Gerhart Hauptmann
Im Wirbel der Berufung
Gerhart Hauptmann

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Erstes Buch

O ja«, sagte gedehnt der bleiche Mensch. Er hatte das dreiundzwanzigste Jahr kaum überschritten.

»Sie haben es gut«, rief der andere, ein glattrasierter, feuriger Römerkopf. »Ich muß ›Ja‹ sagen, Sie können, wenn Sie wollen, ›O ja‹ sagen. Sie können aber ebensogut ›O nein‹ sagen. Das ist der Vorteil, wenn man eine auskömmliche Rente hat. Ich habe dafür eine große Familie.«

»Ich habe ebenfalls eine Tochter und einen Sohn«, sagte der junge Mann. Der Römer sprach: »Das ist viel für Ihr Alter. Wenn Sie es nicht so weit wie ich bringen wollen – das halbe Dutzend ist bei mir nahezu voll –, müssen Sie ganz gehörig aufpassen. Oder aber, vielleicht ist Ihr Vermögen grenzenlos.

Sonst muß man die Ohren gehörig steifhalten. Im allgemeinen bin ich nicht so leicht aus der Fassung gebracht. Als ich aber die Pacht eines Theaters in Potsdam glücklicherweise antreten konnte, war es allerhöchste Zeit für mich.«

»Nehmen Sie noch ein Bier, Herr Direktor?« Die Frage kam von einem schmierigen Jungen, der im Gärtchen des »Felsenkellers« bediente.

»Fritz, Fridericus magnus, holdes ganymedisches Wesen, gewiß!

Ich liebe das Felsenkeller-Bier, weil es leicht und bekömmlich ist. Dazu kommt dieser Aufenthalt. Perlen, wahre Perlen im Golde sind diese kleinen Fürstensitze auf deutschem Grund. Es sind Juwelen, feinste und edelste Blüten der Kunst und Kultur. Wie das Schloß, ein Bau ganz aus karrarischem Marmor, aus der smaragdenen Tiefe des Parks hervorleuchtet! Dort die gewaltigen Sechzehnender im Wildgatter, prächtige Hirsche, gefleckte Hinden. Und dann die Kühle hier unter den hundertjährigen Laubbäumen bei voller Juliglut! Das Geschmetter der Vögel, das Bienengesumm! Um alle viere von sich zu strecken! Glaubt man nicht wahr und wahrhaftig im Paradies zu sein?! – Ich erlaube mir: also Prosit, Herr Doktor!«

»Prosit!« sagte der junge Mann, und beide gossen mit Hochgenuß den kalten, goldgelben Trank hinunter.

»Es kommt bei dem Sommertheaterbetrieb nichts Besonderes heraus. Städtchen und Fürstentum Granitz stellen kein großes Publikum, aber Potsdam ist sommers geschlossen, und so habe ich wenigstens immerhin so ziemlich gratis den angenehmsten Sommeraufenthalt und kann meine Familie und meine Mitglieder, wenn auch mit einer geringen Gage, über den Sommer durchfüttern.

Übrigens residiert hier ein Fürst, der die Freundlichkeit und die Herzensgüte selber ist. Er hat uns das Häuschen im Park eingeräumt, in dem meine Frau mit ihren fünf Bamsen und dem sechsten unterm Herzen geradezu überglücklich ist. Wir leben da unter Bäumen und Blumen.

Wovon sprachen wir doch, Herr Doktor?«

»Sie fragten mich, ob ich für das Theater Interesse hätte. Ich habe mit einem ›O ja‹ geantwortet. Sie können das schließlich daran sehen, daß ich mit Ihrem Shylock befreundet bin.«

»Mit Armin Jetro? O weh, o weh! Dem armen Kerl sitzt der Tod im Busen. Ich fürchte, er macht es nicht mehr allzulange.«

»Ich bin mit Jetro seit einem Jahre bekannt. Er hat mir so viel von seinen Kollegen und Kolleginnen, von dem kleinen Theaterchen hier, von Schloß und Park, von der nahen See und, der Wahrheit die Ehre, auch von Ihnen vorgeschwärmt, daß ich sogleich zur Reise hierher entschlossen war, als sich mir eine Erholung unbedingt notwendig machte.«

Der Direktor fragte, auf eigentümliche Art vor sich hinblickend: »Haben Sie mit den Nerven zu tun?«

»Ich kann mich durchaus nicht als einen standfesten Burschen einschätzen. Ich habe in Florenz einen Typhus zu überstehen gehabt. Die Ärzte hatten mich aufgegeben. Nun sind allerlei Folgen, Migräneanfälle, Magenschmerzen und weiß der Teufel was alles, zurückgeblieben. – Aber lassen wir das! Hypochonder bin ich nicht, und Krankheitsberichte sind für die Ärzte.«

»Sie haben recht. Ich möchte Sie aber doch beruhigen. Sehen Sie, was für ein Kerl ich bin. Ich reiße die dicksten Bäume aus. Ich fordere den Satan selber auf Knackwürste, und doch war ich in Ihrem Alter der schlimmste Schlappjeh, der sich denken läßt. Mein Herz war krank, meine Nieren krank. Meine Lungen konnten mit Jetro konkurrieren, und was sich an Krankheit nicht nachweisen ließ, das hab' ich mir wenigstens eingebildet. Ich hoffe, Sie werden mit sechzig Jahren an meinem Begräbnis – ich sterbe mit achtzig – teilnehmen.

Sie waren also bereits in Italien. Wenn ich an Ihre Kinder denke und höre, daß Sie in Florenz gewesen sind, so schließe ich, Sie haben sich schon ziemlich gerührt und bewegt in der Welt. Bei Ihrer Jugend recht ungewöhnlich.«

Der junge Mensch holte eine Visitenkarte heraus, mit der Aufschrift Dr. Erasmus Gotter. Sie war sehr groß und wurde mit einer gewissen Umständlichkeit auf den Tisch gelegt, die den Direktor aufmerken ließ: »Schreibtafel her, ich muß mir's niederschreiben!« witzelte er. – »Ich habe diese Gewohnheit, jawohl«, sagte Erasmus, indem er, und zwar durchaus unbeirrt, das Blättchen mit Notizen bedeckte: »Dreiundzwanzig Lebensjahre bedeuten eine lange Zeit. Sie enthalten außerdem die beiden ausschlaggebenden, nicht zu überbietenden Jahrzehnte der Entwicklung.«

Eben stiegen zwei sommerliche Gestalten, ein junger Mensch und ein junges Mädchen, die drei Stufen zum ›Felsenkeller‹ hinauf. Sie grüßten und wollten an einem der Nebentische Platz nehmen.

Der Direktor rief: »Kinder, wir sind keine Menschenfresser!«

»Und eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit! – Man kann doch nicht wissen als niederer Sterblicher, in welcher Laune unser Jupiter tonans gerade ist.«

Es war Armin Jetro, der mit diesen theatralisch gesprochenen Worten einen Stuhl für seine Begleiterin an den Tisch setzte.

»Die Laune ist bestens, da wir heut keine Probe haben, lieber Jetro, und zum heutigen Abend ein Billett für noch so viel Geld und gute Worte nicht mehr zu kaufen ist.«

»Meine Kondolation, Herr Direktor.«

Die Tafelrunde erweiterte sich.

So entstand ein ausgedehnter Frühschoppen, nicht verwerflich, insofern es Sonntag war und der Ort mit seinem smaragdenen Blatthimmel an Wohligkeit wirklich nichts zu wünschen übrigließ.

 

Erasmus Gotter besaß, was sich sehr bald zeigte, einen großen Verehrer in Jetro, dem Schauspieler. Dunkel, schwarzäugig und von ausgeprägten Gesichtszügen, hatte er jenes Auftreten, das seinen Beruf sofort erkennen ließ. Er rollte das Zungen‑R, sein Organ war tief und voll, nur daß es mitunter in einen hohlen Klang verfiel und von Husten gestört wurde.

»Gratulieren wir uns«, sagte er plötzlich zu seinem Direktor, »gratulieren wir dem Fürstentum Granitz, und gratulieren Sie sich selbst dazu, daß ein Dichter von Gottes Gnaden unter uns ist.«

Nach diesen Worten zeigte der Schauspieldirektor eine leichte Betretenheit, dann huschte ein Lächeln über seine Gesichtszüge.

»Seien Sie doch nicht so grob, bester Arminius, Jetro mit Zunamen, Sie treten einem ja auf die Leichdörner, Teufel noch mal! Doktor Gotter ist viel zu einsichtsvoll, als daß ihm diese Beleidigung Spaß machen sollte. Prosit, Herr Gotter, trinken wir auf eine ganz einfache, behagliche Bürgerlichkeit!«

Zu Jetro gewendet fuhr er dann fort: »Verderben Sie mir meine Sonntagvormittags-Ausgehlaune nicht! Unsereiner muß auch einmal ausspannen. Die ganze Woche hat man mit nichts als übergeschnapptem Gesindel zu tun, und nun reklamieren Sie dafür auch noch diesen jungen Herrn, mit dem man sich einmal auf gesunde Weise unterhalten hat.«

»Keine Furcht, ich werde Sie keinesfalls etwa mit einem dramatischen Manuskript belästigen. Meine sogenannte Entwicklung ist an diesem Punkt noch nicht angelangt. Was Sie eben gesagt haben, Herr Direktor, und womit Sie auf gewisse unumgängliche Exaltationen des Theaters hinweisen, hat mich seit Jahren von diesem Milieu beinahe abgeschreckt.«

Jetro indessen ließ sich nicht abspeisen.

»Herr Direktor Georgi, wenn Sie diesen unsterblichen Dichter aus der Taufe heben und auf ihn ein Theater in Berlin gründen, sind Sie ein gemachter Mann.«

Georgi brach in ein stilles Gelächter aus, in das unwillkürlich die andern laut einstimmten. »Warum nicht«, sagte er, »wenn Herr Gotter das Geschäft finanzieren will.«

Aber Jetro vertrat mit Zähigkeit seine These.

»So kommen Sie mir nicht aus, Herr Direktor. Ich verfalle in diesen Ton auf die Gefahr einer Kündigung.« Damit überließ er sich jener Form von Begeisterung, die in seinen Kreisen gewöhnlich war und die unter einem Schwall von Superlativen alles, was auf dem Gebiete der Dichtkunst bisher als groß gegolten hatte, begrub.

Nach der Art zu urteilen, wie der Direktor nun auf den Tisch trommelte, war er ganz gewiß ein guter Klavierspieler. Er trommelte ziemlich lange Zeit. »Ah, das ist Sultan«, sagte er dann wie erlöst, als das laute Röhren eines Hirsches vom Wildpark herüberscholl. Sultan war ein prächtiger Sechzehnender, der seine hauptsächlichsten Kämpfe weniger mit seinesgleichen als mit Fliegen und Bremsen auszufechten hatte.

»Es liegt mir fern, und es würde mir gar nicht anstehen«, fuhr er fort, »in die Talente des Herrn Doktor Gotter irgendwelche Zweifel zu setzen. Auch an Ihrer Wahrhaftigkeit, lieber Arminius Jetro, zweifle ich nicht. Die Art Ihres Lobes, die Verve Ihrer Anerkennung bleibt auch nicht ohne Eindruck auf mich. Aber erstens, verzeihen Sie, ist der deutsche Boden auf lange Zeit hinaus erschöpft, und solange wir und unsre nächsten Nachkommen leben, wird er keine Weimarer Literaturblüte wieder hervorbringen. Das wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Darum allein schon muß ich, gelinde gesagt, bezweifeln, daß irgendein Werk von heute, vom ›Faust‹ nicht zu reden, einen ›Egmont‹, einen ›Clavigo‹, einen ›Fiesko‹ oder ›Wallenstein‹ auch nur erreichen kann. Gervinus – Sie kennen Gervinus? – hat in apodiktischer Form erklärt, die Poesie sei in Deutschland mit Goethe ein für allemal abgeschlossen.«

Als Irina Bell, der jungen Schauspielerin, die trockene Bemerkung »So bleed!« entschlüpfte, hatte Georgi die Lacher gegen sich.

Bei diesen Gesprächen herrschte eine harmlose Heiterkeit. Erasmus Gotter selbst blickte meist auf den Tisch, nur einige Male, durch das wachsende Interesse an der kleinen Schauspielerin verleitet, ihr flüchtig ins Gesicht.

Er schätzte sie heimlich auf siebzehn Jahre und gestand sich dabei, daß er selten ein so reizendes Kind gesehen habe. Er dachte bei sich: Wie einfach ist es, in seinen vier Pfählen mit seiner Frau zu leben und Versuchungen nicht zu erliegen, die nicht an einen herantreten. Ich hatte das wirklich ganz vergessen, wieviel verführerische Frauenzimmer es in der Welt gibt.

Dem Direktor gab er zur Antwort: »Ich glaube nicht, daß sich ein neuer Kleist, ein neuer Calderon oder Shakespeare, kurz eine neue Sonne der Dichtung durch Herrn Gervinus am Aufgehen würde hindern lassen.«

»Und auch«, sagte mit heiterer Emphase Armin Jetro, »ein Erasmus Gotter nicht.«

Das verlegene Schweigen infolge dieser Bemerkung war noch nicht überwunden, als sich plötzlich die ganze Gesellschaft erhob und nach einer bestimmten Richtung verbeugte. Erasmus, der die Bewegung mitmachte, erblickte nun eine Prozession, die sich auf einem Parkwege vorwärts bewegte. Sie wurde von einem Pagen mit zwei mächtigen Bernhardinerhunden angeführt. Es folgte ein Rollstuhl, in dem ein dunkelbärtiger, bleicher Herr lehnte, der mit einem gütigen Jesushaupt liebenswürdig Antwort nickte. Neben ihm schritt ein junger Apoll in heller weiblicher Kleidung dahin. Es folgten zwei ältere Damen, die einen gebügelten und geschniegelten, vornehmen Mann zur Seite hatten. Ein andrer, in dem man einen Gelehrten vermuten mochte, schloß sich auf der freien Seite dem Rollstuhl an. Im Abstand beschlossen den Aufzug Lakaien.

Erasmus Gotter erriet natürlich sogleich, daß man den regierenden Fürsten und seinen Kreis vor sich hatte.

Er fragte Georgi, wer, insonderheit, dieser göttliche Jüngling, dieser Apoll wäre, der neben dem Rollstuhl herwandle.

»Dieser Gott ist Prinzessin Ditta«, erklärte Georgi, »eine Erscheinung, wie man sie in hundert Jahren kaum einmal zu sehen bekommt. Sie stammt aus einem regierenden Haus und ist hier am Hofe zu Besuch. Sie treibt mit dem Fürsten, den sie verehrt, einen förmlichen Kult. Geschworen beim Styx: ein königliches, ein herrliches Mädchen!«

 

Erasmus Gotter war in der fürstlichen Gärtnerei untergekommen bei der Witwe des Garteninspektors Herbst, der vor wenigen Jahren gestorben war. Das Gärtnerhaus lag in einem Versteck, wenn man es von Granitz aus finden wollte. Der Ort selbst nämlich ist auf dem Gipfel einer flachen Geländewelle angelegt, die sich zum Greifswalder Bodden senkt. Das Gärtnerhaus und die umgebenden Nutzgärten lagen gleichsam außerhalb der Stadtmauer, obgleich es eine solche nicht gab. Man erreichte sie von dem hellen, mit einem Obelisken geschmückten Zirkusplatz auf einem Buschweg, der sich senkte und durch das grüne Gewölbe einer gewaltigen Buchenhecke in die Gärtnerei mündete.

Einen seiner augenblicklichen Gemütsverfassung mehr zusagenden Aufenthalt als diesen hätte Erasmus Gotter nicht finden können. Er fühlte sich denn auch über Erwarten geborgen hier. Im Innern des alten Hauses, das nur noch mühsam mit kleinen Fenstern aus dicken Wänden von Efeu, Jelängerjelieber und Kletterrosen hervorblinzelte, hatte man ihm das Giebelzimmer eingeräumt, dessen Fenster den weitesten Ausblick über Gelände und Bodden gestattete. Der Raum hatte jene altertümlich bürgerliche Einfachheit, die so wohltuend anmutet und dem Gemüt des Bewohners ihre Prägung zu geben imstande ist. Vielleicht war dieser Umstand das, was Erasmus dunkel erstrebt hatte. Mit stiller Wollust sog er die heilsamen Kräfte ein, die aus dieser Umgebung auf ihn eindrangen.

Nach der Morgensitzung im »Felsenkeller« erreichte er sein Quartier um drei Uhr nachmittags. Er hatte Jetro, den seine Gage nur grade über Wasser hielt, in den Gasthof am Zirkusplatz mitgenommen und wie öfters bei der Table d'hote als Gast gehabt. Zwei angeregte Stunden vergingen den jungen Männern, von einem guten Mosel gewürzt, in sorgenloser Heiterkeit.

In seinem Zimmer fand Erasmus einen Brief seiner Gattin Kitty vor. Sie war mit den Kindern glücklich in Klotzsche, auf dem Landsitz der Schwester, angelangt. Sie sei wohlgeborgen, schrieb sie, und er möge sich's ebenfalls wohl sein lassen, sich gründlich seiner Erholung widmen.

Dieser Brief erhöhte Erasmus Gotters Geruhsamkeit. Er genoß es doppelt, sich beim Gesumm der Bienen, die das offene Fenster umschwelgten, zum Mittagsschlaf, entkleidet, zwischen kühle und saubere Linnen hinzustrecken.

 

Er war allein. Der junge Mensch empfand das als beseligend. Drei Ehejahre, Jahre des Glücks, des gemeinsamen Schlafzimmers, der Sorgen, die mit der Aussicht auf Kindersegen, mit dem Wachstum der Kinder im Mutterschoß, mit den Geburtswehen und Lebensgefahren der geliebten Frau, bei den schweren Ereignissen der Geburten, verbunden waren, lagen hinter ihm. Es lagen eigene Geburtswehen hinter ihm, die dem Geburtsprozeß seines Geistes vorausgingen, krampfhafte Zustände, die ihn quälten und Tag und Nacht nicht losließen. Wenn auch dieser Prozeß sein Ende noch nicht erreicht hatte und kaum je im Leben erreichen konnte, so war er doch in dem Sommerglück der Granitzer Tage fast stillgelegt.

Die Gärtnerswitwe liebte bereits ihren Sommergast. Und mit der Tochter, die ein unscheinbares Mädchen war, hatte es die gleiche Bewandtnis. Der Kaffeetisch für den bleichen jungen Herrn wartete schon in der Gartenlaube aufs akkurateste hergerichtet, bevor die Erschütterung der Zimmerdecke über ihrem Scheitel Paulinen verriet, daß er sich vom Mittagsschlafe erhoben hatte. Die beiden Menschen, Mutter und Tochter, vertieften in Erasmus die Empfindung seelenfriedlicher Ruhe noch, die ihm den Aufenthalt in dem alten Gartengebäude so wohltätig machte. Sie stand beinahe zu allem, was er als Kind im Elternhause, was er in der eigenen Familie, ja was er überhaupt erlebt hatte, im allerangenehmsten Gegensatz: solcher Friede war das, was er immer vergeblich ersehnt hatte. Zwar, außer dem Gesumm der Insekten, dem Finkenschlag und Drosselruf durchs Fenster herein durchdrang Geschmetter eines Kanarienvogels das Haus: so unermüdlich indessen der kleine Vogel seine unerschöpfliche Seele ausströmte, die weltferne Stille des Ortes trat dadurch nur noch tiefer hervor.

 

Mit dem vergilbten Bändchen einer alten Shakespeare-Ausgabe hatte Erasmus in aller Bequemlichkeit die Gartenlaube erreicht, wohin ihm Fräulein Herbst die übliche Kanne dampfenden Kaffees nachbrachte. Er pflegte sich öfter mit ihr, noch lieber mit der Witwe zu unterhalten, was ihn denn bald mit dem einfachen Schicksal der nun des Hauptes beraubten Familie bekannt machte. Die Trauer der Witwe um ihren Mann war unzweifelhaft. Der Ernst ihres Wesens, das eingezogene Leben, das ihr merkbar Bedürfnis geworden war, legten von der Echtheit dieser Trauer Zeugnis ab.

Jetro trat in die Gartenlaube. Er hatte sich mit Erasmus verabredet.

Jetro, dessen Kopf zu groß für seinen Körper war, mußte noch überdies wohl oder übel eine gewaltige, wieder für diesen viel zu große unverkennbare Hakennase zur Schau tragen. Ein menschenfreundlicher Schneider hatte ihn im übrigen mit einem eleganten Sommerkostüm versehen, so daß die Erinnerung an den Buchstaben O, welche seine Beine hervorrufen konnten, nur gelegentlich auftauchte.

Er spielte, bevor er und als er die Laube betrat, gleichermaßen Hütchen und Stock schwingend, den Bonvivant. Ohne es zu wollen, schlug er dabei in eine köstliche Draperie tiefblauer Klematis mitten hinein. »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!« sagte er dann mit einem Blick auf das Shakespeare-Bändchen.

Der Angeredete blickte auf, schnell erblassend und schnell errötend, wie wenn er eine leichte Bestürzung zu überwinden hätte. Er hatte sich diese Frage in den Wirren seines Inneren mehr als einmal in allem Ernst vorgelegt. Irgendwie empfand er sein Dasein immer schicksalhaft und war geneigt, Zufallsworten einen geheimen Sinn zu geben.

»Ich bin sehr froh, daß ich dieses Hamlet-Bändchen unter meinen mitgenommenen Sachen gefunden habe. Es verläßt mich ja eigentlich nie. Meine Abreise ist diesmal jedoch ein bißchen überstürzt vor sich gegangen.«

Jetro nahm das Büchelchen in die Hand.

»Ich habe es in Venedig entdeckt. Ich meine natürlich die ganze komplette Shakespeare-Ausgabe. Als ich durch eines der kleinen Gäßchen schlenderte, die vom Markusplatz abzweigen, sah ich die Ausgabe durch die offene Tür eines Büchertrödlers von der Straße aus. Sie wissen ja, ich sehe in die Weite und in der Nähe gleich gut.«

»Was nicht alles haben Sie erlebt und gesehen! Ich bin grade einmal von Schneidemühl nach Berlin und von Berlin bis Granitz gereist.« Der Schauspieler lachte, schwieg und hustete.

»Bitte, bedienen Sie sich zunächst, lieber Jetro.«

Jetro tat es mit Heiterkeit. Er ließ sich außerdem gern gefallen, daß Erasmus, als Frau Herbst erschien und freundlich etwaige Wünsche der Herren zu wissen verlangte, eine recht große Menge Butter nachbringen ließ.

Der junge, aus einem Schnittwarenladen kommende Mensch hatte sich in unermüdlicher Selbstzucht um gute Formen bemüht, die er auch strengstens bei Tisch beobachtete. Er strich seine Brötchen, er trank, er aß, ohne daß je die Unterhaltung ins Stocken geriet und ohne daß er mit vollgestopftem Munde zu reden brauchte.

Plötzlich sagte er: »Irina hat etwas Feuer gefangen.«

»Irina? Bitte, wer ist denn das?«

»Irina Bell. Sie kam doch mit mir. Ich habe sie Ihnen doch im ›Felsenkeller‹ vorgestellt.«

»Ich überhöre meistens die Namen.«

»Ist Ihnen das Frauenzimmer nicht aufgefallen?«

Erasmus sagte: »Sie ist ziemlich zart. Ich habe eigentlich nur gesehen, daß sie einen Schwall goldbrauner Haare auf dem Haupte hat.«

»Schade, daß er gefärbt und daß sie ein solcher Racker ist.«

Erasmus lachte: »Wieso ist sie ein Racker?« Eine solche Frage wird unter Männern nie ausbleiben, weil man weiß, was man zu hören verlangt.

»Nun: so und so, und so und so. Sie kommt aus Wien und hat geradezu horrende Ansichten.«

»Inwiefern horrend?«

Der Schauspieler sagte: »Allem, was gang und gäbe ist, diametral entgegengesetzt.«

»Geben Sie doch mal einige Beispiele.«

»Eine Frau hat zum Beispiel ihren Mann vergiftet, weil er ihren Umgang mit einem andern nicht gelten ließ. Nennen Sie das, gelinde gesagt, eine Schurkerei, Irina wird Sie mit einem ›Wieso?‹ verblüffen. Dann werden Sie Himmel und Hölle aufbieten, um ihr zu beweisen, was für eine niedrige Verbrecherin dieses Weibsstück ist, und wenn Sie sich eine halbe Stunde lang den Mund fusselig gesprochen haben, erklärt sie Ihnen ganz einfach, sie würde es ebenso machen wie das Weib und fände das eben richtig und gut.«

Erasmus sagte: »Teufel nochmal! Und dazu der goldene Heiligenschein! Schickt sich da eigentlich eins zum andern? – Was werden Sie spielen beim Benefiz des Ersten Liebhabers?«

»Die Ophelia, wenn wir den ›Hamlet‹ aufführen sollten«, schmunzelte Jetro.

»Warum nicht? Die Sache ist gar nicht so uneben. Bei der Premiere ist sie ganz gewiß von einem jungen Manne gespielt worden. Da, ich brauche bloß mein Büchelchen aufschlagen: zweiter Akt, zweiter Auftritt. ›Ei, meine schöne junge Dame!‹ sagt Hamlet zu einem jungen Mann bei der bekannten Begrüßungs- und Wiedererkennungsszene mit den Schauspielern. ›Bei unsrer Frauen, Fräulein, Ihr seid dem Himmel um die Höhe eines Stiefelabsatzes nähergerückt, seit ich Euch zuletzt sah. Gebe Gott, daß Eure Stimme nicht den hellen Klang verloren habe . . .‹, und so weiter.«

»Und, Doktor Gotter, wenn ich Sie ansehe, nicht immer, aber mitunter«, sagte Arminius Jetro, »kommt mir eine solche Besetzung recht plausibel vor. Manchmal sehen Sie wirklich ebenfalls aus wie ein junges Mädchen.«

Von dieser Bemerkung selbst ein wenig betroffen, ging er schnell über sie hinweg: die Rolle des Claudius sei ihm angeboten, ebenso der Polonius.

»Wenn ich wie Sie wäre«, sagte Erasmus, »ich würde mich an den Claudius machen. Sie sind für die Rolle natürlich zu jung, gerade darum sollten Sie zugreifen. Außer hier in Granitz wird man Ihnen diese Partie, vor Ablauf von zehn bis fünfzehn Jahren, kaum wieder anbieten.«

»Aber, wissen Sie, dieser König, der immer lächelt«, sagte Jetro, »ich habe verschiedene Größen in der Rolle gesehen, und es war schließlich immer langweilig, und außerdem interessiert sich der Alte, der Direktor, dafür.«

»Übergeben Sie mir die Spielleitung! Sagen Sie Ihrem Direktor Georgi, daß ich ihm den ›Hamlet‹ inszenieren will! Es darf mir aber niemand hineinschwatzen. – Das Drama spielt sich ja nur zwischen drei Personen, dem König Claudius, der Königin Gertrud und Hamlet ab. Letzten Endes nur zwischen zwei Personen. Da eine dieser zwei Personen Hamlet, die andere Claudius ist, hat man nicht nötig, auf die Wichtigkeit und die Bedeutung dieser Gestalt und ihrer Stellung in der Ökonomie des Ganzen hinzuweisen. Und dieser Kerl ist ein höchst gerissener, durchgeteufelter, großformatiger Bösewicht.«

»Nun, da bin ich ja für die Rolle geschaffen«, sagte Jetro. »Ich höre noch meinen Vater sagen, wenn mich wieder einmal meine Schulkameraden in bezug auf Pfennige, Butterbrote, Äpfel et cetera rein ausgeplündert hatten: ›Lieber Armin, du hast eine selbst für einen Schöps ungewöhnliche Gutmütigkeit.‹ Aber ich werde die Sache schon machen. – Übrigens will ich alles tun, um den Alten für den Gedanken Ihrer Regie breitzuschlagen. Der Alte ist freilich selber ehrgeizig. Er wird, wenn er den ›Hamlet‹ einstudiert, selbst einmal zeigen wollen, was er kann und daß er außer ›Kyritz-Pyritz‹ noch andere Nummern auf der Walze hat. Dann wird er sagen, Sie hätten keine Erfahrung. Der Alte kennt Sie ja leider nicht. Überhaupt, ich werde ihm dies und das sagen. Allmählich wird ihm schon trotz seiner Hornhaut klarwerden, was es mit Ihnen auf sich hat.«

»Wie stellen Sie sich eigentlich den Hamlet äußerlich vor, lieber Jetro?«

»Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten, ja, auf ein Haar im Äußeren so wie Sie, Doktor Gotter«, war die Antwort.

»Hamlet hat mit recht vielen jungen Deutschen Ähnlichkeit, mit den meisten dagegen um so weniger. Was mich angeht, so kann ich von seinen Tugenden wenige in mir ausfinden, von seinen Schwächen um so mehr.«

Hier unterbrach sich Gotter und rief einen hübschen Knaben an, der sich nahe der Laube zu schaffen machte. »Komm näher, Walter, komm doch herein!«

Der schlanke und blasse Knabe machte mit zusammengezogenen Augenlidern einen linkischen Knix, als er in die Jelängerjelieber-Umrahmung trat und seine Hand in die Gotters legte.

Er war der einzige Sohn von Frau Herbst, wohnte aber im Alumnat der fürstlichen Schule am Zirkusplatz.

»Ich will dir erzählen, wovon wir reden«, sagte Erasmus. »Oder kennst du den ›Hamlet‹ bereits?«

Walter verneinte mit schweigendem Kopfschütteln.

»Also wir reden von einem seltsamen jungen Mann, einem jungen Prinzen von Dänemark. Er hat in Wittenberg studiert. Er wurde als einziger Sohn zurückgerufen, als sein Vater gestorben war, und er glaubte natürlich, er solle den Thron besteigen, denn sein dahingegangener Vater war König von Dänemark.

Er kam zurück und mußte erleben, daß sein Onkel, der Bruder seines Vaters, den Thron bestieg, nachdem ihn seine Mutter geheiratet. So verlor er die Mutter und den Thron.

Kannst du dich in ihn hineindenken, Walter, und begreifen, wieso er auch die Mutter verlor?«

Der blasse Knabe verfärbte sich. Ein bitteres Zucken um seinen Mund und eine Feuchtigkeit, die in den Winkeln seiner schwarzen Augen sichtbar ward, verrieten ein beinahe krankhaft-sympathetisches Einfühlen. Der Leibarzt des Fürsten hielt den nervösen Jungen unter Beobachtung und hatte ihm unter anderm den Besuch des Theaters untersagt.

»Nun denke dir, Walter«, fuhr Gotter fort, »dem Prinzen erschien der Geist seines Vaters und eröffnete ihm, sein Bruder, Hamlets Onkel und jetziger Stiefvater, habe ihn heimlich umgebracht.

In diesem Falle, was würdest du tun?«

Der Knabe fragte: »Wußte die Mutter davon?«

»Sie ahnte wohl mehr, als daß sie wußte.«

»So würde ich meine Mutter anspeien und meinen Stiefvater umbringen«, sagte das Kind.

»Das hat er am Ende auch getan, Walter. Aber bis es dazu gekommen ist, hat er vielfach geschwankt und mancherlei durchgemacht.«

Walter sagte: »Das wäre bei mir puffpardauz gegangen.«

Erasmus lachte mit kindlicher Herzlichkeit und schob eine Haarlocke von den Augen.

Jetro hatte dem Honig von Frau Herbst mit Behagen zugesprochen. Als nun die würdige Dame erschien, um festzustellen, ob auch ihr Sohn den Herren nicht irgendwie lästig falle, lobte er ihren Honig in allen Tonarten.

»Walter und lästig fallen?« sagte Gotter. »Wo denken Sie hin!« Er fuhr fort: »Komm, Walter, streiche dir auch eine Honigsemmel.« Der Knabe tastete nur auf dem Tisch herum.

»Laß, ich werde dir alles zurechtmachen«, sagte Frau Herbst mit einer gewissen Verlegenheit. – »Warum setzt du übrigens nicht deine Brille auf?«

»Du weißt ja, Mutter, ich hasse Brillen. Lieber greife ich einmal in die Butter oder die Marmelade hinein.

Aber eigentlich habe ich gar keinen Hunger.«

Jetro fragte: »Was hast du dort Schönes auf dem Schlips, Walter?«

»Es ist ein Geschenk von Fürst Aloysius.«

»Eine Busennadel mit einer antiken Goldmünze«, bemerkte Erasmus, dem der Knabe das Schmuckstück gereicht hatte. »Sie stellt den römischen Kaiser Antoninus Pius dar, den Vorgänger Marc Aurels, des berühmten Weltweisen.«

»Marc Aurel«, ergänzte Frau Herbst, »den der Fürst eigentlich immer im Munde führt.«

»Ich bin dein Antoninus Pius, sagt der Fürst manchmal zu mir, und du werde mein Marc Aurel.«

Bei diesen Worten ergriff Walter das Hamlet-Büchlein, das er vorher unversehens berührt hatte. »Darf ich einmal in das Buch vom Dänenprinzen hineingucken?« Es wurde bejaht, und der Knabe zog sich mit seinem Raub zurück.

»Wie gesagt, der Honig, der Honig, Frau Herbst!« schwelgte Jetro.

»Die armen Bienen sind nun verwaist. Mein seliger Mann war im ganzen Bezirk der bekannteste Bienenvater. Der Fürst und die Fürstin zogen unsern Honig jedem andern vor. Was mein Mann zeidelte, ging aufs Schloß. Nur bevorzugte Gäste durften an dem Genuß teilnehmen.«

»Wie alt ist wohl eigentlich der Fürst?« fragte Gotter.

»Er wird am achtundzwanzigsten Juli vierzig Jahr, und man hört, der Geburtstag soll diesmal besonders gefeiert werden. Man erwartet wohl hohe und höchste Herrschaften, sogar, wie es heißt, aus England den Prinzen von Wales.«

Diese Mitteilung von Frau Herbst schien bei Jetro einen Fieberfrost zu verursachen. »Brrr!« sagte er, »was wird aus mir?!«

Frau Herbst mußte lächeln, Erasmus lachen.

»Übrigens hat mir mein Chef Georgi schon allerlei Möglichkeiten angedeutet, denn natürlich wirken wir fürstlichen Gaukler doch zur Verherrlichung und Belustigung des Tages an erster Stelle mit.

Wie wär's, lieber Doktor, zäumen Sie nach Art Ihres Oberkollegen in Weimar Ihren Pegasus. Es ist die schönste Gelegenheit, sich oben beliebt zu machen.«

»Wenn ich Sie, Herr Gotter, ansehe«, bemerkte, eine Ranke wilden Weins in den Fingern drehend, Frau Herbst, »und mir den Fürsten Aloysius vorstelle, so ist mir, als könne es Ihnen nicht schwerfallen, dem leidenden Mann so oder so eine Freude zu machen. Alberne Reimeleien zum Geburtstag schätzt er nicht. Um so mehr aber würde ihn etwas beglücken, wie ich es Ihnen zutraue, eine Gelegenheitsdichtung, die Hand und Fuß hätte. Ich kenne ihn, ich bin des gewiß.«

»Ihr Sohn ist ein ernster und lieber Junge, Frau Herbst«, bemerkte Erasmus, um abzulenken.

»Walter ist ein schwieriges Kind. Er scheint überall weich und schmiegsam zu sein und verbirgt doch eine gewisse Unbeugsamkeit. Ich tue alles, um seinen Träumereien entgegenzuwirken, denen er nur zu leicht verfällt. Wollen Sie glauben: er hat eine seltsame Liebe zu Kirchhöfen. Wenn der Totengräber alte Gräber ausschaufelt, steht er dabei und grübelt und spintisiert über den zutage kommenden Knochen. Jeden Sonnabend sucht er das Grab seines Vaters auf, und ich fürchte, er verfiele in Krämpfe, wenn man ihn davon abhielte.«

Man hörte die Schloßuhr in der Ferne fünfmal anschlagen. Erasmus meinte, man sollte die Zeit vor Theaterbeginn zu einem Gang hinunter ans Meer ausnützen.

 

Kaum hatten die Herren sich aus den dichten Hecken der Gärtnerei auf den Zirkusplatz hinausgewunden, als ihnen Irina Bell in die Arme lief. Sie war, wie gesagt, ein kleines, preziöses Ding. In ihrer schlanken Gebrechlichkeit konnte sie wohl als Backfisch genommen werden, solange man ihr nicht ins Auge gesehen oder mit ihr gesprochen hatte.

»Unsere Naive«, sagte Jetro, »mit dem schönen Namen Irina Bell. Natürlich nur der Theatername. Wie sie als Stubenmädl geheißen hat, weiß ich nicht. Sie wissen doch, Doktor, daß unser Georgi eigentlich Schulze heißt. Theaterdirektor Schulze mag angehen. Schulze als Othello, Macbeth, Tell oder Wallenstein ist eine Unmöglichkeit. Nun gar denken Sie sich einen Hamlet von einem Schauspieler Schulze gespielt!«

Erasmus war eigentlich indigniert von diesem Versuche Jetros auf dem Gebiet eines Bühnenjargons, für den der Schauspieler sich wenig eignete. Überhaupt, der Ton, in Gegenwart dieser immerhin holden Erscheinung, verletzte ihn. Seine Rüge indessen verschluckte er, da sich Irina, ohne auf Jetro zu achten, ihm zuwendete.

»Haben Sie etwas gegen mich?« fragte sie. »Ich wurde ja heut morgen im ›Felsenkeller‹ von Ihnen nicht eines Blickes gewürdigt.«

»Um Gottes willen, ich war höchstens durch das Gespräch mit dem Bühnengewaltigen abgelenkt.«

Sie schloß sich gern dem Spaziergang an.

»Der Direktor ist wie ein Wasserfall, wenn er begonnen hat, kann er nicht aufhören. Er redet, redet, redet, bis einem schwarz vor den Augen und schwindlig wird. Was ein andrer sagt, interessiert ihn nicht.«

So plauderte sie eine Weile fort, bis man einen freieren Blick hatte, das grüne Gewoge des Greifswalder Boddens unter sich sah, das Inselchen Vilm in nächster Nähe und am Strande einen Tempelbau, der, mit seinem weißen griechischen Giebel und dorischen Säulen, aus Eichen- und Buchenwipfeln hervorleuchtete.

Erasmus fühlte in der Nähe der kleinen Naiven eine gewisse Befangenheit. Es war irgend etwas in ihn geschlagen, wovon er sich beunruhigt fand, worüber er aber noch nicht Bescheid wußte.

Der himmelblaue, leichte Wollstoff, blaue Strümpfe und blaue Schühchen mit hohen Absätzen sowie ein Käppi von gleicher Farbe kleideten das Persönchen recht gut, eigneten sich jedoch nicht für die Landstraße. Ihr herrlichster Schmuck war das goldbraune, offene Haar.

Als die Herren sich über den Reiz der Landschaft verbreiteten, bewahrte Irina Schweigsamkeit. Nach einiger Zeit, da die Freunde sich immer noch nicht von ihren Betrachtungen losrissen, schien ihr plötzlich einzufallen, daß sie nicht hätte mitgehen sollen und besser getan hätte, etwas zu arbeiten. Ihre eigenen Beiträge zur Naturfreude waren dürftiger Art. Einmal sagte sie: »Die Sonne!« und wiederholte ebendieses Substantiv, als man hundert Schritte weitergekommen war. In der Nähe des weißen Tempels, einem Ausflugsort mit einigen Logierzimmern und Restaurant, sagte sie wiederum nur: »Der Mond!« Der Mond hing blaß überm Horizonte des Boddens.

Während man zwischen den weißen dorischen Säulen sich durch Tee erfrischte, gab es Gespräche anderer Art, in denen die Kleine mit »Das mag ich nicht! – das lieb ich nicht! – ich will das nicht! – ich will jenes nicht!« ihre Willensstärke oder auch ihren Eigensinn kundmachte.

Man erblickte im Duft der äußersten Ferne die Türme einer Stadt. Es war Greifswald. Erasmus erinnerte sich, als ihm Jetro diesen Namen nannte, an einen jungen Mann, der dort auf der Universität studiert und mit dem er später Freundschaft geschlossen hatte. »Es war ein überaus braver, einfacher Mensch«, sagte er, »von Geburt ein Pommer, der Reimann hieß und den ich leider aus dem Gesicht verloren habe.«

Heimkehrend, brachte man Irina bis an die Tür der Orangerie am Zirkusplatz, wo sie mit ihrer Mutter wohnte. Sie hatte sich eben verabschiedet, als Jetro den Vorschlag machte, einen gewissen Maler, von Cramm, zu besuchen, der in nächster Nähe eine leere Wagenremise zum Atelier umgestaltet hatte. Er arbeitete an einem Porträt des Fürsten Aloysius, das ihm zu seinem Geburtstag dargebracht werden sollte.

Der Freiherr stand vor der Staffelei. Er schien erfreut, als Jetro ihn mit Gotter bekannt machte. Er behauptete, daß er schon viel von ihm gehört habe. Er führte dann seine Besucher mit der ihm eigenen heiter-lebhaften Art in seine Arbeitsweise ein. »Hier«, sagte er, »ist das Porträt des Fürsten, an dem ich bei den Sitzungen male. Und hier das gleiche Porträt, wie ich es frei aus dem Kopf dreimal auf die Leinwand gebracht habe. Erst auf diese Weise kommt ungequältes Leben hinein.«

In dem Knabengesicht des Malers leuchteten zwei forschende Augen, die einen starren Ausdruck annahmen, wenn gleichsam der Widerschein seiner werdenden Werke auf ihnen ruhte.

Als Erasmus sein Zimmer wieder betrat, um sich für das Theater zu kleiden, beschäftigte ihn die Frage, warum er sich der kleinen Irina in einem so wenig günstigen Licht gezeigt habe, denn es hatte sich eine an Langweile grenzende Spannung zwischen ihm und ihr unangenehm bemerkbar gemacht. Nun, alles Verfehlte ließ sich nachholen.

Im Theater überkam ihn wie immer eine seltsame Wohligkeit.

Sie beruhte darauf, daß schmerzhaft überlastete Nervenbahnen stillgelegt und ausgeruhte in Schwingungen versetzt wurden. Sie leitete einen Vorgang des Vergessens, des sich selbst Verlierens ein, der ihn merklich entlastete.

Von seiner Häuslichkeit, ihren Geburts- und Nahrungsängsten, ihren Windeln, Abführ- und Stopfmitteln, Gummipfropfen und Milchflaschen, ihrem Kamillentee und Fencheltee, ihren Kochtöpfen und Nachttöpfen, ihren Besen, Hadern, Wischlappen und Flederwischen fand sich Erasmus hier losgelöst. Abwasch, Spülicht ging ihn nichts an, Dienstbotenärger gab es nicht. Freilich, ohne die Gewißheit des einsamen Schlafzimmers nach dem Theater würde dieses freie Behagen nicht aufgekommen sein. Oh, diese ehelichen Aussprachen, die einem den Schlaf raubten und meist Versöhnungen nach sich zogen, durch die einem das Mark ausgesogen wurde!

 

Wenige Tage später schrieb Erasmus an seine Frau diesen Brief:

Geliebte Kitty!

Es ist nun wohl Zeit, Dir einmal die unerwarteten, recht überraschenden Umstände darzulegen, in die ich hier geraten bin. Ich ging, wie Du weißt, hierher auf Einladung meines Freundes Jetro, der sich am Fürstlich Granitzschen Sommertheater bei Direktor Georgi im Engagement befindet. Ich war mit den Nerven sehr herunter, wie Du weißt, und erhoffte Erholung.

Kitty, ich war sehr mitgenommen. Ich habe Dich in Deinen Depressionen immer nach bestem Vermögen zu trösten gesucht. Du hast es aber mehr als einmal erlebt, daß ich, wenn dies erreicht war, nun selbst Deiner Hilfe und Deines Trostes bedurfte. Warum sollte ich lügen, der ich Dir von Anfang an Wahrheit gelobt habe. Die ersten Tage in der Gärtnerei, im altväterischen, grünen Dämmer meines Giebelzimmerchens, in der stillen, von wildem Wein, Jelängerjelieber und Geißblatt dick verhüllten Sommerlaube waren ein tiefes Ausruhen für mich. Ein solches Sichfinden, ein solches Geborgenheitsgefühl ist mir selten zuteil geworden. Der Gedanke berückte mich, Mönch zu werden: mein Zustand war so verführerisch.

Kitty, Du weißt, ich hab' Dich lieb. Ich vermag mir ein Leben ohne Dich und die Kinder nicht vorzustellen. Trennungen aber von Zeit zu Zeit sind notwendig. Erstens weil sie Proben auf das Exempel sind, dann aber auch, weil sie Gewährleistung jener Freiheit und Unabhängigkeit bedeuten, welche notwendig ist, wenn die Verbindung zweier Menschen den Charakter des Freiwilligen behalten und nicht am Druck und Zwange gemeiner Kerkerfesseln zu schwersten Leiden entarten soll.

Der erste Besuch Jetros verursachte mir vielleicht Unbehagen, so berauscht und beseligt war ich von meiner Einsamkeit. Theater, Bildung, Kunst, Literatur und aller Ehrgeiz auf diesen Gebieten muteten mich wie der öde, hölzerne Lärm einer Klappermühle an. Dagegen war alles schlichte und reine Musik, was die schwarzgekleidete, nur noch ihrem stillen Schmerz und dem nahen Jenseits nonnenhaft lebende Gärtnerswitwe mir anvertraute. Auch Pauline, die Tochter, hat diese schlichte und leise Art. Dreizehn Jahre alt ist Walter, der Sohn, ein Knabe, der mich an meine eigene Jugend erinnert. Pauline ist etwa achtzehn und die resignierte Frau Herbst nicht über siebenunddreißig alt. Man merkt von diesen drei Menschen nichts: so wird auf das Ruhebedürfnis des Gastes Rücksicht genommen. Es steht ganz allein bei mir, ob ich sie sehen und sprechen will oder nicht.

Und denke Dir, gestern ließ mich Fürst Aloysius fragen, ob es mich nicht allzusehr stören würde, wenn er seinen Nachmittagstee in der Gärtnerei einnähme. Ist es glaublich, Frau Herbst errötete leicht, als sie mit diesem fürstlichen Anliegen vor mich trat. Der Fürst wurde im Rollstuhl durch den engen Heckenweg in den Garten gefahren, wobei er – ich sah es vom Fenster aus – sich die zusammengewachsenen grünen Büsche mit beiden Armen vom Gesicht halten mußte.

Den Teetisch hatte Frau Herbst nach der Gewohnheit des Fürsten mitten zwischen den Gemüse- und Blumenbeeten aufgebaut. Das Lachen des Knaben, das Lachen des Fürsten schallte zu mir herauf.

Plötzlich trat ein klug aussehender, älterer Mann, der Diener des Fürsten, bei mir ein. Seine Durchlaucht bedaure, seines Gesundheitszustandes wegen nicht in der Lage zu sein, mir seinen Besuch abzustatten. Es würde den Fürsten daher besonders freuen, wenn ich herunterkommen und mit ihm eine Tasse Tee nehmen würde.

Ich war dem Fürsten einige Tage früher bereits vorgestellt worden. Die Stunde mit ihm und dem kleinen Walter, allein zwischen den Erdbeer-, Kohl- und Salatplantagen, verlief überaus angenehm. Du weißt, mein Wesen ist bürgerlich. Zwar habe ich keinen Bürgerstolz, sondern nur ein Bürgerbewußtsein; das aber läßt mich Adelsüberhebung, Adelsdünkel, selbst Adelsstolz, wo sie mir immer begegnen, aufreizend empfinden. Überall liebe ich das Menschliche. Was ich ganz allein und überall hasse, ist das Unmenschliche. Allgemein steht im Menschlichen ein Arbeiter meist höher als ein Bürger, Aristokrat oder Fürst. Dort, im Arbeiter- und Handwerkerstand, findet man auch die Ritterlichkeit. Das zeigt jeder Unglücksfall auf offener Straße, bei dem sich alles, was gut angezogen ist, des Gebotes »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut« meist entschlägt und es den hilfreichen Arbeiterhänden überläßt, diesen Grundsatz in Tat umzusetzen. Dieser Fürst Aloysius aber ist wirklich edel, hilfreich und gut.

Ich wußte es ja bereits durch Frau Herbst, die zuweilen mit Tränen in den Augen sein Verhalten bei verschiedenen Vorfällen schilderte, wo es sich darum gehandelt hatte, Verfehlungen zu verzeihen, die Schulden ungeratener Söhne alter Beamter zu begleichen, allerlei Leuten, oft solchen, die es gar nicht verdienten, unter die Arme zu greifen, Notstände aller Art zu lindern und schließlich künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen zu fördern. Aber wes Geistes Kind in Wahrheit Fürst Aloysius ist, und daß dies eben so und nicht anders sein muß bei ihm, dahinter kam ich erst während der Teestunde.

Liebe Kitty, ich bin in den Fürsten verliebt. Hättest Du Dir wohl je gedacht, daß ich mit meinem Hange zur Demokratie jemals in einen Fürsten verliebt sein könnte? Eigentlich bin ich ja freilich auch nicht in den Fürsten, sondern in den Menschen verliebt. Er ist sehr lang, hat, es ist nicht zu leugnen, mit seinem dunklen Haar und Bart etwas, das an Christusbilder erinnert. Er ist übrigens noch nicht vierzig Jahr. Sein Leiden ist schwer, aber wie er es trägt, ist bewunderungswürdig. Er lacht wie ein Kind, und mehr noch: er fragt und fragt, wie ein wißbegieriges Kind. Was habe ich ihm nicht alles von meinen literarischen Plänen, Hoffnungen, Wünschen, Zielen und von Dir und den Kindern erzählen müssen!

Alle diese Umstände atmen bis jetzt nur eine tiefe Geruhsamkeit. Ich lebe halkyonische Tage. Du weißt, Halkyone war die Tochter des griechischen Gottes der Winde. Aus Gründen verwandelte Zeus ihren Gatten und sie in Wasservögel. Kein Wind durfte wehen in deren Brütezeit. Es weht sozusagen auch hier kein störender Wind, ohne daß sich, so will ich hoffen, irgend etwas hier ausbrütet.

Ich habe allerdings jüngst im Gespräch mit Jetro einen kleinen Fehler gemacht. Es fuhr mir unwillkürlich und fast gegen meinen Willen heraus, daß ich den »Hamlet« im hiesigen Sommertheater zu inszenieren nicht übel Lust hätte. Ich erschrak, als ich das geäußert hatte, denn mich in etwas dergleichen verwickeln zu lassen – ich denke nicht daran!

Ich bitte Dich, halte den Daumen, Kitty! Geht alles so weiter, dann komme ich erholt, erfrischt, ja wie neugeboren zu Dir zurück.

 

Wiederum an einem halkyonischen Morgen saß Doktor Erasmus Gotter umgeben von einer muntren Gesellschaft im »Felsenkeller« beim Frühschoppen. Zugegen waren außer Direktor Georgi und Jetro noch Mario Syrowatky, ein Schauspieler, sowie der Maler Freiherr von Cramm und der Bibliothekar des Fürsten, Doktor Ollantag.

Der überaus angeregte Kreis wurde gerade durch ein lustiges Wortgefecht zwischen Syrowatky und seinem Direktor in Anspruch genommen.

Dieser reiche junge Mensch war ein spielwütiger Volontär, der nicht nur keine Gage bezog, sondern, wie gemunkelt wurde, jede seiner Rollen teuer bezahlen mußte. Er liebte den Schmuck, zeigte blitzende Ringe und goldne Armbänder und trug sich mit ausgesuchtem Geschmack.

»Ich bleibe dabei«, so sagte er, »binnen vier Wochen muß ich bei Ihnen den Hamlet gespielt haben.«

»Syrowatky, was fängt man mit Ihnen an?« sagte Georgi. »Sie sind wie ein Rabe, der nach allen glänzenden Dingen hascht, aber er kann damit nichts anfangen. Lassen Sie sich doch nicht immerwährend durch das Theater beunruhigen, und beunruhigen Sie Ihrerseits das Theater nicht! Vielleicht hätten Sie mehr Talent, wenn Sie weniger Geld hätten. Welcher Teufel reitet Sie denn? Ihr Vater ist tot, Ihre Mama wünscht innig, Sie möchten sich dem Riesengeschäft widmen, das Ihr Vater hinterlassen hat. Nun, warum denn tun Sie das nicht? Ob es allerdings von Vorteil für diese Unternehmungen wäre, wenn Sie an ihre Spitze träten, weiß ich nicht. Für mein Unternehmen sicherlich nicht.«

»Sie sind wie immer sehr geradezu, Herr Direktor. Was Sie über mein Talent denken, ist ebenso falsch, als wenn ich etwa Sie einen großen Schauspieler nennen würde. Das wäre absurd im höchsten Maß.«

Georgi quittierte mit dröhnendem Lachen, in das die ganze Gesellschaft einstimmte.

Eigentlich war Syrowatky ein imposanter junger Mensch, dessen ovales Antlitz, mit Wangengrübchen und einem starken runden Kinn, bei einem zarten, weiblichen Inkarnat, man schön nennen konnte.

»Sie Kiekindiewelt!« rief Georgi, nachdem er sich einigermaßen gesammelt hatte. »Bevor Sie den Mund auftun in Sachen Theater und Schauspielkunst, sehen Sie sich Ihre Leute an! Befolgen Sie doch, zum Donnerwetter, Sie Pavian, endlich einmal meinen gutgemeinten Rat, und fangen Sie bei der kleinsten Schmiere als Zettelträger an!«

»Noch einer kleineren, Herr Direktor?«

»Was heißt das? Ich verstehe Sie nicht.«

Der liebenswürdige Knabenkopf des Maler-Barons ging fast auseinander vor unwiderstehlicher Heiterkeit, während Doktor Ollantag nur schmunzelte. Der Direktor führte den Gegenstoß:

»Wenn wir den ›Hamlet‹ wirklich machen, Herr Marius Größenwahn von Gernegroß, so gebe ich Ihnen die Rolle des Hamlet in Wittenberg, da können Sie sich nach Vermögen austoben.

Wenn Hamlet in der Tragödie Shakespeares zum erstenmal erscheint, ist er eben aus dem deutschen Wittenberg nach dem dänischen Helsingör zurückgekehrt. Seine Bitte, man möge ihn wieder dorthin entlassen, wird von seinem Onkel und neuen Stiefvater sowie von seiner Mutter abgelehnt.«

»Das ist gar nicht so uneben, Herr Direktor«, warf Jetro ein, »nur muß Syrowatky ein Weilchen warten, bis Doktor Gotter seine Tragikomödie ›Hamlet in Wittenberg‹ fertig geschrieben hat.«

»Jetro, lassen Sie mich aus dem Spiel!«

»O weh, o weh, was muß ich hören! Was für einen Unsinn überhaupt: ›Hamlet in Wittenberg‹! Erinnern Sie sich, Doktor Ollantag, was mein Kollege Serlo in ›Wilhelm Meisters Lehrjahren‹ von der Bearbeitung des ›Hamlet‹ durch den jungen Wilhelm-Meister-Goethe sagt, der die Wittenberggeschichte gestrichen hat: ›Gott sei Dank!‹ ruft er aus, ›so werden wir auch Wittenberg und die Hohe Schule los, die immer ein leidiger Anstoß gewesen ist.‹«

Diese Erklärung des Direktors löste bei Erasmus die Bemerkung aus, daß er trotz Wilhelm-Meister-Goethe hier nicht der gleichen Ansicht wäre.

»Gutzkow hat sich«, sagte Doktor Ollantag, »einmal an das heikle Thema herangewagt, aber er hat nicht genug herausholen können.«

»Ich kenne diesen Versuch«, so Erasmus. »Ein Versuch aber besagt mir nichts. Man müßte es eben anders anfangen. Die Dialektik Hamlets und ihr Ideengehalt sprechen jedenfalls nicht gegen Wittenberg.«

»Ich wiederhole«, erklärte Syrowatky mit Eigensinn, »daß ich binnen vier Wochen den Hamlet in Helsingör, nicht den in Wittenberg, auf der Bühne von Granitz gespielt habe, oder aber . . .« Er schwieg und pochte bedeutsam mit dem Knöchel auf die Tischplatte.

Bei Georgi zeigte sich unverkennbar leichte Betretenheit.

Das Hamlet-Gespräch wurde abgebrochen, und bald darauf der Frühschoppen überhaupt.

 

Erasmus Gotter speiste zu Mittag wie immer im Hotel Bellevue, diesmal mit Doktor Ollantag. Man hatte im Park Gedanken über Literatur ausgetauscht. Nun war man bei den lokalen Verhältnissen.

»Der Fürst ist ein leidenschaftlicher Bücherfreund«, sagte Ollantag, »allein die hiesige Bibliothek, die ich verwalte, geht über fünfundzwanzigtausend Bände hinaus. Eine volle Stunde am Morgen läßt sich der Fürst von seinem Pfleger, Goldmesser, die Regale entlangfahren, und ich muß ihm im allgemeinen und über die Neueingänge Bericht erstatten.

Übrigens sind es auch meistens Bücher, wenn der Fürst Geschenke macht. Er hat sogar, wie Sie ja wohl wissen, da Sie in der Gärtnerei wohnen, seinem Liebling, dem kleinen Walter Herbst, im Alumnat eine besondere Bibliothek eingerichtet. Die fünfhundert Bände sind vielfach auf meinen Rat zusammengestellt.«

Wenn der Leibarzt Doktor Thurneyßer dem kleinen Walter das Theater verboten hatte, das Lesen hatte er ihm erlaubt. Es beschäftigte seine Phantasie und binde sie, sagte er. Die Kurzsichtigkeit des Jungen aber sei kein Grund, das Auge stillzulegen, im Gegenteil könne Übung des Gesichtssinnes nur von Vorteil sein.

Erasmus wußte noch nichts von der Bibliothek und war nun gespannt, sie zu besichtigen.

Er brauchte nicht lange darauf zu warten, denn der Knabe Walter war stolz auf sie und drängte dahin, seine Schätze dem Gast seiner Mutter zu zeigen.

Merkwürdig war die bei ihm wie beim Fürsten vorhandene Liebe zum Buch, die in seinem knabenhaften Gemüt zu einer zärtlichen Idolatrie ausartete.

Die Frage lag nahe, wieso der Fürst ein so großes Interesse an Walter nahm.

»Erklärungen aller Art, auch sehr törichte, sind darüber im Schwange«, sagte Ollantag. »Sie werden von dieser und jener gehört haben. Wenn Ihnen eines Tages die einzig wahre zu Ohren kommt oder Sie diese ahnungsweise vorwegnehmen sollten, wird Ihre engste Umgebung im Gärtnerhause wohl die Ursache sein.«

»Ist es richtig, was man sagt: der einflußreichste Mann in Granitz sei Bourtier, der Oberhofmeister?«

»Der unverschämteste jedenfalls. Er übt seinen Einfluß, der keineswegs unfehlbar ist, auf dem Wege über die Fürstin aus. Der Fürst dagegen mag ihn nicht, darf man ohne zu übertreiben behaupten. Unbeliebt ist er überall.

Aber, wie gesagt, er nimmt sich Dinge heraus, die einem andern den Hals brechen würden. Die Fürstin, selbst eine gütige Dame, die immer den Prediger um sich hat, blickt über seine Extravaganzen hinweg.«

»Extravaganzen? Und welcher Art wohl können diese Extravaganzen sein?«

»Ach Gott, man ist ja im Grunde selber kein Tugendbold«, sagte Doktor Ollantag. »Aber wenn er diese kleine Schauspielerin mit ihrer Mutter, diese Irina, oder wie sie heißt, in der Orangerie am Zirkusplatz unterbringt, so ist das immerhin etwas weitgehend.«

Bei diesen Worten erblaßte Erasmus. Er hätte jetzt nicht zu reden vermocht, so warf sich das Herz ihm gegen die Halsgrube.

Die beiden Herren waren die letzten an der Table d'hote. Das kleine freundliche Eßsälchen, in dem, der Mittagshitze wegen, die Rouleaus heruntergelassen waren, erwies sich als ein so angenehmer Ort, daß man sich eben zu einer neuen Flasche entschlossen hatte, die der Kellner auf den Tisch stellte. Aber man trank sie nicht mehr aus. Alle Versuche Erasmus Gotters, sich von einem Übelbefinden zu befreien, machten, so schien es, dies nur schlimmer. Und so hob man die Sitzung auf.

In der Gärtnerei und in seinem dämmrig-kühlen, lavendelduftenden Zimmer angelangt, schloß Erasmus sich ein. Um Gottes willen, was ist mit dir? fragte er sich, bist du doch kränker, als du gemeint? Ist deine Ruhe, deine Herzensheiterkeit, wie sie dich hier zu deinem tiefen inneren Trost überkommen hat, trügerisch und ein böser Vorbote? Noch immer ringend in diesem Selbstgespräch, kämpfte er vergeblich gegen Hilflosigkeit, die sich in einen Weinkrampf verwandelte.

»Haben Sie mit den Nerven zu tun?« Warum hat Georgi mich so gefragt? Hat er mir diesen innerlich haltlosen Zustand angesehen, dessen Symptome mich jetzt so erbärmlich demütigen?

Oder wirkt die Beschäftigung und das Hineinsinnen in den Hamlet, dessen Tränen so locker sitzen, ansteckend?

Oder handelt es sich um eine äußere Macht, die mich unversehens beschlichen hat?

Gegen sie müßte man dann mit allen Kräften angehen.

Was konnte ein solcher Paroxysmus bedeuten, der den jungen Menschen mit Schluchzen und unaufhaltsamen Tränen heimsuchte, so daß er, um nur nicht im Hause gehört zu werden, das Taschentuch in den Mund stopfen mußte?

Was ging ihn diese Irina an?

Sie ging ihn in Wahrheit gar nichts an. Was dich dermaßen überkommt, sagte er weiter zu sich, ist eigentlich nur der Zusammenbruch einer falschen Voraussetzung. Zwar weißt du nicht, wie du dazu kommst, aber du hast dies Kind, trotz allem Gerede über sie, gleichsam als einen reinen Engel, als unberührtes Gebilde aus Gottes Händen angesehen. Und nun unterm Schlage Ollantags zerbricht diese Illusion.

Und ein mefitisches Schlangengewimmel, das sein geliebtes Asyl erfüllte, machte Erasmus die friedliche Kammer zur Hölle, aus der er flüchten mußte.

Auf dem Wege zum Bodden hinunter, wo er sich durch ein Bad gesundmachen wollte, fragte er sich, ob er nach dieser Erfahrung nicht gut tue, alle Brücken nach rückwärts abzubrechen und einen anderen, stilleren Winkel zu suchen, um von der Ehe auszuruhn.

 

Nach dem Bade im Salzwasser stellte sich bei Erasmus die alte männliche Fassung ein. Er fing an, sich über sich selber, und zwar ganz gehörig, lustig zu machen. Eine gewisse Unstetheit aber veranlaßte ihn trotzdem, Jetro in seiner Wohnung aufzusuchen. Er fand ihn gestiefelt und gespornt für eine Landpartie.

»Wir wollen ein bißchen über Land kutschen. Kolleginnen haben es angeregt. Unsere Absicht war, bei Ihnen mit dem geschmückten Erntewagen vorzufahren, um Sie zu zwingen, von der Partie zu sein.«

Erasmus Gotter wollte nicht nein sagen, obgleich er die neuen Schlingen deutlich empfand, die ihm bei einer solchen Lustfahrt gelegt werden konnten. Wir spielen nun einmal gern mit dem Feuer, dachte er.

Irina Bell hatte abgesagt. Als Erasmus das erfuhr, mußte er eine Enttäuschung herunterschlucken. Er wäre am liebsten abgesprungen, da der Leiterwagen, als er den Umstand erfuhr, mit ihm und der Schauspielergesellschaft bereits in Bewegung war. Bald aber wurde er von der guten Laune des Völkchens angesteckt. Mario Syrowatky war von Beginn der Fahrt, wie oft, für die Necklust aller Zielscheibe: mit seinen drei Zimmern im »Fürstenhof«, seinem vollendeten Dandytum, seinen kostbaren Anzügen, Schlipsen und Busennadeln schien er allerdings kein Passagier für das Bauerngeschirr. Das Stoßen und Rumpeln des Wagens, das auf vornehme Haltung keine Rücksicht nahm, den jungen Herrn bald der Sprache beraubte, bald fußhoch von der Bank emporschnellte, gab dauernd Anlaß zu schadenfroher Heiterkeit.

Er rächte sich dadurch, daß er seinen rechten Arm um Elisas, eines schönen Mädchens, Schultern legte, das dawider nichts zu erinnern fand. Sie war eine »Sentimentale« mit dunklen Augen, die verführerisch unter langen, schwarzen Wimpern hervorglühen konnten. Sie hatte nicht nur auf Syrowatky, sondern auch auf andre männliche Mitglieder des Theaters Eindruck gemacht, so auf den Ersten Liebhaber Erich Sündermann, der, ein dem Pflug entlaufener Bauernsohn, seltsamerweise mit einer gewissen Vollendung und großer Frische französische Salonrollen spielte.

Er lachte viel, er war allbeliebt und schien bei Elisa das Rennen nicht aufzugeben.

Er markierte Gleichgültigkeit, seine Worte dagegen waren zuweilen recht anzüglich, aber, um wirklich zu beleidigen, zu sehr in die gesunde Frische heiteren Gelächters eingehüllt. Vor einem mit Gold bepackten Esel, hieß es, öffne sich das festeste Schloß, und so fort.

»Ihr werdet mir meinen vergötterten Marius nicht verekeln«, sagte Elisa etwa darauf und legte in der Pose der Anbetung zwei Arme um den Hals des Geliebten. Wenn dabei sich ihr dunkles Haar löste und frei herniederrann, so wußte sie wohl, daß sie damit die Boshaftigkeit des jungen Kollegen am wirksamsten strafte.

Auch auf andre Weise als durch gegenseitige Neckereien und Hänseleien verkürzte man sich die Zeit, so durch Chorgesänge und Sologesang.

Es war gegen fünf Uhr nachmittags, ohne daß die brennende Hitze nachlassen wollte: die Feuerlilien vor den Anwesen der Kätner und Fischer, die man erblickte, wenn der Wagen singend und klingend durch die Dörfer zog, schienen ihr sichtbarer Ausdruck zu sein.

Endlich war man am Ziel: in der Kühle eines verlassenen Tanzsälchens.

Erasmus hatte während der Fahrt seinen weittragenden Blick überall hingewandt und sich an der schönen, vom kommenden Erntesegen belasteten Landschaft erfreut. Überall in der Ferne zeigten sich Flecke von Meeresblau, woran man erkannte, daß man sich auf einem von tiefen Buchten zerrissenen Inselbereich bewegte.

Unterdessen hatte er nicht versäumt, seine Augen auch in der Nähe offen zu halten, wodurch er denn auch gewisser Sturmzeichen in den Augen Lenas, der Schwester Elisas, innegeworden war.

Bei Tisch saß die Kleine an seiner Seite.

Ich kann nicht begreifen, sagte Erasmus zu sich, warum man sich nicht in sie bis über die Ohren vergucken sollte.

Lena, als ob sie Gedanken läse, sagte plötzlich: »Versuchen Sie's doch.« Um aber das Wunder vollzumachen, rief der Komiker und Heldenvater Leopold Miller im gleichen Augenblick über den Tisch: »Eigentlich weiß ich nicht, kleine Kröte, warum man sich nicht in dich verlieben sollte.«

Die Antwort war: »Das hat Zeit, überleg dir's noch.«

Nach dem Essen ging man zum Tanze über. Syrowatky setzte sich ans Klavier. Der Dandy erwies sich als guter Klavierspieler.

Man ließ es im Hinblick auf Erasmus geschehen, daß er, anstatt sogleich mit Tanzmusik zu beginnen, einiges von Chopin zu Gehör brachte. Die Musik entsprach seiner weichen Natur.

Erasmus erklärte, er könne nicht tanzen, wurde aber, trotz seines Protestes, von Lena in den Kreis der Tänzer hineingerissen. Er tanzte tatsächlich zum erstenmal.

Man trank, man tanzte, man tanzte, man trank, bis man im Saal die Lichter ansteckte. Die Kerzen waren heruntergebrannt, als man noch immer trank, sang, in Gesprächen sich austobte und herumhüpfte.

Bei Vollmond trat man die Heimfahrt an. Lena hatte ihr Köpfchen an der Brust Erasmus Gotters gebettet, sobald das Gefährt in Bewegung kam. Unter dem Geratter der eisenbeschlagenen Räder und schwärmerischen Gesängen, wie »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten . . .«, »Am Brunnen vor dem Tore . . .« und andern, wurde der Weg zurückgelegt. Dabei geigten die ersten Grillen.

In die dämmrige Stube der Gärtnerei zurückgekehrt, wußte der junge Mensch eigentlich nicht, wie er sich von Lena losgemacht oder wer ihn von ihr befreit hatte.

Die magische Aussicht durch das Giebelfenster auf den Bodden, dessen glitzernde Fläche den Vollmond im silbrigen Abglanz spiegelte, erfüllte ihn zwar mit Bewunderung, aber es war ihm doch, als ob er nicht sowohl seinen Körper als seine Seele waschen und wieder waschen müßte.

Ich bin nicht der Mann für dergleichen, dachte er.

Wie Zahnschmerz, durch eine heftig brennende Tinktur betäubt, sich wiederum meldet, wenn ihre Wirkung vorüber ist, so fing auch wieder zu bohren an, was durch die Erzählung Ollantags in Erasmus geweckt worden war.

Als er bemerkte, daß es keineswegs aus ihm herausgespült sei, mußte er unwillkürlich den Kopf schütteln. Noch stand er aufrecht, und ebenso unwillkürlich faltete er seine Hände.

So war die Erholung nicht gemeint. Sein brennender Kopf, sein pochendes Herz, die quälende Fremdheit seiner selbst vor sich selbst, das waren keineswegs die Erfolge, die der Frieden des Gärtnerhauses versprochen hatte.

Plötzlich hörte er einen Schlag auf den Tisch und erkannte, daß er ihn selbst geführt hatte. Beim leise werdenden Morgen mit seinem träumerischen Vogelgepieps hatte er sich das Tagelied aus dem »Romeo« und zugleich Irina in den Armen des Oberhofmeisters vorgestellt.

Aber nein, er wollte davon nichts wissen.

Erst jetzt in der wachsenden Helle des Morgens bemerkte Erasmus einen Brief, der auf dem Nachttischchen lag und den er sogleich als von Kitty kommend erkannte.

Er enthielt Nachrichten, durch die der junge Mann in dem ersehnten Gleichgewicht seines Wesens noch tiefer gestört wurde.

Die Schwester Kittys war schwer erkrankt, ein winziges Bologneser Hündchen gestorben, das Kitty mit in die Ehe gebracht hatte. Dieser Schlag war für Erasmus nicht der geringste, hatte man doch das kleine Geschöpf, äußerlich und im Herzen, an Kindes Statt angenommen.

Die Schreiberin klagte weiter nicht, sie meinte, man müsse sich eben zurechtfinden, und keinesfalls dürfe Erasmus seine Kur abbrechen und ihren Erfolg zunichte machen.

Das Morgenlicht hatte sich wieder verdüstert, was Erasmus kaum bemerkte. Nun fiel mit Donner und Blitz, Blitz und Donner Sturm und Regen ein, was die Stimmung des jungen Gotter nicht gerade verbesserte. Er war entzückt, als ihm Pauline, die ruhig dienende Gärtnerstochter, in das schwefelgelbe Grubenlicht das duftende, wohlbestellte Kaffeebrett hereinbrachte.

Sie zündete einige Kerzen an, Porzellan und Löffelchen machten Geräusche, vom Fenster wuchs wieder die Helligkeit, und als sich Erasmus mit Zucker, Sahne, Kaffee, Butter, Honig und Gebäck zu bedienen begann, wischte Pauline sich etwas aus den Augen.

War sie älter als achtzehn Jahr? Sie konnte für achtundzwanzig gelten.

Erasmus kam auf die Krankheit seiner Schwägerin. Er beklagte die stetige Gefährdung des sterblichen Menschen durch den Tod. Und plötzlich, er wußte selbst nicht warum, entglitt ihm die Frage: »Woran ist eigentlich Ihr Vater gestorben?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr Gotter.«

Bei diesen Worten, die beinahe trotzig herauskamen, hatte Pauline eine kurze Wendung abseits gemacht.

Unter seltsamem Zwange fuhr er fort: »Warum sind Sie immer so ernst, Fräulein Pauline? Ich habe Sie niemals lachen sehen. Wie kommt denn das?«

»Mir hilft weder Lachen, noch hilft mir Weinen«, war die Antwort der Gärtnerstochter, als sie lautlos auf ihren Filzschuhen aus dem Zimmer ging.

 

Selten war Erasmus im Leben so überrascht wie durch die Nachricht, mit der ihn Fräulein Pauline, morgens etwa um elf Uhr, aufweckte. Eine junge Dame sei da. Es stand auf dem Kärtchen: Irina Bell.

In fünf Minuten war Doktor Gotter angezogen, und Fräulein Pauline hatte alles im Zimmer so weit in Ordnung gebracht, daß man die Dame empfangen konnte.

Es lag wohl an dem Beruf, den sie ausübte: die kleine Schauspielerin trat in das Zimmer des jungen Mannes ohne alle Verlegenheit. Sie sagte ein wenig zerstreut: »Guten Tag!«, als ob sie bei einem alten Bekannten wäre, bat, eine kleine Mappe, ihren Hut, ja ihr Jackett ablegen zu dürfen, weil die Hitze schon jetzt am Morgen wiederum unerträglich sei. Sie sagte, sie komme mit einem Anliegen, aber das hätte bis später Zeit. Es habe ihr leid getan, sich gestern von der Partie ausschließen zu müssen: sie möge aber solche Ausflüge in großer Gesellschaft nicht, kröche auch weder auf Leiterwagen, noch vertrüge sie es, wenn dreißig Leute gleichzeitig durcheinanderschrien oder gar Gesänge anstimmten. Menschen in großer Menge essen zu sehen, sei ihr außerdem unappetitlich, noch viel mehr, wenn die Männer nach Bier oder Wein röchen. Und schließlich noch tanzen! Sie tanze selbst nicht und liebe das Tanzen nicht. Und was solle dabei herauskommen. Man ermüde sich ganz ohne Zweck, und von schwitzenden Leibern würde ihr übel.

Erasmus, ein wenig betreten, mußte innerlich lächeln über so viel Offenherzigkeit. Er brauchte aber nur kurze Zeit, um sich in das Betragen des Mädchens hineinzufinden, das sich in aller Unschuld mit Lage und Einrichtung des altväterischen Zimmers bekannt machte. Seltsamerweise sagte sie: es dufte nach abgeschiedenen Seelen.

Es war eine Viertelstunde vergangen, ohne daß Irina Bell sich veranlaßt sah, mit dem Zweck ihres Kommens herauszurücken. Aber auch Doktor Gotter fragte kaum noch in Gedanken danach. »Sie sind verheiratet? Dieser Brief ist an Ihre Frau? Ist Ihre Frau schön? Wie alt ist Ihre Frau? Ich liebe junge und schöne Frauen. Ich gebe gern alle Männer dafür her. Sie haben die Nacht schlecht geschlafen, gelt? Große Ringe haben Sie um die Augen. Sie machen den Eindruck, als hätten Sie heute nacht einen großen Ärger gehabt, als wären Sie mit sich unzufrieden.« – So plauderte sie, als ob sie allein wäre.

»Der alte Fürst hat mir gestern wiederum Blumen geschickt. Das häßliche Mädchen hat sie gebracht, das mich bei Ihnen anmeldete.«

»Finden Sie Fräulein Pauline häßlich?«

»Meinetwegen, im Finstern sieht man's ja nicht.«

Erasmus dachte: Was soll das heißen?

»Der Fürst ist zu alt und zu leidend für mich. Eigentlich ist er ja nicht zu alt, vielleicht nur zu leidend. Ich finde, daß er unter allen Männern, die hier in Betracht kommen, weitaus der schönste ist. Doch er kann ja nichts unternehmen.«

Irina Bell verschwand, ehe noch eine halbe Stunde verflossen war. Als Erasmus auf ihr Anliegen hindeutete, sagte sie nur: das habe Zeit, man könne ein andermal darauf zurückkommen. Erasmus wünschte, sie zu begleiten, sie hatte sich aber schon versäumt und mußte eilen, wie sie sagte, um noch rechtzeitig für ihre Szene auf der Probe zu sein.

 


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