Otto Erich Hartleben
Gedichte
Otto Erich Hartleben

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IV
Der Prophet Jona

1
Die Flucht vor dem Herren
            Es geschah des Herren Wort zu Jona:
Mach dich auf und wandre in die große
Ninive und predige darinnen
von dem heiligen Zorne deines Gottes,
denn es ist vor mich heraufgekommen
ihre Bosheit, und ich will sie strafen.

Aber Jona traute nicht dem Zorne
seines Herrn und hörte nicht auf seine
Stimme, sondern floh hinab zum Meere.
Und da er ein Schiff fand, das bereit war,
auf die hohe See hinauszusteuern,
gab er Fährgeld und bestieg es eilends –
vor dem Herren auf das Meer zu flüchten!

Doch da sandte Zebaoth die Stürme
übers Meer, daß sich ein Ungewitter
hochgewaltig aufhob aus der Tiefe,
weiße Wellen rings das Schiff umstürzten –
also, daß sie glaubten, es zerbräche.

Furcht und Graun ergriff das ganze Schiffsvolk,
und es schrie ein jeglicher zu seinem
Gott. Sie warfen alle Lasten, Güter,
das Geräte selber, das im Schiff war,
über Bord. – Nur Jona war hinunter
in das Schiff gestiegen – lag und schlief.

Doch ihn weckte jetzt der Herr des Schiffes,
trat zu ihm und sprach: Was schläfst du? Stehe
auf und ruf auch du jetzt deinen Gott an:
ob vielleicht er unser denken möchte,
daß wir nicht verdürben. – Aber Jona
wußte kein Gebet – er beugte schweigend
seine Stirn und dachte seiner Sünde.

Laßt uns losen! riefen da die Schiffer.
Laßt uns losen, daß wir so erfahren,
wer von uns es sei, um dessentwillen
solches Übel unser Schiff betroffen,
wem das Unheil gilt, das uns vernichtet.

Und es fiel das Los und fiel auf Jona.

Scheu zur Seite wichen da die Leute,
und sie fragten: Sprich, warum geschieht uns
solches? Was ist dein Gewerbe? Woher
kommst du, und von welchem Volke stammst du?

Jona richtete sich auf und sprach:
Ein Ebräer bin ich und den Herren
Zebaoth, den Gott der Himmel, fürcht ich,
der das Meer gemacht und alles Trockne.

Seines Wortes heiliger Diener war ich
bis hierher. Er ist es, der uns heimsucht,
und ich bin es, der vor ihm gefrevelt,
denn es war an mich sein Ruf ergangen
und ich bin mit euch zu Schiff gestiegen –
vor dem Herren auf das Meer zu flüchten.

Nehmet mich und werft mich in die Wogen,
und das Meer wird vor euch stille werden,
und des Sturmes Kehle wird vertrocknen.

Doch die Leute scheuten sich und trieben
heiß in Müh und Angst das Schiff zu Lande,
immer wieder nach dem Hafen strebend,
stets vergeblich – unerbittlich tobte
wider sie mit Ungestüm das Meer.

Da erhuben sie die Hände alle
auf zu Gott und beteten und schrien:
Herr, Herr! Laß uns nicht vergehn ob dieses
Einen Schuld! – Und sie ergriffen Jona:
Herr, Herr! Rechne uns nicht zu unschuldig
Blut! – Und warfen ihn hinab ins Meer.

Sieh: da stand das Meer vor ihnen stille,
schlief und rastete von seinem Wüten.
Seiner Wasser Spiegel lag geglättet,
und vertrocknet war des Sturmes Kehle.

 
2
Das Gebet
Aber Gott verschaffte einen großen
Fisch, der schlang in seines Bauches Höhle
Jona ein. Und Jona war darinnen
während dreier Tag und dreier Nächte,
betete zu Gott und rief zu ihm:

Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu dir,
und du Großer hörtest meine Stimme.

Deine Fluten hatten mich umgeben,
alle Wogen, alle Wellen gingen
über mich – daß ich gedachte: nimmer
würd ich deinen Tempel wieder schauen,
ewig wäre nun von deinen Augen
ich verstoßen. Alle deine Wasser
strömten mir ans Leben, mich umragte
schon die Tiefe, Schilf umfloß mein Haupt.
Nieder sank ich zu der Berge Gründen
und verriegelt hatte mich die Erde.
Aber du, mein Herr und Gott, du führtest
wieder mich empor aus dem Verderben,
denn du bist barmherzig, gut und gnädig.

Da die Seele schon bei mir verzagte,
dacht ich deiner, Herr, und mein Gebet drang
auf zu dir in deinen heiligen Tempel.
Jene, die vor deinem Grimm verzweifeln,
die sich knechten lassen von dem Leide –
sie, nur sie verwirken deine Gnade!

Und der Herr sprach zu dem Fisch im Meere.
Und der Fisch spie Jona aus ans Land.

 
3
Ninive
Und zum zweitenmal geschah des Herren
Wort zu Jona: Mach dich auf und wandre
in die große Ninive und predige
von dem heiligen Zorne deines Gottes,
denn es ist vor mich heraufgekommen
ihre Bosheit, und ich will sie strafen.

Jona hörte und gehorchte. Eilends
brach er auf zum Lande der Assyrer.
Und er kam nach Ninive, der großen,
die drei Tagereisen lang sich ausdehnt.
Stumm ging Jona eine Tagereise,
aber dann erhob er seine Stimme,
predigte und sprach: Noch vierzig Tage
wird die stolze Ninive sich brüsten –
doch nach vierzig Tagen wird der Herr sie
züchtigen zu ihrer Sünden Ernte
und zerreißen ihrer Mauern Kranz.

Da die Leute solche Predigt hörten,
zog die Furcht in ihre raschen Herzen,
und sie glaubten Gott. Alsbald erhub sich
Wehgeschrei und Klagen durch die Straßen.
Und die Kunde kam auch vor den König.
Der stand auf von seinem goldnen Throne,
legte seinen Purpur ab und hüllte
sich in einen Sack. Drauf ließ er ausschrein
als Befehl und aus Gewalt des Königs:

Daß vielleicht sich Gottes Zorn noch wende,
sollen alle, alle Wesen fasten,
groß und klein und Mensch wie Tier. Sie sollen
alle sich in härene Säcke hüllen
und sich niederwerfen in die Asche.
Darben soll was Odem haucht und niemand
soll sich selber Speis und Trank gewähren
noch ein Tier zur Tränk und Weide treiben.
Sondern jeder soll vom bösen Wege
ab sich kehren und von seiner Hände
Frevel! – Daß vielleicht wir Gnade fänden,
daß vielleicht sich Gottes Zorn noch wende!

Als nun Gott die Werke ihrer Reue
sah, erbarmte sich sein Herz des Volkes,
und das Übel, das er durch die Stimme
Jonas, seines Dieners, über jene
schon verhängte – tat er ihnen nicht an.

 
4
Die Kürbisranke
Da ergrimmte Jona tief im Herzen
und er betete zu Gott und grollte:

Sieh, das wars, was ich zu mir gesprochen,
da ich noch in meinem Lande wohnte:
allzuoft empörte deine Güte
mein gerechtes Herz, da ich noch Kind war.
Darum hört ich nicht auf deine Stimme,
dachte, Herr, vor dir aufs Meer zu flüchten:
denn ich weiß, du bist barmherzig, gnädig
und von großer, allzulanger Güte,
und des Übels, das du schon verhängtest,
lässest du dich reun! – So nimm, o Herr, denn
meine Seele von mir! Meine Augen
wollen diesem Volke deine Gnade
nimmer gönnen – lieber will ich sterben,
als vor seinen Sünden weiter leben!

Und er wandte sich und ging von dannen.

Morgenwärts der Stadt, auf einem Hügel.
hielt er Rast und baute eine Hütte –
setzte sich davor und sah hinunter:
Was der Stadt wohl widerfahren würde.

Doch der Herr verschaffte einen Kürbis,
der wuchs über Jona, daß er Schatten
gab ob seinem Haupt und vor der Sonne
glühendem Leid den Scheitel ihm bewahrte.
Jona freute sich der großen Blätter
und entschlief erschöpft in ihrem Schutze.

Als jedoch die Morgenröte anbrach,
hieß Gott einen Wurm, den Kürbis stechen,
also, daß er hinsank und verdorrte,
und ein dürrer Ost, vom Herrn gesendet,
riß die welken Blätter bald von hinnen.
Da die Sonne vollends nun emporstieg,
stach sie Jona auf das Haupt, so daß er
matt an Leib und Seele ward. Er wünschte
sich den Tod herbei und rief zum Herren:
Laß mich länger nicht im Unrecht leben!

Da geschah des Herren Wort zu Jona:
Meinst du – billig zürnst du um den Kürbis,
den du nicht gemacht hast, noch gezogen,
der in einer Nacht erwuchs und welkte?
Sieh, dich jammert seiner kurzen Blüte –
weil sie deinem Haupte Schutz erwiesen –
und mich sollte Ninives nicht jammern,
solcher großen Stadt, darinnen mehr denn
hunderttausend Menschen, die nicht wissen,
was sie gut und böse nennen sollen?

Aber Jona gab dem Herrn zur Antwort:

Du bist Gott, der Herr der Ewigkeiten,
der du Leben gibst und nimmst das Leben,
der du bleibst in Willkür deines Schaffens,
unberührt im Wandel aller Zeiten.
Aber ich bin nur ein Mensch der Erde,
der dahin geht wie das Grün der Fluren,
der dahin welkt wie die Kürbisranke –
und ich zürne billig bis zum Tode.

 


 


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