Jean Paul
Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
Jean Paul

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Dritte poetische Epistel

Mein Bräutigamsstand – heiliger Abend vor dem Hochzeitsfest

Leipz. Meßwoche 98.

Wie alles unter meinem Fenster auf- und niedertobt, und ich beschreibe dir die Ruhe und das Land! Ich bin überzeugt, dauerte eine Messe 53 Wochen: alle Leute würden so kalt und korsarisch, wie das 19. Säkulum ist, das (bei diesem ungeheuern Wachstum des Handels) nichts werden kann als eine Meßwoche und die Menschen Meßfremde und die Erde eine Judengasse voll Meßlogis. Bengel setzt das tausendjährige Reich ins neunzehnte Jahrhundert: wenigstens lässet die moralische Verschlimmerung, die darin wachsen muß, etwas dergleichen hoffen; denn den moralischen Sanitätsanstalten für Völker geht es wie den Gesundbrunnen, wovon die Ärzte bemerkten, daß sie anfangs, besonders wenn sie ungemeine Heilkräfte hatten, mehr Kranke als Gesunde lieferten. –

Das fahre hin! Eine Leipziger Messe wird doch immer das Gute behalten, daß nachts in ihr Savoyarden-Orgeln herumgehen, worauf ich mich heute den ganzen Tag schon freue.

In dieser Epistel hast du mich als wirklichen Gutsbesitzer von Spitz und als erklärten Liebhaber von Rosinetten anzusehen; meß aber nun die unsägliche Lust, den langen, mit springenden Quellen und Randblumen vergoldeten Fußsteig, den ich zwischen der Verlobten und dem Gütlein fast täglich hin und her zu machen habe! Denn die Stadt glaube nur nicht, daß ich sofort aus dem leichten Tanzschuh des Bräutigams in den Fußsack oder Steifstiefel des Ehemanns fahre. Ich will vom daphnischen Hain vorher die Blüten und Gänge genießen, eh' er angeplätzt, getrocknet und zum Ehebette zusammengeschnitten wird... Den Schwiegereltern muß es einleuchten, wenn ich ihnen vorhalte, daß es auf der Erde von Büchern zweite Auflagen gebe, aber von nichts weiter, besonders von keiner Lust- und Lebenszeit – daß jede Freundschaft, jede Freudenblume nur mit andern Nektarien, Farben, Düften wiederkomme, daß aber die Menschen leider nur das Gemeinschaftliche, nie das Eigentümliche an Freunden und Zeiten auszukosten suchen, daß der eine aus allen Blumen Rosensirup sieden wolle, indes der andere nur auf kochenden Veilchensirup in seinem Kessel aufsehe – und daß der Schwiegersohn meiner Schwiegereltern bessere Prinzipien habe. Ich meine das: wer gibt mir, wenns vorbei ist, auf der Erde das Repetitorium und ancora wieder, daß ich im Februar dort sitze im feurigen und fliegenden Schreiben neben der über den ganzen Himmel rot hinaufblühenden Dämmerung – und daß ich dann aufspringe bei der besten Stelle und nach der Stadt fortwill, wo ich in einem andern Sinn eine beste Stelle finde – und daß ich dann hinaustrete in lichte weiße Schneebeete, welche die rote Sonne, wie ein verwundeter Adonis, zu betropften Adonisblumen färbt – und daß die längere Hornungs-Dämmerung das Winterherz erleuchtet – und daß die innere Brauseerde sich gleichzeitig mit der äußern bläht – und daß die ersten Lerchen, deren melodischer Name schon im lateinischen Vokabelbuch (alauda) für mein Knabenohr ein Lerchengesang war, als die schnellsten Vorsänger dem mit tausend Blumen und Vögeln vollgepackten nachwatenden Frühling vorflattern? Ich sagte: welche Ewigkeit hat denn diese Zeit zweimal?

Gleichwohl ist das nur ein Anfang – denn nachher lang' ich an bei der Lieben, und o wie? An jedem Tag bei lichterer Zeit und mit dem Lerchen-Nachschlag und Frühlings-Vorschlag in der nachklingenden Brust – die Unendlichkeit des Wunsches, wornach jede Seele, wie nach der Sonne jede Erde, angezogen und stürzend dringt, wird nun weder verboten noch bewölkt – ich bring' ihr meine ganze Seele mit und verschweige keinen Traum – wir blättern miteinander die Monatskupfer unsers nahen Eden-Jahres auf, und tausend Anspielungen unterstützen uns in der Sache, sowohl die strohgelben Rosenblätter, die ich mit dem Schnupftuch aus der Tasche reiße, als ihre gestrickten Blumen, wovon ich jedesmal eine neue fertig finde als ein Zeichen und Epitaphium der Abwesenheit, und auch die Eisblumen des Fensters, in deren durchsichtigen Röhren der glühende Ichor der Abendsonne rinnt – diese schmelzenden Schnee-Blumen bezeichnen und betauen unsere nahe Rosenzeit – ich finde jeden Tag neue Reize, entweder neue Geheimnisse (z. B. was denn eigentlich die Gute für den mütterlichen Geburtstag nächtlich nähe), oder neue Bücher oder neue Arbeiten und sogar neue Stellungen, und wär's nur die niedliche, worin sie vor den kleinen Geschwistern putzend kniet – und wir (vom Reden war noch kaum die Rede) sprechen sogar; nur wird leider den begeisterten Kanarienvögeln durch Verhängen das Schmettern verboten, das um meines eine Decke gezogen hätte – und ich, ich weiß und brauche von den fünf Weltteilen und vom gelehrten Deutschland nichts weiter als ein Herz – – – o ich bitte jeden, soll ich eine solche Hesperidenzeit verkürzen lassen, die niemals umkehret? – Ich meines Orts wills der Zeit schon hoch anrechnen, ist sie nur einmal dagewesen.

Freilich, endlich geht sie auch fort; aber ich kann es so machen, daß es zu Pfingsten geschieht. Wahrhaftig wenn ich meinen Schwiegereltern zeige, daß ich Gründe habe und gleich der Natur in meinen Biographien die Rosenszenen immer in die Pfingsttage verlege – und daß wir ja alle daran das erste Abendmahl, diese Ambrosia der kindlichen Unsterblichkeit, empfangen – und daß dann die Birken von Spitz in der Kirche stehen und dämmern und duften: so sind meine Schwiegereltern gewiß die Leute nicht, die mich hindern, am dritten Pfingsttage mit Ring und Kranz an den Altar zu dringen.

Dieser Definitiv-Tag des Lebens soll gut gemalt aufgehangen werden in einer nächsten Epistel; in dieser setz' ich den Vigilientag vorher auf die Staffelei.

Die Welt wird stutzen und ihre Gedanken darüber haben, daß ich am zweiten Pfingsttage zu Hause bleibe. Ich tu' es aber nicht bloß, um auf morgen vorzukehren; sondern um aus dem Hause hinauszulaufen und auf den freien Bergen zu bleiben, bis die Sonne untergeht. Ein Tal wäre da für meine innern aufgemachten Seelenflügel ein knapper Sarg und Erdfall. Ach, Lieber, ich weiß wohl, wie mir dann sein wird. In jedem Frühling trägt unser Geist, wie der Winzer, frische Erde auf den ausgewaschenen Weinberg der künftigen Lese, und die ganze Unendlichkeit unserer Brust wird von dieser warmen brütenden Aprilsonne mit tausend Knospen von Planen, Reisen und Hoffnungen herausgelockt. Auf den Spitzer Höhen wird dieser aus unserem Busen wachsende Dornstrauch, der mit unserem innersten Blute seine Blüten tränkt und färbtDer Spanier Roccus Martinus aus Orca fiel sich einen Schlehenstrauch in die Brust; dieser wuchs darin und mußte jeden Frühling beschnitten werden. Papst Urban VIII. hatt' einen Zweig davon. Relationes curiosae p. 186., die Äste ausdehnen, aber ich werde sie kurz scheren. Wenn der reiche Frühling sich vor mir die Ebenen hinablagert und Wälder und Schmetterlinge und Blumen auf dem Schoße hält – und wenn es überall rauschet wie von einem herabkommenden unendlichen Leben – und wenn die Wasserwerke und Getriebe der Schöpfung wie in einem Bergwerk donnernd auf- und niedersteigen – und wenn das weite wogende Leben sich nach Jugend und Ferne und nach Süden drängt, wie die Polarmeere nach dem heißen Erdgürtel: so führen die Wogen wieder das Menschenherz mit sich fort, und es will in die Ferne und in die Zukunft, und ich blicke schmachtend nach den fernen dunkeln Bergen gleichsam wie nach den Jahren, die in der Zukunft ruhen – – – – aber dann ruft plötzlich etwas mir zu: erwache, nimm Abschied von der Zukunft und liebe die Gegenwart!

Ich werde erwachen und mutig scheiden – weil ich weiß, daß wir alle die Zukunft in dem Leben betöret für die Zukunft nach dem Leben halten –: aber dann wird ihre ältere blasse Milchschwester, die Vergangenheit, näher an mich treten und fast mehr lächeln und weinen als sonst und sagen: ich bleibe bei dir. – – Ich werde auf meine Brust niedergehen, und jene bleiche PaulinaDer Gemahlin des Seneka blieb vom Verluste des Blutes, das sie mit ihrem sterbenden Mann vergoß, eine blasse Gestalt. wird langsam alles darin vorüberführen, was im Leben unvergänglich ist, jede große Stunde, die ewig nachglüht, und jede schöne Seele, die nie vergessen wird, und vielleicht einige Schmerzen, und ich werde ihnen nachsehen und nachrufen: ich bin noch wie sonst. – Nein, ihr Freundinnen, nicht als wenn wir uns verlieren und verlassen, sondern weil auf der Äolsharfe der Erinnerung vor dem wehenden Abend alle Saiten reden und zittern, werd' ich wie scheidend und geschieden in die Ferne sehen, und die Berge werden vor dem Nebel der feuchten Augen träumerisch wanken: »O nur recht wohl geh' es euch allen,« werd' ich sagen müssen, »nur recht selig mög' ich euch jedesmal wiederfinden und so ziehet dahin wie ich, und keine gute Stunde werde je von uns vergessen!«

An dich denk' ich auch, Otto, aber es ist, als bekäm' ich dich dann mehr, als hielt' ich mit dir meine Vergangenheit und Jugend näher und fester..... Wie jetzt das Tönen der Gassenorgel mein Herz ergreift, gleichsam mit einer lauten Vergangenheit und Zukunft! – Aber ich fahre fort unter den weichen Nachklängen. –

Dann geht die Sonne wie ein Frühling blühend unter, und die Lerchen schweben rot über ihr und singen herab – der Abendwind stürmt in ihre weiche Glut aus Duft und kann den Rosenhauch nicht verrücken und verwehen – der ruhige Himmel tritt mit seinen stillen Gestalten über die bewegte Erde – die Nachtschmetterlinge saugen, wie die Menschen aus eingeschlafnen Freudenblumen der Vergangenheit, aus den geschlossenen Blumen den Honig herauf – mir ist, als flatterte weiches Getöne um mich oder Echos umzögen den Horizont – und mit einer höhern Liebe gegen alle Herzen des Allgütigen beschließe ich den unschuldigen Tag, und ich sehe nach der Stadt mit der Brust voll süßer Tränen, sehnsüchtig nach meiner Hermina, um sie an der ihrigen zu vergießen. Gute Nacht! –


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