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2. Kapitel. Plauderbriefe und Postkarten aus den Niederlanden

Amsterdam.
An Frau Grete Seffmann.

»Geliebtes Freundinnenherz! Du bist ein hochanständiger Charakter und hast Dir die Ansichtskarten verbeten! Glaubst Du, daß ich den Hinterhalt in diesem Verbot nicht sehe? O Du, ich bin nicht aus Dummsdorf! Du willst einfach die kurzen Grüße nicht haben, die nur auf die bebilderten Pappen gehen! Du willst solide vollgekritzelte Karten haben, Moloch! Na, weil Du, Geliebtes, brav bist und, dem Himmel sei Dank, Rekonvalescentin, so will ich Dir heute ausführlich erzählen und einen langen Schreibebrief spendieren. Ich opfere meinen Mittagsschlaf, bitte, erkenne das an! Samt Deinem lieben Paulgatten und dem Lottenkind! – – Etwas konfuse werden ja all meine Briefe von dieser Reise werden, das müßt Ihr schon einsehen und entschuldigen. Wenn ich nämlich schon mal schreibe, und das geht bei mir stets wie der Wind, dann legt sich mein Herr und Gebieter neben den Tisch auf das Sofa. Er blickt mich unausgesetzt an, macht verliebte Bemerkungen oder schilt. Vor allem dremmelt er, daß ich zu Ende kommen und mich mehr ihm widmen soll. Hat Paul Dich auch so gepiesackt? – Man hat sein Kreuz mit den Männern! Es ist ein Glück, daß die Natur uns so mit Blindheit schlägt! So fühle ich mich, zum Bleistift, die ich doch, wie eben geschildert, Grund zum Gegentheil habe, so fühle ich mich also so unbändig glückselig wie nur in diesem Erdenthale möglich! Meine Stimmung wechselt. Bald möchte ich Purzelbaum schlagen, bald alle Welt umarmen, wobei ich dann doch meist aus Ermangelung an besserem Material nach Willi greife! Bald möchte ich vor Übermut die Sonne ausblasen, und dann wieder vor Wonne weinen!

Doch dies alles kennst Du ja, Gretelein, hast ja selbst in dem Fache gearbeitet! Darum denke an die seligsten Stunden Eurer Flitterei! Bon , genau so empfinde ich jetzt! – – Darum sollst Du jetzt nicht von mir, sondern von etwas Interessanterem, von Holland, hören! – Wie Du aus dem Poststempel ersehen kannst, sind wir in der alten, interessanten Hafenstadt. Unser Hotel liegt zwar nicht in Berlin; aber ich sage Dir, es ist nobel. Der wundervolle, reichgeschmückte Saal mit dem sich anschließenden Palmengarten ist leider ohne Gleichen in unserer Vaterstadt. Ich könnte nur wünschen, daß sich bei uns mal eine Gesellschaft fände, die so ein luftiges und großartiges Lokal wie dies Krasnapolsky'sche etablierte!

Doch, pardon, ich wollte von dem interessanten alten Amsterdam berichten. Also ja, hochinteressant sind ja die schmalen hohen Häuser mit ihren Giebeldächern, die engen, winkligen, uralten Straßen! Famos sind die baumbestandenen Kanäle, die Grachten, welche sich zu immer größeren Halbkreisen ins Land hinein erweitern. Äußerst malerisch ist das Leben auf diesem, nicht gerade klaren Wasser, sind die kleinen hohen Brücken überall, neben denen zuweilen grüne Büsche ihre Zweige bis zum Wasser neigen. – Je weiter Du vom Hafen fort nach dem Reichsmuseum zu wandelst, um so feiner werden die Bauten, wird die Gegend. – Und doch bewundere ich die holländischen Frauen aus zwei Gründen. Sie sind doch wegen ihrer Reinlichkeit weltbekannt, nicht wahr? – Du, aber für Luft und Licht scheinen sie nicht sehr zu sein. Denke, hier bewohnt fast jede Familie ein Haus. Manche sind furchtbar nobel; wenn man hineinschaut, sieht man recht soliden, lang erhaltenen Kaufmannsreichtum: wundervolle Kronen, wertvolle Gemälde in goldenen Rahmen, geschnitzte Thürpfeiler, kostbare Portieren und stoffbespannte Wände, ähnlich wie bei den Hamburger Patrizierhäusern. Aber – – – – und das wäre nischt für unserer Mutter Töchter – – – ganz veraltete Schiebefenster! Der untere Flügel ist in den oberen hinaufgeschoben, so daß notorisch nur die Hälfte des Fensters geöffnet werden kann! Zu wenig Luft!! Dazu überall, faktisch ohne Ausnahme, seien sie nun aus einfachstem Kattun mit Zacken, bis hinauf zur schwersten Seide mit reichen Stickereien und echten alten Spitzen – – – – Vorhänge! Trotz Übergardinen und Stores überall noch Vorhänge, die stets bis zur Mitte der Fensteröffnung, zuweilen auch ganz hinabgelassen sind. Während die Sonne brütet, kann ich das verstehen, man läßt nicht gern Staub herein und die Farben ausziehen; aber von früh bis spät bammelt die ›Geschichte‹, selbst im Abendschatten, herab. Also – – – zu wenig Licht!! Sollte der große Rembrandt schon durch Muttern auf sein wundervolles » clair obscur « gebracht worden sein? – Nun zum zweiten Punkt: Die Frauen hier scheinen für ihre kleinen Wasserratten-Kinder keine Angst zu haben. Alle die Kanäle sind ohne jeden Schutz. Die steile Steineinfassung fällt senkrecht ab, das Wasser steht oft bis zum Rande; aber keine kleine Einzäunung, keine Kette, nix schützt! Dazu, sobald es dunkel wird, nur hier und da eine armselige, winzige Laterne. Sowas von Düsternis! Dagegen ist selbst unser Tempelhofer Ufer feenhaft beleuchtet, und das will doch was sagen! Was machen hier die Kurzsichtigen und die Kinder? – – – Unsere kleine Lotte dürfte hier nicht spielen, was? –

Oben, im Giebel, ist an allen Bauten ein starker Haken, oft ein kleines Wellenrad mit Ketten befestigt. Das ist ebenso ins Auge fallend wie die winzigen Hauseingänge, zu denen Stufen mit, aber auch ohne Geländer hinaufführen. Man fragt sich oft, wie bekommen die ihre Möbel hinein oder wie kann da nur ein Sarg hinaus? Heute wurde mir die Antwort! Bei den Umzügen werden die großen Stücke eben über jene Dachhaken hinaufgezogen und durch die Fenster spediert. Gelungen, was? Mit den Särgen machen sie es hoffentlich anders. Denn selbst eine vom Dache aus hinabgesenkte »Erbonkelsleiche« würde unangenehm wirken. Mit Fenstern knapsen sie überhaupt, denn nur eine bestimmte Anzahl ist erlaubt, jedes Mehr kostet Steuer! – Dein Hausfrauenherz würde lachen, Greteken! Erstens vor Freude über die kleinen Milchgefährte mit ihren weißgescheuerten Holzgeräten, ihren blitzblanken Zinngefäßen und den wie strahlendes Gold erglänzenden Milchkannen. Donnersachsen, dagegen erblaßt selbst unser weißer Bimmelbolle! – Dann würdest Du Hohn schnauben, und die niederträchtig verhetzte Dienstbotenbewegung träte in eine neue Phase, wenn wir – Holland wären. Also paß Achtung, Weib! Gehst Du ahnungslos über die Straßen, so stehst Du, bei böswilligen Absichten, plötzlich hustend, spuckend und in Staub gehüllt. Das heißt, nebenbei bemerkt, ich fand die Holländer Dienstboten in dieser Beziehung äußerst anständig und wohlerzogen. Sie sehen überhaupt mit ihren hellen Kleidern und hübschen Häubchen im Haare sehr niedlich aus. Um zur Sache zu kommen: hier stehen zwei und klopfen Möbel. Dort schüttelt eine Teppiche aus. Hier ist ein Gestell aufgestellt, darüber wird ein schöner Smyrna geklopft, dort ein Läufer, eine Portiere gebürstet. Das alles mitten auf der Straße, mang det Publikum, zu ulkig, nicht? Ich habe keinen Hausangestellten, mit Respekt zu vermelden, sich überanstrengen sehen! – Die Polizei regelt zwar die Stunden; aber diese Reinlichkeit auf dem Damme ist weder sauber noch gesund! Die Leutchen haben nämlich keine Höfe, daher der Straßengebrauch. – Sonnabend scheuert übrigens alles. Da macht ganz Holland »rein«, und neben dem Staub rieseln Bächlein mit solidem, schwarzem Schmutzwasser plötzlich über die Wege. Dann hat man harmlos ein Eimerchen ausgegossen! Oder Du wirst bespritzt, weil ein Häuschen von außen abgeschrubbert oder einige Scheiben abgesprengt werden! Was thut es? Es jeht nischt über die Jemütlichkeit! –

Grüße alle Lieben, küsse Mann und Sprosse von uns! Mit Gott weiter die beste, schnellste Besserung, wie sie aus treustem Freundinnenherzen für Dich erfleht die soeben von ihrem Tyrannen brutal zum Schlusse gezwungene, trotzdem nichtsdestoweniger verrückt glückliche, verheiratete Fellern, einstige Bach. –«

 

Abendbummel, beschrieben für Frau Lulu Rabe.

»Teurer Männerrabe, herzige Lulurabin! Ich kenne Eure Geschmackshinrichtung, darum schweige ich von Kultur-, Kunst- und sonstigen Geschichten. Man muß seine Perlen nicht vor die Raben werfen. Für Euch was Pikantes, Interessantes. So'ne nette, kleine Kiste mit Dampfbetrieb! Wenn man wie ich lange verheiratet ist, kann man »lang hängen lassen«, man hat's dazu! Pfui, wie parvenüerig das klingt! Willi vergißt stets, daß ich eine Berliner Großstadtpflanze bin und will meine Tugend schonen. Dann halte ich ihm vor, daß ich zweimal in Rußland, zweimal in Frankreich, in Wien, Budapest etc. war und lache ihn aus. – ›Gift sehen, man bloß nich' dran nippen, sonst sachte, es klemmt sich!‹ Übrigens bin ich jetzt Frau, ergo – – – –. Von meinem Glück schreibe ich erst gar nicht. Ihr kennt ihn ja jetzt und wißt, daß Glück an seiner Seite etwas Selbstverständliches ist! Ferner würdigt Lulu meine Willi-Ergüsse doch nicht genug und muß bestraft werden! Darum will ich Euch unsere Abende hier in dieser lärmenden Kaufmannsstadt schildern, wo die entzückenden Begriffe von zweifarbigem Tuche: Leutnant, Oberleutnant oder Student, sehr in den Hintergrund treten. Alles beherrscht der Kaufmann, und mein Respekt vor ihm und dem Bauer wächst von Reise zu Reise. Schließlich leben wir übriger Menschheitsteil doch eigentlich nur von und durch diese Nährväter. –

Ihr solltet mal Amsterdam bei Abend sehen. Alles flutet in den Straßen, auf den Dämmen auf und ab. Acht Uhr-Ladenschluß giebt es hier nicht. So strahlen die Magazine eine große Lichtfülle aus. Die Schaufenster werden bewundert, und es wird gerade zu dieser Zeit viel gekauft. Aus den Ausstellungen in den Geschäften, den vielen Sprachen, welche uns aus dem Menschengewoge entgegenklingen, den fremden Volkstypen, welche wir überall sehen, erkennen wir doch bald, daß wir in einem bedeutenden, internationalen Handelsmarkte sind, wo gar zahllose Fäden der Weltbeziehung zusammenlaufen. – Die Matrosen, die Neger, die kleidsamen Volkstrachten der verschiedenen niederländischen Provinzen beleben das Straßenbild. Der Strom wälzt sich durch die engen Gassen – denn auch die bedeutendste Straße, die Calverstraat, ist nur eine solche – und staut sich auf dem »Dam«, zwischen dem wenig schönen Palais (früher ein sehr hübsches Rathaus; aber Bouletten apart – Haare apart) und den Börsen. – Hier ist das Hauptleben. Wohl geht es laut her, wohl bekommt man diverse Rippenstöße, Püffe und wird angebettelt. Dennoch halten tüchtige Schutzleute, die sehr liebenswürdig sind (oho, keine Beamtenbeleidigung! was wollt Ihr denn? ich schweige ja schon), eine musterhafte Ordnung aufrecht. – Das Angenehmste ist, daß des Abends der private Wagenverkehr fast ganz stockt oder mit äußerster Vorsicht im Schritt betrieben wird! –

Am ersten Abend machten wir einen Hauptstraßenbummel. Das heißt, erst fuhren wir mit einem Kahn, den ein oller Seebär lenkte, nach dem beliebtesten Ausflugsorte in der Nähe, dem »Tolhuis« (Zollhaus). Dort sitzt man ländlich, ißt schändlich und genießt einen wundervollen Blick auf Stadt und Hafen. Ein Sonnenuntergang im »Het Jj« (dem breiten Wasserarm) war herrlich. Willi und ich genossen ihn beglückt à deux. Auf der Dampffähre machten wir die Bekanntschaft von zwei Berlinerinnen, die munter und sicher durch die Welt gondelten. Mich freute ihre Courage. Ja, wir Deutschen wachen doch endlich auf. Wir beschnupperten uns, begrunzten uns und gefielen uns. Zuletzt nahmen wir die beiden »Stettiner Sänger«, wie ich sie nannte, unter unsern Schutz. Hört, hört!! Beide wirken wie das bekannte Reklame-Plakat, die eine ist lang und schlank – die andere mein Kaliber: klein und dick. – Die Meechens wollten für ihr Leben gern etwas Nachtleben in Holland sehen. Allein hatten sie keine Traute und saßen, mit Adressen reich versehen, hilflos auf ihren Kenntnissen. – Ich ermutigte mein süßes Ehegespenst mit einigen Bitten, Fräulein Else und Grete senften mit. Schließlich kapitulierte mein Willi und übernahm die Tête. Erst wälzten wir uns durch ein paar Restaurants. Da ist nun etwas recht merkwürdig! Wie ich schon einmal treffend an eine andere Freundin schrieb, das ist mir nämlich angeboren, – – – – lieben die Holländer nicht viel Licht. – So haben die nach der Straße offenen, scheibenlosen Lokale denn zwei Teile. Der nach vorn gelegene ist manchmal durch Vorhänge abgeteilt und nie erleuchtet. Er empfängt alles Licht von der Straße, und das ist man mau. Nach dem bekannten Motto: »Im Dustern ist gut schmustern« – sitzen hier die Leute. Selber ungesehen, weil nicht im Hellen, können sie das vorbeiströmende Leben gut beobachten. Daneben werden sie angebettelt und um Zigarrenstummel ersucht. Sie erhalten keine gedeckten Tische und nur ungern warme Speisen; – – – – – – denn dazu ist der zweite, verqualmte, erleuchtete Teil des Restaurants. Was thut es? Die Hauptsache ist: immer recht freundlich! –

Wenn man die Blicke im Vorbeiwandern von den strahlenden Schaufenstern fortlenkt und plötzlich in einem halbdunkelen Kaffeehause die vielen Schatten mit ihren glimmenden Zigarren, die wie Leuchtkäfer wirken, sieht, so ist das recht eigen! Uff, war det 'ne Konstruktion, armer Aufsatzlehrer, wozu Deine Mühe? – Nachdem wir uns mit den Mädchen durch verschiedene ›Gefrorene‹ und ›holländische Schnäpse‹ durchgegessen und -genippt hatten, ergaben wir uns derberen Genüssen. Wenn man Kulturgeschichte treiben will, muß man sich keine Mühe verdrießen lassen! So wandten wir uns nach der Warmoestraat, wo das Volk sich derber belustigt. Unmengen von Blumenverkäuferinnen belästigten uns wie die Wespen. Viele Schutzleute beruhigten uns Damen. Hier ist fast Haus an Haus ein Tingeltangel. Ein Name immer verlockender als der andere. Ein Ausrufer immer begeisterter als der andere. Dabei ein Schmutz und eine Lumpigkeit, kurz ein Elend, was Ausstattung, Leistungen, Publikum und kulinarische Genüsse betrifft, man bezahlt wie in Paris kein Eintrittsgeld, sondern nur das Verzehrte, daß uns immer ekliger wurde. Nebenbei herrschte fast in allen eine gähnende Leere. Es war ein Jammer, die verhungert aussehenden Kellner diesen jämmerlichen, unamüsanten Darbietungen Beifall klatschen zu sehen. Als wir in dem ekligen Reichshallentheater noch zwei Lieder hatten gröhlen hören – die Sängerinnen hatten beide sicher den siebenjährigen Krieg mitgemacht und seither eine Mastkur gebraucht – erhoben wir uns.

Trotzdem, liebste Lulu, ist auch bei dieser Wanderung etwas recht Originelles, was ich bisher noch nirgends sah! Nämlich: Du näherst Dich einem derartigen Bumslokal. Der Ausrufer sieht Dich, will Dich einfangen und preist an! Um seine Worte zu illustrieren, eilt er an eine Schnur oder winkt einem zweiten Diener. Dann ergreift dieser den Strick, zieht an und – – – – die Pforte zum Paradiese öffnet sich. Von draußen schaust Du in ein ärmliches, leeres Innere: Stockige Spiegel, zerflederte Fahnen, ohrenzerreißende Musik. War vorher alles still, so ertönt plötzlich tobender Jubel und Juchzen der umherspringenden Heben und Künstlerinnen. Sobald Du nicht eintrittst, fällt die Thür wieder zu. Es wird von neuem still! Ach, uns that das Herz so weh über die armen Wesen, welche so ein entsetzliches Amüsement heucheln müssen. Wann wird das Elend aufhören? –

Wir freuen uns schon auf den Haag, wo wir die Abende in Scheveningen am herrlichen Meere verleben wollen. Gegenüber der ewigen Natur, diesem erhabenen Reinigungsquell, hoffen wir uns von diesen häßlichen Eindrücken zu erholen. Auch die Berlinerinnen waren still geworden. Ich muß es auch, sonst zankt mein Wonnerich. Morgen ist wieder ein anstrengender Tag!

Schlaft wohl, kinderlose Rabeneltern! Es handschüttelt Sie und küßt Dich, Gleichgesinnte, Deine neue treue – Lotte Ba – – – na, so was! Lotte Felleri – juchheh! –«

 

Eine Postkarte an Frau Amtsgerichtsrat Neuwald.

»Teuerstes Schwesterlein, Graccchen-, leider zu wenig Drachenmutter! – Kurz etwas über Kunst in Dein sachverständiges Herz! Wir waren zweimal im Reichsmuseum, im ›Suasso‹ und ›Fodormuseum‹ dito! Menschenskind, Du kennst meine unbegrenzte Hochachtung vor der holländischen Kunst und meine ungemessene Bewunderung vor ihren Meistern! – Vor vielen ›Perlen‹ in den Sammlungen standen wir begeistert! Aber ich bin offen, Annelieb! Plötzlich streikte mein Geschmack. Mir wuchs diese massive realistische Kunst schließlich zum Halse hinaus. Ich sehnte mich ordentlich nach Madonnen und Allegorieen! Diese ewigen Doelen- und Regentenstücke – – – ich konnte nicht mehr! Auch das Überwiegen von Kuh-Volk-Wirtshaus-Not. – Wir hatten genug!! – So, nun thu in Acht und Bann Dein dummes Kleines, das sich nie satt sehen wird an seinem schönen Willi. Kuß Euch Allen von dem neugebackenen Ehepaar Wi – Lo. –«

 

Aus Nordseebad Zandvoort an Frau Geheimrat Bach.

»Oh Du allermolligstes, vielgeliebtes Mutterherz! Olleken offen: »Bangste Dir?« – Ängstige Dich nicht, Du ahnst garnicht, wie glücklich wir sind! Es giebt ja nichts Schöneres, als verheiratet zu sein. »Er« behandelt mich noch immer anständig, und auf die erste eheliche Scene bin ich noch gespannt. Vorläufig kann ich, außer seiner täglich wachsenden Verliebtheit, noch keine Fehler an ihm entdecken! Wenn Du daher dem Rate einer verheirateten, älteren Frau folgst, meine dicke Miezenwonne, so bläst Du nicht etwa Trübsal, sondern genießt die Ruhezeit ohne Deine Range in vollen Zügen! Thuste ja auch, wie ick Dir kenne, mein Puffschnuteken! Stille sitzen kann das doch nicht! Sondern strampeln, umherrennen, nach Nachrichten von mir forschen und meine Briefe vorlesen muß es ja doch, das geliebte Wärmfläschchen für die Mitwelt. Übrigens petzen muß ich doch! Willi zankt viel, ich hatte es nur vergessen! Ich schreibe ihm zu viel. Recht hat er ja! Aber was hilft es? Ihr wollt doch Alle von Euern glücklichen Kindern hören! Gelt, Wonne? – Na, und ich schreibe ja so gern! Es quatscht sich zu gut, wenn man Stoff hat und so selig ist! –

In Amsterdam sahen wir uns noch eine bedeutende Brillantschleiferei an, was sehr interessant und lohnend ist. Wenn man die dicken Pfoten und Finger der Männer sieht, bewundert man desto mehr die eminente Geschicklichkeit und Geschwindigkeit ihrer Arbeit! Wie leicht und sorglos trägt man die schönen Steine, und wie schwierig ist ihre Bearbeitung! – – Von Amsterdam hatten wir beide genug. Wir hatten wirklich alles gesehen und sogar in der berühmten Frühstückstube »Poort van Cleve« an Holztischen gefuttert. Mir schwirrte der Kopf von dem tobenden Radau. Sogar die Kellner brüllen schon bei Empfang der Bestellung diese zu dem weit hinten belegenen Büffet. Ein Geklapper und Gezeter – – – brr. Eigentlich waren wir beide froh, als wir aus dem Lokal hinauskamen. Für Haarlem brauchten wir nur ein paar Stunden zu einer Rundfahrt. Zuerst kaufte ich selbstverständlich Ansichtskarten, dann besichtigten wir den altertümlichen »Grooten Markt« mit seiner Fleischhalle, dem alten Rathaus und der Grooten Kerk (Dom). Nein, ist das eine entzückende Stadt, Mieze! Altertümlich, sauber, mit prächtigen Häuschen wie aus der Spielschachtel. Diese Parkanlagen und grünen Plätze, diese freundlichen malerischen Grachten. Man kann sich reinweg verlieben in diese kleinen holländischen Städte! Natürlich möchten wir hier nicht begraben sein, wir unverbesserlichen Großstädter! Nun zank' nur, geliebte Olsch, und citiere Dein bekanntes altes Wort: » Ubi bene, ibi patria!« Nee, Mariechen, wo die Beene sind, ist noch lange nicht das Vaterland! Zum Genuß solcher Kleinstadtruhe muß man auch geboren und erzogen sein! –

Die Kathedrale ist würdig und schön im Innern. Ein herrlicher italienischer Gesang ohne Begleitung fesselte uns schon auf dem Platze. Weißt Du, wer es war? Fräulein Else aus Berlin! Du weißt doch, dicke Wonne, die, welche wir in A. kennen gelernt hatten! – Singen kann se! Uff, ich zog neidvoll mein Schwänzchen ein! –

Es ist zu eigen und wirkt doch gemütlich, wie rings um die Seiten der Kathedrale kleine Wohnungen angebaut sind. Wie die Schwalbennester kleben sie unter dem Schutz der Kirche, und die blanken Fensterscheiben mit ihren weißen Vorhängen und ihren blühenden Blumentöpfen wirken recht reizvoll und garnicht profanierend! – Selbstredend fuhren wir auch auf die Felder der berühmten Tulpen- und Hyazinthenzüchtereien. Leider war alles abgeblüht. Der Führer erklärte trotzdem recht nett, schluckte sein Trinkgeld und verduftete. Himmel, muß das eine Farbenpracht und ein Duft sein, wenn alles in Blüte steht. –Das Stadtwäldchen: »Haarlemer Holz« schenkten wir uns auf meine Bitte. Alle Parkanlagen haben Bäume, Rasenplätze und Wege. Ich konnte mir auch diese vorstellen! – – Du, Altchen, kennst meine Happigkeit auf das Meer. Na, und mein Willi ist ja ein enragierter Seebär! Übrigens muß ich mich über ihn beklagen. Er liegt faul im Seesande und »mußt« sich auf meine Kosten aus (mußt soll nicht von müssen, sondern von Muße abgeleitet werden. Sic!) Anstatt, daß der Barbar mich rasch schreiben läßt, mault er unaufhörlich und stört mich. Wodurch es noch viel länger dauert! Der Esel, der goldene! Dabei habe ich ihm heute einen Knopf an die Weste genäht und führe alle Korrespondenz. Das ist der Dank, natürlich: »Für den Spatzen das Pläsier, für die Spätzin sind die Pflichten.« – Au! Er kneift!

So, nun sollst Du rasch hören, daß wir den Wagen entließen und uns auf die bequeme elektrische Bahn setzten. Wir fuhren ungefähr eine halbe Stunde über höchst interessante Dünenbildungen. Die hügelige Gegend ist mit Strandhafer, Disteln und einem graugrünen Gestrüpp bewachsen und macht einen schweigenden, etwas melancholischen Eindruck. Ab und zu sieht man kleine Gehöfte. – – – – – – Aber die Luft, Mieze! Ach, die Luft! Ajidibaji! Hier atmet's sich von selbst. Hier müssen wir mal alle her für ein paar Wochen. Das Dorf mit seinen Bewohnern, die noch in Tracht gehen. Die derben Holzschuh, der Kopfputz, die Gerüche – – – – ländlich, nein, echt see-lisch! Au; aber wahr! – Sehr schöne und einfache Hotels, Strandkörbe, Badekarren, Verkäufer von Ansichtspostkarten, Chokolade und Limonade – – – Dickes, was willst Du noch mehr? Doch jetzt muß ich enden! Willi hat eben zu einem herrlichen »Sonnenuntergang« geläutet. – Jetzt fahren wir durch die abendschweigende Strandnatur direkt zur Bahn und nach Leiden durch. – – – – Es wird poetisch! Dann sitzen wir selig Hand in Hand und deklamieren uns alle Liebesgedichte ins Ohr. Und wenns doll kommt, improvisieren wir selber welche. Du weißt doch: »Herz – Schmerz – Liebe – Triebe – liebe Dich – mich etc.«

Ich liebe ihn; aber Dich auch mächtig, meine dicke Wonne, er liebt Dich, mich. Wir lieben uns, Euch! Und in diesem Sinne weiter konjugierend, grüßen wir glücklich Liebenden Euch Alle, küssen Dich und bleiben stets – – – –

Deine dankbaren Kinder Lo-Wi.«

 

Eine Epistel aus Leiden an Doktor Greifs in Berlin.

»Geliebte Neuvermählte! Kollegenpaar! Freunde! Mitbürger! –

Seid Ihr noch glücklich? Wart Ihr je so glücklich wie wir? – – Empörtes Gebrüll Eurerseits! – Reicht die Versöhnungspfoten, wir glauben Euch Eure Liebe, Euer Glück! Wir fühlen mit, nach, nächst, nebst, samt, bei, seit, entgegen und so weiter! – – Habt Ihr Ebers' »Frau Bürgermeister« gelesen? Den famosen Roman, in dem die heldenhafte Verteidigung der Stadt Leiden gegen die ollen Spanier unter Adrian van der Werff geschildert wird, 1573/74. – Seitdem ich ihn gelesen, liebe ich die tapfere alte Stadt, welche die Wiege so großer Maler und Gelehrter gewesen ist! – – Entschuldigt, daß ich Euch so ernst komme! Aber erstens bildet das, und zweitens rüttelt es auf, ist also gesund. – – – – – Ich habe mich bis über beide Ohren in dies Städtchen verschossen. Lernt daher Leiden ertragen, ohne zu schelten!

Es ist einfach süß, das puppige, saubere Nest mit seinen holländischen Mühlen, seinen Kanälen. Das Ganze wie aus der Spielschachtel! – Ein kleines Primahôtel, ganz neu: Hôtel du Commerce. Still, lauschig, zum Ablecken reinlich, und famose Verpflegung. Dann dicht dabei ein großer Platz am Wasser mit Mühlen, Bäumen, Drehbrücken, alten Giebelhäusern. Schon an und für sich zum Malen idyllisch. Wieviel mehr erst heute, wo großer Viehmarkt stattfindet. Alle Bauern in Trachten, phlegmatisch und pfiffig. Einer sucht den Andern zu betrügen. Jeder ist auf der Hut. – Ein klägliches Gemecker, Geblöke, Gemuhe! Die Viecher in beweglichen Hürden, schon bunt markiert durch Flecke oder Pinselstriche, suchen zu entfliehen. Hui, die Bengels mit Geschrei hinterher. Eingefangen. Dann werden sie, die Biester nämlich, auf die vor Anker liegenden Schiffe verladen. Eine kleine Pferdebahn erscheint – – – gleichzeitig ein großer Dampfer. Große Erregung. Klappern von Holzschuh und Kopfschmuck. Schutzleute. Stauung des Verkehrs. Die Brücke Wird kreischend gedreht, um Durchzug zu geben. Von der nahen Kirche das Glockenspiel »zimzerimzim«, ganz blechern. Dazu dreht sich die Mühle! Alice, es ist ein so bewegtes Bild, so typisch holländisch. Ich gönne es mir kaum und kneife meinen Mann, p, meinen Willi, jauchzend. Und er ist selig über meinen Jubel.

Dann suchen wir die Hauptstraße, die stolze Breestraße, und all die Gebäude: Museen, Kirchen, Rathäuser, Denkmäler auf, die Herr Bädeker als so sehenswert bezeichnete. Xmal laufen wir daran vorüber, fragen und hören, daß irgend ein völlig übersehenes, winziges, entzückend altertümliches Häusel ›das‹ oder ›das‹ stolz benamsete Gebäude sein soll. – – Die Säulenbrücken, der Fischmarkt, der Van der Werff-Park mit dem edlen Denkmal seines Namensgebers, die wundervollen Bäume längs der Grachten. So grün und schattenspendend, und doch das Puppennest so in Sonnenglanz gebadet! Wonnig! Um dies Miniaturstädtchen beneide ich seine niedliche Frau Koningine! Wenn man so nachdenkt, daß hier schon die ollen Römer 'rumgefuhrwerkt sind und dies ganze historisch geweihte Fluidum – – – – – – einfach puppig! –

Gerad' so puppig, wie Ihr, Nuckelchen und Schnuckelchen, und Euer Heim! Gott erhalte Alt-Leiden und Euch, Herzliebste, ohne Leiden! – – Mein Willi schreibt selbst 'ran!

Eure selige Lotte.

Liebe Freunde! Ich bestätige mit tausend Grüßen für Euch, was mein Weib schrieb. Nur, daß in Leiden das allerniedlichste Puppchen und der allersonnigste Sonnenschein die Frau Königin meines Herzens – meine Lotte – ist! Suum cuique, Kollege, ich sage nichts gegen Frau Alice, geborene Hutten. Ich grüße– Willi. –

PS. Er übertreibt, denn er ist noch einziger als ich! Dagegen kommst Du nicht an, Georg! Ich schwöre es, Klexchen – Deine Lotte.

PS. Lotte hat mir einen Kuß verweigert, würdest Du das je wagen, Alice? Was ist des Weibes höchster Schmuck? – Willi.

PS.Zum allerletzten Male – – – Brillanten mit Smaragden! Dixi! Lotte.«

 

Postkarte an Anne-Marie Bach.

»So Langes wie Breites! – Goldviehchen! – Es grüßen Dich, die lieben Eltern und Schwesterchen der fidele Onkel Willi und die glückliche Tante Lotte. Wir reisen soeben aus der Puppenstadt Leiden ab, da wollen wir noch rasch an unser kleines Familienpüppchen denken. Es wachse, blühe und gedeihe!! Hurrah! – Die Hochzeitsreisenden, vorläufig noch ohne neidvolle Nebengedanken. Wa-haftig! –«

 

In und aus der Hauptstadt dem »Haag« an Familie Harter.

»Herzallerliebstes Munkelschwesterchen, mit wahrem Namen Kläre geheißen! Teurer Schwager! –

Da wären wir in des Landes Residenz 's Gravenhage, auch Haag geheißen. Sind wir nicht tüchtig? Bis jetzt verlief alles nach Programm und Wunsch ohne Flunsch! – Ich habe mich in mein Schicksal und meine Verheiratung gefunden. Was nützt alles Sträuben? Bis jetzt bin ich mit Willi ganz zufrieden! Die Hauptsache im Leben ist die Illusion und der Wahn, der uns beglückt! Noch lebe ich in dem merkwürdigen Wahn, an Herrn Doktor Fellers Seite der glückseligste Erdenkloß zu sein! Geglaubt hätte ich es nie, aber es ist doch was dran! –

Doch zum Haag! Wie gut, daß wir von Amsterdam herkamen über Haarlem, Leiden. So steigerten wir langsam und sind jetzt in der bildschönen, lustighellen, interessanten Stadt, natürlich in einem deutschen Hôtel, sehr gut untergebracht. Dadurch, daß wir vorher stets den Bädeker studieren und uns auf der Karte so vortrefflich orientieren können, wandern wir wie Einheimische umher. Es geht nischt über die nötige Sicherheit! – Gelt? – Die hatte Lotteken stets!? – Wir kamen vormittags an und machten sofort die übliche Rundfahrt. Von Handel ist hier anscheinend nicht viel zu sehen. Die Geschäfte haben allerdings hübsche Ausstellungen in den Fenstern. – Wir hörten, daß hier solch kleines Sitten-Babel sein soll, à la Paris; aber versteckt! Es muß sehr versteckt sein, denn merken kann man es wirklich nicht. Die Residenzler haben den üblichen holländisch gesunden Typus. Aufregen thun sie sich alle nicht, auch die Toiletten sind mäßig. Im Gegensatz zu Amsterdam liegt trotzdem hier über den Leuten mehr Ruhe und Vornehmheit. Es scheint auch sehr viel Pinke-Pinke vorhanden, denn die sich weithin erstreckenden Villen in den Millionärsvierteln sind nicht ohne! – Unser Kutscher fuhr und erklärte famos! – Haag hat eine Altstadt, die einfach ideal ist! Wir haben sie inzwischen oft durchwandert und bestaunt. So eine ›Gehe‹ vom »Plein durch den Binnen- und Buitenhof bis zur Grooten Kerk – und um diese rumwiedebum über den Plaats und Vijver Berg in die lange und korte Voorhaut« – ist unglaublich lohnend. Diese alten Gebäude, mit dem historischen ›Gevangenenturm‹ gruppieren sich um den bäumeumfriedeten, schwänebesetzten, klaren See in idealer Schönheit. Donnersachsen, wenn ich Maler wäre! – – – – – – – – – Die Neustadt, die Parkanlagen, kurz der Baumschlag schon imponiert uns! – Ich beneide Städte wie Haag und Paris um ihre alten Bäume. Hier pflegt man sie wie teure Güter. In Berlin, in der Potsdamer Straße, reißt man sie um der »Elektrischen« willen aus. Tz, es ist zum Kopp stehen! –

Nun will ich nicht nach Scheveningen abschweifen, wie ich eigentlich möchte, sondern Euch meine Haager Eindrücke erst zu Ende vorführen. Selbstredend waren wir im Schloß der Königin. Unter uns, ich war gräßlich enttäuscht! Wenn ich so reich und so jung wie sie wäre, ich ließe mir ganz was Andres aufbauen! Von allen den vielen Schlössern, die ich kenne, ist dies das häßlichste! Nicht groß, nicht reich, vor allem gar nicht geschmackvoll! Selbst die anläßlich der Vermählung neu ausgestatteten Räume – – – – – na?! Grau Seide und darauf bunte Riesensträuße; um das Hirn eines Landgärtners in Fieberdelirien zu versetzen! – Auch die andern Palais gleichen mehr Villen. Hochinteressant und echt holländisch ist das Stadthaus. Die sämtlichen Kirchen hier zu Lande haben mich bisher enttäuscht. Sie haben zwar etwas Würdevolles, sind aber doch im großen und ganzen nüchtern. –

Eine Sammlung von Perlen enthält das kleine Mauritshuis. Die Gemälde sind meist von den Nassau-Oraniern gesammelt. Allerhand Hochachtung! – Willi geht es wie mir. Wenn ich irgend ein Museum, so eine richtige Riesenkunstkiste wie Uffizien, Münchener Pinakothek, Louvre, Eremitage ec. betrete, kriege ich ein beklommenes Gefühl. Vorerst bricht der Angstschweiß aus. »Donner, da mußt Du durch! Dies Pensum in kurzer Zeit!« – Dann raffe ich alle Frische und Energie auf: »Ran an die Ramme!« – Und zuletzt könnte ich heulen vor Wut und Mitleid mit mir, die ich an diesen Meisterwerken vorüberhetzen muß und mit diesen, daß sie nicht eingehender genossen werden können! Himmel, was giebt es für Kunst in der Welt und was für Fleiß! Manchmal zum Beispiel, wenn man so Rubens durch all die Galerien der Welt verstreut sieht, kommen einem die Zweifel. Kann ein Mann das wirklich alles gemalt haben, wirklich so Malermeister en gros gewesen sein? Arbeitete er mit Dampfbetrieb? Oder segelt da so manches – – – – pscht, nicht die Schn – – – verbrennen? – Bin ich dann durch, habe alles gesehen und angestrichen, Notizen gemacht, – – dann atme ich auf. Und 'naus an die Luft und essen, trinken, ruhen! – – – Tot! Uff! – – – –

Aber ich war dem Mauritshuis so dankbar für seine Kleinheit, gerad' wie einst in Florenz dem Pitti-Palast. So konnte man doch genießen! – Eine wirkliche kleine Perle von einem Schlößchen, müßte sich jeder ansehen, der herkommt. Es ist der entzückende Landsitz, wo die so erfolgreiche Haager Friedenskonferenz tagte. Der Burenkrieg und der Chinakrieg illustrierten diese Utopie ja auch sofort! – »Schweig still, mein Herz!« – Ich spreche von dem ›Haus im Busch‹, dort hauste die kluge erste Gemahlin des verstorbenen Königs mit begreiflicher Vorliebe. Es ist reizend mitten in einen wundervollen Wald, den »Haager Busch«, gebettet. Glänzend ist der achteckige Oraniensaal, und sehr hübsch und aktuell sind die japanisch-chinesischen Gemächer. –

Doch nun, geliebte Geschwister, ist genug von Haag geschwatzt, sonst wird erst mein Liebster, und dann werdet Ihr noch unbe–hag–lich! Au! Den Kalauer gebe ich gratis, so bin ich! – Innigste Grüße von meinem Mann und seiner Frau.«

 

An Familie Zuter in Hamburg über Scheveningen.

»Geliebte Minni, teurer Max! –

Max, Sie waren ja stets mein männliches Ideal! Wer das kann ich Sie versichern, neben meinem Wonneknopp schwindet das Ide-al zu einem Ide-stintchen herab. So, nu los, sonst wird es zu spät! –

Auf dem Poststempel seht Ihr, daß wir im Haag sind. Fürsten, das sind Hochzeitsreisende stets, bei diesen nur einmal eintretenden Reisen knausert man nämlich nicht, lassen sich zuweilen gern zur Plebs herab. Wir wollen Land und Leute kennen lernen, darum schließen wir uns keineswegs in Droschken ab, sondern benutzen, wo es irgend geht, Pferdebahnen, ›Omnibüsser‹ ec. – Heute gondelten wir hoch oben auf der elektrischen Bahn vom Plein durch die Stadt, am Flusse entlang, nach dem Weltbade Scheveningen. Zurück nahmen wir – Abwechslung macht Vergnügen – die simple Pferdebus, welche den Strand mit der Residenz verbindet. Diese Fuhre ist noch schöner, denn sie wankt durch den alten, prachtvollen Wald, den ›Scheveningsche Boschkes‹ – Kinder, Ihr bildet Euch in Hamburg so ville auf die nahe Nordsee ein! Überhaupt fehlt es Euch nicht an den diversesten Einbildungen! – – – – Ihr fahrt immer wieder nach dem ollen Norderney oder Sylt! Dort giebt es keine Bäume und massenhaft Berliner. Und von diesen nicht immer die verdaulichste Sorte! – Diese Bäder sind mir überhaupt zu weltstädtisch, zu großartig! Im Sommer will ich mich nicht auch noch täglich in diverse Toiletten schmeißen und mir Schmuck anbammeln. Im Sommer will ich ländliche Ruhe, Ungebundenheit, wenig Berliner! Und darum möchte ich nicht um die Welt lange nach Scheveningen! Viel eher nach dem einfacheren Zandvoort, trotzdem das keinen so herrlichen Wald hat wie das erstere! –

Scheveningen hat ohnehin 21000 Einwohner. Nun noch die Fremden! Imposant, mit großartigen Hôtels, reichen Villen, schönen Promenaden, weltstädtischen Magazinen und Restaurants, liegt es ja da. Der Fischerort für sich – der Badeort für sich. Ein imponierender Pier streckt sich weit ins Meer hinaus. Vorn auf diesem befindet sich das herrliche Konzertlokal. Ihr wandelt mit all den eleganten Internationalen über die Wandelgänge, tretet in die Halle. Um Euch höchster Luxus, und ein Sprachgewirr aller Nationen. Oben auf der Galerie ein Klopfen mit dem Taktstock – – – und die Berliner Philharmoniker spielen Euch die herrlichsten Werke herrlich vor. Ihr lauscht ihnen und wendet dann die Blicke durch die Scheiben auf das unendliche Meer, das unter Euch tobt und brandet! Ja, das ist großartig! Überwältigend! Mich überkam es wie ein Rausch, der über den Alltag forthebt! – Aber ich hielt es doch nicht lange aus! – Die Natur am Meere, sein Rauschen hat mir zuviel Persönliches zu sagen. Da will ich kein Konzert und keinen Luxus! – Wir machten eine Wanderung über den wunderbaren Strand. Tausende von Strandkörben, kleine Zelte und Hütten beleben ihn. Das wimmelt und kribbelt von Kindern und Bonnen, von Erwachsenen, Eingeborenen und Fremden. Verkäufer eilen geschäftig hin und her. Weiter oben sind die breiten, asphaltierten, hocheleganten Strandpromenaden. Das ganze Leben beherrscht die gigantische Masse des Kurhauses. Daneben regieren andere Riesenkarawansereien. – Wirklich feenhaft wird das Bild abends, wenn die Lichter entflammen, wenn alles elektrisch erstrahlt! – Wendet Ihr die Blicke auf das Wasser, so seht Ihr Jachten, Segler, Fischerbarken die wogende Fläche beleben! – Einzig! –

So – auf Stunden – möchts ich zuweilen her, auf längere Zeit nicht! Diese Menschen stören mich! Ich schien es übrigens auch zu thun, denn ich sah einen bekannten Berliner Herrn mit einem chiken Moschusmädel am Arm schleunigst kehrt machen, als wir nähten. Ferner speisten wir nobel im Kurhaus und blätterten die Fremdenliste durch. Nun, da fand ich ein fesches Vetterlein mit Gattin angeführt; aber ich kann beeiden, daß der Mann gänzlich unverheiratet ist! (Ruhe, Max, es ist noch nicht zehn Uhr!) Er schlug sich seitwärts in die Büsche, als er mich im Café sah, dabei war er zufällig wirklich allein! – Nein, hier existiert für meinen Gustibus zuviel Flirt, Opoponax, Froufrou, Schminke und Korsett. Ich schien auf den Pariser Boulevards zu wandeln. Ei der Tausend, wie selbst seine Damen es Herauskriegen, durch zu viel Toilette unfein zu scheinen! Und Blicke können sie werfen? Es war diesen französisch-englischen Weibern total schnuppe, daß er mich am Arme führte. Bah, solche kleine Deutsche im Reisekleid, (etsch, auf Seide ist es auch gearbeitet) mit gänzlich ungefärbten Wangen und Haaren ist auch nichts für die französischen chiken Skelette und die englischen Plättbretter!

Au, wenn Willi das liest!? Aber ich triumphiere! In der Bahn benahmen sich zwei ›John-Bulls‹ unglaublich pöbelhaft. Mein Herzensgatte entschuldigte und meinte, es wären Amerikaner. Woll ja, nachher stellte sich heraus, daß sie aus York kamen! Wir haben jetzt mehrere englische Flegeleien gesehen, die Willi nicht bestreiten kann. Er vertröstet mich auf England, wo ich selbst urteilen soll. Ich bin doch zu neugierig, dies Land zu sehen! Dort giebt es nur höfliche Gentlemen, und auf den Kontinent entsendet es fast nur Flegel!? – Abwarten und Thee trinken! Vorläufig hasse ich diese Langzähne noch! – Übrigens bildschöne Russinnen sahen wir hier, die sind liebenswürdiger als die anderen Weiber, wenn sie sich auch etwas zu sehr mit Brillanten behängen! –

Als wir genügend Umschau gehalten, mieteten wir uns weit draußen, wo es nicht so voll war, einen Strandkorb. Nanu? –«

»Die Fortsetzung, meine verehrten Herrschaften, folgt morgen früh! Jetzt muß meine kleine Frau Ordre parieren und ins Bett. Ihr fallen die Augen zu! Mit besten Empfehlungen Ihr ergebener Feller, barbarisches Ekel und Hausdrache.«

 

Fortsetzung von Scheveningen.

»Habt Ihr das schon erlebt? Minni, hat Dein Max je brutale Gewalt angewendet wie mein Willi? Ich habe mit ihm gerungen, da hat er mir eine große Schramme gekratzt, aus der zwei Tropfen Blut kamen. Ich that natürlich, als wäre ich zum mindesten ermordet! Au, das hättet Ihr sehen sollen! Was der aufstellte! Wie er bereute, bettelte, erblaßte, pflasterte. Ich ließ ihn erst zappeln, dann knutschte ich ihn einfach ab! Er ist zu himmlisch! Ein Engel an Güte, und nur eins fürchte ich, er wird mich zu sehr verwöhnen. Heute hat er zu mir ›Engelswonne!‹ gesagt. Ick, die Berliner Range und Engelswonne? Das sollten meine Feinde hören! Hu!! – Aber vor ihm thue ich gnädig, als wäre ich wirklich so etwas Ähnliches!«

(Sie thut nicht nur so! Sie ist es wirklich! Beeidet – Dr. Feller.)

»Aha! Nun wißt Ihr es! Also, wo war ich gestern Abend stehen geblieben? Ach so, beim Strandkorb! Wir ließen uns nieder. Willi hatte mich mit Konfekt, Früchten und Blumen versorgt. Wir schauten aufs Meer, dann uns an, und plötzlich erfüllte uns unser ganzes junges Glück. Ich sagte ihm alle Liebesgedichte, die ich kannte, her. Er sprach nichts, sondern hielt meine Rechte und blickte mich lächelnd an. – Da hörten wir, dicht in unserer Nähe Beethovens herrliches: »Ich liebe Dich, so wie Du mich ec.« von einer süßen, weichen Frauenstimme erklingen. Das paßte so gut zu unserer Stimmung, Minnilein. Wir lauschten atemlos. – – – – Dann schüttelte ich den Bann ab. Ein neckisches Lachen erklang und deutsche Laute. – – »Hopp! – rief ich – die Beene kenn ick doch!?« – – Haste nich gesehen, schassierte ich nach vorn. Da lagen vor zwei dicht aneinander gerückten Strandkörben, mitten in einer tiefen Sandkute, zwei nette junge Berlinerinnen, die wir in Amsterdam kennen gelernt hatten. Sie ließen sich den schönen sauberen Seesand, mit dem sie sich augenscheinlich bombardiert hatten, durch die Finger gleiten und lachten mir entgegen. Das gab eine nette Begrüßung! Beide machen fast die gleiche Reise wie wir. Sie hatten uns beobachtet, und Frl. Else brachte uns das Ständchen. »Menschenmöbel, warum haben Sie sich nicht früher gemeldet?« – fragte ich endlich. – »Wir wollten nicht stören. Hochzeitsreisende lieben keine Gesellschaft. (Ohoho! – fuhrwerkte ich dazwischen.) Und dann erzählen wir uns interessante Erinnerungen, tollen und sind hier von der Atmosphäre wie berauscht, ganz außer Rand und Band!« – rief die Grete. –

Na, so ging es uns doch auch. Wir vereinigten uns alle Vier auf der Erde, bewarfen uns mit Sand, sangen, quatschten, tollten. Es war wonnig! Selbst, als es zu regnen anfing, ließen wir uns nicht stören! Erst spät gingen wir noch soupieren. Willi spendierte Sekt. Der hatte gerade noch gefehlt. – Außen und innen angefeuchtet, machten wir uns endlich auf die Heimfahrt. Ach, das lohnte! Das war noch die blühende, selige Zeit. Das war ein Tag der Rosen!

Lebewohl, Sensitive, Männermann und Ernalein. Mein Willi legt sich Euch huldvollst vor die Poten! Ich bin, ach so, Ihr wollt wissen, was wir morgen vorhaben? Brr, das Pensum ist groß! Delft – Rotterdam – Vlissingen. Nachts über den Kanal nach Old England. Kneift den Daumen, daß ich nicht Fische füttere! In alter Freundschaft –

Eure treue Lotte Feiler! Puh! –«

 

Postkarte aus Delft an Frau Feller.

»Liebstes Etepetetchen! Deine seligen Kinder grüßen Dich aus der Stadt des berühmten Porzellan-Musters. Sie ähnelt den anderen kleinen holländischen Nestern wie ein Ei dem andern: Grachten, Mühlen, kleine Häuschen. Hervorragend geschickte Radler. Sonst hat sie den Vorteil, daß man in einer halben Stunde mit allen Sehenswürdigkeiten durch ist. Interessant ist der »Prinsenhof«, wo Wilhelm der Schweiger ermordet wurde, und sein herrliches Grabmal in der »Nieuwe Kerk« am Markt. – Außerdem ist die Ruhe betäubend, und hier möchten nicht leben Deine Sohn – Tochter Wi – Lo! –«

 

Postkarte aus einem Kaffeehause in Rotterdam an Dr. Alfred. –

»Liebster Vetter! Mehrere Stunden hier umhergefahren. Interessant; aber scheußlich! Wir möchten hier nicht photographiert hängen, brr. – Alles raucht und spuckt, sogar schon ganz kleine Bengels. – Malerisch sind die vielen Volkstrachten. Heute ist Sonntag, und das ganze Landvolk in der Stadt. Die berühmten »Boompjes« mau! Hier herrscht der Kaufmann und der Seemann. Hut ab vor beiden; aber nicht in die kalte la main. Beim Anblick des Mastenwalls im Hafen haben wir Deiner Seereisen gedacht. Weißte, Jungchen, ich habe mir die Oceandampfer größer gedacht! Oder täuschen die Verhältnisse in der Entfernung??? Übrigens laß Dich nie mit Verhältnissen in der Nähe ein. Sie täuschen auch zuweilen! Hihihi! »Abtei!« – Gruß und Kuß von Willi-Lotte.«

 

Brief an Frau Geheimrat Bach aus Vlissingen.

»Geliebtes Wonniges! Morgen früh wird Dir eine Depesche aus London vermelden, wie wir die Oceanfahrt überstanden haben! – Ich habe einen entsetzlichem Bammel vor dem Wasser und einem eventuellen kleinen Kotz. Entschuldige dies harte Wort! Wenn mein Willi nicht bei mir wäre und mich in einer Tour beobachtete, kehrte ich um! Ich muß ganz grün aussehen, denn er will, daß ich Kognak trinke! Brrr, Mariechen, schäme Dich, eine so feige Tochter zu haben! Meine würde nie so sein! – Alles Galgenhumor! –

Jetzt sitzen wir hier im Hôtel, d. h. vor diesem, an Holztischen. Der ganze Erdboden ist nicht mit Kies, sondern mit kleinen Muscheln bestreut. Wir wittern die Seeluft. Aber mir ist nicht so jubelnd wie die drei Nachmittage in Zandvoort und Scheveningen zu Mute. Ich muß ja »ruff auf das balkenlose Element«. Äx! – Wir haben uns den Ort ein wenig angesehen. Auch hier sind alte Männer- und Frauenhäuser, wie sie Max Liebermann so gern malt. – Auch einen »Gaper«, einen bemalten Türken- oder Mohrenkopf, erwischten wir noch. Die gelten hier als Abzeichen für Material- und Drogengeschäfte. Drollig – was? – Andres Land, andere Bräuche! So steht hier überall, wo Wein, Bier, Schnaps verschänkt wird, »Vergunning« dran. Das heißt so viel wie »Restaurant«! –

Im Hafen liegt schon unser Schiff, das den Namen »Hendrik« führt. Es geht erst spät Abends ab. In einer Stunde, wir haben noch entsetzlich viel Zeit, will Willi mit mir hinauf und mir alles erklären und zeigen. Ich soll mich wohl auch an die Schiffsluft gewöhnen! – Was soll ich Hasenfuß Dir denn noch schreiben, um die Zeit totzuschlagen? Zum Plaudern habe ich ausnahmsweise keine Lust. Meine Gebeine sind eiskalt. – Willi, der geliebte Knopp, freut sich mächtig auf die Seereise, und wenn es nicht um meinetwillen wäre, so wünschte er am liebsten einen tüchtigen Sturm herbei. Er sitzt behaglich da, raucht, träumt vor sich hin und lächelt über sein kleines, feiges Dummchen! Bloß damit ich mir die Zeit vertreibe, läßt er mich so ungestört schreiben. Sonst – – – na, ich danke! –

Zwei Stunden vor der Abfahrt soll ich noch tüchtig Abendbrot essen und dem Magen etwas bieten. Dann eine Tasse Thee und Zwieback – – – zuerst schaukelt es noch nicht so. – – –

Addio, meine geliebte, süße Herzensmutter, ich weiß wirklich nichts mehr! Meine Gedanken sind wie ausgetrocknet. Hoffentlich sehen wir uns wieder! Habe Dank für alles! – – Vergiß nie – – Dein dankbares, treues Kind Lotte. –«

 

Nachschrift des Schwiegersohnes.

»Verehrte, sehr liebe Mama! Soeben lese ich Lottes sentimentales Briefchen. Hast Du unsern herzigen Frechling je so klein gesehen? Ich merke schon den ganzen Tag, was mit ihr los ist! Wenn sie mir nicht so leid thäte, würde ich sie einfach auslachen. Der Wind ist gut, und die See tadellos. Wir werden eine glänzende Überfahrt haben. Zum Glück erhältst Du unser Londoner Telegramm vor diesem Schreiben und bist beruhigt, wenn Du es dann in Händen hast. – Bis heute früh war mein Sonnenscheinchen in sprudelnder Champagnerlaune. Morgen wird ihr der Kamm wieder anschwellen, dessen bin ich sicher. Ich habe ihr soeben erklärt, daß sie mir selbst ein vortreffliches Erziehungsmittel in die Hand gegeben hat. Sobald sie jetzt und in Zukunft zu sehr die Range herauskehrt und Opposition macht, reise ich mit ihr nicht über den harmlosen Kanal, sondern über den mächtigen Ocean nach Amerika! Bist Du damit nicht sehr einverstanden? Lebe wohl, verehrte Mutter, den nächsten Brief erhältst Du aus Edinburg. Vor der Landreise von London nach dort graut mir viel mehr! – Es küßt mit innigem Gruße Deine liebe Hand Dein dankbar ergebener Schwiegersohn.«

P.S. – P., Mieze! Zum Glück gehören zum Reisen zwei bei einem Ehepaar. Er kann lange warten, eh' ich mitgondle ins Yankeeland!

Deine arme Lotte.«


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