmal aber dicht vor ihm anhielt, da die Musik aufhörte.

»O, da ist ja der Vater! Hast du uns aufgesucht und gewußt, daß wir hier sind?« rief die Tochter erfreuten Herzens.

»Woher sollte ich es wissen? Ich komme ganz zufällig daher! Was ist das für ein Ball? Ist Setti auch hier?«

»Natürlich ja, und die Mutter mit Arnold auch, die sitzen dort an einem der Tische! Weil du gesagt hattest, du würdest mit dem letzten Zuge um zehn Uhr heimkehren, anerbot sie uns, auf den Berg zu gehen.«

Salander wollte nun nach ihrem Tanzgesellen fragen, wer der junge Herr eigentlich sei (der jetzt den Hut zum zweiten Male zog), als die Schwester mit dem ihrigen zur Stelle kam, so daß jener beide nebeneinander stehen sah und sich noch mehr wunderte.

»Das sind die Herren Isidor und Julian Weidelich, Schulkameraden von Arnold«, erklärte die ältere Tochter.

»Ei so?« sagte Martin, ohne sich sogleich an den Vorgang am Brunnen im Zeisig zu erinnern, seit welchem wohl sieben bis acht Jahre mochten verflossen sein. »Auch vom Gymnasium?«

»Aber nicht von der gleichen Klasse, denn wir sind etwas jünger!« sagte Julian; »wir kommen nur in der Singstunde zusammen!«

»Also ein Paar Zwillinge, ohne Zweifel! Und woher zu Haus?«

»Wir wohnen im Zeisig, nicht weit von der Kreuzhalde!«

Jetzt dämmerte es wie eine Erinnerung in Salanders Seele; er sah nach und nach die rundlichen Bübchen mit ihren Schürzen, von denen freilich an den vor ihm stehenden Heranwüchslingen keine Spur mehr zu erkennen war.

»Und was macht die Mama? Lebt sie noch?« fragte er weiter.

»Sie ist auch dort am Tisch und ganz gesund!« lautete die Antwort.

»Das freut mich! Und ihr jungen Leute wollt also auch studieren? Und was, wenn man fragen darf?«

»Das wissen wir noch nicht! Vielleicht die Rechte, einer vielleicht Medizin!« sagte Julian; Isidor fügte hinzu: »Wir können auch Professoren werden, wenn wir wollen, weil sie jetzt so hoch bezahlt werden, sagt die Mama; nur sollten wir hier bleiben.«

»Gut so!« erwiderte Herr Salander; »nun wollen wir aber doch sehen, wo die Mutter ist! Kommt, Kinder!«

Die Töchter wiesen ihm den Weg, und die keineswegs schüchternen Jungen folgten ihnen auf dem Fuße, während die Musikanten eine neue Tanzweise anstimmten.

Frau Marie war sehr froh, ihren Mann so unverhofft vor sich zu sehen. Sie saß, das Waldesgrün dicht im Rücken, unter einfach bürgerlichen Leuten, welche sich an den billigen Getränken und Speisen gelassen erquickten, an dünnem, aber gesundem Wein, süßer Milch, Bauernbrot, Kraut und Speckkuchen. Neben ihr saß die Frau Amalie Weidelich, so rüstig wie je, einem Kessel voll Lauge vorzustehen. Dabei gedieh sie offenbar vortrefflich; denn sie war höchlich herausgeputzt, trug einen bunten Blumenhut und eine goldene Uhr an langer Kette auf dem Leibe. Das breite Gesicht glänzte kräftig gebräunt, und ein zarter Rosenton auf den Höhen der Wangen, des vollen Kinns und der Nase zeugte nur von dem Fleiße der Frau, die ein Haus voll Wäscherinnen und Plätterinnen zu regieren hatte und deren zahlreiche Erfrischungen in Wein wie billig vorkostete. Am frühen Wintermorgen, ehe die mächtige Kaffeekanne aufrückte, gab es sogar ein Gläschen Kirsch- oder Nußwasser.

Sie begrüßte den Martin Salander sehr freundlich und ganz unbefangen.

»Denken Sie,« rief Frau Weidelich, »wir haben gar nicht gewußt, daß wir vor Jahren einmal Nachbarn gewesen sind! Nun sind's unsere Söhne in der Schule!« Sie blickte mit Stolz auf die ihrigen und suchte dann wohlwollend den Salanderschen.

»Arnold ist in das Holz hineingegangen, um Pflanzen zu suchen,« bemerkte Frau Salander, »geht, Mädchen, und ruft ihn herbei, damit wir auch ans Aufbrechen denken können. Die Sonne dort geht bald hinab!«

»Das eilt ja nicht so,« versetzte Frau Weidelich, »wir haben ja Mannsleute genug bei uns! Ja, ja, Herr Salander! Ihr habt Euern Weg tapfer gemacht und seid jetzt ein reicher Herr, wie ich glaubwürdig finde! Aber nicht wahr, es freut einen nur, wenn man erfreuliche Kinder hat, an die man es wenden kann? Gott sei Dank, uns geht es auch ordentlich! Aber alles, was wir aufbringen, opfern wir unseren zwei Söhnen und ihren künftigen Tagen. Ich hoffe, sie werden es einbringen und von sich reden machen; denn in der Lehre und allem, was nötig ist, soll es an nichts fehlen! Wir hätten gerne im Zeisig ein neues Haus gebaut statt der alten Bauernhütte! Aber nein! sagten wir, es tut's noch, solange wir da sind, und wo die Söhne sich niederlassen und bauen werden, kann man ja noch gar nicht wissen. Also wollen wir lieber das Geld behalten und uns schicken!«

Sie wollte wieder einen Blick auf ihre Zwillinge werfen, fand sie aber nicht, weshalb ihre Augen dieselben sogleich suchten.

Die zwei Salanderfräulein hatten ihren Bruder Arnold im Innern des Gehölzes nicht lange gesucht, sondern nur ein paarmal gerufen, und waren dann wieder unter die vorderen Bäume gekommen, wo sie, einander um die Hüften fassend, Schwesterliebe oder Mädchenfreundschaft darstellend, auf und ab spazierten, begleitet von den Zwillingen links und rechts.

Die Mama Weidelich nahm den Aufzug wahr.

»Seht doch!« sagte sie gerührt, »wie lieblich die jungen Leutchen dort spazierengehen! Man könnte glauben, es seien zwei Brautpärchen!«

»Ei freilich, warum nicht,« meinte Frau Salander lachend, »die Mädchen wären wenigstens alt genug für die Knaben, und zu wachsen brauchten sie auch nicht mehr!«

»Das hat nichts auf sich!« rief wiederum die andere Mutter; »meine Buben werden Bursche abgeben, aus denen man zwei machen kann vom Stück.«

Frau Marie fühlte sich von diesen Scherzen nicht angenehm berührt; als sie daher nach den Kindern sah und bemerkte, wie dieselben im Begriffe waren, mit dem Beginne eines Walzers wieder nach der Mitte der Tanzwiese abzuschwenken, jede der Töchter am Arm eines der Zwillinge, stand sie rasch auf und holte sie ein.

»Was fällt euch ein, Setti, Netti!« rief sie den Mädchen in entschiedenem Tone zu, »daß ihr wieder anfangen wollt, während die Sonne untergegangen ist und wir bald fortgehen werden? Kommt nur gleich mit und nehmt euere Sachen zusammen!«

Die Mädchen ließen ihre Knaben ohne sichtbare Trauer gehorsam fahren; die letzteren aber erröteten und waren verlegen, was der Frau nicht entging und sie ein bißchen ärgerte; denn es schien ihr nicht schicklich, daß die Bürschchen rot zu werden brauchten. Sie spielten mit ihren silbernen Uhrkettchen, folgten aber den Frauen zu den Tischen.

Ihre Mutter empfing sie mit leuchtenden Blicken.

»Was ist das für eine Aufführung, ihr Tausendkerle,« rief sie ihnen zu, »mit den Jungfern zu tanzen, und wo habt ihr es nur gelernt?«

»Hei, das weißt du ja wohl, Mama, in der Tanzstunde!«

»Schweigt! Freilich weiß ich's! Danket Gott, daß ihr Eltern habt, die so viel für euch tun und alles aufwenden, was sie vermögen! Und der Vater arbeitet von früh bis spät; jahraus und -ein plagt er sich, kauft Land und pflanzt und schwitzt, und im Winter läßt er es aus Frankreich und bis aus Algier kommen! Denn er sagt, die Kosten gehen erst recht an, wenn ihr Studenten seid, da müsse es zu Tausenden parat liegen! Herr Salander, ich hab' gehört, daß Ihr jeden Augenblick Ratsherr werden könntet, wenn Ihr wolltet. Nun, Ihr seid Kaufherr, das ist auch schön, und eine Art milder Ratsherr noch dazu! Aber ein paar so studierte Räte oder Fürspreche oder Pfarrherren, wie die zwei Schlingel da, ist doch auch nicht übel?«

Mit glückseligen Augen blinzelte sie die Söhne an, welche sich den Wein eingeschenkt hatten, der noch in der Flasche gewesen, und sich weidlich den Durst löschten.

»Trinkt und eßt,« rief sie, »und mög' es euch gut tun! Soll ich noch eine Halbe befehlen?«

Die Knaben verneinten es, da sie noch nicht einmal in das Alter vorgerückt, in welchem man über Durst zu trinken gelernt hat.

»Nun denn, so wollen wir aufbrechen, die Suppe wird bald fertig sein und der Vater die Milch auch besorgt haben. Dann geht er noch zum Sonntagsschöppchen, und das ist ihm wohl zu gönnen! Kommt, macht vorwärts, ihr Sapperlöter! Ich will wetten, wenn ihr einmal die weißen Mützen tragt, oder auch rote, so denkt ihr, die halben Nächte lang nicht heimzukommen! Aber wartet nur, wartet nur! Man wird euch die Schneckentänze vertreiben! Jetzt empfehle ich mich höflich dem Herrn und der Frau, und freut mich sehr der werten Bekanntschaft, hoffentlich nicht das letztemal, und denen Jungfern – heda, ihr Buben, bedankt ihr euch nicht für die schöne Unterhaltung, und steht dort wie Opferstöcke?«

Die Knaben ließen sich blöder und unbeholfener herbei, als sich nach ihrem kecken Tanzen hätte vermuten lassen, um den Mädchen die Hände zu geben und gute Nacht zu sagen. Endlich zog die glückliche Mutter mit den Söhnen von dannen, und es wurde nun stiller.

Martin Salander wünschte noch ein wenig auszuruhen, da er einen dreistündigen Marsch hinter sich hatte; der Sohn Arnold, der mit einer buschigen Handvoll Waldpflanzen eintraf, warf sie auf den Tisch, um sie zu ordnen, und entdeckte, daß er mit Trank und Speise zu kurz gekommen sei, wodurch er den Vorteil erreichte, mit dem Vater extra einen Schoppen auszustechen, da Mutter und Schwestern nur Milch mit eingebrocktem Brot gegessen hatten.

Salander fragte, wie sie denn in die Gesellschaft dieser Familie Weidelich geraten seien?

»Das weiß ich selber kaum!« sagte Frau Marie, »wir hatten soeben hier Platz genommen, als wir auf einmal mitten drin waren. Arnold kennt, wie es scheint, die jungen Herren!«

»Ich habe sie früher schon im Scherz gefragt,« erzählte nun Arnold, »ob sie auch noch wüßten, wie sie als kleine Buben am Brunnen im Zeisig einen andern mit Wasser gespitzt haben, weil er zu seiner Mutter nicht Mama sagte. Das dünkte sie sehr lustig, und sie haben es ohne Zweifel zu Hause wiedererzählt, wo man sich der Begebenheit auch erinnert haben mag. Heute haben sie, wie ich bemerkte, ihrer Mutter sogleich zugesteckt, ich sei jener Junge, und wir alle seien die Leute von der Kreuzhalde, von denen nachher so viel die Rede gewesen.«

»Dann kam sie heran,« fuhr die Mutter fort, »machte sich an mich und hatte keine Ruhe, als die armen Musikanten laut wurden, bis ihre Knaben ihre Tanzkunst zeigen durften, was unseren beiden Springmäusen da, versteht sich, ganz genehm war!«

»Sie tanzen aber auch schon sehr gut«, riefen Setti und Netti, »und nehmen jetzt noch Tanzstunden!«

»Gott sei Dank!« versetzte Frau Marie, »ich sehe sie deswegen doch noch, wie sie die Mäuler aussperrten damals, als wir hungerten, und die Reste verschlangen, auf die wir so sehnlich harrten!«

»Ach, es waren ja Kinder! Wir hätten's auch hinuntergeschluckt, wenn man uns Butterbrötchen mit Honig in den Mund steckte!« meinten die Mädchen.

»Solche Zwillinge sind doch unbequem und vexierlich,« sagte der Vater, »ich kann diese wenigstens gar nicht voneinander unterscheidend

»O, sie haben doch ihre Abzeichen!« rief Netti fast vorlaut; »das linke Ohrläppchen des Julian ist ein bißchen in sich gewickelt, etwa wie ein Stücklein Spritzkuchen, ganz appetitlich! Ich sah es, wenn sein welliges Haar auf und nieder schlug.«

»Das ist ja merkwürdig!« fiel Setti ein, »der andere, Isidor heißt er, glaub' ich, hat das rechte Ohrläppchen genau so wie ein Eiernudelchen!«

»Wissenschaftlich höchst merkwürdig!« erklärte der Bruder mit schalkhafter Trockenheit, »das sind einfach entweder die Überbleibsel einer untergegangenen Form oder die Anfänge einer neuen, zukünftigen! Laßt eure Ohrläppchen untersuchen, Mädchen! Wenn ihr Ähnliches aufweiset, so nehmt euch in acht, sonst wählen euch die Zwillinge zu ihren Frauen, um nach der Selektionstheorie eine neue Art von wickelohrigen Menschen zu stiften! Oder heiratet sie lieber gleich freiwillig!«

Die Mutter hielt ihm die Hand über den Mund, da er neben ihr saß, und rief: »Schweig, du Nichtsnutz, wenn du nichts Gescheiteres aus der Schule zu schwatzen weißt als solche Possen!« Der Vater aber lachte und sagte: »Das hast du gut gemacht, Arnold! Und jetzt wollen wir auch heimwandern, sonst wird es zu dunkel; denn wir haben Neumond, aber die Sterne kommen schön, seht doch, einer nach dem andern!«


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