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7. Kapitel. Keiner entgeht seinem Schicksal!

Die Deutschen aus der Pension hatten sich auf eine Bierreise begeben, denn sowohl Willi und Herr Kunz, als auch die Damen erklärten, daß sie die ewige Zitronenlimonade, sowie das selterähnliche Brausewasser satt hätten! Alle verlangte es nach einem echten deutschen Trunk. So wanderte man denn ins Spatenbräu, versuchte dann bei Wedde Löwenbräu und schloß in vergnügtester Stimmung im Münchner »Bierstüble« des Café Monico ab. –

Man wanderte heim. – »Halt, was ist da los?« – Die kleine Gesellschaft hielt an einer Straßenecke neugierig an. Ein Karren mit Windlichtern stand da, vollgepackt mit Traktätchen. Daneben vier gut gekleidete Damen, welche die Schriftchen verteilten, und ein gut aussehender Herr, welcher eine Predigt an die Umstehenden hielt. Nach wenigen Minuten gingen die Deutschen achselzuckend weiter. – Lotte schritt jetzt neben Fräulein Grete. »Was haben Sie heute gemacht, Frau Doktor?« – fragte diese. »Wir? – überlegte die Gefragte – Wir waren sehr fleißig. Zuerst fuhren wir durch den Hydepark zum Albert Memorial, dann in das Naturhistorische Museum, wo wir das Luncheon einnahmen. Danach besuchten wir die Nationalgalerie und fuhren von dort zum Essen direkt in die Pension! Sagen Sie, bestes Fräulein, sind Ihnen schon die drolligen Straßentypen hier ausgefallen?« – – »Ach, Sie meinen die gräßlichen Drehorgeln?« – – »Nein, die Maler und Malerinnen, welche mit unglaublicher Geschwindigkeit Bilder auf das Trottoir malen und ihre fertigen Gemälde gegen die Zäune lehnen? Das haben Sie auch schon gesehen!? Ist es nicht merkwürdig? Ich unterhielt mich heute mit einem so hübschen Mädchen, das auf der Erde lag und in fliegender Eile sehr nette Landschaften in Pastell auf das Pflaster warf. Sie sagte mir, daß sie dies seit Jahren thäte und von den Passanten sehr nette Aufträge bekäme, denn sie ernährt auch ihre Mutter damit. Die Leute bestellen Kopieen ihrer Bilder!« – – »Ja, Else und ich haben uns auch schon darüber unterhalten. Wissen Sie, Frau Doktor, wir finden aber die berüchtigte Trunksucht und die Bettelei hier absolut nicht so schlimm, wie wir erwarteten!« – – »Denken Sie, ich auch nicht, denn ich finde beides in Paris und zum Beispiel in Holland und Rußland weitaus schrecklicher. Allerdings kommen wir vielleicht nicht in die gefährlichen und schlechten Gegenden!« – – »Das müßte denn sein; aber man hottelt doch genug umher. Waren Sie übrigens schon bei Whitley, Maples und Robinson in den großen Magazinen?« – – »Gewiß – sagte Lotte eifrig – schöne Sachen giebt es da, großartig! Aber von den Gebäuden bin ich enttäuscht. Sie sind ja allerdings alt und nicht aus einem Gusse, sondern beständig erweitert worden. Aber unsere Gerson und Wertheim sind doch viel schöner!« – – »Aha, da sind wir am Russels Hôtel und gleich zu Haus, ich bin todmüde!« – »Ich auch.« –

Bald standen alle vor dem kleinen Hause. Willi schlug mit dem unmodernen, alten Thürklopfer gegen das Metall, woraus der Diener die kleine Pforte öffnete. Mit großer Wärme trennte man sich und begab sich in die verschiedenen Gemächer. Lotte und ihre Gatte bewohnten deren zwei, eins zum Schlafen und eins zum Aufenthalt. Doktor Feller war recht abgespannt. Er betrachtete sein Frauchen und fand auch sie blaß. »Hör', Schatzlieb, heute wird nicht mehr geschrieben, sondern sogleich hingelegt, ja?« – – »Ich schwöre es, denn ich bin sehr müde. Ich will mir nur noch den Stoß am Kleide annähen, dann komme ich sofort!« – – »Ehrenwort?« – neckte er. – »Du kannst mich holen, wenn ich in zehn Minuten nicht bei Dir bin!« – Er begab sich ans Auskleiden, während Lotte eine geheimnisvolle Thätigkeit entfaltete. Sie packte aus dem Koffer das Bild von Frau Feller, welches sie bisher vor ihm versteckt gehalten. Dies stellte sie inmitten von Vasen und Schüsseln mit Blumen auf, welche ihr der Pensionsdiener besorgt hatte. Vor diesem feierlichen Aufbau arrangierte sie eine ganze Reihe kleiner Geschenke und die Photographieen von den herrlichen Gemälden des Malers Watts, für den sie und Willi schwärmten. All diese kleinen Gaben für ihren Gatten hatte sie teils selbst besorgt, teils durch die liebenswürdige Besitzerin des Boardinghouses einkaufen lassen. – Nachdem sie das hübsch geordnet hatte, lächelte sie befriedigt und begab sich zur Ruhe. –

Sehr früh schon trieb sie die Unruhe empor. Willi schlief noch fest. Lotte zog sich ganz leise und vorsichtig an, kleidete sich in ihr bestes, mitgenommenes, hellseidenes Kleid, das er besonders liebte, und öffnete die Fensterläden. Dann beugte sie sich über den Gatten und versetzte ihm einen Nasenstüber. Er fuhr empor, rieb sich die Augen und blickte sie erstaunt an: »Nanu, Geliebtes?« – – »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag unserer lieben Mutter, möge sie uns noch lange, lange erhalten bleiben! – – – – – Doch nun, eil' Dich, Schatz, ich erwarte Dich drinnen!« – – Ehe er noch etwas erwidern konnte, huschte sie in das Nebengemach und zog die Thür hinter sich ins Schloß. – Willi beendete seine Toilette und klopfte dann scherzend an: »Ist es erlaubt, Frau Gemahlin?« – – »Rin in die gute Stube!« – jubelte sie. – Er trat herein und sah sogleich den Tisch, auf dem jetzt noch Kerzen zur Erhöhung der Weihe brannten. Die Aufmerksamkeit und Innigkeit des geliebten Weibes rührte ihn tief. –

Die Dankkundgebung zog sich beträchtlich in die Länge. Als sie beendet war, jammerte Lotte über ihre ruinierte Frisur und ihr zerdrücktes Kleid und machte sich sofort daran, die Schäden auszubessern. »Der heutige Tag muß würdig begangen werden, auch ich werfe mich in Gala – sagte er lachend – Dann sende ich Dicky sofort zu dem Fuhrgeschäft hier in der Nähe und bestelle einen Wagen für den ganzen Tag. Wir wollen heute Millionär spielen!« – – »Ach ja, laß uns einmal protzen, Liebster! Komm, wir wollen Programm machen!« – Sie setzte sich auf sein Knie und legte den Arm um seine Schulter. »Also zuerst trinken wir hier nur Thee und nehmen bei Fraskati ein gutes erstes Frühstück!« – »Bewilligt!« – – »Dann besichtigen wir die Nationalgalerie und fahren spazieren?« – – »Angenommen!« – – »Wo essen wir Luncheon?« – – »Im Hotel Cecil aui Viktoria-Embarkment; aber nobel! Ich stelle zusammen!« – – »Hurrah, kiebig!« – Sie küßte ihn jubelnd. – »Was dann?« – – »Dann fahren wir in die Königliche Akademie und sehen uns die Ausstellung an!« – – »Fein; aber dann um fünf Uhr sind wir zum Wagenkorso im Hydepark, ja?«– – »Wie Du befiehlst, meine Königin, wir halten uns dort auf und trinken Thee in den Kensington-Gardens und fahren zum Dinner ins Savoy-Hôtel. Den Schluß des Tages feiern wir bei Frau Ellen Terry und Herrn Henry Irving im Lyceum-Theater, wo heute Madame Sans Gêne aufgeführt wird!« – – »Woher weißt Du das, und wo bekommen wir die Billete her?« – – »Ich habe gestern darauf hin die Zeitung gelesen. Und die Billete lassen wir uns durch eins der Offices besorgen!« – – »Menschenskind, das wird ein teurer Tag, bringt das die Praxis schon ein?« – – Willi lachte: »Noch nicht ganz; aber wir waren bisher so solide und sparsam, daß wir heute schon extravagieren können, besonders da es Mama zu Ehren geschieht! Wir wollen ihr übrigens noch eine Depesche schicken!« – – »Ach ja, damit sie sieht, daß wir ihrer gedenken!« – – Lotte sprang auf. »Wie schön das Wetter ist! Famos! Alles wie bestellt!« – –

Willi sah sie an: »Hast Du nur den Reisehut mit und kein Sortie?« – Überrascht blieb die junge Frau stehen und schaute ihn an. »Dir piept es wohl ein bißchen – – – – Ein Sortie? Und noch einen Hut? Brrr!« – – »So kannst Du aber auf keinen Fall in die vornehmen Hôtels und auf keinen guten Platz im Theater gehen, Liebling!« – – »Nanu, ich bin Lotte Bach!« – – »Ist ja nicht wahr!« – – »Lotte Feller – verbesserte sie sich lachend – und wem es nicht paßt, der braucht mich nicht anzusehen. Du kennst mich doch!« – – »Ja; aber ich will mit Dir Staat machen, Kleines! Es soll nicht wieder heißen, daß die Deutschen immer die schäbigsten sind!« – – »Nanu, ich und schäbig? In diesem Kleide? Willi!« – – »Nein, Schatz, gegen Deine Kleidung habe ich heute nichts, trotzdem dies für englische Verhältnisse auch nur ein feines, einfaches Gesellschaftskleid ist! Du wirst hier die ältesten Damen in weißen, ausgeschnittenen Balltoiletten sehen!« – – »Pfui Deibel, nichts ist widerlicher als diese Auftakelung!« – – »Das ist Ansichtssache, Lotte, hier giebt es in dieser Beziehung keine Altersgrenzen. Du wirst es selbst sehen!« – – »Das finde ich aber gräßlich, Willi! Ich meine, wie jede Jahreszeit ihre Blumen und Kennzeichen hat, so müssen auch die verschiedenen Altersstufen ihrer Würde gemäß sich gebärden. Wir Deutschen sind doch bessere Menschen!« – – »Unverbesserliche Chauvinistin! Na – – – also Mama wollte Dich ohnehin mit irgend etwas erfreuen. Also werde ich die von ihr ausgesetzte Summe benutzen und Dir dafür nachher bei Peter Robinson ein Sortie und ein Theaterhütchen aussuchen. Ist Dir das recht?« – – Lotte war weiblich genug, sich sogar darüber wie ein Kind zu freuen. Sie umarmte ihn selig, sagte aber doch seufzend: »Es ist eigentlich eine Schande, soviel Geld für solch vergängliches Zeug aus dem Fenster zu werfen!« – »Sehr richtig; aber die Seide- und Spitzenhändler, die Luxusgeschäfte wollen auch leben!« – Das junge Ehepaar begab sich in das Speisezimmer, wo die anderen Pensionäre schon versammelt waren. Der Diener bestellte einen hübschen Landauer in dem nahen Fuhrgeschäft. Bald stand das Gefährt vor dem Gärtchen. Alle wünschten ihnen einen vergnügten Tag, und Lotte und Willi verabschiedeten sich und fuhren davon. Sie frühstückten gründlich in dem hübschen Restaurant bei Fraskati, erledigten ihre Besorgungen in dem eleganten Geschäft in der City und begaben sich in die großartige Sammlung der Nationalgalerie. Willi und Lotte begeisterten sich an den Schätzen und – – – – an dem chiken Hütchen aus Spitzen und Blumen, an dem duftigen, kostbaren Umhang, welche Dinge die junge Frau sofort eingeweiht hatte. Von den herrlichen Gemälden fort, blickte der stolze Gatte auf sein Weibchen. – »Na, ich gefall' Dir wohl heute?« – fragte sie stolz. – »Und wie! Süß siehst Du aus in dem Ding, so wie ein richtiges verheiratetes Frauchen! Garnicht mehr wie so eine mädchenhafte Touristin, Schatzlieb! Eure Reisehüte sind zu unkleidsam!« – – »Aber praktisch bei Regen und Sonnenschein!« – – »Mag sein, Liebstes, aber auf einer Hochzeitsreise hat eine Frau nicht Praktisch zu denken!« – – »Nanu?« – – »Nein, im Ernst! Sie muß nur hübsch sein und nur zerstreut, denkensunfähig vor Liebe! Sie muß nur den Gatten sehen, hören, sich verziehen und ihn für sich denken lassen!« – – »Ich danke! So einen Rausch liebe ich garnicht! Nein, sein Glück jede Sekunde mit wachem Verständnis und vollstem Bewußtsein genießen, ist viel hübscher! Aber sieh nur diesen Prachtvollen Murillo dort – – –!« – – »Ach, Du bist viel zu modern, Lotte! – seufzte er – Was soll mir die gemalte Spanierin? Mein Dickes ist mir viel lieber und schöner! Soll ich 'mal einen Gewaltstreich entrieren und Dich hier abküssen?« – – »Heiliger Bim! – Lotte floh drei Schritte – Willi, sei vernünftig! Ich flehe Dich an! Ich habe neulich noch von dem Schreck im British Museum genug. Die herrlichen »Schicksalsschwestern« von Phidias sind noch heute vor Entsetzen kopflos, so deutsch, so England unwürdig hast Du Dich da betragen!« – – »Au! – er lachte – Laß sie! Du bist allein schuld, warum bist Du so geliebt!« –

Während das Ehepärchen in Kunst und Liebe schwelgte, hielt ein Hansom vor ihrer Pension. Eine starke Dame entstieg ihm, verglich die Hausnummer mit der geschriebenen Adresse auf einer Postkarte und eilte energisch die wenigen Stufen empor. Sie schwang mit Vehemenz den Thürklopfer und harrte, bis geöffnet wurde. In unglaublichem Englisch fragte sie alsdann den Diener, ob Herr und Frau Doktor Feller zu Hause wären? – Er verneinte. Nun blätterte sie in einem Notizbuch und atmete erleichtert auf, als sie die sorglich niedergeschriebenen Sätze fand, welche sie aus dem Wörterbuch und dem Sprachführer zusammengestellt. Sie las die Phrasen, zum geheimen Gaudium Dickys, schnell ab, machte aber doch ein recht ratloses Gesicht, als er seine englischen Antworten hervorbrachte. Sie verstand kein Wort. – Aus diesem Dilemma erlöste sie der gute Zufall, welcher Fräulein Else und Grete gerade in das schmale Flürchen führte. Diese kamen ihr zu Hilfe. Die Unterhaltung kam jetzt flott zu stande. »Zu wem wünschen Sie, gnädige Frau? Zu Doktor Fellers, wenn ich richtig gehört habe?« – – »Ach ja! Gottlob, endlich ein vernünftiger Mensch in diesem verwünschten Lande! – seufzte die Gefragte erleichtert – Ist meine Nichte nicht da?« – – »Ach, Sie sind die Tante von Frau Doktor?« – – »Ja, das bin ich!« Stadträtin Krause aus Graudenz stellte sie sich vor. »Sehr angenehm!« – dienerte Fräulein Else und stieß ihre Freundin an. Sie wußten, daß Lotte vor dem Auftauchen dieser Verwandtschaft zitterte. »Wo ist denn das Kind, wann kann ich es denn treffen? Wir haben heute erst die Adresse erhalten und fuhren deshalb so früh her, um das junge Paar ja nicht zu verfehlen! Wir sind in dieser Stadt verraten und verkauft!« – – »Ach, doch wollen Sie nicht näher treten, gnädige Frau?« – – »Nein, danke, mein Mann ist im Wagen.« – – »So! Also Ihre Frau Nichte ist mit ihrem Gatten in der Nationalgalerie und wird heute mit ihm im Cecil-Hôtel das Luncheon einnehmen. Sie treffen beide da oder dort sicher!« – –

Frau Krause ließ sich noch einmal die Namen und Straßen vorbuchstabieren, notierte sie und sagte seufzend: »Ich danke Ihnen für die Auskunft, meine Damen! Wir werden sofort versuchen, die Leutchen zu treffen. Sollte uns das nicht gelingen, so bestellen Sie dem jungen Paar, bitte, daß wir morgen um zehn Uhr wieder hier sein werden. Ich habe die Ehre!« – – Sie reichte den jungen Damen, welche lachend zurückblieben, die Hand. »Frau Doktor wird sich ja wundern, wenn die alte Dame auftaucht!« – – »Eigentlich hättest Du ihnen den heutigen Tag noch gönnen sollen!« – – »Gerade nicht, ich freue mich über die Rache, welche mir das Schicksal in die Hand spielte. Sie hat mich zuviel mit dem Italiener geneckt, die kleine Person! Und daß sie uns neulich unter diesen steifen, musterhaften Engländern beim Dinner alle zum Lachen, sogar zu einem regelrechten Lachkrampfe verführte, das muß auch bestraft werden! Bei dem Gedanken, daß sie in dem luxuriösen Hôtel von dieser Dame aufgestöbert werden, könnte ich mich krank lachen!« – –

Ahnungslos über das Bevorstehende verließen Fellers die Sammlung und fuhren nach dem schönsten Teil der Stadt. Ihr Wagen rollte in den prachtvollen Hof des Hôtels ein. Flinke Diener halfen ihnen beim Heraussteigen; dann wurde der Kutscher auf zwei Stunden beurlaubt. »So, Liebling, sieh Dir diesen Lichthof an, diese bequeme, vornehme Einrichtung. Ich werde Dir 'mal die Lese- und Schreibsäle, den Drawingroom, das Rauchzimmer und den Speisesaal zeigen, ehe wir speisen!« – Willi kannte das Hôtel von früher. Er freute sich an dem Entzücken seiner Gattin, die besonders über den Empire- und den ägyptischen Saal außer sich geriet. »Weißt Du, Willi, so großartig all die Räume sind, so imponieren sie mir doch noch weniger als die Menschen, welche man hier sieht: Dienerschaft und Reisende! Diese vornehme Lautlosigkeit! Dieser höchste, raffinierte Luxus! Es umweht einen hier der Duft von Millionen, die mit Geschmack und Verstand graziös ausgegeben werden!« – – Sie gelangten in den Speisesaal. Wieder war Lotte entzückt. Die kleinen Tische waren auf das Kostbarste gedeckt und mit den herrlichsten, in den Farben zart abgetönten Blumenaufsätzen geschmückt. Eine Schar von Kellnern flog ebenso lautlos hin und her, wie die vielen Speisenden mit den Messern, Gabeln und Tellern hantierten. Trotzdem der Saal fast gefüllt war, hörte man kaum einen Laut. Die Unterhaltungen wurden geflüstert. »Draußen, von der Terrasse hat man einen prächtigen Ausblick auf den Fluß, die Westminsterabtei und das Parlament. Da werden wir nachher unsern Kaffee einnehmen. Jetzt werden wir erst essen!« – Willi schob ihr die schön bedruckte, eigenartige Menükarte hin. Sie wählten und bestellten. »Weißt Du, Schatz, momentan bin ich die feinste mit im Saale. Die Damen sind ja recht elegant gekleidet; aber doch nicht in Balltoiletten, wie ich dachte.« – – »Dummchen, jetzt ist doch nur Luncheon! Warte nur, abends wenn wir im Savoy-Hôtel dinieren, wirst Du Augen und Ohren aufsperren!« – – »Na, da bin ich gespannt!« – Sie begannen zu speisen und mokierten sich dabei leise über die Umsitzenden. Plötzlich fiel Lottes Blick nach der Thür, welche von einem der Diener aufgerissen wurde. Ihre Augen öffneten sich entsetzt, sie ließ Messer und Gabel fallen. »Willi!« – – »Was hast Du, Liebling?« – Besorgt blickte er in ihr erblaßtes Gesicht. – »Sieh nur, dort kommen – – – –« – Er wandte sich um und sah mit unbehaglichem Gefühl auf das eintretende Paar. Der Herr war einwandsfrei und gut gekleidet. Dagegen sah die starke Dame fürchterlich aus. Sie trug ein graugrünes Lodenkleid, das trotz des vorzüglichen Wetters rings um die enormen Hüften durch Riegel mit Knöpfen emporgerafft war. Über dem grauen Scheitel wippte ein verwegenes Reisehütchen, eine Jägerfaçon, die weder dem Alter noch der Würde der Besitzerin zukam. »Krauses!« – sagte er leise und verstimmt – wenn sie uns bloß nicht entdecken!« – – »Tante hat sich für eine Alpenbesteigung gekleidet!« – flüsterte Lotte, der die Stadträtin in dieser Umgebung so komisch erschien, daß ihr die gute Stimmung wiederkam. – – »Das ist ja kompromittierend!« – stöhnte Willi. – »Ach was, Schatz, wer kennt uns hier? Eigentlich können wir auf die Hochachtung dieser Fremden doch pfeifen, und hoffentlich sehen sie uns nicht!« – –

Das war ein eitler Wahn! Er schwand sofort. »Da sind sie ja! Lotte! Lotte!« – tönte es plötzlich freudig durch den stillen Saal. – »Komm doch, Krause, da sind ja die Kinder!« Alle wandten die Köpfe. Lotte sah das Erstaunen und impertinente Lächeln auf den Gesichtern. Sie sah die Tante, mit dem Schirm fuchtelnd, mit strahlendem Gesicht auf sich zusteuern und erhob sich in peinlicher Verlegenheit. Auch Feller stand auf. So eisig zurückhaltend sich beide benahmen, so absichtsvoll sie ihre Stimmen bis zum Gemurmel abdämpften, – es half ihnen nichts. Die Graudenzer waren zu beglückt, endlich Deutsche und nun noch gar Verwandte gefunden zu haben, besonders Frau Krause. Sie lachte und schwatzte laut. Sie kritisierte London mit einer Ungeniertheit, welche Willi und Lotte abwechselnd zum Erröten und Erblassen brachte. Auch sie hatten sich die gleiche Mahlzeit wie Fellers bestellt und begriffen nicht, daß diese fortwährend zur Eile antrieben. Beide kamen absolut nicht mehr zum Genusse und wurden immer verstimmter. Willi sprach kaum mehr, und Lottes Gutmütigkeit und verwandtschaftliche Rücksichtnahme wurden auf eine harte Probe gestellt. – Endlich war man fertig.

»Was habt Ihr für den Nachmittag vor, Kinder? Wir schließen uns Euch an, wo Ihr auch hingeht! Mein Mann hat seine Geschäfte mit dem Agenten bereits erledigt, und wir müssen die Zeit totschlagen!« – – »Das wird nicht gehen, liebe Tante, wir müssen in die Akademie, und Euch kann die Ausstellung, die sehr schlecht sein soll, nicht interessieren.« – – »Ehe wir wieder allein umherwandern, kommen wir doch mit! Was wollt Ihr dann thun?« – – Das Ehepaar tauschte ratlos Blicke aus. »Für den Abend haben wir Theaterbillete.« – – »Das ist ja schön, wir werden doch hoffentlich – – –« – – »Ich rate Euch ab, Tante Krause, entschieden! Ihr versteht ja doch nichts! Geht lieber in das Empire- oder Alhambratheater, wo Ihr Ballett und Variété-Künstler seht!« – – »Ih nein, wir bleiben beisammen!« – widersprach sie. – »Für den ganzen Tag geht das leider nicht, gnädige Frau! – sagte der Arzt verzweifelt – Denn wir sind zum Essen bei einem Kollegen geladen und fahren von dort direkt ins Lyceumtheater. Vielleicht versuchen Sie noch Karten zu bekommen, trotzdem ich fast daran zweifle!« – – Krauses überlegten und entschieden sich, durch Lotte gedrängt, endlich zum »Empire«. – »Wie lange bleibt Ihr noch in London, Onkel?« – – »Geschäftlich bin ich fertig, Kindchen, und möchte gern nach Haus. Aber Tante hat es sich in den Kopf gesetzt, mit Euch noch London zu genießen. Bisher hatte sie wenig Genuß, da wir ohne Sprachkenntnis ganz auf die Informationen unseres Hôtels, das sehr gut ist, angewiesen sind. Und das Umherfahren mit einem Dolmetscherführer ist fürchterlich. Tante glaubt beständig, daß wir übervorteilt werden und zankte sich die drei Tage ununterbrochen mit dem Manne!« – – »Weil er ein Betrüger war! Ich lasse mich eben nicht begaunern!«

Lotte stieß Willi an und machte ein betroffenes Gesicht.

Die Herren zahlten. Man erhob sich und begab sich auf die schöne Terrasse. Im Vorübergehen sah Lotte auf vielen Gesichtern spöttisches Lächeln und hörte verächtliches Raunen über das Deutschtum. Sofort erwachte ihr Nationalgefühl und ihre Sympathie für die am liebsten verleugnete Tante. Sie wandte sich an ihren Gatten und sagte auf englisch ziemlich laut und verständlich: »Heute erleben wir ein umgekehrtes Verhältnis. Sonst ist der Engländer mit seinem Anzuge als Reisender die komische Figur des Kontinentes. Heute kann er an der abstechenden Erscheinung dieser Dame endlich sehen, wie er selbst bei uns wirkt!« – – »Lotte!« – – »Ich kann nicht anders, sonst ersticke ich! Was bilden sich diese Menschen denn ein!« – – Willi war außer sich. Die Bemerkung seiner Frau war an mehreren Tischen verstanden und wurde kommentiert. Sie hängte sich vergnügt an Tante Stadtrats Arm. »So, Tante, nun habe ich meiner Bosheit freien Lauf gelassen. Jetzt thust Du mir den Gefallen und knöpfst mal vor allen Dingen den Rock herunter, denn wir sind hier nicht in der Schweiz. Und dann wirst Du Dir, bitte, einen andern, kleidsameren Hut besorgen!« – – »Ich? b – –« – – »Ja, die Bande macht sich hier über Dich lustig. Sehr schön bist Du auch nicht gekleidet, wenn auch noch genau so, wie die Beefsteaks, wenn sie unter uns gondeln!«

Stadtrats waren verblüfft. Er freute sich heimlich, denn unter Lottes energisch heiterem Wesen ging seiner Gestrengen zum ersten Male die Energie flöten. Sie fügte sich kleinlaut. Als man später in die Akademie der Künste fuhr, sah die edle Stadträtin wenigstens durch einen neuen Hut mit Schleier und durch eine Boa etwas feiner aus. Willi trennte sich von ihnen und wanderte allein umher. Lotte mußte es sich gefallen lassen, daß Onkel und Tante nicht von ihr wichen. Ihre Laune wurde von Viertelstunde zu Viertelstunde schlechter. Auch nach den Kunstgenüssen, als sie die Fahrt durch den Hydepark machten, ärgerte sie sich. Ihr Gatte verhielt sich still in seiner Verstimmung, und sie rügte dies in Gedanken, weil es doch eigentlich eine Rücksichtslosigkeit gegen ihre Verwandten war. – Sie trennten sich endlich, nachdem sie die Graudenzer noch in einen Hansom gesetzt und den Kutscher genau unterrichtet hatten.

Kaum waren der Onkel und die Tante außer Hörweite, da gab es erst ein kleines Wortgefecht und dann eine warme Versöhnung. Das Pärchen war glücklich, wieder allein zu sein. Das Dinner im Savoy-Hôtel überraschte Lotte. Diesmal war sie nicht die feinst gekleidete Dame, sondern kam sich unter den mit Brillanten behangenen Ladies in Balltoiletten fast schäbig vor. »Weißt Du, Liebster, der Anblick dieses Saales ist so blendend und feenhaft, daß er mir in dauernder, guter Erinnerung bleiben wird; aber – – – –« – – »Schon wieder ein Aber, Du Neinpartei?« – sagte er lachend. – »Aber – meinte sie entschieden – diese englische Sitte werden wir in unser neues Heim nicht mit übernehmen. Es ist ja sehr feierlich und hat auch viel für sich, wenn man sich für die Hauptmahlzeit des Tages gut kleidet! Trotzdem bin ich nicht dafür, mir ist es ungemütlich! Haare glatt streichen und Hände waschen, genügt mir, und ich dispensiere Dich vom Frack oder schwarzen Anzuge!« – – »Wird dankend angenommen, Frauchen, dieser Zwang im englischen home life ist das Einzige, was mir nicht gefällt! Er ist überhaupt nur möglich, wenn man die ganze Lebensweise danach führt, das heißt, wenn man nicht mehr nach dem Dinner arbeitet, sondern den Abend zur freien Disposition hat. Für mich als Arzt wird solche Tageseinteilung auch ohnehin absolut unmöglich sein.« – – »Du, von der ganzen englischen Küche, die wir hier doch in ihrer Vollendung kennen gelernt haben, übernehme ich auch nur zwei Sachen – –« – – »Und die wären?« – »Die gerösteten Brotscheiben und die eingemachten Früchte und Marmeladen, sonst halte ich mich an Mutters Rezepte! Ist Dir das recht?« – – »Mir ist alles recht, was Du thust, Geliebtes!« – – »Na na?« – – »Doch!« – – »So, an dies Wort werde ich Dich seinerzeit erinnern, Schatz!« – –

Sie fuhren nach dem Essen zum »Strand«, wo das Lyceum-Theater lag. Willi hatte die besten Plätze – » Stalls« – erworben, ganz nahe beim Orchester. Hier sah Lotte noch einmal die Londonerinnen im höchsten Glanz ihrer Toiletten und Juwelen. Alle trugen kostbare Theaterumhänge mit Brillantagraffen, frische Blumen, von Brillantnadeln gehalten. Während der Aufführung wanderten ihre Blicke oft genug zu den geschmückten Damen ringsum, und sie sagte leise zu ihrem Gatten: »Schau umher, Schatz, ich habe recht! Eitelkeitsmarkt! Wie im Hydepark! Und die Schminke, die Emaille, der Puder!! Nee, das ist nichts für mich! – – In der Pause begaben sie sich ins Foyer. Und wer trat ihnen gleich am Ausgang aus dem Saal entgegen? Krauses! – – »Wir haben Euch schon lange gesehen, Kinder! – brüllte die Tante begeistert – Onkel hat noch mit Not und Mühe Billete aufgetrieben. Diesen Abend wollten wir doch mit Euch verleben und nicht im Empire sitzen! – So eine Frechheit von dem Händler, denkt Euch, er hat uns pro Platz 15 Schilling abgenommen!« – – Fellers mußten sich in ihr Schicksal finden und thaten es gutmütig. Schließlich saßen sie ganz vorn und Krauses ganz hinten, so daß wenigstens die Vorstellung ungestört verlief. –


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