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IV.

Nachdem alle von dem Hofanger abgezogen waren, die dort an jenem Empfange teilgenommen hatten, fuhr Egid Liebrich gleich nach Hause. Zu einer langen Aussprache war es nun zwischen ihm und den zwei Baldringern nicht gekommen. Er hatte sich mit schönen Worten bedankt, weil Markus für ihn gegen die Leute auftrat.

»Jetzt müssen wir es ihnen halt zeigen, dass wir nicht zu ihrem Schaden Freunde geworden sind«, gab Markus darauf zur Antwort.

Dann umarmte Egid den jungen Bauern und sagte: »Ja, ich will dein Freund sein, und wer das sein will, der muss es freilich auch mit allen Menschen gut meinen, das weiß ich wohl.«

Ein wenig schämte er sich nun zwar vor sich selbst, weil er da gar so vieles verhieß, das er ja nicht halten wollte, aber deswegen gedachte er doch von keinem Heuchel abzustehen, mittelst dessen er in den Besitz des schönen Mädchens gelangen konnte.

Die zwei Baldringer waren indessen neuerdings glücklich, weil sie an das Wunder glauben konnten, als welches ihnen die große Willensänderung des jungen Gutsbesitzers erschien. Hernach nahm Egid von den zweien alsbald Abschied, denn er fand es nicht statthaft, sie noch länger von der Nachtruhe abzuhalten. Für den Markus machten die zwei diensttuenden Weiber in der größeren Stube ein Bett auf, und Benna bereitete sich in dem Nebenraume selbst ihr Lager. Die zwei jungen Leute waren nun freilich von ihren jüngsten Erlebnissen noch so erregt, dass sie kein Schlafbedürfnis fühlten. Benna konnte aber deswegen doch nicht ihrer körperlichen Ermüdung vergessen. Sie nahm sich vor, so lange wach zu liegen, bis ihr Vetter von den Besuchen zurück kam, die er seinem Versprechen gemäß noch heute machen wollte.

»Ich lass die Tür offen stehen, damit wir dann noch von unseren Betten aus miteinander reden können«, sagte sie. »Und jetzt will ich bei meinem Nachtgebet darum flehen, dass du von diesem Gang besser beruhigt zurückkehrst, als du es jetzt bist.«

Sie ging in ihr Zimmer und kniete sich dort vor dem Bette hin. Markus wollte im Geiste mit ihr beten und trat an das offene Fenster, durch welches er früher mit den Leuten geredet hatte. Zunächst dachte er daran, dass er heute sein Nachtgebet wohl nicht so vollkommen wie sonst verrichten können werde. Sonst pflegte er allabendlich mit sich darüber zu rechten, wie er den jeweilig verflossenen Tag verbracht hatte. Diesmal konnte er sich nur so viel mit Sicherheit sagen, dass er heute immer des besten Willens gewesen war; inwieweit er dabei an den Leuten recht oder schlecht getan hatte, das vermochte er jetzt nicht zu sehen, und so betete er andächtig, Gott möge ihn mit dieser wohlgemeinten Handlungsweise nicht zuschanden werden lassen. Weil ihm seine Einsicht so viel verachtet worden war, zweifelte er nun wirklich mehr als früher an ihr, und mit diesem Zweifel stieg auch seine Furcht vor dem Misslingen seines Werkes. Während seines Gebetes wuchs aber sein Gottvertrauen. Ganz fest überzeugt war er nun davon, dass ihm Gott zu gnädig war, um ihn hier einen Irrweg gehen zu lassen. Als er für diese beglückende Wirkung seines Gebetes sein Herz gehörig danken lassen wollte, trug ihm der leise Abendwind einen Stimmenklang zu: das Beten jener Begleiter der Totenfuhre. Dann sah er die zwei langsam daherkommenden Schimmel, das kleine Laternenlicht und mehrere Gesichter, die von dem schwankenden Scheine getroffen wurden. Seine schöne, begeisterungsvolle Andachtsstimmung war nun jäh aus, und ein kalter Schauer fuhr ihm über den Leib.

»Benna!« rief er. »Mir ist, als ob da was gegen mich im Anzug wär'!«

Benna lief aus ihrem Zimmer zu Markus. »Ein Tot's bringen's uns«, sagte sie. Als sie dann seine Hand anfasste, fühlten sie gegenseitig ihr Zittern.

»Es wird sich doch nicht meinetwillen jemand was angetan haben?« flüsterte Markus. »Nur so was soll nicht geschehen. Jetzt hab' ich grad Gott so viel gebeten, er möcht' durch mich das Werk vollbringen, und er hat mir' auch deutlich zu spüren geben, dass er mich dabei sicher führt. Und wenn jetzt doch meinetwegen ein Unglück g'schehen wär'…!« Er schüttelte nun den Kopf. »Nein, nein, das ist unmöglich, ganz unmöglich, wo ich doch jetzt seine Gnad' so groß in mir empfunden hab'.« Es blieb ihm aber nun doch bange, trotzdem er sich wieder mit aller Macht an sein Gottvertrauen hielt. Benna erwiderte ihm nichts, sie war in der düsteren Ahnung, welcher sie sich hingab, keines tröstlichen Wortes fähig, und ein anderes wollte sie nicht sagen.

Auf dem Hausanger brachte der Wirt sein Fuhrwerk zum Stehen, nahm der alten Magd die Laterne aus der Hand und leuchtete die Baldringer an.

»Sie werden sich's eh denken können, gnädiger Herr, was wir Ihnen da bringen«, sprach er, herbe lächelnd.

»Einen Toten?« fragte Markus heiser, unter schwerem Keuchen.

»Na, sehen's, Sie wissen's ja richtig«, sagte der Hawechl. »Es ist ja auch ganz selbstverständlich, dass Sie es wissen. Wenn man wie Sie armen Leuten so große Hoffnungen macht und nachher wieder nimmt, da muss man sich's wohl dabei denken, dass sich einer oder der andere von diesen Betrogenen ersäufen oder erhenken könnt'.«

Die letzten Worte dieser Rede sprach der Hawechl nicht mehr im Beisein des Baldringers, der nun schon durch den Hof auf den Anger rannte. Vor dem Wagen stand Markus stille und zog den Kotzen von dem Kleiwenleicht weg. Benna war ihrem Vetter gefolgt, trat nun an seine Seite, und der Hawechl leuchtete den beiden, damit sie den Toten sehen konnten. Der Sphändl stand ihnen mit den zwei Knaben an dem Wagen gegenüber. Markus gab mit seinem Gesichte weder dem jungen Schlosser noch den anderen, die ihn beobachteten, viel zu raten auf; ohne an eine Verstellung zu denken, ja, ohne einer solchen fähig zu sein, ließ er es sich nun ansehen, dass er sich mit unbeschreiblichem Entsetzen für einen Mörder hielt. Von dem Toten blickte er mit weit offenen, starren Augen gerade aus auf den Sphändl, welchen er nun aber nicht als denjenigen erkannte, von dem ihm früher so viel zugesetzt worden war. Auf den Leichnam zeigend, fragte er leise, fast so wie einer, dem selbst der Tod an der Kehle ist:

»Wer ist das? Ich möcht' wissen, wer das ist.« Der junge Schlosser war nahezu davon überzeugt, dass der Markus mit einer wahren Auskunft über den Kleiwenleicht teilweise zu trösten gewesen wäre; aber sein Hass gegen diesen Menschen, den er für den Vernichter seiner Seelenruhe hielt, ließ ihn nun nicht das Rechte sagen.

»Ein armer Mensch war's, für den die Hoffnung auf das, was er von Ihnen zu kriegen g'habt hätt', das meist' Glück war. Wie ich ihm's g'sagt hab', wie Sie jetzt g'sonnen sind, hat er sich halt ertränkt.«

Gleich nach dem Schlosser redete nun der Hawechl: »Bei dem Schrecken, den Sie unter den armen Leuten verbreit't haben, gnädiger Herr, kann sich ja so was gleich wieder zutragen.«

»Ich hab' es nicht geglaubt, dass so etwas geschehen könnt'«, sagte Markus.

»Nun, so treffen's halt gleich Vorkehrung, damit Sie nicht noch mehrere Menschen aufs Gewissen kriegen«, mahnte inständig der Hawechl. Dann wies er auf die zwei Knaben: »Da haben Sie die Kinder.«

Franzl und Edi weinten nun schon ihrer Vereinbarung gemäß, und das fiel ihnen bei der Übung, die sie in Sachen der Verlogenheit hatten, nicht schwer. Markus ging zu den beiden hin. Zu sagen wusste er ihnen nichts. Er hielt den Verlust, welchen sie, wie er meinte, durch seine Schuld erlitten hatten, für so unersetzlich, dass er in allen Trostesworten und Versprechungen, die er ihnen hätte sagen können, einen Hohn sah. Auch ein jedes Bitten und Werben um die Verzeihung der beiden fand er sinnlos und vergeblich, denn er glaubte es sich ziemlich vorstellen zu können, wie wenig sie im Grunde bei ihrer jetzigen Jugend die ganze Größe dessen, was ihnen durch ihn geschehen war, zu ermessen vermochten. In dem unsagbaren Leide, das er um die Knaben empfand, kniete er unwillkürlich vor ihnen nieder und streckte nach dem Edi, der sich zu einem besonders starken Schluchzen zwang, die Hände aus. Aber dann berührte er den Kleien nicht, weil er sich sagte, dass er ihnen damit ein berechtigtes Grauen hätte einflößen können. Vom Jammer übermannt, schlug er die Hände vor das Gesicht. Benna stand ratlos neben ihm.

Sie sah die Umherstehenden in der Meinung an, dass sie nun für Markus ein Mitleid zeigen müssten. Aus den meisten Gesichtern, die sie gewahren konnte, sprach jedoch nur hauptsächlich eine gemeine Neugier und aus den anderen eine harte Strenge. Den Wirt erblickte sie dabei, wie er mit einem grausamen Lächeln dem alten Fabrikarbeiter zuzwinkerte. Was er dabei sagte, das konnte sie nicht hören. Er sagte: »Ich mein', der ist schon mürb genug.«

Auf den Sphändl sah sie am längsten, weil ihr die finstere Genugtuung, welche sich auf seinem Gesichte ausdrückte, besonders bemerkenswert und unerklärlich erschien.

Dann fiel es ihr auf, dass die zwei Knaben fast plötzlich zu weinen aufhörten. Zuerst betrachteten die beiden verwundert den vor ihnen knienden, immer mehr in sich zusammensinkenden Markus, und dann leuchtete in den Augen des einen sowie in denen des anderen ein ehrliches Erbarmen auf.

Nachdem sie hernach einander schnell, aber sehr verständnisvoll angesehen hatten, kehrte sich zuerst Edi und dann Franzl nach dem Wunionkel um und forderten ihn förmlich mit ihren Blicken auf: »Jetzt heb' du schon einmal den armen Kerl in d' Höh'.«

Sphändl wollte aber den Baldringer nicht aufheben. Er sagte es sich bei dem Anblicke dieses Unglücklichen allzu gerne wieder: »Ich brauch' mich nimmer so stark schuldig fühlen, wenn es der Baldringer derart tut.« Was nun die Kinder von ihm wollten, das erriet er genau und blieb doch von ihrem Wunsche fast unbewegt.

Befremdet und betrübt wandten sie sich von ihm ab und wieder dem Markus zu, dem nun Benna leise zuredete: »Du darfst dich nicht so hingeben, schon allein meinetwillen darfst du es nicht.«

Dann hob der Wirt den Armen auf und sagte dabei: »Sie müssen jetzt bei Ihnen selber sein. Sie haben gar viel gutzumachen, und ich glaub', Sie werden es auch.«

»Ich weiß es nicht, was ich jetzt tun werde«, gab Markus zur Antwort.

Jetzt lachte der alte Fabrikarbeiter spottvoll auf. »Mir scheint, Sie haben's früher auch nicht gewusst, was Sie tun!« rief er, »sonst wär' ja wohl das Unglück nicht geschehen.«

Darauf sagte der Hawechl dem Markus: »Jetzt werden Sie sich aber doch zum Rechten besinnen. Wir hoffen das ganz sicher. Und jetzt werden wir Ihnen halt den Toten abladen. Er gehört Ihnen ja gewissermaßen zu. Wo sie ihn herausgefischt haben – in meiner Au – hab' ich ihn nicht liegen lassen können. Meine Au ist ein Ort für glückliche Lustwandler, die keine Toten herumliegen sehen wollen. In mein Haus hab' ich ihn auch nicht hineinlegen können. Die Donaunixe ist ein Vergnügungsetablissement, wo ein solcher Gast die anderen vertreiben tät'. Lassen's ihn halt bei Ihnen, bis er abg'holt wird. So viel ich vorhin erfahren hab', ist der Schwemeißerhof eh sein Vaterhaus. Er ist dem alten Kleiwenleicht, dem der Schwemeißer diesen Platz da abg'luxt hat, sein einziger Sohn. Jetzt kommt er halt wieder dahin, von wo er ausgangen ist.«

»Tragt ihn hinein«, sagte Markus. »Aber nicht durch das hintere Tor. Sprengt das Haustor.«

Es wären wirklich gleich mehrere dazu bereit gewesen, das Tor einzurennen, aber da kam nun die Frau Kati vor den zwei Männern, welche sie abgeholt hatten, laut schreiend herbeigestürzt. Vor dem Wagen stand das junge, üppige Weib stille. Es spiegelte sich mehr Grausen als Schmerz in ihrem vollen, weißen Gesichte, als sie langsam den Kotzen emporhob und ihren Mann ansah. Sie hatte diesen Mann heiß sinnlich geliebt, und jetzt graute ihr vor ihm. Von einer solchen Liebe, die über den Tod hinaus währt, hatte sie für ihn nichts. Sie heuchelte nun auch keine Gefühle, die sie nicht empfand. Ihre schwarzen Augen suchten den Baldringer, und sie erkannte ihn an seinem sichtbaren Jammer. Nach ihren Kindern, die bei dem Sphändl stehen blieben, sah sie sich nur der anwesenden Leute wegen um. Sie trat auch zu den beiden und küsste sie.

Unterdessen wurde sie schon von dem Baldringer angesprochen: »Ich hab's nicht für möglich gehalten, dass so was geschehen könnt'.«

Die Frau Kati sah ihn mit einem starren, ausdruckslosen Blicke an und sprach dazu leise: »Eine andere an meiner Stell' tät Sie jetzt in den Abgrund der Höll' hinab verfluchen. Ich will ruhig mit Ihnen reden. Eine Zuhörerschaft brauchen wir dabei nicht.« Langsam gingen die beiden nebeneinander die Scheunenwand entlang, und Benna trat nach einer andern Richtung hin in die Finsternis.

Der alte Fabrikarbeiter brachte nun mit seinem eigenen Empfinden dasjenige der übrigen Versammelten beiläufig zum Ausdruck, indem er sprach: »Ich wär' nur neugierig, ob er ihr zuerst ein Geld anvertraut oder ob sie zuerst eins verlangt.«

Der Sphändl erwiderte darauf: »Ich mein', er wird's auf die Mahnung ankommen lassen. Schad', dass man ihr nicht schnell von einer anderen Seit' Geld verschaffen kann.«

Ein junger Mensch, der neben dem Haustore stand, fragte nun laut: »Sollen wir's jetzt aufbrechen?«

»Nein«, antwortete der Wirt. »Wenn er nicht dabei ist, wär' das ein bissl unschicklich.«

Hinter der Scheune des Hofes redete unterdessen die Frau Kati schon den Markus an: »Sie werden wissen, was jetzt vor allem Ihre Pflicht ist. Ich bin bettelarm. Nicht einmal ein Stückl schwarzes Gewand hab' ich jetzt als Witwe anzuziehen. Ich muss sofort Geld haben oder auch ins Wasser gehen.«

»Meine Muhme hat noch einen größeren Betrag«, sagte Markus, »den soll sie Ihnen sofort geben.« Er rief die Benna herbei und teilte ihr den dringendsten Wunsch der Witwe mit. Benna lief in den Hof und brachte alsbald das sämtliche Geld heraus, welches sie von dem, was ihr die Frau Nanni mitgegeben hatte, noch besaß. Die Witwe sprach indessen immerfort von ihrer großen Armut, und Markus hörte ihr mit seinen noch immer vom Schrecken betäubten Sinnen zu, ohne sie recht zu verstehen.

Als sie das Geld eingesteckt hatte, ging sie zwischen den zwei Baldringern merkwürdig leicht und aufrecht zu den Leuten zurück.

Der Wirt trat den dreien entgegen und sagte: »Meine Schimmeln wollen nimmer stehen. Jetzt laden wir ihn ab, nicht wahr?«

»Was?!« schrie Frau Kati. »Abladen wollt ihr ihn? Z'wegen was denn?«

»Weil's halt jetzt schon einmal so beschlossen ist«, lautete die Antwort des Wirtes.

»Was? Ohne meine Einwilligung habt ihr das beschlossen?« schrie die junge Witwe. »Da gilt nachher der Beschluss nichts. Ich führ' mein'n Mann hin, wo ich will, verstanden? In die Einsetz Einsetz = Leichenhaus. führ ich ihn.«

»Aber nicht mit meinen Rossen«, sagte der Wirt. Dann fügte er aber hinzu: »Das heißt, billiger als um zehn Gulden fahr' ich nicht bis zur Einsetz.«

Frau Kati wandte sich von den Leuten ab, nestelte ein Weilchen an sich herum und hielt hernach dem Hawechl zehn Gulden hin. Der Wirt sah einige der Herumstehenden an, als ob er sie fragen wollte: »Soll ich's nehmen?«

Die stumme Frage beantwortete ihm der alte Fabrikarbeiter. »Na freilich, führ' ihn halt; sonst führt ihn ein anderer, oder die Frau trägt ihn selber weg; du siehst es ja, dass sie mit einer frischen Kraft hinter der Scheuer hervorgekommen ist.«

Inzwischen flüsterte die Frau Kati der Benna, welche neben ihr stand, zu: »Ich werd' Ihnen doch so was nicht antun lassen, wo Sie so ein Einsehen gehabt haben.«

Benna zuckte anstatt einer Antwort die Achseln und sah dann auf Edi, der mit weinerlicher Stimme ausrief: »Ich mag nimmer so weit gehen und er Franzl auch nicht, wir sind todmüd.«

»Geht nur«, entschied die Witwe. »Es wär' ein' Schand, wenn ihr da nicht mitgehen tät't.«

»Wir möchte ja recht gern mit«, rief Franzl, »aber mir tun meine Frostbeulen so viel weh und dem Edi seine Fußschrunden, und schläfrig sind wir auch. Vielleicht dürfen wir uns da in dem Hof auf einen Heuboden legen.«

»Wir hätten Betten für euch«, sagte Markus. Die Frau Kati sah es ihm an, dass er an den Kindern gerne etwas Gutes getan hätte, und sie gönnte ihm nun eine Freude.

»Wenn euch der Herr hier behält, so hab' ich nichts dagegen«, sagte sie.

Nun redete aber der Sphändl zu den Kindern: »Bis da hinauf zur Reichsstraß' werdet ihr es schon noch machen können. Und dort übernacht' ich mit euch in dem Fabrikwirtshaus.« Indem er dann der Frau Kati einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, sagte er: »Mich wundert's, dass du die Kinder bei dem Herrn Baldringer lassen möchtest.«

Die junge Witwe erwiderte seinen vorwurfsvollen Blick mit einem strafenden und feinen Verweis mit den Worten: »Ich werd' doch gegen diesen Herrn nicht rachsüchtig sein, wo ich seh', dass er sich die G'schicht eh g'hörig zu Herzen nimmt. Wenn's ihn dazu drängt, den armen Waiserln was zu vergüten, so soll er's in Gott's Namen tun. Ich werd's sehr passend finden, wenn er sich um sie annimmt. Ein anderer wird sich g'wiss nicht für sie opfern, und ich werd's doch nicht erhalten können. Es wär' auch ein Unsinn, wenn du für sie ein Nachtlager zahlen tät'st, wo der gnädig' Herr eins für sie hat. Du bist doch selber ein armer Teufel.«

»Mir scheint, du rechnest schon ziemlich sicher drauf, dass du den armen Teufel nimmer brauchen wirst«, sagte der Sphändl. »Von dir kannst du mich auch ohne weiteres verabschieden, aber von deinen Kindern nicht. Du hast früher gesagt, dass du zwei nicht wirst erhalten können, und ich weiß es, dass du sie nicht erhalten wirst. Nach dir hab' ich auf die Buben die meist' Anwartschaft, das wirst du mir nicht abstreiten. So nehm' ich mir die beiden. Ich bin ein armer Teufel, das ist wahr, aber die zwei werden deswegen doch nicht bei mir hungern. Meine ganze Kraft will ich daransetzen, dass ich sie anständig durchbring'.«

Die Frau Kati sah nun den Markus mit einem Blicke an, der ihn bat: »Jetzt red' du.«

Erst nachdem ihm die Witwe so viel von ihrer Willensmeinung zu wissen gab, wurde in Markus der Wunsch mächtig, die zwei Knaben annehmen zu dürfen. Früher hätte er es kaum für möglich gehalten, dass sie ihm die beiden schenken würde. Zu seinem Erstaunen sahen ihn nun auch die Knaben innig bittend an. Der Franzl hatte dem Edi kurz vorher zugeflüstert: »Von dem können wir was reißen Reißen = ausnützen., wenn wir uns bei ihm eintegeln Eintegeln = einschmeicheln.

Markus trat jetzt dem Sphändl näher und redete ihn an: »Ich hab's recht not, dass ich an diesen Kindern ein gutes Werk tu'.«

Der Sphändl antwortete: »Ich hab' an den Kleinen auch was zu sühnen –weniger freilich als Sie, aber gerad' deswegen bin ich's mehr wert als Sie, dass man mir die Gelegenheit zu dieser Sühnung gibt.« Für den Markus waren nun diese Worte ein richtiges Verdammungsurteil, sie trafen ihn so arg, dass er nicht einmal über ihre Gerechtigkeit nachdenken konnte und dass er es auch nicht imstande war, gehörig des Selbstbekenntnisses, das der Sphändl gemacht hatte, zu achten.

Der junge Schlosser setzte seine Rede fort: »Wenn Sie auch an diesen Kindern nichts verbrochen hätten, so wären Sie doch nicht der Mensch, dem ich die zwei anvertrauen möcht'. Sind Sie wirklich so ein Christ, als der Sie angesehen sein wollen, und möchten Sie die Kinder auch zu solchen Christen machen, dann wär' an diesen nichts Gutes geschehen. Man sieht's ja heut', wohin es Ihre Christlichkeit bringt. Wenn Sie aber der Heuchler sind, als den ich Sie heut schon verdächtigt hab', dann darf man Sie als einen Kindererzieher erst recht nicht in Betracht kommen lassen. Also Sie werden an diesen zweien nichts gutmachen können. Tragen S' halt die Schuld, die S' auf sich geladen haben.«

Mit seiner rechten Hand ergriff er nun den Franzl am Arme, mit seiner Linken den Edi, und dann wollte er mit den beiden schnell von hier fort. Sie leisteten ihm einen Widerstand, der ihn überraschte. Drei Schritte weit ließen sie sich schleppen. Dann hielten sie ihn an, und Franzl flüsterte in einem beschwörenden Tone: »Überleg' dir das, Wunionkel! Sei nicht auch gegen diesen hart…«

»Weißt, sonst macht er's vielleicht auch so wie der Vater«, ergänzte der Edi.

Sphändl erschrak. Die Mahnung der Kinder ließ es ihn erkennen, dass er nun wirklich auch gegen Markus sehr grausam war. Er handelte nun aber in dem Hasse, den er gegen den Baldringer empfand, gegen seine eigene Erkenntnis, indem er die Knaben weiterzerrte und ihnen drohte: »Nimmer anschauen tu' ich euch, wenn ihr nicht ruhig mitgeht.«

Sie wussten es, dass er einer von denen war, die so viel als möglich ihr Wort halten, deshalb gingen sie mit ihm. Nun sagte er in einem beruhigenden Tone: »Der könnt' noch gar viel sehen, eh' er sich was antät, das weiß ich ganz gewiss. Die einmal so was Großes angefangen haben wie der, die müssen viel von ihrem Geist fallen, eh' sie das Leben wegwerfen. So weit ist er noch nicht.« Franzl hätte sich nun wenigstens noch umwenden und dem Markus heimlich eine tröstliche Miene zeigen mögen, aber er wagte das nicht, weil er wusste, dass einem so etwas vor dem scharfäugigen Winionkel nicht leicht gelang.

Frau Kati war indessen bei dem Baldringer stehen geblieben. Jetzt drückte sie zuerst ihm die Hand und dann der Benna und sagte zu den beiden:

»Verzichten S' vorläufig auf die Buben. Sie können uns ja in anderer Weise genug Gutes tun.«

Dann folgte sie dem Gefährte, das nun der Wirt gegen die große Straße hin zu lenken begann.

Etliche Männer schlossen sich der Witwe an, und die meisten der Anwesenden gingen nach der Donaunixe zurück. Die Laterne hatte der Wirt mitgenommen. Die zwei Baldringer blieben hier allein im Finstern. Markus kauerte vor der Hauswand auf einen niedrigen Bretterstoß hin.

Benna sah, dass hier aller Zuspruch vergeblich wäre. Nach einer Weile sagte sie aber doch:

»Gott wird dich aufs Neue zu deinem Werk' stärken, obwohl er dieses Unglück geschehen ließ.«

Markus entgegnete ihr darauf: »Du glaubst es selbst nicht, was du da sagst. Wenn Gott meinem Werk gnädig wär', hätt' er mich nicht dabei an dem Tod eines Menschen schuldig werden lassen. Und ich Narr hab' mich noch vor einer Weil' seiner Gnad' so voll gefühlt! Ich konnt' mir gar kein gewisseres Zeichen seiner Huld vorstellen als dieses Vertrauen, das ich vorhin zu ihm gehabt hab'! Weshalb lässt er denn das eine Einbildung sein, was mir als die sicherst' Verständigung mit ihm erschienen ist? Ich glaub', er hätt' mich gar nicht weiter von sich entfernen können, als er es tut, indem er mir zeigt, dass ich meinem Fühlen nicht trauen darf.«

Der Benna flößten diese Worte ein Entsetzen ein, das größer als dasjenige war, welches sie empfand, als man vorhin den Toten brachte.

»Ich hab' dich für so glaubensstark gehalten, und du warst's nicht, sonst könntest du nicht jetzt schon so erbärmlich zweifeln«, sagte sie. »Gott hat dieses Unglück geschehen lassen, um deinen Glauben zu prüfen.«

Markus schüttelte den Kopf. »Nein, nein«, sagte er, »das ist keine Prüfung, das ist ein Zuschandenwerden, von dem ich mich mein Lebtag nimmer erheben kann.«

»Du wirst dich doch wieder erheben«, sagte Benna, »dass du lang' so unglücklich bleibst, wie du es jetzt bist, das will Gott nicht.«

»Er will's doch«, behauptete Markus. »Einer, der so viel bei Gewissen ist wie ich und den Gott so wie mich schuldig werden lässt, der wird sich auch durch kein Wunder jemals mehr so gestraft fühlen können, wie ich das bis heut' getan hab'. Durch keine Sühne, die ich üben kann, werd' ich noch jemals so rein, dass ich in diesem Leben noch froh werden könnt', wie ich es bis heut' war. Vor einer Weil' hab' ich noch daran gedacht, dass ich mir an den zwei Kindern ein wenig emporhelfen könnt'. Jetzt glaub' ich auch daran nicht mehr. Das wär' ein schlechter Kindererzieher, den Gott so wenig berat't wie mich. Und wie sollt' einer, der sich nach Gottes Willen so wenig trauen darf wie ich, erst ein Werk vollbringen wie das, an das ich mich da in meiner Selbstüberhebung gemacht hab'? Du musst es einsehen, Benna, dass ich an das Gelingen dieses Werkes nicht mehr glauben kann. Dass ich nun gar nicht mehr weiß, was ich hier anfangen soll, das wirst du auch einsehen.«

»Du bist zornig und erbittert gegen Gott!« rief Benna.

»Nein, das bin ich nicht«, sagte Markus, »aber ich bin willensschwächer als mancher völlige Narr, weil ich nun Gott gar nicht begreifen kann.«

»Dann sollt' dir der Glaube an seine Barmherzigkeit genügen«, meinte sie.

»Ich zweifle daran, dass er mir barmherzig ist«, entgegnete Markus. »Das hab' ich doch schon mit anderen Worten gesagt.« Dann fügte er hinzu: »Dich trifft mein Unglück furchtbar schwer. Ich hätt' dir's vielleicht nicht so ganz eingestehen sollen.«

»Freilich«, sagte Benna, »weil du in deinem Denken noch niemals so schwer gesündigt hast wie jetzt, d'rum möchtest du mich jetzt auch zum ersten Mal belügen und beheucheln.« Dann befahl sie in einem halb strengen, halb zärtlichen Tone: »Jetzt geh' mit ins Haus. Ich hoff', dass uns Gott trotz allem auch in dieser Nacht schlafen lassen wird.«

Er folgte ihr schweigend.

Während sie durch den Hof gingen, sagte sie: »Die versprochenen Besuche machst du morgen.«

»Ich weiß es nicht, ob ich sie machen werde«, entgegnete er. »Es ist, wie ich dir sagte: Ich weiß nicht mehr, was ich soll.«

»Dann will ich dir's sagen«, sprach sie fest und dabei doch ein wenig scherzhaft.

In seinem Zimmer legte sich dann Markus nur auf sein Bett, weil er es wusste, dass der Benna diesmal ein Schlafen unmöglich wäre, solange es ihr nicht gewiss sein würde, dass er schlief. Etliche Male horchte sie durch die Türspalte nach ihm hin, und weil er in solchen Augenblicken immer ganz stille lag, fand sie dann wirklich den Schlaf, den sie erhofft hatte. Wenn den Markus sonst Sorgen oder Krankheiten wach hielten, hatte er immer beten können. Jetzt hielt er ein Beten für vergeblich, und er fürchtete auch, dass sich ihm eine jede Erhebung seines Geistes wieder als ein Selbstbetrug herausstellen könnte. Als das Richtigste erschien es ihm, sich in sein Bewusstsein der Gottverlassenheit zu finden, ohne über ihre Gründe, die ihm ja nun einmal unbegreiflich waren, nachzugrübeln, und deshalb glaubte er sich nichts Besseres als eine völlige Stumpfheit wünschen zu können.

Gegen das Werk, welches er so begeistert begann, empfand er nun einen Abscheu, weil er ja meinen musste, dass er durch dasselbe für seine Lebenszeit unglücklich geworden war. In dem Sinne des seligen Strölkamp meinte er das Werk auf keinen Fall mehr vollenden zu können. Es war ihm ganz gewiss, dass sich Gott gegen diese Art der Teilung ein für allemal ungnädig gezeigt hatte. Er nahm sich vor, es so schnell als möglich denen recht zu machen, die ihm den Rat des Strölkamp so viel verachteten und verhöhnten. Dass er dann aber deswegen noch um etwas Beträchtliches glücklicher werden könnte, das hielt er für unmöglich. Als er ungefähr zwei Stunden lang auf seinem Bette war, trug ihm der Nachtwind ein mehrstimmiges Geschrei an das Ohr. Drüben in dem Arbeiterdörfchen vor dem zweiten Häuschen der linken Gassenzeile gab es einen wilden Streit. In jenem Häuschen wohnten die Brüder Läusch mit einigen ihrer Angehörigen.

Dominik, der ältere der beiden, besaß ein Weib und fünf schon erwachsene Kinder, Mathias, der jüngere, war verwitwet und hatte eine Tochter. Dominik hatte seit seiner Jugend auf dem Schwemeißerhofe gearbeitet und war durch eine übergroße Strebsamkeit unter den Hofknechten der wohlhabendste Mann geworden. Als einen Nebenberuf betrieb er allabendlich sowie an allen Feiertagen die Schneiderei, und außerdem fand er Zeit zum Wilddiebern, Fischen, Holzstehlen und anderen lohnenden Geschäften. Seine Frau, die auch in der Gutswirtschaft arbeitete, wenn es dort viel zu schaffen gab, war in freien Stunden Gemüse- und Blumenhändlerin. Teils kaufte sie ihre Waren, teils bezog sie dieselben anderswie aus den großen und zumeist sehr schlecht umzäunten Gärtnereien der Gegend.

Für die Zukunft ihrer Kinder hatten die zwei anstelligen Leute mit sichtlichen Erfolgen gesorgt. Ihr erster Sohn war Advokat, ihr zweiter Kaufmann, und ihre Tochter hatten sie einem Kohlenhändler verheiratet. Den drittältesten Sohn, den Nazi, benützten sie daheim zu allen möglichen Dienstleistungen und schlugen ihn dabei mehr als mancher Sandfuhrmann seinen Gaul.

Eigentlich war der Nazi das wohlgeratenste und beste dieser Geschwister und verkümmerte bei den Eltern, weil er ihnen am unentbehrlichsten war. Die beiden Alten hätten das Dienen auf dem Hofe sowie ihre anderen Geschäfte längst nicht mehr nötig gehabt, aber sie wollten von ihrer gewohnten Lebensweise nicht lassen.

Mathias Läusch war auch viele Jahre lang ein Knecht des Schwemeißers gewesen und hatte als solcher treuer gedient als sein Bruder Dominik. Zu Nebenbeschäftigungen wäre Mathias damals schon deshalb nicht fähig gewesen, weil er sich bei der schweren Feldarbeit nicht so listig zu schonen verstand wie sein auf sich selbst bedachter Bruder, und so war nicht zum geringsten Teile seine ehrliche Plage daran schuld, dass er es nicht auch zu Ersparnissen gebracht hatte. Als er dann einmal beim Kornabladen von einem Scheunengerüste fiel, konnte er keine Knechtsarbeiten mehr verrichten.

Der Schwemeißer entledigte sich des Siechen wie anderer, die in seinen Diensten arbeitsunfähig geworden waren, auf schmähliche Art. Seit einigen Jahren lebte Mathias von dem Verdienste seiner Tochter Mali. Anfangs war er darüber unglücklich gewesen, dass Mali ihre Einkünfte durch einen unehrsamen Verkehr bezog, den sie mit Männern pflegte, später ließ er sich aber deshalb williger von ihr aushalten, weil er den Schnaps zu seinem Seelentröster gemacht hatte. Jetzt war er ein in seinen Räuschen fast fühlloser und in seiner Nüchternheit verzweifelter Lump. Seine Tochter Mali war vor etlichen Monaten infolge ihres unordentlichen Lebenswandels erkrankt, und seither plagte die beiden die bitterste Armut.

Als sie eine Zeitlang unterstandslos gewesen waren, nahm sie Dominik in die Hinterkammer seines Häuschens auf, und seine Frau fristete sich mit kärglichen Lebensmitteln hin. Die beiden Eheleute taten das nur, weil sie mit Sicherheit darauf hofften, dass Mathias von jenem Teile der Schwemeißerschen Erbschaft, der ihm ja von Rechts wegen gebührte, bezahlen werde. An manchen Tagen gab die Frau des Dominik dem Schwager und der Nichte so wenig, dass die beiden arg hungern mussten. An einem solchen Tage stahl der Matthias aus einer der Gärtnereien etliche Kohlhäupter, wurde dabei ertappt und hernach eingesperrt. Heute waren Dominik, seine Frau und Matthias bei dem Empfange des Baldringer gewesen. Auf ihrem Rückwege gerieten sie in Streit.

Dominik sagte zu seinem Bruder: »Jetzt kriegst du nichts von dem Baldringer. Er wird es ja ganz sicher erfahren, dass du ein Lump und ein kürzlich abgestrafter Dieb bist. Die Mali wird er auch ohne Weiteres als das erkennen, was sie ist. So hab' ich denn mein' Sach' an euch verloren. Dass ich nun noch etwas Weiters für euch opfern und euch mein Kammerl noch länger überlassen soll, das werdet ihr bei einigem Verstande wohl nicht mehr verlangen können.«

Matthias gab wegen dieser Reden dem Bruder einige im Grunde nicht ungerechtfertigte Schimpfnamen. Dominik erwiderte kräftig genug, und die beiden wurden nur deshalb nicht handgemein, weil sie sich vor den Leuten schämten, die mit ihnen auf dem Wege waren. Bei der Brücke wandte sich Matthias von Dominik ab und ging nach der Donaunixe. Schwer bezecht kam er heim und tobte dann in der Hütte erst recht gegen Dominik weiter.

Dominik warf ihn zur Hüttentür hinaus. Mali nahm sich ihres Vaters in einer wild leidenschaftlichen Weise an und wurde dann auch von dem Läuschschen Ehepaare gewaltsam vor die Türe gebracht.

Hierauf schlugen die beiden Hinausgeworfenen ihren Verwandten die sämtlichen Fenster ein. Als das Scherbengeklirre eben am lautesten war, erhob sich Markus leise von seinem Lager und schlich zum Hofe hinaus. Er ahnte es, dass da seinetwegen gestritten wurde, und konnte deshalb gegen den Lärm nicht gleichgültig bleiben. In dem finsteren Garten Dominiks hörte er, ohne von jemand gesehen zu werden, von dem Streite noch so viel, dass er über die Verhältnisse dieser entzweiten Verwandtschaft ziemlich genau ins Klare kam. Von den Leuten, welche außer ihm versteckte oder offene Auftritte ganz offen beiwohnende Zuhörer waren, trat niemand zwischen die Brüder. Als sich die zwei Parteien nichts mehr zu sagen wussten, was ihnen füreinander grob genug gewesen wäre, gingen sie zu Tätlichkeiten über. Der arme Matthias musste die körperliche Überlegenheit seines Bruders gar schmerzvoll fühlen. Die Frau des Dominik machte sich über die Mali her, konnte aber das trotz seiner Krankheit noch ziemlich wehrhafte junge Weib nicht gleich so, wie sie wollte, überwältigen und rief deshalb ihren Sohn, den Nazi, zu Hilfe. Dieser junge Mensch hatte seiner Mutter sonst immer gehorcht, aber diesmal tat er es nicht. Sein Empfinden machte es ihm einfach unmöglich, die Kranke zu misshandeln, wie es die Mutter haben wollte.

Hernach ließ jedoch der Dominik von seinem Bruder ab und züchtigte auch die Nichte. Matthias und Mali schleppten sich sonach von dem Platze ihrer Niederlage fort und hockten abseits von der Dorfgasse auf einem Feldrain nieder. Drinnen in der Hütte schlug dann das Ehepaar seinen Sohn, weil er diesmal so ungehorsam gewesen war. Markus hörte es, wie die Schläge auf das Gesicht und auf den Rücken des geduldigen, stillen Burschen fielen.

Dann näherte sich der Baldringer, um noch mehr zu hören, von den Rainstauden verborgen, dem Mathias und der Mali. Er konnte wirklich einige Reden dieser zwei unglücklichen Menschen erlauschen.

»Da, auf freiem Feld' können wir nicht übernachten«, hörte er die Mali sagen. »Ich hab' jetzt ein fürchterliches Fieber und bin so gering angezogen. Wir müssen einen Unterstand suchen.«

»Ich weiß nicht, wohin wir uns wenden sollen«, seufzte der Matthias. »Wenn es doch Winter wär', damit es uns gleich totfrieren tät.« Dann schimpfte er über die Hofknechte: »Das ist eine Bagasch' übereinand'! Alle haben's das Geschrei gehört, alle wissen's, wie's um uns steht, und keiner kommt und sagt: ›Ich lass euch unterschlüpfen!‹ Und betteln tu' ich niemand.«

Mali erhob sich jetzt. »Ich weiß schon, was wir machen«, sagte sie. »Zum Liebrich gehen wir, der muss uns helfen. Ich hab' mir's zwar nicht gedacht, dass ich dem nochmal kommen werd', aber jetzt tu' ich's doch.«

Die Absicht Malis, zu Liebrich zu gehen, kam dem Matthias so überraschend, dass er sich im Augenblick kaum zu fassen wusste.

»Zum Liebrich?« fragte er daher in einem Tone des Entsetzens. »Wann hast du denn mit dem was zu tun gehabt?«

»Wie ich am schönsten und schlechtesten war«, antwortete sie.

»Ja, ja«, seufzte der Alte. »Wenn du jetzt schön wärest, so wärest du auch gleich wieder schlecht.«

»Tu mir nicht so unrecht, Vater«, bat Mali. »Wenn uns der Liebrich nur über etliche Tage hinüber hilft, so find't sich dann g'wiss wieder ein Rat, und wenn ich dann noch gesund werd', dann wirst du ja sehen, was ich tu'. Eine ehrliche Arbeit ergreif' ich dann, nicht mit ein'm Aug' versündig' ich mich mehr an einem Mannsbild, und dir mach' ich in deinem Alter noch schöne Tag'. Glaub' mir, und jetzt geh' mit. Außer dem Liebrich weiß ich keinen in der Näh', den ich auf Grund einer ehemaligen Freundschaft anrufen könnt'.«

»Ich geh' nicht mit«, sagte der Alte. »Und wenn jetzt die recht' Reu' in dir wär', so möcht'st einem solchen, an den du dich verworfen hast, nimmer vors Gesicht kommen. Geh' du allein zu ihm. Überlass mich meinem Schicksal. Ich will mich wie ein eingehend's Vieh irgendwo in der Au verkräuln und hin werden. Geh' du halt um Nachzahlung zu ihm, wenn du dich nicht schämst, geh'!«

Er stieß sie von sich, und sie kroch weinend wieder zu ihm. »So stirb' ich halt mit dir«, sagte sie. »Allein lass ich dich nicht. Ich hab' Buß' tun und nicht als diejenige sterben wollen, die ich jetzt bin, aber jetzt geh' ich halt mit dir in die Au!«

Indem sich nun der Matthias mühselig erhob, antwortete er ihr: »Ich glaub's nicht, dass du noch einmal ehrsam werden kannst. Und es ist besser, du stirbst, als du vermehrst dein Sünden.« Er ging nun von dem Raine seitab gegen den Bach zu, und Mali schleppte sich ihm nach.

Markus sah die zwei gebeugten, langsam dahin torkelnden Gestalten deutlich, weil nun durch die schmale Wolkenbresche die Mondsichel auf die Gegend hernieder schien. Zu gleicher Zeit wehte ihn der moderige Geruch der sumpfigen Au an, und da befiel ihn ein Grausen, als ob er nun vor den zwei Unglücklichen wahrhaftig den Tod sähe.

Er ging den beiden nach und redete sie an: »Wenn es euch möglich ist, so verzeiht mir's, dass ihr meinetwegen so grausam hinausgeworfen und misshandelt worden seid.«

»Der Herr Baldringer!« schrie der Matthias, und indem er vor Markus die Hände zusammenhielt, fügte er hinzu: »Jetzt weiß ich es schon, dass Sie doch das Rechte wollen.« Mali fiel vor Markus auf die Knie, aber er half ihr gleich kräftig auf, und dann antwortete er dem Alten:

»Sie irren. Ich weiß nicht, was ich will. Wohin soll ich Sie führen? Im Schwemeißerhofe könnt' ich Ihnen heut' kaum das Nötige bieten. Es ist vielleicht am besten, wenn ich mit Ihnen zum Liebrich geh'. Er soll sie um meinetwillen aufnehmen. Sie werden ihn nicht bitten müssen und ihm nicht danken brauchen.«

Der Matthias antwortete darauf, ohne sich viel zu besinnen: »Ich tue, was sie wollen.«

Über eine große Feldfläche und durch einen Waldpark kamen die drei Leute zu dem alten, schönen Herrenhause des Liebrichergutes. Als sie ein Weilchen auf dem Wege gewesen waren, hatte der Matthias den schweigsamen Baldringer schüchtern angesprochen: »Wenn Sie nur den unbescholtenen Armen helfen möchten, wie man's nach Ihrer Red' hat meinen können, so wär' das für die Ärmsten, zu denen wir gehören, recht traurig gewesen. Aber nicht wahr, Sie wissen's ganz gut, dass die, welche sich in der Armut noch allweil die Ehr' errett' haben, bei Weitem nicht so zu bedauern sind als wie wir. Just den Allerunglücklichsten werden Sie am stärksten helfen, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, was ich will, und weiß nicht, was ich tun werde«, gab Markus wahrheitsgemäß zur Antwort.

Dann hatte es keines von den beiden gewagt, ihn alsbald wieder anzureden, aber sie hofften nun dennoch fester als je auf ihn, und der Matthias freute sich mehr für seine Tochter als für sich selbst, weil sie nun nicht in die finstere Au mussten. Dabei tat der Alte freilich das heimliche Gelöbnis: Wenn sie jedoch wieder in das alte Luderleben verfällt, dann erwürg' ich sie.

Sie fanden die Einfahrt des Hauses weit offen und hell beleuchtet. Ein Diener ließ sie in ein großes Vorzimmer treten und meldete dann seinem Herrn den Baldringer an. Liebrich kam förmlich herbeigestürzt, fiel dem Markus um den Hals und verbarg mit diesem feurigen Empfange den Schrecken, den er bei dem Anblicke der beiden Armen empfand. »Wenn du mir auch was immer brächtest, so wär' ich doch glücklich, weil du gekommen bist«, sagte er.

»Ich bringe dir diese zwei Menschen, weil ich für sie in meinem Hause weder den passenden Raum noch die richtigen Mittel habe«, erklärte Markus. »Du wirst sie gewiss gleich der nötigen Pflege teilhaftig werden lassen.«

Nun war Egid seines Schreckens ledig, denn es war bereits gewiss, dass Markus nicht etwa in dieser Begleitung kam, um hier ein Strafgericht zu halten. Ganz übereifrig stellte er sich, indem er seine alte Wirtschafterin herbeirief und ihr die beiden Armen zur sorglichsten Betreuung überwies. Die tüchtige Frau brachte die ihr Befohlenen in einer freundlichen Stube des Erdgeschosses unter. Egid schleppte den Markus über eine Stiege in einen glänzend ausgestatteten Wohnraum und zog ihn dort auf einen seidenen Divan. Nach einem kurzen Überlegen fand es nun der junge Gutsbesitzer für klug, ein Geständnis zu machen. Er legte seine Hände um die Schultern des Baldringer und fragte lächelnd: »Gelt, es ließ dir keine Ruh', du musstest noch heute unter deinen Armen Umschau halten? Und gelt, du wärst wohl mit anderen Armen zu mir gekommen, wenn du geahnt hättest, dass in meiner dunkelsten Vergangenheit zwischen mir und diesem Weib ein kurzes, hässliches Verhältnis bestand?«

»Ich wusste mir mit diesen Leuten keinen anderen Weg als den zu dir«, antwortete Markus. »Von ihrem Verhältnisse zu dir hab' ich gehört, und da meinte ich gleich, dass du noch in ein schöneres Verhältnis zu ihr kommen könntest. Sie will noch einmal gesund und ehrsam werden. Wenn du dich ein wenig darum verdient machen könntest, dass sie das wahrhaftig wird…«

»Ich danke dir«, sagte Egid innig. »Du verwandelst deinen Abscheu vor meiner Vergangenheit, die mich fast wie eine ekle Krankheit plagte, in ein erlösendes Erbarmen, ich danke dir. Und ich danke dir auch, weil du, von meiner Vergangenheit unbeirrt, mit meiner Zukunft rechnest.« Er drückte sein Gesicht an die Brust des Baldringer.

Markus streichelte das schöne Haar des jungen Menschen, und dabei rann ihm eine Träne um die andere über das Gesicht herab. »Ich hab' für deine Zukunft gebetet und möchte' es noch«, sprach er dabei. »Aber ich kann es nun nicht mehr. Gerad' mein frömmst's Wollen hat sich ja für andere so als ein Unheil erwiesen, dass ich mich jetzt nimmer zu beten trau'.«

Egids Neugier wurde durch diese Worte mächtig erregt, er zeigte sich aber weit mehr entsetzt als neugierig, indem er emporfuhr und ausrief: »Was ist denn geschehen? Du kannst mir das Ärgste anvertrauen! Etwas Fürchterliches muss es ja sein, was dir solche Zweifel an dir selbst macht.«

Markus erzählte kurz und sachlich, was er in den letztvergangenen Stunden erlebt hatte, und dann schloss er mit den Worten: »Und jetzt weiß ich mir gar keinen Rat mehr; vor einer Stund' war ich zu der schnellsten Teilung entschlossen. Seit ich aber diese grausamen Leut' gesehen hab', die da meinetwillen ihre unglücklichen Verwandten um Mitternacht auf die Straß' werfen, ist mir wieder ganz anders. Solche, die eh' durch ihren Überfluss schon verdorben sind, noch reicher und somit noch schlechter machen, das ist halt gar so ein sündhafter Unsinn. Also, wie gesagt, ich weiß mir keinen Rat mehr und hab' weder den Mut zu dem einen noch zu dem anderen.«

Egid hatte aufmerksam zugehört, er verstand den Baldringer und belustigte sich dabei insgeheim. Für ihn waren der Gewissensgrund und die Zweifel des guten Menschen ebenso wie dessen ganze Beglückungs- und Teilungspläne etwas Kindliches, Lächerliches, aber er heuchelte einen tiefen Ernst. Er war der Ansicht, dass jetzt ein Zeitpunkt da sei, an welchem Markus leichter als zuvor zum Behalten des Schwemeißergutes versucht werden könnte. Weil es ihm nun schon fast gewiss schien, dass er Benna heiraten würde, fühlte er sich auch fast zu einem solchen Versuche verpflichtet, mittelst dessen er für seine zukünftige Familie den Baldringer zu einem Erbonkel machen konnte.

»Ich wundere mich jetzt über dich«, so fing er an. »Jetzt, wo Gott so stark zu dir sprach wie vielleicht noch nie, begreifst du ihn am wenigsten, oder besser gesagt, du willst ihn nicht begreifen, weil er nicht so zu dir spricht, wie du es wünschest. Er gab dir Zeichen dafür, dass ihm das, was du wolltest, nicht gefällig ist, und du solltest ihm für seine Weisung dankbar sein, nicht aber dich von ihm abkehren, wie du das jetzt tust. Schau: ich war die längste Zeit meines bisherigen Lebens kein recht glaubensfester Christ, hab' es aber doch für mein bisschen Gottvertrauen niemals zur Vorbedingung gemacht, dass mir Gott dieses oder jenes gelingen lassen müsse. Es soll einem das, was man wünscht, nicht über den Willen Gottes gehen, verstehst du?« Bei diesen Worten umarmte er den Markus neuerdings und fragte ihn: »Nicht wahr, du glaubst nicht, dass ich mich irgendwie höher als dich schätze, weil ich Grund zu dieser Strafpredigt habe? Ich weiß, dass du groß sündigen dürftest, ohne dadurch der Schlechtere von uns beiden zu werden.«

Markus ahnte hinter diesen Worten kein Falsch, und sie wirkten teilweise so auf ihn, wie es Egid haben wollte.

»Ich hab' mich wirklich für besser gehalten als dich«, sagte er. »Aber nun ist das anders. Du überzeugst mich da von meiner Selbstüberhebung mehr, als ich von ihr überzeugt war. So gut, wie du mich jetzt belehrtest, hätt' ich dich vielleicht nie belehren können. Ja, ja, meine Selbstüberhebung wird wohl am sündhaftesten gewesen sein, wie ich mich des Selbstvertrauens schon für ledig und des Gottvertrauens für ganz voll gehalten hab'. Es war eine Vermessenheit von mir, dass ich mich mit Gott so weit für eines Sinnes gehalten hab'. Darum hat er mich wohl auch bei meinem Werk derart gestraft, dass ich jetzt schier gar keinen Verstand dazu hab'.

»So darfst du es jetzt nimmer durchführen wollen«, sagte Egid. »Anfangs hat es mir ja sowieso gar nicht gefallen, dass du so etwas Außergewöhnliches tun willst. Später hab' ich darauf gehofft, dass es dir gelingen wird. Man schwärmt eben gar zu gerne mit denen, die man liebt. Und jetzt wär's mir am liebsten, wenn du in dieser Sache nichts mehr machen würdest. Du weißt jetzt nicht, was du sollst. So bleib' auf deinem Hof und warte geduldig, bis dich Gott beratet. Und wenn du jetzt etwas auf dich hältst, so lass mich dir mit meinem Verstande und besten Willen dienen. Ich kenne die Leute hier besser als du, und weil sie das wissen, haben sie sich heut so zwischen dich und mich gestellt. Lass sie schreien, wenn ihnen dein Zusehen missfällt. Du kannst ihr Geschrei mit der Wahrheit beantworten: ›Ich wollt' es euch allen recht machen. Aber Gott hat's anders gewollt.‹ Und nun, mein lieber Markus, brauchst du ein gutes Glas Wein.«

Markus wollte keinen Wein, aber nachdem er von Egid zu etlichen Schlücken bemüßigt worden war, spürte er einen Anreiz zum Weitertrinken. Als er dann noch einige Male freiwillig das Glas zum Munde geführt hatte, bekam er zum ersten Male in seinem Leben die Lust, in einem Rausche Vergessenheit zu suchen.

Zu einem Rausche brachte er es zwar nicht, aber doch zu einer Übertäubung seines Kummers, und trotzdem blieb er dem Egid, der sich mit seinem Gespräche Mühe gab, ihn auf ernste und dabei angenehme Weise zu zerstreuen, zu kopfhängerisch. Nachdem Egid ziemlich lange geredet hatte, ging er zu einem schönen Stutzflügel, der im Nebenzimmer stand, und begann einen Walzer zu klimpern, ganz plötzlich lief er dann wieder zu dem Markus, sah ihm forschend in das Gesicht und sagte:

»Nicht wahr, mein Spiel ist halt auch keines, das einem wohler machen kann?« Hernach fügte er hinzu: »Ich weiß, was ich tue. Die Tochter meines Gartenverwalters lass ich dir was vorspielen, die Paula!« Er eilte zur Türe hinaus und kam in einem Weilchen wieder zurück.

»Du solltest mich jetzt nach Hause gehen lassen«, sagte Markus, welcher mittlerweile aufgestanden war. »Meine Stimmung hat sich schon mehr gemildert, als du glaubst.«

»Das ist nicht wahr!« rief Egid und zog den Markus mit Gewalt auf den Divan nieder. »Du musst glücklicher nach Hause gehen, als du jetzt bist, sonst – na, ich kann eben nicht schlafen, ehe du nicht glücklicher bist.«

Wieder hing er sich zärtlich an den Hals des Baldringer und sagte in einem scheltenden und dabei doch kosenden Tone: »Ich möcht' dich gar nimmer zu dir selber kommen lassen, du grauslicher Grübler du. Solche Leut' wie du sündigen in ihrem zu tiefen Ernst so viel, dass es gut wär', wenn man sie alle leichtsinnig machen könnt'.«

Markus war nun von der Liebe, die er aus diesen Worten zu hören meinte, so gerührt, dass er kaum zu antworten vermochte.

Bald nachher kam ein junges, zierliches Weib, das mit einem bunten, seidenen Schlafrocke bekleidet war, förmlich in das Zimmer geflogen und brachte dabei eine an Egid gerichtet Wortmenge hervor, die mehr wie ein Vogelgezwitscher als wie ein menschliches Reden klang und nur zum geringsten Teile von Markus verstanden wurde. Es ging eine Art Lustwirbels von ihr aus, der die Gedanken des Baldringer mehr erfasste und lockerte, als das bisher der wunderbare Wein des Liebricher vermocht hatte. Einer Lerche hätte sie Markus vergleichen mögen, wenn der Zauber, den ihr Wesen verbreitete, von demjenigen, welchen so ein himmelanwirbelndes Vögelchen auf das Menschenherz ausübt, nicht so grundverschieden gewesen wäre. Was Egid zu dem Mädchen sprach, verstand der Baldringer ganz deutlich.

»Spielen sollen Sie, geehrtes Fräulein, spielen für einen traurigen Gast, der einer meiner liebsten Menschen ist.« Die junge Schöne ließ nur den Blick ihrer großen, schwarzen Augen mit einem allzugleich neugierigen, teilnahmsvollen und schelmischen Ausdrucke auf dem Gesichte des Markus verweilen, dann huschte sie zu dem Stutzflügel hin und begann ein Spiel, in dem zuerst auch etwas wie ein zärtliches, sorgenvolles Fragen war und das später zu tollen Jubeln verführen wollte. Egid saß indessen neben Markus und trank ihm dabei öfters zu. Markus fühlte sich für die Mühe, welche sich diese beiden Menschen um ihn gaben, zu vieler Erkenntlichkeit verpflichtet, obwohl er dabei noch traurig blieb und von der Musik der Verwalterstochter wie von einem recht naiven und gewaltsamen Erheiterungsversuche berührt wurde. Nachdem das feine Geschöpf lange gespielt hatte, kam es zu den beiden Männern und sah dem Markus fragend in die Augen. Dann lief es zu dem Klaviere zurück, spielte wieder eine lockende Weise und kam abermals, um dem Unglücklichen aus dem Gesichte zu lesen. Er zwang sich nun zu einem Lächeln, aber sie schüttelte den Kopf und sagte: »Für Sie ist's schwer spielen, lassen Sie mich doch lieber mit Ihnen trinken.« Sie setzte sich zu den Männern und trank mit ihnen, und mit ihrem munteren Geschwätze wirkte sie zunächst besser als mit ihrem Klavierspiele auf Markus ein. Der schöne, sonderbare Mann erregte mächtig ihre Bewunderung und Neugier, und sie hatte sich ihm bald auf eine liebenswürdig freche Art so weit angefreundet, dass es dann kaum noch zudringlich aussah, als sie nach den tiefsten Gründen seiner Wehmut forschte. Er beantwortete ihr alles ehrlich und breit, was sie wissen wollte, und sie verlegte sich leidenschaftlich auf das Nachempfinden. Als er von den Hoffnungen sprach, mit welchen er in den Schwemeißerhof gekommen war, glühte sie vor Begeisterung, und als er ihr seine jetzige Verzweiflung schilderte, war sie ebenfalls verzweifelt und vergoss heiße Tränen. Egid, der dem Gespräche der beiden eine Weile mit spöttischen Empfindungen zuhörte, rief endlich aus:

»Aber mein Fräulein, hab' ich Sie denn dazu hergerufen? Mein Freund soll vergessen, nicht aber an Erinnerungen leiden.«

Das Fräulein brachte dann in einem Wortschwalle hauptsächlich die Meinung zum Ausdrucke, dass man über vieles Seelische nicht besser hinwegkommen kann, als wenn man es in sich an mitfühlender Brust gründlich austoben lässt.

Dann entstand um den Baldringer ein scherzhafter Kampf, bei dem es aber dem Mädchen doch etwas ernst war. Egid zog zuerst den jungen Mann an sich. Hierauf entriss ihn das Mädchen wieder dem jungen Gutsbesitzer, der sich dann gekränkt stellte und auf dem Klavier eine übertrieben schwermütige Weise zu spielen begann. Das feine, junge Weib blieb dicht neben Markus sitzen. Sie hob ihren linken Arm, mit welchem sie früher den Markus an sich gerissen hatte, auch jetzt von dessen Schultern nicht weg, ihre rechte Hand ließ sie in der seinen ruhen und lehnte sich an ihn, so dass ihr Haar sein Gesicht berührte. Er sah es, dass sie ihn nun doch vergessen machen wollte und dass ihr das gelingen würde, wenn er sich ihr hingab. Gerade vorhin, als sie ihm alles so viel nachfühlte, hatte er es trotz der Rührung, welche sie ihm dadurch bereitete, geahnt, dass sie wegen der Unselbständigkeit ihres Denkens immer ein geistig untergeordnetes Wesen bleiben musste, und jetzt fiel ihn eine Macht ihres Leibes an, durch welche sie ihm dazu befähigt schien, ihn für sein Leben lang zu ihrem geistigen Untertanen zu machen. Die Wehen seines jetzigen Elends machten es ihm wünschenswert, durch dieses Weib vom Denken abgelenkt zu werden und an ihr mit verzauberten Sinnen zugrunde zu gehen. Gleichsam wie der Tod seines besseren Teiles wehte es ihn von dieser Schönen an, aber wie ein willkommener, wollüstiger Tod. Bei einigem guten Willen hätte er die Kraft dazu aufgebracht, sich ihr zu widersetzen. Aber er hatte nun keinen Willen mehr zu seiner Rettung. So wollte er sich dem Eindringen der Kraft, die von ihr ausging, preisgeben. Langsam rückte er mit seinem Arme vor, um ihn um die Hüften des Mädchens zu legen, da brach Egid das Spiel ab und ging zu den beiden zurück. Er sah sie scharf forschend an. Dann zog er den Markus mit bedeutsamer Kraftanwendung jählings von dessen Sitze empor und schleppte ihn aus dem Zimmer. Über die Achsel hin nickte er dem Mädchen zu und sagte mit etwas höhnischer Freundlichkeit: »Gute Nacht, Fräulein!«

Er war gegen ein näheres Herzensverhältnis dieser zwei Menschen; die jetzige Schwäche des Baldringer machte ihm wohl eine hämische Genugtuung, aber er wünschte auch, dass sich dieser von ihm gerettet fühlen möchte. Markus bedauerte vorläufig die gewaltsame Trennung, sowohl um seiner selbst als auch um des Mädchens willen und sagte: »Die Arme, du hast sie fürchterlich beleidigt. Ich muss bei ihr für uns beide abbitten.« Er befreite sich aus der Gewalt des anderen und wollte wieder zu dem Mädchen zurück, das nun aber bereits aus dem Zimmer fortgelaufen war. Nun seufzte er: »Die tut mir leid, bei der hätt' ich vergessen…«

»Das sollst du bei anderen Menschen«, sagte Egid. »Vorläufig bei mir.«

Markus seufzte wieder und dachte dabei, dass sich Egid doch eine gar zu große Kraft über ihn zumutete. Bald nachher gingen sie miteinander zu dem Schwemeißerhofe. Markus wollte zuerst das Opfer nicht annehmen, welches ihm Egid mit seinem Mitgehen brachte, aber später war es ihm doch recht, dass er in der ihm fremden, finsteren Gegend einen Begleiter hatte. Als sie an das eingeschlagene Tor kamen, machte Egid das Geständnis, dass es ihm nun bei dem Zurückgehen etwas unheimlich sein würde, und dann entschloss er sich, in dem Schwemeißerhofe zu übernachten. Nachdem sie sich, um Benna nicht zu wecken, leise in die Wohnung geschlichen hatten, kam die schöne, junge Frau des Hofschaffers nach Hause und begab sich zur Ruhe, ohne von dem, was sich während ihrer Abwesenheit in dem Hause zugetragen hatte, das Mindeste zu ahnen. Am frühen Morgen trat Benna aus ihrem Zimmer und staunte gar nicht wenig, als sie die zwei jungen Männer sah, welche nun nebeneinander schliefen.

Markus erwachte früher als Egid; er zog sich leise an und ging in die Küche, wo Benna bereits Verschiedenes gearbeitet hatte. Er berichtete ihr alles, was er nach ihrem gestrigen Einschlafen erlebte. Schließlich sprach er sich über das aus, was ihn die Verwalterstochter zu empfinden gab. Benna hörte ihm scheinbar ruhig zu, und dann sagte sie in einem galligen Tone: »Wenn du dich richtig so vergessen willst, da magst du ja nachher mit Leuten, die das Rechte wollen, nichts mehr zu tun haben, und da gehen auch unsere Wege auseinander. Wenn du gleich so mächtig mit dem Wein und den Weibern anfängst, da wirst du ja auch bald so weit sein, dass du dich selbst richtig nimmer finden könnt'st. Wärst du recht willig und gläubig geblieben, so hätt' ich da unter allen Umständen ausgeharrt, aber weil du jetzt ein anderer werden willst – einer, den nachher vielleicht der Liebrich für gescheit halten mag, so pack ich meinen Binkel und geh' heim.«

Dem armen Markus war das Weinen nahe. »Das weiß ich ja, dass ich mit mir selber auch dich verliere«, sagte er. »Aber du musst Egids wegen dableiben. Euer Glück ist mit dem Meinigen nicht verloren. Euch beide hat Gott lieber als mich.«

Sie lächelte ingrimmig und antwortete: »Egid gefällt mir schon wieder viel weniger als gestern. Er will dich nun doch wieder seines Glaubens machen, sonst hätt' er dir nicht den Wein gegeben und nicht das Weib gerufen.«

Darauf begann der Markus seinen Freund sehr eifrig zu verteidigen, und als er damit seine Muhme wirklich schon einigermaßen überzeugt hatte, stieß draußen in dem Hofraum das Dienstmädchen des Hofschaffers einen gellenden Schrei aus und rannte zu einer Türe hinein, um seinen Herrn zu rufen, der sich nach einem kurzen Schlaf von seinem Lager erhoben hatte. Halb angekleidet kam der große, starke Mann über den Hof her. Markus trat ihm entgegen, um ihn zu beruhigen. Indessen kam Liebrich zu Benna in die Küche. Seine gemachte demütige Bescheidenheit stand ihm, wie er wohl wusste, ganz reizend, als er wegen seines nächtlichen Einschleichens um Verzeihung bat, und Benna wurde nun von seinem Anblicke völlig davon überzeugt, dass er des frömmsten Wollens war.

»Unsere Lage hat sich groß geändert«, sprach sie zu ihm. »Den Markus, der einen starken Einfluss auf Sie ausüben wollte, haben seine gestrigen Misserfolge so jämmerlich niedergeworfen und irre gemacht, dass er sich nun selbst zu nichts Richtigem bestimmen kann. Wenn Sie es nun gut mit uns meinen, so machen Sie es, dass er sich auf sich selbst besinnt, nicht dass er sich vergisst. Eifern Sie ihn zu dem an, wozu er hierher kam, helfen Sie ihm dabei, wenn es Ihnen möglich ist.«

Egid war zunächst ziemlich stark in Verlegenheit, weil sie ihm diese Aufgabe stellte, aber um ihrer Gunst willen tat er doch gleich so, als ob er sich zum Befolgen ihrer Weisung heilig verpflichtet fühlte. »Ich wäre glücklich, wenn ich das könnte«, behauptete er; dann machte er aber doch eine ganz schüchtern klingende Einwendung: »Wenn ich aber dadurch neue Misserfolge verschulden und ihn soweit noch unglücklicher machen würde?«

Sie sah ihn so durchdringend an, dass es ihm wirklich viele Mühe kostete, ihren Blick auszuhalten.

»Ich glaub', Sie sind früher vor verschiedenem schlechten Beginnen nicht so skrupelhaft gewesen als wie jetzt. Wenn man gar so ängstlich wär', da könnt' man ja schließlich das Beste nicht mehr wagen.«

»Sie zweifeln sehr garstig an mir«, sagte er mit der Miene eines Tiefgekränkten.

Da entgegnete sie lächelnd: »Ich will aber gerne wieder an Sie glauben.«

Er nahm sich nun vor, sie auf irgendeine betrügerische Weise davon zu überzeugen, dass auch er jetzt an die Teilung des Schwemeißergutes denke. Und nebenbei mutete er sich die Fähigkeit zu, insgeheim für Misserfolge sorgen zu können, falls der Markus das Werk wieder aufnehmen sollte. Antworten konnte er jedoch der Benna nicht mehr, denn Markus kehrte in demselben Augenblick in die Küche zurück. Die drei gingen in das vordere Zimmer, um miteinander zu frühstücken. Es dauerte nicht lange, da zeigte sich der junge Gutsbesitzer schon im Sinne Bennas anstellig, indem er zu Markus sagte:

»Nachher will ich mit dir die Besuche machen, die du gestern versprochen hast.«

Markus schüttelte den Kopf. »Gilt denn noch ein Versprechen, nachdem ich meinen Willen verloren habe?« fragte er. Und er fügte hinzu: »Ich und Benna haben übrigens auch schon unser sämtliches Bargeld hergegeben.«

Da holen wir Geld von meinem Bankhaus«, sagte Egid. »Wir gehen durch die Au in die Stadt, der Gang wird uns beiden gut tun.«

Der Benna gefiel es, dass er so schnell zum Borgen bereit war, aber sie erklärte, dass sie für sich und Markus genügende Geldmittel auf telegraphischem Wege bestellen könnte. Egid redete ihr diesen Entschluss aus und ging dann doch mit Markus der Au zu. Ehe sie zu dem Teiche kamen, seufzte Markus mehrere Male und fing dann mit sichtlicher Geschämigkeit von seinem jetzigen Zustande zu reden an:

»Ich möchte' jetzt wieder Wein trinken. Sonst hab' ich nie einen mögen. Ich spür's, dass das neue Gelüst was Schändliches ist. Und mit den Weibern geht es mir ebenso. Bisher hab' ich niemals derart an ein Weib gedacht. Es ist mir g'rad, als ob ich, weil ich an dem Rechten irr worden bin, was Schlecht's aus mir machen müsst, um überhaupt noch da sein zu können. Und glaub' du nicht vielleicht, dass ich auch ein bissl aus Bosheit justament schlecht werden will, weil mich Gott bei meinen guten Absichten verhindert hat. Nein. Aus lediger Verzweiflung treibt's mich zum Betäuben und Betollen hin.«

»In der Donaunixe kehren wir nun trotzdem nicht ein«, sagte Egid. »Und die Weiber, bei denen man sich so zerstreut, die würdest du viel zu ernst nehmen, als dass man dich zu ihnen lassen könnt' – das hab' ich gestern gesehen.«

Während sie nun an dem Hause vorüber gingen, drang aus diesem ein lautes Stimmengewirre zu ihnen.

»Die Arbeiter trösten sich«, sagte Egid. »Du könntest sie, wenn dir das Teilen auch noch so gut geläng', doch nimmer in ein höheres Empfinden versetzen, das für sie nicht bei Wein und Schnaps endigen würde.«

Nach diesen Worten stellte er sich plötzlich so, als ob er über sie erschrecke. Er zuckte zusammen und schlug sich mit drei Fingern vor den Mund. »Um Gottes willen!« rief er leise. »Was hab' ich da gesagt! Kann ich denn gar nicht mehr diplomatisch sein? Nein, ich kann es nicht mehr. Ihr – du und Benna, habt mich, wie es scheint, um mein Selbst gebracht und mir ein anderes gegeben. Ich kann nicht lügen!«

Er rang die Hände, als ob er sich unendlich über sich selbst verwunderte.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte Markus.

Egid seufzte wie in einem halb lustigen und halb traurigen Selbstbejammern. »Da ist es wohl besser, wenn ich dich gleich ehrlich über mich aufkläre, als wenn du über mich nachgrübelst«, sagte er. »Also höre: Benna will, dass ich dich nach jenem Sinne leiten soll, von dem du bei deinem Hierherkommen beseelt warst und von welchem du – weil es Gott so wollte – nun schon so weit verlassen bist. Und ich – ich…«, hier stockte er, und dann bat er hastig: »Lass mich mit dem Weiterreden warten, bis wir tiefer drinnen in der Au sind, wo uns dieses Wirtshaus nicht anstinkt.«

Sie gingen mehrere Schritte weit, dann waren sie zwischen hohen Büschen, außer welchen sie nur ein Stück des blauen Himmels sahen, und hier setzte Liebrich den unterbrochenen Satz fort: »Ich liebe Benna. Und wen man so liebt wie ich sie, dem folgt man gar zu leicht auch wider den eigenen Verstand. So war ich auch ihrem Wunsch gemäß entschlossen, dich zu der Teilung zu bereden, die ich im Grunde nicht will. Wie wir nun da vor der Donaunixe vorübergingen, vergaß und versprach ich mich. Du glaubst nicht, wie seltsam es mich erschüttert, dass ich vor dir gar nicht lügen kann und nicht lügen mag.«

Jetzt fiel er dem Markus wieder einmal an die Brust. »Verzeih' mir, weil ich dich belügen wollte, und sag' es der Benna nicht, dass ich vor dir gar kein Geheimnis mehr haben kann; sonst muss sie mich ja doch als einen ganz unverlässlichen Menschen verachten. Ich bitt' dich, verrat' mich ihr nicht!«

Er führte dieses Spiel auf, weil er meinte, dass es ihm dann leichter sein würde, den Markus wider dessen Wissen und Willen der Benna zu beeinflussen. Weil es Markus wirklich glaubte, dass dieser Mensch gegen ihn keines Falsches mehr fähig sei, steigerte sich seine Neigung für ihn, und er hatte nun deshalb auch bei all seinem Elende eine neue Freude.

»Ich werde dich nicht verraten«, sagte er. »Es wird mich wohl dazu zwingen, dass ich künftig vor der Benna manches geheim halten werd'. Recht traurig ist das allerdings, nachdem ich allweil so ehrlich gegen sie hab' sein können.«

Dann gingen sie Arm in Arm durch einen Teil der Au, in welcher sie vielen Lustwandelnden begegneten. In der Nähe der großen Strombrücke bestiegen sie einen Straßenbahnwagen und fuhren bis zu einem feinen Bankhause.

»Warte hier auf mich«, sagte Egid. »Ich bin bald wieder da.«

Er ging durch eine Glastüre hinein, und Markus trat vor ein mit glänzenden Unnötigkeiten angefülltes Schaufenster eines Juwelierladens. Als er ein Weilchen dastand, wurde er in einem innigen Tone angerufen: »Herr Baldringer!« Vor ihm stand mit hochgerötetem Gesichte und leuchtenden Augen Leopold Biegenwül, der herzkranke Student, dem er vorgestern die Rückkehr in die Stadt ermöglicht hatte. Markus empfand einen angenehmen Schrecken. Bei all' dem, was in der letzten Zeit über ihn gekommen war, hatte er an die Geschwister Biegenwül kaum noch gedacht, und jetzt wunderte er sich besonders darüber, dass er auch Pepi so weit vergessen konnte, die ihm doch mehr Schönes zu fühlen gab als alle Menschen, die ihm seit seinem Auszuge aus der Heimat begegneten. Weil er sich nun für zu schlecht halten musste, um jemals wieder so schön wie unlängst bei Pepi fühlen zu können, war sein Leid um sich selbst noch tiefer als zuvor.

Leopold Biegenwül sah es dem Markus an, dass dieser nicht so glücklich wie unlängst war, und rief in einer durchaus ehrlichen Aufregung: »Ihnen ist etwas zugstoßen! Reden Sie! Nehmen Sie gar keine Rücksicht auf meinen Zustand! Ich bin jetzt dank Ihrer Güte kräftiger als seit langer Zeit!« Dabei legte er seine zitternden Finger um die rechte Hand des Baldringer, der so leichthin, als es ihm möglich war, antwortete:

»Ach, ich hab' halt die Erkenntnis nicht, die zu dieser Teilung nötig wär', und das schafft mir Schmerzen.«

»Das hab' ich gleich geahnt!« rief Leopold, und dann fügte er in einem fast leidenschaftlich eindringlichen Tone hinzu: »Sie dürfen nicht teilen! Sie dürfen nicht so unglücklich werden, wie das bei dem Unverständnisse der Leute, auf welches Sie dabei stoßen würden, unvermeidlich wäre. Nun denken Sie gewiss: ›Ja, du nimmst gerne Gaben von mir, und anderen gönnst du nichts.‹ Darauf möchte ich keck behaupten: Sie werden mit Ihrer Güte selten wieder so an die Richtigen kommen wie da unlängst, als Sie uns an der Straße fanden. Und nun müssen Sie sehen und hören, was wir Ihnen alles danken. Sie müssen mit mir gehen, um doch einmal einen vollkommen glücklichen Mensch zu sehen: die Pepi!«

Er wollte den Markus mit Gewalt von hier fortziehen, aber dieser widersetzte sich und erklärte: »Ich muss hier wegen einer sehr wichtigen Sache auf einen Freund warten. Ein andermal komm' ich zu Ihnen.«

Leopold trennte sich mit wirklicher Trauer von dem Markus, der nun sein liebster Mensch war. Als er seinen Weg weiterging, brachte ihn der Gedanke, dass der Baldringer eine weitere Gemeinschaft mit ihm und seinen Geschwistern verschmähen könnte, fast zum Weinen. Markus sah dem jungen Menschen nach, und dabei wurde ihm schwer ums Herz. Er wäre gerne zu Pepi mitgegangen, wenn er nicht gefürchtet hätte, dass bei ihrem Anblicke sich das Leid, welches er um sie und um sich selbst trug, noch vergrößern würde. Er hielt sich zu einem jeden Verkehre mit ihr nicht würdig, und nicht anders als in peinlicher Scham meinte er ihr gegenüber stehen zu können, weil seit seinem gestrigen Beisammensein mit der Gärtnerstochter diese böse Lust, von welcher er sich förmlich einem Abgrunde zugetrieben fühlte, in ihm war.

»Obwohl ich bei der Pepi nur lauter Sehnsucht nach einer besseren Liebe in mir hätt', wär' ich dabei doch womöglich noch trauriger, weil ich ja weiß, dass ich mit niemand eine solche Lieb' genießen kann. Wem Gott so den innerlichen Wert genommen hat wie mir, der kann aus sich nimmer glücklich werden, und der kann auch mit seinem Empfinden niemand glücklich machen, unglücklich aber wohl manchen, den er in diese trostlose, inwendige Armut hineinsehen lässt. Drum geh' ich nicht zu Pepi. Sie ist vollkommen glücklich, sagt ja der Leopold. Drum soll sie mein Elend nicht sehen. Und lügen könnt' ich ja kaum, wenn ich bei ihr wär'.« Dann fragte er sich jedoch: »Oder wär's möglich, dass Gott durch sie vielleicht doch ein Fünferl Glück in mich legen könnt'? Er zahlt ja groß für das kleinste Gute – so heißt's. Wenn ich nun damit, dass ich den armen Geschwistern geholfen hab', wirklich was Gut's getan hätt' – wenn der Pepi ihr Glück ein rechtes wär' – dann sollt' ich vielleicht zu ihnen gehen. Ja, vielleicht gäb's bei ihnen doch für mich ein' Gotteslohn. Ich bin ja so arm und ratlos, von allen den Hunderten, die da vorüberjagen, der allerletzt bin ich ganz gewiss. Wie wär' ich dankbar für ein Fünkerl Glück!« Er kehrte sich dem Schaufenster zu, damit die Leute seine Tränen nicht bemerkten.

»Ja, ich will zur Pepi gehen«, sagte er sich dann.

In diesem Augenblick kam Liebrich zur Türe heraus, trat zu Markus und schob ihm ein Päckchen Banknoten in die Brusttasche.

»Wohin gehen wir jetzt?« fragte er mit einem schelmischen Blicke. »In ein Weinhaus?«

»Nein, ich gehe zu den Biegenwüls«, entschied Markus.

Da prallte der junge Gutsbesitzer wahrhaftig zurück. Der Gedanke an Pepi schoss ihm wie ein Blitz durch den Kopf und: »Die könnt dir erst recht gefährlich werden«, sagte er gerade heraus. »Lieber als zu dieser ließe ich dich noch zu der anderen! Aber das sind alles keine Weiber für dich. Du musst zu solchen, die du trotz deiner ganzen Naivität nicht ernst nehmen kannst. Weil du schon durchaus nicht mehr der alte Markus sein willst, so lass uns jetzt zunächst in ein Weinhaus gehen, und dort wollen wir dann über das Weitere Rat pflegen. Komm'!«

»Nein, diesmal täusch'st du dich an mir«, sagte Markus. »Ich habe genug an dem ersten Katzenjammer, und was hinter mir liegt, liegt hinter mir.«

»Du lügst«, sagte Liebrich.

»Nein, glaube mir, Egid«, bat Markus. »Ich hab' jetzt eben den Bruder der Pepi getroffen. Er hat von dem Glück erzählt, das bei ihnen daheim herrscht. Ich meine jetzt, dass ich bei dem Anblick dieses Glückes einen Trost finden könnt'.«

Egid lachte spottvoll. »Aufs Ausnützen bedachte Menschen wirst du dort finden, und zu deinem Unheil wirst du ihren falschen Reden glauben. Das kenn' ich schon.« So stritten sie lange herum. Dann musste Egid einsehen, dass er gegen den diesmal eigenwilligen Baldringer nichts ausrichten würde.

»Heut' lasse ich dich noch einmal dumme Streiche machen«, sagte er schließlich. »Aber dann will ich noch strenger über dich wachen, als ich es Benna versprochen habe. Ich hab' dich viel zu lieb, als dass ich dich noch lange so recht baldringerisch gegen dich selbst wüten lassen könnte.«

Trotz des freundlichen Abschiedes, den sie voneinander nahmen, fuhr Egid zornig heim. Markus aber ging – wusste er doch kaum selber, ob zu seinem Heil oder Unheil – zu den Geschwistern Biegenwül.


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