Jean Paul
Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
Jean Paul

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Vierte poetische Epistel

Der italienische Tag

Leipz. In der Meßwoche 98.

Hier findest du mich mit ihr in der kalten Stadtkirche. Der gestrige Abend glänzte noch in meiner Seele nach, als ich heute in die Stadt über den tauenden Morgenknospen fester Blumen und durch das träumerische Dämmern ging, das uns zweimal des Tages an Liebe und Jugend erinnert, wie ja am Himmel der Stern der Liebe nur in den beiden Dämmerungen kommt und glänzt. – Fürsten werden die Ringe auf goldnen Tellern präsentiert; aber ich nehme sie lieber aus der geliebten Hand. Ich strecke die meinige für einen wundertätigern Ring, als der salomonische und päpstliche Siegelring zusammen sind, gegen meine Rosinette aus – er ist die Fassung meines Lebens, wie meiner des ihrigen; den trüben Saturn der hiesigen kleinen Zeit machen, wie den astronomischen, zwei Ringe licht.

Andere Leser als du machen sich jetzt auf einen langen Rapport- und Komödienzettel von Hochzeitgästen gefaßt, die mit dem jungen Paar in einer ausgestreckten Wagenburg nach dem Gütlein fahren, – was auch, wie natürlich, geschieht bei der Silberhochzeit, wozu man die Jungfrau Europa hier voraus invitiert als Kränzeljungfer; aber wahrlich nie bei der Gold- oder Juwelenhochzeit. Wo müßte der Bräutigam seine fünf Sinne haben, wenn er einen zarten Tag, den er wie einen säkularischen Jubeltag nie in duplo bekommt, und der als ein Vergißmeinnicht der Liebe ein stilles Tal zum Wachsen fodert, vor Brennspiegel setzen oder solchen mit Saus und Braus, mit Trommetenschall und Paukenknall erschrecken und betäuben wollte? – Schon gleichgültige oder gar liebe Gäste werden störende Drehkreuze der weichern Liebe; aber vollends alte, seit Jahrzehenden gekannte Menschen, mein Otto, diese würden wenigstens deinen so sehr bewegten Freund dann zu tief bewegen. Gibt es denn einen Tag auf der Erde, wo alle Jahrszeiten in der Brust und die schönsten Tränen im Auge sind? – Wend' ich nicht schon so gewaltsam meines von den kindlichen weinenden Umarmungen ab, unter denen Rosinette ihre Eltern wie zum erstenmal verliert und sich von ihnen abreißet wie von der leichtern Zeit der Jugend und Liebe? Weine nur nicht zu lange, Hermine, erinnere mich in einer solchen Stunde nur nicht zu lange durch deinen Abschied, daß ich keinen mehr zu nehmen habe – daß die guten Augen, die sich über das Glück eines Sohnes erfreuen und benetzen könnten, o schon so fest zugefallen sind! Rühre die Wunden nicht an, die nie auf der Erde verschwinden und für welche die Zeit nicht die Wundärztin, sondern die tiefer schneidende Eisen-Jungfrau ist.

Werd' ich nicht ohnehin noch im Freien auf dem Wege die liebe Seele zu sehr mit dem Gedanken anschauen: sie ist nun eine Waise, und nur durch einen Fremdling wird sie elend oder froh? – Eine Braut hat ein höheres und kühneres Vertrauen als ihr Verlobter, der gleichsam auf dem Marktplatz des Glücks noch in alle Gassen des Lebens sieht. – Sogar Rosinettens Putz macht sie rührender und kleidet sie heiligend für das Kloster der Zukunft ein; und dem Geiste, der sie ehrt, kommt die Pflicht ehrwürdiger und schwerer vor, der edeln Waise voll Vertrauen die Eltern zu vergüten und dem von den elterlichen Wurzeln losgeschnittenen Zweige seine Blumenerde und Pflege zu geben.

Als ich in diesem Frühjahr in der Dresdner Rüstkammer, dieses bessere grüne Gewölbe für das Herz, herumging und die von den fürstlichen Brautfesten übriggebliebnen Paradepferde mit ihren Schellendecken ansah und einigemal die fest hängende schweigende Hochzeitglocke des klingenden Schellenspiels anzog: so bedacht' ichs gerührt, daß ich dieselben Töne auferwecke, die einmal in freudigwallende Herzen sanken, und daß der leichte Klang fortlebe, indes die Ohren und die Freude und die Zeiten so tief eingeschlafen sind. – Nein, Hermine, mit diesen Phantasien will ich nicht in deine blühende Gestalt voll lächelnder Hoffnung blicken.

Aber in dieser Stimmung würd' es uns beide wie mit frischem Wasser ansprengen, wollten meine vier Spitzer Untertanen einige Lot Pirschpulver und Geigenharz aufwenden – wiewohl ich ja das Geld dazu geben kann – und mich als ihren Vierfürsten samt ihrer Vierfürstin mit Schüssen und Klängen einholen und salutieren; Rosinette fände sich dadurch nicht nur wie unter Einheimischen wieder, sondern ich bekäme auch da die Gelegenheit, den schon seit so vielen Monaten und Briefen vorbereiteten Zauberschlag zu tun, womit ich das gemietete Gütlein in ein gekauftes verwandle; ich könnte den Kaufbrief hervorziehen und ihr ihn geben mit dem Scherze, der ihre zu gerührte Überraschung milderte: »Es sind deine vier Lehnmänner und Vasallen, und nimmst du mich zum fünften an, so hast du alle fünf Treffer.« – Ich glaube, ich kann es so machen. –

Endlich treten wir mit dem uns nachgrüßenden und nachschießenden Quartett in den Schloßhof des Lustschlosses, das darin in der Gestalt eines niedlichen Gartenhäuschens steht. Lasse mich stillsein über den ersten betenden Augenblick, den wir im Wohnzimmer haben, wenn wir denken: »Hier sagen wir das schöne Wort unser zum erstenmal; hier bleiben wir beisammen, und hier findet uns beide das Schicksal, das uns frohe Tage bringen oder wieder nehmen will.«

Ich führe dann die Herzliche überall herum von meiner Arbeitsstube an bis zur Küche hinab – ich zeig' ihr, wie ich ihr Eingebrachtes pêle mêle aufgestellt und aufgehangen: »Jetzt setze du alles zurecht nach deinem Gefallen«, sag' ich – sie soll sich heute mit nichts bemengen – es ist ein lyrischer Tag, der durchaus italienisch zu verleben ist – das Hochzeitmahl wird aufgesetzt, allein ich sage. »Essen ist an solchen Tagen meine Sache nicht, leichter tränk' ich; ich weiß aber, künftig mach' ich mehr daraus.« –

Nach dem Essen kommt die Hauptsache, der italienische Tag.

Ich weiß nicht, was andere von ihm halten; ich und du und die Unsrigen kennen ihn ganz gut von unsern Sonntagen in »Neuhaus« und »Hofeck« her. Inzwischen wird er hier gemalt. Ich könnte auch eine geographische Definition von ihm vorausschicken und sagen, ein italienischer Tag sei ein Tag in Italien, an welchem man genug hat ohne die Perspektive eines zweiten; aber eine dramatische Definition scheint ebensogut.

»Rosinette,« – sag' ich nach dem Kaffee – »es ist unmöglich, daß man heute Platz hat in der Stube an einem solchen Tag, o sieh nur den himmlischen Himmel draußen! – Und ich muß dir unser Tal zeigen.« Wir gehen (ich glaube um 2½ Uhr) durch das ganze Dorf. Ich nenn' ihr die meisten Häuser und zeige ihr besonders die vier in meinem Reich von Aachen liegenden. Und mit jedem Schritte, den ich durchs Dorf mache, fühl' ich, sinken und wurzeln hinter mir die Säulen unsers Glücks-Tempels tiefer ein. Was von meinen Untertanen zu Hause ist – nämlich der weibliche Teil –, sieht dem Führen seiner Dogaressa und Dauphine nach. Der männliche jauchzet schon den dritten Festtag an in der Karawanserei; und es ist ein schöner Zufall, daß die nah' an ihr liegende Mühle das Klappern der Räder sonderbar-wehmütig mit dem Klappern der Tänzer verdoppelt und verwirrt. Wir gehen etwas absichtlich nur von ferne vor dem neuen Pfarrhaus voll Pfingstgäste der Nachbarschaft vorbei; es ist mir ohnehin schon unter der wachen Menge, als hätt' ich meine Rosinette nicht so nahe an mir wie in meinem Schloß, und ich sehe mich unaufhörlich um nach der Gegenwart der Lieben. Höre, ist sie nicht redlich und deutsch und nichts als ein Herz? – Ich verberg' es nicht, es ist mir lieb, daß wir nichts vom Pfarrer sehen als im Garten seinen kleinen Fritz mit einem Stabnetz zum Fange der Schmetterlinge. Beim Himmel! ich brauche mit keinem Netz zu laufen – ja ich bin selber einer und neben einer unverwelklichen Blume.

Außen am Dorfe an einer kleinen Sennen-Hütte, auf deren Strohdach nicht unmalerisch eine hinausragende Leiter liegt, rufet uns aus der Mitte des Dorfs das eintönige Schweizerhorn des Hirten arkadisch nach; und wir sehen die Kinder, die ihm das beschorne Schaf mit dem Lamme freudig zutreiben. Vielleicht ist der schöne, aber mitleidige Anblick des entkleideten stillen Tieres an dem Bedauern schuld, das wir mit der Feldeinsamkeit des Hirten haben, während der tanzenden schwatzenden Geselligkeit des Orts; aber abends hat der Mann noch zu allem Zeit.

Nun wirst du glauben, daß wir nach Hofeck ziehen (denn so will ich dem Höfer HofeckEin anmutiges Lustörtlein bei Hof mit lieblicher Aussicht und Nachbarschaft. zu Ehren das Spitzer nennen, das an der Hintertüre des Tales liegt); es sollte mich aber wundernehmen. Das Örtchen an sich ist zu schätzen und recht für seinen Zweck gemacht. Jeder will zu seiner Lustbarkeit ein nahes Dörfchen, ein Brandenbourg-house, ein Luisium, einen Prater haben, von welchem er zweierlei verlangt, erstlich daß er da seinen Kaffee – oder was er mitbringt – so gut zu sich nehmen könne als zwischen seinen vier Pfählen, und zweitens daß er dahin zu marschieren habe, wenigstens eine Viertelstunde lang. Paaret nun eine solche königliche Bagatelle, ein solcher Sommersitz beide Vorzüge: so geht man wieder nach Hause, ganz neu aufgefärbt und umgegossen, und findet daheim – so wie wenn man nachmittags einige Stunden geschlafen hat – nach so langer Abwesenheit alles neu und sieht jeden an.

Ich sagte aber, es sollte mich wundernehmen, wenn ich mit ihr nach Hofeck ginge – und zwar darum, weil wir uns dann einen Zweck vorsetzen müßten, welches den besten italienischen Tag zugrunde richten müßte. Man genießet die Natur nie ganz, wenn man irgendwo – und wär's zum nächsten Pfahl – hinwill, oder auf irgendeine Sache – und wär's eine Geliebte – ausläuft: sondern man lasse sich wie ein schlafender Schwan dahingegeben von ihren Wogen drehen und führen. O warum fängt der Mensch im Leben das Leben von neuen an und glaubt nur die Zukunft begütert und das jetzt verarmt? Warum schiebt er den Zeitpunkt, wo er von der Zukunft nichts begehrt als dessen Fortsetzung, ins Alter hinaus, wo er nur aus Mangel an Zukunft sich mit dem jetzt abspeiset? –

Aber schaue lieber in unser volles helldunkles Tal, gleichsam in eine verlängerte Laube, in ein blühendes Souterrain des Frühlings. Wir gehen an einem durchs ganze Tal hinaufredenden Bach und treten bald in den Schatten, bald in den Glanz und gehen durch vergoldete, in den Lüften streitende Heere, durch fliegende Lieder und durch schweifende Freudenrufe und Lockungen. An der schönsten Stelle, wo etwan der Bach sich selber einen runden stillen glatten Hafen bauet, muß sie ausruhen; wir können auch sitzend leichter ein Wort reden und uns ansehen. Wie uns die Welt so freundlich und friedlich mit einem Ringeltanz freudiger Kinder umgibt!

Wir sind so beruhigt, daß ich das Buch, das ich zum reizenden Wechsel zwischen Lesen und Reden eingesteckt, herausziehe; es betitelt sich »Jean Pauls Briefe«. Aus Abneigung gegen eignes und fremdes Vorlesen bitt' ich Rosinette, das Buch so auseinandergebrochen zu halten, daß beide Schalendeckel sich berühren, weil ich, da ich schneller bin, die untere zweite Seite lesen will, indes sie noch an der ersten studiert. Ich bin den Augenblick fertig und schaue dann müßig, unter das Buch gebückt, hinauf in ihr halbgeschlossenes gesenktes Auge, das sie, weil sie mich schon ein wenig kennt, ungemein liebreich zuweilen wie einen Himmel gegen mich aufschlägt, damit ich etwas habe. Auch ergreift die reizende Dichtung darin »Luna am Tage« sie in der Tat. Dann les' ich wieder mit ihr, geschmiegt an ihren linken Arm, die obere Seite und bin wieder gleich herunter – verzeih' mir der treffliche Autor der Briefe dieses leichte Wesen! – und schaue sie in den Ferien durch die Locken und dann von der Seite an und hänge an der nahen jung- und zart-gemalten Wange und an den fein zusammenlaufenden Schönheitslinien des halben Knospen-Mundes – sie lieset ernst fort, als seh' sie nicht alles – ich lehne mich ein wenig vor und erprobe und sichte durch Lächeln den verstellten Ernst – die Purpur-Lippen stemmen sich gegen das innere Lächeln, aber endlich zerfließen sie eilig ins äußere – und sie legt das Buch nieder (ich bedauere nur den armen Verfasser) und sieht mich mit ergebener Freundlichkeit an, gleichsam als sagte sie: nun, so spiele denn, Schäker! – Aber ich falle, gerührt von der leuchtenden Liebe, ernst an das fromme Herz.

Allein dann sind wir zu bewegt, zu scherzen oder zu lesen. O wie glänzet die Welt vor dem feuchten Auge! Der Wind spielet mit dem Grase, und es schimmert unter dem Aufrichten – der Schatte einer hellen Wolke ruht neben einer Blume fest und rücket nicht – und der Käfer voll Blumenstaub trägt wie in einer Entzückung die Flügel wie aufgebundnes Haar weit außer den Flügeldecken, und das durchsichtige hellgrüne Räupchen hängt wiegend in der Schaukel seines Fadens nieder – und auf dem belaubten Fußsteig am Bergrücken wandeln geschmückte Menschen zu den Freunden und Freuden des Festes – und oben auf dem waldigen Gipfel des langen Berges ruhet lächelnd die Sonne und schauet in ihren Frühling herein. – Wir verlassen die selige Stelle und schwanken dann still und voll durch den langen, von Blüten verfinsterten Irrgarten des Tals. Das Saitenspiel der Wonne erklinget jetzt von selber ohne eine spielende Hand, es tönet schon, wenn die Mücke oder der Zephyr darauf fliegt. Nicht mehr einzelne Schönheiten, sondern das dunkle und zusammenlaufende Gemisch von hohen Liedern über uns und von geätzten Vögeln und vom Wehen und Sumsen und von fernen Menschenstimmen und die ganze vielgestaltige tausendstimmige Natur dringt in einem großen Traum füllend in die Brust. –

Jetzt ist es gut, daß wir zufällig uns verirret haben nach – Hofeck. Es mildert die hohen Farben des Traums. Hier stell' ich ihr das Haus und die Leute vor, die wir so oft besuchen werden. Wir sehen auf einmal tausend schöne Nachmittage in ihren Knospen vor uns. Der Zuhörer wegen breit' ich vor Rosinetten eines und das andere Model- und Mustertuch aus, wornach etwan das künftige Haushalten zu zeichnen und zu sticken wäre.

Endlich setzen wir uns in den duftenden Garten heraus. Es wird dir gefallen, daß ich noch etwas in der Tasche habe, was recht ins kleine runde Eden passet, nämlich Rosinettens Stammbuch. Weibliche Stammbücher waren für mich von jeher ein Album im moralischen Sinn, ein Blumenblätterkatalog, eine Blumenlese zarter Wünsche und Träume, ein Ernteregister der Stundenzettel der jungfräulichen Jugend. Dieses Manuskript les' ich ernsthaft mit ihr und innig bewegt von den liebenden Wünschen und oft fast verzagend an dem, der sie erfüllen hilft. Unter den wenigen männlichen darin will mir keiner gefallen, den ausgenommen, den ich selber hineingeschrieben. Hier ist er; er wurde damals noch ohne Rücksichten und Hoffnungen gemacht, inzwischen dacht' ich doch (wie wir alle) dabei an Möglichkeiten:
 

»Die Fehler der weiblichen Seele kommen aus zu weicher Liebe, und ihre Flecken sind, gleich den Mondsflecken, Blumenauen; unsere Fehler kommen aus Egoismus und Härte und sind, gleich den Sonnenflecken, ausgebrannte oder entblößte Teile des Sonnenkörpers.

Eine Jungfrau wohnt in einem heiligen dunklen Hain, von welchem niemand einen Zweig abhaue und den nur die Jahrszeit lichtet; und im Haine hängt sogar über ihre Göttin wie über die Isis der Schleier nieder.

Unvergeßliche! So glücklich es Ihnen auch auf der beweglichen Erde gehe, so zufrieden Ihre stille Seele werde: so werd' ich doch immer sagen: sie hat mehr verdient!

– i –, d. 29. Mai 179-

Jean Paul Fr. Richter.«
 

Wenn ich diese unter so unsichtbaren Hoffnungen geborne Anrede im Garten wieder lese: so seh' ich bescheiden meine Hermine an und wiederhole die letzte Zeile, und so schonend und liebend sie auch aussehe, so sag' ich doch mit der letzten Zeile: »Du hast mehr verdient!«

Dann brechen wir auf. Das selige Herz ists zu sehr – jedes Gefühl trägt eine Krone – Die kleinsten Sternschnuppen des vergänglichen Lebens werden Sternbilder und rücken als ein Sonnen-Kreis dem Herzen näher – Der Mai geht vor uns her, nicht (wie nach dem Abbilde der Alten) als ein reitender Jüngling, der einen raubenden Falken trägt, sondern als einer voll zahmer Grasmücken und Nachtigallen. – Innig-selig wandern wir die alten betaueten Steige des heitern Nachmittags zurück, und uns ist, als sei es schon lange, daß er dagewesen. – Die Schatten häufen sich wie ausgebrannte Schlacken am langen Bergabhang unter dem grünenden Golde des Abends an. Wir kommen wieder an die kleine Quellen-Bucht, unsern heutigen Spiel- und Ruheplatz, er ist schon kühl beschattet, und nur rege Goldfalter glimmen noch auf den kurzen Uferblumen. Die wankende Welt von Gipfeln ruht aus und zeigt fest gen Himmel; und die niederhängende Sonne reift als eine goldne Frucht zwischen ihrem Laub; und wir drehen uns unaufhörlich um nach dem milden fallenden Glanz. »Ach Hermine,« sag' ich, »wie lieb und nahe wird einem Menschen die Erde und das Leben wieder, der lieben darf und der geliebt wird! – Wie befestigt der Gedanke das Herz, daß, wenn immer einst die kalte Zeit anrückt, die alle unsere Blüten abstreift und den langen Frühling in einen dünnen Traum verkehrt, daß wir durch sie nichts zu verlieren und zu fürchten haben, weil das Tempelfeuer im Herzen durch alle nasse windige Jahre fortbrennt, weil ja unsere Herzen einander nie verlassen, weil ja deine Hand in meiner bleibt!« – Und sie antwortet: »Ach die Liebe leidet bei jeder Hoffnung, sie will keine, sondern nur Gegenwart.« – –

Du gute Sonne gießest auf einmal wieder deinen Glanz daher, weil du zwischen den weiten Stämmen zerronnen auf den Bergblumen als ein großer goldner Tautropfe liegst – und nun werfen aus dem bestrahlten Bach die springenden Fische goldne Wellen empor – und an den Fenstern unserer Heimat leuchtet der verglimmende Abend – und über unserem Hause ruht bescheiden die bleiche Wolkenflocke, der Mond, und verschiebt den Glanz – – Meine arme, nur an einsame Wonne und an unerfüllte Träume gewöhnte Seele wird freudig über die nahe zweite Seele und über die Erfüllung erschrecken: »Ach Hermine,« werd' ich sagen, »wie selig bin ich! – Und bist du es nicht? – In diesem Himmel können wir immer besser und heiliger werden; und ich werde dich jeden Tag mehr lieben, je besser ich werde.« – Aber ihr nasses Auge wird mich ansehen, und ich errat' es wohl, daß sie meint: »Ja wir werden immer besser werden, aber können wir uns mehr lieben?« –

R.


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