Jean Paul
Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf
Jean Paul

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Dritter Brief. An Doktor Viktor

Straßenbettler und Straßen – meine neuen Bekanntschaften – Hut-Orden – heutige Achtung für das Alter – Gemeinwesen von Kuhschnappel – nähere Berichte vorn Gremser Pickenick
Postskript: Bittschrift an die deutsche Hut-Union

K., d. 24. Jun.

Du mußt, Lieber, nun meinen Brief aus Überlingen haben. Jetzt bin ich schon in Kuhschnappel; und kenne da so viele Leute, daß ich einige Wochen bleiben kann.

Entsetzlicher Schmutz, der einen fürstlichen Straßendamm verschlingt wie Sand den Rhein, gibt mir immer die Hoffnung, daß ich einer Reichsstadt oder einem Reichsvorstädtchen wie Kuhschnappel zufahre; ein elender Weg, ich meine das, was darauf liegt, ist die beste Lösung und Fährte der freien Reichs-Peterlein; das zweite Kennzeichen ist auch eines, daß nämlich zur freien Reichsstadt nicht wie zu jüdischen Freistädten die Wege leicht und gerade laufen, sondern wie zu Lusthäusern schön gebogen.

Paullini, der eine Teleologie des Kotes schrieb, handelte nicht gut, daß er nicht zu den Kuhschnapplern zog, die der Schwalbe gleichen, welche den Sommerschlaf in trocknem verbringt, und den Winterschlaf in feuchtem. – Aber hätt' ich auch meinen Durchgang durch das rote oder schwarze Meer im Schlafe gemacht: so hätte mir doch ein dritter Reichsanzeiger einer Reichsstadt aus ihm und dem Traume geholfen, das Bettelvolk.

Du kannst es nicht zählen, weil es, ungleich dem jüdischen, eben unter der Zählung wächst. Ich debütierte in einer Benefizkomödie für Arme mit der Forcerolle und gab und gab. Meiners muß von der Schweiz aus hier durchgegangen sein, weil er bemerkt, daß nirgends mehr Gelder liegen als in Despotien – und folglich in Freistaaten und gar Freistätlein kein anderer Heller, als den Bettler kriegen. Wahrhaftig, wie eine Bilderbibel die Bibel für Arme und Plinius die Bibliothek für Arme heißet: so ist eine solche Stadt die Judengasse für Arme.

Es begegnete mir schon in andern biographischen Städten und so in dieser, daß ich in der Ferne noch auf den Schachfeldern ihrer Dächer die poetische Illumination leuchten sah, die nachher, wenn ich durchs Tor bin, Lampe nach Lampe erlischt. Ich stieg im Gasthof zur Eidechse ab, weil Siebenkäs, wie du aus dem letzten Kapitel meiner Blumenstücke weißt, hier die letzten Schmerzen oder den Nachwinter seiner Vergangenheit gefunden hat. Ich ging sogleich zum Schulrat Stiefel, an dessen Fenster (die Schulwohnung ist dem Gasthofe gegenüber) ich schon eine Stunde lang eine Amazone mit einem dreieckigen Hute unbeweglich stehen und gucken sah. Ich fand ihn feurig in seinem Redaktorat des Götterbotens deutscher Programme sitzend und taub und blind gegen die drückende Einsamkeit seiner Wohnung. Die Amazone war bloß sein Hut, den er auf den Haubenkopf Lenettens abgelegt. Er warf mir bald einen Schnitzer in meinen Palingenesien vor: »er sei zwar«, sagt' er, »noch Rektor, aber jetzt auch Hospitalprediger dazu – was ich gefälligst in einer neuen Auflage korrigieren möchte. Von solchen historischen Unrichtigkeiten wimmelten überhaupt die Blumenstücke, so daß man sie mehr für ein Werk der Phantasie als des historischen Fleißes halten sollte; und er habe einmal in den literarischen Anzeiger einen kleinen Anzeiger davon inserieren wollen.« Überhaupt wird er jetzt kühner und greift aus. Autoren, die lange Rezensenten gewesen, hängt immer etwas Entscheidendes und Grobes an; und ob sie gleich als die Absonderungswerkzeuge des gelehrten Körpers nur das Verdorbene einsaugen und ausführen sollen, so erstarken sie doch am Ende so, daß sie sich auch ans Gute machen. Wenn du Hühner (es ist derselbe Fall) mit Eierschalen fütterst, die du zu groß gelassen, so lernen sie daran zuletzt nach vollen Eiern hacken.

Er erbot sich, mich mit den Gelehrten von Kuhschnappel bekannt zu machen, und wollte auf den Abend diese Landsmannschaft zu sich invitieren. Nun will ich lieber ein Irrenhaus beschauen – ich blättere da viel weiter in der menschlichen Natur – als ein gelehrtes Kuhschnappel. In Fächern, wo der Autor den Menschen ins Spiel zieht (z. B. in der Philosophie, Dichtkunst, Malerei; und da nur im Falle der Genialität), klopf' ich gern beim Menschen an; aber in andern, die mit dem Autor ohne den Menschen auskommen (z. B. in der Sprach-, Rechts-, Meß- und Altertumskunde), da jag' ich nur dem Autor nach, d. h. dem Buch.

Allerdings kann man einen Gelehrten aufsuchen – wie ich wirklich den Spezial Zeitmann –, aber dazu muß er eine Tochter haben, die man sehen will; bei einem ehelosen ist nichts zu machen. »Ist Zeitmann glücklich in der Ehe?« fragt' ich. – »Nach Wunsch.« – »Studieren Söhne von ihm in Tübingen oder sonst?« – »Er hat gar keine.« – »Also ohne Kinder? der arme Mann!« – »Eine einzige Tochter.« – »Geht sie schon in Ihre Schule?« – »Sie ist schon heraus und majorenn, sie ist die Sappho von Kuhschnappel.« – »Das ist wenig und gleichgültig; aber haften Sie mir dafür, daß ich am Superintendenten einen Mann antreffe, mit dem ein wissenschaftlicher Diskurs zu haben ist? Sonst bleib' ich lieber in der Eidechse.« Stiefel haftete mir dafür.

Ehe wir gingen, mußt' er mir seine Wirtschaft und (zu seiner Verwunderung) Lenettens abgepackten Nachflor zeigen, sogar ihren Kleiderschrank (für mich ein Universitätsgebäude). Wir sind beide einig, daß ein Schleier, ein Shawl, besonders ein Alltagskleid eine liebe Person, wenn sie lebt, reizender, und wenn sie schläft, trauriger und heißer in unsere Seele male als ein ganzes Briefgewölbe von ihrer Hand und ein Bildersaal von ihrem Gesicht.

Aber nun wollt' ich nicht aufhören. Ich weiß nicht, was der Hospitalprediger wird gedacht haben, daß er mit mir überall hinlaufen mußte, durch alle wie englische Alleen krummgepflanzten Gassen – in alle Ölgärten, wo unser Siebenkäs in seinem Stande der Erniedrigung die Geburtsschmerzen seiner tröstenden Zukunft erduldet und verbissen hat. Aber da ich alles besah, sein enges Stübchen beim Friseur Merbitzer – das engere Schlafkämmerchen, worein nicht zwei Kanarien-Heckkasten zu stellen wären – und von weiten den grünenden Rabenstein und des Heimlichers Haus – und in der Nähe seinen Grabstein auf seiner letzten, aber zum Glück noch leeren Diogenes-Tonne des Lebens und den bunten Betthimmel auf der letzten Bettlade, worin die müde Lenette mit geschlossenen Augen liegt, die nicht mehr wie sonst am künftigen Morgen zum Weinen aufgehen: da drückte die Wirklichkeit mit der Inkuben-Tatze hart und tief auf meine Brust herein; die Dornen der Leiden, die in der spielenden Dichtkunst weich und biegsam grünen, werden in der reifenden Gegenwart stechend, starr und schwarz. Ebenso stellen die von der Poesie der Erinnerung beschienenen Jugendörter wieder die Schrecklarven der verschmerzten Wirklichkeit vor das physische Auge. Aber ich leid' es nicht lange; die Dichtkunst macht mir bald wieder ihre dunkle Kammer auf, worin (wie in der optischen) die zerbrochene halbbedeckte Sonne sich zur ganzen hellen Scheibe ründet.

Wir gingen spät zu Stiefels Vorgesetzten und Priester Johannes, zum Spezial. Lauere nicht auf ellenlange Schilderungen! Kurz der Mann war erstarkt, weniger durch Speisen als Jahre, und sein innerer Mensch kam mit einer angewachsenen Krone auf die Welt, worauf er noch eine konsekrierte setzte; er war physisch und moralisch und geistig ein wenig aufgeblasen. Aber ich und du vergeben leicht den Stolz, besonders einem armen Schelm; und das ist der Spezial. Wie die Gemeinden, bloß um sich das Almosen zu ersparen, gewöhnlich den Ärmsten im Dorf zum Hirten erlesen, ebenso erkiesen sie auch den Seelenhirten. Der Lutheraner kann diesen Kirchen-Sparlampen kaum Öl genug, entziehen, um seine Unterscheidungslehre im Gegensatz der fetten Mönche recht ins Licht zu setzen, die im Tempel das Öl nicht als Docht, sondern als Eulen saufen; wenn nicht gar der Lutheraner den Katholiken durch die Befolgung eines von diesem nur aufgestellten und nie erfüllten Statuts beschämen will, daß ein Geistlicher nichts haben soll.

Zeitmann ging mit der Zeit fort bis zu Rabeners Zeit; aber bis zu mir ging nur Frau und Kind. Beide kamen in sein Museum. Die herausplatzende Mutter ist ein gutmeinendes Wesen, aber ihre Herzenstüre ist lahm und geht nicht – zu. Die Tochter Marietta ist für eine Kuhschnapplerin zu kühn, spricht mit scharfem Akzent und feurig und schnell, aber edel und stark. Ich las einen Bogen Verse von ihr, sann aber unter dem Lesen bloß auf eine Milderung des Urteils. Sie oder überhaupt ein weibliches Herz lebt poetischer, als es schreibt; Weiber sind mehr dazu geboren, Kunstwerke zu sein als Künstler. An Mädchen, diesen Menschen-Rosen, seh' ich Gedichte oft für Schlafäpfel an, die an ihnen wie an Rosen nur durch eingespündete fremde Eier ausschwellen; Rosenblätter sind immer lieblicher als Rosenäpfel. Die Mädchen trinken Wasser und tunken darein, ihr Phöbus zieht Wasser und verbleibt im Wassermann. Allein in der Ehe entweicht diese holde Liebhaberei, wie die Sonnenblume nur in der Jugend sich nach Phöbus dreht. Ach nie ist eine Schriftstellerin nur halb so glücklich wie ein Schriftsteller, z. B. ich! Gleichwohl lasse sie immerhin in der Ehe die übrigen Bände drucken; eine häusliche Hausfrau macht sich, so weit sie kann, alles selber, den Kopfputz, den Anzug, das Garn und folglich auch die – Makulatur; und dabei erteilt sie noch dem Papiere, wie Töpfer den Schüsseln, durch poetische Blumen und Verse einen ästhetischen Wert für Liebhaber außer dem häuslichen. –

Aber was will ich? Marietta ist gut; und damit gut! – Inzwischen gingen wir fort, und am andern Tage kamen 12 Lazari, die den Armeneid vor mir als dem Almosenierer prästierten; – und ich gab ihnen recht. Ich hatte vorher die Armenbüchse – die du in jedem deutschen Wirtshause mit ihrem ermahnenden Rezepte detur ad pyxidem antriffst – besehen und es bedacht, daß vielleicht unter tausend Passagieren kein einziger einen Dreier in diese Bettel-Stimmritze schiebe; und fand also das persönliche Terminieren der Interessenten vernünftig, weil sie Fürsten gleichen, die in gewissen Städten ihre Steuern nur erheben, wenn sie in Person erscheinen.

Aber was sagst du, als man mich um 10 Uhr selber zu den Terministen schlug? – Der Großweibel schickte den bekannten Landschreiber Börstel zu mir und ließ mir sagen, wenn ich einige Wochen hier zu bleiben gedächte, so müßt' ich zwei Bürgen und einen Revers stellen, daß ich dem Hospital zum heiligen Judas, das fremde Siechlinge verpflegt, nicht zur Last fallen wollte, falls ich erkrankte. Ich schrieb darüber an den Hospitalprediger. Erst nachmittags kam er zu mir mit der Nachricht, er und ein junger Kaufmannssohn, der mich in Leipzig gesehen und gelesen, hätten sich miteinander für mich zu Pfändern eingesetzt. Der reiche Vater des letztern, Poshardt, wollt' es anfangs nicht zugeben: »Man weiß nicht, wer seine Hühner und seine Gänse sind«, sagt' er; aber die Mutter überredete den Mann und glich, wie mehr Weiber, den Sternen, die nicht nötigen, aber lenken. (Astra inclinant, neu necessitant.)

Der junge Veit (so heißer mein zweiter Bürge) ließ mich durch Stiefel zu seinem Klub abholen. Ich kannt' ihn in Leipzig als einen gutmütigen geschickten Menschen, der seinem Handlungshaus die ganze italienische Korrespondenz besorgte; nur hat er den Fehler, daß er ein Narr ist – in kleinen Punkten; so schmolz er z. B. den trivialen Veitsnamen in Voit oder Vito um.


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