Stefan Großmann
Österreichische Strafanstalten
Stefan Großmann

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Stein

Wer von Wien aus nur einmal nach Krems gekommen ist, der ist auch nach Stein hinübergegangen und vor dem großen Komplex der Strafanstalt, dem Depot der Wiener Verbrechererzeugung, stehen geblieben. Zwar der Posten, der hier mit aufgepflanztem Bajonett vor dem festungsähnlichen, mit einer übermannshohen Mauer umfriedeten Gebäude auf- und abmarschiert, duldet kein allzulanges Verweilen. Aber unsere ungestüm arbeitende Phantasie hat genug, wenn das Auge dann und wann hinter den dicht vergitterten Fenstern im ersten oder zweiten Stock die Umrisse eines gierig hinausblickenden Kopfes gewahrt. Besonders im Sommer kann man dergleichen Wahrnehmungen nicht selten machen. Mit einem Gefühl dumpfer Befriedigung setzt dann der Spießer mit seiner zahlreichen Familie den Weg fort. Für den ganzen »Ausflug« ist ein Gesprächsthema da. »Vielleicht war's der Eichinger?« sagt der Vater. »Oder der Frauscher,« lispelt die Gattin. »Oder der . . .« Mit zufriedner, gesättigter Phantasie setzt die Familie die Landpartie fort . . .

Die Anstalt Stein ist eine kleine Stadt. Ihre Einwohner sind gewöhnlich ungefähr tausend Häftlinge. 86 Wenn man bedenkt, daß die Herren im Justizministerium Stein als die Musteranstalt im Reiche erklären, erschreckt einen schon diese Zahl, denn, um bei diesem Anlaß den Ausspruch eines Gefängnisbeamten aus einer anderen Anstalt zu zitieren: »Es gibt keinen vernünftigen, gesunden, wohltätig wirkenden Strafvollzug bei mehr als 400 Sträflingen in einer Anstalt.« Wie sollen der Direktor, der Lehrer, der Geistliche, vor allem aber der Arzt, tausend Sträflinge im Auge behalten und individuell beurteilen und behandeln können? Unwillkürlich kann da der Besserungsfähige in Gesellschaft des wahrhaft verruchten Verbrechers geraten, unwillkürlich kann da der kranke Sträfling mit dem Simulanten verwechselt werden, unmöglich kann da für den einzelnen stets die für ihn passende Beschäftigung gefunden werden. Bedenkt man, daß von diesen 1000 Sträflingen bloß 348 in Einzelhaft und also zirka 650 Sträflinge in Gemeinschaftshaft untergebracht sind, so kann man das Selbstgefühl, mit dem die leitenden Herren im Justizministerium auf die Anstalt Stein blicken, nicht mehr ganz begreifen.

Die Anstalt Stein ist eine kleine Stadt. Ein Trakt enthält die Einzelzellen, der andere die Gemeinschaftszellen.

Der Einzelzellentrakt erinnert einen an ein großes, sehr belebtes Hotel. Er ist nach dem Sternsystem gebaut. Vier lange, schmale Gänge in den vier Richtungen der 87 Windrose, in der Mitte des Sterns im ersten Stock ist eine Art fliegendes Bureau untergebracht. Der Vergleich mit irgendeinem Grandhotel fällt einem wieder ein. Sitzt hier der Portier? Eine große Uhr mit doppelseitigem Zifferblatt, Schreibpulte, Tinte, Federn. Hier herrscht ein Aufseher, der von seinem zentralen Platz aus den ganzen Trakt übersehen kann. Jeder der vier Gänge hat zwei Stockwerke, die durch Eisentreppen miteinander verbunden sind. Ein schmaler gußeiserner Gang ist vor jeder Wand, an der die Einzelzellen liegen . . .

In Gesellschaft des Direktors Herrn Nadastiny gehe ich die Zellen ab, zuerst in die Arbeitszellen.

Der Aufseher öffnet die erste Zelle. Hier sitzt ein Sträfling, der mit der Erzeugung von Tonpfeifen beschäftigt ist. »Das sind unsere Steiner Würste,« sagt der Direktor und zeigt auf eine Platte, auf der einige Dutzend Würste aus grauer, weicher Tonmasse wohlgeordnet liegen. Drunten in der Gemeinschaftshaft wird die Masse zubereitet. Hier in der Einzelzelle steht je eine Preßmaschine, in die die Tonwürste eingefügt werden, um als Pfeifenköpfe für ordinären Tabak aus der Maschine herausgenommen zu werden. Neben dem »Presser« ist die Zelle des »Putzers«, der die rohe Form der Tonpfeifen zu korrigieren hat. Ein Arbeitspensum ist hier vorgeschrieben.

In zwei Stockwerken wird von den Einzelhäftlingen 88 nur Briefpapier erzeugt. In den Zellen stehen Schlag- und Gummiermaschinen. In die Schlagmaschine wird ein viereckiger kleiner Bogen eingelegt. Ein Schlag! und das Papier kommt, alle vier Ecken eingefaltet, als Kuvert wieder heraus. In der nächsten Zelle ist eine Gummiermaschine, in der diese Kuverts gebrauchsfertig gemacht werden. In anderen Zellen sind »Ränderer« an der Arbeit. Briefpapiere und Kuverts werden hier übereinandergelegt, so daß von jedem einzelnen Blatt bloß ein schmaler Streifen frei bleibt. Liegen hundert Blatt beisammen, so fährt der Sträfling mit schwarzer Farbe über die hundert freigelassenen Streifen: der Trauerrand für Briefpapier ist fertig . . . In anderen Zellen arbeiten »Präger«. Das elegante Briefpapier erhält hier Monogramme oder Muster eingeprägt.

Aus den Zuchthauszellen wandert die fertige Arbeit in die lichten, glänzenden Papiergeschäfte der Kärntnerstraße, von Sträflingshänden wandert es in die Kassetten sorgsam behüteter junger Mädchen . . .

Viele Zellen sind in Stein mit zeichnerischem Wandschmuck versehen. Bleistiftzeichnungen, Ornamente, Alpenlandschaften, Berge, Wasserfälle, Wiesen schmücken die Wände.

»Ja, wir haben manchen fähigen Menschen hier gehabt,« sagt der Direktor; »das ist durchwegs von Sträflingen gemacht.« Die Spuren eines besseren Menschentypus 89 bleiben eben auch im Zuchthaus zurück und die nach ihnen hieher kommen, genießen diese Spuren.

»Ja, das ist richtig,« sagt der Direktor, während wir in die nächste Zelle treten, »da haben wir einmal einen Sträfling hier gehabt, der von Beruf Bürstenbinder war. Hier sehen Sie noch die guten Folgen!« In dieser Zelle saßen Bürstenbinder an der Arbeit. Einige erzeugten Kleiderbürsten, andere Borstwische, wieder andere Strohwische, einzelne sogar Haarbürsten. In manchen Zellen waren Sträflinge bloß mit dem Herrichten des Materials betraut. Die meisten so Beschäftigten waren junge Leute.

»Da war es ja ein Glück für viele, daß damals zufällig ein Bürstenbinder in den Kerker kam!«

»Natürlich. Der Bürstenbinder von Anno dazumal mußte einen Aufseher in alle Wissenschaften der Bürstenbinderei einweihen und dieser Aufseher gibt seine Wissenschaft jetzt weiter. Wenn die da hinauskommen, können sie wenigstens ein Gewerbe! Übrigens dürfen wir nicht zu viel erzeugen, denn das alles sind ja nur Bürsten für staatliche Bureaus, ärarische Anstalten, Post-, Telegraphenbureaus &c.«

In einer Anzahl Zellen werden – Patentklosettstühle erzeugt. In den Einzelzellen wird das Holz geschnitten, gedrechselt, poliert. In den Werkstätten der Gemeinschaftshaft werden die Klosettstühle endgültig adjustiert. Es ist das Unternehmerarbeit. Die Klosettstühle sind patentiert. 90 In der Anstalt selbst bleibt keiner von diesen höchst nützlichen Gebrauchsgegenständen . . . Da steht in einer Mauerhöhlung jeder Zelle ein alter Kübel mit Sitzbrett auf kleinen Rädern, der im Bedarfsfall hervorgerollt wird. In den Gemeinschaftszellen existiert nicht einmal die Mauerhöhlung! Der Kübel steht dort in einer Zimmerecke, notdürftig von einem Holzverschlag umgeben. In der Frühe ist's hier kein lieblicher Aufenthalt . . . Die Kübel aus allen Zellen werden am Morgen geholt und in eine große Tonne, die sich am Ende eines jeden Ganges befindet, entleert. Diese Morgenstunde ist für normale Geruchsorgane eine harte Probe. Von den Tonnen wandert der Unrat in den Kotwagen. Der Kotwagen fährt durchs Dorf zu einer Ablagerungsstätte.

Die Dorfbewohner sind übrigens, wie man mir mitteilt, rebellisch geworden, vielleicht nur ihre Nasen, und wollen die Passage des Wagens durch das Dorf nicht mehr gestatten. Das kann dann schön werden in Stein . . . Was die Kanalisierung anlangt, so ist sie unterm Hund. Ich habe, als ich die paar alten niedrigen Badewannen im Keller, die »Bäder« genannt werden, besichtigte, die Nase fest verhalten müssen, so penetrante Düfte steigen von den Kanälen heraus.

Ja die »Bäder«! . . . Und hier werden patentierte Klosettstühle erzeugt! 91

Ein strickender junger Mann.

Der Aufseher öffnet die Zellen sehr rasch, so daß die Sträflinge sich nicht erst vorbereiten. Hinter der Tür, die jetzt auffliegt, sitzt ein junger, kräftiger, gesund aussehender Mensch, der eben mit vollem Munde Brot kaut, in der Hand hält er einen – Strumpf und strickt.

»Ist das die Beschäftigung des Sträflings?« frage ich den Direktor.

»Ja.«

Die Tür wird wieder geschlossen. Ungestört kann der junge Mann weiter kauen und stricken.

»Gibt es für einen jungen, kräftigen Menschen,« frage ich ganz erstaunt, »keine andere Beschäftigung in der Anstalt als – Strümpfe stricken?«

»Wir bedauern es selbst! Aber was sollen wir tun? Wir bekommen keine andere Arbeit!«

»Glauben Sie, Herr Direktor, daß das Fürsorge vom Staate ist? So einem jungen Menschen soll man hier ein Gewerbe beibringen, der sollte hier eine Arbeit erlernen, damit er, wenn er hinauskommt, weiß, auf welche Weise er sich nun redlich sein Brot verdienen kann!«

Der Direktor antwortet erst nach einer Pause: »Dieser Stricker gehört übrigens zu den Gebesserten! Er rangiert in die Kategorie jener Jugendlichen, die eigentlich schon 92 durch das Gerichtsverfahren, durch die Verhandlung, durch das Urteil gebessert sind! Tja . . . ich muß ihn dennoch hier halten . . . ich muß mich noch mit ihm beschäftigen, trotzdem ich ihn ja schon kenne und weiß, der kommt wohl nicht wieder . . . Und diese klaren Fälle nehmen einem die Zeit, die man zur Erforschung jener Sträflinge braucht, deren Wesen nicht so leicht zu erkennen ist!«

»Eine Bestie.«

»Jetzt werde ich Sie zu einem der Gefährlichsten in der ganzen Anstalt führen, ein Raubmörder, der zu »Lebenslänglichem« verurteilt ist. Passen Sie auf, der Mann wird von gar nichts reden, als nur vom Fressen. Es ist übrigens ein gewalttätiger Bursch, den ich aus der Gemeinschaftszelle wegnehmen mußte, weil er einen riesigen Anhang drüben hat und fortwährend aufzuwiegeln sucht.«

Der Aufseher schließt die Zelle auf. Ein Sträfling tritt uns entgegen, der Verbrechertypus, wie ihn Lombroso beschrieben hat. Sein ganzes Wesen ist mißtrauisch, störrisch, aufbegehrend. Eine niedere, jäh zurückfliegende Stirn, tiefliegende stechende Augen, vorspringendes Kinn.

»Na, wie geht's?« fragt der Direktor.

»Wie soll's denn gehen? Was fragen S' denn?!«

»Wollen Sie nicht lieber in Frieden arbeiten? Schauen 93 Sie, Sie sind für lebenslänglich hier. Machen Sie sich's nicht selbst schwerer.«

Der Sträfling wirft zornig ein: »Für mich gibt's bei dem Essen nur eines: Hinauslassen!«

»Das darf ich doch gar nicht!«

»Ah,« erwidert der Lebenslängliche, den Mund höhnisch verziehend. »Sie könnten scho'! Der Justizminister möcht' mi scho' begnadigen. Er will's ja. Aber Sie woll'n net!«

»Besser wär's, Sie würden wieder arbeiten.«

»Na, ehnder arbeit' ich nix, eh ich nicht bessere Kost krieg'.«

»Ich kann für Sie keine Extrakost machen.«

»Na aber,« zwinkernd, »Sie wissen scho'!«

»Ah so, ich soll durchschwindeln lassen?«

Mit blitzenden Augen ruft der Sträfling: »Natürli! Bei der Kost kann ma net leben!«

Wir gehen. Etwas Instinktives, Tierisches liegt in dem ungebrochenen Wesen dieses »Lebenslänglichen«. Aber daß er gegen die Kost in den österreichischen Strafanstalten wütet, ist nicht gar so »bestialisch« . . . Bei dieser Gelegenheit habe ich übrigens, wie in jeder Anstalt, auch hier den Direktor gefragt. wie viel abnormale, geistig nicht ganz intakte Individuen in Stein seien.

»Nach meiner Schätzung – zirka zwanzig,« war hier die tröstliche Antwort. 94

Die Kost.

In der Küche ist schon angerichtet. Der Direktor ist so liebenswürdig, mich zum Versuchen mit der Krankenkost – die normale Sträflingskost krieg' ich hier nicht zu sehen – einzuladen. Wieder koste ich einen Löffel von einer wässerigen, mit ein paar Fettringen verzierten Suppe und wieder habe ich ein entsetzliches Gefühl der Schalheit, der Geschmacklosigkeit am Gaumen. In diese Suppe verirrt sich wohl nie ein kleinwinziges Stück Gemüse. Das Rindfleisch, etwas zäh, ganz ausgesogen, flachsig, aber, mein Gott, für eine Strafanstalt . . . Wie aber muß die normale Sträflingskost, die in anderen Anstalten dem Direktor gleichfalls zur Probe vorgesetzt wird, schmecken?

Ich koste auch das Brot. Es ist wirklich gut und ich sage es auch.

»Ja, das Brot muß gut sein,« erklärt der Direktor, »es ist ja die hauptsächlichste Nahrung der Sträflinge, denn die Hülsenfrüchte täglich, die verträgt der Verdauungsapparat nicht! Einen Monat schmeckt es den Leuten, dann wird es ihnen verhaßt!«

In einem großen Kessel vor uns ist – Gulasch.

»Ist das auch für die Kranken?« frage ich.

»Nein, das ist die sogenannte Mittelkost. Die ist für geschwächte, herabgekommene Sträflinge, die eigentlich 95 nicht krank zu nennen sind. Zirka hundert Leute kriegen das. Einmal Gulasch, einmal eine Milchspeise in der Woche.«

Ich habe diese vernünftige Institution der »Mittelkost« in keiner anderen Anstalt in Österreich mehr angetroffen.

Wir kommen zu den Arbeitssälen der »Gemeinschaftlichen«. Hier ist unter anderem eine Druckerei eingerichtet. Eine Presse mit Handbetrieb. Sträflinge als Setzer, Sträflinge als Einleger. Auch eine Stereotypie ist installiert. Die Platten, die ich sehe, sind mäßig gelungen. Erzeugt werden hier nur Drucksorten für Gerichte. In einem anderen Saale ist eine Schneiderei. Zwanzig Leute sind hier, schneiden zu, nähen, bügeln. Der Direktor nimmt ein Gilet zur Hand, an das ein Sträfling Knöpfe genäht hat.

»Na, die Knöpfe sind aber nicht sehr schön genäht, Fock!«

Flink fliegt dem Direktor die Antwort zu: »Um zwei Kreuzer kann man keine schöneren Knopflöcher machen.«

»Aber um einen Fasttag!«

»Dann werde ich einen Fasttag und Sie keine Knopflöcher haben!«

Wie wir draußen sind, sagt der Direktor: »Sehen Sie, das macht die Gemeinschaftshaft. Ein gefährliches Volk! Da heißt es: sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen, streng und gerecht bleiben! Und unter die muß ich, weil ich zu wenig Einzelzellen habe, manchen halbwegs 96 Besseren stecken! Ich sortiere mir zwar die Leute so gut ich kann, aber ich hab' halt doch zu wenig Einzelzellen.«

»Vogelhäuserln.«

In einem Saal der Gemeinschaftshaft bei den Schustern hör' ich's auf einmal zwitschern. Was ist denn das? denke ich. Siehe, da hängt an der Wand ein Vogelbauer neben einem anderen. Ein kleines Stück Zucker steckt zwischen den Sprossen. Die beiden Kanari hüpfen herum und ihr Gezwitscher tut wohl . . . Der Direktor erklärt mir später: »Wenn einer, der eine lange Strafe hat, sich brav verhält, so gestatte ich ihm so ein Vogelhäuserl. Das kann für einen braven Sträfling mehr sein, als Sie sich vielleicht vorstellen! Er hat ein lebendiges Wesen neben sich, um das er sich kümmert, für das er sorgt, das er neben sich spürt!« Diese Idee ist eine so einleuchtend richtige, psychologisch verständige, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. Es hat in Stein Sträflinge gegeben, die so ingrimmig menschenfeindlich waren, daß sie mit niemanden in Frieden eine Zelle teilen konnten. Der Zwist, der Krieg gegen alle, ist ihnen unversöhnbar ins Nervensystem übergegangen . . . . Einen kleinen Vogel aber haben sie mit aller liebenden Inbrunst, die unbehoben in ihrer Brust gelegen, gehegt und gepflegt. Ich kenne den Fall eines jungen, im Umgang mit Menschen höchst gewaltsamen Burschen, der fast die 97 Hälfte seiner wenigen Heller Arbeitsprämie für Vogelfutter ausgab, seinen »Kanari« täglich badete, fütterte, behutsam in die Hände nahm, streichelte, hochhielt, damit er frische Luft einatme und der . . . einen Zellengenossen mit einer Eisenstange niederschlug, sich aufs neue für Jahre den Zuchthausaufenthalt sicherte, weil der andere das Fenster unvorsichtig geöffnet hatte, so daß der einzige gute Gefährte des jungen Burschen, sein »Kanari«, ins Freie entfloh . . .

Im Gedränge.

Wir gehen ins Bureau des Herrn Direktors zurück. Eben ist Ausspeisung. Auf einem Gange stehend, lassen wir die Masse der Sträflinge an uns vorübergehen. Ein Strom von Sträflingen, alle schon in der dunklen Wintermontur, vier bis fünf in einer Reihe. Der ganze Gang ist schwarz von Menschen, die Stiege ist gedrängt voll. Dabei schiebt sich dieser Zug nach vorn und will doch kein Ende nehmen. Nach hundert oder hundertfünfzig Sträflingen taucht dann und wann ein Aufseher auf, der gemächlich einherschreitet. Vor uns, hinter uns, neben uns Sträflinge . . .

»Diese Masse,« flüstert mir der Direktor zu, »zu beherrschen, ist nicht so leicht.

Um diese Leute zu beherrschen, muß ich wissen, was sie denken. Ich rede ja viel mit ihnen. Aber ich muß in 98 wichtigeren Fällen gerade von ihren geheimen Verabredungen erfahren. Deshalb habe ich unter den Leuten meine Konfidenten, die mich von jeder wichtigeren Verabredung zu unterrichten haben. Sie können sich denken, daß das mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Die Sträflinge sind sehr mißtrauisch und hassen die »schwarz-gelben Lumpen«, wie sie jeden Verdächtigen heißen. Auch sind diese Berichte natürlich nicht sehr zuverlässig; ich muß sie immer erst überprüfen . . . Aber das alles wäre meine geringste Sorge. Das Ärgerlichste ist, daß ich so schwer passende Arbeit für die Leute auftreibe. Namentlich der junge Sträfling sollte hier in der Anstalt gerüstet werden fürs Leben; er sollte, wenn er schon hier sein muß, etwas lernen, um sich draußen sein Brot verdienen zu können. Junge Leute sollte ich nicht mit Stricken und Sackelpicken beschäftigen müssen! Überhaupt, vielleicht sollte man in allen Fragen des Strafvollzuges auch uns Gefängnisbeamte anhören. In Deutschland machen die Strafanstaltserfahrungen bereits eine ganze Literatur aus. Man sollte auch in Österreich auf die Stimme des erfahrenen Gefängnisbeamten hören!« Aber ich fürchte, es wird weitergestrickt und gepickt.

 


 


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