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2. Kapitel.
Vor dem Sturme her

Die Schatten der Bäume wurden länger und bleicher, aus dem wassergetränkten Boden stiegen Dünste auf und wanderten in grauen Schwaden durch das trübkalte Dämmerlicht. In schwerlastenden Nebelwolken versanken die kurzen Sonnenstunden des Urwaldes. Rauschend fuhr der Wind durch die grauumwallten Baumkronen und sprühte kalte Tropfenschauer herab.

Aus dem moosbedeckten Wurzelgewirr einer alten Konifere erhob sich frierend und durchnäßt der Askari. Nachdem sein rasender Hunger gestillt war, hatte ihn die Müdigkeit trotz allen Widerstandes überwältigt und er war eingeschlafen. Er schüttelte sich, wischte sein Gewehr trocken und sah sich verwundert um. Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, ob dies düstre Licht nicht schon den Anbruch der Nacht bedeutete. Der Nacht – der letzten vor Neumond! – Was war doch mit der Neumondnacht?

Unsicher tastete sein schlaftrunkener Sinn herum, was Traum oder was Wirklichkeit war von den Geschehnissen der letzten Stunden. Da war Meli, der Dschaggakönig gewesen und hatte Worte gesprochen, die für alle deutschen Askari und Offiziere am Kilima Ndscharo den Tod bedeuteten. Und der, an den diese Worte gerichtet waren, war Ibrahim, sein alter arabischer Freund, mit dem er einst vor langer Zeit und viele viele Tagereisen weit von hier im Kongowald zusammengekommen und weitergezogen war zum Albert-See. Da oben, in der Berg-Wildnis, an den Eistoren des Geisterlandes, hatte er ihn gestern Nacht wiedergesehen, und der Araber hatte nicht gewußt, daß der, der da vor den Kriegern Melis in die Nacht hineinrannte, sein Schützling war von einstmals. Diesmal hatte ihm der Alte nicht helfen können, er hatte allein laufen und kämpfen müssen mit Melis Wadschagga und seinem wilden Hunger. Aber der letzte Dschagga, jener, der ihn vom Breitopf vertrieben hatte, der hatte ihm sein eigenes Fleisch zur Nahrung geben müssen, als er sterben wollte vor Hunger! Menschenfleisch – zum ersten Mal wieder seit langer Zeit – das war kein Traum!

Der einsame Grübler im Wald fühlte an seinen Bauch, und ein grimmiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war Recht so; ohne Nahrung hätte er nicht weiter gekonnt. Und er mußte weiter, die Nacht kam, die letzte vor Neumond! Der Gedanke jagte ihn auf und ließ ihn die letzte Müdigkeit vergessen.

Er brach durch das Unterholz und betrat wieder die Elefantenstraße. Eine dunkle Masse lag, halb im Nebel verhüllt, auf einem Haufen Astwerk mitten im Wege. Mit einem kurzen Seitenblick bog der Askari ab, zögerte – drehte sich wieder um und ging darauf zu. Er hob den verstümmelten Körper, der kalt und steif wie Holz in seinen Armen lag, vom Boden auf, ließ ihn in die Grube gleiten und scharrte Laub und Zweige darauf.

Vorsichtig auftretend nahm er dann die Richtung nach dem Mwulebaum wieder auf. Schon nach wenigen Schritten hob er die Nase, die Luft roch nach Rauch! Bald belehrte ihn ein Feuerschein, der rot durch den Nebel glühte, daß seine Gefangenen befreit worden waren und wieder auf der Lauer lagen. So tauchte er unter die Bäume und arbeitete sich mühselig durch das nasse graue Gewirr des Waldes vorwärts, bis er weiter unterhalb den Pfad wieder erreichte.

Flüchtigen Fußes eilte er auf dem schlüpfrigen Wege, der hier stärker ausgetreten war, bergab und legte eine lange Strecke ungehindert zurück. Die Nebelwolken verdichteten sich, das Tageslicht ging zu Ende, immer unsichtiger wurde der Weg. Er konnte nicht mehr verhindern, daß er an Ranken und Zweige streifte, einmal über eine Wurzel oder einen Stein stolperte. Bei jedem Geräusch, das er machte, biß er sich ärgerlich auf die Lippen, stockte und lauschte um sich. Doch alles blieb totenstill, es war, als wäre die ganze Welt in Nebeln versunken. Baumstämme, die hier und da aus dem grauen Dunste traten, bekamen ein unheimliches Leben, wurden zu gespensternden Toten, die flehend krumme Arme hoben, und ihre Flechtengehänge schlotterten um sie wie vermorschte Kleiderfetzen.

Eine Lichtung öffnete sich jetzt vor ihm. Dicke Dampfwolken, wie von unterirdischen Feuern erzeugt, wirbelten darüber. Zögernd trat er hinaus, nur zwei drei Schritte – da wuchsen ein paar Gestalten vor ihm auf, stürzten sich brüllend auf ihn, aus dem Nebel antworteten andere Schreie. Ein Speerstoß zerschlitzte ihm Jacke und Gewehrriemen, ein anderer prallte an der Feldflasche ab und riß ihm das Fleisch an der Hüfte auf, einem schräg herabsausenden Schwerthieb konnte er nur durch blitzschnelles Hinwerfen entgehen.

Ungreifbar wie eine Schlange, schnellte er am Boden hin und her, riß sein Messer heraus und hackte in rascher Wendung nach einem Körper, der sich auf ihn geworfen hatte.

In wirrem Getümmel prallten über ihm seine Angreifer gegeneinander, einige fielen auf ihn. Er wand und bäumte sich, trat mit seinen schweren Schuhen aus und kam endlich wieder auf die Füße. Einem anspringenden Gegner durchschlug sein schweres Messer den zum Speerstoß erhobenen Arm, er glitt rückwärts, und in rascher Folge sprühten knallend zwei drei Schüsse in den auseinanderstiebenden Haufen. Ein höhnisch trillernder Schrei brach aus seinem keuchenden Munde, und mit langen Sätzen sauste er in den Wald zurück.

Er lief nicht weit, in einer Bodenmulde warf er sich nieder und lauschte zurück. Lärm und Rufe kamen von der Lichtung. Verfolgende brachen rechts und links von ihm durch den Wald. Unbeweglich wie ein Stück Holz blieb er liegen, bis alles ruhig war.

Leise stand er nun auf und befühlte die blutverklebte Schmarre an seiner Hüfte, sie war lang, aber nicht tief und hatte den Knochen nicht verletzt. Dann knotete er den zerschnittenen Gewehrriemen zusammen und mit dem sorgfältig gereinigten blanken Schwertmesser in der Hand schlich er wieder auf die Lichtung hinaus.

Diesmal vermied er die freie Fläche; dem Waldrand folgend, pürschte er sich vorwärts. Einmal war es ihm, als hörte er Stimmen und sähe einen schwachen Feuerschein, da bog er noch tiefer unter die Bäume.

Am Ende der Blöße erreichte er wieder seine alte Straße und trabte sie unbeirrbar talabwärts. Manchmal nahm er eine Prise, warf das Gewehr auf die andre Schulter und wenn ihm eine Einzelheit seines siegreichen Kampfes in die Erinnerung kam, stieß er ein rauhes, kurzes »Hä« aus. Lange Zeit ging alles gut; an einer Gabelung des Weges entschloß er sich nach kurzem Nachdenken für den Linken, wollte ihn eben betreten, da stockte er – sein Ohr hatte das ganz schwache Klirren von kupfernen Armbändern im Schattendunkel eines Baumes vernommen. Auch an diesem Wege saß wieder eine Wache, ganz Dschaggaland lauerte auf ihn!

Geräuschlos zog er sich in den Wald zurück, und wieder begann ein langsames mühevolles Kriechen durch Dunkelheit und tausend Hindernisse. Er fand den Weg nicht wieder; mehrere Stunden kostete es ihn noch, durch ein endloses Dorngewirr, das ihm Haut und Kleider zu Fetzen riß, zu kommen. Endlich, endlich lichtete es sich über ihm, ein frischer, trockner Hauch wehte über seine erhitzte Stirn – er hatte die untere Grenze des Urwaldes erreicht und vor ihm lag die offene Buschlandschaft. Aber erst unter dieser kam der gefährlichste Teil seines Weges, die Bananenhaine mit den Dörfern der Wadschagga!

Nach kurzer Rast erhob er sich schwerfällig und nahm seinen Weg, der kein Ende nehmen wollte, wieder auf. Gerade als das erste Morgenlicht seine silbergrauen Schleier über das Buschland warf, hatte er einen neuen Zusammenstoß mit einem Trupp von Kriegern, die bergaufwärts gingen. Er sah, daß es zu viele waren um den Kampf aufzunehmen, so wandte er sich sofort zur Flucht. Sie hatten ihn gesehen und jagten ihn, wie ein Rudel Löwen die Giraffe. In stundenlanger wilder Hetze ging es über Busch- und Waldflächen, durch Täler und Schluchten. Er bot alle Schnelligkeit auf, wandte alle Listen an, schlug Haken und versteckte sich, aber immer wieder stöberten sie ihn auf und hetzten ihn weiter.

Er fühlte, daß seine Kräfte zu Ende gingen. Mit weit offenem japsenden Munde und brechenden Knien keuchte er eine Anhöhe hinan, aus einem Streifen hohen Busches hinter ihm drangen dumpf die Rufe seiner Verfolger. Rote Funken sprühten vor seinem in Dunkelheit versinkenden Blick, in seinen Ohren rauschte es wie stürzendes Wasser, er stolperte, fiel, raffte sich wieder auf und sprang in ungelenken Sprüngen weiter – da stand er vor einem Abgrund.

Ein feuchter, eisigkalter Luftstrom wirbelte herauf und riß sein schwindendes Bewußtsein nochmals in die Wirklichkeit zurück. Taumelnd hielt er sich an einem Bäumchen fest, holte stöhnend Atem. Einen einzigen Blick warf er hinab und hinüber, einen anderen zurück – noch war kein Dschagga zu sehen. Da nahm er das Gewehr in die Hand, trat ein paar Schritte zurück und, den Kopf gesenkt, rannte er an zum verzweifelten Sprung. Hochauf schnellte sein hagerer Körper, einen Herzschlag lang schwebte er über dem donnernden Schlunde, dann berührten seine Füße das Geröll der anderen Seite, sie glitten scharrend ab, stürzend schon faßte seine Rechte die im Luftstrom schwingenden Zweige eines Busches, in jähem Ruck fuhren die Ruten nach unten – doch sie hielten aus. Sein Körper pendelte über der Tiefe, seine Zähne faßten den Gewehrriemen, die Linke den Stamm des rettenden Busches, und mit letzter gewaltiger Anstrengung zog er sich hinauf.

Es war das Aeußerste, was sein Körper hergegeben hatte. Er machte noch einige taumelnde Schritte, dann fiel er dicht neben einem stark begangenen Wege ins Gras und rührte sich nicht mehr.

Stunden vergingen, die Sonne stand hoch am Himmel, Hitze brütete über dem stillen Buschland. In halber Bewußtlosigkeit lag der Gehetzte reglos am Wege.

Da drang ein Geräusch von gehenden Menschen wie aus weiter, weiter Ferne kommend an sein Ohr. Er zuckte zusammen, stöhnte leise und hob langsam den Kopf. Mit zusammengebissenen Zähnen legte er sein Messer griffbereit vor sich hin, nahm das Gewehr an die Backe und erwartete so den letzten Kampf. Tritte näherten sich, blinzelnd spähten seine müden Augen durch die Halme.

Doch auf einmal öffneten sie sich in ungläubigem Staunen, sahen starr gerade aus und erglänzten dann in heller Freude. Er stand auf und trat mitten auf den Weg.

Der Mann, der den Ankommenden vorausschritt, war ein Araber. Jetzt stutzte er und kniff die Augen zusammen. Zweifelnd glitt sein Blick über das eingefallene, schmutzige, von Rissen und Schrammen blutrünstige Gesicht vor ihm, dann hob er in erkennendem maßlosen Erstaunen die Arme hoch und blieb stehen.

»Hatako, der Mjema! –«

Der Askari trat an ihn heran, ergriff seine mageren gelben Hände und preßte sie sich aufs Herz.

»Ibrahim, mein Vater!« sagte er mit leiser tiefer Stimme.

»Hatako, der Mjema!« wiederholte der Araber und schüttelte den Kopf. Langsam ließ er die Arme sinken.

»Wer lange lebt, sieht viel« setzte er still hinzu.

Dann legte er dem Askari beide Hände auf die Schultern.

»Wo kommst Du her, mein Pantherjunges?« fragte er; eine verhaltene seltene Zärtlichkeit sprach aus seinen harten Augen.

»Mein Vater, einmal schon hast Du mich gerettet, damals vor den Zwergen im Kongowald. – Rette mich wieder! Auf allen Wegen dieses Landes lauern und laufen die Krieger Melis, um mich zu fangen!« sagte Hatako hastig.

»Dich? – Warum? – – Ja, Salam! Jetzt verstehe ich – Du bist der Mann, der da oben in der Schlucht lauschte?«

Der Askari nickte. Nachdenklich wühlte sich der Araber im Kinnbart.

»Es ist der Wille des Allbarmherzigen, daß ich Dir Helfer sei auf Deinen Wegen. – Höre! Ziehe schnell Deine Sachen aus, verbirg sie und Dein Gewehr in jener Matte und nimm eine Last auf den Kopf – wie in alten Zeiten. In einem meiner Träger sucht niemand den Askari, den alle Krieger Melis nicht fangen konnten.«

Eilig und wortlos riß sich der Askari die zerfetzte Uniform vom Leibe und rollte sie, zusammen mit Gewehr und Seitengewehr, Feldflasche und Tarbusch (Kopfbedeckung), Schuhen und Gamaschen in die Matte. Ein Ruck löste dann auch das an seiner Hüftwunde festgebackene Hemd, sie brach auf dabei, ein schmaler Blutlauf rann ihm am Schenkel herab.

»Was ist das? Laß sehen,« fragte der Händler.

»Nichts, ein schlechter Speerstich, der meinem Bauch gegolten hatte.«

Seine Lippen waren bei der Antwort ein wenig verzogen. Die schlanken Finger des Arabers betasteten die entzündeten Wundränder.

»Es ist noch nichts, aber es wird etwas werden, wenn die Wunde nicht gereinigt wird! Dort unten ist es verborgener als hier, dort werde ich Dir Daua (Medizin) und einen Verband darauf machen. – Ich sehe, daß Du schwach und müde bist, vielleicht auch hungrig; kannst Du noch gehen bis dahin?«

Der Askari richtete sich straff auf, die Leute des Händlers waren herangekommen, standen mit verwundert offenen Mäulern im Kreise herum. Mit einem harten Klang in der Stimme sagte er:

»Solange ich stehen kann, kann ich auch gehen!«

Er schlang sich das Hemd als Lendentuch um, nahm wortlos einem der Träger ein Bambusstöckchen und zwei lebende Hühner aus der Hand, band sie auf die Matte, nahm die auf den Kopf und erhob sofort einen gröhlenden Träger-Marschgesang. Mit dem Stöckchen schlug er dazu den Takt an seine Last, und sein Gesicht hatte auf einmal einen unbeschreiblich harmlosen und einfältigen Ausdruck angenommen.

Ein breites Grinsen auf den Gesichtern der Träger löste ihr Staunen über diese unbegreiflichen Geschehnisse ab, auch der Araber sah mit einem leisen Lächeln seinem verwandelten Schützlinge nach.

An einem Bache, der rauschend über Fels- und Steintrümmer durch ein enges kühles Waldtal strömte, machten sie Halt. Der Händler nahm Leinen und Salbe aus einem gelben Blechkoffer, es war noch derselbe, den Hatako einst getragen hatte. – Er wusch die Wunde, legte die Salbe auf und klebte den Verband mit Baumharz fest. Dabei erzählte er, daß er heute früh, nachdem die eingetauschten Gewehre angekommen waren, Melis Gehöft verlassen hatte und jetzt auf dem Wege nach seinem Lager war.

»Wo ist Dein Lager?« fragte Hatako. Der Händler zeigte nach Norden.

»Dort unten in der Ebene am Himofluß.«

»In der Ebene – das ist gut! Laß mich Deine Safari bis an den Fuß des Berges begleiten, mein Vater! Die Augen von Melis Leuten sind auf den Gipfel des Berges gerichtet und spähen nach dem Askari, der von da herabkommen soll. Einen Schenzi (Buschneger), der mit einer Last von der Steppe heraufkommt, werden sie nicht beachten. – Was meinst Du, mein Vater?«

Die Stimme Hatakos klang matt und gepreßt, er hatte sich so schwer auf den Bambus gestützt, daß sich das Rohr krumm bog. Ein Zittern lief über seine nackten Beine, langsam ließ er sich nieder und lehnte den Rücken an einen Baum, auf seiner vorn übergeneigten Stirn standen große Schweißtropfen.

Ueber das hagere Gesicht des Arabers glitt ein Ausdruck des Erschreckens, er rief dem Träger-Vormann etwas zu und holte hastig zwei Hände voll Datteln aus einem Strohkorb.

»Nimm erst dieses, bis das Essen fertig ist!« forderte er Hatako auf und kauerte sich vor ihm nieder.

»Dein Plan ist gut und klug, aber dann hast Du noch einen weiten Weg vor Dir. Zuvor mußt Du essen und Dich ausschlafen, beides ist Dir sehr nötig. Als Du Dich auszogst vorhin, erschrak ich. Deine Weichen sind abgetrieben wie die eines Pferdes, das zu Schanden geritten wurde! – Iß von den Datteln, Hatako!«

Die in qualvoller Müdigkeit zwinkernden Augen des Askari öffneten sich und sahen ihn an, und der Widerschein einer Wärme, die sein wildes, einsames Herz noch selten berührt hatte, glänzte darin auf. Mit einer ganz leichten hastigen Bewegung streifte seine Hand die des Arabers. Langsam schob er die erste Dattel in den Mund, die anderen nahm er schneller und immer schneller, schlang sie ungekaut hinab. Dann streckte er die Beine, die steif und fühllos lagen, als wären sie garnicht mehr mit dem Körper verbunden, noch bequemer aus und schloß die Augen. Schlafen – ja schlafen – in den Schlaf hinabsinken wie auf den Grund eines tiefen, tiefen Wassers – den ganzen Tag schlafen und die Nacht hindurch – die kühle, stille Nacht, in der die Sterne scheinen und der Mond. – –

Nein! Kein Mond! Neumond!

Jäh hob er den Kopf, in den aufgerissenen Augen spiegelte ein Schreck, seine Finger krampften sich um das Handgelenk des Arabers.

»Ich muß ein wenig schlafen, aber versprich mir eins, mein Freund und Vater: Wecke mich, sobald das Essen fertig ist! In einer Stunde, nicht wahr? Heute abend bei Sonnenuntergang muß ich in der Boma von Moschi sein! – Du versprichst es mir?

Der Händler legte die Hand auf die Brust und neigte den Kopf.

»Ja, ich verspreche es Dir, schlaf ruhig! Ich weiß, warum Du in der Boma sein mußt, ehe diese Nacht anbricht. »Wenn Dein Freund in Not ist, so sattle das schnellste Deiner Pferde und schone es nicht« sagt der Koran. Schlaf ruhig, Du! Dein Herz hat Allah früher erkannt als Dein Sinn.«

Der Askari hatte die letzten Worte nicht mehr gehört, schnell wie der Schlachtentod hatte ihn der Schlaf in die Arme genommen.

Die Hand im Bart verwühlt, betrachtete ihn der Alte stumm und lange. Sacht schob er ihm das Ende der Matte unter den Kopf und erhob sich. Er befahl den Trägern, leise zu sein und sich dem Schläfer nicht zu nähern. Der Koch, der mit runden Backen das Feuer blies, erhielt den Auftrag, Samli (zerlassene Eingeborenenbutter) in das Essen zu tun und die Leber der Ziege zu braten, die Meli als mageres Gastgeschenk gegeben hatte.

Als alles fertig war, trug der Araber selbst das Essen zu Hatako hin. Ein einzelner Sonnenstrahl, der durch das Dunkel der Bäume brach, zielte wie ein goldner Speer auf seine ruhig atmende Brust, um seinen Kopf kreiste in gaukelndem rastlosen Flug ein großer blauer Schmetterling. Die Stirne war tief gefurcht und beide Hände geballt, als ob sie einen letzten Gedanken festhalten und über die Wasser des Schlafes mitnehmen wollten.

Der Alte stellte den dampfenden Topf zu seinen Füßen nieder und, die dunklen Augen auf den Schläfer gerichtet, versank er wieder in langes Sinnen.

»Ich weiß nicht, was mein Herz zu Dir zieht, Du freund- und heimatloser Wilder, den ich in den fernen Ländern des Westens fand – und warum ich Dich hier wieder treffen mußte in den Ländern des Ostens. – Bei Gott allein ist alles Wissen«, flüsterte er, hingegeben dieser seltenen Stunde voll innerer Rast und Besinnlichkeit.

Kühl und etwas müde schon von langen heißen Wegen übersahen seine Augen die tausendfältig verschlungenen Fäden seines buntbewegten Lebens. – Still war es ringsum, in unendlicher Folge glitten die sonnenblitzenden Wellen des Baches vorüber und unter das dunkelgrüne Gewölbe der Bäume; das Raunen des Wassers und das Rauschen des Windes klangen zusammen im uralten Lied.

Der kreisende Falter über dem Schläfer erhob sich über die Bäume und verlor sich im Sonnenglanz. Der Topf vor den Füssen des Träumenden dampfte nicht mehr, eine gefältelte Kruste hatte sich auf dem Maisbrei gebildet; der Blick des alten Mannes fiel darauf und kehrte aus vergangener Zeit in die Gegenwart zurück.

Er schrak auf und rüttelte seinen Gast an der Schulter.

»Na, Nini?« grunzte der, richtete sich hoch, gähnend, blinzelnd, erhob sich taumelnd, vom Schlaf wie mit Stricken umschnürt und sah sich verständnislos um.

In langem dumpfen Ringen zwang er die Müdigkeit nieder, den Körper in seine Gewalt und den Geist in Gegenwart und Umgebung zurück. Schweiß und Schmutz und geronnenes Blut bedeckten sein Gesicht mit einer steifen Maske und verklebten ihm die schlafschweren Augenlider. Er stolperte zum Wasser und tauchte den Kopf hinein. Die kühle, kräftig nach Erde und Laub riechende Flut spülte die Augen klar, durchdrang ihn mit Frische und Spannkraft.

Mit freundlich auffordernder Gebärde winkte der Händler nach dem Topfe. Hatako warf einen hellen, dankbaren Blick in das bärtige Gesicht.

»Nimm teil, mein Vater!«

Der Araber nickte, raffte seinen Kaftan zusammen, und beide kauerten nieder. Die tiefbraune und die hellgelbe Hand fuhren abwechselnd in den Brei, formten Knödel und führten sie zum Munde. Hatako faßte ein Fleischstück, riß es mitten durch und bot dem Gastgeber die Hälfte.

»Nimm Du es ganz, Du bist jung und hungriger als ich und brauchst noch viel Kraft heute, um dem zu entgehen, von dem dies Fleisch stammt. Es ist von der Ziege, die mir Meli als Wegzehrung schenkte.«

Die Hand des Askari hielt vor dem Munde inne.

»Meli, dieser Skorpion, der sich zwischen die Steine des Berges verkriecht? Der mich durch seine Meute jagen ließ, wie einen Riedbock! – Doch haizuru (macht nichts), Fleisch ist Kraft!«

Seine Raubtierzähne packten das Stück, beim langsamen Kauen stemmte er die Faust an die Schläfe, seine Augen blinkten wie aus finsterem Schacht herauf.

»Aber – noch besser als die seiner Ziege sollte mir Melis eigene Leber schmecken! – In der Neumondnacht – vielleicht –«

Seine Stimme klang tief und dumpf aus der Brust heraus wie das ferne drohende Grollen eines Löwen.

In jähem Zorn und Abscheu zuckte der Arm des Arabers vors Gesicht. Er aß nicht mehr, doch während er die Hände sorgfältig mit Gras abwischte, fand er seine gelassene Ruhe wieder. Aufrecht, mit gekreuzten Armen, doch mit Güte in der Stimme, fragte er:

»Ich weiß nichts vom Leben Deiner letzten Jahre, Hatako, und wir werden wenig Zeit haben zum Erzählen bis zum Abschied. Doch eins sage mir: Bist Du noch immer nur der wilde Mjema aus dem Kongowald oder ein Askari – vielleicht auch ein Moslem?«

Hatakos Stirn furchte sich, vergrub sich in der aufgestützten Hand; lange schwieg er. Langsam, abgerissen, mehr wie Antwort auf eigene Frage murmelte er:

»Ich weiß nicht – in mir ist eine Reißwunde – sie will nicht heilen. – – Es ist so, mein Vater: Oft denke ich, ich bin kein Mjema mehr und kann lernen, die Gebote jenes unbegreiflich großen Allahs zu befolgen. Ich höre sie immer zahllos wie Regentropfen aus dem Munde der alten Sudanesen fallen, die in unsrer Kompanie sind, – – aber, wenn mein Magen nach Nahrung schreit, oder mein Blut nach Rache, dann – – nun, laß mich, frage nicht mehr!« Er stand auf, mit finsterem Gesicht wandte er sich zu seiner Last und schnürte sie.

Der Araber sah mit festgeschlossenen Lippen auf ihn herab, dann streifte er in schneller Bewegung eine dünne Kette, an der eine Kapsel hing, vom Halse und hielt sie Hatako hin.

»Nimm das und trage es als Andenken an einen Freund und als eine scharfe Waffe und festen Schild. Es ist aus Mekka, ein Papier ist drin, auf dem steht die heiligste Sure des Buches, das uns der Prophet gegeben hat, gepriesen sei sein Name!«

Zögernd griff Hatako zu, unschlüssig hielt er das Geschenk in der Hand. Er wand die Kette um die gespannte Faust, seine Augen waren zu Boden gerichtet, mehrmals öffnete er den Mund, um etwas zu sagen. Schließlich schlang er sich das Amulett stumm und hastig um den Hals und hob seine Last auf den Kopf.

»Gehen wir jetzt?« fragte er mit rauher Stimme, den Blick ins Tal hinab gerichtet.

»Ja sogleich, ich weiß, Dein heutiger Weg ist weit und voll Gefahren. – – – Mehr noch wird es der Deines Lebens sein – –«, sagte der Alte mit einem feinen und leis traurigen Lächeln auf den Lippen.

»Haya (Vorwärts)!« rief er den Trägern zu.

Sie nahmen die Lasten hoch, ihre Augen hingen an dem vorausschreitenden Fremdling, dem ihr Herr, der harte stolze Araber, soviel Ehre antat. In halblauten Wechselreden tauschten sie ihre Meinungen, wer er sei und was er vorhabe. Schweigend ging er voraus, auch dem rüstigsten und neugierigsten der Träger gelang es nicht, seinen Vorsprung so zu verkürzen, daß ein Gespräch mit ihm anzufangen war.

Der Pfad verließ das Waldtal und wand sich über busch- und grasbedeckte Kuppen abwärts. Er wurde ausgetretener, gabelte und kreuzte sich immer häufiger mit anderen. Das Geläut von weidenden Ziegenherden scholl über die Matten, Hirten begegneten der Safari, Holzschläger mit Aexten, schlanke braune Frauen mit Feldhacken, Körben oder tuchverhüllten Säuglingen auf Kopf und Rücken und nackte, großäugige Kinder, auf deren braunsamtner Haut weiße Perlenketten anmutig schimmerten, huschten leichtfüßig über die lehmbraunen Wege.

Wie ein lichtgrüner See, über dessen Spiegel goldne Sonnenfunken sprühten, breiteten sich die ersten Bananenhaine in einer Talmulde aus. Kleine Staudämme, Schleusen und Brückchen sperrten und überquerten den Bach, der neben dem Wege rann. Unzählige, kleine Gräben, kaum einen Fuß in Breite, zweigten wie ein Aderngeflecht von ihm ab. In hundertfältig gekreuztem krausen Gewirr führten sie Wasser nach jedem Fleckchen der Pflanzungen. Die Haine lagen unter ihrem Blätterdach in gedämpftem, wie durch grünes Glas gefiltertem Licht. In braun-rotem Lackglanz hoben sich ihre Stämme aus dem grünen Dämmern. Die breiten Blätter wiegten sanft im Bergwind, in leisem Spiel zerschliß er ihr unendlich zartes Gewebe zu feinen, seidenweich flatternden Bändern. Wütendes Jaulen von ganzen Scharen struppig magerer Köter, dumpfes Brüllen von Rindern, Hahnenrufe und Kinderjauchzen drang aus den Tiefen der Haine.

Zu sehen war nichts von den Dörfern, in grünem Dunkel versunken, verschanzt hinter hohen Dornwällen, Pfahlverhauen und Fallgruben, duckten sie sich noch immer unter der Angst vor den Räuber- und Mörderscharen der Masai, die früher, ehe die Weißen ins Land kamen, wie eine nie weichende Gewitterwolke über dem Leben dieser Ackerbauer gehangen hatten.

Rasch zog die Safari dahin, der stetig abwärtsführende Weg machte die Füße leicht. Hatako, der immer noch vorausging, gab den Schritt an, er nahm sich keine Minute Zeit, einmal zu verschnaufen. Ab und zu spähte er durch die schattenden Bananenblätter nach der Sonne, die heute so unheimlich schnell ihren Bogen durchlief.

Ein einziges Mal blieb er stehen und sah einem Trupp junger Männer nach, die auf einem wenig begangenen Pfade still und eilig die Straße kreuzten.

Alle trugen längliche, mit Bananenblättern umhüllte Bündel auf den Köpfen, Fellbekleidung statt der baumwollenen Werktagslumpen, Schwerter, die in Lederscheiden verborgen waren, statt der Feldhacken, und allen hingen Kürbisflaschen, die sie hier im wasserreichen Bananenlande nicht nötig hatten, über die ölglänzenden Rücken.

Die Augen des Askari folgten den Gestalten, bis sie hinter einer Wegbiegung verschwanden; mit kurzem Kopfnicken preßte er die Lippen aufeinander und setzte sich noch eiliger wieder in Gang.

Bananenhaine, immer neue endlos gestreckte Bananenhaine überspannten den Pfad mit grünschattenden Bogen, und immer schräger glühten die Sonnenpfeile hindurch! Nur noch zwei Stunden Tageslicht und fast sechs Stunden Weg bis zur Boma! Und die Beine so schwach, die Füße so wund vom endlosen Laufen dieser zwei Tage, der Kopf so schwer von lastender Müdigkeit! –

Da versickerte das letzte Gerinnsel des Baches, der so lange den Weg begleitet hatte, in feuchtschwarzem Erdreich, und mit dem nährenden Wasser waren nur hundert Schritt weiter die letzten Bananen verschwunden. Eine Bergflanke, mit Busch und einzelnen hohen Bäumen bestanden, lief in langer gerader Schräge in die dunstverhüllte Ebene hinab, finsterer Hochwald füllte den Taleinschnitt, von der anderen Talseite schimmerte es weiß aus dunklem Grün herab – die Mauern der Boma von Moschi!

Hatako sah starr hinüber, seine Augen schienen diese weißen Wände heranziehen zu wollen. So nahe erschien das Ziel, kaum eine Wegstunde weit, und doch wußte er so gut, daß es fünf noch waren.

Still und friedvoll lag die Station an die Brust des Berges gedrückt, umflutet von den grünen Wogen der Bananenhaine, und nur er und sein alter Freund wußten, daß in diesen grünen Wogen Verrat und Tod lauerten, bereit zum Ansprung, wenn die Nacht gekommen war. Er mußte vorher noch hinkommen, mußte! – –

Seine Halssehnen strafften sich, das Kinn schob sich vor, mit weitausgreifenden Schritten strebte er weiter.

Ein paar haushohe Felsblöcke erhoben sich wie Warttürme nahe am Wege, eine Gruppe von Männern stand droben, scharf zeichneten sich die Umrisse ihrer Gestalten, die feinen Striche ihrer langen Speere vom weißleuchtenden Himmel ab.

Die Safari kam heran, einer der Männer, eine hohe schlanke Gestalt von wunderschönem Ebenmaß der Glieder, bog sich mit lachendem Gesicht über den Rand des Felsens herab.

»Heh, Du! Dir hat wohl letzte Nacht eine Leopardin das Gesicht gestreichelt und zuletzt aus Liebe noch ein Ohr abgebissen?«

Seine Kameraden lachten schallend auf, auch die herangekommenen Träger freuten sich, daß dieser bevorzugte Fremdling hier verhöhnt wurde.

Aber in jäh auflodernder Heftigkeit fuhr der Araber unter sie, seine knöchernen Fäuste teilten Püffe, die sandalenbekleideten Füße Tritte aus, ein Hagel von Schimpfworten prasselte auf ihre Wollköpfe herab.

Verdutzt und hastig liefen sie weiter; nur Hatako war stehen geblieben, sein Mund hatte sich zu einem unsäglich blöden Grinsen verzogen.

Lachend sah der Dschagga auf ihn herab, aber den Blick sah er nicht, der unter den halbgeschlossenen Lidern hervor über sein Gesicht funkelte und es unverwischbar fest in die Erinnerung aufnahm.

Immer noch grinsend ging Hatako langsam weiter, da rief ihm der Dschagga nach: »Eh Du, habt Ihr nicht einen Askari, der vom Berg herabkam, auf Eurem Wege gesehen?«

»Ja, er ging eben hier vorüber!« antwortete Hatako mit kaltem Hohn im Blick.

»Hier vorüber?! Dummkopf!« lachte der Dschagga auf und warf mit Holzstücken nach dem Weitergehenden. Doch einer seiner Kameraden legte ihm die Hand auf den Arm:

»Laß ihn, er ist ein Maskini ya mungu (›Armer Gottes‹, Schwachsinniger).«

Der Araber stand auf dem Wege und wartete auf den herankommenden Hatako.

»Wer, sagtest Du zu ihm, wäre eben vorübergegangen?«

»Der Askari, nach dem er mich fragte«, antwortete Hatako, seine Oberlippe zuckte in Hohn und Verachtung.

Der Alte fuhr sich mit der Hand in den Bart und lachte still in sich hinein.

»Sie haben die Krallen in der spielenden Pranke nicht gesehen. Aber es war gut so, denn der Einsatz in diesem Spiel war Dein Leben. – Ich befürchtete schon eine solche Frage und die Antwort, die diese Dummköpfe hier vielleicht gegeben hätten. Deswegen trieb ich sie gleich weiter.«

»Ja, ich verstand es wohl, hab Dank, mein Vater. Und sieh – –«, er stockte und sah geradeaus im Suchen nach Worten – »das Gute, was Du mir gesagt und getan hast, – es ist nicht verloren. – Es ist mit mir wohl so, wie mit dem jungen Leoparden, den sie auf dem Hofe der Boma halten: Lange Zeit hat es gedauert, bis sich seine Wildheit legte, aber ab und zu zerreißt er jetzt noch einen Hund, der ihm zu nahe kommt. – Dies wollte ich Dir noch sagen, ehe wir Kwaheri sagen zueinander. Denn dort vorn, wo der Bambus steht, will ich abbiegen vom Wege und quer durch dieses Tal gehen, um rascher heimzukommen. –

Sag, hat Dir Meli noch etwas gesagt, wann und wie er seinen Plan ausführen will, Vater?«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Nein, Hatako. Als er die Flinten von mir kaufte, wußte ich nicht, was er damit tun wollte. Die Worte, die ihm da oben der Haß auspreßte, waren die ersten und die letzten, die ich von ihm darüber hörte. – Nun geh, mein Sohn, Allah geleite Dich!«

Sie standen auf einem moosbewachsenen Stein und hielten sich stumm an den Händen. An den schlankaufstrebenden Gerten der Bambus zitterten die grünen Federbüsche im Abendwind. Die Sonne war nahe am Untergehen, Ströme von warmgetöntem Licht brachen hinter den gewaltigen Massen des Berges vor, die Rücken und Grate lagen in goldnem Glanze, in die Täler sanken bläuliche Schatten.

Wie bei ihrem letzten Abschied am Albert Nyanza drückte Hatako die gelbe magere Hand seines alten Freundes an die Brust.

»Denk gut an mich!« murmelte er hastig, dann sprang er den Hang hinab.

An den ersten hohen Bäumen sah er sich noch einmal um, droben stand sein alter einziger Freund und sah ihm nach.

»Kwaheri, Kwaheri, Baba!« rief der Askari hinauf, grüßend winkte ihm der Alte zu. Dann wandte er sich um und schritt seiner Safari nach.

Hatako kannte einen Weg hier unten, er war ihn manchmal gegangen, wenn er einen Offizier seiner Kompanie auf Jagd begleitete. Dämmerung sank aus den dunkelbelaubten Riesenkronen herab, wob zwischen Lianen- und Luftwurzelgerank und schattete im wildwuchernden Unterholz.

Wie ein Jagdhund auf verlorener Spur lief der Askari mit tiefgesenktem Kopfe einige Male kreuz und quer; an wenigen kaum sichtbaren Merkmalen erkannte er schließlich die richtige Stelle und drang in die Waldwildnis ein. So rasch es der verwachsene Pfad zuließ, eilte er vorwärts.

In feierlicher Abendstille lag der Wald, nur selten wurde ein Laut hörbar; die Tagestiere gingen zur Ruhe, und die Tiere der Nacht waren noch nicht erwacht. Das leise Knistern des dürren Laubes unter seinen eilenden Füßen und das Rauschen von Ranken und Gezweig, das von seinem Mattenbündel gestreift wurde, klang laut in dieser Stille. An den seltenen Stellen, wo das Laubdach einen Spalt frei ließ, warf er einen besorgt forschenden Blick hinauf; wie ein tiefviolettfarbenes Seidentuch strahlte der Himmel über dem Tale. Der Läufer im Waldesdunkel wußte, daß diese Tönung bald in Gold und Purpur und dann in die Samtschwärze der Nacht übergehen würde, und zwang die weglahmen Beine zu noch schnellerer Bewegung.

Ein leises Geraune sickerte durch die Stille, wurde allmählig zu Plätschern und Glucksen; zwischen Bambus und wilden Bananen hüpfte ein Bach zu Tal. Hatako trat ins Wasser, ließ den kühlenden Strom über seine wunden Füße laufen, schüttelte die Schweißtropfen von der Stirn und trank hastig ein paar Schlucke aus der hohlen Hand.

Aufatmend stand er einen Augenblick, da begann ein seltsames leis anschwellendes Summen in der gewaltigen Wölbung eines silbergrau belaubten Riesenbaumes. Still lauschend hob er den Kopf. In so feierlicher Traurigkeit wie das Lied der Missionsväter, das er einst gehört hatte, als sie einen der Ihrigen begruben, schwebten die Töne eines vielstimmigen Gesanges durch den dämmernden Wald. In tiefem leisem Gesumm, wie er begonnen hatte, verklang der Chor.

Der Lauschende machte eine Bewegung, sogleich erhob sich ein Rauschen und Gleiten in den Laubmassen und ließ ihn die Sänger des Urwaldes erkennen – große schwarze Affen, denen bei ihren mächtigen Sprüngen lange schneeweiße Haarbüschel wie seidene Fahnen von Schwanz und Schultern nachwehten.

Wie von unsichtbarer Hand berührt und festgehalten stand der Askari und starrte der Erscheinung nach. Waren diese schwermütigen Sänger wirkliche Affen? Oder vielleicht Menschen, die das Eisland der Geister betreten hatten und von ihnen verzaubert worden waren? – Wer konnte es wissen? –

Klingend fiel der Schrei eines weißen Adlers aus der Abendglut des Himmels herab. Der einsame Träumer schreckte auf, stob spritzend durch das Wasser und hastete weiter durch den dunkler und dunkler werdenden Wald.

Ungeduldig spähte er durch die Finsternis, endlich schimmerte es hellgrau zwischen den Stämmen auf, der Wald war zu Ende. Als er ins Freie trat, blitzten die ersten Sterne auf.

Starkhalmiges Gras bedeckte den Abhang, den er mit langen Schritten hinanstieg. Als die Böschung weniger steil wurde, fiel er in Laufschritt. Die hohen Halme peitschten sein Gesicht, dann und wann entfuhr ihm ein kurzer Schmerzenslaut, wenn seine blutrünstigen Zehen an einen Stein stießen. Bald rann ihm der Schweiß in Strömen an dem übermüdeten Körper herab, sein Atem ging in kurzen keuchenden Stößen, Schenkel und Waden wurden steif und schwer, als ob Blei darin flösse, statt Blut. Aber sein wie ein Bogen gespannter Wille trieb und trieb ihn vorwärts.

Schwarzverhüllte Büsche und Bäume glitten an ihm vorbei, Nachtschwalben schwangen sich dicht vor seinen eilenden Füßen auf. Die Luft zitterte im schrillen Gesang der Cykaden, Eulen riefen dumpf aus der Nacht, fern schlug ein Hund an.

Ein kühler Hauch kam vom Hochgebirge herab und wehte stärkend über seinen Körper; in schnellerem Takte klang der Schall seiner Tritte. Grauschimmernde Felder, dunkelschattende Bananenpflanzungen und still aus schwarzmassigen Hüttenformen glühende Feuer tauchten an den Wegseiten auf und versanken wieder hinter ihm in der Nacht.

Sein Lauf wurde stöckricht und stolpernd, Wirbel kreisten im Kopfe, dröhnend pochte das Blut in den Schläfen und warf rote Schleier vor den Blick, der sich in immer qualvollerem Suchen in die Finsternis bohrte.

Da tauchte wieder ein Feuer auf, nein zwei, nein zehn, hundert – in weiten glühenden Kreisen schwangen sie um ihn herum, er schlug zu Boden, mit singendem Rauschen raste ihm das Blut durch den Schädel und wollte sein Bewußtsein mit hinabreißen in unbekannte Tiefen.

In wilder Angst krallte er Finger und Zehen ins Erdreich, schluckte und würgte, zuckend krümmte sich sein nackter Rücken im Ringen mit dem unsichtbaren Gegner. Blitze und Funken sprühten vor seinen geschlossenen Augen, schnaufend rang er nach Luft, da drang ein Ton von der Außenwelt in das Branden seines Blutes, aus unendlicher Ferne rollte er heran und hielt seine fliehenden Sinne auf.

In verhaltenem Keuchen lauschte er – dumpf und mächtig brüllte es aus den nachtverhüllten Bananenwäldern herab – Signale, aus Stierhörnern geblasen – Meli rief seine Scharen zum Kampfe zusammen! Doch auch den totmüden Menschen im Staube der Straße riefen die Hörner auf zu letzter Anstrengung.

Mit zusammengebissenen Zähnen hob er sich in die Knie, knickte um, erhob sich wieder, trat taumelnd hin und her, nahm schwankend die Matte auf und stolperte vorwärts. Wieder brüllten die Hörner herab, Hunde heulten antwortend hinauf, vor ihm glommen rote Feuer, weiße Lampen blitzten dazwischen, schwarze Hüttendächer hoben sich gegen den Himmel und darüber – darüber, weißschimmernd, – die Mauern der Boma!

Von krampfigem Willen gezwungen, setzten sich seine Beine in ungleichen taumelnden Trab; ein Hirsefeld dehnte sich zur Seite, dunkle Gestalten kamen eben daraus hervor und traten auf den Weg. Sie blieben stehen und riefen ihn an. Er eilte weiter, die brennenden Augen auf die Mauern gerichtet.

»Heh Du, wer bist Du? Halt!«

Ein Bursche mit einer Laterne sprang neben ihm her, leuchtete ihm ins Gesicht, schrie auf:

»Haltet ihn! Es ist der Askari, der mich an den Baum gebunden hat!«

Sie brüllten durcheinander, stürzten auf ihn los, eine geschleuderte Keule warf ihm die Matte vom Kopf, er schlug hin, riß das Gewehr aus dem aufgeplatzten Bündel, noch im Aufspringen repetierte er und schoß. Sie prallten zurück, er fegte davon, brüllend rannten sie ihm nach. In pfeilschnellen gewaltigen Sätzen flog er durch die Gassen des Dorfes. Menschen stoben aufschreiend vor der wilden Jagd auseinander, Hunde fuhren kläffend dazwischen, ein Stoß schleuderte einen im Wege stehenden alten Inder gegen eine Hausmauer; mit tiefgesenktem Kopfe raste der Askari weiter, das Geschrei seiner Verfolger verhallte im Dorfe.

» Nani we (Wer bist Du)?« rief ein Posten den aus der Nacht Heranstürmenden an, er bog sich spähend vor, das Licht der Torlaterne fiel auf ein verzerrtes Gesicht, einen japsenden Mund, in weitaufgerissene blutunterlaufene Augen.

» Nani we?! Halt!« brüllte der Posten nochmals und hob das Gewehr.

Krachend rannte da der Läufer gegen den Flaggenmast, klammerte sich daran fest, schwankend, gurgelnd, mit pfeifendem Atem.

»Nini? – Allah! Du bist's, Hatako?! – Was sagst Du?«

Unverständliches Lallen antwortete. Eine helle Stimme rief über den Platz:

»Posten, was waren das für Schüsse? – Wer ist denn das?!«

Der Fragende trat aus dem Tore, ein Weißer in Jagdhemd und Reithose. Der Halbzusammengesunkene ließ den Flaggenmast los, richtete sich gerade auf:

»Askari – Hatako, – Bana Hauptmann! – König Meli – die Wadschagga – sie kommen – Alarm, schnell, Bana Hau – Bana Haupt – –«

Er stöhnte auf wie ein sterbendes Tier, griff in die Luft und brach lautlos zusammen.


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