Gottfried Keller
Nachgelassene Erzählungen
Gottfried Keller

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Der Wahltag

Der achtzigjährige Friedensrichter Berghansli saß an einem schönen ersten Maisonntage lang und schlank, wie er geblieben war, hinter dem Tisch in stiller Stube und studierte etwas. Er hielt, da er schon einen ziemlichen Gang auf seinen hochgelegenen Matten gemacht, ein Stück Brot in der Hand und trank dazu ein Glas von seinem heitern Wein, der ruhig und kühl war, wie der Mann. Der war so lange schlank und munter geblieben, weil ihm nicht, wie den heutigen Spekulanten und Gelüstlern, kein Wein süß und feurig genug, kein Vergnügen zu teuer und kein Tag wechselvoll genug war.

Was der alte Berghansli studierte, war aber die Proklamation der Regierung, worin diese das gleichgültige Volk gar nötlich ansang, daß es doch seiner Bürgerpflicht genügen, sein Ehrenrecht gebrauchen und an den Erneuerungswahlen teilnehmen möchte, aus denen abermals ein Großer Rat hervorgehen und das Regiment neu bestellt werden sollte, und zwar am Nachmittage selbigen Maisonntages. Er las alle solche Kundmachungen von oben bis unten sehr aufmerksam und kritisch: wenn sie zu gefühlvoll waren, zu prahlerisch oder zu zierlich, so verzog er etwas spöttisch den Mund; waren sie aber zu trocken, zu amtlich, hölzern und ungesalzen, so ärgerte es ihn wiederum, und er meinte, da sei es kein Wunder, wenn alle Wärme und aller Glanz des öffentlichen Lebens dahingingen; kurz, es war schwer, es ihm recht zu machen.

Denn es war dem Berghansli bei diesen Dingen so feierlich zumute, als ob das Gewissen des Landes selbst redete, und da dünkte es ihn nicht gleichgültig, welche Sprache dasselbe führe. Heute schien er jedoch nicht übel zufrieden zu sein, und als drei wandernde Handwerksburschen zum Fenster hereingereist kamen, nämlich ein ganz neuer weißer Sommervogel, eine lose Apfelblüte und ein verdorrtes Baumblatt vom vorigen Jahr, welche alle drei sich auf die Wahlproklamation niederließen, da wurde er fast gerührt, und diese Boten des Lebens und Todes gemahnten den Berghansli an den ewigen Wechsel und die Vergänglichkeit irdischer Dinge. Er wunderte sich, daß das Gemeinwesen, welches jene Proklamation aussandte, in diesem Wechsel schon so lange bestand, an die fünfhundert Jahre, mit seinen zweihundert Ratsmännern; und in Betracht, daß auch diese fünfhundert Jahre, selbst wenn sie sich verdoppeln sollten, nur ein Augenblick seien gegenüber der Ewigkeit, nahm er sich vor, heute ebenfalls wieder und vielleicht zum letzten Mal zu den Wahlen zu gehen, um, soviel an ihm lag, den besagten Augenblick benutzen zu helfen und jederzeit seine Pflicht zu tun.

Der alte Berghansli hatte drei Enkel im Hause von einem verstorbenen Sohn, kräftige und hübsche Bursche, welche seinen ziemlich großen Gütergewerb fleißig bebauten und auch sonst zu allerlei nützen und unnützen Dingen pünktlich bei der Hand waren; nur in keine Gemeinds- und Kreisversammlungen waren sie zu bringen und fanden stets etwas zu tun, wenn eine solche im Anzug war. Heute aber wollte der Alte sie beim Zipfel nehmen und mit Gewalt hinführen, eh er von hinnen müßte; er guckte daher wie ein alter Falk aus dem Fenster über sein Ausgelände und in das Tal hinunter, um die Bursche zu erspähen, als sie eben hinter seinem Rücken in die Stube traten und riefen: »Großvater! wir gehen alle fort und kommen heute nicht zum Mittagessen!«

»So?« sagte der Alte. »Seid ihr so eifrig zu den Wahlen? Ihr werdet mich doch mitnehmen wollen, und wenn wir um zwölf Uhr weggehen, so kommen wir noch früh genug!«

Bei dem Worte Wahlen schüttelten jedoch alle drei die Köpfe, wie drei Esel, welchen man eine Bratwurst vorhält, da sie doch lieber Heu fräßen.

»Es wird in Thorlikon ein Schaf ausgekegelt«, sagte Heiri, der älteste, »und ich habe abgeredet, dabeizusein; es gibt einen großen Wettkampf zwischen den Thorli- und Narrlikonern.«

»Ich will an die Bubliker Kilbi gehen und ein Mädchen beschauen, von dem man mir gesagt hat. Es ist ja ausgemacht, daß ich heiraten soll«, sagte Jakobli, der zweite.

»Und ich«, fügte Peterli, der jüngste, hinzu, »will einmal sehen, ob ich den Hirzenwirt zu Bücheliberg antreffe, und ihm seinen Stutzer abkaufen. Er wird wohl daheim hocken, da heut die Wahlen sind.«

»So, so!« sagte der Alte. »Ihr habt ja alle zu tun, wie die Braut im Bad! Aber erst hört noch ein Wort an, von mir, eh ihr an euere Geschäfte geht.« Somit ging er über sein Wandschränklein, in dem er seine Papiersachen aufbewahrte, und nahm ein Bündelchen vergilbter Druckhefte hervor, mit einem alten weiß und blauen Schnürchen kreuzweis zusammengebunden und mit vielen Ohren und Brüchen versehen. Es waren alle Verfassungen, die der alte Mann seit 1798 beschworen hatte, gewissermaßen die Originalausgaben, wie sie ihrer Zeit als neugebacken dem Volke ausgeteilt wurden. Sie dünkten ihn, als er sie jetzt auseinanderlegte, wie abgedorrte Blätter vom Baum des Lebens, und er gedachte fast mit einem Seufzer seiner fernen, stürmischen Jugendzeit, des fremden Volkes, das er im Vaterland gesehen, des Unfuges, den er an den eigenen Mitbürgern mit erlebt, aber auch der fröhlichen Tage der Befriedigung, die noch immer auf den Unfug, und des neuen Lebens, das noch immer auf das Absterben gefolgt war.

»Seht«, sagte er, indem er die Verfassung der Helvetischen Republik zur Seite legte, »das ist die erste Verfassung, die ich beschworen habe; fabriziert aber ist sie in Paris worden und hat uns kein Glück gebracht. Die sie gemacht haben, wußten nicht, was Schweizer sind, und wenn sie es erraten hätten, so würden wir eben keine Schweizer mehr gewesen sein. Doch fort damit! Es gibt auch heut noch Leute genug, die immer Alpenrosen im Munde führen, aber nie gemerkt haben, was schweizerisches Recht und Freiheit eigentlich seien. Sie meinen eben, wenn man nur keinen König über sich habe, so sei der Schweizer fertig. Das ist freilich nun so das Gröbste von der Sache.

Hier ist die von Anno 1802, die sogenannte Mediationsakte. Das war schon ein besseres Werk und das beste, das wir bis zur heuen Zeit gehabt haben. Der Bonaparte hatte es gemacht und uns gegeben, und daher war es immerhin bitterlich für ein altes Kriegs- und Freiheitsvolk, wenn ein fremder Kaiser und Kriegsmann ihm das Gesetz machen mußte, das es selber nicht zuweg bringen konnte.

Das ist die von Anno 1814, das die Bundesverfassung von 1815; es ist Herrenzeug und zwar von kleinen Herren, die immer weniger über ihre Nase hinaussehen als die großen. Folgt die von Anno 1831, die ich eigentlich gesucht habe. Das ist die erste, die so recht unser eigenes Gewächs ist, drum hat sie auch schon bald dreißig Jahre hergehalten. Glaubt aber nicht, daß das ein sehr kühnliches und vollkommenes Werk ist oder war; vielmehr hat es einen ganz bescheidenen Anfang genommen. Seht, was ich da mit Bleistift durchgestrichen habe. Da hatte die Stadt Zürich noch einundsiebzig Mitglieder in den Großen Rat zu setzen, ohne einen andern Grund als denjenigen ihrer frühern Herrschaft. Nachdem wir diese bescheidentliche Form unserer Selbständigkeit sieben Jahre getragen, haben wir endlich Anno 1838 gewagt, ganz aus dem Hühnerkorb herauszugehen, und haben das Wahlrecht auf das ganze aufrechte Volk verlegt. Was geschieht? Nun geht je der zehnte Mann in die Wahlen, als ob die übrigen alle Falliten und Bestrafte wären, und dieser zehnte Mann macht ihnen so das Gesetz; das heißt sich freiwillig einer Bevogtigung unterziehen! Und dabei singt ihr, wenn ihr einen Schoppen im Leibe habt, mit euern neumodigen Fistelstimmen noch immer die schönsten Freiheitslieder! Habt ihr noch nie gesehen, wie einen gleichgültigen Mann, der an nichts in der Welt teilnehmen mochte, als was seinen Bauch anging, diese Teilnahmlosigkeit noch stets zur Selbstverachtung führte? Das heißt, um seine Laster, wie er meinte, zu beschönigen, sagte er zuletzt: Es ist eben mit allem nichts und mit mir auch nicht! Geradeso endet die träge Teilnahmlosigkeit eines Volkes immer mit der Mißachtung seiner Einrichtungen und mit dem Verluste seiner Freiheit. Überlaßt nur fünfzig Jahre lang die Bestimmung eures Schicksales einigen wenigen fleißigen Männchen, die nicht zu faul sind, in die Gemeinde zu laufen, so werden euch die schon eine Verfassung machen, welche euch der sauren Mühe des Lebens enthebt, ihr Nachtkappen, die ihr euch so davor scheut, als ob man euch in der Kirche die Nase abschneiden wollte!«

»Hoho!« sagte Heiri, »dann sind wir auch noch da! Solang ich aber mit der Sache, wie sie geht, zufrieden bin, so seh ich nicht ein, warum ich immer laufen soll, wenn der Statthalter pfeift; wenn es mir einmal nicht mehr gefällt, so werde ich schon gehen!« »So? Meinst du?« erwiderte der Alte. »Das ist freilich eine besondere Art, seine Befriedigung zu bezeugen, wenn man sich versteckt und stillehält wie eine erschrockene Maus. Wie sollen die, welche die Sache leiten, denn merken, daß sie es dir recht machen? Und wenn du mit einer Sache zufrieden bist, mußt du nicht trachten, daß sie Bestand habe und auf einen festen Grund gebaut sei? Der festeste Grund für ein Regiment ist aber die lebendige Teilnahme des Volkes. Ein Großrat, der von einer Kirche voll Bürger gewählt ist, hat ein ganz anderes Herz im Leibe als einer, den einige Dutzend Männlein gewählt haben. Er hat vor diesen gar keinen rechten Respekt und ärgert sich über ihre kleine Zahl, statt ihnen dankbar zu sein. Wie? Du bestellst zu jeder Jahreszeit, sei die Hoffnung groß oder gering, dein Feld, damit es nicht an dir liege, wenn es fehlen soll, und du bist zu faul, alle vier Jahre einmal den Acker des Landes bestellen zu helfen, damit es nicht an einem kräftigen Erdreich fehle, wenn etwas wachsen will? Du magst nicht eine Stunde lang in die Kirche gehen, weil du ein Schaf auskegeln mußt? Glaubst du, das werde auf die Dauer Ratsmänner mit Haaren auf den Zähnen geben, die von solchen Zufriedenheitsleuten nicht sowohl gewählt, als wählen gelassen worden sind?

Du pflügst und säest auf deinem Feld, ohne zu wissen, was du erntest, und doch bist du nicht verdrossen, es zu tun; da, wo du aber weißt, was du erntest, wo du dein Schicksal in der Hand hast, da scheust du dich zu säen und glaubst, es wachse dennoch. Zuletzt aber wird es nicht mehr wachsen oder wenigstens nicht, was dir gefällt.«

»Das ist alles recht«, sagte Heiri, »wenn es nur auf mich allein ankäme und wenn ein einzelner Mann die Wahlen machte!«

Der alte Berghansli zuckte die Achseln und erwiderte: »Das ist immer die Rede von deinesgleichen, und es ist eine falsche Bescheidenheit, die Zwillingsschwester deiner unechten Zufriedenheit. Wenn der Feind kommt, wenn Feuer ausbricht, wenn die Wasser austreten, so geht jeder ungeheißen, und keiner sagt, auf den einzelnen Mann komme es nicht an. Es ist eine Gedankenlosigkeit, wenn du glaubst, nicht so verhalte es sich mit der Ausübung stillerer Bürgerpflichten, wie die Wahlen zum Beispiel sind. Wenngleich unbemerkbar und langsam, so trägt im Gegenteil jeder einzelne Mann durch sein Wegbleiben zur allmählichen Abnahme des Allgemeinen bei, und jedenfalls möchte ich nicht immer mit Gewalt der sein, auf welchen nichts ankommt!

Und wie steht es mit dir, Meister Peterli, du willst einen Stutzer kaufen? Das scheint schon etwas Besseres, als ein Schaf auszukegeln! Aber ist es deine wirkliche Ausrede, oder hast du auch einen höhern oder tiefern Grund wie dein wackerer Zufriedenheitsbruder?«

»Ich könnte allerdings«, antwortete der Jüngste etwas trotzig und finster, »den Stutzer ebensogut an einem andern Tage kaufen, obgleich ich nicht gern in der Woche im Land herumlaufe. Aber ich will es nur gestehen, daß mich die Wahlen nicht viel kümmern!«

»Und warum nicht?« fragte der Alte.

»Weil«, sagte Peterli, »ich nicht so denke wie mein Bruder, sondern im Gegenteil unzufrieden bin, da alles am Schnürchen gezogen wird, wie jene Wiege, die eine listige Bauersfrau der Kuh an den Schwanz gebunden hat, damit das Kind einschlafe, während sie die Bohnen stecke!«

»Nun«, rief der Alte, »so geh hin, du Schwerenöter, und hau das Schnürchen ab!«

»Wie soll ich es abhauen?«

»Geh zu den Wahlen, ruf: hoho! hehe! mach Lärm und sag: Da fehlt's, dort fehlt's, der gefällt mir nicht, er hat dies und jenes getan oder nicht getan, den und den wollen wir wählen! Halte fest auf den, und wenn er nicht durchgeht, so unterziehst du dich bis zum nächsten Mal und hast deine Pflicht getan!«

»Das ist eben die Not«, sagte Peterli, »ich kenne niemand, dem ich stimmen könnte, es ist niemand um den Weg, es geht ja nichts vor, wobei man auf irgendeinen aufmerksam gemacht wird, es streckt keiner den Kopf hervor, der ein neues Gesicht hat –« »Der Ratssaal«, unterbrach der Alte ernst, »ist kein Schneiderladen, in dem immer neues Zeug ausgehängt zu sein braucht; die neuen Gesichter erweisen sich zuweilen als bloße Gesichter, an welche sich durchaus kein ehrwürdiger Schimmel der Zeit und Erfahrung ansetzen will. Wenn du aber niemand kennst, dem du deine Stimme geben kannst, wie willst du dazu kommen, einen kennenzulernen, wenn du allen öffentlichen Verhandlungen, sei es in Angelegenheiten der Gemeinde, des Kantons oder der Eidgenossenschaft aus dem Wege läufst? Nur dort kannst du hauptsächlich beobachten, wie sich der und jener benimmt, und du mußt ein sehr unzugänglicher Gesell sein, wenn nach Verlauf einiger Zeit nicht irgendein Mann den Eindruck auf dich macht, daß du ihn eher als einen andern im Rate sehen möchtest. Denn einen von den Vorhandenen wirst du am Ende wählen müssen, wenn du überhaupt willst vertreten sein, da du nicht wirst warten wollen, bis gerade in deinem Wahlkreis ein solcher Prophet aufsteht, wie du ihn in deinem Kopfe ausgedacht hast. Darin hast du recht, daß du denjenigen so gut als möglich kennenlernen möchtest, dem du stimmen sollst; dazu ist aber nötig, daß man selbst etwas Menschenkenntnis besitze und sich selbst auch Rechenschaft zu geben verstehe über das, worauf es ankommt.

Du bist Feldschütz; um so mehr sieh drauf, daß der Ratsmann, dem du deine Stimme gibst, auch eine Art Feldschütz sei, welcher auf unbestimmte Distanzen und ohne künstliche Vorrichtungen zu schießen versteht auf dem Platz, auf den er gestellt wird, das heißt, daß er sein eigenes Gewissen frei und frank in der Hand trage, wie du deinen Feldstutzer, und es angesichts der Ereignisse zu brauchen verstehe, kurz, daß er seinen Schuß selbst lade und ihn abgebe auf sein eigenes Mannesgewissen und nicht so in das verabredete Haufengewissen hinein, wo einer sich hinter dem andern versteckt und alle sich gegenseitig mit schreckbaren Reden Mut machen müssen.

Sieh zu, ob einer ein Urteil über die Dinge habe, eh er die Zeitung gelesen hat, und wenn es auch schlicht und kunstlos ist, oder ob immer nur nachher. Sieh auch zu, ob einer in allen Fällen mit seiner Meinung zum voraus fertig ist, eh er die andern gehört hat, und mit dem Vorsatz in die Beratung geht, auf nichts zu hören und keine Gründe auf sich wirken zu lassen; denn statt eines solchen könnte man ebensogut einen hölzernen Mann hinschicken.

Einem, den man nie einsam sieht, der nie eine freie Stunde für sich lebt und denkt, sondern der jeden müßigen Augenblick hinter den Karten zubringt, gib deine Stimme nicht, außer es wäre denn ein sehr kluger Mann; denn es gibt allerdings auch solche, welche in Gottes Namen einmal nicht allein sein können und immer etwas treiben müssen.

Einem, der bei jeder Gelegenheit mit allen Glocken läutet, seine Gegner im Großen Rat verächtlich und lächerlich macht und ihnen nachher lachend die Hand drückt, stimme beileibe nicht, denn ein solcher wird in den großen Dingen nie etwas ausrichten.

Stimme keinem, der um dich herumgeht wie die Katze um den heißen Brei, oder der dir ein Gesicht macht, als ob er dich fressen wolle, wenn du ihm nicht stimmst; und auch keinem, der dich fürchten würde, nachdem du ihn gewählt hast.

Einem, der lügt, und wenn es auch für die gute Sache wäre, gib niemals deine Stimme, und endlich auch keinem Weinfälscher oder Kartoffelbrenner.«

»Gut«, sagte Peterli, »da kann ich mich nur gleich auf die Beine machen, um alle diese Beobachtungen noch bis um zwei Uhr anzustellen!«

»Heute wirst du allerdings nicht mehr viel sehen können«, erwiderte der Großvater, »aber um so nötiger ist es, daß du den Anfang machst und gleich heute in die Versammlung gehst. Schon die Art, wie die Hervorragenden mit mehr oder weniger offenem Tone sprechen und wie sie dreinschauen, wird dir für den eint und andern einen günstigen oder ungünstigen Eindruck machen, welchen du nachher bei andern Versammlungen und Geschäften weiterverfolgen kannst. Wenn du zum Beispiel einen siehst, der ruhig und in sich gesammelt auf seinem Platze verharrt und das, was er etwa zu sagen hat, ohne Zögern und mit Sicherheit vorbringt, aber mit wohlwollendem Blicke, so wird er dir besser gefallen als vielleicht einer, der beständig umherläuft, von einem zum andern, sich geschäftig erweist, die Versammlung mit gierigen Habichtsblicken belauert und fortwährend wie von einem bösen innern Feuer verzehrt zu sein scheint; obgleich damit nicht gesagt ist, daß dieser nicht vielleicht eine ehrliche, wenn auch ehrgeizige Haut und jener ein durchtriebener und listiger Patron sein kann. Aber dein Instinkt für jenen kann dennoch der richtige sein, da die Selbstbeherrschung für einen Ratsmann eine Haupttugend ist und niemals ohne gute Früchte bleibt.

Doch wie steht es mit dir, Meister Jakob? Du scheinst mir den ernsthaftesten Abhaltungsgrund zu haben, da du eine Frau suchen willst. Aber könnte man nicht sagen, du würdest dazu ein besseres Recht erwerben, wenn du vorher deine Bürgerpflicht erfüllst? Denn wenn du Hausvater wirst, so bist du mit doppelten Banden an das öffentliche Wesen geknüpft, welches lediglich aus den gesamten Familien des Landes besteht und den Bestand derselben schützt.«

»Nun«, sagte der Brautschauer, »ich glaube, eine Frau könnte ich auch morgen und übermorgen noch bekommen. Aber offen gesagt, habe ich auch noch einen andern Grund, mich nicht stark um die Wahlen zu bekümmern, wenn etwas Besseres zu tun ist.«

»Und das wäre?«

»Ei«, fuhr Jakobli fort, »man hat mir gesagt und es scheint mir auch so, unser kantonales Wesen mit seinem Großen Rate habe nicht mehr viel zu bedeuten, alles dränge jetzt der Einheit zu, der Auflösung der Kantone in ein Ganzes, des Kleinen in das Große, und da muß ich gestehen, daß ich keine Freude habe, leeres Stroh dreschen zu helfen!«

»So?« rief der Alte, fast heftig auffahrend, »pfeifst du auch aus dem Loch? Was willst du mit deiner Schweiz ohne ihre alten und neuen Kantone? Eine ausgefressene Schüssel, ein leeres Faß würde sie sein, ein weggeworfener Bienenkorb ohne Waben, ein in ein Haferfeld, auf dem die Rosse weiden, umgearbeiteter Garten würde sie sein! Nein, er ist schön, der rote schweizerische Bundes- und Waffenrock, aber ein politischer Schmutzfink ist, wer nicht sein reinliches, selbstgewobenes Hemd ehrbaren Standeslebens darunter trägt; es ist stattlich, das rote Ehrenkleid der Helvetia mit dem Kreuz auf der Brust; aber höchst ehrbarlich und von gutem Herkommen zeugend sind die zweiundzwanzig schneeweißen Hemdchen, welche sie im Kasten hat, das zürcherische mit einem weiß und blauen Schildlein am Herzschlitz. Ohne Bund gibt es keine Eidgenossen, ohne Kantone keinen Bund, ohne Wetteifer im Großen und Guten keine Kantone: das ist der Steinschnitt im Gewölbe unseres Vaterlandes.

Daß aber unser Kanton in diesem Wetteifer rühmlich vorangehe, das hängt von dem Großen Rat ab, den wir heute zu wählen haben. Er soll eine Leuchte sein unter den Kantonen in Erfüllung der Bundespflicht wie in Verwaltung und Fortbildung seiner selbst, ein Erhalter der fruchtbringenden Mannigfaltigkeit unsers Schweizerlandes, und hoffentlich wird die Zeit bald kommen, wo die Kantone, von ihrer ersten Verblüffung, welche sie über dem lustigen Getümmel der neuen Bundeseinrichtung beschlich, sich erholend, von ihrem Vorschlagsrechte Gebrauch machen und in eidgenössisch-lebendiger Bewegung miteinander wetteifern.

Also jetzt nur aufgebrochen und mitgekommen, wer ein guter Eidgenosse und ein guter Zürcher ist, keines ohne das andere, die Hälfte davon wird nicht angenommen!«

Die drei Wahlscheuen getrauten sich nicht länger, dem Alten davonzuschleichen, sondern gingen willig mit ihm den Berg hinunter.

Der schöne Maientag und der frische Mut des Greisen weckten auch ihre Züricherherzen auf, und sie wurden noch auf dem Wege, nach Art aller Neubekehrten, so eifrig für die Sache, daß sie untereinander verabredeten, für diejenige Gemeinde, aus welcher verhältnismäßig die wenigsten Mannen werden gekommen sein, einen eigenen Übernamen zu erfinden und ihn derselben anzuhängen für die nächsten vier Jahre, bis sie von einer andern Gemeinde abgelöst sei.

Das Ergebnis der beendigten Wahlen war in diesem Kreise eine Art Mittelgut, hausbacken und gewöhnlich in der ruhigen Zeit, trotz einiger Änderungen, welche stattgefunden in Folge natürlichen »Hinschiedes« einiger Räte. In solchen Zeiten ist immer ein sanftes Gras nachgewachsen, das nun zunächst steht und zum Blühen kommt.

Da wurde gewählt ein sogenannter Zehenstrecker, das heißt ein Mann, auf den das Volk nicht aus freien Stücken verfallen, den es nicht »sehen« würde, wenn er sich nicht bei allen Wahlanlässen jedesmal auf die Zehen stellte, bettelnd und schreiend die Hand erhöbe, wie die Kinder unter dem Kirschbaum. Nachdem das Volk sich Jahrzehende lang erst nach dem Zehenstrecker gar nicht, dann etwas verwundert umgesehen, wird es endlich aufmerksam und gibt ihm versuchsweise und lächelnd die ersehnte Stelle. Denn er ist über seiner ewigen Bewerbung ein geriebener Gesell geworden, der einen anscheinend ordentlichen Geschäftsdunstkreis um sich her aufgeregt hat. Eine Million Projektchen und Vorschläge hat er gemacht und jedesmal an den Wahlen in Umlauf gesetzt. Ein Kanälchen hat er ausgeheckt, um die Gemeindepfeffermühle zu treiben, die Erzielung einer Ziege mit fünf Zitzen hat er erfunden und was dergleichen Dinge mehr sind, aus denen zwar nie etwas wurde, die er aber in hundert Versammlungen und Vereinen besprach, in der Presse künstlich angreifen ließ und nachher verteidigte. Er handhabt die verdeckte Selbstangreifung wie ein Meister und die Reklame wie ein Künstler.

Da er nur einen Grundsatz kennt, der lautet: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich! so ist er je nach Umständen jedermanns Freund und jedermanns Feind. Diese Stellung weiß er dann immer für eine Parteistellung auszugeben, obgleich er politisch so leer ist wie eine taube Nuß.

Ein solcher Zehenstrecker also wurde gewählt; denn das Volk will zuweilen auch solche Käuze haben; es sorgt stets für die Mannigfaltigkeit und Vollzähligkeit der Gestalten auf seinem Schachbrette.

Ferner wurde gewählt, ebenfalls spät, ein Alter, der sich seit dreißig Jahren gegenüber jeder herrschenden Partei die »junge Schule« nannte, obschon er kein Härlein mehr auf dem von Vorurteilen des Alters vollgepfropften Schädel trug. Dieser wurde gewählt, weil er unter den Unmündigen und Frischkonfirmierten allerhand Schaden und Torheiten anrichtete und heimlich versprochen hatte, die jungen Schuljahre nunmehr abzuschließen und die Zeit der männlichen Reife anzutreten, wozu er jetzo in den schönsten Jahren stehe.

Auch wurde ein sogenannter Früh-Gemeinnütziger gewählt, das heißt einer, der schon vor seinem zwanzigsten Jahre den gemeinnützigen Gesellschaften der Gemeinde, des Bezirkes, des Landes und der Eidgenossenschaft angehört hatte und nun nach wiederum zwanzig Jahren durch seine vielfachen Missionen und Arbeiten einen ganz schätzbaren Vorrat von Kenntnissen und Erfahrungen erworben und ein brauchbarer Redner über alles war, welcher der Gegend wohl anstand.

Ein stiller Mann, welcher plötzlich eine Million geerbt, wurde sodann gewählt, da man ihn für Steuern und Geschenke fürchterlich zu schröpfen gedachte und hiefür in guter Laune erhalten wollte. Schon hatte er eine neue Feuerspritze, ein Kirchenfenster, eine Orgel, drei Kadettentrommeln und eine Gemeindefahne gestiftet und mehreres versprechen müssen.

Zum Schluß wurde ein noch stillerer Mann, ein bestandener Parlamentshecht erkürt, als Vogt über diesen ganzen parlamentarischen Nachwuchs, der denselben mit wenig Worten in Ordnung zu halten und zum Nutzen der löblichen Wählerschaft zu verwenden hatte.

Nach beendigter Wahlhandlung aber saßen die drei Brüder in einem Hinterstübchen des Wirtshauses zusammen und ermittelten nach ihren gemachten Erhebungen diejenige Gemeinde, welche am schlechtesten vertreten gewesen, um ihr den besagten Spitznamen zuzumessen und unter die Leute zu bringen. Die Brüder selbst waren zwar bei ihrem Mangel an Erfahrung in der Hast um ihre Stimmen gekommen, sie wußten kaum wie, und ihr gemeinschaftliches, krummgespitztes Bleistiftendchen hatte sich, von einem eigenen Wahlkobold beseelt, fast gegen den Willen der Schreibenden bewegt. Jeder verschwieg den beiden andern, daß er gar keine rechte Zufriedenheit an seiner Stimmgebung empfinde und sich für übertölpelt halte. Vielleicht gerade aus Ärger darüber war ihr Eifer nun groß, und sie saßen mächtig zu Gericht.

Es ergab sich, daß es die Bürger von Nebenheim waren, von welchen allein ein alter, halbtauber Ehegäumer sich auf dem Platze eingefunden. Jakob, der die Frau hatte besehen wollen und nun der Grimmigste war, eröffnete, nachdem die Namenfinder eine gute Weile fruchtlos gebrütet, seine Meinung dahin, daß »Nebenheimer« an sich ein guter Spitzname werden könne für solche, die überall danebenkommen; daß zwar der Titel des erschienenen Ehegäumers auch eine ironische Bezeichnung für alle diejenigen geben würde, welche so lässig ihres Rechtes warteten; daß aber endlich gerade die Anwendung des Namens der Nebenheimer auf alle trägen Bürger die empfindlichste und abschreckendste Strafe wäre, da gewiß künftig jede Ortschaft sich hüten würde, ihren erhabenen Namen einer solchen Gefahr auszusetzen.

Die zwei Beisitzer Jakobs, welche von allen den heutigen Verhandlungen ganz erschöpft waren, erklärten sich mit seinem Vorschlage einverstanden und übertrugen ihm auch, den vereinbarten Übernamen öffentlich zu verkünden »auf ihm geeignet scheinende Weise«, worauf sie sich stracks unter das junge Volk machten.

Inzwischen saß Vater Berghans in einer Laube vor dem Hause, neben dem offenen Fenster des Beratungsstübchens seiner Enkel, weitab vom Getümmel der Leute, und schaute über die blühenden Felder hinaus. Indem er so in den Sonnenschein blinzelte und dabei ein rötliches junges Dornzweigelchen im Munde hielt, erspähte er den alten Ehegäumer von Nebenheim, der, seinen turmartigen, schwarzlackierten Strohhut wie ein Staatsmann in der Hand tragend, würdig einherschritt, an der Seite eine schlanke Mädchengestalt. Die Art, wie dieselbe ihre natürliche Raschheit mäßigte und neben dem langsamen Gange des alten Mannes die unnatürlich keck ausholenden Schritte elastisch anhielt, gab einen gar anmutigen, beinahe feierlichen Anblick.

Berghansli erhob sich und winkte dem Paare, und es näherte sich bald der Laube, während das Mädchen vorsichtig einen schnellen Blick über den Platz warf aus ernsten braunen Augen.

Da man von dem alten Nebenheimer sagte, er wolle sich zu einer verheirateten Tochter zurückziehen und wünsche nun das gegenwärtige Mägdlein, das Kind einer andern, verstorbenen Tochter, das bisher bei ihm gelebt hatte, irgendwo wohl anzubringen, – da man nicht minder vom Berghansli wußte, daß er einen seiner Enkel, und zwar den Jakob, zu einer wackeren Verehelichung anhalte, um sein häusliches Wesen noch vor seinem Tode fortgesetzt zu sehen, so gewann dieses Zusammentreffen sehr den Anschein einer verabredeten Sache.

Wie dem auch sein mochte, so geschah es jetzt, daß Jakob gerade um die Ecke trat, um dem Großvater die Schlußnahme wegen des Spitznamens und deren Tragweite zu eröffnen, als auch der Nebenheimer mit der Jungfrau anlangte, welche die goldene Kette ihrer Vorfahrinnen wie ein Bürgermeister über den Spitzen und Stickereien ihres Sonntagsstaates und einen grünen spitzigen Roggenhalm gleich einem gestrengen Szepter in der Hand trug.

Jakob ließ den Mund, aus welchem er seine politische Mitteilung hatte wollen ertönen lassen, so lange offenstehen, daß die Fremde volle Zeit gewann, sich von ihrem Erröten zu erholen und dasjenige Benehmen innezuhalten, welches bei solchen sogenannten ersten Zusammenkünften als ersprießlich erscheint und weder etwas verdirbt noch vergibt.

Es war allerdings eine solche Zusammenkunft, wie sich immer deutlicher zeigte. Jakob hatte seine Frau auf einer Seite suchen wollen, die dem Alten nicht gefiel, und dieser die Sache ohne jenes Wissen auf den Wahltag angeordnet.

»Siehst du«, sagte er scherzweise, »du hast heute, glaub ich, eine Mädchenschau abhalten wollen, und nun bekommst du unverhofft noch die Allerschönste zu sehen!«

»Sie ist allerdings schön!« erwiderte Jakob immer noch verwundert, daß er diese Entdeckung noch nie gemacht, und ganz unbefangen.

Die Jungfrau aber wiegte ihren Roggenhalm und ließ seine Blattstreifen unverfänglich durch die Finger laufen; die Begebenheit endigte für heute damit, daß Berghansli und sein Enkel, nachdem die kleine Gesellschaft eine Erfrischung zu sich genommen, den Ehegäumer von Nebenheim und seine Enkelin eine gute Strecke Weges nach Hause geleiteten.

Auf dem Rückwege sagte Berghansli, indem er bei Sternenschein ungesehen etwas lächelte: »Wie steht's denn mit dem Spitznamen für die Nebenheimer, den ihr in der Stube ausgemacht habt? Hast du die Sache besorgt?«

Ganz verblüfft antwortete der Junge: »Diese Teufelei hab ich bei Gott ganz vergessen! Allein – nun haben wir da die Bekanntschaft der guten Leute gemacht; ich glaube, das Mädchen würde mich dauern, auch ist ja ihr Großvater der einzige, der gekommen ist!«

»Es ist mir recht«, sagte der Alte ernster, »wenn dir das Mädchen gefällt und ihr einig werden könnt. Wenn die Sache mit dem Spitznamen aber nicht eine Torheit gewesen wäre, da dergleichen nie etwas nützt, so würde ich doch sagen, es soll das erste und letzte Mal sein, daß du wegen eines Weibsbildes eine politische Tathandlung änderst oder unterlassest. Siehst du, Meister Jakob, so kommt es, wenn man von der Kälte in die hitzigen Anläufe hineinfällt. Immer gleich und stets geübt, das macht den Mann!«


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