Stefan Großmann
Österreichische Strafanstalten
Stefan Großmann

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Garsten

Von Steyr aus führt eine stundenlange Kastanienallee hinüber nach Garsten. Die große Strafanstalt beherrscht den kleinen Ort. Ein paar schlecht gepflasterte Gassen mit niedrigen Häuschen, kaum ein größerer Kaufmannsladen im ganzen Dorf . . . Aber am Ende des Ortes liegt vierschrötig und mehrstöckig das große Gebäude der Strafanstalt, wohlvergittert jedes Fenster, von Militärposten bewacht jeder Eingang.

Ich klopfe an ein schweres, breites Tor, höre aber erst nur ein Rasseln mit einem Bund, an dem hundert Schlüssel zu hängen scheinen. Erst nach mehrfachen Antworten öffnet sich eine kleine Tür in der großen Pforte, ich steige eine breite Aufgangsstiege empor. Der Herr Direktor liest das Erlaubnisschreiben vom Justizministerium, läutet, läßt den Verwalter rufen, liest vorsichtsweise das Schreiben noch einmal und weist schließlich in kurzem militärischen Tone den Verwalter an, mir die Anstalt zu zeigen. Der Verwalter selbst, ein schlanker, beweglicher Herr, dem man sofort den schneidigen Offizier a. D. ansieht, führt mich.

Wir schreiten über den Korridor, an dem die Bureaus liegen, jeden Augenblick stehen wir vor einem die Stiege 44 ausfüllenden Holzgitter, das jeweilig ein Aufseher erst aufsperrt. Überhaupt dieses ewige Schlüsselgerassel! Es klingt mir im Ohr, sobald ich an Strafanstalten denke.

Endlich sind wir auf den Korridoren der eigentlichen Strafanstalt. Ein Aufseher sperrt eine dicke hölzerne Zellentür auf. Da liegt ein kleiner, leerer Schlafsaal. Die Sträflinge sind im Arbeitssaal. Achtzehn Betten zähle ich in der Schnelligkeit. Jedes Bett hat einen grauen, groben Strohsack. Dünne Decken liegen übereinander geschlichtet in einer Ecke. Sonst ist im ganzen Saale nichts wie Holzgestelle über jedem Bett eines. Dort ist der Napf für die Morgensuppe untergebracht, einige Sträflinge haben hier auch Bücher aus der Gefängnisbibliothek liegen. Im nächsten Schlafsaal sind zwanzig Liegstätten, im nächstnächsten sechsunddreißig.

»Vom Gang aus können Sie eigentlich fast nicht beobachten, was da vorgeht,« sage ich. »Es ist da nur die kleine viereckige Luke in der Tür. Von der aus kann man aber nicht einmal das ganze Zimmer überschauen.« Still und rein liegt so ein Schlafsaal bei Tage da. Selbst der Abort, der sich in einer Ecke befindet, stinkt jetzt nicht, trotzdem er eigentlich nur aus einem großen Kübel mit Sitzbrett besteht. Freilich zeigt mir der Aufseher gleich, daß der Kübel in einem größeren, mit Wasser gefüllten steht, also – wie der Aufseher sagt – Wasserspülung besitzt. Immerhin, mindestens bei Tag, ist kein Geruch im Saale zu spüren.

45 Von den Schlafsälen geht's hinüber zu den Arbeitssälen. »Wir haben hier in Garsten, wie Sie sehen, durchwegs nur Gemeinschaftshaft,« sagt mir der Verwalter halb seufzend; »was der Seelsorger oder der Lehrer oder das eigene Nachdenken Segensreiches bewirken könnten, das verliert sich bald unter dem Fluche des Beisammenseins mit anderen Verbrechern.«

Wir treten in einen Arbeitssaal. Sofort springen alle Sträflinge von den Sitzen, um stramm militärisch zu salutieren. »Setzen! Weiterarbeiten!« kommandiert der Verwalter. Es ist ein Arbeitssaal, in dem für einen Unternehmer Posamentierwaren erzeugt werden, hauptsächlich Gurten und Couvertdecken. Die Sträflinge sitzen geflissentlich in die Arbeit vertieft da, und wenn man über den Saal blickt, sieht man fast nur eine Menge gebeugter Rücken, die Köpfe in die Arbeit versteckt

Alle Sträflinge tragen die graue Tracht. Nur die Halstücher sind verschieden. Der Verwalter belehrt mich, daß auch diese Nuance im Anzug ihre Bedeutung hat. Die Sträflinge »der ersten Klasse« – die im ersten Drittel ihrer Strafe sind – tragen (sozusagen) weiße Halstücher, die Sträflinge »zweiter Klasse« – sie verbringen eben das zweite Drittel – tragen gelbe, die Sträflinge »dritter Klasse« – sie machen das Schlußkapitel ihrer Haft durch – tragen schwarze Halstücher. Die »Klassenunterschiede« machen sich nicht nur äußerlich 46 geltend. Der Sträfling erster Klasse erhält nur 1, 2, höchstens 3 Kreuzer Taglohn, der Sträfling zweiter Klasse doch schon 2, 3 und 4 Kreuzer und der Sträfling dritter Klasse 3, 5 und 6 Kreuzer Lohn. Von diesem Lohn darf der Sträfling die Hälfte für »Nebengenüsse« verwenden, als da sind: eine Mandel- oder Kräuterseife, 2 Stück Quargel, 50 Gramm Butter oder Speck, 100 Gramm Käse, 70 Dekagramm Erdäpfel, 0,7 Liter Milch, 0,35 Liter Kaffee oder Suppe, 0,35 Liter Wein oder 0,7 Liter Bier oder Most. Oft freilich, das läßt sich bei 2 oder 5 Kreuzer Taglohn, die überdies nur zur Hälfte »genossen« werden dürfen – die andere Hälfte wird dem Sträfling fruchtbringend angelegt –, ausrechnen, kann sich der einzelne Sträfling diesen Luxus nicht leisten. Ein anderer »Klassenvorteil« ist das Briefschreiben und -empfangen. Der Sträfling der ersten Klasse darf nur alle zwei Monate, der zweiter Klasse alle sechs Wochen und der dritter Klasse alle vier Wochen einen Brief empfangen und schreiben.

Die Garstener Anstalt hat folgende Arbeitsbetriebe: Posamenterie und Holzschnitzereien, Papiersäckeerzeugung, Buchbinderei, Schneiderei, Weberei, Tischlerei, Spenglerei, Strohhülsenerzeugung, Bäckerei, Wäscherei und Schusterei. Der Verwalter hat dafür zu sorgen, daß immer Arbeit für alle Betriebe da ist. Er muß ein Geschäftstalent sein, wenn keine Stockung eintreten soll. Nebstbei muß er ein ordentlicher 47 Wirtschafter und, wenn er sein Amt ordentlich führen will, ein scharfäugiger Beobachter der Sträflinge sein.

»Und überhaupt fast 800 Sträflinge haben wir hier,« sagt mir im Vertrauen ein Aufseher, »das ist ja viel zu viel. Da kann weder der Direktor, noch der Verwalter, noch der Seelsorger, noch der Arzt den einzelnen halbwegs kennen lernen. Und was kann herauskommen, wenn der Sträfling nicht richtig erkannt und nicht richtig behandelt werden kann?! Jede Anstalt, wo mehr als 300 Sträflinge sind, taugt nicht viel!«

Die Arbeitssäle sind licht und reinlich. Von Zeit zu Zeit spricht der Verwalter einen an, fragt ihn kurz: »Wie geht's?« – »Das Husten!« ist die ständige Klage der meisten Befragten. »Alle reden schon drüber,« fügt ein Sträfling hinzu. Ist das eine Beschwerde oder eine einfache Konstatierung? Fürchten die »Kollegen« die Nachbarschaft des gefährlichen Husters oder bedauern sie ihn? Wüten sie innerlich wegen der sicheren Ansteckung oder ist es ihnen schon ganz gleichgültig? . . . Der Verwalter sagt: »Na, es wird schon besser werden,« und wir gehen weiter. Aus den meisten Arbeitsbetrieben sind die privaten Unternehmer vertrieben. Es wird in eigener Regie gearbeitet, und zwar, wie man mir besorgt wiederholt, nur für ärarische Zwecke. In der Buchbinderei wird mir versichert, die ganze Arbeit, Notizbücher und Faszikel, ist nur für das Ärar. In der 48 Schneiderei wird mir eingebleut, alle Monturen, die hier angefertigt werden, sind nur für Feldwebel, Kadetten oder Staatsbahndirektionen. Diese emsig bei der Nähmaschine sitzenden, am Zuschneidetisch stehenden, das Bügeleisen führenden Sträflinge arbeiten nichts, das nicht ärarisch wäre. »Die Gewerbetreibenden brauchen nicht zu jammern.« Bei manchem Schneider sitzt ein »Lehrling«. Das sind natürlich auch erwachsene Leute, die aber erst in der Anstalt die Schneiderei erlernen . . . Früher, wenn ich nicht irre, auch heute noch in einigen Anstalten, arbeiteten die Schneider für Militärbekleidungsanstalten. Das war vom Staate allerdings weise arrangiert. Der Staat gab die Arbeit einem Unternehmer, und der Unternehmer kaufte sich bei ihm in der Strafanstalt wieder die billigen Arbeiter!

In der Tischlerei herrscht wieder ein Privatunternehmer, der hier einen Werkführer hat. In diesem Arbeitssaal ist mir das merkwürdigste Ereignis des Vormittags passiert. Da stand bei einem Fenster vor einem langen Tisch ein Sträfling. Ich trete hin, weil ich vermute, daß hier der Zeichner der Möbel steht. Was liegt da auf dem Tische? Ein Aquarell in den zartesten Farben, eine stilisierte Parklandschaft. »Sezession,« bemerkt der Sträfling erklärend. Ich kann gar nicht sagen, wie seltsam mich dieses geflüsterte Wort hier berührt hat. Nochmals sah ich mir die Arbeit an und bekam Lust, hier ein Talent zu entdecken. Der 49 Werkführer wollte mir nun noch mehr imponieren und zeigte mir gar eine große Landkarte, die derselbe Mann nach einer kleinen Vorlage musterhaft ausgeführt hatte. Aber mein Blick hing an der Parklandschaft, und wenn ich nicht ganz irre, so glaube ich von dem armen Teufel für mein langes, bewunderndes Betrachten einen dankbaren Blick bekommen zu haben . . .

In der Bäckerei koste ich das von Sträflingen erzeugte Hausbrot. Es ist ein festes Roggenbrot mit einem leichten säuerlichen Beigeschmack. Daneben ist die Wäscherei. Gleichfalls nur von Sträflingen betrieben. Die Gefangenen wechseln allwöchentlich einmal die Leibwäsche. Einmal im Monat wird die Bettwäsche gewechselt.(!) An die Wäscherei schließt sich das Badhaus. Dieses Badhaus ist ein rechter Skandal. Zehn Wannen, noch dazu alte, niedrige Holzwannen sind da alles in allem für 800 Sträflinge aufgestellt! Eine einzige, sehr primitive Brause! Jeder Sträfling – so wird mir auf Befragen geantwortet – nimmt abwechselnd einmal im Monat ein Fußbad, im nächsten Monat ein Vollbad. Das heißt: jeder Sträfling badet einmal in zwei Monaten!! . . .

Wie wir in die Küche treten, ist auf einem Tisch bereits sauber serviert: Lebersuppe mit Reis und Brei, gekochte Fisolen oder uneingebrannte, geschmalzene Erbsen sind das heutige Mittagessen. Für Kranke 70 Gramm Rindfleisch. 50 Ich koste die Lebersuppe. Einen Löffel. Ist das Suppe? denke ich. Niemals habe ich etwas so Farbloses, Geschmackloses auf dem Gaumen gespürt. Heißes, etwas gefettetes Wasser. Die Fisolenbohnen sind in Essig. In Gottesnamen, die gehen an. Nur muß ich mich wieder wundern, wie verhältnismäßig rein die Luft in den Sälen ist, trotz dem Brot und trotz den Hülsenfrüchten . . . Übrigens ist auch das Rindfleisch, von dem ich einen Bissen koste, eine harte Probe, zäh wie Schuhleder, nur noch reizloser. Der regelmäßige Speisezettel in Garsten ist folgender:

Kostnorm für gesunde Sträflinge der k. k. Männerstrafanstalt in Garsten.

Früh: Täglich 0,35 Liter Einbrennsuppe.

Mittags: Sonntag: Im Sommer (von Mitte April bis Mitte Oktober): 0,5 Liter Rindsuppe leer, 70 Gramm Rindfleisch im gekochten Zustand, ohne Knochen und ohne Flechsen, 0,5 Liter frisches Gemüse oder grünen Salat, ferner 280 Gramm = zwei Stück Knödel. – Im Winter (von Mitte Oktober bis Mitte April): 0,5 Liter Rindsuppe leer, 70 Gramm Rindfleisch wie oben, 280 Gramm = zwei Stück Knödel, 0,5 Liter Sauerkraut.

Montag: Im Sommer: 0,5 Liter Lebersuppe, abwechselnd mit Gries oder Reis, 0,5 Liter gekochte Fisolen als Salat, abwechselnd mit 0,5 Liter uneingebrannten, abgeschmalzenen 51 Erbsen. – Im Winter 0,5 Liter Lebersuppe, 0,5 Liter eingebrannte, gesäuerte Fisolen, abwechselnd mit abgeschmalzenen Erbsen.

Dienstag: Im Sommer: 0,5 Liter Milchsuppe mit 0,35 Gramm Pollbrotwecken, 280 Gramm = zwei Stück Knödel, abgeschmalzen oder mit frischem Gemüse. – Im Winter: 0,5 Liter Erdäpfelsuppe, abwechselnd mit 0,5 Liter Milchsuppe mit 35 Gramm Pollbrotwecken, 280 Gramm = zwei Stück Knödel, abgeschmalzen oder mit sauren Rüben.

Mittwoch: Im Sommer: 0,5 Liter Einbrennsuppe, 0,5 Liter Gries oder Reis in der Milch. – Im Winter 0,5 Liter Milchsuppe mit 35 Gramm Pollbrotwecken, 0,5 Liter Erdäpfelschmarn, 0,5 Liter Beuschel mit Kuttelflecken.

Donnerstag: Wie Sonntag.

Freitag: Im Sommer: 0,5 Liter Milchsuppe mit 35 Gramm Pollbrotwecken und 0,5 Liter Ritscher aus Erbsen und gerollter Gerste. – Im Winter: 0,5 Liter Milchsuppe mit 35 Gramm Pollbrotwecken und 0,5 Liter Ritscher.

Samstag: Im Sommer: 0,5 Liter Einbrennsuppe, 280 Gramm = 2 Stück Knödel mit frischem Gemüse. – Im Winter: 0,6 Liter Einbrennsuppe mit 280 Gramm = zwei Stück Knödel mit gesäuerten, eingebrannten Erdäpfeln.

52 Abends: Täglich 0,36 Liter Einbrennsuppe.

Außerdem erhält jeder Sträfling täglich: 700 Gramm Roggenbrot oder auf ärztliches Parere 560 Gramm Weißbrot.

»Die Kost ist gut?« will mir ein Küchenaufseher suggerieren. Ich erwidere nichts. Der Verwalter bemerkt die Pause und sagt: »Unangenehm ist für die Sträflinge nur, daß dieser Speisezettel förmlich für ewige Zeiten gilt. Er weiß, vom Tage des Eintrittes bis zum Austritt ist jeden Montag Lebersuppe und Fisolen, jeden Samstag Knödel und Einbrennsuppe. Immer diese Monotonie! Niemals eine Abwechslung!« Während wir alle hinaustreten, sagt noch irgend jemand (ich darf den Mann nicht näher bezeichnen): »Sehen Sie, und da gibt es noch Laien, die sagen, die Sträflingskost ist zu gut. Tatsächlich kann sich bei unserer Kost niemand auf die Dauer arbeitsfähig erhalten.« Der Verwalter, der ein paar Schritte vorausgegangen war, hört die letzten Worte und fügt gleich hinzu: »Das Justizministerium tut ja gewiß, was es nur kann.« . . . Die Anstalt besitzt übrigens eine eigene Anstaltsökonomie. Hier wird Zwiebel, Salat, Kohlrüben gepflanzt. Einen sehr großen Teil des Grundes nimmt allerdings der Herr Anstaltsdirektor für private Zwecke in Anspruch.

»Jetzt haben Sie so ziemlich alles gesehen,« sagt mir der Verwalter und führt mich gemächlich über die Höfe 53 dem Ausgangspunkt unserer Wanderung zu. Die Arbeitssäle, die Schlafsäle, die Küche mit Bäckerei haben wir gesehen. Aber was ist denn das, was bedeuten hier diese vergitterten Kellerfenster, denke ich, während ich daran vorübergehe. Hüte mich aber, sofort davon zu reden. »Wie sind Sie denn mit den Gesundheitsverhältnissen zufrieden?«

»O, es geht an. Wir haben wenig Kranke. Im Spital liegen gegenwärtig immer nur zehn bis elf Kranke. Bei 700 bis 800 Sträflingen ist das ein guter Stand.«

»Allerdings, was als leichtere Erkrankung bezeichnet wird, kommt nicht ins Spital.«

Mit möglichster Harmlosigkeit werfe ich die Frage hin: »Ist der Prozentsatz geistig Abnormer ein großer?«

Die Antwort lautet: »Hier – auffällig wenig. Höchstens drei, vier Leute haben wir hier, von denen ich glaube, daß sie ihre Handlungen nicht zu beurteilen vermögen. Der Herr Anstaltsarzt stimmt mir in dieser Abschätzung bei. Aber es handelt sich um Fälle, deren Strafe ohnedies bald zu Ende geht. Es steht nicht mehr dafür, eine Aktion einzuleiten.« Von diesen drei, vier Leuten, in manchen Anstalten waren es auch sechs, sieben, acht und mehr, nicht ganz normalen Sträflingen habe ich bei Besichtigung jedes österreichischen Zuchthauses gehört. Und fast überall ist es aus irgendeinem Grund »nicht dafür gestanden«, sich darum zu kümmern.

54 Wir sind wieder im Bureau des Herrn Verwalters, einem kleinen Saale von peinlichster Gewichstheit.

»Ja, nun haben wir so ziemlich alles gesehen, den ersten und zweiten Stock, die Parterreräume, die Ökonomie.« Nun frage ich offen: »Korrektionszellen haben wir eigentlich noch keine besichtigt?«

»Korrektionszellen? Ja, richtig. Na, es ist nicht viel dran. Dann und wann ist es ja nötig zu strafen. Sie können sich denken, daß man gegenüber dieser Rasse, die wir hier in Garsten haben, strenge Zucht üben muß. Einmal habe ich einen neunzig Stunden in der Korrektion lassen müssen, ehe er mürbe wurde. Aber im großen Ganzen folgen die Leute. Manchmal, wenn so ein Sträfling eingeliefert wird und man liest die Anklageschrift, denkt man, das muß ja einer sein, schwarz vor Niedrigkeit und Roheit, und hier ist er dann ein braver, williger, ruhiger Mensch.«

»Sind die Korrektionszellen im Keller?«

»Ja, im Keller und im dritten Stock. Es ist nichts Besonderes dort zu sehen. Wenn Sie durchaus wollen, zeige ich s' Ihnen natürlich gern. Aber ich glaube, es ist nicht sehr interessant.«

»Dürft ich dennoch darum bitten?«

Also stehen wir ein zweitesmal auf und steigen, wieder vom Schlüsselgerassel begleitet, die Stiege hinunter. 55 Über lange Korridore, durch versperrbare Holzgitter. Mit einem Male stehen wir vor einer Kellertür. Ein Aufseher kommt mit einer Laterne, denn es ist hier stockfinster. Eine ganz schmale, gewundene, ganz unbeleuchtete Wendeltreppe führt in den Keller. Mit einem merkwürdigen Lächeln sagt der Aufseher:

»Der Transport hier hinunter ist nicht immer sehr leicht.«

Ein fataler saurer Kellergeruch steigt einem hier in die Nase. Endlich sind wir die Stiege drunten.

»So,« sagt der Aufseher, »da ist die Korrektion.«

Da? Ich sehe nichts, es ist ja stockfinster. Der Aufseher leuchtet jetzt mit der Laterne herum. Aber das ist ja fürchterlich, denke ich. Das Wasser trieft ja hier von der Wand! Der ganze Boden ist feucht und kalt! Das ist ja gar kein gemauerter Raum, das ist eine unregelmäßig ausgehauene fensterlose Höhle! . . .

»Das ist hier der Leibring. An den werden sie gefesselt wie die wilden Tiere,« erklärte der Herr Verwalter. Der Verwalter leuchtet mit der Laterne hin. Richtig, in der Höhe der Bauchgegend ist hier ein etwa handbreiter Ring an einer Kette angebracht. Daneben ein gleicher Ring! Leibringe in der Runde! »Dieser Ring wird dem renitenten Sträfling um den Leib geschnallt, am Ring sind Handfesseln angebracht, da werden die Hände an dem Ring 56 befestigt.« Der Verbrecher hat das Gesicht der nassen, triefenden Wand zugekehrt und kann sich, da die Kette eng geschlossen ist, nicht zwanzig Zentimeter von der Wand entfernen. Die Hände, wie gesagt, sind in Handschellen am Ring gefesselt.

»Wie lange kann diese Strafe dauern?« frage ich.

»Bis zu acht Tagen.«

»Tag und Nacht?«

»Tag und Nacht ununterbrochen. Gewöhnlich genügt natürlich eine viel kürzere Frist, bis einer mürbe wird. Übrigens muß man bei Verhängung dieser Strafe vorsichtig sein, weil schwächere Naturen dafür nicht geeignet sind. Wir schauen deshalb bei dieser Strafe immer alle halbe Stund' oder alle Stund' nach, wie's mit dem Manne steht.« Ich erinnere mich daran, daß mir oben gesagt wurde, daß ein Sträfling 90 Stunden – wie ich jetzt weiß, ununterbrochen, Tag und Nacht – hieher gebracht wurde!

Wir stolpern über die Kellerstiege hinauf. Nicht mit einem Worte verrate ich meine Empörung über diese Strafzellen, an denen »nicht viel dran« ist. Ich erbitte mir nur sofort ein Exemplar der Hausordnung, um nachzusehen, ob diese unglaubliche Methode der Bändigung darin offiziell festgelegt ist. Im § 41 der Hausordnung lese ich folgende Aufzählung der Strafen:

  1. Ein Verweis unter vier Augen oder vor anderen Sträflingen. 57
  2. Zuweisung einer unliebsameren, schweren Arbeit.
  3. Zeitweise Entziehung der Nebengenüsse und sonstiger Begünstigungen.
  4. Entziehung der Morgensuppe.
  5. Fasten bei Wasser und Brot.
  6. Die Fesselung.
  7. Hartes Lager.
  8. Einzelhaft in der Korrektionszelle.
  9. Dunkelhaft.
  10. Versetzung in eine mindere Sträflingsklasse.

Die »Fesselung«, worunter sonst nur die Anlegung von Hand- oder Fußschellen verstanden wird, ist der sechste Punkt, die Dunkelhaft der neunte. Eine Kombination von Fesselung und Dunkelhaft ist nirgends in der Hausordnung enthalten. Vom Leibring, einer Garstener Spezialität, ist in der ganzen Hausordnung nicht mit einem Wort die Rede! Und der Leibring ist eine viel barbarischere Züchtigung des Sträflings wie die Fesselung, weil der Sträfling seine Stellung während der ganzen Zeit fast gar nicht verändern kann . . . Daß die Sträflinge hier bald »mürbe« werden, habe ich dem Herrn Beamten wohl geglaubt. Auch daß man hier alle halbe Stunden nachsehen muß, wie es mit dem Korrigenden steht! . . .

 


 


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