Jean Paul
Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
Jean Paul

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Dreizehnte Kapitel

Du findest uns alle schon unter den Kirschbäumen – die biblischen Komödianten müssen warten – alle Pächter sitzen in den Gipfeln, und die Pächterinnen stehen auf den Wurzeln und halten die Schürzen auf, und man lacht viel.

Aber daran ist etwas schuld, was du gar noch nicht weißt. Indes wir nämlich nach dem Tischgebet am Fenster standen, rief auf einmal die Spezialin: »Um Gottes Willen, Herr Rat, schneuzen Sie nicht! was haben Sie da?« – Stiefel hatte bloß sein Hemde in der Hand. Der gute Prediger, der den Kopf voll Cypselus- und Mumien- und Lettern-Kasten hatte und darin keinen Wäschkasten mehr setzen konnte, hatte statt eines weißen Schnupftuchs ein nett zusammengeschlagenes Oberhemd eingesteckt. Unglücklicher- oder vielmehr glücklicher-weise – denn dieses mouchoir de Venus suspendierte den arsenikalischen Schwaden der satirischen Kartoffeln – schauete die Zeitmann zu, wie er etwas Weißes herauszog und auffaltete, wovon zwei Ärmel niederhingen und das ihm nicht recht in die Hand fallen wollte. »Ich könnte«, sagte er etwas rot, »noch auffallendere Exempel von gelehrter Zerstreuung aus meiner geringen Lektüre beibringen.« Inzwischen heitert dergleichen verstimmte Kränzchen sichtlich auf. –

Alles tobte und schluckte, die Spezialin auch mit, die mich jetzt floh, weil ich sie weniger suchte als Benignen, die anfangs mir auswich, weil in Kuhschnappel zwar schon ein bloßer Bücherschreiber ohne Amt – denn einer mit einem bleibt immer ein Rotkehlchen, das neben dem Dienste eines Sängers auch den des Fliegengiftes tut und Mücken fängt –, aber doch noch mehr eine Freundin dieses Schreibers gehasset wird. Ich gestehe dirs, der ganz in écorchéSo heißet die den Tänzerinnen angenähte fleischfarbige Kleidung und Nacktheit. gekleidete innere Mensch der Spezialin, deren Tochter wenigstens ein Paar demi-negligés mehr umschlägt, war gegen meinen Geschmack, der Weiber den Schnecken vergleicht, wovon die verschlossenen zärter zu genießen sind.

Benigna war über das tolle junge Paar niedergeschlagen. Und beim Henker, mit Recht! Wie selig hätten heute Vito und Marietta im Tanze, im Essen und unter den Bäumen in den Perlenbächen der Freude fischen und schnalzen können! Aber wir sind alle so: wenn wir Wasser haben, setzen wir, wie in die Seine, Netze zum Auffangen einiger Leichen ein, und erst wenn der Zirknitzer See wieder verlaufen ist und wir stranden und festsitzen, wollen wir plätschern und segeln und fischen! O welche Blütezeiten, welche nie umkehrende Frühlinge hat nicht jede klagende Seele schon versäumt!

Als Benigna mit dem außer sich gebrachten Veit einige vermutlich gesetzliche Worte gesprochen hatte: präsentiert' er der Spezialin und der Tochter sehr viel Steinobst. Weiber sind in der männlichen Uhr die Unruhe, welche die Bewegungen mäßigt. Benigna blieb allein auf einem Hügel; »er sei ihr immer lieb,« sagte sie, »weil sie in ihrem funfzehnten Jahre nach einer fast tödlichen Krankheit, worin sie ihr Vater (Antezessor des Spezials) von Gott erbeten, hier zum ersten Male wieder die untergehende Sonne in der Kirschenzeit gesehen, wiewohl sie kraftlos nicht wieder zu Fuße zurückgekonnt. Damals« (schloß sie) »kam mir die Welt ganz anders vor; warum hat mich Gott nicht in diesem Glauben weggenommen? Ich wäre vielem entgangen.« Ich versetzte: »Wenn immer die Eingebornen einer bessern Welt und die Opfer der hiesigen aus dieser laufen wollten: so blieben am Ende nur die Qualgeister der erstern auf ihr sitzen; und dann wär' es am besten, das Narrenschiff der Erde gar abzutakeln und zu entmasten.«

Dieses Trösten ging mir schwer von der Zunge; solche Herzensaugen wie ihre sieht und macht einer wie ich – der das Auge, zumal das weibliche, für kleinere Himmelskugeln hält und gern einen Augen-Harem hätte – lieber naß als trocken; besonders an einem schönen Wesen, dem das Geschick wie den meisten von uns, wie ein Kinderlehrer, nach den schön illuminierten Weltkarten zur Übung im Zurechtfinden bloße farbenlose, schwarz und weiße gegeben. Es arbeitet etwas Häßliches in uns Männern, was mit sanftem Rühren die weiblichen Schmerzen, um sie zu teilen, vorher gern mehren will; wir wischen die Tränen oft wie der Chirurgus das Blut der geöffneten Ader ab, bloß damit es stärker rinne. Viktor, dagegen laß uns wacker kämpfen! –

Vierzehntes Kapitel

Hier wird mir schon wieder meine selige Kalypsos-Insel unter den Füßen weggezogen. Ich prophezeiete oben, wie du weißt, nichts Gutes. Das Gewölke warf von Zeit zu Zeit bloß einige Platzkügelchen. »Noch hat es keine Not,« (rief ich der fruchttragenden Gesellschaft zu) »aber abends steh' ich für nichts, wenn der Mond aufgeht, welches um 6 Uhr sein muß.« –

Hedasch marschierte aber ungläubig nach Grems. »Aber, Herr,« rief der Sechser, »der Böse soll Ihnen das Licht halten, wenns nicht wahr ist.« – Statt der Samenperlen fuhren schon eingeschmolzene weiche Schloßen nieder. Ich wollte noch einige Trostworte auf die bewohnten Bäume werfen: als die Wolkenzisternen über uns umgestürzt – Tropfbad in Plongierbad verwandelt – die Pacht-Unität in Flußgötter und Wassernixen eingeteilt – und wir sämtlich damit überrascht wurden, daß wir nicht ersoffen. Eine wassersüchtige Wolke war angebohrt oder zersprungen. – Als wir uns unter den nachregnenden Blättern lieber badeten als unter dem nachregnenden Wolken-Abhub: ließ ich mir die verschiedenen Phrasen nicht entwischen, womit sich jeder half; die Spezialin sagte: Mariettchen! – und diese: Mutter, Mutter! – der Spezial: Gott sei uns gnädig! – Vito: Sapperment, Sandro! – Alessandro: peste! – der Sechser: ein verfluchter Windsack, der Bücherfex! – der Großweibel: pferdemäßige Teufels-Wirtschaft! – der Landschreiber: ach Herr jemine! – und ich: es ist gleich vorbei!

Und das geschah auch; aber die warme Sonne setzte ihre Stechstrahlen auf nasse Gewänder an den schreitenden Statuen, an denen nichts mehr trocken war als Einfälle wie dieser. Und so kam der noachitische Kongreß von Täuflingen im Lustsaale fortregnend an, voll katarrhalischer Ängsten und ohne Aussichten auf trockne Wäsche. Niemand hatte etwas anzuziehen als der Prediger sein Schnupftuch.

Solchen Täuflingen war eine Feuer-Taufe nach so nassen Überschlägen nötiger als alle Reichswohltaten: wer sprang uns bei als das

Funfzehnte Kapitel

Anfangs wollte nichts werden, wir standen mit unseren Saugadersystemen da und zogen wie Sonnen Wasser; ich meine uns Männer; denn die Weiber waren schon in einer Schäl-Mühle der Pächterin und ihrer Töchter, in deren Kleiderschrank man sich teilte und kleidete. Die männliche Gespannschaft aber war schwer aus dem Kleidermagazin des alten Pachters zu montieren, das an einem Nagel hing.

Glücklicherweise waren die biblischen Komödianten noch drunten, die auf Sonnenschein und Schnorhämeln gelauert hatten. »Wohlgeborne Herren,« sagt' ich, »können wir denn nicht, bis die Sachen trocken werden, uns einstweilen in die biblische Theatergarderobe stecken? Sollte sich jemand von uns schämen, ein weiser Salomon, ein gefallner Adam, ein Hiob oder ein Levit zu sein? Mit Vergnügen werd' ich meines Orts mich zu allem umkleiden, zum erschlagnen Abel oder, wenn sein Rock fehlt, zum Kain, der ihn totmacht.«

»Ein schnurriger Gedanke!« sagte der Sechser, »aber einmal haben wir den Karren in den Dreck geschoben; er muß wieder 'raus. Nur her! Ich ziehe den Teufel und seine Großmutter an, wenn er trocken ist.« – »Ein sehr bedenklicher Handel!« sagte der Spezial. »Man soll wohl seine Gesundheit nicht riskieren; aber Ärgernis ist in jedem Fall zu meiden: sind denn die Kleider so gewiß alt- und neutestamentliche, Herr Paul?« – »Und geben sie denn die Komödianten her?« sagte der Sechser. »Das ist wieder eine ganz verhenkerte Frage.« – »Sie müssen,« sagte der Großweibel, »man lasse mich das machen.« –

Denke dir den Jubel von uns jungen Leuten über die Scènes à tiroir oder Moralitäten, die uns der Zufall zu extemporieren gab. – Denn um kurz zu sein, der Kleiderkasten wurde vom Wagen in die Herrenstube hinaufgeschafft. Wir fanden darin jede Rolle, nämlich die Kleider derselben, zusammengeschnürt mit angestecktem Namenszettel. Gekrönte oder sonst ansehnliche dramatische Personagen lagen im Kasten oben. Zuerst was immer oben schwimmt, eine Schicht Könige. – Der Spezial nahm den König David und ging damit in die Anziehkammer – Poshardt griff zum Sohne, dem Salomon. – Der Großweibel zog den Hohenpriester wegen des Brustschildes in jedem Betracht den drei Königen aus Morgenland vor. – Diese waren nicht sonderlich brillant; da aber, wie in der Welt, wenigstens einer davon schwarz war und noch dazu einen Ordensstern auf dem Knopfloch hatte, so zog Vito mit Recht bei der jetzigen Welt-Land-Trauer der Mode den schwarzen vor und an. – Alessandro, der ebensogern zur Parodie Vitos und aus Mode sein eigner Schwarzbinder und Kammermohr sein wollte, biß in einen sauern Apfel und warf über seinen innern Unterzieh-Menschen den Ham, den Noah durch Verfluchen unter dem Zuhören schwarz gebeizt. – Stiefel ging, ohne nur nach dem Taufschein zu schauen, als Absalom davon. – Sehr gute oder leidliche Charaktere gingen durch anonyme Klubisten weg; denn du kannst dir denken, daß ich dir nicht habe jeden Narren präsentieren und mit meiner Spring- und Uhr-Feder in der Hand nicht ein so ineinander verschränktes Räderwerk unserer Konzert- und Kuckucksuhr umtreiben können. – Jetzt waren nur noch zwei männliche Charaktere im Kasten, Adam nach dem Fall und der Teufel. Ich maßte mir des erstern Exemplar an, es war ein nicht sonderlich illusorisches écorché von Leder, genau gesprochen ein Paar Überhosen, die bis an den Adams-Krüps langten, mit einem Paar Lederarmen, wie du täglich von weiblichen in Gestalt der Handschuh (eigentlich Arm-Schnürstiefel und Arm-Gurgeln) ziehen kannst. Der Teufel – der Feind, der im Gleichnis Unkraut säet – bestand, wenn man die Hörner nicht aufsetzte, in einem leidlichen Fantaisie-Balg, eigentlich ein zurechtgenähter, auswärts gekehrter Schafspelz, woran hinten des Kostüms wegen ein mit Draht aufgesteiftes Muff-Schwänzchen ungefähr wie ein Fuhrmannspfeifchen aufstand. –

Aber den Teufel mochte keiner – dem Landschreiber Börstel wurden viele Vorschläge, aber in den Wind getan – seine Hauptbesorgnis war, der Böse lasse nicht mit sich spaßen und komme, so an die Wand gemalt, persönlich vor das Bette, wenn man frevle – man bat ihn, das Pelz-Wams aufzuheben und das Heiligen- oder Schwanzbein anzufassen und zu observieren, wie abgescheuert schon alles vom Tragen sei und daß also der böse Feind den Träger schon längst geholet hätte, wäre dem Feind die Sache sonst unangenehm – alles verfing nichts, weil er sagte, dafür sei der Mann ein Komödiant und sei bloß in seinem Beruf. Er hingegen würde sich dergleichen nur als ein Frevler unterfangen – Kurz er war nicht ins gehörnte oder geschwänzte Wams zu bringen, bis der freigebige Alessandro sagte: sonst bringe der Teufel Geld, aber hier soll' ers holen; und bis mein Freund Stiefel versicherte, als Hospitalprediger, er nehme das Risiko auf sich. –

Der Korrespondent Fisch tropfte noch und hatte auf nichts zu fußen als auf jüdische Damen-Kleider, worein er aber nicht wollte: »Der Fuß,« sagt' er markziehend, »worauf man sich bei dergleichen setzt, bewerkstelligt stets eines und das andere, was zwar ein anderer in die Acht schlagen würde, worauf aber ich, dessen bin ich nicht hehl, höchlich Bedacht nehme.« – »Sapperment, Herr,« (sagte der weise Salomo, Poshardt, der schon fertig zurück war) »Sie werden unter uns nicht allein den Superklugen machen wollen; was heute ein gescheueter Mensch und kein Hans Dampf ist, der geht hinaus und kommt so blitznärrisch wieder herein wie ich« – »Aber hier«, sagt' ich plötzlich, »hab' ich einen hermaphroditischen Ausweg: das Leder hier« (es soll die gefallne Eva vorstellen) »kann jeder vernünftige Mann und jedes Geschlecht antun; es ist mehr ein Futteral als ein Habit.«

Und so ging die allgemeine Retour-Seelenwanderung vor sich; nur Hedasch blieb, wie er war, sein eignes Trockenseil; aber er war auch früher und trockner angelangt als jeder.


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