Stefan Großmann
Österreichische Strafanstalten
Stefan Großmann

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Řepy

Von Prag aus dreieinhalb Stunden zu Wagen. Blühendes böhmisches Land zu beiden Seiten. Apfel- und Zwetschkenbäume säumen die Landstraße ein, und endlos wogende Felder dehnen sich über das Land. Endlich taucht in der Ebene das kleine Türmchen einer Kirche auf, das ist der Kirchturm von Řepy.

Die Anstalt ist ein altes Klostergebäude, schwer, massiv, uneinnehmbar. So wie man eben Klöster baute, als wären es Festungen im Feindesland. Ich klopfe an das schwere, runde Tor. Eine Frauenstimme fragt hinter der geschlossenen Pforte nach meinem Begehr, vernimmt es und verschwindet. Nach ein paar Minuten wird geöffnet, es erscheint ein Herr in Beamtenuniform: der Herr Inspektor. Er führt mich in sein sauber gewichstes Bureau, das auf allen Seiten mit Heiligen- und Christusbildern geschmückt ist.

»Ich bin der einzige Mann hier in der Anstalt, die durchwegs von Nonnen verwaltet wird. Sofort werde ich alles der Frau Oberin melden, dann können wir den Rundgang antreten.«

Der Verwalter, ein sehr gemütlicher, kleiner Herr, verschwindet. Ich warte und warte. Während ich ungeduldig 74 zum Fenster hinaussehe, höre ich draußen minutenlang eine Glocke läuten, die durch das ganze Haus dumpf hallt. Was hat das für einen Sinn? Dann vernehme ich das eilige Trippeln vieler Frauen durch die langen Korridore. Das »Sofort!« des Herrn Verwalters dauert lange. Endlich erscheint eine Nonne an der Seite des Verwalters, eine kleine, handfeste, resolute Frau. Wir treten auf den Gang. Wieder eine Wanderung durch endlose schmale Korridore. Das Merkwürdigste sind hier die zahlreichen frommen Sprüche und Bibelworte an den Wänden. Über jeder Tür ein Gotteswort. Gleich über dem Eingang in den ersten Arbeitssaal lese ich:

Ihr, die ihr mühselig und beladen seid,
kommt, ihr sollt Ruhe finden!

Daß die Mühseligen in die Strafanstalten kommen und dort Ruhe finden sollen, hat Jesus, als er auf dem Berge predigte, wohl nicht so deutlich vor Augen gehabt . . . Die Tür ist offen. Wir treten ein. In einem lichten, weiß getünchten Saale sitzen die weiblichen Sträflinge an langen Tischen. In der Mitte des Saales, auf einer Art Katheder, hat die aufsichtführende Nonne Platz genommen. Die Farbe der Kleider ist wieder eine verschiedene, je nach der »Klasse« der Sträflinge. Blaue Zwilchkleider für Rückfällige, graue für Besserungsfähige. Alle reinlich, nett, wohlgepflegt. Hier ist der Stickereisaal. Handstickereien werden hier angefertigt, und auch auf der Maschine wird gestickt. Voll Stolz zeigt 75 mir die Oberin die ausgeführten Arbeiten, hauptsächlich Kirchenstickereien, gestickte Altardecken, Kirchenfahnen, Meßgewänder, Kelchdecken, alle Arten gestickter Paramente. In Gold- und Silberseide, in glutvollen, strahlenden Farben sind die Arbeiten ausgeführt, nach künstlerischen Mustern und Motiven. Aller Prunk und Glanz katholischer Kirchen ersteht plötzlich vor einem, sowie man vor diese zu heiligen Zwecken von unheiligen Händen verfertigten Stickereien tritt.

»Wir arbeiten fast nur auf Bestellung,« erklärt mir die Oberin.

»So? Wer bestellt diese Kirchenstickereien?«

»Die Pfarrämter selbst.« Wenn man bedenkt, daß gerade die »Vertreter des christlichen Volkes« stets am wütendsten gegen die Strafhausarbeit überhaupt (nicht nur gegen die Übelstände) wüten, so muß man die Weitherzigkeit der Geistlichen bewundern, die den schönsten Schmuck ihrer Altäre bei Sträflingen bestellen . . .

Ich sehe mich unter den Sträflingen um. Es sind lauter junge, glatte Gesichter. Von den Fenstern strömt helles Licht in diesen Saal, und wenn man diese jungen, klar gescheitelten, oft sehr hübschen Gesichter über ihre schöne Arbeit gebeugt vor sich sitzen sieht, dann hofft man, daß diese jungen Geschöpfe hier ein Leben in schöner Ordnung, inneren Friedens voll. führen . . .

76 »Hier sind meistens Kindesmörderinnen,« erklärt die Oberin gleichmütig.

Also Geschöpfe, die zum ersten Male abgestraft sind und die fast alle ihr Delikt begangen haben in einer Zeit psychischer und physischer Abnormität. Viele waren in Verzweiflung, viele in »minder zurechnungsfähigem, aber noch bewußtem Zustand«, wie die geschickte Sachverständigenformel gewöhnlich lautet . . . Daß hier die Sonne in breitem Strom durch hohe Fenster fällt, daß diese Frauen hier von ihren Sitzen hinausblicken können über einen riesigen blühenden Obstgarten, über Felder und Wiesen, daß sie erzogen werden zu einer schönen, auch sie selbst erfreuenden Arbeit, ich bin sentimental genug, dies dankbar zu empfinden . . .

»Wie wird denn diese Arbeit bezahlt?« frage ich später den Verwalter.

»Ja, das geht alles durch die Nonnen. Der Staat hat daraus keine Ingerenz. Er zahlt dem Orden nur jährlich ein Pauschale für die Verpflegung und Überwachung der Sträflinge. Die geistlichen Herren bezahlen an den Orden. Ich bekomme die Liste der Sträflingslöhne und sehe daraus, daß die Paramentstickerinnen Löhne von dreizehn bis höchstens achtundzwanzig Hellern erhalten.« Man sieht, die Altardecken und Meßgewänder werden für nicht sehr christliche Löhne angefertigt . . .

77 Wir verlassen den Saal und gehen wieder über den Korridor. Über einer anderen Tür steht in großen Lettern geschrieben:

Auf allen deinen Wegen beschützt dich Gott.

Was für ein schmerzlich überlegenes Lächeln muß auf den Lippen mancher jungen Kindesmörderin schweben, wenn sie hier zum erstenmal diese Worte liest . . .

Durch diese Tür treten wir in die Weißnäherei. Hier arbeiten 18 bis 20 Weiber. Viele haben das Weißnähen hier erst gelernt. Drei Monate Lehrzeit genügen, dann muß der weibliche Sträfling durch seine Arbeiten bereits seinen Befähigungsnachweis erbringen können. Nicht nur für die eigene Anstalt arbeitet hier die Weißnäherei, sondern vor allem wird hier für das Militär gearbeitet, besonders für die Anstalten in Wiener-Neustadt und Mährisch-Weißkirchen. Auch ein Unternehmer läßt hier arbeiten. Die Löhne der Weißnäherin sind achtzehn, sechzehn, zwölf Heller pro Tag. Die Hälfte des Lohnes darf jede einzelne für »Nebengenüsse«, unter denen hier in dieser böhmischen Anstalt an erster Stelle natürlich »Wuchteln« stehen, verwenden. Die andere Hälfte wird ihnen nutzbringend angelegt und beim Austritt eingehändigt.

»Pardon,« frage ich den Verwalter, »und wie ist das bei den Lebenslänglichen? Die erhalten doch wohl 78 ihren vollen Lohn, da sie doch vom nutzbringenden Anlegen keinen Nutzen haben!«

»Nein. Ordnung muß sein! Auch die Lebenslängliche erhält nur den halben Lohn, die andere Hälfte erhalten eben dann – die Erben.« Diese Aufbewahrung geschieht vielleicht auch mit Rücksicht auf die mögliche Begnadigung. Herr v. Holzknecht, der Gnadenvermittler, ist damit zwar nicht sehr verschwenderisch. Deshalb leiden gerade die Bedauernswertesten, die Lebenslänglichen, unter der harten Strafverschärfung der Entziehung ihres halben Sträflingslohnes!

Die übrigen Arbeitssäle beschäftigen die Sträflinge in einer Weberei und Spinnerei. Elf und neun Heller ist hier die tägliche Entlohnung. In einer Werkstätte werden Bettnetze für Kinderbetten geflochten. Die schlechtesten Arbeiterinnen werden für die Fabrikation von Papierdüten verwendet. Hier ist der höchste (vereinzelte) Lohn achtzehn Heller, die niedrigsten Löhne sind drei und ein Heller täglich.

»Diese da, die nur einen Heller Taglohn bezogen hat,« erklärt mir der Verwalter, »ist eine Frau, hoch über die Sechzig. Sie ist zuletzt nur sechzehn Tage im Monat arbeitsfähig gewesen.« Das Alter verursacht also eine furchtbare Strafverschärfung für den Sträfling! Diese hohe Sechzigerin, die von dem einen Heller Taglohn einen halben nutzbringend angelegt und den anderen Heller auf die Hand 79 bekommt, muß länger als einen Monat sparen, um sich einmal eine Wuchtel zu gönnen oder das Kapital zur Frankierung eines Briefes und zur Erschwingung der Kosten von Briefpapier und Kuvert zu erreichen! . . . Wie heißt der Spruch über der Tür, an der wir jetzt vorübergehen:

O Herr, Deine Barmherzigkeit ist groß,
Du hast mich aus der untersten Hölle erlöst!

Nun betreten wir einen Schlafsaal. 21 Betten stehen hier. Eine Kontrolle vom Gang aus ist während der Nacht nicht möglich.

Die fromme Schwester schläft nachts in einem Zimmerchen – neben den Sträflingen. Wenn man sie braucht, so pumpert und klopft man an die Mauer. Nur entferntere Schlafstellen haben eine Verbindung durch eine Klingel. Der primitive Verständigungsapparat läßt darauf schließen, daß die Nächte der Nonnen und auch der weiblichen Sträflinge gewöhnlich ungestört bleiben.

Die Anstalt hat auch eine Schule. Unterricht erteilt keine Lehrerin, sondern eine Nonne. Jede Frau unter dreißig Jahren ist schulpflichtig. Gruppenweise wird am Vormittag eine Stunde in Religion, am Nachmittag eine und eine halbe Stunde Elementarunterricht erteilt. »Manche ist hier hereingekommen,« sagte mir die Oberin befriedigt, »die bei Übergabe ihrer Effekten bloß drei Kreuzeln machen 80 konnte und beim Fortgehen mit Stolz ihren Namen schreiben konnte.«

Im Keller liegen die Strafzellen, die Dampfwäscherei und die Brotbäckerei. Der Wahrheit die Ehre: Auch der Keller ist licht und luftig, nur ein schwacher saurer Geruch ist wahrnehmbar. Die Disziplinarzellen können verdunkelt werden. Sie enthalten nur eine Holzpritsche. Je nach dem Grade der Strafe erhält der Sträfling nachts einen Strohsack, eine Decke oder – nichts. Der Name der hier jeweilig Internierten ist mit Kreide auf die Tür geschrieben. Zufällig blieb mir der Name Pawliczek im Gedächtnis, er ist mir später noch einmal aufgestoßen. Der Verwalter zeigte mir das Strafregister, damit ich auch die Strafgründe kennen lerne. Zum Beispiel: »Wegen anstößiger Reden im Schlafzimmer – vier Stunden Einzelhaft, einmal Fasten, hartes Lager« oder »Träge und nachlässig in der Arbeit – drei Tage Einzelhaft, einmal Fasten.« Eine andere Strafe erfolgte wegen – »unerlaubten Schreibens eines Liedes« . . . Dunkelhaft ist übrigens im ganzen Jahre keine verhängt worden. Der Name Pawliczek taucht in den Strafprotokollen immer wieder auf. Wieso?

»Ja, die ist nicht ganz normal,« erklärt der Verwalter. »Wir haben so fünf, sechs Weiber hier, die nicht ganz normal im oberen Stüberl sind. Außer der Pawliczek 81 haben wir jetzt noch eine drunten in der Korrektion. Was sollen wir denn tun mit denen, wenn sie so toll zu schreien anfangen? . . .«

Auch hier in Řepy also einige Sträflinge, an deren Zurechnungsfähigkeit selbst die Anstaltsleiter zweifeln. Werden sie störend, so steckt man sie in die Strafzellen im Keller!

Hier drunten ist auch die Brotbäckerei. Selbstverständlich fungieren die Weiber hier als Bäckergehilfen, sie haben den Teig gemischt, der hier in enormem Trog herumschwappt, sie schüren am riesigen, blanken Backofen, sie reihen die warmen, sauer duftenden Brotlaibe in die Gestelle ein . . . Daneben ist die Dampfwäscherei. Sie ist momentan nicht im Betrieb. Die Dampfkessel blinken und glänzen. Eine alte Nonne wird mir hier vorgestellt.

»Das ist unser geprüfter Dampfkesselheizer.« Wirklich, diese Nonne hat im Jahre 1870 die gesetzliche Kesselheizerprüfung abgelegt. Seitdem ist sie hier Leiterin der Sträflingsdampfwäscherei. Ist das nicht auch ein verstecktes Stück Frauenemanzipation? Man dürfte übrigens gerade unter Nonnen noch manche merkwürdige Entwicklung entdecken können.

Zum Bureau des Herrn Verwalters wieder aufsteigend, sagt mir der kleine gemütliche Herr, aufs vollkommenste böhmakelnd: »Ja, wir müssen eiserne Strenge entfalten!« 82 Man hört die barschen Worte, aber sie klingen eher aufschneiderisch als furchteinflößend. Da sind das resolute Wesen der Frau Oberin, ihre Wortkargheit, ihr strenges Gesicht, ihre rasch zürnenden Augenbrauen, ihre kurzen Befehle an die Sträflinge schon erschreckender.

 


 


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