Jean Paul
Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
Jean Paul

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Sechster Brief. An Doktor Viktor

Visiten-Ouvertüre der Kuhschnappler – das Feuerwerk am Tag – Tanz-Hemmschuhe – Eifersucht – Kartoffeln – jetzige Höflichkeit der Literatur – der geistige Markzieher – Kuhschnappler Tischreden – Schauspieler – Schuldramen – Kirschernte – Wetter und Wetterprophezeiung – biblisches Personale – Ende vom Klaglied
Postskript: Schreiben an meinen Sohn Hans Paul über die Philosophie

K., d. 28. Jun.

Der Siebenschläfertag, das weiß ich, Freund, ging dir bisher – besonders am Siebenschläfer – so sehr im Kopfe herum wie uns allen; es gibt auch keinen tollern. Hier hast du ihn bis auf jede Franse und Zaser. – Ich will den Brief, wie einen paulinischen, in Kapitel zerspalten. Verfällt einmal ein Rezensent, der dich um ein Rezept oder ein Abendbrot oder ein testimonium paupertatis oder um Hübners Lexikon anspricht, von ungefähr auf diese Materie und greift mich an, weil ich aus Affektation statt Kapitel stets Manipel, Sektores etc. schreibe: so ziehe die Kapitel aus der Tasche und halte sie dem Kahlmäuser unter die Nase und sag' ihm ganz kurz: verdiente Männer muß man erst genauer kennen, bevor man sich an sie macht.

Erstes Kapitel

Bei früher Tagszeit setzten ich und der Hospitalprediger Stiefel uns in Marsch nach Grems, schon nett und mit Prunk-Krusten tapeziert. Zur Raffaelstapete hatt' ich einen feinen Rock von der Farbe an, die man Pfeffer und Salz nennt; Stiefel ging in einem holländischen schwarzen Rock, den er nur in den größten Städten anzieht. Denn da er ein wenig vorausging und ich sah, daß die Knöpfe in den Rockschoß-Falten noch in Papier eingeschlagen waren: so erfuhr ich unter dem Abwickeln, daß die Papilloten noch von seiner Lenette, die sie für eine Augsburger Reise herumgemacht, her wären. Solang' er also Witwer ist, zog er mit den eingewindelten Knöpfen herum. Ich steckte die Wickel, mit einem leisen Ach für die Schlafende, zu mir, und ich nahm mir vor, dir einen davon zu schenken.

Das Wetter war holdselig, der Himmel tiefblau und meine Prophezeiung wahr. Mein prophetischer Sorites war der gewesen: »Regnet es am Siebenschläfer, so regnets auch an Mariä Heimsuchung; ist das, so regnets notwendig wieder 40 Tage lang: was Wetter! wär' aber das?«

Unterwegs teilte mir der Schulrat etwas Wichtiges griechisch – weil uns unser Feuerwerker folgte – mit, wodurch dir die Sache natürlicher werden muß, daß der Spezial und der Sechser als zwei feindliche Mineurs nebeneinander die Erdbohrer drehen und in die Röhren horchen, um zu wissen, wo jeder grabe. Viele Herren aus dem Rate nämlich, denen nicht entgehen konnte, daß der Spezial im Priesterornat unmäßig schnupfe, fingen am Ende an, es zu überlegen. Es war leicht zu sehen – schon aus der Rats-Empor heraus –, was das Chorhemd von dieser Rolle einer Serviette – da Zeitmanns Dose gleichsam die leerlaufende Kanzeluhr war – für Profit haben könnte. Die vom Rat zur Tempelreinigung bestellte Wäscherin zerrieb in der Wanne das pium corpus und war selber verdrüßlich. Kurz einige dieser Katharer trugen dem Sechser, damals noch ein Friedenskamerad des Spezials, ausdrücklich auf, auf eine gute Art ihm die Leviten zu lesen und das Zerreißen des Vorhangs des Allerheiligsten zu widerraten. Poshardt fing es nicht fein genug, sondern mit zu läppischem Spaße an – der Superintendent schwoll auf über dieses Eingreifen des weltlichen Arms in den geistlichen, der die Dose hatte, und ließ sich nicht berichten – kurz er schnupft noch, gedenkts aber dem Sechser. –

Als wir ankamen in Grems, war der Sechser schon da.

Zweites Kapitel

»Serviteur, Ihr Herren! – Ich stehe schon seit 6 da und wettere mich ab über die verdammten Mistfinken; ich habe sie aber geschuriegelt!« sagte der Sechser und sprach von den Pächtersleuten. Denke dir ihn als einen abgekürzten Kegel – schieb ihn in ein feines, aber archäologisches Anzugs-Hulfter und setz ihm seine Zopfperücke auf, auf welche er eine zweite bessere tun sollte – und gib ihm eine lustige straffe Wangen-Fülle und ein gesetztes Auge, das sich aus den Gipsköpfen der größten Gelehrten nichts machen kann als eine Gipsdüngung und aus ihren Papiermaché-Büsten nichts als ein Futteral – denke dir ihn mehr als einen Verwasch- und Borsten- als Spitzpinsel, so hast du ihn mit einem Spitzpinsel gemalt. Leute wie der Sechser können mitten im Lachen abbrechen und einen ökonomischen Schnitzer neben ihnen fluchend abstrafen. Wie große Gelehrte am Brauttage, so arbeitete er an diesem Festtag fort.

Endlich zogen die Familien, in Sternschichten abgesondert, im Taue daher, voraus ein Bart-Sternenkegel von Männern, dann ein Siebengestirn von Weibern und zuletzt ein jungfräuliches Planetensystem, mit eleganten Trabanten durchschossen – der weibliche Teil, sogar die Krähen darunter, gleichsam ausgebälgte Pfauen, aber mit jedem Glied einen Pfauenschweif aufblätternd, hoch aufgeschürzt durch Aurorens Tränen dem Stiefel-Vortrabe gewaltig nachschreitend.

Wer wars? fragst du das dritte Kapitel.

Dieses Kapitel

Es war der Großweibel Schnorhämel mit Frau und Tochter und dem Bedienten, dem bekannten Landschreiber Börstel – der Statthalter von Habsburg Alessandro – Benigna und der junge Sechser Veit – der Korrespondent Fisch mit Frau und Tochter – der Forstmeister Hedasch – und die übrigen, deren Namen ich nicht behalten.

Viertes Kapitel

Gefahren aber kam bloß der Spezial mit der Zutat; daher die Gesellschaft ihre eignen stillen Gedanken darüber hatte – und ich hier mein Kapitel.

Fünftes Kapitel

Unlustigers gibts in ganz Kuhschnappel nichts als ihre ersten Visiten-Viertelstunden. Gleichsam als ständen sie sämtlich aus einem herrnhutischen Gottesacker, wohin alle Nationen Deputierte schicken, von Toten auf, wo jeder sich die Augen ausstäubt und sich des närrischen Nebenmanns gar nicht entsinnen kann: so stehen, in der Hänsel-Viertelstunde, die Kuhschnappeler blutfremde nebeneinander, ganz verwundert und perplex über die Nachbarschaft und gegen Gefahren geründet wie Igel und sich tot stellend wie Raupen. Zuweilen tut einer, wie Kirchenmusikanten unter dem Präludieren, zum Stimmen da einen Geigenstrich, dort einen Paukenschlag, hier einen Trommetenstoß; aber bevor sich die Weiber berauschen durch Reden, und die Männer durch Berauschen: bleiben sie alle den Peguanern gleich, welche ein neues Haus im ersten Monat dem Teufel geloben und leer lassen, um in den übrigen von allen seinen Teufeleien frei zu bleiben.

Heute brachten ohnehin alle Weiber außer dem gewöhnlichen horror naturalis noch einen eignen Vorwinter oder rheumativ-herumziehenden Groll mit, weil bei der allgemeinen Kochpromotion des Pickenicks jede sich durch ein tafelfähiges Gradualessen habilitieren wollte.

Wer nun irgendeine verdrüßliche Bemerkung in der Luftröhre hatte, gab sie, anstatt durch unmerkliche Perspiration, jetzt ganz und trocken von sich. »Wir kriegen heute«, sagte der Sechser, »noch ein derbes Bad, nach meinem Wetterglas zu schließen.« – »Und das gottlos!« (setzte der Forstmeister dazu) »es sauste der Wald.« Ich fragte, was sie wetten wollten – es bleibe hell – denn es sei der Siebenschläfer. »Ich wette Ihr Feuerwerk,« (sagte der Statthalter Alessandro ironisch, der sich fruchtlos suchend nach dem Gerüste umdrehte) »und zwar sollen Sie es im Zimmer geben, wenns regnet.« – »Da geb' ichs ohnehin, und zwar gleich«, sagt' ich.

Eh ich dich näher vor das Feuerwerk lasse: mußt du mit mir betrachten und bedauern, daß ich und Stiefel mit unserem Tanz-Frühstück gerade in die sauertöpfische Karenz- und Trauerschneppen-Viertelstunde fallen mußten.

Nun rief ich den Feuerwerker her und bat die Gesellschaft, uns in den Speisesaal zu folgen. Die Weiber (ausgenommen Benigna und die Spezialin) sträubten sich gegen die Feuersgefahr, da Funken auf die Kleider spritzen könnten; aber sie wurden durch einige Herren hinaufgebracht, die aus den Fenstern herunterschwuren, keine Stange von einem Gerüste, geschweige Schießpulver sei im Saal. Ich wurd' am Ende selber neugierig auf das Lustfeuer, ob ich es gleich schon zehnmal genossen hatte.

Wir traten hinein und um den Feuerwerker herum, der sich auf einen Sessel setzte. Die meisten der fernen Weiber nahmen es für gewiß, er schieße nun aus den Taschen mit feurigen Meteoren. Endlich fing er an und machte – welches in Paris, dem Stelldichein aller Vexier-Künstler, gewöhnlicher ist – mit dem Munde ungemein treffend ein Feuerwerk vor, nämlich den Knall davon – die Feuerräder, die Raketen, die Feuerkugeln, das kleine Gewehrfeuer bei dem Stürmen einer Festung, alles das stellte er uns so deutlich dar, daß man glaubte, die Sache wirklich zu hören; und wäre gar noch Feuer dabei und etwas zu sehen gewesen: ich wußte wenig darüber. Inzwischen wollte der Versammlung das trockne Knallwerk nicht sonderlich schmecken: sie hatte sich auf etwas Warmes und Scheinbares gespitzt und optischen Betrug gehofft statt akustischen. Die meisten ließen den prasselnden holzersparenden Feuerwerker sitzen – Poshardt brummte leise zum Großweibel: »Lauserei!« – und dieser versetzte politisch: »Es soll wohl Fopperei sein« und suchte etwas darhinter – und eben dadurch, daß man ihnen keinen roten Hahn aufs Haus setzte, setzte man ihnen den Hahn in den Kopf und ins Gesicht. Nur Hedasch war ein gescheuter vernünftiger Mann und griff dem Maulchristen ins Maul und fühlte darin umher, ob er die kalten Schläge mit etwas mache. – Die Weiber waren wie gewöhnlich voll Lustbarkeit, daß sie doch wieder eine Lustbarkeit in so kurzer Zeit – überstanden hatten; und ebenso muß man vom armen Landschreiber Börstel sagen, daß er sehr damit zufrieden war und vor Verwunderung nicht wußte, was er machen sollte.

Sechstes Kapitel

Dir wird freilich kein Spaß verdorben, sondern vielmehr einer gemacht, daß das Tannenharz der zähen Langweile über den Paradieses-Fluß, worin der Gremser Klub schwimmen wollte, allmählich eine Haut herzog und daß wir wie Essigaale (nach Göze), denen die Essighaut die Luft verspündet, immer mit den Leibern undulieren mußten, um Luftlöcher zu behalten. Allein was einem sogar selber gefället unter dem Beschreiben, gibt einem wenig Freude unter dem Erleben. Wenns so fortging oder gar der Regen dazukam: so hatte der Teufel sowohl zwischen die Liebe der Kinder als zwischen die Freundschaft der Eltern seine Teufelsmauer fertig hineingeschoben.

Das Frühstück gaben ich und Stiefel gut und reich genug, und der Tee, worauf wir am meisten kalkulieret hatten, ging nicht halb auf. Endlich ließen wir Musik anfangen – – aber, neues Elend! keine Ferse hob sich auf. Der vergaffte Veit wollte nur mit Marietten herumspringen und wagt' es doch neben den Kanker-Augen der Väter nicht – der spöttische Statthalter, der nicht so viele Haare auf seinem Polarkreise hat als ein Setzhase im Maul, sah aus Bosheit und aus Kälte gegen die nicht sehr spirituosen Mädchen unserem Ängstigen mit Fassung zu und ließ sich mit Hedaschen in ein weit aussehendes Gefecht über die Saujagd ein – und die andern jungen Herren waren Kuhschnappeler.... Ach davon wisset ihr in euern großen Städten nichts, aber wir Leute in kleinen (z. B. ich unter dem Schreiben deiner Historie), wir wissen ein Lied von den hysterischen Kugeln und Erstickungen zu singen, die eine dasitzende schöne Welt in der Luftröhre aussteht, wenn die herrlichste Tanzmusik losschlägt und die Tänzerinnen schußfertig und munter auf ihren Sesseln halten und keiner von den verdammten Narren zuerst an die Sache will, sondern jeder, wie eine Gewerkschaft bei dem Bau eines Galgens, den Leithammel erwartet – wenn die Musik und die Marter fortwächst und die besagten Spitzbuben sich wie Bienen, die es nicht zum Schwärmen bringen können, zusammenreihen und Hoffnung geben und doch fest verharren, wie Spatzen, die sich im Nachsommer draußen zum Zuge nach Wärme rottieren und doch keinen Fuß aus Europa setzen – wenn man weinen möchte und doch auch lachen über die garnierten Tänzerinnen, die freundlich, obwohl röter, und mit Seitenblicken miteinander diskutierend und schon trocken lackiert und glasiert herumsitzen – – O Freund, ich habe zwar hierin ausgelitten und ausgerungen; aber sonst fragt' ich: warum setzt die Natur ihre Blasenbandwürmer lieber unter Kranien von Schafen, entweder oben, wodurch das Schaf ein Dreher, oder seitwärts, wodurch es ein Seitwärtsspringer wird, als in diese Köpfe, wo solche Würmer an ihrem Platze und von Nutzen wären? Sollte die Polizei nicht einen Preis – so wie für den, der die erste Spritze zu Feuersnöten herbeifährt – für den aussetzen, der mit dem ersten Tanz aushilft? Freilich endlich werden sie durch den unter den Füßen brennenden Fußboden wie Kamele durch einen geheizten zum Tanz gebracht, der vielleicht lebhafter ist als der, den die Neger auf dem Verdeck eines Sklavenschiffes vor der Peitsche für ihre Gesundheit abtanzen. –

Komme nach Grems zurück! Ich und Stiefel standen, wie gesagt, da, ich mehr im heißen Strudel gebrüht als er – der Puls, der nach Marquet bei allen Menschen im Takte des Menuettes schlägt, geriet in meinem Ellenbogen in den eines Kotillons – ich zog die Uhr heraus, bloß um zu sehen, welchen Datum wir schrieben, wegen der Tageslänge der Zeit – ich stach mit meinem vielleicht einige Prätensionen machenden Pfeffer- und Salz-Rock nachteilig ab gegen meine Lage. – Sage gar nicht, ich hätte selber vortanzen sollen. Ich weiß, du und noch einige meiner Freunde schrien mich gern für so etwas von einem deutschen Vestris aus; allein glaube mir, jeder kennt sich, und ich hätte füglich in Paris das berühmte Ballet »Amor und Psyche« tausendmal mittanzen können, ohne wie die Tänzerin, die nachher nur die Psyche hieß, meinen Namen einzubüßen und als Amor zu rulieren.

Der Himmel weiß, womit der Sanskulotte Alessandro, kalt wie ein Fliegenschwamm, den Forstmeister auf den sogenannten Kuckuck leitete, den er bei sich hatte – genug Hedasch nahm den Wildruf aus der Tasche und machte ihm die verschiedenen Stimmen des Gewildes täuschend vor – an sich war die Darstellung schätzbar, nur litt die Tanzmusik bei den Ripienstimmen der Auerhahnen, der wilden Gänse, der Füchse und der Sauen – – als der ehrliche zerstreuete Mann, durch einen dissonen Kontrast seines Kuckucks geweckt, auf einmal rief: »Zum Henker, tanzt ihr junges Volk denn nicht?« – In derselben Minute hatte Veit einen treibenden Wink von seiner Mutter erhalten – der Statthalter, der dessen Wahl erriet, traf sie eilig selber, fassete Marietten, und so gings los. Inzwischen konnt' der Statthalter nie gegen ein Mädchen höflich sein ohne ein Zugemüse von Grobheit; er zog eine neue, von Forrer in Wien gekaufte Taschenuhr heraus, die sich selber aufzieht, wenn man mit ihr geht, und zwar bei jedem Schritte um ein Zähnchen, und sagte: »er mache so viele Pas, als sie Zähne habe; und er tanze bloß, um seine Uhr angenehmer aufzuziehen.« –


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