Gottfried Keller
Nachgelassene Erzählungen
Gottfried Keller

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Das Gewitter

Dort, wo der alte Berg das steingraue Haupt in schwere Wolken hüllet und seine mit dunkelm Forste bedeckten Lenden ins Tal wirft, dort sammelt ein schwarzes, feuerschwangeres Gewitter seine belebenden und tötenden Kräfte. Finster und immer finsterer ziehen sich die großen, dicken Wolken zusammen und wälzen sich vereint über den Himmel hin; nur die weiß glänzende Sonne durchbricht noch mit stechenden Strahlen den blauschwarzen Vorhang und verbreitet ein schwüles unnatürliches Licht auf die Gründe, so daß sie mit grellen Farben von der dunkeln Luft abstechen. In ängstlicher Flucht eilen die Schnitter und die Hirten den Dörfern zu; denn schon rollt mit hohlem Getöse der Donner an den Gebirgen umher, welche in ihrer tief violetten Farbe dem Auge meilenweit näher gerückt scheinen, als da sie am hellen Mittage in fernem azurblauem Tone verschwammen. Drückende Stille wallt auf den Fluren und um die Hügel, jedes lebendige Wesen hat sich ein Obdach gesucht; nur ein dumpf kreischender Rabe, der zu lange beim Aase verweilet, zieht in unsicherm Bogen unter dem niederhangenden Gewölke hin, bis auch zuletzt er am waldichten Abhange des Berges verschwindet. Jetzt reckt, wie eine ungeheure Hand, eine neue Wolke ihre flutenbergende Masse über die Sonne hin, und plötzlich überzieht kalter Schatten die weiße Mauer der kleinen Kapelle, die bis jetzt noch freundlich geschimmert, und plötzlich verschwindet der letzte silberne Fleck, der noch auf dem Flusse geglänzt hat. Schwere Tropfen fallen nieder, gleiten von Blatt zu Blatt und beugen den schwankenden Grashalm, oder sie schlagen weithinringelnde Kreise auf den Teich; immer dichter fallen sie, bis zuletzt in Millionen von grauen Strichen der Regen herniederrauscht und die fernern Gegenstände dem Auge verhüllt. Kaum erkennt man noch die verworrene Masse des nahen Berges, da erleuchtet plötzlich seine Kluften ein feuriger Augenblick, der erste Blitz, und ruft mit zuckender Bewegung den lange nachhallenden Donner aus den Wolken. Bald folget Blitz auf Blitz; oft scheint die ganze Natur in einem einzigen Feuermeere zu schwimmen, und in immer kürzern Zwischenräumen folget das weithindröhnende Getöse; ein geborstner Weltkörper scheint ob uns hinzurollen. Dort, wo die zersplitterten Bäume schon seit Jahrhunderten den Felsen bekränzen, kreist das Gewitter mit doppelter Wut und bestrebt sich mit rasenden Kräften, den vieljährigen Stolz einer riesigen Eiche zu beugen. Pfeifend schwingt sie ihre jüngern Äste im Sturme, während die ältern erstarrten ihn mit Hohn zurückweisen oder mit morschem Gekrache einen ihrer Brüder verlieren. Stehe fest, alte Eiche! durchklammre mit deinen knorrigen Wurzeln tief das Eingeweide der Erde und greife verwegen mit deinen entlaubten riesigen Armen in die Luft, schüttle höhnend den peitschenden Regen vom rauschenden Gewande, und ruhig laß den heulenden Wirbelwind rasen um den zum Fels gewordenen grauen Stamm. Stehe fest und verachte das Unwetter, das sich tobend an deiner Stärke bricht; denn höchstens wird der flammende Blitz das schmarotzende Efeu und das wuchernde Moos von deinen Seiten streifen und die hungrigen Raben verscheuchen, die in deinen Wipfeln nisten. Also verscheucht das Unglück den Schwärm unverschämter Freunde, die an den Tritten des großen Mannes kleben, wenn es mit rauhen Schlägen ihn trifft. Sie umsummen ihn heuchelnd, solange er auf dem sonnigen Pfade des Glückes wandelt; wie er aber die schwanke Brücke des Mißgeschickes betritt, zerstäuben sie, wie trockener Kot auf der Landstraße, wenn des Pferdes Huf ihn in Wolken aufjagt. Er steht dann einsam und verlassen, aber er bleibt sich gleich, glänzender nur tritt seine Größe hervor, so wie du mit erneuter Fülle blühen wirst, herrliche Eiche, wenn du vom nagenden Unkraute befreit bist. Stehe fest und verachte das Unwetter, es wird dir nichts anhaben; denn solange du, Gewaltige, mit dem Gewaltigen kämpfest, bleibst du unbesiegt; aber fallen wirst du doch noch. Kleine, hinkende Menschen werden kommen, mit rostigem Eisen deine Wurzeln zerhacken und mit kratzenden Sägen deinen Stamm durchschneiden, dessen weder das Alter noch die Größe ihnen ehrwürdig genug ist. Sie werden gleich Maulwürfen dich untergraben, bis du dich neigest, und wenn du auch einen von ihnen im Falle erdrückst, so wirst du doch fallen, nachdem du drei Jahrhunderte hindurch stummer Zeuge ihrer unsinnigen Taten gewesen bist. Dann werden Weiber und Kinder deine bezwungenen Äste zum Feuer schleppen, um ihren Fraß zu bereiten, und du selbst wirst ihrer rußigen Wohnung zur festen, doch verachteten und verborgenen Stütze werden oder noch drei Jahrhunderte hindurch als schlechter Pfahl unter einer Brücke dein unzerstörbares Dasein vertrauern; denn aus unvergänglichem Stoffe hat der Schöpfer deine Ringe gebaut.

Aber, Entsetzen, wie flammt's jetzt am Himmel! Zehen schreckliche Blitze zerfließen in ein langes furchtbares Feuer, so daß der zitternde Erdensohn die Hand vor das geblendete Auge hält und in heißer Angst den nachfolgenden Donner erwartet, welcher mit grellem stechendem Schalle das Weltall aus den Angeln zu werfen droht. Schwüle Nacht folgt nun wieder. Ein zweites, ferneres Gewitter rollt jenseits der Berge und spielt ein majestätisches, harmonisch gedämpftes Zwischenspiel, und seine rötlichen Blitze durchzucken schwächer die fernsten Wolken; bis wieder ein langer, gräßlicher Blitz herniederfährt und die staunende Seele aus ihrer Betäubung aufrüttelt; dumpf murrend folgt anfangs der Donner; aber jetzt, mit einem entsetzlichen, das innerste Mark durchschneidenden Schlag rast er am schwarzen Himmel umher, und mit nachhallenden Schlägen beklemmt der die Gefühle des betenden Landmannes, der sich mit Sense und Rechen unter das schützende Vordach einer alten Kapelle gerettet hat. Er wagt's, die Augen aufzuschlagen und über die verdunkelten Gefilde den sorgenden Blick zu senden. Wehe, da steigt langsam und qualmend eine gelblichte dicke Rauchsäule gegen den zürnenden Himmel hinauf, und ein hellklingendes verwirrtes Geläute schallt flehend vom heimatlichen Dörfchen zu ihm her. Er blickt genauer hin, und, o Gott, es ist sein eignes Haus, das vom Feuer verzehrt wird; denn er erkennt's an dem schlanken Pappelpaare, dessen Wipfel an seines Gartens Seite in die Höhe streben. Jetzt entstürzt er dem sichernden Obdach, nicht achtet er mehr die niedergießenden Bäche, noch den verderblich zuckenden Blitz; in angstvoller, atemraubender Eile fliegt er dem Orte zu, wo sein Glück und seine Habe untergehen. Schon ist er dort. Er zerteilt keuchend die gaffenden Haufen – da steht nur noch das schwarzgebrannte, rauchende Gerippe des Hauses, in dem schon seine frommen Väter gewaltet haben, in dem er selbst das Licht erblickte und in welchem er wieder andern teuren Geschöpfen das Leben gegeben hatte. Starr steht er und will das plötzliche Unglück nicht begreifen; da klopft ein ernster Mann, tränenden Blickes, ihm auf die Schulter und führt den Armen vor eine Entsetzen erregende Gruppe. Der Leichnam seines Weibes, des geliebten, treuen Weibes, liegt im Grase dahingestreckt, vom Schlage getroffen, schwarz und verkohlt. Geblendet ist das liebliche, treue Auge, verzerrt und verblichen die sonst blühenden Wangen und der rosige Mund, und verstümmelt ist der zarte, herrliche Körper vom stürzenden Gebälke. In ihrem Arme ruht der tote Säugling, und an ihrer Seite liegt das älteste Mädchen, in den Flammen erstickt. Das alles, alles so mit einem Blick zu umfassen, welch schreckliches Schicksal für einen Gatten und Vater; ach, ein vornehmer Philosoph würde sich ja kaum beherrschen, geschweige denn ein Bauer, der von einer gezwungenen, geregelten und erbärmlichen Maschinerie der Gefühle nichts weiß. »O mein Leben!« schreit er und sinkt mit ausgebreiteten zitternden Armen auf die Teuren hin und umschlingt sie und küßt sie und schluchzt und kann und will das Ungeheure nicht glauben. Wer den Mann vor einer Stunde gesehen hat, wie er, der Kräftige, Überglückliche, Gesegnete, vom herrlichen, geliebten Weibe Abschied nahm und verhieß, bald wiederzukommen, wie er den Arm um ihren schlanken Leib schlang und die schneeige, schwellende Brust küßte, an welcher der lächelnde Knabe lag – wer da ihn gesehen und wer ihn jetzt sieht, zernichtet, zertreten auf den Trümmern seines halben Lebens, – der wird deine furchtbare Größe, deine tötende Liebe erkennen, o Schöpfer, dessen unwandelbarer Geist von einem Anfang der Ewigkeit zum andern die Gelenke der Weltenkette mit spielender Hand ineinanderfügt und dessen Worte Gewitter sind. O Sonnenerschaffer, Gott alles Seins, du schreibst mit flammenden, zerstörenden Zügen deinen ehernen Namen in der Menschheit weiche Herzen, aber göttliches Feuer ist es, das du in unsre Wunden gießest, und deine Zerstörung ist erneutes, erfrischtes Leben, ein grauer eisiger Winter, der den jungen wollustatmenden, rosenglühenden Frühling erzeugt.

Der Himmel hat nun sein Opfer empfangen, und zufrieden mit der Beute wälzt er sein Gewitter über eine andere Gegend hin und beginnt die schwarzen Wolken zu lichten. Für das eine, das er genommen, hat er Millionen von Leben erfrischt, verjüngt und den ganzen Tempel der Natur mit einem neuen glänzenden Feierkleide geschmückt. Ein erquicktes frisches Grün flüstert an allen Bäumen und schmeichelt dem umherschweifenden Auge, daß es bald die Schrecken der vergangenen Stunden vergißt. Indessen hat die Sonne hinter dem Gewölke ihre Bahn fortgesetzt und ist jetzt ihrem Untergange nahe. Ehe sie aber scheidet, zerreißt sie noch einmal die Wolkenhülle in glühende Streifen und gießt eine orangenrote Glut über die Erde hin und widerstrahlt von allen Auen, und von jedem Gesträuche trieft sie in tausend goldenen Tropfen, und gegenüber ihr im Osten brennt eine gigantische Wolkenmasse in hohem Purpur. Und von neuem jubelt's und kreist's in den Lüften und auf den Feldern. Die glänzenden Schwanen tauchen sich in den rötlichstrahlenden See, und die Fische erheben sich in lustigen Sprüngen über seine Fläche. In den Wäldern wimmelt's von Freude, Leben und Gesang; die scheuen Rehe trippeln aus ihren Schlupfwinkeln hervor und jagen sich fröhlich über die offene Waldwiese, um den angeschwollenen Bach zu besuchen. Stutzend stehen sie am Ufer, denn die rauschenden Fluten des sonst sanft murmelnden Baches haben sie erschreckt. Doch wagen sie jetzt zu trinken und fliehen dann in leichtem, anmutigem Laufe davon. Aber aus dem hohlen, moosbehangenen Stamm der königlichen Linde schleicht, roten Haares und schlauen Blickes, ein Fuchs hervor und recket den tückevollen Kopf forschend in die Runde. Er hatte sich, zu weit von seinem Baue entfernt, in das bergende Dunkel dieses Baumschlosses geflüchtet, als das Ungewitter mit seiner Wut ihn auf bösen Wegen überraschte. Zitternd duckte er sich an die alten Wände des Stammes und gelobte sich heilig, nie mehr zu sündigen, wenn nur diesmal der Blitz ihn verschone. Jetzt aber kommt er leichteren Herzens wieder hervor und beleckt den durchwaschenen Balg und lenkt den lauschenden Schritt dem Dorfe zu, um aufs neue zu – stehlen.

Am Sumpfe stelzt gravitätisch ein Störchepaar auf und nieder und erspäht sich ein taugliches Abendmahl, da der Regen Scharen von Fröschen, Kröten und anderm Geziefer hervorgelockt hat. Auch die frohen Menschen schwärmen jetzt wieder über die Felder und prüfen mit sorgender Miene ihre Äcker und freuen sich, wenn alles in verdoppelter Kraft ihnen entgegenlacht. Und alles ist fröhlich und atmet Wonne in der gereinigten, kristallenen Luft: nur auf der beglänzten Straße zieht eine Gruppe heimatloser Leute, Männer, Weiber und Kinder, am Bettelstabe dahin, durchnäßt und traurig, und die schöne sinkende Sonne mit all dem verbreiteten Entzücken läßt sie ungerührt, denn das allernährende, einzige Lebensprinzip, die Hoffnung, ist ihnen fremd, und sie kennen vom herrlichen Dasein nur die graue, kotige Seite, weil ihre Seele noch ärmer und verwahrloster ist als der Leib.

Ein feiner Regen spielt jetzt noch um das hintere Gebirge, und das untergehende Gestirn malt auf Augenblicke einen Bogen hinein vom herrlichsten Farbenschmelz. Jetzt verschwindet das Licht und mit ihm die perlende Pracht, und alle glühenden Lichter auf den Blättern und Bächen erlöschen. Ich aber will noch den gestirnten Himmel erwarten, der bald mit seiner Hoffnung gebenden Sonne in die Erde schaut, als hätte er heute kein Wölkchen gesehen; und dann will ich mich mit genußerfülltem, beinah zu vollem Herzen aufs Lager werfen und im Traume den göttlichen Tag zum zweitenmal verleben.


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